Protokoll:
14009

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Metadaten
  • date_rangeWahlperiode: 14

  • date_rangeSitzungsnummer: 9

  • date_rangeDatum: 20. November 1998

  • access_timeStartuhrzeit der Sitzung: 09:00 Uhr

  • av_timerEnduhrzeit der Sitzung: 13:57 Uhr

  • account_circleMdBs dieser Rede
  • tocInhaltsverzeichnis
    Plenarprotokoll 14/9 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 9. Sitzung Bonn, Freitag, den 20. November 1998 I n h a l t : Erweiterung der Tagesordnung........................ 487 A Tagesordnungspunkt 7: Erste Beratung des von den Fraktionen SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zum Einstieg in die ökologische Steuer- reform (Drucksache 14/40) ....................... 487 B in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 10: Antrag der Fraktionen SPD und BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN Entlastung durch Einführung einer ökologischen und sozialen Steuerreform (Drucksache 14/66 (neu))........................... 487 B Oskar Lafontaine, Bundesminister BMF ......... 487 C Friedrich Merz CDU/CSU ............................... 490 D Jürgen Trittin, Bundesminister BMU............... 494 A Carl-Ludwig Thiele F.D.P. .............................. 496 B Dr. Gregor Gysi PDS....................................... 499 B Detlev von Larcher SPD .................................. 500 D Walter Hirche F.D.P............................ 501 C, 508 A Cornelia Pieper F.D.P. ............................... 502 D Hans Michelbach CDU/CSU ........................... 504 A Dr. Reinhard Loske BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN................................................................. 506 C Carl-Ludwig Thiele F.D.P.......................... 509 C Dr. Barbara Höll PDS ...................................... 510 A Michael Müller (Düsseldorf) SPD................... 511 B Dr. Klaus Lippold (Offenbach) CDU/CSU ..... 512 D Hans Martin Bury SPD.................................... 515 B Dr. Werner Müller, Bundesminister BMWi... 516 B, 517 D Walter Hirche F.D.P. ....................................... 517 B Gunnar Uldall CDU/CSU................................ 518 A Tagesordnungspunkt 8: a) Erste Beratung des von den Fraktionen SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Enwurfs eines Gesetzes zu Korrekturen in der Sozialversicherung und zur Sicherung der Arbeitnehmer- rechte (Drucksache 14/45) ........................ 518 D b) Erste Beratung des von den Fraktionen SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Versorgungsreform- gesetzes 1998 (Drucksache 14/46)............. 519 A c) Erste Beratung des von der Abgeord- neten Dr. Heidi Knake-Werner und der Fraktion der PDS eingebrachten Ent- wurfs eines Ersten Gesetzes zur Korrektur von Fehlentwicklungen im Recht der Ar- beitslosenhilfe (Erstes Arbeitslosenhilfe- Korrekturgesetz) (Drucksache 14/15)...... 519 A d) Erste Beratung des von der Abgeord- neten Dr. Heidi Knake-Werner und der Fraktion der PDS eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Ar- beitszeitgesetzes und des Euro-Einfüh- rungsgesetzes (Drucksache 14/13)............ 519 A II Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 9. Sitzung. Bonn, Freitag, den 20. November 1998 e) Erste Beratung des von der Fraktion der PDS eingebrachten Entwurfs eines Geset- zes zur Wiedereinführung des Schlecht- wettergeldes – Schlechtwettergeld-Ge- setz (Drucksache 14/39)............................. 519 B in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 7: Erste Beratung des von den Abgeordneten Dr. Irmgard Schwaetzer, Rainer Brüderle, weiteren Abgeordneten und der Fraktion der F.D.P. eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur beschäftigungswirksamen Änderung des Kündigungsschutzgeset- zes (Drucksache 14/44) .............................. 519 B Walter Riester, Bundesminister BMA ............. 519 C Birgit Schnieber-Jastram CDU/CSU ............... 522 D Annelie Buntenbach BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN......................................................... 525 B Dr. Irmgard Schwaetzer F.D.P......................... 528 D Dr. Heidi Knake-Werner PDS ......................... 530 C Angelika Krüger-Leißner SPD ........................ 532 C Dr. Ilja Seifert PDS .................................... 533 C Wolfgang Meckelburg CDU/CSU................... 535 A Hubertus Heil SPD..................................... 536 A Dr. Heinrich L. Kolb F.D.P. ............................ 537 C Olaf Scholz SPD.............................................. 538 B Johannes Singhammer CDU/CSU................... 540 C Peter Dreßen SPD ...................................... 541 A Kurt Bodewig SPD .......................................... 542 A Meinrad Belle CDU/CSU................................ 544 A Nächste Sitzung ............................................... 545 C Anlage Liste der entschuldigten Abgeordneten ........... 547 A Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 9. Sitzung. Bonn, Freitag, den 20. November 1998 487 (A) (C) (B) (D) 9. Sitzung Bonn, Freitag, den 20. November 1998 Beginn: 9.00 Uhr
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    Vizepräsident Rudolf Seiters Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 9. Sitzung. Bonn, Freitag, den 20. November 1998 547 (A) (C) (B) (D) Anlage zum Stenographischen Bericht Anlage Liste der entschuldigten Abgeordneten Abgeordnete(r) entschuldigt biseinschließlich Andres, Gerd SPD 20.11.98 Austermann, Dietrich CDU/CSU 20.11.98 Beck (Köln), Volker BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 20.11.98 Berninger, Matthias BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 20.11.98 Blank, Renate CDU/CSU 20.11.98 Braun (Augsburg), Hildebrecht F.D.P. 20.11.98 Breuer, Paul CDU/CSU 20.11.98 Bühler (Bruchsal), Klaus CDU/CSU 20.11.98 * Bulling-Schröter, Eva-Maria PDS 20.11.98 Carstensen (Nordstrand), Peter Harry CDU/CSU 20.11.98 Caspers-Merk, Marion SPD 20.11.98 Dr. Däubler-Gmelin, Herta SPD 20.11.98 Dietzel, Wilhelm CDU/CSU 20.11.98 Fink, Ulf CDU/CSU 20.11.98 Fischer (Frankfurt), Joseph BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 20.11.98 Frick, Gisela F.D.P. 20.11.98 Friedhoff, Paul K. F.D.P. 20.11.98 Gebhard, Fred PDS 20.11.98 Dr. Geißler, Heiner CDU/CSU 20.11.98 Dr. Göhner, Reinhard CDU/CSU 20.11.98 Frhr. von Hammerstein, Carl-Detlev CDU/CSU 20.11.98 Hartnagel, Anke SPD 20.11.98 Hintze, Peter CDU/CSU 20.11.98 Irmer, Ulrich F.D.P. 20.11.98 Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Jacoby, Peter CDU/CSU 20.11.98 Dr. Kahl, Harald CDU/CSU 20.11.98 Kahrs, Johannes SPD 20.11.98 Kolbe, Manfred CDU/CSU 20.11.98 Kolbow, Walter SPD 20.11.98 Lehn, Waltraud SPD 20.11.98 Lengsfeld, Vera CDU/CSU 20.11.98 Michels, Meinolf CDU/CSU 20.11.98 Otto (Frankfurt), Hans-Joachim F.D.P. 20.11.98 Dr. Pfaff, Martin SPD 20.11.98 Polenz, Ruprecht CDU/CSU 20.11.98 Reiche, Katherina CDU/CSU 20.11.98 Dr. Riesenhuber, Heinz CDU/CSU 20.11.98 Ronsöhr, Heinrich-Wilhelm CDU/CSU 20.11.98 Roth (Gießen), Adolf CDU/CSU 20.11.98 Dr. Schäfer, Hansjörg SPD 20.11.98 Schaich-Walch, Gudrun SPD 20.11.98 Schmidbauer, Bernd CDU/CSU 20.11.98 Dr. Schmidt-Jortzig, Edzard F.D.P. 20.11.98 Schmitz (Baesweiler), Hans-Peter CDU/CSU 20.11.98 von Schmude, Michael CDU/CSU 20.11.98 Thönnes, Franz SPD 20.11.98 Wimmer (Karlsruhe), Brigitte SPD 20.11.98 Wissmann, Matthias CDU/CSU 20.11.98 Wolf (Frankfurt), Margareta BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 20.11.98 Würzbach, Peter Kurt CDU/CSU 20.11.98 —————— *) für die Teilnahme an Sitzungen der Westeuropäischen Union 548 Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 9. Sitzung. Bonn, Freitag, den 20. November 1998 (A) (C) (B) (D) Druck: Bonner Universitäts-Buchdruckerei, 53113 Bonn 53003 Bonn, Telefon: 02 28/3 82 08 40, Telefax: 02 28/3 82 08 44 20 Druck: Bonner Universitäts-Buchdruckerei, 53113 Bonn sellschaft mbH, Postfach 1320, 53003 Bonn, Telefon: 0228/3820840, Telefax: 0228/3820844 20
Gesamtes Protokol
Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400900000
Die Sitzung ist
eröffnet.

Interfraktionell ist vereinbart worden, die heutige Ta-
gesordnung um die Beratung des Antrags der Fraktion
der SPD und des Bündnisses 90/Die Grünen „Entlastung
durch Einführung einer ökologischen und sozialen
Steuerreform“ auf Drucksache 14/66 (neu) zu erweitern.
Dieser Antrag soll jetzt gleich zusammen mit dem
Tagesordnungspunkt 7 aufgerufen werden. Sind Sie mit
dieser Erweiterung der Tagesordnung einverstanden? –
Das ist der Fall. Dann ist es so beschlossen.

Ich rufe Tagesordnungspunkt 7 sowie den soeben
aufgesetzten Zusatzpunkt 10 auf:
7. Erste Beratung des von den Fraktionen SPD und

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten
Entwurfs eines Gesetzes zum Einstieg in die
ökologische Steuerreform
– Drucksache 14/40 –
Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuß (federführend)

Ausschuß für Wirtschaft und Technologie
Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung
Ausschuß für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuß für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
Ausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Ausschuß für Tourismus
Ausschuß für Angelegenheiten der Europäischen Union
Haushaltsausschuß mitberatend und gemäß § 96 GO

ZP 10 Beratung des Antrags der Fraktionen SPD und
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Entlastung durch Einführung einer ökolo-
gischen und sozialen Steuerreform
– Drucksache 14/66 (neu)
Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuß (federführend)

Ausschuß für Wirtschaft und Technologie
Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung
Ausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Haushaltsausschuß

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache zwei Stunden vorgesehen. – Ich höre
keinen Widerspruch. Dann ist es so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort erhält zunächst
Herr Bundesminister Lafontaine.


Oskar Lafontaine (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1400900100

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Her-
ren! Der vorliegende Gesetzentwurf greift eine Reform
auf, über die in unserer Gesellschaft, aber auch in vielen
anderen Staaten seit vielen Jahren diskutiert wird. Es
wird darüber diskutiert, daß die Besteuerung der Arbeit
zu hoch geworden ist und daß die Besteuerung des Ver-
brauchs von Umwelt- und Energieressourcen zu gering
ist. Daher wird weltweit in der Veränderung dieser
Struktur ein wichtiges Projekt der Modernisierung gese-
hen. Auf den internationalen Gipfeln, die sich mit der
Reduktion der Umweltbelastungen beschäftigen, ist
auch die Steuer- und Abgabenstruktur stets ein wichtiges
Thema.

Bereits 1920 hat der englische Ökonom Pigou darauf
hingewiesen, daß wir betriebswirtschaftliche und volks-
wirtschaftliche Kosten mehr in Übereinstimmung brin-
gen müssen. Insofern gehen wir heute ein Projekt an, das
über viele Jahre liegen blieb, das aber – auch in Zusam-
menarbeit mit den europäischen Nachbarn – dringend
angegangen werden muß.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Daß die Belastung der Arbeitsplätze durch Steuern
und Abgaben zu hoch geworden ist, ist unstreitig. Alle
Parteien haben in ihren Wahlprogrammen auf folgenden
Widerspruch hingewiesen: Während wir auf der einen
Seite zuwenig Arbeitsplätze haben, leisten wir uns auf
der anderen Seite eine Steuer- und Abgabenstruktur, die
dem Ziel, mehr Arbeitsplätze anzubieten, diametral ent-
gegensteht. Nicht nur die Folgen der Tatsache, daß der
Aufbau Ost teilweise aus den Sozialversicherungskassen
finanziert worden ist, haben wir hierbei zu überwinden,
sondern auch die Tatsache, daß durch eine Reihe von
zusätzlichen Regelungen die sogenannten gesetzlichen






(B)



(A) (C)



(D)


Lohnnebenkosten in den letzten Jahren immer höher
geworden sind. Dabei betrifft die Erhöhung der gesetzli-
chen Lohnnebenkosten nicht in erster Linie produzie-
rende Industriebetriebe, bei denen der Anteil der Perso-
nalkosten an den Produktionskosten relativ niedrig ist;
die Erhöhung der Lohnnebenkosten betrifft in erster
Linie viele Dienstleister und Handwerksbetriebe, bei
denen der Anteil der Lohnnebenkosten an den gesamten
Kosten relativ hoch ist. Deshalb ist es notwendig, die
Höhe der Lohnnebenkosten zurückzuführen. Die neue
Koalition beginnt damit.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Die Zurückführung der Höhe der gesetzlichen Lohn-
nebenkosten werden wir in drei Schritten angehen. Wir
sprechen heute über den ersten Schritt. Es werden weite-
re folgen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Höhe der
gesetzlichen Lohnnebenkosten, nachdem sie in den
letzten Jahren explosionsartig angestiegen ist, in dieser
Legislaturperiode auf unter 40 Prozent zu senken. Dies
ist ein ehrgeiziges, aber erreichbares Ziel. Wir tun heute
den ersten Schritt.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Dabei geht es darum, einen Ausgleich für die den Sozi-
alversicherungskassen fehlenden Beträge zu finden.
Dieser Ausgleich soll dadurch zustande kommen, daß
moderat, schrittweise der Umweltverbrauch, der Ener-
gieverbrauch, stärker belastet wird.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß solche An-
strengungen in der gesamten Europäischen Gemein-
schaft vorgenommen werden. Es ist also kein Allein-
gang. Wenn wir über die Grenzen schauen, dann müssen
wir feststellen, daß mit diesen Schritten, die wir heute in
der ersten Stufe machen wollen, sehr positive Erfahrun-
gen in den Niederlanden, in Österreich, in Schweden, in
Finnland und in Dänemark gemacht worden sind.

Im übrigen ist bereits 1993 im Weißbuch der Euro-
päischen Kommission genau diese Strukturreform vor-
geschlagen worden. Wir haben also, wenn Sie so wollen,
fünf Jahre versäumt, im europäischen Kontext den
ersten Schritt zu unternehmen. Deshalb ist es höchste
Zeit, dies jetzt zu tun.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Es gibt Stimmen, die die positiven Arbeitsmarktent-
wicklungen beispielsweise in Holland auch auf die
Struktur- und Abgabenreform zurückführen. Darüber
brauchen wir uns heute nicht großartig zu streiten. Es
stimmt, daß die Stimmen in der Gesellschaft und in der
Wissenschaft hierzu unterschiedliche Ergebnisse ver-
künden. Gleichwohl glaube ich, daß über allem ein Ge-
danke stehen muß: Der Energieverbrauch, wie er in den
Industriestaaten zur Gewohnheit geworden ist, ist nicht
verallgemeinerungsfähig, ist nicht globalisierbar.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wenn es eine Herausforderung der Globalisierung gibt,
dann die, meine Damen und Herren, daß wir den Ener-
gieverbrauch der Industriestaaten zurückführen müssen.
Insofern handelt es sich hierbei im Sinne der europa-
weiten Diskussion um ein Projekt der Moderne, um ein
Projekt der Modernisierung.

Es ist auch nicht sachgemäß, wenn von den Kritikern
darauf hingewiesen wird, daß eine nicht vertretbare Be-
lastung für die Bevölkerung angestrebt wird. Ich möchte
hier nur zwei Zahlen in Erinnerung rufen: In der Regie-
rungszeit unserer Vorgänger wurde beispielsweise der
Spritpreis durch Steuererhöhungen um 50 Pfennig er-
höht, ohne daß es zu einer gleichgewichtigen Senkung
der Lohnnebenkosten gekommen wäre.


(Ludwig Stiegler [SPD]: Sehr wahr! Schwarzes Abkassierungsmodell!)


Wenn man dies auf die durchschnittliche Fahrleistung
eines Durchschnittsverbrauchers umrechnet, dann ent-
sprach dies einer Mehrbelastung von 660 DM im Jahr.
Unsere Vorschläge, die wir hier vorlegen, mit der Sen-
kung der Lohnnebenkosten gegengerechnet, führen zu
einer Mehrbelastung von 20 DM im Jahr. Wir haben
immer darauf hingewiesen, daß wir die Steuerreform
und die ökologische Steuer- und Abgabenreform in
einem Zusammenhang sehen. Wir bitten also um eine
sachgemäße Diskussion.

Angesichts des Benzinpreisniveaus in Deutschland,
das deutlich unter dem vieler europäischer Staaten liegt
– gestern habe ich in London gesehen, daß dort Super-
Kraftstoff für über 2 DM angeboten wird –, und ange-
sichts der Entwicklung, daß die Ölpreise auf einem
historisch niedrigen Stand sind, daß die Preise im Ver-
gleich zu vor zwei Jahren um 10 Pfennig gefallen sind,
ist dies ein sehr mäßiger Schritt, der niemanden überfor-
dert, aber endlich ein wichtiges Projekt angeht und der
Realisierung zuführt.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Dabei müssen wir natürlich die Interessen unserer
Wirtschaft beachten. Wenn die Wirtschaft über diese
Strukturreform diskutiert, wäre es allerdings fair, immer
auch die Lohnnebenkosten heranzuziehen. Wer bei die-
ser Diskussion nur auf die Energieverbrauchsverteue-
rung hinweist und über die Entlastung, die die Senkung
der Lohnnebenkosten mit sich bringt, nicht redet, der
argumentiert nicht sachbezogen, sondern versucht, mit
billiger Polemik irgendwelche Reformprojekte in Miß-
kredit zu bringen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wir haben die Klagen der Wirtschaftsverbände über
die viel zu hohen Lohnnebenkosten jahrelang gehört.
Wir versuchen von zwei Seiten – ich sage dies noch
einmal – die Senkung der Lohnnebenkosten anzugehen,
zum einen von der Seite der Steuer- und Abgabenstruk-
tur, zum anderen von der Seite der Kostenstruktur. Des-
halb erwarten wir jetzt, daß, wenn über dieses Reform-
projekt diskutiert wird, immer auch die Absenkung der
Lohnnebenkosten in Rechnung gestellt wird.

Bundesminister Oskar Lafontaine






(A) (C)



(B) (D)


Darüber hinaus haben wir der produzierenden Wirt-
schaft auf Grund der Wettbewerbsstrukturen deutlich
weniger Erhöhungen zugemutet als den Normalverbrau-
chern. Auch das sollte man berücksichtigen. Wir bela-
sten sie mit lediglich 25 Prozent der vorgesehenen Er-
höhungen und haben die energieintensiven Branchen
ausgenommen. Das war stets gewünscht und mit den
Wirtschaftsverbänden und den Gewerkschaften auch so
vereinbart. Wir halten uns daran und legen jetzt eine
entsprechende Strukturreform vor.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Auch hier legen wir Wert darauf, daß wir damit unsere
vor der Wahl gegebenen Zusagen eingelöst haben.

Natürlich kann man darüber diskutieren, in welchem
Umfang das produzierende Gewerbe zur Leistung dieser
Steuer herangezogen oder nicht herangezogen wird;
natürlich kann man darüber diskutieren, ob es sinnvoll
ist, energieintensive Branchen von einer solchen Erhö-
hung auszunehmen. Aber wenn man das tut, sollte man,
bitte schön, auch Vorsicht bei der Forderung nach einer
europaweiten Harmonisierung walten lassen. Für eine
europaweite Harmonisierung muß es ja eine Begrün-
dung geben. Die Begründung zielt im wesentlichen auf
die Wettbewerbssituation ab. Wenn wir also auf der
einen Seite Argumentationen hören, es sei nicht nach-
vollziehbar, daß energieintensive Branchen ausgenom-
men würden oder daß das produzierende Gewerbe nicht
in dem gleichen Umfang belastet werde wie der Nor-
malverbraucher, und wenn auf der anderen Seite stets
die Forderung nach einer europaweiten Harmonisierung
aus Wettbewerbsgründen erhoben wird, dann muß ich
feststellen: Das ist eine in sich widersprüchliche Argu-
mentation. Mit dieser Vorlage versuchen wir, beiden
Argumenten Rechnung zu tragen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Was die energieintensiven Branchen angeht, habe ich
da und dort gehört, daß das Ziel der Steuerreform ver-
fehlt würde, wenn die energieintensiven Branchen letzt-
endlich ausgenommen würden. Auf den ersten Blick
erscheint eine solche Argumentation plausibel; der
zweite Blick zeigt aber, daß das nicht so ist. Es handelt
sich hierbei um eine Steuerung über den Preis. Diese
Preissteuerung ist marktwirtschaftlich. Es ist nämlich
jetzt den Unternehmen und den Verbrauchern – es geht
hier auch um den Aspekt „weniger Staat“; auch das
wollen wir doch einmal sagen – freigestellt, ob sie ihre
Verbrauchsgewohnheiten im bisherigen Umfang bei-
behalten; sie haben auch die Möglichkeit, durch Reduk-
tion ihres Verbrauchs Gewinne zu machen, wenn auch
bescheidenere. Daran wollte ich einmal erinnern. Bei
den Lohnnebenkosten verhält es sich dagegen so, daß
über das Geld verfügt wird, das eingespart wird.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wenn man also in bezug auf die energieintensiven
Branchen auf den ersten Blick hin sagt, daß die Aus-

nahme den Eindruck erweckt, als würden die größten
Verbraucher nicht zu einer Steuerleistung herangezogen


(Dr. Gregor Gysi [PDS]: Das ist auch so!)

– das ist so; selbstverständlich, Herr Kollege Gysi –,
dann muß auf den zweiten Blick unter dem Gesichts-
punkt der Preissteuerung festgestellt werden: Dies ist
kein wirklich durchschlagendes Argument. Denn bei den
energieintensiven Branchen ist der Kostenblock für die
Energie bereits heute so hoch, daß diese Branchen nun
tatsächlich gezwungen sind und gezwungen waren, im-
mer wieder Rationalisierungsanstrengungen zu unter-
nehmen, um mit weniger Energieverbrauch die gleiche
Leistung zu erbringen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Wenn das energieintensive Branchen nicht tun, wer soll
es denn dann überhaupt tun? Sie sind, wenn Sie so wol-
len, in dieser Beziehung in der gleichen Situation wie
die Betriebe, die sehr hohe Arbeitskosten haben und
deren Personalkosten einen sehr hohen Anteil ihrer
Gesamtkosten ausmachen. In energieintensiven Bran-
chen funktioniert bereits das, was wir eigentlich wollen,
daß nämlich große Anstrengungen unternommen wer-
den, um den Energieverbrauch zu reduzieren. Aber,
wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen: Auf
Grund der Energiepreisentwicklung der letzten Jahre,
auf Grund der Ölpreisentwicklung der letzten Jahre
funktioniert es eben im Alltag oft nicht. Deswegen tun
wir heute den ersten Schritt mit Regelungen für Ver-
braucher und auch beispielsweise Dienstleister, bei
denen die Energiekosten keinen so hohen Anteil an den
Gesamtkosten ausmachen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Natürlich müssen wir, wenn wir solche Ausnahme-
tatbestände für die Wirtschaft im Gesetz festschreiben,
das mit der Europäischen Kommission abstimmen. Ich
weise darauf hin: Diese Abstimmung haben auch unsere
Nachbarstaaten vorgenommen. Wir haben mit den ent-
sprechenden Gespräche begonnen. Auf Grund der Be-
deutung dieses Sachargumentes fühlt sich die Bundes-
regierung verpflichtet, in diesem Zusammenhang darauf
hinzuweisen.

Wenn es dann in einem ersten Schritt gelingt, durch
eine Entlastung bei den Arbeitskosten und durch eine
moderate und schrittweise Belastung des Energiever-
brauchs und des Umweltverbrauchs die Lohnneben-
kosten von 20,3 Prozent auf 19,5 Prozent zu senken,
dann ist das ein wichtiger Punkt und gibt der Wirtschaft
ein Signal, das sie aufgreifen sollte. Von daher meine
ich, daß man auch diesen Aspekt unserer Reform würdi-
gen sollte.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Im übrigen möchten wir darauf hinweisen, daß so-
wohl dieser Reformentwurf in bezug auf die Arbeits-
kosten als auch die Steuerreform, die wir vorgelegt
haben, einer Forderung Rechnung tragen, die uns immer
wieder, auch von den Wirtschaftsverbänden und

Bundesminister Oskar Lafontaine






(B)



(A) (C)



(D)


Gewerkschaften, vorgetragen wurde. Wir haben immer
wieder das Argument gehört, die staatliche Steuer- und
Abgabenpolitik soll moderate Tarifabschlüsse unter-
stützen; sie soll weiterhin die Möglichkeit bieten, bei
Stetigkeit des Verhaltens Wachstum und Beschäftigung
zu stimulieren. Deshalb ist es wünschenswert, daß man
diese Seite sowohl des Steuergesetzes als auch des Ge-
setzes zum Einstieg in die ökologische Steuerreform
sieht und daß man auch sieht, daß hier ein Gesamtkon-
zept vorgelegt wird, das darauf abzielt, notwendige
Strukturreformen mit einer ökonomischen Entwicklung
zu verbinden, die zu mehr Wachstum und Beschäftigung
führen kann, wenn alle Marktteilnehmer die entspre-
chenden Angebote auch annehmen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


In der öffentlichen Debatte ist, wie immer bei solchen
Schritten, mehr Mut gefordert worden. In der Regel
steht die Aufforderung zu mehr Mut in Verbindung mit
der speziellen Situation des Betroffenen, die so zu kenn-
zeichnen ist, daß er trotz mehr Mutes nicht betroffen
sein will. Es gibt aber noch eine andere Überlegung, die
man einfach gelten lassen muß: Die Untersuchungen
über die Strukturveränderungen, die in den letzten Jah-
ren vorgenommen worden sind, und Preissignale, die in
den letzten Jahren in der einen oder anderen Richtung
gesetzt worden sind, kamen immer zu dem Ergebnis,
daß es wirtschaftlich vernünftig ist, nicht allzu große
Schnitte an einer Stelle des Netzes vorzunehmen, bevor
man nicht weiß, welche Reaktionen an völlig anderer
Stelle eines engmaschigen Netzes zu erwarten sind.
Insofern zeigt die Erfahrung, daß es ökonomisch ver-
nünftig ist, schrittweise vorzugehen.


(Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Ein Schritt vor und ein Schritt zurück!)


Genau so ist unser Reformkonzept angelegt: Wir sen-
ken in einem ersten Schritt die Lohnnebenkosten um
0,8 Punkte. In einem zweiten Schritt werden wir in ähn-
licher Größenordnung voranschreiten. Wir werden das
Vorgehen europäisch abstimmen und dabei alle auf den
Sachverhalt stoßen, daß uns viele Reformstaaten Euro-
pas schon ein gutes Stück voraus sind. Deshalb ist es
notwendig, daß wir jetzt den ersten Schritt unternehmen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Natürlich müssen wir auch die sozialen Aspekte sol-
cher Entscheidungen berücksichtigen und versuchen,
sie, soweit es irgend geht, ins Lot zu bringen. Ich habe
bereits auf die Ölpreisentwicklung der letzten Jahre
verwiesen, die man ja nicht völlig aus der Betrachtung
herausnehmen kann, wenn man über die sozialen
Aspekte von Energiepreiserhöhungen spricht. Vor eini-
ger Zeit war der Benzinpreis eben noch 10 Pfennig hö-
her als heute, und ich habe keine große Debatte darüber
in Erinnerung, daß diese Situation sozial völlig inak-
zeptabel gewesen sei. Deshalb sollte man eine solche
Debatte auch dann nicht anfangen, wenn eine Struktur-
reform angegangen wird, deren Schrittfolge noch mode-
rater ist. Ich weise noch einmal darauf hin: Sie ist längst
überfällig.

Dann den Rentnerhaushalt anzuführen ist sicherlich
möglich und vielleicht auch geboten. Aber man muß
gleichzeitig darauf hinweisen, daß die Renten dadurch,
daß sie – mit Verzögerung – den Nettolöhnen folgen,


(Dr. Gregor Gysi [PDS]: Mit erheblicher Verzögerung!)


nun stärker erhöht werden. Weil die Renten, wenn auch
mit Verzögerung, angepaßt werden, werden die Rentner
von den beiden Gesetzen, die wir in den letzten Wochen
beschlossen haben – vom Steuerentlastungsgesetz und
vom jetzt zu behandelnden Gesetz –, profitieren.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Gregor Gysi [PDS]: Was ist mit den Sozialhilfeempfängern?)


Natürlich sind manche Gruppen – das soll gar nicht in
Abrede gestellt werden – zusätzlich belastet. Daher
haben wir die Preissteuerung genau eingepaßt und etwa
für Nachtspeicherheizungen eine Sonderregelung ge-
schaffen, was man natürlich unter dem Gesichtspunkt
der reinen Lehre – mit Hinweis auf die Technologie und
die ökologischen Gesichtspunkte von Nachtspeicherhei-
zungen – wieder kritisieren kann. Wir wissen aber, daß
diese Form der Beheizung gerade in großen Wohnein-
heiten, wo viele sozial schwächere Familien wohnen,
eingesetzt wird. Diesem Aspekt haben wir durch diese
Sonderregelung Rechnung zu tragen versucht.

Meine Damen und Herren, die Schrittfolge der Preis-
steigerungen ist Ihnen bekannt. Auf die Notwendigkeit
der europäischen Einbindung habe ich hingewiesen.
Letztendlich haben wir einen marktwirtschaftlichen
Ansatz gefunden, der es – im Gegensatz zur schlichten
Belastung durch zu hohe Lohnnebenkosten – den Ver-
braucherinnen und Verbrauchern, seien es Privathaus-
halte oder seien es Betriebe, freistellt, die Energiever-
brauchsgewohnheiten im bisherigen Umfange beizube-
halten oder mit neuen Technologien und anderen Ver-
haltensweisen zu reagieren.

Entscheidend ist aber, daß es ein wirklich großes
Projekt der Moderne gibt – darauf kann man nicht oft
genug hinweisen –, das aus der Tatsache resultiert, daß
der bisherige Energieverbrauch nicht globalisierungs-
fähig, nicht endlos in die Zukunft fortschreibbar ist.
Deshalb ist es höchste Zeit, daß wir diese Reform ange-
hen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400900200
Das Wort hat
jetzt der Abgeordnete Friedrich Merz.


Friedrich Merz (CDU):
Rede ID: ID1400900300
Frau Präsidentin! Mei-
ne sehr verehrten Damen und Herren! Herr Minister La-
fontaine, wir sind Ihnen dafür dankbar, daß Sie den Ge-
samtzusammenhang zwischen dem Gesetzesvorhaben
hergestellt haben, das Sie heute einbringen, und der
Steuerpolitik der neuen Bundesregierung. Man kann in
der Tat über die ökologische Steuerreform nicht spre-
chen, ohne über die Steuerpolitik insgesamt zu disku-

Bundesminister Oskar Lafontaine






(A) (C)



(B) (D)


tieren. Man kann über die Steuerpolitik in dieser Woche
nicht diskutieren, ohne noch einmal einen kurzen Blick
auf das zurückzuwerfen, was der Sachverständigenrat
zur Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
am Mittwoch dieser Woche in Bonn vorgelegt hat.


(Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Das ist wohl wahr!)


Der Sachverständigenrat hat sich in seltener Klarheit
noch einmal mit der Steuerpolitik dieser Bundesregie-
rung, aber auch mit der Steuerpolitik der letzten Bundes-
regierung


(Ernst Schwanhold [SPD]: Die hat er heftig kritisiert!)


auseinandergesetzt. Er schreibt wörtlich:
Der Sachverständigenrat sieht den adäquaten An-
satz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in der
Verbesserung der Angebotsbedingungen.

(Ernst Schwanhold [SPD]: Er hat ja noch nie etwas anderes geschrieben, Herr Merz!)


Er widerspricht der Behauptung, die desolate Lage
des Arbeitsmarkts nach 16 Jahren grundsätzlich an-
gebotsorientierter Politik beweise deren Wir-
kungslosigkeit. Die in den achtziger Jahren erziel-
ten Erfolge, die erst abbrachen, als unter den Bela-
stungen der Vereinigung die bis dahin verfolgte
Linie nicht mehr durchgehalten wurde, . . .

– das ist eine Kritik, die man durchaus akzeptieren
kann –

. . . Ebenso positive Erfahrungen in anderen Län-
dern widerlegen die These vom Scheitern der
Angebotspolitik. Die Wirtschaftspolitik sollte die
angebotspolitische Linie fortsetzen, nicht mit weni-
ger, sondern mit mehr Konsequenz als bisher.

(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)


Herr Lafontaine, Sie und die Bundesregierung wer-
den in diesem Zusammenhang anschließend auf die
Grenzen und Gefahren Ihrer neuen Politik hingewiesen.
Ich denke, das Sachverständigengutachten hätte mehr
verdient, als so achtlos in den Papierkorb geworfen zu
werden, wie der Bundeskanzler und Sie das in dieser
Woche gemacht haben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Aber ich will in diesem Zusammenhang noch einmal

auf die grundsätzlichen Unterschiede in unserer steuer-
politischen Konzeption zu sprechen kommen. Der Sach-
verständigenrat formuliert die Bedingungen, die erfüllt
werden müssen, um eine beschäftigungsorientierte
Steuerpolitik zu verwirklichen. Er kommt zu der
Schlußfolgerung:

Gemessen an diesen Anforderungen
– ein Steuersatz von 15 bis unter 40 Prozent; konse-
quente Verbreiterung der steuerlichen Bemessungs-
grundlage und ein Entlastungsvolumen von
30 Milliarden DM, das der Sachverständigenrat noch

einmal ausdrücklich für notwendig und für wünschens-
wert erklärt –

greift die jetzt vorgelegte Steuerreformkonzeption
zu kurz: Die Senkung der Steuersätze bleibt – vor
allem im Bereich höherer Einkommen – zu zaghaft
und ist für den Unternehmensbereich noch unsi-
cher, die Verbreiterung der Bemessungsgrundlage
trifft besonders Unternehmen, die Nettoentlastung
kommt zu spät und ist zu gering.

Das ist fast genau das, was ich Ihnen am letzten Freitag
von dieser Stelle aus vorgehalten habe.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. – Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Stimmt! – Detlev von Larcher [SPD]: Herr Merz, wann wollen Sie in den Sachverständigenrat einziehen?)


Dankenswerterweise setzt sich der Sachverständigen-
rat auch sehr ausführlich mit Ihrem Konzept der ökolo-
gischen Steuerreform auseinander. Wir haben heute
morgen in der Rede des Bundesfinanzministers vielfäl-
tige Hinweise darauf bekommen, daß eine intensive Ab-
stimmung mit den europäischen Partnern notwendig ist.
Diese Einschätzung wird vom Sachverständigenrat
geteilt – wörtlich –:

Da ein Alleingang eines Landes zudem mit erheb-
lichen wirtschaftlichen Lasten verbunden ist, sollte
sich die Bundesregierung für einen gemeinsamen
Ansatz der OECD-Länder, zumindest aber für eine
gemeinsame Linie der Europäischen Union einset-
zen.

(Ludwig Stiegler [SPD]: Für solche Erkenntnisse brauchen wir keinen Sachverständigenrat! Das wissen wir schon selber!)


Warum legen Sie dann heute morgen einen Gesetzent-
wurf vor, in dem ein Alleingang vorgesehen ist, bevor
Sie sich auf eine gemeinsame Linie auf der Ebene der
Europäischen Union verständigt haben?


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. – Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Sehr richtig! – Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Wir wollten initiativ sein!)


Die Widersprüche reißen nicht ab. Sie selbst haben
auf die Probleme hingewiesen, die Sie in der Abgren-
zung von energieintensiven und weniger energieinten-
siven Betrieben haben. Nun muß man darüber intensiv
sprechen. Aber, Herr Lafontaine, wie kommen Sie
eigentlich dazu, als Abgrenzungskriterium einen Ener-
gieverbrauch von 6,4 Prozent an den Gesamtbetriebs-
kosten heranzuziehen? Wie kommt dieses Kriterium
eigentlich zustande? Welche umweltpolitische Bedeu-
tung haben 6,4 Prozent Energieverbrauch an den Ge-
samtbetriebskosten? Ich sage Ihnen, wie Sie dazu kom-
men; ich will Ihnen die Antwort geben. Sie haben ausge-
rechnet, welches Aufkommen Sie brauchen, und dann
haben Sie zurückgerechnet, wie hoch die Energiebela-
stung in etwa sein muß, damit die Betriebe erfaßt wer-
den. Herr Lafontaine, das hat mit einer umweltpolitisch

Friedrich Merz






(B)



(A) (C)



(D)


oder steuerpolitisch sachgerechten Abgrenzung nun
wirklich überhaupt nichts zu tun.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Sie werden in allergrößte Schwierigkeiten geraten –

das Thema Steuervereinfachung haben Sie in diesem Zu-
sammenhang richtigerweise gar nicht angesprochen; es
ist gut gewesen, daß Sie das nicht angesprochen haben –,


(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)


wenn es um die praktische Anwendung eines solchen
Konzeptes geht. Wie soll das eigentlich gehen: bei ver-
schiedenen Betriebsstätten, bei Verbundstandorten, wo
mehrere Produkte in einer Linie erzeugt werden, wo
nebeneinander verschiedene Produkte hergestellt werden
– die einen sind in der Liste, die anderen nicht –, wo
eine gemeinsame Energieabrechnung erfolgt? Wie soll
das, was Sie vorhaben, in der Praxis funktionieren?

Meine Damen und Herren, das Bundesverfassungs-
gericht hat sich bei einer Vielzahl von Entscheidungen
immer wieder mit der Frage beschäftigen müssen, wie
bestimmte Ungleichbehandlungen in der Steuerpolitik
verfassungsrechtlich zu bewerten sind. Gegen diese vor-
gesehene pauschale Zuordnung zu den energieintensiven
Betrieben oder zu den nicht energieintensiven Betrieben
bestehen aus unserer Sicht im Hinblick auf die Gleich-
mäßigkeit der Besteuerung erhebliche verfassungsrecht-
liche Bedenken.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)


Es gehört zu den immer wiederkehrenden Formulie-
rungen des Bundesverfassungsgerichtes, daß eine zu-
lässige Typisierung dort ihre Grenzen hat, wo die
tragenden Abgrenzungskriterien willkürlich erscheinen
und die Belastungsgleichheit verletzt wird. Herr
Lafontaine, das ist ein Akt der steuerpolitischen Will-
kür, den Sie dem Bundestag mit diesem Gesetzentwurf
heute vorlegen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Wie willkürlich und widersprüchlich auch die

Abgrenzung über den Energiekostenfaktor von
6,4 Prozent an den gesamten Produktionskosten ist, will
ich Ihnen an einem Beispiel deutlich machen. Die Pro-
duktionskosten werden einschließlich sämtlicher Roh-
stoffe, Betriebsstoffe, Hilfsmittel, allem, was dazuge-
hört, berechnet. Wenn ein Unternehmen teure Rohstoffe
verarbeitet, dann ist der Energiekostenanteil relativ ge-
ring.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: So ist das!)

Wenn ein Unternehmen billige Rohstoffe verarbeitet,
dann ist der Energiekostenanteil relativ hoch. Beide
Unternehmen verbrauchen möglicherweise gleich viel
Energie. Die mit den teuren Rohstoffen werden jedoch
nicht von Ihrer Energiesteuer betroffen, die mit den bil-
ligen Rohstoffen werden von Ihrer Energiesteuer betrof-
fen. Dies ist erneut ein Akt der steuerpolitischen Will-
kür. Die Abgrenzung wird Ihnen nicht gelingen, Herr
Lafontaine.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)


Wir haben nicht nur von Ihnen, sondern auch von an-
deren Mitgliedern der Bundesregierung in den letzten
Tagen immer wieder etwas dazu gehört, was auf euro-
päischer Ebene notwendig ist und wie schwierig das für
die Betriebe in Deutschland ist. Dankenswerterweise ist
der Bundeswirtschaftsminister hier. Ich hätte ihn gerne
gefragt, warum er sich bei den Beratungen in der Regie-
rung nicht mit dem durchsetzen konnte, was er noch vor
wenigen Tagen in einem Interview im Berliner „Tages-
spiegel“ gesagt hat. Dieser hat Ihnen gegenüber, Herr
Müller, geäußert:

Der Mittelstand klagt, daß energieintensive Kon-
zerne von der Energiesteuer befreit werden sollen,
er

– der Mittelstand –
aber nicht.

Darauf die wörtliche Antwort des Bundeswirtschaftsmi-
nisters:

Diese Klage halte ich für berechtigt. Industrie,
Handwerk und Mittelstand müssen von dieser Steuer
solange befreit werden, bis sie in der Europäischen
Union einheitlich eingeführt wird.

(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)


Herr Müller, Sie haben in der öffentlichen Diskussion
um Ihr neues Amt – ich denke, mit Recht – eine ganze
Reihe von Vorschußlorbeeren bekommen. Aber ich
würde Ihnen schon gerne die Frage stellen, warum Sie
sich bei den Beratungen im Kabinett im Interesse insbe-
sondere des Handwerks und des Mittelstandes in dieser
Frage offensichtlich nicht durchsetzen konnten.

Meine Damen und Herren, dieses Gesetzgebungsver-
fahren ist so eingeleitet, daß der Bundesrat dem Gesetz
nicht zustimmen muß. Das ist natürlich kein Zufall. Sie
wollen diese Energiesteuer so erheben, daß Sie einer
Debatte im Bundesrat möglichst aus dem Wege gehen
können.

Enthielte Ihr Gesetz nicht nur die Energiesteuer, son-
dern auch die darauf zusätzlich anfallende Mehrwert-
steuer, und berücksichtigte es die sich daraus ergebende
Notwendigkeit, das Finanzausgleichsgesetz zu ändern,
sowie die weitere Konsequenz, daß das höhere Auf-
kommen nicht durch einen Entschließungsantrag, den
Sie uns hier in der Nacht vorgelegt haben, sondern per
Gesetz der Rentenkasse zugeordnet wird, dann hätten
Sie hier heute ein zustimmungspflichtiges Gesetz mit
einem Gesamtkonzept über ökologische und soziale
Aspekte dieser Steuerpolitik vorlegen müssen.

Sie haben das natürlich aus dem Grunde nicht getan,
weil Sie der Debatte im Bundesrat ausweichen wollen.
Vor allen Dingen wollen Sie der Diskussion mit dem
Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen
ausweichen, der noch am Dienstag dieser Woche hier in
Bonn aktenkundig gemacht hat, daß er eine weitere Be-
lastung sämtlicher Betriebe in Nordrhein-Westfalen mit
zusätzlichen Steuern für nicht akzeptabel hält.

Meine Damen und Herren, die Bundesratsbank ist
heute morgen vollständig leer, sieht man von einer

Friedrich Merz






(A) (C)



(B) (D)


Reihe pflichtbewußter Beamter ab. Stünde der Minister-
präsident des Landes Nordrhein-Westfalen zu dem, was
er hier am Dienstag morgen in Bonn öffentlich gesagt
hat, und verträte er die Interessen des Landes Nordrhein-
Westfalen wirklich gegen dieses steuerpolitische Kon-
zept, dann wäre er heute morgen nicht nur hier,


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

sondern dann hätte er auch die Gelegenheit benutzt, zum
Thema Belastung der Betriebe insbesondere in Nord-
rhein-Westfalen durch Ihre Ökosteuer, Herr Lafontaine,
etwas zu sagen.


(Detlev von Larcher [SPD]: Ach, was sind das bloß für Argumente!)


Ich möchte noch auf einen Aspekt zu sprechen kom-
men, den Sie dankenswerterweise auch angesprochen
haben, nämlich die Belastung derer, die von einer Ab-
senkung der Sozialversicherungsbeiträge überhaupt
nicht profitieren. Sie haben die Rentner angesprochen;
aber es sind natürlich nicht nur die Rentner. Es sind die
nicht erwerbstätigen Alleinerziehenden, es sind Studen-
ten, es sind sozial Schwache mit geringen Einkommen,
die keine Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Meine
Damen und Herren, dazu gehören auch die Freiberufler,
die Landwirte, die Forstwirte und die in Gartenbaube-
trieben Tätigen, die ihre eigenen berufsständischen Ver-
sorgungswerke haben. Alle diejenigen, die ich genannt
habe, werden von den Entlastungen überhaupt nicht be-
troffen; sie sind allein von den Belastungen betroffen.
Deswegen gibt es in diesem Ökosteuerkonzept eine
Schieflage zu Lasten insbesondere derer, Herr Lafon-
taine, für die Sie sich im Wahlkampf besonders stark
gemacht haben.


