Protokoll:
18057

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Metadaten
  • date_rangeWahlperiode: 18

  • date_rangeSitzungsnummer: 57

  • date_rangeDatum: 9. Oktober 2014

  • access_timeStartuhrzeit der Sitzung: 09:01 Uhr

  • av_timerEnduhrzeit der Sitzung: 20:46 Uhr

  • account_circleMdBs dieser Rede
  • tocInhaltsverzeichnis
    Plenarprotokoll 18/57 Deutscher Bundestag Stenografischer Bericht 57. Sitzung Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 I n h a l t : Glückwünsche zum Geburtstag der Abgeord- neten Hilde Mattheis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5219 A Erweiterung und Abwicklung der Tagesord- nung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5219 A Absetzung der Tagesordnungspunkte 9 und 16 5220 A Nachträgliche Ausschussüberweisung . . . . . . 5220 B Tagesordnungspunkt 4: a) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung eingebrachten Entwurfs eines Fünf- undzwanzigsten Gesetzes zur Änderung des Bundesausbildungsförderungsgeset- zes (25. BAföGÄndG) Drucksache 18/2663 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5220 D b) Unterrichtung durch die Bundesregierung: Zwanzigster Bericht nach § 35 des Bun- desausbildungsförderungsgesetzes zur Überprüfung der Bedarfssätze, Freibe- träge sowie Vomhundertsätze und Höchst- beträge nach § 21 Absatz 2 Drucksache 18/460 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5220 D c) Antrag der Abgeordneten Kai Gehring, Ekin Deligöz, Katja Dörner, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN: Sofort besser fördern – BAföG-Reform überarbeiten und vorziehen Drucksache 18/2745 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5220 D Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin BMBF . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5221 A Nicole Gohlke (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 5224 A Thomas Oppermann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 5225 D Kai Gehring (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5227 D Dr. Stefan Kaufmann (CDU/CSU) . . . . . . . . . 5229 B Dr. Rosemarie Hein (DIE LINKE) . . . . . . . . 5231 A Oliver Kaczmarek (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 5232 A Katja Dörner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5233 D Hubertus Heil (Peine) (SPD) . . . . . . . . . . . 5234 C Katrin Albsteiger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 5235 C Dr. Daniela De Ridder (SPD) . . . . . . . . . . . . . 5236 D Dr. Claudia Lücking-Michel (CDU/CSU) . . . 5238 A Martin Rabanus (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5239 C Sven Volmering (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 5240 C Tagesordnungspunkt 5: Antrag der Abgeordneten Annalena Baerbock, Bärbel Höhn, Oliver Krischer, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Ein Scheitern der nationalen Klimapolitik abwenden und international an Glaubwürdigkeit zurückgewinnen Drucksache 18/2744 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5242 B Dr. Anton Hofreiter (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5242 C Dr. Georg Nüßlein (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5244 A Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE) . . . . . . . 5246 A Dr. Barbara Hendricks, Bundesministerin BMUB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5247 D Annalena Baerbock (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5250 A Inhaltsverzeichnis II Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 Frank Schwabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 5250 C Florian Pronold (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5251 C Annalena Baerbock (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5251 D Andreas Jung (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 5252 B Christian Kühn (Tübingen) (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5253 D Lisa Paus (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5254 C Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE) . . . . . . . . 5255 B Andreas Jung (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 5255 C Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 5256 A Ute Vogt (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5257 A Annalena Baerbock (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5257 C Dr. Anja Weisgerber (CDU/CSU) . . . . . . . . . 5258 B Frank Schwabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5260 B Oliver Grundmann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5261 C Klaus Mindrup (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5263 B Ulrich Petzold (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5264 D Tagesordnungspunkt 6: a) Antrag der Abgeordneten Sibylle Pfeiffer, Sabine Weiss (Wesel I), Katrin Albsteiger, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten Dr. Bärbel Kofler, Axel Schäfer (Bochum), Heinz-Joachim Barchmann, weiterer Ab- geordneter und der Fraktion der SPD: Gute Arbeit weltweit – Verantwortung für Produktion und Handel global ge- recht werden Drucksache 18/2739 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5266 A b) Antrag der Abgeordneten Uwe Kekeritz, Claudia Roth (Augsburg), Tom Koenigs, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Sozialöko- logischen Rahmen für die Aktivitäten transnationaler Unternehmen schaffen und durchsetzen Drucksache 18/2746 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5266 B Dr. Gerd Müller, Bundesminister BMZ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5266 C Niema Movassat (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 5268 C Sibylle Pfeiffer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5269 D Stefan Rebmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5270 A Uwe Kekeritz (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5271 A Jürgen Klimke (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5272 B Dr. Diether Dehm (DIE LINKE) . . . . . . . . . . 5273 D Dr. Hans-Joachim Schabedoth (SPD) . . . . . . 5274 C Renate Künast (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5275 C Waldemar Westermayer (CDU/CSU) . . . . . . 5276 C Gabi Weber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5278 A Dr. Sascha Raabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5279 A Tagesordnungspunkt 27: a) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung eingebrachten Entwurfs eines Geset- zes zu dem Dritten Zusatzprotokoll vom 10. November 2010 zum Europäi- schen Auslieferungsübereinkommen vom 13. Dezember 1957 Drucksache 18/2655 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5280 A b) Erste Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Abkommen vom 13. Februar 2014 zwischen der Bundesrepublik Deutsch- land und der Republik Costa Rica zur Vermeidung der Doppelbesteuerung auf dem Gebiet der Steuern vom Ein- kommen und vom Vermögen Drucksache 18/2659 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5280 B c) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung eingebrachten Entwurfs eines Geset- zes zu dem Protokoll vom 24. Juni 2013 zur Änderung des Abkommens vom 4. Oktober 1991 zwischen der Bundes- republik Deutschland und dem König- reich Norwegen zur Vermeidung der Doppelbesteuerung und über gegensei- tige Amtshilfe auf dem Gebiet der Steu- ern vom Einkommen und vom Vermö- gen sowie des dazugehörigen Protokolls Drucksache 18/2660 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5280 B d) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung eingebrachten Entwurfs eines Geset- zes zu dem Protokoll vom 11. März 2014 zur Änderung des Abkommens vom 1. Juni 2006 zwischen der Bundes- republik Deutschland und Georgien zur Vermeidung der Doppelbesteuerung auf dem Gebiet der Steuern vom Einkom- men und vom Vermögen Drucksache 18/2661 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5280 C e) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung eingebrachten Entwurfs eines Geset- zes über die Feststellung des Wirt- schaftsplans des ERP-Sondervermögens für das Jahr 2015 – (ERP-Wirtschafts- plangesetz 2015) Drucksache 18/2662 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5280 C f) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung eingebrachten Entwurfs eines Drit- Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 III ten Gesetzes zur Änderung des Agrar- statistikgesetzes Drucksache 18/2707 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5280 C g) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung eingebrachten Entwurfs eines Geset- zes zum Erlass und zur Änderung von Vorschriften zur Durchführung unions- rechtlicher Vorschriften über Agrar- zahlungen und deren Kontrollen in der Gemeinsamen Agrarpolitik Drucksache 18/2708 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5280 D h) Antrag des Bundesministeriums der Finan- zen: Durchführungsbestimmungen zum Instrument der direkten Bankenrekapi- talisierung durch den Europäischen Stabilitätsmechanismus; Einholung ei- nes zustimmenden Beschlusses des Deut- schen Bundestages nach § 4 Absatz 1 ESM-Finanzierungsgesetz Drucksache 18/2669 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5280 D i) Antrag der Abgeordneten Ulla Jelpke, Wolfgang Gehrcke, Jan Korte, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Humanitäre Hilfe und Flücht- lingsschutz für Jesiden, Kurden und an- dere Schutzbedürftige im Norden des Irak und Syriens Drucksache 18/2742 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5281 B Zusatztagesordnungspunkt 2: a) Erste Beratung des vom Bundesrat einge- brachten Entwurfs eines Gesetzes über Maßnahmen im Bauplanungsrecht zur Erleichterung der Unterbringung von Flüchtlingen Drucksache 18/2752 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5281 A b) Antrag der Abgeordneten Sylvia Kotting- Uhl, Oliver Krischer, Kai Gehring, weite- rer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN: Kein Atommüll- Export aus dem Reaktor AVR Jülich in die USA Drucksache 18/2624 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5281 A c) Antrag der Abgeordneten Dr. Franziska Brantner, Katja Dörner, Kai Gehring, wei- terer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Echte Wahl- freiheit schaffen – Elterngeld flexibler gestalten Drucksache 18/2749 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5281 A Tagesordnungspunkt 28: a) Zweite Beratung und Schlussabstimmung des von der Bundesregierung eingebrach- ten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Zweiten Zusatzprotokoll vom 8. No- vember 2001 zum Europäischen Über- einkommen vom 20. April 1959 über die Rechtshilfe in Strafsachen Drucksachen 18/1773, 18/2648 . . . . . . . . 5281 C b) – Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Ent- wurfs eines Sechsten Gesetzes zur Änderung des Verwaltungs-Vollstre- ckungsgesetzes Drucksachen 18/2337, 18/2640 . . . . . 5281 D – Bericht des Haushaltsausschusses ge- mäß § 96 der Geschäftsordnung Drucksache 18/2642 . . . . . . . . . . . . . . 5282 A c) Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Um- weltstatistikgesetzes Drucksachen 18/2135, 18/2664 . . . . . . . . 5282 A d)–h) Beratung der Beschlussempfehlungen des Petitionsausschusses: Sammelübersich- ten 91, 92, 93, 94 und 95 zu Petitionen Drucksachen 18/2631, 18/2632, 18/2633, 18/2634, 18/2635 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5282 B Zusatztagesordnungspunkt 3: Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- schusses für Recht und Verbraucherschutz: zu dem Streitverfahren vor dem Bundesver- fassungsgericht 2 BvE 5/12 und damit zu- sammenhängenden Verfahren Drucksache 18/2773 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5282 D Tagesordnungspunkt 7: Beratung der Vierten Beschlussempfehlung des Wahlprüfungsausschusses: zu Einsprü- chen gegen die Gültigkeit der Wahl zum 18. Deutschen Bundestag am 22. Septem- ber 2013 Drucksache 18/2700 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5283 A Dr. Johann Wadephul (CDU/CSU) . . . . . . . . 5283 A Tagesordnungspunkt 8: Wahl eines Mitglieds des Parlamentarischen Kontrollgremiums gemäß Artikel 45 d des Grundgesetzes Drucksache 18/2743 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5284 B Wahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5284 C Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5287 B IV Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 Tagesordnungspunkt 11: Erste Beratung des von den Fraktionen CDU/ CSU, SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Neunten Gesetzes zur Änderung des Bun- desverfassungsgerichtsgesetzes (9. BVerfGGÄndG) Drucksache 18/2737 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5284 C Dr. Matthias Bartke (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 5284 D Halina Wawzyniak (DIE LINKE) . . . . . . . . . 5286 C Dr. Stephan Harbarth (CDU/CSU) . . . . . . . . . 5287 B Renate Künast (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5288 C Dr. Stefan Heck (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 5289 D Dr. Volker Ullrich (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5291 A Tagesordnungspunkt 10: Antrag der Abgeordneten Klaus Ernst, Matthias W. Birkwald, Susanna Karawanskij, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Die Abgeltungsteuer abschaffen – Kapitalerträge wie Löhne besteuern Drucksache 18/2014 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5291 D Klaus Ernst (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . 5291 D Olav Gutting (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 5293 A Lisa Paus (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5294 B Dr. Carsten Sieling (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 5295 B Philipp Graf Lerchenfeld (CDU/CSU) . . . . . . 5296 C Klaus Ernst (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 5297 A Lisa Paus (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5298 A Lothar Binding (Heidelberg) (SPD) . . . . . . . . 5299 A Lisa Paus (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5300 A Tagesordnungspunkt 13: Erste Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Asylbewerberleistungsgeset- zes und des Sozialgerichtsgesetzes Drucksache 18/2592 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5301 A in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 4: Erste Beratung des von den Abgeordneten Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, Luise Amtsberg, Kerstin Andreae, weiteren Abge- ordneten und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Aufhebung des Asylbewer- berleistungsgesetzes Drucksache 18/2736 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5301 A Gabriele Lösekrug-Möller, Parl. Staatssekretärin BMAS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5301 B Ulla Jelpke (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . 5302 A Jutta Eckenbach (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 5303 A Luise Amtsberg (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5305 A Matthäus Strebl (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 5306 B Kerstin Griese (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5307 C Tagesordnungspunkt 12: Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- schusses für Gesundheit zu dem Antrag der Abgeordneten Maria Klein-Schmeink, Elisabeth Scharfenberg, Kordula Schulz-Asche, weite- rer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN: Das psychiatrische Entgeltsystem überarbeiten und das Ver- sorgungssystem qualitativ weiterentwi- ckeln Drucksachen 18/849, 18/1713 . . . . . . . . . . . . 5309 A Ute Bertram (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . 5309 A Harald Weinberg (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 5310 C Dr. Karl Lauterbach (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 5311 C Maria Klein-Schmeink (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5312 D Emmi Zeulner (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5313 C Dirk Heidenblut (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5315 A Tagesordnungspunkt 15: – Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Bundesbesoldungs- und -versor- gungsanpassungsgesetzes 2014/2015 (BBVAnpG 2014/2015) Drucksachen 18/1797, 18/2136, 18/2639 . 5316 A – Bericht des Haushaltsausschusses gemäß § 96 der Geschäftsordnung Drucksache 18/2641 . . . . . . . . . . . . . . . . . 5316 B Oswin Veith (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . 5316 B Frank Tempel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 5318 A Matthias Schmidt (Berlin) (SPD) . . . . . . . . . . 5319 B Irene Mihalic (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5321 A Andrea Lindholz (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 5322 A Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 V Tagesordnungspunkt 14: Antrag der Abgeordneten Niema Movassat, Heike Hänsel, Wolfgang Gehrcke, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Hunger bekämpfen, Recht auf Nahrung stärken Drucksache 18/1482 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5323 C in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 5: Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- schusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zu dem Antrag der Abge- ordneten Uwe Kekeritz, Friedrich Ostendorff, Claudia Roth (Augsburg), weiterer Abgeord- neter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Weltagrarbericht jetzt unter- zeichnen Drucksachen 18/979, 18/1788 . . . . . . . . . . . . 5323 C Niema Movassat (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 5323 D Peter Stein (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5324 C Uwe Kekeritz (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5326 C Dr. Sascha Raabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5327 D Dirk Wiese (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5328 D Tagesordnungspunkt 17: Erste Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung mautrechtlicher Vorschriften hinsichtlich der Einführung des europäi- schen elektronischen Mautdienstes Drucksache 18/2656 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5329 D Steffen Bilger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 5330 A Herbert Behrens (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 5331 A Sebastian Hartmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 5331 D Dr. Valerie Wilms (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5333 A Oliver Wittke (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 5334 A Zusatztagesordnungspunkt 6: Beschlussempfehlung und Bericht des Innen- ausschusses – zu dem Antrag der Abgeordneten Jan Korte, Dr. Petra Sitte, Halina Wawzyniak, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Gesetzliche Karenzzeit für ausgeschiedene Regierungsmitglieder ein- führen – zu dem Antrag der Abgeordneten Britta Haßelmann, Luise Amtsberg, Volker Beck (Köln), weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Karenzzeit für ausscheidende Regie- rungsmitglieder Drucksachen 18/285, 18/292, 18/2762 . . . . . 5335 A Helmut Brandt (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5335 B Halina Wawzyniak (DIE LINKE) . . . . . . . . . 5337 B Mahmut Özdemir (Duisburg) (SPD) . . . . . . . 5338 B Britta Haßelmann (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5340 B Tagesordnungspunkt 18: Zweite und dritte Beratung des von der Bun- desregierung eingebrachten Entwurfs eines Zwölften Gesetzes zur Änderung des Bun- des-Immissionsschutzgesetzes Drucksachen 18/2442, 18/2709, 18/2776 . . . 5341 C Rita Schwarzelühr-Sutter, Parl. Staatssekretärin BMUB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5341 C Ralph Lenkert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 5342 B Karsten Möring (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 5343 A Peter Meiwald (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5344 B Ulli Nissen (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5345 B Artur Auernhammer (CDU/CSU) . . . . . . . . . 5346 A Tagesordnungspunkt 19: Zweite und dritte Beratung des von der Bun- desregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Straßenver- kehrsgesetzes und der Gewerbeordnung Drucksachen 18/2134, 18/2775 . . . . . . . . . . . 5347 A Tagesordnungspunkt 20: Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- schusses für Verkehr und digitale Infrastruk- tur zu dem Antrag der Abgeordneten Karl Holmeier, Thomas Jarzombek, Patrick Schnieder, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten Martin Dörmann, Kirsten Lühmann, Lars Klingbeil, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Moderne Netze für ein modernes Land – Schnelles Internet für alle Drucksachen 18/1973, 18/2778 . . . . . . . . . . . 5347 C Karl Holmeier (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 5347 D Herbert Behrens (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 5348 D Martin Dörmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 5349 C VI Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 Halina Wawzyniak (DIE LINKE) . . . . . . . 5350 A Tabea Rößner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5351 C Ingbert Liebing (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 5352 D Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5353 D Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . 5355 A Anlage 2 Namensverzeichnis der Mitglieder des Deut- schen Bundestages, die an der Wahl eines Mitglieds des Parlamentarischen Kontrollgre- miums teilgenommen haben . . . . . . . . . . . . . 5356 A Anlage 3 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes und der Gewer- beordnung (Tagesordnungspunkt 19) . . . . . . . 5358 A Gero Storjohann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 5358 A Patrick Schnieder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 5359 A Stefan Zierke (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5359 D Thomas Lutze (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 5361 A Stephan Kühn (Dresden) (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5361 B Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 5219 (A) (C) (D)(B) 57. Sitzung Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 Beginn: 9.01 Uhr
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    Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 5355 (A) (C) (B) Anlagen zum Stenografischen Bericht Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten (D) Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Aken, Jan van DIE LINKE 09.10.2014 Alpers, Agnes DIE LINKE 09.10.2014 Dağdelen, Sevim DIE LINKE 09.10.2014 Evers-Meyer, Karin SPD 09.10.2014 Dr. Fuchs, Michael CDU/CSU 09.10.2014 Golze, Diana DIE LINKE 09.10.2014 Göppel, Josef CDU/CSU 09.10.2014 Hochbaum, Robert CDU/CSU 09.10.2014 Kaster, Bernhard CDU/CSU 09.10.2014 Klare, Arno SPD 09.10.2014 Dr. Kofler, Bärbel SPD 09.10.2014 Kolbe, Daniela SPD 09.10.2014 Kretschmer, Michael CDU/CSU 09.10.2014 Lazar, Monika BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 09.10.2014 Dr. de Maizière, Thomas CDU/CSU 09.10.2014 Dr. Middelberg, Mathias CDU/CSU 09.10.2014 Ostendorff, Friedrich BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 09.10.2014 Petry, Christian SPD 09.10.2014 Post (Minden), Achim SPD 09.10.2014 Dr. Schäuble, Wolfgang CDU/CSU 09.10.2014 Schlecht, Michael DIE LINKE 09.10.2014 Schmidt (Ühlingen), Gabriele CDU/CSU 09.10.2014 Schön (St. Wendel), Nadine CDU/CSU 09.10.2014 Schuster (Weil am Rhein), Armin CDU/CSU 09.10.2014 Schwartze, Stefan SPD 09.10.2014 Silberhorn, Thomas CDU/CSU 09.10.2014 Spiering, Rainer SPD 09.10.2014 Steffen, Sonja SPD 09.10.2014 Dr. Terpe, Harald BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 09.10.2014 Trittin, Jürgen BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 09.10.2014 Wöhrl, Dagmar G. CDU/CSU 09.10.2014 Wolff (Wolmirstedt), Waltraud SPD 09.10.2014 Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Anlagen 5356 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 (A) (C) (B) Anlage 2 Namensverzeichnis der Mitglieder des Deutschen Bundestages, die an der Wahl eines Mitglieds des Parlamentarischen Kon- trollgremiums teilgenommen haben (D) CDU/CSU Stephan Albani Katrin Albsteiger Artur Auernhammer Dorothee Bär Thomas Bareiß Julia Bartz Günter Baumann Maik Beermann Manfred Behrens (Börde) Veronika Bellmann Sybille Benning Dr. André Berghegger Dr. Christoph Bergner Ute Bertram Peter Beyer Steffen Bilger Clemens Binninger Dr. Maria Böhmer Wolfgang Bosbach Norbert Brackmann Klaus Brähmig Michael Brand Dr. Reinhard Brandl Helmut Brandt Dr. Ralf Brauksiepe Dr. Helge Braun Heike Brehmer Ralph Brinkhaus Cajus Caesar Gitta Connemann Alexander Dobrindt Michael Donth Thomas Dörflinger Marie-Luise Dött Hansjörg Durz Jutta Eckenbach Dr. Bernd Fabritius Hermann Färber Uwe Feiler Dr. Thomas Feist Enak Ferlemann Ingrid Fischbach Axel E. Fischer (Karlsruhe- Land) Dr. Maria Flachsbarth Klaus-Peter Flosbach Thorsten Frei Dr. Astrid Freudenstein Dr. Hans-Peter Friedrich (Hof) Michael Frieser Hans-Joachim Fuchtel Alexander Funk Ingo Gädechens Dr. Peter Gauweiler Dr. Thomas Gebhart Alois Gerig Eberhard Gienger Cemile Giousouf Reinhard Grindel Ursula Groden-Kranich Hermann Gröhe Klaus-Dieter Gröhler Michael Grosse-Brömer Astrid Grotelüschen Markus Grübel Manfred Grund Oliver Grundmann Monika Grütters Dr. Herlind Gundelach Fritz Güntzler Olav Gutting Christian Haase Florian Hahn Dr. Stephan Harbarth Jürgen Hardt Gerda Hasselfeldt Matthias Hauer Mark Hauptmann Dr. Stefan Heck Dr. Matthias Heider Helmut Heiderich Mechthild Heil Frank Heinrich (Chemnitz) Mark Helfrich Uda Heller Jörg Hellmuth Rudolf Henke Michael Hennrich Ansgar Heveling Peter Hintze Christian Hirte Dr. Heribert Hirte Alexander Hoffmann Karl Holmeier Franz-Josef Holzenkamp Dr. Hendrik Hoppenstedt Margaret Horb Bettina Hornhues Charles M. Huber Anette Hübinger Hubert Hüppe Erich Irlstorfer Thomas Jarzombek Sylvia Jörrißen Dr. Franz Josef Jung Xaver Jung Andreas Jung Dr. Egon Jüttner Bartholomäus Kalb Hans-Werner Kammer Steffen Kampeter Steffen Kanitz Alois Karl Anja Karliczek Volker Kauder Dr. Stefan Kaufmann Roderich Kiesewetter Dr. Georg Kippels Volkmar Klein Jürgen Klimke Axel Knoerig Jens Koeppen Markus Koob Carsten Körber Hartmut Koschyk Kordula Kovac Gunther Krichbaum Dr. Günter Krings Rüdiger Kruse Dr. Roy Kühne Günter Lach Uwe Lagosky Dr. Karl A. Lamers Andreas G. Lämmel Dr. Norbert Lammert Ulrich Lange Barbara Lanzinger Dr. Silke Launert Paul Lehrieder Dr. Katja Leikert Dr. Philipp Lengsfeld Dr. Andreas Lenz Philipp Graf Lerchenfeld Dr. Ursula von der Leyen Antje Lezius Ingbert Liebing Matthias Lietz Andrea Lindholz Dr. Carsten Linnemann Patricia Lips Wilfried Lorenz Dr. Claudia Lücking-Michel Dr. Jan-Marco Luczak Daniela Ludwig Karin Maag Yvonne Magwas Thomas Mahlberg Gisela Manderla Matern von Marschall Hans-Georg von der Marwitz Andreas Mattfeldt Stephan Mayer (Altötting) Reiner Meier Dr. Michael Meister Dr. Angela Merkel Jan Metzler Maria Michalk Dietrich Monstadt Karsten Möring Marlene Mortler Elisabeth Motschmann Dr. Gerd Müller Carsten Müller (Braunschweig) Stefan Müller (Erlangen) Dr. Philipp Murmann Dr. Andreas Nick Michaela Noll Helmut Nowak Dr. Georg Nüßlein Wilfried Oellers Florian Oßner Dr. Tim Ostermann Henning Otte Ingrid Pahlmann Sylvia Pantel Martin Patzelt Dr. Martin Pätzold Ulrich Petzold Dr. Joachim Pfeiffer Sibylle Pfeiffer Ronald Pofalla Eckhard Pols Thomas Rachel Kerstin Radomski Alois Rainer Dr. Peter Ramsauer Eckhardt Rehberg Katherina Reiche (Potsdam) Lothar Riebsamen Josef Rief Dr. Heinz Riesenhuber Johannes Röring Dr. Norbert Röttgen Erwin Rüddel Albert Rupprecht Anita Schäfer (Saalstadt) Andreas Scheuer Karl Schiewerling Jana Schimke Tankred Schipanski Heiko Schmelzle Christian Schmidt (Fürth) Patrick Schnieder Dr. Andreas Schockenhoff Dr. Kristina Schröder (Wiesbaden) Bernhard Schulte-Drüggelte Dr. Klaus-Peter Schulze Uwe Schummer Armin Schuster (Weil am Rhein) Christina Schwarzer Detlef Seif Johannes Selle Reinhold Sendker Dr. Patrick Sensburg Bernd Siebert Johannes Singhammer Tino Sorge Jens Spahn Carola Stauche Dr. Wolfgang Stefinger Albert Stegemann Peter Stein Sebastian Steineke Johannes Steiniger Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 5357 (A) (C) (D)(B) Christian Freiherr von Stetten Dieter Stier Rita Stockhofe Gero Storjohann Stephan Stracke Max Straubinger Matthäus Strebl Karin Strenz Thomas Stritzl Thomas Strobl (Heilbronn) Lena Strothmann Michael Stübgen Dr. Sabine Sütterlin-Waack Dr. Peter Tauber Antje Tillmann Astrid Timmermann-Fechter Dr. Hans-Peter Uhl Dr. Volker Ullrich Oswin Veith Thomas Viesehon Michael Vietz Volkmar Vogel (Kleinsaara) Sven Volmering Christel Voßbeck-Kayser Kees de Vries Dr. Johann Wadephul Marco Wanderwitz Nina Warken Kai Wegner Albert Weiler Marcus Weinberg (Hamburg) Dr. Anja Weisgerber Peter Weiß (Emmendingen) Sabine Weiss (Wesel I) Ingo Wellenreuther Karl-Georg Wellmann Marian Wendt Waldemar Westermayer Kai Whittaker Peter Wichtel Annette Widmann-Mauz Heinz Wiese (Ehingen) Klaus-Peter Willsch Elisabeth Winkelmeier- Becker Oliver Wittke Barbara Woltmann Tobias Zech Heinrich Zertik Emmi Zeulner Dr. Matthias Zimmer Gudrun Zollner SPD Niels Annen Ingrid Arndt-Brauer Rainer Arnold Heike Baehrens Ulrike Bahr Heinz-Joachim Barchmann Dr. Katarina Barley Doris Barnett Dr. Hans-Peter Bartels Klaus Barthel Dr. Matthias Bartke Sören Bartol Bärbel Bas Sabine Bätzing-Lichtenthäler Dirk Becker Uwe Beckmeyer Lothar Binding (Heidelberg) Burkhard Blienert Willi Brase Dr. Karl-Heinz Brunner Edelgard Bulmahn Marco Bülow Martin Burkert Dr. Lars Castellucci Petra Crone Bernhard Daldrup Dr. Karamba Diaby Sabine Dittmar Martin Dörmann Elvira Drobinski-Weiß Siegmund Ehrmann Michaela Engelmeier Dr. h. c. Gernot Erler Petra Ernstberger Saskia Esken Dr. Johannes Fechner Dr. Fritz Felgentreu Elke Ferner Dr. Ute Finckh-Krämer Christian Flisek Gabriele Fograscher Dr. Edgar Franke Ulrich Freese Dagmar Freitag Michael Gerdes Ulrike Gottschalck Kerstin Griese Gabriele Groneberg Michael Groß Uli Grötsch Wolfgang Gunkel Bettina Hagedorn Rita Hagl-Kehl Metin Hakverdi Ulrich Hampel Sebastian Hartmann Dirk Heidenblut Hubertus Heil (Peine) Gabriela Heinrich Marcus Held Wolfgang Hellmich Dr. Barbara Hendricks Heidtrud Henn Gustav Herzog Gabriele Hiller-Ohm Petra Hinz (Essen) Thomas Hitschler Dr. Eva Högl Matthias Ilgen Christina Jantz Frank Junge Josip Juratovic Thomas Jurk Oliver Kaczmarek Johannes Kahrs Christina Kampmann Ralf Kapschack Gabriele Katzmarek Ulrich Kelber Marina Kermer Cansel Kiziltepe Lars Klingbeil Birgit Kömpel Anette Kramme Dr. Hans-Ulrich Krüger Helga Kühn-Mengel Christine Lambrecht Christian Lange (Backnang) Dr. Karl Lauterbach Steffen-Claudio Lemme Burkhard Lischka Gabriele Lösekrug-Möller Hiltrud Lotze Kirsten Lühmann Dr. Birgit Malecha-Nissen Caren Marks Katja Mast Hilde Mattheis Dr. Matthias Miersch Klaus Mindrup Susanne Mittag Bettina Müller Michelle Müntefering Dr. Rolf Mützenich Andrea Nahles Dietmar Nietan Ulli Nissen Thomas Oppermann Mahmut Özdemir (Duisburg) Aydan Özoğuz Markus Paschke Jeannine Pflugradt Detlev Pilger Sabine Poschmann Joachim Poß Florian Post Dr. Wilhelm Priesmeier Florian Pronold Dr. Sascha Raabe Dr. Simone Raatz Martin Rabanus Mechthild Rawert Stefan Rebmann Gerold Reichenbach Dr. Carola Reimann Andreas Rimkus Sönke Rix Dennis Rohde Dr. Martin Rosemann René Röspel Dr. Ernst Dieter Rossmann Michael Roth (Heringen) Susann Rüthrich Bernd Rützel Johann Saathoff Annette Sawade Dr. Hans-Joachim Schabedoth Axel Schäfer (Bochum) Dr. Nina Scheer Marianne Schieder Udo Schiefner Dr. Dorothee Schlegel Ulla Schmidt (Aachen) Matthias Schmidt (Berlin) Dagmar Schmidt (Wetzlar) Ursula Schulte Swen Schulz (Spandau) Ewald Schurer Frank Schwabe Andreas Schwarz Rita Schwarzelühr-Sutter Dr. Carsten Sieling Norbert Spinrath Svenja Stadler Martina Stamm-Fibich Peer Steinbrück Dr. Frank-Walter Steinmeier Christoph Strässer Kerstin Tack Claudia Tausend Michael Thews Franz Thönnes Carsten Träger Rüdiger Veit Ute Vogt Dirk Vöpel Gabi Weber Bernd Westphal Andrea Wicklein Dirk Wiese Gülistan Yüksel Stefan Zierke Manfred Zöllmer Brigitte Zypries DIE LINKE Dr. Dietmar Bartsch Herbert Behrens Karin Binder Matthias W. Birkwald Heidrun Bluhm Christine Buchholz Eva Bulling-Schröter Roland Claus Dr. Diether Dehm Klaus Ernst Wolfgang Gehrcke Nicole Gohlke Annette Groth Dr. Gregor Gysi Dr. André Hahn Heike Hänsel Dr. Rosemarie Hein Inge Höger Andrej Hunko Sigrid Hupach Ulla Jelpke Susanna Karawanskij Kerstin Kassner Katja Kipping Jan Korte Jutta Krellmann Katrin Kunert Caren Lay Sabine Leidig Ralph Lenkert Stefan Liebich Dr. Gesine Lötzsch Thomas Lutze Cornelia Möhring Niema Movassat Dr. Alexander S. Neu Petra Pau Harald Petzold (Havelland) 5358 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 (A) (C) (B) Martina Renner Dr. Petra Sitte Kersten Steinke Dr. Kirsten Tackmann Azize Tank Frank Tempel Dr. Axel Troost Alexander Ulrich Kathrin Vogler Dr. Sahra Wagenknecht Halina Wawzyniak Harald Weinberg Katrin Werner Birgit Wöllert Jörn Wunderlich Hubertus Zdebel Pia Zimmermann Sabine Zimmermann (Zwickau) BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN Luise Amtsberg Kerstin Andreae Annalena Baerbock Marieluise Beck (Bremen) Volker Beck (Köln) Agnieszka Brugger Ekin Deligöz Katja Dörner Katharina Dröge Harald Ebner Dr. Thomas Gambke Matthias Gastel Kai Gehring Katrin Göring-Eckardt Anja Hajduk Britta Haßelmann Dr. Anton Hofreiter Bärbel Höhn Dieter Janecek Uwe Kekeritz Katja Keul Maria Klein-Schmeink Tom Koenigs Sylvia Kotting-Uhl Stephan Kühn (Dresden) Christian Kühn (Tübingen) Renate Künast Markus Kurth Steffi Lemke Dr. Tobias Lindner Nicole Maisch Peter Meiwald Irene Mihalic Beate Müller-Gemmeke Özcan Mutlu Dr. Konstantin von Notz Friedrich Ostendorff Cem Özdemir Lisa Paus Brigitte Pothmer Tabea Rößner Claudia Roth (Augsburg) Corinna Rüffer Elisabeth Scharfenberg Ulle Schauws Dr. Frithjof Schmidt Kordula Schulz-Asche Dr. Wolfgang Strengmann- Kuhn Hans-Christian Ströbele Markus Tressel Dr. Julia Verlinden Doris Wagner Beate Walter-Rosenheimer Dr. Valerie Wilms (D) Anlage 3 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes und der Gewerbeordnung (Tagesordnungspunkt 19) Gero Storjohann (CDU/CSU): Wir haben im letzten Jahr das Flensburger Punktesystems auf neue Beine ge- stellt. Das neue Fahreignungs-Bewertungssystem ist am 1. Mai 2014 in Kraft getreten. Diese Änderung ging rela- tiv geräuschlos über die Bühne, das ist selten in der Poli- tik. Die neue Regelung trifft vor allem diejenigen Ver- kehrsteilnehmer, die wiederholt die Sicherheit auf den Straßen gefährden, denn Verkehrsunfälle entstehen hauptsächlich durch nicht angepasstes Fahren. In der Praxis hat sich gezeigt, dass es einen Klarstellungsbedarf bezüglich der Punkteregelung gibt. Es ist klarzustellen, ab wann ein Punkt denn nun gilt. Der vorliegende Änderungsantrag der Fraktionen von CDU/CSU und SPD zum Gesetzentwurf der Bundesre- gierung zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes und der Gewerbeordnung enthält diese Klarstellung zur Punkteberechnung. Es stand die Frage im Raum: Darf die Verkehrsbe- hörde Punkte vergeben, wenn denn der Fahrer noch gar nicht offiziell informiert worden ist, dass er einen Ver- stoß begangen hat? Da sind wir in der Koalition der kla- ren Auffassung: Ja, sie darf. Das ist wie folgt begründet: Es kommt nach dem Fahreignungs-Bewertungssystem nicht darauf an, dass eine Maßnahme den Betroffenen vor der Begehung wei- terer Verstöße erreicht und ihm damit theoretisch die Möglichkeit zur Verhaltensänderung gibt, bevor es zu weiteren Verstößen kommt. Der Grund für unsere Haltung ist, dass das neue Sys- tem keine verpflichtende Seminarteilnahme kennt. Wir verstehen den Erziehungsgedanken auch nicht so, dass jede einzelne Maßnahme der Behörden den Fahrer ein- zeln ansprechen können muss, damit diese Maßnahme eine Verhaltensänderung des Verkehrsteilnehmers bewir- ken kann. Wir wählen einen ganz anderen Ansatz zur Steige- rung der Verkehrssicherheit. Die Erziehungswirkung liegt dem Gesamtsystem als solchem zugrunde. Die ein- zelnen Stufen dienen in erster Linie der Information des Betroffenen. Die Maßnahmen sind somit lediglich eine Information über den Stand im System. Unter Gesichtspunkten der Verkehrssicherheit kommt es auf die Effektivität des Fahreignungs-Bewertungssys- tems an. Das Ziel ist, die Allgemeinheit vor ungeeigne- ten Fahrern zu schützen. Hat ein Betroffener sich durch eine entsprechende Anhäufung von Verkehrsverstößen als ungeeignet erwiesen, ist er zumindest befristet vom Verkehr auszuschließen. Eine in bestimmten Konstellationen ausbleibende Chance eines Fahrers, sein Verhalten so zu bessern, dass es zu keinen weiteren Maßnahmen gegen ihn kommt, ist in Abwägung mit dem Sicherheitsinteresse der Allge- meinheit kein Argument dafür, über bestimmte Ver- kehrsverstöße hinwegzusehen und sie dadurch bei der Beurteilung der Fahreignung auszublenden. In solchen Fällen geht es teilweise sogar um Konstellationen, in de- nen in kurzer Zeit wiederholt und schwer gegen Ver- kehrsregeln verstoßen wurde. Das ist ein besonderes Ri- siko für die Verkehrssicherheit. Das ist ein besonderes Risiko für die Allgemeinheit. Mit unserem Änderungs- antrag wird sichergestellt, dass für jeden Verkehrsver- stoß die dafür vorgesehenen Punkte im Fahreignungs- Bewertungssystem verwertet werden können. Die Fahrerlaubnisbehörden sind auch noch nach Jah- ren auf alte Daten angewiesen und müssen auf diese zu- rückgreifen können. Dazu reichen die im Zentralen Fahrerlaubnisregister vorhandenen Daten derzeit nicht aus. Daher war eine Überarbeitung des Gesetzes not- wendig. Mit dem Gesetzentwurf der Bundesregierung Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 5359 (A) (C) (D)(B) werden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass für eine Neuerteilung von Fahrerlaubnissen, die durch Ent- ziehung, Verzicht oder Fristablauf erloschen waren, die im Verwaltungsvollzug erforderlichen Daten problemlos zur Verfügung stehen. Die Reform des Flensburger Punktesystems war not- wendig, und sie war ein Erfolg und wird durch unsere Klarstellung zur Punkteberechnung noch besser. Mit der heutigen Verabschiedung des geänderten Stra- ßenverkehrsgesetzes haben wir einen langen Entschei- dungsprozess, der unter Minister Ramsauer begonnen wurde, zu einem guten Ende gebracht. Abschließend danke ich besonders den Mitarbeitern aus dem Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruk- tur, besonders Herrn Dr. Albrecht, für ihre geduldige und kompetente Zuarbeit. Patrick Schnieder (CDU/CSU): Nachdem mein Kollege Gero Storjohann schon ausführlich auf den vor- gelegten Gesetzentwurf und den damit verbundenen Än- derungsantrag eingegangen ist, möchte ich gerne die Ge- legenheit nutzen und noch einmal einen kleinen Schritt zurückgehen: Warum haben wir eigentlich das Punkte- system reformiert? Wie vermutlich die meisten hier wissen, wurde das alte Verkehrszentralregister am 1. Mai dieses Jahres durch das neue Fahreignungsregister abgelöst. Die bis- her größte Reform im Bereich der Verkehrssicherheit seit über 50 Jahren. Ziel der Neuregelung war und ist es, das Punktesys- tem, das im Laufe der Zeit durch neue Regelungen im- mer komplizierter und undurchsichtiger wurde, grundle- gend zu reformieren, es spürbar einfacher, transparenter und verständlicher zu gestalten. Nur so war es möglich, die Akzeptanz bei den Betroffenen zu erhöhen und damit zur Verbesserung der Verkehrssicherheit beizutragen. Wer konnte noch verstehen, dass das Befahren einer Umweltzone ebenso mit Punkten bestraft wurde wie ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr – zum Bei- spiel durch überhöhte Geschwindigkeit? Im Kern haben wir daher folgende Änderungen vor- genommen: Erstens: Der Punktekatalog wurde entrümpelt. Im neuen System werden nur noch solche Verstöße mit Punkten geahndet, die tatsächlich zur Gefährdung der Verkehrssicherheit beitragen – Geschwindigkeitsver- stöße, Handyverstöße, Behinderung von Rettungskräften etc. Zweitens: Aus sieben wurde drei. Im alten System wurden Verkehrsverstöße mit bis zu sieben Punkten be- straft. Eine schier undurchsichtige Vielzahl an Regeln und Konstellationen entstand. Die Verhältnismäßigkeit ging verloren. Doch damit ist jetzt Schluss. Das neue System stuft die Delikte nur noch in drei Kategorien ein. Die Transparenz wird deutlich erhöht, und dennoch geht kein Verkehrsteilnehmer verloren, der zum wiederholten Male auffällig geworden ist. Drittens: ein neues Fahreignungsseminar. Transpa- rente Regeln allein führen bei auffälligen Verkehrsteil- nehmern nicht immer automatisch zu einem besseren Fahrverhalten. Häufig ist es sinnvoll, verkehrspädagogi- sche und verkehrspsychologische Elemente in die Fort- bildung mit einfließen zu lassen. Sie können helfen, ei- genes Fehlverhalten zu erkennen und zu verändern. Dies wird im neuen Fahreignungsseminar stärker als bisher berücksichtigt. Viertens: klare Regeln zum Punkteabbau. Freiwillige Maßnahmen zum Punkteabbau haben nachweislich ei- nen positiven Einfluss auf die Verkehrssicherheit. Daher haben wir auch im neuen System die Möglichkeit erhal- ten, bei einem Stand von bis zu fünf Punkten ein freiwil- liges Fahreignungsseminar zu besuchen und damit einen Punkt abzubauen. Eine Regelung, die insbesondere für Menschen, die berufsbedingt viel mit dem Pkw oder dem Lkw unterwegs sind, von hoher Bedeutung ist. Abschließend soll nicht unerwähnt bleiben, dass wir auch die Abfrage des aktuellen Punktestandes verein- facht haben. In Zukunft kann diese sowohl vor Ort beim Kraftfahrtbundesamt als auch auf dem Postweg und über das Internet geschehen – natürlich kostenfrei. Diese Reform war nicht nur die größte in der Ge- schichte des Verkehrszentralregisters, sie war auch die wichtigste. Wie keine andere hat sie die Akzeptanz der Maßnahmen gesteigert und zur Erhöhung der Verkehrs- sicherheit beigetragen. Der uns vorliegende Gesetzentwurf – verbunden mit dem Änderungsantrag der Großen Koalition – ist im We- sentlichen eine Konkretisierung der Punkteberechnung. Dabei geht es uns insbesondere darum, die Allgemein- heit vor denjenigen Verkehrsteilnehmern zu schützen, die innerhalb kürzester Zeit schwerwiegende Verkehrs- verstöße begehen – oder anders gesagt: offensichtlich unbelehrbar sind. Insgesamt haben wir damit eine runde und in sich schlüssige Reform vorgelegt, die spürbar und nachhaltig die Verkehrssicherheit in Deutschland verbessern wird. Stefan Zierke (SPD): Wann haben Sie das letzte Mal einen Bußgeldbescheid mit dem Verweis auf Punkte er- halten?! Ohne hier irgendjemandem zu nahe treten zu wollen, war sicher der eine oder andere – mich einge- schlossen – schon einmal in dieser Situation. Die in der letzten Legislatur verabschiedete und am 1. Mai dieses Jahres in Kraft getretene VZR-Reform – besser als Ramsauers Punktereform bekannt – hat das ursprüngliche 18-Punkte-System auf 8 eingestampft. Die drei Maßnahmenkategorien „Ermahnung“, „Verwar- nung“ und „Entziehung der Fahrerlaubnis“ sind eine bewusst getroffene Stufenregelung im neuen Fahreig- nungssystem, die auf Verwaltungsebene mit entspre- chenden Fristen einhergeht. Systematisches Ziel dieser Regelungen ist die Warnfunktion für den Betroffenen so- wie das übergeordnete Ziel der Verkehrssicherheit. Im Sinne der Rechtssicherheit sollte jeder aktive Verkehrs- teilnehmer zu jedem Zeitpunkt wissen, ob und wie viele Punkte er in Flensburg hat bzw. wann ihm der Verlust 5360 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 (A) (C) (D)(B) der Fahrerlaubnis droht. Die Stufenregelung bei der Punktevergabe ist daher grundsätzlich sinnvoll und dient der Transparenz. Unter dieser Fassung waren jedoch verschiedene Auslegungen in den Ländern verfolgt und entsprechend unterschiedliche Verfahrensweisen praktiziert worden. Im Zuge der Implementierung der Punktereform hat sich hier daher Klarstellungsbedarf ergeben, den wir heute beheben wollen: Bei der Stufenregelung im neuen Fahreignungssystem gibt es einige wenige Konstellationen, bei denen diese Maßnahmenstufen in der Praxis nicht eingehalten wer- den konnten und sukzessiv dadurch Verstöße später und zum Teil gar nicht mit Punkten geahndet werden konn- ten. Die Praxis hat gezeigt, dass die in einigen Ländern praktizierten Interpretationen wiederum ein gewisses Ausnutzungspotenzial bergen. Ich möchte gerne versu- chen, Ihnen das ein wenig anschaulicher zu machen: Jemand, der mehrere Verkehrsverstöße innerhalb kür- zester Zeit begeht und beispielsweise bei vier Punkten – bewusst oder unbewusst – gegen einen davon Rechts- mittel einlegt, kommt in die skurrile Situation, dass die in der Zwischenzeit begangenen Vergehen aufgrund der aufschiebenden Einsprüche nicht geahndet werden dür- fen und der Punktestand gleich bleibt bzw. sich nicht er- höht. Zuwiderhandlungen werden erst dann wieder mit Punkten bewertet, wenn die Ermahnung von der Be- hörde ergriffen – also der Bescheid zugestellt – worden ist. Richtig ist: Es geht um einige wenige Fälle, dennoch geht es hierbei unter Umständen um Wiederholungstäter, die in kürzester Zeit mehrere Verstöße begehen, unter Umständen wohl wissend, dass diese nicht vollumfäng- lich geahndet werden können. Das kann unserer Auffas- sung nach nicht im Sinne des Gesetzgebers sein. Dieser Umstand ist insbesondere unter Verkehrssi- cherheitsaspekten nicht zielführend, weil er Wiederho- lungstätern einen Zeitraum gewährt, der je nach Dauer der Bearbeitung durch die Behörde 3 bis 12 Monate be- tragen kann, währenddessen weitere Verkehrsverstöße nicht mit Punkten bewertet werden könnten – also eine Art „Blankoscheck“. Um genau diese Fälle zu vermeiden und Wiederho- lungstäter nicht zu ermutigen, wird durch den vorliegen- den Antrag die Stufenregelung beim Ergreifen der Maß- nahmen klarer gefasst. Mit einer klareren Formulierung der Gesetzesvorschrift wollen wir erreichen, dass Ver- kehrszuwiderhandlungen stets auch dann mit Punkten bewertet werden, wenn sie vor der Einleitung einer der Maßnahmen begangen worden sind, unabhängig davon, ob sie bereits berücksichtigt werden konnten oder nicht. Aus unserer Sicht darf es nicht sein, dass die Bearbei- tungszeiträume in den Landesbehörden ausschlaggebend dafür sind, ob ein Verstoß bebußt wird oder nicht. Die durch die Stufenregelung verfolgte Warnfunktion halten wir für wichtig, ebenso wichtig ist es aber, dass nicht der Zeitraum der Ordnungswidrigkeit oder gar Straftat – im Falle von Alkohol- oder Drogeneinfluss –, sondern al- lein die Tat an sich ausschlaggebend für eine eventuelle Bepunktung ist. Es darf keine „Blankoschecks“ geben; dafür ist die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer zu wichtig. Darüber hinaus regelt der vorliegende Gesetzentwurf noch zwei weitere Aspekte im aktuell geltenden Ver- kehrsrecht: Zum einen wird das Straßenverkehrsgesetz dahin ge- hend geändert, dass zukünftig die Führerscheinausgabe und -rückgabe zentral erfolgen muss. Dies ist eine Vor- gabe der EU-Kommission. Wir begrüßen dies, da es ne- ben anderen Vorteilen dem Verbot der doppelten Erfas- sung Rechnung trägt und dem Wunsch nach einer einheitlichen und nachvollziehbaren Führerscheinaus- gabe- und -einzugsstelle. Damit sollen zukünftig auch Altdaten besser verwal- tet werden können. Die Praxis hat gezeigt, dass die der- zeitigen Fristen von fünf Jahren nicht ausreichend sind, da es bei Neuerteilung einer Fahrerlaubnis durchaus ent- scheidend ist, Zugriff auf Informationen zu haben, wie etwa ob jemand gewisse Prüfungen in der Vergangenheit bereits abgelegt hat oder nicht. Übergeordnetes Ziel ist es hierbei, die Straßenver- kehrsordnung und die Fahrerlaubnis-Verordnung so an- zupassen, dass den Fahrerlaubnisbehörden im Falle der Neuerteilung des Führerscheins nach vorherigem Erlö- schen die erforderlichen Daten zur Verfügung stehen. Die Verwendung von Daten über bereits abgelegte Prü- fungen ist darüber hinaus auch im Interesse der Betroffe- nen, da es die Verfahren erleichtert. Diese Anpassungen sind vor dem Hintergrund zu sehen, dass es ab 2015 keine örtlichen Fahrerlaubnisregister mehr geben wird. Zum anderen wird die Gewerbeordnung dahin gehend angepasst, dass Personen, die kein Kraftverkehrsge- schäft führen dürfen, ebenfalls zentral erfasst werden. Damit soll vermieden werden, dass diese auf andere Bundesländer ausweichen können. Hier besteht derzeit ein Defizit, da die Daten dieser Personen bei rechtswid- rigem Handeln nicht erfasst werden dürfen. Auch begrüßen wir, dass mithilfe einer weiteren Klar- stellung im Straßenverkehrsgesetz geregelt wird, dass für die ordnungsgemäße Durchführung der verkehrspsy- chologischen Teilmaßnahme im Rahmen des neuen Fahreignungsseminars in Zukunft geeignete räumliche und sachliche Ausstattung vorzuweisen ist. Ich bitte Sie daher, heute dem Gesetzentwurf zuzu- stimmen, um eine konsequentere und auch gerechtere Ahndung von Verstößen im Verkehr gewährleisten zu können. Mit dem vorliegenden Antrag der Koalition füllen wir eine Gesetzeslücke, bei der es uns um nicht weniger als die Verkehrssicherheit aller geht. Darüber hinaus sehe ich es als unsere Aufgabe als Verkehrspolitiker, hier Klarheit zu schaffen, um die Akzeptanz in der Bevölke- rung für das neue Punktesystem zu erhöhen. Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 57. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 9. Oktober 2014 5361 (A) (C) (D)(B) Thomas Lutze (DIE LINKE): Das Straßenverkehrs- gesetz ist ein sehr trockener Stoff, gerade für einen Ver- kehrspolitiker, der kein Jurist ist. Es ist aber ein Stoff, der von vielen in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert wird. Wir erinnern uns noch gut an die Debatten der letz- ten Wahlperiode zur Reform des Verkehrszentralregis- ters in Flensburg. Daher ist es auch richtig, dass die Regierung und ihre Koalition hier im Bundestag versuchen, Gesetzeslücken zu schließen und Unklarheiten zu beseitigen. Allein die offene Frage von der Tatzeit eines Verkehrsverstoßes und dem Zeitpunkt der Rechtswirksamkeit der Strafe und allem, was dazwischen so passieren kann, sind sehr unübersichtlich. Was passiert zum Beispiel, wenn zwi- schen den beiden genannten Zeitpunkten neue Verstöße hinzukommen? Wie wird so etwas rechtlich sauber be- handelt? Ich glaube nicht, dass mit der jetzigen Gesetzesinitia- tive alle offenen Fragen endgültig ausgeräumt werden, auch wenn die Richtung stimmt. Wir werden mit der No- velle unsere Erfahrungen machen und vielleicht noch in dieser Wahlperiode die nächsten Probleme zu lösen ha- ben. Trotzdem stimmt die Linksfraktion vielen Punkten zu. Zwei Punkte bleiben für uns aber entscheidend: Zum einen darf die Rechtsstaatlichkeit nicht untergraben wer- den. Hier bedeutet das, dass durch Veränderungen im Verfahren die grundsätzliche Möglichkeit, Widerspruch einzulegen – also auch in Berufung zu gehen – nicht ein- geschränkt werden darf. Das bedeutet in seiner letzten Konsequenz auch, dass jeder bis zur endgültigen Ent- scheidung als unschuldig zu gelten hat. Gerade im Ver- kehrsbereich stellt sich sehr oft im Verfahren heraus, dass zum Beispiel Geschwindigkeitsmessungen ungenau und damit ungültig gewesen sind. Wichtig ist uns auch der Datenschutz, worin auch un- sere Kritik an der heutigen Vorlage begründet ist. Relativ klar ist, wer Daten speichert und wo sie gespeichert wer- den. Unklar ist aber, wer Zugriff auf diese Daten hat. Können diese Daten auch in anderen Verfahren verwen- det werden, die mit dem konkreten Verstoß gar nichts zu tun haben? Oder: Wann werden die Daten durch wen wieder gelöscht? Und wenn man dann liest, dass diese Daten EU-weit genutzt werden – was heutzutage voll- kommen sinnvoll ist –, dann muss man schon kritisch fragen, ob die Einhaltung unserer Datenschutzstandards auch in allen teilnehmenden Ländern gegeben ist. Die Linke wird sich deshalb enthalten. Stephan Kühn (Dresden) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Mit den vorliegenden Änderungen beim Straßen- verkehrsgesetz und des Bundeszentralregistergesetzes soll eine Regelungslücke bezüglich der Daten, die das Zentrale Fahrerlaubnisregister von den örtlichen Fahrer- laubnisbehörden zur Verfügung gestellt bekommt, ge- schlossen werden. Damit wird es in Zukunft möglich sein, auch Regel- verstöße im Verkehr dann mit Punkten zu bewerten, wenn sie vor Einleitung einer Maßnahme des Fahreig- nungsbewertungssystems erfolgten. Bisher konnte von findigen Verkehrsteilnehmern das Schlupfloch zwischen Erreichen der Punkteschwelle und dem Ergreifen der Maßnahme so genutzt werden, dass „punktebewehrte“ Verkehrsverstöße folgenlos blieben, also nicht mit Punk- ten geahndet wurden. Auch die „Restprobezeit“ neuer Führerscheinbesitzer soll künftig übermittelt werden. Mit den Ergänzungen des § 4 des Straßenverkehrsgesetzes wird dieses Schlupfloch jetzt hoffentlich wirksam geschlossen. Im Interesse einer verbesserten Verkehrssicherheit begrüßen wir diese Regelung ausdrücklich. Auch die Präzisierung des § 52 im Bundeszentralre- gistergesetz, mit der Verkehrsverstöße mit Blick auf das Fahreignungsbewertungssystem länger verwertbar wer- den, ist unter Verkehrssicherheitsaspekten sinnvoll. Allerdings hegt meine Fraktion Bedenken hinsicht- lich des Datenschutzes. Uns muss bewusst sein, dass das beim Kraftfahrtbundesamt angesiedelte Zentrale Fahr- erlaubnisregister künftig personenbezogene und sehr sensible Daten zentral speichert. Auf diese Daten hat bei Strafverfolgung und im Zusammenhang mit Ordnungs- widrigkeiten die Polizei oder auch das Bundesamt für Güterverkehr Zugriff. Künftig wird auch der Grund für das Erlöschen der Fahrerlaubnis zentral gespeichert. Diese Daten könnten bei der derzeitigen Regelung auch sachfremd verwendet werden – das müssen wir jedoch zwingend ausschließen. Bei Wiederausstellung der Fahrerlaubnis müssen perso- nenbezogene Daten gelöscht werden. Nach der jetzt vorgesehenen Regelung bleiben sie unbegrenzt abge- speichert. Deshalb hätte dem umfangreichen Änderungs- antrag gut zu Gesicht gestanden, klare Regeln hinsicht- lich eines verbesserten Datenschutzes vorzusehen. Liebe Kolleginnen und Kollegen der Regierungsfrak- tionen, erlauben Sie mir abschließend noch ein Wort zum Beratungsverfahren: Acht Minuten vor Beginn der gestrigen Sitzung des Verkehrsausschusses erreichte uns Ihr achtseitiger neuerlicher Änderungsantrag. Auch wenn im Kern keine wesentlichen Änderungen enthalten sein sollen, so ist keine sachgerechte Prüfung mehr mög- lich gewesen. Das ist ein unwürdiges Verfahren. Bitte ersparen Sie uns künftig ein solches Durchpeit- schen von Gesetzesänderungen. Ihre Mehrheit ist schon erdrückend genug – geben Sie uns wenigstens ausrei- chend Zeit, ihr politisches Handeln zu bewerten. 57. Sitzung Inhaltsverzeichnis TOP 4 Änderung des Bundesausbildungsförderungsgesetzes TOP 5 Klimapolitik TOP 6 Verantwortung für Produktion in Entwicklungsländern TOP 27, ZP 2 Überweisungen im vereinfachten Verfahren TOP 28, ZP 3 Abschließende Beratungen ohne Aussprache TOP 7 Einsprüche gegen die Gültigkeit der Bundestagswahl TOP 8 Wahl eines Mitglieds des Parl. Kontrollgremiums TOP 11 Änderung des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes TOP 10 Besteuerung von Kapitalerträgen TOP 13, ZP 4 Änderung des Asylbewerberleistungsgesetzes TOP 12 Psychiatrisches Entgeltsystem TOP 15 Bundesbesoldungs- und Versorgungsanpassungsgesetz TOP 14, ZP 5 Hungerbekämpfung TOP 17 Änderung mautrechtlicher Vorschriften ZP 6 Karenzzeit für ausscheidende Regierungsmitglieder TOP 18 Änderung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes TOP 19 Änderung des Straßenverkehrsgesetzes TOP 20 Ausbau der Breitbandinfrastruktur Anlagen
Gesamtes Protokol
Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805700000

Nehmen Sie bitte Platz. Die Sitzung ist eröffnet.
Guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich

begrüße Sie herzlich zu unserer Plenarsitzung.
Bevor wir in die heutige Tagesordnung eintreten,

möchte ich der Kollegin Hilde Mattheis mit allen guten
Wünschen für die nächsten Jahre nachträglich zu ihrem
60. Geburtstag gratulieren.


(Beifall)

Interfraktionell ist vereinbart worden, die verbundene

Tagesordnung um die in der Zusatzpunktliste aufge-
führten Punkte zu erweitern:
ZP 1 Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktionen

DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:
Reaktion der Bundesregierung auf den Rüs-
tungsbericht und die schwierige Situation des
Beschaffungswesens der Bundeswehr

(siehe 56. Sitzung)


ZP 2 Weitere Überweisungen im vereinfachten
Verfahren

(Ergänzung zu TOP 27)

a) Erste Beratung des vom Bundesrat einge-

brachten Entwurfs eines Gesetzes über
Maßnahmen im Bauplanungsrecht zur
Erleichterung der Unterbringung von
Flüchtlingen
Drucksache 18/2752
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit (f)

Innenausschuss
Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Sylvia Kotting-Uhl, Oliver Krischer, Kai
Gehring, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Kein Atommüll-Export aus dem Reaktor
AVR Jülich in die USA
Drucksache 18/2624
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit

c) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Franziska Brantner, Katja Dörner, Kai
Gehring, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Echte Wahlfreiheit schaffen – Elterngeld
flexibler gestalten

Drucksache 18/2749
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (f)

Ausschuss für Arbeit und Soziales
Haushaltsauschuss

ZP 3 Weitere abschließende Beratung ohne Aus-
sprache


(Ergänzung zu TOP 28)


Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Recht und Verbrau-
cherschutz (6. Ausschuss)


zu dem Streitverfahren vor dem Bundesver-
fassungsgericht 2 BvE 5/12 und damit zusam-
menhängenden Verfahren

Drucksache 18/2773

ZP 4 Erste Beratung des von den Abgeordneten
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, Luise
Amtsberg, Kerstin Andreae, weiteren Abgeord-
neten und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
zur Aufhebung des Asylbewerberleistungsge-
setzes

Drucksache 18/2736
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)

Innenausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe





Präsident Dr. Norbert Lammert


(A) (C)



(D)(B)

ZP 5 Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für wirtschaftliche Zu-
sammenarbeit und Entwicklung (19. Ausschuss)

zu dem Antrag der Abgeordneten Uwe Kekeritz,
Friedrich Ostendorff, Claudia Roth (Augsburg),
weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN

Weltagrarbericht jetzt unterzeichnen
Drucksachen 18/979, 18/1788

ZP 6 Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Innenausschusses (4. Ausschuss)


– zu dem Antrag der Abgeordneten Jan Korte,
Dr. Petra Sitte, Halina Wawzyniak, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE

Gesetzliche Karenzzeit für ausgeschie-
dene Regierungsmitglieder einführen

– zu dem Antrag der Abgeordneten Britta
Haßelmann, Luise Amtsberg, Volker Beck

(Köln), weiterer Abgeordneter und der Frak-

tion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Karenzzeit für ausscheidende Regierungs-
mitglieder

Drucksachen 18/285, 18/292, 18/2762
Von der Frist für den Beginn der Beratungen soll, so-

weit erforderlich, abgewichen werden.

Der Tagesordnungspunkt 9 wird abgesetzt. Die Ta-
gesordnungspunkte der Koalitionsfraktionen rücken ent-
sprechend vor. Der Tagesordnungspunkt 16 wird eben-
falls abgesetzt und stattdessen die Beschlussempfehlung
des Innenausschusses auf der Drucksache 18/2762 zu
den Anträgen der Fraktionen Die Linke und Bündnis 90/
Die Grünen zur Einführung einer Karenzzeit für aus-
scheidende Regierungsmitglieder aufgerufen.

Darüber hinaus mache ich Sie noch auf eine nachträg-
liche Ausschussüberweisung im Anhang zur Zusatz-
punktliste aufmerksam:

Der am 11. September 2014 (51. Sitzung) überwie-
sene nachfolgende Gesetzentwurf soll zusätzlich dem

(10. Ausschuss)


Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Zweiten Gesetzes
zur Änderung des Gesetzes zur Errichtung ei-
nes Sondervermögens „Energie- und Klima-
fonds“
Drucksache 18/2443
Überweisungsvorschlag:
Haushaltsauschuss (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit

Ich frage Sie, ob Sie mit diesen vorgetragenen Verän-
derungen einverstanden sind. – Das ist offensichtlich der
Fall. Dann können wir so verfahren.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, heute vor einem
Vierteljahrhundert, am 9. Oktober 1989, zogen in Leip-
zig 70 000 Menschen nach einem Friedensgebet in der
Nikolaikirche über den Innenstadtring – eine machtvolle
Demonstration für Freiheit, Selbstbestimmung und De-
mokratie gegen die SED-Diktatur. Es war nicht die erste
der großen Massenkundgebungen, die schließlich zum
Mauerfall und zum Ende der DDR führten. Doch an die-
sem Abend wurde der berühmte Punkt erreicht, von dem
aus es kein Zurück mehr gab. Es war das doppelte Wun-
der von Leipzig: die disziplinierte Friedfertigkeit und
Gewaltlosigkeit der Demonstranten, aber auch die Ein-
sicht der örtlichen Funktionäre, der unwiderstehlichen
Kraft von Zehntausenden Menschen mit Kerzen in den
Händen, auch entgegen den Anweisungen aus Berlin,
nicht mit Waffengewalt zu begegnen. Dieser 9. Oktober
1989 gehört zu den großen, glücklichen Tagen der jün-
geren deutschen Geschichte. Wir sind allen dankbar, die
damals viel riskiert haben, als sie es wagten, für Demo-
kratie, Freiheit und Bürgerrechte auf die Straße zu ge-
hen.


(Beifall im ganzen Hause)


Unsere Gedanken sind in diesen Tagen bei den Men-
schen in Hongkong und anderswo auf der Welt, die
25 Jahre nach Leipzig wieder mit großem persönlichen
Mut und Risiko für ihre Rechte, für ihre Freiheit, für
Selbstbestimmung und Demokratie eintreten. Ihnen gel-
ten unser Respekt und unsere Unterstützung.


(Beifall im ganzen Hause)


Ich rufe die Tagesordnungspunkte 4 a bis 4 c auf:

a) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Fünfundzwanzigs-
ten Gesetzes zur Änderung des Bundesausbil-
dungsförderungsgesetzes (25. BAföGÄndG)


Drucksache 18/2663
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung (f)

Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Haushaltsauschuss mitberatend und gemäß § 96 der GO

b) Beratung der Unterrichtung durch die Bundesre-
gierung

Zwanzigster Bericht nach § 35 des Bun-
desausbildungsförderungsgesetzes zur Über-
prüfung der Bedarfssätze, Freibeträge sowie
Vomhundertsätze und Höchstbeträge nach
§ 21 Absatz 2

Drucksache 18/460
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung (f)

Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Haushaltsauschuss

c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Kai
Gehring, Ekin Deligöz, Katja Dörner, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN





Präsident Dr. Norbert Lammert


(A) (C)



(D)(B)

Sofort besser fördern – BAföG-Reform über-
arbeiten und vorziehen

Drucksache 18/2745
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung (f)

Haushaltsauschuss

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 96 Minuten vorgesehen. – Auch dazu
stelle ich Einvernehmen fest.

Ich eröffne die Aussprache und erteile das Wort der
Bundesministerin Frau Professor Wanka.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung
und Forschung:

Herr Präsident! Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie
zu Beginn dieser Sitzung an den 9. Oktober 1989 erin-
nert haben. Das ist für mich der wichtigste Tag, wichti-
ger als der 9. November. Es ist ein Tag, an dem man sich
immer wieder freut. Ich erinnere mich nicht nur sehr
gerne daran, sondern mir ist es egal, wie wir heute disku-
tieren. Ich rege mich gar nicht auf – vielleicht –,


(Heiterkeit bei der CDU/CSU und der SPD)


weil ich mich freue, dass wir hier diskutieren können
und demokratische Verhältnisse haben. Wahrscheinlich
kann nur jemand, der jahrelang nicht in einer Demokra-
tie gelebt hat, ermessen, wie wichtig sie ist und wie sehr
man sich – aus Ihrer Sicht vielleicht naiv – darüber
freuen kann.


(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Her-
ren, es wurde in Deutschland noch nie so viel Geld für
Bildung und Forschung ausgegeben wie heute. Das geht
so weiter. Für den Bund kann ich sagen, dass wir in den
nächsten Jahren dieser Legislaturperiode eine Steigerung
des Etats des BMBF um noch einmal 25 Prozent haben
werden. Wir alle wissen, wie schwierig diese Steigerung
angesichts der Haushaltssituation des Bundes – ich
nenne die Stichworte „Konsolidierung“ und „schwarze
Null“ – war. Wir haben also nicht viel oder sogar zu viel
Geld. Deshalb haben wir schon im Koalitionsvertrag mit
zusätzlichen 9 Milliarden Euro für Bildung und For-
schung eindeutige Prioritäten gesetzt. Diese Investitio-
nen lohnen sich doppelt: Sie lohnen sich für die Lebens-
chancen jedes Einzelnen, egal ob er Schüler, Lehrer,
Studierender oder Forscher ist, sie lohnen sich aber auch
für die Volkswirtschaft; denn sie sind der Schlüssel für
Wohlstand und Lebensqualität. Das wünschen wir uns
für die nächsten Jahre und Jahrzehnte.


(Beifall des Abg. Willi Brase [SPD])


Ich glaube, dass das 25. Gesetz zur Änderung des
BAföG-Gesetzes, dessen Entwurf wir heute vorlegen,
ein gutes Gesetz ist. Dieses Gesetz gibt es seit über
40 Jahren – über die Historie haben wir schon mehrfach
gesprochen –, und es hat mittlerweile Millionen jungen
Frauen und jungen Männern ein Studium ermöglicht.
Schauen wir uns einmal die Zahlen an: Letztes Jahr er-
hielten im Jahresdurchschnitt – immer gerechnet auf das
volle Jahr und nicht darauf, dass jemand 14 Tage oder
zwei Monate BAföG bezieht – 620 000 Frauen und
Männer BAföG. Dies ist eine wirkliche Größenordnung.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Wir können stolz darauf sein, dass wir in Deutschland
ein solches Förderungssystem haben und die Finanzie-
rung eines Studiums nicht einfach den Eltern oder den
betreffenden Studierenden überlassen. Man muss sich
immer über die Tatsache im Klaren sein, dass wir mit
dieser BAföG-Novelle noch einmal Hunderte von Mil-
lionen Euro Jahr für Jahr zusätzlich ausgeben. Das bringt
uns in den Bildungsstatistiken der OECD gar nichts. Es
wird nicht als Ausgabe für Bildung gerechnet. Wenn hin-
gegen beispielsweise in Großbritannien die Studienbei-
träge erhöht werden, dann erhöht es die Bildungsausga-
ben in Großbritannien.


(Albert Rupprecht [CDU/CSU]: OECD!)


– OECD. Ich sage es an dieser Stelle. Wir sind uns hier
einig.

Das BAföG wird als Sozialausgabe gewertet, geht
aber wesentlich darüber hinaus. Diese Ausbildungsför-
derung wollen wir nachhaltig sichern. Mir war es von
Anfang an ein ganz wichtiges Anliegen, in dieser Legis-
laturperiode eine BAföG-Reform zu erreichen, die sub-
stanziell und strukturell ist. Mit diesem Gesetz sind ganz
wichtige Weichenstellungen verbunden. An erster Stelle
steht – das ist grundlegend –, dass ab 1. Januar 2015 der
Bund die Kosten für das BAföG zu 100 Prozent trägt.
Das sind rund 1,2 Milliarden Euro. Das ist kein Pappen-
stiel. Das ist eine wirklich beträchtliche Größenordnung.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das bringt den Studierenden überhaupt nichts!)


– Zuhören, Herr Gehring. – Damit erhalten die Länder
ab 1. Januar Geld in dieser Größenordnung,


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das bringt den Studierenden aber nichts!)


um es – das steht im Gesetz – für Bildungsausgaben, ins-
besondere für Hochschulen, auszugeben. Damit haben
wir etwas, was wir die letzten 10, 15 Jahre nicht hatten:
Wir haben eine dauerhafte Lösung. Es werden jetzt dau-
erhaft Mittel für die entsprechenden Aufgaben zur Ver-
fügung gestellt, mit denen zum Beispiel Stellen für den
wissenschaftlichen Nachwuchs an Hochschulen, für Pro-
fessoren oder für Schulsozialarbeiter geschaffen werden
können. Die Mittel sind vorhanden und können ab dem
1. Januar unkompliziert abgerufen werden.


(Nicole Gohlke [DIE LINKE]: Ja, das Geld ist quasi vermehrbar!)


Wir erhöhen vonseiten des Bundes unsere Ausgaben
also nicht erst ab 2016, sondern ab 1. Januar des nächs-
ten Jahres. Das ist unsere Leistung.





Bundesministerin Dr. Johanna Wanka


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die Studierenden kriegen BAföG, nicht die Länder!)


Im Bundeshaushalt ist für die inhaltliche BAföG-No-
velle, die 2016 in Kraft tritt, ein Volumen von 500 Mil-
lionen Euro jährlich eingestellt. Rechnet man die KfW-
Mittel dazu, dann sind wir bei 825 Millionen Euro. Der
Bund legt also für die Belange der Studierenden Jahr für
Jahr eine Dreiviertelmilliarde drauf. Damit werden wir
unserem Anspruch, für substanzielle und strukturelle
Verbesserungen für die Studierenden zu sorgen, gerecht.

Mir kam es besonders darauf an, dass wir den Kreis
derjenigen, die BAföG erhalten – das wird anhand des
Verdienstes der Eltern berechnet –, erweitern. Seit vielen
Jahren ist die Situation so: Wenn ein Studierender
BAföG bezieht, dann bekommt er darüber hinaus viele
Vergünstigungen, zum Beispiel die Befreiung von den
Rundfunkgebühren usw. Diejenigen, die kein BAföG er-
halten, weil ihre Eltern ein bisschen zu viel verdienen,
können solche Vergünstigungen nicht in Anspruch neh-
men. Deswegen war es ein ganz wichtiges Element, den
Kreis derjenigen, die BAföG-berechtigt sind, zu erwei-
tern.

Wir haben die Freibetragsgrenze um 7 Prozent erhöht,
das erreicht nicht nur Geringverdiener. 2012 betrug der
durchschnittliche monatliche Bruttoverdienst einer Fa-
milie in Deutschland 4 000 Euro. Die BAföG-Novelle
führt dazu, dass die Grenze für die BAföG-Berechtigung
bei 5 390 Euro brutto liegen wird. Gerade den jungen
Menschen aus Familien mit mittlerem Einkommen wird
dadurch in starkem Maße entgegengekommen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Der Kreis derer, die BAföG-berechtigt sind, wird um
110 000 erhöht.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die sind vorher alle rausgefallen!)


Dabei geht es um junge Menschen, die wirklich ein gan-
zes Jahr lang BAföG bekommen.

Herr Gehring, ich habe Sie heute früh im Radio ge-
hört. Ich muss sagen: Sie haben da etwas ganz Falsches
erzählt.


(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Das kann ich mir gar nicht vorstellen!)


– Ja, es ist nicht vorstellbar, war aber so. – Herr Gehring
sagte heute früh: „60 000 fallen dann raus, das hat mir
sogar das Ministerium bestätigt.“ – Gucken Sie sich mal
unseren Gesetzentwurf an, das steht da nicht drin.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich bestehe den Faktencheck! Dann hat Ihnen Ihr Ministerium etwas Falsches aufgeschrieben!)


Sie haben aufgrund der Prozentangaben versucht, zu
rechnen, und Sie haben falsch gerechnet.

(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir können rechnen!)


Es gibt eine Drucksache. Jeder kann das nachlesen.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da mache ich mir keine Sorgen!)


Wir brauchen uns also nicht gegenseitig etwas zuzuru-
fen.

Wir haben in vielen Bereichen Anpassungen vorge-
nommen. Die Bedarfssätze für die Studierenden steigen
um 7 Prozent. Wir erhöhen den Wohnzuschlag auf
250 Euro. Das heißt, für diejenigen Studierenden, die die
maximale Förderung erreichen und auswärts wohnen,
erhöht sich der Betrag, den sie erhalten, um 9,7 Prozent,
also um fast 10 Prozent. Das ist eine gute Größenord-
nung. Gemessen an anderen sozialen Leistungen ist das
wirklich beträchtlich.

Bisher war der Kinderbetreuungszuschlag gestaffelt:
113 Euro für das erste Kind, 85 Euro für das zweite. Nun
wird er einheitlich angehoben. Es spielt keine Rolle
mehr, ob man ein, zwei oder mehr Kinder hat. So lassen
sich Elternschaft und Studium besser miteinander ver-
binden.

Wir haben die Hinzuverdienstgrenze für die BAföG-
Empfänger erhöht. So erhalten die Studierenden die
Möglichkeit, die Änderungen im Sozialversicherungs-
recht voll zu nutzen. Wir haben den Vermögensfreibe-
trag erhöht. Ein Auto wird also beispielsweise in der Re-
gel nicht mehr angerechnet.

Wir haben die Förderungslücke, die sich in der Zeit
zwischen Bachelor und Master ergab, weitgehend ge-
schlossen. Das haben die Studierenden schon lange ge-
wollt; denn die bisherige Regelung hat die Studierenden
hart getroffen. Das war den Studierenden wichtiger als
die Erhöhung von Bedarfssätzen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Wir haben auch die Internationalität des BAföG
weiter gestärkt. Das betrifft die Ausweitung der För-
derungsberechtigung sowohl auf Auszubildende im eu-
ropäischen Ausland als auch auf nichtdeutsche Auszu-
bildende.

Ein Punkt ist mir besonders wichtig; diesbezüglich
bin ich dem Innenminister, Herrn de Maizière, sehr ver-
bunden: Ich bin sehr froh – das war unser gemeinsamer
Wunsch –, dass wir uns darauf verständigen könnten,
dass diejenigen, die geduldet bei uns leben oder über ei-
nen humanitären Aufenthaltstitel verfügen, nicht, wie
bisher, eine Vierjahresfrist abwarten müssen, ehe sie
BAföG-berechtigt sind, sofern sie in diese Richtung ge-
hen wollen, sondern bereits nach 15 Monaten BAföG-
berechtigt sein werden.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Die Abschlagszahlungen werden erhöht. Auch das ist
wichtig; denn manchmal dauert es eine Weile, bis über
die genaue BAföG-Höhe entschieden wird.





Bundesministerin Dr. Johanna Wanka


(A) (C)



(D)(B)

Der Gesetzentwurf sieht vor, dass die Länder ab dem
1. August 2016 sicherstellen, dass flächendeckend eine
elektronische Antragstellung möglich ist.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Es ist doch ein Witz, wenn gerade Studierende, die alles
digital erledigen, ihren BAföG-Antrag nicht elektronisch
stellen können. Dies wird ab 2016 möglich sein, und
auch das ist für die Studenten sehr wichtig.

Uns liegt ein Antrag von Bündnis 90/Die Grünen vor.
In diesem Antrag attestieren Sie uns – ich zitiere –, dass
wir „begrüßenswerte Schritte“ in den „zentralen Aspek-
ten“ des BAföG unternommen haben. Aber


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das Aber ist groß!)


dann kommt es: mehr Forderungen.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir haben die Inflation berücksichtigt!)


Natürlich fordern Sie eine stärkere Erhöhung der För-
dersätze für alle; darüber brauchen wir gar nicht zu dis-
kutieren. Sie fordern eine Vollfinanzierung, wollen den
Kreis der Berechtigten ausweiten etc.


(Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Das heißt, wir finden eine, wie ich finde, ein bisschen
lieblose Aneinanderreihung von Forderungen vor. Sie
sagen, was man alles noch hätte zahlen können. Beson-
ders traurig finde ich, dass der Antrag keinerlei Konkre-
tisierung enthält. Wie stellt man sich das vor? Was
wünscht man sich anders?


(Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE]: Das ist das Niveau der CDU in Brandenburg! – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da können Sie in andere Anträge und Gesetzentwürfe gucken!)


Es gibt also keine seriöse Konkretisierung dessen, was
man beabsichtigt. Diese zwei Seiten münden in einen
Prüfauftrag an die Bundesregierung – ich zitiere –: Die
Bundesregierung wird aufgefordert, „Vorschläge zu un-
terbreiten, wie das BAföG überarbeitet werden“ kann.
Das ist die Quintessenz des Antrags der Grünen. Genau
diese Vorschläge haben wir vorgelegt.


(Nicole Gohlke [DIE LINKE]: Das ist der letzte Punkt der Grünen! Davor stehen zehn andere! Das ist ganz schön peinlich!)


Opposition kann man unterschiedlich auffassen:


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Den Antrag kann ja jeder lesen!)


Man kann versuchen, konstruktiv mitzugestalten, oder
man mäkelt als Opposition und summiert einfach Forde-
rungen und Wünsche. Dass die Grünen Letzteres tun,
finde ich ein bisschen schade. Ich glaube, Sie können es
besser.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist unter Ihrem Niveau!)


Das ist ein Riesenpaket. Insgesamt geht es um fast
2 Milliarden Euro ab 2016, Übernahme der BAföG-Kos-
ten plus Novelle. Ein Paket in einer solchen Größenord-
nung gab es überhaupt noch nicht. Dazu wird aber ge-
sagt – das werden wir in den nachfolgenden Reden
hören –: Ja, mit der BAföG-Reform werden die richtigen
Schritte unternommen, aber schlimm ist, dass das nicht
schon 2015 in Kraft tritt, sondern erst 2016. Diese For-
derung ist total verständlich. Das fordert jeder Studie-
rende, und das fordern die Eltern der Studierenden; das
ist doch klar. Es gibt etwas Schönes – sehr viel mehr
Geld und Unterstützung für mehr Studierende –, da
wünscht man sich das doch so schnell als möglich, am
besten übermorgen.


(Nicole Gohlke [DIE LINKE]: Das ist nicht nur schön! Das ist sozusagen eine Lebenssicherung!)


Das können Sie als Grüne aber nicht einfach so sagen.
Das kann sich jeder wünschen; das ist klar. Aber Sie als
Grüne können das nicht so sagen; denn Sie sind mittler-
weile in sieben Landesregierungen. Ihr Pech!


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Glück! Das ist ein Glück für das Land!)


Sie sind Teil dieser Landesregierungen. Die Regierun-
gen dieser Bundesländer haben der BAföG-Novelle jah-
relang nicht zugestimmt. Sie haben es abgelehnt, dass
wir das BAföG überarbeiten.


(Beifall bei der CDU/CSU – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das stimmt nicht!)


– Ich war dabei. – Deswegen ist diese Forderung, wenn
die Grünen sie stellen – ich meine nicht aus Sicht der
Studierenden –, eine populistische Forderung.

Meine Damen und Herren, Sie könnten jetzt sagen:
Okay, wir machen das ab 2015. Wir haben diese
825 Millionen Euro ab 2015. Falls die Bundesländer sa-
gen: „Okay, der Bund soll das BAföG erst ab dem 1. Juli
nächsten Jahres zu 100 Prozent übernehmen“, könnte
man das machen. Aber Politik beginnt beim Betrachten
der Wirklichkeit.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann fangen Sie an!)


Wir haben uns mit den Länden verständigt. Wir haben
eine Win-win-Situation. Deswegen haben wir in der Ko-
alition gesagt: Wir akzeptieren das so. Das ist gut für die
Bundesländer, und das ist gut für die Studierenden. Wir
starten die Novelle einvernehmlich im Jahr 2016.

Zusammenfassend kann man sagen, dass wir mit der
dauerhaften und vollen Übernahme des BAföG durch
den Bund, glaube ich, in der langen Geschichte des
BAföG ein Zeichen setzen, dass dieses Reformpaket ein
beispielloses Volumen hat, dass wir die Ausbildungsför-
derung dadurch dezidiert weiter stärken, dass wir ver-
lässlich sind und dass wir viel für Bildungsgerechtigkeit





Bundesministerin Dr. Johanna Wanka


(A) (C)



(D)(B)

in der Bundesrepublik Deutschland tun. Ich glaube, der
vorgelegte Gesetzentwurf ist so gestaltet, dass Sie mit
gutem Gewissen zustimmen können.

Danke.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805700100

Das Wort erhält nun die Kollegin Nicole Gohlke für

die Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Nicole Gohlke (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805700200

Herr Präsident! Kolleginnen und Kollegen! Tausende

Studierende warten auf eine BAföG-Erhöhung. Tau-
sende warten darauf, endlich BAföG zu beziehen, oder
warten und hoffen, dass sie nicht aus der Förderung he-
rausfallen. Tausende warten darauf, dass sie die Mieten
in den Unistädten besser aufbringen können. Zahllose
Schulen warten darauf, saniert zu werden, Eltern warten
auf Kitaplätze und auf Ganztagsschulen, und Lehrerin-
nen und Lehrer warten auf kleinere Klassen.

Was macht die Große Koalition? Statt eine schnelle
und unkomplizierte Lösung zu finden, feilt sie an einem
Deal aus BAföG-Novellierung und Neuregelung des Ko-
operationsverbots und löst am Ende keines der beiden
Probleme. Die Studierenden warten jetzt noch einmal
zwei Jahre, bis die BAföG-Erhöhung endlich wirksam
wird. Kein einziges Problem in keinem einzigen Bil-
dungsbereich ist wirklich und grundsätzlich angepackt
und gelöst worden.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Was die Bundesregierung hier macht, ist gerade ein-
mal eine kleine Begrenzung des Schadens, den sie selbst
angerichtet hat. Vor acht Jahren haben Sie sich als dama-
lige Große Koalition selbst die Steine in den Weg gelegt,
die Sie jetzt daran hindern, aktiv zu werden. Denn seit
der Föderalismusreform von 2006 darf der Bund bei der
Finanzierung von Bildung nicht mehr mithelfen. Bil-
dung wurde damals in die alleinige Zuständigkeit der
Länder übergeben.


(Tankred Schipanski [CDU/CSU]: Auf Wunsch der Länder!)


Nur im Wissenschaftsbereich blieb die Möglichkeit,
zeitlich beschränkt einzelne Projekte zu fördern.

Mit der Föderalismusreform II haben Union und SPD
noch eins draufgesetzt auf den Quatsch mit dem Koope-
rationsverbot. Allein diese Wortschöpfung hätte übri-
gens eine Nominierung als Unwort des Jahres verdient
gehabt.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Mit der Föderalismusreform II haben Sie den Wettbe-
werb noch weiter verschärft. Sie haben nach einem Jahr-
zehnt Steuersenkungen für Reiche auch noch die Schul-
denbremse eingeführt, die den Ländern jetzt die Luft
zum Atmen raubt. Die Folgen dieser Politik kann jeder
ganz genau betrachten: Bildung wird kaputtgespart,


(Widerspruch bei der CDU/CSU)


an Hochschulen werden Fächer und Institute weggestri-
chen, Mensaessen wird teurer, Wohnheimmieten werden
erhöht, Gebäude verfallen und die Situation des Lehrper-
sonals wird immer prekärer.

Jetzt liegt hier ein neues Paket vor, durch das Abhilfe
geschaffen werden soll. Der Bund übernimmt die kom-
plette Finanzierung des BAföG, im Gegenzug sollen die
Länder der Lockerung des Kooperationsverbotes zustim-
men, und die frei werdenden Mittel, die dadurch entste-
hen, dass der Bund das BAföG übernimmt, sollen die
Länder in die Hochschulen stecken. Das hat Frau Wanka
gerade ausgeführt. So weit die Planungen der Großen
Koalition.

Man denkt zuerst, dass jetzt zumindest die richtigen
Stellschrauben angepackt wurden. Aber dann schaut
man sich das ganze Konstrukt genauer an und stellt fest,
dass Schwarz-Rot, wenn es hochkommt, die Stellschrau-
ben vielleicht lockert, aber sicherlich nicht wirklich
dreht. Sie weigern sich, an die grundsätzlichen Probleme
heranzugehen. An die strukturellen Fehlkonstruktionen
und an die chronische Unterfinanzierung gehen Sie nicht
ran.


(Albert Rupprecht [CDU/CSU]: 4 Milliarden Euro vonseiten des Bundes mehr!)


Das, was die Koalition hier als Meilenstein zu feiern ver-
sucht, ist in Wirklichkeit die Fortsetzung einer kurzatmi-
gen und planlosen Politik, leider mit gravierenden Fol-
gen für Schülerinnen und Schüler, für Eltern und für
Studierende. Das ist das Verheerende an der Situation.


(Beifall bei der LINKEN)


Kommen wir einmal zu den Details: Die Länder sol-
len jetzt durch die Übernahme der Kosten für das BAföG
durch den Bund mehr Mittel zur Verfügung haben und
diese in die Hochschulen stecken. Aber die Länder set-
zen die Gelder doch gar nicht so ein, wie es von Ihnen
geplant wurde.

In fast allen Bundesländern, die Angaben zur Verwen-
dung der Gelder gemacht haben, liegen die Beträge, die
jetzt zusätzlich in die Bildung gehen sollen, niedriger,
als es von der Bundesregierung angekündigt wurde. Of-
fensichtlich wird ein Teil der Gelder schlicht dazu ver-
wandt, um die klammen Länderhaushalte zu sanieren.
Darüber hinaus setzen einige Bundesländer selbst andere
Prioritäten als von der Regierung gewollt: Niedersach-
sen will jetzt die Gelder lieber in den Kitaausbau und
Schleswig-Holstein lieber in die Schulen stecken.


(Beifall des Abg. Thomas Oppermann [SPD] – Thomas Oppermann [SPD]: Dafür ist es gedacht!)


Jetzt ist der Aufschrei bei den Hochschulen verständ-
licherweise groß, denn die finanzielle Not ist angesichts
steigender Studierendenzahlen und jahrelanger Unterfi-
nanzierung groß. Der Präsident des Deutschen Hoch-
schulverbandes, Professor Kempen, nannte die Tatsache,





Nicole Gohlke


(A) (C)



(D)(B)

dass die Gelder nun wohl zu einem großen Teil eben
nicht bei den Hochschulen ankommen werden, schlicht
eine „Schweinerei“.


(Beifall bei der LINKEN)


Ich kann seine Wut verstehen; denn die Koalition hat Er-
wartungen geweckt, denen sie jetzt gar nicht gerecht
werden kann.

Es ist doch einfach dilettantisch, wenn die Bundesre-
gierung auf meine Nachfrage, welche Ländervertreter ei-
gentlich an dieser Vereinbarung beteiligt waren, antwor-
ten muss, dass bis auf den Ersten Bürgermeister von
Hamburg überhaupt keine Ländervertreter mit am Tisch
saßen, sondern dass diese Vereinbarung einzig durch die
Koalitionsspitzen im Bund verabredet wurde. Das muss
man erst mal hinkriegen: eine Vereinbarung mit den
Ländern zu verkünden, an der die Länder nicht beteiligt
waren, und sich dann aber ganz empört zu zeigen, dass
die Länder einfach Dinge anders entscheiden, als die
Große Koalition sich das ausgedacht hatte.


(Beifall bei der LINKEN)


Aber mal ganz ehrlich: Was ist das eigentlich für eine
traurige Debatte, die wir hier führen müssen? Es ist eine
Debatte, in der sich Bundespolitiker mit Landespoliti-
kern darüber streiten, was wichtiger ist und wohin das
Geld gehen soll: in die frühkindliche Bildung, in die Ki-
tas oder zu den Studierenden in die Unis, in gute Schu-
len oder in gute Arbeitsbedingungen in der Wissen-
schaft. So ein Gegeneinander-Ausspielen von Bildung
ist unerträglich.


(Beifall bei der LINKEN)


Wie muss eine solche Diskussion bei den Menschen
ankommen? Da rügt der Bund die Länder, weil Geld in
Schulen investiert wird. Da werde ich als Hochschul-
politikerin in Interviews gefragt, wie schlimm ich es
finde, wenn Kitaplätze statt Studienplätze geschaffen
werden. Was ist das für eine Frage!


(Zuruf von der SPD: Da muss man vorgreifen!)


Natürlich will man beides: gute Studienbedingungen an
den Unis und gute Bedingungen in den Kitas und Schu-
len.


