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ID1400906100

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Metadaten
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  • tocInhaltsverzeichnis
    Plenarprotokoll 14/9 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 9. Sitzung Bonn, Freitag, den 20. November 1998 I n h a l t : Erweiterung der Tagesordnung........................ 487 A Tagesordnungspunkt 7: Erste Beratung des von den Fraktionen SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zum Einstieg in die ökologische Steuer- reform (Drucksache 14/40) ....................... 487 B in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 10: Antrag der Fraktionen SPD und BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN Entlastung durch Einführung einer ökologischen und sozialen Steuerreform (Drucksache 14/66 (neu))........................... 487 B Oskar Lafontaine, Bundesminister BMF ......... 487 C Friedrich Merz CDU/CSU ............................... 490 D Jürgen Trittin, Bundesminister BMU............... 494 A Carl-Ludwig Thiele F.D.P. .............................. 496 B Dr. Gregor Gysi PDS....................................... 499 B Detlev von Larcher SPD .................................. 500 D Walter Hirche F.D.P............................ 501 C, 508 A Cornelia Pieper F.D.P. ............................... 502 D Hans Michelbach CDU/CSU ........................... 504 A Dr. Reinhard Loske BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN................................................................. 506 C Carl-Ludwig Thiele F.D.P.......................... 509 C Dr. Barbara Höll PDS ...................................... 510 A Michael Müller (Düsseldorf) SPD................... 511 B Dr. Klaus Lippold (Offenbach) CDU/CSU ..... 512 D Hans Martin Bury SPD.................................... 515 B Dr. Werner Müller, Bundesminister BMWi... 516 B, 517 D Walter Hirche F.D.P. ....................................... 517 B Gunnar Uldall CDU/CSU................................ 518 A Tagesordnungspunkt 8: a) Erste Beratung des von den Fraktionen SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Enwurfs eines Gesetzes zu Korrekturen in der Sozialversicherung und zur Sicherung der Arbeitnehmer- rechte (Drucksache 14/45) ........................ 518 D b) Erste Beratung des von den Fraktionen SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Versorgungsreform- gesetzes 1998 (Drucksache 14/46)............. 519 A c) Erste Beratung des von der Abgeord- neten Dr. Heidi Knake-Werner und der Fraktion der PDS eingebrachten Ent- wurfs eines Ersten Gesetzes zur Korrektur von Fehlentwicklungen im Recht der Ar- beitslosenhilfe (Erstes Arbeitslosenhilfe- Korrekturgesetz) (Drucksache 14/15)...... 519 A d) Erste Beratung des von der Abgeord- neten Dr. Heidi Knake-Werner und der Fraktion der PDS eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Ar- beitszeitgesetzes und des Euro-Einfüh- rungsgesetzes (Drucksache 14/13)............ 519 A II Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 9. Sitzung. Bonn, Freitag, den 20. November 1998 e) Erste Beratung des von der Fraktion der PDS eingebrachten Entwurfs eines Geset- zes zur Wiedereinführung des Schlecht- wettergeldes – Schlechtwettergeld-Ge- setz (Drucksache 14/39)............................. 519 B in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 7: Erste Beratung des von den Abgeordneten Dr. Irmgard Schwaetzer, Rainer Brüderle, weiteren Abgeordneten und der Fraktion der F.D.P. eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur beschäftigungswirksamen Änderung des Kündigungsschutzgeset- zes (Drucksache 14/44) .............................. 519 B Walter Riester, Bundesminister BMA ............. 519 C Birgit Schnieber-Jastram CDU/CSU ............... 522 D Annelie Buntenbach BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN......................................................... 525 B Dr. Irmgard Schwaetzer F.D.P......................... 528 D Dr. Heidi Knake-Werner PDS ......................... 530 C Angelika Krüger-Leißner SPD ........................ 532 C Dr. Ilja Seifert PDS .................................... 533 C Wolfgang Meckelburg CDU/CSU................... 535 A Hubertus Heil SPD..................................... 536 A Dr. Heinrich L. Kolb F.D.P. ............................ 537 C Olaf Scholz SPD.............................................. 538 B Johannes Singhammer CDU/CSU................... 540 C Peter Dreßen SPD ...................................... 541 A Kurt Bodewig SPD .......................................... 542 A Meinrad Belle CDU/CSU................................ 544 A Nächste Sitzung ............................................... 545 C Anlage Liste der entschuldigten Abgeordneten ........... 547 A Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 9. Sitzung. Bonn, Freitag, den 20. November 1998 487 (A) (C) (B) (D) 9. Sitzung Bonn, Freitag, den 20. November 1998 Beginn: 9.00 Uhr
  • folderAnlagen
    Vizepräsident Rudolf Seiters Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 9. Sitzung. Bonn, Freitag, den 20. November 1998 547 (A) (C) (B) (D) Anlage zum Stenographischen Bericht Anlage Liste der entschuldigten Abgeordneten Abgeordnete(r) entschuldigt biseinschließlich Andres, Gerd SPD 20.11.98 Austermann, Dietrich CDU/CSU 20.11.98 Beck (Köln), Volker BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 20.11.98 Berninger, Matthias BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 20.11.98 Blank, Renate CDU/CSU 20.11.98 Braun (Augsburg), Hildebrecht F.D.P. 20.11.98 Breuer, Paul CDU/CSU 20.11.98 Bühler (Bruchsal), Klaus CDU/CSU 20.11.98 * Bulling-Schröter, Eva-Maria PDS 20.11.98 Carstensen (Nordstrand), Peter Harry CDU/CSU 20.11.98 Caspers-Merk, Marion SPD 20.11.98 Dr. Däubler-Gmelin, Herta SPD 20.11.98 Dietzel, Wilhelm CDU/CSU 20.11.98 Fink, Ulf CDU/CSU 20.11.98 Fischer (Frankfurt), Joseph BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 20.11.98 Frick, Gisela F.D.P. 20.11.98 Friedhoff, Paul K. F.D.P. 20.11.98 Gebhard, Fred PDS 20.11.98 Dr. Geißler, Heiner CDU/CSU 20.11.98 Dr. Göhner, Reinhard CDU/CSU 20.11.98 Frhr. von Hammerstein, Carl-Detlev CDU/CSU 20.11.98 Hartnagel, Anke SPD 20.11.98 Hintze, Peter CDU/CSU 20.11.98 Irmer, Ulrich F.D.P. 20.11.98 Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Jacoby, Peter CDU/CSU 20.11.98 Dr. Kahl, Harald CDU/CSU 20.11.98 Kahrs, Johannes SPD 20.11.98 Kolbe, Manfred CDU/CSU 20.11.98 Kolbow, Walter SPD 20.11.98 Lehn, Waltraud SPD 20.11.98 Lengsfeld, Vera CDU/CSU 20.11.98 Michels, Meinolf CDU/CSU 20.11.98 Otto (Frankfurt), Hans-Joachim F.D.P. 20.11.98 Dr. Pfaff, Martin SPD 20.11.98 Polenz, Ruprecht CDU/CSU 20.11.98 Reiche, Katherina CDU/CSU 20.11.98 Dr. Riesenhuber, Heinz CDU/CSU 20.11.98 Ronsöhr, Heinrich-Wilhelm CDU/CSU 20.11.98 Roth (Gießen), Adolf CDU/CSU 20.11.98 Dr. Schäfer, Hansjörg SPD 20.11.98 Schaich-Walch, Gudrun SPD 20.11.98 Schmidbauer, Bernd CDU/CSU 20.11.98 Dr. Schmidt-Jortzig, Edzard F.D.P. 20.11.98 Schmitz (Baesweiler), Hans-Peter CDU/CSU 20.11.98 von Schmude, Michael CDU/CSU 20.11.98 Thönnes, Franz SPD 20.11.98 Wimmer (Karlsruhe), Brigitte SPD 20.11.98 Wissmann, Matthias CDU/CSU 20.11.98 Wolf (Frankfurt), Margareta BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 20.11.98 Würzbach, Peter Kurt CDU/CSU 20.11.98 —————— *) für die Teilnahme an Sitzungen der Westeuropäischen Union 548 Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 9. Sitzung. Bonn, Freitag, den 20. November 1998 (A) (C) (B) (D) Druck: Bonner Universitäts-Buchdruckerei, 53113 Bonn 53003 Bonn, Telefon: 02 28/3 82 08 40, Telefax: 02 28/3 82 08 44 20 Druck: Bonner Universitäts-Buchdruckerei, 53113 Bonn sellschaft mbH, Postfach 1320, 53003 Bonn, Telefon: 0228/3820840, Telefax: 0228/3820844 20
  • insert_commentVorherige Rede als Kontext
    Rede von Dr. Rudolf Seiters