(Walter Hirche [F.D.P.]: Willkür par excellence! – Lachen bei Abgeordneten der SPD)


Ich hätte es im übrigen sehr begrüßt, wenn an dieser
Debatte heute morgen ein Fachminister teilgenommen
hätte, der seit mehreren Wochen immer wieder öffent-
lich, wenn auch für mich bisher erkennbar nicht hier im
Deutschen Bundestag die besondere Interessenlage des
Berufsstandes vertritt, der ihm besonders anempfohlen
ist; ich meine den Bundeslandwirtschaftsminister. Meine
Damen und Herren, durch die Steuerreform, die die Re-
gierung vorgelegt hat, wird die Landwirtschaft entge-
gen allen anderen Beteuerungen und Ankündigungen
mit rund 1,5 Milliarden DM zusätzlich belastet.


(Zuruf von der SPD)

– Ich freue mich, daß ich den Zwischenruf „Na und?“,
der hier aus der SPD gekommen ist, verstanden habe.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Ich weiß nicht, wer ihn gemacht hat, aber ich bedanke
mich für diesen Zwischenruf. Dieser Zwischenruf ist
aktenkundig.


(Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Das war jedenfalls ein typischer Sozialdemokrat! – Gegenrufe von der SPD)


Weitere Belastungen in Höhe von 300 bis
350 Millionen DM kommen durch die sogenannte öko-

logische Steuerreform auf die Land- und Forstwirtschaft
sowie die Gartenbaubetriebe in Deutschland zu. Wir
hätten erwartet, daß der Bundeslandwirtschaftsminister
heute morgen an dieser Stelle zu den nicht ausgegliche-
nen zusätzlichen Belastungen für die deutsche Land-
und Forstwirtschaft etwas sagt, meine Damen und Her-
ren.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Herr Lafontaine, lassen Sie mich zum Schluß auf

zwei Punkte zu sprechen kommen, die ich auch am
letzten Freitag angesprochen habe und die ich Ihnen in
Zukunft Woche für Woche, wenn Sie wollen, vorhalten
werde.


(Joachim Poß [SPD]: Fünfmal die Woche! – Detlev von Larcher [SPD]: Wir zittern vor Angst! – Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist in den sitzungsfreien Wochen?)


Erstens. Wir bleiben dabei: Wir wollen nicht nur vom
Bundeskanzler eine unverbindliche, sondern von Ihnen
als dem zuständigen Fachminister eine verbindliche
Zielbestimmung hinsichtlich der weiteren Entwicklung
der Staatsquote haben. Dies ist nicht irgendein beliebi-
ges Thema, sondern die Entwicklung der Staatsquote ist
die entscheidende Größenordnung für Erfolg oder Miß-
erfolg Ihrer Politik im Hinblick auf den Arbeitsmarkt.


(Ludwig Stiegler [SPD]: Sagen Sie das dem Kohl und dem Waigel! Die hätten dazu Gelegenheit gehabt! – Weiterer Zuruf von der SPD: Das können Sie ja in Holland studieren!)


Wir wollen wissen, wie Sie als verantwortlicher Res-
sortminister in der Gesamtkonzeption Ihrer Steuerpoli-
tik, von der Sie zu Recht gesprochen haben, die Ent-
wicklung der Staatsquote in den nächsten Jahren in
Deutschland sehen.

Zweitens. Herr Lafontaine, nachdem der Bundes-
kanzler hier gestern mal eben im Vorbeigehen vier Mil-
liarden DM Steuereinnahmen abgeräumt hat – zu Lasten
des Bundes, der Länder und der Gemeinden –:


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Und zu wessen Gunsten?)


Wir wollen von Ihnen auch endlich den Haushaltsplan
des Jahres 1999 vorgelegt bekommen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Herr Minister Lafontaine, Sie können doch nicht

draußen und hier ständig erzählen, Sie trügen eine Alt-
last, eine Erblast der alten Bundesregierung


(Ludwig Stiegler [SPD]: Eine schwere!)

mit einer Vielzahl von ungeklärten Etatposten vor sich
her, Sie wüßten nicht, wie Sie die Löcher stopfen soll-
ten, und es dann zulassen, daß in Ihrer Abwesenheit ge-
stern hier mal eben beschlossen wird, daß weitere vier
Milliarden DM bei den 620-DM-Beschäftigungs-
verhältnissen durch den Wegfall der Pauschalbesteue-
rung fehlen werden.


(Detlev von Larcher [SPD]: Das sagt der, der 50 Milliarden weghaben wollte!)


Friedrich Merz






(B)



(A) (C)



(D)


Wir wollen von Ihnen eine Gesamtkonzeption über
die Staatsquote und über den Haushaltsplan des Jahres
1999. Ansonsten bleibt all das, was Sie letzte Woche
und heute morgen an steuerpolitischer Konzeption hier
vorgelegt haben, ein Flickwerk. Es bleibt ein Flickwerk
ohne erkennbaren roten Faden in Ihrer Finanz- und
Haushaltspolitik.


(Detlev von Larcher [SPD]: Sie können nicht gucken! Sie sind farbenblind!)


Es wird vor allen Dingen nicht das erreichen, Herr
Lafontaine, was wir uns alle doch gemeinsam zum Ziel
gesetzt haben: nämlich eine Verbesserung der Lage auf
dem Arbeitsmarkt.

Vielen Dank.

(Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. – Detlev von Larcher [SPD]: Das ist die Hoffnung der CDU!)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400900400
Es spricht jetzt
der Herr Bundesminister Jürgen Trittin.

Jürgen Trittin, Bundesminister für Umwelt, Natur-
schutz und Reaktorsicherheit: Frau Präsidentin! Meine
Damen und Herren! Wir legen mit diesem Gesetzent-
wurf einen Vorschlag vor, der eine schlimme Fehlent-
wicklung der vergangenen Jahre zu korrigieren versucht.
Wir alle haben es erlebt, daß von 1990 bis 1998 der
Anteil der Sozialversicherungsbeiträge an den Brutto-
lohnkosten von einstmals 35 Prozent auf mittlerweile
fast 43 Prozent angestiegen ist.


(Walter Hirche [F.D.P.]: Sie wollten die deutsche Einheit doch nicht!)


Diese Entwicklung, die Belastung des Faktors Arbeit
mit Sozialversicherungsbeiträgen, die politisch von der
letzten Regierung zu verantworten ist, ist eine, lieber
Herr Merz, der zentralen Ursachen für die Entwicklung
der Arbeitslosigkeit in diesem Lande.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Lachen bei der CDU/CSU)


Wenn Sie hier die Sachverständigen zitieren, dann
hätten Sie vielleicht einen kleinen Blick in die Gutach-
ten der vergangenen Jahre werfen können. Durch all die-
se Gutachten zieht sich wie ein roter Faden


(Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ein schwarzer Faden! – Gegenruf von der CDU/CSU: Ein grüner!)


– wie ein schwarzer Faden, lieber Kollege Rezzo – die
Forderung, die Belastung des Faktors Arbeit mit Sozial-
versicherungsabgaben zu senken.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Durch Strukturreformen!)


Sie haben hier in Ihrer Regierungszeit das komplette
Gegenteil gemacht. Sie haben die Belastung des Faktors

Arbeit immer weiter in immer neue Rekordhöhen ge-
trieben.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Peter Ramsauer [CDU/CSU]: Und Sie haben sich allen Forderungen widersetzt!)


Wir senken jetzt diese Belastung. Das ist der arbeits-
marktpolitische Kern der Reformen, die wir hier vorle-
gen.

Wir wollen nicht mehr steuern. Wir wollen umsteu-
ern. Wir wollen die Unternehmen, statt sie dazu anzu-
halten, beim Faktor Arbeit möglichst zu rationalisieren,
mit einem marktwirtschaftlichen Instrument dazu brin-
gen, Energie rationeller einzusetzen.


(Zuruf von der CDU/CSU: Das haben wir doch längst gemacht! Haben Sie das gar nicht bemerkt?)


Wir haben hierzu einen Gesetzentwurf vorgelegt, der
den Energieverbrauch in drei Schritten verteuert. Das
wird direkte Beschäftigungsimpulse auslösen.


(Lachen bei der CDU/CSU und der F.D.P. – Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Aber nicht in Deutschland!)


Es wird gleichzeitig dazu führen, daß sich Energiespar-
investitionen schneller amortisieren, und es wird dazu
beitragen, Energieversorgung zukunftssicherer, umwelt-
verträglicher und kostengerechter sicherzustellen.

In diesem Zusammenhang war es – das sind die
Schwierigkeiten, die man hat, wenn man mit einer sol-
chen Politik anfängt – nicht möglich, Strom zum Bei-
spiel aus erneuerbaren Energieträgern bereits jetzt
von der Stromsteuer auszunehmen. Sie wissen, es gibt
erhebliche europarechtliche Probleme.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Welche denn?)

Wir wollen das Geld, was über die Stromsteuer in nicht
sinniger Weise eingenommen wird, den erneuerbaren
Energien zugute kommen lassen. Wir wollen ein För-
derprogramm in der Größenordnung der
300 Millionen DM, die aus Einnahmen aus der Strom-
steuer auf regenerative Energien stammen, auflegen, das
sichert und anstößt, wofür diese Regierung ebenfalls
steht, nämlich die Verdoppelung des Anteils der regene-
rativen Energien an der Stromerzeugung.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Auch damit setzen wir einen klaren Kontrapunkt zu der
Politik, die von Ihnen zu verantworten war. Sie haben
regenerative Energien nicht gefördert,


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Stimmt doch nicht!)


sondern durch das Stromeinspeisegesetz kräftig gedek-
kelt. Ein völlig falscher Weg!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Wer hat das Stromeinspeisegesetz gegenüber Ministerpräsident Schröder denn erhalten? – Zuruf von der CDU/CSU: Das war der Schröder-Deckel!)


Friedrich Merz






(A) (C)



(B) (D)


In der Diskussion um die ökologische Steuerreform
haben wir wie in vielen anderen Bereichen, in denen es
um Steuern geht, allesamt miteinander die Neigung, zu-
erst über die Belastung und weniger über die Entlastung
zu sprechen. Ich will an dieser Stelle nachdrücklich dar-
auf hinweisen: Diese erste Stufe einer ökologisch-
sozialen Steuerreform entlastet Haushalte und Unter-
nehmen durch die Senkung der Rentenversicherungs-
beiträge um rund 11 Milliarden DM. Diese Ausgestal-
tung der ökologischen Steuerreform ist im übrigen auch
wirtschaftsverträglich. Sie nimmt sehr wohl Rücksicht
auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Ich finde,
wir haben einen guten Mittelweg gefunden.

Zum Thema nationale Alleingänge, lieber Herr Merz:
Gucken Sie sich einmal Holland oder Skandinavien an!
Dort gibt es diese Ökosteuer schon lange. Von einem
Alleingang kann gar nicht die Rede sein. Auf Grund
Ihrer Versäumnisse hinken wir leider hinterher.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Aber anders als dort haben wir nicht als ersten Schritt
das produzierende Gewerbe völlig ausgeschlossen, son-
dern haben – wie es auch dort inzwischen der Fall ist –
das produzierende Gewerbe mit einem reduzierten
Steuersatz von 25 Prozent belegt.

Wenn ich höre, daß die Kosten für eine Arbeitsstunde
durch unsere Reform „lediglich“ um 48 Pfennig redu-
ziert würden – immerhin, in den letzten Jahren ist die
Arbeitsstunde Jahr für Jahr kontinuierlich um Beträge
dieser Größenordnung verteuert worden –, so muß ich
darauf hinweisen, daß der produzierenden Wirtschaft
eine Erhöhung um 0,5 Pfennig pro Kilowattstunde
Strom nicht als Attacke begriffen werden kann. Inzwi-
schen gibt es hierzu erste Berechnungen, zum Beispiel
aus Betrieben, die – wie die Zementindustrie – sogar
völlig befreit sind. Das bedeutet für die Heidelberger
Zement AG eine Entlastung um 300 000 DM pro Rech-
nungsjahr auf Grund der ökologischen Steuerreform.


(Michael Glos [CDU/CSU]: Donnerwetter! Dann werden die Aktien jetzt aber steigen!)


Wo bleiben die Argumente? Von wegen, das sei wirt-
schaftsfeindlich, meine Damen und Herren!


(Birgit Homburger [F.D.P.]: Das ist doch ungerecht!)


– Sie können natürlich für eine Rasenmähermethode
plädieren. Wir aber wollen sachgerecht – und das heißt
auch branchenorientiert – vorgehen.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Sachgerecht, Herr Trittin!)


Wie wenig willkürlich das ist, meine Damen und
Herren von der geneigten Opposition, erkennen Sie,
wenn Sie die Liste der Branchen betrachten, die sich im
Rahmen der Klimaschutzpolitik dazu verpflichtet haben,
durch eigene Anstrengungen den Ausstoß von klima-
schädlichen Emissionen um 20 Prozent zu vermindern.
Wenn Sie sich diese Liste ansehen und vergleichen, wo
bei uns die Steuerbefreiungen ansetzen, so sehen Sie,

daß dies fast vollständig identisch ist. Das heißt, wir be-
freien die Betriebe, die aus eigener Anstrengung und auf
Grund ihrer hohen Energiestruktur Kosten einsparen.


(Birgit Homburger [F.D.P.]: Von denen Sie noch vor zwei Wochen behauptet haben, daß sie nichts gemacht hätten! – Zuruf des Abg. Walter Hirche [F.D.P.] – Friedrich Merz [CDU/CSU]: Das ist ein Herumeiern! Wo kommen denn die 6,4 Prozent her?)


– Herr Hirche, wenn Sie mit mir über Selbstverpflich-
tung diskutieren wollen, können wir das gerne machen.
Auch im Konzept einer ökologischen Steuerreform der
Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen sind Selbstver-
pflichtungen enthalten. Gegen Selbstverpflichtung gibt
es den Verzicht auf Besteuerung. Das jetzt vorgelegte
Modell einer ökologisch-sozialen Steuerreform befreit in
der Regel die Betriebe, die sich verpflichtet haben, in
diesem Bereich selber Reduktionen zu schaffen. Sie
sehen: Selbstverpflichtung wird selbst im Ansatz der
Grünen-Bundestagsfraktion an dieser Stelle deutlich.


(Walter Hirche [F.D.P.]: Das stimmt doch nicht! Es stimmt schlicht nicht! Erzählen Sie doch bei einer Sache, die man nachprüfen kann, nicht so etwas! – Birgit Homburger [F.D.P.]: Keiner klatscht!)


Nun komme ich zu dem, was in der zweiten und
dritten Stufe noch nachzuarbeiten sein wird. Erstens
müssen wir hinsichtlich einer europäischen Richtlinie
für die Besteuerung von Energie nacharbeiten, die Sie
über Jahre hinweg blockiert haben. Damit haben wir
jetzt schon im Konzert mit anderen europäischen Län-
dern angefangen,


(Birgit Homburger [F.D.P.]: Wo ist denn das Konzert?)


die allesamt bessere Arbeitsmarktbilanzen vorzuweisen
haben als Sie. Wir werden das Konzept, Arbeit zu ver-
billigen und Umweltverbrauch zu verteuern, langfristig
selbstverständlich nur umsetzen können, wenn wir das
in europäischer Gemeinsamkeit tun.


(Dr. Theodor Waigel [CDU/CSU]: Falsch, langfristig und schlecht!)


– Herr Waigel, ich habe die ganze Zeit darauf gewartet,
daß Sie an dieser Stelle dazwischenreden.


(Lachen bei der CDU/CSU und der F.D.P. – Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Das merkt man!)


Wer war es denn, der eine europäische Lösung verhin-
dert hat, anschließend in den Wahlkampf gezogen ist
und gesagt hat: Wir wollen keine nationalen Alleingän-
ge? Niemand anders als Sie waren es!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Dr. Theodor Waigel [CDU/CSU]: Sie haben keine Ahnung! Es ist falsch und schlecht!)


– Herr Waigel, ich habe gehört, das sei falsch.

(Dr. Theodor Waigel [CDU/CSU]: Ja! Und schlecht!)


Bundesminister Jürgen Trittin






(B)



(A) (C)



(D)


– Dann behaupten Sie, daß die gesamte Kommission der
Europäischen Gemeinschaft die Unwahrheit sagt.


(Dr. Theodor Waigel [CDU/CSU]: Was Sie sagen, ist falsch! Sie müssen noch viel nachlesen!)


– Sei es drum. – Es könnte ja sein, daß Ihre Abwahl et-
was damit zu tun hat, wie Sie sich in dieser Angelegen-
heit verhalten haben.


(Dr. Theodor Waigel [CDU/CSU]: Warten Sie einmal ab! – Michael Glos [CDU/CSU]: Mein lieber Mann!)


Neben der gemeinsamen Anstrengung unter der deut-
schen Präsidentschaft, eine europäische Richtlinie zu
schaffen, gibt es ein Zweites, das in einer zweiten und
dritten Stufe gelöst werden muß: Wir müssen, wenn wir
eine andere Energiestruktur, einen neuen Energiemix
ohne Atom wollen, bei der Erhebung der Stromsteuer
unterschiedliche Wirkungsgrade von Kraftwerken
entsprechend berücksichtigen.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400900500
Herr Minister,
gestatten Sie eine Zwischenfrage?

Jürgen Trittin, Bundesminister für Umwelt, Natur-
schutz und Reaktorsicherheit: Dies konnte in der ersten
Stufe nicht geschehen. An dieser Stelle, denke ich, wird
an dem Grundsatz, den wir heute vorgelegt haben, nach-
zuarbeiten sein. Dieser Grundsatz bedeutet den Einstieg
in eine neue, in eine andere Steuerpolitik, die künftig
nicht mehr die Beschäftigung von Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmern belastet, sondern den Verbrauch der
Natur, um auf diese Weise mehr Arbeit in diesem Lande
zu schaffen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400900600
Herr Minister,
es bestand der Wunsch nach einer Zwischenfrage.


(Bundesminister Jürgen Trittin: Ich bin fertig! – Michael Glos [CDU/CSU]: Er ist schon weg! So etwas! – Walter Hirche [F.D.P.]: Er will schon einmal nacharbeiten!)


– Abgeordnete und auch Minister haben das Recht, Zwi-
schenfragen zuzulassen oder auch nicht. Außerdem hatte
der Herr Minister bereits das Rednerpult verlassen.

Das Wort hat jetzt der Abgeordnete Carl-Ludwig
Thiele.


Carl-Ludwig Thiele (FDP):
Rede ID: ID1400900700
Sehr geehrte Frau Prä-
sidentin! Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kolle-
gen! Herr Minister Trittin, nach den Diskussionen der
letzten Tage habe ich den Eindruck, daß Sie und der
Bundeskanzler die Chaostage nicht nur in Hannover er-
lebt haben, sondern sie auch in Bonn einführen wollen.


(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)

Das halte ich für gänzlich unangemessen.

Was bedeuten denn die Versprechungen eines Bun-
deskanzlers in einer Regierungserklärung, die er vor
zehn Tagen in diesem Hause abgegeben hat, wenn der
Inhalt dieser Regierungserklärung nicht einmal diese
zehn Tage Bestand hat? Warum beschließt man denn
eine Koalitionsvereinbarung, in der eine Beschränkung
der 620-Mark-Arbeitsverträge enthalten ist, wenn man
sie direkt danach wieder aufhebt? Das zeigt doch nur,
daß Ihr Regierungsprogramm in sich widersprüchlich,
ohne jegliche Linie ist und daß Sie es täglich ändern
müssen. Das ist aber kein Zufall; dahinter steckt ein Sy-
stem, nämlich ein komplett falsches Politikverständnis.


(Lachen bei Abgeordneten der SPD)

Die rotgrüne Politik geht davon aus, daß mehr Nach-

frage mehr Arbeitsplätze schafft, daß sich durch ein
stärkeres Verteilen von Wohltaten die Probleme unseres
Landes lösen lassen, daß dadurch neue Arbeitsplätze ge-
schaffen werden und daß dadurch die Arbeitslosigkeit
sinkt. Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen
von der rotgrünen Koalition, Sie haben ein grundsätzlich
falsches Denken, Sie haben eine grundsätzlich falsche
Philosophie; deshalb gehen Sie den falschen Weg.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Detlev von Larcher [SPD]: Ihr Denken ist abgewählt worden!)


Ihre Steuerpolitik dient dabei nur als ein weiteres
Beispiel einer falschen Grundstrategie, die staatsorien-
tiert, abgabefreundlich und bürokratisch ist. Sie ent-
spricht nicht der Wirklichkeit der Globalisierung, sie
entspricht auch nicht der Wirklichkeit der Europäisie-
rung, und vor allem entspricht sie nicht dem Grundge-
danken des Wettbewerbs, den es inzwischen internatio-
nal gibt. Wettbewerb findet statt. Die Frage ist nur, ob er
mit oder ohne uns stattfindet.


(Detlev von Larcher [SPD]: Der Herr Thiele kennt seinen eigenen Beschluß nicht!)


Wenn er ohne uns stattfindet, dann bedeutet das, daß die
Arbeitslosigkeit in unserem Lande nicht sinkt, sondern
steigt. Deshalb wollen wir, daß unser Land beim Wett-
bewerb mitmacht.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Deshalb sind die Abschottung und das Beschließen
von nationalen Sonderwegen der falsche Weg. Deshalb
schafft auch ein nationaler Alleingang bei Energiesteuern


(Detlev von Larcher [SPD]: Den macht ja keiner!)


keine zusätzlichen Arbeitsplätze. Ein nationaler Allein-
gang im Bereich der Energiesteuern vernichtet Arbeits-
plätze in unserem Land.

Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen, das
Gesetz zum Einstieg in die ökologische Steuerreform ist
ein riesiger Etikettenschwindel.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Bundesminister Jürgen Trittin






(A) (C)



(B) (D)


Der Begriff „öko“ soll lediglich glauben machen, daß
mit dieser zusätzlichen Steuer ein guter Zweck verfolgt
wird, nämlich daß die Umwelt tatsächlich nachhaltig
entlastet wird. Das ist aber nicht der Fall. Darauf komme
ich gleich noch zu sprechen. Es soll abkassiert werden –
für mehr Staat, für mehr Staatsausgaben und für weniger
Sparsamkeit der öffentlichen Hand, für ein Steigen und
nicht für ein Sinken der Staatsquote.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Detlev von Larcher [SPD]: So ein Quatsch!)


Schon bei der Einbringung dieses Gesetzes erklären
die Grünen, daß dies nur die erste Stufe sei. Das heißt,
Jahr für Jahr werden wir neue Diskussionen über neue
Steuererhöhungen in unserem Lande führen dürfen. Dies
widerspricht aber der Aussage von Bundeskanzler Ger-
hard Schröder, der öffentlich erklärt hat: Erhöhung der
Mineralölsteuer um 6 Pfennig pro Liter, mehr nicht!
Zitat: „Mein Kanzlerwort gilt.“


(Zuruf von der F.D.P.: Aber wie lange?)

Dazu kann ich nur sagen, daß wir es an dieser Stelle mit
Franz Beckenbauer halten und sagen: Schaun mer mal.
Wir sind auch letzte Nacht um einiges klüger geworden.


(Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist ein rhetorisches Highlight!)


Mit diesem Gesetz wird neben einer Erhöhung der
Mineralölsteuer erstmals seit über zehn Jahren in unse-
rem Land eine komplett neue Steuer eingeführt, nämlich
eine Stromsteuer. Ein solches Gesetz, das eine neue
Steuer mit einer neuen Bemessungsgrundlage enthält,
muß sorgfältig und gründlich debattiert werden. Es
reicht nicht, in Koalitionskränzchen zu tagen und ir-
gendwann einmal in der Nacht diese oder jene Runde
einzuberufen. Das kann nicht der richtige Weg sein. Ein
neues Steuergesetz bedarf einer ordentlichen Beratung.


(Detlev von Larcher [SPD]: Die kriegen Sie!)

Diese Beratung ist nicht sichergestellt, da die Anhörung
zu diesem Gesetz schon am Montag, dem 30.11., die ab-
schließende Beratung am Mittwoch, dem 2.12., im Fi-
nanzausschuß und die abschließende Lesung im Deut-
schen Bundestag schon am 4. Dezember stattfinden sol-
len. Dies ist ein schlampiges Gesetzgebungsverfahren,
das auch zu einem schlampigen Gesetz führen würde.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Ludwig Stiegler [SPD]: Das müssen Sie gerade sagen!)


Nachdem die Koalitionsfraktionen aber in der letzten
Nacht beschlossen haben, daß dieses sogenannte Öko-
steuergesetz erst am 1. April in Kraft treten soll, hat die
F.D.P. beantragt, noch am heutigen Tage eine Sondersit-
zung des Finanzausschusses zur Änderung des Zeitplans
der Beratungen durchzuführen.


(Detlev von Larcher [SPD]: Ach wie mutig!)

Darauf haben alle einen Anspruch. Ich freue mich, Frau
Kollegin Scheel, daß Sie mir als Vorsitzende des Aus-
schusses schon angedeutet haben, daß wir den Termin
vom 30. November wohl streichen und dann in der

nächsten Woche einen neuen Zeitplan für unsere Aus-
schußberatung verabschieden werden.


(Beifall bei der F.D.P.)

Herzlichen Dank für die Erkenntnis und die Bereit-
schaft, zumindest im Verfahren Anregungen und Be-
denken der Wirtschaft und von betroffenen Arbeitneh-
mern tatsächlich aufzunehmen!


(Detlev von Larcher [SPD]: Herr Thiele, Sie bauen immer nur Pappkameraden auf!)


Meine sehr verehrten Damen und Herren, dieses Ge-
setz ist offensichtlich nur deshalb so entworfen worden,
weil die neue Regierung Geld braucht. Wahlkampfver-
sprechen sollen gehalten werden, sie müssen aber auch
teuer bezahlt werden. Deshalb wird eine Steuermehrbe-
lastung unter dem Titel Ökosteuer beschlossen, damit
der Bürger meint, es geschehe etwas Gutes, weil er
durch diese Steuer die Umwelt entlaste.

Das ganze Gesetz in sich ist aber höchst wider-
sprüchlich. Wenn der Energieverbrauch eingedämmt
werden soll, dann muß man ja zumindest wohl den
Energieverbrauch belasten. Dies geschieht aber nicht,
weil gerade energieintensive Betriebe ausgenommen
werden sollen. Dieses Gesetz hilft der Umwelt soviel,
wie es der Gesundheit helfen würde, wenn Sie Ketten-
raucher von der Tabaksteuer befreien.


(Detlev von Larcher [SPD]: Das ist aber nicht originell!)


Das kann doch wohl nicht der richtige Weg sein, für die
Umwelt tatsächlich eine entsprechende Wirkung zu er-
zielen.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Meine sehr verehrten Damen und Herren, in den
letzten Monaten haben wir uns darüber unterhalten, daß
Gesetze, insbesondere Steuergesetze, einfach und ge-
recht sein sollen. Das, was Sie hier vorlegen, ist weder
einfach noch ist es gerecht, was die Verteilungswirkung
angeht, was die Belastung für unterschiedliche Branchen
angeht, was Bürger betrifft, die den öffentlichen Perso-
nennahverkehr benutzen. Denn auch der öffentliche
Personennahverkehr, der von Ihnen dann ja wieder über
Subventionen gefördert werden soll, wird hier erst ein-
mal mit einer zusätzlichen Steuer belastet, mit der Folge,
daß die normale Karte für die Busse, für die Bahn, für
den öffentlichen Verkehr, den wir in Deutschland haben,
von Ihnen künstlich verteuert wird. Es kann doch nicht
sein, daß Sie sich davon tatsächlich umweltpolitisch
positive Effekte erhoffen. Das wird in der Form nicht
eintreten.

Nein, das Gesetz ist in sich widersprüchlich. Es ver-
folgt keine politische Linie. Die Bürger sollen lediglich
mit über 11 Milliarden DM zusätzlich belastet werden.

Dieses Gesetz entlastet nicht die Umwelt, durch die-
ses Gesetz werden keine neuen Arbeitsplätze geschaf-
fen, und durch dieses Gesetz werden auch die Lohnne-
benkosten auf Dauer nicht gesenkt.

Carl-Ludwig Thiele






(B)



(A) (C)



(D)


Erstens. Die meisten Umweltprobleme sind grenz-
überschreitender Natur. Dies gilt insbesondere für die
weltweiten CO2-Emissionen, an denen Deutschlandinsgesamt einen Anteil von weniger als 5 Prozent hat,
die deutsche Industrie sogar nur von weniger als 1 Pro-
zent. Nach Berechnungen des RWI wäre der weltweite
Ausstoß von CO2 dagegen bereits heute um 17 Prozentniedriger, wenn die Unternehmen in den anderen Län-
dern die Umweltstandards hätten, die wir in unserem
Land in unseren Unternehmen schon haben. Das ist der
richtige Weg. So muß Innovation gefördert werden, da-
mit dadurch die Umweltbelastung weltweit gesenkt
wird.


(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)

Ein nationaler Alleingang kann diese Probleme der
Umwelt überhaupt nicht lösen.

Zweitens. Neue Arbeitsplätze sollen durch dieses Ge-
setz entstehen. Da dieses Gesetz im nationalen Allein-
gang beschlossen wird, sind erhebliche Folgen für die
Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft zu erwarten.


(Detlev von Larcher [SPD]: Ich denke, wir tun nicht genug!)


Denn ein nationaler Alleingang bedeutet eine Verteue-
rung von Arbeit in Deutschland auch bei den Branchen,
die sich im europäischen Wettbewerb und im internatio-
nalen Wettbewerb befinden. Bei einem nationalen Al-
leingang nimmt deshalb die internationale Wettbewerbs-
fähigkeit energieintensiver Unternehmen in Deutschland
Schaden. Und eine europäische Lösung benachteiligt
Unternehmen in Europa gegenüber außereuropäischen
Wettbewerbern.

Alle wichtigen OECD-Länder, die sich bislang mit
ähnlichen Konzepten befaßt haben, haben diese fallen-
gelassen. In den Ländern, die im nationalen Alleingang
Ökosteuern eingeführt haben, ist die Industrie entweder
davon ausgenommen oder nur geringen Steuersätzen
unterworfen worden.


(Ludwig Stiegler [SPD]: Sie müssen sich schon entscheiden, was Sie wollen!)


Unter Umweltaspekten ist auch zu bedenken, daß es
schädlich ist, wenn gerade die Industrie mit ihren Ar-
beitsplätzen in andere Länder ausweicht, wo niedrigere
Umweltstandards gelten, weil auch das wieder zu einer
stärkeren Belastung der Umwelt führt. Das alles ist Teil
Ihres unausgegorenen Konzeptes.


(Beifall bei der F.D.P.)

Mit diesem Gesetz wird also sowohl das Ziel eines

höheren Umweltschutzes als auch das Ziel der Schaf-
fung neuer Arbeitsplätze verfehlt. Es wird noch ein
drittes Ziel verfehlt. Die Lohnnebenkosten werden
durch diese Reform nicht dauerhaft gesenkt. Wer die
Lohnnebenkosten dauerhaft senken will, muß eine
Strukturveränderung hinsichtlich der Lohnnebenkosten
vornehmen und die demographische Entwicklung in der
Rentenversicherung berücksichtigen. Wir haben ent-
sprechende Maßnahmen beschlossen, die Sie aber wie-
der zurückdrehen wollen. Ich sage Ihnen schon jetzt
voraus, daß Sie mit diesen zusätzlichen Einnahmen nicht

in der Lage sein werden, die Strukturmaßnahmen, die
Sie an die Stelle unserer Maßnahmen setzen wollen, or-
dentlich zu finanzieren.


(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)

Die deutsche Wirtschaft ist schon jetzt gezwungen,

mit Energie so sparsam wie möglich umzugehen, um
international wettbewerbsfähig zu bleiben. Dennoch gibt
es auch in unserem Land energieintensive Prozesse –
aus physikalischen Gründen und weil hohe Umweltstan-
dards häufig nur mit Hilfe energieintensiver Anlagen er-
reicht werden, bei denen wir weltweit führend sind. Bei
der Beurteilung, welche Branchen aus Wettbewerbs-
gründen von der Energiesteuer ausgenommen werden
sollen, zieht der Gesetzentwurf den Energiekostenanteil
an den gesamten Produktionskosten heran. Dies führt
zum Beispiel bei der Bearbeitung hochwertiger Vorpro-
dukte dazu – in meiner Heimatstadt Osnabrück gibt es
die Firma KME Kabelmetall, die Kupfer verarbeitet –,
daß Firmen trotz hohen Energieeinsatzes, dessen Kosten
aber relativ zum Einkaufspreis – beispielsweise dem des
Kupfers – niedrig sind, durch die Energiesteuer voll be-
lastet werden. Andere Firmen mit günstigeren Vorpro-
dukten dagegen werden geringer belastet. Man muß
deshalb dazu übergehen, diese Betriebe zu entlasten,
damit Arbeitsplätze nicht gefährdet werden.

Ich möchte ein zweites Beispiel nennen. Glaswolle
fällt nach dem Gesetzentwurf als Erzeugnisgruppe mit
einem Energiekostenanteil von 6,8 Prozent unter die
Ausnahmeregelung. Steinwolle fällt aber nicht darunter,
obwohl ihre Herstellung genau den gleichen Energie-
aufwand benötigt. Sie ist nur unter einer anderen Rubrik,
nämlich unter Vermischtes, eingruppiert, wofür eine
Grenze von 3,3 Prozent ausgewiesen ist. Wenn man für
diese Steuer lediglich das statistische Basismaterial her-
anzieht, das sich nur auf einzelne Betriebe und Wirt-
schaftszweige bezieht, dann verfehlt man elementar das
Ziel, energieintensive Betriebe von der Energiesteuer
auszunehmen.

Folgen Sie einfach dem Votum der Ministerpräsi-
denten, die gesagt haben: Nehmen Sie die energieinten-
siven Betriebe komplett heraus!

Der sinnvollste Weg ist der, den die F.D.P. vorge-
schlagen hat, nämlich ein dritter Mehrwertsteuersatz
auf Energie, weil damit sichergestellt ist, daß das pro-
duzierende Gewerbe und damit diese Arbeitsplätze in
unserem Lande nicht zusätzlich belastet werden.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Dieser Gesetzentwurf ist mit äußerst heißer Nadel ge-
strickt. Die unterschiedliche Behandlung von Unter-
nehmen läßt sich sachlich nicht rechtfertigen. Eine poli-
tische Linie ist nicht erkennbar. Handeln Sie lieber ver-
nünftig! Warum legen Sie nicht die Kraftfahrzeugsteu-
er auf die Mineralölsteuer um? Das haben die Grünen
doch immer gefordert. Warum tun Sie es denn jetzt
nicht?


(Beifall bei der F.D.P. – Ludwig Stiegler [SPD]: 16 Jahre hattet ihr Zeit!)


Carl-Ludwig Thiele






(A) (C)



(B) (D)


Warum wandeln Sie nicht die Kilometerpauschale in
eine verkehrsmittelunabhängige Entfernungspauschale
um? Das sind doch auch Forderungen, die Sie erhoben
haben und bei deren Realisierung wir Sie gerne unter-
stützen würden. Entsprechende Regelungen wurden aber
bisher nicht getroffen.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der PDS)


Die Frage lautet daher: Wo ist bei den Grünen das Pro-
gramm geblieben? Wo sind Ihre Überzeugungen geblie-
ben? Davon ist nichts zu spüren.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Ludwig Stiegler [SPD]: Jetzt kommen all die Hausaufgaben, die nicht erledigt wurden!)


Ich appelliere an Sie: Machen Sie Schluß mit dem
Abzocken der Bürger! Gestern haben Sie Ihre Ideologie
zu den 620-Mark-Arbeitsverträgen beiseite gelegt. Ich
möchte Sie bitten, als nächstes diese sogenannte Öko-
steuer ebenfalls zu kassieren.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400900800
Das Wort hat
jetzt der Fraktionsvorsitzende der PDS, Gregor Gysi.


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1400900900
Frau Präsidentin! Meine
Damen und Herren! Diese Reform, die ökologische
Steuerreform genannt wird, stellt für mich den Abschied
der Grünen von ihrer Ankündigung dar, der Politik der
neuen Bundesregierung einen ökologischen Stempel
aufdrücken zu wollen.


(Beifall bei der PDS)

Diese Steuerreform ist aus mehreren Gründen nicht

ökologisch. Der eine ist hier schon mehrfach genannt
worden. Sie geben als ökologisches Ziel aus, daß der
Energieverbrauch über eine zusätzliche Steuer gesenkt
werden soll. Es soll einen Anreiz geben, den Energie-
verbrauch zu senken. Wenn man aber in einem solchen
Gesetz sagt, daß die, die am meisten Energie verbrau-
chen, davon ausgenommen werden, dann konterkariert
man dieses Ziel in dem gleichen Gesetz, und damit wird
das ganze Ziel unglaubwürdig.


(Beifall bei der PDS – Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Schwaches Argument!)


– Herr Schlauch, ich will Ihnen sagen: Das ist so, als ob
Sie ein Gesetz einbringen, in dem Sie sagen, daß die
Verursacher von Umweltschäden ab jetzt auch für die
Kosten zur Behebung der Schäden haften, und in einem
zweiten Absatz sagen, daß das aber nicht für jene gilt,
die besonders große Umweltschäden verursachen. Das
ist doch völlig absurd, was Sie auf dieser Strecke ein-
bringen.


(Beifall bei der PDS)


Ich sage Ihnen noch einen zweiten Fall, der bisher
noch nicht benannt worden ist. Es gibt eine abgesenkte
Steuer für das produzierende Gewerbe. Diese gilt aber
erst ab einem Verbrauch von 50 000 Kilowattstunden im
Jahr. Das heißt, ein Gewerbebetrieb, der nur 40 000 Ki-
lowattstunden im Jahr verbraucht, muß volle Steuern
bezahlen. Also wird er durch dieses Gesetz animiert, den
Energieverbrauch zu erhöhen, damit er in den Genuß ei-
ner abgesenkten Steuer kommt. Auch das ist völlig kon-
traproduktiv zu der ökologischen Zielstellung.

Es gibt einen dritten Punkt. Was wird aus den Ein-
nahmen? Sie sagen, Sie wollen die Einnahmen verwen-
den, um die Lohnnebenkosten zu senken. Bei einer
ökologischen Steuerreform müßten die Einnahmen doch
verwendet werden, um mit dem ökologischen Umbau zu
beginnen, um Nachhaltigkeit zu ermöglichen, um den
öffentlichen Nah- und Fernverkehr ökologisch und auch
sozial zu gestalten. Wenn Sie die Einnahmen so ver-
wenden würden, dann könnte man vielleicht von einer
ökologischen Steuerreform sprechen. Das kann man
doch aber nicht tun, wenn Sie eine Verbindung zu den
Lohnnebenkosten herstellen, zumal Sie sich damit in
folgende Schwierigkeit bringen: Wenn der Energiever-
brauch auf Grund dieser Reform wider Erwarten tat-
sächlich gesenkt werden sollte, dann hieße das doch, daß
Ihre Steuereinnahmen zurückgehen. Wenn aber Ihre
Steuereinnahmen zurückgehen, hieße das, daß Sie nicht
mehr das Geld zur Senkung der Lohnnebenkosten hät-
ten, und dann müßten Sie entweder die Lohnnebenko-
sten wieder erhöhen oder die Steuern erhöhen. Das ist
ein Kreislauf, aus dem Sie überhaupt nicht herauskom-
men. Deshalb ist das Ganze alles mögliche, aber mit Si-
cherheit keine ökologische Steuerreform.


(Beifall bei der PDS sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)


Ich sage Ihnen: Sie ist außerdem ungerecht. Darum
kommen Sie, Herr Minister Lafontaine, auch mit merk-
würdigen Verweisen auf zukünftige Folgen bei den
Renten etc. nicht herum.

Fakt ist doch, daß zum Beispiel auch die energiein-
tensive Industrie, also die Großindustrie, die Sie von der
Steuer befreien, in den Vorzug der Senkung der Lohn-
nebenkosten kommt. Das heißt, sie hat einzig und allein
einen Vorteil und bezahlt überhaupt nicht mehr. Wer fi-
nanziert diesen Vorteil? – Das sind in Wirklichkeit die
Sozialhilfeempfängerin, die Rentnerin und der Bäcker-
meister. Das ist höchst ungerecht und auch sozial völlig
unverträglich. Das muß ich Ihnen so deutlich sagen.


(Beifall bei der PDS sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)


Das sind all die Gruppen, die hier schon genannt
worden sind und für die Sie keinen Ausgleich vorsehen.
Die Sozialhilfeempfängerinnen und Sozialhilfeempfän-
ger, die Rentnerinnen und Rentner, die Arbeitslosen, die
Landwirte, die Studierenden, die Wehrpflichtigen, die
Zivildienstleistenden – all die werden das bezahlen


(Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die Abgeordneten auch!)


Carl-Ludwig Thiele






(B)



(A) (C)



(D)


und bekommen keinen Ausgleich oder werden damit
vertröstet, daß es irgendwann später für sie einen Vorteil
bringt. Das ist wirklich sozial höchst ungerecht.

Es gibt noch einen vierten Punkt, der hier auch noch
nicht angesprochen worden ist: Das ist der Osten. Sie
haben nämlich zwei Dinge in bezug auf den Osten ver-
gessen: Wir haben dort schon höhere Energiekosten und
wesentlich geringere Einnahmen als in den alten Bun-
desländern. Nun werden die Energiekosten noch höher,
ohne daß die Einnahmen gesteigert werden. Damit wird
es im Osten besonders ungerecht. Dafür haben Sie kei-
nerlei Ausgleichsansatz in Ihr Gesetz aufgenommen.


(Beifall bei der PDS)

Wenn man die Lohnnebenkosten wirklich senken

will, dann muß man ganz andere Schritte unternehmen.
Hierzu haben wir Vorschläge gemacht, die aber bisher
überhaupt keine Berücksichtigung gefunden haben. Zu-
nächst einmal müßte man sich darüber unterhalten, wer
eigentlich Sozialversicherungsbeiträge bezahlt und
wer nicht. Warum sind die besonders gut Verdienenden,
die Bundestagsabgeordneten einbezogen, hohe Beamte
und viele andere von dieser Versicherungspflicht ei-
gentlich befreit? Wenn wir die Bemessung diesbezüg-
lich gerechter gestalten würden, könnte man auch die
Beiträge senken.


(Beifall bei der PDS)

Ein zweiter Punkt, der uns ganz wichtig ist, ist fol-

gender: Warum machen Sie denn nicht eine mutige
Strukturreform? Was Sie machen, ist doch das, was wir
kennen: aus der einen Tasche heraus, in die andere Ta-
sche hinein. – Das hilft uns doch nicht weiter. Wir haben
einen Vorschlag gemacht. Tun Sie einen mutigen
Schritt, indem Sie sagen: Wir streichen den Arbeitge-
beranteil zu den Versicherungssystemen und ersetzen
ihn durch eine höchst flexible Bruttowertschöpfungs-
abgabe: Jedes Unternehmen zahlt nach seiner realen
Leistungsfähigkeit und nicht länger nach der Zahl der
Beschäftigten und der Höhe der Bruttolöhne, so daß
nicht mehr die arbeitsintensiven Unternehmen doppelt
und dreifach bestraft werden, wie das heute der Fall ist.
Das wäre arbeitsmarktpolitisch eine höchst sinnvolle
Reform.


(Beifall bei der PDS)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400901000
Herr Kollege
Dr. Gysi, damit haben Sie eigentlich Ihren Schlußpunkt
gefunden.


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1400901100
Es gibt auch noch andere
Möglichkeiten, die Schaffung von Arbeitsplätzen mit
Ökologie zu verbinden. Ich nenne Ihnen ein Beispiel:
Wenn Sie wirklich beabsichtigen, eine Strukturreform
durchzuführen, sollten Sie einmal darüber nachdenken,
ob Reparaturleistungen des Handwerks nicht mit
einer niedrigeren Mehrwertsteuer als heute belastet wer-
den könnten. Hiermit erzielten Sie drei positive Effekte:
Erstens könnte der Endverbraucher diese Handwerkslei-
stungen billiger in Anspruch nehmen, zweitens würde

das Handwerk gestärkt, und drittens wäre es ökologisch
sinnvoll, weil sich Reparaturen im Vergleich zu Neuan-
schaffungen wieder lohnen würden. Das wäre eine sinn-
volle Verbindung von sozialer und ökologischer Politik.