(Beifall bei der LINKEN – Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Das wollen wir auch!)


Ich finde es armselig, wie diese Regierung hier eine
Situation konstruiert hat, in der man sich vor lauter
schlecht gemachter Politik entscheiden muss, ob die Bil-
dung der Dreijährigen oder die der 19-Jährigen Vorrang
hat.


(Beifall bei der LINKEN)


Und dabei wäre die Lösung denkbar einfach: Wenn wir
dieses absurde Verbot, dass Bund und Länder in der Bil-
dung zusammenarbeiten dürfen, endlich komplett ab-
schaffen würden, hätte sich das Problem erledigt.


(Beifall bei der LINKEN)

Der Bund muss die Möglichkeit haben, Bildung direkt
zu finanzieren. Dann bräuchte es kein Feilschen um
Prioritäten und um Zuständigkeiten, dann bräuchte es
keine Deals, und Frau Wanka müsste im Übrigen nicht
ständig große Ankündigungen machen, für deren Umset-
zung sie dann aber gar nicht zuständig ist – der Bund
hätte schlicht und ergreifend Verantwortung.


(Albert Rupprecht [CDU/CSU]: Völlig fern der Realität! Keine Ahnung!)


Frau Wanka, ich frage mich auch, ob Sie Ihre oft wie-
derholte Aussage, wie sehr Sie die Länder finanziell ent-
lasten, eigentlich noch selbst glauben. Jetzt ist Ihnen of-
fenbar übers Wochenende der nächste Einfall
gekommen, und Sie fordern, die Länder müssten sich an
den DFG-Programmpauschalen beteiligen, sonst stünde
gar der Hochschulpakt zur Disposition.


(Tankred Schipanski [CDU/CSU]: Sehr richtig! 1,2 Milliarden!)


Aber die BAföG-Gelder werden doch nicht mehr, nur
weil man oft über sie redet.


(Beifall bei der LINKEN)


Was Sie da machen, ist nichts anderes, als die Substanz
der Hochschulen noch weiter anzugreifen und mit den
Perspektiven der jungen Menschen zu spielen.

Was die Bundesregierung hier mit ihrem „Paket“ auf
den Tisch legt, ist am Ende weder eine zufriedenstel-
lende Lösung für das BAföG – angesichts dessen, dass
Sie die Erhöhung einfach mal um zwei Jahre aussitzen,
scheinen Sie die Lebensrealität der Studierenden nicht so
richtig vor Augen zu haben –,


(Beifall bei der LINKEN)


noch präsentieren Sie hier eine Lösung für die Finanzie-
rung von Bildung insgesamt. Das hätten aber alle, die
Studierenden genauso wie die Schülerinnen und Schüler
und die Kitakinder, verdient.

Vielen Dank.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805700300

Für die SPD-Fraktion hat nun Thomas Oppermann

das Wort.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Thomas Oppermann (SPD):
Rede ID: ID1805700400

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Ich möchte mich zunächst einmal bei Bundes-
ministerin Wanka und bei den Bildungspolitikern der
Koalitionsfraktionen, allen voran Hubertus Heil und
Ernst Dieter Rossmann, dafür bedanken,


(Zuruf von der CDU/CSU: Erst danach kommt Albert Rupprecht!)


dass es gelungen ist, diesen Gesetzentwurf so zügig zu
beraten. Wir erhöhen heute das BAföG. Wir stärken die
Bildungsfinanzkraft der Länder, und wir lockern das





Thomas Oppermann


(A) (C)



(D)(B)

Kooperationsverbot. Das ist in der deutschen Bildungs-
politik ein großer Schritt nach vorne.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Lockern reicht aber nicht!)


Wenn Sie sich fragen, warum ich als Fraktionsvorsit-
zender in der ersten Lesung dieses Gesetzentwurfs hier
reden darf, dann gibt es dafür eine Erklärung: Für uns
Sozialdemokraten hat das BAföG eine ganz besondere
Bedeutung: Das BAföG wurde 1971 von der sozial-libe-
ralen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt einge-
führt. Es ist bis heute eines der besten Instrumente, um
jungen Menschen durch Bildung und Leistung den so-
zialen Aufstieg in einer modernen Gesellschaft zu er-
möglichen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Generationen von Studierenden haben vom BAföG
Gebrauch gemacht. Rund 4,5 Millionen junge Menschen
wurden bis heute gefördert. Damit wurde das zentrale
Versprechen der sozialen Marktwirtschaft eingelöst,
nämlich dass alle, unabhängig von ihrer Herkunft, die
gleichen Chancen auf Bildung und Ausbildung haben
müssen und darauf, etwas aus ihrem Leben zu machen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


In diesem Sinne hat das BAföG lange Zeit unglaub-
lich gut funktioniert. Seit gestern kann ich Ihnen dafür
ein ganz prominentes Beispiel nennen: Nach langer Zeit
hat Deutschland wieder einen Nobelpreis gewonnen.
Der Göttinger Physiker und Max-Planck-Forscher
Stefan Hell wurde mit dem Nobelpreis ausgezeichnet:


(Tankred Schipanski [CDU/CSU]: Stipendiat der Adenauer-Stiftung! – Volker Kauder [CDU/ CSU]: Adenauer-Stipendiat! – Heiterkeit bei der CDU/CSU – Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Am Ende war es die Große Koalition und nicht der Mann selber!)


für seine bahnbrechenden Forschungen in der Nano-Bio-
photonik, in der Lichtmikroskopie.

Stefan Hell ist Mitte der 70er-Jahre als 15-Jähriger
aus dem rumänischen Banat nach Deutschland einge-
wandert. Er musste sich hier erst einmal neu orientieren.
Er hat als Schüler BAföG bekommen. Daran können Sie
sehen, wie weit es BAföG-Empfänger bringen können.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, Professor Hell
auch von hier die besten Glückwünsche zu übermitteln.
Seine Auszeichnung ist eine große Ehre für den gesam-
ten Wissenschaftsstandort Deutschland.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Thomas Gambke [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])


Dabei war die Wirkung des BAföG keineswegs auf
das Finanzielle beschränkt; denn es gab beim Hoch-
schulzugang nicht nur finanzielle, sondern es gab immer
auch kulturelle Barrieren. In vielen Arbeiter- und Nicht-
akademikerfamilien wurde es oft nicht als statthaft ange-
sehen, Abitur zu machen oder sich gar auf ein Studium
einzulassen, nach dem Motto: Da gehören wir nicht hin. –
Das BAföG dagegen hat eine ganz andere Botschaft ver-
mittelt: Ihr seid hier willkommen. Euch wird geholfen,
wenn ihr Hilfe braucht. – Das hat vielen Eltern die Angst
vor einem Studium ihrer Kinder genommen. Das hat vie-
len jungen Menschen die Tür für eine Hochschulbildung
geöffnet.


(Beifall bei der SPD)


Ich muss sagen: Kaum etwas anderes hat unsere Gesell-
schaft so positiv verändert wie diese unglaubliche Bil-
dungsexpansion seit den 70er-Jahren.


(Beifall bei der SPD)


Vor der Einführung des BAföG war das Studium nur
ganz wenigen Auserwählten vorbehalten. Ende der 60er-
Jahre hatten wir etwa 300 000 Studierende, die Akade-
mikerquote lag bei 5 Prozent. Damit wäre Deutschland
heute bei weitem nicht mehr wettbewerbsfähig. Aber mit
der Einführung des BAföG hat sich das schnell geändert:
Die Anzahl der Studierenden hat sich innerhalb von zehn
Jahren verdoppelt. Heute haben wir 2,6 Millionen Stu-
dierende, so viel wie noch nie zuvor.

Diese gewaltige Bildungsexpansion hat unser Land
ökonomisch und sozial von Grund auf verändert. Sie hat
gut ausgebildete Fachkräfte und kaufkräftige Mittel-
schichten und den damit verbundenen Wohlstand her-
vorgebracht. Damit hat das BAföG unsere Gesellschaft
nicht nur sozial gerechter und durchlässiger gemacht,
sondern es hat auch ganz maßgeblich zur Modernisie-
rung unserer Volkswirtschaft beigetragen. Ohne Bun-
desausbildungsförderung wäre die Entwicklung unseres
Landes zu einer modernen Industrie- und Dienstleis-
tungsgesellschaft so nicht gelungen. Deshalb, meine Da-
men und Herren, ist es richtig, dass wir diese Erfolgsge-
schichte des BAföG jetzt fortschreiben.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Frau Wanka hat berichtet, was wir tun. Wir erhöhen
die Freibeträge und Bedarfssätze um 7 Prozent. Mich
freut besonders, dass wir dadurch, durch die Erhöhung
der Freibeträge, zusätzlich 100 000 jungen Menschen
die Förderung durch BAföG erlauben. Das ist eine ganz
gezielte Förderung für Kinder aus den Mittelschichten,
die jetzt stärker gefördert werden. Auch beim Meister-
und Schüler-BAföG werden die Bedarfssätze angepasst.
Wer über BAföG redet, sollte nicht unerwähnt lassen,
dass fast 150 000 junge Menschen an Berufsschulen mit
BAföG gefördert werden,


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


um sich auf ein Fachabitur, ein Wirtschaftsabitur oder
Sonstiges vorzubereiten und möglicherweise dann eine
Ausbildung oder ein Studium zu ergreifen.

Insgesamt ist das die größte BAföG-Anhebung seit
2008. Indem wir den Kreis der Anspruchsberechtigten





Thomas Oppermann


(A) (C)



(D)(B)

erweitern, erhöhen wir für viele die Bildungschancen.
Das ist auch notwendig, meine Damen und Herren; denn
Bildung, Ausbildung, Studium und Weiterbildung sind
nach wie vor der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. Ein
Blick auf den Arbeitsmarkt belegt das. Die Arbeitslosen-
quote bei Akademikern liegt bei ungefähr 2,5 Prozent.
Das ist praktisch Vollbeschäftigung. Bei Arbeitneh-
merinnen und Arbeitnehmern mit einer Ausbildung liegt
sie bei 5 Prozent, und bei Ungelernten liegt sie bei 19,
20 Prozent. Letzteres muss uns natürlich Sorgen ma-
chen.

Fast 1,5 Millionen der 20- bis 30-Jährigen in Deutsch-
land haben keinen Schulabschluss. Sie werden keine
Ausbildung machen können. Die können wir mit BAföG
nicht erreichen; dafür brauchen wir andere Angebote.
Aber wir können heute schon dafür sorgen, dass in Zu-
kunft alle einen Schulabschluss und eine Berufsaus-
bildung machen. Dafür ist diese BAföG-Reform der
erste Schritt. Denn wir beschränken uns nicht auf eine
BAföG-Erhöhung, sondern wir machen eine Reform mit
einem Doppeleffekt.

Erstens bekommen die aktuell geförderten Studieren-
den mehr Geld, und wir erweitern den Kreis der Geför-
derten. Aber zweitens entlasten wir die Länder bei den
BAföG-Kosten jährlich um 1,17 Milliarden Euro. Diese
Entlastung durch den Bund führt dazu, dass die Länder
in dieser Legislaturperiode 3,5 Milliarden Euro mehr für
Bildung zur Verfügung haben: für Kitas, Schulen und
Hochschulen. So ist es verabredet, und wir werden ge-
nau darauf achten, dass diese frei werdenden Mittel auch
tatsächlich in die Bildung investiert werden.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich hoffe sehr, dass die Länder jeden Cent dieser frei
werdenden Mittel in die Bildung investieren, die früh-
kindliche Bildung stärken;


(Albert Rupprecht [CDU/CSU]: Nein! Schulen und Hochschulen ist die Vereinbarung! So geht es nicht!)


denn die Qualität von Kitas und Grundschulen hat ganz
großen Einfluss darauf, wie sich Sprache, Intelligenz
und Kreativität bei jungen Menschen entwickeln.


(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Was können die Länder denn machen?)


Viel zu lange haben wir für die frühen Stufen des Bil-
dungssystems, wo am stärksten über die Chancen ent-
schieden wird, das wenigste Geld ausgegeben. Das wer-
den wir jetzt ändern, meine Damen und Herren.


(Beifall bei der SPD)


Mit dieser Reform können wir dafür sorgen, dass
junge Menschen, die heute noch weit von BAföG ent-
fernt sind, durch einen guten Schulabschluss an BAföG
herangeführt werden. Erstmals in Deutschland haben wir
genauso viele Studierende wie junge Menschen im dua-
len System. Aber das bedeutet nicht, dass die Berufsaus-
bildung in Zukunft weniger wichtig wird, ganz im Ge-
genteil.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die ganze Welt beneidet unsere Wirtschaft um ihre
Facharbeiter, für das, was sie heute können, vor allem
aber dafür, was sie morgen können werden bzw. wie ent-
wicklungsfähig sie sind. Das spüren wir gerade in der
sich durch Vernetzung und Digitalisierung rasch verän-
dernden Produktion, Stichwort: Industrie 4.0. Wir brau-
chen Ingenieure. Aber wir brauchen auch exzellent aus-
gebildete Facharbeiter und Techniker; das ist wichtig.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Deshalb werden wir nicht zulassen, dass die berufliche
Bildung und die akademische Bildung gegeneinander
ausgespielt werden.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das sagen Sie mal Ihrem Koalitionspartner!)


Wir werden dafür sorgen, dass auch der Weg über die be-
rufliche Bildung attraktiv bleibt und nicht zu einer Sack-
gasse wird. Wir haben die Allianz für Aus- und Weiter-
bildung. Wir werden noch in dieser Legislaturperiode
das Meister-BAföG deutlich reformieren und verbes-
sern.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich bin dafür, dass wir beide Bildungswege gleich
wertschätzen und fördern, weil wir beide brauchen, um
unsere industriellen Vorteile voll zu nutzen und auszu-
bauen. Lassen Sie uns daran arbeiten!

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805700500

Ich erteile das Wort dem Kollegen Kai Gehring für

die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.


Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805700600

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die

Koalition ist selbstzufrieden. Die Studierenden, Schüler
und Eltern können es aber nicht sein. Als Arbeiterkind
sage ich sehr klar: Das BAföG ist Chancengerechtig-
keits- und Bildungsaufstiegsgesetz. Deswegen hat es
deutlich mehr verdient als das, was Sie als Koalition
heute vorlegen. Herr Oppermann, es ist enttarnend, dass
Sie vor allem über die letzten 40 Jahre referiert haben
und weniger darüber, was die nun anstehende Novelle
bringt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Thomas Oppermann [SPD]: Das haben Sie wohl komplett ausgeblendet!)


Vier Jahre ohne BAföG-Reform haben die Ausbil-
dungsfinanzierung für Studierende und Schüler schlicht-
weg geschwächt. In Ihrem Koalitionsvertrag haben Sie
als Koalition das BAföG glatt vergessen. Wie peinlich
war das eigentlich? Nun hat die Regierung doch noch er-





Kai Gehring


(A) (C)



(D)(B)

kannt, dass sie beim BAföG nicht untätig bleiben darf.
Mit dieser Fünfundzwanzigsten BAföG-Novelle widmet
sich die Bundesregierung sicherlich vielen Baustellen.
Sie geht diese aber überaus halbherzig an. Alle Änderun-
gen sollen zudem erst in zwei Jahren, also Ende 2016,
greifen. Beides ist enttäuschend.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Das bedeutet: Weil Sie als SPD und Union nicht zügig
handeln, werden allein in den nächsten beiden Jahren
60 000 junge Menschen aus dem BAföG-Berechtigten-
kreis herausrutschen. Frau Wanka, wir Grüne beherr-
schen die Grundrechenarten und überstehen damit jeden
Faktencheck.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Die Zahl von 60 000 Studierenden ist noch tief gestapelt;
denn 2011, 2012, 2013 und 2014 gab es keine BAföG-
Reform,


(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Taschenspieler!)


es gab aber eine Preisentwicklung, eine Inflation, und
eine Einkommensentwicklung. Das heißt, aus dem
BAföG-Berechtigtenkreis sind noch ein paar Tausend
mehr herausgerutscht. Dass die Generationen, die zwi-
schen 2010 und Ende 2016 nicht von einer BAföG-Re-
form profitieren konnten, also zwölf Semester studiert
haben, ohne dass sich etwas zu ihren Gunsten verändert
hat, Nullrunden verordnet bekommen haben, verletzt
den Grundsatz der Chancengerechtigkeit. Das ist ein
Rückschlag für Studierende und Eltern. Das können wir
nicht hinnehmen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Frau Wanka, Sie verordnen der jungen Generation
zwei weitere BAföG-Nullrunden; das muss heute so klar
ausgesprochen werden. Damit verzögern Sie nicht nur
die überfällige soziale Öffnung der Hochschulen. Viel-
mehr handeln Sie in Zeiten des Fachkräftemangels öko-
nomisch kurzsichtig. Ihre BAföG-Novelle bringt zu we-
nig und kommt viel zu spät. Laut Novelle wird der Bund
in rund drei Monaten, ab dem 1. Januar 2015, für das
BAföG allein zuständig sein. Das heißt, Sie als Bundes-
regierung können sich ab sofort nicht mehr hinter den
Ländern verstecken, sondern können das BAföG im Al-
leingang ändern. Es gibt deshalb keinen Grund, Studie-
renden und Schülern weitere Warteschleifen zu verord-
nen. Statt eines kleinen Wurfs 2016 brauchen diese
sofort ein höheres und besseres BAföG. Sie müssen klot-
zen statt kleckern.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Das BAföG soll zum Leben reichen und Studieren fi-
nanzieren. Es soll insbesondere diejenigen zum Studium
ermuntern, deren Eltern wenig verdienen, nicht studiert
oder eine Einwanderungsgeschichte haben. Dafür brau-
chen wir eine Studienfinanzierung, die deutlich höher,
weniger bürokratisch, Bologna- und familiengerechter
ist.

Auch wenn der Regierungsentwurf dazu einige Schritte
enthält, fragen wir uns schon, warum einige wesentliche
Punkte fehlen. Warum erhöhen Sie den Kinderzuschlag
für BAföG-berechtigte Eltern erst in zwei Jahren? Wa-
rum ermöglichen Sie keine Teilzeitförderung? Warum
erhöhen Sie die Förderdauer für Studierende, die Ange-
hörige pflegen, nicht? Und warum sperren Sie sich ge-
gen den Grünen-Vorschlag eines Weiterbildungs-BAföG,
anstatt endlich gezielt in das lebenslange Lernen zu in-
vestieren?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Warum halten Sie auch an diesem ungerechten Prestige-
projekt und letztlich Ladenhüter „Deutschlandstipen-
dium“ fest, anstatt auch diese Mittel endlich ins BAföG
zu investieren und etwas für Bildungsaufstieg zu tun?

All diese Punkte könnten Sie doch jetzt in Ihrer No-
velle angehen. Es darf nicht sein, dass die junge Genera-
tion nach der teuren Rentenreform noch einmal das
Nachsehen hat. Bei der Rente zügig geklotzt und beim
BAföG langsam gekleckert: Das ist weder chancen-
noch generationengerecht.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Rentner gegen Studis ausspielen, das ist aber sehr fies! Das ist fies!)


Ich will Ihnen noch zu drei zentralen Punkten etwas
sagen,


(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Oma gegen Junge ausspielen!)


wo wir als Grüne Alternativen zur Regierung vorgelegt
haben; denn wer das BAföG substanziell verbessern
will, muss erstens den Fördersatz für Studierende und
Schüler deutlich steigern sowie auch die Freibeträge
deutlich höher schrauben, damit das Mittelschichtsloch
im BAföG nicht weiter wächst, sondern endlich wieder
die Zahl der BAföG-Berechtigten.

Ich sage es Ihnen noch einmal: Wenn Sie als Koali-
tion in zwei Jahren die BAföG-Sätze um 7 Prozent erhö-
hen, ignorieren Sie die Preis- und Einkommensentwick-
lung; dann surfen Sie unter der Inflation durch. Ihre
Erhöhung klingt gut, hält mit der Inflation aber keines-
falls Schritt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Das heißt, 2010 war BAföG mehr wert, als es 2016 wert
sein wird. Deswegen beantragen wir: Bedarfssätze und
Freibeträge müssen um 10 Prozent rauf, und zwar zum
nächstmöglichen Zeitpunkt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Zweitens. Wir sehen doch, was in den Universitäts-
städten los ist, wie schwierig es ist, als Student Wohn-
raum zu finden. Wir wollen deshalb auch, dass Wohn-
kosten angemessen erstattet werden. Für 250 Euro, die
Sie hier als Pauschale ansetzen, gibt es in München,





Kai Gehring


(A) (C)



(D)(B)

Köln oder Hamburg wohl kaum eine Studentenbude.
Wir wollen die Mietkostenpauschale staffeln und an die
regionalen Durchschnitte anpassen. Die eigene Woh-
nung ist ein wichtiger Schritt zur Selbstständigkeit, die
gerade für Studierende aus einkommensarmen Eltern-
häusern leichter zu finanzieren sein muss. Also, auch das
ist dringend verbesserungsbedürftig.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Drittens. Mich ärgert es seit vielen Jahren, dass im-
mer wieder viele Jahre bzw. mehrere Studierendengene-
rationen ins Land gehen, bevor sich beim BAföG etwas
tut. Das ist ungerecht und unbefriedigend. Wir fordern
Sie daher auf, im BAföG Indizes für eine dynamische,
regelmäßige und automatische Erhöhung von Fördersät-
zen und Freibeträgen einzuführen.


(Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wie bei den Diäten!)


Die SPD wollte das auch, die CDU offensichtlich nicht.
Beim ALG und bei der Rente geht’s, sogar bei den Diä-
ten geht’s; bei den Studierenden nicht. Sorgen Sie end-
lich für eine automatische Anpassung. Dann ist nämlich
Schluss mit Regierungswillkür. Das bringt mehr Be-
rechenbarkeit und Verlässlichkeit ins BAföG. Deshalb
sollten Sie diesen Schritt jetzt tun.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Meine Damen und Herren, wir stehen am Anfang der
parlamentarischen Debatte um die Fünfundzwanzigste
BAföG-Novelle, und ich bin am Ende meiner Rede an-
gelangt.


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805700700

Sehr gute Beobachtung.


Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805700800

Nutzen wir die neuen Freiheiten, die darin bestehen,

dass der Bund ab 2015 das BAföG allein finanziert.
Union und SPD können und müssen sich hier im Hohen
Hause einen Ruck geben und die soziale Öffnung der
Hochschulen forcieren, statt weiter zu verzögern. Eine
echte BAföG-Reform – die geht besser, und die geht
schneller. Das lesen Sie im Grünenantrag. Ich freue mich
auf die weiteren Beratungen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805700900

Nächster Redner ist der Kollege Stefan Kaufmann für

die CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Stefan Kaufmann (CDU):
Rede ID: ID1805701000

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Meine Damen und Herren! Wir reden auch dieser Tage
viel über Bildungsgerechtigkeit und Bildungschancen.
Gerade vorhin hatten wir ein interfraktionelles Gespräch
mit der Initiative „ArbeiterKind.de“, die sich zum Ziel
gesetzt hat, den Anteil der Arbeiterkinder unter den Stu-
dierenden zu erhöhen. Für all diese Bemühungen gibt es
ein Instrument, ja ein Zauberwort, um das uns viele Staa-
ten beneiden, meine Damen und Herren: BAföG.

Wir haben es gehört: Über 4,5 Millionen junge Men-
schen, Studierende, Schüler und Meisterschüler, haben
bisher von diesem Gesetz profitiert – eine wahre Er-
folgsgeschichte. Ich bin Ihnen, lieber Herr Oppermann,
dankbar, dass Sie in diesem Zusammenhang explizit auf
die Bedeutung der beruflichen Bildung hingewiesen ha-
ben, die uns in dieser Koalition auch sehr wichtig ist.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Heute freue ich mich jedenfalls, dass wir in erster Le-
sung über unsere große BAföG-Reform debattieren. Da-
für haben wir jahrelang gekämpft. Mit der Finanzie-
rungseinigung von Schäuble und Scholz, nicht etwa von
Schulz und Scholz, wie irritierenderweise in der letzten
Haushaltsdebatte gesagt wurde, können wir einen gro-
ßen Aufschlag für eine Weiterentwicklung des BAföG
machen. Dass dies nicht früher geschah, lieber Kai
Gehring, ist allein auf die Blockadehaltung der Länder
zurückzuführen. In den Ländern sind die Grünen nun
einmal auch an sehr vielen Regierungen beteiligt.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das stimmt nicht!)


– Doch, das stimmt. – Das muss einmal gesagt werden.
Die Ministerin hat es gemacht.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt können Sie sich nicht mehr hinter den Ländern verstecken!)


Für meine Partei kann ich sagen, dass dieser große
Aufschlag praktisch unsere sämtlichen Forderungen ent-
hält, Forderungen, die wir im guten Einvernehmen mit
dem Haus in den letzten Jahren bereits eingebracht und
angeregt hatten. Was wird beschlossen? Damit es nun
auch bei der Opposition wirklich ankommt: Eine kräf-
tige Erhöhung der Bedarfssätze um 7 Prozent, für aus-
wärts wohnende Studierende steigt der Höchstsatz sogar
um fast 10 Prozent. Die Freibeträge steigen um 7 Pro-
zent. Damit erhöhen wir den Kreis der Geförderten
– auch das wurde gesagt – um über 110 000 Studierende
und Schülerinnen und Schüler.

Der Wohnzuschlag wird um 27 Euro auf 250 Euro
angehoben. Die Hinzuverdienstgrenze für Minijobber
wird angehoben. Ein Minijob kann künftig wieder bis
zur vollen Höhe von 450 Euro ohne Anrechnung auf das
BAföG ausgeübt werden. Die Vermögensfreibeträge für
die Studierenden werden auf 7 500 Euro angehoben. Die
Kinderbetreuungszuschläge werden vereinheitlicht und
auf 130 Euro für alle Kinder angehoben. Die Förderungs-
lücke zwischen Bachelor- und Masterstudium – das ist
ganz wichtig – wird geschlossen, zum Beispiel indem
wir den Zeitpunkt der Notenbekanntgabe als Studienab-
schluss definieren. Zudem wird in Umsetzung der
EuGH-Entscheidung die Förderungsfähigkeit für Aus-
bildungen im Ausland erhöht, und die Vorabzahlungen





Dr. Stefan Kaufmann


(A) (C)



(D)(B)

bei einer verzögerten Antragsbearbeitung werden auf
80 Prozent des zustehenden Bedarfs erhöht.

Was für mich ganz besonders wichtig war, sind die
Vereinfachungen – Stichwort: Entbürokratisierung –:
weniger Leistungsnachweise und vor allem die elektro-
nische Antragstellung. Dafür habe ich mich persönlich
besonders eingesetzt; denn es sollte im Jahr 2014 mög-
lich sein, dass Anträge nicht nur in Papierform abgege-
ben werden können. Wie bei einer Steuererklärung auch
sollte zumindest das Angebot einer Onlinebearbeitung
gemacht werden. Das hat im Übrigen viele Vorteile, so-
wohl für die Studierenden als auch für die Ämter, bei-
spielsweise durch die sofortige Fehlerkorrektur, wenn et-
was falsch ausgefüllt wurde.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Deshalb werden wir alle Länder mit diesem Gesetz
verpflichten, bis zum 1. August 2016 eine elektronische
Antragstellung zu ermöglichen. Dies ist mehr als über-
fällig. Aus vielen Gesprächen mit Studierenden und von
Besuchen von BAföG-Ämtern weiß ich, wie wichtig ge-
rade diese nichtmonetären Punkte bei der BAföG-Re-
form sind, die wir in unserer Novelle anpacken. Denn
was nützen 10 Euro mehr im Monat, wenn ich weg von
zu Hause bin und monatelang auf meine erste Überwei-
sung warten muss oder in der Prüfungsphase auf einmal
der BAföG-Anspruch endet?

Zusammenfassend: Diese große BAföG-Reform von
Union und SPD wird zu massiven Verbesserungen für
die Studierenden und bei der Chancengerechtigkeit in
Deutschland führen. Darüber hinaus – auch das haben
wir gehört – wird mit diesem Gesetz der Bund bereits ab
1. Januar 2015 die BAföG-Kosten zu 100 Prozent über-
nehmen. In dieser Alleinzuständigkeit des Bundes liegt
eine große Chance. Zum einen wird es zukünftig keine
Zustimmungspflicht der Länder und damit eben auch
keine Blockademöglichkeit mehr geben. Der Bund kann
künftig diese wichtigste Säule der Studierendenförde-
rung in Deutschland in Eigenregie weiterentwickeln.
Diese Entflechtung der Zuständigkeiten ist ein enormer
Gewinn und vorbildhaft für so manches verschränkte
Politikfeld in unserer föderalen Ordnung.

Zum anderen liegt die große Chance in der unglaub-
lich hohen Summe, die damit den Ländern ab Januar
nächsten Jahres für den Bildungsbereich zusteht. Wir ha-
ben es gehört: 1,17 Milliarden Euro jährlich und das
dauerhaft.

Jetzt können die Länder, die verfassungsrechtlich für
die Bildung zuständig sind, zeigen, wie viel sie tatsäch-
lich für die Bildung an Schulen und Hochschulen übrig
haben.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Viele Länder, etwa Bremen, Hessen oder Bayern,
wollen die Mittel ja vereinbarungsgemäß für Schulen
und Hochschulen verwenden – und nicht für Kitas, Herr
Oppermann. Andere Länder dagegen liebäugeln mit Ki-
taförderung oder mit der Haushaltskonsolidierung. Da-
bei wäre jetzt der ideale Zeitpunkt, dass die Länder end-
lich die lange stagnierende Grundfinanzierung der
Hochschulen erhöhen. Jetzt haben sie die Möglichkeit,
dem Lamento der letzten Jahre auch Taten folgen zu las-
sen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Mit den frei werdenden Mitteln könnte theoretisch an
jeder Universität und jeder Fachhochschule in Deutsch-
land der Grundetat auf einen Schlag um 5 Prozent erhöht
werden. Alternativ wäre auch eine Länderbeteiligung
oder eine Zusatzfinanzierung der Länder bei der Pro-
grammpauschale wünschenswert. Bisher schlagen sich
die Länder hier aber leider in die Büsche, und das geht
nicht, meine Damen und Herren.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Mit dem Gesetzentwurf, den wir heute in erster Le-
sung debattieren, werden also hohe Summen für Bildung
frei, und der Ball kommt in das Spielfeld der Länder.
Jetzt sind sie am Zug und können, ja, müssen massive
Verbesserungen für die Schulen und Universitäten in
Deutschland umsetzen. Ich bin gespannt und hoffnungs-
voll, was diesen Punkt angeht.

Jetzt noch ein Wort zum BAföG-Antrag der Grünen,
der uns vorliegt. Es ist ja begrüßenswert, dass auch Sie
sich Gedanken über das BAföG machen, liebe Kollegen.


(Lachen bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Aber Ihre Forderungen zeigen wenig Weitsicht. Sie for-
dern die Trennung der Gesetzgebungsverfahren zum
Fünfundzwanzigsten BAföG-Änderungsgesetz und zur
Verfassungsänderung bei Artikel 91 b Grundgesetz. Wa-
rum? Weil Frau Löhrmann von den Grünen in NRW von
einer Erpressung gesprochen hat. Frau Bauer aus Baden-
Württemberg sieht das ganz anders; das wissen Sie sehr
gut. Sie begrüßt unseren Gesetzentwurf ausdrücklich.
Mal hü, mal hott, so sind die Grünen derzeit.


(Sabine Weiss [Wesel I] [CDU/CSU]: So sind sie immer!)


Von einer konstruktiven Opposition sind sie leider weit
entfernt.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Und immer wieder ihr gebetsmühlenhafter Ruf – Sie
haben es gesagt, lieber Kollege Gehring – nach Einstel-
lung des Deutschlandstipendiums. Fakt ist: Die Zahl der
Stipendien ist im letzten Jahr um 42 Prozent gestiegen.
Mittlerweile gibt es mehr mit einem Deutschlandstipen-
dium geförderte Studierende als von allen Begabtenför-
derungswerken zusammen geförderte Studierende. Für
mich sprechen diese Zahlen eine eindeutige Sprache,
nämlich die eines erfolgreichen Programms, lieber Kai
Gehring.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie des Abg. Willi Brase [SPD])


Abschließend möchte ich noch einmal die Gemein-
samkeit mit dem Koalitionspartner betonen. Wir sind
uns sehr schnell über die Reformen einig geworden und
haben hier wirklich eine substanzielle Reform vorgelegt.





Dr. Stefan Kaufmann


(A) (C)



(D)(B)

Wir zeigen damit, dass wir als Regierungskoalition han-
deln und umsetzen, so wie es zu Recht erwartet wird.

Bedanken möchte ich mich zuallerletzt beim Ministe-
rium, insbesondere bei Ihnen, Frau Ministerin Wanka,
bei Herrn Staatssekretär Rachel und auch bei Herrn
Schepers für die sehr gute Zusammenarbeit bei dieser
großen BAföG-Reform. In diesem Sinne, liebe Kollegin-
nen und Kollegen, freue ich mich auf eine konstruktive
Zusammenarbeit im parlamentarischen Prozess.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805701100

Nächste Rednerin ist die Kollegin Rosemarie Hein für

die Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Rosemarie Hein (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805701200

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Meine lieben Kollegen von der SPD, Sie haben sich vor-
hin so aufgeregt, als sich meine Kollegin Nicole Gohlke
vor allen Dingen über die Grundgesetzänderung und den
Zusammenhang mit dem BAföG geäußert hat.


(Tankred Schipanski [CDU/CSU]: Weil die Debatte morgen ist, Frau Hein! Sie verwechseln es! – Zuruf von der SPD: Das war die Rede von morgen!)


Aber ich bitte Sie: Sie haben doch ein Koppelgeschäft
daraus gemacht, nicht wir.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Sie haben am 19. September 2014 im Bundesrat erst den
Ländern die Zustimmung zur Grundgesetzänderung ab-
verlangt, und danach kam die BAföG-Entscheidung. Das
kann man im Protokoll nachlesen. Daher müssen Sie
sich jetzt nicht wundern, dass wir dies auch in diesem
Zusammenhang behandeln.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ich bin mir im Übrigen überhaupt nicht sicher, ob der
versprochene Nutzen – der soll ja bei einem Koppelge-
schäft vorhanden sein – tatsächlich eintritt. Aber darüber
reden wir morgen noch einmal.


(Dr. Daniela De Ridder [SPD]: Eben!)


Dass nun der Bund die Kosten für das BAföG voll-
ständig übernimmt, ist, glaube ich, schon ein richtiger
Schritt – endlich; denn das hätte man sicherlich auch
vorher schon machen können.


(Beifall bei der LINKEN)


Wir fordern immer, dass der Bund eine höhere Betei-
ligung bei der Bildungsfinanzierung übernimmt; also
können wir das nicht kritisieren. Dadurch entsteht nun
die Möglichkeit, unabhängig von den Ländern eine ent-
sprechende BAföG-Finanzierung durchzusetzen. Aber
diese Verantwortung haben Sie jetzt auch. Dass 7 Pro-
zent BAföG-Erhöhung dazu nicht reichen, das, glaube
ich, liegt auf der Hand, und das können Sie sich eigent-
lich selber ausrechnen.


(Beifall bei der LINKEN)


Ja, es gibt einige Dinge, die Sie mit dieser BAföG-
Reform anpacken, einige Lücken, die Sie zu schließen
versuchen, aber es sind bei weitem nicht alle, und ich bin
mir nicht einmal sicher, ob wir schon alle Fallstricke ge-
funden haben. Zumindest zwei Lücken, die nach wie vor
existieren und die Sie nicht angehen, will ich benennen.

Eine Lücke ist das Schülerinnen- und Schüler-BAföG.
Schülerinnen und Schüler nach der 10. Klasse, die die
Möglichkeit haben, eine gymnasiale Oberstufe zu besu-
chen, haben, wenn sie noch bei den Eltern wohnen, was
in der Regel der Fall ist, keine BAföG-Berechtigung,
sondern müssen im Prinzip den etwas umständlicheren
Weg über Berufsfachschulen oder Fachoberschulen ge-
hen; dort bekommen sie die Förderung. Ich glaube, dass
dadurch gerade Familien mit einem geringen Familien-
einkommen deutlich benachteiligt werden. Diese Fehl-
entwicklung, die es seit Jahren gibt, hätte hier aufgeho-
ben gehört. Aber das gehen Sie nicht an.


(Beifall bei der LINKEN)


Zum Zweiten bleibt offen, wie Sie zum Beispiel Be-
rufsgruppen wie die der Erzieherinnen und der Erzieher
anders behandeln wollen. Vielleicht ist es Ihnen ja nicht
bewusst, aber Erzieherinnen/Erzieher müssen, bevor sie
diese Ausbildung aufnehmen, eine zweijährige Berufs-
ausbildung zum Sozialassistenten oder zur Kinderpfle-
gerin absolvieren; das ist in nahezu allen Ländern so.
Das heißt, erst nach zwei Berufsausbildungen erhalten
sie den Berufsabschluss, den sie eigentlich erreichen
wollen. Wenn sie dann noch auf die Idee kommen, stu-
dieren zu wollen, haben sie kein BAföG-Anrecht mehr.
Auch diese Lücke schließen Sie nicht.


(Beifall bei der LINKEN)


Das sind nur zwei von vielen Fehlstellen, die es im
Gesetz nach wie vor geben wird und die wir natürlich
kritisieren – neben der Höhe der Leistung und den feh-
lenden Anpassungen in wichtigen Bereichen. Das muss
sich ändern.

Wenn wir wollen, dass Bildung ein wichtiges Gut ist,
wenn wir wollen, dass auch Kinder und Jugendliche aus
sozial schwierigeren Verhältnissen diesen Weg gehen
können, dann müssen wir für sie diese Finanzierung ge-
währleisten. Dieser Ball, liebe Kollegen und Kollegin-
nen von der Koalition, liegt nun bei Ihnen. Das können
Sie nicht mehr auf die Länder abwälzen. Die Verantwor-
tung haben Sie.

Vielen Dank.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805701300

Nächster Redner ist der Kollege Oliver Kaczmarek

für die SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)







(A) (C)



(D)(B)


Oliver Kaczmarek (SPD):
Rede ID: ID1805701400

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Im

Grunde macht es Freude, dieser Debatte heute beiwoh-
nen zu können; denn niemand hier im Hause stellt das
BAföG mehr grundsätzlich infrage. Das war nicht im-
mer so. Wir erinnern uns daran: 2005 gab es noch die
Ansage, das BAföG abzuschaffen, sei ein erstrebenswer-
tes Ziel. Was für ein Irrglaube war das? Das hat die SPD
in den Koalitionsverhandlungen damals abräumen kön-
nen. Es ist gut, dass wir heute feststellen können: Das
BAföG ist ein über die Parteigrenzen und über die ge-
sellschaftlichen Grenzen hinaus anerkanntes Instrument
der Bildungsfinanzierung.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Dass wir heute die Weichen für einen weiteren Schritt
nach vorne stellen – wir verabschieden das Gesetz ja erst
gegen Ende des Jahres –, ist eine Gemeinschaftsaufgabe,
an der viele hier mitgewirkt haben. Nachdem das BAföG
1998 ziemlich auf den Hund gekommen war – nur noch
13 Prozent aller Studierenden haben überhaupt BAföG
bekommen –, ist es in der rot-grünen Regierungszeit ge-
lungen, die Gefördertenzahl zu verdoppeln. In der Gro-
ßen Koalition ist es 2008 gelungen, einen großen
Schluck aus der Pulle zu nehmen. Heute wollen wir an
diese Tradition anknüpfen. Es ist ein gemeinsamer Er-
folg, dass wir das BAföG in dieser Form weiterentwi-
ckeln werden.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Das wichtigste Argument für uns ist, dass das BAföG
ein Instrument ist, das Zugänge schafft, das Aufstiegs-
chancen schafft; denn die Tür zu den Hochschulen ist für
einige weit weniger geöffnet als für andere. Mehr als
70 Prozent der Kinder, deren Eltern einen Hochschulab-
schluss haben, studieren. Von denen, deren Eltern keinen
Hochschulabschluss haben, sind es nur etwa 25 Prozent.
Jetzt kann man sagen: „Vor 50 Jahren waren es nur
10 Prozent“, aber es wird ja offensichtlich, dass es hier
immer noch eine große Chancenungleichheit gibt, an der
wir uns bildungspolitisch weiter reiben müssen.

Nur zwei Fünftel der Kinder mit Hochschulreife aus
Nichtakademikerfamilien entscheiden sich überhaupt für
ein Hochschulstudium. Vier Fünftel von denen, deren
Eltern einen Hochschulabschluss haben, entscheiden
sich für ein Studium; da ist das viel selbstverständlicher.
Wer verstehen will, warum das so ist, warum sich Arbei-
terkinder – ich nenne sie jetzt einmal so; man kann sie
auch anders nennen; es geht jedenfalls um die, die aus
Familien kommen, die noch nie eine Hochschule von in-
nen gesehen haben – oft trotz guter Schulleistungen ge-
gen ein Studium entscheiden, muss, glaube ich, die Le-
bensrealität in den Blick nehmen. Die Eltern fragen sich:
Was erwartet eigentlich mein Kind an der Hochschule?
Kann ich es finanziell unterstützen, oder muss es viel-
leicht abbrechen, wenn meine finanzielle Unterstützung
nicht mehr reicht? Auch die Kinder fragen sich: Was er-
wartet mich? Können meine Eltern mich unterstützen?
Aus eigener biografischer Erfahrung kann ich sagen: Die
schwierigste Frage, die man sich stellt, ist: Kann ich
meinen Eltern überhaupt zumuten, auf vieles zu verzich-
ten, um meine Hochschulausbildung zu finanzieren?


(Beifall des Abg. René Röspel [SPD])


Das wird mit dem BAföG aufgegriffen, indem es ei-
nen Rechtsanspruch schafft, einen Rechtsanspruch, der
gilt, der Sicherheit gibt, und das erleichtert die Auf-
nahme eines Studiums. Das ist der besondere Wert des
BAföG.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Dr. Claudia Lücking-Michel [CDU/CSU])


Um wen geht es da? Ich habe mir einmal die durch-
schnittlichen Einkommensgruppen angesehen, weil das
dazu beiträgt, noch einmal klarzumachen, über welche
Leute wir hier reden. Die Tochter eines Bäckers, der
Sohn eines Wachmanns, die Zwillinge der Arzthelferin,
das sind die Berufsgruppen, die beim BAföG mit in die
Höchstförderung kommen. Darüber hinaus Schlosser,
Elektroinstallateure, Physiotherapeuten, Werkzeugma-
cher, Rechtsanwaltsgehilfen. Das BAföG wirkt heute bis
weit in die Mitte der Gesellschaft hinein, und das Wich-
tige ist, dass wir heute diesen und anderen betroffenen
Berufsgruppen sagen: Ihr könnt euch weiterhin darauf
verlassen, dass das BAföG eine verlässliche, solide Fi-
nanzierung für das Studium eurer Kinder bleibt.


(Beifall bei der SPD)


Deswegen sage ich auch ganz bewusst: Es gibt viele
Instrumente der Studienfinanzierung, die alle ihren Platz
haben, aber keines erreicht so viele begabte junge Men-
schen und keines sorgt für so viel sozialen Ausgleich wie
das BAföG. Deswegen bleibt es aus unserer Sicht das
wichtigste Instrument der Studienfinanzierung und ge-
nießt zu Recht die höchste politische Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD)


Mit dieser 25. Novelle entwickeln wir das BAföG
mutig weiter. Ich glaube, daran kann man gar nicht vor-
beikommen. Die finanziellen Rahmenbedingungen wer-
den sich substanziell verbessern.

Ich glaube, man muss das noch einmal sagen: 7 Pro-
zent Erhöhung bei den Bedarfssätzen, 7 Prozent Erhö-
hung bei den Freibeträgen. Das ist schon ein größerer
Schluck aus der Pulle, das ist nicht nichts, wie das hier
von einigen dargestellt wird.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist zu wenig!)


Denn wir mobilisieren damit 1,2 Milliarden Euro
– 1,2 Milliarden Euro! – jährlich im Bundeshaushalt
schon ab dem nächsten Jahr durch die Übernahme durch
den Bund. Frau Ministerin, ich glaube, dass sich der
Wert der Übernahme durch den Bund auch darin aus-
drückt, dass wir uns ebendieses Schauspiel, das wir teil-
weise in den vergangenen Jahren erlebt haben – wer
macht einen Vorschlag? wer antwortet auf einen Vor-
schlag? wer ist anscheinend in einer Blockadehal-
tung? –, einfach schenken können. Die Übernahme
durch den Bund bietet die Chance für die Repolitisierung





Oliver Kaczmarek


(A) (C)



(D)(B)

des BAföG, und zwar hier im Plenum des Deutschen
Bundestages. So sollten wir es dann auch behandeln.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Weiter mobilisieren wir 825 Millionen Euro jährlich
für die Erhöhung und für die strukturelle Modernisie-
rung ab dem Jahr 2016. Das sind 2 Milliarden Euro pro
Jahr, die im Bundeshaushalt mobilisiert werden. Wenn
man da von „kleinem Wurf“ spricht, dann – so muss ich
ganz ehrlich sagen – hat man nur einen ganz schmalen
Bezug zur politischen Realität.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Ich will das mit den angeblich 60 000 Menschen, die
aus der Förderung herausfallen, aufgreifen, weil mich
das natürlich auch geärgert hat.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist so!)


Ich will einmal kurz fachlich werden – ich weiß nicht, ob
das zu viel ist –: Es geht darum, dass Sie einfach eine
falsche Bezugszahl gewählt haben. Sie haben die Jahres-
fallzahlen gewählt. Die Jahresdurchschnittszahl wäre
die, die anzuwenden wäre. Damit ergibt sich eine we-
sentlich geringere Fallzahl. Das Eigentliche, das Wich-
tige ist doch: Wenn Sie es erreichen wollen, dass nie-
mand aus der Förderung herausfällt – ich sage einmal,
Lohnerhöhungen, Beförderungen, solche Dinge gibt es
immer; das sind Wechselfälle des Lebens, die können
Sie auch mit einem Gesetz nicht verhindern; aber das
sind ja Miniförderungen, das sind kleine Förderungen,
das sind ja nicht die Höchstfördersätze –,


(Nicole Gohlke [DIE LINKE]: Mit einer mutigen Anpassung würde das schon gehen!)


dann müssen Sie dafür sorgen, dass sich die Kurve der
Nettoeinkommen nicht mit der Kurve der Freibeträge
schneidet. Aber das, was Sie eigentlich machen und was
ich unredlich finde, ist, dass Sie bis in die Mitte der Stu-
dierendenschaft hinein den Eindruck erwecken, bis 2016
fliegen sie aus dem BAföG heraus, vielleicht sogar mit
dem Höchstfördersatz. Das ist mit der Realität und mit
Ihren kruden Berechnungen aber nicht zu belegen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Wir wollen das BAföG moderner machen. Das
BAföG soll sich der Lebenswirklichkeit der Studieren-
den annähern. Studieren geht heute anders als zu meiner
Zeit und zur Zeit vieler anderer, die hier sitzen. Ich
nenne nur das Stichwort „Bologna-Reform“. Das muss
sich im BAföG niederschlagen. Wir verlegen deshalb
unter anderem das formale Ende des Bachelorstudiums
nach hinten, die Zulassung zum Masterstudium nach
vorn. Das sind Schritte, die den Studienalltag an der Brü-
cke zwischen Bachelor- und Masterstudium konkret ver-
bessern werden. Das ermöglicht Studierenden die Kon-
zentration auf den Studienabschluss, ohne eben die
Angst zu haben, dass mittendrin die Förderung abbricht.

Wir ermöglichen nichtdeutschen Auszubildenden, ei-
nen BAföG-Antrag früher zu stellen. Ich glaube, wir ge-
hen über das, was uns der EuGH hier aufgetragen hat,
sogar noch ein Stück hinaus, indem wir die Voraufent-
haltsdauer auf 15 Monate senken, und wir erhöhen die
Abschlagszahlungen.


(Beifall bei der SPD)


Das sind alles Erfolge, die zeigen: Das BAföG muss sich
am Leben der studierenden Menschen messen lassen.

Natürlich werden wir mit dem BAföG die Lebens-
wirklichkeit nicht eins zu eins abbilden können – wel-
ches Gesetz könnte schon die Lebenswirklichkeit eins zu
eins abbilden? –, aber wir kommen ihr mit dieser No-
velle einen deutlichen Schritt näher und modernisieren
das BAföG so, wie es für das Studium auch notwendig
ist.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Die parlamentarischen Beratungen beginnen; wir
müssen sie sorgfältig führen. Was sagen die Experten zu
unseren Vorschlägen? Worüber müssen wir vielleicht
noch einmal nachdenken? Das ist alles wichtig. Der SPD
ist dabei besonders wichtig: Auch die Betroffenen selbst
müssen zu Wort kommen; das haben wir bei der Aus-
wahl der Experten für die Anhörung entsprechend be-
rücksichtigt. Wir nehmen die Vorlage, die die Bundesre-
gierung uns gegeben hat, auf – sie ist gut –; aber auch bei
diesem Gesetz gilt das Struck’sche Gesetz: Wenn wir et-
was verbessern können, dann wollen wir das auch gerne
tun.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann ziehen Sie es doch vor!)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805701500

Nächste Rednerin für die Fraktion Die Grünen ist die

Kollegin Katja Dörner.


Katja Dörner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805701600

Sehr geehrter Präsident! Liebe Kolleginnen! Liebe

Kollegen! Die Einführung des BAföG war ohne Zweifel
eine großartige Leistung; aber sie ist mittlerweile über
vierzig Jahre her. Wir reden heute darüber, was für die
Zukunft geplant ist,


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


und da ist die große Selbstbeweihräucherung, die wir
hier seitens der Koalition erleben, wirklich nicht ange-
messen. Über was reden wir heute? Wir reden darüber,
dass Studierende weitere zwei Jahre keine BAföG-Erhö-
hung bekommen werden, wir reden darüber, dass die
Große Koalition den Studierenden weitere zwei Nullrun-
den verordnet, wir reden darüber, dass es in Deutschland
von 2010 bis 2016 keine BAföG-Erhöhung geben wird.
Ich finde, das ist kein Grund, zu jubeln.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Fakt ist: Sechs Jahre lang soll das BAföG nicht erhöht
werden. In den vier Jahren seit 2010 hat sich die Kauf-
kraft der Studierenden deutlich verschlechtert. Der
BAföG-Höchstsatz von 670 Euro monatlich, der seit





Katja Dörner


(A) (C)



(D)(B)

dem Jahre 2010 gilt, ist heute faktisch nur noch 626 Euro
wert. Die Lebenshaltungskosten sind gestiegen, vor al-
lem die Mieten und die Nebenkosten. Deshalb haben die
Studierenden keine weiteren zwei Jahre Zeit, auf die
nächste BAföG-Erhöhung zu warten, sie ist längst über-
fällig, sie muss unmittelbar kommen und darf nicht wei-
ter auf die lange Bank geschoben werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, die Bundesregie-
rung zeigt leider wenig Herz für die jüngere Generation.
Sie ist nicht bereit, für die Jüngeren wirklich Geld in die
Hand zu nehmen und in die Zukunft zu investieren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Das sieht man, wenn man die mickrigen 6 Milliarden
Euro, die es insgesamt, über vier Jahre, zusätzlich für
Bildung geben wird, mit den Ausgaben für die Mütter-
rente und die Rente mit 63 vergleicht. Ich sage hier ganz
klar: Ich gönne jedem und jeder mehr Rente. Wir spielen
niemanden gegeneinander aus. Aber das Verhältnis
stimmt nicht,


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


das Verhältnis von 1: 5 in dieser Legislaturperiode zwi-
schen Bildung und Rente. Das ist das, was absolut nicht
geht, und das zeigt, dass die Bundesregierung nur kurz-
sichtig handelt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Bundesregie-
rung zeigt kein Herz für die jüngere Generation; das
sieht man auch an dieser BAföG-Reform. Die Verbesse-
rungen für die Rentnerinnen und Rentner kamen sofort
– auch unsere Diätenerhöhung war schwuppdiwupp
möglich –; aber die Studierenden sollen bitte schön noch
zwei Jahre warten, weil es sonst mit der Haushaltskonso-
lidierung nicht klappt. Das finde ich den Studierenden
gegenüber einfach absolut unfair. Wir als Grüne akzep-
tieren nicht, dass gerade die Studierenden den Kopf hin-
halten sollen, damit Herr Schäuble seinen Haushalt kon-
solidieren kann.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Deshalb noch einmal ganz klar: Die BAföG-Reform
muss jetzt kommen, und die Erhöhung muss den Anstieg
der Nettoeinkommen vollständig widerspiegeln. Das
heißt, statt einer 7-prozentigen Erhöhung von Freibeträ-
gen und Bedarfssätzen ist eine 10-prozentige Erhöhung
absolut notwendig, damit die Studis trotz der Erhöhung
nicht faktisch weniger in der Tasche haben als 2010.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Thomas Feist [CDU/CSU]: Müssen sie betteln gehen in der Fußgängerzone?)


Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, Hubertus Heil hat
in einem Brief an die SPD-Fraktion im Mai über die an-
stehenden Neuregelungen beim BAföG informiert. In
seinem Brief benennt er auch das Risiko, dass das
BAföG durch die Alleinzuständigkeit des Bundes noch
stärker in die Mühlen wechselnder Regierungskonstella-
tionen gerät. Dass Hubertus Heil in diesem Zusammen-
hang die halbherzigen Bekenntnisse der Union und die
Luftschlösser der Linken beklagt, nehme ich einmal als
Kompliment für das Konzept, das die Grünen hier vor-
gelegt haben – dies einmal als kleinen Exkurs.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Das Risiko wechselnder Regierungskonstellationen –
der Kollege Kaczmarek hat es eben als Repolitisierung
bezeichnet – besteht tatsächlich.


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805701700

Frau Kollegin Dörner, darf der Kollege Heil eine

Zwischenfrage stellen?


Katja Dörner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805701800

Selbstverständlich.


(Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt sind wir gespannt! – Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt rechne mir mal vor, dass das mit der Mütterrente nur bis 2017 reicht!)



Hubertus Heil (SPD):
Rede ID: ID1805701900

– Nein, ich wollte jetzt nicht über die Mütterrente dis-

kutieren. – Liebe Katja Dörner, weil ich so freundlich zi-
tiert wurde und ein bisschen darauf achten muss, dass es
nicht aus dem Zusammenhang gerissen wird: Man kann
über Konzepte denken, was man will. Ich gebe zu: Die
SPD hätte sich früher auch immer alles wünschen kön-
nen. Es ist aber auch eine Frage des Machbaren.

Ich will nur auf eins Wert legen. Wir streiten uns,
glaube ich, nicht darüber, dass das Volumen dieser
BAföG-Reform erheblich ist. Das kann man, glaube ich,
nicht bestreiten. Aber über den Zeitpunkt kann man un-
terschiedlicher Meinung sein.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Oder beides!)


Ich habe mich zu Wort gemeldet, weil ich bitte, zur
Kenntnis zu nehmen, dass ich immer der Meinung war,
dass es vernünftig ist, dass auch für die Finanzierung des
BAföG der Bund eine Alleinzuständigkeit erhält, damit
das endlich aus dem Gezerre zwischen Bund und Län-
dern herauskommt. Das wird zu einer Repolitisierung
führen; das hat der Kollege Kaczmarek vorhin gesagt.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Vielleicht zu einer Verhässlichung!)


Dann haben wir – welche Regierung auch immer zu-
künftig in Deutschland regieren mag – die Verantwor-
tung, aber auch die Pflicht, zu handeln.

Weil der Halbsatz lautete, ich hätte das kritisiert, sage
ich: Das Gegenteil ist in diesem Brief der Fall gewesen.
Ich finde, es ist in Ordnung, dass der Bund das vollstän-
dig übernimmt.


(Beifall bei der SPD)







(A) (C)



(D)(B)


Katja Dörner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805702000

Der Richtigkeit halber: In dem Brief, der mir vorliegt,

fällt der Satz, es ist ein Risiko, aber in der Abwägung ist
es von Ihnen positiv bewertet worden. Ich glaube, das ist
kein Widerspruch dazu, wie ich Sie zitiert habe: Es wird
als ein Risiko, aber in der Abwägung als positiv be-
schrieben. – Auch ich finde das richtig. Auch wir als
Grüne sehen dieses Risiko.

In diesem Zusammenhang kann ich an das anschlie-
ßen, was Kai Gehring zur Repolitisierung gesagt hat. Für
uns macht es keinen großen Unterschied, ob das BAföG
im Geschacher zwischen Bund und Ländern zerrieben
wird oder ob es ein großes Geschacher hier im Bundes-
tag gibt. Deshalb machen wir gerade den Vorschlag, das
BAföG an einen Index zu koppeln und anhand klarer
Kriterien automatisch zu erhöhen. Dann kämen wir näm-
lich auch aus der Rolle heraus, uns hier untereinander
darüber streiten zu müssen, und wir hätten einen klaren
Weg, wie das BAföG automatisch und transparent erhöht
würde.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Dann könnte sich nämlich auch keine Partei mehr als die
BAföG-Partei profilieren, sondern es ginge wirklich da-
rum, etwas für die Studierenden zu tun. Darum sollte es
uns eigentlich gehen. Eine automatische Erhöhung auf-
grund klarer Kriterien wäre aus unserer Sicht also sach-
gerecht. Das würde das BAföG aus dem politischen Ge-
schacher herausholen. Darum sollte es uns gehen. Das
schlagen wir auch im Gesetzgebungsverfahren vor. Wir
fänden es sehr positiv, wenn das angemessen gewürdigt
und noch in das Gesetzgebungsverfahren aufgenommen
würde.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, das BAföG ist ein
wichtiger Baustein für mehr Chancengleichheit in unse-
rem Bildungssystem. 80 Prozent der Studierenden, die
BAföG bekommen, sagen, dass sie ohne diese Förde-
rung nicht studiert hätten. Aber natürlich ist die Frage
der sozialen Öffnung der Hochschulen damit noch längst
nicht erledigt. Das ist weiter eine große Aufgabe. Ich
will auch sagen, dass ich sehr froh bin, dass die Grünen
zusammen mit der SPD in drei Bundesländern die Stu-
diengebühren abgeschafft haben. Das ist nämlich auch
wichtig für mehr Chancengleichheit und Aufstiegschan-
cen in unserem Bildungssystem.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Wir Grüne wollen bessere Chancen, gerade für die
jungen Menschen, denen das Elternhaus – finanziell und
vielleicht auch kulturell – nicht so viel mitgeben kann.
Das ist uns Grünen wirklich eine absolute Herzensange-
legenheit. Deshalb sagen wir zu dem Rahmen dieser
BAföG-Reform, die jetzt zur Entscheidung ansteht: Die
Erhöhung kommt deutlich zu spät, und sie fällt zu mick-
rig aus.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805702100

Nächste Rednerin ist die Kollegin Katrin Albsteiger

für die CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Katrin Albsteiger (CSU):
Rede ID: ID1805702200

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der

uns vorliegende Gesetzentwurf zur Änderung des Bun-
desausbildungsförderungsgesetzes kann ohne Wenn und
Aber als historisch bezeichnet werden. Historisch vor al-
lem deshalb, weil wir endlich den Weg aus der zugege-
benermaßen unproduktiven Mischzuständigkeit zwi-
schen Bund und Ländern gefunden haben. Es ist
tatsächlich so: Wenn Bund und Länder miteinander ver-
handeln müssen, dann wird der Ton manchmal ein biss-
chen heftiger. Auch das gehört zum politischen Prozess.
Liebe Frau Gohlke, wenn Sie das dann als „traurige De-
batte“ bezeichnen, dann muss ich sagen, dass es dem
Thema BAföG und der Wichtigkeit, die das BAföG für
Studenten hat, wirklich nicht gerecht wird.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Swen Schulz [Spandau] [SPD])


Der Bund übernimmt jetzt die volle Finanzierungszu-
ständigkeit. Ab jetzt gibt es nicht mehr die Schwarzer-
Peter-Spiele, dass der eine den anderen blockiert. Jetzt
stehen wir als Bund tatsächlich in der Verantwortung.
Dieser Verantwortung werden wir auch gerecht werden.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Dieses Verantwortungsbewusstsein – das muss ich an
dieser Stelle schon sagen – erwarten wir nicht nur von
uns allen, sondern auch von den Ländern.


(Albert Rupprecht [CDU/CSU]: Genau so ist es!)


Aus diesem Grund sollten sich die Länder – sicherlich
nicht alle – an der einen oder anderen Stelle ein Stück-
chen von uns abschneiden.


(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Auch Bayern!)


Die Mittel, die aus der Bildung kommen, die 1,2 Mil-
liarden Euro jährlich, die der Bund im Bereich des
BAföG übernimmt, sollten wieder in die Bildung ge-
steckt werden. So wurde es vereinbart. Gerade für die
Hochschulen ist das ein ganz wichtiger Bereich, weil das
BAföG hauptsächlich den Studenten zugutekommt. Des-
wegen kann ich es leider nicht verstehen, wenn Nieder-
sachsen damit andere Staatsausgaben finanzieren will.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ganz im Gegenteil dazu gibt es auch positive Bei-
spiele, beispielsweise Bayern. Bayern investiert nämlich
die freiwerdenden Mittel aus dem Bereich des BAföG zu
90 Prozent in die Hochschulen und zu 10 Prozent in die
Schulen. Das ist auch in Ordnung. Die Bürger werden
zum Schluss ganz genau hinschauen, wer von uns ver-





Katrin Albsteiger


(A) (C)



(D)(B)

antwortlich mit den Bildungsausgaben umgeht und wer
nicht.


(Beifall bei der CDU/CSU – Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was würden wir ohne Bayern machen?)


Das BAföG ist ein Thema, das ganz nah am Men-
schen ist, und hat – das ist sicherlich unbestritten – eine
unmittelbare Auswirkung auf jeden BAföG-Empfänger,
und das vor allem in einer Phase im Leben, die für einen
jungen Menschen sehr wichtig ist. Das BAföG bewegt,
es wird diskutiert. Dass es wichtig für die Studenten ist,
sieht man auch daran, dass sie rege im Internet und den
sozialen Netzwerken diskutieren. Hier wird vor allem ei-
nes klar: Es geht nicht nur darum, die Bedarfssätze und
Freibeträge zu erhöhen. Genau das tun wir mit den je-
weils 7 Prozent. Es geht vor allem darum, beim BAföG
eine strukturelle Veränderung herbeizuführen. So glei-
chen wir das BAföG auch an die veränderte Lebenswirk-
lichkeit eines Studenten an.

In vielen Gesprächen – das wurde heute schon einmal
erwähnt – wurde immer wieder das Thema Antragstel-
lung erwähnt. Viele Studenten verstehen nicht, warum
bei der Steuererklärung eine Onlineantragstellung mög-
lich ist, beim BAföG aber nicht. Wir haben es mit jungen
Menschen zu tun. Auch das wurde heute schon einmal
gesagt. Der Umgang mit dem Computer und dem Inter-
net ist völlig normal. Heutzutage ist es einfacher, sich an
den Computer zu setzen und schnell ein paar Zahlen ein-
zutippen. Es ist auch für die Ämter bei der Bearbeitung
einfacher. Genau deshalb werden wir ab dem 1. Septem-
ber 2016 die Länder dazu verpflichten, die flächende-
ckende Onlineantragstellung anzubieten.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Damit erreichen wir zweierlei – ich habe es bereits
angesprochen –: Einerseits helfen wir den Ämtern bei
der Bearbeitung und leisten damit einen wichtigen Bei-
trag zum Bürokratieabbau und zur Beschleunigung der
Verfahren, andererseits bekommen wir mehr junge Men-
schen ins BAföG; denn zugegebenermaßen kann eine
Papierflut, die bearbeitet werden muss, abschreckend
wirken.

In den letzten Jahren haben sich Studienkultur und
Studienstruktur verändert, beispielsweise durch den Bo-
logna-Prozess. Wir haben in den vergangenen Jahren be-
trachten können, wohin die Reise geht. Die Reise geht
dahin, dass man nicht zwangsläufig mehrheitlich auf-
hört, nach dem Bachelor zu studieren, sondern dass man
hinterher noch den Master draufsetzen möchte. Viele
dieser betroffenen Studenten möchten nicht ewig darauf
warten, dass es weitergeht. Nein, sie versuchen ihre Stu-
dienzeit so zu verkürzen, dass es nicht elendig lange
Wartezeiten zwischen Bachelor und Master gibt. Genau
deshalb haben sich die Hochschulen ein Instrument der
vorläufigen Zulassung zum Masterstudium geschaffen.
Um genau dieses Instrument bemühen wir uns bei der
BAföG-Novelle, und zwar deshalb, weil es nicht Warte-
zeiten oder unerwünschte Unterbrechungen bei den
BAföG-Mitteln geben soll. Die Förderungslücken sollen
geschlossen werden. Deswegen reicht nach der BAföG-
Novelle die Zulassung für das Masterstudium aus.

Ein weiteres Thema der Debatte waren die steigenden
Mieten. Ja, Studenten, die außerhalb der Heimat, außer-
halb des Elternhauses wohnen, haben mit steigenden
Mieten zu tun. Aber auch diese Problematik haben wir
erkannt, übrigens nicht nur aufgrund des BAföG, das si-
cherlich kein Instrument ist, um die Mietpreise auszu-
gleichen oder zu steuern. Nein, wir haben aber die Mittel
für die Wohnungskostenpauschale überproportional um
11,6 Prozent erhöht.


(Nicole Gohlke [DIE LINKE]: Unterhalb der Durchschnittsmiete! Jetzt schon!)


So ermöglichen wir es auswärts wohnenden Studenten,
den Durchschnittsmietbeitrag für einen Studentenwohn-
platz oder ein Untermietverhältnis zu decken.


(Beifall bei der CDU/CSU – Nicole Gohlke [DIE LINKE]: Eben nicht! Das ist jetzt schon 50 Euro drüber! – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Mit 250 Euro eine Studentenwohnung in München!)


Die deutliche Steigerung der Wohnkostenpauschale ha-
ben wir hinbekommen, ohne gleichzeitig Steuererhöhun-
gen zu fordern oder neue Schulden aufzunehmen. Das ist
ein wichtiger Punkt: Haushaltskonsolidierung ist kein
Selbstzweck. Es wäre geradezu absurd, wenn wir einer-
seits mehr Geld reinbuttern, uns andererseits aber dieses
Geld von den Eltern der Studenten durch Steuererhöhun-
gen zurückholen.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sagen Sie das auch bei der Rentenreform so?)


Zusammenfassend lässt sich feststellen. Wir handeln
verantwortungsvoll. Wir erhöhen verantwortungsvoll
nicht nur die Fördersätze und die Freibeträge, sondern
wir gleichen das BAföG auch strukturell an die Lebens-
wirklichkeit der Studentinnen und Studenten an.

Vor kurzem hieß es in der internationalen Presse:
Deutschland ist ein Erfolgsmodell. – Genau das soll es
auch bleiben. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Er-
folgsmodells ist unser Bildungssystem. Das BAföG wie-
derum ist ein wesentlicher Teil davon, und so soll es
auch in Zukunft bleiben.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805702300

Die Kollegin De Ridder ist die nächste Rednerin für

die SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1805702400

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Sehr geehrte Gäste auf den Besuchertribünen!
Liebe Studierende! Liebe Eltern! Mit der Reform des
BAföG, mit der der Bund – Sie haben es eben schon ge-





Dr. Daniela De Ridder


(A) (C)



(D)(B)

hört – nun vollständig die Finanzierung übernimmt, in-
vestieren wir in eine verheißungsvolle Zukunft, in unser
Bildungssystem; denn alle Mitglieder unserer Gesell-
schaft müssen an Bildung teilhaben können.

Soziale Gerechtigkeit und Vielfalt, so heißt das Gebot
der Stunde. Das gilt – für alle, die Niedersachsen kriti-
sieren, will ich das als Niedersächsin noch einmal deut-
lich sagen – von Anfang an. Das bedeutet auch, dass wir
in die frühkindliche Bildung investieren müssen.


(Beifall bei der SPD – Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Das kann man als Landesregierung ja auch tun, nur nicht mit dem Geld vom Bund! – Gegenruf des Abg. Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Natürlich! Doch, das dürfen sie!)


– Bitte, meine Herren und Damen, was soll die Aufre-
gung?

Wenn wir soziale Gerechtigkeit wollen, dann müssen
wir in Bildung investieren. Wenn wir über das BAföG
reden, müssen wir auch darüber reden, dass es von An-
fang an die Chance geben muss, diesen Weg überhaupt
zu beschreiten. Deshalb ist die Investition in frühkindli-
che Bildung ein Muss.


(Beifall des Abg. Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Unabhängig davon, ob jemand an einer Universität oder
einer Fachhochschule studiert: Nie darf das Portemon-
naie der Eltern wie ein Berufsverbot wirken. Dem kom-
men wir nun mit der BAföG-Reform nach.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Abg. Hubertus Heil [Peine] [SPD] meldet sich zu einer Zwischenfrage)


– Meine Redezeit ist knapp.

Lassen Sie mich kurz drei Punkte hervorheben. Ers-
tens. Durch die Verbesserung der Kinderbetreuungszu-
schläge stärken wir ganz gezielt junge Väter und Mütter,
ein Studium aufzunehmen, es mit Familie zu vereinba-
ren und vor allem auch erfolgreich abzuschließen. Ich
weiß aus eigener Erfahrung, wie hart es als junge Mutter
sein kann, ein Studium zu organisieren; denn ich habe
selbst mit zwei Kindern studiert.

Wir reden heute viel über die Realität. Wenn wir uns
die Realität anschauen, dann stellt man allerdings fest,
dass im Jahr 2012 gerade einmal knapp 4 Prozent der
Studierenden ein oder mehrere Kinder hatten. Wir müs-
sen den jungen Menschen Mut machen. Das tun wir mit
der vorliegenden BAföG-Novelle. Studium und Familie
sind zwei Seiten einer Medaille und gehören zusammen.


(Beifall bei der SPD)


Zweitens. Durch die Erhöhung der Einkommens- und
Vermögensfreibeträge erhöhen wir die Zahl der Förder-
berechtigten. Wir erwarten – denn wir in der SPD haben
Lese- und Rechenkompetenz, liebe Kolleginnen und
Kollegen von den Grünen – knapp 100 000 neue An-
tragsbewilligungen pro Jahr. Das sind zugleich knapp
100 000 junge Menschen, denen wir bessere Startchan-
cen für ihre spätere Berufslaufbahn ermöglichen.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die Zahl ist vorher rausgefallen!)


– Nein, überhaupt nicht. Wir werden das an der Realität
messen können.


(Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Daran messen wir euch!)


– Gerne.

Ich möchte mir an dieser Stelle eine Anmerkung er-
lauben. Ich halte nichts davon, akademische gegen be-
rufliche Bildung auszuspielen. Vielmehr brauchen wir
die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Bildungswege.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, sagen Sie das der Union!)


Mehr als eine verfehlte Debatte brauchen wir deshalb
Öffnung und Durchlässigkeit im Bildungs- und Hoch-
schulsystem. Über das Meister-BAföG wird gleich mein
Kollege Rabanus sprechen. Wer jetzt sagt, wir hätten zu
viele Akademikerinnen und Akademiker, der muss sich
fragen lassen: Für wen sollen die Tore der Hochschulen
wieder geschlossen werden? Nein, Karrierechancen
durch Bildung, das darf kein Privileg für Wohlhabende
sein.


(Beifall bei der SPD und der LINKEN – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sagen Sie das Nida-Rümelin!)


Die gute Nachricht: Mit der BAföG-Reform wird das
Matthäus-Prinzip ein wenig korrigiert, das Sie alle ken-
nen, das da lautet: Wer hat, dem wird gegeben. „Lehr-
jahre sind keine Herrenjahre“ – diese halsstarrige Hal-
tung können wir uns in unserem rohstoffarmen Land
nicht leisten. Unser Potenzial sind unsere klugen Köpfe.
Deshalb müssen sich junge Erwachsene frei entfalten
können, vor allem frei von wirtschaftlichen Zwängen
und Abhängigkeiten. Dies sichert am Ende auch den
Studienerfolg; denn wer weniger jobben muss, kann sich
mehr auf das Studium konzentrieren. Studienerfolg
durch die BAföG-Reform, das ist doch unser gemeinsa-
mes Ziel, verehrte Kolleginnen und Kollegen.

Drittens. Dieser Punkt liegt mir aufgrund meiner eige-
nen Erfahrung ganz besonders am Herzen. Insbesondere
Flüchtlinge und aus EU-Staaten Zugewanderte werden
jetzt vermehrt von der Ausbildungsförderung profitieren
können. Das ist mir schon deshalb wichtig, weil ich als
Belgierin für mein Studium in Deutschland seinerzeit
keine Ausbildungsförderung erhalten habe. Mit der Re-
form werden wir – das heißt „back to reality“ – den Le-
bensverhältnissen in unserem Land nach der Bologna-
Reform gerechter werden. Das ist nicht nur ein Verspre-
chen. Das ist die Realität, und wir werden den Erfolg
prüfen dürfen. Das ist auch eine Aufforderung an die
Opposition, genau hinzuschauen; davor habe ich keine
Angst. Diese überfällige Änderung ist insbesondere mit
Blick auf die EU-Staaten Ausdruck einer Willkommens-
kultur in einer globalisierten Hochschulwelt.





Dr. Daniela De Ridder


(A) (C)



(D)(B)

Mit der Reform des BAföG machen wir einen wichti-
gen Schritt in die richtige Richtung, hin zu mehr sozialer
Gerechtigkeit an Hochschulen. Lehrjahre sind keine
Herrenjahre? Ich hoffe, dass wir einige besorgte Eltern
entlasten können, wenn wir sagen: Lehrjahre sind keine
Hungerjahre! Diesen Eltern sagen wir: Wir haben ver-
standen, was einst John F. Kennedy sagte: „Es gibt nur
eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bil-
dung.“

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805702500

Die Kollegin Lücking-Michel ist die nächste Redne-

rin für die CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Claudia Lücking-Michel (CDU):
Rede ID: ID1805702600

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Liebe

Kolleginnen und Kollegen! Wir diskutieren heute über
eine Reform, die diesen Namen wahrlich verdient. Sie
bringt strukturelle und finanzielle Verbesserungen. Ver-
ehrte Kolleginnen und Kollegen von der Opposition,
liebe Katja Dörner, wenn Sie immer wieder monieren,
diese BAföG-Erhöhung komme zu spät, die jetzige Stu-
dierendengeneration profitiere nicht mehr davon, und
wenn Sie die Reform gegen die schwarze Null im Haus-
halt ausspielen, dann muss ich sagen: Was kann man im
Sinne der Generationengerechtigkeit mehr tun, als, was
wir jetzt zum ersten Mal nach 1969 tun, einen Haushalt
ohne neue Schulden aufzustellen? Was kann man denn
mehr tun, um langfristig Handlungsfähigkeit zu bewah-
ren,


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bei der Rentenreform haben Sie nicht mit Haushaltskonsolidierung argumentiert!)


auch und gerade für Investitionen in Bildung?

Von den vielen wichtigen Punkten, die heute schon
genannt wurden, möchte ich drei Erfolge, die mit der
BAföG-Reform erreicht werden, besonders benennen
– wir haben es schon gehört; aber es ist mir wichtig, das
noch einmal zu betonen –:

Erstens. Das neue BAföG ist familienfreundlicher:
130 Euro für das erste und für jedes weitere Kind. Das
Signal heißt: Familien sind uns wichtig.

Zweitens. Das neue BAföG ist internationaler. Wir
haben uns diesbezüglich schon im Koalitionsvertrag am-
bitionierte Ziele gesetzt. Jede zweite deutsche Studie-
rende soll demnächst studienbezogene Auslandserfah-
rungen sammeln. Die BAföG-Novelle, die wir jetzt
diskutieren, erleichtert dies durch ihre neuen Regelun-
gen; denn jetzt gilt das EuGH-Urteil zur Freizügigkeit.
Jede deutsche Studierende kann, wenn sie ihr Studium
im EU-Ausland beginnt, künftig vom ersten Semester an
BAföG-Förderung in Anspruch nehmen. Das ist doch
ein wichtiger Schritt.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Aber umgekehrt gilt: Für Studierende mit humanitä-
ren Aufenthaltsgründen verkürzt sich die Wartezeit bis
zur BAföG-Berechtigung von vier Jahren auf immerhin
jetzt nur noch 15 Monate. Dass mir das zwar auch noch
zu lang ist, will ich sagen, aber es ist ein entscheidender
Schritt in die richtige Richtung.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD – Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Das ist doch ein Angebot!)


Drittens. Wenn hier immer wieder behauptet wird,
dass diese Regierung – ich zitiere – billigend in Kauf
nehme, dass Arbeiterkinder in ihrem Bildungsaufstieg
blockiert bleiben – Zitat Ende –, dann kann ich nur sa-
gen, dass das mit Blick auf BAföG und die vorgelegte
Reform blanker Unsinn ist.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Wenn man sich den aktuellen Social Survey des Studen-
tenwerks ansieht, wird noch einmal deutlich: BAföG ist
und bleibt ein wirksames Instrument der Breitenförde-
rung. Je niedriger das Bildungsniveau der Eltern ist,
desto höher ist der Anteil der Studierenden, die durch
BAföG gefördert werden. Die anderen Fakten haben wir
schon gehört: Die Zahl der BAföG-Berechtigten erhöht
sich durch die höheren Freibeträge. Die Hinzuverdienst-
grenze wird angehoben, sodass man jetzt leichter bis zur
Höhe eines Minijobs zum BAföG dazuverdienen kann.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Alles erst in zwei Jahren!)


BAföG hilft Bildungsaufsteigern. Es verringert den Zu-
sammenhang zwischen sozialer Herkunft und gewähl-
tem Ausbildungsweg. Das sind doch echte Fortschritte.

Wenn ich jetzt an dieser Stelle mit Blick auf die wei-
teren Diskussionen eine Ergänzung einbringe, dann ma-
che ich dies, weil ich denke, dass diese gute Reform in
einem Punkt noch verbessert werden kann. Der Punkt,
an den ich erinnern will, ist die Bedeutung ehrenamtli-
chen Engagements. Wir sind uns hoffentlich einig, dass
durch ehrenamtliches Engagement Millionen von Men-
schen in Deutschland dazu beitragen, dass unsere Ge-
sellschaft menschlicher wird, dass es bei uns solidari-
scher zugeht, ja, dass ohne Ehrenamt vieles bei uns
überhaupt nicht möglich wäre.

Die junge Generation ist besonders stark ehrenamt-
lich aktiv. 1999 stellten Studierende zwischen 20 und
24 Jahren mit einer Quote von 45 Prozent noch die
Gruppe mit dem höchsten Engagement unter den jungen
Menschen dar. Nach der Studienreform ist das Engage-
ment um 5 Prozentpunkte gesunken; dies wurde 2009
festgestellt. Wir haben das Problem, dass die Studien-
strukturreform, dass das neue Bachelor-Master-System
durch die zeitliche Verdichtung und die erhöhten Anfor-
derungen das Engagement von Studierenden offensicht-
lich deutlich einschränkt.





Dr. Claudia Lücking-Michel


(A) (C)



(D)(B)

Damit bin ich wieder beim BAföG und meinem Er-
gänzungsvorschlag: Es sollte doch unser Ziel sein, dass
freiwilliges Engagement von Studierenden diesen nicht
zum Nachteil gereicht und es zu keinem Trade-off zwi-
schen Ehrenamt auf der einen Seite und Ausbildung auf
der anderen Seite kommt. Es gibt ein Beispiel: Ehren-
amtliches Engagement in den satzungsmäßigen Hoch-
schulgremien wird bei der Höchstdauer der BAföG-För-
derung bisher schon berücksichtigt, in der Regel mit
einem Semester zusätzlich. Das gilt aber leider nicht für
Engagement in anderen Bereichen.

Hier ist mein Ziel: Natürlich ist es richtig – ich habe
die mahnenden Worte von Frau Ministerin Wanka im
Ohr –, dass jede Ausweitung des Empfängerkreises beim
BAföG Geld kostet, aber hier wäre das Geld aus meiner
Sicht besonders gut angelegt.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Es ist richtig: Wenn wir das berücksichtigen wollen,
dann müssen Umfang und Qualität ehrenamtlichen
Engagements natürlich handfest festgehalten werden
können. Aber keine Sorge, dafür gibt es bereits Modelle,
die übertragbar wären.


(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Wie Bayern!)


– Tatsächlich, Bayern ist ein gutes Beispiel. Dort gibt es
eine Ehrenamtskarte. Auf Initiative von verschiedenen
Vereinen wurde ein Trägerverein gegründet, durch den
jetzt der Umfang von ehrenamtlichem Engagement qua-
lifiziert und zertifiziert festgestellt wird, ja sogar die
Kompetenzen festgehalten werden, die man dabei er-
worben hat.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ein anderes Modell wäre die sogenannte Juleica aus
dem Bereich der kirchlichen Jugendarbeit, die Jugend-
leiter-Card. Das kann man alles übertragen.

Wenn uns das gelingen würde, dann wäre das ein
wichtiger Schritt in eine richtige Richtung. Ehrenamtli-
ches Engagement könnte dann bei der Festlegung der
BAföG-Förderhöchstdauer angemessen berücksichtigt
werden. Ehrenamt wäre weniger Risiko für die Studie-
renden, und die BAföG-Regelungen würden zu einem
echten Pluspunkt nicht nur für die engagierten jungen
Menschen, sondern für unsere gesamte Gesellschaft.

Meine Damen und Herren, die jetzt vorgelegte
BAföG-Novelle ist ein wichtiger Schritt in die richtige
Richtung. Ich bin zuversichtlich, dass durch die weiteren
Debatten Verbesserungen in die richtige Richtung er-
reicht werden können. Wir sollten gemeinsam daran ar-
beiten.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805702700

Das Wort hat nun der Kollege Martin Rabanus für die

SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)


Martin Rabanus (SPD):
Rede ID: ID1805702800

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen

und Kollegen! Wir behandeln heute in erster Lesung die
25. BAföG-Novelle, eine Novelle, die diesen Namen tat-
sächlich verdient. Das ist gut so, und zwar in mehrerlei
Hinsicht. Es ist gut für die Länder. 100 Prozent Über-
nahme der BAföG-Kosten durch den Bund bedeuten
eine Entlastung von knapp 1,2 Milliarden Euro, 1,2 Mil-
liarden Euro, die die Länder nun für Bildung in ihren
Haushalten zusätzlich zur Verfügung haben.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Gut für Länder, auch gut für Studierende!)


Damit löst die Koalition das Versprechen ein, das wir im
Koalitionsvertrag niedergelegt haben, nämlich dass wir
den Ländern weitere Spielräume verschaffen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist aber
vor allen Dingen gut für die Schülerinnen und Schüler
– das will ich an dieser Stelle betonen; viele Schülerin-
nen und Schüler kommen in den Genuss von BAföG-
Leistungen –, und es ist auch gut für die Studierenden.
Wir erhöhen die Bedarfssätze. Wir erhöhen die Einkom-
mensfreibeträge. Der Wohnkostenzuschuss ist benannt
worden. Wir erhöhen den Kinderbetreuungszuschuss auf
130 Euro pro Kind – und nicht mehr gestaffelt, sondern
pauschal. Das finde ich ganz wichtig. Wir schließen die
Lücke zwischen Bachelor- und Masterstudium. Wir er-
reichen 110 000 zusätzliche junge Menschen mit Leis-
tungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz.
Damit hat die Novelle ein Gesamtvolumen von rund
825 Millionen Euro. Das ist in der Tat eine substanzielle
Novelle.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Alles erst in zwei Jahren!)


Nun beginnen die parlamentarischen Beratungen.
Frau Kollegin Lücking-Michel hat bereits einen Aspekt
eingebracht, der sicherlich noch eine Rolle spielen wird.
Auch andere Aspekte werden eine Rolle spielen. Es gilt
das berühmte und berüchtigte Struck’sche Gesetz: Kein
Gesetzentwurf kommt so aus dem Bundestag heraus,
wie er eingebracht worden ist.


(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Das ist mehr berühmt als berüchtigt!)


Das ist mal wieder keine Drohung, liebe Frau Ministerin
Wanka, sondern es geht darum, im kommenden parla-
mentarischen Beratungsverfahren die guten Dinge noch
ein bisschen besser zu machen.


(Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: „Das ist keine Drohung“! Das nennt man negatives Framing!)


Damit haben die SPD und die Koalition zwei zentrale
Vorhaben umgesetzt. Das eine zentrale Vorhaben war die
Entlastung der Länder, das zweite zentrale Vorhaben die
Stabilisierung, die strukturelle Stärkung und die Anpas-





Martin Rabanus


(A) (C)



(D)(B)

sung des BAföG an die aktuellen Bedürfnisse. Das ist
gut so.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Natürlich ist der SPD und auch der Koalition bewusst,
dass damit das Thema „Ausbildungs- und Fortbildungs-
förderung“ für diese Legislaturperiode nicht ad acta ge-
legt werden kann. Ganz im Gegenteil: Wir werden uns
jetzt sowohl in den einzelnen Fraktionen als auch in der
Koalition insgesamt dem Thema Meister-BAföG inten-
siver zuwenden. Denn wenn wir für Schülerinnen und
Schüler sowie Studierende jetzt richtigerweise eine Re-
form des BAföG machen, dann ist es nur folgerichtig,
uns in einem jetzt kommenden zweiten Schritt auch um
die Meisterschüler zu kümmern.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Dabei sind wir von der Überzeugung geleitet, dass es
eine Gleichwertigkeit der akademischen und der berufli-
chen Bildung gibt, von der Überzeugung geleitet, dass
sie nicht gegeneinander auszuspielen sind, sondern ge-
meinsam gedacht werden müssen.

Wenn das so ist, dann müssen wir auch dafür sorgen,
dass wir vergleichbare Förderbedingungen in den Syste-
men BAföG und AFBG, also Aufstiegsfortbildungsför-
derung, hinbekommen. Da ist noch eine ganze Menge zu
tun. Gesetzessystematisch werden die Freibeträge und
die Bedarfssätze, insbesondere aus dem BAföG, auch im
Meister-BAföG abgebildet. Aber das ist nur ein Teil des-
sen, was die Förderlogik im Meister-BAföG ausmacht.

Es gibt den Bereich der Lehrgangs- und Prüfungsge-
bühren, der im BAföG in der Regel keine Rolle spielt.
Es gibt den Bereich der Prüfungsvorbereitungen, aber
auch den des Meisterstücks, das in der Meisterausbil-
dung gemacht und vorgelegt werden muss. Hier gibt es
nach unserer Überzeugung die Notwendigkeit, bedarfs-
gerechte Anpassungen vorzunehmen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Ich darf mit Erlaubnis des Präsidenten noch einen
Satz sagen, nämlich zum Thema der Zuschuss- und Dar-
lehensbedingungen. Diese sind beim BAföG und beim
Meister-BAföG ganz unterschiedlich. Beim BAföG ist
es so – das wissen wir alle –: 50 Prozent Zuschuss und
50 Prozent Darlehen, zinsfrei. Beim Meister-BAföG ist
es ein geringerer Zuschuss und ein höherer Darlehensan-
teil, und das verzinslich. Wenn wir es mit der Gleichwer-
tigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ernst
meinen, wenn wir es damit ernst meinen, gleiche Förder-
bedingungen herzustellen, dann müssen wir an dieser
Stelle Veränderungen herbeiführen.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805702900

Letzter Redner zu diesem Tagesordnungspunkt ist der

Kollege Sven Volmering für die CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Sven Volmering (CDU):
Rede ID: ID1805703000

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Her-

ren!

Wenn du kritisiert wirst, dann musst du irgendetwas
richtig machen. Denn man greift nur denjenigen an,
der den Ball hat.

Dieses Zitat von Bruce Lee passt sehr schön zur heutigen
Debatte:


(Lachen beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Die Große Koalition hat den Ball nicht nur gehalten,
sondern mit Ministerin Wanka als Stürmerin Tore ge-
schossen. Die BAföG-Reform wird ein großer Erfolg
werden.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805703100

Wo hat der gerade zitierte Kollege seinen Wahlkreis,

Herr Volmering?


(Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir haben uns alle an unsere Kung-fu-Zeiten erinnert, Herr Präsident!)



Sven Volmering (CDU):
Rede ID: ID1805703200

Bruce Lee – für den, der ihn nicht kennt –: amerikani-

scher Schauspieler und Kampfkünstler. – Da die Linke
und die Grünen das aber nicht zugeben können, orientie-
ren sie sich in ihrer Kritik lieber am ehemaligen Bundes-
ligaprofi Rolf Rüssmann, der gesagt hat: „Wenn wir
nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den
Rasen kaputt.“


(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Selbst das ist Ihnen in der heutigen Debatte nicht gelun-
gen. Sie haben argumentativ barfuß in den Rasen getre-
ten und sich dabei wehgetan.

Die Linke spricht in ihrer Pressemitteilung vom
20. August 2014 von einem „unwürdigen Schauspiel“,
der Kabinettsbeschluss sei unverantwortlich. Die Grü-
nen sind sich nicht zu schade, in ihren Stellungnahmen
das Wort „Almosen“ in einem Atemzug mit dem Wort
„BAföG“ zu nennen.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dass es das nicht ist, sondern ein Rechtsanspruch! – Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Richtig lesen!)


Seriöse Kritik sieht anders aus. Das Deutsche Studenten-
werk jedenfalls begrüßt die Reform und spricht von ei-
ner „guten Nachricht“.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich kann nicht verstehen, wie man die Erhöhung der
Bedarfssätze um 7 Prozent, die Erhöhung des Wohn-
geldzuschlags auf 250 Euro, des Förderhöchstsatzes um
9,7 Prozent auf 735 Euro, die Anhebung des Vermögens-
freibetrags und des Kinderbetreuungszuschlags als „un-
würdiges Schauspiel“ bezeichnen kann. Durch die sie-





Sven Volmering


(A) (C)



(D)(B)

benprozentige Erhöhung der Einkommensfreibeträge der
Eltern erhalten 110 000 mehr Studierende und Schüler
BAföG.