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (CDU)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)

    Ich gebe das Wort
    der Kollegin Annelie Buntenbach, Bündnis 90/Die Grü-
    nen.


    (Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Wann spricht denn der Herr Dreßler? – Gegenruf von der SPD: Wo ist denn Herr Blüm?)



    (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

    Ich bin froh, daß die neue Regierung schon heute, nach

    wenigen Wochen im Amt, diesen Gesetzentwurf hier
    einbringt, der einige der gröbsten Fehlentscheidungen
    der alten Bundesregierung korrigiert und gerade im Zu-
    sammenhang mit der Ökosteuer neue Weichenstellungen
    erkennbar macht. Gerade die Absenkung des Renten-
    beitrags auf 19,5 Prozent im nächsten Jahr ist eine wirk-
    lich gute Nachricht für die Arbeitnehmerinnen und Ar-
    beitnehmer, deren Nettogehalt sich in den letzten Jahren
    immer unzumutbarer vom Bruttogehalt entfernt hat.

    Wenn Sie, meine Damen und Herren von der Oppo-
    sition, uns kritisieren – nicht nur heute, sondern auch
    schon in den letzten Tagen –, daß wir angeblich alles nur
    täten, um die Einnahmen der Sozialversicherung zu
    erhöhen,


    (Zuruf von der F.D.P.: Stimmt doch!)

    dann lassen Sie sich versichern: Niemand von uns hat
    vor, sich die Rentenkasse oder die Arbeitslosenversiche-
    rungskasse unter den Arm zu klemmen und sich schöne
    Jahre auf den Bermudas zu machen. Wir tragen vielmehr
    Sorge dafür, daß die Sozialkassen nicht weiter ausblu-
    ten, gerade im Interesse derjenigen, die sich nicht allein,
    kraft eigener Ellbogen oder Vaters Erbschaft durchset-
    zen werden, sondern die auf die solidarischen Siche-
    rungssysteme angewiesen sind.


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


    Aber jenseits der Einnahmeseite, der gerade im Inter-
    esse der Solidarität unsere Aufmerksamkeit gelten muß,
    geht es hier auch um Strukturentscheidungen, die für
    sich stehen und die schon längst überfällig sind. Mit der
    Rücknahme der Kürzung der Lohnfortzahlung im
    Krankheitsfall, der Instandsetzung des Kündigungs-
    schutzes, der Rücknahme der Privatisierung des Invali-
    ditätsrisikos bei den Erwerbsunfähigkeitsrenten, der
    Festlegung auf eine Rentenstrukturreform, die die un-
    steten Erwerbsverläufe besser absichert, dem Einbezug
    wenigstens der Scheinselbständigen in die Sozialversi-
    cherung und den überfälligen Nachbesserungen beim
    Entsendegesetz ist dieses Paket eindeutig ein Schritt hin
    zu mehr sozialer Gerechtigkeit.