(Beifall bei der PDS – Zuruf des Abg. Joachim Poß [SPD])


– Sie haben gestern gerade einmal über 4 Milliarden DM
Steuereinnahmen gestrichen, ohne einen Satz dazu zu
sagen, wie Sie das Ganze ausgleichen wollen.


(Beifall bei Abgeordneten der PDS und der F.D.P.)


Dann haben Sie das Ganze als besonders sozial verkauft,
aber hinzugefügt, es entstünden keine Ansprüche durch
Einzahlung in die Versicherungssysteme. Das hatten wir
in der Geschichte der Bundesrepublik überhaupt noch
nie; das will ich hier deutlich sagen. Wir sind von die-
sem Vorschlag nicht sehr begeistert.


(Beifall bei der PDS und der F.D.P.)

Mein letzter Satz: Diese ökologische Steuerreform ist

weder ökologisch noch gerecht, noch sozial.

(Walter Hirche [F.D.P.]: Wirtschaftsfeind lich!)

Sie ist nichts anderes als eine zusätzliche Einnahme-
quelle, um anderes finanzieren zu können. Da das so ist,
sollten Sie diese Steuerreform wenigstens anders benen-
nen, um keinen Etikettenschwindel zu betreiben.

Danke schön.

(Beifall bei der PDS)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400901200
Das Wort hat
jetzt der Abgeordnete Detlev von Larcher.


(Michael Glos [CDU/CSU]: Ein ausgesprochener Sympathling!)



Detlev von Larcher (SPD):
Rede ID: ID1400901300
Frau Präsidentin! Sehr
geehrte Kolleginnen und Kollegen! Auf uns Sozialde-
mokraten und auf die von uns geführte Koalition ist
Verlaß.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Lachen bei der CDU/CSU – Michael Glos [CDU/CSU]: Blödsinn!)


Wir haben vor der Wahl angekündigt, daß wir die Lohn-
nebenkosten senken und damit die Nettoeinkünfte der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhöhen werden.
Wir haben in unserem Wahlprogramm und in zahllo-
sen Wahlkampfreden gesagt: Wir machen eine sozial-
ökologische Steuerreform. Wir haben das vor der Wahl
angekündigt, und jetzt tun wir es. Auf uns ist Verlaß!


(Beifall bei der SPD)

Schon drei Wochen nach der Konstituierung des 14.

Bundestages legen wir den entsprechenden Gesetzent-
wurf vor. Schon vor einer Woche haben wir unseren Ge-
setzentwurf zur Reform der Einkommensteuer vorgelegt

Dr. Gregor Gysi






(A) (C)



(B) (D)


und in erster Lesung beraten. Das zeigt: Diese Koalition
redet nicht nur, sondern sie tut, was sie sagt.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Aber was Falsches! – Walter Hirche [F.D.P.]: Sie müssen in die richtige Richtung gehen!)


– Herr Thiele und offenbar mit ihm die F.D.P. kritisieren
alle Seiten dieses Gesetzentwurfs. Herr Thiele schließt
sich der Kritik von Herrn Gysi an,


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Ich habe schon meine eigene!)


gleichzeitig weist er auf den internationalen Wettbewerb
hin. Das ist sehr widersprüchlich, Herr Thiele. Sie soll-
ten sich für eine Linie entscheiden, dann könnte man Sie
ernst nehmen.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Ich habe mich nicht für Herrn Gysi entschieden!)


– Sie haben die gleichen Argumente wie Herr Gysi ge-
bracht


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Wo er recht hat, hat er recht!)


und zugleich die anderen. Schauen Sie im Protokoll Ih-
rer Rede nach.

Die Regelungen des heutigen Gesetzentwurfs werden
zum 1. April des neuen Jahres wirksam. Dann sinkt der
Beitrag zur Rentenversicherung um 0,8 Prozentpunk-
te. Wir klagen nicht über zu hohe Sozialversicherungs-
beiträge, wir senken sie. Das Thema ist für uns alle nicht
neu:

Der Einsatz des Faktors Arbeit muß durch eine
Senkung der Lohnzusatzkosten relativ verbilligt
werden, der Energie- und Rohstoffverbrauch durch
eine schrittweise Anpassung der Energiepreise re-
lativ verteuert werden, beides zu einer aufkom-
mensneutralen Lösung intelligent verbunden wer-
den. So lautet die Aufgabe.

– Jetzt müßte eigentlich die CDU/CSU Beifall klat-
schen, denn dieses Zitat stammt von Herrn Schäuble und
wurde auch schon von meiner Kollegin Matthäus-Maier
in der Sitzung am 24. September 1997 vorgetragen.


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Das ist ja interessant! – Michael Glos [CDU/CSU]: Wir lassen uns nichts vorschreiben!)


Ich erinnere die CDU an ihren Parteitag in Karlsruhe.
Schauen Sie sich einmal die Protokolle an. Selbst in der
F.D.P. soll ja dieser Gedanke nicht unbekannt sein; sie
hat hier sogar einen dementsprechenden Gesetzentwurf
eingebracht. Wahrscheinlich war aber Herr Thiele nicht
dabei, als dieser Gesetzentwurf eingebracht wurde, denn
heute hat er ihn nicht mehr gekannt.


(Joachim Poß [SPD]: Weil Herr Thiele ein kurzes Gedächtnis hat!)


In vielen europäischen Staaten hat der Gedanke der
Energiesteuer schon zu praktischen Konsequenzen ge-
führt. Vorreiter im Hinblick auf die Energiebesteue-
rung sind wir beileibe nicht. Das sind vielmehr zum

Beispiel Dänemark, Schweden und die Niederlande.
Auch andere Länder sind in diesem Zusammenhang
schon genannt worden. Diese Länder erwarten von
Deutschland, daß wir eine solche Energiebesteuerung
jetzt nachholen. Sie erwarten das mit Recht. Wer hier
noch von einem nationalen Alleingang spricht, der will
die Öffentlichkeit in die Irre führen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400901400
Herr Kollege,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Hir-
che?


Detlev von Larcher (SPD):
Rede ID: ID1400901500
Bitte sehr.


Walter Hirche (FDP):
Rede ID: ID1400901600
Herr Kollege von Larcher,
ist Ihnen bewußt, daß zum Beispiel in Dänemark trotz
der Existenz einer Stromsteuer der Strompreis um
25 Prozent unter dem Strompreis in Deutschland liegt,
wo es keine Stromsteuer gibt?


(Monika Griefahn [SPD]: Weil die viele regenerative Energien haben!)


Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Aus-
wirkungen auf die Arbeitsplätze?


Detlev von Larcher (SPD):
Rede ID: ID1400901700
Lieber Herr Kollege, sie
haben jedenfalls eine Stromsteuer eingeführt, weil sie
den Verbrauch verteuern und genau dieses Signal geben
wollten. Wir holen das nach.


(Lachen bei der CDU/CSU)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400901800
Gestatten Sie
eine zweite Zwischenfrage des Abgeordneten Hirche?


Detlev von Larcher (SPD):
Rede ID: ID1400901900
Bitte sehr.


Walter Hirche (FDP):
Rede ID: ID1400902000
Ist Ihnen bekannt, daß in
Dänemark in den letzten Jahren, das heißt seit Einfüh-
rung der Ökosteuer, der CO2-Ausstoß nachweislich ge-stiegen ist?


Detlev von Larcher (SPD):
Rede ID: ID1400902100
Das ist mir nicht be-
kannt. Das kann man nachprüfen. Für den Fall, daß das
so ist, bin ich ganz sicher, daß die Dänen mit uns einen
Schritt weitergehen und den CO2-Ausstoß verringern.Sie werden das erleben.

Einen ersten Schritt zur ökologischen Umgestaltung
unseres Steuersystems tun wir vorsichtig und wohlab-
gewogen. Ab dem 1. April 1999 wird die Steuer auf
Benzin und Diesel um 6 Pfennig erhöht. Die Steuer auf
Heizöl erhöhen wir um 4 Pfennig je Liter. Erdgas wer-
den wir mit 0,32 Pfennig je Kilowattstunde zusätzlich
besteuern. Je Kilowattstunde Strom wird man ab
1. April 1999 Steuern in Höhe von 2 Pfennig zahlen.

Detlev von Larcher






(B)



(A) (C)



(D)


Den Anstieg der Energiekosten gleichen wir nicht
einfach nur aus. Mit dem Mehr an verfügbarem Ein-
kommen geben wir den Menschen mehr Entscheidungs-
freiheit. Denn sie entscheiden, wofür sie ihr Geld ausge-
ben wollen. Das ist übrigens mehr Marktwirtschaft.

Nun wird gesagt – wir haben dies erst heute wieder
gehört –, die Ökosteuer beeinträchtige die internatio-
nale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.
Diesen Bedenken sind wir weit entgegengekommen.
Wir ermäßigen die Steuersätze für das produzierende
Gewerbe, ja wir befreien sogar die besonders energiein-
tensiven Industriezweige von dieser Steuer. Die jetzt ge-
fundene Regelung stellt sicher, daß nur sehr wenige
Unternehmen durch die ökologische Steuerreform in
nennenswertem Umfang belastet werden.

Die Mehrzahl gerade auch der mittelständischen Un-
ternehmen – der Finanzminister hat darauf hingewiesen
–, die viel Personal beschäftigen, entlasten wir sogar
durch die sinkenden Rentenversicherungsbeiträge. Zu-
dem profitieren derzeit sehr viele Unternehmen von sin-
kenden Strompreisen infolge der Liberalisierung der
Elektrizitätsmärkte.

Manche meinen auch, wir seien den Bedenken zu
weit entgegengekommen. Ich habe für diese Einwände
durchaus Verständnis. Ich hätte mir – das will ich hier
freimütig sagen – durchaus vorstellen können, daß wir
auch für das produzierende und das energieintensive
Gewerbe mehr Anreize zum sparsamen Umgang mit
Energie geben.

Auch ist die Abgrenzung zwischen energieintensiven
und nicht energieintensiven Betrieben schwierig.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Das stimmt!)

Hierbei könnte man folgendes überlegen: Wir könnten ja
die gefundene Regelung befristen und nach dieser Frist
nur noch diejenigen Unternehmen begünstigen, die
nachweisen, daß sie in bezug auf die Energieeinsparung
alles getan haben, was ihnen möglich ist. Diesen Nach-
weis könnten sie durch ein Öko-Audit führen. Darüber
sollten wir einmal nachdenken.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – CarlLudwig Thiele [F.D.P.]: Macht doch eine Fraktionssitzung!)


Auf der anderen Seite ist auch wahr: Viel mehr als
auf die Größe der Schritte kommt es auf den langfristig
sichtbaren Pfad der Entwicklung an. Mit unserem heuti-
gen Gesetzentwurf erfolgt der Einstieg. Die nächsten
Schritte sind ebenso wichtig.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Wir werden in der Europäischen Union energisch

darauf hinarbeiten, daß es zu gemeinsamen Regeln für
die Energiebesteuerung kommt. Ich bin sicher: Wir wer-
den dies sehr schnell erreichen. Denn auch hier war der
ehemalige Bundeskanzler der Bremser in Europa.


(Beifall bei der SPD – Zurufe von der CDU/CSU: Was?)


– Fahren Sie nach Brüssel; da wird Ihnen das gesagt.

(Dr. Theodor Waigel [CDU/CSU]: Das ist ja ungeheuerlich!)


– Herr Waigel, die Wahrheit muß man hören können.
Die gemeinsamen Regeln in Europa werden Wettbe-

werbsverzerrungen durch die Energiebesteuerung aus-
schließen. Danach können wir die Begünstigung be-
stimmter Branchen beenden.

Diejenigen Unternehmen, die jetzt eine geringe
Mehrbelastung in Kauf nehmen müssen, können sich
darauf einstellen, daß sie dann unter vergleichbaren Be-
dingungen wie die europäische Konkurrenz produzieren
können.

Meine Damen und Herren, es heißt, wir sollten bei
den Innovationen nicht nur die Risiken, sondern vor al-
lem die Chancen sehen. Das ist richtig. Die meisten, die
das sagen, denken dabei an neue Technologien, neue
Produktionsverfahren und neue Produkte. Es gibt aber
auch gesellschaftliche Innovationen, und auch dafür
sollte dies gelten. Die ökologische Steuerreform ist eine
solche gesellschaftliche Innovation.


(Beifall des Abg. Joachim Poß [SPD])

Reden wir also über die Chancen! Mit der langsamen

und berechenbaren Anhebung der Steuern auf den Ener-
gieverbrauch geben wir Wirtschaft und Verbrauchern
klare marktwirtschaftliche Signale. Sie können sich so
bereits heute auf zukünftige Rahmenbedingungen ein-
stellen. Unternehmen können mit einer solchen verläßli-
chen Planungsgrundlage ihre Aktivitäten besser und be-
triebswirtschaftlich sinnvoll auf das Ziel ausrichten, das
auch Sie für vernünftig halten, nämlich den Energiever-
brauch bzw. die CO2-Emissionen zu verringern.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Aber wie sieht die zweite Stufe aus?)


Das gilt für die Planung von Investitionen, Herr Thiele,
und für Produktionsabläufe, bei denen die Prozeßenergie
zukünftig eine größere Rolle spielen wird. Das gilt auch
für die Entwicklung neuer Produkte, zum Beispiel kraft-
stoffsparender Automobile, oder die Weiterentwicklung
von Technologien zur besseren Nutzung regenerativer
Energien.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400902200
Herr Kollege,
gestatten Sie eine Zwischenfrage der Kollegin Pieper?


Detlev von Larcher (SPD):
Rede ID: ID1400902300
Bitte sehr.


Cornelia Pieper (FDP):
Rede ID: ID1400902400
Herr Kollege, wie bringen
Sie die ökologische Steuerreform damit in Einklang, daß
der Bundeskanzler den Aufbau Ost zur Chefsache ge-
macht hat? Wie erklären Sie sich, daß sich mehrere ost-
deutsche Firmen in einem offenen Brief an den Bundes-
kanzler und den Staatsminister für den Aufbau Ost ge-
wandt haben und darauf hingewiesen haben, daß die
steigenden Energiepreise letztendlich zur Vernichtung
von Arbeitsplätzen insbesondere in den neuen Bundes-
ländern beitragen? Wissen Sie von dem Vorhaben der
Rautenbach AG in Wernigerode, Investitionen in Höhe
von 40 Millionen DM nächstes Jahr nicht in Wernigero-
de, in Sachsen-Anhalt, zu tätigen, sondern in Osteuropa,

Detlev von Larcher






(A) (C)



(B) (D)


weil von der Bundesregierung angekündigt worden ist,
daß sich die Energiepreise erhöhen werden, insbesonde-
re für den Mittelstand in den neuen Bundesländern?


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Alles vorgeschoben!)



Detlev von Larcher (SPD):
Rede ID: ID1400902500
Frau Kollegin, wenn Sie
mir zugehört hätten, hätten Sie bemerkt, daß ich auf die
Belastungen der Betriebe, insbesondere der mittelstän-
dischen Betriebe, eingegangen bin. Es ist doch kein
Wunder, daß, wenn ein Gesetz vorgelegt wird, jeder ver-
sucht, noch in den Beratungen seine Interessen vertreten
zu sehen.

Ich könnte Ihnen jetzt von den Handwerksbetrieben
in meinem Wahlkreis berichten, die ich im Wahlkampf
und auch zuvor aufgesucht habe und denen ich die Frage
gestellt habe: Was belastet euch am meisten? Da war
immer von den Lohnnebenkosten die Rede.


(Beifall bei der SPD)

Sie werden diesem Gesetz zustimmen; sie werden nicht
dagegen sein.

Was will ich damit sagen? Im Laufe der Beratungen
werden wir noch viele Einwände hören. Herr Thiele,
auch Sie haben hier einen Pappkameraden aufgebaut.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Ne, ne, ne!)

– Natürlich haben Sie einen Pappkameraden aufgebaut.
Sie haben von dem Zeitplan gesprochen, der vom In-
krafttreten zum 1. Januar ausgegangen ist; da war das,
was Sie gesagt haben, richtig. Wenn das Inkrafttreten
aber erst zum 1. April erfolgt, ist es doch selbstver-
ständlich, daß wir die Beratungen im Finanzausschuß
strecken können.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Das finde ich ja gut!)


Sie müssen hier also gar nicht solch ein Theater machen.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400902600
Herr Kollege
von Larcher – –


Detlev von Larcher (SPD):
Rede ID: ID1400902700
Ich antworte noch auf
die Frage.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400902800
Gerade haben
Sie auch noch dem Kollegen Thiele geantwortet. Aber
jetzt besteht der Wunsch nach einer Nachfrage.


Detlev von Larcher (SPD):
Rede ID: ID1400902900
Ich möchte jetzt diesen
Gedanken vollenden.

In den Beratungen werden wir noch ganz viele Ein-
wände hören und den Versuch vieler Interessengruppen
erleben, daß ihre Interessen berücksichtigt werden. Das

muß man sorgfältig prüfen. Prüfet alles, und dann ent-
scheidet richtig, lautet die Devise!


(Walter Hirche [F.D.P.]: Aber Sie können doch nicht sagen, Thiele hat einen Pappkameraden aufgebaut, nur weil er vor Gysi gesprochen hat! Das geht nicht!)



Cornelia Pieper (FDP):
Rede ID: ID1400903000
Herr Kollege, Sie werden
doch sicherlich zugeben, daß nicht nur die Lohnneben-
kosten Kosten für die Betriebe sind, sondern daß letzt-
endlich auch die Energiepreise, die Preise für Strom die
Betriebskosten erhöhen können. Ich frage Sie noch ein-
mal: Bedeuten Ihre Äußerungen, daß der Aufbau Ost für
Sie nicht mehr Chefsache ist?


(Zurufe von der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh!)



Detlev von Larcher (SPD):
Rede ID: ID1400903100
Nein, das heißt es
selbstverständlich nicht. Das Wort des Bundeskanzlers
gilt, Frau Kollegin.


(Beifall bei der SPD)

Ich sprach von den Chancen, die die ökologische

Steuerreform bietet. Wir schaffen damit auch für die
Verbraucher Anreize – vorher habe ich davon gespro-
chen, wie wir Anreize für das produzierende Gewerbe
schaffen –, frühzeitig besonders energiesparende Pro-
dukte zu nutzen. Damit unterstützen wir auch die
Markteinführung zukunftsweisender, weil energiespa-
render Technologien. Es kann nicht oft genug gesagt
werden – ganz besonders den Skeptikern –: In der ge-
sellschaftlichen Innovation Ökosteuer stecken große
Chancen für technologische und wirtschaftliche Inno-
vationen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Mit unserer Ökosteuer verbessern wir also die Bedin-

gungen für die deutsche Wirtschaft auf dem internatio-
nalen Markt; denn sie wird sich neue technologische
Vorsprünge erarbeiten – jedenfalls gilt das für diejeni-
gen, die wirklich Unternehmer sind – und Rückstände
aufholen, die nicht zuletzt durch den Kleinmut und die
Untätigkeit der abgewählten Bundesregierung in der
Frage der Energiebesteuerung entstanden sind. Hier lie-
gen also die großen Chancen für innovative Unterneh-
men und für die Schaffung von Arbeitsplätzen; Chancen
für die Schaffung neuer Arbeitsplätze liegen aber auch
darin, daß wir die Lohnnebenkosten konsequent abbau-
en.


(Zuruf von der CDU/CSU: Das stimmt doch gar nicht!)


Ich rufe also von dieser Stelle uns allen hier, den
Unternehmen in unserem Lande und den Interessenver-
bänden zu: Nutzen wir die Chancen!


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Dr. Theodor Waigel [CDU/CSU]: Glück auf!)


Es ist übrigens beklagt worden, man könne den roten
Faden nicht sehen. Deswegen haben wir heute einen

Cornelia Pieper






(B)



(A) (C)



(D)


Antrag auf Drucksache 14/66 (neu) vorgelegt, damit
auch die Farbenblinden, Herr Merz und Herr Thiele,


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Das nehmen Sie aber zurück!)


den roten Faden erkennen können. Sie finden darin eine
kurze Zusammenfassung dessen, was wir vorhaben. Ich
bitte Sie herzlich um Ihre Zustimmung.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400903200
Das Wort hat
jetzt der Abgeordnete Hans Michelbach.


(Zuruf von der SPD: Um Gottes willen!)



Hans Michelbach (CSU):
Rede ID: ID1400903300
Sehr geehrte Frau
Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Herr
Kollege von Larcher, auf die SPD ist ja wirklich Verlaß:


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Das stimmt! Immer!)


Verlaß im Chaos, Verlaß bei Steuererhöhungen. Das
sieht man bei dieser Ökosteuer.


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Unsinn!)


Da haben Sie wirklich recht.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Detlev von Larcher [SPD]: Daß Sie auch nicht lesen können, wußte ich!)


Der Gesetzentwurf zum Einstieg in die ökologische
Steuer- und Abgabenreform zeigt: Die rotgrüne Zauber-
formel „Energie verteuern, Arbeit verbilligen“ geht nicht
auf; sie ist durch ein miserables Gesetz entzaubert wor-
den. Dieses Gesetz hat keinen marktwirtschaftlichen, es
hat in weiten Teilen einen planwirtschaftlichen Ansatz.


(Lachen bei der SPD – Zuruf von der SPD: Unglaublich!)


Die Ökosteuer wird vielmehr zum Bankräuber für Ver-
braucher, Mittelständler und Landwirte, zum Taschen-
dieb für Hausfrauen, Rentner, Studenten und Pendler
und zum Betrüger an den Chancen des ländlichen Rau-
mes. Das ist die Situation.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Der Gesetzentwurf ist weder ein zielführender Ein-

stieg in eine ökologische Steuerreform noch eine ziel-
führende Reform zur Senkung der Abgaben.


(Joachim Poß [SPD]: Das ist auch keine zielführende Rede, die Sie halten! Sie verfehlen ständig das Ziel! Sie sind Spezialist für das Ziele-Verfehlen!)


Für mich ist dies ein abstruses Sammelsurium aus Ideo-
logie, Illusion, Dirigismus und staatlicher Willkür.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)


Zu diesem Urteil muß man kommen, weil der Ge-
setzentwurf keinerlei Umweltziele erreicht und keinerlei
Lenkungsanreize bietet, sondern eine reine Geldbe-
schaffungsmaßnahme für rotgrüne Wahlversprechun-
gen darstellt,


(Joachim Poß [SPD]: Das haben Sie gemacht!)

weil Verbraucher und Pendler über Gebühr belastet
werden und bei Bürgern soziale Härten entstehen – in
Deutschland gibt es ohnehin schon die höchsten Strom-
preise –, weil dadurch kein einziger Arbeitsplatz ge-
schaffen werden kann, da die Senkung der Lohnneben-
kosten zu gering ausfällt, und weil es keine Einbindung
der Wirtschaft in ein energiepolitisches Gesamtkonzept
gibt. Damit wird unser Steuerrecht nur komplizierter.
Dazu kommt – das ist besonders wichtig –, daß die Prei-
se steigen und damit die Inflation zunimmt, so daß die
Investitionen in unseren Betrieben behindert werden.
Das ist kein Gesamtkonzept für mehr Wachstum und
Beschäftigung;


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Sehr richtig!)

das ist ein massives Abkassiermodell. Es verdient höch-
stens die Note 6,4.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)


Zum Thema Ideologie und Illusion dieses Gesetzes.
Es gibt keine doppelte Dividende, mit der man mehrere
Probleme gleichzeitig löst. Die erste Dividende, ökolo-
gische Lenkungseffekte, wird ebensowenig erreicht –
das gibt inzwischen jeder zu, auch bei den Grünen – wie
die zweite Dividende, die Steigerung der Beschäfti-
gung. Wie zu errechnen ist, führt die ökosteuerfinan-
zierte Quersubventionierung der Lohnnebenkosten we-
der zu einer nennenswerten Senkung der Abgabenquote
noch zu einer nennenswerten Entlastung der Arbeitsko-
sten. Sinkende Beiträge? Das ist angesichts des Rück-
gängigmachens unserer Reformen geradezu eine Farce.
Selbst wenn die Senkung um 0,8 Prozent, die Sie ange-
ben, greifen würde: Das macht in meinem Betrieb nur
25 Pfennig pro Arbeitsstunde aus. Glauben Sie, daß ich
mit 25 Pfennig pro Arbeitsstunde auch nur einen Ar-
beitsplatz mehr schaffen kann? Unter dem Strich habe
ich in meinem Betrieb Mehrkosten von 48 000 DM.
Damit kann ich weniger investieren, damit kann ich we-
niger Arbeitsplätze schaffen. Das ist die Wahrheit dieses
Gesetzes.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. – Detlev von Larcher [SPD]: Herr Michelbach, der Verdreher der Wahrheit!)


Die rotgrünen Ökosteuervorschläge erinnern an eine
geradezu klassische Schmalspurökonomie, die auf eine
ökologisch nicht wirksame Lenkung der Wirtschaft ab-
zielt.


(Detlev von Larcher [SPD]: Herr Michelbach, der Experte für Schmalspur!)


Detlev von Larcher






(A) (C)



(B) (D)


Wenn Herr Trittin von Marktwirtschaft spricht und da-
von, daß er den Faktor Arbeit von Kosten entlasten will,
dreht sich bei mir der Magen um.


(Michael Glos [CDU/CSU]: Sehr wahr! – Detlev von Larcher [SPD]: Dann gehen Sie raus!)


Er ist sicher der falscheste Zeuge für den Vorwurf an
uns, wir hätten die Sozialversicherungsbeiträge seit 1990
nur erhöht. Da war doch was? Da gab es die Wiederver-
einigung.


(Walter Hirche [F.D.P.]: Die wollte er nicht!)

Hat Herr Trittin das schon vergessen? Vielleicht hat er
sie nie gewollt.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.] – Michael Glos [CDU/CSU]: Der Mann hat doch nur den Zusammenbruch des Kommunismus bedauert!)


Die rotgrüne Koalition schürt mit diesem Gesetz eher
eine Ökologie- und Fiskalillusion. Man kann dazu auch,
wie der Kollege Thiele, „Etikettenschwindel“ sagen.


(Heinz Seiffert [CDU/CSU]: Ja!)

Der Widerstand des Steuerzahlers soll vergleichsweise
gering sein, wird ihm jedoch suggeriert, daß er die Um-
welt schone und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit
beitrage. Dem Verbraucher wird vermittelt, er zahle für
etwas besonders Gutes. Tatsache ist jedoch: Die Öko-
steuer ist für die meisten Bürger, für die meisten Betrie-
be eine Steuererhöhung, gewissermaßen mit Ökoschein
als Volksverdummung.


(Peter Dreßen [SPD]: Und was ist mit der Kürzung der Sozialbeiträge?)


Noch nie ist mit den Wörtern „Innovation“ und „Moder-
nisierung“ mehr Schindluder getrieben worden als bei
dieser Ökosteuerreform.


(Uta Titze-Stecher [SPD]: Quatsch!)

Denn es handelt sich weder um eine Innovation noch um
eine Modernisierung.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der F.D.P.)


Meiner Meinung nach wissen Sie gar nicht, was Sie
tun. Ihr Entwurf enthält Widersprüche. Erklären Sie mir
einmal folgendes: Im Vorblatt zu diesem Gesetz heißt
es: „Die Preise“ für Energienutzung „sind in Deutsch-
land zu niedrig“.


(Zurufe von der SPD: Richtig!)

In der Begründung der Steuerbefreiungen heißt es: Das
Energiepreisniveau in Deutschland ist eines der höch-
sten in der Europäischen Union. Das ist doch ein Wider-
spruch, und das in der Begründung eines Gesetzent-
wurfs.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.])


Lesen Sie Ihr Gesetz nicht, kennen Sie es nicht?

Die Mehrbelastung eines typischen Vierpersonen-
haushaltes durch diese Ökosteuer beträgt in der ersten
Stufe 341 DM pro Jahr. Das ist klar zu errechnen.
Schreibt man die Zahl mit den von Ihnen bisher vorge-
sehenen Stufen fort, steigt die Mehrbelastung des ange-
sprochenen Vierpersonenhaushaltes auf 1 020 DM.
Demgegenüber beträgt seine Entlastung bei einem
Bruttoverdienst von 60 000 DM mit der Reduzierung
um 0,8 Prozent gerade einmal 240 DM.


(Peter Dreßen [SPD]: Das Kindergeld hinzurechnen! – Joachim Poß [SPD]: Hören Sie doch auf!)


Die normale Familie zahlt also drauf. Das heißt, es geht
nicht nur um die Firmen, die draufzahlen, es geht insbe-
sondere auch um die normale Familie. Auch diese kas-
sieren Sie glatt ab.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Ein Wort zu Dirigismus und staatlicher Willkür in

diesem Gesetz. Die rotgrüne Politik geht mit dem Ein-
stieg in die Ökosteuerreform und in weitere Stufen an
die Substanz unseres Wirtschaftsstandortes, da die Öko-
steuer zu einer zusätzlichen Belastung der deutschen
Wirtschaft und der Verbraucher führt. Auf Grund der –
wenn man sich den internationalen Vergleich ansieht –,
bereits ohnehin hohen Steuer- und Abgabenbelastung
deutscher Unternehmen, wird sich der Prozeß der Ar-
beitsplatzverlagerung und -rationalisierung mit einer
Ökosteuer beschleunigen, wenn die Scham des Einstiegs
überwunden ist und weitere Erhöhungsstufen kommen.
Darauf setzen Sie. Eine nationale Ökosteuer ist für die
deutsche Wirtschaft die falsche Therapie. Die Ökosteuer
ist insbesondere für den Mittelstand ein Vernichtungs-
programm, weil Sie viele Branchen des Mittelstandes
nicht ausnehmen. Deswegen ist dies ein Arbeitsplatz-
und Mittelstandsvernichtungsprogramm.


(Beifall bei der CDU/CSU – Michael Glos [CDU/CSU]: So ist es! Reine Willkür! – Widerspruch bei der SPD)


Ein Wort zu der Bemessungsgrundlage, die Sie in
dem Gesetzentwurf vorgesehen haben. Die Ökosteuer ist
damit nicht nur Illusion, sondern auch ein Akt staatlicher
Willkür. Die Bemessungsgrundlage mit der Auswahl an
Ausnahmeregelungen erzeugt tiefe und tiefgehende Un-
gerechtigkeiten – nichts anderes – und eine Teilung der
Wirtschaft. Noch nie hat ein Gesetz in Deutschland eine
Teilung der Wirtschaft in dieser Form hervorgerufen,
wie Sie das beabsichtigen.

Dies führt bei Firmen, die den Umweltschutz bisher
betrieben haben, zu Wettbewerbsverzerrungen und zu
Benachteiligungen. Das ist für mich eine Förderung des
Altmaschinenmarktes. Der, der bisher eine umwelt-
freundliche Maschine angeschafft hat und damit unter
6,4 Prozent Energieverbrauch an den Gesamtbetriebsko-
sten liegt, hätte am besten die alte Maschine noch wei-
terlaufen lassen, weil er dann wieder über 6,4 Prozent
Energieverbrauch gelegen hätte und damit letzten Endes
durch die Ökosteuer entlastet worden wäre.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)


Hans Michelbach






(B)



(A) (C)



(D)


Das ist doch eine schizophrene Politik. Die darf doch
gar nicht so betrieben werden. Die betroffenen Betriebs-
branchen werden geteilt, eine Teilung der Wirtschaft,
die unglückselig ist und die Sie noch bereuen werden.
Es steckt natürlich eine Staatswillkür dahinter. Das kann
in keinem Fall so durchgehen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)


Auch bei Ihren geliebten energieintensiven Großun-
ternehmungen, die Sie auf deren Druck aus der Besteue-
rung herausgenommen haben, haben Sie letzten Endes
völligen Unsinn gemacht,


(Michael Glos [CDU/CSU]: Nackte Willkür!)

zum Beispiel bei der Zuckerindustrie, die ganz eng mit
der Landwirtschaft verbunden ist. So gehören beispiels-
weise die Zuckerindustrie, aber auch energieintensive
Handwerksbetriebe sowie Mischfirmen aus dem Bereich
des Handels und der Produktion nicht zu Ihren begün-
stigten Branchen. Was haben Ihnen diese Leute getan,
daß deren Betriebe von Ihnen nicht ausgenommen wer-
den? Das muß man hier einmal deutlich machen.


(Dr. Theodor Waigel [CDU/CSU]: Karies! – Michael Glos [CDU/CSU]: So ist es!)


Die Abgrenzung zwischen den Betrieben und die Be-
freiung von der Ökosteuer sind unter ökologischen und
wirtschaftlichen Gesichtspunkten völliger Unsinn. Sie
betreiben hier gewissermaßen ein Ökolotteriespiel.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)


Der Gipfel der Willkür ist, daß Kohle als größter
Umweltverschmutzer nicht direkt besteuert wird, dafür
aber bestimmte regenerative Energien, wie zum Beispiel
Strom aus Wasserkraftanlagen über 5 kW, ausgenom-
men werden. Auch das muß man doch deutlich machen.

Ich komme zum Schluß.

(Zustimmung bei der SPD)


Herr Bundesfinanzminister, es besteht kein Bedarf in
Sachen zusätzlicher steuerlicher Belastung für den Bür-
ger und die Unternehmen. Die Ökosteuer erweist sich
als ein reines Abkassiermodell, um Ihre Staatskassen zu
füllen und um Geld für die Umsetzung Ihrer Vertei-
lungsideologie zu beschaffen.


(Detlev von Larcher [SPD]: So ein Unsinn!)

Daß Sie Geld ohne Ende für Ihre Verteilungsspiele
brauchen, sehe ich ein;


(Detlev von Larcher [SPD]: Bewußt die Unwahrheit!)


denn wenn man in einer Woche –


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400903400
Herr Kollege,
bitte machen Sie noch einen Satz und dann Schluß.


Hans Michelbach (CSU):
Rede ID: ID1400903500
– 10 Milliarden DM
für die Ökosteuer und 4,5 Milliarden DM für 620-DM-

Kräfte ausgibt, dann verstehe ich, daß man nicht genug
Geld hat. Ich kann Ihnen nur sagen: Sie haben es durch
Ihre Steuerpolitik fertiggebracht, uns innerhalb von vier
Wochen in ein Steuerchaos zu stürzen.


(Detlev von Larcher [SPD]: Das sagen Sie, der das Steuerrecht völlig verwüstet hat!)


Es gilt das Prinzip: Geldbeschaffung über alles. Bei Ih-
nen muß man Angst haben, daß Sie zur Geldbeschaffung
noch eine Alkoholsteuer erfinden, von der Alkoholiker
ausgenommen werden.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. – Detlev von Larcher [SPD]: Die Steuerverwüster sprechen von Steuerverwüstung!)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400903600
Das Wort hat
jetzt der Abgeordnete Reinhard Loske.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

gen! Es war nicht anders zu erwarten: Wenn die neue
Regierung mit einem wirklichen Reformprojekt Ernst
macht, dann wittert die rechte Seite dieses Hohen
Hauses Gefahr für den Standort Deutschland.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)


Als neuer Abgeordneter ist es für mich allerdings auch
interessant, zu sehen, welche neuen Allianzen sich hier
auftun: Horrorszenarien von rechts, Populismus von
ganz links;


(Dr. Barbara Höll [PDS]: Na, na! Kein Populismus!)


das gibt insgesamt keinen Sinn.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Meine Damen und Herren, die ökologisch-soziale

Steuerreform setzt einen Wandel in Gang, einen Wan-
del, der zur Neuausrichtung des technischen Fortschritts
in Richtung Ressourceneffizienz führen wird, hin zur
Entlastung der Umwelt und hin zu mehr zukunftsfähigen
Arbeitsplätzen. Uns ist bewußt, daß dieser erste Schritt
auf einem langen Weg ein kleiner ist. Wenn es allein
nach den Grünen gegangen wäre, hätte dieser Schritt zu-
gegebenermaßen etwas anders ausgesehen. Aber es ist
ein erster Schritt, und vor allen Dingen geht er in die
richtige Richtung.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Das Ziel ist für uns vollkommen klar: Arbeit muß in
diesem Lande billiger, Umwelt- und Energieverbrauch
müssen teurer werden. Es ist schade, daß Herr Schäuble
und Herr Repnik jetzt nicht hier sind; vielleicht ist ihnen
diese Diskussion unangenehm. Aber bei diesen beiden
Herren und auch bei einigen anderen aus der CDU/CSU-
Fraktion sind die Fakten doch längst angekommen. Ich
will mir jetzt nicht die Mühe machen, die entsprechen-
den Reden zu zitieren, vor allen Dingen die von Herrn

Hans Michelbach






(A) (C)



(B) (D)


Schäuble. Ich habe eine wunderbare Rede von Herrn
Schäuble dabei, die er am 20. September letzten Jahres
vor dem CSU-Arbeitskreis „Umwelt“ in Ingolstadt zur
ökologischen Steuerreform gehalten hat. Ich kann nur
sagen: Er hat verstanden, wo die Probleme liegen. Er hat
erkannt, daß das, was wir jetzt tun, der richtige Weg ist.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Ich glaube, er muß sich sehr verbiegen, wenn er jetzt
gegen die ökologische Steuerreform wettert.


(Detlev von Larcher [SPD]: Das fällt ihm aber nicht schwer!)


Wir haben heute in den Zeitungen lesen können, daß
der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer aus-
drücklich begrüßt hat, daß der Einstieg in die ökologi-
sche Steuerreform in Deutschland jetzt gelingt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Zurufe von der SPD: Hört! Hört!)


Herr Töpfer ist nicht der schlechteste Kronzeuge aus
Ihren Reihen. Ich habe allerdings vollstes Verständnis
dafür, daß er sich in Nairobi etwas wohler fühlt als hier.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Wir auch!)

Der Unterschied zwischen dem, was Schäuble und

Repnik machen wollten, und dem, was wir jetzt vorle-
gen, liegt nicht in der Sache; der Unterschied liegt im
Handlungswillen.


(Zustimmung des Abg. Detlev von Larcher [SPD])


Für sie war die ökologische Steuerreform immer nur
eine gute Idee. Für ihre Umsetzung ist aber nichts
gemacht worden. Wir reden nicht nur, sondern wir han-
deln auch. Das ist der entscheidende Unterschied.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


In Bonn ist zumindest bei den Insidern bekannt, daß es
1995 im Kanzleramt ein Gespräch zwischen dem ehema-
ligen Bundeskanzler und dem BDI-Vorsitzenden Henkel
gegeben hat. Dort ist verabredet worden: Eine ökologi-
sche Steuerreform wird es nicht geben, solange dieser
Kanzler im Amt ist. Einer der beiden, Bundeskanzler
Kohl, ist inzwischen abgewählt worden. Mal sehen, was
aus dem anderen wird. Ich bin da zuversichtlich.


(Joachim Poß [SPD]: Herr Kohl kann das richtigstellen!)


Meine Damen und Herren, vielleicht sollten wir trotz
der Unruhe auf seiten der neuen, der noch jungen Oppo-
sition kurz versuchen, unseren Standort zu bestimmen.
Es wurde bereits darüber gesprochen, daß in der akade-
mischen Welt seit langem, eigentlich schon seit 1920
mit Pigou, aber vor allen Dingen in den letzten 10 bis
15 Jahren über die ökologische Steuerreform weitge-
hendes Einvernehmen besteht. Wir wissen alle: Die
Preise sagen uns heute nicht die ökologische Wahrheit.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Wir wälzen Lasten auf zukünftige Generationen ab.

Wenn wir uns die aktuellen Trends anschauen, dann
müssen wir feststellen: Die Energiepreise sinken. Die
Spirale nach unten hält an. Das Ergebnis ist offenkun-
dig: Weil Preisanreize zur Energieeinsparung, zum effi-
zienten Umgang mit Ressourcen fehlen, haben wir ver-
stärkt Klimaveränderungen, Waldschäden und auch
Probleme mit Atommüll und anderen Folgen der Kern-
energie. Das ist nicht zu verantworten.

Man muß moralisch oder ethisch gar nicht nur mit
den zukünftigen Generationen argumentieren; denn wir
haben auch in der Gegenwart gute Argumente. Es gibt
nämlich glasklare Alternativen zu dem Energiemodell,
das wir derzeit haben. Wenn man sich anschaut, was auf
den Zukunftsmärkten – Energieeffizienz, erneuerbare
Energien und Energiedienstleistungen – alles passiert,
dann kann man sagen: Da ist Musik drin. Das sind echte
Zukunftsmärkte. Auf diesen attraktiven Geschäftsfeldern
müssen wir dabeisein.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Die laufen schon jetzt!)


Man kann ganz deutlich sagen: Niedrige Energiepreise
sind für diese Zukunftsbranchen direkt schädlich.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – CarlLudwig Thiele [F.D.P.]: Das geschieht schon jetzt, ohne Ökosteuer!)


Wenn wir den Ingenieursverstand auf Energieeffizi-
enz und -einsparung lenken wollen, dann können wir
kein Interesse an niedrigen Energiepreisen haben. Daß
wir entsprechenden Ingenieursverstand in diesem Lande
haben, wird die rechte Seite dieses Hohen Hauses
sicherlich bestätigen.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Das stimmt!)

Es ist ganz wichtig, daß wir den Anspruch haben, die

Nummer eins in Sachen Klimaschutz und ökologischer
Modernisierung zu werden. Auch dafür brauchen wir die
ökologische Steuerreform.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Dr. Barbara Höll [PDS]: Der Anspruch genügt aber nicht!)


Meine Damen und Herren, für uns ist die Aufkom-
mensneutralität ganz wichtig. In dem Punkt unter-
scheiden wir uns übrigens auch von Herrn Gysi. Das,
was durch die Energiesteuer hereinkommt, soll voll und
ganz an die Bürgerinnen und Bürger zurückgegeben
werden. Die alte Regierung – das wurde schon gesagt –
hat in den letzten sieben Jahren bei den Autofahrern
zweimal kräftig zugelangt; aber das Geld ist in den
schwarzen Löchern von Theo Waigel verschwunden und
nicht zurückgegeben worden. Das ist der entscheidende
Unterschied.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Das, was wir im Bereich der Erneuerung des Ver-
kehrswesens, der Förderung erneuerbarer Energien usw.
sinnvollerweise tun müssen, soll aus der Streichung von
ökologisch kontraproduktiven Subventionen finanziert

Dr. Reinhard Loske






(B)



(A) (C)



(D)


werden, aber nicht aus der ökologischen Steuerreform.
Das ist der entscheidende Gedanke.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400903700
Herr Kollege,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Hirche?


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



(Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt kommt wieder Dänemark!)



Walter Hirche (FDP):
Rede ID: ID1400903800
Herr Kollege Loske, ich
weiß ja, daß Sie in dieser Diskussion sehr engagiert
sind; wir haben auch mehrfach miteinander darüber ge-
sprochen. Wie wollen Sie es korrigieren, daß ausgerech-
net die Bahn mit der neuen Steuer belastet wird, und
wie soll das, wenn man jetzt dem Gedanken des Um-
steigens auf öffentlichen Nah- und Fernverkehr folgt,
eigentlich miteinander in Verbindung gebracht werden?


(Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Euer Herzensthema, was?)



(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

und es wird noch über Detailprobleme geredet werden.
Zeitlich haben wir jetzt etwas mehr Luft bekommen; das
ist auch gut so. Wir haben gerade gehört, daß die Anhö-
rung verschoben wird.

Grundsätzlich kann ich – auch in Absprache mit un-
serem verkehrspolitischen Sprecher – folgendes sagen:
Wir haben in der Tat eine Mehrbelastung bei der Bahn.
Sie wird aber durch die Senkung der Lohnzusatzkosten
entlastet. Wenn dann die verbleibende Nettobelastung
auf die Tonnen- bzw. Personenkilometer umgelegt wird,
dann werden wir eine durchschnittliche Mehrbelastung
von 15 Pfennigen pro 100 Kilometer haben. Das ist na-
türlich im Moment noch ein Wert, der über den Daumen
ermittelt wurde. Bei Benzin wären es, wenn wir einmal
von einem Verbrauch von 10 Litern pro 100 Kilometer
ausgehen, 60 Pfennige mehr pro 100 Kilometer, so daß
die Bahn sogar relativ bessergestellt ist. Es wird also
überhaupt kein Anreiz geschaffen, Verkehr von der
Schiene auf die Straße zurückzuverlagern.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Kerstin Müller [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Setzen, sechs, Herr Hirche! – Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das war es, Herr Hirche!)