An dieser Stelle möchte ich auch einmal den Eltern
danken: 87 Prozent der Eltern unterstützen ihre Kinder
während des Studiums monatlich mit durchschnittlich
476 Euro und schränken sich selber ein. Auch das ver-
dient in dieser Debatte einmal Anerkennung.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Sinnvoll ist auch die Anhebung der Nebenverdienst-
möglichkeiten auf 450 Euro. Die Bundesagentur für Ar-
beit hat im letzten Jahr die „gute Funktion“ der Minijobs
für Studenten und Schüler betont, um Geld zu verdienen.
Wenn man bedenkt, dass zwei Drittel der Studierenden
dies aus unterschiedlichen Gründen tun und der Minijob
dabei eine zentrale Rolle spielt, dann ist die Forderung
der Grünen aus dem Bundestagswahlkampf, die Zahl der
Minijobs einzudämmen, für die junge Generation kon-
traproduktiv und schädlich.

Mit großer Sorge verfolge ich – das ist angesprochen
worden – die Rolle einiger Bundesländer bei der Ver-
wendung der freiwerdenden BAföG-Mittel in jährlicher
Höhe von 1,2 Milliarden Euro. Als Nordrhein-Westfale
will ich jetzt gar nicht auf die Situation in – sagen wir –
Niedersachsen eingehen, sondern mich lieber mit mei-
nem eigenen Land beschäftigen.

Meine Landesregierung sagte im Sommer auf An-
frage, dass die freiwerdenden Mittel in Höhe von
279 Millionen Euro im Haushalt eingespeist werden, gab
jedoch nie konkret an, wofür. Vielmehr sprach man da-
von, dass „angesichts der Konsolidierungsnotwendig-
keiten im Landeshaushalt“ NRW die Entlastung eine
Unterstützung im Hinblick auf das Erreichen bildungs-
politischer Ziele darstellt. Allein durch die Verwendung
des Begriffs „Konsolidierungsnotwendigkeiten“ ist klar,
dass das Geld dann doch beim nordrhein-westfälischen
Finanzminister landen kann.


(Willi Brase [SPD]: Quatsch!)


Verschiedene Seiten haben seitdem an die Landesre-
gierung appelliert, im Sinne von Haushaltsklarheit und
-wahrheit mit Nachweis anzugeben, wofür das Geld ver-
wendet wird.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Für Bildung und Hochschulen wird das verwendet!)


CDU-Vorschläge liegen lange vor. Ich habe mich bei-
spielsweise dafür eingesetzt, dass 35 Millionen Euro für
die digitale Bildung eingesetzt werden.


(Christine Lambrecht [SPD]: Landespolitik machen wir im Landtag!)


– Ich weiß, dass Sie das alles nicht hören wollen. – Wei-
tere Vorschläge sind zum Beispiel der Ausbau von Mas-
terstudienplätzen,


(Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ist das jetzt eine Landtagsrede?)

die Förderung von Rückkehrerprogramme für wissen-
schaftlichen Spitzennachwuchs, die Anschubfinanzie-
rung der dringend nötigen medizinischen Fakultät in
Ostwestfalen oder meinetwegen auch die Förderung der
Schulsozialarbeit.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ist das alles in der Bund-Länder-Vereinbarung drin?)


Auch das ist ein Thema, das meinen Wahlkreis betrifft.

Dann gab es am Dienstag eine große Pressemitteilung
der Landesregierung Nordrhein-Westfalen mit Hinweis
auf die BAföG-Mittel:

Das Land hat das Geld zur Finanzierung neuer
Maßnahmen im Bildungsbereich veranschlagt –

Großer Trommelwirbel. Wir warten alle, was jetzt
kommt. Und dann:

unter anderem für den Ausbau des offenen Ganz-
tags, weitere Zuweisungen an Kommunen für die
Inklusion und für den Kita-Ausbau.


(Zuruf von der SPD: Das ist doch gut! – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist doch super!)


Bei allem Respekt: Das sind alles keine neuen Maßnah-
men. Alle Ziele sind jetzt schon im nordrhein-westfäli-
schen Haushalt haushaltsrechtlich verankert. Die Hoch-
schulen werden in der Pressemitteilung nicht einmal
erwähnt; stattdessen wird die vereinbarungswidrige Ki-
taförderung aufgeführt.


(Thomas Oppermann [SPD]: Landtagsrede!)


Ein paar globale Minderausgaben kommen in Nord-
rhein-Westfalen auch immer noch dazu. Dann wird eine
Maßnahme nicht komplett abgerufen, und schon ist das
BAföG-Geld weg. Das ist ein billiger Taschenspieler-
trick in Nordrhein-Westfalen. Ich fordere die Landesre-
gierung auf, die getroffenen Vereinbarungen auch einzu-
halten.


(Beifall bei der CDU/CSU – Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Es steht doch gar keine Wahl an! Was machst du hier?)


Es ist doch – damit hat Frau Gohlke sogar recht – ein
Alarmsignal, dass der Präsident des Deutschen Hoch-
schulverbandes, Professor Kempen, mit drastischen
Worten von einer „Schweinerei“ spricht, wenn er an die
BAföG-Mittel-Verwendung durch einige Länder denkt.

Es steht in der Zukunft noch eine Reihe von Bund-
Länder-Verhandlungen an. Es kann nicht sein, dass man-
che Länder ständig trotz verfassungsrechtlicher Nichtzu-
ständigkeit den Bund auffordern, immer mehr Aufgaben
zu bezahlen, aber gleichzeitig besonders kreativ darin
sind, eigene Hausaufgaben nicht zu erledigen. Das belas-
tet für die Zukunft die angesprochenen Verhandlungen
und schwächt die Länder selbst. Wir beklagen immer
wieder die niedrigen Landtagswahlbeteiligungen.





Sven Volmering


(A) (C)



(D)(B)


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das liegt an solchen Reden! Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Luftnummer!)


Ein Grund dafür ist, dass den Bürgern eine solche Wahl
nicht so wichtig ist wie die Bundestagswahl. Wir brau-
chen uns dann nicht zu wundern, dass das bei diesem
Verhalten der Länder mit den ständigen selbstschwä-
chenden Rufen nach Abgabe von Verantwortung an Ber-
lin so ist.

Deutschland hat enorm viele gute Erfahrungen mit
dem Föderalismus gemacht. Wir sollten dies nicht durch
taktische Spielchen ruinieren.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wir sollten vielmehr sehen, dass wir auch künftig ver-
nünftige Bund-Länder-Beziehungen gestalten. Ich finde,
damit habe ich als letzter Redner eine gute Überleitung
zur morgigen Debatte über die Grundgesetzänderung
und die Aufhebung des Kooperationsverbotes im Hoch-
schulbereich geschaffen.


(Christine Lambrecht [SPD]: Das war ja eine Rede! Unterirdisch war die!)


Wir sehen uns morgen zur zweiten Halbzeit. Ich bin
zuversichtlich, dass die Große Koalition ihren Vorsprung
noch ausweiten wird.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Wie war das mit dem Bundesligaspieler und dem Rasen?)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1805703300

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird die Überweisung der Vorlagen
auf den Drucksachen 18/2663, 18/460 und 18/2745 an
die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorge-
schlagen. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist offen-
sichtlich der Fall. Dann sind die Überweisungen so be-
schlossen.

Darf ich bitten, den Schichtwechsel zügig und mög-
lichst geräuschlos vorzunehmen?

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 5 auf:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Annalena
Baerbock, Bärbel Höhn, Oliver Krischer, weite-
rer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN

Ein Scheitern der nationalen Klimapolitik ab-
wenden und international an Glaubwürdig-
keit zurückgewinnen

Drucksache 18/2744
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 96 Minuten vorgesehen. – Ich stelle kei-
nen Widerspruch fest. Dann können wir so verfahren.

Ich eröffne die Aussprache und erteile als Erstem das
Wort dem Kollegen Anton Hofreiter für die Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Der CO2-Gehalt in der Atmosphäre ist im
letzten Jahr so schnell gestiegen wie in den vergangenen
30 Jahren nicht mehr. Die Ozeane sind sogar so sehr ver-
sauert wie seit 300 Millionen Jahren nicht mehr. Die
Westantarktis hat in diesem Jahr nach Aussage der Wis-
senschaft unwiderruflich begonnen, zu schmelzen. Die
drohende Klimakatastrophe zu verhindern oder zumin-
dest zu begrenzen, ist eine gigantische Herausforderung.
Klimaschutz ist aber auch eine ganz konkrete, ja klein-
teilige Aufgabe. Man kann das ganz systematisch be-
schreiben. Es geht darum, unsere Stromproduktion unab-
hängig von den fossilen Energieträgern, unsere Mobilität
unabhängig vom Öl und unsere Häuser weg vom Auf-
heizen der Umgebung zu bekommen. Das sind ganz
konkrete Aufgaben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Was haben Sie bisher getan? Die Energiewende war
einmal der Motor der deutschen Klimapolitik. Sie haben
diesen Motor auseinandergenommen, und jetzt ruckelt
und stockt es. Dann ist da noch der Kolbenfresser aus
Bayern, Herr Seehofer.


(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Er würgt die Energiewende in Bayern komplett ab. Seine
Attacken auf Windkraft und Netzausbau sind absolut un-
verantwortlich. Damit stellt Herr Seehofer am Ende so-
gar den Atomausstieg infrage. Die Bundesregierung ist
gefordert, endlich den Geisterfahrer Seehofer zu stop-
pen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Deutschland ist längst nicht mehr Primus beim Kli-
maschutz oder beim Ausbau der erneuerbaren Energien.
Dänemark will bis zum Jahr 2030 den Strom- und
Wärmebedarf vollständig aus erneuerbaren Energien de-
cken. China will im kommenden Jahr 30 Prozent seines
Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien decken. Da-
mit zieht selbst China an Deutschland vorbei. Die künf-
tige rot-grüne Regierung in Schweden will Vattenfalls
Braunkohlepolitik beenden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Auf der einen Seite ist das sehr ermutigend. Auf der an-
deren Seite ist es schon beschämend, dass es der rot-grü-
nen Regierung in Schweden bedarf, damit in Deutsch-





Dr. Anton Hofreiter


(A) (C)



(D)(B)

land Vattenfall aus der Braunkohle aussteigt. Sind wir
nicht in der Lage, unsere eigenen Aufgaben zu erledi-
gen?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Von den zehn klimaschädlichsten Braunkohlekraft-
werken weltweit steht die Hälfte in einem einzigen
Land. Dieses Land ist Deutschland. Wenn wir endlich
nur die Grenzwerte für Quecksilber den US-amerikani-
schen Standards anpassten, dann müsste Deutschland
alle seine Braunkohlekraftwerke schließen. Das wäre
einmal ein schönes Beispiel. Sie sind doch so große Fans
von TTIP. Passen Sie die deutschen Umweltstandards
denen der USA an! Dann hätten Sie eine vernünftige
Aufgabe.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Eva Bulling-Schröter [DIE LINKE] – Michael Grosse-Brömer [CDU/ CSU]: Sie stimmen TTIP jetzt zu, oder was?)


Um das 2-Grad-Ziel noch zu schaffen, müssen zwei
Drittel der bekannten fossilen Rohstoffvorräte in der
Erde bleiben. Doch kein einziges Land weltweit fördert
so viel Braunkohle wie Deutschland. Im vergangenen
Jahr 183 Millionen Tonnen! Das ist doch klimapoliti-
scher Wahnsinn!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Eine der wichtigsten Baustellen für den Klimaschutz
in Deutschland ist die energetische Gebäudesanierung.
Die Sanierungsquote für Gebäude muss dringend erhöht,
am besten verdreifacht werden.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Das wäre gut fürs Klima, gut fürs Handwerk und gut für
die Investitionen. Auch wenn man an die momentane
Krise denkt, wäre das gut; denn so könnten wir unsere
Abhängigkeit von russischem Erdgas ganz massiv redu-
zieren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Aber in keinem der zentralen Bereiche haben Sie bisher
etwas Substanzielles zustande gebracht.

Sehr geehrte Damen und Herren der Bundesregie-
rung, Sie haben ein süßes Wappentier, dieses „GroKo“.
Leider ist das kein niedliches Reptil, sondern es kommt
daher wie ein überkommenes, träges Fossil mit einem
übergroßen, metertiefen ökologischen Fußabdruck.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Die grünen Frösche müssen aufpassen!)


Deutschland wird mit dieser Politik seine selbstge-
steckten Klimaschutzziele verfehlen. Im letzten Jahr
sind sogar in Deutschland die CO2-Emissionen wieder
gestiegen. Frau Hendricks, sogar Sie selbst haben das
Problem erkannt. Im Januar haben Sie deshalb ein So-
fortprogramm für den Klimaschutz angekündigt. Vor der
Sommerpause wurde dann die lustige Groteske des mit-
telfristigen Sofortprogramms daraus, und jetzt kommt es
vielleicht im November, vielleicht auch gar nicht. Frau
Hendricks, das ist wirklich das langsamste Sofortpro-
gramm, das ich je erlebt habe.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn schon natio-
nal so wenig passiert: Wie schaut es dann mit Ihrem in-
ternationalen Engagement aus? Da passiert trauriger-
weise nicht viel mehr. Als vor zwei Wochen auf
Einladung des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon die
Staats- und Regierungschefs der Welt zusammenkamen,
um neue Impulse für den Klimaschutz zu setzen: Was
machte da die Kanzlerin? Die Kanzlerin machte sich
noch nicht einmal die Mühe, hinzufahren. Stattdessen
war sie beim BDI. Nichts gegen den BDI, aber seien wir
doch einmal ehrlich: Finden Sie nicht selbst, dass es eine
total seltsame Prioritätensetzung ist, eine lokale Lobby-
veranstaltung einem internationalen UN-Gipfel vorzu-
ziehen?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Am nächsten Europäischen Rat wird Frau Merkel
– das vermuten wir sehr – teilnehmen. Aus Brüssel hört
man aber auch nur, dass die europäischen Ziele für Kli-
maschutz, Energieeffizienz und erneuerbare Energien
weiter geschleift werden sollen – und das, obwohl die
Ziele beim Klimaschutz, zum Ausbau der Erneuerbaren
und zur Energieeffizienz ohnehin schon schwach und
zahnlos sind. Zusammen mit der Personalpolitik der Eu-
ropäischen Union wird klar: Es besteht die Gefahr, dass
sich die Europäische Union komplett aus der Klima- und
Umweltpolitik zurückzieht. Und was macht die Kanzle-
rin? Sie macht sich mit ihrem Schweigen de facto zum
Komplizen dieser Wende rückwärts.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, es entsteht gerade
eine neue weltweite Bewegung für den Klimaschutz.
Am 21. September fand die größte Klimademo der Welt
statt. In fünf Kontinenten gingen über 500 000 Men-
schen auf die Straße, um für den Erhalt ihrer Lebens-
grundlagen zu demonstrieren. Sie mahnten entschei-
dende Weichenstellungen für den Gipfel in Paris im Jahr
2015 an. Leider fallen genau jetzt, wo sich endlich neue
Chancen auftun, Europa und Deutschland als Kämpfer
für den Klimaschutz aus. Das schadet nicht nur dem
Klima, sondern es gefährdet Arbeitsplätze auch hier bei
uns, und es schadet nachhaltiger Wohlstandsentwick-
lung.

Das erste Jahr, Frau Hendricks, haben Sie leider kom-
plett nutzlos verstreichen lassen. Voraussichtlich drei
Jahre haben Sie noch. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie
diese drei Jahre nutzen und endlich in die Gänge kom-
men.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)







(A) (C)



(D)(B)


Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805703400

Als nächster Redner spricht der Kollege Dr. Georg

Nüßlein.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Georg Nüßlein (CSU):
Rede ID: ID1805703500

Frau Präsidentin! Meine Damen! Meine Herren! Herr

Hofreiter spricht von einer gigantischen Herausforde-
rung im Klimaschutz, womit er unumstritten recht hat,
und antwortet dann auf diese gigantische Herausforde-
rung mit einem oppositionellen Gemäkel und Genöle
sondergleichen.


(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Na, na, na!)


Er versteigt sich dazu, den bayrischen Ministerpräsiden-
ten als das Haupthindernis beim Klimaschutz zu stilisie-
ren.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Das kann doch nicht wirklich Ihr Ernst sein, meine Da-
men und Herren! Ich glaube, wir sollten diese Diskus-
sion schon mit der nötigen Ernsthaftigkeit führen.

National ist es in der Tat so, dass wir zwar sagen
könnten, dass wir die Kioto-Ziele erreichen, aber auf der
anderen Seite ist es unerfreulich, wenn unsere CO2-
Werte steigen. Dann muss man aber auch nüchtern ana-
lysieren, woher das kommt. Das kommt davon, dass wir
aus der Kernenergie aussteigen,


(Lachen bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


was richtig ist. Auch das könnte man als große Heraus-
forderung hervorheben. Aber Sie antworten auf diese
Herausforderung mit einer Beschreibung dessen, was
Sie – typisch grün – nicht wollen, nämlich die Kohle,


(Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Genau!)


ohne auf die Frage zu antworten, wie wir energiepoli-
tisch an der Stelle weiterkommen, wie wir unsere Ver-
sorgungssicherheit gewährleisten sollen und wie wir da-
für sorgen können, dass wir industriepolitisch diesen
Umschwung tatsächlich überstehen, und wie wir das
Ganze bezahlen sollen. Die Antworten auf all diese Fra-
gen geben Sie nicht.


(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Herr Nüßlein, Sie sind doch von der CSU, oder?)


Nein, Sie sagen, die Situation sei komplex und schwie-
rig, und weil die Situation so schwierig und komplex ist,
suchen Sie sich noch eine zusätzliche Schwierigkeit,
nämlich die Kohle aus dem Energiemix herauszuneh-
men.


(Katrin Göring-Eckardt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Es gibt nur einen, der dagegen ist! – Weiterer Zuruf des Abg. Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Es wäre doch viel besser gewesen, wenn Sie stattdes-
sen der internationalen Dimension Vorrang eingeräumt
hätten. Ich sage Ihnen ganz offen: Klimaschutz wird und
muss international entschieden werden, nicht national.


(Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Warum ist die Kanzlerin nicht da?)


Bevor Sie jetzt sagen, das sei ein Feigenblatt, um natio-
nal nicht handeln zu müssen, möchte ich eines ganz
deutlich unterstreichen.


(Katrin Göring-Eckardt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sagen Sie doch einmal etwas zu Herrn Seehofer! Weitere Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


– Schreien Sie doch nicht so, sondern hören Sie mir ein-
fach einmal zu. Sie haben doch nachher genügend Rede-
zeit. Dann können Sie darauf antworten.


(Widerspruch bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


– Ausreichend Redezeit, wie ich meine. – Klimaschutz
wird international entschieden. Klimaschutz funktioniert
weltweit nur, wenn das Vorbild Deutschland am Ende
Nachahmer findet.


(Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Genau! – Zurufe von der LINKEN)


Wir werden nur dann Nachahmer finden, wenn wir
auf der einen Seite beim Klimaschutz erfolgreich sind,
aber es uns auf der anderen Seite auch gelingt, Wohl-
stand und Wachstum in diesem Land zu mehren. Sonst
gibt es keine Nachahmer.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ich sage das explizit an die Adresse der Wachstumsskep-
tiker, der Verzichtseinforderer sowie der Wasserprediger
und Weintrinker in diesem Haus. Es gibt nämlich eine
ganze Menge, die sagen, man müsse gleichzeitig noch
einen Beitrag dazu leisten, dass wir alle ärmer werden
und die Arbeitsplätze verschwinden.


(Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So ein Schwachsinn!)


Klimaschutz, der den Industriestandort Deutschland
gefährdet, kommt für uns nicht infrage.


(Zuruf der Abg. Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])


– Da geht es nicht nur um die Arbeitsplätze, Frau Höhn,
sondern da geht es insbesondere darum, dass andere uns
auf diesem Weg folgen. Deshalb müssen wir beim inter-
nationalen wie beim nationalen Klimaschutz in Zukunft
die Grenzkosten im Blick haben. Was kostet die zusätzli-
che Reduzierung von 1 Tonne CO2, und gibt es nicht bil-
ligere Alternativen für die Reduzierung? Das ist ganz
entscheidend.

Sie haben die Energiepolitik angesprochen. Wir, SPD
und CDU/CSU gemeinsam, haben im Koalitionsvertrag
festgeschrieben:





Dr. Georg Nüßlein


(A) (C)



(D)(B)

Die konventionellen Kraftwerke … als Teil des na-
tionalen Energiemixes sind auf absehbare Zeit un-
verzichtbar.

Wir wollen eben keinem politischen Blütentraum nach-
hängen, sondern wir sind mit der harten Realität kon-
frontiert, bei uns hier im Land tatsächlich dafür Sorge zu
tragen, dass zu jeder Sekunde Strom aus der Steckdose
kommt.


(Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Och, Herr Nüßlein, das ist ein Argument aus den 70ern!)


– Nein, das ist kein Argument aus den 70ern. – Wenn
man aus der Kernenergie aussteigt, wenn man die Erneu-
erbaren ausbaut, und zwar schneller, als Sie sich das je-
mals erträumt haben – denn die Ziele, die Sie einmal for-
muliert haben, sind längst weit überschritten –,


(Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dank Ihnen, was?)


dann muss man sich vergegenwärtigen, dass wir trotz-
dem die Situation haben, die fluktuierende Einspeisung
regenerativer Energien ausgleichen zu müssen. Dazu
werden wir Gas und in einem gewissen Umfang auch
Kohle brauchen. Das ist die Realität, und mit der müssen
Sie sich letztendlich abfinden.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ich will deutlich machen, dass man sich, wenn man
die Grenzkosten im Blick haben will, hinsichtlich der
Mittel und der Frage, was man tut, verständigen muss.
Sie haben klare Ziele: Zwang, Vorgaben, Ordnungspoli-
tik – das ist das, wofür Sie stehen. Wir wollen die Pro-
bleme durch marktwirtschaftliche Anreize lösen. Der eu-
ropäische Emissionshandel hat immerhin den Vorteil,
dass er marktorientiert ist. Nun kann man aus mancherlei
Gründen sagen: Die Zertifikate sind zu billig.


(Eva Bulling-Schröter [DIE LINKE]: Ja!)


Es kommt darauf an: Wenn man allein auf das Ziel
schaut, dann entscheidet das Cap, die Mengenbegren-
zung. Wenn man allein auf die Einnahmen schaut, dann
kommt man vielleicht zu dem Ergebnis, dass der Emis-
sionshandel dazu nicht geeignet ist. Einnahmen zu erzie-
len, Töpfe zu füllen, das ist nicht die eigentliche Zielset-
zung eines marktwirtschaftlichen, marktorientierten
Emissionshandelssystems.

Man muss auch noch einmal ganz deutlich unterstrei-
chen: Wenn man den Emissionshandel als marktwirt-
schaftliches System versteht, dann können wir nicht zu
jeder Sekunde in dieses System eingreifen. Wir haben
uns entschlossen, das ein Mal zu tun. Im Koalitionsver-
trag ist ganz klar formuliert: Das ist eine Ausnahme. –
Ich bin sehr kritisch, wenn es darum geht, den Preis der
Zertifikate zu stabilisieren, gegenüber Ideen, den Markt
nicht wirken zu lassen und zu sagen: „Wir schaffen eine
Marktstabilitätsreserve“, als ob es um Währungen ginge,
bei denen die Preisstabilität natürlich einen besonderen
Stellenwert hat. Darum geht es nicht, sondern es geht da-
rum, dem CO2-Ausstoß einen Preis zu geben und am
Schluss dafür Sorge zu tragen, dass diese Thematik über
den Preisdruck an Bedeutung verliert.

Ich finde im Übrigen die in diesem Zusammenhang
von der Automobilindustrie angestoßene Diskussion
über die Frage, ob es Sinn macht, den Verkehr in das
Emissionshandelssystem zu integrieren, sehr spannend.
Darüber muss man diskutieren. Man muss aber auch
konstatieren, dass die Automobilindustrie diese Debatte
anstößt, weil eine solche Integration aus ihrer Sicht das
kleinere Übel sein könnte. Denn das, was zusätzlich auf-
seiten der Europäischen Union droht, führt möglicher-
weise dazu, dass speziell die deutschen Automobilbauer
in Schwierigkeiten kommen.

Wir, meine Damen und Herren, produzieren in diesem
Land die Premiumautomobile der Welt. Ich möchte ein-
mal dazusagen: Wir tun das mittlerweile auch sehr stark
umweltorientiert, wir tun das mit einer hohen Effizienz,
und es entstehen Automobile, die im Vergleich zu früher
einen extrem niedrigen Verbrauch haben. Das muss man
auch einmal anerkennen. Wir sollten jetzt aufpassen,
dass gerade das, was aus Brüssel unter dem Deckmantel
der Klimapolitik kommt, am Schluss nicht Industriepoli-
tik ist, der die Überlegung zugrunde liegt: Wie könnte
man das Geschäftsmodell zugunsten des einen oder an-
deren europäischen Automobilherstellers verändern?
Das ist entscheidend. Deshalb ist mir persönlich Klima-
schutz über den Emissionshandel deutlich lieber als alles
andere, was uns da noch einfällt und was am Schluss den
Wettbewerb verändert und die ganze Thematik schwieri-
ger macht.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Das Gleiche gilt für die angekündigte Energieeffi-
zienzoffensive.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo ist die Ankündigung?)


Auch hier heißt die Überschrift: Anreiz statt Zwang,
Vorrang der Wirtschaftlichkeit. Wir, die Fraktion, für die
ich spreche, haben Vorschläge auf den Tisch gelegt. Ich
gehe davon aus, dass die Regierung sie aufgreifen wird.
Diese Vorschläge reichen von der Vereinfachung beste-
hender Förderprogramme über die Förderung von KWK,
den Abbau von Hemmnissen für Contracting bis hin zur
Zusammenführung von Erneuerbare-Energien-Wärme-
gesetz und EnEV.


(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die Regierung hat davon noch nie was gehört!)


– Sie lesen die Presse nicht, Herr Hofreiter. Das wundert
mich.


(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich glaube nicht, dass Ihr Zeugs in der Presse steht!)


Wir haben insbesondere bei der Thematik Gebäude-
effizienz den Bereich Neubau im Blick; denn wir den-
ken, dass wir auch da noch einmal die Fragen stellen
müssen: Wie kann man den Neubau noch finanzierbar
halten? Was kann man tatsächlich beispielsweise im Be-





Dr. Georg Nüßlein


(C)



(D)(B)

reich der EnEV so gestalten, dass es zu Neubauten
kommt? Wir werden auch bei dem Thema „Smart Me-
ter“ dafür sorgen, dass wir alles nutzen, was sich im
Kontext der Marktorientierung im Energiebereich anbie-
tet, und hier nach vorn kommen.

Aber, meine Damen und Herren, unter dem Strich
wird das Entscheidende sein: Was machen wir mit dem
Gebäudebestand? Da komme ich mir vor wie der alte
Cato mit seinem Ceterum censeo. Wir werden auch noch
einmal darüber reden müssen, wie wir über entspre-
chende steuerliche Maßnahmen einen Beitrag dazu leis-
ten, dass durch Renovierung tatsächlich Klimaschutz im
Gebäudebereich stattfindet; sonst werden wir das alles
nicht schaffen.

In diesem Sinne vielen herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD – Katrin Göring-Eckardt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Schwacher Applaus bei der SPD!)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805703600

Als nächste Rednerin spricht die Kollegin Eva

Bulling-Schröter.


(Beifall bei der LINKEN)



Eva-Maria Bulling-Schröter (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805703700

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Seit Jahrzehnten warnen Bürgerinnen und Bürger, Wis-
senschaftler, Umweltpolitikerinnen und -politiker vor
den Folgen des Klimawandels, seit Jahrzehnten trifft
sich die Staatenwelt zu Klimakonferenzen, und seit Jah-
ren machen sich nach Megaevents wie dem jüngsten
Ban-Ki-moon-Klimagipfel in New York Enttäuschung
und Frustration breit.


(Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE]: So ist es!)


Die Bilanz für das Klima ist heute weder nachhaltig
noch wirtschaftlich vernünftig. Die Hälfte aller klima-
schädlichen Emissionen seit Beginn der Industrialisie-
rung wurde in den letzten 25 Jahren ausgestoßen. Nie
war die CO2-Konzentration in der Atmosphäre so hoch
wie heute – Tendenz steigend.

Auch in Deutschland klafft eine Klimaschutzlücke.
Heute befasst sich der Bundestag erneut mit der Forde-
rung, das offensichtliche Scheitern der Klimapolitik
noch abzuwenden. Die Linke unterstützt natürlich den
Antrag der Grünen; das ist für uns keine Frage.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Die vielleicht wichtigste Forderung, ein nationales Kli-
maschutzgesetz mit verbindlichen CO2-Reduktionszie-
len zu schaffen, ist absolut richtig, liebe Kolleginnen und
Kollegen.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Erlauben Sie mir an dieser Stelle, Ihr Kurzzeitge-
dächtnis aufzufrischen. Verbindliche Reduktionsziele hat
die SPD in der letzten Legislatur selbst in einen Antrag
geschrieben. Jetzt frage ich Sie von der SPD: Warum ho-
len Sie den Antrag nicht einfach wieder aus der Pro-
grammkiste?


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Oder sitzt da vielleicht der Herr Wirtschaftsminister
Gabriel drauf?

Dieses Zitat will ich Ihnen nicht vorenthalten:

Um die Klimaschutzziele zu erreichen, werden wir
ein verbindliches nationales Klimaschutzgesetz mit
Zwischenschritten … erarbeiten.

Geht doch eigentlich, oder? Das haben Sie Ihren Wähle-
rinnen und Wählern versprochen – vor einem Jahr im
Regierungsprogramm, vor der Bundestagswahl. Heute
sind Sie an der Regierung. Jetzt frage ich Sie: War das
bloß Wahlkampfluft? Also: Tut was!

Der europäische Emissionshandel – wie im Antrag
formuliert, immerhin das zentrale Instrument der EU-
Klimaschutzpolitik – muss endlich auf die Beine kom-
men. Aber der Praxistest ist eine Katastrophe, die Len-
kungswirkung absolut schwach. Von Anfang an haben
wir gewarnt, es sei blauäugig oder grob fahrlässig, Stahl-
und Chemiekonzernen, Bankdirektoren und Börsianern
den Klimaschutz zu überlassen.


(Beifall bei der LINKEN)


Leider haben wir recht behalten; wir haben nicht immer
gerne recht. Jetzt frage ich Sie: Warum sollte ausgerech-
net der Markt, der allein dem Gesetz von Wachstum und
Profit folgt, die Erderwärmung aufhalten? Warum? Statt-
dessen haben zehn Firmen wie ThyssenKrupp und
BASF allein mit überschüssigen Klimazertifikaten bis
2010 über 780 Millionen Euro verdient. Statt CO2 einzu-
sparen, wird der Emissionshandel zum Goldesel für Ak-
tieninhaber.

Verbindliche Reduktionsziele braucht die Wirtschaft;
schließlich sind rund 90 Global Players für zwei Drittel
der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. 90 Glo-
bal Players! Wir finden, diese Unternehmen müssen ih-
rer Verantwortung endlich gerecht werden. Das müssen
wir von ihnen einfordern.


(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Natürlich sind auch die Forderungen nach einem Aus-
stieg aus der Kohleverstromung richtig. Dass diese CO2-
Schleudern in Form von Kraftwerken großen Schaden
anrichten, nicht nur beim Klima, auch am Menschen, ist
bekannt. Leider fehlt dem Antrag der Grünen ein kon-
kretes Ausstiegsdatum. Es wäre sinnvoll gewesen, ein
solches Datum zu benennen. Wir wollen den Kohleaus-
stieg und Strommengenbegrenzungen für Kohlekraft-
werke, damit 2040 Kohleschlote Geschichte sind. Ich
finde, das ist ein guter Plan.


(Beifall bei der LINKEN)


(A)






Eva Bulling-Schröter


(A) (C)



(D)(B)

Die Schweden machen es vor, liebe Kolleginnen und
Kollegen.

Jetzt wird gern mit dem Finger auf die Kohlefans bei
der SPD gezeigt. Das ist auch richtig. Das, was mich är-
gert, ist, in der öffentlichen Wahrnehmung kommt die
Union viel zu gut weg.


(Zuruf des Abg. Dr. Georg Nüßlein [CDU/ CSU])


Um es hier einmal ganz deutlich zu sagen: Die Bundes-
kanzlerin ist keine Klimakanzlerin, die Union ist eine
Partei des Klimawandels.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Sie will mehr Braun- und Steinkohle – sei es aus Russ-
land, der Mongolei, dem Bürgerkriegsland Kolumbien –


(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Und Brandenburg!)


oder Teersande aus Kanada. Sie bremst den Ausbau der
Erneuerbaren, sie verteidigt die fossilen Energieriesen.


(Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE]: So ist es! – Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Und Brandenburg!)


Die Union hat das Klimaschutzversprechen der SPD aus
dem Koalitionsvertrag geboxt. Das wart ihr. In Brüssel
sperrt sie sich gegen alles, was der Automobilindustrie
schärfere Abgasnormen beschert.


(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Jawohl, gut!)


Da seids’ ihr immer voran.

Der Kanzlerin hatten wir den alten EU-Energiekom-
missar Günther Oettinger, einen Klimabremser vor dem
Herrn, zu verdanken. Auch mit dem neuen EU-Kommis-
sar für Energie und Klima, Miguel Cañete, der nicht nur
im spanischen Ölgeschäft mitmischt, sondern auch noch
frauenfeindliche Sprüche klopft, hat das Regierungsla-
ger kein Problem. Damit habts’ ihr kein Problem. Im Ge-
genteil: Der Chef der CDU/CSU-Gruppe in Brüssel,
Herbert Reul, lobt die Wahl des Öllobbyisten als klug.
Endlich seien Energie und Klima in einer Hand.


(Zuruf von der CDU/CSU: Ja!)


Also, die Lobby schlägt da ganz schwer zu. Saludos
Amigos!


(Heiterkeit und Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Heiterkeit bei Abgeordneten der SPD)


Und in Berlin kürzt die Union – einmal mit der FDP,
jetzt mit der SPD – bei der nationalen und internationa-
len Klimaschutzfinanzierung. Im Gegenzug entgehen
dem Fiskus durch Steuervergünstigungen für Agrodie-
sel, kostenfreie CO2-Zertifikate an Unternehmen und In-
dustrierabatte bei der Ökostromumlage Milliarden. 2006
lagen umwelt- und klimaschädliche Subventionen noch
bei 42 Milliarden Euro pro Jahr. Heute sind es 51 Mil-
liarden Euro. Die schwarze Null im Haushalt, auf die das
Finanzministerium so stolz ist, ist ökologisch blanker
Unsinn. Dass die Schuldenbremse nicht zum Brandbe-
schleuniger des Klimawandels werden darf, das müsste
doch eigentlich jedem einleuchten, meine Damen und
Herren.

Jetzt noch zum Schluss, Herr Nüßlein, als Vertreter
der Kolbenfresserpartei:


(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Oh, oh!)


Sie wollen, dass Deutschland Vorbild ist. Es gibt hierfür
Alternativen: Energieeffizienz, Kraft-Wärme-Kopp-
lung. Dazu gab es gestern einen Kongress. Es gibt viele
Dinge. Packen Sie es jetzt endlich einmal an, auch das
mit der Energieeffizienz! Dann wird es auch mit den
Kolben besser.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805703800

Liebe Kolleginnen und Kollegen, als nächste Redne-

rin hat Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks das
Wort.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Dr. Barbara Hendricks, Bundesministerin für Um-
welt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit:

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Ich habe vor zwei Wochen bei den Vereinten Nationen
gesagt, dass es eine friedliche Welt im 21. Jahrhundert
nur geben kann, wenn die Staaten dieser Erde den
Kampf gegen den Klimawandel zügig und entschlossen
aufnehmen, sofern sie es noch nicht getan haben. Wir
nehmen vielen Menschen die Chance auf eine friedliche
Zukunft, wenn wir glauben den Status quo unserer Le-
bensweise fortführen zu können.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Andreas Jung [CDU/CSU])


Ich sage nicht zum ersten Mal in diesem Hause: Die
Wende zu einer Wirtschafts- und Lebensweise, die die
planetarischen Grenzen der Erde respektiert, ist eine der
größten Herausforderungen unserer Zeit.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Sie ist das Fundament für die Zukunft der uns folgenden
Generationen. Das gilt übrigens nicht nur für das Bun-
desumweltministerium, sondern für uns alle.

Der Klimagipfel in New York war ja erwartungsge-
mäß kein Beschlussgipfel, aber er hat einen Push im
Hinblick auf die vor uns liegenden offiziellen Klimakon-
ferenzen in Lima und insbesondere in Paris am Ende des
nächsten Jahres gegeben. Gleichwohl wurde auf dem
Klimagipfel eines erreicht: Es wurde nämlich Staaten
abverlangt bzw. sie wurden dazu auch gezwungen, Ver-
sprechen abzugeben; das bezieht sich insbesondere auf
die Vereinigten Staaten von Amerika, aber auch auf die





Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks


(A) (C)



(D)(B)

Volksrepublik China. Deswegen bin ich weiterhin zuver-
sichtlich, dass es uns gelingt, in Paris am Ende des
nächsten Jahres die Ziele festzulegen, die wir brauchen,
damit der Klimawandel tatsächlich nicht weiter fort-
schreitet und die Erderwärmung auf maximal 2 Grad im
Verhältnis zur vorindustriellen Zeit beschränkt wird. Das
haben wir alle uns vorgenommen, und dieses Ziel ist
wissenschaftlich fundiert; das steht jetzt außer Zweifel.
Es sind vielleicht noch 3 Prozent der Wissenschaftler auf
der Erde, die das anders sehen. Es gibt auch noch eine
oder zwei Regierungen auf der Welt, die den Klimawan-
del schlankweg negieren. Aber das wird zu überwinden
sein.

Über 400 000 Bürgerinnen und Bürger waren beim
People’s Climate March, und es hat weltweit Hunderte
Veranstaltungen gegeben. Es war in der Tat ein Geist des
Aufbruchs in den Verhandlungen zu spüren. Es gab deut-
liche Bewegungen in den Positionen Chinas und der Ver-
einigten Staaten. Das Bekenntnis, dass Paris 2015 ein
Erfolg werden soll, wurde von fast allen Staaten abgege-
ben, nicht von allen, aber von fast allen Staaten. Es gab
auch Zusagen hinsichtlich der Erstauffüllung des Grünen
Klimafonds. Wie Sie wissen, hat die Bundesregierung
als erste Regierung schon im Sommer das Signal gege-
ben und gesagt: Wir werden bis zu 750 Millionen Euro
für die Erstauffüllung des Grünen Klimafonds bereitstel-
len.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es wird hier zu
Hause manchmal gesagt, wir hätten die Vorreiterrolle
beim Klimaschutz verloren.


(Katrin Göring-Eckardt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Haben wir auch! Das ist die Realität!)


– Ja, das sagen Sie so: „Haben wir auch!“ Ich war beim
People’s Climate March und hatte Gelegenheit, neben
Mary Robinson und Gro Harlem Brundtland zu gehen,
was natürlich, für sich gesehen, schon eine Ehre ist; das
muss man so sagen. Sie hatten Schilder mit ihren Namen
– also „Mary Robinson“ und „Gro Harlem Brundtland“ –,
und darunter war gedruckt: „says #NowNotTomorrow“,
also: jetzt handeln, nicht später.


(Beifall der Abg. Ulli Nissen [SPD])


Dann konnte auch ich solch ein Schild bekommen, auf
dem ich meinen Namen „Barbara Hendricks“ und darun-
ter „Germany“ eingetragen habe – „says #NowNotTo-
morrow“ konnten die Menschen darunter lesen. Jetzt ha-
ben die Menschen, die beim People’s Climate March
waren, mich nicht gekannt; aber sie haben das Wort
„Germany“ gelesen. Das führte dazu, dass unglaublich
viele Menschen auf mich zukamen und sinngemäß ge-
sagt haben: Hey, you are making a great job. Thank you
for that! – Wir werden also in der Welt als diejenigen
wahrgenommen, die die Vorreiter sind


(Katrin Göring-Eckardt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Waren!)


und auf die sich die Menschen verlassen. Das betrifft
nicht nur die Menschen, die beim People’s Climate
March unterwegs waren, sondern auch die Vertreter der
Staaten, die unserer Hilfe bedürfen, zum Beispiel die
Small Island States, die unsere Freunde sind und die wis-
sen, dass sie sich auf uns verlassen können. Und sie kön-
nen sich auch auf uns verlassen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Ja, es ist so, liebe Kolleginnen und Kollegen, nach
wie vor schaut die Welt auf Deutschland, wenn es darum
geht, Wohlstand und Wachstum vom Verbrauch fossiler
Ressourcen zu entkoppeln. Wir sind das Vorbild, an dem
viele Staaten ihre Klimaschutzpolitik ausrichten. Bei al-
ler Kritik, die es hierzulande gibt: Ein wenig Stolz auf
den Weg, den wir in den vergangenen 15 Jahren in
Deutschland zurückgelegt haben, halte ich durchaus für
angebracht. Das würde es unseren Bürgerinnen und Bür-
ger erleichtern, zu sagen: Ja, wir sind bereit, zum Bei-
spiel Zusatzkosten beim Strom zu tragen, weil wir damit
einen Push für die Entwicklung der Welt geben. Denn
wenn die Solarenergie endlich marktfähig ist, sodass sie
sich auch in den Ländern der Dritten Welt durchsetzt,
dann ist dies das größte Geschenk, das Deutschland der
Welt machen kann.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Und dafür sind wir als Vier-Personen-Familie auch be-
reit, im Jahr 70 Euro mehr für Strom zu zahlen.

Wir können stolz darauf sein.


(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, wir können stolz darauf sein! Aber warum machen Sie es denn jetzt mit Ihrer Bundesregierung kaputt? Das ist ganz genau die Frage!)


Und ich denke, wir sollten endlich auch stolz sein und
den Bürgerinnen und Bürgern anhand solcher Beispiele
klarmachen, dass wir positiv voranschreiten, dass es
nicht ausschließlich um unsere eigene Stromversorgung
geht, sondern auch darum, eine saubere und sichere
Energieversorgung insbesondere für die Menschen in
den ärmeren Ländern der Welt zur Verfügung zu stellen,
was natürlich positive Folgen für die gesamte Welt hätte,
also zum Beispiel auch den Armutsdruck und den
Flüchtlingsdruck, mit dem wir sonst auf jeden Fall zu
rechnen haben, vermindern würde.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Mittlerweile ist es ja so: Der Anteil der erneuerbaren
Energien ist höher als der aller anderen Energieträger.
Wir sind Schrittmacher bei der Reduktion der Treibhaus-
gase. Mit unserer Nationalen und unserer Internationalen
Klimaschutzinitiative leisten wir einen direkten Beitrag
zum Klimaschutz. Der Wandel zu einer nachhaltigen
Wirtschafts- und Lebensweise ist eben keine Bürde, son-
dern ein Gewinn. Er macht unser Land zukunftsfähig,
führt zur Modernisierung unserer Wirtschaft und macht
uns unabhängiger von Energieimporten, was natürlich
schon jetzt für den inländischen Konsum von hoher Be-
deutung ist und in Zukunft zunehmend sein wird. Gerade
weil wir international das erste große Industrieland sind,
das entschlossen auf erneuerbare Energien setzt, dürfen
wir in unseren Anstrengungen natürlich nicht nachlas-





Bundesministerin Dr. Barbara Hendricks


(A) (C)



(D)(B)

sen. Deshalb habe ich in New York weitere Maßnahmen
auf nationaler und internationaler Ebene in Aussicht ge-
stellt, zum Beispiel die von mir schon erwähnte Auffül-
lung des Green Climate Fund.

Wir haben im Übrigen beschlossen, jeden Neubau
von Kohlekraftwerken kritisch zu überprüfen und in der
klima- und entwicklungspolitischen Zusammenarbeit
keine finanziellen Mittel mehr für den Neubau von Koh-
lekraftwerken zur Verfügung zu stellen. Die Modernisie-
rung laufender Kohlekraftwerke werden wir in diesem
Zusammenhang nur noch eingeschränkt und nach klar
definierten Kriterien finanzieren. Auch dies habe ich in
New York angekündigt.

Wir haben die Ratifizierung der zweiten Verpflich-
tungsperiode des Kioto-Protokolls als einer der ersten
Staaten in Angriff genommen, und – auch das durfte ich
in New York verkünden – wir werden überflüssige, aus
dem Kioto-Protokoll resultierende Emissionsrechte
löschen. In dem Umfang, in dem wir unsere Minde-
rungsverpflichtungen nach EU-Recht bis zum Jahr 2020
übererfüllen, werden die nicht benötigten Zertifikate
sukzessive gelöscht. Damit verhindern wir, dass zusätz-
liche Klimaschutzanstrengungen in Deutschland verpuf-
fen, weil diese Zertifikate anderswo auf der Welt oder zu
einem späteren Zeitpunkt zu zusätzlichem Treibhausgas-
ausstoß führen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die logische Konse-
quenz aus dem weiteren Ausbau der erneuerbaren Ener-
gien in unserem Land ist ein schrittweise reduzierter An-
teil an der Kohleverstromung. Wir alle kennen unser
Ziel: Wir wollen den Treibhausgasausstoß bis 2050 um
80 bis 95 Prozent reduzieren, und bis 2050 soll der An-
teil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung
80 Prozent betragen.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ihre Kollegen im Wirtschaftsausschuss haben davon aber noch nichts gehört!)


Es liegt doch auf der Hand, dass dies eine weitgehende
Abkehr von fossilen Energieträgern bedeutet.

Ich habe nicht umsonst unsere Ziele noch einmal defi-
niert: Sie richten sich auf das Jahr 2050. Das ist ein Pro-
zess. Das ist ein Weg dorthin, den wir gemeinsam gehen.


(Katrin Göring-Eckardt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann müssen Sie schon sagen, wie!)


Insofern ist eine Forderung nach dem Motto „Steigen
wir jetzt aus der Kohle aus!“ einfach unverantwortlich.
Wir werden aber bis 2050 unsere Ziele erreichen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Bei einem so komplexen Prozess läuft natürlich nicht
immer alles glatt und nach Plan. Nicht jede Entwicklung
kann vorhergesehen werden. Es ist nicht gut, dass in den
vergangenen zwei Jahren der CO2-Ausstoß in Deutsch-
land wieder gestiegen ist; aber die Bundesregierung hat
die Baustellen erkannt und geht sie entschlossen an.

(Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wie denn?)


Ich gehe im Übrigen davon aus, dass in diesem Jahr der
CO2-Ausstoß wieder sinken wird.

Es besteht kein Zweifel: Genauso wie sich die Bun-
desregierung mit aller Kraft für ein neues internationales
Klimaschutzabkommen einsetzt, wird sie ihre nationalen
Aufgaben erfüllen. Das Bundesministerium für Wirt-
schaft und Energie arbeitet an einem neuen Strommarkt-
design. Das Bundesministerium für Umwelt, Natur-
schutz, Bau und Reaktorsicherheit arbeitet zusammen
mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
an der Reform des Emissionshandels, auch auf europäi-
scher Ebene. Daneben arbeiten wir an einer Klima- und
Energiestrategie 2030 auf europäischer Ebene; auch der
Treibhausgasausstoß muss natürlich auf europäischer
Ebene gesenkt werden. Sie wissen aber, dass Politik, ins-
besondere auf europäischer Ebene, nicht durch das Be-
harren auf Maximalforderungen gelingt, sondern durch
kontinuierliche und ausdauernde Überzeugungsarbeit.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, als Bundesumwelt-
ministerin werde ich mich mit aller Kraft dafür einset-
zen, dass wir unser Ziel, bis 2020 40 Prozent CO2 weni-
ger auszustoßen, auch erreichen. Ich werde deshalb noch
vor dem Klimagipfel in Lima im Dezember ein Aktions-
programm vorstellen. Es heißt auch nicht mehr Sofort-
programm, sondern Aktionsprogramm


(Heiterkeit beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


– das tröstet Sie nicht, aber ganz dumm bin ich auch
nicht – und beinhaltet zusätzliche Klimaschutzmaßnah-
men. Die Bundesregierung zieht hier an einem Strang.

Daneben sollten wir den Blick nicht auf den Energie-
sektor verengen. Energetische Sanierung von Gebäuden,
Verkehr und Landwirtschaft: All dies muss mit in das
Blickfeld genommen werden.

Nach der Vorlage eines Aktionsprogramms werden
wir im Jahr 2016 einen nationalen Klimaschutzplan be-
schließen, der konkrete Reduktionsschritte und Maßnah-
men für die Zeit bis 2050 beinhalten wird. Sie sehen, die
Bundesregierung steht zu den beschlossenen Klima-
schutzzielen und arbeitet an konkreten Schritten in Rich-
tung einer weitgehend dekarbonisierten Wirtschafts- und
Lebensweise bis Mitte dieses Jahrhunderts.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sollten uns alle
darüber bewusst sein, dass die ökologische Wende unse-
res Landes unsere gemeinsame Aufgabe ist, die wir den
kommenden Generationen schulden und die wir Stück
für Stück angehen müssen. Dabei müssen wir auch die
ökonomischen und sozialen Auswirkungen dieses Pro-
zesses im Blick haben. Pragmatische Schritte zu einem
festbestimmten Ziel sind deshalb immer besser als große
Worte.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)







(A) (C)



(D)(B)


Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805703900

Als nächste Rednerin hat die Kollegin Annalena

Baerbock das Wort.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Sehr geehrte Frau Hendricks, bei diesen warmen
Worten wird einem immer ganz kuschelig und warm
ums Herz. Das Problem ist nur, dass das hier keine Mär-
chenstunde ist, sondern dass wir uns im Deutschen Bun-
destag befinden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Das Problem ist auch, dass Sie sagen, wie schön es in
New York war. Im Europaausschuss mussten wir dann
von Ihrer Chefin hören: Ach ja, es war ganz nett, dass
Leonardo DiCaprio dort gesprochen hat. Ein paar Häpp-
chen gab es auch. – Das ist wirklich zynisch. Das Pro-
blem ist, dass Ihre geplanten Vorhaben eben nicht bis zur
Chefin vordringen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Sie dringen noch nicht einmal zu Ihrem Kollegen im
Wirtschaftsministerium oder zu Ihren Staatssekretären
durch. Seit einem Dreivierteljahr fragen wir die Bundes-

Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1805704000
Was sind
Ihre Ziele, Ihre Maßnahmen für die europäische Energie-
und Klimastrategie 2030? Es ist sehr bezeichnend, dass
Sie zwar zehn Minuten über die Ziele bis 2050 sprechen,
dass Sie aber über die Ziele bis 2030, die in zwei
Wochen verhandelt werden, kein einziges Wort verloren
haben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Seit einem Dreivierteljahr bekommen wir auf unsere
Fragen immer wieder die Antwort: Im Januar haben wir
einen Brief geschrieben, dass wir ambitionierte Ziele
wollen. – Im Januar – das ist wirklich unglaublich! Der
Höhepunkt dieser Sprachlosigkeit war gestern im Um-
weltausschuss. Da fragten wir den Staatssekretär, wie die
Bundesregierung politisch – nicht auf Arbeitsebene – zu
den Vorschlägen des informellen Rates hinsichtlich der
2030-Ziele steht. Was sagte der Staatssekretär? Dazu
könne er nichts sagen. Dies ist eine wirklich interessante
Antwort zwei Wochen vor dem wichtigsten Gipfel der
Europäischen Union in diesem Jahr.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Ute Vogt [SPD]: Dann haben Sie vielleicht falsch zugehört!)


Dann komme ich zur KfW. Sie haben in New York
ganz groß angekündigt, dass Sie aus der KfW-Auslands-
finanzierung aussteigen. Ich weiß nicht, ob Sie das nicht
tief durchdrungen haben oder ob Sie diesen Bluff gerne
mitmachen. Wenn Sie sagen, dass Deutschland aus der
KfW-Finanzierung aussteigt, dann sagen Sie bitte auch,
dass es aus einem Drittel der Kohlefinanzierung im
Ausland aussteigt. Zwei Drittel, nämlich über die IPEX,
sollen so weitergeführt werden wie bisher, bzw. es wird
gesagt, man wisse weiter nichts. Zwei Tage nach New
York antwortete in der Fragestunde des Deutschen
Bu
Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1805704100
„Ist IPEX auch mit betroffen?“
folgendermaßen: Keine Ahnung, wir wissen es auch
nicht.

Herr Schwabe.


(Heiterkeit – Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805704200

Es ist ja nett, dass Sie mir die Arbeit abnehmen wol-

len. Aber, Frau Baerbock, das entscheide ich. Trotzdem
hat Herr Schwabe jetzt das Wort zu einer Zwischenfrage.


Frank Schwabe (SPD):
Rede ID: ID1805704300

Vielen Dank, Frau Kollegin Baerbock; Sie sind ja

sehr in Fahrt. – Sie haben von der europäischen Situation
gesprochen. Können Sie versuchen, zu beschreiben, wie
sie sich zurzeit darstellt? Wo ist eigentlich Deutschland?
Sie haben über die 2030-Ziele geredet. Wir könnten den
Emissionshandel hinzunehmen. Es gibt Vorschläge für
die 2030-Ziele. Es gibt Vorschläge zur Reform des
Emissionshandels. Wenn Sie sich einmal die 28 Länder
der Europäischen Union ansehen: An welcher Stelle
wäre Ihrer Meinung nach Deutschland: eher bei den pro-
gressiven Ländern oder bei den Bremserländern?


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich würde Deutschland im oberen Mittelfeld einord-
nen. Ich weiß aber nicht, ob das der eingenommenen
Vorreiterrolle gerecht wird.

Mein Kollege Hofreiter hatte das Beispiel Dänemark
angesprochen, das ganz klar mit folgendem Ziel in die
Verhandlungen hineingeht: Bis 2030 – über dieses Jahr
wird auf dem EU-Gipfel verhandelt, nicht über 2050 –
wollen wir zu 100 Prozent auf Erneuerbare umstellen.
Ein solcher Vorschlag ist von Deutschland nicht gekom-
men. Es gibt andere Länder, die deutlich machen: Wenn
die Ziele abgeschwächt werden, dann werden wir die-
sem ambitionslosen Maßnahmenpaket nicht zustimmen.
Diese Frage haben wir gestern im Umweltausschuss
auch dem Staatssekretär gestellt, wie es eigentlich mit
einem deutschen Veto aussieht, wenn die im Januar
formulierten deutschen Vorschläge keine Berücksichti-
gung fänden. Darauf gab es keine Antwort, weil man
sich darüber noch keine Gedanken gemacht hat.

Ein letzter Punkt. Wir waren mit dem Europaaus-
schuss gerade in Prag. Natürlich reden wir mit den
Tschechen und auch mit den Polen. Natürlich wissen
wir, dass die nicht begeistert sind, jetzt neue Ziele zu
vereinbaren. Aber die Antwort der deutschen Bundes-
regierung kann doch nicht sein, sich hinter diesen harten
Nüssen – Polen, Tschechien und anderen Ländern – zu
verstecken. Dies gilt gerade dann, wenn man Vorreiter
sein möchte, wie es Herr Nüßlein eben dargestellt hat.
Vielmehr muss man vorangehen. Man muss zudem deut-
lich machen: Einstimmigkeit ist gar nicht geboten. Wir
können auch über eine qualifizierte Mehrheit gehen. Das





Annalena Baerbock


(A) (C)



(D)(B)

ist auch so ein Märchen, dass gesagt wird, das muss alles
einstimmig sein.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wir erwarten, dass Sie Verantwortung übernehmen.
Das formulieren wir auch ganz klar in unserem Antrag.
Herr Nüßlein, wenn Sie unseren Antrag gelesen hätten,
wüssten Sie, was wir von der Bundesregierung, die
Vorreiter sein möchte, in Bezug auf die europäische
Energie- und Klimastrategie 2030 erwarten.

Wir erwarten jetzt, dass Sie die nächsten zwei Wo-
chen nutzen und über die Ziele für 2030 verhandeln.
Wenn von dem 40-Prozent-Ziel abgewichen werden soll,
dann erwarten wir, dass Sie sagen: Nicht mit Deutsch-
land!

Wir erwarten vor allen Dingen – ich verweise auf das
informelle Ratstreffen –: Wenn das Energieeffizienzziel
und das Erneuerbare-Energien-Ziel aufgeweicht und von
30 Prozent auf 27 Prozent gesenkt werden sollen – so
wie wir das gerade hören –, wenn die Vorgaben national
nicht mehr verbindlich sein sollen, dann hauen Sie auf
den Tisch, so wie Sie das bei den CO2-Grenzwerten für
Autos getan haben! Es ist doch nicht so, als sei Deutsch-
land irgendein kleines Licht in Europa. Meine Güte, das
ist wirklich unglaublich!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich würde gerne auf das Thema KfW zurückkommen,
da das der Punkt sein wird, den Sie in den nächsten
Monaten immer weiter vor sich hertreiben werden. Sie
haben gesagt, Sie diskutieren das noch mit dem
Wirtschaftsminister. Diejenigen, denen Klima- und Um-
weltpolitik wirklich wichtig ist – der Rest braucht ja
nicht zuhören –, sollten sich überlegen, was Sie mit der
KfW-Auslandsfinanzierung im Bereich Kohle eigentlich
machen wollen. Das Problem ist: Wenn wir zwei Drittel
der Vorhaben über IPEX nicht erfassen, dann werden
klima- und umweltpolitisch grandiose Vorhaben wie der
Bau eines Kohlehafens im Great Barrier Reef weiter mit
deutscher Unterstützung finanziert. Das kann doch nicht
Ihre Antwort auf die größte Herausforderung des Jahr-
hunderts sein!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Eva Bulling-Schröter [DIE LINKE])


Wenn Sie das Ganze so umsetzen, wie es derzeit
angedacht ist, dann ist die entscheidende Frage, was in-
nerhalb des einen Drittels der internationalen Kohle-
finanzierung alles erfasst wird. Sie haben eben ausführ-
lich dargestellt, dass Sie keine Kohlekraftwerke mehr
finanzieren wollen. Dann ist immer noch nicht die Frage
geklärt: Was ist mit der Kohleinfrastruktur? Auf meine
schriftliche Frage antwortete das Ministerium, nein,
Kohleinfrastruktur sei auch nicht mit erfasst, sondern
nur die Kohlekraftwerke. Kohleminen, wie zum Beispiel
in Kolubara in Serbien, seien gar nicht erfasst, weil die
Förderung in dieser Region nur als Maßnahme zum
Schutz der Umwelt diene.

Wenn Sie sich weiter so verhalten, dann sind wir
– das kann ich Ihnen garantieren, Herr Schwabe – beim
Klimaschutz nicht mehr im oberen Drittel, sondern ganz
weit unten. Das wäre wirklich fatal für Deutschland und
für die Welt insgesamt.

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805704400

Der Kollege Pronold erhält das Wort zu einer Kurz-

intervention.


Florian Pronold (SPD):
Rede ID: ID1805704500

Sehr geehrte Frau Baerbock, ich weiß nicht, in wel-

chem Ausschuss Sie gestern waren. Ich war offensicht-
lich in einem anderen.

Erste Bemerkung. Sie haben gestern im Ausschuss
behauptet, die Bundesregierung würde sich weigern,
Ihre gestellten Fragen anschließend in der Fragestunde
zu beantworten. Der Punkt war: Sie waren anschließend
in der Fragestunde gar nicht da, um die Antworten ent-
gegenzunehmen.


(Ute Vogt [SPD]: Ui! – Ulrich Petzold [CDU/ CSU]: Oh! – Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das wurde abgesetzt!)


Der zweite Punkt ist: Sie haben hier behauptet, ich
hätte keine Antwort auf die Frage gegeben, wie sich die
Bundesregierung verhalten werde für den Fall, dass die
Klimaverhandlungen scheitern. Ich habe Ihnen als Ant-
wort gegeben, dass wir im Ausschuss über ein informel-
les Vorgespräch berichten und es Ziel der Bundesregie-
rung ist, die Klimaverhandlungen zum Erfolg zu führen,
wir aber nicht öffentlich darüber sinnieren, was passiert,
wenn sie scheitern. Wir sind nämlich ins Gelingen ver-
liebt. Wir wollen hier, im Deutschen Bundestag, keine
Schaufensterpolitik betreiben, sondern wir wollen den
Klimaschutz voranbringen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805704600

Frau Kollegin Baerbock, Sie haben die Möglichkeit

zur Erwiderung.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Herr Pronold, wir schätzen uns ja sehr. Aber man
muss den Tatsachen schon ins Auge sehen:

Zum einen zur Sitzung gestern im Umweltausschuss:
Mehrere Mitglieder des Umweltausschusses sind hier;
sie können gerne nachher Stellung dazu nehmen, wie
Ihre Antwort war. Meine konkrete Frage war: Wie steht
die Bundesregierung politisch – ich habe unterstrichen:
politisch und nicht auf Arbeitsebene – zu den Formulie-
rungen im derzeitigen Textentwurf hinsichtlich der
2030-Ziele, nach denen das Ganze nicht national, also
„domestic“, geregelt wird, und wie steht sie dazu, dass
„at least“ nicht drinsteht? Und ich habe gefragt, wie sie
gegebenenfalls zur Absenkung des Erneuerbaren-Ziels





Annalena Baerbock


(A) (C)



(D)(B)

auf 27 Prozent steht. Darauf haben Sie nicht geantwortet.
Mehrere Personen waren Zeugen.

Der zweite Punkt ist das Veto. Natürlich können Sie
sagen: Wir wollen kein Veto einlegen. – Das wäre eine
Antwort gewesen. Meine Frage war: Werden Sie das in
den nächsten Wochen machen, ja oder nein?

Die Fragestunde, von der ich gesprochen habe, fand
in der letzten Sitzungswoche statt. Es ging um das
Thema KfW. Sie können sich sicher gut daran erinnern.
Frau Zypries war auch anwesend; wir haben auch Frau
Zypries befragt. Auch in dieser Fragestunde gab es keine
Antwort auf die Frage, wie es mit der KfW-Finanzierung
aussieht.

Zur gestrigen Fragestunde – in diesem Zusammen-
hang können wir gerne noch eine Runde um die Frage
drehen, wie das mit dem Fragerecht im Deutschen Bun-
destag aussieht, mit dem Recht, die Bundesregierung zu
befragen –: Wir hatten eine Reihe von Fragen zur 2030-
Strategie – das ist für uns ein sehr wichtiges Thema –
und zum informellen Ratstreffen gestellt. Diese Fragen
wurden mit Hinweis auf die Geschäftsordnung abge-
setzt; denn heute findet ja eine Debatte darüber statt. Wir
haben dagegen ein Veto eingelegt. Aber die Geschäfts-
ordnung ist so, wie sie ist. Die Bundesregierung möchte
das derzeit ja nicht ändern; wir diskutieren das ja gerade
mit Ihnen. Wäre es anders, hätten wir Gelegenheit ge-
habt, uns ausführlich darüber auszutauschen. In diesem
Format heute ist das ja leider nicht möglich. Wir haben
gestern fast zehn Fragen zu diesem Thema eingereicht,
die leider alle nicht behandelt wurden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805704700

Als nächster Redner in der Debatte hat der Kollege

Andreas Jung das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ich bitte die Kolleginnen und Kollegen, sich an die
Redezeit zu halten. Ich war bisher sehr großzügig; aber
wir müssen wirklich ein bisschen in der Redezeit blei-
ben. – Herr Kollege Jung, ich gehe davon aus, Sie wer-
den sie einhalten. Das werden Sie schaffen. Die Kolle-
gen, die danach sprechen, halten sich bitte auch an die
Redezeit.


Andreas Jung (CDU):
Rede ID: ID1805704800

Frau Präsidentin, ich setze auf Ihre fortgesetzte Groß-

zügigkeit.


(Heiterkeit)


Liebe Kolleginnen und Kollegen! In dieser Debatte
war einiges an Polemik im Spiel.


(Steffi Lemke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Leidenschaft, nicht Polemik!)


Ich kann und will nicht auf alles eingehen; aber, Frau
Bulling-Schröter, eines will ich doch sagen: Es gehört
ein gerüttelt Maß an Fantasie dazu, um umstrittene Äu-
ßerungen von designierten EU-Kommissaren mit der
Klimapolitik der Bundesregierung in Zusammenhang zu
bringen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Vor allem will ich eines nicht im Raum stehen lassen,
weil ich das für ein gefährliches Spiel halte: Ich meine
die Tatsache, dass Sie hier die Haushaltskonsolidierung
und die Klimapolitik gegeneinander ausspielen und da-
bei die schwarze Null infrage stellen. Beides gehört zu-
sammen, wenn man das Thema Nachhaltigkeit ernst
nimmt. Bei der Haushaltskonsolidierung geht es darum,
dass wir mit der Schuldenmacherei Schluss machen. Wir
sagen: Wir dürfen künftigen Generationen keine Lasten
aufbürden, und wir dürfen ihren Handlungsspielraum
nicht beschneiden. Wir müssen im Sinne der kommen-
den Generationen handeln und wirtschaften. Das gehört
genauso zur Nachhaltigkeit wie Klima-, Umwelt- und
Naturschutz. Das ist die Linie der Bundesregierung und
in besonderer Weise die Linie der Union. Deshalb will
ich das nicht so im Raum stehen lassen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Marie-Luise Dött [CDU/CSU]: Das muss endlich mal gesagt werden!)


Ich will an das anknüpfen, was die Bundesumweltmi-
nisterin dargestellt hat: Deutschland hat in der Klima-
politik international immer eine aktive Rolle gespielt,
und diese Rolle nehmen wir weiter wahr. Wir alle spüren
auf den internationalen Konferenzen, dass man auf uns
setzt, dass man auf unsere Vorreiterrolle setzt. Es gilt in
der Tat, daran anzuknüpfen. Es stehen wichtige Ent-
scheidungen, wichtige Schritte bevor. Da ist zum Bei-
spiel der Europäische Rat im Oktober dieses Jahres. Auf
diesem geht es darum, ehrgeizige Ziele im Rahmen der
Zieltrias zu formulieren, insbesondere ein ambitioniertes
Reduktionsziel zu definieren und dann in die internatio-
nale Debatte einzubringen, um zu zeigen: Wir in Europa
gehen auf dem Weg weiter, den wir bisher beschritten
haben, und wir wollen andere mitnehmen.

Das ist die Politik der Bundesregierung, und es ist
speziell auch die Politik der Kanzlerin, die in diesem
Jahr angekündigt hat, dass sich Deutschland mit
750 Millionen Euro am Green Climate Fund, also an
dem Fonds, mit dem Klimaschutz in Entwicklungslän-
dern vorangebracht werden soll, beteiligt. Wir vertrauen
und setzen darauf, dass die Bundesregierung die G-7-
Präsidentschaft nutzt, um Klimaschutz vor dem wichti-
gen Gipfel im Jahre 2015 in Paris zum Thema zu ma-
chen. Wir erinnern uns: Es war die Bundeskanzlerin, die
im Rahmen der G 7 im Jahr 2007 in Heiligendamm Kli-
maschutz in den Mittelpunkt des internationalen Interes-
ses und der internationalen Aufmerksamkeit gerückt hat.
Daran wird jetzt angeknüpft. Auf diesem Weg unterstüt-
zen wir die Bundesregierung, die Umweltministerin und
unsere Bundeskanzlerin.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Natürlich hängt unsere Glaubwürdigkeit in diesem
Prozess davon ab, dass unsere CO2-Emissionen sinken
und nicht steigen; das ist völlig unbestritten. Deshalb un-





Andreas Jung


(A) (C)



(D)(B)

terstützen wir auch die Aktivitäten für ein Aktionspro-
gramm Klimaschutz. Wir haben in den letzten Jahren bei
unserem Vorhaben, Treibhausgasemissionen zu reduzie-
ren, viel erreicht. Jetzt müssen wir schauen, dass sich
keine Lücke auftut zwischen unseren Zielen und dem,
was wir erreichen. Daran hängt unser Gewicht auch auf
der internationalen Ebene. Deshalb muss jetzt noch mehr
passieren; es muss noch etwas in die Waagschale.

Ich finde, dass es richtig ist, zu fragen: Woran genau
liegt es eigentlich, dass wir im Moment steigende CO2-
Emissionen haben? Es liegt eben nicht – diesen Eindruck
wollen die Grünen in ihrem Antrag erwecken – an einem
Abbremsen des Ausbaus der erneuerbaren Energien. Das
Gegenteil ist richtig: In den ersten neun Monaten dieses
Jahres ist es erstmals so, dass erneuerbare Energien die
Braunkohle im deutschen Strommix überholt haben.
Ökostrom ist Herbstmeister. Darüber können wir uns ge-
meinsam freuen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie der Abg. Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])


Zweitens ist es richtig, dass Kohlekraftwerke effi-
ziente Gaskraftwerke aus dem Markt drängen, weil die
Zertifikatspreise beim europäischen Emissionshandel
ein sehr niedriges Niveau erreicht haben. Ich finde, wir
sollten unsere gemeinsamen Bemühungen darauf rich-
ten, dass es innerhalb der EU mehr Druck für Klima-
schutz gibt, dass es dort noch vor 2020 eine ehrgeizige
Reform gibt. Ich freue mich, dass die Bundesregierung
eine zwischen den zuständigen Ministerien, also dem
Ministerium für Wirtschaft und Energie sowie dem Um-
weltministerium, abgestimmte Position dazu hat und
dass wir in Brüssel darauf drängen und sagen: Da muss
jetzt etwas passieren, sonst werden wir als Europäer und
auch wir als Deutsche unsere Ziele nicht erreichen kön-
nen. Daher lautet die Einladung: Unterstützen Sie uns
bei diesem Vorhaben und bei all diesen Gesprächen, die
– Sie haben es berichtet – geführt werden.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Frank Schwabe [SPD])


Bei dem, was wir jetzt national machen können, ist
mir wichtig, dass wir – Georg Nüßlein hat es angespro-
chen – Klimaschutz und Wirtschaftswachstum nicht ge-
geneinander ausspielen, sondern dass wir beides zusam-
menbringen. Nicholas Stern war diese Woche in Berlin.
Wir hatten auch in der Unionsfraktion die Gelegenheit,
ein Gespräch mit ihm zu führen. Seine Botschaft als
ehemaliger Chefökonom der Weltbank und die seiner
Gruppierung lautet in dem neuen Bericht: Es geht. Wir
können beides zusammenbringen. Klimaschutz und
Wirtschaftswachstum bedingen sich gegenseitig und ste-
hen nicht im Widerspruch.

In diesem Zusammenhang sehen wir einen besonde-
ren Schlüssel bei der Energieeffizienz. Wir haben uns
vorgenommen – Stichwort „Nationaler Energieeffizienz-
Aktionsplan“ –, mehr Strom einzusparen und mit Strom
effizienter umzugehen. Das ist gut für die Umwelt, und
es ist wirtschaftlich. Deshalb ist es richtig, dass wir da
mehr tun.
Ich bin der Meinung, dass eines wieder auf die Tages-
ordnung muss: die steuerliche Förderung energetischer
Sanierung, die steuerliche Förderung der Gebäudesanie-
rung. Denn viele von uns glauben, dass dies ein beson-
ders guter Anreiz ist, um hier voranzukommen.


(Beifall des Abg. Christian Kühn [Tübingen] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Herr Hofreiter, ich bitte Sie und Ihre Kolleginnen und
Kollegen der Grünen, hier mitzuhelfen. Dies haben wir
in der letzten Legislaturperiode im Deutschen Bundestag
beschlossen. Es wird jedoch von den Ländern blockiert.
Von daher bitte ich Sie, Ihre grünen Kollegen in den
Ländern, den grünen Ministerpräsidenten von Baden-
Württemberg und die grünen Minister in den Ländern
davon zu überzeugen, mitzumachen,


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist mit den Sozialdemokraten, mit den Christdemokraten in den Ländern? Die blockieren das genauso! Haben Sie einen Vorschlag? Wir haben einen Vorschlag eingebracht!)


damit wir hier einen neuen Anlauf unternehmen und
beim Thema Energieeffizienz endlich vorankommen
können. Die Aufgabenverteilung kann doch nicht sein,
dass die einen laute Forderungen erheben und die ande-
ren es bezahlen. Wenn die Energiewende ein Gemein-
schaftswerk ist, dann müssen alle mitmachen. Das wäre
richtig und gut.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805704900

Herr Jung, lassen Sie eine Zwischenfrage des Kolle-

gen Kühn von den Grünen zu?


Andreas Jung (CDU):
Rede ID: ID1805705000

Gerne.

Christian Kühn (Tübingen) (BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN):

Danke, Herr Jung, dass Sie die Zwischenfrage zulas-
sen. – Meine Zwischenfrage bezieht sich natürlich auf
die steuerliche Förderung. Wir Grünen sind es, die das
Thema der steuerlichen Förderung und der steuerlichen
Absetzbarkeit der Kosten der energetischen Sanierung in
dieser Legislaturperiode erneut in den Deutschen Bun-
destag eingebracht haben. Die Große Koalition hat je-
doch dagegen gestimmt. In Wahrheit ist es doch so, dass
sich diejenigen in der Unionsfraktion, die dafür sind,
nicht gegen Schäuble durchsetzen können und es daher
nicht erneut auf die Tagesordnung setzen können.

Eines kann ich Ihnen sagen: Sie brauchen Winfried
Kretschmann nicht katholischer zu machen, als er ist.
Winfried Kretschmann und der baden-württembergische
Umweltminister Franz Untersteller setzen sich vehement
für die steuerliche Absetzbarkeit bei der energetischen
Sanierung ein. Das Land Baden-Württemberg ist ein
Vorreiterland. Wir beide kommen aus Baden-Württem-
berg und wissen, wie groß die Herausforderung in der





Christian Kühn (Tübingen)



(A) (C)



(D)(B)

Wärmetechnologie ist. Ich erwarte da ganz klar, dass
diese Bundesregierung mehr macht.

Deswegen frage ich Sie: Wie wollen Sie die Forde-
rung, die Sie gerade erhoben haben, hier in den parla-
mentarischen Betrieb einbringen?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Andreas Jung (CDU):
Rede ID: ID1805705100

Bleiben wir doch bei den Fakten. Die Fakten sind,

dass die steuerliche Förderung der energetischen Sanie-
rung nicht an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble
gescheitert ist. Der hat sie nämlich mit vorgeschlagen;
der hat sie mit unterstützt.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Machen Sie doch mal einen neuen Vorschlag!)


Wir haben dies hier gemeinsam beschlossen. Wir haben
es nicht nur diskutiert, wir haben dies hier im Deutschen
Bundestag beschlossen. Am Ende ist es daran geschei-
tert, dass die Länder nicht mitgemacht haben.


(Zuruf von der CDU/CSU: Ganz genau!)


Die Voraussetzung ist doch, dass wir es gemeinsam ma-
chen. Jeder muss dazu eine Schippe beitragen, weil es
ein Gemeinschaftswerk ist.

Ich zweifele doch nicht an der katholischen Haltung
von Herrn Kretschmann, aber ich zweifele an dem Ab-
stimmungsverhalten. Und das Abstimmungsverhalten
war so, dass die Länder – leider auch mein Land Baden-
Württemberg – dagegen gestimmt haben.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bayern hat dagegen gestimmt, Sachsen, Niedersachsen, CDU-regiert, auch!)


Wenn Sie uns jetzt hier im Deutschen Bundestag mittei-
len, dass Baden-Württemberg seine Haltung geändert hat
und Baden-Württemberg beim nächsten Mal, wenn das
Ganze zur Abstimmung steht, sagt, man sei nicht nur da-
für, sondern auch dazu bereit, selber etwas dazu beizu-
tragen, weil es sehr wichtig sei, dann wird es sicherlich
gelingen, dass wir gemeinsam dieses wichtige Vorhaben
umsetzen und bei der Energieeffizienz vorankommen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg. Ute Vogt [SPD])


Das ist ein wichtiger Punkt, aber nicht der einzige
Punkt. Das Aktionsprogramm für Energieeffizienz muss
weitere Bestandteile haben. Wir müssen deutlich ma-
chen, dass das Gebäudesanierungsprogramm verstetigt
wird, dass es vereinfacht wird, dass es gut möglich ist,
hierfür Zuschüsse zu bekommen.

Ferner müssen wir den Gebäudeenergieausweis noch
einmal unter die Lupe nehmen und der Frage nachgehen,
wie wir ihn noch aussagekräftiger machen. Gemeinsam
mit einer Beratungsoffensive, auch gemeinsam mit re-
gionalen Sanierungsnetzwerken können wir hier etwas
in Gang bringen, was am Ende nicht nur der Umwelt und
dem Klima, sondern auch dem Handwerk und dem Mit-
telstand nutzt.

Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805705200

Wollen Sie eine Zwischenfrage der Abgeordneten

Paus von den Grünen zulassen?


Andreas Jung (CDU):
Rede ID: ID1805705300

Das trägt ja nicht zuletzt zur Verlängerung meiner Re-

dezeit bei; deshalb gerne.


Lisa Paus (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805705400

Herr Jung, da Sie und ich wissen, dass die steuerliche

Förderung der energetischen Gebäudesanierung nicht an
den Grünen, sondern an der SPD gescheitert ist, und Sie
jetzt mit der SPD eine Große Koalition bilden, frage ich
Sie – Sie haben dieses Thema jetzt aufgeworfen –, ob ich
Sie richtig verstehe, dass Sie hier heute ankündigen, dass
es in dieser Legislaturperiode noch einmal einen Gesetz-
entwurf von CDU und SPD zur steuerlichen Förderung
der energetischen Sanierung geben wird. Und könnten
Sie mir nach Möglichkeit sogar ein Datum – vielleicht
nächstes Jahr – nennen?


Andreas Jung (CDU):
Rede ID: ID1805705500

Ich bedanke mich zunächst einmal für Ihr Zutrauen:

Sie glauben ja, dass es mir möglich ist, konkrete Vorha-
ben der Bundesregierung anzukündigen. Ich bin jedoch
„nur“ ein Abgeordneter einer Regierungsfraktion.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt werden Sie aber nicht pimpelig! Den Bundesrat hier kritisieren und dann das! Das ist doch unglaublich!)


Zweitens. Wenn Sie sagen, dieses Vorhaben sei nicht
an den Grünen gescheitert, sondern an der SPD, dann
muss ich Ihnen sagen: So genau kenne ich das Innenle-
ben der rot-grünen Landesregierungen nicht, dass ich
nachvollziehen könnte, an wem dieses Vorhaben im Ein-
zelnen gescheitert ist.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: In Berlin regiert meines Wissens kein Grüner!)


Das war im Übrigen auch gar nicht mein Thema. Ich
hatte vorher gesagt: Es ist an den Ländern gescheitert.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wie ist das mit Bayern? Herr Jung, wieso hat Bayern dagegen gestimmt?)


Deshalb sollten wir dazu kommen, zu fragen, wie wir
gemeinsam weiterkommen.

Ich hatte vorher gesagt: Es geht jetzt gar nicht darum,
ein Datum festzulegen, sondern es geht um den Prozess.
In dem Moment, in dem die Länder sagen: „Wir sind be-
reit, hier mitzumachen und das Ganze mitzufinanzie-
ren“, werden wir – da bin ich sicher – dieses Vorhaben
gemeinsam beschließen können.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das sagen alle Grünen in den Ländern!)






Andreas Jung


(A) (C)



(D)(B)

Wir haben das hier schon beschlossen. Jetzt liegt der
Ball bei den Ländern. Wenn diese zustimmen, können
wir das gemeinsam machen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg. Ute Vogt [SPD])


Mein letzter Punkt richtet sich an uns alle: im Bund,
in den Ländern und in den Kommunen. Wenn wir uns er-
hoffen, dass private Hausbesitzer und gewerbliche Ge-
bäudeeigentümer ihre Gebäude sanieren, dann müssen
wir selber mit gutem Beispiel vorangehen. Die Sanie-
rungsquote bei öffentlichen Gebäuden ist zu gering und
bleibt hinter den Erwartungen und hinter den Zielen zu-
rück. Wir müssen diese Quote mindestens verdoppeln.
Das ist eine besondere Herausforderung für uns alle:
Das, was wir von anderen erwarten, müssen wir auch
selber machen.


(Beifall des Abg. Klaus Mindrup [SPD])


Deshalb muss dieser Punkt in dem Programm enthalten
sein. Dann bin ich sicher, dass wir für Energieeffizienz
etwas erreichen. Dann bin ich sicher, dass wir insgesamt
mit dem Aktionsprogramm Klimaschutz vorankommen.

In diesen Bereich gehört auch – das ist angesprochen
worden – das Thema Verkehr, nachhaltige Mobilität und
Elektromobilität. Nachdem die entsprechenden Modelle
auf dem Markt sind, ist das für uns das Signal: Jetzt geht
es los. Jetzt müssen wir voranschreiten. Wir müssen ge-
rade auch Unternehmen ermuntern und einen Anreiz
dazu geben, ihren Fuhrpark umzurüsten. Es gibt also ein
ganzes Paket, das wir zu diskutieren haben. Es muss et-
was passieren.

Vielen Dank für die Zusammenarbeit.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805705600

Liebe Kolleginnen und Kollegen, jetzt hat die Kolle-

gin Eva Bulling-Schröter zu einer Kurzintervention das
Wort.


Eva-Maria Bulling-Schröter (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805705700

Danke schön, Frau Präsidentin. – Kollege Jung, Sie

haben die Linke kritisiert und gesagt: Die Einsparungen
im Zusammenhang mit der schwarzen Null können nicht
mit klimarelevanten Maßnahmen verrechnet werden. –
Die Linke ist nicht für maßlose Verschuldung, um das
zunächst einmal klarzustellen.


(Carsten Müller [Braunschweig] [CDU/CSU]: Seit wann das denn nicht?)


Aber wir könnten doch darüber reden, wie das Geld
im Haushalt verwendet wird. Es darf nicht nur mit der
schwarzen Null begründet werden, dass wichtige Maß-
nahmen im Klimaschutz nicht finanziert werden. Ich
habe gesagt: Umwelt- und klimarelevante Subventionen
machen jetzt ein Volumen von fast 51 Milliarden Euro
aus. Dies ist ein dicker Brocken. Jedoch fließt dieses
Geld nicht an ärmere oder bedürftige Menschen.
Sie haben wieder das Wort „nachhaltig“ benutzt. Wir
beide waren lange Jahre im Nachhaltigkeitsbeirat. Da
sage ich: Nachhaltigkeit hat drei Komponenten: Ökolo-
gie, Ökonomie und Soziales. Es darf nicht nur die Öko-
nomie in den Blick genommen werden, sondern man
muss auch über soziale Dinge nachdenken. Wenn wir
beim Kampf gegen den Klimawandel weiterkommen
wollen, sowohl bei uns in der Bevölkerung als auch in-
ternational, müssen wir die soziale Dimension stärker in
den Blick nehmen;


(Carsten Müller [Braunschweig] [CDU/CSU]: Schuldenmachen ist unsozial!)


denn es sind gerade die armen Menschen, die vom Kli-
mawandel betroffen sind. Auch bei uns müssen wir die
Menschen, die nicht so viel verdienen, von Maßnahmen
im Sinne des Klimaschutzes überzeugen. Diese Men-
schen sagen: Ich habe dafür kein Geld, das können die
reichen Menschen machen. Die Reichen bekommen
noch zusätzlich Geld dafür, und wir sollen immer zah-
len. – Genau darum geht es uns von der Linken.


(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805705800

Herr Kollege Jung, Sie haben die Möglichkeit zur Er-

widerung.


Andreas Jung (CDU):
Rede ID: ID1805705900

Frau Kollegin, Sie sagen: Die Linke ist nicht für maß-

lose Verschuldung. – Sie sind also für eine maßvolle
Verschuldung. Dazu kann ich Ihnen nur sagen: Wir sind
ganz gegen Verschuldung.


(Ralph Lenkert [DIE LINKE]: Was haben Sie denn in Ihrer Regierungszeit bisher gemacht? In Thüringen 16 Milliarden Euro in 24 Jahren in Verantwortung der CDU!)


Ich habe große Sorge hinsichtlich Ihrer Interpretation,
was eine maßvolle Verschuldung sein könnte.

Unser Signal ist: Gerade aus diesen sozialen Gründen
und gerade aufgrund unserer Verantwortung für die
kommenden Generationen wollen wir Schluss machen
mit Neuverschuldung, und vor allem wollen wir sie eben
nicht gegen die anderen Dimensionen der Nachhaltigkeit
ausspielen. Wir wollen nicht soziale, wirtschaftliche und
ökologische Fragen gegeneinander ausspielen; wir wol-
len sie miteinander lösen. Deshalb habe ich gerade nicht
gesagt, dass wir wegen der Haushaltskonsolidierung
keine Mittel mehr für Klimaschutz haben. Ich habe viel-
mehr gesagt: Das ist eine Frage der Prioritätensetzung.
Wir müssen jetzt, um die Klimaziele zu erreichen, be-
stimmte Maßnahmen anschieben. Über die Finanzierung
werden wir sicherlich nicht nur nachdenken, sondern
auch eine Schippe drauflegen müssen. Beides ist richtig,
aber beides geht auch zusammen: Haushaltskonsolidie-
rung und Klimaschutz.


(Beifall bei der CDU/CSU)







(A) (C)



(D)(B)


Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805706000

Als nächste Rednerin hat die Kollegin Heike Hänsel

das Wort.


(Beifall bei der LINKEN)



Heike Hänsel (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805706100

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Herr Jung, ich muss erst einmal auf Sie eingehen. Hier
wird immer von Schulden gesprochen. Aber Schulden
bedeuten auch Investitionen.


(Beifall bei der LINKEN)


Es gibt nämlich lebenswichtige, nachhaltige Investitio-
nen in eine intelligente Politik, zum Beispiel die Klima-
politik. Wir erleben es in sehr vielen Bereichen, dass wir
Dinge, die wir heute nicht finanzieren, später um ein
Vielfaches teurer bezahlen müssen. Der Klimaschutz ge-
hört dazu.

Nehmen Sie nur das Geld für Klimaanpassungsmaß-
nahmen, das wir jetzt weltweit in Milliardenhöhe brau-
chen. Dieses Geld hätten wir früher viel intelligenter im
Klimaschutz einsetzen können. Insofern ist Ihre Politik
kurzsichtig.

Hinzu kommt: Sie ist auch sozial ungerecht. Das geht
natürlich an die SPD. Dadurch, dass Sie darauf verzich-
tet haben, in der Steuerpolitik eine Umverteilung vorzu-
nehmen und die Reichen zu besteuern, sodass sie für so-
ziale Aufgaben und für den Klimaschutz herangezogen
werden, fehlt uns jetzt der Spielraum. Das geht zu Ihren
Lasten, und das werfen wir Ihnen auch vor.


(Beifall bei der LINKEN)


Frau Hendricks, Sie haben vom guten Ruf Deutsch-
lands in der Welt gesprochen. Ich muss sagen: Sie leben
zwar noch von diesem guten Ruf, er wird aber schon
lange nicht mehr mit Leben erfüllt. Wer hat denn maß-
geblich zu diesem guten Ruf beigetragen? Das war doch
die Bevölkerung. Die Bevölkerung hat den Atomaus-
stieg erkämpft, und sie hat sich massiv für eine Energie-
wende in Deutschland eingesetzt. Aber Sie füllen diese
Forderung, die aus der Bevölkerung kommt, schon lange
nicht mehr mit Leben.

Hinzu kommt – ich spreche schließlich als Entwick-
lungspolitikerin –, dass die Länder des Südens darauf
angewiesen sind, dass Sie Ihrer internationalen Verant-
wortung nachkommen. Das ist nämlich das Hauptpro-
blem, dass in erster Linie diese Länder von den Auswir-
kungen des Klimawandels betroffen sind – das wissen
wir alle – und sie viel stärker darauf angewiesen sind,
dass Sie in Klimaschutz investieren und die Klimaziele
verbindlich formulieren und einhalten.


(Beifall bei der LINKEN)


Aber es geht nicht nur um die Verbindlichkeit der Kli-
maziele. Wir müssen auch fragen: Was bringen Sie ei-
gentlich jetzt, während wir immer von Klimazielen spre-
chen, auf den Weg? Zum Beispiel die Handelspolitik
läuft diametral entgegen sämtlicher Klimaschutzziele.
Im Zusammenhang mit CETA – das ist das EU-Frei-
handelsabkommen mit Kanada; zu dem Abkommen mit
den USA gibt es, wie wir wissen, viele Diskussionen –
wurde viel versprochen: Ökologische Standards werden
nicht gesenkt. Jetzt wird es aber entgegen anderslauten-
der Versprechungen möglich sein, dass die klimaschädli-
chen Teersandöle aus Kanada eingeführt werden können,
die 25 Prozent mehr Treibhausgase bei der Förderung er-
zeugen als das Erdöl.


(Eva Bulling-Schröter [DIE LINKE]: Ein Skandal!)


Das ist verantwortungslos. Deshalb kann ich es sehr gut
verstehen, dass die Bevölkerung gegen CETA und TTIP
mobilisiert, weil sie genau sieht, dass ökologische Stan-
dards gesenkt werden. Das ist die Realität.

Wir haben am kommenden Samstag, dem 11. Okto-
ber, den europaweiten Aktionstag gegen CETA und
TTIP. Ich rufe alle auf: Gehen Sie auf die Straße! Das ist
ein Beitrag zum Klimaschutz.


(Beifall bei der LINKEN)


Jetzt komme ich zu den G-7-Staaten.


(Dr. Georg Nüßlein [CDU/CSU]: Was alles mit dem Klimaschutz zu tun hat!)


Die G-7-Staaten wollen einen gemeinsamen Flüssiggas-
markt entwickeln. Dabei geht es vor allem auch um das
Fracking-Gas aus den USA und Kanada und damit um
ganz andere Weichenstellungen. Sie sollten nichts vom
Klimaschutz erzählen, wenn Sie andere Fakten schaffen.