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


    Die haben wir nach 16 Jahren Kohl-Regierung bitter
    nötig. Die Maßnahmen der letzten Jahre haben doch
    nicht die Arbeitslosigkeit verringert, sondern – im Ge-
    genteil – die Schere zwischen Arm und Reich immer
    weiter geöffnet.

    Frau Schnieber-Jastram, wo sind denn all die neuen
    Arbeitsplätze, die mit der Aufweichung des Kündi-
    gungsschutzes entstehen sollten? Es war doch von einer
    halben Million die Rede.


    (Hans-Peter Repnik [CDU/CSU]: Hat sie doch gerade erklärt! 400 000 in einem Jahr!)


    Wo ist denn das Mehr an Beschäftigung, das die Kür-
    zung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder die
    Abschaffung der Vermögensteuer gebracht haben soll?

    Birgit Schnieber-Jastram






    (B)



    (A) (C)



    (D)


    Ich kann keine neuen Jobs sehen; ich kann aber den
    Verlust an sozialer Gerechtigkeit und den Verlust an
    Demokratie in Betrieb und Gesellschaft sehen. Ich glau-
    be, daß die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit mit sozia-
    ler Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Integration nicht
    nur zusammenpaßt, sondern als Leitlinie mit unserer
    Politik untrennbar verbunden sein muß.


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie der Abg. Dr. Heidi Knake-Werner [PDS])


    Die Kürzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
    steht geradezu als Symbol für die verfehlte Politik der
    Kohl-Ära. Hunderttausende haben auf der Straße prote-
    stiert – nicht nur, weil die Betriebe mit Unterstützung
    der damaligen Regierung ihre Kosten ausgerechnet auf
    dem Rücken der Kranken drücken wollten, sondern weil
    die Gewerkschaften der Gesellschaft ein echtes Angebot
    zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gemacht hatten,
    nämlich ein Bündnis für Arbeit, das die Kohl-Regierung
    aber nicht angenommen hat. Statt dessen hat sie den
    Gewerkschaften mit der Kürzung der Lohnfortzahlung
    den Stuhl vor die Tür gesetzt.


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


    Das ist, Frau Schnieber-Jastram, eine Störung des so-
    zialen Friedens. Diese Brüskierung der Gewerkschaften
    werden wir mit der Rücknahme dieses Gesetzes vor Ein-
    stieg in das neue Bündnis für Arbeit aus der Welt neh-
    men und damit die Voraussetzungen für Gespräche auf
    Augenhöhe schaffen.


    (Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)


    Schließlich müssen wir von dieser Stelle aus – das ist
    unsere politische Verantwortung – die bestmöglichen
    Rahmenbedingungen für diese Gespräche, für dieses
    Bündnis für Arbeit sicherstellen, was eine sehr wichti-
    ge, aber sicherlich nicht einfache Veranstaltung ist, zu
    der die neue Regierung eingeladen hat, um die gesell-
    schaftlichen Kräfte zu bündeln – mit dem zentralen Ziel,
    die Erwerbslosigkeit zu mindern. Das Bündnis für Ar-
    beit ist kein Verschiebebahnhof für Politikvermeidung.
    Zu den Aufgaben der Politik, die sie nicht aufgeben
    kann und darf, gehört die Setzung von fairen Bedingun-
    gen auf dem Arbeitsmarkt. In den letzten Jahren hat die
    Arbeitslosigkeit sehr stark zugenommen. Wer noch ei-
    nen Job hat, arbeitet zum Teil rund um die Uhr. Die Zahl
    der nicht abgesicherten Beschäftigungsverhältnisse, die
    die Produktionsspitzen billig und flexibel abfangen, ist
    geradezu explodiert.

    Die sozialen Sicherungssysteme passen mit der
    Lebenswirklichkeit der Menschen nicht mehr zusam-
    men. Mit der Lebenswirklichkeit der Frauen haben sie
    allerdings noch nie zusammengepaßt. Eine anständige
    Rente erwirbt man nämlich nach wie vor durch 49 Jahre
    Arbeit bei 40 Stunden in der Woche im Büro oder in der
    Fabrik. Unserem Sozialversicherungssystem liegt immer
    noch die sogenannte männliche Normalerwerbsbiogra-
    phie als Maßstab zugrunde, den zu erreichen für Männer

    aber nur deswegen möglich ist, weil Frauen für die
    Wechselfälle des Lebens die Verantwortung überneh-
    men – von der Kindererziehung über Haushalt bis hin
    zur Pflege. Im Alter bekommen die Frauen dann mit der
    viel zu niedrigen Rente die Rechnung für die Unterbre-
    chungen in ihrer Erwerbsbiographie präsentiert. Deshalb
    brauchen wir dringend eine Rentenstrukturreform – die
    haben wir uns vorgenommen –, die diese unsteten Er-
    werbsverläufe besser absichert und die Lebenssituation
    von Frauen im Blick hat.


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


    Eine der ganz zentralen gesellschaftlichen Aufgaben
    der nächsten Jahre wird, wenn wir Erfolge gegen die
    Erwerbslosigkeit erzielen wollen, die Verkürzung, die
    Umverteilung von Arbeit sein.


    (Zuruf von der CDU/CSU: Ach du meine Güte!)