Wir machen mit der ökologischen Steuerreform auch
deshalb Ernst, weil wir glauben, daß sie einen Beitrag
zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit leisten kann. Wir
sagen nicht, sie sei der Königsweg zur Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit; das wissen alle, die sich mit dem The-
ma beschäftigen. Aber die Steuerreform kann dazu einen
Beitrag leisten. In diesem Zusammenhang muß man
allerdings auch einmal deutlich sagen, daß unter dieser

Regierung die Lohnnebenkosten ständig angestiegen
sind. Es war die Rede von einem Anstieg von 35 auf
43 Prozent.


(Joachim Poß [SPD]: Unter der alten Regierung!)


– Unter der alten Regierung, Entschuldigung. Man muß
sich zugegebenermaßen erst daran gewöhnen.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Das stimmt allerdings! – Joachim Poß [SPD]: Das ist die schlimmste Erblast!)


In einigen Bereichen wollen wir in Zukunft – das
werden wir dann noch sehen – durchaus Kontinuität an
den Tag legen; ich nenne hier nur das Stichwort Außen-
politik. Aber in diesem Bereich wollen wir definitiv kei-
ne Kontinuität. Mit den hohen Lohnnebenkosten muß
Schluß sein.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Für uns Grüne ist sehr wichtig, daß die Belastung und
die Entlastung zeitlich zusammenfallen. Das ist ganz
zentral für uns. Wenn wir die Energiesteuern erhöhen,
müssen im Gegenzug die Rentenversicherungsbeiträge
sinken. Die Bürgerinnen und Bürger müssen erkennen,
daß dies Teile eines Gesamtbildes sind: Arbeit soll billi-
ger und Umweltverbrauch teurer werden. Das muß in
allen Schritten gelten.

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich noch kurz
den Blick auf die europäische Ebene richten; von ihr
war ja schon die Rede. Es ist in der Tat ein Märchen,
wenn immer wieder behauptet wird, Deutschland habe
die höchsten Energiepreise. Der Bundesfinanzminister
hat bereits darauf hingewiesen, daß wir bei den Benzin-
preisen im europäischen Mittelfeld liegen. Wir sind ja
mit Ausnahme von Luxemburg von Ländern umgeben,
die wesentlich höhere Benzinpreise als wir haben.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Plus KfzSteuer!)


Hier muß man realistisch bleiben und die Kirche im
Dorf lassen.

Bei den Strompreisen ist es differenzierter. Bei den
normalen Tarifkunden liegen wir auch im Mittelfeld, bei
den Sondervertragskunden zugegebenermaßen im obe-
ren Drittel und bei den Gewerbetarifkunden sogar ganz
oben. Das ist aber auch ein Ergebnis der Tatsache, daß
wir monopolistische Strukturen in der Energiewirtschaft
haben. Diese monopolistischen Strukturen müssen weg.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – CarlLudwig Thiele [F.D.P.]: Das stimmt!)


Wir brauchen mehr Wettbewerb, und dann werden dort
auch die Preise zurückgehen.


(Beifall des Abg. Friedrich Merz [CDU/CSU] und des Abg. Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.] – Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die haben das doch zu verantworten!)


Dr. Reinhard Loske






(A) (C)



(B) (D)


Aber, meine Damen und Herren von der rechten Sei-
te, es kann doch nicht sinnvoll sein, daß durch den
Wettbewerb, den wir ja wollen, die Strom- und Energie-
preise heruntergehen. Dann können wir auch guten Ge-
wissens Stromsteuern draufpacken. Das ist überhaupt
kein Problem.

Ich möchte doch noch einmal auf die Rolle der alten
Bundesregierung in Brüssel zurückkommen. Es wurde
mit gespaltener Zunge gesprochen. Das war doch ganz
eindeutig. Hier in Deutschland hat man gesagt: Wir ma-
chen das nur, wenn wir das in Europa durchsetzen kön-
nen. Auf Europaebene hat man dann alles dafür getan,
damit es nicht durchgesetzt wird. Damit ist jetzt Feier-
abend.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Herr Thiele, ich möchte Sie noch einmal ansprechen:
Lassen Sie doch bitte dieses dumme Gerede vom natio-
nalen Alleingang. Wenn wir gut sind, wenn wir das
schaffen, was wir uns jetzt vorgenommen haben, dann
schaffen wir es, wieder in die europäische Spitzengrup-
pe aufzuschließen. Das ist kein nationaler Alleingang.
Das ist vielmehr ein Nachziehen in vielen Bereichen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Joachim Poß [SPD]: Herr Thiele hängt immer etwas nach!)


Es gibt an unserem Entwurf Kritik. Das ist klarge-
worden und wird auch in den nächsten Wochen noch
klarwerden. Wie sollte es auch anders sein; das ist
selbstverständlich. Bei dieser Kritik müssen wir die Ar-
gumente wägen. Dafür haben wir jetzt etwas mehr Zeit –
Gott sei Dank, kann ich nur sagen. Bei der Kritik sollte
aber die Kirche im Dorf gelassen werden. Man sollte
sachfremde, nur interessengeleitete Polemik etwas zu-
rückstellen; denn das Thema ökologische Steuerreform
ist ein großes Reformprojekt, bei dem wir im Prinzip ei-
nen gesellschaftlichen Konsens brauchen. Wir sollten
die Sache jetzt nicht so herunterreden, daß sie öffentlich
völlig diskreditiert wird.


(Dr. Barbara Höll [PDS]: Ihr Gesetzentwurf hat das diskreditiert!)


Ich glaube, daß dieses Hohe Haus dabei insgesamt eine
Verantwortung trägt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Ich glaube auch – das will ich doch noch zu einigen
Vorrednern sagen –, daß sich die Kritik den Anforde-
rungen der Plausibilität stellen muß. Man kann nicht
beides wollen. Man kann nicht auf der einen Seite sa-
gen: Wenn Ihr die Industrie einbezieht, geht der Standort
Deutschland unter, und auf der anderen Seite sagen: Die
ökologische Lenkungswirkung bleibt aus, weil Ihr Teile
der Industrie ausnehmt. Das geht nicht zusammen; ent-
weder, oder.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Detlev von Larcher [SPD]: Das geht nur, wenn man Herr Thiele oder Merz heißt! – Joachim Poß [SPD]: Herr Merz holt sich Rat bei Herrn Kohl!)


Ich kann mich auch des Eindrucks nicht erwehren –
das muß ich schon sagen, wenn ich Herrn Merz zuhöre –,
daß es Ihnen nicht so sehr um Ökologie geht, sondern
daß es sehr stark um Effekthascherei geht, wenn ich das
einmal so sagen darf.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Detlev von Larcher [SPD]: Natürlich, nur!)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400903900
Herr Kollege,
Ihre Redezeit ist eigentlich abgelaufen. Es besteht noch
der Wunsch nach einer Zwischenfrage, die ich noch zu-
lassen würde; auf die können Sie dann noch antworten.
Gestatten Sie die Zwischenfrage?


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Carl-Ludwig Thiele (FDP):
Rede ID: ID1400904000
Herr Kollege Loske,
die alte Koalition hatte beschlossen, einen dritten
Mehrwertsteuersatz auf Energie einzuführen, weil das
der einzige Weg ist,


(Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo denn? Das war ein Luftbeschluß! – Weitere Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


eine Zusatzbelastung auf Arbeitsplätze in unserem Lan-
de zu verhindern. Das ist der beste Weg, um die Ar-
beitsplätze von Zusatzkosten freizuhalten. Ich frage Sie:
Warum gehen Sie diesen Weg nicht?


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

gestellt und keineswegs ein Beschluß der Koalition. An-
sonsten hätten Sie es ja machen können. Sie haben es
aber nicht gemacht. Das ist der entscheidende Unter-
schied.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Meine Redezeit ist leider abgelaufen.
Ich glaube, man kann sagen, die Zeit des Zauderns

und Zögerns in Sachen ökologischer Steuerreform ist
jetzt vorbei. Wir wollen handeln. Wir hoffen auf eine
sachliche Diskussion.

Danke schön.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400904100
Herr Kollege
Loske, das war Ihre erste Rede hier im Parlament. Ich
möchte Ihnen im Namen des Hauses dazu gratulieren.


(Beifall im ganzen Hause)

Jetzt hat das Wort die Abgeordnete Barbara Höll.

Dr. Reinhard Loske






(B)



(A) (C)



(D)



Dr. Barbara Höll (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1400904200
Frau Präsidentin! Liebe
Kolleginnen und Kollegen! Die PDS bekennt sich
grundsätzlich zum Ziel der Verteuerung des Umwelt-
verbrauchs. Wir verschließen uns auch nicht der Einfüh-
rung von Energiesteuern und der Erhöhung der Mineral-
ölsteuer. Das Wort „ökologisch“ dient der rotgrünen
Regierung bei diesem Gesetzentwurf aber nur als Etikett
für eine Steuererhöhung, mit der Haushaltslöcher ge-
stopft werden sollen, die durch die Senkung der Renten-
beiträge entstehen werden.


(Widerspruch bei der SPD)

Es dient gleichzeitig als Etikett, um für diese Steuerer-
höhung gesellschaftliche Akzeptanz zu finden.


(Beifall bei Abgeordneten der PDS – Peter Dreßen [SPD]: Das ist doch unwahr!)


Ihr Gesetzentwurf, meine Damen und Herren von der
Koalition, zeigt eindeutig: Nicht überall, wo „ökolo-
gisch“ draufsteht, ist auch Öko drin. Vielleicht sollte
man ein geschütztes Warenzeichen auch für Gesetzent-
würfe einführen, wie etwa bei Lebensmitteln.


(Beifall bei der PDS)

Durch den Gesetzentwurf wird keine Lenkungswir-

kung beabsichtigt; es wird auch keine Lenkungswirkung
erzielt. Das wissen Sie.

Erstens. Es werden nicht die erzeugten, sondern die
verkauften Kilowattstunden verteuert.


(Detlev von Larcher [SPD]: Wie wollen Sie es denn sonst machen?)


Das heißt, daß die Steuer fällt erst am Ende der Verar-
beitungskette an. Steuergegenstand sind demnach nicht
die einzelnen Energieträger, sondern verarbeitete Fabri-
kate. Es ist natürlich ein wesentlicher Unterschied, wenn
erst Heizöl, Benzin und Strom besteuert werden. Denn
damit ist es gleichgültig, auf welche Art und Weise und
wie effizient die Energie tatsächlich hergestellt wird.
Wichtig ist nur noch, was verkauft wird.

Zweitens – das sind übrigens keine populistischen
Dinge, sondern Argumente, die zählen –: Sie nehmen
die energieintensiven Branchen aus. Das haben wir
heute schon in mehreren Beiträgen gehört. Interessant
ist, daß insgesamt bereits 27 Branchen ausgenommen
sind. Das macht etwa 40 Prozent des Energieverbrauchs
im produzierenden Gewerbe aus. Wie soll so noch eine
Lenkungswirkung erzielt werden?


(Beifall bei der PDS)

Drittens – zur Frage des ermäßigten Steuersatzes ab

50 000 Kilowattstunden: Auch insofern besteht kein An-
reiz, Energie zu sparen.

Ich muß noch einmal sagen: Die propagierten Ziele
von SPD und Grünen – Einsparen von Energie, Erhö-
hung der Energieeffizienz und Förderung regenerativer

Energien – sind in Ihrem Gesetzentwurf nicht mehr zu
finden. Sie sollen und können so nicht erreicht werden.


(Beifall bei der PDS)

Das sieht man bereits, wenn man nur die ersten Seiten
des Gesetzentwurfes anguckt:

Das zusätzliche Aufkommen aus der Energiebe-
steuerung dient

– ausschließlich –
der Finanzierung der Senkung der Sozialversiche-
rungsbeiträge.

Auf der folgenden Seite steht dann, daß auch „ein Pro-
gramm zur Förderung regenerativer Energien ausgegli-
chen“ werden soll. Von welchem Geld denn? Das frage
ich mich wirklich.

Mit der Einführung dieser Stromsteuer wird eine
weitere Verschiebung von der direkten zur indirekten
Besteuerung exerziert. Die Zeche zahlen am Ende die
Verbraucherinnen und Verbraucher, – insbesondere
diejenigen mit Kindern und mit einem geringen Ein-
kommen.


(Widerspruch bei der SPD – Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Was wollen Sie nun?)


Herr Loske, was Sie gesagt haben, stimmt einfach
nicht. Hören Sie sich die Zahlen an! Ein durchschnittli-
cher Vierpersonenhaushalt mit einem zu versteuernden
Einkommen von monatlich 3 000 DM wird trotz der
Senkung der Lohnnebenkosten um 0,4 Prozent – nur so
viel kommt ja bei den privaten Haushalten an – immer
noch mit zirka 240 DM pro Jahr mehr belastet. Eine
Entlastungswirkung wird erst ab einem Monatseinkom-
men von 8 000 DM eintreten. Das ist also Ihre Neue
Mitte, die Sie anstreben. Da wird sich der Rest aber
wirklich sehr freuen.


(Beifall bei der PDS)

Man muß außerdem in Rechnung stellen, daß Haus-

halte mit einem geringeren Einkommen einen wesent-
lich höheren Anteil ihres Einkommens für Energie aus-
geben müssen, etwa 12 Prozent. Bei Gutverdienenden
sind das nur noch 2 Prozent. Herr von Larcher, ich finde
Ihre Aussage, man solle sich als Verbraucher und Ver-
braucherin einmal andere Geräte kaufen, schlicht eine
Frechheit. Jeder Sozialhilfeempfänger und jede Sozial-
hilfeempfängerin wird sich über den Hinweis freuen,
sich ein Dreiliterauto zu kaufen. Das fängt ja bei
Waschmaschine und Kühlschrank an.


(Beifall bei der PDS)

Sie wissen auch, daß die Sozialämter grundsätzlich

keine Stromkosten übernehmen, sondern nur in Aus-
nahmefällen, wie bei Überschuldung. Heizkosten wer-
den nur in angemessener Art und Weise übernommen.

Die Großindustrie dagegen erhält – lassen Sie mich
noch Zahlen von Frau Hustedt hinzufügen – eine Rie-
senentlastung;


(Detlev von Larcher [SPD]: Ihre Argumentation dient dazu, gar nichts zu tun!)







(A) (C)



(B) (D)


denn von den 11,2 Milliarden DM, die Sie anstreben,
werden tatsächlich nur 2 Milliarden DM von der Groß-
industrie gezahlt. Durch die Entlastung bei den Lohnne-
benkosten spart sie aber 6 Milliarden DM ein.

Es ist eindeutig, daß dieser Gesetzentwurf nicht der
Einstieg in eine ökologische Steuerreform ist. Nein, es
ist die Erhebung einer Verbrauchsteuer mit einem öko-
logischen Mäntelchen. Wir lehnen das ab. Wir bleiben
bei unseren Vorschlägen, die wir vorhin noch einmal
genannt haben!


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400904300
Frau Kollegin,
die Zeit ist doch erheblich überschritten.


Dr. Barbara Höll (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1400904400
Das sind eine verkehrsmit-
telunabhängige Pauschale und andere Maßnahmen wie
ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz auf Reparaturen.
Lassen Sie uns über wirkliche Strukturreformen und
nicht über eine Steuererhöhung diskutieren, die die Ver-
diener mit kleinem und niedrigem Einkommen belastet!

Ich danke.

(Beifall bei der PDS – Detlev von Larcher [SPD]: Das war nicht gut!)

– Das war ausgezeichnet.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1400904500
Das Wort hat
jetzt der Abgeordnete Michael Müller.


Michael Müller (SPD):
Rede ID: ID1400904600
Frau Präsiden-
tin! Meine Damen und Herren! Bei allen Kompromissen
und bei allen schwer zu lösenden Aufgaben muß das
Wichtigste klar sein: Wir vollziehen hiermit den Ein-
stieg in eine ganz wichtige Kurskorrektur unserer Wirt-
schaftsordnung. Das ist der entscheidende Punkt.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Über Jahrzehnte hinweg haben wir Beschäftigungs-
und Wohlstandsfragen auch über die Ausbeutung der
Natur gelöst. Heute kommen Arbeitsplatzvernichtung
und Umweltzerstörung zusammen. Wer die Probleme
der Zukunft lösen will, muß deshalb zu einer Verände-
rung der Faktorbesteuerung und zu einer Veränderung
der wirtschaftlichen Dynamik kommen. Der Einstieg
hierzu erfolgt über die Idee, Arbeit und Umwelt mitein-
ander zu verbinden. Das ist die historische Chance.
Nichts anderes wird die Zukunftsprobleme lösen kön-
nen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Bei der bisherigen Diskussion fällt auf, daß die mei-
sten Redner von einem statischen Verständnis der Wirk-
lichkeit ausgehen.


(Zuruf von der SPD: Richtig!)

Unser Gedanke ist es aber, eine neue Dynamik in Gang
zu setzen. Natürlich zeigt sich am Anfang noch nicht das

Ergebnis, das wir erreichen wollen. Aber das Entschei-
dende ist, daß wir einen neuen Weg eröffnen, der – im
Gegensatz zu dem, was heute besteht, was immer mehr
zu einer Verbindung von Arbeitsplatzvernichtung und
Umweltzerstörung führt – zukunftsverträglich ist.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich muß schon sagen: Ich wundere mich sehr über die
Beiträge der Oppositionsfraktionen. Die PDS nehme ich
aus. Die hat aus meiner Sicht in ökologischen Fragen
wenig Kompetenz.


(Lachen bei der PDS)

Das ist historisch immer so gewesen. Da hat sie noch
viel nachzuarbeiten. – Was soll's!


(Beifall bei der SPD – Dr. Barbara Höll [PDS]: Jetzt sind Sie aber sehr statisch!)


– Ich hoffe, daß Sie nacharbeiten. Aus Ihrem Beitrag
war dies noch nicht zu erkennen. – Ich nenne als Bei-
spiel zunächst die CDU. Die CDU schreibt in ihrem
Programm „Konzept 2000“, Deutschland könne sich
durch ein schrittweises Umsteuern im nationalen Allein-
gang eine Vorreiterrolle bei der notwendigen wirt-
schaftlichen Umstellung verschaffen. – Das schreibt die
CDU!


(Detlev von Larcher [SPD]: Hört! Hört!)

Sie sagt weiter, ernsthafte Probleme seien nur in weni-
gen energieintensiven Branchen zu erwarten, etwa dort,
wo der Energieanteil am Produktionswert bei 4 Prozent
oder mehr liege. – Das schreibt die CDU!


(Detlev von Larcher [SPD]: Jetzt müßt ihr klatschen!)


Aber bei Herrn Merz klingt das heute ganz anders. Man
sollte die eigenen Beschlüsse auch einmal lesen!


(Beifall bei der SPD)

Sie schreiben weiter, eine geeignet ausgestaltete

Energiebesteuerung müsse daher als „Kompromiß zwi-
schen umweltökonomischer Exaktheit und administrati-
ver Praktikabilität“ gesehen werden. – Genau das ma-
chen wir. Was werfen Sie uns eigentlich vor? Kennen
Sie Ihre Papiere nicht?


(Beifall bei der SPD)

Herr Thiele, auch Ihnen kann ich das vorhalten. In

dem Beschluß ihrer Bundestagsfraktion von 1995
schreibt die F.D.P.:


(Detlev von Larcher [SPD]: Das ist zu lange her!)


In ihrem Wahlkampfprogramm von 1994 fordert die
F.D.P. die stufenweise aufkommensneutrale und EU-
weite Einführung einer CO2-Energiesteuer und – jetzt
kommt's – als Schrittmacher einen nationalen Allein-
gang.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Zurufe von der SPD: Nein!)


Dr. Barbara Höll






(B)



(A) (C)



(D)


Meine Damen und Herren, Ihr Gedächtnis ist kurz.
Gott sei Dank gibt es Papiere, die man nachlesen kann.

Der Einstieg in die ökologische Steuerreform ist für
uns ein Beitrag, Wirtschaft und Gesellschaft zukunftsfä-
hig zu machen. Wir setzen dabei vor allem auf die Inno-
vationskräfte. Ich will zwei Beispiele nennen.

Erstens. Die Kienbaum Unternehmensberatung hat in
einer Erhebung über Wirtschaftsbetriebe in der Bundes-
republik nachgewiesen, daß die Betriebsergebnisse al-
leine durch eine Veränderung der Faktorbesteuerung um
bis zu 15 Prozent verbessert werden können. Das sind
immerhin, volkswirtschaftlich gesehen, bis zu
200 Milliarden DM. Denn heute werden volkswirt-
schaftliche Werte durch zu niedrige Kosten – beispiels-
weise für Abluft, Abwasser oder Abfall – verschleudert,
statt daß sie sinnvoll genutzt werden.

Zweitens. Die Enquete-Kommission des Deutschen
Bundestages zur Klimaproblematik, an der damals alle
Fraktionen beteiligt waren, hat nachgewiesen: In der
Bundesrepublik gibt es ein nicht genutztes Energieein-
sparpotential von über 40 Prozent. Meine Damen und
Herren, ich denke, es ist Konsens hier im Hause, daß wir
die Klimaschutzanstrengungen ernst nehmen. Wenn wir
sie aber ernst nehmen, dann dürfen wir nicht nur darüber
reden, sondern dann müssen wir auch die wirtschaftli-
chen Instrumente dafür schaffen, daß es zu mehr Klima-
schutz in der Bundesrepublik kommt.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ich will hinzufügen: Bei aller positiven Wertung der
Verbesserung der Industriestruktur in den neuen Bun-
desländern können entsprechende Erfolge nicht nur das
Ergebnis des Zusammenbruchs der DDR-Wirtschaft
sein.


(V o r s i t z : Vizepräsident Rudolf Seiters)

Auch in den neuen Bundesländern muß sehr viel mehr
geschehen, als bisher getan wurde.


(Beifall bei der SPD)

Auch aus diesem Grund gilt also, daß eine ökologische
Steuerreform ein Gebot ökonomischer Vernunft ist, um
Innovationen anzustoßen.

Gerade dann, wenn man von einer marktwirtschaftli-
chen Ordnung ausgeht, ist die Frage der richtigen
Preissignale von großer Bedeutung. Dann aber müssen
wir feststellen:

Erstens. In der Bundesrepublik haben wir einen wach-
senden Anteil externer Kosten, das heißt, viele Kosten
werden in der Preisbildung nicht berücksichtigt. Markt-
wirtschaftliche Effizienz zeichnet sich aber dadurch aus,
daß sie externe Kosten möglichst geringhält. Ich denke,
daß dies unter Marktwirtschaftlern unbestritten ist.

Zweitens. Es paßt nicht zusammen, auf der einen
Seite ständig über das Ordnungsrecht und über Bürokra-
tisierungen zu klagen, aber gleichzeitig marktwirt-
schaftliche Elemente abzulehnen. Das geht nicht zu-
sammen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Weil wir die sozial-ökologische Marktwirtschaft ernst
nehmen, bekennen wir uns zu der ökologischen Steuer-
reform. Denn nicht die Frage „ob“, sondern nur noch die
Frage „wie“ ist entscheidend.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wir haben für die ökologische Steuerreform auch den
Spielraum. In den letzten 25 Jahren – das ist schon
mehrfach angesprochen worden – ist der Faktor Arbeit
immer stärker besteuert worden; er erbringt heute rund
38 Prozent des Steueraufkommens, Energie und Res-
sourcen kommen nur auf 8 Prozent. Das heißt, die Pro-
duktivität ist durch die falschen Preissignale zu Lasten
des Faktors Arbeit sehr einseitig verteilt worden.

Wenn wir sehen, wie sich in den letzten Jahren die
Energiepreise entwickelt haben, dann erkennen wir, daß
für die Ökosteuer Platz ist. Unter anderem steht übrigens
auch in dem CDU-Papier, daß die ökologische Steuerre-
form auch im Strombereich sehr wohl möglich ist, weil
die meisten Betriebe schon durch den Wegfall des Koh-
lepfennigs eine erhebliche Entlastung erfahren haben. –
Das ist völlig richtig.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Hinzu kommt, daß die Energiepreise auch auf dem

Weltmarkt, beispielsweise die Mineralölpreise, deutlich
gesunken sind. Real liegen sie heute unter dem Niveau
von 1973.


(Beifall der Abg. Monika Griefahn [SPD])

Allein in diesem Jahr sind sie um 10 Pfennig gesunken.
Wenn die ökologische Steuerreform dann kein mögli-
cher Ansatz ist, dann verstehe ich die wirtschaftlichen
Realitäten nicht.

Wir sehen den Gesetzentwurf als Einstieg. Wir wol-
len weitergehen, auch das steht fest. Deshalb sagen wir
auch in Richtung Wirtschaft: Arbeiten Sie mit uns kon-
struktiv zusammen, statt zu versuchen, diese Reform zu
blockieren und zu verhindern! Das werden Sie nicht
schaffen. Mit konstruktiver Zusammenarbeit werden
auch Sie sehr viel besser fahren.

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400904700
Das Wort für die
CDU/CSU-Fraktion hat der Kollege Klaus Lippold.


Dr. Klaus W. Lippold (CDU):
Rede ID: ID1400904800

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Her-
ren! Der Kollege Larcher hat gesagt: Wir haben das an-
gekündigt, wir tun das, auf uns ist Verlaß, wir setzen
klare Signale.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Diese Äußerungen, Herr Kollege Larcher, sind ja wohl
mehr als irreführend. Was Sie mit diesem Gesetzesvor-
haben praktizieren, ist etwas, was kein Wissenschaftler

Michael Müller (Düsseldorf)







(A) (C)



(B) (D)


aus der betroffenen Branche je realisiert hätte: die per-
fekte Chaostheorie.


(Michael Müller [Düsseldorf] [SPD]: Die Chaostheorie ist sehr modern!)


Sie ändern alle fünf Minuten die Preisincentives. Sie
sprechen einmal von dieser Höhe und einmal von jener
Höhe der Preisänderung. Sie ändern alle fünf Minuten
den Zuschnitt der betroffenen Branchen. Sie ändern alle
fünf Minuten die Ausnahmeregelungen, und Sie ändern
alle fünf Minuten den Zeitplan, um den es hier geht.
Und das nennen Sie klare Signale! Wer sich an das, was
Sie gesagt haben, anpassen will, der weiß nicht, woran
er sich anpassen soll.


(Detlev von Larcher [SPD]: Natürlich! Es liegt doch schriftlich vor!)


Das, was Sie jetzt sagen, gilt doch morgen nicht mehr.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Detlev von Larcher [SPD]: Darüber reden wir dann morgen!)


So ist Ihre Grundlinie. Deshalb werden Sie doch in der
Zeitung mit den Worten zitiert, daß Sie ein „heilloses
Wirrwarr“ angerichtet haben.


(Detlev von Larcher [SPD]: Kommen Sie mich morgen besuchen!)


Ich zitiere schlicht und ergreifend „Die Welt“: „Heillo-
ses Wirrwarr“.


(Joachim Poß [SPD]: Sie haben sich schon mal sachlicher dazu geäußert!)


Der Kollege Loske hat versucht, dies auf eine etwas
andere Art darzustellen. Er hat davon gesprochen, daß es
hier um ein wirkliches Reformprojekt geht. Alle diejeni-
gen, die wissenschaftlich gearbeitet haben, halten etwas
vom Sachverständigenrat. Der Sachverständigenrat sagt
dazu: „Umweltpolitisch verfehlt und beschäftigungspo-
litisch fragwürdig.“


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Richtig!)

So einfach ist das. Und das nennen Sie ein „richtiges Re-
formprojekt“.

Herr Kollege Loske, es ist so, daß auch Sie, obgleich
Sie an der Erstellung mitgewirkt haben, bereits im Detail
angedeutet haben – ich meine damit die Bemerkung von
Herrn von Larcher zu den permanenten Änderungen –,
daß diese Reform hinsichtlich der Ausnahmeregelungen
auf Dauer so nicht durchzuhalten sei. Während also auf
der einen Seite von „klarer Initiative“ und von einem
„deutlichen Reformprojekt“ gesprochen wird, üben Sie
schon an Ihrem eigenen Reformprojekt Kritik, indem
Sie sagen: So kann es nicht weitergeführt werden.

Warum wollen Sie es denn in dieser Form beschlie-
ßen? Warum überlegen Sie nicht erst einmal ruhig fünf
Minuten, bevor Sie mit einem so unausgegorenen Wirr-
warr in dieses Haus kommen? Hinterher muß es dann
wieder geändert werden. Da gibt es einen anderen Kol-
legen von Ihnen, der sagt: Das werden wir dann in der
Ausschußberatung machen. – Warum legen Sie uns

nicht ein ausgewogeneres Konzept vor? So jedenfalls,
meine Damen und Herren, kann man das nicht machen.

Herr Kollege Müller, ich will ganz deutlich sagen:
Beschlußlage in der Union war: Selbstverpflichtung statt
Steuererhöhung.


(Michael Müller [Düsseldorf] [SPD]: Ach? Dazu habe ich auch ein schönes Zitat!)


Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Ich habe das sehr
lange betrieben. Sie sollten das hier wirklich nicht ein-
fach so unterschlagen.

Ich habe noch eine Frage an den Kollegen Loske.
Herr Loske, Sie haben darauf hingewiesen, daß die No-
vellierung des Energiewirtschaftsrechts dazu geführt hat,
daß die Preise in der Energiewirtschaft zurückgehen.
Halten Sie diese positive Entwicklung für so ausrei-
chend, daß Sie jetzt die Klage gegen dieses Energiewirt-
schaftsrecht zurückziehen? Das wäre doch etwas. Das
wäre doch einmal ein mutiges Bekenntnis. Aber sich
hier hinzustellen und zu sagen, das sei eigentlich gar
nicht so schlecht, gleichzeitig aber die Klage weiterlau-
fen zu lassen, heißt auch das: schlüssiges Konzept? Ich
glaube, nicht.

Zur Lenkungswirkung der Preise will ich mich gar
nicht einlassen. Aber ein anderer Punkt: Wenn ich Ihren
Gesetzentwurf nach den Kriterien der Umweltverträg-
lichkeitsprüfung anginge, würde er völlig durchfallen.
Ich komme jetzt auf den Punkt, der heute schon einmal
angesprochen wurde, Ihnen aber immer wieder in die
Wunde gerieben werden muß: Ökologisch ist das, was
Sie machen, nahezu eine Frechheit: Sie nehmen die
maximalen Verschmutzer, die maximalen Belaster aus,
bestrafen statt dessen die kleinen und mittelständischen
Betriebe und geben noch durch Grenzziehung eine An-
reizwirkung, so daß sich ein Unternehmer überlegen
muß, ob es für ihn nicht kostengünstiger ist, ein paar
Kilowatt mehr Energie zu verbrauchen, weil die Einspa-
rung, die er dann erhält, das bißchen Mehrverbrauch
mehr als ausgleicht. Das nennen Sie ökologisch!


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Hier werden die Weichen völlig falsch gestellt, und

Sie nennen das eine ökologisch orientierte Steuerreform.
Das ist doch keine Reform! Das ist ein Einnahmenbe-
schaffungskonzept. Das weiß der Finanzminister genau,
weil er es ja so festgelegt hat, daß die Einnahmen die zu
erwartenden Ausgaben decken, und weil er ständig in
neue Schwierigkeiten kommt, wenn bei Ihnen wieder
eine neue Lösung gefordert wird, die die Gleichung, die
er gerade hinbekommen zu haben meint, wieder ver-
schiebt. Nein, so kann man das nicht machen.

Im übrigen ist das ja auch eine Bestrafung für dieje-
nigen, die in der Vergangenheit – die deutsche Wirt-
schaft hat ja auf Energieeffizienz hingearbeitet – ener-
gieeffizient waren. Die, die nichts gemacht haben, wer-
den jetzt belohnt, und die, die etwas gemacht haben,
werden bei Ihnen nicht einmal ausgenommen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Aus diesem Widerspruch kommen Sie einfach nicht her-
aus.

Dr. Klaus W. Lippold (Offenbach)







(B)



(A) (C)



(D)


Wenn ich das unter Mobilitätsaspekten betrachte –
das klang in der Diskussion ja nur ganz gelinde an –, so
nehme ich einmal den öffentlichen Nahverkehr: Hier
werden die Akzente ganz gründlich falsch gesetzt. Da-
von habe ich aber hier nichts gehört. Der Kollege Len-
nartz hat gemeint, man solle doch den öffentlichen Nah-
verkehr von der Belastung ausnehmen. Darauf hat der
Umweltkollege Müller – ich muß das immer in Abgren-
zung vom Wirtschaftsminister sagen – gesagt, das sei ja
wohl das völlig Falsche. Früher hat man mir immer er-
zählt – auch in der Enquete-Kommission –, wir müßten
den öffentlichen Verkehr begünstigen, denn der sei
ökologisch vorteilhaft. Man kann darüber differenziert
diskutieren, aber das, was Sie sich hier leisten, eine zu-
sätzliche Belastung draufzusetzen und das Ganze dann
immer noch ökologisch vernünftig zu nennen, ist schon
ganz toll.

Sie haben ja selbst gesagt, daß es auf die Dauer keine
Logik hat, diese Ausnahmen beizubehalten, Herr Loske.
Aber ich zitiere noch einmal Ihren Kollegen stellvertre-
tenden Vorsitzenden des Umweltausschusses, Winfried
Hermann, Bündnis 90/Die Grünen. Er kritisierte in der
Kölner Tageszeitung „Express“, bei der Ökosteuer gebe
es aus ökologischer Sicht große Defizite und teilweise
unsinnige Regelungen, die im Anhörungsverfahren,
spätestens aber in der nächsten Stufe korrigiert werden
sollten. – Was stimmt denn nun eigentlich, „klares Re-
formkonzept“ oder „unsinnige Regelung“? Und warum
korrigieren Sie nicht gleich, sondern wollen die Kor-
rektur noch um ein paar Jahre verschieben, unsinnige
Regelungen noch ein paar Jahre belassen? Das ist ja mit
das Schönste, was man sich anhören kann, aber es paßt
zum Gesamtstart dieser Regierung. Da beißt die Maus
keinen Faden ab.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Machen wir uns doch nichts vor, Herr Loske: Im
Benchmarking zählen schlicht die Gesamtkosten, die wir
im Energiebereich haben. Wenn Sie die Gesamtbela-
stung im Energiebereich Wirtschaft in der Bundesrepu-
blik nehmen, dann gilt der Satz, der vorhin gesagt wur-
de, daß wir bis auf einige ganz wenige Ausnahmen in
nicht so großen Industrieländern bereits an der Spitze
liegen. Das ist der Fall. Deshalb kann man das nicht ein-
fach so abtun, als ob es dadurch keine Verlagerung gäbe.
Das ist ja gegebenenfalls auch ein Punkt: Wenn Produk-
tion nicht mehr hier in Deutschland stattfindet, sondern
durch andere, nichtdeutsche Unternehmen im Ausland,
dann glauben Sie doch nicht, daß diese Produktionen
dort umweltschonender sind, als wenn wir das hier in
der Bundesrepublik herstellen würden. Das heißt, Sie
tragen noch mit dazu bei, daß wir durch Produkte, die
dann im Ausland und nicht hier hergestellt werden, zu
einer weiteren Umweltbelastung kommen. Dabei be-
haupten Sie aber immer noch, daß diese Maßnahmen
umweltpolitisch und ökologisch vernünftig sind. Diese
Auffassung kann ich Ihnen nicht abnehmen.


(Zuruf des Abg. Detlev von Larcher [SPD])

Es geht nicht darum, daß man den Unternehmen das

Geld nimmt, sondern darum, daß man den Unterneh-

men, gerade den kleinen und mittelständischen Unter-
nehmen, das Geld beläßt,


(Beifall bei Abgeordneten der F.D.P.)

damit sie es in produktive und umweltschutzorientierte
Verfahren investieren. Wie soll ein Betrieb investieren,
wenn Sie ihm erst das Geld wegnehmen? Anschließend
sagen sie ihm: Jetzt erreiche einmal die neu gesteckten
Ziele! Das ist doch ein nicht zu verstehender Unfug.

Von dem Geld, das Sie den Betrieben zurückgeben –
ich kann Ihnen das für einige hessische Regelungen
nachweisen; das sind meine Lieblingsregelungen –, wird
immer eine kräftige Verwaltungsquote abgezogen, so
daß nichts mehr zurückfließen kann. Sie nehmen bei-
spielsweise 130 Millionen DM ein und sagen hinterher:
Mit 7 Millionen DM unterstützen wir das Öko-Audit.
Diese Maßnahme stellen Sie dann noch als Leistung dar,
nachdem Sie den betroffenen Betrieben 130 Millionen
DM aus der Tasche gezogen haben. Wo kommen wir
denn da hin? So kann man uns nicht überzeugen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Erforderlich ist es, so wie wir es gemacht haben, An-

reize für Einsparungen zu geben, zum Beispiel im Be-
reich der Wärmedämmung.


(Joachim Poß [SPD]: Reden Sie für die Industrie oder als Abgeordneter?)


Warum schaffen Sie keine Anreize? Warum wollen Sie
den Menschen nur das Geld nehmen? Führen Sie
Zinszuschüsse und Besteuerungserleichterungen ein,
mobilisieren Sie damit privates Kapital! Damit werden
Sie die ökologische Energieeinsparung und die Be-
schäftigung erreichen. Das ist nachweisbar und kann
nicht bestritten werden. Diese Auffassung haben wir
früher sogar gemeinsam eine Zeitlang geteilt, bevor Sie
sich davon verabschiedet haben.

Ich freue mich, daß wir heute in der Frage der Selbst-
verpflichtung bei Teilen der Opposition zu einer anderen
Einschätzung kommen. Wenn ich daran denke, wie wir
früher mit Ihnen Selbstverpflichtung durchdeklinieren
mußten – Sie haben sie abgelehnt und gesagt, sie sei un-
zureichend –,


(Detlev von Larcher [SPD]: Sie ist ja auch unzureichend!)


dann komme ich zu der Erkenntnis, daß wenigstens ein
Lernprozeß feststellbar ist. Darüber freue ich mich.

Warum aber sprechen Sie dann erst im Zusammen-
hang mit der zweiten und der dritten Stufe von Selbst-
verpflichtung anstatt Ökosteuer? Wenn ich Herrn Trittin
richtig verstehe, hat er der Industrie entsprechende Re-
gelungen in Aussicht gestellt. Warum äußern Sie sich
nicht eindeutig? Und warum sagen Sie es nicht gleich?
Wenn Sie die Reform auf diese Weise durchführen
wollen, muß ich fragen: Warum verzichten Sie dann
nicht auf Diskussionen über Ausnahmeregelungen?
Treffen Sie doch gleich vernünftige Regelungen in
Richtung Selbstverpflichtung! Dann könnten wir uns die
jetzige Diskussion sparen.

Dr. Klaus W. Lippold (Offenbach)







(A) (C)



(B) (D)


Ich habe immer noch nicht begriffen, wie Sie Ihre Re-
form mit dem Grundsatz vereinbaren können, daß Büro-
kratie abgebaut werden soll und daß Vorgänge transpa-
renter und einfacher in der Handhabung gemacht werden
sollen. Wenn ich die vielen Ungereimtheiten in Ihren
Formulierungen betrachte – ich könnte reihenweise auf-
zählen, was an diesen Formulierungen nicht erklärbar,
nicht sauber abgegrenzt und nicht verständlich ist –,


(Ernst Schwanhold [SPD]: Ersparen Sie uns das!)


dann komme ich zu dem Schluß, daß durch diese Unge-
reimtheiten Heerscharen von Unternehmensberatern,
Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern beschäftigt wer-
den. Es handelt sich doch nicht um eine Vereinfachung.
Eine solche Verkomplizierung mit einem Schlag ist
schon ein Geniestreich, der im Widerspruch zur Regie-
rungserklärung steht.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der F.D.P.)


Aber was heißt schon Regierungserklärung? Die Politik
wird neuerdings ja nicht von demjenigen gemacht, der
die Regierungserklärung vorträgt.

Ziehen Sie den Gesetzentwurf zurück! In dieser Form
ist er untauglich. Wenn man untaugliche Maßnahmen
korrigiert, dann werden sie nie so vernünftig, als wenn
man von Anfang an vernünftige Maßnahmen vorlegt.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. – Detlev von Larcher [SPD]: Sie haben 16 Jahre nichts vorgelegt! 16 Jahre Untätigkeit!)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400904900
Das Wort für die
SPD-Fraktion hat der Kollege Hans Martin Bury.


Hans Martin Bury (SPD):
Rede ID: ID1400905000
Herr Präsident! Meine
sehr geehrten Damen und Herren! Herr Kollege Lippold,
nun wischen Sie sich einmal den Schaum vom Mund.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ihre Rede war schwach; Sie klangen fast wie Michel-
bach.


(Heiterkeit bei der SPD)

Es ist ja nicht neu, daß in diesem Haus über die öko-

logische Steuerreform und die Notwendigkeit einer Re-
duktion des Energieverbrauchs gesprochen wird. Neu
und für Union und F.D.P. gleichermaßen irritierend ist:
Wir reden nicht nur, wir handeln.


(Beifall bei der SPD – Walter Hirche [F.D.P.]: Es müßte nur in die richtige Richtung gehen, Herr Bury!)


In Deutschland wird wieder regiert, nicht mehr la-
mentiert. Der vorliegende Gesetzentwurf ist der erste
Schritt zur Umgestaltung unseres Steuersystems mit
dem Ziel, Arbeit billiger zu machen und Energiever-
brauch zu reduzieren, ein erster behutsamer Schritt, der

Verbraucher und Unternehmen nur mit sehr moderaten
Belastungen konfrontiert.

Dennoch hat der Gesetzentwurf nicht nur hier im
Haus eine intensive und kontroverse Diskussion ausge-
löst. Vorstände quer durch alle Branchen beschäftigen
sich plötzlich mit dem Energieverbrauch ihres Unter-
nehmens. Das ist gut so. Schließlich geht es beim Ein-
stieg in die ökologische Steuerreform nicht um die Er-
schließung neuer Einnahmequellen für den Haushalt.


(Zuruf von der F.D.P.: Ach?)

Im ersten Schritt wird die deutsche Wirtschaft insge-

samt um schätzungsweise 3 Milliarden DM entlastet.
Den steigenden Energiekosten in Höhe von gut
2 Milliarden DM stehen Entlastungen in Höhe von rund
5 Milliarden DM durch die Senkung der Lohnnebenko-
sten gegenüber. Die Entlastung kann noch höher ausfal-
len; denn Energiepreise sind nicht identisch mit Ener-
giekosten.


(Zuruf von der SPD: Richtig!)

Rationalisierungsprozesse und energiesparende Innova-
tionen sind ausdrücklich erwünscht. Es geht um eine
Rationalisierung von Energie statt der bislang üblichen
Rationalisierung von Arbeit.

Ich will, daß zukünftig der Aktienkurs eines Unter-
nehmens steigt, wenn der Vorstand auf der Bilanzpres-
sekonferenz ankündigt, Energie zu sparen, statt daß er –
wie bisher – steigt, wenn der Vorstand ankündigt, Mit-
arbeiter zu entlassen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der PDS)

Es ist keine Frage: Der vorliegende Gesetzentwurf ist

ein Kompromiß zwischen den Interessen des Umwelt-
schutzes und denen der Wirtschaft. Das unter starkem
Wettbewerbsdruck stehende produzierende Gewerbe
wird im Vergleich zum Normalsatz um 75 Prozent ent-
lastet. Auch unsere ökologische Steuerreform steht unter
dem Primat des politischen Hauptziels dieser Bundesre-
gierung, bestehende Arbeitsplätze zu sichern und neue
Arbeitsplätze zu schaffen. Es ist richtig, daß die beson-
ders energieintensiven Branchen völlig freigestellt wer-
den, weil sie auf Grund des hohen Energiekostenanteils
ohnehin einen starken ökonomischen Anreiz für Ener-
gieeinsparungen haben und diesen aus eigenem Interesse
nutzen.

Nun stimmt es, daß die Abgrenzung der energieinten-
siven Unternehmen zu erheblichen Definitionsschwie-
rigkeiten führt.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Wohl wahr!)

Wir werden die vorgesehene Abgrenzung im weiteren
Gesetzgebungsverfahren sorgfältig auf ihre Plausibilität
und Praktikabilität hin prüfen müssen.


(Zuruf von der F.D.P.: 6,4 Prozent!)

Der Gesetzentwurf definiert die Energieintensität über
den Anteil an den Produktionskosten. Die Einwände
sind nicht völlig von der Hand zu weisen,


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Das ist liebevoll formuliert!)