Nun möchte ich zur internationalen Klimafinanzie-
rung kommen. Da könnten Sie internationale Verantwor-
tung zeigen. Wir erleben als Entwicklungspolitiker seit
Jahrzehnten, dass das Erreichen des 0,7-Prozent-Ziels
– hier geht es um die Frage, wie viel pro Jahr für Ent-
wicklung ausgegeben wird – in weiter Ferne liegt. Sie
haben gesagt, dass Sie 2050 Ihre Ziele erreichen werden.
Aber dazu müssten wir erst einmal nächstes Jahr unser
Entwicklungsziel erreichen. Davon sind wir meilenweit
entfernt. Wir erreichen momentan noch nicht einmal
0,4 Prozent. Das kann man nicht anders als als Schande
für eines der reichsten Länder der Erde bezeichnen.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Nun stellen Sie Geld für den internationalen Klima-
schutz ein. Die Kanzlerin hat 750 Millionen Euro ange-
kündigt. Wenn man sich den Haushalt aber genau an-
schaut, dann stellt man fest, dass nicht einmal
20 Millionen für den Green Climate Fund eingestellt
sind; das geht nicht. Es ist ein Skandal, dass den großen
Ankündigungen keine Taten folgen. Sie basteln an Ihrem
Ruf auf internationaler Ebene. Aber im Haushalt wird
das Geld nicht eingestellt. Vor allem die Verpflichtungs-
ermächtigungen für die nächsten Jahre sind minimal.
Das ist unverantwortlich, weil man so keine langfristige
Planung machen kann.


(Beifall bei der LINKEN)






Heike Hänsel


(A) (C)



(D)(B)

Hinzu kommt, dass Sie die Gelder für den Klimaschutz
mit den Entwicklungsgeldern verrechnen. Die Entwick-
lungsländer brauchen aber zusätzliches Geld für Klima-
anpassungsmaßnahmen. Diese Gelder dürfen nicht mit
denen für die Entwicklungszusammenarbeit verrechnet
werden. Sonst sinkt der Entwicklungsetat sogar. Das leh-
nen wir ab. Das hat nichts mit Klimagerechtigkeit zu tun.
Sie verschieben die Gelder, weil Sie es nicht gewagt ha-
ben, die Umverteilungsfrage zu stellen, also die Men-
schen, die sehr viel Geld haben, stärker an der Finanzie-
rung des Klimaschutzes zu beteiligen. Das ist das große
Problem. Deshalb verschieben Sie hier. Den Preis dafür
zahlen auch die Länder des Südens. Dagegen werden wir
uns wehren.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805706200

Als nächste Rednerin spricht Ute Vogt.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Ute Vogt (SPD):
Rede ID: ID1805706300

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Sehr geehrte Frau Ministerin, wenn schon die Opposi-
tion bescheinigt, dass sich Deutschland bei der Klima-
politik im oberen Mittelfeld befindet, und wenn wir die
übliche Oppositionskritik, die immer geübt werden
muss, unberücksichtigt lassen, dann können wir zu
Recht sagen: Wir sind stolz darauf, dass Sie entschlos-
sene und pragmatische Schritte gehen und merklich vo-
rankommen, und zwar sowohl auf nationaler als auch
auf europäischer Ebene.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo denn? Bitte nennen Sie ein konkretes Beispiel!)


Der aktuelle UN-Bericht, der New Climate Economy
Report, mit dem Titel „Better Growth, Better Climate“
zeigt uns für die nächsten 15 Jahre noch einmal tiefgrei-
fende Strukturveränderungen auf. Die Weltwirtschaft
wird weiterhin rasant wachsen. Eine halbe Milliarde
Menschen wird zusätzlich in die Städte ziehen, um dort
zu leben. Das bedeutet, dass circa 90 Billionen US-Dol-
lar in Städte, Landnutzung, Infrastruktur und Energie-
versorgung investiert werden müssen. Entscheidend
wird tatsächlich sein – da muss ich den grünen Kollegen
recht geben –, dass diese Investitionen der Zukunft die
richtige Qualität haben. Der Ausbau der erneuerbaren
Energien zum Beispiel darf nicht nur in Deutschland,
sondern muss auch in Europa Ziel sein. Das Gleiche gilt
für die Finanzierung einer besseren Wärmedämmung im
Gebäudebereich. Bund und Länder sind hier gefragt und
sollten noch einmal den Versuch unternehmen, sich zu
einigen. Am Ende entscheiden die Höhe und die Rich-
tung der Investitionen über die Entwicklung des Weltkli-
masystems. Machen wir so weiter wie bisher, ohne eine
qualitative Wende vorzunehmen, dann wird sich das
Klima am Ende dieses Jahrhunderts um 4 Grad erwärmt
haben.

Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805706400

Frau Kollegin Vogt, lassen Sie eine Zwischenfrage

der Kollegin Baerbock zu?


Ute Vogt (SPD):
Rede ID: ID1805706500

Ja.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Vielen Dank. – Frau Vogt, da Sie so explizit auf den
UN-Bericht „Better Growth, Better Climate“ und die In-
vestitionen, die in den nächsten Jahrzehnten getätigt
werden, sowie auf das Volumen der Mittel, die dort um-
gelenkt werden könnten, eingegangen sind: Wie stehen
Sie und Ihre Fraktion zu der Schlussfolgerung dieses Be-
richts, dass es einen Ausstieg aus der Subventionierung
der fossilen Energieträger geben muss? Setzt sich die
SPD-Fraktion innerhalb der Regierung dafür ein, dass
unter deutscher G-7-Präsidentschaft der Ausstieg aus der
weltweiten Energiesubventionierung im fossilen Bereich
eingeleitet wird und dass sich die G 7 bzw. die G 20 im
Rahmen des neuen Klimaabkommens dazu verpflichten,
bis 2020 aus der Subventionierung der fossilen Energie-
träger auszusteigen?


Ute Vogt (SPD):
Rede ID: ID1805706600

Sie haben es vorhin schon zitiert, liebe Kollegin, dass

die Frau Ministerin bereits die ersten Schritte gemacht
und auch angekündigt hat, dass es keine Neufinanzie-
rung von Kohleförderung in diesem Bereich geben wird.
Ich denke, das ist der erste Schritt.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ein Drittel!)


Wir alle gemeinsam haben den Auftrag, die Förderung
fossiler Energien dramatisch weiter zu reduzieren. Wir
arbeiten im Moment auf vielen Baustellen daran. Das
gilt nicht zuletzt aktuell auch für die Frage, wie wir die
Förderung von fossilem Schiefergas durch Fracking ein-
schränken können. Sie sehen also, dass wir genau auf
dem Weg sind, uns diesen Schlussfolgerungen zu nä-
hern.


(Beifall bei der SPD – Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie hat nach den Subventionen gefragt, dazu haben Sie nichts gesagt!)


Ich denke, dass es am Ende dieses Jahres ein Pro-
gramm geben wird, mit dem wir die längst überfälligen
Maßnahmen zur Effizienzsteigerung angehen werden.
Wir alle in diesem Haus sollten uns noch einmal bewusst
werden: Wenn es um Spielräume geht, energetisch etwas
fürs Klima zu tun, dann betrifft das nicht allein die Ener-
giewende bzw. die erneuerbaren Energien, sondern vor
allem die effiziente Nutzung von Energie. Weiter geht es
dabei um die Frage, wie wir Energie – sowohl in der in-
dustriellen Produktion als auch im Rahmen der Bauwirt-
schaft – einsetzen. Deshalb ist es gut, dass Ministerin
Hendricks hier angekündigt hat, dass sich sowohl das
Wirtschaftsministerium als auch das Umweltministe-
rium diesem gemeinsamen Klimaziel eng verbunden





Ute Vogt


(A) (C)



(D)(B)

fühlen. Es war in der Vergangenheit nicht immer selbst-
verständlich, dass das Wirtschaftsministerium hier voll
mitzieht. Das freut uns als Sozialdemokraten natürlich
ganz besonders.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. MarieLuise Dött [CDU/CSU])


Kollege Jung, ich stimme mit Ihnen überein: Es wird
darum gehen, dass wir auch im Haushalt des kommen-
den Jahres die richtigen Prioritäten setzen; denn es ist so,
dass wir insbesondere für Maßnahmen zur Effizienzstei-
gerung ganz praktisch Geld in die Hand nehmen müssen.
Wir sind gemeinsam stolz auf die „schwarze Null“, wie
Sie es gerne nennen. Trotzdem müssen wir uns aber über-
legen, wie wir Gelder generieren – ob durch zusätzliche
Einnahmen oder aus vorhandenen Haushaltsmitteln –, um
beim Thema Effizienz nicht nur Ziele zu beschreiben,
sondern unser selbstgestecktes Ziel auch zu erreichen.

Die Luftverschmutzung in Deutschland verursacht al-
lein dadurch, dass sie existiert, Kosten in Höhe von etwa
5,8 Prozent des Bruttosozialprodukts. Wenn wir bereit
sind, Geld in die Hand zu nehmen, werden wir am Ende
nicht nur unser ehrgeiziges Ziel – 40 Prozent minus bis
2020 – erreichen, sondern wir werden auch Geld sparen;
denn die Kosten, die Umweltverschmutzung heute ver-
ursacht, können wir dadurch in Zukunft vermeiden.


(Beifall bei der SPD)


Am Ende wird es nicht nur um unsere abstrakten oder
konkreten Ziele gehen, sondern für viele Menschen auf
dieser Welt geht es bei diesem Thema schlichtweg ums
Überleben. Es gibt weit über 600 Millionen Menschen,
die in Küstengebieten – knapp zehn Meter über dem
Meeresspiegel oder sogar darunter – ihre Wohnung und
ihren Lebensmittelpunkt haben. Diesen Menschen – nicht
nur uns – sind wir jegliche Anstrengung schuldig. Das
muss weltweit gelten, um das Klimaziel, welches wir
uns gesetzt haben, zu erreichen.

Ich freue mich, dass wir in der Zielsetzung – jeden-
falls hier im Haus – einer Meinung sind. Ich denke, es
tut diesem Parlament gut, den Streit über die richtigen
Instrumente aufzunehmen, damit wir 2020 sagen kön-
nen: Ziel erreicht!


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805706700

Als nächste Rednerin hat die Kollegin Dr. Anja

Weisgerber das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Anja Weisgerber (CSU):
Rede ID: ID1805706800

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen

und Kollegen! Zurzeit führen wir fast jede Sitzungswo-
che eine Debatte zur Klimapolitik. Als Klimapolitikerin
sage ich: Das ist auch gut so; denn sie ist wichtig. Wir
befinden uns momentan in einer entscheidenden Phase;
wir sind nämlich auf dem Weg zum europäischen Gipfel
zu den Klimazielen und zum internationalen Klimagipfel
in Lima und dann auch in Paris.

(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dazu hat Ihre Ministerin nichts gesagt!)


In diesem Punkt, denke ich, sind wir uns alle einig.
Nur über den richtigen Weg dorthin gibt es unterschied-
liche Vorstellungen. Es ist meiner Meinung nach richtig,
dass wir um diesen Weg ringen und darüber diskutieren –
und das auch einmal zur Kernzeit.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Klimapolitik durchzusetzen und dafür Unterstützer zu
finden, die auch ganz konkrete Maßnahmen mittragen,
ist nicht einfach, weil wir heute handeln und investieren
müssen, aber die negativen und auch die positiven Fol-
gen dieser Maßnahmen erst Jahre oder auch Jahrzehnte
später spürbar sind.

Der bereits viel zitierte Bericht der „Globalen Kom-
mission für Wirtschaft und Klima“ unter Mitwirkung des
ehemaligen Chefökonoms der Weltbank Nicholas Stern
hat uns jetzt aktuell vor Augen geführt: Entscheidend ist,
wie stark wir in den nächsten 10 bis 15 Jahren in mehr
Energieeffizienz und den Umbau zu klimaschonenderen
Technologien investieren, und zwar bei uns und in ande-
ren Ländern der Welt. Dabei müssen wir besonders da-
rauf achten, dass die Entwicklungs- und Schwellenlän-
der, die aufstrebend sind und deren Wirtschaft wächst,
ihre Wirtschaft von Beginn an mit klimaschonenden
Technologien aufbauen. Wir müssen sie zum Beispiel
auch durch den Grünen Klimafonds dabei unterstützen.

Die Wissenschaftler sagen auch ganz klar, dass das
Kind noch nicht in den Brunnen gefallen ist, wenn wir
jetzt handeln. Dass so etwas gelingen kann, zeigt das
Beispiel Ozon. Eine solche Zusammenarbeit wie damals
in den 80er-Jahren bei der Eindämmung des FCKW
brauchen wir auch jetzt bei der Reduzierung der Treib-
hausgase, und das muss weltweit gelingen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Wir brauchen den großen Wurf. Wir sagen auch: Wir
werden ganz intensiv für diesen großen Wurf auf inter-
nationaler Ebene kämpfen und die Bundesregierung da-
bei unterstützen. Eines sage ich auch noch einmal ganz
klar: Natürlich müssen wir Deutsche eine Vorbildfunk-
tion und auch eine Vorreiterrolle übernehmen und unsere
eigenen Hausaufgaben machen, was wir im Übrigen mit
dem Klimaaktionsprogramm auch tun. Das wissen Sie
ganz genau. Aber der Klimawandel ist und bleibt eine
weltweite Herausforderung. Es gilt nach wie vor: Al-
leine in Deutschland können wir das Klima nicht retten.


(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Deshalb machen Sie zur Sicherheit erst einmal gar nichts!)


Genau da unterscheidet sich unsere Position von der
der Grünen. Sie fordern ein Klimaschutzgesetz in
Deutschland mit ordnungsrechtlichen Maßnahmen auf
nationaler Ebene. Wir bevorzugen, vor allem den euro-
päischen und internationalen Ansatz zum Erfolg zu füh-
ren.





Dr. Anja Weisgerber


(A) (C)



(D)(B)


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber Sie tun nichts dafür!)


Wir sind gegen Alleingänge in Deutschland wie zum
Beispiel mit dem von Ihnen vorgeschlagenen nationalen
CSU – –


(Heiterkeit beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


– CO2-Mindestpreis. Wir sind auch gegen die von Ihnen,
Herr Krischer, ständig geforderte CO2-Steuer auf natio-
naler Ebene.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: CSU-Steuer! Sehr gut! Erzählen Sie doch etwas zu Herrn Seehofer! Auch ein schönes Thema!)


Wir dürfen uns nicht auf die nationale Ebene zurück-
ziehen. Das bringt uns nicht weiter im internationalen
Kampf gegen den Klimawandel, sondern das wirft uns
zurück und benachteiligt uns im europäischen Wettbe-
werb und gefährdet Arbeitsplätze. Genau das können wir
nicht wollen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Wir setzen auf ehrgeizige Ziele in Deutschland, Europa
und der Welt und wollen Anreize im Steuersystem und
nicht Ordnungsrecht.

Deshalb gehe ich zunächst auf die Klimapolitik in Eu-
ropa und der Welt ein. Die Klimapolitik ist eine politi-
sche Priorität unserer Bundeskanzlerin, für die sie sich
persönlich und politisch engagiert.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da kriegen wir aber nichts von mit! – Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das macht sie sehr im Geheimen!)


Da zählen für mich vor allem die Maßnahmen, die die
Bundeskanzlerin und die Bundesregierung ergreifen,
und nicht irgendwelche Reden, getreu dem Motto: Wir
reden nicht nur, sondern wir handeln.


(Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wann? – Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo?)


Zu den Handlungen:

Erstens. Bei der laufenden G-7-Präsidentschaft ist der
internationale Klimaschutz dank Angela Merkel ein
Kernthema. Das kann für den Durchbruch auf internatio-
naler Ebene mitentscheidend sein. Das wurde auch
schon von der einen oder anderen grünen Politikerin so
gesagt.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Zweitens. Angela Merkel hat 750 Millionen Euro für
den Grünen Klimafonds zugesagt und sich damit an die
Spitze gesetzt. Damit unterstützen wir Entwicklungs-
und Schwellenländer – ich habe es gerade erwähnt; es ist
sehr wichtig – auch bei dem Aufbau einer CO2-armen
Wirtschaft. Es ist sehr erfreulich, dass auch andere Län-
der jetzt mitmachen, unter anderem Mexiko, und ange-
kündigt haben, ebenfalls in diesen Fonds einzuzahlen.
Drittens – eine weitere Tat der Kanzlerin und der
Bundesregierung –: Deutschland setzt sich in Brüssel
ganz klar immer wieder für diese ambitionierten und rea-
listischen Klimaziele ein sowie für die bewährte Ziel-
trias. Da sind wir jetzt wirklich in der entscheidenden
Phase. Wir bewegen uns in diesem Zusammenhang
politisch aber auf einem schmalen Grad. Wenn wir die
Forderungen bezüglich der europäischen Klima- und
Energieziele zu niedrig ansetzen, ist Europa nicht ambi-
tioniert genug, und wir brauchen ein gutes Ergebnis auf
europäischer Ebene, damit wir in Lima und Paris mit
dem entsprechenden Rückenwind verhandeln können.
Das steht ganz außer Zweifel.


(Beifall der Abg. Ulli Nissen [SPD])


Verlangen wir aber zu viel, dann springen die anderen
EU-Staaten ab, und wir fahren mit leeren Händen nach
Lima. Das kann auch nicht gut sein. Genau in dieser ent-
scheidenden Phase, wo einiges abgewogen werden
muss, wo auch gesprochen werden muss, wo überzeugt
werden muss, wo die anderen EU-Mitgliedstaaten mit-
gezogen werden müssen – als ehemalige Europaabge-
ordnete weiß ich, wie schwierig das ist –, befinden wir
uns. Wir müssen die Bundesregierung dabei unterstüt-
zen, dürfen ihr nicht ständig Knüppel zwischen die
Beine werfen und sollten nicht pessimistisch sein, wie
das bei den Grünen so üblich ist.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Im Übrigen muss ich auch sagen: Die Umsetzung des
Vorschlags der Grünen, dem Klima- und Energiepaket
2030 nicht zuzustimmen, sollten die Ziele nicht ambitio-
niert genug sein, kommt letztendlich einem Genickbruch
gleich. Deutschland gewinnt in Europa nicht an Glaub-
würdigkeit, wenn wir letztendlich das ganze Abkommen
boykottieren und wenn keine europäischen Ziele zu-
stande kommen. Das können auch Sie nicht wollen.


(Christian Kühn [Tübingen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Ziele, die nichts bringen, bringen auch nichts!)


Zentrales Element der europäischen Klimaschutzpoli-
tik ist der Emissionshandel. Er ist das richtige Instru-
ment, da er auf den Markt setzt und CO2 reduziert.
Durch einen europäischen und internationalen Rahmen
schaffen wir gleiche Wettbewerbsbedingungen. So kön-
nen Klimaschutz und Wirtschaftswachstum Hand in
Hand gehen, wie es auch der Stern-Report darlegt.

Die EU ist der beste Beweis dafür, dass es geht. Ob-
wohl die Treibhausgasemissionen in der EU seit 1990
um 19 Prozent gesunken sind, ist das Bruttoinlandspro-
dukt im gleichen Zeitraum um 45 Prozent gestiegen. Das
heißt: Steigendes Wirtschaftswachstum und trotzdem
sinkender CO2-Ausstoß, das geht, auch dank des Emis-
sionshandels. Es ist erfreulich, dass auch andere Regio-
nen in der Welt, etwa in China, Mexiko, den USA und
Indien, auf eine Art Emissionshandel setzen und dieses
Instrument voranbringen. Der Emissionshandel ist und
bleibt das Instrument im Kampf gegen den Klimawan-
del. Deshalb setzen wir uns auch in Brüssel für eine
nachhaltige Reform dieses Emissionshandels ein. Ich





Dr. Anja Weisgerber


(A) (C)



(D)(B)

sage an dieser Stelle auch ganz klar: Die von der Euro-
päischen Kommission vorgeschlagene Marktstabilitäts-
reserve ist meiner Meinung nach ein guter Vorschlag,
den wir allerdings noch im Detail diskutieren müssen.

Aber eines möchte ich auch deutlich sagen: Ein Min-
destpreis für CO2-Zertifikate ist meiner Meinung nach
nicht der richtige Schlüssel zu einem funktionierenden
Emissionshandel. Und: Nationale Auflagen zur Einspa-
rung von CO2, wie sie auch von Ihrer Seite des Öfteren
gefordert werden, bringen dem Klimaschutz an dieser
Stelle nichts. Ich sage Ihnen auch, warum: Erreichen wir
unsere Klimaziele durch rein nationale Maßnahmen, be-
nötigen wir dafür in Deutschland weniger CO2-Zertifi-
kate; denn für jede Tonne CO2, die man in Deutschland
zum Beispiel wegen einer Steuer weniger emittiert, wird
ein Zertifikat weniger verbraucht. Die Folge ist dann:
Die Zertifikatspreise sinken weiter, und Investitionen in
klimafreundliche Technologien lohnen sich noch weni-
ger. Die Emissionen werden also nur verlagert: von
Deutschland nach Polen, nach Italien oder nach Frank-
reich. Dem Klima ist damit unter dem Strich nicht gehol-
fen. Ich denke mal, das können auch Sie an dieser Stelle
nicht wollen.

Dennoch leisten wir mit dem Aktionsprogramm
Klimaschutz jetzt einen wichtigen Beitrag, um auch auf
nationaler Ebene die Lücke zu schließen. Ein wichtiges
Instrument ist die steuerliche Absetzbarkeit der Kosten
von Energieeffizienzmaßnahmen. Da sollten wir alle an
einem Strang ziehen und uns nicht ständig gegenseitig
den Schwarzen Peter zuspielen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805706900

Liebe Kolleginnen und Kollegen, als nächster Redner

hat Frank Schwabe das Wort.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Frank Schwabe (SPD):
Rede ID: ID1805707000

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich glaube schon jetzt: Barbara Hendricks wird positiv in
die Geschichte des deutschen Klimaschutzes eingehen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Warum? Weil sie uns ehrlich gemacht hat in der Frage
„Wo stehen wir eigentlich?“! Das war zum Teil eine
Krückerei in den letzten Jahren. Wir haben Ziele vorge-
geben, die wir alle teilen – das muss man noch einmal
deutlich machen: wir alle sind für das Ziel der Reduktion
um 40 Prozent bis zum Jahr 2020; da gibt es große
Einigkeit –, aber auf dem Weg dahin war gar nicht klar,
wo wir eigentlich stehen. Jetzt haben wir uns ehrlich ge-
macht. Dafür hat diese Ministerin gesorgt. Das ist schon
ganz viel wert, weil das nämlich die Grundlage ist, um
darüber zu diskutieren: Was muss jetzt eigentlich getan
werden?


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Das letzte Programm, das wirklich umfassend darge-
legt hat, was getan werden muss, war mit dem Namen
Meseberg verbunden, und das war im Jahr 2007. Deswe-
gen habe ich schon in der Debatte Anfang dieses Jahres
darüber geredet, dass wir so etwas wie ein Meseberg II
brauchen. Noch einmal: Bei den Zielen sind wir uns ei-
nig, aber in der Frage „Wo sind wir bei der Zielerrei-
chung, und was muss jetzt getan werden, um die Lücke
zu schließen?“ ist jahrelang nichts passiert. Jetzt passiert
etwas, und das ist mit dem Namen Barbara Hendricks
verbunden.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich glaube im Übrigen, dass uns das nicht wieder pas-
sieren darf. Deswegen brauchen wir ein Konstrukt, das
wir im nächsten Jahr miteinander diskutieren. Das kann
man dann „Klimaschutzplan mit Gesetzescharakter“,
„Gesetz mit Plancharakter“ oder wie auch immer nen-
nen; wir brauchen etwas für die Selbstvergewisserung.
Es geht gar nicht darum, jedenfalls aus meiner Sicht, bis
ins Detail vorzuschreiben, wer wo wie was tun muss,
aber wir brauchen einen Mechanismus, der uns zeigt, wo
wir bei der Zielerreichung stehen. Sonst werden wir un-
sere Ziele wieder verfehlen.


(Beifall bei der SPD)


Das, was wir jetzt vor uns haben, ist kein Schnell-
schuss, Toni Hofreiter, sondern das ist ein Aktionspro-
gramm Klimaschutz 2020, über das man natürlich ein
bisschen diskutieren muss, auch innerhalb der Bundesre-
gierung. Man muss gucken: Wie kann man die Lücke
zum 40-Prozent-Ziel schließen? Was wichtig ist, ist noch
einmal das Signal dieses Hauses: Wir wollen die Lücke
zum 40-Prozent-Ziel schließen. – Was wir brauchen, ist,
dass alle daran mitwirken. Das ist eine Kärrnerarbeit, die
in den nächsten Monaten geleistet werden muss. Dabei
müssen alle Ministerien und alle, die in den Arbeitsgrup-
pen im Bundestag Verantwortung tragen, sagen, wo
eigentlich Potenziale zu heben sind, damit man am Ende
auf die 40 Prozent kommt. Insofern, glaube ich, braucht
Barbara Hendricks die Unterstützung nicht nur der
Koalition, sondern des gesamten Hauses.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das heißt, es gibt ein langfristiges Programm?)


Zum Thema Europapolitik. Ich finde es ja gut, Frau
Kollegin Baerbock, dass Sie deutlich gemacht haben,
dass wir aus Ihrer Sicht im oberen Mittelfeld sind. Das
ist für eine Oppositionssicht nicht so schlecht. Ich würde
sagen – dies ist eine etwas andere Beschreibung der Ge-
schichte –: Wir in Deutschland waren einmal absolute
Spitze; das kann man, glaube ich, nicht bestreiten. Wir
sind in den letzten Jahren allerdings abgefallen. Wir sind
Bremser gewesen bei der Reform des Emissionshandels.
Wir sind Bremser gewesen auf europäischer Ebene beim
Thema Energieeffizienz, leider auch beim Thema Teer-
sandöle. Auch da haben wir in den letzten Jahren keine
konstruktive Rolle gespielt. Aber das ist aufgelöst wor-
den, und auch das ist verbunden mit dem Namen





Frank Schwabe


(A) (C)



(D)(B)

Barbara Hendricks, die in enger Kooperation mit Sigmar
Gabriel handelt.

Wir haben die Blockadehaltung bei der Reform des
Emissionshandels aufgelöst. Wir haben nun Kenntnis
darüber, ob wir unser 40-Prozent-Ziel in Deutschland
einhalten können. Im Übrigen haben wir auch in einem
weiteren Bereich eine Lösung hinbekommen: Beim
Thema Fracking hatten wir, wenn ich das so nebenbei
sagen darf, vier Jahre lang nichts an Gesetzesvorschlä-
gen gesehen. Jetzt haben wir Gesetzesvorschläge, und
die SPD ist ganz optimistisch, dass diese in den nächsten
Wochen in den Bundestag eingebracht werden können,
damit wir zu einem Fracking-Verbot in Deutschland
kommen.


(Beifall bei der SPD)


Wir sind beim Thema „Ziele für 2030“ – um das noch
einmal zu betonen – am progressiven Ende der europäi-
schen Debatte. Wir sind bei den Vorschlägen zur Reform
des Emissionshandels ebenfalls am progressiven Ende
der Debatte. Dazu allerdings will ich schon etwas
Kritisches sagen, ein bisschen anders als es Frau
Dr. Weisgerber hier deutlich gemacht hat. Wenn wir das
40-Prozent-Ziel deutschlandweit ernst nehmen – wir
wissen, dass die Hälfte des Anteils an der Reduktion von
CO2 aus den Sektoren kommt, für die der Emissionshan-
del zuständig ist –, dann müssen wir uns klarmachen,
dass wir unser nationales Ziel gar nicht erreichen
können, wenn der Emissionshandel europäisch nicht
funktioniert. Deswegen ist völlig klar, dass wir alles tun
wollen und Vorschläge unterbreiten wollen, damit der
Emissionshandel funktionsfähig ist, wir kein weiteres
Umswitchen in Richtung Braunkohle sehen und wir Gas
sowie erneuerbare Energien nach vorn bringen.

Ich sage aber auch gleichzeitig denen, die versuchen,
eine solche Reform zu verhindern – da gibt es in
Deutschland welche, die da unterwegs sind und die auch
mit europäischen Partnerländern über Bande spielen –:
Wenn die Reform nicht gelingen sollte, müssen wir
trotzdem eine Antwort darauf finden, wie wir denn ei-
gentlich das 40-Prozent-Ziel erreichen wollen; denn wir
wollen es ja nicht aufgeben. Wenn das dann innerhalb
kürzester Zeit auf europäischer Ebene nicht gelingt,
dann brauchen wir ein Nachdenken darüber – das ist in
meiner Fraktion, in meiner Partei nicht abgestimmt, aber
ich sage das als Diskussionsanreiz –, wie der Kraftwerks-
park aussehen soll, damit wir die Ziele anders erreichen
können. Ein Mittel kann das Aufstellen von Energieeffi-
zienzzielen sein, wie es in den USA diskutiert wird. Das
kann aus meiner Sicht aber auch die Einführung von
Preisuntergrenzen sein.


(Zuruf der Abg. Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Ich will zum Schluss durchaus optimistisch noch
einmal einen internationalen Ausblick geben. Herr
Dr. Nüßlein hat in der Debatte gesagt, es kommt am
Ende auf die Grenzkosten für die Kilowattstunde Strom
an. Das Gute ist – das hat Sir Nicholas Stern, der an-
scheinend in dieser Woche bei vielen zu Besuch war,
noch einmal deutlich gemacht –, dass mittlerweile inter-
national gesehen die erneuerbaren Energien bei den
Grenzkosten besser dastehen als viele andere: beispiels-
weise Atom und fossile Energieträger. Deswegen glaube
ich, dass wir aus ökologischen Gründen, aus volkswirt-
schaftlichen Gründen, aber auch aus betriebswirtschaft-
lichen Gründen mittlerweile weltweit eine ganz gute
Entwicklung sehen und wir wirklich einen massiven
Ausbau der erneuerbaren Energien bekommen werden.

Das, glaube ich, kann man am Schluss noch einmal
einvernehmlich sagen: Es gab Gegner in Deutschland,
und es gab Leute, die das vorangetrieben haben
– Hermann Scheer und andere –, aber schließlich war es
Deutschland, das es geschafft hat, die erneuerbaren
Energien so zu fördern, dass wir diesen Wechsel welt-
weit sehen können. Ich glaube, darauf können wir ge-
meinsam stolz sein.

Glück auf!


(Beifall bei der SPD)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805707100

Als nächster Redner hat der Kollege Oliver

Grundmann das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Oliver Grundmann (CDU):
Rede ID: ID1805707200

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kollegin-

nen und Kollegen! Bei der Lektüre dieses Antrags der
Grünen hat es mir die letzten Tage fast die Sprache ver-
schlagen;


(Lachen beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So gut, nicht?)


glücklicherweise habe ich sie zurückgewonnen.

Wenn man sich die Ausführungen von Ihnen, Herr
Hofreiter, im Parlament auch noch einmal zu Gemüte
führt, könnte man vermuten, dass hier das Ende der Welt
kurz bevorsteht. Trotzdem werde ich mir keine Arche
Noah in den Garten stellen – ich wohne an der Küste. Ich
bin nämlich der festen Überzeugung, dass sich die Große
Koalition den anstehenden Herausforderungen verant-
wortungsvoll annimmt.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ein Viertel des deutschen Stroms wird schon heute
aus erneuerbaren Energien gewonnen. Dabei wird es
nicht bleiben. Denn bis 2025 soll der Anteil der erneuer-
baren Energien auf mindestens 40 Prozent steigen, bis
2035 sogar auf mindestens 55 Prozent. Meine sehr ge-
ehrten Damen und Herren, das sind ehrgeizige Ziele.
Das hat sich sonst bisher kein anderes Industrieland auf
der Welt vorgenommen.


(Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Quatsch! So ein Quatsch!)


Damit geht Deutschland mutig und entschlossen voran.
Darauf können wir stolz sein.

Die Grünen wollen ein Scheitern der nationalen Kli-
mapolitik abwenden und internationale Glaubwürdigkeit





Oliver Grundmann


(A) (C)



(D)(B)

zurückgewinnen. So schreiben sie im Antrag. Ein erster
Schritt, meine sehr geehrten Damen und Herren, wäre
darin zu sehen, diesen Antrag hier zurückzuziehen. Das
will ich Ihnen auch gern begründen. Die Grünen verfol-
gen einen völlig falschen Ansatz. Sie wollen nicht nur
eine europäische Klimapolitik, sondern sie wollen auch
noch eine nationale Regelung oben aufsatteln. Das ist
ein typisch grüner Irrweg.


(Widerspruch der Abg. Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Lassen Sie mich das kurz ausführen.

Für Emissionszertifikate existiert ein gemeinsamer
Markt in Europa. Wenn nun eine nationale Klimapolitik
den Ausstieg aus der Kohle vorschreibt, dann sinkt in
Deutschland die Nachfrage nach entsprechenden Emis-
sionszertifikaten. Logischerweise sinkt dann auch der
Preis, und das europaweit. Das sind die Mechanismen
von Angebot und Nachfrage. Ein bisschen Nachhilfe in
sozialer Marktwirtschaft würde Ihnen von den Grünen
sicherlich nicht schaden.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Wir von der Union wissen das jedenfalls spätestens seit
Ludwig Erhard.

Noch billigere Emissionszertifikate reduzieren den
Anreiz, in neue Kraftwerkstechnologien zu investieren.
Praktisch bedeutet das, dass alte Kohlekraftwerke in
anderen Ländern Europas mehr Strom noch billiger als
bisher produzieren können. Das wäre ein vollkommen
falsches, ja ein verheerendes Signal. Wir in Deutschland
müssten zusätzlich zu unserem bisherigen Beitrag zur
Energiewende – und das ist schon ein Rucksack, den wir
zu tragen haben – auch noch die Kosten für einen über-
eilten Ausstieg aus der Kohle tragen. Andere Länder
hätten hingegen einen Kostenvorteil durch alte Kohle-
kraftwerke. Das wäre vollkommen absurd, denn wir
würden so nichts für das Weltklima tun.

Besonders bedenklich ist, dass nationale Alleingänge
zu einer umweltpolitischen Spaltung in Europa führen.
Je mehr sauberen Strom die einen produzieren, desto
mehr Strom können andere mit veralteten Kraftwerken
generieren. Nationale Alleingänge sind kein Vorteil für
das Klima, weil sich Emissionen dadurch nur in andere
Länder verlagern. Das ist ein typisches Beispiel für poli-
tisches Gutmenschentum: meistens teurer und zudem
auch noch wirkungslos, und für sinnvolle Maßnahmen,
die wirklich nützlich sind, fehlt dann das Geld.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Die Union lehnt eine solche reine Symbolpolitik ab.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wir bekennen uns ohne Wenn und Aber zum Klima-
schutz – aber mit Sachverstand und Augenmaß, ökono-
misch und effizient, ohne den Strompreis dabei durch
blinden Aktionismus in ungeahnte Höhen schnellen zu
lassen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, jetzt möchte
ich auf etwas zu sprechen kommen, was viele praxis-
ferne Ökoträumer gar nicht kennen: die Realität.


(Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh!)


Mein Wahlkreis liegt in der Metropolregion Hamburg,
zwischen Cuxhaven, Bremen und der Hansestadt Ham-
burg. In den letzten 45 Jahren siedelten sich hier zahlrei-
che Unternehmen an; es ist eine absolute Boomregion
geworden. Dort befinden sich auch zahlreiche energiein-
tensive Unternehmen. Eines dieser Unternehmen möchte
ich nennen: Dow Chemical, ein Chemiewerk in Nieder-
sachsen mit rund 1 500 Mitarbeitern. Solch ein Unterneh-
men ist auf eine langfristige, stabile und wettbewerbsfä-
hige Versorgung mit Strom und Wärme angewiesen. Wir
wollen, dass auch Private günstige Strompreise haben.
Aber diese Industrien brauchen einfach günstigen Strom.
Sonst gehen Wirtschaftskraft und Arbeitsplätze unwie-
derbringlich verloren.

Wir reden hier von wirklich gewaltigen Strommen-
gen: Dieses Unternehmen braucht für den laufenden Be-
trieb im Jahr 5 Terawattstunden Strom. Das entspricht
1 Prozent des gesamten Stroms, der in Deutschland ver-
braucht wird. Anders ausgedrückt: Das entspricht dem
Strombedarf von knapp 1 Million Privathaushalten. Das
Werk in Stade ist überhaupt kein Einzelfall. Ich könnte
auch noch BASF in Ludwigshafen, die Salzgitter AG in
Peine, Aurubis in Hamburg und zahlreiche andere Bei-
spiele in Nordrhein-Westfalen, in Bayern, in Hessen, in
Baden-Württemberg und auch in unseren östlichen Bun-
desländern nennen. Industrien brauchen Strom. Damit
sind wir durch die Krise gekommen. Er ist das Lebens-
elixier unserer Industrie; deswegen sind wir so gut auf-
gestellt.

Unsere Unternehmen brauchen aber nicht nur verläss-
lich verfügbaren und bezahlbaren Strom, sondern auch
Planungssicherheit, und das auf Dauer. Das Chemiewerk
in meinem Wahlkreis hat seine Zukunft selbst in die
Hand genommen: Es hat ein eigenes Konzept für eine
Energieversorgung entwickelt. Das Genehmigungsver-
fahren läuft, auch das Engineering läuft, und es ist zu
hoffen, dass sich dieses Großkraftwerksprojekt realisie-
ren lässt. Die Lösung sieht das Unternehmen in einem
kombinierten Gas-, Biomasse- und Steinkohlekraftwerk.
Seien Sie nicht erschreckt! Aber das ist deren Ansatz.


(Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Kennen wir schon! Danke!)


Das Kraftwerk kann einen großen Teil des Wasserstoffs,
der dort bei der Produktion anfällt, in Energie umwan-
deln; eventuell kann überschüssige Windenergie in
Wasserstoff umgewandelt werden. Das würde dazu füh-
ren, dass das Kraftwerk unter den weltweit saubersten
Kohlekraftwerken jenes mit den allerniedrigsten CO2-
Emissionen wäre.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Das ist praktizierter Umweltschutz, meine sehr geehr-
ten Damen und Herren von den Grünen. Das sind hoch-
moderne Technologien, das schützt das Klima, schafft





Oliver Grundmann


(A) (C)



(D)(B)

Arbeitsplätze, sichert Industrien in Deutschland und
wäre zudem auch noch ein echter Exportschlager. Das
wollen wir doch in Deutschland haben. Die Realisierung
wäre ein Meilenstein für die Energieerzeugung. Wir
brauchen solche innovativen Brückentechnologien. Sie
schließen die Zeitfenster bis zu einer kontinuierlichen,
sicheren Versorgung mit regenerativen Energien. Solche
Innovationen und Technologien wollen Sie aber verbie-
ten. Das ist typisch für Sie als Vertreter der Gegenpartei.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Wer solche Brückentechnologien ablehnt, macht
Deutschland von ausländischer Kernenergie abhängig.
Wer Brückentechnologien ablehnt, verspielt unsere
Chancen auf eine Technologieführerschaft und unsere
Exportchancen. Wir werden das nicht zulassen. Wir wer-
den die gebotenen Maßnahmen für eine erfolgreiche
Energiewende mit Bedacht und mit Augenmaß ent-
schlossen auf den Weg bringen. Deshalb lehnen wir Ih-
ren Antrag ab.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805707300

Herr Kollege Grundmann, das war Ihre erste Rede.

Herzlichen Glückwunsch!


(Beifall)


Als nächster Redner spricht Klaus Mindrup.


(Beifall bei der SPD)



Klaus Mindrup (SPD):
Rede ID: ID1805707400

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Es ist gut, dass wir heute hier über den Klima-
schutz diskutieren. Die Transformation nicht nur unserer
Gesellschaft, sondern aller Gesellschaften weg von kli-
maschädlichen Gasen hin zu einer kohlendioxidfreien
Welt ist eine Schlüsselaufgabe für die nächsten Jahr-
zehnte. Diese Aufgabe müssen wir erfolgreich bewälti-
gen. Die Atmosphäre kann nicht mehr länger als Depo-
nie genutzt werden; das ist eine ganz wichtige Botschaft,
die von der heutigen Diskussion ausgehen muss.

Ich gehöre nicht zu denen, die Schreckgespenster an
die Wand malen, aber man muss sich anschauen, was auf
dieser Welt passiert. Man muss die wissenschaftlichen
Erkenntnisse ernst nehmen. Das hat auch ganz konkrete
Folgen für unser Land. Ein Freund von mir baut gerade
ein Haus an der Nordseeküste. Normalerweise würde
man ja den Erdaushub auf eine Deponie bringen. Was
passiert aber mit dem Erdaushub? Er wird genutzt, um
an unserer Nordseeküste die Deiche zu erhöhen.

Wir haben gerade von Frau Hendricks gehört, dass es
viele Inselstaaten gibt, die durch die Erhöhung des Mee-
resspiegels bedroht sind. Die Menschen dort können da-
rauf nicht so reagieren wie wir. Sie können keine Deiche
bauen. Das heißt, wir müssen anders agieren. Deiche
bauen allein ist keine Lösung.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)

Insofern ist es wichtig, dass diese Bundesregierung an-
ders als die Vorgängerregierung weiterhin Vorreiter beim
Klimaschutz sein wird.

Wir waren mit dem Umweltausschuss gerade in den
USA und in Kanada und haben uns intensiv mit diesen
beiden Ländern befasst. Die kanadische Regierung hat in
den vergangenen 15 Jahren ihre Klimaschutzziele immer
dem tatsächlichen Energieverbrauch angepasst, indem
sie sie nämlich immer nach unten korrigiert hat. Das
kann und wird kein Modell für Deutschland sein. Plan-
erfüllung durch Plankorrektur darf und wird es mit uns
nicht geben.


(Beifall bei der SPD)


Wir müssen aber auch die Menschen mitnehmen, und
wir brauchen die notwendige Akzeptanz. Von den Kolle-
ginnen und Kollegen der Grünen wird ja immer das
Thema der Gebäudesanierung benannt. In diesem Zu-
sammenhang muss man einmal darauf hinweisen, dass
es da auch Fehlentwicklungen gibt.

Ich war in meinem Wahlkreis gerade mit Herrn
Dr. Rips vom Deutschen Mieterbund unterwegs. Dort
gibt es ein Haus, das saniert werden soll. Anschließend
sollen die Mieter allein für die energetische Sanierung
im Monat 10 Euro pro Quadratmeter mehr Miete zahlen.
Das sind für eine 60-Quadratmeter-Wohnung also
7 200 Euro im Jahr – bei Energiekosten von 1 000 Euro.
Da läuft doch etwas aus dem Ruder.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Hintergrund in diesem Fall ist, dass der Vermieter ei-
gentlich seine Mieter loswerden will. Er will das Haus in
Eigentumswohnungen aufteilen und diese Eigentums-
wohnungen verkaufen. Aber dieses Beispiel massiver
Fehlentwicklung zeigt uns, dass es ja gar keine Kontrolle
gibt, ob kosteneffizient saniert wird. Eine entsprechende
Regelung fehlt einfach im Bürgerlichen Gesetzbuch. Wir
brauchen auch wieder einen Sozialfaktor.


(Beifall bei der SPD)


Wir müssen darüber nachdenken, ob es auch andere
Maßnahmen gibt, als Styropor an die Wände zu packen.
Es gibt die Möglichkeit, richtiges Verhalten zu fördern.
Energiearme Geräte, hydraulischer Abgleich – all das
kostet nicht viel. Andere Beleuchtungsmittel wie die
LED-Technik, dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung, wo
keine Fernwärme ist, Solarthermie, Niedrigtemperatur-
heizungen – all das sind Möglichkeiten, die man ange-
hen muss. Das müssen wir vorantreiben.

Wir müssen zukünftig auch viel stärker in Quartieren
denken. Es kann sinnvoller sein, auf eine erneuerbare
Nahwärme zu setzen, als Häuser intensiv zu dämmen.
Das ist etwas, was man fördern muss. Diesbezüglich
müssen wir an die Gesetze heran, und wir müssen auch
die Förderpolitik ändern.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Christian Kühn [Tübingen] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])






Klaus Mindrup


(A) (C)



(D)(B)

Wenn wir hier über steuerliche Förderung reden, was
ja schon mehrfach der Fall war, dann muss man auch an
die Menschen denken, die nichts von einer steuerlichen
Förderung haben. Wenn man eine steuerliche Förderung
vorsieht, muss man sie mit Investitionszuschüssen für
diejenigen begleiten, die diese Investitionen nicht mit ih-
ren Gewinnen verrechnen können.


(Beifall bei der SPD)


Wir müssen aber auch schauen, dass wir die Energie-
wende nicht nur über die Haushalte und die Mieter refi-
nanzieren. Auch Landwirtschaft, Gewerbe, Verkehr und
Industrie müssen ihren Beitrag leisten.

Jetzt komme ich zur Akzeptanz hinsichtlich des Um-
gangs mit Kohle und den erneuerbaren Energien. Liebe
Kolleginnen und Kollegen von den Grünen, wir haben
einen Ausbaukorridor von 5 Gigawatt pro Jahr für die
Erneuerbaren beschlossen.


(Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja!)


Wer da von einem Ausbremsen spricht, hat Wahrneh-
mungsprobleme.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Gott sei Dank haben Ihre Kolleginnen und Kollegen in
den Bundesländern diese Wahrnehmungsprobleme nicht.

Wir haben einen Konsens für den Atomausstieg in
Deutschland. Das ist auch gut so. Dafür haben wir einen
klaren Zeitplan. Wir haben auch einen Konsens darüber,
dass wir eine klimafreundliche Energiepolitik wollen.
Aber das müssen wir geordnet angehen. Sie kennen viel-
leicht alle das Bild von dem Autofahrer, der gleichzeitig
telefoniert, isst, Auto fährt und ein Buch liest.


(Michaela Noll [CDU/CSU]: Das kenne ich nicht! – Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Das ist verboten!)


Das steht als warnendes Beispiel an vielen Autobahnen.
Was Sie fordern, nämlich alles gleichzeitig zu machen,
wird genauso in die Hose gehen. Wir als Sozialdemokra-
ten möchten nicht, dass die Energiewende gegen den
Baum fährt.

Wenn wir die Energiewende vorantreiben und die Er-
neuerbaren ausbauen, dann bedeutet das natürlich auch,
dass Kraftwerke vom Markt gehen müssen. Das hat Frau
Hendricks zu Recht gesagt. Ich bin davon überzeugt,
dass wir Regeln brauchen, mit denen wir sicherstellen,
dass nicht die teuren ökologischen Kraftwerke, sondern
die Dreckschleudern vom Markt gehen müssen. Ich bin
fest davon überzeugt, dass wir dafür ein Ordnungsrecht
benötigen. Ich gehöre nicht zu den Anhängern, die sa-
gen, dass wir das alles über den Emissionshandel schaf-
fen können. Wir hätten den Rhein nie sauber bekommen,
wenn wir das nur mithilfe von Emissionszertifikaten für
Abwässer gemacht hätten.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Wir brauchen eine Kopplung zwischen Ordnungsrecht
und Zertifikaten, so wie wir es im Bereich des Abwas-
sers auch gemacht haben.


(Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das schlagen wir vor!)


Dort gab es Grenzwerte und die Abwasserabgabe.

Wir brauchen aber auch einen Konsens und positive
Visionen. Die Innovation City in Bottrop ist ein gutes
Beispiel dafür. Sie zeigt, wie wir die Industrialisierung
und die Modernisierung unserer Volkswirtschaft ver-
knüpfen können mit einer Ökologisierung. Die niedrigen
Zinsen, die wir im Augenblick haben, bieten dafür gute
Chancen.

Im Augenblick haben wir noch einen Kostenberg bei
den Erneuerbaren. Eine Photovoltaikanlage, die vor zehn
Jahren in Betrieb gegangen ist, bekommt 45,7 Cent pro
Kilowattstunde EEG-Vergütung. In zehn Jahren wird sie
sie nicht mehr bekommen. Dann ist sie für 2 bis 4 Cent
am Markt. Dann haben wir die Brücke in das Solarzeital-
ter geschafft; dann ist es kostengünstig. Die neueren An-
lagen sind sowieso schon billig.

Ich komme zum Ende. Ich zitiere einen Satz aus dem
Grundsatzprogramm der SPD:

Unser Ziel ist ein solares Energiezeitalter.

Dieses Ziel sollten wir alle gemeinsam haben. Dafür
lohnt es sich zu kämpfen.

Ich danke Ihnen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805707500

Als letzter Redner hat der Kollege Petzold das Wort.


Ulrich Petzold (CDU):
Rede ID: ID1805707600

Herzlichen Dank! – Sehr geehrte Frau Präsidentin!

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolle-
ginnen und Kollegen! Schon allein die Tatsache, dass
wir heute über einen Antrag sprechen, der vorgestern
Abend eine Drucksachennummer bekommen hat, ist ein
Zeichen dafür, mit welch heißer Nadel der Antrag ge-
strickt worden ist.


(Beifall bei der CDU/CSU – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Unsere Anträge kommen immer auf die letzte Minute!)


Wir alle wissen: Die Anhebung des Etappenziels
2020 bei der CO2-Minderung ist und bleibt hochambitio-
niert. Aber nicht anzuerkennen, dass Deutschland seit
1990 seinen CO2-Ausstoß um über 300 Millionen Ton-
nen reduziert hat, verhöhnt die Anstrengungen aller bis-
herigen Bundesregierungen und der Menschen in
Deutschland.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Welches andere Land hat solch eine mit einer CO2-Min-
derung verbundene Last auf sich genommen? Ich denke





Ulrich Petzold


(A) (C)



(D)(B)

hier an die Belastung der Menschen durch den Wirt-
schaftsumbau in den neuen Bundesländern.


(Steffi Lemke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie haben doch gesagt, wir können stolz darauf sein!)


Wenn wir die Bereitschaft der Menschen, Anstren-
gungen auf sich zu nehmen, nicht anerkennen und im-
mer nur betonen, es sei zu wenig und zu langsam, dann
brauchen wir uns nicht zu wundern, dass uns bald nie-
mand mehr zuhört. Die bislang erreichte Minderung von
etwa 25 Prozent des CO2-Ausstoßes ist kein Pappenstiel.


(Annalena Baerbock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das stimmt!)


Ja, wir haben noch eine gewaltige Wegstrecke vor
uns, wenn wir die noch anstehende Minderung von
15 Prozent, die wir gemeinsam beschlossen haben, be-
wältigen wollen. Wir konstatieren aber auch gemeinsam,
dass wir in den Jahren zwischen 2010 und 2013 nicht so
vorangekommen sind, wie wir es uns vorgestellt haben.
Allerdings ist das Jahr 2009 mit seinem dramatischen
Wirtschaftseinbruch kein echter Bezugspunkt. Wir ha-
ben inzwischen eine Wirtschaftsleistung erreicht, die
wieder deutlich über der des Jahres 2008 liegt.

Daran macht sich fest, dass sich das Wirtschafts-
wachstum in Deutschland eindeutig vom CO2-Ausstoß
abgekoppelt hat.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Deutschland ist und bleibt die innovative Werkstatt
der Welt, und es verwundert mich, wenn wir bei jedem
importierten Agrarprodukt den Wasserfußabdruck be-
rechnen, aber bei den Exporten diese Berechnung ver-
gessen. Jedes Produkt hat auch einen CO2-Fußabdruck,
sodass wir mit jedem Produkt, das wir exportieren, sozu-
sagen eine Erhöhung der CO2-Emissionsquote importie-
ren. Kein vernünftiger Mensch würde aber wohl auf die
Idee kommen, die deutschen Exporte zu reduzieren, um
unsere Emissionsquote einzuhalten.

Ich finde es absolut richtig, wenn der Aktionsplan der
Bundesministerin als eine der ersten Maßnahmen die
Identifizierung der technisch-wirtschaftlichen Minde-
rungspotenziale bei der Emissionsminderung vorgibt.
Aktionismus, wie im vorliegenden Antrag, ist Gift für
die Akzeptanz der Anstrengungen für eine CO2-Minde-
rung.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Selbstverständlich bestehen noch Minderungspoten-
ziale beim CO2-Ausstoß. Wenn ich daran denke, dass in
den letzten Jahren jede Minderung des Stromverbrauchs
im industriell-gewerblichen Sektor durch einen Mehr-
verbrauch der privaten Haushalte kompensiert wurde,
stelle ich fest: Damit senden wir die falschen Signale
aus. Die Haushalte registrieren ihren Mehrverbrauch viel
zu spät, nämlich erst zum Jahresende, wenn die dicke
Rechnung kommt.

Seit 2003 ist der Wärmebedarf je Quadratmeter
Wohnfläche in der Bundesrepublik um 16 Prozent ge-
sunken. Er ist im Osten Deutschlands deutlich geringer
als im Westen – so der Wärmemonitor Deutschland 2013
des DIW. Danach liegt der Wärmebedarf in Mecklen-
burg-Vorpommern bei 112,3 Kilowattstunde pro Qua-
dratmeter Wohnfläche und in Bremen bei 150,3 Kilo-
wattstunde pro Quadratmeter. Ei, wer trägt denn da in
Bremen politische Verantwortung? Das muss man sich
fragen, bevor man einen solchen Antrag vorlegt.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Allerdings scheint der Weg von Baden-Württemberg
mit einem verpflichtenden Einsatz erneuerbarer Ener-
gien bei jeder Sanierung falsch zu sein, da dadurch die
Zahl der Heizungssanierungen der Privathaushalte von
70 000 auf 56 000 innerhalb von drei Jahren deutlich zu-
rückgegangen ist und das Energieeinsparpotenzial neuer
Heizungen, das bei 40 Prozent liegt, gar nicht mehr ge-
hoben wird.

Auch die CO2-Minderung lässt sich nur mit den Men-
schen machen und nicht mit Zwang gegen sie. Dialog-
und Beteiligungsprozesse, wie vom Bundesministerium
für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit ge-
fordert, sind unabdingbar für zusätzlichen Klimaschutz.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Im Übrigen ist in diesem Jahr die Stromerzeugung
aus fossilen Energieträgern nach Zahlen des BDEW im
Durchschnitt um über 10 Prozent gefallen, während die
Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien um knapp
10 Prozent gestiegen ist. Gleichzeitig ist der Preis am
CO2-Spotmarkt zwar immer noch nicht in der Größen-
ordnung, wie wir ihn haben wollen, aber immerhin ist er
im Jahresvergleich um 1 Euro je Tonne und damit um
20 Prozent gestiegen.

Das im Antrag behauptete Ausbremsen der erneuer-
baren Energien im Stromsektor lässt sich mit einigen
wenigen Zahlen klar widerlegen: Im Juli 2014 lag der
Anteil des aus erneuerbaren Energiequellen erzeugten
Stroms bei 27,7 Prozent der Bruttostromerzeugung, im
Juni bei 28,2 Prozent und im Mai bei 29,9 Prozent.

Dass im November die Sonne weniger scheint und im
August der Wind weniger weht, liegt nicht in der Verant-
wortung des Bundesministeriums für Umwelt.


(Beifall des Abg. Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Ich glaube aber nicht, dass die Opposition mit diesem
Antrag so viel Wind erzeugt, dass es für die wenigen Ki-
lowattstunden, die uns für die Erzeugung von 30 Prozent
des Stroms aus erneuerbaren Energien noch fehlen, aus-
reicht.

Danke schön.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1805707700

Ich schließe die Aussprache.

Bevor ich zur Überweisung komme, möchte ich aus
gegebenem Anlass noch einmal auf unsere Geschäfts-
ordnung verweisen. In der Debatte ist gegenüber der
Bundesregierung der Vorwurf laut geworden, dass auf





Vizepräsidentin Edelgard Bulmahn


(C)



(D)(B)

Fragen nicht geantwortet werde. Ich will darauf hinwei-
sen, dass in unserer Geschäftsordnung, die von uns allen
getragen wird, geregelt wird, dass mündliche Fragen zu
einem Tagesordnungspunkt der laufenden Sitzungswo-
che nicht mündlich beantwortet werden, sondern schrift-
lich beantwortet werden und von daher auch nicht aufge-
rufen werden.


(Beifall der Abg. Hiltrud Lotze [SPD])


Das ist die Regelung, auf die wir uns alle verständigt ha-
ben. Ich gebe Ihnen allen das noch einmal zur Kenntnis
und bitte, sich daran zu erinnern.


(Beifall der Abg. Steffi Lemke [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])


Wir kommen jetzt zur Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 18/2744 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse. Sind Sie damit einverstanden, dass
die Vorlage an diese Ausschüsse überwiesen wird? – Das
ist der Fall. Dann ist die Überweisung so beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 6 a und 6 b auf:

a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Sibylle
Pfeiffer, Sabine Weiss (Wesel I), Katrin Albsteiger,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der
CDU/CSU sowie der Abgeordneten Dr. Bärbel
Kofler, Axel Schäfer (Bochum), Heinz-Joachim
Barchmann, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der SPD

Gute Arbeit weltweit – Verantwortung für
Produktion und Handel global gerecht wer-
den

Drucksache 18/2739
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (f)

Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Haushaltsauschuss

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Uwe
Kekeritz, Claudia Roth (Augsburg), Tom Koenigs,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN

Sozial-ökologischen Rahmen für die Aktivitä-
ten transnationaler Unternehmen schaffen
und durchsetzen

Drucksache 18/2746
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 60 Minuten vorgesehen. – Ich höre dazu
keinen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Ich rufe als ersten Redner
den Bundesminister Gerd Müller auf und gebe ihm das
Wort.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung:

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Gerhart
Hauptmann stellte in seinem Klassiker Die Weber das er-
bärmliche Leben der schlesischen Leinweber Mitte des
19. Jahrhunderts in Hunger und Not dar: 14 Stunden Ar-
beit täglich, bis zur Erschöpfung, in der Fabrik am Web-
stuhl, ein Hungerlohn von 10 Silbergroschen, ein Lohn,
der weder zum Leben noch zum Sterben reicht. Deshalb
musste die ganze Familie – ich sehe junge Leute auf der
Tribüne –, auch Kinder, Frauen und Alte, anpacken,
Überstunden machen und bis zur Erschöpfung arbeiten,
damit ein Überleben möglich war. Diese Zustände der
Ausbeutung führten damals zum Aufstand, zur Revolu-
tion. Arbeitervereine wurden gegründet, und später
wurden erste Ansätze der heutigen Sozialversicherung
entwickelt. Sie können all dies beispielsweise im Textil-
museum Augsburg nachvollziehen, wo das dokumentiert
ist.


(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ein sehr schönes Museum!)


Das ist 150 Jahre her. Diese Zustände sind in
Deutschland und in Europa Gott sei Dank Vergangen-
heit. 150 Jahre danach aber – es ist unglaublich, aber
wahr – werden unsere Kleider leider unter ähnlich schau-
derhaften Zuständen in Bangladesch, in Pakistan, in
China und in anderen Staaten gefertigt: 15 Cent Stun-
denlohn für die Näherin in Bangladesch – auch für die
Näherin Ihrer T-Shirts, dort oben auf der Tribüne –,


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das wissen Sie doch gar nicht! Wo kommt denn Ihr Hemd her?)


Sechstagewoche, kein Urlaub, bei Schwangerschaft
Kündigung, ein Leben und Arbeiten für Hungerlöhne
und ohne sozialen Schutz, wie bei uns im 19. Jahrhun-
dert. So haben wir uns die Globalisierung nicht vorge-
stellt. Diese Form der internationalen Arbeitsteilung
können wir nicht akzeptieren.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE])


Sie und ich möchten Kleidung tragen, die mit fairen
Löhnen produziert wurde. Die Jeans, die im deutschen
Handel für 9,90 Euro verkauft wird, wird auf dem Rü-
cken der Näherinnen, die Hungerlöhne erhalten, produ-
ziert. Das ist leider Realität.

Das gilt nicht nur für den Textilbereich. Es ist Mit-
tagszeit. Wenn man jetzt am Kochtopf steht

(A)






Bundesminister Dr. Gerd Müller


(A) (C)



(D)(B)


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie stehen mittags am Kochtopf?)


oder zum Mittagessen geht, sollte man daran denken,
dass am Anfang einer Produktionskette – das gilt auch
für Lebensmittel und Gebrauchsprodukte – immer Men-
schen stehen. Das sind Familien, Menschen, die von ih-
rer Arbeit leben müssen.

Gestern haben mich Kinder gefragt, was wir tun und
was wir tun können. Die Tafel Schokolade gibt es bei
uns bereits für 39 Cent. 50 Millionen Menschen auf der
Welt leben vom Anbau von Kakaobohnen, von der Ka-
kaoproduktion. In diesem Bereich herrschen Kinderar-
beit und Hungerlöhne von 13 Cent pro Stunde. Die Kin-
der müssen arbeiten, damit das gemeinsam erarbeitete
Geld zum Überleben der Familie reicht. Es reicht dann
nicht mehr für den Schulbesuch. Uns würde die Schoko-
lade doch auch schmecken, wenn diesen Kindern und
Familien in den Herkunftsländern faire Löhne gezahlt
würden und die Schokolade hier statt 39 Cent 41 Cent
kosten würde.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Familien in Westafrika könnten dann ihre Kinder zur
Schule schicken, sie impfen lassen und ihnen eine Zu-
kunft bieten.

Ich könnte jetzt mit weiteren Produktgruppen weiter-
machen, beispielsweise mit Ihren Handys, die für einen
Lohn von 150 bis 200 Euro im Monat produziert wer-
den, damit wir diese Produkte besonders günstig, billig
erwerben können. Ich möchte an dieser Stelle CDU/CSU
und SPD für diesen grundlegend wichtigen Antrag und
diese Debatte danken, aber auch den anderen Fraktionen.
Ich habe die Anträge gelesen und werde auch die neun
Punkte der Grünen sowie die Vorschläge der Linken prü-
fen und bewerten. Diese Themen müssen in Deutsch-
land, in Europa, bei der G 7, der WTO und bei den Ver-
braucherinnen und Verbrauchern auf die Tagesordnung.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Guten Morgen!)


– Ja, Frau Künast, Sie als ehemalige Verbraucherminis-
terin sind auch da.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja!)


„Geiz ist geil“ ist nicht sexy, sondern naiv und ohne Ver-
antwortung.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: War das jetzt ein Zitat?)


Wir brauchen weltweit menschenwürdige Arbeit; denn
weit weg ist sehr nah, nämlich im nächsten Einkaufs-
markt. Wir sehen die Chancen der Globalisierung – das
sage ich an unsere Wirtschaftspolitiker gerichtet –, wir
sehen natürlich, dass Deutschland und Europa davon
profitieren, aber wir sehen auch die Risiken. Wir sagen:
Wir brauchen faire Rahmenbedingungen für einen glo-
balen Markt. Dazu brauchen wir weltweit verbindliche
ökologische und soziale Mindeststandards in den Pro-
duktionsketten.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Verantwortung zeigen wir erst, wenn auch die Nähe-
rin in Bangladesch, der Kakaobauer und seine Familie in
Westafrika oder die Baumwollproduzenten in Indien ei-
nen Lohn bekommen, von dem sie leben können und
ihre Kinder zur Schule schicken können. Unsere Politik
setzt auf Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in den globa-
len Wertschöpfungsketten. Deshalb setzen wir in der
Entwicklungszusammenarbeit bereits jetzt diese Vorga-
ben in unseren Projekten um, zum Beispiel bei der För-
derung von Sozial- und Umweltstandards in Zulieferer-
firmen in Asien. Das fängt bei der Ausbildung von
Arbeitsinspektoren für Textilfabriken in Bangladesch an
und reicht bis zum effizienten Wassereinsatz in der
Baumwollproduktion in Afrika.

Ganz besonders interessant ist – schauen Sie sich das
einmal im Internet oder direkt vor Ort an – unser Projekt
„Cotton made in Africa“. Dieses Projekt zeigt, dass um-
weltgerecht und nachhaltig produziert werden kann und
faire Löhne gezahlt werden können, die den Familien
eine Lebensperspektive bieten, ohne dass die Verbrau-
cher, also Sie, die diese Kleidung „Cotton made in Af-
rica“ kaufen, bei diesen Produkten einen merklichen
Preisaufschlag zahlen müssen.


(Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber „Cotton made in Africa“ hat nichts mit Preisen zu tun!)


400 000 Kleinbauern partizipieren an diesem Projekt,
vom Baumwollfeld bis zum Bügel. Ich möchte mich an
dieser Stelle bedanken. Ich nenne gerne Dr. Otto und die
Aid by Trade Foundation, die dieses Projekt nun seit
Jahrzehnten umsetzen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


In unserem Ministerium beraten wir Regierungen
beim Aufbau von Krankenversicherungssystemen. Das
19. Jahrhundert ging in eine Revolution über, und die
Ansätze der Bismarck’schen Sozialreformen entstan-
den, als klar war: So kann Leben und Produzieren in
Deutschland, in Europa nicht erfolgen. Genau da setzen
wir an: Wir helfen bei der Einführung von Arbeits- und
Brandschutzstandards. Wir klären Arbeiterinnen und Ar-
beiter über ihre Rechte auf. Wir sehen die Vereinigungs-
freiheit als wichtiges Ziel. Ich habe vorgestern mit dem
DGB über dieses Thema diskutiert. Die Gewerkschaften
sind hier für uns ein wichtiger Partner.

Ebenso arbeiten wir natürlich erfolgreich mit der Zi-
vilgesellschaft und den Unternehmen zusammen. Ich
möchte ein konkretes Beispiel nennen: das von mir an-
gestrebte Textilbündnis. Es ist wahr: Noch nie haben so
viele Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Zivilgesell-
schaft und Gewerkschaften an gemeinsamen Standards
für soziale und ökologische Nachhaltigkeit in der Tex-
tilbranche gearbeitet. Zum ersten Mal haben wir jetzt
eine Übereinkunft, auf umfassende Ansätze für die Ein-
führung existenzsichernder Löhne hinzuarbeiten. Das ist





Bundesminister Dr. Gerd Müller


(A) (C)



(D)(B)

ein großer Schritt. Dieser ist dem Engagement von Wirt-
schaftsvertretern, Zivilgesellschaft und Gewerkschaften
zu verdanken.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Nächsten Donnerstag wollen wir das Textilbündnis
offiziell gründen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen,
noch einmal alle Beteiligten, die noch hin und her
schwanken, die noch darüber nachdenken, was es kostet,
die Rechtsabteilungen, die sich damit beschäftigen und
den Chefs Vorlagen machen, ob mitgemacht werden soll
oder nicht, zu einem gemeinsamen Kraftakt aufzurufen,
jetzt dieses Bündnis zum Erfolg zu führen, voranzuge-
hen und in Deutschland neue Standards zu setzen.
„Nicht abwarten, mitmachen!“ – so lautet jetzt die De-
vise.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Die Internationale Arbeitsorganisation ILO ist für uns
ein wichtiger Partner. Vor kurzem habe ich mit General-
direktor Ryder ein Kooperationsabkommen geschlossen.
Gemeinsam wollen wir in globalen Lieferketten Sozial-
standards durchsetzen. Dazu gehören natürlich auch Ver-
einigungs- und Gewerkschaftsfreiheit sowie existenz-
sichernde Löhne. Wir brauchen aber auch international
einen Schub. Deutschland allein genügt nicht. Wir kön-
nen vorangehen, aber die Märkte sind offen. Alle 28 EU-
Staaten haben die acht ILO-Kernarbeitsnormen ratifi-
ziert. Ich appelliere an alle Mitgliedstaaten der ILO, dies
ebenfalls zu tun. Ganz besonders die USA müssen sich
dazu verpflichten.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Wie kommen wir weiter? Es stellt sich ja die Frage
– die Gedanken können viele nachvollziehen, theore-
tisch auch unterstützen –, wie wir konkret werden kön-
nen. Deshalb sage ich: Die Standards der ILO und inter-
national verpflichtende Umweltstandards, die von den
Staaten ratifiziert werden, müssen im Rahmen der WTO
Grundlage für den weltweiten Handel sein. Wir setzen
nicht auf Freihandel, sondern auf fairen Handel. Der Ar-
tikel von Sascha Raabe hat mir gut gefallen. Ich habe ihn
gelesen. Freihandel ist nicht unser Leitmotto, Fairhandel
muss es sein, heißt es darin.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Auch bei den Freihandelsabkommen mit den USA
und Kanada ist dies das Ziel. TTIP und CETA haben
globale Auswirkungen und Vorbildcharakter. Diese Ab-
kommen müssen öffentlich und transparent verhandelt
werden.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Und wir müssen die Auswirkungen der Abkommen auf
Entwicklungs- und Schwellenländer berücksichtigen. Es
wird und darf keine Abkommen zulasten der Entwick-
lungsländer geben.

Frau Präsidentin, ich komme zum Schluss. Handels-
abkommen über den Nordatlantik müssen auf die Ent-
wicklungschancen und die Märkte in Afrika, Asien und
Lateinamerika abgestimmt sein und Rücksicht nehmen.
Daher müssen wir natürlich faire Bedingungen bei den
Wirtschaftspartnerschaftsabkommen der EU mit den
AKP-Staaten, die sogenannten EPAs, vereinbaren.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, diese Debatte, diese
Anträge, diese Befassung schaffen Mut. Wir, Sie über-
nehmen Verantwortung für gute Arbeit, existenzsi-
chernde Löhne, nachhaltige Produktion und fairen Han-
del.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805707800

Vielen Dank. – Für die Fraktion Die Linke hat jetzt

Niema Movassat das Wort.


(Beifall bei der LINKEN)



Niema Movassat (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805707900

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! „Gute

Arbeit weltweit – Verantwortung für Produktion und
Handel global gerecht werden“, so heißt der vorliegende
Antrag der Regierungskoalition. Finde ich gut! Das soll-
ten Sie aber auch für Arbeit in Deutschland ernst neh-
men.


(Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der CDU/CSU: Machen wir doch!)


Union und SPD stehen hierzulande für schlechte Ar-
beit, Minijobs, Zeitarbeit, die Aufweichung des Kündi-
gungsschutzes und sinkende Reallöhne, um nur einige
Stichworte zu nennen. Sie sollten gute Arbeit auch in
Deutschland ermöglichen, bevor Sie sich als Vorreiter
der globalen Arbeitnehmerrechte aufspielen.


(Beifall bei der LINKEN)


Auf internationaler Ebene ist das bekannteste Beispiel
für die miserablen Arbeitsbedingungen die Textilbran-
che. Der Textilwarenmarkt ist der zweitgrößte Konsum-
gütermarkt Deutschlands. 2013 lag der Umsatz bei
60 Milliarden Euro.

Die Menschen in Bangladesch, Indien oder Pakistan,
die all diese Klamotten produzieren, arbeiten häufig
unter folgenden Bedingungen: Die Löhne liegen bei um
die 30 bis 50 Euro im Monat. Ein Arbeitstag kann bis zu
16 Stunden haben. Es gibt nur einen freien Tag die
Woche, Urlaub ist nicht vorgesehen. Es gibt keine Ar-
beitsverträge, keine Krankenversicherung. Wer sich ge-
werkschaftlich organisiert, fliegt raus. Arbeiter werden
in Fabriken eingeschlossen, in denen es keine Notaus-
gänge gibt und die Fenster vergittert sind. Die Gebäude
sind einsturzgefährdet. Die überall lagernden Stoffballen
und Stoffreste in der Luft führen häufig zu Bränden. –
All das erinnert mich an Sklaverei. Solche Arbeitsbedin-
gungen können wir nicht akzeptieren. Wir müssen alles
tun, sie zu ändern.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Arbeit unter solchen Bedingungen kann manchmal
sogar tödlich sein. Beim Einsturz der Textilfabrik Rana





Niema Movassat


(A) (C)



(D)(B)

Plaza in Bangladesch starben letztes Jahr 1 127 Men-
schen. Wir als Mitglieder des Entwicklungsausschusses
waren in Bangladesch. Wir haben mit den Überlebenden
und den Angehörigen der Toten gesprochen. Sie berich-
teten uns, dass bis heute nicht alle Konzerne in den Ent-
schädigungstopf für die Opfer eingezahlt haben.


(Heike Hänsel [DIE LINKE]: Das ist eine Schande!)


Beim Brand der Firma Ali Enterprises in Pakistan vor
zwei Jahren starben 289 Menschen. Diese Firma hat
zeitweise bis zu 75 Prozent ihrer Produktion im Auftrag
des deutschen Textildiscounters Kik gefertigt. Bis heute
speist Kik die Opfer der Katastrophe mit Almosen ab
und verweigert eine langfristige Entschädigung.

Die größten Profiteure der menschenunwürdigen Ar-
beitsbedingungen vor Ort sind die Textilkonzerne. Diese
drücken sich nach Unfällen regelmäßig vor der Verant-
wortung und lassen die Opfer im Stich. Das ist wirklich
erbärmlich; das muss man so sagen.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Wenn sich ein Privatunternehmen entscheiden muss, ob
es den eigenen Profit maximiert oder ob es die Men-
schenrechte der Arbeiter gewährleistet, wird es sich in
99 Prozent der Fälle – das zeigt die Praxis seit Jahren –
für den Profit entscheiden. Das Prinzip heißt Kapitalis-
mus.

Weil das so ist, lassen sich soziale Standards auf frei-
williger Basis nicht regeln. In Deutschland ist das für
uns selbstverständlich. Hier bei uns haben wir Arbeits-
rechte, Arbeitsschutz und Umweltauflagen – natürlich
gesetzlich geregelt. Wenn es aber um die Geschäftstätig-
keit deutscher Konzerne im Ausland geht, verlässt sich
die Bundesregierung auf die Versprechen der Unterneh-
men. Dabei wird völlig ignoriert, dass seit 15 Jahren und
mehr die Privatwirtschaft immer wieder Absichtserklä-
rungen abgegeben hat, aber sich im Wesentlichen nichts
geändert hat. Ich fordere deshalb die Bundesregierung
auf: Geben Sie nicht länger den Interessen der Wirt-
schaftslobby Vorrang vor den Rechten Millionen arbei-
tender Menschen weltweit.


(Beifall bei der LINKEN)


Wir müssen die Farce der freiwilligen Selbst-
verpflichtungen beenden. Wir brauchen handfeste Ge-
setze. Wenn eine deutsche Firma in Pakistan unter skla-
venartigen Bedingungen produzieren lässt, muss sie
dafür vor einem deutschen Gericht zur Verantwortung
gezogen werden können.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wer den Profit einstreicht, muss auch für die Produk-
tionsbedingungen haften.

In Frankreich berät derzeit das Parlament einen
Gesetzentwurf über Sorgfaltspflichten französischer
Firmen bei Geschäftstätigkeiten im Ausland. In diesem
Sinne finde ich es gut, dass die Koalition in ihrem
Antrag zumindest die Prüfung eines Unternehmensstraf-
rechts ankündigt. In vielen europäischen Ländern gibt es
das schon.

Dass wir eine strafrechtlich wie zivilrechtlich ver-
bindliche Unternehmenshaftung brauchen, hat sich jetzt
gerade wieder deutlich gezeigt: Sie, Herr Müller, wollten
gemeinsam mit der Textilbranche ein Textilsiegel auf
den Weg bringen. Dieses Siegel sollte faire Produktions-
bedingungen garantieren, aber jetzt mussten Sie Ihr
Scheitern einräumen. Die Bekleidungsindustrie hat Sie
voll auflaufen lassen.


(Jürgen Klimke [CDU/CSU]: Ach was!)


Anfang des Jahres haben Sie gesagt, dass es im Falle
eines Scheiterns gesetzliche Regelungen geben solle. Sie
sagten – ich zitiere –:

Wir wollen uns mit der deutschen Textilbranche auf
den Weg machen. Dann können wir in einigen Jah-
ren etwas erreichen.


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805708000

Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage der

Kollegin Pfeiffer?


Niema Movassat (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805708100

Ja, gerne.


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805708200

Bitte schön.


Sibylle Pfeiffer (CDU):
Rede ID: ID1805708300

Lieber Herr Kollege Movassat, möchten Sie bitte zur

Kenntnis nehmen, dass es nicht heißt „wir wollten“, son-
dern „wir wollen“ die Einführung eines Textilsiegels,
und dass nächste Woche die Unterschrift erfolgen soll?
Insofern werden wir das erst einmal abwarten. Ich bin
sicher, dass das Vorhaben nicht scheitert, sondern dass
dieses Siegel eingeführt wird.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Er hat doch gesagt, dass ein Siegel kommt!)



Niema Movassat (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805708400

Sehr geehrte Kollegin Pfeiffer, der Presse war zu ent-

nehmen, dass das Textilsiegel so in nächster Zeit nicht
kommen wird. Der Minister hat gesagt: Wir wollen uns
auf den Weg machen, damit die Einführung in einigen
Jahren umgesetzt wird. – Darum geht es: Hinsichtlich
der Umsetzung werden wir auf die weitere Zukunft ver-
tröstet. Das ist das, was ich hier kritisiere.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Das Problem ist: Wenn man sich mit der Textilindus-
trie auf den Weg machen möchte, dann wird man sich im
Kreis drehen. Die Näherinnen in Bangladesch und Co.
lässt man damit im Stich. Wenn man also gute Arbeit
durchsetzen will, egal ob in Deutschland oder weltweit,
dann wird das nur gegen die Interessen der Privatwirt-





Niema Movassat


(A) (C)



(D)(B)

schaft möglich sein. Das ist der einzige Weg, der zum
Ziel führt.

Danke für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805708500

Vielen Dank. – Nächster Redner ist Stefan Rebmann,

SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Stefan Rebmann (SPD):
Rede ID: ID1805708600

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Mein Kollege Movassat, aber auch Herr Minister Müller
haben es schon angesprochen: Was verstehen wir unter
guter Arbeit?

Jeder von uns im Plenum, die Menschen, die ihrer Be-
schäftigung nachgehen, junge Menschen, die sich einen
Ausbildungsplatz suchen oder in der Ausbildung sind:
Jeder von uns wünscht sich gute Arbeit, unter fairen Be-
dingungen, gut entlohnt. Wir wollen eine Krankenversi-
cherung. Wir wollen eine Arbeitslosenversicherung. Wir
haben eine Rentenversicherung. Wir haben Regeln für
die Gewerbeaufsicht. Wir haben Brandschutz, der bei
uns so gut funktioniert, dass der eine oder andere Flug-
hafen nicht in Betrieb genommen werden kann.

All das ist bei uns für viele Menschen quasi eine
Selbstverständlichkeit. Das ist aber keine Selbst-
verständlichkeit. Das haben Gewerkschaften und die
Arbeitnehmerbewegung sich über Jahrzehnte hinweg er-
kämpft und auch immer wieder verteidigt.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Wir müssen aber sehen – auch das ist in dieser De-
batte schon angesprochen worden –, dass das nicht über-
all so ist. Es wird deutlich, dass wir uns jetzt auf den
Weg machen müssen – das gehen wir mit dem Antrag
an –, gute Arbeit auch weltweit umzusetzen und uns da-
für einzusetzen, dass Arbeitnehmerrechte, betriebliche
Rechte, Arbeitssicherheit, Gesundheit und eine soziale
Mindestabsicherung auch weltweit umgesetzt werden.

Ich war über 25 Jahre hauptamtlicher Gewerkschafts-
sekretär und weiß: Es gibt viele deutsche Unternehmen,
die dieser Verantwortung gerecht werden. Sie werden ihr
auch in ihren internationalen Beziehungen gerecht. Sie
bilden in Entwicklungsländern aus und setzen Standards.
Aber auch das ist in dieser Debatte schon klar geworden:
Es sind leider Gottes nicht alle Unternehmen. Der
Kollege Movassat hat das Beispiel Rana Plaza angespro-
chen. Wir müssen sehen: Es gibt Unternehmen, auch
deutsche Unternehmen, die sich einen Kehricht darum
scheren, wie die Arbeitsbedingungen sind, wie die
Menschen entlohnt sind und unter welchen Rahmen-
bedingungen die Menschen dort arbeiten müssen.
Wir waren in Bangladesch. Man muss die Zahlen im-
mer wieder wiederholen: 1 127 Menschen kamen in
Rana Plaza ums Leben. Ich sage dazu: Totschlag mit An-
sage. Dort liegen heute noch Leichen. Es gibt immer
noch Unternehmen, auch deutsche Unternehmen, die
sich weigern, in den Ausgleichsfonds einzuzahlen. Ich
finde, an der Stelle ist das Thema Freiwilligkeit beendet.


(Beifall bei der SPD und der LINKEN – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das steht doch nicht in Ihrem Antrag!)


Da muss die Regierung handeln, und auf diesen Weg be-
geben wir uns, Kolleginnen und Kollegen.

Um auch das noch einmal zu sagen: Beim 5-Euro-
T-Shirt machen die Lohnkosten 1 Prozent aus. Man sieht
aber auch Anzüge, die schon in Bangladesch mit Preisen
von 199 oder 299 Euro ausgezeichnet sind. Wer glaubt,
die Näherin oder der Näher würde dafür einen Cent mehr
bekommen: weit gefehlt! Auch dort gilt der Mindest-
lohn, der jetzt gerade auf 53 Euro im Monat erhöht wor-
den ist. Die Menschen müssen damit über die Runden
kommen. Die Lebenshaltungskosten liegen aber bei
200 Euro im Monat.

Mir ist wichtig, im Plenum noch einmal deutlich zu
machen: Es ist in erster Linie Aufgabe der Entwick-
lungsländer – der Regierungen, Parlamente und Arbeit-
geber vor Ort –, für ordentliche Arbeitsbedingungen zu
sorgen. Das darf aber nicht dazu führen, dass sich
deutsche und europäische Unternehmen aus der Verant-
wortung stehlen und sagen: Wir machen das alles nur
freiwillig.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wir begeben uns mit unserem Antrag auf den richti-
gen Weg. Das ist der erste Antrag, der in diese Richtung
geht. Wir haben aber noch eine lange Wegstrecke vor
uns, bis wir von guter Arbeit weltweit reden können. Es
gibt sicherlich immer wieder Spezialisten, die es mit
Tricks schaffen, sich nicht an Recht und Gesetz zu hal-
ten, die Standards für Arbeitsbedingungen zu unterlau-
fen und den Mindestlohn nicht zu zahlen. Solche Men-
schen sagen sehr oft, sie seien die echten Profis im
Business. Ich sage dazu: Die Titanic ist von Profis ge-
baut worden, die Arche Noah von Laien. Welches Schiff
untergegangen ist, wissen wir. Denjenigen, die meinen,
dass sie sich auf dem Rücken anderer Menschen profilie-
ren können, müssen wir klare Kante zeigen. Wir haben
in unserem Antrag 18 Punkte diesbezüglich festgeschrie-
ben. Lassen Sie uns darüber diskutieren. Gehen wir vo-
ran, und schaffen wir eine Welt, in der es überall gute
Arbeit gibt!

Allerletzter Satz, Frau Präsidentin. Wir können von
den Entwicklungsländern nicht erwarten, demokra-
tiefreundlich zu sein, sich zu engagieren und einzu-
bringen sowie soziale Sicherungssysteme aufzubauen,
wenn wir ihnen nicht gleichzeitig die Chance geben, das
alles auch umzusetzen. Ein indisches Sprichwort lautet:
„Du kannst nicht die eine Hälfte des Huhns kochen und
die andere zum Eierlegen auffordern.“ In diesem Sinne
lasst uns an die Arbeit gehen für gute Arbeit weltweit.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)







(A)



(D)(B)


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805708700

Vielen Dank. – Das war zwar ein langer letzter Satz.

Aber darüber wollen wir heute einmal hinwegsehen.

Nächster Redner für die Fraktion Bündnis 90/Die
Grünen ist Uwe Kekeritz, dem ich von dieser Stelle aus
ganz herzlich zu seinem heutigen Geburtstag gratulieren
möchte, genauso wie der Kollegin Dr. Freudenstein, die
hier zu meiner rechten Seite sitzt. Herzlichen Glück-
wunsch Ihnen beiden!


(Beifall)


Bitte, Herr Kekeritz.


Uwe Kekeritz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805708800

Danke schön. – Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen

und Kollegen! Herr Kollege Rebmann, wir haben den
Antrag der Großen Koalition gelesen. Sie schaffen es, in
Ihrem ganzen Antrag nicht einmal das Wort „Verbind-
lichkeit“ zu erwähnen. Die Forderung nach guter Arbeit
weltweit ist richtig und wichtig. Selbst bei uns wird das
Thema immer bedeutender. Wenn wir die Situation hier
vor Ort mit der in den Entwicklungsländern vergleichen,
dann wird uns bewusst, dass die Forderung nach guter
Arbeit in den Entwicklungsländern noch sehr viel zen-
traler ist. Dabei möchte ich die Situation hier in Deutsch-
land nicht beschönigen. Wir sollten uns aber darüber im
Klaren sein, dass unser Wohlstand zum großen Teil auf
der Armut der Menschen in den Entwicklungsländern
basiert. Deswegen ist es aus moralischen und ethischen
Gründen notwendig, dass wir hier aktiv werden, um die
Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen dort zu
verbessern.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Sicherlich stimmen wir alle darin überein, dass die
Nationalstaaten im Sinne der Eigenverantwortung selbst
die Pflicht haben, ökologische und soziale Sicherheits-
standards in den Ländern zu etablieren. Allerdings wis-
sen wir auch, dass sie momentan überhaupt nicht dazu in
der Lage sind und dass eine entsprechende Erwartung
völlig unrealistisch ist. Deswegen stellt sich die Frage,
was wir hier tun können. Es gibt viele Hebel. Ein ganz
wesentlicher Hebel ist die Unternehmensverantwortung.
Da verwirren mich die Kollegen von der CDU und CSU
schon sehr. Sie scheinen es als ihre Aufgabe anzusehen,
die Politik des Ministers nach Kräften zu unterlaufen.
Herr Minister Müller, Sie haben hier sehr rührselige
Reden gehalten; diese kennen wir seit einem Jahr. Nun
möchten wir allerdings Butter bei die Fische haben. Wir
möchten wissen, wie Sie die Prozesse lenken werden
und wie es auf europäischer Ebene weitergeht.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Gerade auf europäischer Ebene sehen wir, dass die Bun-
desrepublik Deutschland die große Bremserin ist. Es gibt
eine riesige Diskrepanz zwischen Ihren Reden hier und
der Situation auf europäischer Ebene. Wir brauchen ver-
bindliche Standards. Diese fordern auch Sie immer wie-
der, Herr Minister.
Da habe ich einen Satz gefunden, den ich an Radikali-
tät kaum überbieten kann:

Die Politik ist gefordert, verbindliche Regeln und
Standards zu setzen und Unternehmen für alle ihre
Produktionsstandorte und entlang vollständiger
Wertschöpfungsketten zur Verantwortung zu zie-
hen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Heike Hänsel [DIE LINKE] – Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Super!)


Das ist toll, Herr Minister! Ist das aber nur eine Wort-
hülse? Wo sind Ihre Aktionen tatsächlich? SPD und
CDU/CSU legen hier einen Antrag vor, der nur so mit
windelweichen Forderungen gespickt ist. Sie fordern
zum Beispiel von der Regierung, „sich weiter für die
Einhaltung und nationale Umsetzung der international
vereinbarten ILO-Konventionen … einzusetzen“.


(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist schon mal was Neues! – Zuruf von der CDU/CSU: Das ist doch richtig!)


– Ja, das ist prima. Aber trauen Sie denn Ihrer Regierung
nicht? Das ist doch, bitte schön, eine Selbstverständlich-
keit. Es kann doch nicht sein, dass Sie das in einen An-
trag schreiben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Stefan Rebmann [SPD]: Wenn wir es nicht in den Antrag reingeschrieben hätten, würden Sie monieren, dass es nicht drinsteht!)


Ich nenne noch eine andere Forderung, nämlich die, sich
auf europäischer Ebene dafür einzusetzen, dass in Han-
delsabkommen verbindliche Sozial- und Umweltstan-
dards aufgenommen und die Schutzstandards nicht abge-
schwächt werden. Ja, trauen Sie dieser Regierung nicht,
Herr Rebmann? Das kann doch nur der Grund sein, wa-
rum so eine Forderung da drinsteht. Ich halte das für
selbstverständlich. Man muss hier doch nicht so einen
fürchterlich windelweichen Antrag einreichen. Damit
kommen wir nicht weiter.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wenn ich von der CDU/CSU-Fraktion – aus diesem
Kreis kommt das – höre, dass Sie die Unternehmensver-
antwortung sehr hoch schätzen, bin ich auf Ihrer Seite.
Aber wenn dann – da kommt der Geist zum Vorschein,
der die Diskussion hier lenkt – noch der Zusatz „Unter-
nehmensverantwortung ist immer freiwillig und kann
nicht reglementiert werden“ kommt, muss ich Ihnen
dazu sagen: Da liegen Sie falsch. Sie verschätzen sich da
in Bezug auf die Bedeutung dieser Regelungen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Vor allen Dingen zeigt das doch, dass Sie nichts aus der
Sozialgeschichte gelernt haben. Es ist schon traurig, dass
ich so etwas auch den Sozialdemokraten sagen muss.
Das kann ja nicht sein!

(C)






Uwe Kekeritz


(A) (C)



(D)(B)

Natürlich sind alle unsere Verhältnisse hier – die so-
zialen, ökologischen, arbeitsrechtlichen und menschen-
rechtlichen – geregelt. Ich sage Ihnen: Menschenrechte
sind nicht teilbar. Wenn sie hier gelten, dann müssen sie
auch dort gelten.


(Zuruf von der CDU/CSU)


– Lesen Sie Ihren Antrag durch. – Sie können nicht der
Freiwilligkeit unterworfen werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich empfehle Ihnen, sich auch einmal kritische Unter-
nehmer anzuhören. Die fordern nämlich schon längst,
dass verbindliche Standards eingeführt werden. Das hat
einen einfachen Grund: Die Unternehmen, die sich an
Standards orientieren, werden durch Unternehmen, die
sich nicht daran orientieren, übervorteilt. Auf Englisch
heißt das „level playing field“. Das müssen wir schaffen:
einen Wettbewerb zu gleichen Bedingungen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des Abg. Stefan Rebmann [SPD])


Ich komme zum Schluss, Frau Präsidentin. – Ihre
Scheuklappenpolitik kommt daher nicht den Menschen
in den Produktionsländern und auch nicht den deutschen
Unternehmern zugute.

Danke schön.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805708900

Vielen Dank. Das war jetzt – als kleines Geschenk –

die Minute für den Geburtstag. – Das Wort hat nun der
Kollege Jürgen Klimke, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Jürgen Klimke (CDU):
Rede ID: ID1805709000

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Meine Damen und Herren! Zunächst einmal Ihnen, Herr
Minister, herzlichen Dank für die offenen Worte.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was?)


Herzlichen Dank für die ungeschminkte Darstellung der
sozialen Ausbeutung in den Entwicklungsländern.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das war viel zu kurz! Das kannten wir schon alles!)