    Damit können und müssen wir kurzfristig viele Men-
    schen wieder in Lohn und Brot bringen. Wenn wir Ar-
    beitszeit verkürzen wollen, dann brauchen wir auch eine
    Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwi-
    schen den Geschlechtern. Wir müssen nicht nur über ein
    geändertes Arbeitszeitgesetz den ordnungspolitischen
    Rahmen neu ziehen, sondern das freiwillige Potential
    zur Umverteilung von Arbeit mobilisieren.


    (Zuruf von der CDU/CSU: Planwirtschaft! – Gegenruf von der SPD: Fällt Ihnen denn nichts Besseres ein?)


    – „Planwirtschaft“! Mir bricht das Herz. – Dieses
    Potential ist immens. Die alte Bundesregierung ist in
    einer Antwort auf eine Große Anfrage der SPD von
    2,5 Millionen Menschen ausgegangen, die ihre Arbeits-
    zeit gern verkürzen wollen, dies aber nicht können. Da-
    zu müssen wir denjenigen, die vorübergehend auf Teil-
    zeit gehen wollen, das Recht auf Rückkehr zur Vollzeit
    einräumen, damit sie ihre Arbeitszeit verkürzen, und
    Teilzeitarbeit für die Rente besser bewerten, ebenso wie
    Kinderziehungszeiten. Wir müssen die Übergänge zwi-
    schen Phasen längerer und kürzerer Erwerbsarbeit, die
    Phasen der Kindererziehung und der Weiterqualifizie-
    rung rechtlich und sozial besser absichern. Die Men-
    schen müssen einen echten Entscheidungsspielraum im
    Hinblick auf kürzere Arbeitszeiten haben und diesen
    auch in ihrem eigenen Interesse demokratisch mitge-
    stalten können.


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)


    Das heißt aber auch, daß jede dauerhafte Beschäftigung in
    den Schutz der Sozialversicherung einbezogen werden
    muß und daß endlich dem Prozeß, daß immer mehr
    Menschen aus der Sozialversicherung herausgedrängt
    werden, weil die Arbeitgeber ihren Anteil an der Sozial-
    versicherung nicht bezahlen wollen, Einhalt geboten
    werden muß. Diesen Prozeß hat die vorige Regierung
    mit ihrer Politik der Deregulierung noch beschleunigt. Sie
    war schlicht handlungsunfähig, wenn es darum ging, auch
    nur halbwegs vernünftige Rahmenbedingungen zu setzen.
    – Ich müßte es vielleicht differenzieren: Die einen
    wollten nicht handeln, und die anderen konnten
    nicht handeln, weil man aneinandergekettet war. Schauen

    Annelie Buntenbach






    (A) (C)



    (B) (D)


    wir einmal, was jetzt daraus wird. – Damit hat uns die
    alte Bundesregierung ein immenses Problem hinterlas-
    sen, das wir mit diesem Gesetzentwurf und mit weiteren
    gesetzlichen Regelungen in den nächsten Wochen ange-
    hen werden. Scheinselbständigkeit oder Beschäftigung
    unterhalb der Sozialversicherungsgrenze ist längst kein
    Phänomen mehr am Rande der Gesellschaft, sondern
    dieses Phänomen ist massenhaft in deren Mitte zu beob-
    achten. Scheinselbständig sind inzwischen mehr als eine
    Million Menschen.


    (Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Was ist denn das?)


    – Das werde ich gleich noch erklären.

    (Dr. Irmgard Schwaetzer [F.D.P.]: Da sind Sie weiser als das Bundesarbeitsgericht!)

    Die geringfügige Beschäftigung ist nach neuesten

    Untersuchungen rasant auf mehr als 5,5 Millionen
    angewachsen. Die meisten geringfügig Beschäftigten
    sind Frauen. Während die Zahl dieser Mini-Jobs seit
    1992 um 25 Prozent zugenommen hat, hat die Anzahl
    der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungs-
    verhältnisse um zwei Millionen abgenommen. Folgen
    sind zum Beispiel Ausfälle bei der Sozialversiche-
    rung, die der DGB auf 15 bis 20 Milliarden DM jähr-
    lich schätzt. Das, Frau Schnieber-Jastram, erklärt
    vielleicht die Aussage von Ottmar Schreiner, der das
    auf das gesamte Volumen der entgangenen Einnah-
    men der Sozialversicherung durch alle diese Beschäf-
    tigungsverhältnisse bezogen hat, die inzwischen aus
    der Sozialversicherung herausgedrängt worden sind.
    Da liegt er – leider – nur allzu richtig. Aber wir wer-
    den das ändern.

    Obwohl wir in den nächsten Wochen noch Gelegen-
    heit haben werden, dies genauer zu diskutieren, will ich
    zumindest noch kurz die Kriterien nennen, die aus mei-
    ner Sicht jeder umfassenden Lösung des Problems der
    Beschäftigung unterhalb der Geringfügigkeitsgrenze zu-
    grunde gelegt werden müssen. Dazu gehört zum einen
    die Sanierung der Sozialkassen. Zweitens müssen die
    Wettbewerbsverzerrungen beendet werden; denn die
    Arbeitgeber, die keine Sozialversicherung für ihre Be-
    schäftigten zahlen, können billiger anbieten und haben
    so zu allem Überfluß auch noch einen Konkurrenzvorteil
    gegenüber denjenigen, die ihre Angestellten regulär ab-
    sichern. Drittens – aber keineswegs als letztes – geht es
    mir um die Interessen der Frauen.


    (Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Sie müssen endlich einen eigenständigen Zugang zur so-
    zialen Absicherung haben – und nicht nur über ihren
    Gatten, der ja, wie ich hörte, ab und zu verlorengehen
    soll. Wir werden noch Zeit haben, uns damit auseinan-
    derzusetzen, wie wir am besten weiterkommen, ob in ei-
    nem Schritt oder in mehreren Schritten.