Dr. Klaus W. Lippold (Offenbach)







(B)



(A) (C)



(D)


daß das bei der Bearbeitung hochwertiger Rohstoffe zu
falschen Ergebnissen führen kann.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: So ist das!)

Insofern wäre es richtig – da stimme ich Ihnen zu –, bei
der Wertschöpfung anzusetzen; denn sonst erscheint die
Produktion um so weniger energieintensiv, je höher die
Vorkosten sind.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Sehr richtig!)

Noch besser wäre es aus wirtschaftspolitischer Sicht,

das gesamte produzierende Gewerbe aus der ersten Stufe
herauszunehmen, es dann aber ausnahmslos in die
zweite, europäisch abgestimmte Stufe einzubeziehen.

Bekanntlich diente der Verweis auf die Notwendig-
keit europäischer Lösungen bei der alten Koalition aller-
dings nur dazu,


(Zuruf von der SPD: Nichts zu machen!)

die eigene Untätigkeit zu kaschieren.


(Beifall bei der SPD – Ernst Schwanhold [SPD]: Und in Europa zu blockieren!)


– Und in Europa zu blockieren! Auch damit wird jetzt
Schluß sein. Wir unterstützen die Bundesregierung da-
bei, sich mit Nachdruck für eine baldige Harmonisie-
rung der Energiebesteuerung auf europäischer Ebene
einzusetzen und dafür im Rahmen der deutschen Präsi-
dentschaft die entsprechende Initiative zu starten. Wir
werden uns nicht länger hinter Europa verstecken, son-
dern mit denen, die uns heute voraus sind, eine gemein-
same Lösung anstreben.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, unser Ansatz ist die
sinnvolle Verknüpfung von Ökonomie und Ökologie.
Zur Wirtschaftsmodernisierung gehört eben auch, Fehl-
entwicklungen im Steuersystem zu korrigieren und die
Effizienz der Marktwirtschaft zu nutzen, um die Umwelt
zu schonen. Die ökologische Steuerreform fördert neue
energiesparende Produkte und Produktionsverfahren,
und sie trägt dazu bei, daß deutsche Unternehmen und
die deutsche Wirtschaft insgesamt bei diesen Zukunfts-
technologien weltweit führend bleiben.


(Beifall bei der SPD)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400905100
Das Wort hat Bun-
desminister Werner Müller.

Dr. Werner Müller, Bundesminister für Wirtschaft
und Technologie: Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Die Zeit ist weit fortgeschritten. Ich möchte da-
her nur wenige Bemerkungen machen.

Die Debatte hat gezeigt, daß die Ökosteuer einmal
Bestandteil der Programme aller Parteien war. Ich ver-
stehe sehr wohl, daß man, wenn man in der Opposition
ist, gegen die SPD oder die Grünen argumentieren muß.
Aber ich bitte Sie, nicht in Opposition gegen die Natur
zu verfallen;


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Ach, Herr Müller!)


denn so klingt es manchmal.

(Beifall bei der SPD)


Insbesondere – das will ich kritisch vermerken – hat
mich doch etwas gestört, daß Sie die energieintensive
Industrie und die Beschäftigten in dieser Industrie hier
manchmal verbal mit Kettenrauchern und Alkoholikern
vergleichen. Ich finde, das ist nicht in Ordnung, auch
wenn ich weiß, daß der Vergleich so nicht unbedingt
gemeint war. Aber es klingt an, daß diese Industrien,
weil sie viel Energie verbrauchen – das ist manchmal
wohl Ihre These –, ganz besonders belastet werden soll-
ten.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Nein! Bewußt mißverstanden!)


Das kann ich als Minister für Wirtschaft so einfach nicht
hinnehmen.


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Wirtschaftsfeind!)


Ich bin richtig zitiert worden. Ich habe gesagt, man
sollte das produzierende Gewerbe vielleicht ganz her-
ausnehmen. Dann wurde gefragt, ob ich in diesem Punkt
erfolgreich war. Es sind 50 Prozent des produzierenden
Gewerbes zur Zeit als energieintensiv eingestuft und
damit von der Steuer ausgenommen; der Rest erhält 75
Prozent Nachlaß. Ich finde, das ist schon einmal ein gu-
ter Ansatz.


(Zuruf des Abg. Hans Michelbach [CDU/CSU])


Ich bitte nun auch die Wirtschaft, diese Regelung nicht
laufend und immer wieder zu kritisieren; denn mit dieser
Lösung kann die deutsche Wirtschaft nach meiner festen
Überzeugung leben. Das produzierende Gewerbe bein-
haltet Handwerk, Mittelstand und Industrie.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich fordere insbesondere die Wirtschaftsverbände da-
zu auf, nicht laufend nur die Steuerbelastungen durch
die Energiesteuer alleine und isoliert in den Raum zu
stellen, sondern auch die sinkenden Lohnnebenkosten
bei den Belastungen zu berücksichtigen.


(Detlev von Larcher [SPD]: So ist es!)

Erst dann sollte man sich dazu äußern, ob die Neurege-
lung Gewinne oder Verluste mit sich bringt.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Man kann danach fragen, warum als Wert 6,4 Prozent
und nicht 6,5 oder 6,3 Prozent gewählt wurden. Der
Wert ist so gebildet, daß nach unserer ganz sicheren
Überzeugung kein Betrieb unter dem Strich belastet
wird, sondern die allermeisten Betriebe entlastet werden,
so daß die Wirtschaft mit diesem Satz leben kann.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – CarlLudwig Thiele [F.D.P.]: Kein Betrieb wird unter dem Strich belastet?)


Hans Martin Bury






(A) (C)



(B) (D)


Lassen Sie mich zusammenfassend sagen: Diese
ökologische Steuerreform ist eine vernünftige Sache. Sie
belastet den Naturverbrauch und führt daher dazu, daß
weniger Natur verbraucht wird. Sie senkt die Kosten des
Faktors Arbeit und führt unter dem Strich zu mehr Ar-
beit, auch wenn die Umsetzung in kleinen Schritten ge-
schieht.


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Sie sind ja nicht einmal ein Stollmann-Verschnitt!)


Mit der Umsetzung der ersten Stufe in ihrer jetzigen
Ausgestaltung wird ein kleiner Schritt getan; ich wie-
derhole mich. Ihre Aussage, daß die Schritte nicht groß
genug wären, spiegeln Sie bitte einmal an den Reaktio-
nen, die es draußen – auch bei Ihnen – gäbe, wenn die
Schritte größer wären.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wir gehen sehr bewußt Schritt für Schritt vor, weil Re-
formen nicht einfach mit ganzer Wucht übergestülpt
werden können. Wichtig ist, daß das dahinterstehende
Denken stimmt. Unter diesem Aspekt bleibt unter dem
Strich auch jetzt schon übrig: Die Bürger werden mehr
Geld in ihrem Portemonnaie haben; die Betriebe werden
in den allermeisten Fällen entlastet und nicht belastet.
Ob der Bürger mit dem Mehrbetrag in seinem Porte-
monnaie die Energiesteuer bezahlt oder die Konsumho-
heit nutzt, Energie zu sparen und sich dafür etwas ande-
res zu kaufen, ist ihm anheimgestellt. Auch diesen Ef-
fekt könnten Sie würdigen.

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400905200
Zu einer Kurzinter-
vention hat der Kollege Hirche das Wort.


Walter Hirche (FDP):
Rede ID: ID1400905300
Herr Präsident! Meine Da-
men und Herren! Der Wirtschaftsminister hat eben ge-
sagt, die produzierenden Betriebe wären am Ende noch
Gewinner dieser neuen Steuer.


(Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hat er nicht gesagt!)


Ich möchte an einem ganz kleinen Beispiel einmal deut-
lich machen, daß diese Rechnung überhaupt nicht auf-
geht.

Nehmen Sie einmal ein typisches mittelständisches
Unternehmen mit einem Energiekostenanteil von 5 Pro-
zent, einem Lohnkostenanteil von 20 Prozent und einem
Gewinn von 2 Prozent, jeweils am Umsatz gemessen.


(Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt wird hier Dreisatzrechnung ge macht!)

Bei einem Umsatz von 10 Millionen DM fallen dann
500 000 DM Energiekosten an.


(Rezzo Schlauch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wer hat Ihnen das aufgeschrieben?)


Nach dem Gesetzesvorschlag, über den das Parlament
hier beschließen soll, werden sich diese Kosten um etwa
50 000 DM erhöhen.


(Zuruf von der SPD: Quatsch!)

Die Entlastung bei den Lohnnebenkosten beträgt aber
nur 6 000 DM. Der Gewinn von 200 000 DM wird da-
mit auf 156 000 DM reduziert, also um 22 Prozent.


(Ernst Schwanhold [SPD]: Falsch! Darin ist ein Fehler! Er kann nicht rechnen! Das ist Quatsch! Er hat 5 000 DM Kostensteigerung!)


Das Problem ist, daß dieser verringerte Gewinn dazu
führt, daß weniger Investitionen möglich sind und daß
Arbeitsplätze gefährdet werden.

Das ist der eine Punkt, der in diesem Zusammenhang
von großer Wichtigkeit ist.


(Detlev von Larcher [SPD]: Herr Hirche, Sie können nicht rechnen!)


Herr Minister Müller, nicht wir haben die Diskussion
um die Unterscheidung zwischen energieintensiven und
weniger energieintensiven Betrieben aufgebracht. Sie
haben sich – aus Ihrer Sicht verständlicherweise – gegen
die herangezogenen Beispiele gewehrt. Die Begründung
der Koalition für die Einbringung dieses Gesetzentwur-
fes besteht doch vielmehr darin, daß der Energiever-
brauch schädlich ist und reduziert werden muß. Deswe-
gen ist völlig unverständlich, daß derjenige, der die mei-
ste Energie verbraucht, von der vorgesehenen Energie-
besteuerung zuerst ausgenommen wird.

Das verstößt gegen den Gleichheitsgrundsatz und ist,
so glaube ich, für die mittelständischen Betriebe kein
gutes Beispiel dafür, wie in Deutschland Arbeitsplätze
in der Wirtschaft behandelt werden sollten. Wir halten
das für falsch.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400905400
Herr Bundesmini-
ster Müller, wollen Sie auf diese Kurzintervention ant-
worten? – Sie haben das Wort.

Dr. Werner Müller, Bundesminister für Wirtschaft
und Technologie: Ich möchte nur einen Satz dazu sagen.
Ich bitte auch, bei dem soeben von Ihnen genannten
Beispiel immer zuerst die Senkung der Lohnnebenko-
sten zu berücksichtigen.


(Zuruf von der CDU/CSU: Hat er doch gesagt!)


Ich möchte denjenigen Betrieb erleben, der nach dieser
Senkung wirklich noch so belastet wird, daß all die Kla-
gen der Verbände eine Rechtfertigung finden.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Hans Michelbach [CDU/CSU]: Das ist unglaublich!)


Bundesminister Dr. Werner Müller






(B)



(A) (C)



(D)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400905500
Das Wort für die
CDU/CSU-Fraktion hat der Kollege Gunnar Uldall.


Gunnar Uldall (CDU):
Rede ID: ID1400905600
Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Herr Minister, mein Kollege Fried-
rich Merz, der sich leider entschuldigen mußte und Ih-
nen das auch mitgeteilt hatte – er mußte einer anderen
Verpflichtung nachkommen –, hat in seiner Rede Bezug
genommen auf Ihr Interview vom 7. November 1998 im
„Tagesspiegel“ in dem Sie gesagt hatten:

Diese Klage halte ich für berechtigt. Industrie,
Handwerk und Mittelstand müssen von dieser Steu-
er so lange befreit werden, bis sie in der Europäi-
schen Union einheitlich eingeführt wird.

Herr Minister, gerade nach Ihrer Rede kann ich nur
fragen: Warum machen Sie in dieser Frage einen Rück-
zieher? Warum lassen Sie sich durch die anderen Kräfte
innerhalb der Koalition sozusagen überrollen? Warum
sind Sie nicht bei Ihrer ursprünglichen Meinung geblie-
ben? Sie sind der Minister, der bei uns in Deutschland
für die Ordnungspolitik im Bereich der Wirtschaft zu-
ständig ist.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Sehr richtig! Immer noch! – Dr. Klaus W. Lippold (Offenbach)


Hier sollten Sie Rückgrat zeigen und sich nicht durch ir-
gendwelche ideologischen, ökologischen oder sonstigen
finanzpolitischen Überlegungen einbinden lassen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der F.D.P. – Detlev von Larcher [SPD]: Ach, Herr Uldall!)


Meine Damen und Herren, es gab einen guten Grund,
weswegen die Ordnungspolitik von Ludwig Erhard nicht
im Finanzministerium, sondern im Wirtschaftsministeri-
um angesiedelt wurde. Denn das Finanzministerium
steht immer unter dem Druck, unter tagespolitischen
Gesichtspunkten zu entscheiden und Geld zu beschaffen.
Der Ordnungspolitiker muß die langfristige Perspektive
im Blick haben.


(Detlev von Larcher [SPD]: So wie Ihre Wirtschaftspolitiker!)


Das wünschen wir uns sehr von Ihnen, Herr Minister.
Aufgabe eines Ordnungspolitikers ist, darauf zu ach-

ten, daß wir gleiche Wettbewerbsbedingungen in Europa
und für die unterschiedlichen deutschen Unternehmen
haben. Dies ist nicht gegeben. Unser Kollege Bury hat
soeben festgestellt, wie wichtig es sei, daß wir eine eu-
ropäische Harmonisierung erreichen.


(Detlev von Larcher [SPD]: Die werden wir erreichen!)


Aber eine europäische Harmonisierung ist nicht vorhan-
den. Trotzdem werden solche Maßnahmen ergriffen.

Die von Ihnen vorgesehene Reform – das haben ver-
schiedene Beiträge gezeigt – entlastet eben nicht, son-
dern belastet. Der typische mittelständische Handelsbe-
trieb – das hat Kollege Michelbach an Hand seines eige-

nen Betriebes vorgerechnet – und der typische Hand-
werksbetrieb werden belastet, nicht entlastet.

Da Sie auf die Industrie Bezug nehmen, möchte ich
auf folgendes hinweisen: Ich habe heute ein Schreiben
von einem rohstoffverarbeitenden Betrieb bekommen,
der von den Schwankungen der Rohstoffpreise auf dem
Weltmarkt abhängig ist. Wenn die Weltmarktpreise
hoch sind, dann ist er nach Ihrer Definition nicht energie-
intensiv. Wenn die Weltmarktpreise niedrig sind – was
wir alle uns wünschen –, ist er energieintensiv und
müßte eigentlich entlastet werden.


(Carl-Ludwig Thiele [F.D.P.]: Richtig!)

Die Statistiken sind also zum falschen Zeitpunkt aufge-
stellt worden. Deswegen werden diese Betriebe jetzt mit
einer zusätzlichen Steuer belastet.

Meine Damen und Herren, diese neue gesetzliche
Regelung mit den vielen, vielen Ausnahmen ist ein gro-
ßer Schritt zu mehr Regulierung im Steuerrecht, ist ein
Schritt zu mehr staatlicher Lenkung. Aber was wir in
Deutschland brauchen, ist mehr Deregulierung und ein
freieres Spiel der marktwirtschaftlichen Kräfte. Dies si-
cherzustellen ist Aufgabe des für die Ordnungspolitik im
Bereich der Wirtschaft zuständigen Ministers.

Wir wünschen, Herr Minister, daß Sie in den kom-
menden Jahren in dieser Frage immer eine klare Position
beziehen und bei den Positionen bleiben, wie Sie sie ur-
sprünglich in dem „Tagesspiegel“-Interview vertreten
haben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400905700
Ich schließe die
Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 14/40 und 14/66 (neu) an die in der
Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
Der Gesetzentwurf auf Drucksache 14/40 soll außerdem
zur Mitberatung dem Ausschuß für Tourismus überwie-
sen werden. Gibt es dazu anderweitige Vorschläge? –
Das ist nicht der Fall. Dann sind die Überweisungen so
beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 8 a bis 8 e sowie
Zusatzpunkt 7 auf:
8. a) Erste Beratung des von den Fraktionen SPD und

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten
Entwurfs eines
Gesetzes zu Korrekturen in der Sozialver-
sicherung und zur Sicherung der Arbeitneh-
merrechte
– Drucksache 14/45 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung (federführend)

Rechtsausschuß
Ausschuß für Wirtschaft und Technologie
Ausschuß für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuß für Gesundheit
Ausschuß für Tourismus
Haushaltsausschuß mitberatend und gemäß § 96 GO






(A) (C)



(B) (D)


b) Erste Beratung des von den Fraktionen SPD und
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten
Entwurfs eines
Gesetzes zur Änderung des Versorgungsre-
formgesetzes 1998 (VReformGÄndG)

– Drucksache 14/46 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuß (federführend)

Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung
Ausschuß für Gesundheit
Haushaltsausschuß mitberatend und gemäß § 96 GO

c) Erste Beratung des von der Abgeordneten Dr.
Heidi Knake-Werner und der Fraktion der PDS
eingebrachten Entwurfs eines Ersten Gesetzes zur
Korrektur von Fehlentwicklungen im Recht der

(Erstes ArbeitslosenhilfeKorrekturgesetz – 1. Alhi-KG)

– Drucksache 14/15 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung (federführend)

Ausschuß für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

d) Erste Beratung des von der Abgeordneten Dr.
Heidi Knake-Werner und der Fraktion der PDS
eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Änderung des Arbeitszeitgesetzes

(ArbZG) und des Euro-Einführungsgesetzes


(EuroEG)

– Drucksache 14/13 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung (federführend)

Rechtsausschuß
Finanzausschuß
Ausschuß für Wirtschaft und Technologie
Ausschuß für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuß für die Angelegenheiten der Europäischen Union

e) Erste Beratung des von der Fraktion der PDS
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Wie-
dereinführung des Schlechtwettergeldes –
Schlechtwettergeld-Gesetz (SWG)

– Drucksache 14/39 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung (federführend)

Ausschuß für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen

ZP 7 Erste Beratung des von den Abgeordneten Dr.
Irmgard Schwaetzer, Rainer Brüderle, Jörg van
Essen, weiteren Abgeordneten und der Fraktion
der F.D.P. eingebrachten Entwurfs eines Geset-
zes zur beschäftigungswirksamen Änderung
des Kündigungsschutzgesetzes
– Drucksache 14/44 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung (federführend)

Rechtsausschuß
Ausschuß für Wirtschaft und Technologie

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache zwei Stunden vorgesehen. – Ich höre
keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich gebe dem Bundesminister für Arbeit und Sozial-
ordnung, Walter Riester, das Wort.

Walter Riester, Bundesminister für Arbeit und So-
zialordnung: Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und
Herren! Wir stehen vor großen Umwälzungsprozessen
in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Veränderungen auf
den Arbeitsmärkten sind zum Teil Ausdruck dieser
Umwälzungen. Für viele Menschen bringt der Wandel
Unsicherheit und Vertrauensverluste mit sich.

Wir sind vor sechs Wochen von den Bürgern und
Bürgerinnen gewählt worden, weil sie Sicherheit und
Vertrauen zurückgewinnen wollen. Sie erwarten von der
Politik, inmitten dieses Strukturwandels nicht allein ge-
lassen zu werden. Nur wenn die Menschen Vertrauen in
sich und die Politik zurückgewinnen, sind sie bereit, die
Veränderungen auch aktiv mitzutragen. Wir wollen, daß
sie wieder Wagnisse auf sich nehmen und der Zukunft
optimistisch entgegengehen.

Darum bringen wir Reformen auf den Weg, die den
Namen „Reform“ auch verdienen. Unsere Reformen
sollen Verbesserungen und keine Verschlechterungen
bringen. Umgekehrt werden wir das, was in der Vergan-
genheit als Reform vertreten worden ist, in der Realität
aber die Lebenswirklichkeit der Menschen verschlech-
tert hat, zurücknehmen. Die sogenannten Reformen der
Vergangenheit haben in unserer Gesellschaft Schaden
angerichtet. Diesen Schaden reparieren wir heute in
einem ersten Schritt. Ganz oben auf unserer Liste steht
dabei die Rentenpolitik.

Wir nehmen die Rentenniveaukürzung der alten
Bundesregierung zurück. Wir streichen den von der
alten Regierung eingeführten demographischen Faktor,
der in Wirklichkeit nur ein linearer Kürzungsfaktor ist,
aus der Rentenformel.


(Beifall bei der SPD)

Die mit diesem Faktor herbeigeführte lineare Renten-
niveaukürzung ist ungerecht und hätte viele Klein- und
Kleinstrentner in die Nähe der Sozialhilfe gebracht.
Zurücknehmen werden wir auch die Kürzungen bei den
Renten derjenigen, die nicht mehr aus eigener Kraft
ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Die Verschlechterung bei den Erwerbsunfähigkeits-
und Berufsunfähigkeitsrenten wie auch die Geltung des
demographischen Faktors werden wir bis zu einer Neu-
regelung der Rentenreform für die Jahre 1999 und 2000
aussetzen. Beide Korrekturen werden zum 1. Januar
1999 wirksam. Dies ist nicht nur dringend geboten, son-
dern auch durch unseren Einstieg in die ökologische
Steuerreform gegenfinanziert.


(Birgit Schnieber-Jastram [CDU/CSU]: Ich wäre etwas vorsichtiger an Ihrer Stelle!)


Die Rentenversicherung muß zukunftssicher, armuts-
fest und verläßlich werden. Deshalb werden wir schon
im nächsten Jahr eine Rentenstrukturreform auf den
Weg bringen, die die Folgen der demographischen
Entwicklung gerecht zwischen den Generationen ver-
teilt. Aber das wird nicht reichen. Zusätzlich sind

Vizepräsident Rudolf Seiters






(B)



(A) (C)



(D)


Einfallsreichtum und Kreativität gefragt, um einen neu-
en Generationenpakt zwischen Jung und Alt zu schlie-
ßen.

In den nächsten fünf Jahren kommen rund 3 Millio-
nen Menschen in das Alter zwischen 60 und 65 Jahren,
gleichzeitig befinden sich heute schon 1,7 Millionen
junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren weniger in
Erwerbsarbeit, als dies 1991 der Fall war. Ich fordere
alle gesellschaftlichen Akteure auf, sich an der Diskus-
sion um eine solide, sozial gerechte und verläßliche
Antwort auf diese Entwicklung zu beteiligen.


(Birgit Schnieber-Jastram [CDU/CSU]: Das haben Sie verweigert!)


Konstruktive Vorschläge sind gefragt. Nicht die breite
Erörterung dessen, was nicht geht, wird uns bei der Lö-
sung der anstehenden Probleme weiterhelfen,


(Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Wollen Sie keinen Leistungsanspruch haben?)


auch nicht das Aufbauen schier unüberwindlicher Hin-
dernisse. Das heißt nicht, daß ich dem Streit in der Sa-
che aus dem Wege gehe. Aber wir brauchen einen Streit,
der uns in der Sache wirklich weiterführt.

Ein Ort der konstruktiven Auseinandersetzung kann
das von uns initiierte Bündnis für Arbeit und Ausbil-
dung sein. Gerade deshalb bin ich dagegen, Vorbedin-
gungen für die Bündnisgespräche einzubringen, im
Gegenteil: Klare Signale aller, einen eigenständigen
Beitrag zu leisten und sich zu bewegen, können das
Bündnis zum Erfolg bringen.

Die Bundesregierung tritt mit einem solchen Beitrag
an; denn wir senken den Beitrag zur Rentenversicherung
um 0,8 Prozentpunkte zum 1. April nächsten Jahres


(Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: So schnell?)


und entlasten damit sowohl die Betriebe als auch die
Arbeitnehmer.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Einen solchen großen Schritt zur Entlastung der Ar-
beitskosten hat es in den letzten 16 Jahren trotz voll-
mundiger Ankündigungen nicht gegeben. Wir reden
nicht nur von der Senkung der Lohnnebenkosten, wir
setzen sie auch durch.


(Beifall bei der SPD – Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Sind Steuern keine Lohnnebenkosten?)


Beides brauchen wir: eine wettbewerbsfähige und lei-
stungsstarke Wirtschaft sowie Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer, die wieder mehr Geld in der Tasche ha-
ben und die Wirtschaft auch von der Nachfrageseite her
ankurbeln können.


(Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Papier ist geduldig!)


Insgesamt entlasten wir die Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer und die Wirtschaft pro Jahr um 11 Milli-

arden DM. Bei der Finanzierung dieses Vorhabens ste-
hen wir auf einem soliden und verläßlichen Fundament.


(Dirk Niebel [F.D.P.]: Au ja!)

Künftig zahlt der Bund der Rentenversicherung das Geld
für die zusätzlich beschlossenen Leistungen.


(Birgit Schnieber-Jastram [CDU/CSU]: Das löst die Probleme nicht!)


Dieses Vorgehen sorgt für mehr Beitragsgerechtigkeit.
Beiträge für die Kindererziehungszeiten und die Anpas-
sung der Ostrenten werden von der Allgemeinheit der
Steuerzahler getragen und nicht mehr nur von den sozi-
alversicherungspflichtigen Arbeitnehmerinnen und Ar-
beitnehmern und von den Betrieben.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wir verbessern damit die Finanzierungsgrundlage der
Sozialversicherungen.

Das gilt auch für die geringfügig Beschäftigten.
Bundeskanzler Schröder hat gestern in diesem Hause
dargelegt, wie wir uns die Neuregelung zu den 620-DM-
Jobs vorstellen.


(Dirk Niebel [F.D.P.]: Daß sie zahlen müssen, aber nichts rauskriegen! Das hat er dargelegt!)


– Das hat er nicht dargelegt.

(Dirk Niebel [F.D.P.]: O ja! – Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Nennen Sie die Zahlen doch noch einmal!)


Statt der Pauschalsteuer wird ein Beitrag von 10 bzw.
12 Prozent vom Arbeitgeber in die Sozialversicherungs-
kassen eingezahlt.


(Dirk Niebel [F.D.P.]: Aber es gibt keinen Leistungsanspruch!)


Der Beschäftigte braucht keinen Beitrag zu leisten.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Er kriegt aber auch keine Leistung! – Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Es bleibt, wie es ist! – Dirk Niebel [F.D.P.]: Das ist Roßtäuscherei, was Sie da machen!)


Geringfügige Beschäftigungsverhältnisse werden in
der Zukunft von der ersten Stunde an sozialversichert.


(Beifall bei der SPD – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Ohne Leistung!)


Das ist ein Anliegen, für das wir lange, lange gekämpft
haben.

Sie selbst sind sonst doch sehr dafür, daß man, wenn
man Leistungen erhalten will, vorher Beiträge eingezahlt
haben muß.


(Dirk Niebel [F.D.P.]: Aber sie kriegen ja keine Leistungen!)


Bundesminister Walter Riester






(A) (C)



(B) (D)


Jeder, der einen Eigenbeitrag in Höhe von 7,5 Prozent
leistet, hat einen Leistungsanspruch aus dem gesamten
in die Rentenversicherung eingezahlten Beitrag.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dirk Niebel [F.D.P.]: Und bei der Krankenkasse?)


Ich denke, daß wir mit dieser Lösung einen guten
Kompromiß gefunden haben. Es ist ein Kompromiß,
der weder die Wirtschaft über Gebühr belastet noch die
Befürchtungen vieler geringfügig Beschäftigter igno-
riert. Er verhindert die Erosion der Sozialversiche-
rungssysteme; er macht das weitere Aufsplitten von
Arbeitsverhältnissen unattraktiver; er verhindert Aus-
weichreaktionen in Richtung Schwarzarbeit, er wird
mittelfristig durch das Einfrieren der 620-DM-Grenze
die Ausweitung der geringfügigen Beschäftigung ein-
dämmen, und er bietet den Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmern die Möglichkeit, sich für das Alter zu-
sätzlich abzusichern.


(Beifall bei der SPD)

Meine Damen und Herren, mehr Gerechtigkeit haben

wir in unserem Wahlprogramm den Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmern versprochen. Heute lösen wir dieses
Versprechen ein. Wir nehmen die Kürzung der Lohn-
fortzahlung im Krankheitsfall aus ordnungs- und so-
zialpolitischen Gründen zurück.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Im übrigen hat diese Maßnahme auf dem Rücken der
Kranken nicht zu den von der Wirtschaft versprochenen
Einstellungen geführt.


(Dr. Peter Struck [SPD]: Richtig!)

Die Kürzung der Entgeltfortzahlung hat zwar – nach
Aussagen der Wirtschaft – zu Einsparungen zwischen
15 und 20 Milliarden DM geführt. Nur: Mehr Arbeits-
plätze haben wir nicht erwarten können.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Haben wir nun weniger Arbeitslose, oder haben wir sie nicht? – Gegenruf der Abg. Ulla Schmidt [Aachen] [SPD]: Aber nicht deswegen!)


– Mein lieber Herr, doch nicht durch die Kürzung der
Lohnfortzahlung.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Woher wissen Sie das denn?)


– Das weiß ich sehr genau aus der Praxis, aus sehr, sehr
vielen Gesprächen in den Betrieben, möglicherweise
etwas konkreter als Sie, Frau Schwaetzer.


(Beifall bei der SPD)

Eines allerdings haben Sie damit in der Tat ausgelöst:

daß der soziale Frieden in diesem Lande sehr nachhaltig
gestört wurde.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der PDS – Widerspruch bei der CDU/CSU und der F.D.P.)


Wer nicht durch Tarifverträge vor Einkommensminde-
rung geschützt ist, wird jetzt zusätzlich zu seiner Krank-
heit noch mit Lohnabzug bestraft. Dieser Ungleichheit
setzen wir ein Ende. Eine moderne und sozial gerechte
Gesellschaft hat nur dann eine Zukunft, wenn auch die
Balance zwischen den Hauptakteuren in der Volkswirt-
schaft stimmt. Wer einseitig die Rechte einer Gruppe
beschneidet, gefährdet nicht nur den sozialen Frieden –
er löst Unfrieden aus.


(Beifall bei der SPD)

Wir sind gegen den einseitigen Abbau von Arbeit-

nehmerrechten. Deshalb nehmen wir auch die arbeit-
nehmerfeindliche Einschränkung des Kündigungs-
schutzes zurück.


(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS)


Auch diese Maßnahme hat nicht zu den versprochenen
Einstellungen geführt. Welch große Erwartungen mit der
Einschränkung des Kündigungsschutzes verbunden wa-
ren, zeigt ein Blick in die damalige Gesetzesbegrün-
dung. In der Bundestagsdrucksache 13/4612 vom
10. Mai 1996 heißt es:

Es kann davon ausgegangen werden, daß ein Teil
der Betriebe ... bei Anhebung des Schwellenwertes
neue Einstellungen vornehmen wird. Wenn jeder
der Betriebe, die gegenwärtig zwischen fünf und
neun Arbeitnehmer beschäftigen, zusätzlich nur ei-
nen Arbeitnehmer einstellt, ergibt dies eine halbe
Million möglicher Neueinstellungen.


(Dr. Peter Struck [SPD]: Hört! Hört!)

Diese Rechnung ist offensichtlich nicht aufgegangen.

Selbst der Zentralverband des Deutschen Handwerks
räumt heute ein, daß für das Einstellungsverhalten – wie
könnte es auch anders sein? – die konjunkturelle Lage
und die Beschäftigungserwartungen das entscheidende
Motiv sind.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Dann wird es ja in der nächsten Zeit schlecht aussehen!)


Dies bestätigt auch eine im Auftrag des Bundesministe-
riums für Wirtschaft im Jahr 1997 durchgeführte Untersu-
chung. Sie, meine Damen und Herren von der F.D.P.,
wollen nun den Schwellenwert für den gesetzlichen Kün-
digungsschutz auf 20 Arbeitnehmer heraufsetzen. Wenn
Ihr Vorschlag Realität würde, wären rund 36 Prozent der
Arbeitnehmer und 90 Prozent der Betriebe aus dem all-
gemeinen Kündigungsschutz ausgenommen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Der gesetzliche Kündigungsschutz ist verfassungsrecht-
lich durch das Sozialstaatsgebot und den Gleichheits-
grundsatz verankert. Erleichterungen für Kleinbetriebe,
die den gebotenen Kündigungsschutz einschränken,
müssen sachlich gerechtfertigt sein.


(Dirk Niebel [F.D.P.]: Das sind sie auch!)

Diese Rechtfertigung kann ich Ihrem Gesetzentwurf
nicht entnehmen. Ich sage Ihnen: Um diese Rechtferti-
gung zu akzeptieren, fehlt mir die Phantasie.


(Zuruf von der CDU/CSU: Sie haben überhaupt keine Phantasie!)


Bundesminister Walter Riester






(B)



(A) (C)



(D)


– Es mag sein, daß Ihre Phantasie in Bereiche hinein-
reicht, wo meine längst versagt.


(Beifall bei der SPD)

Ich setze meine Phantasie lieber für kreative Lösungen
ein, als sie für falsche Maßnahmen zu strapazieren. Ich
habe – das möchte ich Ihnen sagen – zumindest so viel
Phantasie, daß ich mir vorstellen kann, was in einem 45-
oder 50jährigen Arbeitnehmer vorgeht, der weiß, daß er
von einem Tag auf den anderen entlassen werden kann,
der weiß, daß er im Arbeitsmarkt heute kaum noch
unterzubringen ist. Dafür – für das Menschliche – reicht
meine Phantasie.


(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS)


Meine Damen und Herren, wir brauchen einen effek-
tiven Kündigungsschutz, und zwar auch deshalb, weil
aus ihm durchaus produktive Wirkungen hervorgehen.
Es wirkt leistungsfördernd, wenn sich die Arbeitnehmer
vor willkürlicher Kündigung geschützt sehen. Dies kön-
nen Sie im übrigen beim Sachverständigenrat zur Begut-
achtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung nach-
lesen.


(Dirk Niebel [F.D.P.]: Aber welcher kleine Handwerksmeister kündigt seinen alten Arbeitnehmern denn wirklich willkürlich? Das macht doch keiner!)


– Warum wollen Sie den Kündigungsschutz dann aufhe-
ben? Wo liegt denn dann der Grund dafür?


(Beifall bei der SPD – Dirk Niebel [F.D.P.]: Damit sie mehr einstellen!)


– Wir haben doch gerade vorexerziert bekommen, daß
es nicht zu mehr Mehreinstellungen führt. Seit der Ent-
scheidung, den Schwellenwert heraufzusetzen, arbeiten
im Handwerk 135 000 Menschen weniger.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Sie sind hier nicht auf dem Gewerkschaftstag!)


Das hat nichts mit der Neuregelung zu tun, um auch das
klar zu sagen. Aber es macht Ihnen doch deutlich, daß
die Entscheidung, den Kündigungsschutz aufzuheben,
nicht zu mehr Einstellungen geführt hat. Im übrigen gibt
es das Beschäftigungsförderungsgesetz, in dem geregelt
ist – und zwar nicht nur für Kleinbetriebe, sondern für
jeden Betrieb –, daß eine Neueinstellung bis zu 24 Mo-
nate befristet werden kann, und zwar dreimal hinterein-
ander. Dieses Schrittes hätte es also gar nicht bedurft.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dirk Niebel [F.D.P.]: Bei Mercedes macht man das, aber doch nicht in Kleinbetrieben!)


Die Rechte unserer Arbeitnehmer stärken wir auch in
dem Bereich, in dem sie in unvertretbarem Maße einer
ausländischen Unterbietungskonkurrenz ausgesetzt sind,
nämlich auf dem Bau. Deshalb heben wir die Befristung
des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes auf. Dazu sind wir
im übrigen auch europarechtlich verpflichtet. Die Befri-
stung des Gesetzes war ein falsches Signal und hat sei-
ner Umsetzung in die Praxis nur geschadet. Lohn- und

Sozialdumping auf Baustellen muß weiterhin bekämpft
werden. Immer wieder werden von den Aufsichtsbehör-
den skandalöse Zustände auf deutschen Baustellen auf-
gedeckt. Stundenlöhne von 5 DM und weniger auf deut-
schen Baustellen können und wollen wir nicht akzeptie-
ren.


(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS)


Um hier wirkungsvoller eingreifen zu können, erweitern
wir die Kontrollrechte der Behörden und verschärfen
den Bußgeldrahmen. Außerdem hat der Arbeitsminister
künftig das Recht, tariflich geregelte Arbeitsbedingun-
gen im Bau auch auf nichttarifgebundene Arbeitgeber
und Arbeitnehmer auszuweiten.


(Dirk Niebel [F.D.P.]: Über den gesamten Tarif?)


Das führt zu einer effizienteren Lösung als bisher, weil
jetzt schnelle Entscheidungen möglich sind. Das ist eine
klare Entscheidung für die Stärkung der Tarifautonomie.
Wir nehmen das Votum der tarifabschließenden Parteien
hier sehr, sehr ernst. Sie haben die Kompetenz, sie ken-
nen die Branche.

Ich kann Ihnen meine Erfahrungen gerne schildern.
Die Verschleppung bei der Mindestregelung, die die
BDA verursacht hat, war ein unmittelbarer Eingriff in
die Rechte der den Tarifvertrag allein gestaltenden
Tarifvertragsparteien. Es wurden die Industriegewerk-
schaft Bauen-Agrar-Umwelt und der Bauindustriever-
band gezwungen, ihre eigenen Tarifverträge nach unten
zu korrigieren. Diese Form des Eingreifens in die Tarif-
autonomie wird es mit mir nicht geben.


(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS)


Mit dieser Neuregelung sorgen wir für mehr Gerech-
tigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Arbeitgeber sollen sich
keine Wettbewerbsvorteile mehr durch Lohndumping
verschaffen können. Mit der Weiterentwicklung des Ar-
beitnehmer-Entsendegesetzes und mit der Wiederher-
stellung des Anstandes bei Entgeltfortzahlung und Kün-
digungsschutz setzen wir ein Signal für neue Verläß-
lichkeit in der Politik und für die Stärkung der Sozial-
partnerschaft. Beides ist unerläßlich, wenn wir endlich
wieder Erfolge auf dem Arbeitsmarkt erzielen wollen
und wenn wir uns neuen Herausforderungen in einem
neuen Sozialsystem stellen wollen.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400905800
Das Wort für die
CDU/CSU-Fraktion hat Frau Birgit Schnieber-Jastram.


Birgit Schnieber-Jastram (CDU):
Rede ID: ID1400905900
Herr Präsi-
dent! Meine Damen und Herren! Herr Riester, das waren
viele Sprüche.


(Lachen bei der SPD)


Bundesminister Walter Riester






(A) (C)



(B) (D)


Sie werden sich an Ihren Sprüchen messen lassen müs-
sen.


(Zuruf von der SPD: Das ist nicht Herr Blüm!)

Wenn Sie von Umwälzungsprozessen sprechen, die

auf uns zukommen, dann, glaube ich, verschweigen Sie
den Menschen manch eine Konsequenz, die diese Um-
wälzungsprozesse haben werden. Das finde ich unauf-
richtig, Herr Riester.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Sie sagen, wir hätten mit all unseren Maßnahmen

Schaden angerichtet. Auch das, Herr Riester, ist unauf-
richtig.


(Peter Dreßen [SPD]: Das ist die Wahrheit!)

Wir haben in diesem Land 400 000 Arbeitsplätze ge-
schaffen. Machen Sie das erst einmal nach!


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Sie sagen, Herr Riester, Sie nehmen unsere Entwürfe

zurück. Ich erlebe eine andere Realität. Bisher nehmen
Sie laufende Meter eigene Entwürfe zurück.


(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)


Wer an die gestrige Diskussion denkt, der weiß das sehr
gut.

Vielleicht sollten Sie sich einmal in Ihren eigenen
Reihen umsehen. Da gibt es manch einen, der offen-
sichtlich weitsichtiger ist als Sie. Wenn Sie sich anse-
hen, was Ihr Parteifreund Florian Gerster, Sozialminister
in Rheinland-Pfalz, zur Frage der Rentenversicherung
sagt, dann werden Sie nicht Ihre Position, sondern unse-
re Position wiederfinden. Florian Gerster sagt nämlich:
Es muß eine maßvolle Absenkung des Rentenniveaus
geben, damit wir eine sozial gerechte, sinnvolle Antwort
auf demographische Veränderungen haben. – Das ist
nicht Ihr Konzept.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Während der gestrigen 620-Mark-Diskussion haben

Sie von Chancen gesprochen, große Ankündigungen
gemacht. Sie nutzen diese Chancen aber nicht; Sie
setzen die Ankündigungen nicht um. Chancen vertan,
Versprechen gebrochen – das wird Ihre Devise in der
Sozialpolitik in diesem Land sein.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Gegen ein drohendes demographisches Ungleichge-

wicht fällt Ihnen nichts Besseres ein, als zunächst einmal
die von uns getroffenen Gegenmaßnahmen für zwei
Jahre auszusetzen. Danach sollen strukturelle Verände-
rungen beschlossen werden, über die überhaupt nichts
Genaues bekannt ist. Es ist also sehr gut möglich, daß
die Reformen, die heute empört abgelehnt werden, von
der Regierung in zwei Jahren ein wenig umverpackt
wieder auf den Tisch kommen. Darauf bin ich gespannt.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der F.D.P.)


Es gibt, Herr Riester, drei Anforderungen der Bürger
an eine Regierung: Ehrlichkeit über die Absichten und
Folgen einer Reform,


(Lachen bei der SPD)

das Bemühen um ein realistisches und finanzierbares
Modell und soziale Verantwortung. Das heißt: Beziehen
Sie bitte Jung und Alt in Ihre Konzepte ein.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Unsere Rentenreform wurde dem gerecht.

Ich finde es in dem Zusammenhang übrigens ganz
interessant, wie sich die Grünen auf dieses Problem ein-
gelassen haben. Oswald Metzger sehe ich jetzt nicht. Er
hat noch wenige Wochen vor der Wahl erklärt, die
Rentenpläne der SPD seien absolut unverantwortlich
und schlicht Unfug.


(Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Da hat er recht! – Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Die Grünen spielen doch sowieso keine Rolle! Die SPD entscheidet doch alles allein!)


Ich sage Ihnen: Der Mann hat recht. Unverantwortlich
ist es, was Sie in diesem Feld machen.

Ich will, um Ihnen die Unvernunft Ihres Beschlusses
darzulegen, gerne aus dem Gutachten des Sachverstän-
digenrates zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
zitieren:

Die neue Regierung sollte dieses Gesetz
– gemeint ist die Rentenreform –

nicht zurücknehmen, sondern ganz im Gegenteil
den mit der Gesetzesänderung eingeschlagenen
Weg konsequent fortsetzen.

Ansonsten drohe eine immer stärkere Beitragsbelastung,
oder das Rentensystem gerate in Finanzschwierigkeiten.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Das sagen Ihnen, Herr Riester, alle Fachleute; das sagt
Ihnen Herr Professor Rürup, obwohl er Sozialdemokrat
ist, das sagt Ihnen der Verband Deutscher Rentenversi-
cherungsträger, und das sagt Ihnen auch Ihr grüner
Koalitionspartner, den Sie mit dieser Ökosteuer, die kei-
ne ist, an die Leine gelegt haben. Sie müssen es glauben;
denn es ist so. Hören Sie in diesem Bereich auf die
Experten!


(Beifall bei der CDU/CSU)

Meine Überzeugung ist – ich nehme Wetten an –:

Kommt es zu einer sogenannten Strukturreform der
Rente in zwei Jahren, dann wird darin ein demographi-
scher Faktor enthalten sein. Dagegen können Sie heute
wettern, soviel Sie wollen – wir werden uns hier wieder-
sehen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Aber die Tatsache, daß Sie wider bessere Einsicht

und wider besseren Rat handeln, bezieht sich ja nicht
nur auf die Rentenfrage. Sie haben im Wahlkampf, um
den Mittelstand einzufangen – man könnte mit Blick auf

Birgit Schnieber-Jastram






(B)



(A) (C)



(D)


Herrn Stollmann auch sagen: um ihn zu täuschen –, viel
auf den Altbundeskanzler Helmut Schmidt und seine
Politik gesetzt. Der Altbundeskanzler hat aber An-
fang 1997 einem „Handlungskatalog für Deutschland“,
verfaßt von der SPD-Bundestagsfraktion, ausdrücklich
als richtig hervorgehoben, in dem es unter anderem
heißt, daß es eine „neue Basis für die Lohnfortzahlung
im Krankheitsfall“ geben müsse. – Das war in dem Sin-
ne gemeint, in dem sie von uns, der christlich-liberalen
Koalition, beschlossen wurde. – Des weiteren hat er die
„Anrechnung von Urlaubstagen auf Kuren“ und „höhere
Eigenleistungen bei Arzneimitteln“ gefordert. Was gilt
eigentlich das Wort dieses Altbundeskanzlers in Ihren
Reihen noch? Es ist „just for fun“ und gerade für den
Wahlkampf gut genug.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. – Widerspruch bei der SPD)


Der erwähnte Handlungskatalog wird für die heutige
Gesetzesvorlage besonders interessant:

Der Kündigungsschutz ist so umzugestalten, daß er
für kleine und mittlere Unternehmen nicht zu einer
Einstellungsbremse für Arbeitslose wird.