Herzlichen Dank für die verantwortungsvollen Lösungs-
vorschläge. Und auch herzlichen Dank für den sanften
Druck auf die Industrie im Interesse der Menschen in
den Entwicklungsländern.


(Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: „Sanfter Druck“!)


Da sind wir auf einem wirklich guten Weg.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Lassen Sie mich die Problematik anhand eines Zitats
weiter ausführen:

Demokratien müssen die Globalisierung gestalten
und nicht nur auf sie reagieren. Gestalten heißt bei-
spielsweise auch, dafür zu sorgen, dass rechtsstaat-
liche, soziale und Umweltstandards gefördert wer-
den.

Meine Damen und Herren, diese Worte von Bundesprä-
sident Gauck möchte ich zum Motto meines Beitrags
hier und heute machen. „Globalisierung gestalten“ be-
deutet, weltweit nachhaltig zu handeln, sich der Folgen
bewusst zu sein, die unser Handeln für andere hat, und
vor allen Dingen negative Folgen einzudämmen.

Noch vor wenigen Jahren hätte man die Gestaltung
der Globalisierung als eine ausschließliche Aufgabe der
Politik – vor allen Dingen der hochentwickelten Staaten –
angesehen. Viele sehen das heute noch so. Was passiert
aber, wenn staatliche Institutionen ihrer Aufgabe der
Normensetzung nicht nachkommen oder nicht nachkom-
men wollen? Auf diese Frage hätte man früher wahr-
scheinlich mit Schulterzucken geantwortet.

Heute sehen wir die Gestaltung der Globalisierung
zunehmend als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe,
als Aufgabe der Politik, der internationalen Organisatio-
nen, der engagierten Nichtregierungsorganisationen, der
Zivilgesellschaft und eben auch der Wirtschaft und der
Verbraucher. Diese Entwicklung der Übernahme von
Verantwortung für unser Handeln ist ein gesellschaftli-
cher Megatrend, der zugleich auch ein Pfeiler christde-
mokratischer Politik ist. Wir wollen die Schöpfung be-
wahren und wollen den Menschen auch in ihren
Heimatländern ein lebenswertes Leben ermöglichen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Genau in diese Richtung zielt unser Antrag „Gute Ar-
beit weltweit – Verantwortung für Produktion und Han-
del global gerecht werden“. Schwerpunkte sind dabei die
sozialen Bedingungen bei Produktion und Handel, auch
und gerade in den Entwicklungsländern. Für Verbesse-
rungen nehmen wir nicht nur Staaten und Politik, son-
dern eben auch die Unternehmen in Verantwortung.
Diese Unternehmensverantwortung – CSR heißt das in-
ternational – ist ein Schlüsselfaktor bei der Gestaltung
der Globalisierung, weil wir damit die Lebensbedingun-
gen vieler Menschen in den Entwicklungsländern ver-
bessern können. Das bedeutet natürlich auch, dass die
Menschen in ihren Heimatländern bleiben,


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ach, das ist Ihr Interesse!)


weil sie dort gern zur Arbeit gehen und von ihrem Lohn
künftig vernünftig leben können. Nachhaltige Globali-
sierung wirkt der Migration entgegen. Das ist auch ein
Aspekt, den wir gerade in diesen Zeiten der Flüchtlings-
ströme nicht vergessen dürfen. Deshalb bin ich kein
Gegner der Globalisierung; denn sie ist nicht nur ökono-
misch sinnvoll, sondern sie bietet durchaus auch Chan-
cen für die Entwicklungsländer. Das gilt im Übrigen
auch und gerade für die Textilindustrie.





Jürgen Klimke


(A) (C)



(D)(B)

„Globalisierung gestalten“ bedeutet aber auch, dass
deutsche Unternehmen nicht Profiteure eines Manches-
ter-Kapitalismus übelster Sorte sein dürfen, bei dem Ar-
beiter eingesperrt werden, ihnen Pausen und Arbeits-
schutz verwehrt werden, sie in Schuldknechtschaft
geraten und örtliche Mindestlöhne auch noch unterlau-
fen werden. Aber auch wenn noch so manches im Argen
liegt, ist es heute schon so, dass viele Unternehmen aus
Deutschland – auch das müssen wir feststellen – und Eu-
ropa gute CSR-Strategien haben. Sie stellen sicher, dass
Mindeststandards nicht nur im ökologischen, sondern
mehr und mehr auch im sozialen Bereich eingehalten
werden. Das ist im Übrigen auch in der Textilbranche so.
Bisher sind solche CSR-Strategien unverbindlich. Wir
wollen die Verbindlichkeit dieser CSR-Strategien inter-
national und national stärken und ihre Wirksamkeit er-
höhen. In diese Richtung zielt unser Antrag mit der Viel-
zahl der Forderungen.

Es ist eine Tatsache, dass wir ohne den informierten
und kritischen Verbraucher Globalisierung nicht gestal-
ten können. Der Verbraucher hat Siegel wie Fairtrade
oder das Biosiegel verstanden und akzeptiert. Im Be-
reich der sozialen Mindeststandards entlang der gesam-
ten Produktions- und Lieferkette gibt es bisher noch kein
bekanntes und nachvollziehbares Siegel, das dem Ver-
braucher eine sozialverträgliche Produktion einigerma-
ßen verlässlich signalisiert. Das wollen wir ändern.

Wir haben mit dem „Textil-Bündnis“ ein Modell, das
wir im Übrigen auch auf andere Branchen übertragen
können. Ich denke an die Landwirtschaft, ich denke an
die Elektronikindustrie, an die Tabakproduktion zum
Beispiel oder auch an die Gewinnung von Rohstoffen.
Wichtig ist dabei, dass die gesamte Produktions- und
Lieferkette Beachtung findet.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber auch in Deutschland!)


Bei der Textilproduktion geht es bei der Baumwoll-
ernte los. Die Knopfherstellung oder die Herstellung von
Reißverschlüssen gehören genauso dazu wie auch die
Verwertung gebrauchter Kleidung. Wichtig sind auch die
Transportwege. In vielen Bereichen sind die Sozialstan-
dards bereits heute gut. So habe ich vom Verband Deut-
scher Reeder erfahren, dass es international verbindliche
Richtlinien gibt, Sozialstandards für Seeleute, sodass der
Seetransport der Kleidung von den Produktionsstandor-
ten zu uns immerhin schon sozial nachhaltig ist.

Die Unternehmen können heute einen Beitrag für die
Verbesserung der Sozialstandards leisten. Auch wir tre-
ten dafür ein. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir die Re-
gierungen vor Ort aus ihrer Verantwortung entlassen
dürfen. Ich durfte mir die Situation in Bangladesch anse-
hen: Korruption, laxe Bauvorschriften, Behinderung von
Gewerkschaftsbildung. Das sind klar Fehler staatlichen
Handelns. Wir müssen die Zahlung unserer Entwick-
lungsgelder noch stärker an Fortschritte in diesen Berei-
chen koppeln. Die Konditionierung in diesem Zusam-
menhang, die wir vor wenigen Jahren eingeführt haben,
ist dabei, genau wie das Menschenrechtskonzept des
BMZ, ein ganz wichtiger Punkt.
Meine Damen und Herren, natürlich dürfen wir nicht
nur Verbesserungen einfordern, sondern wir müssen
auch durch Maßnahmen der Entwicklungszusammenar-
beit daran mitwirken. Deswegen begrüße ich außeror-
dentlich, Herr Minister, dass wir zum Beispiel in Bang-
ladesch 10 Millionen Euro für die Etablierung der
Sozial- und Umweltstandards in der Industrie einbrin-
gen, dass wir damit die Situation verbessern: Berater
werden ausgebildet, Kurse für Manager werden durch-
geführt, und es wird einmal deutlich gesagt, was Ge-
werkschaften eigentlich sind und welche Aufgaben sie
haben können. Das Handlungsfeld der Entwicklungszu-
sammenarbeit, dem wir künftig auch in anderen Regio-
nen große Aufmerksamkeit schenken, wird hier weiter
ausgedehnt.

Die Formulierung „Gute Arbeit weltweit“ im Titel
unseres Antrags hört sich zunächst vielleicht ein biss-
chen hochtrabend an, so nach dem Motto: Na ja, wir
wollen mal kurz die Welt retten. – Aber jeder Mensch in
den Entwicklungs- und Schwellenländern, dessen Ar-
beitssicherheit steigt, dessen Absicherung sich verbes-
sert, dessen Lohn auskömmlicher wird, ist unserer An-
strengung wert. Somit leisten wir hier gemeinsam auch
mit unserem Antrag einen kleinen Beitrag zur sozialen
Globalisierung.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805709100

Vielen Dank. – Nächster Redner für die Fraktion Die

Linke ist Dr. Diether Dehm.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Jörg-Diether Dehm-Desoi (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805709200

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen

und Herren! Die Willkür des Freihandels mit den armen
Ländern ist auch für TTIP und CETA die Blaupause. Die
Große Koalition schreibt in ihrem Antrag:

Verantwortungsbewusste Unternehmen richten ihre
Ziele freiwillig … nach sozialen … Kriterien aus.

Ich frage die SPD-Minister: In welcher Welt leben Sie
eigentlich?


(Beifall bei der LINKEN)


Das Godesberger Programm, das mir damals als So-
zialdemokrat nicht links genug war, schreibt immerhin:

Mit ihrer durch Kartelle … gesteigerten Macht ge-
winnen die führenden Männer der Großwirtschaft
einen Einfluss auf Staat und Politik, der mit demo-
kratischen Grundsätzen nicht vereinbar ist.

Auf ebendieser Grundlage hatte die Linke in der letz-
ten Sitzungswoche den Antrag des SPD-Konvents über-
nommen, der an das Freihandelsabkommen Grundbedin-
gungen formuliert. Dann haben Sie von der SPD gegen
Ihre eigenen Bedingungen gestimmt. Mit Ihren Vorbe-
halten gegen das TTIP ist es also nicht weit her.


(Beifall bei der LINKEN)






Dr. Diether Dehm


(A) (C)



(D)(B)

Es heißt im Konventspapier der SPD – ich zitiere –:

Investitionsschutzvorschriften sollten nicht einge-
führt werden.

Ich frage Herrn Gabriel: Garantieren Sie ein Nein der
SPD zu TTIP, wenn dieser kapitalistische Investoren-
schutz doch drinstehen sollte? Und: Im CETA steht es
doch. Das CETA ist ausverhandelt. Wir warten noch auf
Ihren massiven Protest.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Dann heißt es im Beschluss des SPD-Konvents:

In keinem Fall dürfen das Recht der Mitbestim-
mung … oder andere Schutzrechte für Arbeitneh-
mer als „nicht-tarifäre Handelshemmnisse“ inter-
pretiert werden.

Einmal gesetzt, ein amerikanischer Konzern investiert
hierzulande, und per Mitbestimmung würden die Kolle-
gen vor Ort endlich die riesigen Konzernprofite nicht
ausschütten, sondern für ihr gesundheitliches Wohl oder
echte Gewinnbeteiligung ausgeben wollen. Dann garan-
tieren Sie also, Herr Gabriel, dass es erst gar nicht vor
ein Schiedsgericht kommt bzw. der US-Konzern sich
nicht gegen die Arbeitnehmer durchsetzt. Ich würde
nicht einmal garantieren, dass es diesen Arbeitnehmern
nicht so geht wie denen in Mexiko, die durch den Inves-
torenschutz massenweise aus ihren Betrieben rausgeflo-
gen sind.


(Beifall bei der LINKEN)


Zu Ihrer im Konventspapier formulierten Ablehnung
eines Regulierungsrats: Haben Sie der EU-Kommission
schon mitgeteilt, dass das mit Ihnen nicht zu machen
wäre? Mir ist das jedenfalls nicht bekannt. Die Zustim-
mung zu einem Regulierungsrat wäre ebenfalls ein ge-
brochenes SPD-Versprechen.


(Beifall bei der LINKEN)


Wir Linken halten es mit dem Godesberger Pro-
gramm – ich zitiere –: Wer nicht über gleiche Macht ver-
fügt wie ein Großunternehmen, hat nicht gleiche Entfal-
tungsmöglichkeiten, er ist mehr oder minder unfrei.

Freihandelsabkommen sind aber Unfreiheitsabkom-
men. Wer den Versprechungen der Großen Koalition
nicht traut, wird am Samstag gegen CETA, gegen die
Geheimnistuerei beim TTIP und gegen den Freihandel
mit den armen Kontinenten, für unsere Sozialstaatlich-
keit und die Würde der arbeitenden Menschen demon-
strieren. Die EU-Kommission hat die Bürgerinitiative
gegen das TTIP zwar verboten –


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805709300

Kollege Dehm, denken Sie bitte an die Zeit.


Dr. Jörg-Diether Dehm-Desoi (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805709400

– ich komme zum Ende –, aber es gibt sie. Schauen

Sie auf www.umfairteilen.de! Wer mehr Gemeinsamkeit
von Linken, Sozialdemokraten und Grünen will, der
wird sie am Samstag gegen diese Freihandelsabkommen
vieltausendfach auf der Straße finden.
Ich danke schön.


(Beifall bei der LINKEN)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805709500

Für die Fraktion der SPD hat jetzt das Wort Dr. Hans-

Joachim Schabedoth.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Frank Heinrich [Chemnitz] [CDU/CSU])



Dr. Hans-Joachim Schabedoth (SPD):
Rede ID: ID1805709600

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Das Thema „Gute Arbeit weltweit“ könnte auch ein Prä-
dikat für die Arbeit des weltweit anerkannten Außen-
ministers dieser Regierung sein. Wer nach einem Bei-
spiel für schlechte Arbeit sucht, für schlechte Arbeit im
Bundestag,


(Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Der kommt zu Schäuble!)


der hätte meinem Vorredner aufmerksam zuhören müs-
sen.


(Dr. Diether Dehm [DIE LINKE]: Aufmerksam!)


Denn die Ausführungen, die Sie, Herr Dehm, ein weite-
res Mal hier zu Gehör bringen, entspringen Ihrer Vorstel-
lung von sozialdemokratischer Politik, Ihrem Zerrbild
von sozialdemokratischer Politik.


(Dr. Diether Dehm [DIE LINKE]: Ich war da 33 Jahre drin! Ich kenne mich ein bisschen aus!)


und bitte, lassen Sie uns doch auf eine Auseinanderset-
zungsebene kommen, wo wir wirklich das miteinander
austauschen, was wir auch meinen, und nicht das, was
wir uns gegenseitig unterstellen!


(Beifall bei der SPD)


Der vorliegende Antrag und unsere Debatte beziehen
sich auf die weltweiten Arbeitsbedingungen. Schon in
unserem Land lässt sich leider nicht sagen, gute Arbeit
und damit die wichtigste Voraussetzung für ein gelingen-
des Leben sei zur Selbstverständlichkeit geworden. Bei
guter Arbeit geht es in den nationalen wie weltweiten
Bezügen zuallererst um die Würde des Menschen. Sie
wird weltweit hunderttausendfach verletzt, Tag für Tag.

Uns alle hat ja im April 2013 der Einsturz der Textil-
fabrik in Bangladesch entsetzt. Es waren nicht nur die
Opfer; es war auch das, was man darüber hinaus erken-
nen konnte: Die Labels namhafter Textilhersteller aus
Europa fanden sich überall am Unfallort verstreut. Die
meisten von uns besitzen Kleidungsstücke dieser Mar-
ken. Viele dieser Firmen hatten Verantwortung und
Sorgfaltspflicht entlang ihrer Wertschöpfungskette an
ihre Subunternehmen delegiert. So etwas darf es in Zu-
kunft nicht mehr geben.


(Beifall bei der SPD)


Unsere deutschen Unternehmen sind ein berechtigter
und guter Teil internationaler Wertschöpfungsketten und





Dr. Hans-Joachim Schabedoth


(A) (C)



(D)(B)

Handelsbeziehungen. Wir könnten also gute Arbeit in
doppelter Hinsicht fördern und schlechte Arbeit zurück-
drängen, zum einen natürlich als kritische Konsumenten,
zum anderen aber auch – und das ist ein hervorragender
Ansatz, den wir ja mit diesem vorliegenden Antrag auf-
nehmen – über transnational agierende deutsche Unterneh-
men, die die sozialen, ökologischen und menschenrechtli-
chen Verpflichtungen unmissverständlich respektieren.

Während wir hier beraten, nähen ja immer noch in Pa-
kistan und Bangladesch Arbeiterinnen in 16-Stunden-
Schichten T-Shirts zu absurd niedrigen Löhnen, nur da-
mit wir diese T-Shirts für 5 Dollar oder 5 Euro kaufen
können. Und während wir hier beraten, klettern Arbeiter
im indischen Gujarat weiter in Gummilatschen über
Schiffswracks, um unter Lebensgefahr alte Seelenver-
käufer aus den Industrieländern zu zerlegen. In Cali in
Kolumbien – und leider nicht nur dort – werden Men-
schen immer noch mit Gefängnis oder dem Tod bedroht,
wenn sie sich gewerkschaftlich engagieren. – Die Liste
ließe sich leider unendlich fortsetzen.

Millionen von arbeitenden Menschen überall in der
Welt erwarten, dass uns das nicht gleichgültig ist, dass
wir so etwas nicht nur herunterdeklinieren und in Sonn-
tagsreden beklagen.

Es gibt ein international geltendes Normengefüge für
Mindestansprüche an gute Arbeit. Das beginnt bei den
Leitlinien der ILO, und das hört bei OECD- und UN-
Leitprinzipien noch lange nicht auf.

Wir haben uns auf solche Leitlinien für gute Arbeit im
vorliegenden Antrag detaillierter berufen. Sie dienen als
Messlatte für Selbstverständnis und Selbstverpflichtung
der staatlichen Akteure und für die deutschen Unterneh-
men in den globalen Produktions- und Handelsbezügen.

Unter guter Arbeit weltweit verstehen wir eine Arbeit,
bei der die Beschäftigten mitreden und mitgestalten kön-
nen, mit einem gerechten Entgelt, existenzsichernd, mit
sozialer Sicherheit ohne Diskriminierung und natürlich
mit einem nachhaltigen Arbeits- und Gesundheitsschutz.

Dass Arbeit Mühe macht, liebe Kolleginnen und Kol-
legen, das werden wir wohl nie verhindern können. Aber
wir können eine ganze Menge tun, damit Arbeit in unse-
rem Land und weltweit als gut erlebt wird. Auch die ar-
beitenden Menschen zum Beispiel in Bangladesch, Ko-
lumbien und auf den Baustellen in Katar haben ein
natürliches Recht darauf.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805709700

Vielen Dank. – Herr Kollege Dr. Schabedoth, das war

Ihre erste Rede hier im Plenum des Deutschen Bundesta-
ges. Dazu möchte ich Ihnen ganz herzlich gratulieren.


(Beifall)


Ich mache noch einmal, auch für alle anderen, darauf
aufmerksam, dass dann, wenn das Licht „Präsident“
leuchtet, die Redezeit abgelaufen ist.


(Heiterkeit)

Irgendwann müssen wir uns auch an das halten, was wir
selber vereinbart haben.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Die nächste Rednerin ist die Kollegin Renate Künast,
Bündnis 90/Die Grünen.


Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805709800

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr

Minister, wenn ich ein Beispiel für „links blinken, da-
nach aber rechts fahren“ brauchte, würde ich sagen:
Minister Müller.


(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Da stellt er sich hier hin und sagt: So haben wir uns Glo-
balisierung nicht vorgestellt. – Seit 1994, seit Gründung
der WTO, haben Sie Globalisierung genau so zugelassen
und unterstützt. Was reden Sie denn da?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Wo war denn Ihr Aufschrei? Sie haben unter einem
Kanzler Kohl und unter Ihren Regierungen für diese in-
ternationalen Regeln der WTO gesorgt. Man soll sich
dafür nicht schämen müssen, wenn man in die Green
Box soziale Kriterien hineinnimmt.

Sie machen hier ein Ding auf, das heißt: Der eine Teil
passiert immer freiwillig. Ich sage Ihnen: Mit „freiwil-
lig“ waren wir eigentlich durch. Freiwillig haben wir
schon alles. Freiwillig haben wir Frauen in den Vorstän-
den und Aufsichtsräten – nichts passiert! –, freiwillig
werden Umwelt- und Sozialstandards eingehalten – nir-
gendwo ist was passiert.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Das ist Ihr einer Teil. Und das wollen Sie uns hier jetzt
als ganz dicke Nummer verkaufen.

Das andere ist die WTO. Sie sagen: So haben wir uns
Globalisierung nicht vorgestellt; WTO, CSR – das muss
irgendwie alles verändert werden.

Das finde ich geschickt. Denn bei der „Freiwilligkeit“
dauert es noch fünf Jahre – da sind Sie lange nicht mehr
Minister –, bis man feststellt: Auch da hat sich nichts ge-
tan. – Bei der WTO kann man immer sagen: Wir mühen
uns, aber die anderen haben nicht gewollt. Man brauchte
da Einstimmigkeit, um die Regeln zu verändern. – Eine
wirklich interessante Strategie, die Sie hier fahren, Herr
Müller.

Zwischendurch sprechen Sie noch ein bisschen vom
IOC; auch die sollen Arbeitsrechte einhalten.


(Heiterkeit beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


– Ja, das steht auch drin. Das habe ich dort gefunden.

Zu dem, was Sie hier vortragen, kann ich nur sagen:
Der Worte sind genug gewechselt, ich will jetzt Taten se-
hen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)






Renate Künast


(A) (C)



(D)(B)

Ihr Antrag – sorry! – ist eine Kiste voller weißer
Salbe. Wo steht denn zum Beispiel, wer Produkte in die
EU importieren will, muss sofort, ab 1. November 2014,
„living wages“, existenzsichernde Gehälter, zahlen?
Nein, da sprechen Sie von 2020. Was ist eigentlich in
den nächsten sechs Jahren mit dem Hunger? Bei der Er-
zeugung von Baumwolle ist das dann 2024. Was ist da ei-
gentlich in den nächsten zehn Jahren mit dem Hunger? –
Nichts als weiße Salbe.

Dazwischen, zwischen Freiwilligkeit und WTO, in
dieser Erdumlaufbahn, in der das verhandelt wird, ist die
Europäische Union. Da sage ich: Hic Rhodus, hic salta.
Da springen Sie nicht.

Wie wäre es mit einer europäischen Transparenzricht-
linie, nach der jedes Unternehmen für die gesamte Kette
darstellen muss –


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


von Dhaka in Bangladesch bis hier vor die Haustür –,
wie die sozialen und ökologischen Bedingungen sind,
damit jeder von uns ins Netz gehen und sehen kann
– jede NGO oder ich selber, wenn ich mit einer Gewerk-
schafterin in Bangladesch kommuniziere –: Stimmt denn
diese Angabe? Sie haben nicht einmal gesagt, dass Sie
sich dafür jetzt einsetzen werden. Aber das wären in der
EU gleiche Bedingungen. Das wäre gut für die Men-
schen in den Herstellerländern und für die Menschen
und Unternehmen hier.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Wie wäre es mit klaren Kennzeichnungspflichten?
„Made in …“ muss auch heißen – ich komme zum
Schluss –, es ist dort wirklich hergestellt worden. Wie
wäre es mit einer Kennzeichnungspflicht „GMO-Cotton
enthalten“? Wie wäre es mit einer klaren Regelung der
zivilrechtlichen Haftbarkeit und ordentlich geregelten
Sorgfaltspflichten? Mit der Beschwerdebox, die Sie hier
vorstellen, ist es wie mit einer Dienstaufsichtsbe-
schwerde: formlos, fristlos, fruchtlos.


(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wir brauchen ein richtiges Klagerecht vor Gerichten in
Europa.

Mein letzter Satz: De Gucht – über den ich sonst nicht
viel Positives zu sagen habe, wegen TTIP –


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805709900

Frau Kollegin Künast, Sie wollten zum Schluss kom-

men; das haben Sie eben gesagt.


Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805710000

– wirklich mein allerletzter Satz – hat den Außen-

minister von Bangladesch vorgeladen und klar gesagt:
Ihr verliert eure Präferenzen als „least developed
country“, wenn ihr jetzt nicht die Löhne erhöht und
200 Kontrolleure für die Statik und Sicherheit in den Fir-
men einstellt. – So macht man Politik und nicht mit Frei-
willigkeit oder mit „irgendwo in hundert Jahren bei der
WTO“.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805710100

Nächster Redner ist der Kollege Waldemar

Westermayer für die CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Stefan Rebmann [SPD])



Waldemar Westermayer (CDU):
Rede ID: ID1805710200

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Frau

Künast, Sie waren auch einmal Ministerin. Da hätten Sie
das alles schon in die Wege leiten können; dann wäre das
heute kein Thema.


(Beifall bei der CDU/CSU – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da waren Sie ja dagegen!)


Die unantastbare und unteilbare Menschenwürde ist
das Herz der Menschenrechtscharta der Vereinten Natio-
nen. 1948 verabschiedet, war sie eine Antwort auf den
Terror und das Leid des Zweiten Weltkriegs. Obwohl der
Großteil der Staatengemeinschaft sich zu diesen Men-
schenrechten bekennt, ist die Achtung der Menschen-
würde an vielen Orten der Welt keine Selbstverständ-
lichkeit.

Wir Christdemokraten verstehen uns als Teil eines
christlich geprägten Europas und machen uns deshalb
für einen nachhaltigen Schutz der Menschenwürde be-
sonders stark.

Im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit ist man
sehr darauf bedacht, die Menschenrechte durch einen
partnerschaftlichen Dialog stets zu thematisieren. Gleich-
zeitig koppelt die deutsche Entwicklungszusammen-
arbeit ihre Kooperation an gute Regierungsführung im
Partnerland. Das bedeutet, Deutschland muss selbst
transparent und glaubwürdig mit gutem Beispiel voran-
gehen.

Die internationalen Wirtschaftsbeziehungen von Un-
ternehmen haben oft keine entwicklungspolitische Kom-
ponente. Für die Beziehungen der multinationalen Un-
ternehmen zu ihren Zulieferfirmen in den Partnerländern
des Südens heißt das: Jeder Staat ist allein für seine ar-
beitende Bevölkerung und für die Einhaltung von Rech-
ten und Pflichten verantwortlich. Er sollte im Sinne einer
nachhaltigen Entwicklung tätig werden. Er sollte seine
Schutzverantwortung gegenüber seinem eigenen Volk
und besonders gegenüber einzelnen Minderheiten wahr-
nehmen.

Erst dann treten die Unternehmen in Verantwortung.
Hier bestehen und wirken bindende und freiwillige euro-
päische und internationale Grundsätze und Handlungs-
impulse auf verschiedenen Ebenen. Natürlich sollte man
deshalb Staaten, die nicht in der OECD sind, für die er-
wähnten Leitsätze und Sorgfaltspflichten gewinnen. Wir
müssen aber die Hoheit der Partnerstaaten respektieren.
Das heißt hier konkret: Auch verwundbare Länder wie
Bangladesch aus der Gruppe der am wenigsten ent-





Waldemar Westermayer


(A) (C)



(D)(B)

wickelten Länder sollten der Verantwortung ihrer Bevöl-
kerung gegenüber immer mehr nachkommen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie des Abg. Stefan Rebmann [SPD])


Dies sollte allerdings mehr durch Motivation als durch
internationalen Druck geschehen; denn diese Länder sol-
len entscheidende Akteure eines nachhaltigen Wirt-
schaftswachstums und eines globalen Entwicklungspro-
zesses werden.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Andere haben ein totalitäres entwicklungspolitisches
Verständnis, wir als Christdemokraten haben das nicht.
Wir wollen anderen Staaten keine Maßstäbe für „gutes
Leben“ und „gute Arbeit weltweit“ aufzwingen.

Im Bereich der unternehmerischen gesellschaftlichen
Verantwortungsarbeit gibt es viel Bewegung und schon
viel mehr Bewusstsein. Der Umgang von Unternehmen
mit ihren südlichen Partnerländern hat sich schon verän-
dert. Es wird mehr nach Menschenrechten gefragt. Es
wird vor allem im Bereich der Einhaltung der Umwelt-
und Sozialstandards mehr von den ausländischen Zulie-
ferfirmen erwartet. Bei Gesprächen im Wahlkreis wurde
mir dies von Unternehmen öfters bestätigt. Trotzdem
bleibt noch viel zu tun.

Überregulierung hingegen kann freiwillige und posi-
tive Entwicklungen blockieren. Sie kann schwer ab-
schätzbare Folgen für die arbeitende Bevölkerung in den
Partnerländern haben. Was hilft einer Arbeiterin und
ihrer Familie eine schnelle Durchsetzung von rechtlich
einklagbaren und erhöhten Standards, wenn das Unter-
nehmen gezwungen ist, die Arbeiterin und die Hälfte des
Personals aufgrund von gestiegenen Kosten zu kündi-
gen? Das darf uns natürlich nicht davon abhalten, immer
wieder die Einhaltung der Menschenrechte und der er-
wähnten Sozialstandards einzufordern.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Die Politik muss den Bewusstseinswandel im Bereich
der gesellschaftlichen und unternehmerischen Verant-
wortung bestärkend begleiten. Wir haben es im eigenen
Land beim Thema Ernährung erfahren. Das Bewusstsein
für die Herkunft von Lebensmitteln hat sich in vielen
Teilen der Gesellschaft verändert. Lieferketten lassen
sich besser nachverfolgen, auch weil der Verbraucher
vermehrt nachfragt. Ziel sollte es sein, dass die inter-
national tätigen Unternehmen ein reges Eigeninteresse
entwickeln, sich selbst und den Verbraucher über die
Herkunft der Produkte vom Rohstoff bis zum Endpro-
dukt zu informieren. Dies ist ohne Zweifel ein langer
Weg. Handeln mit nachhaltigem Eigeninteresse hat je-
doch auch eine langfristige Wirkung.

Einen wesentlichen Beitrag im Bewusstseinsprozess
leistet auch die nichtstaatliche Entwicklungszusammen-
arbeit. In der letzten Zeit habe ich das besonders im
Gespräch mit kirchlichen Entwicklungsorganisationen
erfahren. Sie haben mit ihrem menschenrechtsbasierten
Ansatz in ihren Partnerländern auf lokaler Ebene viel be-
wirkt.
Lassen Sie mich abschließend sagen: Ich bin als Poli-
tiker neu auf der bundespolitischen Ebene und im Be-
reich der Entwicklungszusammenarbeit. So habe ich seit
meinem Mandatsantritt im Juli 2014 schon eine Reihe
von Firmenbesuchen gemacht. Für alle Unternehmen ist
die Umsetzung ihrer gesellschaftlichen und unternehme-
rischen Verantwortung ein Schlüsselthema. Als Ent-
wicklungspolitiker komme ich deshalb schnell ins Ge-
spräch mit den Firmen. Dabei habe ich festgestellt, dass
der Austausch zum Thema „faire Arbeitsbedingungen“
stark an Bedeutung gewinnt. Der Dialog zwischen Zivil-
gesellschaft, Wirtschaft und Politik sollte hier noch viel
sichtbarer gemacht werden.

Lassen Sie uns also Schritt für Schritt den Dreiklang
von sozialen, ökologischen und menschenrechtlichen
Standards im Sinne „Guter Arbeit weltweit“ vermitteln
und fördern. Bildung kann hier einen entscheidenden
Beitrag leisten. Konkret geschieht dies zum Beispiel in
Partnerschaften der internationalen Berufsbildungs-
kooperation. Dies ist ein gelebtes Beispiel von nachhalti-
ger wirtschaftlicher Zusammenarbeit und von gemein-
samen Lernprozessen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Es macht international Schule und wird – so höre ich aus
Südamerika – stark nachgefragt. Berufsbildung wird in-
ternational als persönliche und gesellschaftliche Chance
genutzt. So werden Strukturen und eine solide wirt-
schaftliche Basis geschaffen. Aber vor allem geschieht
ein Meinungs- und Gedankenaustausch. Das dient der
Zukunftsfähigkeit: staatlich, wirtschaftlich, gesellschaft-
lich und persönlich. Das Modell der Berufsbildung und
die zahlreicher werdenden Partnerschaften sind zentral
für die Zukunft von guter Arbeit weltweit. Setzen wir
also auf die junge Generation. Investieren wir in den
Dialog für solche Modelle. Sie sind nachhaltig und prä-
gen entscheidend und immer mehr internationale Unter-
nehmens- und Arbeitskulturen.

Zum Schluss fällt mir ein Zitat von Erzbischof
Zollitsch ein, der bei einer Veranstaltung im Ulmer
Stadthaus sagte: „Märkte erzeugen Preise, aber keine
Werte.“ Diese Werte muss die Politik einfordern, zuerst
freiwillig, dann gesetzlich, und wenn dies nicht funktio-
niert, dann brauchen wir Sanktionen. Hier leistet unser
Minister Gerd Müller sehr gute Arbeit. Packen wir es an!

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805710300

Vielen Dank, Herr Kollege Westermayer. Das war

Ihre erste Rede heute hier im Deutschen Bundestag, und
das unter erschwerten Bedingungen. Herzlichen Glück-
wunsch dazu!


(Beifall)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, zu diesem Tages-
ordnungspunkt gibt es jetzt noch zwei Redebeiträge. Ich
bitte alle, die in dieser Zeit ihre Wahlkarten holen, dies
so geräuschlos wie möglich zu tun, und die, die noch





Vizepräsidentin Ulla Schmidt


(A) (C)



(D)(B)

dringende Gespräche zu führen haben, dies bitte draußen
auf den Fluren zu tun.

Ich rufe als nächste Rednerin für die SPD-Fraktion
Gabi Weber auf.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Gabi Weber (SPD):
Rede ID: ID1805710400

Vielen Dank, Frau Präsidentin! – Sehr geehrte Kolle-

ginnen und Kollegen! 1911 forderte die New Yorker
Gewerkschafterin Rose Schneiderman in einer Rede für
viele Arbeitnehmerinnen: Brot und Rosen! – Brot steht
dabei für gerechte Löhne, und Rosen sind ein Sinnbild
für menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Am 7. Oktober, vorgestern, haben wir den Welttag für
menschenwürdige Arbeit begangen. Dass dieser Tag
weltweit gefeiert werden soll, unterstreicht, dass „Gute
Arbeit“ kein Thema ist, welches wir nur im nationalen
Kontext betrachten dürfen. Zusammen mit den Gewerk-
schaften haben wir Sozialdemokraten dieses Themenfeld
in Deutschland schon seit langem in der öffentlichen
Diskussion präsent gehalten. Die Einführung des gesetz-
lichen Mindestlohnes ist diesbezüglich ein längst über-
fälliger Meilenstein.

Wir haben aber nicht nur die nationale, sondern auch
die internationale Situation im Blick. Eine globalisierte
Wirtschaft betrifft nicht nur den Handel und die Finanz-
ströme, sondern hat eben auch – wie ich finde, zuerst –
eine soziale Dimension. Diese rücken wir mit dem vor-
liegenden Antrag in den Fokus unserer Bemühungen um
eine weltweit gerechtere Wirtschaftsordnung.


(Beifall bei der SPD)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, es wurde bereits auf
einzelne Aspekte des Antrages eingegangen. Mir liegt
als Gewerkschafterin die verbindliche internationale
Verankerung und Durchsetzung von Arbeitnehmerrech-
ten besonders am Herzen.


(Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Davon steht aber nichts im Antrag!)


– Doch. Unter Punkt 11 – das kann man genau nachlesen –
geht es darum, dass in Handelsabkommen verbindliche,


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Steht das bei TTIP drin? – Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist doch eine Fehlinterpretation des Satzes!)


international anerkannte Sozial- und Umweltstandards
wie die ILO-Kernarbeitsnormen aufgenommen und vor-
handene Schutzstandards nicht abgeschwächt werden.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Weitere Forderungen unseres Antrags sind die Einhal-
tung und nationale Umsetzung der ILO und anderer in-
ternational vereinbarter UN-Konventionen in globalen
Produktions- und Lieferketten. Wer lesen kann, ist klar
im Vorteil.


(Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das lesen wir nachher noch einmal zusammen!)


Wir wollen auch, dass das Streikrecht vor dem Hinter-
grund der aktuellen Diskussion bei der ILO weiterhin als
Bestandteil der Vereinigungsfreiheit anerkannt wird.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie können sich die Zähne daran ausbeißen! Machen Sie das lieber in der EU! Die USA unterschreiben das nie!)


„Gute Arbeit“ bedeutet aber nicht nur, sich für eine
Verbesserung der sozialen Situation von arbeitenden
Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern
einzusetzen. Es geht bei der weltweiten Durchsetzung
„Guter Arbeit“ eben auch darum, deutsche Arbeitneh-
merinnen und Arbeitnehmer zu stärken. Einzelne Arbeit-
geber setzen bis heute das Druckmittel der Verlagerung
von Arbeitsplätzen in Länder mit geringeren Arbeits-,
Umwelt- und Sozialstandards zur Stärkung ihrer Ver-
handlungsposition gegenüber der Arbeitnehmerseite ein.
Durch eine weltweite Durchsetzung der geforderten Re-
geln ließe sich dieses Druckmittel deutlich schwächen.
Das brauchen wir.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ein Thema in diesem gesamten Zusammenhang liegt
mir sehr am Herzen, nämlich die Frauen. Sie sind welt-
weit in besonderem Maße von unwürdigen Arbeits-
bedingungen betroffen. Das Unglück in Rana Plaza
wurde schon mehrfach angeführt. Aus der Entwick-
lungszusammenarbeit wissen wir, dass es gerade die
Frauen sind, die, bei entsprechender Unterstützung,
wesentlich zur Verbesserung der Lebenssituation ihrer
Familien und des sozialen Umfeldes beitragen. Hier be-
darf es verstärkter Anstrengungen bei der Bildung von
Frauen, aber eben auch bei der Stärkung ihrer Rolle als
Arbeitnehmerinnen. Auch das ist dort zu finden.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Global einheitliche Spielregeln helfen aber auch den
sozial und ökologisch verantwortlich handelnden Unter-
nehmen im internationalen Wettbewerb. Diese sind ohne
diese für alle geltenden Regeln oft gegenüber dem Teil
ihrer Konkurrenz benachteiligt, der seine Wettbewerbs-
fähigkeit auf Kosten von Mensch und Natur zu stärken
sucht.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, ich bin da-
von überzeugt, dass Wettbewerb durch Qualität und
Innovation unsere Wirtschaft lebendig und stark hält.
Das sollte uns allen wichtig sein.


(Beifall bei der SPD)


Ein Unterbietungswettbewerb bei sozialen und umwelt-
rechtlichen Standards bedeutet hingegen keine Wert-
schöpfung für alle, sondern nur eine Profitmaximierung
für wenige.





Gabi Weber


(A) (C)



(D)(B)

Ich stelle fest: Die Forderung nach Brot und Rosen
bleibt immer noch aktuell. Aus diesem Grund bitte ich
Sie um Zustimmung zu unserem Antrag.

Danke.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805710500

Vielen Dank. – Ich bitte noch einmal darum, die Ge-

spräche draußen zu führen.

Jetzt hat das Wort Dr. Sascha Raabe für die SPD-
Fraktion. Bitte schön.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Sascha Raabe (SPD):
Rede ID: ID1805710600

Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und Kol-

legen! Es ist in der Tat nicht zu erklären bzw. beschä-
mend und schockierend, dass wir in einer Welt leben, in
der Menschen, die in Ländern leben, die eigentlich reich
sein müssten, weil es dort viele Rohstoffe gibt, von die-
sem Reichtum nicht profitieren. Dieser Rohstoffreich-
tum ist mehr Fluch als Segen, weil auch bei uns in
Deutschland und in Europa Firmen und Unternehmen
davon profitieren, dass in Kohleminen in Lateinamerika
oder in Goldminen im Kongo Kindersklaven eingesetzt
werden, dass Kindersoldaten sterben, damit wir unsere
iPhones und iPads billig erwerben können, und weil wir
in der Europäischen Union die Situation haben, dass
Blinker, die die falsche Farbe haben, nicht importiert,
aber T-Shirts, Hemden und Jeans, an denen Blut klebt,
zollfrei und hürdenlos importiert werden dürfen. Das
müssen wir ändern. Dazu dient der vorliegende Antrag.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)


Herr Minister Müller, ich freue mich, dass Sie in Ihrer
Rede vorhin gesagt haben, dass Sie meinen Artikel in
der Frankfurter Rundschau gelesen haben und unterstüt-
zen. Man sieht: Nicht nur hinter der FAZ steckt ein klu-
ger Kopf, sondern hinter allen Frankfurter Zeitungen. Es
freut mich auch, dass Sie sagen, dass für Sie das Thema
„Fairhandels-Abkommen“ ganz wichtig ist und dass Sie
sich eindeutig dazu bekannt haben, dass die Vereinigten
Staaten im Freihandelsabkommen mit der Europäischen
Union alle acht ILO-Kernarbeitsnormen einhalten und
umsetzen müssen, damit wir gegenüber Indien und ande-
ren Ländern glaubwürdig sind und dies auch erreichen
können.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Zurzeit werden nicht nur mit Kanada und den USA
Freihandelsabkommen verhandelt. Aktuell verhandelt
die Europäische Union auch mit Vietnam über ein Frei-
handelsabkommen. Der Text soll bereits in der ersten
Hälfte des nächsten Jahres ausverhandelt sein. Da wir
heute in der Debatte zu Recht den besonders problemati-
schen Textilsektor angesprochen haben: Es kann doch
nicht sein, dass in einem solchen Abkommen am Ende
nicht verbindlich vorgeschrieben wird,


(Beifall des Abg. Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


dass die Menschenrechte, dass existenzsichernde Löhne
und gute Arbeitsbedingungen für Näherinnen und Näher
eingehalten werden müssen. Dafür müssen wir gemein-
sam sorgen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Dann brauchen wir aber einen anderen Antrag!)


Deswegen sind entsprechende Siegel wichtig. Herr
Minister Müller, ich finde es gut, dass Sie den Begriff
des existenzsichernden Lohnes in diese Debatte hinein-
gebracht haben; das muss der Maßstab sein. Aber frei-
willige Zertifizierungen sind immer nur Second Best ge-
genüber verbindlichen Regelungen. Wir müssen den
Unternehmen klarmachen: Wenn ihr große Gewinne
macht, wenn ihr durch Freihandelsabkommen Zölle in
Millionenhöhe spart, wenn ihr viel mehr Handel treiben
könnt, dann müsst ihr im Gegenzug auch bereit sein, den
Arbeiterinnen und Arbeitern endlich einen fairen Anteil
der Gewinne zu geben.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)


Das Gleiche gilt für den Rohstoffsektor. In der Tat
wird in der Europäischen Kommission die Frage disku-
tiert – die stelle ich auch Ihnen, Frau Bundeskanzlerin –,
ob wir nur in Sonntagsreden von „Guter Arbeit“ reden
oder ob wir die entsprechenden Standards in der Euro-
päischen Union umsetzen.


(Beifall des Abg. Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Zum Beispiel Konfliktmineralien. Im Kongo werden
zurzeit durch in Minen verdientes Geld Bürgerkriege
und Kindersoldaten finanziert. Der Kongress der USA
– der kapitalistischen USA; das ist keine linksradikale
Forderung – hat mehrheitlich beschlossen, dass Mine-
ralien, die aus solchen Konfliktminen kommen, von
Firmen, die an der US-Börse gelistet sind, in Zukunft
nicht mehr in die USA importiert werden dürfen. Die
Europäische Union sollte sich dem anschließen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Die Europäische Kommission hat jetzt in einem Entwurf
leider nur eine freiwillige Regelung beschlossen, obwohl
das Europäische Parlament eine verbindliche Regelung
wollte, wie sie in den USA vereinbart wurde.

Ich fordere Sie, Frau Bundeskanzlerin, die Bundesre-
gierung, und natürlich unseren Entwicklungsminister,
der das unterstützt, auf, in der Europäischen Kommis-
sion dafür zu sorgen, dass wir genauso wie die USA ver-
bindlich regeln, dass kein Blutgold, kein Blutcoltan und





Dr. Sascha Raabe


(A) (C)



(D)(B)

kein Blutwolfram mehr nach Europa importiert werden
dürfen, und dass die Menschen, die die Mineralien und
Rohstoffe fördern, fair, gerecht und menschenwürdig le-
ben können und keine Kindersoldaten mehr durch den
Rohstoffverkauf finanziert werden. Darum bitte ich Sie.
Sorgen wir dafür, dass es auf der ganzen Welt verbind-
lich gerechte Arbeitsbedingungen gibt.

Danke schön.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805710700

Vielen Dank. – Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird die Überweisung der Vorlagen
auf den Drucksachen 18/2739 und 18/2746 an die in der
Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
Sind Sie damit einverstanden? – Ich sehe, das ist der
Fall. Dann sind die Überweisungen so beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 27 a bis 27 i sowie
die Zusatzpunkte 2 a bis 2 c auf. Es handelt sich um
Überweisungen im vereinfachten Verfahren ohne De-
batte.

Wir kommen zunächst zu den unstrittigen Überwei-
sungen. Tagesordnungspunkte 27 a bis 27 h sowie Zu-
satzpunkte 2 a bis 2 c:

27 a) Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu
dem Dritten Zusatzprotokoll vom 10. No-
vember 2010 zum Europäischen Ausliefe-
rungsübereinkommen vom 13. Dezember
1957

Drucksache 18/2655
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz (f)

Innenausschuss
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen
Union

b) Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu
dem Abkommen vom 13. Februar 2014
zwischen der Bundesrepublik Deutschland
und der Republik Costa Rica zur Vermei-
dung der Doppelbesteuerung auf dem Ge-
biet der Steuern vom Einkommen und
vom Vermögen

Drucksache 18/2659
Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz

c) Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu
dem Protokoll vom 24. Juni 2013 zur Än-
derung des Abkommens vom 4. Oktober
1991 zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und dem Königreich Norwe-
gen zur Vermeidung der Doppelbesteue-
rung und über gegenseitige Amtshilfe auf
dem Gebiet der Steuern vom Einkommen
und vom Vermögen sowie des dazugehöri-
gen Protokolls
Drucksache 18/2660
Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz

d) Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu
dem Protokoll vom 11. März 2014 zur Än-
derung des Abkommens vom 1. Juni 2006
zwischen der Bundesrepublik Deutschland
und Georgien zur Vermeidung der Dop-
pelbesteuerung auf dem Gebiet der Steu-
ern vom Einkommen und vom Vermögen
Drucksache 18/2661
Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz

e) Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über
die Feststellung des Wirtschaftsplans des
ERP-Sondervermögens für das Jahr 2015

(ERP-Wirtschaftsplangesetz 2015)

Drucksache 18/2662
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Energie (f)

Ausschuss für Tourismus
Haushaltsauschuss

f) Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Dritten Geset-
zes zur Änderung des Agrarstatistikgesetzes
Drucksache 18/2707
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft

g) Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zum
Erlass und zur Änderung von Vorschriften
zur Durchführung unionsrechtlicher Vor-
schriften über Agrarzahlungen und deren
Kontrollen in der Gemeinsamen Agrar-
politik
Drucksache 18/2708
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft

h) Beratung des Antrags des Bundesministe-
riums der Finanzen

Durchführungsbestimmungen zum Instru-
ment der direkten Bankenrekapitalisierung
durch den Europäischen Stabilitätsmecha-
nismus; Einholung eines zustimmenden Be-
schlusses des Deutschen Bundestages nach
§ 4 Absatz 1 ESM-Finanzierungsgesetz
Drucksache 18/2669
Überweisungsvorschlag:
Haushaltsauschuss (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Finanzausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen
Union





Vizepräsidentin Ulla Schmidt


(A) (C)



(D)(B)

ZP 2 a) Erste Beratung des vom Bundesrat einge-
brachten Entwurfs eines Gesetzes über
Maßnahmen im Bauplanungsrecht zur
Erleichterung der Unterbringung von
Flüchtlingen

Drucksache 18/2752
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit (f)

Innenausschuss
Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Sylvia Kotting-Uhl, Oliver Krischer, Kai
Gehring, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Kein Atommüll-Export aus dem Reaktor
AVR Jülich in die USA

Drucksache 18/2624
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit

c) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Franziska Brantner, Katja Dörner, Kai
Gehring, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Echte Wahlfreiheit schaffen – Elterngeld
flexibler gestalten
Drucksache 18/2749
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (f)

Ausschuss für Arbeit und Soziales
Haushaltsauschuss

Interfraktionell wird vorgeschlagen, die Vorlagen an
die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse zu
überweisen. Sind Sie damit einverstanden? – Ich sehe,
das ist der Fall. Dann sind die Überweisungen so be-
schlossen.

Wir kommen nun zu einer Überweisung, bei der die
Federführung strittig ist.

Tagesordnungspunkt 27 i:
Beratung des Antrags der Abgeordneten Ulla
Jelpke, Wolfgang Gehrcke, Jan Korte, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE
Humanitäre Hilfe und Flüchtlingsschutz für
Jesiden, Kurden und andere Schutzbedürf-
tige im Norden des Irak und Syriens
Drucksache 18/2742
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe (f)

Innenausschuss (f)

Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Federführung strittig

Interfraktionell wird die Überweisung des Antrags
auf Drucksache 18/2742 an die in der Tagesordnung auf-
geführten Ausschüsse vorgeschlagen. Die Fraktionen der
CDU/CSU und SPD wünschen Federführung beim Aus-
schuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe. Die
Fraktion Die Linke wünscht Federführung beim Innen-
ausschuss.

Ich lasse zuerst über den Überweisungsvorschlag der
Fraktion Die Linke, das heißt Federführung beim Innen-
ausschuss, abstimmen. Wer stimmt für diesen Überwei-
sungsvorschlag? – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält
sich? – Der Überweisungsvorschlag ist mit den Stimmen
von CDU/CSU und SPD bei Enthaltung der Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen gegen die Stimmen der Fraktion
Die Linke abgelehnt.

Ich lasse nun über den Überweisungsvorschlag der
Fraktionen der CDU/CSU und der SPD, Federführung
beim Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre
Hilfe, abstimmen. Wer stimmt für diesen Überweisungs-
vorschlag? – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? –
Der Überweisungsvorschlag ist mit den Stimmen der
CDU/CSU-Fraktion und der SPD-Fraktion gegen die
Stimmen der Fraktion Die Linke bei Enthaltung der
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen angenommen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 28 a bis 28 h sowie
Zusatzpunkt 3 auf. Es handelt sich hier um die Be-
schlussfassung zu Vorlagen, zu denen keine Ausspra-
che vorgesehen ist.

Tagesordnungspunkt 28 a:

Zweite Beratung und Schlussabstimmung des
von der Bundesregierung eingebrachten Ent-
wurfs eines Gesetzes zu dem Zweiten Zusatz-
protokoll vom 8. November 2001 zum Euro-
päischen Übereinkommen vom 20. April 1959
über die Rechtshilfe in Strafsachen

Drucksache 18/1773

Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Recht und Verbraucherschutz

(6. Ausschuss)


Drucksache 18/2648

Zweite Beratung

und Schlussabstimmung. Der Ausschuss für Recht und
Verbraucherschutz empfiehlt in seiner Beschlussempfeh-
lung auf Drucksache 18/2648, den Gesetzentwurf der
Bundesregierung auf Drucksache 18/1773 anzunehmen.
Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzentwurf zustimmen
wollen, sich zu erheben. – Wer stimmt dagegen? – Wer
enthält sich? – Der Gesetzentwurf ist mit den Stimmen
von CDU/CSU und SPD gegen die Stimmen der Frak-
tion Die Linke bei Enthaltung der Fraktion Bündnis 90/
Die Grünen angenommen.

Tagesordnungspunkt 28 b:

– Zweite und dritte Beratung des von der Bundes-
regierung eingebrachten Entwurfs eines Sechs-
ten Gesetzes zur Änderung des Verwaltungs-
Vollstreckungsgesetzes

Drucksache 18/2337





Vizepräsidentin Ulla Schmidt


(A) (C)



(D)(B)

Beschlussempfehlung und Bericht des Innenaus-
schusses (4. Ausschuss)


Drucksache 18/2640

– Bericht des Haushaltsausschusses (8. Ausschuss)

gemäß § 96 der Geschäftsordnung

Drucksache 18/2642

Der Innenausschuss empfiehlt in seiner Beschluss-
empfehlung auf Drucksache 18/2640, den Gesetzent-
wurf der Bundesregierung auf Drucksache 18/2337 an-
zunehmen. Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzentwurf
zustimmen wollen, um das Handzeichen. – Wer stimmt
dagegen? – Wer enthält sich? – Der Gesetzentwurf ist
damit in zweiter Beratung mit den Stimmen von CDU/
CSU und SPD sowie Bündnis 90/Die Grünen bei Enthal-
tung der Fraktion Die Linke angenommen.

Dritte Beratung

und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Der Gesetz-
entwurf ist damit in dritter Lesung angenommen.

Tagesordnungspunkt 28 c:

Zweite und dritte Beratung des von der Bundes-
regierung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
zes zur Änderung des Umweltstatistikgesetzes

Drucksache 18/2135

Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Re-
aktorsicherheit (16. Ausschuss)


Drucksache 18/2664

Der Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit empfiehlt in seiner Beschlussempfeh-
lung auf Drucksache 18/2664, den Gesetzentwurf der
Bundesregierung auf Drucksache 18/2135 in der Aus-
schussfassung anzunehmen. Ich bitte diejenigen, die
dem Gesetzentwurf in der Ausschussfassung zustimmen
wollen, um das Handzeichen. – Wer stimmt dagegen? –
Wer enthält sich? – Damit ist der Gesetzentwurf in zwei-
ter Beratung mit den Stimmen des gesamten Hauses an-
genommen.

Dritte Beratung

und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Der Gesetz-
entwurf ist mit dem gleichen Stimmenverhältnis in drit-
ter Lesung angenommen.

Tagesordnungspunkte 28 d bis 28 h. Wir kommen zu
den Beschlussempfehlungen des Petitionsausschusses.

Tagesordnungspunkt 28 d:

Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)


Sammelübersicht 91 zu Petitionen

Drucksache 18/2631
Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Die Sammelübersicht ist mit den Stimmen
des gesamten Hauses angenommen.

Tagesordnungspunkt 28 e:

Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)


Sammelübersicht 92 zu Petitionen

Drucksache 18/2632

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Die Sammelübersicht 92 ist mit den Stim-
men der CDU/CSU-Fraktion, SPD-Fraktion und Linken
bei Enthaltung der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen an-
genommen.

Tagesordnungspunkt 28 f:

Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)


Sammelübersicht 93 zu Petitionen

Drucksache 18/2633

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Die Sammelübersicht 93 ist mit den Stim-
men aller Fraktionen angenommen.

Tagesordnungspunkt 28 g:

Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)


Sammelübersicht 94 zu Petitionen

Drucksache 18/2634

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Die Sammelübersicht 94 ist mit den Stim-
men von CDU/CSU-Fraktion, SPD-Fraktion und Bünd-
nis 90/Die Grünen gegen die Stimmen der Fraktion Die
Linke angenommen.

Tagesordnungspunkt 28 h:

Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)


Sammelübersicht 95 zu Petitionen

Drucksache 18/2635

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Die Sammelübersicht 95 ist mit den Stim-
men von CDU/CSU- und SPD-Fraktion gegen die Stim-
men der Fraktionen Die Linke und Bündnis 90/Die
Grünen angenommen.

Zusatzpunkt 3:

Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Recht und Verbrau-
cherschutz (6. Ausschuss)


zu dem Streitverfahren vor dem Bundesver-
fassungsgericht 2 BvE 5/12 und damit zusam-
menhängenden Verfahren

Drucksache 18/2773





Vizepräsidentin Ulla Schmidt


(A) (C)



(D)(B)

Der Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung, eine Stellung-
nahme abzugeben und den Präsidenten zu bitten, einen
Prozessbevollmächtigten zu bestellen. Wer stimmt für
diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? –
Wer enthält sich? – Die Beschlussempfehlung ist mit den
Stimmen von CDU/CSU-Fraktion, SPD-Fraktion und
Bündnis 90/Die Grünen gegen die Stimmen der Fraktion
Die Linke angenommen.

Ich rufe Tagesordnungspunkt 7 auf:

Beratung der Vierten Beschlussempfehlung des
Wahlprüfungsausschusses

zu Einsprüchen gegen die Gültigkeit der
Wahl zum 18. Deutschen Bundestag am
22. September 2013

Drucksache 18/2700

Bevor ich die Beschlussempfehlung des Wahlprü-
fungsausschusses zur Abstimmung stelle, erteile ich dem
Vorsitzenden des Ausschusses, Herrn Dr. Johann
Wadephul, das Wort zur Berichterstattung. Bitte schön.


Dr. Johann Wadephul (CDU):
Rede ID: ID1805710800

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wir entscheiden heute über die Vierte Beschlussempfeh-
lung des Wahlprüfungsausschusses in dieser Wahlpe-
riode. Sie behandelt die letzten 9 von insgesamt 224 Ein-
sprüchen gegen die Gültigkeit der Bundestagswahl 2013
und gibt Gelegenheit, ein kurzes Zwischenresümee der
Arbeit des Wahlprüfungsausschusses zu ziehen, den
Dank den Berichterstattern und den Mitgliedern des
Ausschusses auszusprechen, die im Übrigen alle sehr ge-
rührt sind, dass Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, in
so großer Zahl diesem Bericht zuhören und über die Be-
schlussempfehlung abstimmen.


(Heiterkeit und Beifall)


In der Sache ist die Beschlussempfehlung auch nicht
ohne Bedeutung. Sollten Sie nämlich unserer Empfeh-
lung nicht folgen wollen, hätte diese Sitzung ein jähes
Ende. Deswegen sollte sich das jeder genau überlegen.


(Heiterkeit)


Der Ausschuss ist froh, dass wir ein Jahr nach der
Bundestagswahl und auch angesichts des Umstandes,
dass wir erst zu Beginn dieses Jahres mit den Verfahren
beginnen konnten, Ihnen jetzt einen abschließenden Be-
richt vorlegen können.

Keiner der 224 Wahleinsprüche war nach Auffassung
des Ausschusses begründet. Begründet wäre er dann ge-
wesen, wenn ein Wahlfehler benannt worden wäre, der
entweder Einfluss auf die Sitzverteilung hatte oder das
subjektive Wahlrecht der den Einspruch einlegenden
Personen beim Wahlakt verletzte. Den Einsprüchen lie-
ßen sich solche Fehler allerdings nicht entnehmen.

Ich halte fest: Der Wahlprüfungsausschuss ist jedem
Wahlfehler sorgfältig nachgegangen, hat das Bundes-
ministerium des Innern, den Bundeswahlleiter, die Lan-
deswahlleitungen und vereinzelt auch Kreiswahlleitun-
gen um Stellungnahme gebeten.

Im Einzelfall hat es leider, wenn auch in sehr wenigen
Fällen, Wahlfehler gegeben. So wurden zum Beispiel in
Düsseldorf zum Teil mehrfach derselben Person Brief-
wahlunterlagen zugesandt. In Oberhausen erhielten rund
30 Menschen Stimmzettel aus dem Jahre 2009. Das Er-
freuliche ist, es fiel auf.


(Heiterkeit)


Auf die Sitzverteilung hatten diese ärgerlichen Fehler
keinen Einfluss, da das gesamte Stimmenaufkommen für
die Erst- und Zweitstimmen sehr hoch war. Der Wahl-
prüfungsausschuss hat gleichwohl die Erwartung, dass
die betreffenden Wahlbehörden derartige Fehler in Zu-
kunft vermeiden.

Ich möchte Ihnen mitteilen, welche Einspruchsgegen-
stände ansonsten typisch waren: nicht oder zu spät zuge-
stellte Briefwahlunterlagen, die repräsentative Wahl-
statistik, der Identitätsnachweis im Wahllokal, die
Gestaltung des Stimmzettels oder das Schreibmittel in
der Wahlkabine.

Zum Teil hat es auch kaum nachvollziehbare Einsprü-
che gegeben. Ein Bürger hat behauptet, das Wahlergeb-
nis müsse manipuliert gewesen sein. Er hat nämlich 40
Minuten nach Schließung der Wahllokale die TV-Serie
„Lindenstraße“ geschaut. In dieser Folge war das Wahl-
ergebnis schon adaptiert. Daraus hat er eine Manipula-
tion hergeleitet. Der Wahlprüfungsausschuss hat das na-
türlich sorgfältig geprüft und ist zu dem Ergebnis
gekommen, dass keine Manipulation vorlag. Ich kann
das Geheimnis lüften: Es sind einfach mehrere Varianten
gedreht worden, und die Verantwortlichen der senden-
den TV-Anstalt haben es schlicht und ergreifend ge-
schafft, die richtige Variante zu senden. Damit hatte sich
das Thema geklärt.


(Heiterkeit und Beifall)


Meine Damen und Herren, ein großer Teil der Ein-
sprüche hat die Fünfprozentklausel betroffen. Sie wis-
sen, welche Parteien knapp oder auch deutlich die Fünf-
prozenthürde verpasst haben. Wir haben uns ausführlich
damit befasst. Die Ausschussmehrheit ist mit der Recht-
sprechung des Bundesverfassungsgerichts der Auffas-
sung, dass die Fünfprozentklausel verfassungskonform
ist, weil sie die Bildung einer stabilen Mehrheit für die
Wahl einer handlungsfähigen Regierung und deren fort-
laufende Unterstützung im deutschen Parlament gewähr-
leistet. Dies ist eine Folge, die die Verfassungsmütter
und -väter aus der Weimarer Zeit gezogen haben. Wir
halten das nach wie vor für rechtlich in Ordnung und
verfassungskonform.

Ein zweiter Punkt, mit dem wir uns in Zukunft befas-
sen sollten, ist das sogenannte Wahlrecht für Betreute;
auch einzelne Wahleinsprüche gegen die Europawahl
2014 befassen sich damit. Die Bundesregierung hat dan-
kenswerterweise eine Studie in Auftrag gegeben, in der
geprüft werden soll, ob wir hier zu Differenzierungen
kommen können; denn nach derzeitiger Rechtslage –
diese war für uns maßgeblich – sind volljährige Perso-





Dr. Johann Wadephul


(A) (C)



(D)(B)

nen, für die eine Betreuung in allen Angelegenheiten ge-
richtlich angeordnet ist, nicht wahlberechtigt.

Letzter Punkt ist ein Blick auf die Europawahl. Sie
wissen, dass das schon medial diskutiert worden ist: die
sogenannte Doppelwahl. Ein früherer Präsident des Bun-
desverfassungsgerichtes hat in einem großen Nachrich-
tenmagazin aus dem Norden Deutschlands in Zweifel
gezogen, ob die Europawahl angesichts des Umstandes
verfassungsgemäß gewesen sein kann, dass immerhin
die Möglichkeit bestand, dass 8 Millionen Menschen in
der gesamten Europäischen Union je zwei Stimmen ab-
gegeben haben.

Nach bisherigem Erkenntnisstand des Wahlprüfungs-
ausschusses ist in Deutschland bisher allerdings nur eine
Person bekannt, die vom Herrn Bundesfinanzminister
persönlich belehrt worden ist, dass das wahrscheinlich
ein rechtlicher Fehler gewesen ist. Solange wir nicht
eine große Zahl weiterer Doppelstimmen erkennen, ist
wahrscheinlich nicht zu erwarten, dass dies zu vertieften
Prüfungen des Wahlprüfungsausschusses führen wird.

Ich empfehle Ihnen also guten Gewissens, unseren
Beschlussempfehlungen zu folgen und damit dafür zu
sorgen, dass diese Sitzung ihren Fortgang finden kann.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805710900

Vielen Dank. – Wir kommen jetzt zur Abstimmung.

Wer stimmt für die Beschlussempfehlung des Wahlprü-
fungsausschusses? – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält
sich? – Damit ist die Beschlussempfehlung mit den
Stimmen aller Fraktionen angenommen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Ich rufe den Tagesordnungspunkt 8 auf:

Wahl eines Mitglieds des Parlamentarischen
Kontrollgremiums gemäß Artikel 45 d des
Grundgesetzes

Drucksache 18/2743

Die Fraktion der SPD schlägt auf Drucksache 18/2743
den Kollegen Uli Grötsch vor.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, bevor wir zur Wahl
kommen, bitte ich um Ihre Aufmerksamkeit für einige
Hinweise zum Wahlverfahren. Nach § 2 Absatz 3 des
Gesetzes über die parlamentarische Kontrolle nachrich-
tendienstlicher Tätigkeit des Bundes ist gewählt, wer die
Stimmen der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages
auf sich vereint, das heißt, wer mindestens 316 Stimmen
erhält.

Die Wahl erfolgt mit Stimmkarte und Wahlausweis.
Die Wahl ist offen. Sie können Ihre Stimmkarte also an
Ihrem Platz ankreuzen. Den Wahlausweis können Sie,
soweit noch nicht geschehen, Ihrem Stimmkartenfach in
der Lobby entnehmen. Bitte beachten Sie, dass der
Wahlausweis Ihren Namen trägt. Die Stimmkarten wur-
den im Saal verteilt. Sollten Sie keine Stimmkarte haben,
besteht jetzt noch die Möglichkeit, diese von den Plenar-
assistenten zu erhalten. Wer noch keine Stimmkarte hat,
den bitte ich um ein Handzeichen.

Gültig sind nur Stimmkarten mit einem Kreuz bei
„ja“, „nein“ oder „enthalte mich“. Ungültig sind demzu-
folge Stimmkarten, bei denen kein Kreuz gemacht oder
mehr als ein Kreuz gemacht wurde oder ein anderer
Name oder sonstige Zusätze vermerkt sind.

Bevor Sie die Stimmkarte in die Wahlurnen werfen,
übergeben Sie bitte den Schriftführerinnen und Schrift-
führern an den Urnen Ihren Wahlausweis. Ich mache da-
rauf aufmerksam, dass die gültige Teilnahme an der
Wahl nur dann sichergestellt ist, wenn Sie Ihren Wahl-
ausweis abgegeben haben. Das ist gleichzeitig ein Nach-
weis, dass Sie teilgenommen haben.

Ich bitte die Schriftführerinnen und Schriftführer, die
vorgesehenen Plätze einzunehmen. – Sind alle Plätze an
den Urnen besetzt? – Das ist der Fall. Ich eröffne die
Wahl.

Ist noch ein Mitglied des Hauses anwesend, das seine
Stimme nicht abgegeben hat? – Ich sehe, das ist nicht der
Fall. Dann schließen wir die Abstimmung.

Ich schließe die Wahl und bitte die Schriftführerinnen
und Schriftführer, mit der Auszählung zu beginnen. Das
Ergebnis der Wahl wird Ihnen später bekannt gegeben.1)

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 11 auf:

Erste Beratung des von den Fraktionen CDU/
CSU, SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Neun-
ten Gesetzes zur Änderung des Bundesverfas-
sungsgerichtsgesetzes (9. BVerfGGÄndG)


Drucksache 18/2737
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz (f)

Innenausschuss

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 38 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.

Ich bitte jetzt alle, Platz zu nehmen, die der Debatte
folgen wollen. – Dann rufe ich Dr. Matthias Bartke,
SPD-Fraktion, auf.


Dr. Matthias Bartke (SPD):
Rede ID: ID1805711000

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Sehr geehrte Zuschauerinnen und Zuschauer
auf der Tribüne! Wir diskutieren heute über das Wahl-
verfahren für die Richter des Bundesverfassungsge-
richts, des höchsten Gerichts unseres Landes. Ich per-
sönlich erinnere mich noch, dass ich als junger Student
im ersten Semester Jura davon träumte, einmal Richter
an diesem Gericht zu sein. Das Beeindruckende am Bun-
desverfassungsgericht sind nicht nur seine rechtliche
Kompetenz und seine weitreichenden Befugnisse. Nein,

1) Ergebnis Seite 5287 B





Dr. Matthias Bartke


(A) (C)



(B)

das Beeindruckende ist vielmehr seine Aura, eine Aura,
die vor allem begründet wird durch seine Unabhängig-
keit. Obwohl das Bundesverfassungsgericht häufig hoch
politische Entscheidungen zu treffen hat, wird es von der
Bevölkerung doch als eine absolut neutrale Instanz
wahrgenommen, die nur der Sache verpflichtet ist. Das
Bundesverfassungsgericht erfreut sich bei den Bürgern
einer Wertschätzung, wie sie allenfalls noch vom Bun-

Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1805711100

Das Gericht hat in der Regel wenig Tendenz, Zeitgeist-
strömungen nachzugeben. Es fällt seine Entscheidungen
in überzeugender Überparteilichkeit und Sachorientie-
rung. Die Entscheidungsfindung erfolgt unter hoher
Transparenz.

Zu dieser hohen Transparenz und Überparteilichkeit
mag der Wahlmodus, mit dem die Richter bisher gewählt
wurden, nicht recht passen. In unserem Grundgesetz
heißt es in Artikel 94:

Die Mitglieder des Bundesverfassungsgerichtes
werden je zur Hälfte vom Bundestage und vom
Bundesrate gewählt.

Eigentlich eine ziemlich klare Vorschrift, sollte man
meinen. Im Bundesrat werden die Richter auch tatsäch-
lich vom Bundesrat gewählt. Für den Bundestag ist das
Wahlverfahren aber im Bundesverfassungsgerichtsge-
setz geregelt. Das besagt in § 6, dass nicht das Plenum
des Bundestages die Richterinnen und Richter wählt,
sondern ein vom Bundestag gewählter Wahlausschuss.
Es handelt sich hier also um eine indirekte Wahl. Diese
Regelung hat seit ihrer Einführung in der Vergangenheit
viel Kritik erfahren. Der Präsident des Bundesverfas-
sungsgerichts, Andreas Voßkuhle, hat einmal dazu aus-
geführt:

Die vielerorts als Ämterschacher empfundene Re-
krutierung der Richter des Bundesverfassungsge-
richts stößt seit jeher auf vehemente Kritik. Die
Konzentration der eigentlichen Entscheidung in der
Hand weniger „Parteifürsten“, die weitgehende
Verengung des potenziellen Kandidatenkreises auf
Parteimitglieder und Sympathisanten sowie die
mangelnde Transparenz und Nichtöffentlichkeit des
Verfahrens lassen sich in der Tat mit der im Grund-
gesetz angelegten Konzeption des Bundesverfas-
sungsgerichts als professionalisiertem Rechtspre-
chungsorgan nur schwer in Einklang bringen.

Diese Kritik von Gerichtspräsident Voßkuhle steht pars
pro toto für viele Kritiker. Gerügt wird vor allem die
mangelnde Transparenz, die als Geschacher empfunden
wird. Gewünscht wird ein transparenteres Verfahren, das
dann eine höhere demokratische Legitimation des Ge-
richts bewirkt.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Das Bundesverfassungsgericht selbst hat 2012 die in-
direkte Wahl seiner Mitglieder allerdings als verfas-
sungskonform eingestuft. Die Rechtfertigung hierfür
sieht es in der Abwägung zu dem verfolgten gesetzgebe-
rischen Ziel. Durch die indirekte Wahl sollen das Anse-
hen des Gerichts und das Vertrauen in seine Unabhän-
gigkeit gefestigt und damit seine Funktionsfähigkeit
gesichert werden. Ohne dem Gericht zu nahe treten zu
wollen: Ich finde, man hat schon einleuchtendere Be-
gründungen gehört. Das gilt insbesondere, weil das Ge-
richt in seinem Urteil zur Euro-Rettung selbst darauf be-
standen hat, dass für Entscheidungen von erheblicher
Tragweite ein Plenarvorbehalt gilt, dass diese also vom
Bundestag in öffentlicher Sitzung zu beschließen sind.
Entscheidungen über die Besetzung von Richterstellen
des Bundesverfassungsgerichts dürften ohne Zweifel
Entscheidungen von solch erheblicher Tragweite sein.
Der Bundestagspräsident, Herr Lammert, hat in einem
Artikel in der FAZ zu diesem Urteil den prägnanten Satz
formuliert: „Die schlichte Begründung verblüfft.“ Man
mag hinzufügen: Wohl wahr! Selbst Befürworter der
derzeitigen indirekten Wahl geben zu, dass zumindest
verfassungspolitisch eine Asymmetrie zwischen der ho-
hen Bedeutung der Wahl der Verfassungsrichter und der
Delegation dieser Wahl in einen Ausschuss besteht.
Hinzu kommt, dass der Wortlaut des Artikels 94 eben
doch recht eindeutig ist. Da ist vom Bundestage die
Rede und nicht von einem Ausschuss des Bundestages.

Artikel 63 des Grundgesetzes regelt die Wahl der
Kanzlerin. Auch sie wird vom Bundestage gewählt. Nie-
mand käme ernsthaft auf die Idee, die Kanzlerin durch
einen Wahlausschuss wählen zu lassen.


(Uli Grötsch [SPD]: Rechtsausschuss!)


Rechtlich ist das vergleichbar. Auch der Wehrbeauf-
tragte des Bundestages und der Präsident des Bundes-
rechnungshofes werden vom Bundestag in einer Plenar-
sitzung gewählt. Bei ihnen gibt es noch nicht einmal
einen Verfassungsauftrag mit einem entsprechenden
Plenarvorbehalt. Es sind jeweils nur einfachgesetzliche
Handlungsaufträge.

Das Bundesverfassungsgericht sagt in seinem vorhin
zitierten Beschluss aus 2012 zur Richterwahl aber auch
recht deutlich, dass der Gesetzgeber nicht gehindert ist,
andere Modalitäten für die Wahl der Mitglieder des Ge-
richts zu finden. Meine Damen und Herren, das mag
man getrost als einen deutlichen Hinweis an den Gesetz-
geber werten. Man könnte auch von einem Wink mit
dem Zaunpfahl sprechen.

Diesem Hinweis kommen wir nun nach. Ihnen liegt
ein gemeinsamer Gesetzentwurf aller im Bundestag ver-
tretenen Parteien vor. Es ist ein Antrag auf Änderung
von § 6 Bundesverfassungsgerichtsgesetz, der dem
Wortlaut und vor allem dem Geist des Artikels 94 deut-
lich gerechter wird als die bisherige Regelung.

Die hohe Unabhängigkeit, die das Bundesverfas-
sungsgericht auszeichnet und die maßgeblich zu seiner
hohen Reputation führt, darf nicht durch ein Zerreden
der Kandidaten für das höchste Richteramt beschädigt
werden. Aus diesem Grunde ist es richtig, dass in dem
Gesetzentwurf die Kompetenz für die Richterauswahl
weiterhin beim Wahlausschuss liegt. Der Ausschuss soll
auswählen und bestimmen, welche Person dem Bundes-
tag für das höchste Richteramt vorgeschlagen wird.

Im Gegensatz zur jetzigen Rechtslage soll es aber
künftig so sein, dass der Wahlausschuss nur ein Vor-
schlagsrecht erhält. Die Wahl selbst erfolgt dann durch

(D)






Dr. Matthias Bartke


(A) (C)



(D)(B)

das Bundestagsplenum – oder eben auch nicht. Denn es
ist eine Zweidrittelmehrheit der anwesenden Abgeordne-
ten, mindestens aber der Mehrheit der Mitglieder des
Bundestages erforderlich. Das, meine Damen und Her-
ren, ist schon eine ganz erhebliche Hürde. Durch diese
Regelung – Zweidrittelmehrheit der Abstimmenden,
mindestens aber die Mehrheit der Mitglieder des Bun-
destages – soll eine hohe Präsenz der abstimmenden Ab-
geordneten sichergestellt werden. Die einzelnen Richter
sollen damit eine höchstmögliche parlamentarische Le-
gitimation erfahren.

Die Richterwahl durch das Plenum des Bundestages
stärkt ganz ohne Zweifel das demokratische Rückgrat
des Gerichtes. Von entscheidender Bedeutung ist aber,
dass der Bundestag die zu berufenden Richterinnen und
Richter des Bundesverfassungsgerichtes ohne Ausspra-
che wählt. Grund hierfür ist, dass die Richter nicht in ei-
ner öffentlichen Aussprache zerredet werden sollen. Die
offene parlamentarische Debatte über Mängel und Vor-
züge der einzelnen Bewerber wäre der sicherste Weg, ihr
Ansehen zu beschädigen. Hierdurch würden sie einer
parteipolitischen Wertung und Zuordnung unterzogen,
die sie gerade nicht haben.

Das Bundesverfassungsgericht zieht seine hohe mora-
lische Autorität maßgeblich aus seiner Politikferne, und
das, meine Damen und Herren, soll auch so bleiben.

Das geradezu gegenteilige Modell haben die USA:
Die Richter des US-Supreme-Court werden vom US-
Präsidenten nominiert, müssen aber vom Senat bestätigt
werden. Diese Bestätigungsverfahren erfolgen über öf-
fentliche Hearings der jeweiligen Richter, die im abso-
luten Scheinwerferlicht stattfinden. Man spricht auch
martialisch vom „Richtergrillen“ oder von Entschei-
dungsschlachten. Dabei spielt Geld übrigens eine nicht
unerhebliche Rolle. Das führt in den USA dazu, dass der
Fachöffentlichkeit bei jedem Richter in aller Regel klar
ist, wo er politisch steht und wie er einzuordnen ist. Das
deutsche System ist aus gutem Grund anders und deut-
lich konsensualer.

Meine Damen und Herren, mit dem vorliegenden Ent-
wurf eines Gesetzes zur Änderung des Bundesverfas-
sungsgerichtsgesetzes steht eine Regelung zur Abstim-
mung, die die unbestrittenen Vorzüge einer diskreten,
vorgeschalteten Vorauswahl mit der abschließenden for-
mellen Wahl durch den Bundestag verbindet. Mit ihr ist
gewährleistet, dass weiterhin akzeptable und auf Aus-
gleich bedachte Persönlichkeiten als Richter für das Bun-
desverfassungsgericht gefunden und bestellt werden.

Meine Damen und Herren, ich bin der festen Über-
zeugung: Mit der Verabschiedung dieses Gesetzentwur-
fes aller Fraktionen werden wir unseren Rechtsstaat
noch etwas besser machen.

Ich danke Ihnen.


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805711200

Vielen Dank. – Für die Fraktion Die Linke erhält jetzt

Halina Wawzyniak das Wort.


(Beifall bei der LINKEN)


Halina Wawzyniak (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805711300

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Kolleginnen

und Kollegen! Mit dem vorgelegten Gesetzentwurf aller
Fraktionen – das ist schon gesagt worden – soll die Wahl
der Richterinnen und Richter des Bundesverfassungsge-
richts vom Richterwahlausschuss und dem Bundesrat
auch auf das Plenum des Bundestages übertragen wer-
den. Das stellt die Legitimation der Richterinnen und
Richter auf eine breitere Grundlage. Dies ist ein Mehr an
Demokratie. Wir finden das gut, und deshalb sind wir
selbstverständlich mit dabei.


(Beifall bei der LINKEN)


Zumindest in der Theorie wird diese Entscheidung
dazu führen, dass die Entscheidung über Bundesverfas-
sungsgerichtsrichterinnen und -richter nicht mehr ein-
fach einem Richterwahlausschuss überlassen bleibt. Nun
ist es so, dass der eine oder andere – ich nehme mich
persönlich da gar nicht aus – in der Lage ist, sich nach
der Entscheidung von Richterinnen und Richtern ein Ur-
teil zu bilden. Wir glauben, dass es möglich ist, dass man
sich, bevor man Richterinnen und Richter wählt, ein Ur-
teil über dieselben bildet. Deswegen ist das, finden wir,
eine gute Idee.

Wir finden aber – da besteht ein kleiner Dissens zum
Vorredner –, dass es nicht zwingend ist, dass der Wahl-
ausschuss einen Vorschlag unterbreitet. Man kann da-
rüber nachdenken, ob man nicht weitergehen kann und
ob nicht tatsächlich das Plenum insgesamt über Vor-
schläge, die vorliegen, entscheiden kann. Wir würden
uns wünschen, dass wir in diesen Gesetzentwurf so et-
was wie eine Befristung oder Überprüfung dieser Rege-
lung schreiben. Vielleicht kann man irgendwann weiter-
gehen.


(Beifall bei der LINKEN)


Wir glauben aber auch, dass der Vorschlag, den wir
hier gemeinsam unterbreiten, ein Anlass sein kann, eine
weiter gehende Debatte zu führen. Ich finde, dass man
eine ergebnisoffene Debatte – wenn ich ergebnisoffen
sage, meine ich tatsächlich auch ergebnisoffen – führen
kann, zum Beispiel ob es wirklich sinnvoll ist und hilf-
reich sein kann, wenn man Laienrichterinnen und Laien-
richter in ein Verfassungsgericht schickt. Ich bin noch
nicht entschieden, ich bin unsicher. Ich weiß, dass es das
in einigen Bundesländern gibt. Ich finde, das kann man
einfach einmal evaluieren.

Wir sollten darüber nachdenken, ob es sinnvoll und
angemessen ist – darüber sprechen wir heute Abend
noch –, eine Karenzzeit einzuführen, in der aktive Politi-
kerinnen und Politiker nicht in das Bundesverfassungs-
gericht wechseln dürfen. Es gab Fälle, in denen unmittel-
bar nach dem Ausscheiden aus dem politischen Amt in
das Bundesverfassungsgericht gewechselt wurde. Das ist
vielleicht nicht ganz so prima.

Wir finden, dass man darüber nachdenken muss – das
habe ich schon angedeutet –, ob man nicht möglicher-
weise das Vorschlagsrecht etwas verbreitert. Wenn man
schon dabei bleibt, dass der Richterwahlausschuss dem
Plenum einen Vorschlag unterbreitet, sollte man viel-
leicht überlegen, ob es auch anderen Institutionen als





Halina Wawzyniak


(A) (C)



(D)(B)

Fraktionen, Landesregierungen oder der Bundesregie-
rung möglich sein soll, dem Richterwahlausschuss
Wahlvorschläge zu unterbreiten.

Da wir in dem eigentlichen Punkt einig sind, nämlich
dass wir im Plenum die Bundesverfassungsrichterinnen
und -richter wählen lassen wollen, sollten wir uns viel-
leicht doch die Zeit nehmen, den einen oder anderen
Punkt, den ich hier angesprochen habe, zu debattieren
und zu überlegen, ob man nicht auch an anderen Stellen
etwas machen muss. Das muss nicht gleich in diesem
Gesetz sein, das kann auch in einem weiteren Gesetz er-
folgen. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Debatte
führen.

Ich will noch einen letzten Punkt ansprechen. Wir
sollten darüber diskutieren, ob es wirklich überzeugend
ist, dass das Bundesverfassungsgericht mit einstimmi-
gem Beschluss unzulässige und offensichtlich unbegrün-
dete Anträge ohne Begründung ablehnen kann. Ich weiß,
diese Begründungspflicht ist mit erheblichem Arbeits-
aufwand verbunden, aber ich glaube auch, dass die Bür-
gerinnen und Bürger einen Anspruch darauf haben, we-
nigstens ansatzweise zu erfahren, warum mit ihrer
Beschwerde so oder so umgegangen worden ist.

Letztendlich glaube ich, dass wir diese konkrete Re-
gelung relativ unproblematisch und ohne großes Gezänk
über die Bühne bringen. Ich will aber noch ausdrücklich
darum bitten, dass wir die anderen Punkte – vielleicht
haben auch Sie noch Themen – diskutieren und die De-
batte nutzen, um über eine weitere Demokratisierung des
Bundesverfassungsgerichts in Ruhe zu sprechen.

Danke schön.


(Beifall bei der LINKEN)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805711400

Vielen Dank. – Ich gebe Ihnen jetzt das Ergebnis der

Wahl eines Mitglieds des Parlamentarischen Kontroll-
gremiums gemäß Artikel 45 d des Grundgesetzes be-
kannt. Abgegebene Stimmen 569. Ungültige Stimmen 1.
Gültige Stimmen 568. Mit Ja haben gestimmt 544, mit
Nein haben gestimmt 6, Enthaltungen 18. Der Abgeord-
nete Uli Grötsch hat damit 544 Stimmen erhalten. Die
erforderliche Mehrheit von mindestens 316 Stimmen
wurde erreicht. – Vielen Dank.1)


(Beifall im ganzen Hause)


Für die CDU/CSU-Fraktion hat jetzt Dr. Stephan
Harbarth das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Matthias Bartke [SPD])



Dr. Stephan Harbarth (CDU):
Rede ID: ID1805711500

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren Kolle-

gen! Meine sehr geehrten Damen und Herren auf der
Zuschauertribüne! Wir beraten heute den Entwurf des
Neunten Gesetzes zur Änderung des Bundesverfas-
sungsgerichtsgesetzes in erster Lesung. Artikel 94 des
Grundgesetzes formuliert:

1) Anlage 2
Die Mitglieder des Bundesverfassungsgerichtes
werden je zur Hälfte vom Bundestage und vom
Bundesrate gewählt.

Der Bundesrat setzt diese Vorgabe der Verfassung seit
vielen Jahren dadurch um, dass dort das Plenum ent-
scheidet. Im Bundestag entscheidet der Wahlausschuss.

Ich möchte vorab zunächst einmal all den Kollegin-
nen und Kollegen – ich selbst gehöre nicht dazu –, die
dem Wahlausschuss angehören, sehr herzlich danksagen.
Es geht heute nicht darum, ein Misstrauen gegen den
Wahlausschuss zum Ausdruck zu bringen, sondern es
geht darum, eine verfassungspolitische Neujustierung
vorzunehmen. Aber all denen, die in den vergangenen
Jahren dort sehr besonnen, gut und engagiert gewirkt ha-
ben, zunächst einmal vielen herzlichen Dank!


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Wir haben die Entscheidung des Bundesverfassungs-
gerichts aus dem Jahr 2012, dass die bisherige Praxis der
Wahl der Verfassungsrichter durch den Wahlausschuss
grundgesetzkonform sei. Unstrittig ist dies unter Staats-
rechtlern nicht. Der derzeit amtierende Präsident des
Bundesverfassungsgerichts ist vorhin bereits zitiert wor-
den. Erlauben Sie mir, dass ich eine andere Passage sei-
ner Grundgesetzkommentierung zitiere. Er formuliert
dort:

Von nicht unerheblichen Teilen der Literatur wird
diese Regelung zu Recht für verfassungswidrig ge-
halten. Da die Verfassung selbst an verschiedenen
Stellen … zwischen dem Bundestag und den Aus-
schüssen differenziert, kann Art. 94 Abs. 1 S. 2 nur
dahingehend verstanden werden, dass dem Plenum
der Abgeordneten die Wahl der Richter vorbehalten
sein soll. Eine weitergehende Kompetenzdelegation
des Parlaments auf Teile seiner selbst widerspricht
darüber hinaus der Bedeutung dieser Entscheidung
und damit dem Erfordernis „funktionsadäquater de-
mokratischer Legitimation“.

So die Ausführungen des derzeit amtierenden Präsiden-
ten des Bundesverfassungsgerichts.

Jenseits der verfassungsrechtlichen Frage, ob man die
bisherige Praxis für rechtskonform oder für verfassungs-
widrig hält, ist es aus meiner Sicht verfassungspolitisch
richtig, künftig die Verfassungsrichter durch das Plenum
des Deutschen Bundestages wählen zu lassen. Das Bun-
desverfassungsgericht hat immer wieder zutreffend
– auch im Hinblick auf das Neunergremium im Rahmen
der Euro-Rettung – darauf hingewiesen, dass Entschei-
dungen von erheblicher Tragweite grundsätzlich im
Plenum zu treffen sind. Das ist nicht nur verfassungs-
rechtlich richtig, das ist auch verfassungspolitisch über-
zeugend. Wenn ich mir insgesamt anschaue, welche
Wahlakte das Plenum des Deutschen Bundestages vor-
zunehmen hat – dazu gehören etwa die Wahl des Wehr-
beauftragten, die Wahl des Präsidenten des Bundesrech-
nungshofs und die Wahl des Bundesbeauftragten für den
Datenschutz –, dann muss ich bei allem Respekt vor die-
sen Ämtern sagen: Die Wahl eines Verfassungsrichters
ist nicht minder wichtig, und deshalb wäre es unstimmig,





Dr. Stephan Harbarth


(A) (C)



(D)(B)

die Entscheidung über die Wahl von Verfassungsrichtern
dauerhaft beim Wahlausschuss zu belassen.

Das folgt verfassungspolitisch für mich insbesondere
aus der Kompetenz des Bundesverfassungsgerichts, Ge-
setze des Deutschen Bundestages als verfassungswidrig
zu verwerfen. Ein Senat des Bundesverfassungsgerichts
bestehend aus acht Richtern kann mit fünf zu drei
Richterstimmen beschließen, dass ein Gesetz, das der
Deutsche Bundestag einstimmig mit dem Votum von
631 Abgeordneten beschlossen hat, verfassungswidrig
ist. Wenn der Deutsche Bundestag ein Gesetz beschließt,
dann beschließt er das ja nicht nur deshalb, weil er es
politisch für zweckmäßig hält, sondern auch deshalb,
weil die Abgeordneten der Überzeugung sind, dass das
entsprechende Gesetz verfassungskonform ist. Deshalb
halte ich es für richtig, wenn fünf Verfassungsrichter in
Karlsruhe die Möglichkeit haben, das Votum von im Ex-
tremfall 631 Abgeordneten, die für ein Gesetz gestimmt
haben, zu überspielen, das Gesetz also als grundgesetz-
widrig zu verwerfen, dass diese Richter wenigstens un-
mittelbar vom Deutschen Bundestag gewählt worden
sind, der seinerseits vom deutschen Volk in unmittelba-
rer und direkter Wahl gewählt wurde.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Verfassungspolitisch spricht aus unserer Sicht viel da-
für, Frau Kollegin Wawzyniak – wir sind in der weiteren
Gesetzesberatung für den Diskurs offen –, dass man die
Wahl der Richter ohne Aussprache vornimmt. Das ist
insbesondere deshalb naheliegend, weil wir die Sorge
haben, dass Kandidaten hier im Plenum zerredet werden.
Wir finden es auch gut – jetzt komme ich auf Ihren
Punkt zurück –, wenn ein Vorschlag des Wahlausschus-
ses gemacht wird und dann über diesen Vorschlag des
Wahlausschusses abgestimmt wird, weil damit die Vor-
züge beider Systeme miteinander kombiniert werden
können.