    Sehr geehrte Herren und Damen von der CDU, ich
    bin sehr gespannt auf Ihre konkreten Vorschläge zu die-
    ser Frage.


    (Dr. Peter Ramsauer [CDU/CSU]: Wir haben genügend gemacht, und Sie haben alle Reformversuche vereitelt!)


    Ich habe in meinem Büro einen ganzen Stapel von un-
    terschiedlichen Vorschlägen aus Ihren Reihen, die Sie
    alleine im Laufe des letzten Jahres der staunenden Öf-
    fentlichkeit vorgestellt haben. Das sind Dokumente Ihrer
    Handlungsunfähigkeit. Denn Sie konnten sich, solange
    Sie noch Regierungsverantwortung hatten, nicht gegen
    die Deregulierer in Ihren eigenen Reihen durchsetzen –
    und erst recht nicht gegen die F.D.P. Jetzt sind Sie nicht
    mehr in die Koalitionsdisziplin eingebunden. Wir sind
    gespannt, ob – und mit welchen wegweisenden konkre-
    ten Vorschlägen – Sie hier im Hause vorhaben, sich mit
    den diversen Lobbys anzulegen, oder ob Sie lieber den
    Weg des geringsten Widerstandes gehen.


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


    Wir jedenfalls – das kann ich versprechen – werden
    Bewegung in diese von Ihnen absolut unverantwortlich
    vernachlässigten Probleme bringen.

    Wir legen heute in diesem Gesetzentwurf einen guten
    Vorschlag vor, wie wir als ersten Schritt die Scheinselb-
    ständigen wieder in die Sozialversicherung einbeziehen
    werden.


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


    Ich will versuchen – Frau Schwaetzer hatte mich darum
    gebeten – dieses Problem einmal konkret greifbar zu ma-
    chen. Wenn ein Arbeitgeber seinem Transportfahrer einen
    Bulli verkauft, ihn verpflichtet, zukünftig Vertretung für
    Urlaub und Krankheit selbst zu organisieren und zu be-
    zahlen, ihn dann als Arbeitnehmer entläßt und als Unter-
    nehmer unter Vertrag nimmt, dann ist der Arbeitgeber die
    Kosten für die Sozialversicherung los. Er entzieht sich
    seiner sozialen Mitverantwortung und bürdet die Risiken
    von Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter allein dem Ar-
    beitnehmer auf. Solange der „worst case“ nicht eintritt,
    der Mensch jung und fit ist, gibt es nicht sofort ein Pro-
    blem. Aber da beim Paketdienst meines Wissens niemand
    so gut bezahlt wird wie im Profifußball, ist der gemütliche
    Lebensabend mit der individuellen Vorsorge leider un-
    wahrscheinlich. Noch unwahrscheinlicher ist der gemüt-
    liche Lebensabend für diejenige Frau, die jahrelang in
    einem 620- bzw. 520-Mark-Job gearbeitet hat.


    (Zuruf von der CDU/CSU: Daran ändern Sie aber auch nichts!)


    Gemeinsam haben diese prekären Jobs: Das Leben
    und Arbeiten bleibt unsicher, die Menschen bleiben er-
    preßbar, fast jeder Anforderung durch den Arbeitgeber
    ausgeliefert. Es gilt der ungebremste Zugriff des Chefs
    auf die Lebensstruktur des Arbeitnehmers und der Ar-
    beitnehmerin, die ihrerseits keine Wahlmöglichkeiten –
    zum Beispiel in Form demokratischer Mitbestimmung –
    bei der Lage und Dauer von Arbeitszeiten besitzen. Hier
    kann oft auch der Betriebsrat nicht mehr helfen, zumal
    der bei der Ausgründung aus der Ausgründung meist als
    erstes unterwegs verlorengeht. Kaum einer dieser Jobs
    ist sozialversichert. Um die Abgaben zu sparen, wird die
    Sozialversicherungspflicht umgangen – nach Möglich-
    keiten dazu mußte bislang kein Arbeitgeber lange suchen.

    Der Transportfahrer beim Paketdienst ist nur ein Bei-
    spiel für die immer größer werdende Gruppe der

    Annelie Buntenbach






    (B)



    (A) (C)



    (D)


    Scheinselbständigen. Andere sind Fahrradkuriere, Ver-
    sicherungskaufleute, Kellnerinnen, Ein-Mann-Subunter-
    nehmen im Baugewerbe oder – auch das gibt es inzwi-
    schen – selbständige Regalauffüllerinnen im Handel.
    Diese Art der Selbständigkeit hat für die Betroffenen
    überhaupt nichts mehr gemein mit einem größeren, un-
    abhängigen, also – im eigentlichen Sinne des Wortes –
    selbständigen Entscheidungsspielraum. Im Gegenteil,
    Sie haben nichts dazugewonnen, sondern etwas Wesent-
    liches verloren, nämlich ihre soziale Absicherung. Wenn
    sie jetzt abstürzen, dann ohne Netz, direkt in die Sozial-
    hilfe. Der Arbeitgeber entledigt sich der Kosten für die
    Sozialversicherung, und zahlen muß letztlich die Allge-
    meinheit. Das war die „neue Kultur der Selbständigkeit“
    nach Kohlscher Machart. Ich halte das eher für einen
    Schritt zurück in den Frühkapitalismus, zurück zu den
    sozialen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts.