Schreiben Sie sich hinter die Ohren, was kluge Leute
aus Ihren Reihen sagen, und handeln Sie danach! Be-
auftragen Sie doch nicht Ihre Leute mit Aufgaben, die
nachher nirgendwo einen Widerhall finden!


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Das gleiche gilt für die Lohnfortzahlung im

Krankheitsfall, die Sie wie eine Monstranz vor sich her
tragen. Die Neuregelung der Lohnfortzahlung im
Krankheitsfall hat für die Betriebe eine Entlastung in
Höhe von 20 Milliarden DM gebracht, sie hat uns im
internationalen Wettbewerb konkurrenzfähiger gemacht
und Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen. Da können
Sie so lange reden, wie Sie wollen. Haben wir mehr Ar-
beitsplätze in diesem Land oder nicht? Der soziale Frie-
den ist jedenfalls durch diese Maßnahme nicht gestört.
Der soziale Frieden wird jedoch durch Ihre Einlassung
und durch das, was die Gewerkschaften machen, gestört:
Sie kämpfen für diejenigen, die „drin sind“, und verges-
sen diejenigen, die „draußen sind“.


(Beifall bei der SPD)

Wir müssen hier ja nicht die Argumente vergangener

Schlachten noch einmal austauschen. Deswegen möchte
ich zu einem nächsten Thema kommen, der Scheinselb-
ständigkeit, die ja mit dem Thema 620-Mark-Jobs ver-
gleichbar ist. In der Analyse des Problems sind wir of-
fensichtlich weitgehend einig: mangelnde Altersabsiche-
rung und mangelnde Krankenversicherung, keine An-
wendbarkeit der arbeitsrechtlichen Schutzvorschriften.
Ich sage ganz deutlich, daß in diesem Bereich Hand-
lungsbedarf besteht. Aber das, was Sie hier vorlegen,
wird den Ansprüchen in keiner Weise gerecht.

Es geht um den Schutz der tatsächlich abhängig Be-
schäftigten, es geht darum, Existenzgründer nicht zu be-
hindern, und es geht um Rechtssicherheit für die Betrof-
fenen. Rechtssicherheit ist durch den von Ihnen vorge-
legten Gesetzentwurf nicht zu erwarten. Das sage nicht

nur ich Ihnen, das sagen nicht nur wir Ihnen. Das sagt
Ihnen auch der Vorsitzende Richter am Bundesarbeits-
gericht, Herr Griebeling, unter anderem für die hier be-
sprochene Abgrenzung von Arbeitnehmern und Selb-
ständigen zuständig. Er hat zu dem von Ihnen vorgeleg-
ten Kriterienkatalog ausdrücklich festgestellt, daß „ge-
rade der Bereich der Grauzone zwischen abhängiger Be-
schäftigung und selbständiger Tätigkeit nicht erhellt
wird“. Also auch an dieser Stelle sollten Sie vielleicht
einmal mehr nachdenken, bevor Sie mit Konzepten
kommen, die überhaupt nicht weiterhelfen. Ich glaube
nicht, daß Sie hier zu neuen Ergebnissen kommen. Von
Innovation und Rechtssicherheit bei Ihnen keine Spur!
Statt dessen hantieren Sie zu Lasten von Arbeitnehmern
und Arbeitgebern herum. So kann es nicht gehen. Chan-
ce vertan, Versprechen gebrochen!


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Es ist übrigens interessant, wenn man sich in diesem

Zusammenhang eine Debatte anschaut, die wir in der
13. Legislaturperiode im Rahmen der ersten Beratung
des von der SPD eingebrachten Entwurfs eines „Geset-
zes zur Bekämpfung der Scheinselbständigkeit“ geführt
hatten. Am 27. Februar 1997 bezifferte der ja vielen be-
kannte Kollege Ottmar Schreiner die finanziellen Aus-
fälle durch Scheinselbständigkeit auf 10 Milliarden DM
jährlich. In dem jetzt vorliegenden Gesetzentwurf sind
zusätzliche Einnahmen von – na, was schätzen Sie denn
an dieser Stelle? – gerade einmal 0,2 Milliarden DM
eingestellt. Innerhalb von eineinhalb Jahren eine Diffe-
renz von 9,8 Milliarden DM. Sie haben nicht nur Pro-
bleme mit diesem Gesetz, sondern auch deutliche Pro-
bleme mit Adam Riese.


(Adolf Ostertag [SPD]: Und Sie haben wegen Ihrer Gesetze Probleme mit den Wählern gehabt!)


Zum Schluß möchte ich hier noch einmal eine der
großen „Unglaublichkeiten“ ansprechen, und zwar die
Möglichkeit des „Kaisererlasses“ durch den Arbeitsmi-
nister Riester. Worum geht es dabei? Der Arbeitsmi-
nister will sich in Zukunft die Möglichkeit geben, durch
Rechtsverordnung die von den Tarifvertragsparteien
vereinbarten Mindestarbeitsbedingungen für aus dem
EU-Ausland entsandte Arbeitnehmer eigenmächtig für
allgemeinverbindlich zu erklären.


(Beifall bei der SPD)

Bisher ist es Aufgabe der Tarifvertragsparteien, tarif-
liche Mindestarbeitsbedingungen zu vereinbaren. Diese
Mindestarbeitsbedingungen können dann von dem pari-
tätisch besetzten Tarifausschuß beim Bundesarbeitsmi-
nister für allgemeinverbindlich erklärt werden. Die bis-
herige Entwicklung hat also gezeigt, daß das Entsende-
gesetz von den Sozialpartnern angenommen wurde.

In der letzten Legislaturperiode hat dann die SPD
einen Gesetzentwurf eingebracht, der vorsah, für den
Fall des Scheiterns der Allgemeinverbindlichkeitserklä-
rung den Arbeitsminister zu ermächtigen, durch Rechts-
verodnung einen Mindestlohn als einheitliches Minde-
stentgelt festzulegen.


(Zuruf von der SPD: Sie wollen tatenlos zugucken, oder was?)


Birgit Schnieber-Jastram






(A) (C)



(B) (D)


Noch einmal zur Klarstellung: für den Fall des Schei-
terns der Allgemeinverbindlichkeitserklärung nur Min-
destentgelt.

Und was wird uns jetzt beschert, besser gefragt: Was
beschert der Arbeitsminister sich selbst als vorgezo-
genes Weihnachtsgeschenk? Der Kaiser, Exzellenz
Arbeitsminister Riester kann durch Verordnung nicht
nur Mindestentgelte, sondern auch Urlaubsdauer und
Urlaubsgeld festsetzen.


(Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Hört! Hört!)


Dazu muß noch nicht einmal ein Verfahren im Tarifaus-
schuß durchgeführt werden. Eine solche Verordnung
soll auch nicht der Zustimmung des Bundesrates bedür-
fen. An dieser Stelle muß ich Ihnen, Herr Riester, sagen:
Ich hätte mir in meinen kühnsten Träumen nicht vor-
stellen können, daß ausgerechnet ein Gewerkschafter
wie Sie, der in Tarifverhandlungen erfahren ist, in sol-
cher Art und Weise zur Entmachtung der eigenen Rei-
hen beiträgt. Ich finde das unglaublich!


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Das alles geschieht ohne Grund.


(Lachen und Widerspruch bei Abgeordneten der SPD)


Das bisherige Verfahren hat sich in der Vergangenheit
bewährt. Ihr Gesetzentwurf schießt weit über das Ziel
hinaus. Die Tarifautonomie steht durch die Verlagerung
von Kompetenzen der Tarifparteien auf die Exekutive
auf dem Spiel.


(Zuruf von der SPD: So ein Quatsch!)

Der von Ihnen, Herr Minister, eingeschlagene Weg ist
also auf allen Feldern der falsche.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der ge-
samtwirtschaftlichen Entwicklung kommt in seinem
jüngsten Gutachten zu dem Urteil – ich zitiere –:

Was sich derzeit im Bereich der Lohnpolitik und
der institutionellen Regelungen des Arbeitsmarktes
abzeichnet, gibt Anlaß zur Sorge.

Nehmen Sie diese Sorge bitte ernst, Herr Riester! An-
sonsten wird es in den nächsten vier Jahren schwierig
werden – für Sie und, was noch viel schlimmer ist, für
uns alle.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400906000
Ich gebe das Wort
der Kollegin Annelie Buntenbach, Bündnis 90/Die Grü-
nen.


(Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Wann spricht denn der Herr Dreßler? – Gegenruf von der SPD: Wo ist denn Herr Blüm?)



(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich bin froh, daß die neue Regierung schon heute, nach

wenigen Wochen im Amt, diesen Gesetzentwurf hier
einbringt, der einige der gröbsten Fehlentscheidungen
der alten Bundesregierung korrigiert und gerade im Zu-
sammenhang mit der Ökosteuer neue Weichenstellungen
erkennbar macht. Gerade die Absenkung des Renten-
beitrags auf 19,5 Prozent im nächsten Jahr ist eine wirk-
lich gute Nachricht für die Arbeitnehmerinnen und Ar-
beitnehmer, deren Nettogehalt sich in den letzten Jahren
immer unzumutbarer vom Bruttogehalt entfernt hat.

Wenn Sie, meine Damen und Herren von der Oppo-
sition, uns kritisieren – nicht nur heute, sondern auch
schon in den letzten Tagen –, daß wir angeblich alles nur
täten, um die Einnahmen der Sozialversicherung zu
erhöhen,


(Zuruf von der F.D.P.: Stimmt doch!)

dann lassen Sie sich versichern: Niemand von uns hat
vor, sich die Rentenkasse oder die Arbeitslosenversiche-
rungskasse unter den Arm zu klemmen und sich schöne
Jahre auf den Bermudas zu machen. Wir tragen vielmehr
Sorge dafür, daß die Sozialkassen nicht weiter ausblu-
ten, gerade im Interesse derjenigen, die sich nicht allein,
kraft eigener Ellbogen oder Vaters Erbschaft durchset-
zen werden, sondern die auf die solidarischen Siche-
rungssysteme angewiesen sind.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


Aber jenseits der Einnahmeseite, der gerade im Inter-
esse der Solidarität unsere Aufmerksamkeit gelten muß,
geht es hier auch um Strukturentscheidungen, die für
sich stehen und die schon längst überfällig sind. Mit der
Rücknahme der Kürzung der Lohnfortzahlung im
Krankheitsfall, der Instandsetzung des Kündigungs-
schutzes, der Rücknahme der Privatisierung des Invali-
ditätsrisikos bei den Erwerbsunfähigkeitsrenten, der
Festlegung auf eine Rentenstrukturreform, die die un-
steten Erwerbsverläufe besser absichert, dem Einbezug
wenigstens der Scheinselbständigen in die Sozialversi-
cherung und den überfälligen Nachbesserungen beim
Entsendegesetz ist dieses Paket eindeutig ein Schritt hin
zu mehr sozialer Gerechtigkeit.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


Die haben wir nach 16 Jahren Kohl-Regierung bitter
nötig. Die Maßnahmen der letzten Jahre haben doch
nicht die Arbeitslosigkeit verringert, sondern – im Ge-
genteil – die Schere zwischen Arm und Reich immer
weiter geöffnet.

Frau Schnieber-Jastram, wo sind denn all die neuen
Arbeitsplätze, die mit der Aufweichung des Kündi-
gungsschutzes entstehen sollten? Es war doch von einer
halben Million die Rede.


(Hans-Peter Repnik [CDU/CSU]: Hat sie doch gerade erklärt! 400 000 in einem Jahr!)


Wo ist denn das Mehr an Beschäftigung, das die Kür-
zung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder die
Abschaffung der Vermögensteuer gebracht haben soll?

Birgit Schnieber-Jastram






(B)



(A) (C)



(D)


Ich kann keine neuen Jobs sehen; ich kann aber den
Verlust an sozialer Gerechtigkeit und den Verlust an
Demokratie in Betrieb und Gesellschaft sehen. Ich glau-
be, daß die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit mit sozia-
ler Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Integration nicht
nur zusammenpaßt, sondern als Leitlinie mit unserer
Politik untrennbar verbunden sein muß.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie der Abg. Dr. Heidi Knake-Werner [PDS])


Die Kürzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
steht geradezu als Symbol für die verfehlte Politik der
Kohl-Ära. Hunderttausende haben auf der Straße prote-
stiert – nicht nur, weil die Betriebe mit Unterstützung
der damaligen Regierung ihre Kosten ausgerechnet auf
dem Rücken der Kranken drücken wollten, sondern weil
die Gewerkschaften der Gesellschaft ein echtes Angebot
zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gemacht hatten,
nämlich ein Bündnis für Arbeit, das die Kohl-Regierung
aber nicht angenommen hat. Statt dessen hat sie den
Gewerkschaften mit der Kürzung der Lohnfortzahlung
den Stuhl vor die Tür gesetzt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


Das ist, Frau Schnieber-Jastram, eine Störung des so-
zialen Friedens. Diese Brüskierung der Gewerkschaften
werden wir mit der Rücknahme dieses Gesetzes vor Ein-
stieg in das neue Bündnis für Arbeit aus der Welt neh-
men und damit die Voraussetzungen für Gespräche auf
Augenhöhe schaffen.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)


Schließlich müssen wir von dieser Stelle aus – das ist
unsere politische Verantwortung – die bestmöglichen
Rahmenbedingungen für diese Gespräche, für dieses
Bündnis für Arbeit sicherstellen, was eine sehr wichti-
ge, aber sicherlich nicht einfache Veranstaltung ist, zu
der die neue Regierung eingeladen hat, um die gesell-
schaftlichen Kräfte zu bündeln – mit dem zentralen Ziel,
die Erwerbslosigkeit zu mindern. Das Bündnis für Ar-
beit ist kein Verschiebebahnhof für Politikvermeidung.
Zu den Aufgaben der Politik, die sie nicht aufgeben
kann und darf, gehört die Setzung von fairen Bedingun-
gen auf dem Arbeitsmarkt. In den letzten Jahren hat die
Arbeitslosigkeit sehr stark zugenommen. Wer noch ei-
nen Job hat, arbeitet zum Teil rund um die Uhr. Die Zahl
der nicht abgesicherten Beschäftigungsverhältnisse, die
die Produktionsspitzen billig und flexibel abfangen, ist
geradezu explodiert.

Die sozialen Sicherungssysteme passen mit der
Lebenswirklichkeit der Menschen nicht mehr zusam-
men. Mit der Lebenswirklichkeit der Frauen haben sie
allerdings noch nie zusammengepaßt. Eine anständige
Rente erwirbt man nämlich nach wie vor durch 49 Jahre
Arbeit bei 40 Stunden in der Woche im Büro oder in der
Fabrik. Unserem Sozialversicherungssystem liegt immer
noch die sogenannte männliche Normalerwerbsbiogra-
phie als Maßstab zugrunde, den zu erreichen für Männer

aber nur deswegen möglich ist, weil Frauen für die
Wechselfälle des Lebens die Verantwortung überneh-
men – von der Kindererziehung über Haushalt bis hin
zur Pflege. Im Alter bekommen die Frauen dann mit der
viel zu niedrigen Rente die Rechnung für die Unterbre-
chungen in ihrer Erwerbsbiographie präsentiert. Deshalb
brauchen wir dringend eine Rentenstrukturreform – die
haben wir uns vorgenommen –, die diese unsteten Er-
werbsverläufe besser absichert und die Lebenssituation
von Frauen im Blick hat.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Eine der ganz zentralen gesellschaftlichen Aufgaben
der nächsten Jahre wird, wenn wir Erfolge gegen die
Erwerbslosigkeit erzielen wollen, die Verkürzung, die
Umverteilung von Arbeit sein.


(Zuruf von der CDU/CSU: Ach du meine Güte!)


Damit können und müssen wir kurzfristig viele Men-
schen wieder in Lohn und Brot bringen. Wenn wir Ar-
beitszeit verkürzen wollen, dann brauchen wir auch eine
Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwi-
schen den Geschlechtern. Wir müssen nicht nur über ein
geändertes Arbeitszeitgesetz den ordnungspolitischen
Rahmen neu ziehen, sondern das freiwillige Potential
zur Umverteilung von Arbeit mobilisieren.


(Zuruf von der CDU/CSU: Planwirtschaft! – Gegenruf von der SPD: Fällt Ihnen denn nichts Besseres ein?)


– „Planwirtschaft“! Mir bricht das Herz. – Dieses
Potential ist immens. Die alte Bundesregierung ist in
einer Antwort auf eine Große Anfrage der SPD von
2,5 Millionen Menschen ausgegangen, die ihre Arbeits-
zeit gern verkürzen wollen, dies aber nicht können. Da-
zu müssen wir denjenigen, die vorübergehend auf Teil-
zeit gehen wollen, das Recht auf Rückkehr zur Vollzeit
einräumen, damit sie ihre Arbeitszeit verkürzen, und
Teilzeitarbeit für die Rente besser bewerten, ebenso wie
Kinderziehungszeiten. Wir müssen die Übergänge zwi-
schen Phasen längerer und kürzerer Erwerbsarbeit, die
Phasen der Kindererziehung und der Weiterqualifizie-
rung rechtlich und sozial besser absichern. Die Men-
schen müssen einen echten Entscheidungsspielraum im
Hinblick auf kürzere Arbeitszeiten haben und diesen
auch in ihrem eigenen Interesse demokratisch mitge-
stalten können.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)


Das heißt aber auch, daß jede dauerhafte Beschäftigung in
den Schutz der Sozialversicherung einbezogen werden
muß und daß endlich dem Prozeß, daß immer mehr
Menschen aus der Sozialversicherung herausgedrängt
werden, weil die Arbeitgeber ihren Anteil an der Sozial-
versicherung nicht bezahlen wollen, Einhalt geboten
werden muß. Diesen Prozeß hat die vorige Regierung
mit ihrer Politik der Deregulierung noch beschleunigt. Sie
war schlicht handlungsunfähig, wenn es darum ging, auch
nur halbwegs vernünftige Rahmenbedingungen zu setzen.
– Ich müßte es vielleicht differenzieren: Die einen
wollten nicht handeln, und die anderen konnten
nicht handeln, weil man aneinandergekettet war. Schauen

Annelie Buntenbach






(A) (C)



(B) (D)


wir einmal, was jetzt daraus wird. – Damit hat uns die
alte Bundesregierung ein immenses Problem hinterlas-
sen, das wir mit diesem Gesetzentwurf und mit weiteren
gesetzlichen Regelungen in den nächsten Wochen ange-
hen werden. Scheinselbständigkeit oder Beschäftigung
unterhalb der Sozialversicherungsgrenze ist längst kein
Phänomen mehr am Rande der Gesellschaft, sondern
dieses Phänomen ist massenhaft in deren Mitte zu beob-
achten. Scheinselbständig sind inzwischen mehr als eine
Million Menschen.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Was ist denn das?)


– Das werde ich gleich noch erklären.

(Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Da sind Sie weiser als das Bundesarbeitsgericht!)

Die geringfügige Beschäftigung ist nach neuesten

Untersuchungen rasant auf mehr als 5,5 Millionen
angewachsen. Die meisten geringfügig Beschäftigten
sind Frauen. Während die Zahl dieser Mini-Jobs seit
1992 um 25 Prozent zugenommen hat, hat die Anzahl
der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungs-
verhältnisse um zwei Millionen abgenommen. Folgen
sind zum Beispiel Ausfälle bei der Sozialversiche-
rung, die der DGB auf 15 bis 20 Milliarden DM jähr-
lich schätzt. Das, Frau Schnieber-Jastram, erklärt
vielleicht die Aussage von Ottmar Schreiner, der das
auf das gesamte Volumen der entgangenen Einnah-
men der Sozialversicherung durch alle diese Beschäf-
tigungsverhältnisse bezogen hat, die inzwischen aus
der Sozialversicherung herausgedrängt worden sind.
Da liegt er – leider – nur allzu richtig. Aber wir wer-
den das ändern.

Obwohl wir in den nächsten Wochen noch Gelegen-
heit haben werden, dies genauer zu diskutieren, will ich
zumindest noch kurz die Kriterien nennen, die aus mei-
ner Sicht jeder umfassenden Lösung des Problems der
Beschäftigung unterhalb der Geringfügigkeitsgrenze zu-
grunde gelegt werden müssen. Dazu gehört zum einen
die Sanierung der Sozialkassen. Zweitens müssen die
Wettbewerbsverzerrungen beendet werden; denn die
Arbeitgeber, die keine Sozialversicherung für ihre Be-
schäftigten zahlen, können billiger anbieten und haben
so zu allem Überfluß auch noch einen Konkurrenzvorteil
gegenüber denjenigen, die ihre Angestellten regulär ab-
sichern. Drittens – aber keineswegs als letztes – geht es
mir um die Interessen der Frauen.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Sie müssen endlich einen eigenständigen Zugang zur so-
zialen Absicherung haben – und nicht nur über ihren
Gatten, der ja, wie ich hörte, ab und zu verlorengehen
soll. Wir werden noch Zeit haben, uns damit auseinan-
derzusetzen, wie wir am besten weiterkommen, ob in ei-
nem Schritt oder in mehreren Schritten.

Sehr geehrte Herren und Damen von der CDU, ich
bin sehr gespannt auf Ihre konkreten Vorschläge zu die-
ser Frage.


(Dr. Peter Ramsauer [CDU/CSU]: Wir haben genügend gemacht, und Sie haben alle Reformversuche vereitelt!)


Ich habe in meinem Büro einen ganzen Stapel von un-
terschiedlichen Vorschlägen aus Ihren Reihen, die Sie
alleine im Laufe des letzten Jahres der staunenden Öf-
fentlichkeit vorgestellt haben. Das sind Dokumente Ihrer
Handlungsunfähigkeit. Denn Sie konnten sich, solange
Sie noch Regierungsverantwortung hatten, nicht gegen
die Deregulierer in Ihren eigenen Reihen durchsetzen –
und erst recht nicht gegen die F.D.P. Jetzt sind Sie nicht
mehr in die Koalitionsdisziplin eingebunden. Wir sind
gespannt, ob – und mit welchen wegweisenden konkre-
ten Vorschlägen – Sie hier im Hause vorhaben, sich mit
den diversen Lobbys anzulegen, oder ob Sie lieber den
Weg des geringsten Widerstandes gehen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Wir jedenfalls – das kann ich versprechen – werden
Bewegung in diese von Ihnen absolut unverantwortlich
vernachlässigten Probleme bringen.

Wir legen heute in diesem Gesetzentwurf einen guten
Vorschlag vor, wie wir als ersten Schritt die Scheinselb-
ständigen wieder in die Sozialversicherung einbeziehen
werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Ich will versuchen – Frau Schwaetzer hatte mich darum
gebeten – dieses Problem einmal konkret greifbar zu ma-
chen. Wenn ein Arbeitgeber seinem Transportfahrer einen
Bulli verkauft, ihn verpflichtet, zukünftig Vertretung für
Urlaub und Krankheit selbst zu organisieren und zu be-
zahlen, ihn dann als Arbeitnehmer entläßt und als Unter-
nehmer unter Vertrag nimmt, dann ist der Arbeitgeber die
Kosten für die Sozialversicherung los. Er entzieht sich
seiner sozialen Mitverantwortung und bürdet die Risiken
von Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter allein dem Ar-
beitnehmer auf. Solange der „worst case“ nicht eintritt,
der Mensch jung und fit ist, gibt es nicht sofort ein Pro-
blem. Aber da beim Paketdienst meines Wissens niemand
so gut bezahlt wird wie im Profifußball, ist der gemütliche
Lebensabend mit der individuellen Vorsorge leider un-
wahrscheinlich. Noch unwahrscheinlicher ist der gemüt-
liche Lebensabend für diejenige Frau, die jahrelang in
einem 620- bzw. 520-Mark-Job gearbeitet hat.


(Zuruf von der CDU/CSU: Daran ändern Sie aber auch nichts!)


Gemeinsam haben diese prekären Jobs: Das Leben
und Arbeiten bleibt unsicher, die Menschen bleiben er-
preßbar, fast jeder Anforderung durch den Arbeitgeber
ausgeliefert. Es gilt der ungebremste Zugriff des Chefs
auf die Lebensstruktur des Arbeitnehmers und der Ar-
beitnehmerin, die ihrerseits keine Wahlmöglichkeiten –
zum Beispiel in Form demokratischer Mitbestimmung –
bei der Lage und Dauer von Arbeitszeiten besitzen. Hier
kann oft auch der Betriebsrat nicht mehr helfen, zumal
der bei der Ausgründung aus der Ausgründung meist als
erstes unterwegs verlorengeht. Kaum einer dieser Jobs
ist sozialversichert. Um die Abgaben zu sparen, wird die
Sozialversicherungspflicht umgangen – nach Möglich-
keiten dazu mußte bislang kein Arbeitgeber lange suchen.

Der Transportfahrer beim Paketdienst ist nur ein Bei-
spiel für die immer größer werdende Gruppe der

Annelie Buntenbach






(B)



(A) (C)



(D)


Scheinselbständigen. Andere sind Fahrradkuriere, Ver-
sicherungskaufleute, Kellnerinnen, Ein-Mann-Subunter-
nehmen im Baugewerbe oder – auch das gibt es inzwi-
schen – selbständige Regalauffüllerinnen im Handel.
Diese Art der Selbständigkeit hat für die Betroffenen
überhaupt nichts mehr gemein mit einem größeren, un-
abhängigen, also – im eigentlichen Sinne des Wortes –
selbständigen Entscheidungsspielraum. Im Gegenteil,
Sie haben nichts dazugewonnen, sondern etwas Wesent-
liches verloren, nämlich ihre soziale Absicherung. Wenn
sie jetzt abstürzen, dann ohne Netz, direkt in die Sozial-
hilfe. Der Arbeitgeber entledigt sich der Kosten für die
Sozialversicherung, und zahlen muß letztlich die Allge-
meinheit. Das war die „neue Kultur der Selbständigkeit“
nach Kohlscher Machart. Ich halte das eher für einen
Schritt zurück in den Frühkapitalismus, zurück zu den
sozialen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts.

Unser Gesetzentwurf legt jetzt Kriterien fest, nach
denen sich entscheiden läßt, ob der Betreffende wirklich
oder nur scheinbar selbständig ist: ob er oder sie über-
haupt am Markt auftritt, nur für einen Auftraggeber tätig
ist, für Beschäftigte typische Arbeitsleistungen erbringt,
überhaupt Angestellte hat. Wenn mehrere dieser Kriteri-
en zutreffen, dann ist zu vermuten, daß es sich um ab-
hängig Beschäftigte handelt. Natürlich wird diese Ab-
grenzung nicht immer ganz einfach sein, gerade in An-
betracht der riesengroßen Versäumnisse der letzten Jah-
re. Aber sie ist ein echter Fortschritt, der für viele, die
jetzt aus den sozialen Absicherungen herausgedrückt
worden sind, den Weg in die Sozialversicherung wieder
eröffnet und die weitere Ausdehnung von Scheinselb-
ständigkeit endlich stoppt.

Einen letzten Punkt will ich noch ansprechen, der in
diesem Gesetzentwurf geregelt wird: Das Entsendege-
setz wird endlich nachgebessert. In der letzten Legisla-
turperiode hat uns die fürchterliche Situation auf den
Baustellen immer wieder beschäftigt. Die gesetzliche
Regelung, die die alte Bundesregierung getroffen hat,
war schlicht halbgar und zeigte deutlich die Auseinan-
dersetzung mit den Deregulierern in den eigenen Rei-
hen, die eigentlich überhaupt keine Regelung wollten,
sondern die Baustellen als Experimentierfeld für Lohn-
und Sozialdumping im freien Fall benutzen wollten.
Herausgekommen ist dann ein Gesetz nach dem Motto:
„Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß.“ Es
war befristet auf zwei Jahre, ohne auch nur halbwegs
angemessene Sanktionsmöglichkeiten gegenüber denje-
nigen zu schaffen, die Leute zu unsäglichen Bedingun-
gen am Bau ausbeuten, ohne Konfliktregelungsmecha-
nismus, der in Kraft hätte treten können, wenn sich denn
jemand – wie letztlich die Bundesvereinigung der Ar-
beitgeber – querstellt. Das werden wir mit diesem Ge-
setz ändern, und das müssen wir auch ändern. Denn
nicht durch dieses neue Entsendegesetz, sondern ohne
ein wirksames Entsendegesetz, das gleichen Lohn für
gleiche Arbeit durchsetzt, nimmt die Tarifautonomie er-
heblichen Schaden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)


Gerade in der Bauwirtschaft hat illegale Beschäfti-
gung unglaubliche Ausmaße erreicht. Die Razzien auf

den Baustellen fördern die Mißstände – und bei weitem
nicht alle – nur zutage, sie ändern sie nicht. In der Praxis
richten sich die Razzien gegen die Leute, die sich un-
mittelbar auf der Baustelle aufhalten. Sie sind aber die
Opfer, nicht die Täter.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)


Sie zahlen oft einen hohen Preis – bis hin zur Auswei-
sung oder Abschiebung. Mit den Razzien erwischt man
nicht diejenigen, die sich an diesen armen Leuten eine
goldene Nase verdienen und sich, wenn die einen weg
sind, eben die nächsten holen, mit denselben falschen
Versprechungen. Aber eben diese üblen Praktiken sind
es, die es zu unterbinden gilt.

Daran sind übrigens keineswegs nur ausländische
Firmen oder kleine unbekannte Firmen beteiligt, sondern
auch die großen Konzerne der Baubranche. Die Spuren
illegaler Beschäftigung oder Beschäftigung weit unter-
halb des Mindestlohns verwischen sich im Moment im
unübersichtlichen Feld von Sub- oder Subsubunterneh-
men, an die Aufträge weitergegeben werden. Zur Zeit
kann der Unternehmer sich gefahrlos mit den entspre-
chenden Versicherungen des Subunternehmers zufrie-
dengeben, wohlwissend, daß die angebotenen Preise mit
vernünftigen Arbeitsbedingungen oder Sozialversiche-
rungspflicht gar nicht zu halten wären. Deswegen brau-
chen wir dringend die Durchgriffshaftung für den Gene-
ralunternehmer und wirksame Sanktionsmöglichkeiten,
die wir – genau wie die IG BAU, die SPD und die PDS
– immer schon im Entsendegesetz verankert sehen
wollten. Ich denke, das ist lange überfällig.

Wir werden die katastrophale Situation am Bau end-
lich ändern; denn so, wie die Menschen am Bau gegen-
einander ausgespielt werden, mit Unterbietungskonkur-
renz und regelrechtem Menschenhandel, entstehen na-
tionale Ressentiments – die werden gefördert –, aber es
entsteht kein weltoffenes Europa, das wir dringend
brauchen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400906100
Das Wort für die
F.D.P.-Fraktion hat die Kollegin Frau Dr. Irmgard
Schwaetzer.


Dr. Irmgard Adam-Schwaetzer (FDP):
Rede ID: ID1400906200
Herr Präsident!
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Sachverständi-
genrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung gibt in seinem jüngsten Gutachten dem
Kapitel zur Sozialpolitik die Überschrift „Am Grundsatz
der Fairneß orientieren“. Mit der Vorlage dieses Geset-
zes, meine Damen und Herren von der SPD und den
Grünen, machen Sie klar, daß für Sie fair nur das ist,
was früher existierte. Viele von Ihnen – aber das sind
wahrscheinlich diejenigen, die heute hier nicht im Saal
sitzen – wissen, daß Sie damit nicht durchkommen.
Auch Sie werden sich vor der Frage nicht herumdrücken

Annelie Buntenbach






(A) (C)



(B) (D)


können, welche soziale Sicherung für welche Risiken in
der Zukunft überhaupt noch möglich ist.


(Zuruf von der SPD: Sie wollen keine!)

Wir haben unsere Vorschläge zur Fortschreibung

der sozialen Sicherung schon gemacht. Ich will auch
überhaupt keinen Zweifel daran lassen, daß es für eine
freiheitliche Gesellschaft unabdingbar ist, daß der ein-
zelne gegen individuell nicht tragbare Risiken abgesi-
chert ist.


(Beifall bei der F.D.P. – Zuruf von der SPD: Hört! Hört!)


Darüber gibt es keine Diskussion, daran gibt es keinen
Zweifel. Aber heute zu suggerieren, das, was es noch
vor zwei, drei Jahren gegeben hat, sei auch in drei, vier
Jahren noch zu finanzieren, das ist eine Illusion, meine
Damen und Herren, mit der Sie der sozialpolitischen
Diskussion in Deutschland schaden.


(Beifall bei der F.D.P.)

Herr Riester, ich muß Ihnen sagen: Nicht wir, die wir

in den vergangenen Jahren versucht haben, diese Dis-
kussion anzustoßen, haben dem sozialpolitischen Klima
geschadet, sondern diejenigen, die sich dieser Diskussi-
on verweigert haben.


(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)

In der SPD gibt es genügend Leute, die nichts anderes
gemacht haben, als zu blockieren. Sie haben in der Tat
die Zukunft nicht zugelassen. Das werden Sie in der
nächsten Zeit ganz sicherlich noch bitter büßen.

Was Sie vorgelegt haben – da kann ich nun wirklich
manche Reden, die heute morgen auch in der Ökosteu-
erdebatte gehalten worden sind, überhaupt nicht nach-
vollziehen –, ist doch nichts anderes als eine Umschich-
tung. Die Belastung von Arbeitsplätzen wird doch nicht
dadurch geringer, daß man zwar die Rentenbeiträge
senkt, aber zusätzlich eine Ökosteuer erhebt. Das kann
es doch nicht sein; das ist eine schlichte Umfinanzie-
rung, aber keine Zukunftsgestaltung.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Gerade in der Rentenversicherung muß ein angemes-
sener Belastungsausgleich zwischen jung und alt erfol-
gen. Das wissen Sie, Herr Bundesarbeitsminister, ganz
genau. Gehandelt haben Sie aber noch nicht danach. Ich
finde es sehr bedauerlich, daß diese neue Koalition
überhaupt keine Konzepte auf den Tisch legt, wie sie die
Probleme der sozialen Sicherung bewältigen will.


(Beifall bei der F.D.P.)

Alles muß jetzt erst neu erarbeitet werden. Dadurch geht
wertvolle Zeit verloren, die wir dringend nutzen müßten.
Die Einschnitte, die Sie verantworten müssen, werden
hinterher nur um so größer ausfallen, weil Sie die Zeit
nicht nutzen, alles zurückdrehen und neue Belastungen
aufbauen.

Es ist daher falsch, die Rücknahme unserer Reform-
entscheidungen zu beschließen. Herr Riester, allein an
der Tatsache, daß Sie den Demographiefaktor in der

Rentenversicherung nur aussetzen, wird deutlich, daß
Ihnen klar ist, daß Sie in spätestens anderthalb Jahren
fast exakt die gleichen Vorschläge, vielleicht mit Unter-
schieden hinter dem Komma, wieder vorlegen müssen.


(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)

Sie wissen nämlich ganz genau, daß die andere, bei den
Gewerkschaften existierende Idee, einen Tariffonds auf-
zubauen, die Probleme nicht lösen kann.

Es ist fatal, daß nun zwei Jahre verlorengehen, in de-
nen die Illusion genährt wird, es könne alles so weiter-
gehen wie bisher. Diese Entwicklung ist fatal für alte
Menschen und auch für junge Beitragszahler, die mehr
und mehr das Interesse an der Rentenversicherung ver-
lieren. Ich kann deshalb Bodo Hombach gut verstehen,
der – Sie haben es sicherlich heute in der „FAZ“ gele-
sen – zur Debatte um die Rentenpolitik sagt – Zitat –:
„Da verzweifle ich an meiner eigenen Partei.“


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Recht hat er!)

– Recht hat er.

Die Frage bleibt: Wann läßt die SPD endlich von ih-
ren Illusionen ab und begibt sich auf den Boden der Tat-
sachen? Wenn Sie das tun, werden Sie in uns konstruk-
tive Dialogpartner finden. Ich glaube, daß wir mit kon-
kreten Vorstellungen zur Umstrukturierung und sozialen
Absicherung der Menschen im Alter, also der eigenstän-
digen Alterssicherung für Männer und Frauen, ein gan-
zes Stück weiter sind.

Wie sehr Sie ausschließlich die Auffüllung der Kas-
sen der sozialen Sicherungssysteme im Blick haben,
zeigt die vorgesehene Einführung der Sozialversiche-
rungspflicht für sogenannte Scheinselbständige. Ich
will mich überhaupt nicht auf die Diskussion über die
Definition dieses Begriffs einlassen. Ich möchte Sie nur
folgendes fragen: Was machen Sie eigentlich mit der
selbständig gewordenen Frau – diese Regelung betrifft
im wesentlichen Frauen, weil sie weniger Kredite auf-
nehmen –, die am Anfang ihrer Selbständigkeit nur
einen Kunden hat? Dieser Frau müßte nach Ihrer Defi-
nition der Status der Selbständigkeit sofort entzogen
werden und damit die Chance auf eigenverantwortliche
Lebensgestaltung.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Was machen Sie auf der anderen Seite mit dem Be-
leuchter, der für fünf Tochterfirmen beispielsweise von
RTL, SAT 1, ZDF oder ARD arbeitet – wohl wissend,
daß alle fünf Firmen Tochterfirmen eines einzigen Kon-
zernes sind? Weil er Rechnungen an fünf Firmen aus-
stellt, die in Wirklichkeit nur eine Firma sind, fällt er
unter Ihre Definition der Selbständigkeit. Er würde aber
die soziale Sicherung benötigen. All das trägt zu einer
Schieflage bei.


(Beifall bei der F.D.P.)

Es war schon entlarvend, daß Bundeskanzler Schröder

gestern in der Debatte um die 620-Mark-Arbeits-
verhältnisse als erstes darauf hinwies, daß nun wieder
eine solide Einnahmengrundlage für die sozialen Si-

Dr. Irmgard Schwaetzer






(B)



(A) (C)



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cherungssysteme gegeben sei. Wenn das der ganze Zir-
kus um die 620-Mark-Verträge ist, dann hätten Sie es
besser bei der jetzigen Regelung belassen sollen; der
Finanzminister hätte einen Scheck genommen und ihn
gleich der Sozialversicherung gegeben.


(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)

Damit erreichen Sie keine zusätzliche Absicherung

von Frauen, obwohl die Debatte unter diesem Gesichts-
punkt geführt wurde, was schwierig für uns war. Sie
verhindern nicht einmal den Mißbrauch, weil in der Zu-
kunft natürlich die Stückelung der Arbeitsverträge er-
folgt, um Steuern zu vermeiden.


(Ulla Schmidt [Aachen] [SPD]: Nein, genau das Gegenteil wird eintreten! Wir reden in einem Jahr weiter!)


Der Anreiz ist exakt derselbe. Früher wurden die So-
zialversicherungsbeiträge vermieden, jetzt werden die
Steuern vermieden. Nebenbei geben Sie noch den
Halbteilungsgrundsatz auf, was Sie uns im Rahmen un-
serer Vorschläge hinsichtlich der Krankenversicherung
immer vorgeworfen haben. Also, das sind schon wirk-
lich tolle Sachen.


(Dirk Niebel [F.D.P.]: Alle Ziele aus dem Wahlkampf haben sie mit der Regelung verfehlt!)


– Darüber unterhalten wir uns noch alle in der Anhö-
rung.

Verblüffung löst beim Studium des vorliegenden Ge-
setzentwurfs aus, daß ausgerechnet Sie, Herr Riester, der
Sie doch aus den Gewerkschaften kommen, so in die
Tarifautonomie eingreifen wollen.


(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)

Es hilft doch kein Drumherumreden. Sie wollen sich
selbst ermächtigen, ohne Antrag der Tarifvertragsparteien
und ohne Zustimmung des Bundesrates Allgemeinver-
bindlichkeitserklärungen auszusprechen, und zwar nicht
nur für Mindestlöhne, nein, für ganze Lohnstrukturen,
für ganze Tarifgefüge. Das geht weit über das hinaus,
was früher überhaupt nur angedacht worden ist.
Einer von uns hätte einmal auf die Idee kommen sollen,
so etwas vorzuschlagen. Welches Geschrei das bei Ihnen
ausgelöst hätte, kann ich mir gut vorstellen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Es wäre ganz schlimm gewesen, wenn der Vorschlag von der F.D.P. gekommen wäre!)


Das wollen Sie, Herr Riester, nun alles machen. Ich
möchte gern wissen, ob der Vorsitzende der Gewerk-
schaft Bauen – Agrar – Umwelt, Herr Wiesehügel, der ja
nun diesem Hause angehört, dem zustimmen kann.
Wenn er das tut, dann kann ich mich wirklich nur wun-
dern, wie sehr die Gewerkschaften vor dieser Regierung
zu Kreuze kriechen.


(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU – Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Erfüllungsgehilfen! – Klaus Wiesehügel [SPD]: Mit reinem Herzen und mit großer Freude!)


Es war zu erwarten, daß Sie die zeitliche Befristung
des Entsendegesetzes aufheben würden. Wir sind uns
auch darin einig, daß illegale Beschäftigung bekämpft
werden muß. Das, was Sie vorsehen, wird – deswegen
bitte ich Sie, noch einmal darüber nachzudenken –, kata-
strophale Auswirkungen für mittelständische Betriebe
haben, die ja Gott sei Dank nicht alle illegale Subunter-
nehmer sind. Es gibt in Deutschland glücklicherweise
noch eine Menge Subunternehmer mehr, die legal ar-
beiten, als solche, die illegal arbeiten.


(Zuruf von der SPD: Dann brauchen wir keine Sorgen zu haben!)


Ihre Generalunternehmerhaftung führt zu nichts ande-
rem, als daß die Bezahlung zurückgehalten wird – bis
zum Konkurs –, und darunter leiden mittelständische
Unternehmen. Nein, meine Damen und Herren, darüber
sollten Sie noch einmal nachdenken.

Ich freue mich auf die Anhörung. Vielleicht gibt es
dann ja doch noch ein wenig Einsicht bei Ihnen.

Danke.

(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400906300
Das Wort für die
PDS-Fraktion hat Frau Dr. Heidi Knake-Werner.


Dr. Heidi Knake-Werner (PDS):
Rede ID: ID1400906400
Herr Präsident!
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das läßt ja für die
nächsten Wochen eine spannende Debatte im Ausschuß
und bei den diversen Anhörungen, die uns noch bevor-
stehen, erwarten.

Viele Korrekturen einer falschen Politik der Kohl-
Regierung, die mit diesem Gesetzentwurf auf dem Tisch
liegen, werden wir von der PDS unterstützen, auch wenn
uns mancher Schritt zu kurz gerät. Vor allem werden wir
mit dafür sorgen, daß die Menschen nicht mehr ihr
Portemonnaie zuhalten, wenn sie etwas von Reformen
hören, sondern daß sie in dieser Gesellschaft wieder er-
leben können, daß wirkliche Reformen ihre Lebens- und
Arbeitssituation verbessern, die Zukunft sichern und die
Demokratie fördern.


(Beifall bei der PDS)

Mit dieser Meßlatte werden wir auch an die einzelnen
vorgelegten Initiativen Ihres Gesetzentwurfs herange-
hen.

Bevor ich auf den Gesetzentwurf im einzelnen ein-
gehe, möchte ich gern eine Vorbemerkung zu einem
Punkt machen, der mich in dieser Diskussion von seiten
der Koalitionsfraktionen zunehmend irritiert. Ich ver-
stehe nicht, daß Sie bei allem, was Sie hier auf den Tisch
legen und was Sie anpacken, dem Fetisch der zu hohen
Lohnnebenkosten hinterherlaufen. Die vielfältigen
Versuche Ihrer Vorgängerregierung, Arbeit billiger zu
machen, haben wir doch gemeinsam regelmäßig als be-
schäftigungspolitische Flops angesehen. Daraus ist kein
einziger zusätzlicher Arbeitsplatz entstanden, aber viel
Verlust an sozialer Gerechtigkeit. Warum, bitte, sehen

Dr. Irmgard Schwaetzer






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(B) (D)


Sie das heute ganz anders, nur weil Sie in der Regierung
sind? Das geht in meinen Kopf nicht hinein.