Ich möchte klarmachen, dass es um den Ausgleich
von möglichen verfassungsrechtlichen bzw. verfassungs-
politischen Defiziten geht und nicht um einen Kompe-
tenzzuwachs für Karlsruhe. Der Umstand, dass Verfas-
sungsrichter künftig mit Zweidrittelmehrheit direkt vom
Deutschen Bundestag gewählt werden, macht sie selbst-
verständlich nicht zu Ersatzgesetzgebern, sondern be-
lässt sie in der Position, die sie bisher haben.

Wir bekommen ein Mehr an Transparenz, ein Mehr
an öffentlicher Debatte. Das mag dem einen gefallen,
das mag dem anderen nicht gefallen. Ich finde, die Be-
reitschaft, auch eine kritische Diskussion über die eigene
Person auszuhalten, sollte nicht nur von denen verlangt
werden, die sich in einem wichtigen öffentlichen Amt
um eine vierjährige oder fünfjährige Amtszeit bewerben,
sondern auch von denen, die sich um eine zwölfjährige
Amtszeit bewerben.


(Margaret Horb [CDU/CSU]: Genau!)


Wichtig ist, dass die Debatten dann mit Vernunft und mit
Stil geführt werden. Hier werden wir alle gefordert sein.
In diesem Sinne wird diese Gesetzesänderung gerade
für uns eine Verpflichtung sein, in der praktischen Um-
setzung von dem neuen Verfahren weise Gebrauch zu
machen.

Vielen herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805711600

Nächste Rednerin ist Renate Künast, Bündnis 90/Die

Grünen.


Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805711700

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe

Vorrednerin und liebe Vorredner! Herr Bartke war der
Erste, der den jetzigen Verfassungsgerichtspräsidenten,
zitiert hat, der noch als Herr Professor Voßkuhle in einer
Kommentierung ausgeführt hat, dass es nach dem Wort-
laut des Grundgesetzes wohl richtig sei, dass der Bun-
destag und nicht eine vom Bundestag bestimmte Kom-
mission wählt. Das finde ich auch richtig.

Ich will nur hinzufügen – Herr Harbarth und andere
haben das auch angesprochen –: Es ist eigentlich noch
viel putziger.


(Dr. Matthias Bartke [SPD]: Stimmt!)


Es ist putzig, dass der Professor Voßkuhle so kommen-
tiert hat, dass aber der Verfassungsrichter Voßkuhle dazu
geurteilt und in einer Entscheidung gesagt hat: Nein, das
jetzige Verfahren ist mit dem Grundgesetz vereinbar. –
Ein wenig gewunden, einige Pirouetten gedreht, und mir
scheint es auch so zu sein: ein klein wenig sich nicht ge-
traut, in eigener Sache zu sagen: Bundestag, mach es mal
anders!

Insofern ist der heutige Tag, an dem wir alle miteinan-
der, alle Fraktionen, diesen Entwurf für eine Gesetzesän-
derung einbringen, ein guter Tag. Es ist aber auch ein gu-
ter Tag für Herrn Voßkuhle. Von dem geistigen Spagat,
den er in seinem Leben noch aushalten musste, erlösen
wir ihn jetzt. Gut so!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Dr. Matthias Bartke [SPD] und Halina Wawzyniak [DIE LINKE])


Es ist gut, meine Damen und Herren, dass wir – ich sagte
es schon – gemeinsam zu dem Ergebnis kommen. Wir
als Grüne haben schon viele Jahre genau eine solche Re-
gelung – Wahl durch das Plenum – gefordert.

Eines ist klar – einige haben es schon angetippt –:
Nicht nur das Grundgesetz fordert uns vom Wortlaut her
auf, als Bundestag zu wählen; die jetzige Regelung be-
deutet auch eine Schieflage im Verhältnis zu Wahlen von
anderen Beauftragten, die wir im Plenum durchführen:
den bzw. die Datenschutzbeauftragte, die bzw. den Wehr-
beauftragten. Da ist es schon angemessen, auch die
Krone des Rechts, die höchsten Richterinnen und Rich-
ter, die Spitze der rechtsprechenden Gewalt in unserer
Gewaltenteilung ebenfalls im Plenum des Deutschen
Bundestags zu wählen; alles andere wäre nicht angemes-
sen.





Renate Künast


(A) (C)



(D)(B)

Lassen Sie mich auch sagen: Ich bin froh darüber,
dass wir dieses Gesetz erst jetzt einbringen und es nicht
vor einem halben oder einem Dreivierteljahr eingebracht
haben, als es noch Auseinandersetzungen gab über Ideen,
die Entscheidungsmöglichkeiten des Verfassungsgerichts
einzuengen. Seinerzeit wäre es das falsche Signal gewe-
sen, hätte es eine falsche Botschaft vermittelt.

Wir sollten froh sein, dass wir eine Gewaltenteilung
haben. Ich erlebe ständig, dass uns Delegationen aus al-
ler Herren und Frauen Länder – die Kolleginnen und
Kollegen aus dem Rechtsausschuss kennen das – immer
fragen: „Wie funktionieren eigentlich bei euch Rechts-
staat und Gewaltenteilung?“, und die immer versuchen
wollen, die Prinzipien, aber auch das Selbstbewusstsein
zu verstehen, das für jede einzelne der drei Gewalten da-
zugehört.

Insofern ist es richtig, dass wir die Mitglieder des Ver-
fassungsgerichts im Plenum wählen, und es ist auch
richtig, dass manche Idee vom Anfang des Jahres, die
Rechte des Verfassungsgerichts zu beschneiden, nicht
Realität wird.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich habe noch zwei, drei Änderungsideen. Wir als
Grüne haben nicht nur gefordert, dass im Plenum ge-
wählt wird, sondern wir haben noch eine Vielzahl ande-
rer Forderungen.

Eine Forderung will ich als erste nennen, weil ich
glaube, dass es für alle anderen am einfachsten ist, sie
mitzutragen. An einer Stelle ist dieses Gesetz nämlich
noch altertümlich, und zwar da, wo es für das Beset-
zungsverfahren in der Kommission immer noch d’Hondt
vorsieht. Jetzt weiß ich, dass manche sagen: Ach, sollen
wir das auch noch ändern! – Es ist aber altertümlich,
weil wir uns überall für ein anderes Verfahren entschie-
den haben. Deshalb bitte ich alle, darüber nachzudenken,
ob wir das im Gesetzgebungsverfahren nicht ändern und
hier auch das Verfahren nach Sainte-Laguë/Schepers hi-
neinnehmen können. Das ändert im Augenblick gar
nichts. Aber es ist besser, es zu dem Zeitpunkt zu ändern,
an dem wir tatsächlich Hand ans Gesetz legen.

Zweiter Punkt ist das Thema Frauenquote. Das Ge-
richt ist mit Frauen besetzt wie schon lange nicht mehr.
Die Geschlechter finden sich durchaus passabel wieder,
obwohl man auch hier noch weitermachen kann. Aber
wenn dieser Bundestag hier demnächst ein Quotengesetz
für die Vorstände und für die Aufsichtsräte und eine Fle-
xiquote für das Management usw. beschließt, fragt man
sich ja, warum dann nicht auch für das Bundesverfas-
sungsgericht eine vielleicht ähnlich hohe Quote für
Frauen und Männer vorgesehen wird, um einfach einer
zukünftig vielleicht auftretenden Fehlentwicklung zu
wehren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Mein dritter Punkt ist die Frage der Anhörung, die
Frau Wawzyniak auch schon angesprochen hat. Wir
würden mit Ihnen im Ausschuss gern auch über Anhö-
rungen diskutieren. Ich weiß, dazu gibt es bei uns,
durchaus auch in der Fraktion, noch unterschiedliche
Auffassungen. Lassen Sie uns hier über ein Verfahren
für das Plenum oder für die Kommission diskutieren.
Jetzt ist es so, dass immer außerhalb der Kommission die
Gespräche mit den potenziellen Kandidatinnen und Kan-
didaten stattfinden.

Ich sage aber persönlich auch dazu: Ich möchte nicht
da enden, wo die in den USA enden. Der Präsident
macht einen Vorschlag, und danach, glaube ich, wird die
Person, die dann bei einer solchen Anhörung abgelehnt
worden ist, nie wieder für ein Amt kandidieren. Also, ich
will nicht diese Schärfe der Auseinandersetzung und
diese Herabwürdigung einzelner Personen. Deswegen
bin ich an der Stelle für Vorschläge offen. Aber Sie wis-
sen, dass wir immer gesagt haben: Es muss mehr Aus-
einandersetzungen über die Personen geben und sie müs-
sen sich der Debatte stellen.

Ich kann also feststellen, meine Damen und Herren:
Heute ist ein guter Tag, ein guter Tag für das Gericht, weil
es als Spitze der Rechtsprechungsgewalt in Deutschland
angemessener behandelt wird. Es ist ein guter Tag für
den Bundestag und ein guter Tag für mehr Transparenz
durch Wahlen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805711800

Als nächstem Redner erteile ich Herrn Dr. Stefan

Heck, CDU/CSU-Fraktion, das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Stefan Heck (CDU):
Rede ID: ID1805711900

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ge-

rade zieht das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe
nach dreijähriger Renovierungszeit in sein altes Stamm-
gebäude zurück – für uns eine gute Gelegenheit, auch
das Bundesverfassungsgerichtsgesetz zu renovieren. Es
geht zwar formal nur um einen wenig geänderten Text,
aber unser Vorschlag, künftig dem Plenum des Deut-
schen Bundestages bei der Richterwahl das letzte Wort
zu lassen, ist ein nicht zu unterschätzender Eingriff in
das bisherige Gefüge des Gerichts.

Nach dem, was wir hier gehört haben, ist es, glaube
ich, gut, dass dieser Prozess – das gilt dann letztlich auch
für eine Entscheidung –, den wir heute anstoßen, auf
breiter Unterstützung fußt und dass wir das auch reich-
lich abgewogen haben. Denn gerade Änderungen bei der
Richterwahl zum Bundesverfassungsgericht bedürfen ei-
ner sorgfältigen Prüfung. Immerhin geht es – um bildlich
im Baubereich zu bleiben – um die Statik des Bundes-
verfassungsgerichts, das wiederum eine große Bedeu-
tung für die Statik unseres Grundgesetzes hat. In diesem
Grundgesetz – es ist eben schon zitiert worden – heißt es
ganz schlicht:

Die Mitglieder des Bundesverfassungsgerichtes
werden je zur Hälfte vom Bundestage und vom
Bundesrate gewählt.





Dr. Stefan Heck


(A) (C)



(D)(B)

Das, was in der Verfassung so einfach klingt, stellt
sich in der Verfassungspraxis als gar nicht so einfache
Aufgabe dar. Dementsprechend liest sich der Paragraf
im Bundesverfassungsgerichtsgesetz, der das Verfahren
zur Wahl der Richter konkretisiert, sehr viel komplizier-
ter. Aus dem einen Satz im Grundgesetz sind immerhin
fünf ganze Absätze im entsprechenden Gesetz gewor-
den.

Aber auch in Zukunft wird sich das Wahlverfahren
nicht auf einen einzigen Satz verkürzen lassen. Die Wahl
der Richter am Bundesverfassungsgericht bleibt eine
heikle Angelegenheit. Das ergibt sich schon aus der be-
reits angesprochenen Machtfülle, die den acht Richtern
jedes Senats auferlegt worden ist. Sie wachen über die
Aufrechterhaltung unserer Verfassungsordnung, und sie
allein sind es, die Gesetze dieses Hohen Hauses am Ende
für nichtig erklären können.

Es ist daher von ganz entscheidender Bedeutung, dass
das Handeln des Bundesverfassungsgerichts mit all sei-
ner rechtlichen, gesellschaftlichen, aber am Ende eben
auch politischen Tragweite von einem soliden Funda-
ment an Legitimität getragen wird. Dazu gehört natür-
lich auch die Legitimation der Zusammensetzung des
Gerichts und am Ende jedes einzelnen Richters selbst.
Die Richter sollen nicht nach persönlichen Ansichten
richten. Für die Richter des Bundesverfassungsgerichts
gilt wie für die Richter jedes anderen Gerichts in
Deutschland Artikel 20 Grundgesetz: Sie sind an Recht
und Gesetz gebunden. Doch gerade die Juristen unter
uns wissen, dass am Ende jeder zumal verfassungsrecht-
lichen Fragestellung eine Wertentscheidung getroffen
werden muss, die von der Persönlichkeit des Richters
nicht zu trennen ist. Deshalb ist es richtig, dass wir die
Legitimität der Richter auf eine möglichst breite Basis
stellen.

Ich möchte einen weiteren Gedanken ansprechen: Wir
leisten damit heute auch einen Beitrag zum Schutz parla-
mentarischer Minderheiten. Ich erwähne das, weil wir
dieses Thema hier erst kürzlich kontrovers diskutiert ha-
ben. Das Bundesverfassungsgericht hatte die bisherige
Rechtslage bei der Wahl der Richter 2012 ausdrücklich
für verfassungskonform erklärt. Deswegen denke ich,
wir sollten heute ganz selbstbewusst darauf hinweisen,
dass wir keineswegs Karlsruher Vorgaben umsetzen,
sondern – so sollte es der Normalfall sein – eine eigen-
ständige politische Entscheidung treffen. Wir stärken die
Minderheitenrechte hier in diesem Haus, und zugleich
stärken wir die Legitimation des Bundesverfassungsge-
richts. Wir bringen damit zum Ausdruck, liebe Kollegin-
nen und Kollegen: Politik wird weiterhin hier in Berlin
und nicht in Karlsruhe gemacht.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Ich möchte daher auch ganz deutlich sagen, was es in
Zukunft nicht geben soll und nicht geben wird: Das sind
öffentliche Kreuzverhöre, wie sie für die Richter des Su-
preme Court in den Vereinigten Staaten vorgesehen sind.
Wir sind überzeugt: Es kommt auf die fachliche und per-
sönliche Eignung der Richter an und eben gerade nicht
auf die Redegewandtheit und die persönliche Meinung
von Kandidaten zu tagespolitischen Themen und am
Ende auch nicht auf die Fähigkeit, sich in den Medien
möglichst überzeugend darzustellen. Wir alle sollten uns
deshalb davor hüten, die Wahl der Richter des Bundes-
verfassungsgerichts zum Gegenstand parteipolitischer
Auseinandersetzungen zu machen. Deshalb werden die
Richter auch weiterhin ohne Aussprache gewählt wer-
den; wir nehmen damit eine Verfassungstradition auf,
welche die Würde der höchsten Staatsämter wahrt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, in der Summe steht
der Ihnen vorliegende Gesetzentwurf auch unter dem
Motto „Mehr Demokratie wagen“. Mit der Stärkung des
Plenums bei der Richterwahl machen wir deutlich: De-
mokratische Legitimation ist auch für die Wahl der Rich-
terinnen und Richter des Bundesverfassungsgerichts un-
verzichtbar; denn Artikel 20 des Grundgesetzes stellt
unmissverständlich klar, dass alle Staatsgewalt vom
Volke ausgeht, darunter eben auch die rechtsprechende
Gewalt.

So richtig es ist, dass das Bundesverfassungsgericht
unser Handeln als Bundestag kontrolliert, ist es keines-
wegs so, dass die Rechtsprechung quasi als unnahbare,
sich selbst legitimierende Trutzburg des Rechts das
Volkshandeln kontrolliert. Genau das Gegenteil ist der
Fall: Das Volk kontrolliert sich selbst. Die Legitimation
all unserer Verfassungsorgane geht vom Volk aus. Auch
die Richter am Bundesverfassungsgericht kommen des-
halb um eine solide demokratische Legitimation nicht
herum.

Deswegen, Frau Künast, bin ich auch skeptisch, ob
wir, nachdem wir auch im Bundestag aus guten Gründen
keine Frauenquote haben, damit nun beim Bundesver-
fassungsgericht anfangen sollten.

Ich komme zum Schluss. Wer uns als Parlament bis-
weilen zu bedenken gibt – und das gelegentlich zu
Recht –, was das Demokratieprinzip erfordert, der sollte
auch selbst hinreichend demokratisch legitimiert sein.
Dafür tragen wir heute Sorge. In den letzten Jahren ha-
ben wir einiges investiert – um wieder zu dem Bild vom
Anfang zurückzukommen –, um durch Renovierungen
unsere Bausubstanz landauf, landab zukunftsfest zu ma-
chen. Das gilt unter anderem für das nunmehr renovierte
Hauptgebäude des Bundesverfassungsgerichts. Unter-
schätzen wir deshalb nicht die kleine Renovierung des
Bundesverfassungsgerichtsgesetzes, die wir heute ansto-
ßen. Mit diesem Plus an demokratischer Legitimation
machen wir das höchste deutsche Gericht zukunftsfest.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805712000

Als letztem Redner in der Debatte erteile ich das Wort

Dr. Volker Ullrich, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)







(C)



(D)(B)


Dr. Volker Ullrich (CSU):
Rede ID: ID1805712100

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Liebe Kollegen! Die Wahl der Verfassungsrich-
ter durch das Plenum des Deutschen Bundestages ist
eine nicht völlig unerhebliche Änderung der Verfas-
sungspraxis in diesem Lande. Das Grundgesetz und das
Bundesverfassungsgerichtsgesetz geben dem Bundes-
verfassungsgericht eine starke Stellung. Es hat damit
nicht nur die Kompetenz, Gesetze zu verwerfen, sondern
die Urteile des Bundesverfassungsgerichts haben unter
bestimmten Umständen auch selbst Gesetzeskraft. Die
starke Akzeptanz des Grundgesetzes und das hohe
Schutzniveau unserer Grundrechte verdanken wir in den
letzten 60 Jahren auch der Arbeit unseres Verfassungs-
gerichts. Deswegen sei an dieser Stelle auch dem Verfas-
sungsgericht für seine Arbeit im Verfassungsgefüge ge-
dankt.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg. Halina Wawzyniak [DIE LINKE])


Das Verhältnis zwischen dem rechtsetzenden Bundes-
tag und dem rechtsprechenden Verfassungsgericht ist
dennoch sensibel. Die Grenze zwischen gesetzgeberi-
scher Wertentscheidung und verfassungsrechtlicher
Kontrolle ist oftmals fließend. Gleichwohl sollte diese
Grenze im Interesse beider Verfassungsorgane zumin-
dest bestimmbar sein. So wie der Bundestag im Rahmen
der Gesetzgebung den Schutz verfassungsgemäßer
Rechte beachten sollte, hoffen auch wir stets auf ein Be-
mühen des Verfassungsgerichts, die gesetzgeberischen
Entscheidungsspielräume zu respektieren.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Eine Wahl der Richter des Verfassungsgerichts durch
das Plenum des Deutschen Bundestages stärkt beide Ver-
fassungsorgane. Es stärkt das Bundesverfassungsgericht,
weil durch die Erfüllung des Wortlautes des Grundgeset-
zes die Richter eine höhere demokratische Legitimation
haben. Es stärkt aber auch den Deutschen Bundestag,
weil die Mitwirkungsrechte aller Kollegen in einem ent-
scheidenden Punkt nicht nur gewahrt, sondern auch ge-
stärkt werden.

Wir sollten uns im Rahmen der Debatte über diesen
Gesetzesvorschlag auch über die Modalitäten der Ent-
scheidungsfindung unterhalten. Ich glaube, wir sind uns
einig, dass die Würde des Verfassungsorgans Bundesver-
fassungsgericht und die starke Stellung der Richter, die
gerade unabhängig sein sollen, eine Anhörung oder gar
eine Debatte im Plenum des Deutschen Bundestages un-
möglich machen. Gleichwohl meine ich, dass das Infor-
mationsrecht des einzelnen Abgeordneten – möglicher-
weise auch auf vertraulichem Wege – über die zu
bestimmenden Kandidaten eine Rolle einnehmen sollte,
über die wir noch konkret zu sprechen haben. Ich glaube,
dass sich jeder Kollege aus diesem Hohen Hause, der zu-
künftig Verfassungsrichter wählt, redlicherweise zumin-
dest über die Kandidaten informieren sollte. Das sind
wir der Machtbalance zwischen beiden Verfassungsorga-
nen schuldig. Wie diese Mitwirkungspflicht erfüllt wird,
sollten wir möglicherweise auch im Rahmen der Ge-
schäftsordnung festlegen.
Letzten Endes wird sicherlich die Frage erlaubt sein,
ob diese Änderung verfassungspolitisch in der Verfas-
sungspraxis eine tatsächliche Änderung bringt oder
nicht. Die Beantwortung dieser Frage sei in den Raum
gestellt. In unserer Verfassung kommt auch dem Verfah-
ren und der Pflege von Symbolen ein hoher Wert zu.
Allein der Umstand, dass zukünftig dieses Plenum die
Verfassungsrichter wählt, ist eine Stärkung der demokra-
tischen Teilhabe und eine Aufwertung des Symbols Bun-
desverfassungsgericht im Machtgefüge zweier Verfas-
sungsorgane. Wer es mit unserer Verfassung ernst meint
und sie weiterhin stärken möchte, kommt um die Pflege
und die Wertschätzung der Verfassungssymbole nicht
umhin.

In diesem Sinne: Lassen Sie uns dieses Verfahren be-
schließen, auf dass das Verfassungsgericht und der Bun-
destag gleichermaßen an Rechten gewinnen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805712200

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung des Gesetzent-
wurfs auf Drucksache 18/2737 an die in der Tagesord-
nung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. Gibt es
anderweitige Vorschläge? – Das ist nicht der Fall. Dann
ist die Überweisung so beschlossen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 10 auf:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Klaus
Ernst, Matthias W. Birkwald, Susanna
Karawanskij, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion DIE LINKE

Die Abgeltungsteuer abschaffen – Kapitaler-
träge wie Löhne besteuern

Drucksache 18/2014
Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)

Haushaltsausschuss

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 38 Minuten vorgesehen. Ich höre keinen
Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache und erteile als erstem Red-
ner das Wort dem Abgeordneten Klaus Ernst, Fraktion
Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Klaus Ernst (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805712300

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Bis zum

Jahre 2009 galt, dass Kapitalerträge prinzipiell wie Ein-
künfte aus Arbeit zu besteuern sind. Je nach Höhe des
Einkommens eines Steuerpflichtigen wurden deshalb
Kapitalerträge mit bis zu 42 Prozent besteuert. Mit der
Reichensteuer waren es sogar 45 Prozent. Unter Kohl
waren es übrigens 52 Prozent. 2009 wurde dies geändert.
Die Abgeltungsteuer wurde eingeführt. Kapitalerträge

(A)






Klaus Ernst


(A) (C)



(D)(B)

werden seitdem im Regelfall nur noch mit einem pau-
schalen Satz von 25 Prozent besteuert. In der Folge heißt
das, dass wir Arbeit höher besteuern als hohe Kapitalein-
kommen. Reiche werden damit steuerpolitisch geschont,
Beschäftigte, die ihr Geld mit ehrlicher Arbeit verdienen
müssen, geschröpft. Die Privilegierung von Kapitalein-
künften, meine Damen und Herren, durch die Abgel-
tungsteuer gehört abgeschafft. Sie ist nicht zeitgemäß.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Mit welcher Begründung haben Sie das gemacht? Der
Gedanke hinter der Abgeltungsteuer war – um es mit den
Worten des damaligen Finanzministers Peer Steinbrück
zu sagen –:

Besser 25 Prozent von X als 42 Prozent von nix.

Durch einen Billigtarif sollten die Steuersünder bitte
schön zur Ehrlichkeit bewegt werden. Hat das funktio-
niert?


(Ralph Brinkhaus [CDU/CSU]: Ja!)


Seit Einführung der Abgeltungsteuer sanken die Steuer-
einnahmen laut Kassenstatistik dauerhaft um etwa
4 Milliarden Euro.


(Ralph Brinkhaus [CDU/CSU]: Hat das vielleicht etwas mit den Zinsen zu tun?)


Offenbar waren die Steuerflüchtigen trotz Billigtarif
nicht bereit, ehrlich zu sein. In Ihrer Antwort auf unsere
Kleine Anfrage führen Sie diesen Einbruch wesentlich
auf die Finanz- und Wirtschaftskrise zurück. Wie kom-
men Sie denn darauf?


(Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Vor allem die Entwicklung der Zinsen, das ist das Problem!)


Selbst in der Krise sind die Vermögen der Reichen und
Superreichen hierzulande deutlich gewachsen. In der
Krise! Eine geringere Einnahme aus der Besteuerung
von Kapitaleinkommen lässt sich mit der Krise wirklich
nicht begründen.


(Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Eben doch!)


Die Zahl der Vermögensmillionäre in Dollar hat sich
laut World Wealth Report seit 2008 um 40 Prozent er-
höht. Es waren 810 000, inzwischen haben wir 1,1 Mil-
lionen Vermögensmillionäre in Deutschland. Dass die
eigentlich mehr und nicht weniger Steuern aufbringen
müssten als vorher, dürfte auch Ihnen nicht so ganz
fremd sein.

35 Milliarden Euro Dividende – eine Rekordsumme –
haben deutsche Unternehmen 2013 an ihre Aktionäre
ausgeschüttet. Meine Damen und Herren, selbst der Te-
lekom-Chef Timotheus Höttges lässt sich gestern wie
folgt in der Münchner tz zitieren:

Wenn einige wenige riesige Vermögen anhäufen,
die nicht mehr in die Realwirtschaft fließen, führt
diese Ungleichheit zu Ungerechtigkeit … Mein
Eindruck ist, dass die Schere bereits zu weit aus-
einandergegangen ist.

Diese Debatte haben wir bereits in den Vorständen von
DAX-Unternehmen. Hier hält sie leider noch zu wenig
Einzug, meine Damen und Herren.

Statt steuerpolitisch entgegenzuwirken, verschärfen
Sie dieses Problem durch einen Billigtarif für Kapitaler-
träge. Das WSI, ein wissenschaftliches Institut, hat ge-
rade eine neue Studie veröffentlicht mit dem Titel
„Reichtum in Deutschland wächst und verfestigt sich“.
In der Presseerklärung des WSI heißt es dazu:

Einen wesentlichen Grund für den wachsenden Ein-
kommensvorsprung insbesondere der sehr Reichen
sehen die Wissenschaftler im höheren Gewicht der
Kapitaleinkommen in ihren Haushalten. Da Men-
schen mit hohen Einkommen sehr häufig auch grö-
ßere Vermögen besitzen, profitieren sie in besonde-
rem Maße von Zinsen, Dividenden oder
Mieteinnahmen. Gerade während der 2000er Jahre
haben sich Kapitaleinkommen deutlich stärker ent-
wickelt als Lohneinkommen. Und durch die pau-
schale Abgeltungssteuer werden sie niedriger be-
steuert als Arbeitseinkommen.

Meine Damen und Herren, in der Antwort auf unsere
Kleine Anfrage kommen Sie zu dem Ergebnis, dass die
alte Rechtslage, also die Besteuerung von bis zu 45 Pro-
zent, in allen Jahren, die danach gefolgt wären, zu Min-
dereinnahmen geführt hätte. Bezogen auf die 25 Prozent
Abgeltungsteuer ist das nun wirklich absurd. Ihre Ein-
schätzung beruht auch nicht auf statistisch belegten Zah-
len, sondern auf einer Simulationsrechnung, wie Sie
selber schreiben. Ihr Ergebnis steht im krassen Wider-
spruch zur Kassenstatistik, also den realen Zahlungsein-
gängen, die wir vereinnahmen können.

Zugegebenermaßen gibt es darin Ungenauigkeiten
aufgrund unterschiedlicher Jahrgänge usw. Diese erge-
ben sich zum Beispiel daraus, dass nicht alle Steuer-
pflichtigen ihre Steuererklärung und damit ihre Zahlun-
gen zu dem Zeitpunkt leisten, dem sie statistisch
zugeordnet werden sollen. Dennoch: Zwischen Ihrer Mi-
krosimulation und den realen Kasseneingängen besteht
eine riesige Differenz, die durch diese Ungenauigkeit
nicht erklärbar ist. Ich empfehle dringend, Ihre Mikrosi-
mulation noch einmal zu überarbeiten. Sie hält einer Re-
alitätsüberprüfung nicht stand. Das Deutsche Institut für
Wirtschaftsforschung – nicht gerade für Falschrechnen
im Auftrag der Linksfraktion bekannt – geht von min-
destens 4 Milliarden Euro Mindereinnahmen jährlich
durch die Abgeltungsteuer aus.

Im Übrigen: Ihre Begründung von damals, das scheue
Reh Kapital nicht durch zu hohe Besteuerung zu ver-
schrecken, ist inzwischen wirklich haltlos. Es gibt
Steuer-CDs, ein automatisierter Informationsaustausch
zwischen den Staaten ist geplant, und die Zahl der
Selbstanzeigen von Steuerbetrügern liegt auf Rekord-
niveau. Sie müssen keinen Anreiz zur Ehrlichkeit da-
durch schaffen, dass Sie es besonders billig machen. Das
ist nicht mehr notwendig. Selbst wenn die Begründung





Klaus Ernst


(A) (C)



(D)(B)

von damals falsch war: Heute ist sie noch „falscher“,
durch Zeitablauf überholt.

Ich fordere Sie deshalb auf: Schaffen Sie Steuerge-
rechtigkeit! Schaffen Sie die Abgeltungsteuer ab! Es ist
absolut inakzeptabel, Arbeit höher zu besteuern als ar-
beitsloses Einkommen.


(Beifall bei der LINKEN)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805712400

Als nächstem Redner erteile ich das Wort dem Abge-

ordneten Olav Gutting, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Olav Gutting (CDU):
Rede ID: ID1805712500

Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen!

„Groundhog Day“ bei den Linken: Altbekannt fordern
sie wieder einmal die Abschaffung der Abgeltungsteuer.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Das ist gut so!)


Ich sage es gleich vorweg: Wir werden das auch die-
ses Mal ablehnen, und zwar nicht, weil wir glauben, dass
die Abgeltungsteuer der Weisheit letzter Schluss ist,
nicht weil wir glauben, dass die Abgeltungsteuer etwa
ein Meilenstein wäre im Sinne von Steuergerechtigkeit
und Steuervereinfachung, und auch nicht, weil wir etwa
glauben würden, dass es grundsätzlich richtig ist, Lohn-
einkünfte und Einkünfte aus Kapital unterschiedlich zu
besteuern. Wir lehnen eine Abschaffung vielmehr ab,
weil heute immer noch das gilt, was 2008, 2009 gegolten
hat und was Peer Steinbrück damals bei der Einführung
richtigerweise gesagt hat – Sie haben ihn vorhin zitiert –,
nämlich 25 Prozent auf X sind allemal besser als
100 Prozent oder 45 Prozent auf nix.

Jetzt ist es natürlich einfach, mit dem Verweis auf
eine Privilegierung von Kapitalerträgen gegenüber den
Arbeitseinkommen eine Neiddebatte zu entfachen. Wir
müssten uns dann aber auch mit den Folgen einer Ab-
schaffung der Abgeltungsteuer beschäftigen. Während
bei der Besteuerung von Kapitalerträgen vor der Abgel-
tungsteuer, also in der Vergangenheit, der Staat auf die
ordnungsgemäße und vollständige Angabe dieser Ein-
künfte angewiesen war, haben wir heute die Situation,
dass die auszahlende Stelle, in der Regel eine Bank, das
Geld direkt an das Finanzamt abführt. Bei einer Rück-
kehr zum alten System, wie Sie fordern, wäre man wie-
der davon abhängig, dass Kapitalerträge von den Steuer-
bürgern vollständig angemeldet werden. Wir hätten also
wieder die Situation wie in der Vergangenheit, dass hin
und wieder etwas vergessen wird.

Mit der Einführung der Abgeltungsteuer und – das
darf man nicht vergessen – der damit verbundenen Ab-
schaffung der einjährigen Spekulationsfrist für Wertpa-
piergewinne – das kam ja zusammen – haben wir ein
Stück Steuergerechtigkeit, zumindest beim Steuervoll-
zug, geschaffen. Das war im Wesentlichen auch der An-
trieb für die Einführung der Abgeltungsteuer. Was nützt
es, wenn Sie einen Teil der Steuerpflichtigen mit einem
gerechten Tarif belegen, gleichzeitig aber ein anderer
Teil der Steuerpflichtigen quasi mit null rausspaziert.
Das kann ja wohl nicht im Sinn einer steuerlichen
Gleichbehandlung sein.

Fakt ist: Die Einführung damals war richtig, und die
damals angeführten Gründe gelten bis auf Weiteres – das
will ich hier unterstreichen – heute noch; denn auch zum
jetzigen Zeitpunkt kann die Einbeziehung von Kapitaler-
trägen im Rahmen der regulären Besteuerung ohne ir-
gendeine Form von Quellensteuer nicht gewährleistet
werden.


(Lisa Paus [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist doch Unsinn!)


Herr Ernst, Sie haben in der Erläuterung zu Ihrem An-
trag darauf abgestellt, dass es einen Wandel gibt, dass
wir zwischenzeitlich mit dem automatischen Informa-
tionsaustausch in Steuersachen vorankommen; das ist
richtig. Wir befinden uns international in einem Trans-
formationsprozess. Der automatische Informationsaus-
tausch bedeutet geradezu einen Paradigmenwechsel im
internationalen Kampf gegen Steuerhinterziehung, im
internationalen Kampf um Steuergerechtigkeit.

Wir haben das Ziel, das im Ausland deponierte
Schwarzgeld sichtbar zu machen. Allerdings – und auch
das gehört zur Wahrheit – liegen aktuell die notwendigen
Voraussetzungen für einen einigermaßen flächendecken-
den automatischen Informationsaustausch noch nicht
vor. Wir haben in den letzten Jahren fast 50 Doppel-
besteuerungsabkommen nach OECD-Muster abge-
schlossen. Wir arbeiten dafür – das tun wir gemeinsam –,
dass der automatische Informationsaustausch in Europa
endlich Standard wird, nicht nur in der EU, sondern in
ganz Europa. Aber wir müssen anerkennen, dass die bis-
her geschlossenen Abkommen noch nicht ausreichen,
um die Einbeziehung der Kapitaleinkünfte bei der natio-
nalen Besteuerung sicherzustellen.

Lassen Sie mich eine kurze Bestandsaufnahme zur
Abgeltungsteuer seit ihrer Einführung machen:

Erstens. Das System der Besteuerung an der Quelle
funktioniert. Die Abgeltungsteuer entlastet Bürger und
Verwaltung von unnötiger Bürokratie. Zum Beispiel
müssen viele Steuerpflichtige heute keine Erklärung zu
ihren Kapitaleinkünften, Anlage KAP, mehr abgeben.


(Anja Hajduk [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ist das ernst gemeint?)


Zweitens. Die Zahlen des Ministeriums, die uns vor-
liegen, belegen klar – über Zahlen kann man immer
streiten –, dass die Abgeltungsteuer in allen Jahren seit
2008 zu Mehreinnahmen gegenüber der alten Regelung
geführt hat, und zwar in Höhe von circa 5 Milliarden
Euro.


(Lisa Paus [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Herr Gutting, das stimmt nicht! Das ist gelogen! Das Gegenteil ist richtig!)


Sie haben die Kassenlage angesprochen. Ihre Argu-
mentationslinie ist fehlerhaft. Sie ziehen die falschen
Schlüsse. Es ist richtig, dass es kassenmäßig einen Rück-
gang beim Steueraufkommen gab. Das liegt aber nicht
an der Abgeltungsteuer,





Olav Gutting


(A) (C)



(D)(B)


(Lisa Paus [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Doch!)


das liegt auch nicht an der Wirtschaftskrise, sondern das
liegt daran, dass wir seit Jahren eine Niedrigzinsphase
haben. Es ist völlig logisch, dass ich, wenn ich niedri-
gere Zinsen bekomme und niedrigere Kapitalerträge
habe, auch eine geringere Kapitalertragsteuer bzw. Ab-
geltungsteuer zahle.


(Lisa Paus [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Im Gesetz selbst standen schon Mindereinnahmen drin! 1 bis 1,5 Milliarden weniger, nicht mehr!)


Was wäre die Alternative? Dazu haben wir in Ihrem
Antrag nichts gefunden. Die Alternative wäre die
Wiederherstellung der alten Rechtslage. Mit keinem
Wort sagen Sie, wie die Besteuerung von Kapitalerträ-
gen sichergestellt werden soll. Wir würden, wenn wir
uns von der Abgeltungsteuer verabschiedeten, ein Stück
Steuervollzugsgerechtigkeit abgeben. Deswegen ist die
Rückkehr zur alten Rechtslage für uns derzeit nicht dar-
stellbar.

Lassen Sie uns doch lieber gemeinsam an dem müh-
samen Projekt der Bekämpfung grenzüberschreitender
Steuerhinterziehung arbeiten. Lassen Sie uns gemeinsam
diese Lücke bei der Steuergerechtigkeit schließen. Die
OECD sieht vor, dass 2017/2018 zum ersten Mal ein au-
tomatischer Datenaustausch stattfindet. Wir werden das
in diesem Parlament und vonseiten der Bundesregierung
mit der entsprechenden nationalen Rechtssetzung beglei-
ten. Das heißt, wir sind auf einem guten Weg. In abseh-
barer Zukunft werden wir mit der wirksamen Umsetzung
des grenzüberschreitenden Informationsaustausches völ-
lig neue Handlungsoptionen haben, um zu einer gerech-
ten Besteuerung von Kapitalerträgen zu kommen.

Bis dahin – das will ich unterstreichen – werden wir
Ihren Antrag ablehnen. Danach können wir gerne ge-
meinsam über eine entsprechende Lösung sprechen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805712600

Als nächster Rednerin erteile ich das Wort der Abge-

ordneten Lisa Paus, Bündnis 90/Die Grünen.


Lisa Paus (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805712700

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir spre-

chen hier über eine Steuer, die wahrscheinlich höchstens
10 Prozent der Bundesbürger wirklich kennen bzw.
nachvollziehen können. Das ist das Geheimnis ihres Er-
folges. Wüssten nämlich 90 Prozent der Menschen in
diesem Land, worum es bei der Abgeltungsteuer eigent-
lich geht, dann hätten wir eine Welle der Entrüstung.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Warren Buffett, der bekannte US-Milliardär, einer der
reichsten Menschen in den USA, brachte es 2011 auf den
Punkt: Es ist schlichtweg ungerecht, dass ich als Milliar-
där weniger Steuern zahle als meine Sekretärin. – Das
haben vielleicht einige in Deutschland mitbekommen, es
aber als typisch Amerika abgetan und gedacht, dass so
etwas nur in den USA möglich ist. Aber Tatsache ist:
Das, was Warren Buffett im Jahr 2011 gesagt hat, ist seit
2009 auch in Deutschland Gesetzeslage und eine Konse-
quenz der ersten Merkel-GroKo. Die Abgeltungsteuer
gehört deswegen dringend wieder abgeschafft. Das, was
Warren Buffett gesagt hat, ist wahr. Es ist eine himmel-
schreiende Ungerechtigkeit.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Es ist so aber falsch! Es ist zwischen Zinsen und Dividenden zu unterscheiden! Deshalb ist deine allgemeine Aussage falsch!)


– Du kannst ja gleich reden, Herr Binding.


(Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Mache ich auch!)


Seit 2009 ist es so, dass Kapitaleinkommen in
Deutschland niedriger besteuert wird als Arbeitseinkom-
men. Das heißt zum Beispiel auch, dass es, wenn man
den Spitzensteuersatz in Deutschland erhöhen würde,
gar nicht die Reichen in Deutschland treffen würde, weil
Kapitaleinkommen nicht mehr dem Einkommensteuer-
satz in Deutschland unterliegt. Deswegen sage ich für
uns Grüne ganz klar: Es gibt eine Steuer in Deutschland,
die wir abschaffen wollen und die dringend abgeschafft
gehört, und das ist die Abgeltungsteuer.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Sie ist ungerecht, und sie ist im Übrigen auch ein bü-
rokratisches Monster. Sprechen Sie einmal mit den Steu-
erberaterinnen und Steuerberatern in diesem Land. Sie
alle finden sie ganz furchtbar.


(Ralph Brinkhaus [CDU/CSU]: Ich nicht! Sprechen Sie mit den Steuerberatern, die hier sitzen!)


Ein weiterer Grund dafür, dass sie abgeschafft gehört,
ist: Kapitaleinkommen und Arbeitseinkommen müssen
im Rahmen der Einkommensteuer je nach Leistungsfä-
higkeit gleichmäßig besteuert werden.

Jetzt sagt auch Finanzminister Schäuble: Ehrlich ge-
sagt, auch ich finde, die ist Murks, aber wir können sie
erst 2020 abschaffen – Herr Gutting, so haben auch Sie
argumentiert –, weil es erst dann den automatischen
Informationsaustausch gibt. Bis dahin gelte das
Steinbrück’sche Wort: 25 Prozent von x ist besser als
100 Prozent von nix.

Aber der Spruch von Steinbrück war schon 2009
falsch und ist es heute noch mehr. Er war ausweislich
Ihres eigenen Gesetzes schon 2009 falsch. Der Spruch
besagt, dass man davon ausgeht, dass die Abgeltung-
steuer zwar nicht schön ist, man hinterher aber mehr
Geld einnimmt und es mehr Steuerehrlichkeit gibt. Aber
ausweislich Ihres eigenen Gesetzes haben Sie schon
2009 mit Steuermindereinnahmen gerechnet, also mit
weniger Geld und nicht mit mehr Geld. Das hat auch
nichts mit den Zinsen zu tun. Das stand in Ihrem Gesetz.





Lisa Paus


(A) (C)



(D)(B)

Dort stand übrigens auch, dass die Abgeltungsteuer
mehr Bürokratie erzeugt und nicht weniger. Auch das
Gegenteil davon haben Sie behauptet.

Die Abgeltungsteuer ist heute tatsächlich noch fal-
scher, weil sich das Entdeckungsrisiko der Steuerhinter-
ziehung wesentlich erhöht hat gegenüber 2009 und im
Übrigen auch gegenüber 1991, als das Bundesverfas-
sungsgericht in einem Nebensatz gesagt hat, dass man
eventuell so etwas wie eine Abgeltungsteuer einführen
könne. Selbst der Focus schreibt inzwischen, dass es das
Bankgeheimnis in Deutschland faktisch nicht mehr gibt,
weil es entsprechende Änderungen gegeben hat.


(Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Tolle Referenz!)


Es gibt zwar noch nicht mit allen wichtigen Ländern den
automatischen Informationsaustausch, aber es gibt den
Informationsaustausch auf Anfrage. Es gibt CD-An-
käufe. Auch die Schweiz hat dank unserer Verhinderung
des deutsch-schweizerischen Steuerabkommens ihre
Politik geändert.

Der Informationsaustausch wirft schon heute seine
Schatten voraus bzw. zurück. Sie wie ich wissen, dass
bei der Steuererklärung eine zehnjährige Verjährungs-
frist gilt. Das heißt, wenn ich 2020 eine falsche Steuerer-
klärung abgebe, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass ich
auch 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013 und
2012 falsche Angaben gemacht habe. Deswegen ist es
sehr wohl auch heute relevant. Die Betreffenden fangen
jetzt an, darüber nachzudenken. Deswegen kann man
heute die Abgeltungsteuer abschaffen. Ich sage: Man
muss sie sogar abschaffen. Ich bin der Auffassung, dass
man sehr gut begründen kann, warum die Abgeltung-
steuer bereits heute verfassungswidrig ist.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Deshalb sage ich: Denken Sie noch einmal darüber
nach. Herr Steinbrück selber hat ja schon gesagt, dass sie
ein Fehler war. Deswegen bitte ich Sie noch einmal:
Nutzen Sie die Beratungen. Bringen Sie selber Änderun-
gen ein, damit wir die Abgeltungsteuer in dieser Legis-
laturperiode, möglichst noch im kommenden Jahr, tat-
sächlich endlich abschaffen. Eine Diskussion darüber hat
es ja schon in der Koalition gegeben. Also, geben Sie
sich einen Ruck, und machen Sie es auch praktisch über
ein neues Gesetz.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805712800

Als nächstem Redner erteile ich das Wort dem Abge-

ordneten Dr. Carsten Sieling, SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Dr. Carsten Sieling (SPD):
Rede ID: ID1805712900

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Debatte
über die Abgeltungsteuer ist so lang, wie es diese Steuer
gibt. Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir hierüber
aufgrund eines Antrages diskutieren. Ich glaube, diese
Debatte wird geführt werden, solange es diese Abgel-
tungsteuer gibt.

Aber wenn sie hier berechtigt kritisiert wird, dann
muss man auch daran erinnern, dass diese Steuer inner-
halb des Steuersystems eigentlich ein Fremdkörper ist,
dass es eine Notoperation war, als sie eingeführt wurde.
Es war eine Notoperation, weil man versuchen wollte
– ob das gelungen ist, ist sehr in der Diskussion –, Kapi-
talflucht zu begrenzen und durch Anreizsysteme zu
verhindern. Nichtsdestotrotz sagen viele – das gilt
weiterhin –, dass dort Elemente enthalten sind, die nicht
passen. Ich will einmal den Vorsitzenden der Deutschen
Steuer-Gewerkschaft, Herrn Eigenthaler, zitieren – das
ist unbestritten ein Fachmann, der uns häufiger im Fi-
nanzausschuss bei diesen Fragen begleitet –, der sagt:

Arbeit darf nicht höher besteuert werden als das
Einkommen derjenigen, die nur auf dem Sofa lie-
gen und ihre Kontoauszüge durchblättern.

Das ist nicht falsch. Das ist völlig richtig.

Wir müssen jedoch sagen, dass wir an dieser Stelle
noch nicht so weit sind. Von daher haben wir wirklich ei-
nen Auftrag. Diesen Auftrag sieht auch der Bundes-
finanzminister. Ich will das ausdrücklich sagen; denn
diese Koalition muss die entsprechende Sensibilität an
den Tag legen. Ich habe die Ausführungen von Bundes-
finanzminister Schäuble in der Haushaltsdebatte am
8. April gerne zur Kenntnis genommen:

Natürlich kann man darüber diskutieren, ob die
Abgeltungswirkung der Kapitalertragsteuer steuer-
licher Gerechtigkeit vollständig entspricht; das ist
wahr.

Das ist eine richtige und wichtige Aussage; darauf muss
man aufbauen.

Der Bundesfinanzminister hat ja bereits an unter-
schiedlichen Stellen darauf hingewiesen, dass das Ganze
nicht so richtig ins System passt. Um zu zeigen, dass das
eine Koalitionsmeinung ist, könnte ich jetzt auch den
Vizekanzler Sigmar Gabriel zitieren, der im Mai deutlich
gemacht hat, dass es natürlich nicht gerecht ist, wenn Ar-
beit viel stärker besteuert wird als Kapital.

Es gibt also einen breiten Konsens. Nun haben wir
eine neue Lage. Die Notsituation, die 2008 noch bestan-
den hat und 2009 zu dieser Änderung geführt hat, ist auf
dem Weg, durch den bereits angesprochenen automati-
schen Informationsabgleich überwunden zu werden. An
dieser Stelle will ich gerne sagen, dass ich froh und
dankbar bin, dass wir jetzt diesen Weg gehen. Das hat
aber auch damit zu tun, dass wir in der letzten Legisla-
turperiode den fehlerhaften Weg des deutsch-schweizeri-
schen Steuerabkommens nicht gegangen sind, sondern
dass wir eine solche Vereinbarung verhindert haben.
Jetzt ist da Vernunft eingezogen. Ich höre, dass es hierzu
noch in diesem Monat eine größere Konferenz geben
wird, wo dies deutlich wird.

Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Von daher
sollten wir im Finanzausschuss die Möglichkeit nutzen,
über dieses Thema zu reden. Bevor wir dies tun, will ich





Dr. Carsten Sieling


(A) (C)



(D)(B)

aber einige Dinge klarstellen, die hier durcheinander-
geraten sind. Wenn man über Alternativen und darüber
redet, das Ganze in die sogenannte synthetische Einkom-
mensbesteuerung zurückzuholen, dann muss man zwi-
schen Zinseinkünften, Dividenden und Veräußerungsge-
winnen unterscheiden. Hier scheint mir das Ganze noch
etwas zu oberflächlich zu sein. Ich weise darauf hin, dass
bei der Besteuerung der Zinserträge – das gilt übrigens
bei allen drei Positionen – die Anrechnung von Wer-
bungskosten nur im Rahmen des Sparerpauschbetrags
möglich ist. Ein Abzug aller Kosten von den Gewinnen
ist also nicht mehr möglich. So gesehen ist in die Abgel-
tungsteuer eine Systematik eingebaut worden, die Steu-
ervermeidung minimiert. Damit wird man umgehen
müssen.

Der Kollege Ernst hat die Einbrüche bei den Einnah-
men, mit denen wir es zu tun haben, angesprochen.
Natürlich sind die Vermögen gewachsen – gar keine
Frage –, aber der Zinssatz ist derart eingebrochen, dass
der Ertrag aus den Vermögen nicht mehr so hoch ist.
Deshalb ist das Volumen der Abgeltungsteuer für Zinser-
träge zurückgegangen. Das ist ein Fakt. Das ist also ein
Thema, mit dem man sich extra befassen muss, wenn
man sich über die Wirkung noch einmal Gedanken
macht.

Das zweite Thema sind die Dividendeneinkünfte.
Auch hier gilt, dass nicht mehr alle Werbungskosten ab-
zugsfähig sind. Hinzu kommt, dass das Halbeinkünfte-
verfahren keine Anwendung mehr findet. Man kann also
nicht einfach sagen, dass die Einkünfte aus Dividenden
niedriger besteuert werden. Vielmehr gibt es hier im Ver-
gleich zur zuvor geschilderten Situation eine andere Ent-
wicklung, weshalb wir uns damit auseinandersetzen
müssen, dass man, wenn man zum vorherigen System
zurückkehrt, das Halbeinkünfteverfahren nicht wieder
aktivieren kann.

Auch bei den Veräußerungsgewinnen ist es so – dies
gilt jedenfalls für die zukünftigen; bei denen aus der Ver-
gangenheit sieht es anders aus –, dass die Spekulations-
frist weggefallen und damit eine stärkere Besteuerung
möglich ist. Ich will mit diesen drei Punkten auf Folgen-
des hinweisen: Dieses Thema ist nicht sehr einfach. Von
daher sollten wir an dieser Stelle die Chance nutzen, das
Thema solide und systematisch anzugehen. Auch ich
wünsche mir, dass wir nicht bis zum Sankt-Nimmer-
leins-Tag warten. Wenn der automatisierte Informations-
austausch kommt, dann wollen wir das Thema angehen.
Dann muss man wirklich so weit sein, dass man 2017
– meines Erachtens könnte man das bis 2017 schaffen –
diese steuerliche Ungleichgewichtung, diese Unwucht
verändern kann. Wenn man das erreichen will, muss man
früh damit anfangen. Deshalb ist es gut, dass wir hier
eine Beratungsmöglichkeit haben.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der SPD)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805713000

Als nächstem Redner erteile ich das Wort dem Abge-

ordneten Philipp Graf von und zu Lerchenfeld, CDU/
CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Graf Philipp Lerchenfeld (CSU):
Rede ID: ID1805713100

Herr Präsident! Hohes Haus! Lieber Kollege Ernst,

ich bin immer wieder begeistert davon, wie Sie vor Tat-
sachen einfach die Augen verschließen können. Es ist ja
nicht so – der Kollege Sieling hat es gerade sehr deutlich
erklärt –, dass die Vermögen heute noch genauso hoch
verzinst werden, wie das früher der Fall war. Nein, die
Zinsen sind dramatisch gesunken. Infolgedessen ist na-
türlich auch das Aufkommen aus dieser Steuer zurück-
gegangen.

Liebe Kollegin Paus, wenn Sie erklären, dass Sie mit
Steuerberatern sprechen, dann sage ich Ihnen: Hier sit-
zen, soweit ich sehe, vier, mit denen Sie gut sprechen
könnten. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie das täten.
Kommen Sie doch einfach einmal auf uns zu. Dann kön-
nen wir die Dinge fachlich und in Ruhe sehr gut bespre-
chen.

Ihr Antrag, liebe Kollegen von den Linken,


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Ist sehr gut!)


ist im Grunde genommen von der Steuersystematik her
durchaus hervorragend. Letztendlich ist die pauschale
Abgeltungsteuer ein Systembruch in unserem wirklich
sehr komplizierten Einkommensteuerrecht. Wenn man
jetzt aber steuersystematisch diskutiert, dann sind viel-
leicht auch andere Fragen erlaubt: Ist es denn steuersys-
tematisch zweifelsfrei, Kapitaleinkünfte überhaupt zu
besteuern und, wenn ja, in welcher Höhe? Das Kapital,
das die Grundlage dieser Einkünfte darstellt, stammt
letztlich aus Einkünften, die schon einmal versteuert
worden sind. Derjenige, der durch einen entsprechenden
Konsumverzicht Kapital angehäuft oder angesammelt
hat,


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Millionäre, Milliardäre und Konsumverzicht?)


wird durch diese Mehrfachbelastung eventuell steuerlich
schlechter gestellt als derjenige, der sein ganzes Ein-
kommen konsumiert und keine Rücklagen bildet.

Ich fordere jetzt nicht die Abschaffung der Besteue-
rung von Kapitaleinkünften. Das wäre sicherlich falsch.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Konsequent wäre das!)


Aber man muss in der Steuersystematik auch solche Fra-
gen angehen. Außerdem glaube ich, dass wir im Moment
auf die Einnahmen aus dieser Steuer gar nicht verzichten
können.


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Die konsumverzichtenden Millionäre!)


Ich will auch nicht so weit gehen wie viele ernstzu-
nehmende Wissenschaftler, die genau diese vollständige
Abschaffung der Besteuerung von Kapitaleinkünften
fordern, mit einer Begründung, die durchaus nachvoll-
ziehbar ist. Sie argumentieren, dass durch diese Besteue-
rung die Kapitalkosten insgesamt in die Höhe getrieben
werden; denn wenn die Zinserträge versteuert werden
müssen, dann müssen die Erträge aus einer Kapitalan-
lage den Sparer nicht nur für den Konsumverzicht ent-





Philipp Graf Lerchenfeld


(A) (C)



(D)(B)

schädigen, sondern auch die Bezahlung dieser Steuer er-
möglichen, also steigen die Kapitalkosten.

Der Ökonom Manfred Rose hat dazu in seinem Auf-
satz „Reform der öffentlichen Finanzen zur Stärkung der
Standortqualität“ ausgeführt, dass das Sparen für die Zu-
kunft gegenüber dem Konsum in der Gegenwart diskri-
miniert wird. Das gilt heute natürlich umso mehr, weil
die niedrigen Zinsen, die man zurzeit erzielen kann, in
Bezug auf das Anlagekapital der Sparer unter Berück-
sichtigung der Inflationsrate real zu einem tatsächlichen
Werteverzehr führt.


(Lisa Paus [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Zu viel Konsum ist aber im Moment nicht das Problem in Deutschland, würde ich sagen!)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805713200

Es gibt den Wunsch nach einer Zwischenfrage des

Kollegen Ernst. Mögen Sie diese zulassen?


Graf Philipp Lerchenfeld (CSU):
Rede ID: ID1805713300

Mit Freude.


Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805713400

Mit Freude. – Herr Kollege Ernst, bitte schön.


Klaus Ernst (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805713500

Herr Graf Lerchenfeld, ich habe aufmerksam Ihren

Ausführungen gelauscht. Sie haben gesagt, die Zinsen
seien gesunken. Können Sie mir dann erklären, warum
allenthalben, in jeder Statistik, nachzulesen ist, dass
trotzdem die Geldvermögen insbesondere der ganz be-
sonders reichen Menschen in unserem Lande massiv zu-
genommen haben? Offensichtlich haben sie sich den
Zinsen, die Sie angesprochen haben, entziehen können.
Sonst wäre das Vermögen schließlich nicht in dieser
Weise gewachsen.

Zweitens. Ihren Ausführungen entnehme ich auch,
dass Sie es prinzipiell für richtig halten, dass Kapital ge-
ringer besteuert wird, und es sich nicht um eine Notsitu-
ation handelt, in der dies gemacht wurde, sondern dass
es eine prinzipielle Frage ist, ob versteuertes Einkom-
men noch einmal zu versteuern ist.

Wollen Sie mir zustimmen, dass es dann auch eine
Lösung wäre, Schwarzarbeit, die in diesem Lande wirk-
lich keiner will, dadurch zu verringern, dass man sagt:
Schwarzarbeiter zahlen nur den halben Steuersatz und
den halben Satz ihrer Sozialversicherungsbeiträge. – Das
wäre dann auch ein Anreiz für sie, sich nicht mehr der
Steuerzahlung zu entziehen, sondern sich geradezu freu-
dig an den Fiskus zu wenden und zu sagen: Ich bin
Schwarzarbeiter und möchte jetzt nur den halben Steuer-
satz zahlen. – Das wäre doch genau dasselbe wie bei de-
nen, die Kapitaleinkünfte haben und sie nicht ordentlich
versteuern.

Wenn wir aber ein Gesetz haben, nach dem Kapital-
einkünfte zu besteuern sind, wäre es dann nicht sinnvol-
ler, noch stärker die Voraussetzungen dafür zu schaffen
– wie es manche Vorredner schon gesagt haben –, dass
wir an die entsprechenden Daten herankommen – was
teilweise inzwischen schon der Fall ist; viele zeigen sich
selber an, weil sie Angst haben, erwischt zu werden –,
um zu einer vernünftigen und gerechten Besteuerung al-
ler zu kommen statt vor allem zur Besteuerung des Ar-
beitnehmers, der seine Steuer gleich vom Lohn abgezo-
gen bekommt? Er sieht das Geld erst gar nicht, im
Gegensatz zu dem, der seine Kapitaleinkünfte selber
versteuert.


Graf Philipp Lerchenfeld (CSU):
Rede ID: ID1805713600

Lieber Kollege Ernst, dass die Vermögen angestiegen

sind, liegt sicherlich nicht daran, dass die Zinsen gesun-
ken sind – das können sogar Sie in jeder Zeitung lesen –,
sondern es liegt teilweise daran, dass andere Einkünfte
erzielt worden sind. Dem müsste man vielleicht statis-
tisch noch einmal nachgehen.

Außerdem denke ich, Sie haben mich nicht ganz ver-
standen. Ich habe nicht gesagt, dass ich die Kapitaler-
tragsteuer abschaffen will, sondern ich habe nur gesagt:
Ich will die Sache systematisch zu Ende denken. Ich bin
davon überzeugt, dass die Kapitalertragsteuer richtig ist.
Ich bin auch dafür, dass sie gerecht ausgestaltet werden
muss. Wenn wir die Abgeltungsteuer mit einem systema-
tischen Fragezeichen hinterlegen, führt das natürlich
auch dazu, dass man andere Fragen stellen muss.

Was die Schwarzarbeit angeht, fehlt mir ein bisschen
das Verständnis. Denn letztendlich ist das angesparte
Vermögen – das habe ich ausgeführt – schon einmal aus
versteuertem Einkommen bzw. aus Konsumverzicht er-
zielt worden,


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Konsumverzicht bei den Millionären und Milliardären?)


sodass jetzt bei den Zinsen eine Mehrfachbesteuerung
erfolgt. Schwarzarbeit wird, glaube ich, nicht mehrfach
besteuert.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Aber der Anreiz ist doch derselbe!)


– Der Anreiz spielt in diesem Fall keine Rolle, sondern
es geht darum, dass man sich grundsätzlich überlegt, ob
man angespartes Kapital tatsächlich noch einmal und da-
mit mehrfach besteuern soll.


Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805713700

Es gibt noch den Wunsch der Kollegin Paus nach ei-

ner Zwischenfrage bzw. Zwischenbemerkung.


Graf Philipp Lerchenfeld (CSU):
Rede ID: ID1805713800

Gerne.


Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805713900

Bitte schön, Frau Kollegin.


Graf Philipp Lerchenfeld (CSU):
Rede ID: ID1805714000

Ich bin ja froh, wenn die Kollegin uns Steuerberater

jetzt befragt.






(A) (C)



(D)(B)


Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805714100

Es muss nicht alles öffentlich stattfinden, aber das

können wir jetzt machen.


(Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Ist Steuerberatung jetzt hier überhaupt erlaubt? – Heiterkeit)



Lisa Paus (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805714200

Genau. Das ist eigentlich nicht erlaubt, Herr Graf

Lerchenfeld. Sie können aber sichergehen, dass ich mit
zahlreichen Steuerberatern neben meinem eigenen in en-
gem Kontakt stehe. Sie wissen auch, dass ich ein gutes
Verhältnis zu Ihren Kolleginnen und Kollegen in der
Fraktion pflege. Wir haben aber auch genug andere
Dinge zu tun, sodass wir nicht immer völlig überblicken,
was in der Praxis abgeht. Wenn Sie ein bisschen ehrlich
zu sich selber sind, dann würden Sie das auch bestätigen.

Ich habe mich zu Wort gemeldet, weil Sie das neue
Ungerechtigkeitsproblem angesprochen haben, dass die
Ersparnisse sozusagen gegenüber dem Konsum benach-
teiligt seien. Das stimmt nicht. Wir müssen beides ganz
normal der Einkommensteuer unterwerfen. Dann würde
sich die Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit rich-
ten. Das ist das Einzige, was ich möchte: die gerechte
und gleiche Besteuerung von Kapital und Arbeit.

Aber selbst wenn ich Ihren Gedanken verfolge, dass
man das Kapital zusätzlich privilegieren müsste, muss
ich Sie fragen: Ist das das aktuelle Problem in Deutsch-
land? Wenn Sie recht hätten und daraus Verhalten folgen
würde, dann hätten wir zu viel Konsum in Deutschland.
Wenn man sich die Wirtschaftszahlen in Deutschland an-
schaut, dann stellt man fest, dass das nicht unser Pro-
blem ist. Im Gegenteil: Wir haben eine massive Inves-
titionsschwäche. Sie lesen offenbar ebenfalls Zeitung
– darauf haben Sie mehrfach hingewiesen – und haben
sicherlich festgestellt, dass wir Einbrüche zu verzeich-
nen haben und dass es ganze Sektoren in Deutschland
gibt, die nicht mehr investieren, weil sie die Märkte nicht
sehen, auf denen sie ihre Produkte verkaufen können.
Glauben Sie wirklich, dass das Problem in Deutschland
ein zu hoher Konsum ist?


Graf Philipp Lerchenfeld (CSU):
Rede ID: ID1805714300

Das Problem in Deutschland ist sicherlich nicht ein zu

hoher Konsum. Im Gegenteil: Man hat gerade in den
letzten Jahren deutlich gemerkt, dass sehr viele Leute
aufgrund der zurückgehenden Zinsen investiert haben,
zum Beispiel in ihre Häuser. So wurden neue Fenster
eingebaut und die Wärmedämmung verbessert. Das ist
ein ganz vernünftiges ökonomisches Verhalten. Auf
diese Art und Weise hat die Binnenkonjunktur unseren
Wirtschaftsaufschwung von innen her einigermaßen ge-
stützt. Ich habe nur gesagt: Wenn wir systematisch den-
ken, dann müssen wir bis zum Ende denken.

Ich bin nicht der Meinung – das habe ich mehrfach
betont –, dass die Abgeltungsteuer unbedingt beibehal-
ten werden muss. Natürlich müssen Kapitalerträge be-
steuert werden; das ist gar keine Frage. Aber wir müssen
bedenken: Durch die Abgeltungsteuer ist eine Vielzahl
von Sparern in die Steuerehrlichkeit zurückgeführt wor-
den. Wie viele Leute haben gar nicht gewusst, dass sie
ihre Kapitaleinkünfte tatsächlich versteuern müssen?
Wie viele kleine Sparer haben gedacht, dass sie das nicht
tun müssen? Durch die Abgeltungsteuer ist gerade unter
dem Gesichtspunkt der Steuerhinterziehung mehr Steu-
erehrlichkeit erreicht worden.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Es gab viele, die gar nicht gewusst haben, dass sie Steuern zahlen müssen!)


– Richtig, es gab viele, die gar nicht gewusst haben, dass
sie Steuern zahlen müssen.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Uli Hoeneß!)


– Uli Hoeneß hat es sicherlich gewusst und hat den fal-
schen Weg gewählt.


(Zurufe von der SPD: Den falschen Steuerberater!)


– Er hat keinen Steuerberater genommen, sondern er hat
sich einen ausgeschiedenen Finanzbeamten geholt, der
ihn beraten hat.


(Heiterkeit)


Ich glaube, dass wir auf diese einfache Form der Steu-
erzahlung schon allein deshalb nicht verzichten können,
weil es – das haben meine Vorredner schon deutlich aus-
geführt – kein umfassendes Informationsaustauschsys-
tem gibt, das uns tatsächlich in die Lage versetzt, alle
Kapitaleinkünfte zu erfassen und entsprechend zu be-
steuern. Die Abgeltungsteuer stellt sicherlich eine Ver-
einfachung im bürokratischen Bereich dar. Aber wir
müssen uns in den nächsten Jahren mit der Abgeltungs-
steuer intensiv befassen; denn wenn das Informations-
austauschsystem deutlich verbessert wird – das wird es
ganz bestimmt –, dann wird es uns in die Lage versetzen,
hier eine entsprechende Besteuerung durchzuführen. Die
Bundesregierung bemüht sich seit geraumer Zeit, hierfür
die Voraussetzungen zu schaffen. In Australien wurde
beim Gipfel der Finanzminister der G 20 ein großer
Schritt nach vorne gemacht. Für diese Bemühungen gilt
unser Dank dem Bundesfinanzminister und allen Mitar-
beitern seines Hauses.

Wenn die Voraussetzungen tatsächlich geschaffen
sind, müssen wir darüber nachdenken – ich bin dem Kol-
legen Sieling sehr dankbar, dass er die Kompliziertheit
der Materie deutlich gemacht hat –, wie wir in Zukunft
die Kapitaleinkünfte gerecht besteuern. Ich glaube, dass
wir hier noch einen weiten Weg vor uns haben. Wir wer-
den uns damit in den nächsten Jahren intensiv befassen.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805714400

Als letztem Redner in der Aussprache erteile ich das

Wort dem Abgeordneten Lothar Binding, SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)







(A) (C)



(D)(B)


Lothar Binding (SPD):
Rede ID: ID1805714500

Herr Präsident! Sehr verehrte Damen und Herren!

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir über die
Abgeltungsteuer sprechen, meinen wir drei verschiedene
Steuerkategorien: erstens die Steuern auf Zinseinkünfte,
zweitens die Steuern auf Dividenden aus Aktien und
drittens die Steuern auf Veräußerungsgewinne. Jetzt
frage ich einmal die Zuschauer auf der Tribüne, ob sie
eher Aktienpakete oder Sparbücher haben.


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Die dürfen nicht antworten! – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Da müssten Sie hochgehen, Herr Binding!)


Wenn Sie ein Sparbuch haben und Zinseinkünfte erzie-
len, dann bedeutet der Vorschlag der Linken, dass Ihre
Steuerlast steigt. Wenn Sie aber Aktienpakete besitzen
und Dividenden bekommen, dann geht es Ihnen künftig
besser. Allen, die dicke Aktienpakete haben und hohe
Dividenden erzielen, geht es künftig besser. Das wollen
die Linken.

Man muss Folgendes auseinanderhalten: Wenn Sie
die Dividendenbesteuerung abschaffen, vergessen Sie
die Vorbelastung im Unternehmen. Dieses Vergessen
rächt sich bei der Gesetzgebung natürlich.

Gleichwohl wollen auch wir über die Abgeltung-
steuer nachdenken. Das ist auch vernünftig, denn das
Bankgeheimnis erodiert. Es ist noch nicht abgeschafft.
Sie schreiben:

Die … Aufdeckungen von Steuerhinterziehungen
durch den Ankauf von Steuer-CDs haben eindrück-
lich den Zerfall des … Bankgeheimnisses aufge-
zeigt.

Nein! Wenn jemand ein Geheimnis verrät, heißt das
doch nicht, dass der Betroffene dann keine Geheimnisse
mehr hat. Der wird sich darum kümmern, dass er sie
umso besser geheim hält.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Warum haben wir so viele Selbstanzeigen?)


– Nein, Vorsicht! Da muss man schon auf eine gewisse
Systematik achten. Die Reaktionen auf die CDs sind
angstgetriebene Bekenntnisse der Steuerzahler. Daraus
kann man nicht die Erkenntnis ziehen, dass das Bankge-
heimnis fallen soll.

Das Bankgeheimnis erodiert. Sie schreiben, dass der
automatische Informationsaustausch geplant ist. Ich
kann aber doch nicht auf etwas, was geplant ist, jetzt
schon gesetzgeberisch reagieren.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Wenn es zehn Jahre rückwirkend geht, schon!)


Erst wenn der automatische Informationsaustausch im-
plementiert ist, ist es in erhöhtem Maße klug, über die
Abgeltungsteuer nachzudenken. Dann werden wir das
auch machen.

Es gibt etwas Systematisches. Deshalb gefällt uns der
Antrag in gewisser Weise doch.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Ach was!)

– Tja! – Die Abgeltungsteuer ist eine Schedule. Wir nen-
nen das „Schublade“. Immer wenn es im Steuersystem
verschiedene Schubladen – A, B und C – gibt, sucht sich
jeder Steuerbürger die Schublade aus, bei der er die
meisten Steuern spart. Da legt er den meisten Gewinn
und das höchste Einkommen – alles, was er so hat – hi-
nein. Aber da, wo hoch besteuert wird, hat er plötzlich
keine Einkünfte mehr. Deshalb ist eine Schedulen-Be-
steuerung immer schlecht. Sie gehört abgeschafft. Was
ist das Gegenteil? Synthetische Steuern! Das bedeutet,
dass alles, was jemand bekommt, einheitlich besteuert
wird. – Wenn es doch nur so einfach wäre! Leider ist es
nicht so einfach. Das wissen Sie in Wahrheit ganz genau.

Deshalb muss man einmal schauen, was damals nach
Einführung der Abgeltungsteuer passiert ist. Das müss-
ten Sie dann entweder rückgängig machen, ergänzen
oder anpassen. Wir haben zum Beispiel die Spekula-
tionsfrist für private Veräußerungsgewinne abgeschafft.
Das heißt, dass jemand, der künftig einen Veräußerungs-
gewinn erzielt, besteuert wird. Sie sagen jetzt: Die Ver-
mögen sind gestiegen, die Steuern aber nicht. Warum
nicht? Das Vermögen wird nur dann, bezogen auf den
Veräußerungsgewinn, versteuert, wenn es verkauft wird.
Solange es jemand nur in Besitz hat, wird es nicht be-
steuert.

Deshalb hatten wir eine ganz andere Idee: Vermögen-
steuer. Darüber reden wir heute aber nicht.


(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Warum eigentlich nicht? – Lisa Paus [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Doch! Reden Sie über die Vermögensteuer!)


Insofern ist es klar, dass verschiedene Dinge in den Blick
genommen werden müssen. Zum Beispiel gab es früher
diskontierte Rentenpapiere ohne Zinsertrag. Auch das
wurde im Zuge der Abgeltungsteuer abgeschafft. Mit der
Zinsrichtlinie war es noch komplizierter. Wir hatten aus-
ländische Konstruktionen, die zinsfrei waren. Auch
diese Möglichkeiten – das waren Schlupflöcher – haben
wir abgeschafft. Darüber müsste man ebenfalls nachden-
ken.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Jetzt fragen Sie einmal, ob die Bürger da oben das verstanden haben!)


Zur Abgeltungsteuer, bezogen auf die Spekulationsfrist,
habe ich schon etwas gesagt.

Jetzt sagen Sie in Ihrem Antrag – darauf ist schon
mehrfach Bezug genommen worden –, dass das Auf-
kommen aus der pauschalen Besteuerung von Dividen-
den, Zinsen und Veräußerungsgewinnen gesunken sei.
Dies habe mit der Krise aber nichts zu tun. Sie sagen,
dass das Aufkommen 2013 etwa 14 Prozent niedriger als
2008 gewesen sei. Sagen Sie ganz ehrlich: Wollen Sie
die Krise wirklich außen vor lassen?


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Nein! Die Arbeitnehmer haben sie bezahlt, aber nicht die Reichen, Herr Binding!)






Lothar Binding (Heidelberg)



(A) (C)



(D)(B)

– Finden Sie nicht, dass die Zinsen – und deshalb natür-
lich auch die Steuereinnahmen – exorbitant gesunken
sind?

Nehmen Sie die Staatsanleihen. Sie waren früher mit
über 5 Prozent rentierlich. Heute sind sie es nur noch mit
unter 3 Prozent. Glauben Sie nicht, dass sich dies bei der
Menge an Staatsanleihen, die wir – in der Dimension
von etwa 2 Billionen Euro; diese Summe kann man bei
dieser Betrachtung aber nicht komplett nehmen – ausge-
geben haben, auf die Einnahmen auswirkt? Ich finde,
wenn Sie das so halbherzig betrachten, haben Sie mit al-
lem Recht. Denn Sie wissen ja: Eine Implikation ist so
lange ohne Wert, wie über den Wahrheitsgehalt der Prä-
misse nichts gesagt werden kann. Darüber aber können
Sie nichts sagen, weil sie falsch ist.


(Beifall bei der SPD – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Wir sind uns einig, Herr Binding, oder?)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805714600

Herr Kollege Binding, Frau Kollegin Paus würde Ih-

nen gerne noch etwas Redezeit, die eigentlich schon zu
Ende ist, verschaffen. Wollen Sie das zulassen?


Lothar Binding (SPD):
Rede ID: ID1805714700

Ja.


Lisa Paus (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805714800

Herr Binding, Sie haben jetzt ein wenig den Eindruck

erweckt, als ob es doch eigentlich irgendwie Mehrein-
nahmen gäbe, dass dies aber jetzt wegen der niedrigen
Zinsen so nicht stattgefunden habe. Ich möchte Sie fra-
gen: Können Sie nicht doch das bestätigen, was ich ge-
sagt habe, dass 2009, als das Gesetz verabschiedet
wurde, im Finanzplan dieses Gesetzes stand, dass genau
diese Maßnahme – nämlich die Einführung der Abgel-
tungsteuer – zu Steuermindereinnahmen in Höhe von
jährlich zwischen 1 und 1,5 Milliarden Euro führen
wird? Genau das stand im Finanztableau. Das war die
Konsequenz daraus, dass sie sich auf inländische Kapi-
talerträge bezieht. Der Steuersatz wurde gegenüber dem
ursprünglichen gesenkt. Deswegen gab es Minderein-
nahmen. Alle Hoffnungen, dass durch Zustrom von au-
ßen mehr Einnahmen erzielt würden, wurden nicht be-
stätigt. Die hat es nicht gegeben.

Noch einmal die Frage: Bestätigen Sie, dass es durch
die Einführung der Abgeltungsteuer Steuerminderein-
nahmen gab und keine Steuermehreinnahmen?


Lothar Binding (SPD):
Rede ID: ID1805714900

Wir haben die Finanztableaus, die zu antizipieren ver-

suchen, ob sich eine steuerliche Maßnahme positiv oder
negativ auswirkt. Es ist allerdings so, dass wir das im
Regelfall später nie nachvollziehen können. In diesem
Fall war es eine kluge und vorsichtige Schätzung;


(Lachen bei Abgeordneten der LINKEN)


denn man konnte überhaupt nicht wissen, wie die Ban-
ken im Ausland darauf reagieren, ihr Bankgeheimnis an
dieser Stelle zu durchbrechen. Deshalb müssten weitere
Maßnahmen ergriffen werden.

Dass es nicht mehr Einnahmen gegeben hat, ist für
bestimmte Steuerarten richtig.


(Lisa Paus [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Weniger Einnahmen! – Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Jetzt wird Achterbahn gefahren!)


Aber wenn Sie ein System ändern, ist es doch klug, bei
Aussagen über die Einnahmeseite vorsichtig zu sein.
Hätte damals im Tableau gestanden, es würden 5 Mil-
liarden Euro mehr eingenommen, dann hätten Sie das
heute auch nicht verifizieren können. Interessant ist, dass
Sie die Auswirkung einer einzelnen steuerlichen Maß-
nahme nie im Nachhinein im Steuerblock verifizieren
können. Das gab es unter Rot-Grün nicht, das gab es in
der Großen Koalition nicht, das gab es unter Schwarz-
Gelb nicht, und das gibt es auch heute nicht. Deshalb ha-
ben Sie recht und unrecht zugleich.


(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Das ist eine vernünftige Frage, auf die weder Sie noch
wir noch das Ministerium eine Antwort haben. Die
Frage ist eher etwas demagogisch, nach dem Motto:
Schaut einmal, der Redner weiß es nicht. – Die Antwort
ist: Der Redner weiß es nicht, aber auch keiner sonst hier
im Raum. So viel Ehrlichkeit gehört dazu. Ich denke, da-
mit können wir umgehen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Ich will noch eine letzte Frage stellen, weil das in dem
Antrag völlig verloren geht. Was stellen Sie sich eigent-
lich vor, was geschieht, wenn ein Franzose, um ein Bei-
spiel zu nennen, in Deutschland investiert, er Aktien
kauft und die Dividende nach Frankreich ausgeschüttet
wird? Muss er die in Frankreich versteuern? Was würden
Sie mit der Vorbelastung in Deutschland machen? Wür-
den Sie diesem Franzosen eine Steuerlast von über
60 Prozent zumuten? Das hätte zum Ergebnis, dass er
nichts mehr in Deutschland investiert. Wäre das Ihre
Konsequenz? Es wäre klug, sich noch einmal mit dem
Außensteuerrecht und mit dem internationalen Steuer-
recht zu grenzüberschreitenden Geschäften ein bisschen
genauer zu befassen, um solche negativen Wirkungen zu
vermeiden.

Deshalb ist unsere Antwort: Wir glauben, dass wir in
absehbarer Zeit über die Abgeltungsteuer nachdenken
müssen, aber das geht nicht so liederlich, wie Sie es jetzt
gemacht haben.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805715000

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 18/2014 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
verstanden? – Das ist der Fall. Dann ist die Überweisung
so beschlossen.





Vizepräsident Peter Hintze


(A) (C)



(D)(B)

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 13 sowie den Zu-
satzpunkt 4 auf:

13 Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Ände-
rung des Asylbewerberleistungsgesetzes und
des Sozialgerichtsgesetzes

Drucksache 18/2592
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)

Innenausschuss
Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Haushaltsauschuss mitberatend und gemäß § 96 der GO

ZP 4 Erste Beratung des von den Abgeordneten
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, Luise Amtsberg,
Kerstin Andreae, weiteren Abgeordneten und
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Aufhe-
bung des Asylbewerberleistungsgesetzes

Drucksache 18/2736
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)

Innenausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 38 Minuten vorgesehen. – Ich höre dazu
keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Für die Bundesregierung
hat die Parlamentarische Staatssekretärin Gabriele
Lösekrug-Möller das Wort.

G
Gabriele Lösekrug-Möller (SPD):
Rede ID: ID1805715100


Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Meine Damen und Herren! Mit dem vorliegenden Ge-
setzentwurf kommen wir endlich dem Auftrag des Bun-
desverfassungsgerichts, das uns diese Neufassung des
Asylbewerberleistungsgesetzes aufgegeben hat, nach.
„Endlich“ sage ich; denn die Entscheidung des Bundes-
verfassungsgerichts ist, wie Sie sicher wissen, schon aus
dem Sommer 2012, genauer gesagt vom 18. Juli.


(Ulla Jelpke [DIE LINKE]: Es wurde langsam Zeit!)


Der vorigen Bundesregierung und der sie tragenden
Mehrheit im Bundestag war es nicht gelungen, die gefor-
derten Gesetzesänderungen umzusetzen. Dieser Bundes-
regierung, dieser Koalition ist es umso wichtiger, dass
nun ohne weiteren Verzug die geforderten Änderungen
am Gesetz geschehen; denn alle Betroffenen und Betei-
ligten brauchen Rechtsklarheit und Rechtssicherheit.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Jutta Eckenbach [CDU/CSU])


Diese zu schaffen, ist Aufgabe des Gesetzgebers – Bun-
destag und Bundesrat –, und darum bitten wir hier um
konstruktive Beratung und Zustimmung.
Der vorliegende Entwurf der Bundesregierung setzt
die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts eins zu
eins um. Kernelement ist die Neubemessung und
künftige Fortschreibung der Leistungssätze im Asyl-
bewerberleistungsgesetz. Diese Sätze werden deutlich
angehoben. Das hatte auch das Verfassungsgericht so
vorweggenommen, indem es eine entsprechende Über-
gangsregelung mit sofortiger Wirkung – sie setzte dann
im August 2012 ein – festgelegt hatte. Vor allem aber
wird eine transparente und bedarfsgerechte Fortschrei-
bung der Leistungen sichergestellt, und das durch die
Festlegung auf die Einkommens- und Verbrauchsstich-
probe des Statistischen Bundesamtes als Grundlage für
künftige Anpassungen. Ich finde, das ist ein substanziel-
ler Gewinn.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dr. Wolfgang StrengmannKuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und eine Notwendigkeit!)


Dazu kommen noch andere wichtige Änderungen. Ich
will sie nennen:

Die Wartefrist, bis Leistungen in gleicher Höhe wie
Sozialhilfe erbracht werden, soll nicht mehr 4 Jahre,
sondern künftig 15 Monate betragen. Kinder und Ju-
gendliche sollen von Anfang an einen Anspruch auf
Leistungen für Bildung und Teilhabe erhalten. Minder-
jährige Kinder sollen außerdem auch nicht mehr für Ver-
stöße ihrer Eltern gegen die aufenthaltsrechtlichen Mit-
wirkungspflichten mit Leistungsminderung bestraft
werden. – Sehr gute Vorschläge!


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Einen Punkt, der zahlenmäßig vielleicht nicht so stark
ins Gewicht fällt, möchte ich dennoch herausstellen: Op-
fer von Menschenhandel und Arbeitsausbeutung erhal-
ten ihre Leistungen künftig nicht mehr nach dem Asyl-
bewerberleistungsgesetz, sondern aus der Sozialhilfe
– wir kennen das als SGB XII – oder aus der Grund-
sicherung für Arbeitsuchende; wir sagen SGB II.


(Luise Amtsberg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir sagen: Es gibt mehr!)


Gleiches gilt für hier lebende Menschen, deren Abschie-
bung aus rechtlichen oder humanitären Gründen schon
länger als eineinhalb Jahre ausgesetzt ist. In einigen wei-
teren Punkten werden zudem die Rechtsprechung des
Bundessozialgerichts sowie einschlägige Urteile von
Landessozialgerichten aufgenommen.

Verehrte Kolleginnen und Kollegen, meine Damen
und Herren, wie Sie wissen, hat es inzwischen im Zuge
eines Kompromisses zwischen Bundesregierung und
Bundesrat eine Einigung auch auf Änderungen am Ent-
wurf für das hier vorliegende Gesetz gegeben. Ich sage
klar: Dieser Entwurf der Bundesregierung hat die verein-
barten Punkte vereinbarungsgemäß nicht aufgenom-
men. Das betrifft etwa Änderungen bei der Vorrangigkeit
von Sach- und Geldleistungen. Dies ist ebenso ausdrück-
lich und klar keine Untreue zum gemeinsam gefundenen
Kompromiss – dazu stehen wir. Vielmehr ist es Teil der





Parl. Staatssekretärin Gabriele Lösekrug-Möller


(A) (C)



(D)(B)

Kompromissvereinbarung, dass die festgelegten Ände-
rungen, verbunden in einem Gesetz, diesem Hohen Haus
gesondert vorgelegt werden. Das ist die Vereinbarung.
Daher bitte ich zunächst um Zustimmung für das hier
vorgelegte Gesetz; denn es schafft Rechtssicherheit und
Transparenz für Menschen, die aus Unsicherheit zu uns
kommen. Es setzt die klaren, eindeutigen und berechtig-
ten Forderungen des Bundesverfassungsgerichts um. Es
bedeutet wirklichen Fortschritt und eine längst überfäl-
lige Weiterentwicklung des Leistungsrechts für Asylbe-
werberinnen und Asylbewerber in Deutschland.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805715200

Als nächster Rednerin erteile ich das Wort der Abge-

ordneten Ulla Jelpke, Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Ulla Jelpke (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805715300

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Vor über

zwei Jahren – in der Tat, Frau Staatssekretärin – hat das
Bundesverfassungsgericht das Asylbewerberleistungs-
gesetz für grundgesetzwidrig erklärt. 20 Jahre haben Bun-
desregierungen unterschiedlicher Couleur die Grund-
rechte von Flüchtlingen missachtet. Ich fände es wirklich
angebracht, dass sich die Verantwortlichen hier einmal
bei den Betroffenen für dieses jahrelange Unrecht ent-
schuldigen.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Denn der Tenor der Verfassungsgerichtsentscheidung
lautete: Die Würde des Menschen ist nicht relativierbar,
auch nicht aus Gründen der Migrationspolitik.


(Beifall bei der LINKEN)


Das alte Gesetz hat vorgesehen, Flüchtlingen und Gedul-
deten vier Jahre lang weit weniger als den üblichen So-
zialhilfesatz zu gewähren. Damit wurde ihr Recht auf ein
menschenwürdiges Existenzminimum verletzt – was die
Linke schon immer kritisiert hat. Das Gericht gab dem
Gesetzgeber auf, unverzüglich eine verfassungskon-
forme Neuregelung vorzulegen. Dies hat nun zwei Jahre
gedauert.

Was Sie hier jetzt vorgelegt haben, ist beschämend.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Sie hätten die Chance gehabt, auf eine diskriminierende
Sonderbehandlung von Asylsuchenden einfach zu ver-
zichten. Stattdessen setzen Sie weiter darauf, Flüchtlinge
durch Diskriminierung und Demütigung abzuschrecken
und auszugrenzen. Das ist inhuman und unverantwort-
lich. Da sagt die Linke ganz klar: Menschenrechte müs-
sen in Deutschland auch für Flüchtlinge gelten.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)

Meine Damen und Herren, in den letzten Tagen
wurde zu Recht viel über die massiven Übergriffe von
Wachpersonal auf Flüchtlinge gesprochen. Es ist nicht
hinnehmbar, dass Menschen im Grunde genommen
misshandelt werden. Das muss sofort strafrechtliche Fol-
gen für diejenigen haben, die eine solche Misshandlung
ausgeführt haben.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ich sage auch: Diese individuellen Übergriffe sind nur
ein Symptom in unserer Gesellschaft. Asylsuchende
wurden über Jahre systematisch von Staats wegen, so
muss man sagen, in ihren Menschenrechten verletzt; ich
erinnere hier nur an die Residenzpflicht, an das Arbeits-
verbot und an viele andere Schikanen. Das muss sich
wirklich grundlegend ändern, und das passiert mit dem
vorliegenden Gesetzentwurf nicht.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Notwendig wären bezahlbare Wohnungen. Notwen-
dig wäre es, endlich die Sammellager abzuschaffen,


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


wo Menschen zusammengepfercht sind, wo es nicht
mehr um Menschenwürde geht und Konflikte vorpro-
grammiert sind. Oftmals sind solche Lager irgendwo in
der Pampa, sodass Flüchtlinge aus den Städten und aus
dem gesellschaftlichen Leben regelrecht verbannt wer-
den. Solche Schikanen müssen endlich aufhören.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Zu einer grundsätzlichen Änderung gehört auch, auf
das Sachleistungsprinzip zu verzichten.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Flüchtlinge müssen endlich Bargeld erhalten, damit sie
ihre Lebensmittel und ihre Kleidung selbst einkaufen
können, damit sie sich eine Wohnung mieten können,
damit sie, kurz gesagt, all die Dinge tun können, die er-
wachsene Menschen selbstbestimmt tun können – wie
jeder andere Mensch auch. Leistungen nach dem Sach-
leistungsprinzip und das Leben in Sammellagern sind
entwürdigend und entmündigend. Deswegen gehören sie
abgeschafft.


(Beifall bei der LINKEN)


Meine Damen und Herren, eindeutig verfassungswid-
rig ist es, dass Sie das Sanktionssystem in diesem Gesetz
beibehalten wollen. Flüchtlinge, die – angeblich – ihre
eigene Abschiebung behindern, sollen bestraft werden,
indem man ihnen sämtliche Leistungen reduziert und in-
dem das wenige Taschengeld auch noch gestrichen wird.
Das ist genau das, was Karlsruhe verboten hat – es hat
gesagt: die willkürliche Beschneidung des menschen-
würdigen Existenzminimums darf es nicht geben –, und
ich finde es wirklich perfide, dass so etwas noch im Ge-
setz steht.





Ulla Jelpke


(A) (C)



(D)(B)

Noch eines: Flüchtlinge müssen endlich den vollen
Zugang zur gesundheitlichen Versorgung haben.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wir haben schon oft genug gehört, dass Flüchtlinge an
behandelbaren Krankheiten gestorben sind, weil Heim-
leitung oder Wachpersonal sich einfach geweigert haben,
einen Krankenwagen zu rufen.

Hier will ich zum Schluss noch einmal ganz deutlich
sagen, um es auf den Punkt zu bringen: Das Asylbewer-
berleistungsgesetz ist entmündigend und diskriminie-
rend. Es fördert Rassismus in unserer Gesellschaft. Des-
wegen gehört es abgeschafft.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Die Abschaffung ist überfällig!)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805715400

Als nächster Rednerin erteile ich das Wort der Abge-

ordneten Jutta Eckenbach, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Jutta Eckenbach (CDU):
Rede ID: ID1805715500

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Auch Sie,

meine Damen und Herren, die Sie oben auf der Tribüne
sitzen, darf ich zu dieser Debatte recht herzlich begrü-
ßen.

Ich würde jetzt ungern eine Debatte über das führen,
was wir gerade von den Linken gehört haben. Alles das,
was hier vorgetragen worden ist, ist nicht richtig, ist
nicht stimmig; das ist in Deutschland auch nicht so.

Die Unterbringung dieser Menschen in Deutschland
ist menschenwürdig.


(Lachen des Abg. Alexander Ulrich [DIE LINKE])


Wir stehen zu dem Kompromiss, den wir vereinbart ha-
ben.


(Ulla Jelpke [DIE LINKE]: Wann waren Sie das letzte Mal in einem Sammellager?)


– Sie dürfen auch gern eine Zwischenfrage stellen, aber
ich würde Sie bitten, mir vielleicht erst einmal ein biss-
chen zuzuhören.


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Dann müssen Sie auch ein bisschen die Wahrheit sagen!)