    Unser Gesetzentwurf legt jetzt Kriterien fest, nach
    denen sich entscheiden läßt, ob der Betreffende wirklich
    oder nur scheinbar selbständig ist: ob er oder sie über-
    haupt am Markt auftritt, nur für einen Auftraggeber tätig
    ist, für Beschäftigte typische Arbeitsleistungen erbringt,
    überhaupt Angestellte hat. Wenn mehrere dieser Kriteri-
    en zutreffen, dann ist zu vermuten, daß es sich um ab-
    hängig Beschäftigte handelt. Natürlich wird diese Ab-
    grenzung nicht immer ganz einfach sein, gerade in An-
    betracht der riesengroßen Versäumnisse der letzten Jah-
    re. Aber sie ist ein echter Fortschritt, der für viele, die
    jetzt aus den sozialen Absicherungen herausgedrückt
    worden sind, den Weg in die Sozialversicherung wieder
    eröffnet und die weitere Ausdehnung von Scheinselb-
    ständigkeit endlich stoppt.

    Einen letzten Punkt will ich noch ansprechen, der in
    diesem Gesetzentwurf geregelt wird: Das Entsendege-
    setz wird endlich nachgebessert. In der letzten Legisla-
    turperiode hat uns die fürchterliche Situation auf den
    Baustellen immer wieder beschäftigt. Die gesetzliche
    Regelung, die die alte Bundesregierung getroffen hat,
    war schlicht halbgar und zeigte deutlich die Auseinan-
    dersetzung mit den Deregulierern in den eigenen Rei-
    hen, die eigentlich überhaupt keine Regelung wollten,
    sondern die Baustellen als Experimentierfeld für Lohn-
    und Sozialdumping im freien Fall benutzen wollten.
    Herausgekommen ist dann ein Gesetz nach dem Motto:
    „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß.“ Es
    war befristet auf zwei Jahre, ohne auch nur halbwegs
    angemessene Sanktionsmöglichkeiten gegenüber denje-
    nigen zu schaffen, die Leute zu unsäglichen Bedingun-
    gen am Bau ausbeuten, ohne Konfliktregelungsmecha-
    nismus, der in Kraft hätte treten können, wenn sich denn
    jemand – wie letztlich die Bundesvereinigung der Ar-
    beitgeber – querstellt. Das werden wir mit diesem Ge-
    setz ändern, und das müssen wir auch ändern. Denn
    nicht durch dieses neue Entsendegesetz, sondern ohne
    ein wirksames Entsendegesetz, das gleichen Lohn für
    gleiche Arbeit durchsetzt, nimmt die Tarifautonomie er-
    heblichen Schaden.


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)


    Gerade in der Bauwirtschaft hat illegale Beschäfti-
    gung unglaubliche Ausmaße erreicht. Die Razzien auf

    den Baustellen fördern die Mißstände – und bei weitem
    nicht alle – nur zutage, sie ändern sie nicht. In der Praxis
    richten sich die Razzien gegen die Leute, die sich un-
    mittelbar auf der Baustelle aufhalten. Sie sind aber die
    Opfer, nicht die Täter.


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)


    Sie zahlen oft einen hohen Preis – bis hin zur Auswei-
    sung oder Abschiebung. Mit den Razzien erwischt man
    nicht diejenigen, die sich an diesen armen Leuten eine
    goldene Nase verdienen und sich, wenn die einen weg
    sind, eben die nächsten holen, mit denselben falschen
    Versprechungen. Aber eben diese üblen Praktiken sind
    es, die es zu unterbinden gilt.

    Daran sind übrigens keineswegs nur ausländische
    Firmen oder kleine unbekannte Firmen beteiligt, sondern
    auch die großen Konzerne der Baubranche. Die Spuren
    illegaler Beschäftigung oder Beschäftigung weit unter-
    halb des Mindestlohns verwischen sich im Moment im
    unübersichtlichen Feld von Sub- oder Subsubunterneh-
    men, an die Aufträge weitergegeben werden. Zur Zeit
    kann der Unternehmer sich gefahrlos mit den entspre-
    chenden Versicherungen des Subunternehmers zufrie-
    dengeben, wohlwissend, daß die angebotenen Preise mit
    vernünftigen Arbeitsbedingungen oder Sozialversiche-
    rungspflicht gar nicht zu halten wären. Deswegen brau-
    chen wir dringend die Durchgriffshaftung für den Gene-
    ralunternehmer und wirksame Sanktionsmöglichkeiten,
    die wir – genau wie die IG BAU, die SPD und die PDS
    – immer schon im Entsendegesetz verankert sehen
    wollten. Ich denke, das ist lange überfällig.

    Wir werden die katastrophale Situation am Bau end-
    lich ändern; denn so, wie die Menschen am Bau gegen-
    einander ausgespielt werden, mit Unterbietungskonkur-
    renz und regelrechtem Menschenhandel, entstehen na-
    tionale Ressentiments – die werden gefördert –, aber es
    entsteht kein weltoffenes Europa, das wir dringend
    brauchen.


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)




Rede von Dr. Rudolf Seiters
  • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (CDU)
  • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)
Das Wort für die
F.D.P.-Fraktion hat die Kollegin Frau Dr. Irmgard
Schwaetzer.


  • insert_commentNächste Rede als Kontext
    Rede von Dr. Irmgard Adam-Schwaetzer


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (FDP)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (FDP)

    Herr Präsident!
    Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Sachverständi-
    genrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
    Entwicklung gibt in seinem jüngsten Gutachten dem
    Kapitel zur Sozialpolitik die Überschrift „Am Grundsatz
    der Fairneß orientieren“. Mit der Vorlage dieses Geset-
    zes, meine Damen und Herren von der SPD und den
    Grünen, machen Sie klar, daß für Sie fair nur das ist,
    was früher existierte. Viele von Ihnen – aber das sind
    wahrscheinlich diejenigen, die heute hier nicht im Saal
    sitzen – wissen, daß Sie damit nicht durchkommen.
    Auch Sie werden sich vor der Frage nicht herumdrücken

    Annelie Buntenbach






    (A) (C)



    (B) (D)


    können, welche soziale Sicherung für welche Risiken in
    der Zukunft überhaupt noch möglich ist.