(Beifall bei der PDS)

Wenn der Minister hier von Umbrüchen in der Ar-

beitsgesellschaft und von Strukturwandel spricht, dann
weiß er doch auch, daß dem mit der Senkung der Lohn-
nebenkosten nicht beizukommen ist. Ich brauche mir
jetzt zwar nicht Ihren Kopf zu zerbrechen, aber ich muß
einfach feststellen: Diese Fixierung auf die Lohnneben-
kosten erschwert nicht nur den sozialen, sondern – wie
wir heute morgen gehört haben – auch den ökologischen
Umbau, wenn sie ihn nicht gar unmöglich macht.

Nun zu dem Gesetz im einzelnen: Natürlich teilen wir
Ihre Auffassung, daß insbesondere die Absenkung des
Rentenniveaus im sogenannten Rentenreformgesetz
1999 einer dringenden Korrektur bedarf. Wir hätten es
gerne gesehen, wenn dies nicht ausgesetzt, sondern
schon endgültig so beschlossen worden wäre. Wir teilen
alle Ihre Vorschläge hinsichtlich der Erwerbsunfähig-
keitsrente und auch die Rücknahme des Renteneintritts-
alters für Schwerbehinderte. Wir kritisieren nach wie
vor, daß Sie nicht auch sofort die Erhöhung des Renten-
alters für Frauen zurückgenommen haben. Das leuchtet
uns überhaupt nicht ein. Das wäre nämlich eine frauen-
freundliche Maßnahme.


(Beifall bei der PDS)

Das gleiche gilt für die Verkürzung der Anrechnungs-
zeiten für Ausbildung. Auch von diesen Maßnahmen
sind vor allen Dingen die Frauen betroffen.

Die von Ihrer Seite vorgeschlagenen Maßnahmen zur
Entlastung der Rentenkassen halten wir durchaus für
richtig. Eine Verbesserung der Einnahmenseite der
Rentenversicherung – das will ich ganz generell sagen –
wird sich in dem Maße einstellen, wie es gelingt, den
Ausstieg aus dem Solidarsystem zu stoppen, der durch
Scheinselbständigkeit und andere versicherungsfreie Be-
schäftigungen in den letzten Jahren millionenfach statt-
gefunden hat.

In diesem Zusammenhang, meine lieben Kolleginnen
und Kollegen, erlauben Sie mir eine kurze Bemerkung
zu dem gestrigen Überraschungscoup von Gerhard
Schröder. Natürlich begrüßen wir die längst fällige An-
passung der Obergrenze der prekären Beschäftigungs-
verhältnisse im Osten an die im Westen gültige Grenze
von 620 DM, obwohl wir die Gefahr sehen, daß damit
ein Tor geöffnet und ein weiterer Ausstieg aus den so-
zialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis-
sen vorbereitet wird. Ansonsten hat der Vorstoß Gerhard
Schröders, wie ich glaube, auch manchen Kolleginnen
und Kollegen in den Koalitionsfraktionen die Schuhe
ausgezogen. Auch so kann man die Rentenkassen sanie-
ren, aber das ist ein höchst unüblicher Weg. Ich glaube,
so etwas hat es in der Tat in diesem Lande noch nicht
gegeben: Man kassiert Sozialversicherungsbeiträge,
ohne daß daraus Leistungsansprüche entstehen. Das ist
wirklich ein Patent.


(Beifall bei der PDS und der F.D.P.)


Für die Arbeitgeber ist es ein Nullsummenspiel; die
mittelständischen Unternehmen haben Ihnen ja auch
schon ihren Dank dafür ausgesprochen. Die Millionen
Frauen allerdings lassen Sie im Regen stehen. Ihnen nur
Schutz vor Krankheit und im Alter einzuräumen, wenn
sie von ihrem Minieinkommen noch zusätzliche Versi-
cherungsbeiträge bezahlen, halte ich in der Tat für eine
jämmerliche Idee. Dadurch wird das von Ihnen formu-
lierte richtige Prinzip, jede bezahlte Arbeitsstunde versi-
cherungspflichtig zu machen, in eine unsoziale und zu-
dem zutiefst frauenfeindliche Maßnahme verkehrt.


(Beifall bei der PDS)

Daran werden wir uns nicht beteiligen. Wir hoffen sehr,
daß wir während der künftigen Beratungen noch Nach-
besserungen erleben, wie sie auch die Gewerkschaften,
wie ich finde, ein bißchen handzahm fordern. Da hätte
ich mir mehr Protest erhofft.


(Beifall bei der PDS)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Aushöhlung des

Solidarprinzips und der Arbeitnehmerrechte durch
Scheinselbständigkeit endlich zu stoppen ist auch uns
ein wichtiges Anliegen. In den zuvor schon durchge-
führten Anhörungen haben wir uns oft von Betroffenen
sagen lassen müssen, in welch entsetzliche Arbeits- und
Lebenssituation sie diese scheinbare Selbständigkeit ge-
bracht hat. Wir hoffen auf eine schnelle Lösung, an der
wir uns auch gerne beteiligen wollen.

Auch bei der Wiederherstellung der sozialen Kriteri-
en im Kündigungsschutzrecht und bei der Wiedereinfüh-
rung der hundertprozentigen Lohnfortzahlung können
Sie mit unserer Unterstützung rechnen. Natürlich hat die
Kürzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall den
Unternehmen Einsparungen in Höhe von 20 Milliarden
DM gebracht. Aber mit welchem Erfolg? Kein Arbeits-
platz ist daraus entstanden. Die Gewinnmargen sind ge-
stiegen. Es war ein einziger beschäftigungspolitischer
Flop. Darin waren sich zumindest die ehemaligen Oppo-
sitionsparteien immer einig.


(Beifall bei der PDS)

Auch die Reform des Entsendegesetzes findet unsere

Zustimmung. Sie ist ein wichtiger Schritt dahin, auslän-
dische Arbeiter vor Lohn- und Sozialdumping auf dem
Bau und endlich auch im Baunebengewerbe zu schüt-
zen.


(Dirk Niebel [F.D.P.]: Das kann ich mir vorstellen!)


Daß Vereinbarungen nicht nur über die Höhe des Min-
destlohnes, sondern auch über die des Tariflohnes abge-
schlossen werden können, halten wir ebenso für den
richtigen Weg.

Über die Allgemeinverbindlichkeitserklärung werden
wir noch trefflich streiten. Ich unterstütze das, was die
Regierung hierzu vorschlägt, weil ich mich noch gut an
die letzten Auseinandersetzungen um den Tarifvertrag in
der Bauwirtschaft erinnere, wobei durch die Bockbei-
nigkeit der Unternehmensvertreter im Tarifausschuß der
Abschluß des Tarifvertrages um Monate hinausgezögert

Dr. Heidi Knake-Werner






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wurde – gegen den Willen von Gewerkschaft und Bau-
wirtschaft. Das müssen wir zukünftig verhindern.

Es gibt ungelöste Probleme – Frau Buntenbach hat sie
angesprochen –, was die Abschiebung nach Razzien an-
geht. Wir brauchen hier eine europäische Lösung, damit
die Betroffenen endlich auch als Zeugen im Rahmen
von Verfahren gegen die Unternehmen zur Verfügung
stehen können.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, aus allem, was ich
bisher gesagt habe, können Sie erkennen, daß die PDS
eine Menge mit dem anfangen kann, was Sie in Ihrem
Gesetzentwurf aufgeschrieben haben. Kritik haben wir
allerdings an dem, was Sie bisher nicht aufgeschrieben
haben –, trotz Ihrer Wahlversprechungen.


(Beifall bei der PDS)

So ist uns im Koalitionsvertrag und in der Regierungs-
erklärung aufgefallen, daß Sie zwar mit einer Korrektur
der fatalen Fehlentscheidungen in den Bereichen der So-
zialversicherung und der Arbeitnehmerrechte beginnen
wollen, jedoch nichts darüber sagen, wie Sie es zukünf-
tig mit den Leistungen und Rechten für Arbeitslose hal-
ten wollen. Was Sie dazu sagen – das muß ich ganz of-
fen feststellen –, macht einen nicht besonders froh.

Wir halten die Leistungskürzungen der letzten Jahre
und auch andere Zwangsmaßnahmen zum Beispiel im
SGB III für unakzeptabel. Deshalb haben wir heute
unseren Entwurf eines Arbeitslosenhilfe-Korrektur-
gesetzes auf den Tisch gelegt. Damit wollen wir errei-
chen, daß die Absenkung der Bemessungsgrundlage für
die Arbeitslosenhilfe gestoppt und damit nicht nur eine
soziale Regelung für die Betroffenen geschaffen wird,
sondern auch die Kommunen nicht weiter zusätzlich mit
Sozialhilfekosten belastet werden.

Mit einem zweiten Gesetzentwurf, den wir heute
vorlegen, wollen wir verhindern, daß ab 1. Januar 1999
die Sonn- und Feiertagsruhe und damit unser gummi-
weiches Arbeitszeitgesetz noch weiter ausgehöhlt wird.
Wir wollen die Feiertagsruhe erhalten – nicht nur im
Interesse der Beschäftigten in Banken und Kreditanstal-
ten, die rund um die Uhr arbeiten sollen, damit der Ru-
bel rollt, sondern auch deshalb, weil wir die Feiertagsru-
he für einen kulturellen Wert unserer Gesellschaft halten


(Beifall bei der PDS)

und der Auffassung sind, daß familiäres Miteinander
und soziale Gemeinschaft zu schützen auch eine Aufga-
be der Politik im Kampf gegen eine „Rund-um-die-Uhr-
Gesellschaft“ ist. Der Lösung dieser Aufgabe wollen wir
uns stellen.

Ganz zum Schluß lassen Sie mich noch feststellen:
Der Winter steht unverkennbar und erlebbar für alle vor
der Tür. Wir wollen, daß sich das Heuern und Feuern
auf den Baustellen in diesem Winter nicht wiederholt.


(Beifall bei der PDS)

Deshalb haben wir heute unseren Gesetzentwurf zur
Wiedereinführung des Schlechtwettergeldes vorge-
legt. Durch die Kosten für die arbeitslosen Bauarbeiter
wurde die Bundesanstalt für Arbeit 1997 stärker bela-

stet, als wenn sie, wie früher, Schlechtwettergeld gezahlt
hätte.

Weil das so ist, wollen wir, daß das Gesetz noch zum
1. Januar 1999 in Kraft tritt, damit wenigstens ab dann
Zehntausende am Bau eine Chance auf Weiterbeschäfti-
gung haben und nicht in die Arbeitslosigkeit entlassen
werden, wie das in den letzten Jahren zuhauf passiert ist.


Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400906500
Frau Kollegin, ich
muß Sie jetzt bitten, zum Schluß zu kommen.


Dr. Heidi Knake-Werner (PDS):
Rede ID: ID1400906600
Ich komme zu
meinem letzten Satz. – Die PDS will diese schnelle Lö-
sung, weil sie erstens Kosten sparen will und weil sie
zweitens – das ist uns noch wichtiger – wieder mehr so-
zialen Frieden auf den Baustellen erreichen will. Wir
hoffen dabei auf Ihre Unterstützung.

Vielen Dank.

(Beifall bei der PDS)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400906700
Das Wort hat für die
SPD-Fraktion Frau Kollegin Angelika Krüger-Leißner.


Angelika Krüger-Leißner (SPD):
Rede ID: ID1400906800
Herr Präsident!
Meine verehrten Damen und Herren! Ich freue mich
nicht nur darüber, heute hier zum erstenmal sprechen zu
dürfen, sondern auch darüber, Anteil daran zu haben,
daß wir, die beiden Koalitionsfraktionen, einen Gesetz-
entwurf einbringen, der die erheblichen Einschnitte und
faktischen Verschlechterungen im Rentenrecht korrigie-
ren wird.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Und damit halte ich auch ganz persönlich Wort vor mei-
nen Wählerinnen und Wählern. Ich sage Ihnen: Das ist
ein gutes Gefühl, und das entspricht meiner Auffassung
von glaubwürdiger und transparenter Politik.


(Beifall bei der SPD)

Wir haben im Wahlkampf nicht zuviel versprochen,

vor allen Dingen nichts Falsches, und wir tun jetzt, was
wir gesagt haben.


(Birgit Schnieber-Jastram [CDU/CSU]: Oh Gott! Wo sind wir denn?)


Ich möchte Sie daran erinnern, daß die Kolleginnen
und Kollegen der SPD-Fraktion bereits in der Debatte
zum Rentenreformgesetz im Oktober 1997 hier in die-
sem Hause klar und deutlich gesagt haben, daß die ab
1. Januar 1999 geplante Absenkung des Rentenniveaus,
die real eine Kürzung der Rente ausmachen wird,


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Nein!)

und die schwerwiegenden Eingriffe bei den Berufs- und
Erwerbsunfähigkeitsrenten sowie die Anhebung der Al-
tersgrenze für Schwerbehinderte letztlich schwere Ein-
schnitte in das Rentenversicherungsrecht bedeuten und
nicht hinnehmbar sind. Sie sind vor allem nicht

Dr. Heidi Knake-Werner






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(B) (D)


hinnehmbar für diejenigen, die bereits Renten beziehen
und darauf vertraut haben, daß sie mit ihren über Jahr-
zehnte erworbenen Ansprüchen selbständig und in Wür-
de diesen Lebensabschnitt gestalten können.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Dr. Heidi Knake-Werner [PDS] – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Für die hat sich doch gar nichts geändert!)


Auch in den neuen Ländern haben die Menschen die
von der früheren Regierung geplanten Rentenkürzungen
mit großer Besorgnis verfolgt. Bei den Wahlen haben sie
daraus die richtigen Schlußfolgerungen gezogen und mit
der alten Koalition auch die alte Rentenpolitik abge-
wählt.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Heute bringen wir, die neue Mehrheit, das Korrektur-
gesetz ein, mit dem der Wechsel zu einer zukunftsfähi-
gen Rentenpolitik eingeleitet wird.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Indem ihr es um zwei Jahre verschiebt!)


Darauf können sich die alten und die jungen Menschen
gerade in den neuen Ländern verlassen.


(Beifall bei der SPD – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Gerade die Jungen werden mehr belastet!)


Auch die waren besorgt.
Durch meine bisherige Tätigkeit auf kommunaler

Ebene war ich den Sorgen und Nöten der Menschen sehr
nahe. Natürlich konnte ich auch feststellen, daß ein gro-
ßer Teil der heutigen Rentner in Ostdeutschland eine
relativ zufriedenstellende Altersversorgung hat, wenn
man allein die gesetzlichen Renten betrachtet. Grund da-
für sind – das wissen Sie alle hier – die hohe Erwerbs-
quote bei Männern und Frauen in der Vergangenheit und
das Fehlen von Arbeitslosigkeit zu DDR-Zeiten.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Und die Beschlüsse der alten Koalition!)


Trotzdem gab es bei unseren Mitbürgern Ängste um die
Zukunft ihrer Altersversorgung, wenn sie die Gesetzge-
bung von CDU/CSU und F.D.P. verfolgten, durch die
das Rentenniveau gesenkt und die Sicherung vor dem
Risiko der Erwerbsunfähigkeit ausgehöhlt werden soll-
ten.

Dies wird beendet. Die erste Lesung unseres Korrek-
turgesetzes ist der erste Schritt zur Einlösung unserer
Zusagen vor der Wahl. Weitere Schritte werden folgen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Die heutige Opposition hat die reale Rentenkürzung
durch Niveauabsenkung mit dem Hinweis verniedlicht,
die Haushalte verfügten ja in erheblichem Umfang über
weitere Einkommensquellen.


Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400906900
Frau Kollegin, ge-
statten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Dr. Seifert?


(Zurufe von der SPD: Das ist die erste Rede! Das ist nicht üblich! – Gegenruf der Abg. Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Die Kollegin ist doch so souverän!)


– Ja, das ist die erste Rede, und ich kann Ihnen, Frau
Kollegin, schon jetzt dazu gratulieren. Das aber hindert
die Kollegen des Hauses nicht, eine freundliche Zwi-
schenfrage zu stellen.

Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage?


Angelika Krüger-Leißner (SPD):
Rede ID: ID1400907000
Ja. – Von wem
kommt denn die freundliche Zwischenfrage?


Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400907100
Bitte.


Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1400907200
Von mir. – Ich bitte um Ent-
schuldigung. Ich habe nicht gewußt, daß es Ihre erste
Rede ist. Vielleicht könnten Sie mir aber trotzdem eine
Frage beantworten.

Frau Kollegin, Sie sprachen davon, daß die Unsicher-
heit in bezug auf die Erwerbsminderungsrente beendet
wird. Warum sagen Sie dann aber nicht, daß die Er-
werbsminderungsrente, die eine ziemliche Katastrophe
ist, wenn es nur noch bei der abstrakten Betrachtungs-
weise bleibt, gar nicht erst eingeführt wird? Sie wollen
die Regelung ja nur verschieben.


Angelika Krüger-Leißner (SPD):
Rede ID: ID1400907300
Ich gehe davon
aus, die Regelung der Erwerbsunfähigkeitsrente – das
haben Sie, so glaube ich, auch in dem Entwurf gelesen –
wird in ein komplexes Rentenstrukturreformgesetz ein-
gebunden. Dafür brauchen wir etwas Zeit.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich komme jetzt zu meinem ursprünglichen Gedan-
ken zurück. Ich habe davon gesprochen, daß die Hin-
weise der Vertreter der Oppositionsparteien in die
Richtung gingen, daß man mit dieser Niveauabsenkung
ja leben könne, weil es noch weitere Einkommensquel-
len gebe. Genannt hatten Sie Betriebsrenten, Einkünfte
aus Mieten oder auch private Lebensversicherungen.
Dies alles gibt es jedoch überwiegend nur in den alten
Ländern. Die Männer und Frauen über 65 in den neuen
Bundesländern haben als einzige Einkommensquelle die
gesetzliche Rentenversicherung. 99 Prozent dieses Per-
sonenkreises leben von ihrer Rente.


(Beifall der Abg. Renate Jäger [SPD])

Der Kaufkraftverlust durch die fortlaufende Niveau-

absenkung kann daher nicht durch andere Quellen aus-
geglichen werden. Um so mehr empört es die ostdeut-
schen Rentnerinnen und Rentner, wenn insbesondere die
CSU immer wieder die Abkoppelung der Renten von
der Lohnentwicklung in Ostdeutschland verlangt. Ich

Angelika Krüger-Leißner






(B)



(A) (C)



(D)


sage Ihnen ganz deutlich: Das ist unanständig, und wir
weisen das zurück.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Für die SPD bleibt es dabei: Die Renten folgen den
Nettolöhnen. Solange der Anpassungsprozeß bei den
Löhnen in Ostdeutschland noch anhält, müssen die
Renten auch der ostdeutschen Lohnentwicklung folgen.

Ich räume ein, daß die durchschnittlichen Renten-
zahlbeträge in den neuen Ländern zum Teil über den
Zahlbeträgen in den alten Ländern liegen. Bei ver-
gleichbarem Versicherungsverlauf ergibt sich aber nach
wie vor ein deutlicher Abstand zwischen den sogenann-
ten Eckrenten im Westen und denen im Osten. Die Eck-
rente Ost erreicht gut 85 Prozent der Eckrente West; in
absoluten Zahlen ausgedrückt sind das 1694 DM ge-
genüber 1980 DM, immerhin ein Unterschied von
286 DM. Die höheren Zahlbeträge ergeben sich aus den
im Schnitt längeren Beitragszeiten der Rentner im
Osten.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Ist das eine Vorlesung über Rentenversicherung oder was?)


Vor allem bei den Frauen wirkt sich die früher sehr hohe
Erwerbsquote positiv aus. Ich erinnere daran: Das war
gewollt und wurde von besseren Möglichkeiten beglei-
tet, Beruf und Kindererziehung zu vereinbaren. Die
einmal getroffene Grundsatzentscheidung des Renten-
Überleitungsgesetzes, die in vielerlei Hinsicht ein
Kompromiß war, mag man begrüßen oder bedauern. Die
Ergebnisse sind aber auf Grund der geschaffenen An-
sprüche nicht umkehrbar. Die falschen Parolen von an-
geblich zu hohen ostdeutschen Renten tragen zur inne-
ren Einheit dieses Landes wenig bei und sollten ange-
sichts der Herausforderung, dieses Land auch im Inne-
ren zu vereinigen, endgültig verstummen. Ich frage Sie:
Wie sieht es denn heute mit den Erwerbsmöglichkeiten
für Frauen aus? Es ist doch vorbei mit der hohen Er-
werbsquote. Gerade Frauen wurden doch als erste mas-
siv von ihren Arbeitsplätzen verdrängt. Dies wird sich
auch in künftigen Rentenbiographien immer wieder zei-
gen.

Deshalb wird die SPD zwar noch nicht mit diesem er-
sten Gesetz, aber mit der Rentenstrukturreform im
nächsten Jahr Verbesserungen für die Frauen auf den
Weg bringen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Unser Ziel ist es, zum Beispiel die Zeiten der Kinderer-
ziehung und die insbesondere Frauen betreffende Ar-
beitslosigkeit künftig wieder stärker bei der Rente zu be-
rücksichtigen. Die alte Koalition hat die Probleme schon
durch das Kürzungspaket von 1996 erheblich verschärft,
dessen Auswirkungen Zeiten der Arbeitslosigkeit bestra-
fen und vor allem die Frauen belasten. Wir treten dage-
gen für gezielte Verbesserungen ein, die für Frauen in
Ost und West künftig immer wichtiger sein werden.

Wir werden ein Konzept einer bedarfsabhängigen so-
zialen Grundsicherung im Alter entwickeln, damit die

Menschen mit niedrigen Renten nicht den oft entwürdi-
genden Gang zum Sozialamt antreten müssen. Das ist
ein gutes Angebot gerade für die Frauen in Ostdeutsch-
land, die nach 1990 oft schlechtbezahlte Teilzeitjobs an-
nehmen mußten, damit sie überhaupt Arbeit hatten. Dies
sind im übrigen häufig die 520-DM-Jobs ohne Sozial-
versicherungsschutz. Auch das wird sich ändern; unser
Bundeskanzler hat gestern die Eckwerte unseres Kon-
zepts vorgetragen. Danach werden geringfügig Beschäf-
tigte ab 1. April 1999 in der Rentenversicherung versi-
chert.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Das wird sich nicht ändern! Lesen Sie einmal den Entwurf selber durch! – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Das wird sogar um 100 DM schlechter!)


– Warten wir es ab.

(Beifall bei der SPD – Manfred Grund [CDU/CSU]: Sie werden es erleben!)


Ich denke, daß diese Vorschläge im vorrangigen Interes-
se auch der Menschen in den neuen Ländern liegen.

Die häufig falsche Diskussion im Westen über die
Renten in Ostdeutschland wird sich im übrigen auch da-
durch beruhigen, daß der Bund endlich der Rentenversi-
cherung die Aufwendungen für bestimmte Leistungen
erstattet. Ich meine solche Leistungen, die auch ohne
oder mit einer nur geringen eigenen Beitragsleistung zur
Sozialversicherung in Anspruch genommen werden
können. Natürlich brauchen wir die Auffüllbeträge bei
den Renten und auch die Rentenleistungen nach dem
SED-Unrechtsbereinigungsgesetz. Es war aber falsch,
diese gesamtstaatliche Aufgabe nur vom Beitragszahler
in Ost und West bezahlen zu lassen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Dies wird mit unserem Gesetzentwurf korrigiert, indem
der Bund der Rentenversicherung diese Finanzierung
abnimmt.

Meine Damen und Herren, ich bin überzeugt: Dieses
Korrekturgesetz ermöglicht, daß die neue Regierung ein
wirklich zukunftsfähiges Rentenkonzept vorlegen kann,
ohne daß im Hintergrund unumkehrbare Fakten geschaf-
fen werden. Deshalb werden wir es zügig beraten, damit
die falsche Rentenpolitik der heutigen Opposition am
1. Januar nicht in Kraft treten kann.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Und entgegen allen Weissagungen von Frau Dr.
Schwaetzer kann ich nur sagen: Packen wir es an!


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dirk Niebel [F.D.P.]: Es ist immer schön, wenn sich jemand freuen kann!)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400907400
Frau Kollegin Krü-
ger-Leißner, ich darf Ihnen zu Ihrer ersten Rede im Par-
lament gratulieren. Ich denke, sie hat nicht darunter ge-
litten, daß Sie eine Zwischenfrage zugelassen haben.


(Beifall bei der SPD)


Angelika Krüger-Leißner






(A) (C)



(B) (D)


Das Wort hat der Kollege Wolfgang Meckelburg von
der CDU/CSU-Fraktion.


Wolfgang Meckelburg (CDU):
Rede ID: ID1400907500
Herr Präsi-
dent! Meine sehr verehrten Damen und Herren! In die-
sem Hause scheinen wirklich neue Verhältnisse einzu-
ziehen.


(Beifall des Abg. Hubertus Heil [SPD])

– Sie klatschen an der falschen Stelle. – Man muß zur
Kenntnis nehmen, daß die Strukturen herrschaftlichen
Charakter haben.


(Widerspruch bei der SPD)

Der Minister hat bei seinem ersten Auftritt hier gesagt:
„Hören Sie doch bitte zu, wenn der Minister spricht!“
Gestern haben wir erlebt, daß der Bundeskanzler in einer
Aktuellen Stunde von der Regierungsbank aufsteht und
Ihnen als Fraktion par ordre du mufti erklärt, wie be-
stimmte Dinge zu regeln sind. Frau Dückert mußte
spontan reagieren, weil das offensichtlich auch in der
Koalition alles nicht abgesprochen war.


(Hubertus Heil [SPD]: Zur Sache, mein Herr!)

Und heute müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß es
selbst bei diesem entscheidenden Punkt, mit dem Sie
den Wahlkampf bestritten haben, der Minister für nicht
nötig hält – das ist keine Unterschätzung von Frau Ma-
scher –, anwesend zu sein.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Rotgrün bestreitet zur Zeit einen sozialpolitischen

Schweinsgalopp durch alle bestehenden Sozialgesetze,
um die Wahlversprechen zu erfüllen. Sie sind ein biß-
chen unter den Druck Ihrer Garantiekärtchen geraten.
Ziel war es, den Bürgern draußen den Eindruck der Ent-
scheidungsfähigkeit und des schnellen Handelns zu
vermitteln.

Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Rotgrün be-
treibt Hektik, Durcheinander und Verunsicherung durch
immer neue Vorschläge und kontroverse Auffassungen.
Die Verfallsdaten Ihrer Vorschläge sind schon nach we-
nigen Wochen sehr kurz geworden.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Selbst die Rücknahmegesetze, die Sie heute einbrin-

gen, sind schlecht vorbereitet und mit der heißen Nadel
gestrickt. Wenn man nach der Konzeption oder gar Zu-
kunftsvision fragt – Fehlanzeige!


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Als ich mich auf die Rede vorbereitet habe, konnte

ich es mir nicht verkneifen: Wir als Opposition haben ja
jetzt noch ein bißchen mehr Zeit zum Lesen. Ich habe
einmal in dem Buch von Hombach, „Aufbruch – Die
Politik der Neuen Mitte“, gelesen. Am interessantesten
fand ich – damit habe ich dann angefangen – das Nach-
wort von Gerhard Schröder.


(Zuruf von der SPD: Das ist das einzige, was Sie gelesen haben!)


Erster Satz – hören Sie einmal wirklich zu! –:
Das Ergebnis der Bundestagswahl 1998 ist ein
Blankoscheck der Bürger auf unsere Zukunftsfä-
higkeit.

Bei dem Wort „Blankoscheck“ ist mir Wolfgang
Schäuble eingefallen, der zu Recht gesagt hat: Schröder
steht für alles oder nichts – Blankoscheck. Er sieht das
offensichtlich selber so.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Susanne Kastner [SPD]: Interpretation von Ihnen!)


Ein Stück weiter sagen Sie dann zur Neuen Mitte –
das sagt Gerhard Schröder auch selber –:

„Er will ein großes Bündnis der Modernisierer aller
gesellschaftlichen Gruppen organisieren.“


(Susanne Kastner [SPD]: Recht hat er!)

Was heißt hier „Modernisierer“? Wer Reformen zurück-
nimmt – das tun Sie heute mit der Einbringung dieses
Gesetzes –, mit denen Rahmenbedingungen verbessert
worden sind – und zwar Rahmenbedingungen, die zu
dem Ergebnis geführt haben: 400 000 Arbeitslose weni-
ger, Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent, stabile Prei-
se –, hat den Namen „Modernisierer“ wirklich nicht ver-
dient.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. – Susanne Kastner [SPD]: Deshalb hat man Sie abgewählt! Deshalb haben Sie keine Mehrheit mehr im Parlament!)


Ich spare mir jetzt die Ausführungen von Herrn
Hombach zum Thema Vision, weil ich finde, daß auch
dieser Begriff nach dem, was Sie hier in den ersten Wo-
chen geliefert haben, völlig unangebracht ist.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Hombach liefert Stoff für viele Debatten!)


Lassen Sie mich zum Thema Rente noch etwas sa-
gen. Dazu muß man nur in die Vorlage schauen. „Heiße
Nadel“ habe ich eben gesagt. Über der Vorlage steht:
„Korrektur des Rentenreformgesetzes 1999“. Sie haben
ja gesagt: Ein hohes Niveau wollen wir nicht. In der Be-
gründung dieser Vorlage steht: „Mit diesem Aussetzen“
– der Reform, wie Blüm sie für 1999 vorgesehen hatte –
„soll Zeit gewonnen werden . . .“ Sie machen also ein
Gesetz, um Zeit zu gewinnen – ganz toll, eine große Re-
form! Ein Stückchen weiter steht – das ist kaum noch
nachzuvollziehen –:

Sollten andere Regelungen bis zum 31. Dezember
2000 nicht ergangen sein, treten die genannten Re-
gelungen des Rentrenreformgesetzes 1999 im we-
sentlichen unverändert am 1. Januar 2001 in Kraft.

Auf gut deutsch bedeutet das eine Hintertür, um die Re-
form von Norbert Blüm umzusetzen. Sie wollen Zeit
gewinnen und lassen sich die Hintertür zur Blümschen
Reform offen. Das ist Ihr Vorhaben, wie Sie es hier be-
schreiben!


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)


Vizepräsident Rudolf Seiters






(B)



(A) (C)



(D)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400907600
Herr Kollege Mek-
kelburg, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen
Heil?


Wolfgang Meckelburg (CDU):
Rede ID: ID1400907700
Ja, bitte.


Hubertus Heil (SPD):
Rede ID: ID1400907800
Herr Kollege, ich möchte Sie
fragen, ob Sie das, was Ihr Kollege Geißler, der heute
leider nicht hier ist, gesagt hat, unterschreiben können.
Er hat gesagt, ein wesentlicher Grund für die Niederlage
der alten Koalition sei es gewesen, das Bündnis für
Arbeit gegen den Baum fahren zu lassen, weil man bei-
spielsweise den Kündigungsschutz und die Lohnfort-
zahlung entsprechend gekürzt habe, wie Sie das getan
hätten. Stimmen Sie dem zu?


(Dirk Niebel [F.D.P.]: Geißler kann sich auch einmal irren!)



Wolfgang Meckelburg (CDU):
Rede ID: ID1400907900
Ich stimme
dem so nicht zu, weil ich finde, daß wir eine Menge ge-
macht haben. Wir haben den Menschen auch eine Men-
ge zugemutet.


(Zurufe von der SPD)

– Hören Sie doch einmal zu, wenn eine Frage gestellt
wird, muß man auch antworten können. – Wir haben den
Menschen mit dem, was wir gemacht haben, eine Menge
zugemutet: mit der Reform des Sozialstaates, mit der
Verbesserung der Rahmenbedingungen, damit Arbeits-
plätze entstehen. Wir haben dabei lernen müssen – das
werden Sie in den nächsten Wochen hier auch lernen –,
daß es keine kleinen Rädchen gibt, an denen man nur
drehen muß, damit Arbeitsplätze entstehen und die Ar-
beitslosigkeit zurückgeht. Es ist das Bohren dicker
Bretter und das Inkaufnehmen unpopulärer Maßnahmen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Das werden auch Sie in den nächsten Wochen erleben.
Ich werde gleich noch etwas zur Lohnfortzahlung sagen.


(Susanne Kastner [SPD]: Hoffentlich etwas Vernünftiges!)


Wir haben sicherlich auch ein paar Kollegen in mei-
ner Fraktion, die es sich mit diesen beiden Themen nicht
leichtgemacht haben. Aber wenn Sie heute unsere Re-
formen nur zurückdrehen wollen, dann muß ich Ihnen
sagen, daß das einfach nicht mehr geht. Das Zurückdre-
hen bringt die alten Zeiten nicht wieder, weil inzwischen
Tarifparteien über die neuen Bedingungen verhandelt
haben und weil sich die Wirklichkeit verändert hat. Es
geht einfach nicht mehr. Ich bin gespannt, was aus Ih-
rem Zurückdrehen wirklich wird.


(Hubertus Heil [SPD]: Warten Sie es ab! – Danke!)


Zurück zur Rente. Hier ist Ihre Strategie: Hintertür
offenlassen, um die Reform von Blüm doch noch umzu-
setzen und um Zeit zu gewinnen. Wenn man dann ein
bißchen weiterschaut: Was erreichen Sie damit? Bei-
tragssenkungen – toll! – und eine Gegenfinanzierung für

die Ökosteuer. Für beispielsweise die Rentner heißt das
nichts anderes als Steuererhöhungen, konkret: Erhöhung
des Benzinpreises, Erhöhung der Heizölsteuer und Ein-
führung einer Stromsteuer. Das ist das Modell „linke
Tasche, rechte Tasche“. Ich habe inzwischen verstanden,
was Sie mit „Neuer Mitte“ meinen: Geld aus der linken
Tasche herausziehen und dann wieder in die rechte Ta-
sche hineinstecken. Das nennen Sie „Neue Mitte“. Das
ist ein bißchen wenig, meine Damen und Herren.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Wenn man dann noch darüber nachdenkt, daß es Vor-

schläge gibt, nach denen man mit 60 Jahren in Rente ge-
hen kann, dann weiß man, daß die Zustimmung zu sol-
chen Vorschlägen in der ganzen Republik riesig sein
wird. Die Zustimmung wird aber zurückgehen, wenn die
Leute merken, was damit gemeint ist. Wenn Sie das
einmal ausrechnen: Wenn von denen, die jetzt über 60
Jahre alt sind, nur 20 Prozent diesen Vorschlag „Rente
mit 60“ nutzen würden – man weiß, daß das bei einem
Fall 80 000 bis 100 000 DM kostet –, dann hätten Sie
bei 500 000 älteren Menschen – das sind in etwa diese
20 Prozent –, die das in Anspruch nehmen, Kosten von
40 Milliarden DM. Ich frage Sie: Wo wollen Sie das
Geld hernehmen?

Wenn Sie mit der Idee kommen, die Tarifparteien,
Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sollen in den Tariffonds
einzahlen, dann müssen Sie über die Frage der Beitrags-
satzsenkung gar nicht mehr reden; dann machen Sie
nämlich einen neuen Topf auf und erhöhen andere Bei-
träge.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der F.D.P.)


Der Tariffonds steht außerdem völlig im Widerspruch
zu dem, was Sie hier ständig verkünden: Sie wollen die
Kaufkraft stärken. Wenn der Tariffonds auf Arbeitneh-
merseite aus einem Teil der Lohnerhöhung gespeist
werden soll, dann vermindern Sie damit den Kaufkraft-
zuwachs, dann können Sie die Theorie der Kaufkraft
völlig vergessen.

Herr Riester hat hier von einem neuen Zukunftspakt
der Generationen gesprochen. Das kann nicht ernst
gemeint sein: Sie belasten gerade die junge Generation,
und zwar nicht nur durch die Beiträge, sondern auch
durch die Kosten für den Tariffonds. Junge Leute zahlen
für die Rente ab 60 der derzeitigen Rentnergeneration
und haben selber kaum die Chance, in den Genuß einer
solchen Rente zu kommen. Das ist sozial höchst unge-
recht.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Lassen Sie mich noch einen Punkt erwähnen, der bis-

her gar nicht angesprochen worden ist. Auch er ist in
diesem Papier enthalten. Dabei handelt es sich zwar
nicht um eine Rücknahme; aber auch da sind Sie ge-
zwungen, Ihre Garantieversprechen zu erfüllen. Ich
spreche von dem Programm der Bundesregierung zur
Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit: „100 000 Ju-
gendliche in Arbeit bringen“. Dieses Programm ist in






(A) (C)



(B) (D)


einer Änderung des SGB III, Arbeitsförderungsgesetz,
untergebracht. Als ich das erste Mal den Titel „Arbeits-
förderungsgesetz“ las, habe ich gedacht: Oh, oh, was
wollen die Damen und Herren von der SPD, die darüber
viel geschimpft haben, denn zurücknehmen?


(Annelie Buntenbach [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Erst sagen Sie, wir machen nur Hektik, und dann sagen Sie, wir sollen alles auf einmal machen!)


Schaut man in dieses Gesetz, stellt man fest, daß Sie
nichts zurücknehmen. Vielmehr führen Sie einen Aus-
nahmetatbestand ein. Danach sagt die Bundesregierung:
Zwar machen wir das Programm, bezahlen soll es aber
die Bundesanstalt für Arbeit aus ihren Mitteln. Das ist
völlig neu; das wird in dieses Gesetz geschrieben. Sie
haben nämlich sonst kein Geld.

Wenn Sie sich einmal fragen, warum Sie an dieser
Stelle Geld haben, dann erhalten Sie als Antwort: Der
Haushalt der Bundesanstalt für Arbeit ist dadurch, daß
wir 100 000 Arbeitslose weniger haben und daß auf
Grund unserer Politik auch für das nächste Jahr weniger
Arbeitslose erwartet werden, so gesichert, daß Sie in der
Lage sind, daraus das Geld für Ihr Programm zu neh-
men, mit dem Sie draußen herumlaufen.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Meine Damen und Herren, ich hätte gerne noch vieles

zur Scheinselbständigkeit gesagt. Da bemühen Sie ei-
nen Riesenapparat. Wenn Sie einmal den Bericht des In-
stituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bun-
desanstalt für Arbeit lesen, dann stellen Sie fest, daß Sie
gerade das Modell aussuchen, von dem die Bundesan-
stalt sagt: Das funktioniert überhaupt nicht; es ist äußerst
negativ. Die ungeklärten Fälle bleiben auf Grund der
Kriterien übrig. Sie betreiben in dem Bereich einen gro-
ßen Aufwand – um 0,2 Milliarden DM in die Kasse zu
bringen. Sie bekommen das Problem nicht gelöst. Ich
habe den Eindruck, Sie gehen hier deswegen so schnell
voran, weil Sie, wenn Sie ernsthaft darüber nachdenken
würden, die Schwierigkeiten einer wirklichen Lösung
sehen würden.


(Hubertus Heil [SPD]: Warum haben Sie denn nichts getan?)


Meine Damen und Herren, zum Kündigungsschutz.
Man kann darüber reden, ob die Änderung in diesem
Bereich nicht mehr Arbeitsplätze hätte bringen müssen,
gerade im Handwerk. Aber eines ist mir klar: Wenn der
Schwellenwert beim Kündigungsschutz auf 5 reduziert
wird und wenn Sie durch Ihre Steuerpolitik, meine Da-
men und Herren von der Koalition, gleichzeitig dafür
sorgen, daß gerade der mittelständische Bereich beson-
ders belastet wird, können keine neuen Arbeitsplätze
entstehen, sondern es werden welche verlorengehen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)


Meine Damen und Herren, Sie sind im Wahlkampf
mit dem Anspruch „Innovation und soziale Gerechtig-
keit“ angetreten. Was Sie hier vorlegen, ist nicht inno-
vativ, sondern ein Rückschritt. Was Sie hier vorlegen, ist

nicht sozial gerecht, sondern sozial höchst ungerecht.
Das Verfallsdatum Ihrer Kernaussagen ist schon nach
wenigen Wochen erreicht. Wenn Sie so weitermachen,
meine Damen und Herren, werden Sie auch bald das
Verfallsdatum Ihrer Regierung erreicht haben.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der F.D.P. – Lachen bei der SPD)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400908000
Das Wort für die
F.D.P.-Fraktion hat der Kollege Dr. Heinrich Leonhard
Kolb.


Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):
Rede ID: ID1400908100
Herr Präsident! Liebe
Kolleginnen und Kollegen! Ich kann zwar durchaus
nachvollziehen, daß die Regierungskoalition in der
Pflicht ist, sich für die massive Unterstützung durch di-
verse Gewerkschaftsfunktionäre im Wahlkampf zu re-
vanchieren. Aber auch nach fortgeschrittener Debatte
kann ich nicht anders, als das, was Sie hier heute vorle-
gen, als beschäftigungspolitisch falsch und volkswirt-
schaftlich blanken Unsinn zu bezeichnen. Es ist deswe-
gen Unsinn, weil SPD und Grüne wichtige und richtige
beschäftigungsfördernde Reformansätze einfach wieder
abschaffen wollen, bevor diese ihre Wirkung überhaupt
voll entfalten konnten.


(Beifall bei der F.D.P. – Dr. Heidi KnakeWerner [PDS]: Das sind Sie ja nun schuldig geblieben!)


Meine Damen und Herren von SPD und Grünen, Ihre
Rolle rückwärts in Sachen Kündigungsschutz, bei der
Entgeltfortzahlung wie auch beim Betriebsverfassungs-
gesetz und beim Arbeitnehmer-Entsendegesetz kann nur
entweder als trostloses Resultat ideologischer Verblen-
dung oder als Dokumentation Ihres blanken Unwissens
darüber gewertet werden, wie Arbeitsplätze neu entste-
hen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Ich glaube, beides! – Hubertus Heil [SPD]: Das sagt die F.D.P.!)


– Herr Kollege, Arbeitsplätze entstehen nicht dadurch,
daß man pathetisch Empörung vorträgt oder aufwendige
Kundgebungen inszeniert, schon gar nicht durch Partei-
tagsbeschlüsse, sondern Arbeitsplätze entstehen da-
durch, daß Menschen bereit sind, als Arbeitgeber Ver-
antwortung für andere zu übernehmen. Sie tun dies –
wer wollte es ihnen verdenken? – nach reiflicher Über-
legung und der Abwägung von Chancen und Risiken.

Hier muß man deutlich feststellen, daß insbesondere
im Arbeitsrecht, das ja in wichtigen Bereichen Richter-
recht ist, über die Jahre eine Verschiebung von Lasten
auf die Arbeitgeber stattgefunden hat. Dies gilt auch und
gerade für die Beendigung eines Arbeitsverhältnisses.
Das war der Hintergrund – ich will mich hier auf den
Kündigungsschutz konzentrieren –, warum wir im Jah-
re 1996 Klarstellungen im Kündigungsschutzgesetz
vorgenommen haben und warum wir vor allem kleine
Unternehmen durch eine Herausnahme aus dem Gel-
tungsbereich des Lohnfortzahlungsgesetzes entlastet ha-
ben. Unsere Reform war damals das Ergebnis eines

Wolfgang Meckelburg






(B)



(A) (C)



(D)


sorgfältigen Abwägungsprozesses. Sie dürfen mir glau-
ben: Wir haben uns das Ganze nicht leichtgemacht.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Horst Kubatschka [SPD]: Nein, wir glauben Ihnen gar nichts!)


Allerdings, meine Damen und Herren, darf der Ge-
setzgeber nicht untätig bleiben, wenn sich ein Gesetz in
der betrieblichen Praxis gerade des Mittelstandes als Be-
schäftigungshemmnis erweist. Das gilt um so mehr in
Zeiten hoher Arbeitslosigkeit. Es ist nun einmal kein
Zufall, daß im Jahr 1996, also zum Zeitpunkt der Ände-
rung, 75 Prozent der Unternehmen in Deutschland fünf
oder weniger als fünf Beschäftigte hatten. Der Schwel-
lenwert des Kündigungsschutzgesetzes ist eine Sperre,
die Arbeitslosen den Zugang zu einer Beschäftigung
verwehrt.


(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Niemand – das möchte ich dem Herrn Arbeitsmi-
nister Riester sagen, den ich im Moment nicht sehe –


(Zuruf von der SPD: Da ist er doch!)

begründet ein Arbeitsverhältnis, um es zu kündigen.
Aber getreu dem lateinischen Motto „respice finem“
muß jeder verantwortliche Unternehmensleiter, auch um
bestehende Arbeitsplätze nicht zu gefährden, die Mög-
lichkeit der Auflösung eines Arbeitsverhältnisses schon
beim Vertragsschluß vor Augen haben. Deswegen ist
das, was Sie hier vorlegen, vielleicht gutgemeint; aber
gutgemeint ist nicht nur hier das Gegenteil von gut.