Wir sehen in dem, was wir heute einbringen, einen wei-
teren Baustein in der Asylpolitik dieser Großen Koali-
tion. Mit der Umsetzung der Vereinbarungen des Koali-
tionsvertrages – das haben wir gerade schon von Frau
Lösekrug-Möller gehört – setzen wir auch die Forderun-
gen des Bundesverfassungsgerichtsurteils vom 18. Juli
2012 um.

Die wesentlichen Punkte sind genannt worden. Ich
will aber noch einmal darauf aufmerksam machen, dass
wir die Herausnahme von Personen vorgesehen haben,
deren Aufenthaltsrecht sich aus § 25 Absatz 4 a und 4 b
des Aufenthaltsgesetzes aus rechtlichen und tatsächli-
chen Gründen ergibt und deren Abschiebung bereits seit
mindestens 18 Monaten festgesetzt worden ist. Das hat
Frau Lösekrug-Möller ausgeführt.

Aber es ist eine weitere Personengruppe herausge-
nommen – das finde ich auch ganz wichtig –, nämlich
die Personengruppe, die Opfer von Menschenhandel und
von Schwarzarbeit geworden ist, weil ansonsten in bei-
den Fällen die strafrechtliche Verfolgung erschwert
wird. Dies ist ein ganz wichtiger Bestandteil,


(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und warum politisch Verfolgte nicht?)


gerade wenn es wie bei Opfern von Menschenhandel da-
rum geht, dass wir hier die strafrechtliche Verfolgung
der Täter vornehmen können.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die Forderung einer Neuberechnung der Leistungs-
höhe war Grundlage für die gesetzliche Festschreibung
des Anspruches auf Bildung und Teilhabe gerade für
leistungsberechtigte Kinder, Jugendliche und junge Er-
wachsene. Auch dies ist ein wichtiger Bestandteil. Aller-
dings muss man der Fairness halber sagen, dass dies seit
vielen Jahren auch schon in einzelnen Bundesländern in
Deutschland getan wurde.


(Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Seit vielen Jahren!)


Aber bei denen, die es getan haben, war es der richtige
Weg.

Die Kürzung der Bezugsdauer von Leistungen nach
dem Asylbewerberleistungsgesetz von bislang 48 Mona-
ten auf 15 Monate unter Berücksichtigung des tatsächli-
chen Aufenthalts im Bundesgebiet ist ein weiterer wich-
tiger Punkt.

Mit dieser Kürzung wird der Vorläufigkeitscharakter der
Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz deut-
lich. Zukünftig wird nach der Bezugsdauer von 15 Monaten
eine Überführung in das Leistungssystem von SGB II
oder SGB XII erfolgen, um dann auch weitere Integra-
tionsmaßnahmen durchzuführen.

Über die Forderungen des Bundesverfassungsgerichts
hinausgehend, meine Damen und Herren, wird eine ge-
änderte Anrechnung von Einkommen, eventuellen Ren-
tenzahlungen oder Beihilfen erfolgen. Gleichzeitig soll
den Leistungsberechtigten ein Freibetrag von 200 Euro
gewährt werden.


(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Wahnsinn!)


Mit diesen Ansparungen soll es für die Betroffenen zu-
künftig möglich sein, notwendige Anschaffungen selbst
zu tätigen.


(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist doch lächerlich!)






Jutta Eckenbach


(A) (C)



(D)(B)

Diese Neuregelung soll Anreize für eine Arbeitsauf-
nahme, eine Eigenversorgung und damit auch für eine
schnelle Integration schaffen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Um allerdings diese Integration zu ermöglichen und
zu forcieren, erachte ich – damit auch die CDU/CSU-
Fraktion – die Beibehaltung des Asylbewerberleistungs-
gesetzes für durchaus sinnvoll und auch gerechtfertigt.


(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Was?)


Das Asylbewerberleistungsgesetz gewährleistet nämlich
eine bedarfsorientierte Existenzsicherung für die Betrof-
fenen. Die Asylsuchenden haben zumeist von jetzt auf
gleich ihre Heimat verloren und verlassen. Sie treffen in
Deutschland ohne Hab und Gut ein. Für diese Menschen
ist es nach wie vor notwendig, dass sie zunächst ein
Dach über den Kopf bekommen und ihnen Hilfe zuteil-
wird. Diese Hilfe kann nicht ausschließlich in Geldleis-
tungen erfolgen. Es muss in Erstaufnahmeeinrichtungen
der Vorrang von Sachleistungen, wie wir ihn heute mit
dem Gesetzentwurf vorlegen, gewahrt bleiben,


(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Warum?)


dann ergänzt durch den Bargeldbedarf, der da ist.

Für Menschen, die in ein fremdes Land kommen, die
Sprache nicht sprechen und nicht wissen, wo sie was für
den täglichen Bedarf bekommen, brauchen wir das Asyl-
bewerberleistungsgesetz mit seiner individuellen und
bedarfsorientierten Hilfestellung. Sie alle, die Sozial-
politikerinnen und Sozialpolitiker sind, wissen, dass das
Sozialgesetzbuch II und das Sozialgesetzbuch XII mit
ihrer einheitlichen Bedarfsfestsetzung viel zu starr sind,
um den Hilfsbedürftigen in der konkreten Situation hel-
fen zu können. Daher brauchen wir einen gesonderten
Status und damit auch weiterhin das Asylbewerberleis-
tungsgesetz.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Sie wissen auch, dass diese Grundüberlegungen be-
reits vor über 20 Jahren angestellt worden sind, nämlich
1992 und 1993, als es wegen des Jugoslawienkrieges zu
einer großen Krise kam, in deren Folge es zum Asyl-
kompromiss kam; denn wir mussten in Deutschland be-
stimmte Regelungen treffen. Es ist nämlich nicht so,
dass die Situation in den Städten, Kommunen und Län-
dern damals einfach war. Wir haben vielfach erlebt, dass
an Stammtischen die Parole zu hören war, dass wir es
nicht zulassen dürften, die Menschen aufzunehmen. Ich
will dazu nur eine Zahl nennen: Uns lagen damals, 1993,
323 000 Asylanträge von Zuwanderern und Flüchtlingen
vor, die in Deutschland aufgenommen werden wollten.
Diese Zahl haben wir heute noch nicht erreicht – Gott sei
Dank. Insofern müssen wir heute die Stellschrauben dre-
hen, aber diesen Asylkompromiss im Grundsatz nicht
verlassen; wir müssen weiterhin zu ihm stehen.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das war damals ein abschreckendes Instrument!)


Auch ich will auf die Diskussion eingehen, die heute
immer wieder geführt wird. Lassen Sie mich dabei auf
Zahlen aus meiner Heimatstadt Essen zurückgreifen. Im
Moment hören wir, dass in der Diskussion behauptet
wird, der Bund müsse in dieser Frage höhere Zahlungen
an die Länder leisten, weil die Länder es nicht mehr al-
leine leisten könnten. An der Stelle verweise ich auf den
Betrag, den das Land Nordrhein-Westfalen für die Un-
terkünfte der Flüchtlinge, für das, was da ist, bereitstellt.
Allein im Jahr 2013 hatte die Stadt Essen Bruttoausga-
ben nach dem Asylbewerberleistungsgesetz von über
16 Millionen Euro. Eine Erstattung seitens des Landes
erfolgte nach dem nordrhein-westfälischen Flüchtlings-
aufnahmegesetz, und zwar in Höhe von lediglich
2,3 Millionen Euro. Das ist ein prozentualer Anteil der
Landeserstattung an den Bruttoausgaben von circa
14,5 Prozent. Unsere Länder lassen die Flüchtlinge in
den Kommunen alleine. Wer weiß, was sich in Nord-
rhein-Westfalen abspielt – das wissen Sie alle; es ist
durch die Presse gegangen –, der weiß, dass die Kommu-
nen in Nordrhein-Westfalen das nicht mehr alleine stem-
men können.


(Beifall bei der CDU/CSU – Max Straubinger [CDU/CSU]: Ja, genau! Schlimm!)


Ich kann Ihnen dazu eine lange Liste vorlegen – dazu
fehlt mir jetzt leider die Redezeit; wir können das gerne
nachholen –, der man entnehmen kann, was der Bund
den Ländern in dieser Frage an Erstattungen hat zukom-
men lassen.

Genau das ist das Problem: Es wird im Moment eine
Debatte geführt, weil die Länder nicht bereit sind, mehr
Gelder zur Verfügung zu stellen. Deswegen führen wir
hier im Bund eine Debatte, die sich nur um die Finanzie-
rung dreht. Dass wir mit den Grünen und den Linken an
der Stelle ideologisch nicht zusammenkommen, ist klar;


(Ulla Jelpke [DIE LINKE]: Es geht nicht um Ideologie, sondern um Menschenwürde und Menschenrechte!)


aber ich bitte alle, darauf zu achten, dass es nicht darum
gehen kann, jetzt nur aus finanziellen Gründen einen
Asylkompromiss, der viele Jahre gehalten hat, zu verlas-
sen.


(Luise Amtsberg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Vielleicht wegen des Bundesverfassungsgerichts!)


Ich glaube, dass wir im weiteren Verlauf unseres Gesetz-
gebungsverfahrens zu einer Einigung kommen sollten,
die nicht nur das umfasst, was wir heute in erster Lesung
unter Federführung des Ausschusses für Arbeit und So-
ziales verhandeln. Vielmehr sollten wir die gesamte Ge-
setzgebung, also das, was wir noch bis zum Ende des
Jahres vorstellen wollen, in Gemeinsamkeit hinbekom-
men. Das hilft nicht nur den Flüchtlingen in Deutsch-





Jutta Eckenbach


(A) (C)



(D)(B)

land, denen wir helfen wollen, sondern trägt auch zur
Stabilisierung und Befriedung der Bevölkerung bei.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805715600

Als nächster Rednerin erteile ich das Wort der Abge-

ordneten Luise Amtsberg, Bündnis 90/Die Grünen.


Luise Amtsberg (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805715700

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Man kann

auf das Asylbewerberleistungsgesetz blicken, wie man
mag, man kann es für gut oder für schlecht befinden. –
Fakt ist aber: Es handelt sich bei diesem Gesetz um eine
für einen bestimmten Personenkreis in der Bundesrepu-
blik ausgelegte Sondergesetzgebung. Deswegen, Frau
Kollegin Eckenbach: Wenn Sie sagen, dass das Asylbe-
werberleistungsgesetz das Dach über dem Kopf, das
Essen und die Orientierung sichern soll, dann kann ich
nur sagen, dass unsere Sozialgesetzgebung, die genau
dafür ausgelegt ist, nämlich für spezielle Lebenslagen, in
denen sich bestimmte Menschen befinden, eigentlich die
viel bessere Adresse dafür wäre.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Meine Fraktion ist der Auffassung, dass das Asyl-
bewerberleistungsgesetz schlecht ist, und zwar aus fol-
gendem Grund: Es ist eine in Gesetzesform gegossene
Diskriminierung, die seit über 20 Jahren Schutzsuchende
sozial schlechterstellt, und das oft jahrelang und zum
Teil zeitlich unbefristet. Mit dieser gezielten sozialen
Unterversorgung von Schutzsuchenden unterhalb des
Existenzminimums wurde von Anfang an ganz offen die
Absicht verfolgt, Asyl- und Schutzsuchende von einem
Asylantrag in Deutschland abzuschrecken und sie
schneller zu einer Ausreise aus Deutschland zu bewe-
gen. Die grüne Bundestagsfraktion fordert deswegen seit
langem die ersatzlose Streichung dieses Gesetzes. Des-
wegen haben wir heute diesen Gesetzentwurf vorgelegt.

Verehrte Kolleginnen und Kollegen, mittlerweile ist
es zwei Jahre her, dass das Bundesverfassungsgericht
das Asylbewerberleistungsgesetz für unzulänglich er-
klärt und eine Neufassung des Gesetzes gefordert hat. In
der Begründung verdeutlichte das Gericht, dass durch
das Asylbewerberleistungsgesetz die in Artikel 1 des
Grundgesetzes geschützte Menschenwürde relativiert
werde. Verehrte Kolleginnen und Kollegen der Großen
Koalition, das Bundesverfassungsgericht hat in seinem
Urteil mehr als deutlich gesagt, dass die Menschenwürde
„migrationspolitisch nicht zu relativieren“ ist. Damit hat
es auch recht.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Diese Kernaussage des Bundesverfassungsgerichts
wird aber nach unserer Auffassung mit dem vorliegen-
den Gesetzentwurf in mehrfacher Hinsicht ignoriert;
denn Ihr Gesetzentwurf bleibt weit hinter dem zurück,
was notwendig wäre, um hier lebenden Asylsuchenden
eine Perspektive zu eröffnen. Peinlich ist ja schon, dass
gegenüber dem Referentenentwurf, der eine maximale
Bezugsdauer von 12 Monaten vorsah, die Bezugsdauer
im Gesetzentwurf auf 15 Monate heraufgesetzt wurde.
Warum eigentlich? Ein humanitäres Anliegen wird in
Ihrem Vorschlag jedenfalls nicht erkennbar – im Gegen-
teil. Das will ich an einigen Beispielen veranschauli-
chen.

Auch nach dieser Frist von 15 Monaten – das wurde
hier ganz galant verschwiegen – sollen Menschen näm-
lich mit abgesenkten Sozialleistungen bestraft werden
können, wenn sie allein deswegen nach Deutschland ge-
flüchtet sind, um die Leistungen des Asylbewerberleis-
tungsgesetzes in Anspruch zu nehmen, oder wenn sie die
Gründe, deretwegen eine Abschiebung nicht vollzogen
werden kann, selbst verschuldet haben. Was bedeutet das
eigentlich, liebe Kolleginnen und Kollegen? Mit Ein-
schränkungen wie diesen, die in den meisten Fällen ja
ausschließlich auf einer Vermutung basieren und im Er-
messen des zuständigen Sachbearbeiters liegen, werden
künftig wieder Menschen über diese 15 Monate hinaus
unterhalb des Existenzminimums gehalten. Hinzu
kommt dann auch noch, dass diese Leistungen vermut-
lich unbefristet gelten können. Wir sehen dies als ekla-
tante Missachtung des Verfassungsgerichtsurteils an;
denn es heißt dort klipp und klar, dass das Existenzmini-
mum in jedem Fall und zu jeder Zeit sichergestellt sein
muss. Das passiert hier aber nicht.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Die Große Koalition hebt die Regelsätze des Asyl-
bewerberleistungsgesetzes zwar an – was im Übrigen,
Frau Staatssekretärin, nicht der politischen Vernunft,
sondern der Intervention des Verfassungsgerichts ge-
schuldet ist –, gleicht sie aber eben nicht vollständig an
die Sozialhilfesätze an. Dann unterbieten Sie das Urteil
aus Karlsruhe auch noch ein weiteres Mal; denn das Ge-
richt hat sogar festgeschrieben, dass auch ein etwaiger
finanzieller Mehrbedarf geprüft werden soll, der unter
den Bedingungen eines nur vorübergehenden Aufenthal-
tes anfallen könnte. Das Urteil wird sozusagen zweifach
unterboten.

Schutzsuchende, die dem Asylbewerberleistungs-
gesetz unterworfen sind – ich finde, das ist der härteste
Punkt –, erhalten nur in Notfällen oder bei akuten
Schmerzzuständen eine vorläufige medizinische Hilfe.
Dabei ist der Schutz von Leben und der körperlichen
Unversehrtheit auch Teil der unveräußerlichen Men-
schenwürde.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Gerade Asylsuchende leiden aufgrund ihrer Kriegser-
fahrungen häufig unter physischen und psychischen
Symptomen, die zwingend behandlungsbedürftig sind.
Die Einschränkung der medizinischen Behandlung auf
sogenannte Notfälle führt häufig erst zu einer Ausbil-
dung massiver lebensbedrohlicher Krankheiten oder
eben einer Chronifizierung. Schwangere können keine





Luise Amtsberg


(A) (C)



(D)(B)

Regeluntersuchungen in Anspruch nehmen, Kinder nicht
die obligatorischen Impfungen erhalten. Durch eine Mit-
gliedschaft in einer gesetzlichen Krankenversicherung
könnten solche Zustände verhindert werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Genau das soll aber den Asyl- und Schutzsuchenden
weiter vorenthalten werden.

Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf halten Sie also
im Kern am diskriminierenden Charakter des Asylbe-
werberleistungsgesetzes fest. Außerdem – hier möchte
ich auf meine Vorrednerin Bezug nehmen – entzieht sich
der Bund jeglicher finanzieller Verantwortung, indem er
nämlich die finanziellen Lasten des Asylbewerberleis-
tungsgesetzes auf die Kommunen abwälzt und diese im
Übrigen auch bei der Unterbringung, für die nämlich die
Länder zuständig sind, alleinelässt.


(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Die könnten ja ihre Zuständigkeiten wahrnehmen!)


– Ja, die Zuständigkeiten sind geregelt. Die kann man
aber auch anders regeln.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: An andere abschieben! Das ist Ihre Methode!)


Ein Weg zur finanziellen Entlastung der Länder und
Kommunen ist die Abschaffung des Asylbewerberleis-
tungsgesetzes, da Bezieherinnen und Bezieher dieser
Leistungen dann Anspruch auf Leistungen nach SGB II
und SGB XII hätten. Verehrte Kollegen, eines ist doch
einmal klar – schauen Sie sich Ihren eigenen Gesetzent-
wurf an –: Es gibt nur ein Existenzminimum. Das heißt,
es müssen für alle Menschen die gleichen Leistungen
gelten.


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Das stimmt nicht, Frau Amtsberg! Das stimmt so nicht!)


Dieses Existenzminimum muss für alle Menschen in
Deutschland gelten, eben auch für Asylsuchende. Dass
die medizinische Versorgung hier nach wie vor ausge-
nommen ist, ist eine eindeutige Ungleichbehandlung.
Das sollten Sie sich einmal zu Herzen nehmen.

Herzlichen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805715800

Als nächstem Redner erteile ich das Wort dem Abge-

ordneten Matthäus Strebl, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Matthäus Strebl (CSU):
Rede ID: ID1805715900

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen

und Kollegen! Wir beraten heute den Gesetzentwurf zur
Änderung des Asylbewerberleistungsgesetzes und des
Sozialgerichtsgesetzes. Zusätzlich liegt uns ein Gesetz-
entwurf der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vor, der
die Aufhebung des Asylbewerberleistungsgesetzes zum
Gegenstand hat.


(Ulla Jelpke [DIE LINKE]: Bravo!)


Die weltweiten Krisen, meine sehr verehrten Damen
und Herren, insbesondere in Syrien, Irak oder Afghani-
stan, haben zweifelsfrei Auswirkungen auf Europa und
auch auf Deutschland. Die Menschen aus den Krisen-
gebieten erhoffen sich aus den verschiedensten Gründen
– zum Beispiel wegen Krieg, wegen politischer oder re-
ligiöser Verfolgung oder wegen Armut – ein besseres
und friedliches Leben in Deutschland.

Hierzu einige Zahlen: Blicken wir auf den Monat Au-
gust dieses Jahres, so wurden die meisten Asylanträge
von Flüchtlingen aus Syrien, Eritrea und aus Serbien ge-
stellt. Fast die Hälfte aller gestellten Erstanträge entfal-
len auf diese drei Herkunftsstaaten. So wurden im Jahr
2013 in der Europäischen Union insgesamt 435 000
Asylbewerber registriert, wobei in Deutschland mit
127 000 die höchste Anzahl verzeichnet wurde. Vor die-
sen Zahlen dürfen wir nicht die Augen verschließen;
denn die Frage des Asyls beinhaltet die unterschiedlichs-
ten weiteren Fragen.


(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber das hat mit dem Asylbewerberleistungsgesetz nichts zu tun! Das Verfassungsgericht hat sogar gesagt, das darf damit nichts zu tun haben!)


Wir wollen uns heute mit dem Asylbewerberleis-
tungsgesetz, insbesondere mit den finanziellen Aspek-
ten, befassen. Grundsätzlich halte ich es für richtig,
meine sehr verehrten Kollegen der Linken und der Grü-
nen, dass die Situation von Asylbewerbern, besonders in
der ersten Zeit nach ihrer Einreise nach Deutschland,
nicht vergleichbar ist mit der Lebenssituation von Men-
schen, die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II und
XII beziehen. Für Asylbewerber sind in der Anfangszeit,
noch dazu in einem fremden Land mit fehlenden Sprach-
kenntnissen, die Sachleistungen mit einem Anteil von
Bargeldleistungen die richtige Leistungswahl. Hier
handelt es sich um Daseinsvorsorge und nicht, wie von
Ihnen behauptet und uns vorgeworfen wird, um eine
Diskriminierung.

Das Bundesverfassungsgericht hatte 2012 in seiner
Entscheidung zum Asylbewerberleistungsgesetz erklärt,
dass die Höhe der Geldleistungen nach § 3 des Asyl-
bewerberleistungsgesetzes evident unzureichend ist. Der
Verpflichtung durch Karlsruhe kommen wir jetzt durch
diesen Gesetzentwurf nach.

Auf das Grundrecht auf Gewährleistung eines men-
schenwürdigen Existenzminimums können sich sowohl
deutsche als auch ausländische Staatsangehörige, die
sich in der Bundesrepublik Deutschland aufhalten, beru-
fen. Da aber die Berechnung seit 1993 nicht mehr geän-
dert wurde, war das Existenzminimum für diese Bezie-
her nicht mehr gewährleistet. Deshalb sollen in Zukunft
die existenznotwendigen Leistungen auf der Grundlage
der Einkommens- und Verbrauchsstichproben ermittelt
werden.





Matthäus Strebl


(A) (C)



(D)(B)

Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass das Bundes-
verfassungsgericht das Asylbewerberleistungsgesetz im
Ganzen jedoch nicht für verfassungswidrig erklärt hat.
Die Forderung der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, das
Asylbewerberleistungsgesetz ganz abzuschaffen, wei-
sen wir deshalb zurück. Stattdessen nehmen wir für die
betroffenen Menschen positive Gesetzesänderungen vor.


(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das unterliegt aber genauso der Verfassung!)


Einige möchte ich beispielhaft nennen: Die Zeit, in
der Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz
gezahlt werden – das hat die Kollegin Eckenbach schon
erwähnt –, die sogenannte Wartefrist, wird von 48 Mo-
nate auf 15 Monate reduziert. Auch die gesundheitliche
Notfallversorgung von Asylbewerbern wollen wir ge-
währleisten. Im Falle einer akuten Notfallbehandlung im
Krankenhaus oder bei Zahnärzten


(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Aber nur im Notfall!)


können Ärzte und Krankenhausträger unter den im Ge-
setz genannten Voraussetzungen ihren Aufwendungser-
satzanspruch gegenüber dem jeweiligen Leistungsträger
geltend machen. Ebenso hat zukünftig das Fehlverhalten
eines Einzelnen ausschließlich Auswirkungen auf ihn
selbst. Die akzessorische Anspruchseinschränkung bei
Familienangehörigen heben wir auf und verhindern so-
mit insbesondere, dass minderjährige Kinder für das
Fehlverhalten ihrer Eltern die Konsequenzen tragen. Die
Große Koalition plant die alters- und bedarfsgerechte
Förderung der Kinder und Jugendlichen unter den Asyl-
bewerbern. Deshalb wird aus der „Kann“-Leistung ein
gesetzlich verankerter Anspruch auf Leistungen für
Bildung und Teilhabe. Minderjährige Asylbewerber ob-
liegen, wie alle anderen Kinder in Deutschland auch, der
Schulpflicht. Die Förderung durch Leistungen für Bil-
dung und Teilhabe hat zur Folge, dass eine Ausgrenzung
von minderjährigen Asylbewerbern vermieden werden
kann. Dadurch erhöhen wir – darauf möchte ich aus-
drücklich hinweisen – die Bildungs- und Aufstiegschan-
cen, sowohl im Fall des Verbleibens in Deutschland als
auch im Falle der Rückkehr ins Heimatland.


(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Alles andere wäre wahrscheinlich verfassungswidrig!)


Ich bin davon überzeugt, dass wir den Vorgaben des
Bundesverfassungsgerichts Rechnung tragen und gleich-
zeitig die Situation vieler Asylbewerber in Deutschland
verbessern. Die Forderung der Fraktion Bündnis 90/Die
Grünen, das Asylbewerberleistungsgesetz abzuschaffen,
lehnen wir ab.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805716000

Als letzter Rednerin zu diesem Tagesordnungspunkt

erteile ich das Wort der Abgeordneten Kerstin Griese,
SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Kerstin Griese (SPD):
Rede ID: ID1805716100

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Endlich ändern wir das Asylbewerberleistungsgesetz.
Schon am 18. Juli 2012 hatte das Bundesverfassungsge-
richt bescheinigt, dass die Höhe der Geldleistungen – ich
zitiere –: „… mit dem Grundrecht auf Gewährleistung
eines menschenwürdigen Existenzminimums … unver-
einbar“ ist. Deshalb kann ich mir zu Beginn die Kritik
auch nicht verkneifen, dass es gut gewesen wäre, wenn
die Vorgängerregierung die Gesetzesänderung ein biss-
chen zügiger angepackt hätte.


(Ulla Jelpke [DIE LINKE]: Es ist 20 Jahre nichts passiert!)


Aber wir tun das jetzt. Diese Koalition ist handlungs-
fähig. Ich danke dem Bundessozialministerium für die
Vorlage dieses Gesetzentwurfs, den wir nun zügig bera-
ten und beschließen können.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Was ist uns besonders wichtig bei diesem neuen Ge-
setz? Wir werden künftig endlich reale Leistungssätze
haben, die anhand der Einkommens- und Verbrauchs-
stichprobe festgelegt werden. Asylbewerberinnen und
Asylbewerber bekommen dadurch durchschnittlich
127 Euro mehr im Monat, um ihren Bedarf zu sichern.
Die Sätze waren so lange nicht mehr angehoben worden,
dass die Beträge im Gesetzestext sogar noch in D-Mark
stehen; aber das nur als kleiner Hinweis am Rande.

Wir werden die Wartefrist, bis Leistungen in gleicher
Höhe wie in der Sozialhilfe erbracht werden, von 4 Jah-
ren auf 15 Monate verkürzen. Das ist eine echte Verbes-
serung für Asylbewerberinnen und Asylbewerber.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Kinder und Jugendliche werden von Anfang an Leis-
tungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket erhalten.
Das ist wichtig, weil sie möglichst früh zur Schule gehen
sollen. Sie sollen sich integrieren können und alle Chan-
cen haben. Leistungen für minderjährige Kinder werden
nicht mehr gekürzt. Die Erstattung der Kosten für medi-
zinische Nothilfe in Eilfällen wie Krankenhaus- und
Notfallbehandlungen wird sichergestellt.

Ich will ganz besonders auf die Situation von Kindern
und Jugendlichen und auf die Gesundheitsversorgung
– das war auch schon Thema – eingehen. Wir wollen in
einem zweiten Schritt im Zusammenhang der Reform
der EU-Aufnahmerichtlinie die Gesundheitsversorgung
von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern verbessern.


(Beifall der Abg. Gabriele Hiller-Ohm [SPD])






Kerstin Griese


(A) (C)



(D)(B)

Das ist dringend nötig. Es gab ein paar tragische Fälle, in
denen Asylbewerberinnen und Asylbewerber zu Tode
gekommen bzw. schwer krank geworden sind, weil sie
nicht angemessen behandelt wurden. Ich will aber deut-
lich sagen: Das waren Notfälle, die nach § 4 des Asyl-
bewerberleistungsgesetzes schon jetzt medizinisch hät-
ten versorgt werden müssen. Es ist schlimm, dass die
Umsetzung des Gesetzes in diesen Fällen nicht funktio-
niert hat.

Wir sollten in den weiteren Beratungen darauf achten,
dass gerade Kinder und Jugendliche die medizinische
Versorgung erhalten, die sie brauchen. Ich darf daran er-
innern, dass wir uns in der UN-Kinderrechtskonvention
dazu verpflichtet haben. Darüber hinaus wollen wir da-
für sorgen, dass die notwendige psychologische Behand-
lung von traumatisierten Flüchtlingen gewährleistet
wird.

Ein weiterer für uns wichtiger Aspekt ist: Opfer von
Menschenhandel und Ausbeutung sowie in Deutschland
lebende Menschen, deren Abschiebung aus humanitären
Gründen schon länger ausgesetzt ist, werden künftig
Leistungen gemäß SGB II oder SGB XII bekommen.
Das entspricht der Anerkennung der Realität, dass sie
länger bzw. dauerhaft hier bleiben werden. Deshalb ist
das ein richtiger Schritt.

Mit Blick auf die Beratungen möchte ich auch noch
den Punkt ansprechen, dass die Herausnahme einzelner
Gruppen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz die
Kommunen sehr deutlich entlastet: um 43 Millionen
Euro jährlich ab 2016, im nächsten Jahr schon um
27 Millionen Euro. Wir sollten im Zuge der Beratungen
prüfen, ob es weitere Möglichkeiten gibt, Gruppen von
Personen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz heraus-
zunehmen. Das würde die Kommunen unterstützen. Üb-
rigens, liebe Frau Kollegin, Nordrhein-Westfalen macht
das schon lange. Die Landesregierung entlastet und
stärkt die Kommunen und hilft ihnen, die Aufgaben, die
vor ihnen liegen, zu erfüllen.


(Beifall bei der SPD – Jutta Eckenbach [CDU/ CSU]: Siehe Essen!)


Der Bundesrat hat noch weitere Verbesserungen für
Flüchtlinge beschlossen, die wir in einem nächsten
Schritt hier vorlegen werden: Vorrang von Geld- vor
Sachleistungen, Abschaffung der Residenzpflicht nach
drei Monaten Aufenthalt – das ist eines der sinnvollsten
Vorhaben; wir sollten diese Residenzpflicht endlich ab-
schaffen –, Aussetzung der sogenannten Vorrangprüfung
bei Arbeitsplätzen. Denn es ist wichtig, dass Asylbewer-
berinnen und Asylbewerber sowie Flüchtlinge hier eine
Arbeit aufnehmen können. Wer schon einmal Asylbe-
werberheime besucht hat – ich hoffe, dass viele der Kol-
leginnen und Kollegen das regelmäßig tun –, weiß, wie
psychisch belastend es ist, nicht arbeiten zu dürfen,
nichts zu tun zu haben, quasi zum Rumhängen ver-
dammt zu sein. Ein Job ist der erste Schritt zurück ins
Leben, oft nach dramatischen Monaten, nach Jahren der
Flucht, nach Jahren der Angst und Unsicherheit.

Zum Gesetzentwurf der Grünen, das Asylbewerber-
leistungsgesetz ganz abzuschaffen, sage ich nur kurz
zwei Dinge:
Erstens. Das klingt ja erst einmal sympathisch, aber
wir sollten ernsthaft darüber nachdenken, ob wir sofort
und in allen Punkten Menschen, die hier Asyl suchen,
mit den Menschen, die länger arbeitslos sind, hinsicht-
lich der Leistungen gleichstellen sollten.


(Luise Amtsberg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja!)


Das muss man sich sehr ernsthaft überlegen.

Zweitens. In diesem Gesetzentwurf geht es um finan-
zielle Fragen, die zwischen Bund und Ländern zu regeln
sind. Das wird noch angesprochen werden, wie in der
Protokollerklärung des Bundesrates festgehalten worden
ist, wenn dazu die Bund-Länder-Finanzgespräche ge-
führt werden. In diesen Gesprächen wird insbesondere
über die Gesundheitskosten und die unbegleiteten min-
derjährigen Flüchtlinge debattiert werden.

Zum Schluss will ich noch ein Wort sagen zu den
schrecklichen Vorfällen in Asylbewerberheimen, von de-
nen wir gehört haben. Wir wollen seitens des Bundesta-
ges mit dieser Gesetzesänderung ein ganz klares Signal
aussenden: Uns geht es um die Menschenwürde;


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Warum macht ihr das nicht?)


sie ist unantastbar.


(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Genau! Auch für Asylbewerber!)


Wir dulden nicht, dass Menschen, die aus tiefstem Leid
zu uns kommen, gewalttätig, entwürdigend oder herab-
lassend behandelt werden. Ich wäre froh, wenn wir uns
da einig wären.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dr. Wolfgang StrengmannKuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein, wir sind uns leider nicht einig!)


Ich will ein Dankeschön an die vielen Ehrenamtlichen
senden, die sich tagtäglich um Flüchtlinge kümmern, die
mit Kindern lesen und schreiben üben, die mit den Fami-
lien kochen, die Kleidung und Möbel besorgen, die sie
bei Behördengängen begleiten, die Menschen einladen,
die hierher geflohen sind. Ich erlebe in meinem Wahl-
kreis eine große Welle der Hilfsbereitschaft, des Engage-
ments, des Verständnisses für die schwierige Situation
der Flüchtlinge.


(Luise Amtsberg [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die muss aber auch vom Gesetzgeber kommen!)


Wir sollten mit den gesetzlichen Regelungen, die wir
hier beschließen, dieses Engagement unterstützen. In
diesem Sinne hoffe ich auf gute Beratungen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805716200

Ich schließe die Aussprache.





Vizepräsident Peter Hintze


(A) (C)



(D)(B)

Interfraktionell wird Überweisung der Gesetzent-
würfe auf den Drucksachen 18/2592 und 18/2736 an die
in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorge-
schlagen. Gibt es dazu anderweitige Vorschläge? – Das
ist nicht der Fall. Dann sind die Überweisungen so be-
schlossen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 12 auf:

Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-

(14. Ausschuss)

Klein-Schmeink, Elisabeth Scharfenberg,
Kordula Schulz-Asche, weiterer Abgeordneter
und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Das psychiatrische Entgeltsystem überarbei-
ten und das Versorgungssystem qualitativ
weiterentwickeln

Drucksachen 18/849, 18/1713

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 38 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Als erster Rednerin er-
teile ich das Wort der Abgeordneten Ute Bertram, CDU/
CSU-Fraktion.


Ute Bertram (CDU):
Rede ID: ID1805716300

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Heute rufen wir wieder das Thema PEPP, also
das pauschalierende Entgeltsystem Psychiatrie und
Psychosomatik auf. Aber das Thema hat sich verändert.
Der Bundestag hat durch das GKV-Finanzstruktur- und
Qualitäts-Weiterentwicklungsgesetz die gestaffelten Ein-
führungsfristen um jeweils zwei Jahre verlängert. Damit
wird PEPP mehr Zeit gegeben, um den hohen Ansprü-
chen, die wir an das neue Vergütungssystem stellen, bes-
ser gerecht werden zu können. Die Koalition ist nicht
mit der Brechstange gekommen. Wir setzen damit be-
wusst ein Zeichen, um konstruktiver Kritik entgegenzu-
kommen und den optierenden Einrichtungen mehr Zeit
zu geben, auf die Ausgestaltung des PEPP Einfluss zu
nehmen. Allen Beteiligten ist mittlerweile bewusst: Wer
sich PEPP verweigert, nimmt auf das neue Entgeltsys-
tem keinen Einfluss.

Das lernende System PEPP konnte in den letzten Mo-
naten, seit März, respektabel weiterentwickelt werden.
Anfang September hat das Institut für das Entgeltsystem
im Krankenhaus, das InEK, die mittlerweile dritte Ver-
sion des Entgeltkatalogs für PEPP vorgestellt. Der GKV-
Spitzenverband, der Verband der Privaten Krankenver-
sicherung und die Deutsche Krankenhausgesellschaft
haben sich Ende des letzten Monats hierauf verständigt.

Für 2015 haben wir nun folgendes Bild: Grundlage
für die Kalkulation 2015 sind die Kalkulationsdaten von
85 Einrichtungen mit über 205 000 vollstationären und
teilstationären Fällen. Das entspricht einer Steigerung
von rund 22 Prozent. Der Umfang der Kalkulationsdaten
hat auch in der Psychosomatik zugenommen.
Die Vergütungssystematik wird grundlegend verän-
dert. Neu ist die Einbeziehung des Entlassungstages in
die Kalkulation und die Abrechnung der Entgelte. Die
Differenzierung innerhalb von PEPP erfolgt nun nicht
mehr durch Vergütungsstufen, sondern durch eine ein-
heitliche Vergütung je Tag in Abhängigkeit von der An-
zahl der Berechnungstage. Außerdem werden ergän-
zende Tagesentgelte als neue Vergütungselemente
eingeführt. Damit kann wechselnder Behandlungsauf-
wand im Verlauf einer Behandlung berücksichtigt wer-
den. Ich denke, dies alles kann als Zwischenstation
durchaus positiv bewertet werden.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ein sensibler Punkt im Zusammenhang mit PEPP ist
die Beendigung der Geltungsdauer der Psychiatrie-Per-
sonalverordnung zum 1. Januar 2019. Das ist mir sehr
bewusst. Die Vertragsparteien zum Krankenhausfinan-
zierungsgesetz haben bislang die Maßstäbe und Grund-
sätze dieser Personalverordnung bei der Vereinbarung
des Budgets und der Pflegesätze zugrunde zu legen. Nun
tritt diese Psych-PV zu dem Zeitpunkt außer Kraft, zu
dem die Konvergenzphase des PEPP einsetzt. Hier wird
nun befürchtet, dass damit ein Einfallstor zum Personal-
abbau geschaffen wird.

Nach § 137 Absatz 1 c im SGB V ist dem Gemeinsa-
men Bundesausschuss die Aufgabe übertragen worden
– ich zitiere – „Empfehlungen für die Ausstattung der
stationären Einrichtungen mit dem für die Behandlung
erforderlichen therapeutischen Personal“ zu beschließen.
Diese Befugnis des G-BA tritt damit an die Stelle der
Psych-PV, die übrigens auch keine Personalsicherung
darstellt, sondern nur der Budgetfestlegung dient. Mit
Interesse haben wir auch den Hinweis des G-BA in der
Sachverständigenanhörung im Gesundheitsausschuss am
7. Mai dieses Jahres aufgenommen, der Nachfolgerege-
lung der Psych-PV mehr Verbindlichkeit als nur einen
Empfehlungscharakter zukommen zu lassen. Das wollen
wir offen prüfen.

Freilich heißt das noch nicht, dass ansonsten die Kri-
tik an PEPP erloschen wäre. Nach wie vor werden The-
sen vertreten, die gerade nicht überzeugen. Gelegentlich
– wer weiß, vielleicht auch noch heute hier im Plenum –
ist noch zu hören, mit den degressiven Tagessätzen wür-
den Fehlanreize gesetzt, die dazu führen, dass Patienten
aus ökonomischen Motiven heraus zu früh aus dem
Krankenhaus entlassen werden. Die Tagessätze bilden
die durchschnittlichen Behandlungskosten pro Patient
ab. Dass sie hierbei einen degressiven Verlauf haben,
entspricht dem tatsächlichen Verlauf der Kostenentste-
hung.

Zu einer Unterversorgung wird es dadurch nicht kom-
men. Eher das Gegenteil ist der Fall: Würden Psych-Ein-
richtungen Patienten zu früh entlassen, würden sie auf
zusätzliche Erlöse verzichten. Das Szenario, ein Patient
werde zu früh aus dem Krankenhaus entlassen, tritt al-
lenfalls dann ein, wenn die Aufnahmekapazität einer
Einrichtung nicht ausreicht und dem akuteren Fall ge-
genüber dem weniger akuten Fall Vorrang eingeräumt
werden muss. Ich möchte denjenigen sehen, der dann an-
ders entscheidet. Vor allem aber ist es nicht das Thema





Ute Bertram


(A) (C)



(D)(B)

von PEPP, sondern der gesamten psychiatrischen und
psychosomatischen Versorgungssituation einschließlich
der ambulanten Versorgung, die Vorrang gegenüber der
stationären Versorgung hat.

Mit PEPP wird häufig die Forderung verknüpft, dass
eine Verzahnung mit der ambulanten Versorgung sicher-
gestellt werden muss. Keine Frage: Die Schnittstellen-
problematik zwischen der stationären und der ambulan-
ten Versorgung kann PEPP ebenso wenig lösen wie das
jetzige Vergütungssystem. Schließlich geht es hier ja nur
um ein Vergütungssystem von Krankenhäusern der Psy-
chiatrie und der Psychosomatik.

Ich finde es merkwürdig; denn nach § 140 a SGB V
können Verträge für eine übergreifende Versorgung zwi-
schen Krankenkassen und den Leistungserbringern
längst geschlossen werden. Diese Vorschrift besteht seit
Dezember 1999, also seit rund 15 Jahren. Seit Juli 2012
wird diese Vorschrift durch § 64 b SGB V flankiert, wo-
nach eine sektorenübergreifende Leistungserbringung
auch Gegenstand von Modellvorhaben sein kann. Unab-
hängig davon, was immer dazu geführt haben mag, dass
eine solche Leistungserbringung noch nicht über örtliche
und regionale Insellösungen hinaus entwickelt worden
ist, sehe ich hier die Partner im Gesundheitswesen in der
Pflicht. Ihnen kommt die Aufgabe zu, Parameter für eine
integrierte Versorgung zu entwickeln, die möglichst flä-
chendeckend anwendbar sind.

Und es ist nicht sachgerecht, PEPP mit der Frage sek-
torenübergreifender Leistungserbringung zu befrachten.
Dennoch will ich den Akteuren ein wenig auf die
Sprünge helfen. Ziel soll ja sein, die Durchlässigkeit
zwischen stationärer und ambulanter Versorgung flä-
chendeckend einzuführen. Wegen des Grundsatzes „am-
bulant vor stationär“ heißt dies, dass ganz überwiegend
eine Überleitung von der stationären Versorgung hin zur
ambulanten Versorgung stattfinden muss. Zwar ist das
auch umgekehrt zu betrachten, aber nicht vorrangig.

Weiterhin muss der Grundsatz berücksichtigt werden,
dass gerade im Bereich der Psychiatrie und der Psycho-
somatik ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis zwi-
schen Patient und Therapeuten bestehen muss. Das
heißt, ein Wechsel in der Person des Therapeuten ist im-
mer heikel und sollte möglichst vermieden werden.

Zu beachten ist ferner, dass der stationäre Sektor mit
angestelltem Personal arbeitet, während der ambulante
Sektor freiberuflich geprägt ist. Was folgt hieraus? Wie
können diese Feststellungen rechtlich und organisato-
risch umgesetzt werden? Hierzu rege ich folgenden Vor-
schlag zur Prüfung an: Stationäre Einrichtungen beset-
zen den erkannten Personalbedarf im Bereich der
Psychotherapeuten mit eigenem Personal nicht zu
100 Prozent, sondern beispielsweise zu 85 oder 90 Pro-
zent. Der ungedeckte Personalbedarf, der Rest, wird zu
den Honorarkonditionen der freiberuflichen Therapeuten
eingekauft. So könnte eine sektorenübergreifende Ver-
sorgung durch Überlappung gelingen. Aus dem somati-
schen Bereich kennen wir dies bereits unter dem Stich-
wort „Belegärzte“. Bedenkenträger werden jetzt
einwenden, dass dieser Vorschlag mit multiprofessionel-
ler Hilfe nicht in Einklang zu bringen ist. Denen ant-
worte ich: Das mag ja sein, aber gerade dieser Patienten-
kreis, der solche multiprofessionelle Hilfe benötigt, ist
nicht derjenige, der ambulant weiterbehandelt werden
kann.

Um aber auf das ursprüngliche Thema zurückzukeh-
ren: PEPP kann für eine Einführung der sektorenüber-
greifenden Versorgung zwar nicht der Problemlöser sein,
er steht ihr aber auch nicht im Wege.

Nach allem bleibt festzustellen: Der heute zur Ab-
stimmung anstehende Antrag verkennt die Chancen, die
PEPP bietet, und es entspricht einfach nicht dem aktuel-
len Stand des neuen Vergütungssystems. Die Karawane
ist einfach weitergezogen. Da bleibt nur noch Ableh-
nung.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Peter Hintze (CDU):
Rede ID: ID1805716400

Als nächstem Redner erteile ich dem Abgeordneten

Harald Weinberg, Fraktion Die Linke, das Wort.


(Beifall bei der LINKEN)



Harald Weinberg (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805716500

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Zunächst einmal möchte ich Ihnen für die An-
regungen danken, die Sie in Ihrer Rede gemacht haben.
Ich werde gleich an einigen Stellen sicher andere Ak-
zente setzen, aber ich finde es sehr mutig und bemer-
kenswert, hier Vorschläge zu machen, wie man die Sek-
toren ein Stück weit durchlässiger machen kann. Das
will ich durchaus anerkennen.

Ferner möchte ich mich bei den Grünen bedanken,
dass wir mit der Beratung dieses Antrags noch einmal
die Gelegenheit haben, über das Entgeltsystem in der
Psychiatrie zu reden. Das ist aus unserer Sicht dringend
notwendig. Wir sehen es eher so, dass das gegebene
PEPP-System ein Überbleibsel aus schwarz-gelber Ge-
sundheitspolitik ist, das der künftige Allianz-Vorstand
Daniel Bahr gegen den Widerstand der Fach- und Pa-
tientenverbände vorangetrieben und sozusagen mit einer
Ersatzvornahme durchgesetzt hat. PEPP droht aus unse-
rer Sicht die Versorgung zu verschlechtern und den
Wettbewerb unter den Krankenhäusern auf die Psychia-
trien auszuweiten. Das lehnen wir ab.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Was Krankenhauswettbewerb bedeutet, können wir
heute schon in den nichtpsychiatrischen Krankenhäusern
erleben. Die Einführung der Fallpauschalen vor zehn
Jahren hat dort zu einem Wettbewerb um die meisten
Operationen und die guten Risiken geführt. Ob alle
durchgeführten Operationen wirklich notwendig sind,
darf bezweifelt werden.

PEPP ist nicht völlig identisch mit den Fallpauscha-
len. Die grundsätzliche Struktur und Ausrichtung sind
jedoch ähnlich. Es gibt auch bei PEPP Kalkulationshäu-





Harald Weinberg


(A) (C)



(D)(B)

ser, in denen Durchschnittskosten ermittelt werden, die
dann Maßstab, Benchmark für den Wettbewerb der Häu-
ser und psychiatrischen Einrichtungen untereinander
sind. Es werden dann in der Tat ökonomische Gründe
sein, die über die Art entscheiden, wie jemand und wie
lange jemand als psychisch erkrankter Mensch behandelt
wird. Über-, Unter- und Fehlversorgung sind damit aus
unserer Sicht vorprogrammiert.

Dann sorgt PEPP – wir hatten es gerade schon einmal –,
zumindest in der bisherigen Fassung, für ein Ende
moderner Versorgungsformen, bei denen nicht das
Krankenhaus im Mittelpunkt steht, wie zum Beispiel ge-
meindepsychiatrischer Wohneinrichtungen und anderer
Verzahnungen mit dem ambulanten Bereich; denn durch
solche Einrichtungen verlieren die stationären Einrich-
tungen – in Anführungszeichen – gute Kunden. Die
Linke ist gegen Markt und Wettbewerb in Krankenhäu-
sern, weil das der Orientierung am Patienten und seinem
individuellen Behandlungsbedarf widerspricht. Das gilt
noch mehr für die psychiatrische Versorgung.


(Beifall bei der LINKEN)


Der Antrag der Grünen geht aus unserer Sicht inso-
fern in die richtige Richtung, als er das Versorgungs-
geschehen und den Versorgungsbedarf in den Mittel-
punkt stellt und dann erst fragt: Wie soll das Ganze
sinnvoll finanziert werden? Was ist dafür ein sinnvolles
Finanzierungssystem?

CDU/CSU sehen das Finanzierungssystem PEPP erst
einmal als gegeben, als absolut an – mit der Folge, dass
sich dann das Versorgungsgeschehen daran anpassen
soll. Das ist dann das sogenannte lernende System. Die
Verschiebung der Scharfstellung, also die Verschiebung
der Einführung, hat dann auch nur den Sinn – das haben
wir gerade schon ein bisschen herausgehört –, eine Art
Trainingslager oder Trainingsphase für die Einrichtun-
gen zur besseren Anpassung an das PEPP-System zu
sein. Das lehnen wir allerdings grundsätzlich ab.


(Beifall bei der LINKEN)


Die SPD war vor der Wahl im letzten Jahr strikt gegen
die Einführung von PEPP. Ich bin gespannt, was die
Koalition aus dieser Gemengelage machen wird. In den
Beratungen in den Ausschüssen haben wir gesehen, dass
die SPD ihre Positionierung verändert hat.

Wir haben aber auch erlebt, dass der Druck von au-
ßen, der Druck von den Verbänden, den Gewerkschaf-
ten, den Krankenhäusern, den Linken und den Grünen
dazu geführt hat, dass die Optionsphase verlängert wor-
den ist und dass wir ein Moratorium von zwei Jahren ha-
ben werden. Wir meinen, dass wir diese zwei Jahre
nutzen müssen, um generell noch einmal darüber nach-
zudenken, wie wir die psychiatrische Versorgung, und
zwar auch in der Verzahnung der Sektoren und Versor-
gungsstrukturen, zusammenbringen.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wenn ich der SPD etwas raten darf: Auch wenn es
schwerfällt, bleiben Sie bei der Position, dass PEPP ein
Fehler ist und dass es nicht eingeführt werden darf. Las-
sen Sie sich nicht aus Koalitionsräson zu einer Entschei-
dung gegen Ihre Überzeugung treiben, die den psychisch
kranken Menschen schaden wird.

Noch ein Wort zu dem Antrag der Grünen. Der
Antrag benennt die Probleme aus unserer Sicht völlig
korrekt. Der Grundansatz, von der Versorgung aus zu
denken, geht in die richtige Richtung. Er ist jedenfalls
besser als alles, was wir bisher von der Koalition vorge-
legt bekommen haben. Insofern werden wir ihm zustim-
men.

Vielen Dank.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805716600

Der Kollege Dr. Karl Lauterbach hat für die SPD-

Fraktion das Wort.


(Beifall bei der SPD)



Dr. Karl Lauterbach (SPD):
Rede ID: ID1805716700

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen

und Kollegen! Zunächst einmal muss man den Grünen
dafür danken, dass sie den Antrag eingebracht haben. Es
ist aber klar, dass wir dem Antrag nicht zustimmen kön-
nen, weil in dem Antrag nur das gefordert wird, was wir
ohnedies tun.


(Maria Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wenn das mal stimmen würde!)


Wir haben bei der Fraktionsklausur auf dem Peters-
berg beschlossen, dass wir hart prüfen, ob PEPP der
richtige Weg ist. Wenn PEPP der richtige Weg ist, wer-
den wir es so modifizieren, dass wir wichtige Probleme,
die in dem Antrag der Grünen beschrieben worden sind
und die auch uns bekannt sind, innerhalb des Systems
bearbeiten.

Somit ist der Antrag der Grünen nicht falsch. Er ist
auch hilfreich, weil er noch einmal auf die Probleme hin-
weist. Aber er ist überflüssig, weil wir im Prinzip zu
dem aufgefordert werden, was wir schon tun. Übrigens
geschieht dies, Herr Weinberg, nicht auf Druck der Grü-
nen, sondern schlicht und ergreifend aus Überzeugung
heraus. Das gilt für die gesamte Große Koalition, auch
für die Union.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Nur zur Erinnerung: Die Beschlusslage der Fraktion
ist die, dass wir prüfen, ob PEPP grundsätzlich weiter-
verfolgt wird, und, wenn es weiterverfolgt wird, welche
Veränderungen im System notwendig sind, damit die
Nebenwirkungen, die Sie hier einigermaßen eloquent
beschrieben haben, nicht eintreten. Das ist die Be-
schlusslage. Nichtsdestotrotz will ich die Gelegenheit er-
greifen, noch einmal im Detail auf ein paar Punkte ein-
zugehen. Aus meiner Sicht haben wir in der Struktur der
psychiatrischen Versorgung in Deutschland derzeit ein
paar Grundprobleme, die wir lösen müssen. Ich gehe in





Dr. Karl Lauterbach


(A) (C)



(D)(B)

der Kürze der Zeit auf einige wichtige Grundprobleme
ein.

Erstens. PEPP selbst ist ein Vergütungssystem; es ist
keine Strukturreform in der Psychiatrie. Das ist eine
Klarstellung. Die Frage ist, ob wir zuerst die Strukturre-
form durchführen und dann das Vergütungssystem än-
dern sollen oder ob man das gleichzeitig machen kann.
Aber es umgekehrt zu machen, wie Kollege Weinberg
unterstellt hat, ist nie angedacht gewesen. Die Einfüh-
rung von PEPP hat nie bedeutet, dass wir parallel dazu
planen, die Arbeit an notwendigen Strukturreformen in
der Psychiatrie einzustellen. Das hat nie zur Debatte ge-
standen. Von daher ist das eine Unterstellung.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Zweitens. Wir haben eine wichtige Problematik im
Bereich der niedergelassenen Psychiatrie. Dort verdrängt
immer mehr die lukrative Richtlinienversorgung die
kurzinterventionelle klassische Psychotherapie oder die
klassische Interventionspsychiatrie. Das ist von großer
Bedeutung. Denn hier wird zum Teil sehr viel Geld bei
geringem Erfolg ausgegeben, und diejenigen, die drin-
gend eine kurzfristige ambulante Versorgung benötigen,
bekommen diese nicht, weil die Plätze fehlen.

In der Tat wandern immer mehr niedergelassene
Hausärzte bzw. Allgemeinärzte und auch Fachärzte in
die Richtlinientherapie ab, und zwar aus ökonomischen
Gründen, weil sich die klassische Versorgung nicht mehr
lohnt. Daran müssen wir arbeiten. Das ist das zweite
Problem.

Das dritte Problem ist: Im Bereich der stationären
Versorgung nimmt die Zahl der psychosomatischen
Häuser und auch die psychosomatische Betreuung zu,
derweil sich die regionale Versorgung in der Psychiatrie
verknappt. Das hat dazu geführt, dass zwar Betten abge-
baut worden sind, aber die Kosten um mehr als ein Drit-
tel gestiegen sind und gleichzeitig die Wartezeiten auf
einen dringend notwendigen Platz in der stationären Ver-
sorgung in der Regionalversorgung sich immer weiter
ausgedehnt haben – auf über sechs Wochen –, sodass
viele Patienten mit einer erheblichen Verzögerung in die
Versorgung kommen. Das hat zur Folge, dass die Thera-
pie verspätet und in schlechterer Qualität erfolgt.

Innerhalb der psychiatrischen Versorgung haben wir
veraltete Leitlinien. Das betrifft insbesondere die Psy-
chotherapie in der stationären Versorgung, insbesondere
bei der unipolaren Depression, aber nicht nur dort. Dort
wird zu wenig Psychotherapie gemacht. Die Kosten wer-
den nicht erstattet, und die Leitlinienentwicklung, ge-
schweige denn die eigentliche Versorgung in der Psychi-
atrie erfolgen nicht in dem notwendigen Tempo.

Das nächste Problem ist, dass wir in den Leitlinien
derzeit eine zu geringe Verankerung in der evidenzba-
sierten Medizin sehen. Die Leitlinien sind zum Teil nach
dem Konsenssystem entwickelt. Sie sind auch weder in-
terdisziplinär noch sektorenübergreifend. Wir brauchen
interdisziplinäre, sektorenübergreifende, evidenzbasierte
Leitlinien. Wir haben jetzt sektorenspezifische, nicht
evidenzbasierte und nicht interdisziplinäre Leitlinien.
Das ist das Problem. Es ist übrigens sehr wichtig, dass es
gelöst wird. Denn nur auf der Grundlage solcher Leitli-
nien lassen sich die Strukturen entwickeln, die wir ent-
wickeln müssen, wie die Grünen angemahnt haben.

Ich komme zum Schluss. Wir werden Ihnen die der-
zeit von uns geprüften Vorschläge – wir haben die Fach-
verbände um Vorschläge gebeten, und wir haben derzeit
auch eigene Alternativvorschläge zu PEPP oder zu einer
Strukturreform mit und ohne PEPP in Vorbereitung – in
Kürze vorstellen können. Aber was die Lösungen angeht
– wir haben vor wenigen Wochen einen entsprechenden
Beschluss gefasst; das war einer der ersten wichtigen
Beschlüsse, zu denen wir fraktionsübergreifend gekom-
men sind –, werden wir Gegenvorschläge vorlegen.

Bei allem Respekt: Ihr Antrag enthält keinen Gegen-
vorschlag. Darin werden die bekannten Probleme be-
nannt, aber es gibt keinen konkreten Gegenvorschlag,
der die gerade benannten Probleme lösen würde.

Wir werden das also machen, und wir müssen es ma-
chen. Denn Menschen, die psychiatrische Versorgung
brauchen, können sich nicht gegen die falsche Therapie
wehren. Sie sind keine Kunden. Sie sind auf eine zuver-
lässige, wohlmeinende und gute Versorgung mehr ange-
wiesen als jeder andere.


(Beifall des Abg. Harald Weinberg [DIE LINKE])


Wenn ihre Behandlung schlecht ist, dann hat das beson-
ders gravierende Konsequenzen. Daher ist jede Ökono-
misierung dieses Feldes falsch und wird von uns abge-
lehnt. Daran werden wir uns messen lassen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805716800

Das Wort hat die Kollegin Maria Klein-Schmeink für

die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine lieben Kolle-
ginnen und Kollegen! Wir Grüne stellen heute unseren
Antrag zur Abstimmung, wohl wissend, dass er, obwohl
er viele gute Argumente enthält – das ließ sich den ver-
schiedenen Wortbeiträgen schon entnehmen –, abgelehnt
wird, wahrscheinlich und ziemlich sicher gegen das
Gewissen und die fachliche Einschätzung der SPD-
Fraktion, zum Glück nicht mit Unterstützung der Lin-
ken. Wir sind uns eigentlich einig, dass eine wirkliche
Reform im Bereich der Psychiatrie und der Versorgung
im Bereich der Psychosomatik in Deutschland benötigt
wird.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Nur Sie von der Union haben sich darauf festgelegt, als
Erstes ein pauschales Entgeltsystem einzuführen. Sie
sind nicht bereit, den langwierigen, rund zehn Jahre dau-
ernden Prozess der Einführung eines rein fiskalischen
Systems mit einer wirklichen Weiterentwicklung der
Versorgung für diejenigen zu verbinden, die psychisch





Maria Klein-Schmeink


(A) (C)



(D)(B)

krank sind und therapeutische Hilfe und soziale Beglei-
tung brauchen. Das ist der eigentliche Punkt, der hier
eine Rolle spielt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Karl Lauterbach, es geht nicht darum, zu entscheiden
– ähnlich wie bei Henne und Ei –, ob zuerst eine Struk-
turreform durchgeführt oder ob zuerst ein neues Entgelt-
system geschaffen werden soll. Natürlich muss beides
Hand in Hand gehen. Die momentane Beschlusslage er-
laubt lediglich, das Entgeltsystem auf den Prüfstand zu
stellen. Im Rahmen des FQWG ist von SPD und Union
noch vor der Sommerpause beschlossen worden, dass
die Krankenhäuser, die aufgrund des jetzigen, auch von
der SPD infrage gestellten und kritisierten Entgeltsys-
tems kalkulieren, sogar finanzielle Anreize erhalten. Das
wird dazu führen, dass die Union später sagen wird: Da
schon so viele Krankenhäuser auf dieses Entgeltsystem
umgestiegen sind, können wir das nicht mehr ändern. –
Genau das werden wir in zwei Jahren wahrscheinlich
erleben. Ich hoffe, dass dem nicht so ist und dass der
Weg der SPD, den sie sich ausgehandelt hat, zumindest
ein anderes, alternatives Entgeltsystem zu überprüfen,
tatsächlich Wirklichkeit wird, sodass wir die Chance ha-
ben, über ein anderes, bedarfsgerechtes Entgeltsystem zu
diskutieren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Sie haben zwar darauf hingewiesen, dass es auf der
einen Seite um die Finanzierung und auf der anderen
Seite – unbestritten – um die Deckung des Weiterent-
wicklungsbedarfs geht. Aber Sie bleiben die Antwort
darauf schuldig, wann Sie eine Veränderung der Versor-
gungsstrukturen angehen wollen, mit welchen Mitteln
Sie das machen wollen und wie Sie dafür sorgen wollen,
dass das künftige und mit so viel Mühe erstellte Entgelt-
system für die stationäre Versorgung geeignet ist, sekto-
renübergreifende Versorgungsmodelle dauerhaft zu fi-
nanzieren. Diese Antwort bleiben Sie uns komplett
schuldig. Das ist ein großer Fehler Ihres Vorgehens.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Weiterhin fehlt die Sicht auf die Gesamtversorgung.
Wie sieht der Bedarf der jeweiligen Patientengruppen ei-
gentlich aus? Was brauchen sie denn? Was brauchen sie
im der stationären Versorgung vorgelagerten Bereich?
Haben wir tatsächlich ambulante Krisensysteme? Haben
die Betreffenden die Möglichkeit, schnell Zugang zu
psychotherapeutischer Unterstützung zu bekommen?
Halten wir, wenn sich abzeichnet, dass ein Mensch psy-
chisch erkrankt oder in eine Krise gerät, zum Beispiel
eine ausreichende Anzahl an Krisenpensionen im ambu-
lanten Sektor vor? All das haben wir nicht. Sie sehen all
das auch nicht in Ihren Planungen vor. Das ist ein großes
Versäumnis. Das gehört dringend angegangen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Das Gleiche muss für die stationäre Versorgung gel-
ten. Auch da müssen wir fragen: Wie bekommen wir es
hin, dass der Übergang von stationärer Versorgung hin in
den Alltag, in die Familie und zurück an den Arbeits-
platz mit dem therapeutischen Personal angegangen
bzw. von ihm begleitet werden kann, das schon in der
Klinik für diese Menschen in der Krise zuständig war?
Auch das ermöglichen Sie auf dieser Basis – so, wie Sie
es jetzt gestrickt haben – nicht. Das gibt es bestenfalls in
Form von Modellvorhaben. Sie sind aber so halbherzig
ausgestaltet, dass man auf ihrer Grundlage keine zukünf-
tige Versorgungsstruktur entwickeln kann.

Genau diese Chance ist verpasst worden. Das ist sehr
schade. Ich hoffe, dass wir hier in zwei Jahren noch ein-
mal neu über ein Entgeltsystem diskutieren können, das
von wirklich tragfähigen Elementen für eine andere Ver-
sorgungsstruktur begleitet wird. In diesem Sinne hoffe
ich, dass Sie noch einmal ein bisschen nachdenken. Mor-
gen ist der Tag der seelischen Gesundheit. Das wäre in-
sofern eigentlich ein guter Tag, die gesamte Versor-
gungsentwicklung weiter voranzubringen.

Danke schön.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805716900

Für die CDU/CSU-Fraktion hat die Kollegin Emmi

Zeulner das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Emmi Zeulner (CSU):
Rede ID: ID1805717000

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! In psychiatrischen Einrichtungen in Deutsch-
land werden jährlich 1,1 Millionen Patienten behandelt.
Die Art psychischer Erkrankungen hat sich gewandelt.
Die Zahl der Patienten steigt und wird nach der jetzigen
Prognose noch weiter steigen. Sicherlich kennt jeder von
uns in seinem Bekanntenkreis oder in seiner Familie je-
manden, der entweder in der Vergangenheit an einer psy-
chischen Krankheit litt oder heute unter dieser leidet.

Den Betroffenen sowohl im ambulanten wie auch im
stationären Bereich die bestmögliche Versorgung zuteil-
werden zu lassen, ist Aufgabe unseres Gesundheitssys-
tems und somit Auftrag an uns Gesundheitspolitiker.
Stationäre und teilstationäre psychiatrische Einrichtun-
gen müssen sich weiterentwickeln. Es gilt, Qualität zu
garantieren und gleichzeitig Transparenz zu schaffen.

Aus diesem Anliegen heraus haben wir 2012 das pau-
schalierende Entgeltsystem in der Psychiatrie und Psy-
chosomatik – kurz PEPP – eingeführt. Dieses System ist
offen für Verbesserungen und entwickelt sich mit dem
Input der Leistungserbringer stetig weiter. Auch die
Politik darf sich nicht zurücklehnen, sondern muss wei-
terhin an der stetigen Verbesserung des Systems arbei-
ten.

Die Einführung von PEPP stieß damals und stößt
auch heute noch auf Widerstände. Zahlreiche Bedenken
wurden von Patientenvertretern, Leistungserbringern
und Verbänden geäußert.

Seien Sie versichert, dass ich das jetzige PEPP weiter-
hin nicht als der Weisheit letzter Schluss ansehe; aber ich





Emmi Zeulner


(A) (C)



(D)(B)

erkenne auch Fortschritte, die bei der Weiterentwicklung
des Systems gemacht wurden. Denn sowohl die Politik
als auch die Selbstverwaltung haben auf die vielfach ge-
äußerte Kritik an PEPP reagiert. Deshalb sehe ich einige
der Forderungen als erfüllt an.

Als Erstes möchte ich die Forderung nach mehr Zeit
und somit nach einer Verlängerung der Optionsphase
aufgreifen. Auch ich bin der Meinung: Bei einer so tief-
greifenden Neuerung, wie sie das PEPP mit sich bringt,
gilt es, nichts zu überstürzen und die Häuser Schritt für
Schritt mit PEPP vertraut zu machen. Aus diesem
Grunde haben wir – nicht nur die Linken und die Grü-
nen, sondern alle hier im Parlament Anwesenden – be-
schlossen, die Optionsphase um zwei Jahre zu verlän-
gern und dementsprechend auch die nachfolgenden
Phasen später zu beginnen. Diese verlängerte Frist gibt
den Einrichtungen die Chance, das neue System zu er-
proben, ohne dass für sie die befürchteten finanziellen
Nachteile entstehen. Um Anreize für eine Beteiligung
am neuen System zu schaffen, kommt den teilnehmen-
den Häusern in der Optionsphase die doppelte Grund-
lohnrate zugute. Diesen Anreiz halte ich für eine gute In-
vestition, denn der Erfolg von PEPP hängt entscheidend
von der Beteiligung der Krankenhäuser ab.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Es sei in aller Klarheit gesagt: Nur wer mitmacht, kann
auch gestalten.

Ein weiterer Kritikpunkt, der bereits von der Selbst-
verwaltung gelöst wurde, ist die Abschaffung der De-
gression in der Vergütung. Die Sorge, Patienten könnten
aus ökonomischer Motivation heraus frühzeitig entlas-
sen werden, habe auch ich geteilt. Anders als bei somati-
schen Erkrankungen ist der Verlauf psychischer Erkran-
kungen nur schwer vorhersehbar. Nicht bei jedem
Patienten stellt sich am Tag X eine Besserung ein. Dreh-
türeffekte wären eine mögliche Folge dieser Degression
gewesen. Die Selbstverwaltungspartner sind ihrer Ver-
antwortung nachgekommen und haben diesen Kritik-
punkt mit ihrem Beschluss vom April ausgeräumt. Die
rasche Umsetzung durch das InEK im aktuellen Katalog
begrüße ich ausdrücklich. Die Degression wurde, auch
durch die Möglichkeit der Abrechnung des Entlassungs-
tages, weitgehend abgeschafft.

Als dritten Punkt haben wir die individuelle Betreu-
ung Schwerstkranker deutlich verbessert. Wir sind uns
alle einig: Bestimmte Diagnosen verlangen eine beson-
ders intensive Betreuung. Auch dieser Aspekt war zu
wenig in dem alten Entgeltkatalog berücksichtigt. Bei
besonders schweren Verläufen ist eine Eins-zu-eins-Be-
treuung oder eine Intensivbehandlung des Patienten er-
forderlich, was mit dem neuen Katalog gewährleistet
wird. So ist es zukünftig Einrichtungen möglich, im Ein-
zelfall bedarfsgerecht ein Zusatzentgelt abzurechnen.

Schließlich hat sich die Selbstverwaltung zum Ziel
gesetzt, den Dokumentationsaufwand zu reduzieren.
PEPP darf nicht zum Bürokratiemonster werden. Nun
müssen wir sicherstellen, dass auch dieser Aspekt zeit-
nah umgesetzt wird.
Mit dem angestoßenen Entwicklungsprozess haben
wir gezeigt, dass die Aussage, PEPP sei ein lernendes
System, keine leeren Worte sind. Immer noch gibt es
Kritikpunkte. Diesen müssen wir uns selbstverständlich
stellen und die Entwicklung von PEPP auch weiterhin
aufmerksam und kritisch verfolgen. Nur im Dialog mit
den Beteiligten kann es uns gelingen, das Schulkind
PEPP zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.

Allen Beteiligten steht es zum einen offen, Vor-
schläge zur Weiterentwicklung von PEPP beim InEK
einzubringen. Ich appelliere, diese Möglichkeit auch
wahrzunehmen. Zum anderen hat das BMG einen struk-
turierten Dialog angestoßen. Verbände, Selbstverwal-
tung und Kalkulationshäuser sind aufgerufen, ihre Er-
fahrungen mit dem neuen Entgeltsystem einzureichen.
Auf Basis dieser Stellungnahmen werden wir das Sys-
tem überprüfen und gegebenenfalls den Empfehlungen
anpassen.

Jedoch sehe ich auch noch Potenzial bei der Ausge-
staltung von PEPP. Ich erkenne die Gefahr der Selektion
von Patientengruppen. In der Zeit, die wir durch die ver-
längerte Optionsphase gewonnen haben, müssen wir un-
bedingt überprüfen, ob das neue System Anreize zu ei-
ner solchen Selektion setzt. Sollten sich diese Bedenken
bestätigen, so gilt es, unbedingt gegenzusteuern. Was si-
cherlich niemand will, ist ein Wettbewerb unter den
Häusern um die lukrativsten Diagnosen.


(Beifall der Abg. Mechthild Rawert [SPD])


Schließlich wird besonders oft auch die Angst an
mich herangetragen, mit PEPP gehe ein Personalabbau
einher. Eine ausreichende Personalausstattung ist für
eine gute Patientenversorgung unabdingbar. Bereits
heute lässt sich jedoch in manchen Bereichen der Psych-
iatrie eine Unterversorgung mit Personal beobachten,
wie das Kompetenz-Centrum für Psychiatrie und Psy-
chotherapie – kurz KCPP – feststellte. Besonders in den
sensiblen Bereichen der Kinder- und Jugendpsychiatrie
und der Gerontopsychiatrie müssen wir eine ausrei-
chende Versorgung mit Personal sicherstellen.

Es ist klar: Personalpolitik darf nicht auf dem Rücken
der Patienten ausgetragen werden. Diesen gefährlichen
Zusammenhang hat das KCPP in einer Studie festge-
stellt. Demnach ist eine Zunahme im Off-Label-Use von
Neuroleptika in der stationären Versorgung von Kindern
und Jugendlichen zu beobachten. Nach Auffassung des
KCPP könnte dieser Off-Label-Use durch ein Mehr an
psychotherapeutischer und damit personalintensiver Be-
handlung eingedämmt werden.

Auch im Bereich der Gerontopsychiatrie wurde eine
unzureichende aktivierende Pflege festgestellt. Eine aus-
reichende Versorgung mit Personal müssen wir im Sinne
der Patientengesundheit unbedingt gewährleisten.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Aus diesem Grund wird der Gemeinsame Bundesaus-
schuss eine Personalrichtlinie erarbeiten, um auch nach
Auslaufen der Psych-PV keine Lücken entstehen zu las-
sen.





Emmi Zeulner


(A) (C)



(D)(B)

Ich wünsche mir, dass diese Vorgaben nicht nur rei-
nen Empfehlungscharakter haben, sondern mit einer hö-
heren Verbindlichkeit einhergehen; denn die Ärzte, Psy-
chotherapeuten, Pfleger und Heilmittelerbringer stellen
die wichtigste Säule in der Versorgung der Patienten dar,
sowohl im somatischen als auch im psychiatrischen Be-
reich.

Selbstverständlich muss das langfristige Ziel – und da
sind wir uns alle einig – eine sektorenübergreifende Ver-
sorgung sein. Die Schnittstellen zwischen ambulanter
und stationärer Behandlung müssen besser verzahnt wer-
den. Ohne eine leistungsgerechte Vergütung ist jedoch
eine sektorenübergreifende Versorgung nicht möglich.
Es gilt: viel erreicht, noch viel zu tun.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805717100

Für die SPD-Fraktion hat der Kollege Dirk

Heidenblut das Wort.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dirk Heidenblut (SPD):
Rede ID: ID1805717200

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kolle-

gen! Liebe Zuhörerinnen und liebe Zuhörer! Man kann
dem PEPP viel nachsagen, aber eines sicher nicht, näm-
lich dass es keinen Drive in die Diskussion rund um die
Versorgungsfrage im psychiatrischen Bereich bringen
würde. Das ist eigentlich auch gut so; denn wir brauchen
eine weitere Diskussion über die Frage der Versorgungs-
struktur, was ein Teil der Überschrift des Antrags ist.


(Beifall bei der SPD)


Die Frage ist nur – das haben schon einige der Vor-
rednerinnen und Vorredner gesagt –, ob wir diese Dis-
kussion nun zwingend entlang eines Entgeltsystems als
Dreh- und Angelpunkt führen müssen oder ob wir sie
nicht ganz grundsätzlich zu führen haben.

Dieser Antrag setzt durchaus beim PEPP, also beim
Entgeltsystem, an. Ich will das, was Karl Lauterbach
schon gesagt hat, wiederholen: Natürlich gab und gibt es
Probleme. Natürlich ist es so, dass wir über vernetzte
Strukturen, über die Frage der individuellen Versorgung,
der individuellen Ansprüche nachdenken müssen und
dass wir angemessene Voraussetzungen schaffen müs-
sen. Über 30 Jahre nach der Psychiatrie-Enquete sind
wir an dieser Stelle gefordert, sicherzustellen, dass sich
entsprechende weitere Maßnahmen ermöglichen lassen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Maria Klein-Schmeink [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber auch tun!)


Was den Antrag angeht, haben wir ja längst reagiert;
denn zumindest Teile des Antrags sind – das werden
nicht einmal Sie von der Hand weisen können – de facto
beschlossen, etwa die Verlängerung der Optionsphase
und damit im Übrigen auch die Verlängerung der Psych-
PV. Beide Punkte sind in Ihrem Antrag angesprochen,
wenn mich nicht alles täuscht.
Wir haben das Ganze – Karl Lauterbach hat das sehr
deutlich gesagt – mit einem klaren Prüfauftrag versehen,
der eben nicht festschreibt, dass alles so bleiben muss,
wie es ist, sondern der durchaus dafür sorgt, dass wir
auch prüfen, welche Alternativen sich ergeben, welche
Möglichkeiten sich ergeben, um zu schauen, wie das
Versorgungssystem vernünftig ausgestaltet werden kann.
Vor diesem Hintergrund kann man nur sagen: Wir haben
keine Chancen verpasst, wie Sie so schön gesagt haben.
Das mag in der Vergangenheit passiert sein. Für mich
wie vielleicht für einige andere ist es etwas frustrierend,
dass § 64 b SGB V da nicht längst viel mehr Kraft ent-
faltet hat. Aber wir haben mit der Verlängerung der Opti-
onsphase, mit dem Prüfauftrag und mit der klaren Maß-
gabe, dass wir uns an den Ergebnissen dieser Prüfung
messen lassen werden, Chancen geschaffen und keine
Chancen verpasst. Das muss man deutlich festhalten.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Lassen Sie mich noch ein Wort zur Psych-PV sagen.
Natürlich ist es für uns völlig klar, dass Personalbemes-
sung gerade an dieser Stelle, gerade im psychiatrischen
Bereich – da, wo auf Eins-zu-eins-Ebene gearbeitet
wird, wo ein besonderes Verhältnis zwischen demjeni-
gen, der behandelt, demjenigen, der pflegt, demjenigen,
der betreut, und dem psychisch Erkrankten besteht –,
eine zentrale und wichtige Frage ist.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)


Aber es ist natürlich nicht damit getan, die Psych-PV
schlicht zu verlängern, sondern wir müssen dafür sorgen,
dass es moderne und vernünftige Strukturen gibt. Um
nur ein Beispiel zu nennen – ich denke, das ist Ihnen al-
len bekannt –: Die Psych-PV deckt zum Beispiel den Be-
reich der Psychotherapie im stationären Bereich über-
haupt nicht hinlänglich ab. Das heißt, selbst eine
hundertprozentige Erfüllung der Psych-PV würde im
Zweifel an dieser Stelle zwingenden Nachholbedarf gel-
tend machen.


(Beifall bei der SPD)


Wir gehen durchaus davon aus, dass der G-BA, der
im Moment das Heft des Handelns in der Hand hat – die
Kollegin hat es gesagt –, hier Vernünftiges vorlegen
wird. Dazu ist er aufgefordert; da ist er gefordert. Was
die Frage der Verbindlichkeit angeht, da werden wir im
Zweifel allerdings nachschärfen müssen; denn natürlich
muss seine Empfehlung verbindlich und nicht schlicht
sein. Denn nur so wird am Ende auch etwas gemacht.


(Beifall bei der SPD)


Wir müssen aber auch sicherstellen, dass die Verbind-
lichkeit eingehalten wird. Wir wissen alle: Selbst die
Psych-PV wird bis zum heutigen Tage, was die hundert-
prozentige Ausschöpfung angeht, nicht wirklich einge-
halten.

Lassen Sie mich zum Schluss kommen. Überhaupt
keine Frage: Wir müssen am Versorgungssystem weiter
arbeiten. Wir müssen das auch im Hinblick auf die Frage
der Gemeindepsychiatrie und andere Aspekte tun. Das





Dirk Heidenblut


(A) (C)



(D)(B)

allerdings allein an PEPP aufzuziehen, ist nicht der rich-
tige Weg. Um es deutlich zu sagen: Wenn wir, die SPD,
hier vorangehen, dann tun wir das nicht etwa gegen das
Gewissen, sondern mit dem Wissen, Frau Klein-
Schmeink, dass wir bereits die richtigen Schritte gegan-
gen sind und dass wir ein System vorlegen werden, das
am Ende allen Beteiligten helfen wird.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805717300

Ich schließe die Aussprache.

Wir kommen zur Beschlussempfehlung des Aus-
schusses für Gesundheit zu dem Antrag der Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen mit dem Titel „Das psychiatri-
sche Entgeltsystem überarbeiten und das Versorgungs-
system qualitativ weiterentwickeln“. Der Ausschuss
empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf Drucksa-
che 18/1713, den Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die
Grünen auf Drucksache 18/849 abzulehnen. Wer stimmt
für diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? –
Wer enthält sich? – Die Beschlussempfehlung ist mit den
Stimmen der CDU/CSU-Fraktion und der SPD-Fraktion
gegen die Stimmen der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
und der Fraktion Die Linke angenommen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 15 auf:

– Zweite und dritte Beratung des von der Bundes-
regierung eingebrachten Entwurfs eines Bundes-
besoldungs- und -versorgungsanpassungsge-
setzes 2014/2015 (BBVAnpG 2014/2015)

Drucksachen 18/1797, 18/2136
Beschlussempfehlung und Bericht des Innenaus-
schusses (4. Ausschuss)


Drucksache 18/2639
– Bericht des Haushaltsausschusses (8. Ausschuss)


gemäß § 96 der Geschäftsordnung

Drucksache 18/2641
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für

die Aussprache 38 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Wir warten noch einen Moment, bis die notwendigen
Umgruppierungen in den Fraktionen abgeschlossen sind. –
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Kollege
Oswin Veith für die CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Oswin Veith (CDU):
Rede ID: ID1805717400

Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Meine

sehr verehrten Damen und Herren! Dass wir heute einen
Gesetzesvorschlag zur Verbesserung der Beamtenbesol-
dung debattieren, begrüße ich sehr.

Anfang des Jahres fanden die Tarifverhandlungen für
die Beschäftigten im öffentlichen Dienst statt. Dort ei-
nigte man sich nach schwierigen Verhandlungen auf die
Erhöhung der Löhne. Nun steht die Übertragung der dort
erzielten Tarifergebnisse für den öffentlichen Dienst un-
ter anderem auf die Bundesbeamtinnen und Bundesbe-
amten, Polizistinnen und Polizisten sowie Soldatinnen
und Soldaten an.

Besonders freut es mich, dass die Regierungskoalition
einen Gesetzentwurf vorgelegt hat, der die Zustimmung
aller hier im Haus vertretenen Fraktionen gefunden hat.
Trotz meist kollegialer Harmonie und immer fröhlicher
Sitzungsleitung unseres Vorsitzenden im Innenausschuss
– das darf man hier ja auch einmal sagen – kommt es auch
bei uns im Ausschuss nicht so oft vor, dass wir etwas
einstimmig beschließen. Bei der Besoldung unserer Be-
amten, Richter, Polizisten und Soldaten sowie den Bezü-
gen der Versorgungsempfänger sind wir uns aber einig,
und das ist auch gut so.

Einig sind wir uns in dem Punkt, dass die getroffenen
Tarifvereinbarungen für die Bediensteten des öffentli-
chen Dienstes schnell und auch inhaltsgleich unseren be-
amteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zugutekom-
men müssen – und das aus gutem Grund. Aus Artikel 33
Absatz 5 des Grundgesetzes ergibt sich das Alimenta-
tionsprinzip als einer der hergebrachten Grundsätze des
Berufsbeamtentums. Es verpflichtet den Dienstherrn,
Beamten während des aktiven Dienstes und im Ruhe-
stand einen angemessenen Lebensunterhalt zu zahlen.
Aus § 14 Bundesbesoldungsgesetz und aus § 70 Bundes-
versorgungsgesetz ergibt sich für den Gesetzgeber die
Verpflichtung, die Bezüge der Beamten, Soldaten und
Richter des Bundes sowie der Versorgungsempfänger re-
gelmäßig an die allgemeinen wirtschaftlichen und finan-
ziellen Verhältnisse anzupassen, und das tun wir heute.

Der hier vorliegende Gesetzentwurf der Bundesregie-
rung zum Bundesbesoldungs- und -versorgungsanpas-
sungsgesetz 2014/2015, den wir heute in zweiter und
dritter Lesung und damit abschließend beraten, sichert
allen Statusgruppen des öffentlichen Dienstes des Bun-
des eine gleichgerichtete Bezügeentwicklung zu. Das ist
sowohl ein in die Zukunft gerichtetes Zeichen als auch
ein klares Signal unserer gelebten Verantwortung.


(Clemens Binninger [CDU/CSU]: Sehr richtig!)


Mit der zeit- und inhaltsgleichen Umsetzung des Ta-
rifabschlusses zeigen wir, dass wir um den Wert der Ar-
beit wissen, die unsere Bundesbeamten tagtäglich ver-
richten. Die Beamtinnen und Beamten leisten einen
elementaren Beitrag zum Gemeinwohl und zum Erfolgs-
kurs unseres Landes, indem sie ein breites Spektrum an
öffentlichen Dienstleistungen abdecken. Ja, sie managen
tagtäglich in unserem Auftrag sehr erfolgreich unser
Land.

Dass dies geschätzt wird, muss auch zum Ausdruck
gebracht werden. Unsere Beamten sorgen nicht nur für
einen reibungslosen Ablauf in der Verwaltung, vollzie-
hen unsere Gesetze, sprechen Recht, verteidigen unser
aller Freiheit nicht nur am Hindukusch, sondern bewah-
ren auch unser Hab und Gut sowie unsere Sicherheit und





Oswin Veith


(A) (C)



(D)(B)

Ordnung jeden Tag aufs Neue, und zwar im In- und Aus-
land. Ohne diesen Einsatz wäre vieles nicht möglich.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie der Abg. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Trotz vieler Reformen, Neuorganisationen, Aufgabener-
weiterungen, Stellenkürzungen und Überstunden, die die
Polizei, die Soldaten und die Beamten in den letzten Jah-
ren durchmachen mussten, haben sie unter vollen Segeln
mit oftmals wackeliger Takelage Kurs gehalten, unserem
Land treu und loyal gedient und so uns alle nach vorn
gebracht. Dafür gebühren Dank und Anerkennung.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie der Abg. Frank Tempel [DIE LINKE] und Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Wir alle sollten uns deshalb so gut funktionierender
Behörden und Dienststellen in unserem Land glücklich
schätzen. Das ist ein unschätzbarer Standortvorteil für
Deutschland, was wir im Vergleich mit unseren EU-
Nachbarn und vor allem angesichts bei uns bewältigter
Krisen auch immer wieder merken.

In Zahlen ausgedrückt ist der Gesetzesinhalt – wie
schon in den Jahren zuvor – die lineare Anhebung der
Dienst- und Versorgungsbezüge in zwei Schritten: in ei-
nem ersten Schritt, rückwirkend zum 1. März 2014, um
2,8 Prozent und im zweiten Schritt zum 1. März 2015
um 2,2 Prozent. Für die Grundgehälter gilt eine Erhö-
hung um mindestens 90 Euro.

Bei den Anwärtergrundbeträgen gehen wir ebenfalls
in zwei Schritten vor und erhöhen diese in einem ersten
Schritt um 40 Euro, rückwirkend zum 1. März 2014, und
in einem zweiten Schritt zum 1. März nächsten Jahres
um weitere 20 Euro.

Bereits in der letzten Wahlperiode wurde der Tarifab-
schluss entsprechend auf die Beamtenbesoldung übertra-
gen. Wir gehen diesen Weg nun weiter und setzen damit
ein klares Signal für die Attraktivität und Zukunftsfähig-
keit unseres öffentlichen Dienstes und damit auch unse-
res Staates.

Mit dem heute zur Debatte stehenden Gesetz kommen
wir unserer Verantwortung nach und erfüllen mit der
Übertragung der Tarifergebnisse – neben einer Anpas-
sung der Besoldung an die wirtschaftlichen Verhältnisse
der Gegenwart – noch eine weitere Funktion: Wir begeg-
nen den Auswirkungen des Demografiewandels, der
dem öffentlichen Dienst in Zukunft erhebliche Probleme
bereiten wird, wenn wir nicht gegensteuern.

Der Wettbewerb um die besten Köpfe in unserem
Land ist längst in vollem Gange, und dieser ist ange-
sichts einer sich stetig verändernden Altersstruktur und
einer zurückgehenden Zahl an Kindern eine der größten
Herausforderungen für unseren öffentlichen Dienst. Es
ist ein offenes Geheimnis, dass eine Abwanderung der
Fachkräfte in die Privatwirtschaft droht. Dies ist kein
fernes Zukunftsszenario, sondern bereits jetzt spürbar.
Das wird mir auch von allen Seiten berichtet.
Der Bund als Dienstherr von rund einer halben Million
Beschäftigten im öffentlichen Dienst auf Bundesebene be-
rücksichtigt bereits jetzt diese Herausforderungen. Der öf-
fentliche Dienst in Deutschland ist in zweifacher Hin-
sicht vom demografischen Wandel betroffen. Zum einen
sind der immer stärker umkämpfte Arbeitsmarkt und die
Gewinnung geeigneten Nachwuchses für die unter-
schiedlichsten Aufgaben der Verwaltung zu nennen.
Zum anderen muss der öffentliche Dienst aber auch den
älter werdenden Beschäftigten gerecht werden. Eine de-
mografiegerechte Personalpolitik ist daher für alle Ebe-
nen der Verwaltung von stets wachsender Bedeutung.
Das schließt – trotz aller haushaltspolitisch gebotenen
Sparmaßnahmen – eine aufgabengerechte Personalaus-
stattung bei Verwaltung, Polizei, Justiz und auch Bun-
deswehr ein.

Mit der kontinuierlichen Übertragung der Tarifer-
gebnisse setzen wir ein richtiges Signal für die Bundes-
beamten und auch die zukünftigen Arbeitskräfte. Wir
zeigen, dass die Teilhabe unserer Beamten am wirt-
schaftlichen Erfolg unseres Landes einen wichtigen Stel-
lenwert hat.

Eine gute Ausbildung und verlässliche Arbeitsbedin-
gungen bei ansprechender Absicherung sind die Stärken
des öffentlichen Dienstes. Nur durch den Ausbau dieser
Stärken können wir mit der Privatwirtschaft in Konkur-
renz treten und qualifizierte, motivierte Arbeitnehmer
für den öffentlichen Dienst begeistern und dem Fach-
kräftemangel entgegentreten.

Schon in der vorangegangenen Wahlperiode haben wir
daher entsprechende Anreize und klare Akzente gesetzt.
Seit 2012 wird die Sonderzahlung – auch als Weih-
nachtsgeld bekannt – wieder gewährt. Mit dem Fach-
kräftegewinnungsgesetz haben wir eine Reihe von posi-
tiven Maßnahmen auf den Weg gebracht, wie zum
Beispiel den Personalgewinnungszuschlag, die Anerken-
nung von Erfahrungszeiten, von Wehrdienst- und Frei-
willigendienstzeiten, von Kinderbetreuungs- und Pflege-
zeiten oder die Einführung einer Verpflichtungsprämie
für polizeiliche Auslandsverwendungen. Wir haben den
Eintritt in den Ruhestand flexibler gestaltet, gleiche
Rechte für Lebenspartnerschaften und die Familienpfle-
gezeit im Beamtenrecht umgesetzt. Wir haben die Vergü-
tungen von Professoren verbessert, das Leistungsprinzip
gestärkt und die Portabilität von Versorgungsanwart-
schaften geschaffen.

Alles das waren in nur vier Jahren beachtliche Ver-
besserungen für den öffentlichen Dienst insgesamt, die
– an dieser Stelle zu erwähnen – auch noch einmal deut-
lich das Engagement der Bundesregierung hervorheben.
Auf dieser großartigen Erfolgsbilanz baut die heutige
Übernahme der Tarifergebnisse auf und setzt sie fort.

Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf der Bundesregie-
rung senden wir auch ein klares Signal an die Bundeslän-
der. Die inhaltsgleiche Übertragung der Tarifergebnisse
wird auf Länderebene immer noch von Bundesland zu
Bundesland unterschiedlich gehandhabt. Auch die Län-
der werden den Fachkräftemangel zu spüren bekommen,
wenn sie nicht gleichzeitig handeln. Ich kann nur alle





Oswin Veith


(A) (C)



(D)(B)

Landesregierungen von hier aus dazu aufrufen, die
Chance zum Handeln nicht zu verpassen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Dem Bund kommt in dieser Hinsicht eine Vorbildfunk-
tion zu, welche wir aus meiner Sicht voll und ganz erfül-
len. Das zeigt nicht zuletzt der heute vorliegende Gesetz-
entwurf.