    (Zuruf von der SPD: Sie wollen keine!)

    Wir haben unsere Vorschläge zur Fortschreibung

    der sozialen Sicherung schon gemacht. Ich will auch
    überhaupt keinen Zweifel daran lassen, daß es für eine
    freiheitliche Gesellschaft unabdingbar ist, daß der ein-
    zelne gegen individuell nicht tragbare Risiken abgesi-
    chert ist.


    (Beifall bei der F.D.P. – Zuruf von der SPD: Hört! Hört!)


    Darüber gibt es keine Diskussion, daran gibt es keinen
    Zweifel. Aber heute zu suggerieren, das, was es noch
    vor zwei, drei Jahren gegeben hat, sei auch in drei, vier
    Jahren noch zu finanzieren, das ist eine Illusion, meine
    Damen und Herren, mit der Sie der sozialpolitischen
    Diskussion in Deutschland schaden.


    (Beifall bei der F.D.P.)

    Herr Riester, ich muß Ihnen sagen: Nicht wir, die wir

    in den vergangenen Jahren versucht haben, diese Dis-
    kussion anzustoßen, haben dem sozialpolitischen Klima
    geschadet, sondern diejenigen, die sich dieser Diskussi-
    on verweigert haben.


    (Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)

    In der SPD gibt es genügend Leute, die nichts anderes
    gemacht haben, als zu blockieren. Sie haben in der Tat
    die Zukunft nicht zugelassen. Das werden Sie in der
    nächsten Zeit ganz sicherlich noch bitter büßen.

    Was Sie vorgelegt haben – da kann ich nun wirklich
    manche Reden, die heute morgen auch in der Ökosteu-
    erdebatte gehalten worden sind, überhaupt nicht nach-
    vollziehen –, ist doch nichts anderes als eine Umschich-
    tung. Die Belastung von Arbeitsplätzen wird doch nicht
    dadurch geringer, daß man zwar die Rentenbeiträge
    senkt, aber zusätzlich eine Ökosteuer erhebt. Das kann
    es doch nicht sein; das ist eine schlichte Umfinanzie-
    rung, aber keine Zukunftsgestaltung.


    (Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


    Gerade in der Rentenversicherung muß ein angemes-
    sener Belastungsausgleich zwischen jung und alt erfol-
    gen. Das wissen Sie, Herr Bundesarbeitsminister, ganz
    genau. Gehandelt haben Sie aber noch nicht danach. Ich
    finde es sehr bedauerlich, daß diese neue Koalition
    überhaupt keine Konzepte auf den Tisch legt, wie sie die
    Probleme der sozialen Sicherung bewältigen will.


    (Beifall bei der F.D.P.)

    Alles muß jetzt erst neu erarbeitet werden. Dadurch geht
    wertvolle Zeit verloren, die wir dringend nutzen müßten.
    Die Einschnitte, die Sie verantworten müssen, werden
    hinterher nur um so größer ausfallen, weil Sie die Zeit
    nicht nutzen, alles zurückdrehen und neue Belastungen
    aufbauen.

    Es ist daher falsch, die Rücknahme unserer Reform-
    entscheidungen zu beschließen. Herr Riester, allein an
    der Tatsache, daß Sie den Demographiefaktor in der

    Rentenversicherung nur aussetzen, wird deutlich, daß
    Ihnen klar ist, daß Sie in spätestens anderthalb Jahren
    fast exakt die gleichen Vorschläge, vielleicht mit Unter-
    schieden hinter dem Komma, wieder vorlegen müssen.


    (Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)

    Sie wissen nämlich ganz genau, daß die andere, bei den
    Gewerkschaften existierende Idee, einen Tariffonds auf-
    zubauen, die Probleme nicht lösen kann.

    Es ist fatal, daß nun zwei Jahre verlorengehen, in de-
    nen die Illusion genährt wird, es könne alles so weiter-
    gehen wie bisher. Diese Entwicklung ist fatal für alte
    Menschen und auch für junge Beitragszahler, die mehr
    und mehr das Interesse an der Rentenversicherung ver-
    lieren. Ich kann deshalb Bodo Hombach gut verstehen,
    der – Sie haben es sicherlich heute in der „FAZ“ gele-
    sen – zur Debatte um die Rentenpolitik sagt – Zitat –:
    „Da verzweifle ich an meiner eigenen Partei.“


    (Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Recht hat er!)

    – Recht hat er.

    Die Frage bleibt: Wann läßt die SPD endlich von ih-
    ren Illusionen ab und begibt sich auf den Boden der Tat-
    sachen? Wenn Sie das tun, werden Sie in uns konstruk-
    tive Dialogpartner finden. Ich glaube, daß wir mit kon-
    kreten Vorstellungen zur Umstrukturierung und sozialen
    Absicherung der Menschen im Alter, also der eigenstän-
    digen Alterssicherung für Männer und Frauen, ein gan-
    zes Stück weiter sind.

    Wie sehr Sie ausschließlich die Auffüllung der Kas-
    sen der sozialen Sicherungssysteme im Blick haben,
    zeigt die vorgesehene Einführung der Sozialversiche-
    rungspflicht für sogenannte Scheinselbständige. Ich
    will mich überhaupt nicht auf die Diskussion über die
    Definition dieses Begriffs einlassen. Ich möchte Sie nur
    folgendes fragen: Was machen Sie eigentlich mit der
    selbständig gewordenen Frau – diese Regelung betrifft
    im wesentlichen Frauen, weil sie weniger Kredite auf-
    nehmen –, die am Anfang ihrer Selbständigkeit nur
    einen Kunden hat? Dieser Frau müßte nach Ihrer Defi-
    nition der Status der Selbständigkeit sofort entzogen
    werden und damit die Chance auf eigenverantwortliche
    Lebensgestaltung.