(Beifall bei der F.D.P.)

Ich sage Ihnen voraus: Dieser Schnellschuß geht nach

hinten los. Statt mehr Beschäftigung werden Sie den
Abbau von Arbeitsplätzen ernten. Das gilt insbesondere
für den Bereich mittelständischer Unternehmen, denen
Sie vor der Wahl plakativ Entlastungen versprochen ha-
ben, die aber auch mit diesem Gesetz wie mit anderen,
die Sie in den letzten Wochen vorgelegt haben, zusätz-
lich belastet werden und letztlich die Zeche zahlen müs-
sen.


(Ulrich Heinrich [F.D.P.]: So ist es! Nur Widersprüche!)


Mit der Verdoppelung des Schwellenwertes von fünf
auf zehn Mitarbeiter haben wir in der letzten Legislatur-
periode dazu beigetragen, den kleinen Unternehmen die
Angst vor Neueinstellungen zu nehmen. Wir haben da-
für gesorgt, daß die Kriterien bei der Sozialauswahl prä-
zisiert und transparenter gestaltet wurden. Auch dafür
gab es gute Gründe, die jedermann nachvollziehen kann,
der sich ernsthaft mit dieser komplizierten Materie be-
faßt hat.

Nun tönen die Bundesregierung und die Koalitions-
fraktionen im Chor – auch Herr Riester hat es heute so
gesagt –, die Novellierung des Kündigungsschutzgeset-
zes habe nicht zu mehr Beschäftigung geführt und müs-
se deswegen revidiert werden. Da muß ich Sie wirklich
fragen, woher Sie diese Weisheit nehmen. Der DIHT
und der ZDH kommen zu ganz anderen Ergebnissen.


(Beifall bei der F.D.P.)


Der ZDH spricht von einem Plus von 20 000 Arbeits-
plätzen in der Perspektive von 100 000. Der DIHT hat
ermittelt, daß 11 Prozent der Unternehmen, die seit 1996
nicht mehr unter das Kündigungsschutzgesetz fallen, be-
reits auf Grund dieser Neuregelung Einstellungen vor-
genommen haben; weitere 14 Prozent planen dies für
den Fall einer verbesserten Auftragslage. Das sind dann
wahrscheinlich weitere 30 000 Arbeitsplätze. Insgesamt
sind es also 50 000 Arbeitsplätze. Das sind, meine Da-
men und Herren, keine Peanuts; darüber darf man nicht
hinweggehen.


(Beifall bei der F.D.P. – Ulrich Heinrich [F.D.P.]: Das hat nichts gekostet!)


– Richtig.
Das zeigt: Das Klima für die Schaffung zusätzlicher

Arbeitsplätze hat sich bei den Unternehmen zwischen
fünf und zehn Beschäftigten entscheidend verändert.
Deswegen, auch wenn wir erst wenige Zahlen über be-
schäftigungswirksame Effekte des Kündigungsschutzge-
setzes vorliegen haben, was auf Grund des kurzen Zeit-
raumes auch nicht verwundern kann: Geben Sie diesen
Reformen noch etwas Zeit. Strukturelle Veränderungen
der Rahmenbedingungen für die mittelständische Wirt-
schaft greifen in der Regel erst mittelfristig. Nur in einer
Planwirtschaft läßt sich kurzfristig per Knopfdruck steu-
ern.

Wir von der F.D.P.-Fraktion sind sogar bereit, den
von uns als richtig erkannten Weg noch ein Stück weiter
zu beschreiten. Deswegen schlagen wir vor, die Wir-
kung der Novelle noch zu verstärken und den Schwel-
lenwert von 10 auf 20 Arbeitnehmer anzuheben. Meine
Fraktion hatte das schon 1996 für richtig gehalten, aber
gegen den Widerstand großer Teile der CDU/CSU da-
mals nicht durchsetzen können.

Ich fordere hiermit alle hier im Hause, die immer
wieder das Hohelied des Mittelstandes singen, auf, ge-
meinsam mit uns durch dieses Gesetz dem Mittelstand
den Freiraum zu geben, den er braucht, um neue Ar-
beitsplätze zu schaffen. Ich bitte Sie, diesen Gesetzent-
wurf zu unterstützen.


(Beifall bei der F.D.P.)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400908200
Ich gebe das Wort
dem Kollegen Olaf Scholz von der SPD-Fraktion.


Olaf Scholz (SPD):
Rede ID: ID1400908300
Sehr geehrter Herr Präsident!
Meine Damen und Herren! Am Anfang dieser Bundes-
republik – sehr zu Anfang dieser Bundesrepublik – hat
es schon einmal so etwas wie ein Bündnis für Arbeit
gegeben. Die wesentlichen Grundlagen unserer Arbeits-
verfassung, der Zusammenarbeit von Arbeitnehmern
und Arbeitgebern, sind nämlich zwischen Gewerk-
schaften und Arbeitgebern unmittelbar ausgehandelt
worden.

Im Januar 1950 haben sich im Ort Hattenheim die
Vertreter der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer getrof-
fen und haben die „Hattenheimer Entschließungen“ ge-
faßt, die noch bis heute wesentliche Grundlagen unseres
Arbeitsrechts bilden. In diesem Bündnis für Arbeit ist

Dr. Heinrich L. Kolb






(A) (C)



(B) (D)


der Gesetzentwurf für ein Kündigungsschutzgesetz
entstanden. Der Gesetzentwurf, der damals entworfen
wurde und der dann im Januar 1950 dem Gesetzgeber
und allen anderen zugeleitet worden ist, beinhaltete das
Einsetzen des Kündigungsschutzes ab drei Arbeitneh-
mern.

Später, im August 1951, also gleich zu Anfang unse-
rer Republik, hat der Bundestag das Kündigungsschutz-
gesetz beschlossen, das dem Gesetzentwurf sehr ähnlich
war und das Einsetzen des Kündigungsschutzes in Be-
trieben mit mehr als fünf Arbeitnehmern vorgesehen hat.

Seitdem ist das so. In der Zeit danach ist der wirt-
schaftliche Aufstieg der Bundesrepublik Deutschland
vonstatten gegangen. In der Zeit danach hat es das Wirt-
schaftswunder gegeben. In der Zeit danach ist die ganze
Prosperität der Bundesrepublik Deutschland entstanden.

Es kann also nicht am Kündigungsschutz gelegen ha-
ben, wenn der soziale Konsens, der damals Maßstab der
Politik und auch der wirtschaftlichen Arbeit in unserem
Lande gewesen ist, die ganze Zeit funktioniert und ge-
tragen hat.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Was in den letzten 16 Jahren eingetreten ist, ist ein
ganz merkwürdiger Paradigmenwechsel. Es ist nämlich
das Konsensmodell als Bestandteil unserer Arbeitsver-
fassung aufgekündigt worden. Es ist irgendwie der Ver-
dacht entstanden, daß es die wirtschaftliche Entwicklung
behindere, wenn Arbeitnehmer nicht schnell und einfach
genug entlassen werden können. Es ist überhaupt insge-
samt – wie wir bei verschiedenen Gesetzen sehen kön-
nen – der Verdacht entstanden, daß ein maximaler
Druck auf Arbeitnehmer die Voraussetzung dafür ist,
daß es wirtschaftlich funktionierende Betriebe gibt.

Das ist aber nicht die Erfahrung des Wachstums der
Bundesrepublik Deutschland. Das ist gewissermaßen ei-
ne Abkehr vom Konsensmodell gewesen.

Mit dem ersten Schritt, den Sie gemacht haben, näm-
lich den Kündigungsschutz erst bei zehn Arbeitnehmern
einsetzen zu lassen, und mit dem Schritt, den Sie jetzt
folgerichtig – weil in der Systematik liegend – gefordert
haben, nämlich daß der Kündigungsschutz erst ab 20
Arbeitnehmer eintreten soll, haben Sie etwas anderes als
die soziale Marktwirtschaft, etwas anderes als den so-
zialen Konsens, der unser Land getragen hat, im Auge.
Es ist eine Art von wirtschaftsliberalem Extremismus,
der, so glaube ich, nicht in Ordnung ist.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der PDS – Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Blödsinn!)


Ich glaube, daß es für diese Diskussion auch sehr hilf-
reich ist, wenn man die Stichworte, die hier immer fal-
len, einmal hinterfragt. Eines dieser Stichworte ist, daß
die Betriebe dringend die Veränderung des Kündigungs-
schutzes benötigten, weil sie sich sonst nur so mühselig
und schwer von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern
trennen könnten. Das sagen viele Verbandsfunktionäre,
das sagen viele andere, aber das sagen wenige Men-

schen, die eine wirkliche Ahnung von der Situation von
Kündigungsschutzprozessen haben.

Von denjenigen Menschen, die in diesem Lande ge-
kündigt werden, gehen etwa 8 Prozent zum Arbeitsge-
richt. Das ist eine Zahl, die die ganze Diskussion, die
hier geführt wird, absurd macht und deutlich zeigt, daß
es sich dabei um eine tief ideologische Veranstaltung
handelt, die überhaupt keinen Bezug zur Wirklichkeit
hat.

Ähnlich groß ist die Zahl der obsiegenden Entschei-
dungen in diesen Prozessen.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Sie wissen ja gar nicht, was vorher alles verhandelt worden ist!)


Zwar ist es so, daß die Termine vor den Arbeitsgerichten
in Wirklichkeit Vergleichsverhandlungen sind, aber
streitige obsiegende Urteile sind nur in einer Größen-
ordnung von 7 bis 8 Prozent üblich. Im übrigen verläßt
kaum ein Arbeitnehmer das Arbeitsgericht und kehrt
wieder auf seinen Arbeitsplatz zurück. Insofern ist das,
was Sie gemacht haben, eine ideologische Abkehr von
dem Konsensmodell der sozialen Marktwirtschaft. Wir
kehren wieder dahin zurück.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der PDS)


Das zweite, was Sie tun, ist, daß Sie ein richtiges
Stichwort mit einem falschen Sachverhalt zusammenfü-
gen und glauben, das mache dann einen Sinn. Sie disku-
tieren über Flexibilität. Das ist in der Tat eine der wich-
tigen Diskussionen, die wir für die Arbeitsentwicklung
in unserem Lande führen müssen. Wir brauchen mehr
Flexibilität am Arbeitsplatz; wir brauchen mehr Flexibi-
lität in den Betrieben; und es braucht neue Arbeitszeit-
modelle, die einen effektiveren Einsatz von Arbeitneh-
merinnen und Arbeitnehmern ermöglichen und gleich-
zeitig die Arbeitszeitsouveränität der Beschäftigten ver-
mehren. Aber was hat Flexibilität damit zu tun, daß man
begründungslos kündigen kann? Das hat mir nicht ein-
geleuchtet. Da ist überhaupt kein Zusammenhang, auch
wenn Sie ihn durch ständiges Wiederholen herzustellen
versuchen.


(Beifall bei der SPD)

Ich glaube, es ist richtig, daß wir jetzt, 50 Jahre spä-

ter, zu den „Hattenheimer Entschließungen“ zurückkeh-
ren und daß das Jubiläum, das man in Hattenheim An-
fang des Jahres 2000 feiern kann, kein beschämendes
ist. Vielleicht kann der Arbeitsminister dort im Januar
des Jahres 2000 ein Treffen des Bündnisses für Arbeit
veranstalten, um die Rückkehr zum sozialen Konsens in
unserem Lande zu dokumentieren.


(Beifall bei der SPD)

Die Menschen brauchen keinen Druck in Form von
Angst, wenn sie zur Arbeit gehen – was im übrigen nicht
bedeutet, daß man seine Pflichten nicht erfüllen solle.
Auch das ist eine der typischen Verwechslungen, von
denen Sie in den letzten Jahren erzählt haben.


(Beifall bei der SPD)


Olaf Scholz






(B)



(A) (C)



(D)


Daß wir hier – anders, als Sie behaupten – nicht
Ideologie betreiben, ist deutlich daran zu erkennen, daß
wir bei diesem Gesetzesteil wie bei weiteren Gesetzes-
teilen das, was wir vernünftig finden, auch belassen. Ich
weise nur darauf hin, daß zum Beispiel die Anrechnung
von Teilzeitarbeitsverhältnissen nach der bisherigen
Berechnungsmethode bestehenbleibt. Insofern ist das,
was wir machen, etwas sehr Vernünftiges. Wir handeln
nicht ideologisch, sondern versuchen, eine vernünftige
Regelung zustande zu bringen.


(Beifall bei der SPD)

Ich will auf einen weiteren Komplex des Gesetzes zu

sprechen kommen. Dort ist geregelt, daß die Zeitbefri-
stung für Interessenausgleichsverhandlungen bei gro-
ßen Betriebsänderungen aufgehoben wird. Sie haben in
das Gesetz geschrieben, daß es nach zwei Monaten – mit
einer Verlängerung nach drei Monaten – ein Ende damit
haben soll, daß sich Betriebsräte und Arbeitgeber mit-
einander einigen müssen. Das hat etwas damit zu tun,
daß Sie – glaube ich jedenfalls – nie verstanden haben,
was das System der Betriebsänderung im Betriebsver-
fassungsgesetz soll. Es regelt den Komplex, welche Ab-
findung Arbeitnehmer bekommen können, als erzwing-
bare Mitbestimmung. Wenn man sich nicht einigt, ent-
scheidet die Einigungsstelle. Und es regelt als Rederecht
zwischen Arbeitnehmern, Betriebsräten und den Arbeit-
gebern, was passieren soll, wenn zum Beispiel eine
Massenentlassung geplant ist.

In dem Gesetz steht nicht drin – das wäre in der Tat
eine ganz andere Wirtschaftsordnung –, daß es in dieser
Frage ein Mitbestimmungsrecht der Arbeitnehmer gebe.
Und es steht nicht drin, daß ein Einigungsstellenvorsit-
zender entscheidet, ob eine ganze Betriebsschließung
stattfindet oder nicht. Aber es steht da drin, daß man
miteinander reden muß, daß man versucht, Konsensmo-
delle zu finden, und daß man sich Zeit nehmen soll, bis
man mit dem Reden zu Ende ist. Sie haben sich auf die
Seite derjenigen geschlagen, die dieses Miteinanderre-
den für eine überflüssige Zeitverschwendung halten.
Denen haben Sie gesagt: Ihr braucht nur zwei Monate
nichts zu tun, dann könnt ihr endlich kündigen. Das
wollen wir rückgängig machen.


(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS)


Die übrigen Regelungen, die wir aufheben, sind ähn-
lich. Auch bei ihnen wird gewissermaßen der Konsens
wiederhergestellt, der unsere Republik so lange getragen
hat. Das ist die Abkehr von der Vermutung, mit der Sie
die Gesetze gemacht haben. Ich meine die Vermutung,
daß Druck notwendig sei und daß man den Arbeitneh-
mern nicht über den Weg trauen könne. Das steckt näm-
lich in der Kürzung der Entgeltfortzahlung, weil man
durch die Kürzung Druck zum Arbeiten macht, und das
steckt auch in den Regelungen über die Anrechnung von
Urlaub für die Rehabilitation. Wir werden das rückgän-
gig machen.

Ich glaube, wir stellen das Modell der sozialen
Marktwirtschaft wieder her und schaffen damit die Basis
für eine Politik der Neuen Mitte.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400908400
Auch Ihnen, Herr
Kollege Scholz, darf ich zu Ihrer ersten Rede gratulie-
ren, wobei ich hinzufüge: Es hörte sich gar nicht wie
eine Jungfernrede an.


(Beifall)

Für die CDU/CSU-Fraktion hat nun der Kollege

Johannes Singhammer das Wort.


Johannes Singhammer (CSU):
Rede ID: ID1400908500
Herr Präsi-
dent! Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen!
Wer einen großen Wurf ankündigt und dann scheib-
chenweise serviert, vermasselt sich selbst den Start. Ge-
nau das ist Ihnen passiert.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Verzögerungen bei der Vorlage dieses Gesetzestextes

durch offensichtliche fachliche Unstimmigkeiten, die
Ausgliederung wichtiger Elemente wie der 620-DM-
Regelung, weil heftige interne Streitigkeiten ausgetragen
werden mußten, kurzfristige Änderungen an Struktur
und Einzelheiten mit fortwährender Verkürzung des
politischen Verfalldatums zeigen, daß das, was Bundes-
kanzler Gerhard Schröder mit der Koalitionsvereinba-
rung vorgemacht hat, zum Markenzeichen dieser Regie-
rung wird: in der Frühe verkünden und am Nachmittag
korrigieren.


(Beifall des Abg. Dirk Niebel [F.D.P.])

Wer den Werdegang dieses Gesetzes beobachtet hat,

kann eines mit Sicherheit feststellen: Der Titel „Kor-
rekturgesetz“ ist richtig gewählt, weil Inhalte ständig
korrigiert werden.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

Ich sage Ihnen voraus: Es wird nicht die letzte Korrektur
sein.

Bezüglich der beabsichtigten Neuregelung des Ar-
beitnehmer-Entsendegesetzes bestehen offenkundig
verfassungsrechtliche Probleme und Mängel. Mit ihr
wird die Tarifhoheit ausgehebelt. Künftig kann der Bun-
desarbeitsminister durch Rechtsverordnung auch nicht
tarifgebundene Arbeitgeber verpflichten, tarifvertrag-
liche Arbeitsbedingungen einzuhalten. Der paritätisch
besetzte Tarifausschuß beim Bundesarbeitsministerium
wird entmachtet, und dieses neue Ermächtigungsgesetz
gestattet es dem Bundesminister für Arbeit und Sozial-
ordnung, nicht nur Mindestlöhne, sondern ganze Lohn-
gruppen, Urlaubsdauer und Urlaubsgeld mit einem
Federstrich für gesetzlich verbindlich zu erklären.


(Zuruf von der CDU/CSU: Und das mit einem Gewerkschafter!)


Die Vertreter der SPD stellen in einer bisher nicht
gekannten Weise nahezu alle Verfassungsorgane bzw.
deren Präsidenten: Bundesratspräsident, Bundestagsprä-
sident, Bundesverfassungsgerichtspräsidentin; auch das
Amt des Bundespräsidenten strebt die SPD an. Außer-
dem verfügt die SPD über die Bundesratsmehrheit. Ge-
rade deshalb – lassen Sie sich das gesagt sein – ist es um
so wichtiger, daß Sie vorsichtig mit Verfassungsprin-

Olaf Scholz






(A) (C)



(B) (D)


zipien umgehen, sorgfältig prüfen und auf die Verein-
barkeit mit dem Grundgesetz in besonderer Weise ach-
ten.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400908600
Herr Kollege Sing-
hammer, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen
Dreßen?


Johannes Singhammer (CSU):
Rede ID: ID1400908700
Gerne. Er ist
mein Lieblingsfragesteller.


(Heiterkeit)



Peter Dreßen (SPD):
Rede ID: ID1400908800
Das freut mich, Herr Kollege.
– Sie haben gerade wieder den Tarifausschuß angespro-
chen und gesagt, daß diesbezüglich Gefahren bestünden.
Meinen Sie nicht, daß es ein größerer Eingriff in die Ta-
rifautonomie ist, wenn Gewerkschaft und Arbeitgeber-
verbände gemeinsam einen Tarifvertrag zimmern – Sie
wissen, daß das immer mit Schwierigkeiten verbunden
ist; aber ich meine, wenn sie sich dann einig sind – und
dann der Tarifausschuß, in dem weder die zuständige
Gewerkschaft noch der zuständige Arbeitgeberverband
vertreten ist, dieses Ergebnis ablehnt? Halten Sie dies
für demokratisch und für einen geringeren Eingriff als
das, was wir jetzt vorsehen?


Johannes Singhammer (CSU):
Rede ID: ID1400908900
Herr Kollege
Dreßen, der entscheidende Unterschied zur bisherigen
Regelung besteht, wie ich Ihnen gesagt habe, darin, daß
es die Mitsprache auch der nicht tariflich Gebundenen
über diesen Ausschuß beim Bundesarbeitsminister nicht
mehr geben soll. Es findet keine weitere Befassung von
Gremien mehr statt. Allein der Bundesarbeitsminister
entscheidet. Das halte ich für sehr bedenklich.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)

An dieser Stelle versichere ich Ihnen eines: Wir wer-

den jede Art von beginnendem Machtrausch entschieden
bekämpfen.


(Zurufe von der SPD: Au weia! – Das ist ja toll! – Weitere Zurufe von der SPD)


Die Meßlatte Ihrer Regierung waren und sind mehr Ar-
beitsplätze, und daran werden wir Sie messen.

Der entscheidende Nachteil dieses ganzen Geset-
zespaketes besteht darin, daß das Hauptziel nicht in
mehr Arbeitsplätzen besteht, sondern in der Eröffnung
von Abschöpfungs- und Finanzierungsmöglichkeiten,
weil Sie Ihre Wahlversprechen einlösen wollen.


(Zurufe von der SPD)

– Sie brauchen jetzt nicht zu schreien. – Das Schlimme
dabei ist, daß Sie vor allem die Kleinverdiener zur Kasse
bitten, nämlich mit der Ökosteuer und Beitragsabschöp-
fungen. Damit hatten die Kleinverdiener nicht gerech-
net.

Dabei haben Sie doch eine höchst komfortable Situa-
tion. Für 1999, das kommende Jahr, werden gegenüber

1998 höhere Steuereinnahmen von insgesamt 38 Milli-
arden DM erwartet. Davon sollen 26 Milliarden DM die
Kassen des Bundes prall füllen. Die vorhergehende
Bundesregierung hat eine gute Grundlage geschaffen;
Sie brauchten eigentlich nicht weiter abzukassieren. Ihre
Vorschläge sind handwerklich schlecht und finanziell
unseriös.

Ich möchte das einmal am Beispiel der Frühverren-
tung beschreiben. Sie erwecken den Eindruck, daß Ar-
beitnehmer künftig mit 60 Jahren ohne irgendwelche
Abstriche in Rente gehen können. Tatsache ist, daß die
tarifgebundenen Arbeitnehmer über die Tariffonds
gleichzeitig zur Kasse gebeten werden; statt in die Ren-
tenversicherung zahlen sie zusätzlich in eine Art zweite
Rentenversicherung, nämlich die Tariffonds, Monat für
Monat ein. Dieses von Ihnen erfundene angebliche Per-
petuum mobile der Politik bringt für jeden, der schuftet,
einzahlt und auf Sicherheit im Alter hofft, zwei ent-
scheidende Nachteile:

Erstens. Statt eines dem Anspruch auf Eigentum ähn-
lichen, garantiert abgesicherten Rentenanspruchs be-
kommt der Arbeitnehmer über den Tariffonds einen
Rechtsanspruch mit minderer Rechtssicherheit.

Zweitens. Sie betreiben eine Umverteilung zwischen
den Generationen, und zwar zu Lasten der Jüngeren. Ein
20jähriger Arbeitnehmer muß 40 Jahre einzahlen, bis er
über den Tariffonds als 60jähriger seine Ansprüche gel-
tend machen kann. Wer 59 Jahre alt ist, der kann nach
Ihren Plänen, nachdem er nur ein Jahr Beitrag gezahlt
hat, erheblich früher in den Ruhestand gehen. Was glau-
ben Sie, wie lange sich das die jüngeren Arbeitnehmer
gefallen lassen werden?


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)


Die Wahrheit lautet: Ihre Rechnung wird nicht aufge-
hen. Sie können sich der demographischen Entwicklung
nicht entziehen und davonlaufen. Wunschdenken allein
bringt nicht die notwendigen gigantischen Beträge ein,
die Sie für diese Art der Umstellung brauchen. Wenn
Sie das mir schon nicht glauben sollten, dann glauben
Sie es wenigstens Ihrer Parteigenossin, der Ministerprä-
sidentin von Schleswig-Holstein, Frau Simonis. In
einem gestern veröffentlichten Interview mit dem
„Stern“, hat sie auf die Frage, wer denn die Verrentung
mit 60 bezahlen soll, erklärt: „Nach meiner bisherigen
Kenntnis ist das nicht finanzierbar.“


(Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Recht hat sie!)


Viele der Menschen, die jetzt diese Debatte verfol-
gen, spüren doch, daß sich die Jüngeren dann, wenn
immer weniger Arbeitnehmer immer mehr für die Al-
tersversicherung zahlen sollen, irgendwann einmal ver-
weigern werden. Wir brauchen nicht mehr Umvertei-
lung, sondern mehr zukunftssichere Arbeitsplätze und
eine verbreiterte Grundlage durch mehr Beitragszahler,
die letztlich die Last schultern.

Dieses Korrekturgesetz schlägt eine falsche Richtung
ein. Wie nie zuvor mußte sich gerade diese Bundesregie-
rung nach nur wenigen Wochen von Experten und Wis-
senschaftlern eine niederschmetternde Kritik gefallen

Johannes Singhammer






(B)



(A) (C)



(D)


lassen. Zum Gutachten des Sachverständigenrats, der
fünf Weisen, das in dieser Woche veröffentlicht worden
ist, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“, daß es präzise,
hart und vernichtend sei.


(Horst Kubatschka [SPD]: Und falsch!)

Nach Einschätzung der fünf Weisen führe der rotgrüne
Kurs weit weg vom Ziel der Vollbeschäftigung, weil
sich die Arbeitslosigkeit weder durch das Heilsver-
sprechen der Umverteilung noch durch Strohfeuerpro-
gramme dauernd verringern lasse.

Anspruch und Wirklichkeit Ihrer Politik sind umge-
kehrt proportional zu den Ergebnissen, die Sie erreichen
wollen. Ich sage Ihnen eines: Note „Eins“ bei den An-
kündigungen und Versprechungen und Note „Sechs“ bei
der Umsetzung. Das wird immer mehr Menschen in un-
serem Land davon überzeugen, daß der Weg, den Sie
eingeschlagen haben, der falsche ist.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400909000
Das Wort hat für die
SPD-Fraktion der Kollege Kurt Bodewig.


Kurt Bodewig (SPD):
Rede ID: ID1400909100
Herr Präsident! Sehr geehrte
Damen und Herren! Ich freue mich, daß wir hier am
Ende einer längeren Debatte doch noch so zahlreich an-
wesend sind und dieser Debatte Aufmerksamkeit wid-
men. Ich finde das sehr schön. Denn gerade diese De-
batte hat ja einen Kernpunkt, auf den ich mich in mei-
nem Beitrag beschränken möchte, nämlich das Arbeit-
nehmer-Entsendegesetz. Was haben Sie da für Horror-
gemälde an die Wand gemalt! Ich will mich damit gern
auseinandersetzen. Ich will aber sehr deutlich machen:
Diese Änderung des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes ist
nur ein Baustein unserer arbeitsrechtlichen Sofortmaß-
nahmen.

Ich kann nur sagen – ich freue mich, daß Bundes-
minister Walter Riester das noch einmal sehr deutlich
gemacht hat –, daß es um Reformen geht. Das, was Sie
praktiziert haben, nämlich eine Verschlechterung, indem
Sie systematisch den Reformbegriff entwertet haben, ist
keine Reform. Reformen sind Verbesserungen für die
Menschen in diesem Land. In diesem Sinne machen wir
Reformen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wir brauchen die Wiederherstellung von Recht und
Ordnung auf dem Arbeitsmarkt. Das ist zwingend erfor-
derlich angesichts von illegalen Tätigkeiten, von Akti-
vitäten einer Bau-Mafia, von Verfahren, die wir nicht
akzeptieren können. Wir brauchen auch die Beseitigung
von Wettbewerbsverzerrungen. Sie hier, die letzten vier
überlebenden Gralshüter des Liberalismus,


(Heiterkeit)

müssen doch daran interessiert sein, daß wir Dumping
verhindern.


(Beifall bei der SPD)


Wir brauchen natürlich auch einen Schutz der Ar-
beitnehmerrechte. Ich sage mit deutlichem Blick auf
die Opposition: Die Bilanz Ihrer Arbeit in den letzten
16 Jahren zwingt uns dazu, heute Korrekturen vorzu-
nehmen – das haben Sie zu verantworten –, damit wir
das Leben hier wieder besser machen können.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Dies gilt insbesondere für das Arbeitnehmer-
Entsendegesetz. Aus meiner Erfahrung in einer Grenz-
region zu den Niederlanden kann ich nur sagen, daß die
vorgeschlagenen Korrekturen und ergänzenden Rege-
lungen dringend erforderlich sind. In meinem Wahlkreis
sprechen mich Bauunternehmer an und sagen, sie halten
das nicht durch. Kolleginnen und Kollegen der IG BAU
sagen deutlich, daß sie Angst um ihre Arbeitsplätze
haben. Das hat etwas mit der bestehenden Praxis zu tun,
und diese Praxis muß geändert werden.


(Beifall bei der SPD)

Wettbewerbsverzerrungen durch Dumpingangebote

müssen wir verhindern. Ich sage mit Blick auf die Arbeit
an unserem zukünftigen Parlamentsort: Es kann doch
nicht sein, daß in Berlin der größte Bauboom seit
Kriegsende herrscht, und gleichzeitig haben wir die
höchste Arbeitslosigkeit bei inländischen Bauarbeitern.
Das ist doch absurd!


(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS)


Deswegen schlagen wir eine entschlossene und ziel-
gerichtete Vorgehensweise vor. Unsere Ziele sind deut-
lich: die Bekämpfung von Lohndumping auf den deut-
schen Baustellen, die notwendige Beseitigung der Be-
nachteiligung inländischer Unternehmen und Arbeit-
nehmer – beides gehört zusammen –, die volle Einbe-
ziehung aller Baugewerbe, also auch der Baunebenge-
werbe, und die wirksame Kontrolle der Subunterneh-
men, dies über die Durchgriffshaftung der Unterneh-
mer für die Entgeltansprüche. Ich sage Ihnen deutlich,
Frau Kollegin Schwaetzer: Da haben Sie unrecht. Die
Durchgriffshaftung wird nämlich dazu führen, daß von
den Subunternehmern andere Angebote gemacht werden
müssen, und das schützt die kleinen und mittleren Un-
ternehmen. Ich weiß, wovon ich spreche.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Annelie Buntenbach [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Zu unseren Zielen gehört auch die Verbesserung der
Kontrolle und natürlich die Ahndung der Vergehen. Die
Ahndung gehört dazu. Ich habe mit Interesse den Be-
richt des Staatssekretärs Tegtmeier für den Ausschuß für
Arbeit und Sozialordnung gelesen. Er beschreibt eine
Vielzahl vorhandener Mißbrauchsmöglichkeiten; Miß-
bräuche etwa in der Form, daß Arbeitnehmer nur für die
Tätigkeit in Deutschland eingestellt werden, und in dem
jeweiligen Heimatland dieser Unternehmen existieren
nur Briefkastenfirmen. Wir alle in diesem Haus müßten
doch ein Interesse daran haben, eine solche Praxis end-
lich zu beseitigen.


(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS)


Johannes Singhammer






(A) (C)



(B) (D)


Auch unsere Maßnahmen sind eindeutig. Sie sind klar
nachlesbar. Ich glaube, daß dieser Gesetzentwurf eine
gute und solide Handschrift trägt. Wir heben die Entfri-
stung auf. Wir schaffen eine Rechtsverordnungsermäch-
tigung für das BMA. Auch das ist ja hier von Herrn
Singhammer soeben angesprochen worden, ebenso von
anderen. Schauen Sie sich doch einmal die Hintergründe
an! Wie war das denn 1996? Die Tarifpartner im Bau-
gewerbe setzen sich zusammen, handeln einen Min-
destlohntarifvertrag aus, und die Vertreter der BDA
zwingen die Tarifpartner im Tarifausschuß, ihre selbst
getroffenen Vereinbarungen aufzuheben und den Min-
destlohn abzusenken.

Daß es dabei um Geld geht, kann ich Ihnen an Hand
der Zahlen zeigen. Die Einigung der Tarifpartner in den
alten Ländern lag bei 18,60 DM pro Stunde. Dann wur-
de dies auf Druck der BDA im Tarifausschuß auf
17 DM und dann 1997 auf 16 DM abgesenkt. Das sind
Einkommensverluste unserer Kolleginnen und Kollegen,
die nicht hinnehmbar sind.


(Beifall bei der SPD)

Deswegen sage ich ganz deutlich: Diese Praxis der

Erpressungspolitik im Tarifausschuß gehört der Vergan-
genheit an. Das finde ich gut.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Frau Schnieber-Jastram, ein Wort zum Kaisererlaß.
Ich will Sie daran erinnern, daß es ein Sozialdemokrat
war, der 1918 die Republik ausgerufen und die Demo-
kratie in Deutschland begründet hat.


(Birgit Schnieber-Jastram [CDU/CSU]: Nein!)

Insofern sind wir sehr beruhigt, wenn Sie hier diese

Begriffe falsch verwenden. Es geht nicht um einen Kai-
sererlaß, sondern um den Erhalt von Mindeststan-
dards: beim Mindestlohn, der Urlaubsdauer und dem
Urlaubsgeld. Es geht endlich darum, dieses Geschachere
im Tarifausschuß zu beenden und diese Standards für
alle verbindlich zu machen. Das ist eine vernünftige
Politik.


(Beifall bei der SPD)

Die Voraussetzung dafür ist nämlich, daß sich die Tarif-
partner vorher geeinigt haben. Dagegen hat überhaupt
keiner etwas.


(Beifall bei der SPD)

Ich glaube, diese Politik ist bei uns in guten Händen.

Der Kollege Walter Riester, unser neuer Bundesarbeits-
minister, ist jemand, der hierfür mit Sicherheit die sensi-
ble Handhabung durchsetzen wird.

Ich komme zum nächsten Punkt. Unsere Regelung ist
sinnvoll, vernünftig und verläßlich. Sie beläßt die Ge-
staltungsspielräume bei den Tarifvertragsparteien.

Ich komme zu dem anderen Punkt, dem der Durch-
griffshaftung. Generalunternehmer sind zukünftig für ih-
re Subunternehmer haftbar. Dieses Wegwieseln wie in
der Vergangenheit wird es nicht mehr geben. Das ist
wichtig und richtig. Die Generalunternehmer haften ab

dem 1. Januar 1999 unmittelbar, falls der Subunterneh-
mer das Mindestentgelt nicht zahlt oder nicht in die Ur-
laubskasse der Bauwirtschaft einzahlt.

Was auch wichtig ist: Bei diesen Kassen werden üb-
rigens auch die Werkvertragsarbeitgeber aus Mittel- und
Osteuropa einbezogen. Auch das bedeutet mehr Sicher-
heit in der Arbeitswelt.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Kontrollen müssen wirksamer werden. Deshalb sind
wir für die Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedin-
gungen für die Kontrolltätigkeit der Behörde. Das fängt
mit dem Bußgeld an. Ich finde es gut, daß der Bußgeld-
rahmen deutlich erweitert wird. Für Ordnungswidrig-
keiten, etwa die Nichtzahlung des Mindestlohns, wird
statt bisher 500 000 DM 1 Million DM zu zahlen sein.
Ich kann nur sagen: Wer auf diesem sozialen Ohr taub
ist, der muß eben fühlen. Ich hoffe, daß es richtig weh
tut.


(Beifall bei der SPD)

Die organisierte Kriminalität auf unseren Baustellen –

damit meine ich nicht die illegalen Arbeitnehmer, die
sich dort aufhalten, sondern die Bau-Mafia, die dort sy-
stematisch die Not der Menschen benutzt – bedingt eine
Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen für
die Kontrolltätigkeit der Behörden.

Das wird so geschehen, daß wir endlich die Rechts-
grundlage dafür schaffen, daß die Weitergabe von Er-
kenntnissen bei Staatsanwaltschaften und Gerichten über
mögliche Ordnungswidrigkeiten nach diesem Gesetz an
die zuständigen Verfolgungsbehörden im Heimatland er-
folgt. Es geht darum, dies nachhaltig zu verfolgen. Es
geht darum, daß das, was aufgeklärt wird, dann auch ge-
ahndet wird. Ich denke, das ist ein guter Ansatz.

Unser Gesetzesvorschlag ist durch den Grundsatz ge-
prägt: gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort.
Ich denke, dagegen kann niemand etwas haben. Das ent-
spricht unserem Rechtsverständnis, und es gilt für aus-
ländische und inländische Arbeitnehmer.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich sage Ihnen folgendes, damit Sie noch Zeit haben,
sich zu ereifern. Nach dem Scheitern im Rahmen der
deutschen Ratspräsidentschaft beim letztenmal, nach
dem unzureichenden Arbeitnehmer-Entsendegesetz vom
Februar 1996, nach der zwischenzeitlich verabschiede-
ten EU-Entsenderichtlinie kann ich nun feststellen: Die
unendliche Geschichte des Entsendegesetzes muß ein er-
folgreiches Ende haben. Wir sind dazu bereit.

In Anknüpfung an die Diskussion vom Vortag – ich
sehe zwar Herrn Schauerte nicht, aber ich sage es trotz-
dem – kann ich jetzt mit Freude erklären: Wir werden
Entscheidendes verändern. Wir werden verdammt vieles
verbessern. Darauf freue ich mich.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Kurt Bodewig






(B)



(A) (C)



(D)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400909200
Dem Kollegen Bo-
dewig gratuliere ich als Drittem im Bunde zu seiner er-
sten Rede.


(Beifall)

Der nächste Redner ist kein Jungfernredner. Es ist der

Kollege Meinrad Belle für die CDU/CSU-Fraktion. Er
hat das Wort.


Meinrad Belle (CDU):
Rede ID: ID1400909300
Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Zum Schluß dieser Debatte spreche
ich zur beabsichtigten Änderung des Versorgungsre-
formgesetzes. Dies tue ich unter anderem auch deshalb,
damit der Kollege Staatssekretär Körper hier nicht um-
sonst gesessen hat.


(Parl. Staatssekretär Fritz Rudolf Körper: Vielen Dank!)


Ich gratuliere ihm natürlich auch zu seinem neuen
Amt. Herzlichen Glückwunsch und auf gute Zusammen-
arbeit!

Nachdem das Inkrafttreten des Rentenreformgesetzes
hinausgeschoben wird, sollen mit diesem Gesetzentwurf
die Regelungen über den Versorgungsabschlag bei
Dienstunfähigkeit und wegen vorzeitiger Pensionierung
eines Schwerbehinderten ebenfalls bis zum 1. Januar
2001 hinausgeschoben werden. Das Inkrafttreten steht
dann unter dem Vorbehalt, daß sozial gerechtere Lösun-
gen nicht gefunden werden können.

Nun will ich natürlich nicht bestreiten, daß gute Lö-
sungen durch bessere Lösungen ersetzt oder ergänzt
werden können. Wir haben ein gutes Versorgungsre-
formgesetz gemacht. Aber auch bei diesem guten Gesetz
kann man sicherlich über den einen oder anderen Lö-
sungsansatz trefflich streiten. Das allerdings setzt vor-
aus, daß ein Lösungsansatz vorhanden ist. Sie, meine
Damen und Herren von der Koalition, haben überhaupt
keine Lösungsansätze.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. – Erwin Marschewski [CDU/CSU]: Sehr wahr!)


Entsprechend der Generalaussage des Bundeskanz-
lers: „Wir wollen nicht alles anders, aber vieles besser
machen“ soll dieses Versorgungsreformgesetz jetzt bes-
ser gemacht werden. Nur: Wie das geschehen soll, wis-
sen Sie nicht, und das mit Bestimmtheit.


(Erwin Marschewski [CDU/CSU]: Frag doch einmal den Staatssekretär, ob er so etwas weiß!)


Erkennen Sie eigentlich nicht, welches Armutszeug-
nis Sie den Fachleuten Ihrer Fraktionen ausstellen? Sie
waren doch alle bei den Beratungen der Renten- und der
Versorgungsreformgesetze dabei.


(Zuruf von der CDU/CSU: Sie haben nicht zugehört!)


Daher müßten doch heute die Lösungen auf den Tisch
des Hauses gelegt werden können. Da kann man nur sa-
gen: schwach, sehr schwach.

Es ist bald Weihnachtszeit. Das eben Beschriebene
erinnert mich fatal an eine Passage der Geschichte von
den Weisen aus dem Morgenland, die folgendermaßen
lautet.


(Zuruf von der SPD)

– Immerhin, ein Schwarzer war dabei!


(Heiterkeit)

Aber passen Sie ein bißchen auf. – Als sie den Weg
verloren hatten,


(Zuruf von der CDU/CSU: Irrten sie umher!)

verdoppelten sie ihre Anstrengungen; denn – das ist der
große Unterschied zu Ihnen – ihr Stern führte sie und
leitete sie nach Bethlehem.

Bei Ihnen, meine Damen und Herren von der Regie-
rungskoalition, ist allerdings nirgendwo ein Leitstern
noch ein Lichtlein noch Bethlehem erkennbar. Für den
Fall, daß dies bei Ihrer künftigen Gesetzesarbeit immer
so sein sollte, kann man nur sagen: Gute Nacht,
Deutschland!


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. – Erwin Marschewski [CDU/CSU]: Sehr wahr!)


Nun aber zurück zu den weiteren Aussagen Ihres Ge-
setzentwurfs. Herr Kollege Körper, es soll doch tatsäch-
lich – da bitte ich jetzt wirklich um Ihre Aufmerksam-
keit; da müssen wir beide etwas machen – die verbes-
serte Bewertung der Zurechnungszeit im Falle der
Dienstunfähigkeit der jüngeren Beamten ebenfalls hin-
ausgeschoben werden. Wir erinnern uns – auch wenn
vom Innenausschuß der letzten Legislaturperiode nur
noch drei Mitglieder übriggeblieben sind –: Im Ver-
mittlungsverfahren zum Dienstrechtsreformgesetz wurde
uns die Halbierung der Zurechnungszeit von den SPD-
regierten Bundesländern aufgezwungen.


(Erwin Marschewski [CDU/CSU]: Sehr wahr!)


Berechnungsbeispiele haben dann ergeben, daß die
Versorgung junger dienstunfähiger Beamter im unteren
und im mittleren Bereich in eklatanter Weise gekürzt,
teilweise auf Sozialhilfeniveau reduziert wird.

Diese von Ihnen verursachte Panne im Vermittlungs-
verfahren wurde durch das Versorgungsreformgesetz
behoben. Können Sie wirklich das Verzögern dieser Re-
paratur verantworten, Herr Kollege Körper? Ich meine,
wir sollten dies bei der Beratung Ihres Gesetzentwurfs
im Ausschuß noch einmal offen diskutieren.

Ich freue mich darauf, danke Ihnen für Ihre Aufmerk-
samkeit und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.


(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1400909400
Ich schließe die
Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Gesetzentwür-
fe auf den Drucksachen 14/45, 14/46, 14/15, 14/13,






(A) (C)



(B) (D)


14/39 und 14/44 an die in der Tagesordnung aufgeführ-
ten Ausschüsse vorgeschlagen.

Der Gesetzentwurf der Koalitionsfraktionen zu Kor-
rekturen in der Sozialversicherung und zur Sicherung
der Arbeitnehmerrechte auf Drucksache 14/45 soll au-
ßerdem zur Mitberatung an den Ausschuß für Tourismus
überwiesen werden. Der Haushaltsausschuß soll diesen
Gesetzentwurf zur Mitberatung und gemäß § 96 der Ge-
schäftsordnung erhalten.

Den Gesetzentwurf der Koalitionsfraktionen zur
Änderung des Versorgungsreformgesetzes auf Drucksa-
che 14/46 soll der Haushaltsausschuß ebenfalls zur Mit-
beratung und gemäß § 96 der Geschäftsordnung erhal-
ten.

Beim Gesetzentwurf der Fraktion der PDS zur Kor-
rektur von Fehlentwicklungen im Recht der Arbeitslo-
senhilfe auf Drucksache 14/15 soll die Federführung

beim Ausschuß für Arbeit und Sozialordnung liegen.
Dem Ausschuß für Familie, Senioren, Frauen und Ju-
gend soll dieser Gesetzentwurf zur Mitberatung über-
wiesen werden.

Gibt es dazu anderweitige Vorschläge? – Das ist nicht
der Fall. Dann ist die Überweisung so beschlossen.

Wir sind damit am Schluß unserer Tagesordnung. Ich
danke Ihnen, daß Sie bis zum Schluß an dieser Beratung
teilgenommen haben, wünsche Ihnen ein schönes Wo-
chenende und für die nächste Woche gute Gespräche mit
Ihren Wählerinnen und Wählern.

Ich berufe die nächste Sitzung des Deutschen Bun-
destages auf Mittwoch, den 2. Dezember 1998, 13 Uhr
ein.

Die Sitzung ist geschlossen.