    (Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


    Was machen Sie auf der anderen Seite mit dem Be-
    leuchter, der für fünf Tochterfirmen beispielsweise von
    RTL, SAT 1, ZDF oder ARD arbeitet – wohl wissend,
    daß alle fünf Firmen Tochterfirmen eines einzigen Kon-
    zernes sind? Weil er Rechnungen an fünf Firmen aus-
    stellt, die in Wirklichkeit nur eine Firma sind, fällt er
    unter Ihre Definition der Selbständigkeit. Er würde aber
    die soziale Sicherung benötigen. All das trägt zu einer
    Schieflage bei.


    (Beifall bei der F.D.P.)

    Es war schon entlarvend, daß Bundeskanzler Schröder

    gestern in der Debatte um die 620-Mark-Arbeits-
    verhältnisse als erstes darauf hinwies, daß nun wieder
    eine solide Einnahmengrundlage für die sozialen Si-

    Dr. Irmgard Schwaetzer






    (B)



    (A) (C)



    (D)


    cherungssysteme gegeben sei. Wenn das der ganze Zir-
    kus um die 620-Mark-Verträge ist, dann hätten Sie es
    besser bei der jetzigen Regelung belassen sollen; der
    Finanzminister hätte einen Scheck genommen und ihn
    gleich der Sozialversicherung gegeben.


    (Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)

    Damit erreichen Sie keine zusätzliche Absicherung

    von Frauen, obwohl die Debatte unter diesem Gesichts-
    punkt geführt wurde, was schwierig für uns war. Sie
    verhindern nicht einmal den Mißbrauch, weil in der Zu-
    kunft natürlich die Stückelung der Arbeitsverträge er-
    folgt, um Steuern zu vermeiden.


    (Ulla Schmidt [Aachen] [SPD]: Nein, genau das Gegenteil wird eintreten! Wir reden in einem Jahr weiter!)


    Der Anreiz ist exakt derselbe. Früher wurden die So-
    zialversicherungsbeiträge vermieden, jetzt werden die
    Steuern vermieden. Nebenbei geben Sie noch den
    Halbteilungsgrundsatz auf, was Sie uns im Rahmen un-
    serer Vorschläge hinsichtlich der Krankenversicherung
    immer vorgeworfen haben. Also, das sind schon wirk-
    lich tolle Sachen.


    (Dirk Niebel [F.D.P.]: Alle Ziele aus dem Wahlkampf haben sie mit der Regelung verfehlt!)


    – Darüber unterhalten wir uns noch alle in der Anhö-
    rung.

    Verblüffung löst beim Studium des vorliegenden Ge-
    setzentwurfs aus, daß ausgerechnet Sie, Herr Riester, der
    Sie doch aus den Gewerkschaften kommen, so in die
    Tarifautonomie eingreifen wollen.


    (Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)

    Es hilft doch kein Drumherumreden. Sie wollen sich
    selbst ermächtigen, ohne Antrag der Tarifvertragsparteien
    und ohne Zustimmung des Bundesrates Allgemeinver-
    bindlichkeitserklärungen auszusprechen, und zwar nicht
    nur für Mindestlöhne, nein, für ganze Lohnstrukturen,
    für ganze Tarifgefüge. Das geht weit über das hinaus,
    was früher überhaupt nur angedacht worden ist.
    Einer von uns hätte einmal auf die Idee kommen sollen,
    so etwas vorzuschlagen. Welches Geschrei das bei Ihnen
    ausgelöst hätte, kann ich mir gut vorstellen.


    (Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Es wäre ganz schlimm gewesen, wenn der Vorschlag von der F.D.P. gekommen wäre!)


    Das wollen Sie, Herr Riester, nun alles machen. Ich
    möchte gern wissen, ob der Vorsitzende der Gewerk-
    schaft Bauen – Agrar – Umwelt, Herr Wiesehügel, der ja
    nun diesem Hause angehört, dem zustimmen kann.
    Wenn er das tut, dann kann ich mich wirklich nur wun-
    dern, wie sehr die Gewerkschaften vor dieser Regierung
    zu Kreuze kriechen.


    (Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU – Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Erfüllungsgehilfen! – Klaus Wiesehügel [SPD]: Mit reinem Herzen und mit großer Freude!)


    Es war zu erwarten, daß Sie die zeitliche Befristung
    des Entsendegesetzes aufheben würden. Wir sind uns
    auch darin einig, daß illegale Beschäftigung bekämpft
    werden muß. Das, was Sie vorsehen, wird – deswegen
    bitte ich Sie, noch einmal darüber nachzudenken –, kata-
    strophale Auswirkungen für mittelständische Betriebe
    haben, die ja Gott sei Dank nicht alle illegale Subunter-
    nehmer sind. Es gibt in Deutschland glücklicherweise
    noch eine Menge Subunternehmer mehr, die legal ar-
    beiten, als solche, die illegal arbeiten.


    (Zuruf von der SPD: Dann brauchen wir keine Sorgen zu haben!)


    Ihre Generalunternehmerhaftung führt zu nichts ande-
    rem, als daß die Bezahlung zurückgehalten wird – bis
    zum Konkurs –, und darunter leiden mittelständische
    Unternehmen. Nein, meine Damen und Herren, darüber
    sollten Sie noch einmal nachdenken.

    Ich freue mich auf die Anhörung. Vielleicht gibt es
    dann ja doch noch ein wenig Einsicht bei Ihnen.

    Danke.

    (Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)