Die nunmehr im Gesetzentwurf vorgesehenen Verbes-
serungen bei der Besoldung sind allesamt sehr gute Vor-
schläge, weshalb ich keine Änderungen am Gesetzent-
wurf beabsichtige, der unser aller Unterstützung
verdient.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805717500

Für die Fraktion Die Linke hat der Kollege Frank

Tempel das Wort.


(Beifall bei der LINKEN)



Frank Tempel (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805717600

Danke schön. – Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr

geehrte Damen und Herren! „Mehr Geld für Beamte“ ist
die häufig vereinfachte Aussage dessen, was wir heute
hier beschließen wollen. Es geht, wie gesagt, um eine
Entgelterhöhung um 3 Prozent, mindestens aber 90 Euro,
rückwirkend zum 1. März dieses Jahres, und eine wei-
tere Erhöhung um 2,4 Prozent zum 1. März 2015.

Wie der Kollege Veith richtig gesagt hat, soll die Be-
soldungs- und Versorgungsanpassung dazu führen, dass
die Dienst- und Versorgungsbezüge im Bund an die Ent-
wicklung der allgemeinen wirtschaftlichen und finan-
ziellen Lage angepasst werden. Das ist also ein ganz nor-
maler Vorgang. Tarifbeschäftigte haben ihren Tarifstreit,
Beamte haben das nicht. Dementsprechend verlassen
sich Beamtinnen und Beamte natürlich darauf, dass die
zuständigen Parlamente rechtzeitig die entsprechenden
Gesetze erlassen. Für Bundesbeamte sind wir hier zu-
ständig.

Grundlage für die Erhöhung ist der Tarifbeschluss für
die Tarifbeschäftigten des öffentlichen Dienstes des
Bundes vom 1. April dieses Jahres, welcher zeitnah und
inhaltsgleich übernommen werden soll. Bei der Gele-
genheit möchte ich alle, die gerade zuhören, auf etwas
hinweisen: Auch dieses Mal ist die Erhöhung um
0,2 Prozent gemindert worden. Diese 0,2 Prozent wer-
den einer Versorgungsrücklage zugeführt. Das heißt, bei
jeder Umsetzung eines Tarifergebnisses leisten Beamte
einen Beitrag zur Finanzierung ihrer Altersversorgung.
Das muss der Fairness halber einmal erwähnt werden;
denn viele wissen das nicht.

Dass das Tarifergebnis ansonsten zeitnah und inhalts-
gleich übernommen wird, betrachte ich eigentlich als
Selbstverständlichkeit. Ich begrüße es ausdrücklich, dass
es der Bund und die Bundesregierung auch so sehen; das
hat schon eine gewisse Tradition. In den Ländern gibt es
manchmal etwas mehr Diskussionsbedarf.

Der Deutsche Beamtenbund wertet die zügige Umset-
zung des Gesetzes dementsprechend als Zeichen der
Wertschätzung des Dienstherren für seine Beamtinnen
und Beamten und erkennt hier ein wichtiges Signal.
Wenn ich die Ausführungen des Kollegen Veith richtig
verstanden habe, dann sieht er darin auch ein Signal, ein
Signal, sich hier einmal richtig für die Arbeit feiern zu
lassen. Mir sind die Ergebnisse der Arbeit aber, ehrlich
gesagt, etwas zu dünn, um eine Feierstimmung aufkom-
men zu lassen.


(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] – Zuruf von der CDU/CSU)


– Sie konnten jetzt nicht erwarten, dass ich Sie fünf Mi-
nuten lobe. So weit wollen wir heute nicht gehen.


(Beifall der Abg. Kathrin Vogler [DIE LINKE])


Es ist bekannt, dass sich die Linke immer wieder kri-
tisch mit einigen Aufgabenfeldern der Beamten ausei-
nandersetzt, etwa bei der Bundeswehr, bei der Polizei,
beim Zoll usw., wo es ja Beamte gibt. Das heißt, dass wir
die Bundeswehr nicht unbedingt als Friedensbringer in
Afghanistan sehen. Sie kennen auch unser Streitthema
„Polizei und Bürgerrechte“; da geht es zum Beispiel um
die Vorratsdatenspeicherung, die Kennzeichnungs-
pflicht für Polizeibeamte und die Forderung nach einem
unabhängigen Polizeibeauftragten. Darüber streiten wir
miteinander. Aber bei all diesen Diskussionen ist für die
Linke immer eines klar: Menschen, die ihren Dienst im
Staatsauftrag versehen, haben das Recht und den An-
spruch auf ein ordentliches finanzielles Auskommen,


(Beifall bei der LINKEN)


auf zumutbare Arbeitsbedingungen und auf eine ange-
messene Ausstattung im Dienst, um ihre Arbeit tatsäch-
lich ausführen zu können.


(Beifall bei der LINKEN)


Wenn man die Arbeit dieser Menschen wirklich wert-
schätzen will, dann kann man ihnen nicht immer wieder
neue Aufgaben übertragen, ohne das bisherige Aufga-
benfeld einer gründlichen Analyse unterzogen zu haben.

Als ehemaliger Polizeibeamter möchte ich das ein
wenig am Beispiel der Bundespolizei verdeutlichen. In
Pressemeldungen vom 24. August dieses Jahres – das ist
also relativ aktuell – wurde ausgeführt, dass die Bundes-
polizei nach derzeitigem Stand rechnerisch zahlungsun-
fähig sei. Das muss man sich einmal genau anhören. Der
Innenausschuss hat sich bis heute nicht damit beschäf-
tigt, genauer gesagt, eine Information der Bundesregie-
rung an den Innenausschuss hat es bis heute zu solch ei-
ner Meldung nicht gegeben. Das wurde immer wieder
hinausgeschoben. Ist das Wertschätzung der Beschäftig-
ten?

Bundespolizisten und ihre Personalvertreter berichten
uns immer wieder von unhaltbaren baulichen Zuständen
in den Dienststellen, von defekten Sanitäranlagen, von





Frank Tempel


(A) (C)



(D)(B)

verschimmelten Räumen. Allerdings stecken Neubau
und Sanierung sehr häufig im Investitionsstau fest, auf
welcher Autobahn auch immer. Meinen Sie das viel-
leicht mit Wertschätzung?

Ich habe noch ein Beispiel. Bundesbeamte haben ih-
ren Dienst eigentlich mit dem Laufbahnprinzip begon-
nen. Jahr für Jahr reden wir aber über einen Beförde-
rungsstau.


(Armin Schuster [Weil am Rhein] [CDU/ CSU]: Aber nicht bei der Polizei! Beim Bund!)


So ist es normal, dass zum Beispiel Bundesbeamte im
mittleren Dienst trotz guter Beurteilung häufig nicht da-
rauf vertrauen können, das Endamt ihrer Laufbahn über-
haupt zu erreichen. Beförderungsstau ist nach wie vor
ein aktuelles Thema, auch beim Bund. Reden Sie einfach
einmal mit den Vertretern der Bundespolizeigewerk-
schaft,


(Clemens Binninger [CDU/CSU]: Machen wir ja!)


dann wird man Ihnen das bestätigen.

Meine Damen und Herren, wenn ich Menschen und
ihre Arbeit wertschätzen will, dann würde ich das nicht
gerade dadurch zeigen wollen, dass sie mit immer weni-
ger Ressourcen noch mehr Aufgaben übernehmen. Ich
bleibe auch gleich bei der Bundespolizei, weil Sie dies-
bezüglich wohl Zweifel haben. Die Lücke, die der Stel-
lenabbau gerissen hat, wird von den Personalvertretern
mittlerweile auf 800 Stellen beziffert. Diese Lücke ist
nicht geschlossen worden, im Gegenteil: Jetzt soll zum
Beispiel die Bundespolizei auch noch die Bewachung
der Bundesbank übernehmen. Allein dafür werden wei-
tere 200 Stellen benötigt. So geht das seit Jahren, und
das ist alles andere als eine Wertschätzung der Arbeit der
Bediensteten. Sie sind bereits lange an der Leistungs-
grenze angekommen. Der Gipfel der Peinlichkeit war,
dass zu Beginn dieses Jahres Beamte, die in den Ruhe-
stand gehen wollten, in einem Schreiben überredet wer-
den sollten, noch einige Monate an den Dienst dranzu-
hängen, um Personalfehlbestände auszugleichen.

Bei all diesen Fragen wird die Linke der Bundesregie-
rung und der Regierungskoalition weiter kräftig auf die
Füße treten, an der Seite der Beschäftigten stehen. Das
ist unsere Variante der Wertschätzung.


(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805717700

Der Kollege Matthias Schmidt hat für die SPD-Frak-

tion das Wort.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Clemens Binninger [CDU/CSU])



Matthias Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1805717800

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und

Herren auf den Zuschauertribünen! Liebe Kolleginnen
und Kollegen! Nicht geschenkt, sondern verdient, das
war das Motto, das wir hier im Sommer für das Renten-
paket gefunden hatten. Das Rentenpaket ist seit 1. Juli
2014 in Kraft, und es erfreut sich großer Beliebtheit.
Dieses Motto könnte auch als Leitmotiv für das heutige
Gesetz dienen, das Bundesbesoldungs- und -versor-
gungsanpassungsgesetz.

Wir werten und würdigen mit dem heutigen Gesetz
die Leistungen des öffentlichen Dienstes in Deutschland.
Der öffentliche Dienst ist organisatorisch zweigeteilt.
Wir haben auf der einen Seite die Beamten und auf der
anderen Seite die Tarifbeschäftigten. Die Tarifbeschäf-
tigten waren früher noch einmal untergliedert in Arbeiter
und Angestellte. Diese Gruppen sind inzwischen zusam-
mengefasst. Wesentlich bei den privatrechtlichen Ar-
beitsverhältnissen ist, dass Arbeitgeber und Arbeitneh-
mer die Gehälter selbst aushandeln und in Tarifverträgen
festschreiben können.

Im öffentlich-rechtlichen Dienst- und Treueverhält-
nis der Beamten gibt es das nicht. Deswegen braucht es
ein Gesetz, um die Besoldung und die Versorgung fest-
zusetzen. Es ist sehr gute Übung, dass der Bundesinnen-
minister versucht, das Ergebnis der Tarifverhandlungen
des öffentlichen Dienstes zeit- und inhaltsgleich zu über-
nehmen und auf die Beamtinnen und Beamten zu über-
tragen. In der Vergangenheit ist das in einigen Fällen
nicht gelungen, damals jeweils aus guten Gründen. Aber
dieses Mal ist es wieder gelungen, dass die Vorlage dies
vorsieht. Dafür herzlichen Dank!


(Beifall bei der SPD)


Im Ergebnis können also die Bundesbeamtinnen und
-beamten eine Erhöhung ihrer Bezüge um 2,8 Prozent
ab 1. März 2014 erwarten. Diejenigen in den unteren
Einkommensklassen können mindestens 90 Euro pro
Monat mehr erwarten. Im Gesetzentwurf ist ein Beispiel
angeführt: Ein Beamter in der Besoldungsgruppe A 3
bekommt demnach dann 4,5 Prozent mehr. Ich finde, es
ist ein besonders gutes Ergebnis, dass man auch an die
kleinen Leute gedacht hat.

Im kommenden Jahr werden alle Beamtinnen und Be-
amten ab 1. März nochmals 2,2 Prozent mehr bekom-
men. Kollege Tempel sprach eben davon, dass sie 3 Pro-
zent bzw. 2,4 Prozent mehr bekommen. Das ist zwar
richtig, aber zur Wahrheit gehört – er hat es selbst auch
gesagt –, dass wir diese Erhöhungsbeträge um 0,2 Pro-
zentpunkte reduziert haben, um die Versorgungsrücklage
zu stärken. Auch dies sollte hier im Haus erwähnt wer-
den.

Die Anwärterbezüge – das sind die Gehälter für die
Nachwuchsbeamten – steigen zum 1. März 2014 um
40 Euro und ein Jahr später um weitere 20 Euro. Auch
dies empfinden wir als gutes Signal in Bezug auf die
Nachwuchsgewinnung, insbesondere vor dem Hinter-
grund des demografischen Wandels.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Clemens Binninger [CDU/CSU])


Von diesem Gesetzentwurf, den wir heute beschließen
wollen, werden insgesamt knapp 500 000 aktive Beamte
und gut 600 000 Versorgungsempfänger, landläufig als





Matthias Schmidt (Berlin)



(A) (C)



(D)(B)

Pensionäre bezeichnet, profitieren. Dass man von akti-
ven Beamten spricht, dass man allein schon diese Unter-
scheidung treffen muss und sie aktive Beamte nennt
– dabei geht es doch nur um diejenigen, die arbeiten –,
insinuiert, es gäbe auch inaktive Beamte. Jeder von uns
kennt auch böse Sprüche über die Beamten. Die sind im
Großen und Ganzen aber nicht gerechtfertigt. Schon
Kurt Tucholsky hat vor vielen Jahren von dem Schicksal
der Deutschen geschrieben, die vor einem Schalter ste-
hen müssen, während das eigentliche Ideal bei der Be-
rufswahl jedoch darin bestanden hätte, hinter diesem
Schalter zu sitzen. Solche oder ähnlich ironische Kom-
mentare gibt es viele. Wir kennen sie alle auch aus der
Praxis. Aber wir wissen: Der Spott war schon damals
falsch, und er ist es heute erst recht; denn ohne unsere
Beamtinnen und Beamten liefe an vielen Stellen in unse-
rer Demokratie sehr wenig. Der öffentliche Dienst ist
eine wesentliche Säule unserer Demokratie.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Er steht jeden Tag Millionen von Menschen zur Ver-
fügung. In Behörden beraten seine Angehörigen Bürge-
rinnen und Bürger und bearbeiten wahre Fluten von Ak-
ten. In Schulen leisten sie echte Zukunftsarbeit an den
Kleinsten, und in den Gerichten bringen sie das zur An-
wendung, was vorher durch den Gesetzgeber, also durch
uns, entschieden wurde. Es sind die Beamtinnen und Be-
amten, die sich für uns als Polizistinnen und Polizisten in
jeder Stadt und Kommune im Einsatz befinden. Liebe
Kolleginnen und Kollegen, Sie wissen alle, dass dies oft
mit Risiken einhergeht. Viele Fußballspiele und Demon-
strationen laufen nicht ohne physische und psychische
Blessuren für die Dienerinnen und Diener des Staates ab.
Außerhalb unserer Grenzen – die Kollegen haben schon
darauf hingewiesen – sind es Soldatinnen und Soldaten,
die in gefährlicher, oft lebensgefährlicher Mission für
uns ihren Einsatz leisten.

Im Alltag gibt es aber noch viel mehr. Auch hier im
Saal werden wir immer wieder von Beamtinnen und Be-
amten unterstützt. Es geht hinter den Reihen der Bundes-
regierung los. Dort sitzen die Beamtinnen und Beamte
aus den Ministerien, die die Bundesregierung unterstüt-
zen. Um das Rednerpult sitzen viele, die uns unterstüt-
zen. Es sind die Saaldiener, die zu uns kommen, wenn
wir eine kleine Hilfe brauchen. Das sind immer wieder
gute Beispiele. Die Beamtinnen und Beamten repräsen-
tieren in vielfacher Weise unseren Staat und leisten über-
aus viel für unsere Gesellschaft. Das verdient Respekt
und Anerkennung.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Nun mag manch ein Zuhörer sagen: Die öffentliche
Hand ist ja auch ein guter und attraktiver Arbeitgeber. –
Das stimmt auch. Noch immer profitiert der öffentliche
Dienst davon, dass die Menschen mit ihm einen planba-
ren beruflichen Werdegang und eine sichere berufliche
Existenz verbinden, und das auch zu Recht. Allerdings
darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch hier
längst Erscheinungsformen Einzug gehalten haben, die
diese Sicherheit begrenzen. Leiharbeit und Befristungen
gehören zu den prägnanten Varianten, die inzwischen
auch in der Personalpolitik der öffentlichen Verwaltung
Anwendung finden. Wir sind uns hoffentlich in diesem
Hause einig: Der öffentliche Dienst muss mit guter Ar-
beit seine Attraktivität bewahren. Das gilt besonders vor
dem Hintergrund der demografischen Entwicklung.

Zur Attraktivität zählt auch eine gute Bezahlung. Da
ist es nur folgerichtig, dass die Ergebnisse der Tarifver-
handlungen auf die Bundesbeamtinnen und Bundesbe-
amten zeit- und inhaltsgleich übertragen werden. Lassen
Sie mich ausdrücklich sagen: Es ist nicht geschenkt, son-
dern verdient.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Frank Tempel [DIE LINKE])


Was Beamtinnen und Beamte leisten, habe ich Ihnen
gerade in Auszügen geschildert. Sie haben Anspruch auf
Teilhabe am wirtschaftlichen Erfolg unserer Gesell-
schaft. Der vorliegende Gesetzentwurf zollt diesem An-
spruch Rechnung.

Wenn es auch für die betroffenen Beamtinnen und
Beamten quasi eine Selbstverständlichkeit ist, dass das
Tarifergebnis eins zu eins übertragen wird, so ist es dies
aus Sicht von Bundestag und Bundesregierung eben
nicht. Darum danke ich sehr dem Herrn Bundesinnen-
minister, dass er in Zusammenarbeit mit dem Finanz-
minister diese Gesetzesvorlage ermöglicht hat. Wie ge-
sagt: Es ist verdient und nicht geschenkt. Gleichwohl
kostet dieses Gesetz den Bundeshaushalt in den kom-
menden drei Jahren über 2,5 Milliarden Euro – gut ange-
legtes Geld, wie ich finde.

Da dieses Gesetz nicht nur die sogenannten aktiven
Beamten, sondern auch die Versorgungsempfänger be-
trifft, möchte ich die Gelegenheit nutzen, auch ein ande-
res Thema anzusprechen. Es gibt nämlich längst Diskus-
sionen, auch andere Beschlüsse aus dem eingangs
erwähnten Rentenpaket auf Beamtinnen und Beamte zu
übertragen: die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitrags-
jahren und die Mütterrente.

Herr Staatssekretär, ich kenne die Meinung Ihres
Hauses zu dieser Thematik, und ich respektiere diese
auch sehr. Gleichwohl wird hier zu Recht der Gerechtig-
keitsaspekt zwischen Beschäftigten der Privatwirtschaft
und der öffentlichen Hand aufgeworfen. Was wollte man
auch moralisch gegen diese Bewertung sagen? Uns ist
aber bewusst: Eine Entscheidung ist hier nicht so ein-
fach. Es gibt systemische Unterschiede, eine wirkungs-
gleiche Übertragung ist kompliziert, und viele Aspekte
müssen Berücksichtigung finden.

Ich habe Verständnis für die Argumente des Ministe-
riums und verstehe das Anliegen, dieses erst einmal in-
tensiv prüfen zu wollen. Dennoch, liebe Kolleginnen
und Kollegen, sollten wir uns in diesem Haus auch die-
ser Frage widmen, sowohl in den Fraktionen als auch in
der Zusammenarbeit mit der Regierung. Ich freue mich
auf die Diskussion mit Ihnen.

Vielen herzlichen Dank.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)







(A) (C)



(D)(B)


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805717900

Das Wort hat die Kollegin Irene Mihalic für die Frak-

tion Bündnis 90/Die Grünen.


Dr. Irene Mihalic (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805718000

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kolle-

gen! Natürlich ist die Übernahme des Tarifabschlusses
zu begrüßen. Das haben wir alle in der ersten Lesung
einhellig getan. Es ist völlig richtig, dass die Beamtinnen
und Beamten im öffentlichen Dienst eine wertvolle und
anspruchsvolle Arbeit für die Allgemeinheit leisten, die
selbstverständlich unser aller Wertschätzung verdient.

Aber es stellt sich natürlich die Frage: Reicht das
denn eigentlich aus? Ich meine, dass die Wertschätzung
anspruchsvoller Arbeit nicht nur eine finanzielle Frage
ist. Wenn Sie von der Koalition sich jetzt dafür feiern,
dass die Bezüge um 2,8 Prozent bzw. in einem weiteren
Schritt um 2,2 Prozent steigen, dann zeigt das eigentlich
nur, dass Sie keine Ideen haben, mit den personellen He-
rausforderungen im öffentlichen Dienst umzugehen.


(Oswin Veith [CDU/CSU]: Das ist doch Quatsch!)


Herr Schmidt, mit mehr Geld allein ist es eben nicht
getan. Sie haben vorhin angesprochen, dass der Staat für
viele Menschen vom Prinzip her ein attraktiver Arbeit-
geber ist, vor allem ein attraktiver Arbeitgeber für gutes
Personal. Aber ich bin mir sicher, dass das in der Form,
wie Sie das geschildert haben, nicht mehr zutrifft. Denn
wir müssen schlicht anerkennen, dass sich der Staat in
einem ziemlichen Konkurrenzkampf mit der Wirtschaft
um die besten Köpfe befindet,


(Oswin Veith [CDU/CSU]: Das wissen wir!)


und dass der Staat diesen Konkurrenzkampf häufig nicht
für sich entscheiden kann, das bleibt nun einmal nicht
ohne Folgen.

Lassen Sie mich als Beispiel die Missstände bei der
Bundeswehr nennen, über die wir gestern in der Aktuel-
len Stunde sehr lange diskutiert haben. Dort haben wir
auch erfahren, dass die betreffenden Projekte einen Um-
fang von 56 Milliarden Euro haben. Der Expertenbericht
des Bundesverteidigungsministeriums macht deutlich,
dass die erheblichen Verzögerungen dieser Projekte um
viele Jahre mit einer deutlichen Kostensteigerung ver-
bunden sind. Im Expertenbericht wird auch ein Grund
dafür genannt, nämlich dass die Juristinnen und Juristen
des Ministeriums, die diese Verträge aushandeln, teil-
weise nicht mit den hochdotierten Spitzenkolleginnen
und -kollegen der Industrie mithalten können. Mit ande-
ren Worten: Sie laufen Gefahr, bei solchen entscheiden-
den Vertragsverhandlungen schlicht über den Tisch ge-
zogen zu werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich will Ihnen ein weiteres Beispiel aus diesem Be-
reich nennen: das milliardenschwere Projekt des Schüt-
zenpanzers Puma. Die Mitarbeiter im Ministerium sollen
da einen einfachen Mustervertrag aus dem Intranet ver-
wendet haben. Es kann doch nicht sein, dass ein Vertrag,
der vielleicht für die Beschaffung von Büromaterial oder
von anderen Dingen verwendet wird, nun für die Ent-
wicklung von Panzern verwendet wird, wofür Milliarden
an Steuergeldern ausgegeben werden. Liebe Kolleginnen
und Kollegen, ich selbst bin keine Juristin, aber dass es
bei solchen Verträgen ein paar wesentliche Unterschiede
gibt, das leuchtet selbst mir ein.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Matthias Schmidt [Berlin] [SPD]: Aber das liegt doch nicht am Gehalt!)


Ministerin von der Leyen selbst hat nun vor, sich die-
sem Missstand zu widmen und Spitzenpersonal offensiv
anzuwerben und besser zu bezahlen. Wenn das tatsäch-
lich gelingt, kann ich der Ministerin nur gratulieren,
denn ich muss sagen: Lieber Geld in kluge Köpfe ste-
cken als in überteuerte Projekte.


(Beifall des Abg. Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])


Herr Veit, Sie haben die Koppelung der beamten-
rechtlichen Besoldung an die wirtschaftliche Entwick-
lung angesprochen, also das Alimentationsprinzip. Da-
bei haben Sie herausgestellt, dass das der Erfüllung der
Fürsorgepflicht gegenüber dem Beschäftigten dient,
letztlich aber auch der Allgemeinheit. Dabei geht es aber
auch um die Aufrechterhaltung einer fachlich leistungs-
fähigen Verwaltung. Bestens ausgebildete und damit
hochqualifizierte Mitarbeiter dürfen natürlich auch eine
angemessene Bezahlung erwarten. Das ist Ausdruck des
Respekts und der Wertschätzung. Gute Bezahlung ist ja
auch im Leistungsprinzip angelegt.

Es gibt aber ein Problem: dass der Staat auch bei den
Gehältern nicht mit der Privatwirtschaft konkurrieren
kann. Mit ein wenig Innovation und Fantasie könnte
man die Arbeitsbedingungen im öffentlichen Dienst aber
deutlich attraktiver und nachhaltiger gestalten. Ich nenne
als Stichwort – das ist vorhin schon angesprochen wor-
den – die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Damit
meine ich jetzt nicht nur die Betreuung von Kindern,
sondern auch die von pflegebedürftigen Angehörigen.
Wir brauchen auch eine echte Willkommenskultur ge-
genüber Migrantinnen und Migranten. Reformvor-
schläge und Konzepte, wie der öffentliche Dienst tat-
sächlich attraktiver gestaltet werden kann, vermisse ich
aufseiten der Bundesregierung. Im Gegenteil: Es steht zu
befürchten, dass Sie die Besten sogar noch ziehen las-
sen; denn viele der Absolventinnen und Absolventen,
die im öffentlichen Dienst eine Ausbildung gemacht ha-
ben, wechseln in die freie Wirtschaft.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


All diese Dinge, denen es an Attraktivität mangelt,
sind in der Bundesregierung hinreichend bekannt. Es
werden dann schnell Programme und Eckpunktepapiere
erstellt. Bei der Umsetzung in die Praxis scheint es aber
zu hapern. Deswegen mein ganz dringender Appell: Wir
müssen im öffentlichen Dienst vom Programm zum
Prinzip kommen. Ich kann nur hoffen, dass die Ver-
schwendung und die Skandale im Verteidigungsministe-
rium ein warnendes Beispiel dafür sind, dass das Sparen
am Personal uns alle am Ende teuer zu stehen kommt.

Vielen Dank.





Irene Mihalic


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805718100

Die Kollegin Andrea Lindholz hat für die CDU/CSU-

Fraktion das Wort.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)



Andrea Lindholz (CSU):
Rede ID: ID1805718200

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen

und Herren! Es geht heute – –


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805718300

Kollegin Lindholz, darf ich Sie kurz unterbrechen?

Ich habe die Uhr angehalten. Das wird nicht auf Ihre Re-
dezeit angerechnet.

Ich bitte diejenigen, die auf der Regierungsbank ihrer
verantwortungsvollen Tätigkeit nachgehen, das so zu
tun, dass die Kolleginnen und Kollegen, die im Plenum
sitzen und den Ausführungen der Rednerin folgen wol-
len, dies auch können. Mir ist glaubhaft übermittelt wor-
den, dass alle Ihrer Gesprächsinhalte unter Umgehung
jeglichen Datenschutzes gut im Saal zu verstehen sind.
Ich glaube, das ist nicht im Sinne der Sache.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich finde auch, dass wir es den Stenografinnen und Ste-
nografen nicht zumuten sollten, Ihre Gespräche jetzt
auch noch im Protokoll unserer Sitzung zu veröffentli-
chen.


(Clemens Binninger [CDU/CSU]: Wenn es bereichert! – Niema Movassat [DIE LINKE]: Ist vielleicht interessant, dann erfahren wir etwas Neues!)


Kollegin Lindholz, Sie haben das Wort.


Andrea Lindholz (CSU):
Rede ID: ID1805718400

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen

und Herren! Es geht heute um das Bundesbesoldungs-
und -versorgungsanpassungsgesetz. Wer hier von Wert-
schätzung unserer Beamtinnen und Beamten spricht, der
sollte meines Erachtens beim Thema bleiben. Um die
Angelegenheiten der Bundeswehr kümmern sich bei uns
die Kollegen aus dem Verteidigungsausschuss.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Alle vier Fraktionen haben in den Ausschüssen die
Annahme des vorliegenden Gesetzentwurfs empfohlen.
Diese ungewöhnliche Übereinstimmung zwischen allen
Fraktionen hat mich zunächst fast misstrauisch gemacht.
Auch habe ich das in meiner Zeit im Innenausschuss
zum ersten Mal erlebt. Dies ist aber ein Grund zur
Freude, und ein Grund zum Misstrauen besteht heute
nicht.

Denn es ist ganz offensichtlich, dass der öffentliche
Dienst für unseren Staat und die gesamte Gesellschaft
von herausragender Bedeutung ist. Deswegen ist es auch
recht und billig, dass wir die Bediensteten entsprechend
honorieren.
Die Frauen und Männer im öffentlichen Dienst sind
eine tragende Säule unseres sozialen Rechtsstaats. Sie
sorgen sich unter anderem um unsere Sicherheit, die Ge-
rechtigkeit, den fließenden Verkehr, sichere Lebensmit-
tel, den Denkmalschutz, Forschung und Lehre, um eine
gute Gesundheitsversorgung, und nicht zuletzt schützen
sie auch uns Bürgerinnen und Bürger und die Umwelt,
um nur einige Beispiele zu nennen. Fest steht: Ohne den
öffentlichen Dienst ist kein Staat zu machen.


(Clemens Binninger [CDU/CSU]: Sehr richtig!)


Der vorliegende Gesetzentwurf macht deutlich, dass
der öffentliche Dienst eine vielfältige, aber in sich ge-
schlossene Einheit ist. Die Ergebnisse des Tarifvertrages
vom 1. April 2014 sollen auch auf Beamtinnen und Be-
amte, Richterinnen und Richter, Soldaten und Versor-
gungsempfänger des Bundes übertragen werden. Rück-
wirkend ab dem 1. März 2014 sollen die Bezüge der
Bundesbediensteten um effektiv 2,8 Prozent steigen und
ab dem 1. März 2015 um weitere 2,2 Prozent. Damit
auch niedrige Einkommen spürbar profitieren, ist eine
Mindeststeigerung von 90 Euro vorgesehen. Mit dem
Abschlag von 0,2 Prozent leisten die Beamten und Be-
amtinnen ihren Beitrag zur nachhaltigen Rücklage der
Altersvorsorge. Auch dafür ist ausdrücklich zu danken.
Durch den Abschlag wird die Rücklage 2014 und 2015
mit rund 105 Millionen Euro zusätzlich gespeist.

Die Kosten für die Anpassung belaufen sich im Jahr
2014 auf 542 Millionen Euro. Für 2015 sind
1,05 Milliarden Euro und ab dem Haushaltsjahr 2016
rund 1,13 Milliarden Euro angesetzt. Der Bund lässt
sich seine Bediensteten etwas kosten, und das ist absolut
richtig. Dafür stehen auch CDU und CSU. Denn eine
leistungsfähige Verwaltung ist keine Selbstverständlich-
keit. Auch der Bund steht zunehmend im Wettbewerb
um qualifiziertes Personal. Der Staat kann nicht mit den
Gehaltsstrukturen der freien Wirtschaft konkurrieren.
Trotzdem muss er als Arbeitgeber insbesondere für
hochqualifizierte Fachkräfte attraktiv bleiben.

Ein anschauliches Beispiel ist das Bundesamt für Si-
cherheit in der Informationstechnik, kurz BSI. Das BSI
überwacht und sichert nicht nur die digitale Infrastruktur
des Bundes. Gleichzeitig stellt das BSI auch privaten In-
ternetnutzern Informationen zur Sicherheit im Netz zur
Verfügung. Letztlich trägt das BSI damit ganz konkret
zum Schutz jedes einzelnen Bürgers in der digitalen
Welt bei. Ein Beispiel dafür war die prompte Reaktion
des BSI auf den millionenfachen Passwortdiebstahl vor
einigen Monaten im deutschen Netz. Alle Bürger beka-
men eine Möglichkeit, zu überprüfen, ob ihre persönli-
che E-Mail-Adresse vom Datenklau betroffen ist. Für
die dahinterstehende Technik braucht man hochqualifi-
zierte IT-Spezialisten, die mit ihrem Sachverstand in der
freien Wirtschaft vermutlich ein Vielfaches verdienen
könnten.

Im digitalen Zeitalter konkurrieren nicht nur immer
mehr Unternehmen um die besten IT-Fachkräfte, son-
dern auch das Bundeskriminalamt benötigt solche Fach-
leute, um Kriminalität im Netz oder die Verbreitung von
Kinderpornografie effektiv bekämpfen zu können. Wenn
wir zum Beispiel vom Bundesamt für Verfassungsschutz





Andrea Lindholz


(A) (C)



(D)(B)

eine effektive Spionageabwehr erwarten und einen mitt-
lerweile leider erforderlichen 360-Grad-Blick im digita-
len Raum einfordern, dann müssen wir das Amt auch in
die Lage versetzen, entsprechendes Personal anzuwer-
ben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


An dieser Stelle sollte auch die steigende Belastung im
Rahmen der Überwachung der Kriegsheimkehrer aus
Syrien nicht vergessen werden.

Die Anpassung der Bezüge der Bundesbediensteten
an die positive wirtschaftliche Entwicklung in Deutsch-
land ist ein kleiner Beitrag dazu. Letztlich kann eine sol-
che Anpassung aber nur ein Baustein von vielen sein.
Der Staat muss seinen Bediensteten ein attraktives Ge-
samtpaket anbieten, bestehend aus einem soliden Ein-
kommen, familienfreundlichen Arbeitszeiten und guten
Aufstiegsmöglichkeiten.

Der Ruf der Beamten ist im Volksmund manchmal
nicht der beste. Wir alle kennen den einen oder anderen
nicht so schönen Spruch. Das aber ist ungerecht. Denn
ein Blick in andere Länder macht deutlich, wie effektiv
die deutsche Verwaltung ist. Das wird oft vergessen.

Der hohe Standard unseres öffentlichen Dienstes ist
nicht zuletzt ein wichtiger Standortvorteil für Deutsch-
land und eine wesentliche Voraussetzung für den wirt-
schaftlichen Erfolg unseres Landes. Das bestätigen uns
auch Unternehmen, die weltweit tätig sind, immer wie-
der. Deswegen ist es auch angemessen, alle Mitglieder
des öffentlichen Dienstes am aktuellen wirtschaftlichen
Erfolg Deutschlands teilhaben zu lassen. Der vorlie-
gende Gesetzentwurf ist daher ausdrücklich zu befür-
worten.

Ich möchte schließen mit den Worten von Otto Fürst
von Bismarck – schon eine Weile her, aber immer noch
aktuell –:

Mit schlechten Gesetzen und guten Beamten läßt
sich immer noch regieren. Bei schlechten Beamten
aber helfen uns die besten Gesetze nichts.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805718500

Ich schließe die Aussprache.

Wir kommen zur Abstimmung über den von der Bun-
desregierung eingebrachten Entwurf eines Bundesbesol-
dungs- und Versorgungsanpassungsgesetzes 2014/2015.
Der Innenausschuss empfiehlt in seiner Beschlussemp-
fehlung auf Drucksache 18/2639, den Gesetzentwurf
der Bundesregierung auf den Drucksachen 18/1797 und
18/2136 anzunehmen. Ich bitte diejenigen, die dem Ge-
setzentwurf zustimmen wollen, um das Handzeichen.
– Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Der Ge-
setzentwurf ist damit in zweiter Beratung einstimmig an-
genommen.
Dritte Beratung
und Schlussabstimmung: Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Der Gesetz-
entwurf ist einstimmig angenommen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 14 sowie den Zu-
satzpunkt 5 auf:

14 Beratung des Antrags der Abgeordneten Niema
Movassat, Heike Hänsel, Wolfgang Gehrcke,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE
LINKE

Hunger bekämpfen, Recht auf Nahrung stär-
ken
Drucksache 18/1482
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (f)

Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe

ZP 5 Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für wirtschaftliche Zu-
sammenarbeit und Entwicklung (19. Ausschuss)

zu dem Antrag der Abgeordneten Uwe Kekeritz,
Friedrich Ostendorff, Claudia Roth (Augsburg),
weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN

Weltagrarbericht jetzt unterzeichnen
Drucksachen 18/979, 18/1788

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 25 Minuten vorgesehen. Ich höre keinen
Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Kollege
Niema Movassat für die Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Niema Movassat (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805718600

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Es gibt

kein Menschenrecht, das so häufig verletzt wird, wie das
Recht auf Nahrung. Laut der Landwirtschaftsorganisa-
tion der Vereinten Nationen hungern 842 Millionen
Menschen. Würde man einen realistischen Kalorienbe-
darf zugrunde legen, so stiege die Zahl auf 1,3 Milliar-
den Menschen. Der tägliche Hunger, die Tatsache, dass
alle sechs Sekunden ein Kind an Unterernährung stirbt,
ist ein Skandal, der keinen Tag länger so weitergehen
darf.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Deshalb haben wir als Linke den Antrag „Hunger be-
kämpfen, Recht auf Nahrung stärken“ eingebracht.

Entwicklungsminister Müller hat erklärt, dass der
Kampf gegen den Hunger für ihn hohe Priorität hat. Gut
so. Das Problem ist aber, dass die Lösungsansätze in die
falsche Richtung gehen. Sie scheitern bereits an der Ur-
sachenanalyse. Denn die Bundesregierung legt die Prio-





Niema Movassat


(A) (C)



(D)(B)

rität auf die Steigerung der Produktion nach dem Motto:
Menschen hungern, weil es zu wenig Nahrung gibt. Also
muss mehr produziert werden. – Dabei wird heute schon
genug Nahrung produziert, um 12 Milliarden Menschen
zu ernähren. Wir brauchen eine gerechte Verteilung der
Lebensmittel. Dann müsste kein Kind auf dieser Welt
mehr an Hunger sterben.


(Beifall bei der LINKEN)


Auch muss die Bundesregierung endlich den Welt-
agrarbericht unterzeichnen. Dort stehen viele kluge
Dinge drin, zum Beispiel, dass man Kleinbauern in den
armen Ländern stärken muss. Kleinbauern bilden das
Rückgrat der Landwirtschaft im globalen Süden. Sie
produzieren in Asien und Afrika 80 Prozent der Nah-
rungsmittel. Sie muss man unterstützen, fördern und
weiterbilden. Stattdessen stärkt die Bundesregierung mit
Initiativen wie der German Food Partnership und der G8
„New Alliance“ vor allem große Agrarunternehmen, die
auf industrielle Landwirtschaft setzen. Das Problem da-
bei ist, dass sich kein Kleinbauer diese Technologisie-
rung leisten kann. Um die neuen, teuren Düngemittel
und Saatgüter zu kaufen, muss er sich verschulden. So
machen die Agrarunternehmen Bauern abhängig.

Dieses Modell passt auch nicht auf die lokalen Be-
dürfnisse. In den Entwicklungsländern herrscht teilweise
bis zu 50 Prozent Arbeitslosigkeit. Die Agrarindustrie
aber setzt auf wenig Arbeitskrafteinsatz, hohen Kapi-
taleinsatz und hohe Produktion pro Bauer. Wir brauchen
Modelle, die Arbeitsplätze schaffen und die die Klein-
bauern nicht in ihrer Existenz gefährden.


(Beifall bei der LINKEN)


Diese Politik der Kooperation mit den Agrarunterneh-
men füllt die Taschen von Bayer, BASF, Syngenta und
Monsanto, aber keinen Teller in Afrika. Deshalb sagt die
Linke: Stärken Sie die Kleinbauern! Stärken Sie lokale
Strukturen! So bekämpft man Hunger.


(Beifall bei der LINKEN)


Ins Zentrum der Debatte muss der Begriff der Ernäh-
rungssouveränität. Was heißt das? Das heißt, dass die
Länder des Südens in die Lage versetzt werden, eigen-
ständig genug Nahrungsmittel zu produzieren. Sie sollen
nicht abhängig von Nahrungsmittelimporten sein. Die
Kleinbauern sind die Grundlage der Ernährungssouverä-
nität. Ihre Landrechte müssen geschützt werden, bei-
spielsweise vor Landraub; denn immer häufiger kaufen
Konzerne, auch aus Deutschland, Ländereien in Afrika
auf, vertreiben mit Gewalt die Bauern, um im Anschluss
Agrospritpflanzen anzubauen, damit wir unsere E10-
Quote erfüllen können. Dagegen muss die Bundesregie-
rung vorgehen.


(Beifall bei der LINKEN)


Um Ernährungssouveränität herzustellen, müssen
Kleinbauern auch vor Billigimporten geschützt werden.
Wir alle kennen das Beispiel von überschüssigen Hähn-
chenteilen, die von Europa nach Liberia verschifft wer-
den und dort zu Dumpingpreisen verschleudert werden.
Die lokalen Bauern können damit nicht konkurrieren
und verlieren ihre Existenz. Deshalb müssen die Länder
des Südens das Recht haben, ihre Märkte durch Zölle zu
schützen.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ganz entscheidend ist auch der Aufbau sozialer Siche-
rungssysteme. Es gibt gute Beispiele, wie das brasiliani-
sche „Null-Hunger“-Programm, bei dem man Hilfe vom
Staat bekommt, wenn es an Geld für Nahrungsmittel
fehlt.

Diese Modelle sollte Deutschland im Rahmen der
Entwicklungszusammenarbeit auch in anderen Ländern
unterstützen. In unserem Antrag finden Sie weitere kon-
krete Vorschläge. Aber das Wichtigste ist: Unterzeich-
nen Sie den Weltagrarbericht, und setzen Sie seine Vor-
schläge um! Das wäre ein echter Beitrag im Kampf
gegen den Hunger.


(Beifall bei der LINKEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805718700

Für die CDU/CSU-Fraktion spricht der Kollege Peter

Stein.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Peter Stein (CDU):
Rede ID: ID1805718800

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! „Eine

Welt ohne Hunger“ ist die aus meiner Sicht wichtigste
Sonderinitiative des Ministeriums für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung für diese Legislatur.
Alleine das zeigt schon, wie unnötig dieser Antrag zu
diesem Zeitpunkt ist.


(Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Na, na, na!)


Minister Gerd Müller hat regelmäßig und persönlich
diesen Schwerpunkt herausgearbeitet und betont, wie
sehr ihm das eine Herzensangelegenheit ist. Ich darf
auch einen seiner Staatssekretäre zitieren, der den Hun-
ger auf der Welt als die größte Menschenrechtsverlet-
zung bezeichnete. Dem füge ich nichts hinzu. Ich sage
Ihnen: Die CDU/CSU-Fraktion steht geschlossen hinter
dieser fokussierten Ausrichtung auf die Reduzierung des
Hungers und die Mangel- und Unterernährung.


(Beifall bei der CDU/CSU – Niema Movassat [DIE LINKE]: Dann können Sie unserem Antrag ja zustimmen!)


„Hunger bekämpfen, Recht auf Nahrung stärken“ ha-
ben Sie Ihren Antrag genannt. Allein dieser Titel bleibt
weit hinter unseren Zielstellungen, unseren Sonderinitia-
tiven und der Arbeit der vergangenen Jahre zurück.
Wichtig ist dabei, klarzustellen, dass es viele unter-
schiedliche Ursachen für Hunger gibt: Trockenheit,
Wassermisswirtschaft, fehlende Arbeitskräfte auf dem
Land, Bürgerkriege, Naturkatastrophen,


(Artur Auernhammer [CDU/CSU]: Korruption!)






Peter Stein


(A) (C)



(D)(B)

mangelnde Infrastruktur, fehlende Ausbildung, schlech-
tes Saatgut und Düngemittel, fehlendes Kapital, Streit
um Bodenrechte,


(Artur Auernhammer [CDU/CSU]: Kommunismus!)


Piratenfischerei und auch ungerechte Vergabe von Fi-
schereirechten, um nur einige Faktoren zu nennen. Aber
auch die teils übermächtige Konkurrenz der Industrie-
länder und in einzelnen Staaten auch Landgrabbing kön-
nen eine Ursache sein; das will ich gar nicht verschwei-
gen.

Wegen all dieser verschiedenen Gründe muss es auch
verschiedene Lösungsansätze geben. In Asien und La-
teinamerika wurden auf dem Gebiet der Hungerbekämp-
fung große Fortschritte gemacht. Das ist bereits ein Er-
folg der globalen Zusammenarbeit. In vielen Regionen
Afrikas dagegen ist die Versorgung der Bevölkerung
selbst mit den einfachsten Grundnahrungsmitteln immer
noch nicht möglich und gegeben. Wir teilen bis dahin
Ihre Feststellung, dass Hunger weiterhin das größte Ge-
sundheitsrisiko weltweit ist. Ich denke, in der Situations-
beschreibung – darüber haben wir uns im Ausschuss
schon öfter ausgetauscht – und in Ihrem ersten Ansatz
sind wir uns einig.

Leider fallen Sie im weiteren Verlauf Ihres Antrags
wieder in die stereotypen Feindbilder zurück und zeich-
nen die Welt in Schwarz und Weiß:


(Beifall bei der CDU/CSU)


auf der einen Seite das Ideal des ökologischen Kleinbau-
ern, der mit dem Ochsenpflug arbeitet


(Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nicht einmal! Der Kleinbauer in Afrika hat keinen Ochsen!)


und dabei das Saatgut verwendet, das seine Vorfahren
über Jahrhunderte selbst immer wieder vermehrt haben
– was ein Teil des Problems ist –, und auf der anderen
Seite der reiche Westen mit seinen multinationalen Kon-
zernen, deren Ziel nur Profit und in der Zukunft die Ab-
hängigkeit der Bauern ist.

Meine Damen und Herren, es hat nichts, auch wirk-
lich gar nichts mit fehlendem Enthusiasmus und Engage-
ment für entwicklungspolitische Belange zu tun, wenn
man erkennt und akzeptiert, dass die Realität vielschich-
tiger ist.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit muss immer
auch mit den Rahmenbedingungen umgehen, die vor Ort
geboten sind. Zu helfen und zu verbessern, ist daher
auch eine Aufgabe. Die Entwicklungszusammenarbeit,
die am Ende gezielt hilft und den Menschen vor Ort und
der Regierung ihrer souveränen Staaten wesentliche Ent-
scheidungen weitgehend selbst überlässt, ist eine gute
Zusammenarbeit. Genau das tun wir als CDU/CSU-
Fraktion zusammen mit unseren Kollegen der SPD. Sie
schreiben es selber in Ihrem Antrag: Die Bundesregie-
rung hat den Kampf gegen Hunger zum Schwerpunkt
gemacht.
Im Haushalt 2014 wird über die gesamte Legislatur-
periode ein deutlicher Akzent auf diesen Sektor gesetzt.
Dabei wird in der Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hun-
ger“ mindestens 1 Milliarde Euro pro Jahr auf diesem
Gebiet eingesetzt. Der Schwerpunkt des Engagements
ist dabei Afrika – eine zweite Sonderinitiative.

Wir sind der Überzeugung, dass wir in der Zusam-
menarbeit privatwirtschaftliches Engagement in den
Zielländern brauchen, weil wir ohne privates Engage-
ment den weltweiten Kampf gegen Hunger und Mangel-
ernährung nicht gewinnen können.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Man erhält dadurch einen größeren finanziellen Spiel-
raum; bei der GFP beispielsweise erhöht er sich unge-
fähr im Verhältnis eins zu sechs. In diesem Kontext ste-
hen wir als Fraktion zu unserem Engagement im
Rahmen der German Food Partnership, aber auch der
Alliance und des World Food Programme der Vereinten
Nationen.

Geld ist nicht der einzige Grund. Es braucht Wissen-
schaft und Forschung. Es braucht Entwicklung und Bil-
dung. Es braucht Infrastruktur und Material, und es
braucht auch Einkommen, beispielsweise in den Städten,
damit die Menschen dort die Lebensmittel überhaupt be-
zahlen können. Alle zuletzt genannten Beiträge können
im Wesentlichen nur aus der Wirtschaft geliefert werden.
Deshalb ist die Zusammenarbeit in diesem Bereich un-
bedingt notwendig.

Weil wir uns Regeln geben, gerade auch über die
GFP, stellen wir mit diesem Ansatz die deutsche Ent-
wicklungszusammenarbeit nicht hinter deutschen Wirt-
schaftsinteressen zurück, sondern wir binden diese ein.
Wir nehmen das Know-how und die Produkte deutscher
Unternehmen sehr gerne mit, weil sie gut sind.

Darüber hinaus geht es in den Partnerschaften im We-
sentlichen um die Vermittlung von Wissen. Die Mitar-
beiter der GIZ sind maßgeblich daran beteiligt und erst
in zweiter Reihe Mitarbeiter von Unternehmen. Die
Expertise – das ist ganz klar geregelt – ist zu wenigstens
70 Prozent von Mitarbeitern der GIZ zu liefern. Der Vor-
wurf, mit diesem Ansatz würden regionale Besonderhei-
ten ignoriert, ist aus meiner Sicht unverständlich, weil
das gesamte Wissen, das die GIZ in den Veranstaltungen
vermittelt, gerade in den lokalen Kontext und in bereits
bestehende Entwicklungsstrategien in den Ländern und
Projekten eingebettet wird.

Die GFP ist zudem noch ein recht junges Programm.
Um auch dort im weiteren Prozess noch voneinander zu
lernen, ist es aus unserer Sicht unverständlich, warum
Sie es stoppen wollen. Sie wollen evaluieren. Wie wol-
len Sie das tun, wenn Sie es vorher gestoppt haben? Wir
sind gerade ein Jahr dabei, und ich glaube, es ist wichtig,
diesen Weg erst einmal weiterzugehen. Ich bin davon
überzeugt: Wir werden gute Ergebnisse bekommen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Es geht, wie gesagt, in weiten Teilen um grundlegen-
des agrarisches Wissen wie effektiver Wassergebrauch,





Peter Stein


(A) (C)



(D)(B)

sinnvolle Fruchtfolge, nachhaltiger Einsatz von Dünge-
mitteln, die Anpassung an Klimabedingungen usw. Die
Menschen allein nach der Idealvorstellung der kleinbäu-
erlichen Landwirtschaft zu versorgen, wird sie nicht auf
die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten. Denn
auch in Afrika und Asien ist die Globalisierung ange-
kommen, auch auf dem Land. Selbst die europäischen
Bio-Kleinbetriebe, die sicherlich gute Vorbilder sein
können, weisen jedoch Betriebsstrukturen auf, die sich
mit denen in Afrika niemals vergleichen lassen werden.
Das kann man nicht exportieren. Wir müssen die Land-
wirtschaft in Afrika mit eigenen Formen in der Entwick-
lung voranbringen. Dazu brauchen sie – das bieten wir
ihnen an – unsere Hilfe und Unterstützung.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Agrarmarktspekulationen – das hatten Sie angespro-
chen – und großflächige Landnahme sind in den letzten
Jahren tatsächlich stark in die öffentliche Kritik geraten.
Das war auch wichtig. Aber gerade das Handeln
Deutschlands in diesen subjektiven Kontext zu stellen,
ist unredlich. Ich zitiere aus Ihrem Antrag:

Dennoch beteiligen sich … auch ausführende Or-
gane der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
wie die Deutsche Investitions- und Entwicklungs-
gesellschaft mbH (DEG) nach wie vor an solchen
Spekulationen und dem massiven Aufkauf von
Land in Entwicklungsländern.

Das schreiben Sie. Liebe Kolleginnen und Kollegen der
Linken, das ist starker Tobak. Ich warne davor, hier Ihre
sehr spezielle Wahrnehmung zum Gegenstand von Bun-
desanträgen in diesem öffentlichen Raum zu machen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Niema Movassat [DIE LINKE]: Lesen Sie die Berichte, die es dazu gibt!)


Die Rahmenbedingungen sind bei weitem nicht in al-
len Zielländern die gleichen. Vielerorts herrschen, was
die Landtitel angeht, chaotische Zustände. Damit muss
man arbeiten, wenn man dort weiterhin engagiert sein
möchte. Die Alternative wäre, mit solchen Ländern
überhaupt nicht mehr zusammenzuarbeiten. Das kann
nicht unser Ziel sein. Ich behaupte: Keine internationale
Einrichtung der Entwicklungszusammenarbeit arbeitet
vor diesem Hintergrund so sorgfältig und überprüft wie
die DEG; das wissen Sie.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ich möchte auf die von Ihnen angesprochene Infra-
struktur zurückkommen. Hier rennen Sie – ich bin Pla-
ner von Beruf – offene Türen ein. Wegen der Kürze der
Zeit kann ich darauf in dieser Debatte nicht ausführlicher
eingehen. Wir werden sicherlich noch ausreichend Gele-
genheit haben, darüber zu diskutieren.

Wir dürfen keine Lösung von vornherein ausschlie-
ßen und müssen die notwendigen Entscheidungen den
Menschen und den Regierungen vor Ort überlassen. Wir
als CDU/CSU-Fraktion bemühen uns um ein differen-
ziertes Weltbild in der deutschen Entwicklungszusam-
menarbeit. Alternativlose Fundamentalkritik an beste-
henden Mechanismen führt nirgendwohin und hilft den
Menschen vor Ort nicht wirklich weiter.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen wir mit Blick
auf die Sonderinitiative im Kampf gegen den Hunger
nicht locker. Es ist gut, dass dieses Thema immer wieder
oben auf der Agenda steht. Ich gehe davon aus, dass die
Bundesregierung im nächsten Jahr in Paris gerade hierzu
starke Beiträge liefern wird. Die Koalition ist engagiert
bei der Sache. Pro Jahr 1 Milliarde Euro für den Sektor
Ernährung und Hungerbekämpfung sind keine Erdnüsse,
sondern richtig viel Substanz. Das ist so viel wie nie zu-
vor. Wir nehmen die Herausforderung an. Dank der
Haushälter ist seit gestern Fakt, dass das so kommen
wird. Wir verstehen die nachhaltige Entwicklungszu-
sammenarbeit als das wichtigste globale und außenpoli-
tische Wirkungsfeld für die nächsten Jahrzehnte.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805718900

Der Kollege Uwe Kekeritz hat für die Fraktion Bünd-

nis 90/Die Grünen das Wort.


Uwe Kekeritz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805719000

Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen!

Kollege Movassat hat darauf hingewiesen: Jeder achte
Mensch hungert. Weit über 2 Milliarden Menschen kön-
nen sich nicht ausgewogen ernähren. Das ist ein Skan-
dal, der allerdings auch mit unserer westlichen, groß-
industriellen Agrarproduktion zusammenhängt. Das ist
keine Schwarz-Weiß-Malerei, Herr Stein. Das sind ein-
fach Fakten. Dass die CDU/CSU diese Fakten nicht
wahrhaben will, das ist Ihre Politik. Leugnen Sie das ru-
hig auch in Zukunft! Vielleicht hilft Ihnen das ja.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Solange wir unsere westliche Agrarindustrie täglich
mit 1 Milliarde Dollar subventionieren


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Wenn es keine modernen Agrarstrukturen gäbe, gäbe es mehr Hunger!)


– hören Sie als Haushälter gut zu! –, hat die Agrarpro-
duktion in den Entwicklungsländern einfach keine
Chance.


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Das stimmt doch nicht!)


Als Ökonom müssten Sie das wissen, als Techniker oder
Ingenieur sowieso.

Hinzu kommen die sogenannten Freihandelsabkom-
men, die sogenannten EPAs, die die Tore zu den ärmsten
Ländern für unsere landwirtschaftlichen Produkte öff-
nen.


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Umgekehrt! Wir öffnen unsere Märkte!)






Uwe Kekeritz


(A) (C)



(D)(B)

Damit zerstören wir die landwirtschaftliche Produktion
in diesen Ländern, tragen zur Landflucht bei und vergrö-
ßern die Slums in den Städten. Sie können das doch
nicht einfach ignorieren, Herr Stein. Das sind 30 Jahre
dokumentierte Erfahrung. Sich hier hinzustellen und zu
sagen, dass es sich hier nur um Schwarz-Weiß-Malerei
handelt, geht an der Realität vorbei.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Die Folgen der deutschen Hähnchenfleisch-
schwemme kennen Sie hoffentlich auch. Das ist keine
Politik, sondern nackter Zynismus. Dieser wird mit den
EPAs vorangetrieben. Mit dieser Politik untergraben Sie
das Recht der Menschen in den Entwicklungsländern auf
eigene Nahrungsproduktion. Sie untergraben auch das
Recht auf Ernährungssouveränität vieler Länder im Sü-
den. Sie erhöhen vor allen Dingen die Abhängigkeit von
der westlichen Agrarstruktur. Minister Müller setzt die
Bekämpfung des Welthungers auf seine politische
Agenda. Das begrüßen wir natürlich außerordentlich.
Das Ziel ist gut. Aber jetzt ist der Worte genug. Jetzt
muss endlich ein Prozess in Gang gesetzt werden, der
das tatsächlich vorantreibt.

Da Sie schon so guten Kontakt zur GIZ haben, würde
ich Ihnen empfehlen: Nehmen Sie doch einmal mit den
Botschaften in den einzelnen Ländern, wo die grünen
Zentren aufgebaut werden, Kontakt auf und lassen Sie
sich erklären, wie das funktioniert. Eine positive Rück-
meldung habe ich noch nicht bekommen.

Ich habe den Minister bereits zweimal aufgefordert,
er möge mich doch mitnehmen, weil ich mir das einmal
vor Ort anschauen möchte. Herr Niebel war da großzügi-
ger. Der hat Leute mitgenommen. Müller weigert sich.


(Zuruf von der CDU/CSU: Der ist sparsamer!)


– Der ist sparsam, jawohl. – Ich möchte, weil Sie auch
German Food Partnership und die G 8 New Alliance an-
gesprochen haben, Folgendes sagen: Sie wollen dort pro-
duktneutrale Schulungen durchführen lassen. Das wird
nicht hauptsächlich von der GIZ gemacht, sondern von
den Vertretern der Pharma- bzw. der Großindustrie. Das
konnten Sie auch in einem Monitor-Beitrag sehen.


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Das ist nicht der Industrie zurechenbar!)


– Wenn Bayer und Syngenta nicht der Industrie zure-
chenbar sind: Was wollen Sie denn dann eigentlich der
Industrie zurechnen?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Max Straubinger [CDU/CSU]: Weil das für Sie immer ein Böses ist!)


– So ist es: Das arbeitet so. Wissen Sie, das ist ein Me-
chanismus, und wir haben die Aufgabe, hinter die Me-
chanismen zu schauen und sie zu lenken, aber nicht zu
fördern.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Bayer feiert aufgrund der Initiative bereits unglaubli-
che Absatzsteigerungen bei seinen Düngemitteln. Hier
werden Steuergelder zur Subventionierung der deut-
schen Industrie missbraucht.

Ich möchte jetzt aber noch ganz kurz einen Satz zum
Antrag der Linken sagen. In ihm gibt es sehr viele posi-
tive Aspekte, die wir voll unterstützen: Ernährungssouve-
ränität und Förderung von Kleinbauern und Kleinbäuerin-
nen. Das gilt auch für die kritische Haltung gegenüber
German Food Partnership. Leider gibt es auch ein paar
Knackpunkte darin, zum Beispiel ein allgemeines Verbot
des Imports von Biomasse und der Stopp aller Freihan-
delsabkommen. Man muss sich doch überlegen, was für
Konsequenzen das zum Beispiel für die einzelnen Län-
der hätte, wenn wir die Freihandelsabkommen über
Nacht stoppen würden. Das muss man sich einmal vor-
stellen: Dann kommen wir zum WTO-Regime zurück.
Das will auch die Linke nicht. Deswegen müsst ihr euch
vorher überlegen, mit welcher Konsequenz ihr das for-
dert.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wollt ihr eine Veränderung der Verträge? Dann haben
wir die gleiche Meinung. Ein Stopp aber ist etwas ande-
res. – Ich bin gleich fertig, Frau Präsidentin.


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805719100

Das war ein sehr langer Satz. Ich verweise auf die

noch folgenden Beratungen im Ausschuss, wo Sie das
alles austauschen können.


Uwe Kekeritz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805719200

Deswegen können wir eurem Antrag nicht zustim-

men. Der Grünen-Antrag beinhaltet genau das, was ich
gefordert habe, nämlich die Unterzeichnung des Welt-
agrarberichtes.

Ich bedanke mich.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805719300

Der Kollege Dr. Sascha Raabe spricht nun für die

SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Dr. Sascha Raabe (SPD):
Rede ID: ID1805719400

Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und Kol-

legen! Zum einen ist es sicherlich gut, dass wir aufgrund
des Antrags der Linken heute über das Thema Welt-
ernährung sprechen können, weil wir in der nächsten
Woche – am 16. Oktober – den Welternährungstag ha-
ben. Trotz Fortschritten, die es in dem Bereich weltweit
gegeben hat, wollen und können wir uns nicht damit ab-
finden, dass immer noch 800 Millionen Menschen hun-
gern und in extremer Armut leben.

Sicherlich sind im Antrag der Linken Punkte enthal-
ten, die wir alle unterschreiben können, dass zum Bei-
spiel Kleinbäuerinnen und Kleinbauern besonderen
Schutz brauchen und dass die Rechte von Frauen ge-
stärkt werden müssen. All diese Forderungen sind für





Dr. Sascha Raabe


(A) (C)



(D)(B)

diejenigen, die schon jahrelang Mitglied im Entwick-
lungsausschuss sind, selbstverständlich und Bestandteil
unseres Handelns. Das könnten wir alles unterschreiben.

Folgendes – ich will nicht sagen, dass es mich ärger-
lich macht – enttäuscht mich schon ein wenig: Wir ha-
ben schon des Öfteren hier im Parlament – Herr
Movassat, Sie sind auch schon ein bisschen länger mit
dabei – über ländliche Entwicklung gesprochen. Im
Frühjahr 2013 hat die SPD-Fraktion hier einen sehr gro-
ßen Antrag zum Thema Ernährungssicherheit mit der

(Überlungsländern strukturell verbessern – Ländliche Entwicklung als Schlüssel zur Bekämpfung von Hunger und Armut“ eingebracht. Darin sind ganz umfassend alle Themen enthalten, über die man reden muss, wenn man Hunger und Armut auf dem Land bekämpfen will. Es reicht eben nicht aus, nur zu sagen: Die Kleinbauern müssen jetzt besser arbeiten können. In Ihrem Antrag, der sich mit der ländlichen Entwicklung sowie mit Hunger und Armut beschäftigt, taucht zum Beispiel nicht ein einziges Mal das Wort „Bildung“ auf. Es ist gerade auf dem Land – da sind Schulen oft sehr weit entfernt, und es gibt dort häufig schlechte Lehrer – wichtig, Grundschulund Sekundarbildung anzubieten. Auch auf dem Land geht es darum, zum Beispiel Handwerksberufe aufzubauen. Es darf eben nicht sein, dass die Menschen ein Leben lang – über 50 Jahre hinweg – eine kleine Scholle bestellen müssen. – Es ist schon sehr enttäuschend, dass das fehlt. Das Gleiche gilt für den Nachernteschutz. 20 Prozent bis 25 Prozent der Ernten gehen verloren, weil es an Kapazitäten fehlt, die Ernte richtig zu speichern, was dazu führt, dass sie verfault. Fragen der Infrastruktur werden überhaupt nicht angesprochen, weder der technischen Infrastruktur, was Handys und den Zugang zum Internet angeht, noch der Straßen, Häfen oder anderer Verbindungen. Das muss einfach in einen solchen Antrag hinein. Was mich besonders ärgert, ist, dass Sie den Fokus nur auf die Menschenrechtsverletzungen, die von ausländischen Konzernen begangen werden, richten. Wir hatten heute schon eine ähnliche Debatte. Mich muss man wirklich nicht katholisch machen. Ich prangere das immer wieder an, aber es kann nicht sein, dass Sie nicht ein Wort darüber verlieren, dass es auch darauf ankommt, dass die Länder selbst eine gute Regierungsführung haben und dass sie ihre Verpflichtung, das Menschenrecht auf Nahrung zu garantieren – alle diese Länder haben bei der UNO unterschrieben, dass sie dieses Menschenrecht achten –, auch umsetzen. Ich sage Ihnen: Die Mehrheit der im Augenblick absolut armen und hungernden Menschen lebt immer noch in Indien und in China. Es ist ein Skandal, dass diese Länder ihre Menschen noch hungern lassen. Wir haben deshalb im Koalitionsvertrag geschrieben: Von den Schwellenländern muss die eigenverantwortliche Verwirklichung der Menschenrechte auf Nahrung, Gesundheit und Bildung für die eigene Bevölkerung eingefordert werden. Das fehlt in Ihrem Antrag. Es gibt positive Beispiele. Brasilien haben Sie selbst genannt. Auch Länder, die Ihnen sehr nahe stehen, wie zum Beispiel Bolivien, Chile, Nicaragua, Peru und Venezuela, haben gute Anstrengungen gemacht und kommen voran, weil sie das Menschenrecht auf Nahrung zum Teil in der Verfassung verankert haben. (Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU sowie der Abg. Niema Movassat [DIE LINKE] und Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Deswegen, glaube ich, muss man in einem solchen
Antrag auch zu solchen Fragen die richtigen Worte fin-
den. Auch die Weiterverarbeitung und die Frage, wie
Produkte exportiert werden können, gehören dazu. Wir
sind nicht ausschließlich für Selbstversorgung, wie es in
Ihrem Antrag steht. Wir stehen an dieser Stelle auch zu
den PPP-Projekten, zumindest zu den guten, die es auch
gibt. Die ermöglichen zum Beispiel Kleinbauern, hygie-
nische oder ökologische Standards einzuhalten, sodass
dann ökologische Bioprodukte aus Entwicklungsländern
zu uns kommen können. Es gibt PPP-Projekte mit Sub-
sistenzbauern, denen das ermöglicht wird. Das ist doch
gut und richtig. Deswegen sollten wir das fortführen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Noch ein letzter Satz: Herr Stein, ich kann vieles von
dem, was Sie gesagt haben, unterschreiben. Aber was
das Thema Haushalt angeht, kam das vielleicht etwas
missverständlich herüber. Nächstes Jahr ist das Jahr
2015, in dem wir mit den Entwicklungszielen einen gro-
ßen Schritt hätten vorankommen sollen, auch bei der Be-
kämpfung von Hunger und Armut. Wir sollten auch be-
reits 2015 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens,
die ODA-Quote, für die Entwicklungshilfe ausgeben.
Ich glaube, wir müssen schon bei dem Haushalt, den wir
im November beraten werden, kräftig nachbuttern, damit
wir Hunger und extreme Armut ganz schnell auf der
ganzen Welt bekämpfen oder gar abschaffen können.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805719500

Der letzte Redner in dieser Debatte ist der Kollege

Dirk Wiese, ebenfalls von der SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Dirk Wiese (SPD):
Rede ID: ID1805719600

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Hätten alle von uns am heutigen Tage einen
Wunsch frei, so wären wir uns mit Sicherheit auf der
Stelle einig, das Leiden von weit über 1 Milliarde Men-
schen in der Welt an alltäglichem Hunger, Mangelernäh-
rung und deren tödlichen Folgen umgehend zu beenden.
In der UN-Menschenrechtscharta ist nämlich das Recht
auf Nahrung in Artikel 25 festgeschrieben. Dieses Recht





Dirk Wiese


(A) (C)



(D)(B)

auf Nahrung ist allerdings das am meisten und am mas-
sivsten verletzte Menschenrecht der heutigen Zeit.

Aus der Tatsache heraus, dass wir in Deutschland kei-
nen Hunger leiden müssen und in einer Wohlstandsge-
sellschaft leben, haben wir eine Verantwortung, uns für
die Sicherung der Welternährung einzusetzen. Daher hat
die Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahren
unter anderem die Mittel für die FAO von 10 Millionen
Euro auf 15 Millionen Euro aufgestockt und im Koali-
tionsvertrag beschlossen, dass wir insbesondere die
ländliche Entwicklung weiter fördern wollen.

Wir müssen aber auch unser Verhalten einmal kritisch
hinterfragen. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Die
Bilder, die wir mit Blick auf die nächste Hungerkatastro-
phe im Fernsehen sehen werden, werden uns betroffen
machen, ja, uns schockieren. Spendenaufrufe werden
folgen. Die Kameras werden eine kurze Zeit die Weltöf-
fentlichkeit in ihren Bann ziehen. Dann wird zur nächs-
ten Krise weitergezogen. Doch diese Bilder wiederholen
sich leider im wiederkehrenden Rhythmus.

Aber zurück zu Ihrem Antrag. Wenn wir ihn so be-
schließen und auf den Weg bringen, können wir uns
dann einfach zurücklehnen und sagen: „Alles wird gut“?
Ich glaube, nicht, und zwar gerade dann nicht, wenn Sie
behaupten, dass das Hungerproblem gelöst werden kann,
indem die Länder dazu angehalten werden, Reformen
ohne Einbeziehung des privaten Sektors durchzuführen.

In seinem Buch Die Zukunft: Sechs Kräfte, die unsere
Welt verändern schreibt Al Gore:

Wir wissen heute schon, dass eine extreme Knapp-
heit von Nahrungsmitteln, fruchtbarem Boden und
Süßwasser in Ländern mit wachsender Bevölkerung
zum völligen Zusammenbruch der gesellschaftlichen
Ordnung und zu einer starken Zunahme der Gewalt
führen kann.

Und weiter:

Viele Experten zeigen sich inzwischen besorgt, dass
mehrere große und bevölkerungsreiche Länder
– unter anderem Indien und China – bei der Pro-
duktion von Nahrungsmitteln gegen eine Wand lau-
fen könnten.

Von den Herausforderungen der zunehmenden Verstäd-
terung wird gar nicht erst gesprochen.

Nehmen wir einmal das Beispiel Indien; mein Kol-
lege Sascha Raabe hat schon darauf hingewiesen. Als
stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Indischen
Parlamentariergruppe bin ich, ehrlich gesagt, immer
wieder schockiert und fassungslos, wenn ich die Mög-
lichkeit habe, durchs Land zu fahren, und die alltägliche
umfassende Armut sehe. Ich gebe auch offen zu, dass es
erschreckend ist, wie schnell man sich an den Anblick
von Armut gewöhnen kann. Als ich 2010 vor Ort gear-
beitet habe, musste ich das selbst täglich feststellen. Ich
kann Ihnen sagen: Das ist kein schönes Gefühl.

Gerade in Indien zeigt sich aber auch, dass Probleme
der Nahrungsmittelversorgung die Verteilstruktur und
die Einschaltung von teils staatlichen Zwischenhändlern
und einer ausufernden Bürokratie sind. Damit kann ge-
rade in diesem Bereich Public-private-Partnership eine
Hilfe sein.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Es wurde darauf hingewiesen: Mit Ihrem wirtschafts-
kritischen Antrag fordern Sie, Verhandlungen über Frei-
handelsabkommen jeglicher Art zu stoppen sowie den
Ländern vorzuschreiben, ob sie genetisch veränderte
Produkte anbauen dürfen oder nicht. Ich glaube, damit
kommen wir an dieser Stelle nicht voran. Ich finde, ge-
rade die Debatte über Golden Rice zeigt, wie schwierig
es ist, sich das Ganze anzuschauen und zu durchdenken.

Ich mache an dieser Stelle einmal einen Punkt. Ich
bin, ehrlich gesagt, gespannt auf die weiteren Beratun-
gen, auch im Ausschuss für Ernährung und Landwirt-
schaft, der mitberatend beteiligt ist.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805719700

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird die Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 18/1482 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
verstanden? – Das ist der Fall. Dann ist die Überweisung
so beschlossen.

Wir kommen zum Zusatzpunkt 5: Beschlussempfeh-
lung des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenar-
beit und Entwicklung zu dem Antrag der Fraktion Bünd-
nis 90/Die Grünen mit dem Titel „Weltagrarbericht jetzt
unterzeichnen“. Der Ausschuss empfiehlt in seiner Be-
schlussempfehlung auf Drucksache 18/1788, den Antrag
der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen auf Drucksache
18/979 abzulehnen. Wer stimmt für diese Beschlussemp-
fehlung? – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? –
Die Beschlussempfehlung ist mit den Stimmen der Ko-
alitionsfraktionen gegen die Stimmen der Oppositions-
fraktionen angenommen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 17 auf:

Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Än-
derung mautrechtlicher Vorschriften hinsicht-
lich der Einführung des europäischen elektro-
nischen Mautdienstes
Drucksache 18/2656
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur (f)

Haushaltsauschuss mitberatend und gemäß § 96 der GO

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 25 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Kollege
Steffen Bilger für die CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)







(A) (C)



(D)


Steffen Bilger (CDU):
Rede ID: ID1805719800

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

„Entwurf eines Gesetzes zur Änderung mautrechtlicher
Vorschriften hinsichtlich der Einführung des europäi-
schen elektronischen Mautdienstes“, vielleicht hat der
eine oder andere gedacht, es könnte jetzt und hier auch
um die Pkw-Maut gehen. Aber nein, darum geht es jetzt
nicht, genauso wenig wie bei der Anhörung des Ver-
kehrsausschusses am Montag zum Thema Lkw-Maut.

Bei der Anhörung zur Lkw-Maut am Montag, an der
auch ein Vertreter der Europäischen Kommission als
Sachverständiger teilgenommen hat, wurde deutlich: Eu-
ropa bewertet unseren Kurs der Nutzerfinanzierung der
Infrastruktur positiv. Die, die bei der Pkw-Maut auf
Querschüsse aus Europa gehofft hatten, wurden immer
wieder enttäuscht, und das ist auch gut so für Deutsch-
land und für unsere Vorstellungen von der Finanzierung
der Infrastruktur.

Ich will noch einmal verdeutlichen, wie wir uns die
Finanzierung der Infrastruktur in Zukunft vorstellen: Es
geht zusätzlich zu den Haushaltsmitteln aus der Lkw-
Maut, die bisher schon zur Verfügung stehen, zum einen
darum, mehr Geld aus dem Haushalt zur Verfügung zu
stellen, so wie wir das jetzt schon tun; zum anderen geht
es aber auch um mehr Mittel durch die Ausweitung der
Lkw-Maut, mittelfristig um mehr als 2 Milliarden Euro
pro Jahr zusätzlich. Schließlich geht es um 600 Millio-
nen Euro mehr pro Jahr durch die Einführung der Pkw-
Maut.

So, meine Damen und Herren, lösen wir endlich den
Investitionsstau in Deutschland auf. Die Große Koalition
redet nicht nur, sondern endlich wird gehandelt, und
zwar konsequent für die Infrastruktur in Deutschland.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Heute geht es aber um die europäische Dimension der
Infrastrukturfinanzierung, nämlich um die Einführung
eines europäischen elektronischen Mautdienstes, wobei
es gleichermaßen um Lkw wie um Pkw gehen kann, um
Pkw aber nur insoweit, als es sich um elektronische
Mautsysteme mit Einbau eines Fahrzeuggerätes handelt.
Die deutsche Infrastrukturabgabe für Pkw aus dem Ko-
alitionsvertrag wird von diesem Gesetz also nicht betrof-
fen sein.


(Herbert Behrens [DIE LINKE]: Noch nicht!)


Auch bei der Pkw-Maut könnte man sicherlich lange
darüber diskutieren, ob eine europäische Lösung nicht
sinnvoller wäre als eine rein deutsche. Es ist aber richtig,
dass wir uns mit dieser Diskussion nicht noch jahrelang
aufhalten, sondern handeln. In den kommenden Wochen
werden wir uns intensiv mit dem konkreten Gesetzent-
wurf zur Pkw-Maut beschäftigen.


(Dr. Valerie Wilms [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das halte ich für ein Gerücht!)


Europa, meine Damen und Herren, lebt unter ande-
rem von seiner Freizügigkeit und dem grenzenlosen Ver-
kehr. Im europäischen Binnenmarkt gilt es, Hindernisse
nicht nur beim grenzenlosen Warenverkehr abzubauen,
sondern auch bei der Lastwagenmobilität. Es kann
schließlich von uns als Transitland Deutschland nicht
wirklich gewollt sein, dass Lkw beim Transport von Gü-
tern durch halb oder ganz Europa für jedes einzelne
Land eine eigene sogenannte On-Board-Unit brauchen.

Es war richtig und wichtig, dass die Europäische Union
schon vor zehn Jahren eine Richtlinie erlassen hat, damit
die elektronischen Mautsysteme in der Gemeinschaft ko-
operieren können. Die Vorteile eines europäischen elek-
tronischen Mautdienstes liegen auf der Hand: freie Fahrt
durch ganz Europa mit einem Fahrzeuggerät, einem Ver-
trag, einer Rechnung, Vereinfachung und Vereinheitli-
chung beim grundsätzlich grenzüberschreitenden Stra-
ßengütertransport in Europa, Entbürokratisierung für das
Gewerbe.

Zuerst aber ist ausdrücklich zu loben, dass die Euro-
päische Union es bei ihrer Entscheidung vermieden hat,
ihre Mitgliedstaaten mit einem einheitlichen EU-Maut-
System zu beglücken. „Vielfalt in der Einheit“ ist hier
nach wie vor das Gebot der Stunde, schließlich sind
längst nicht alle Lastwagen im grenzüberschreitenden
Verkehr unterwegs, und selbst die, die es sind, brauchen
nicht unbedingt gleich ein System für die ganze EU.
Sprich: Die Teilnahme am europäischen elektronischen
Mautdienst ist freiwillig und kann dazu noch mit einem
Anbieter der eigenen Wahl durchgeführt werden; wirk-
lich eine sinnvolle Lösung.

Die nationalen Mautdienste bleiben erhalten. Sie kön-
nen auch selbst entscheiden, ob sie teilnehmen oder
nicht. Trotzdem – oder gerade deswegen – wollen wir es
gerne ermöglichen, dass man zukünftig mit einem Sys-
tem in der EU unterwegs sein kann. Durch die Entschei-
dung der EU sind den Mitgliedstaaten verschiedene Re-
gelungsaufgaben übertragen worden. Dabei ist es den
Mitgliedstaaten überlassen, die notwendigen organisato-
rischen und rechtlichen Maßnahmen zur Umsetzung der
EU-Entscheidung entsprechend ihren jeweiligen natio-
nalen Rechtsordnungen sowie den organisatorischen und
technischen Rahmenbedingungen ihres Mauterhebungs-
systems zu ergreifen. Das vorliegende Gesetz dient der
Anpassung des nationalen Rechts an die zwingenden
Vorgaben der EU-Entscheidung. Diese Bedingungen
werden erfüllt.

Meine Damen und Herren, wir brauchen erfolgreiche
europäische elektronische Mautdienste. Der vorliegende
Gesetzentwurf der Bundesregierung bietet dafür eine
gute Grundlage. Deshalb bitte ich um Zustimmung zu
diesem Gesetz.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805719900

Der Kollege Herbert Behrens hat für die Fraktion Die

Linke das Wort.


(Beifall bei der LINKEN)


(B)







(A) (C)



(D)(B)


Herbert Behrens (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805720000

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

So langsam macht Minister Dobrindt seinem Namen alle
Ehre: als Mautminister oder vielleicht auch als 3M-
Minister: Minister für Modernität, Mobilität und jetzt
Maut. Das sind auch die Begriffe, mit denen wir hier
ständig umgehen müssen, in dieser Woche allein zwei-
mal. Am Montag gab es bereits eine Anhörung zur Lkw-
Maut, zu den Berechnungsgrundlagen. Heute nun soll es
darum gehen, etwas Licht in den europäischen Maut-
dschungel zu bringen.

Ein europäischer elektronischer Mautdienst kann si-
cherlich dazu beitragen, dass es auf den europäischen
Straßen schneller vorangeht, dass der Güterverkehr auf
der Straße, sofern er dort stattfinden muss, flüssig ab-
läuft. Ich finde es jedoch bedauerlich, dass die Kommis-
sion nicht in der Lage war, ihre eigenen Weißbücher bis
zum Ende zu lesen. Wenn die EU-Kommission den dort
niedergelegten Themen wirklich nachgegangen wäre,
hätte sie auch fordern müssen, dass es verbindliche Min-
destsätze bei der Lkw-Maut und die volle Anlastung al-
ler externen Kosten gibt. Dann könnten wir heute Abend
wirklich eine ganz andere verkehrspolitische Debatte
führen. Das geht jetzt gerade nicht.

In Ihrem Gesetzentwurf sind einige Punkte enthalten,
die ich allerdings mit einem dicken Fragezeichen verse-
hen möchte. Erstens stellt sich mir die Frage, warum Sie
gerade jetzt diesen Gesetzentwurf über einen elektroni-
schen Mautdienst vorlegen. Das – seien wir ehrlich – ist
eigentlich schon längst fällig, ist jetzt eigentlich ein „to-
ter Hund“. Sie hatten nämlich zehn Jahre lang Zeit, die
Richtlinie in deutsches Recht zu überführen. Aber mitten
in den Verhandlungen über die Vertragsverlängerung mit
Toll Collect legen Sie einen Entwurf auf den Tisch, den
wir heute zum ersten Mal debattieren. Aber über das Ti-
ming der Vorlage dieses Gesetzentwurfs werden wir im
Ausschuss sicherlich noch reden.

Zweitens bleibt unklar, weshalb Sie 48 Millionen
Euro für die Erweiterung des bestehenden Mauterhe-
bungssystems um Mikrowellentechnik ausgeben wollen.
Der EU-Richtlinie und der darauf aufbauenden Entschei-
dung der Kommission ist eine solche Pflicht nicht wirk-
lich zu entnehmen. Auf Seite 75 Ihres Gesetzentwurfs
findet sich der unscheinbare Satz, dass ja – Zitat – „nicht
ausgeschlossen werden kann, dass in Deutschland zu-
künftig auch mikrowellengestützte Mautsysteme einge-
setzt werden“, und dass deshalb – Zitat – „diese Vor-
schrift vorsorglich aufgenommen“ wurde. Vorsorgliche
Aufnahme von Vorschriften und die vorsorgliche An-
schaffung von teurer Technik sind doch wirklich zwei
verschiedene Paar Schuhe, denke ich.


(Beifall bei der LINKEN)


Vorsorge im Verkehrssystem wäre an anderer Stelle
nötig. Ich fände es ja begrüßenswert, wenn allzu oft als
Nadelöhre auf den Wasserwegen bestehende Schleusen,
alte Schleusen, beseitigt werden könnten und wenn wir
dort eine Investition in einer Größenordnung von
50 Millionen Euro vornehmen würden. Ich glaube, in
Kleinmachnow und in Fürstenwalde wäre man über sol-
che vorsorglichen Investitionen froh.


(Beifall bei der LINKEN)

Es ist jedoch völlig abwegig, dass die Investitionen in
Mikrowellentechnik nur vorsorglich getätigt werden sol-
len.


(Dr. Valerie Wilms [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nicht in Kleinmachnow!)


Die Ausstattung des deutschen satellitengestützten Maut-
erhebungssystems mit dieser Technik entspricht nämlich
in keiner Weise dem Geist des entsprechenden EU-
Rechts. Die Erfassungsgeräte in den Lkw sollen den un-
terschiedlichen Mauterhebungssystemen angepasst wer-
den und eben nicht die teuren Mauterhebungssysteme
den relativ preiswerten On-Bord-Units. Letztes entbehrt
doch wirklich jeder Grundlage.

Die Kommission fordert an keiner Stelle, dass der
Berg zum Propheten kommen muss. Aber genau diesen
Eindruck erwecken Sie mit Ihrem Gesetzentwurf.

Kurzum: Ich teile die Einschätzung des Normenkon-
trollrates noch nicht so ganz, dass Sie mit diesem Gesetz
nicht über die zugrundeliegende EU-Richtlinie hinaus-
gehen. Über den vorliegenden Entwurf wird daher noch
intensiv zu diskutieren sein, genauso wie über die ande-
ren bald anstehenden Entscheidungen zur Lkw- und
Pkw-Maut sowie zur Verkehrsinfrastrukturfinanzierung.

Vielen Dank.


(Beifall bei der LINKEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805720100

Für die SPD-Fraktion erhält nun der Kollege

Sebastian Hartmann das Wort.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Sebastian Hartmann (SPD):
Rede ID: ID1805720200

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und

Herren Kolleginnen und Kollegen! Die Einführung eines
europäischen einheitlichen Mautdienstes soll tatsächlich
den grenzüberschreitenden Straßengüterverkehr in Eu-
ropa unbürokratischer und deutlich einfacher machen.
Dieser Mautdienst soll damit auch unserem Binnenmarkt
Rechnung tragen, von dem wir im vereinten Europa in
den vergangenen Jahrzehnten so profitierten, eben ge-
stützt auf die vier bekannten Grundfreiheiten.

Der freie Warenverkehr braucht aber einen einheitli-
chen Binnenmarkt, der keine nationalstaatlichen Gren-
zen oder Schlagbäume kennt. Nach dieser Erkenntnis
und ihrer Umsetzung haben wir uns in Europa neben vie-
len anderen guten Ideen aber auch der Idee der Erhebung
von Nutzerbeiträgen zugewandt, und zwar in Form von
Nutzungsbeiträgen schwerer Lkw zur Finanzierung der
Verkehrsinfrastruktur in Form von nationalen Mauterhe-
bungssystemen, das allerdings mit der unerwünschten
Nebenwirkung, dass wir nun in dem stärker zunehmen-
den grenzüberschreitenden Verkehr Spediteuren immer
mehr einen Flickenteppich von unterschiedlichen Maut-
erhebungssystemen und unterschiedlichen Technikstan-
dards zumuten.

Dem wollen wir begegnen. Mit der Einführung eines
einheitlichen europäischen elektronischen Mautdienstes





Sebastian Hartmann


(A) (C)



(D)(B)

schaffen wir Interoperabilität, wo bislang technisch und
wirtschaftlich die Wirklichkeit der Mauterhebung in
Europa krass auseinandergeklafft hat.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Das Ziel des vorliegenden Gesetzentwurfs ist so ein-
fach wie sinnvoll: Wir setzen eine seit vielen Jahren in
Kraft befindliche EU-Richtlinie um, die es ermöglichen
soll, europaweit mit nur einem Vertrag und einem Fahr-
zeuggerät Maut an einen Anbieter zu entrichten, der nur
eine Rechnung dafür ausstellt – einfach, sinnvoll und
überfällig, wenn ich das anmerken darf; denn die Frist
zur Änderung der hiesigen Mautvorschriften – das war ja
auch Thema der Vorrede – ist bezüglich des Straßengü-
terverkehrs tatsächlich seit zwei Jahren abgelaufen. Des-
wegen sollte man die Richtlinie auch umsetzen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Das Bundesverkehrsministerium schafft mit diesem
Gesetz zur Änderung der mautrechtlichen Vorschriften
die technischen und organisatorischen Voraussetzungen
für die Anbindung sogenannter EEMD-Anbieter an das
hiesige Mautsystem. Der Aufwand, den ein Unterneh-
men treiben muss, um – das ist eine zentrale Vorausset-
zung, um überhaupt mit einer solchen Leistung Geld
verdienen zu können – europaweit auftreten zu können,
ist nicht unerheblich. Vermutlich ist das auch der Grund,
warum sich bislang nur ein einziges Unternehmen für
eine Zulassung als EEMD-Provider hat registrieren las-
sen.

Der Bund wird aber auch von der Zulassung der
EEMD-Anbieter profitieren. Wir versprechen uns davon
zum Beispiel eine Senkung der Kosten der Mauterhe-
bung. Um die technischen Voraussetzungen für eine
Nutzung des EEMD-Dienstes zu schaffen, ist eine Reihe
von Maßnahmen nötig. Es müssen zunächst technische
Systeme entwickelt und einer Zulassung unterzogen
werden. Tatsächlich ist es so, dass die EU-Richtlinie eine
oder mehrere Techniken vorschreibt, zu denen – ich
glaube, das steht in Artikel 2 – auch die Mikrowellen-
technik gehört. Aber wenn wir uns schon auf den Weg
machen, dann sollten wir uns die technischen Möglich-
keiten entsprechend dem heutigen Standard zunutze ma-
chen und nicht nur eine einzige Technik nehmen, bei der
wir in den nächsten Jahren vielleicht wiederum Ände-
rungen oder Anpassungen vornehmen müssen; denn wir
wollen mit diesen Technologien weiterhin in Europa
führend sein. Erinnern wir uns: Die Bundesrepublik
Deutschland hat sich 2005 als allererstes Land auf den
Weg gemacht und nach vielleicht leichten Anlauf-
schwierigkeiten ein modernes System satellitengestütz-
ter Mauterhebung implementiert.


(Herbert Behrens [DIE LINKE]: Teuren Anlaufschwierigkeiten! 7 Milliarden Euro!)


Jetzt haben wir eines der modernsten Mautsysteme. In
der Anhörung, die wir am Montag wahrnehmen konnten,
sind wir vonseiten der EU-Kommission dafür gelobt
worden, dass wir – damit sind wir ein Best-Practice-Bei-
spiel in Europa – als erste Nation bei der Wegekostenbe-
rechnung die externen Kosten, zum Beispiel entspre-
chend der Luftschadstoffe, anlasten können. Das wird
demnächst auch beim Lärm der Fall sein.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wir erheben die Lkw-Maut bekanntlich, um einen
dauerhaften angemessenen Beitrag der Nutzer unserer
Straßen zur Finanzierung der Infrastruktur sicherzustel-
len. Insbesondere die 2018 bevorstehende Mauterhe-
bung – nach der Ausweitung des bundesdeutschen Maut-
gebietes auf weitere 30 000 Kilometer Straße – ist ein
Beispiel für eine sinnvolle Anwendung der standardi-
sierten Erhebungsverfahren, die in der EEMD-Richtlinie
verabredet wurden.

Wenn jetzt mit diesem Gesetz die Änderungen der
mautrechtlichen Rahmenbedingungen vollzogen wer-
den, ist damit die Basis für die Zulassung nicht nur des
einen, bereits genannten Anbieters, der um Registrierung
nachgesucht hat, sondern auch weiterer Betreiber ge-
schaffen. Wenn wir den Markt der EEMD-Provider mit
einer Prise Optimismus betrachten, dann können wir die
Hoffnung schöpfen, dass wir bei der Erhebung der Maut
in Zukunft nicht mehr die Monokultur eines einzigen
Anbieters haben und damit technische und juristische
Schwierigkeiten bestehen, sollte man einmal auf die Idee
kommen, irgendetwas ändern zu wollen an bestehenden
Verträgen oder eben auch an der Technik.

Vergessen wir nicht: Deutschland hat sich 2005 auf den
Weg gemacht und nach leichten Anlaufschwierigkeiten
das modernste System zur Mauterhebung geschaffen. Wir
haben vor einigen Tagen in einer Anhörung vonseiten der
EU-Kommission bestätigt bekommen, dass wir mit der
Anlastung externer Kosten bei der Wegekostenberech-
nung europaweit führend sind.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, mit dem Beschluss
dieses Gesetzes in erster Lesung können wir heute einen
weiteren Schritt gehen, der auch für die deutsche Indus-
trie gute Rahmenbedingungen schaffen wird. Wir sorgen
dafür, dass deutsche Anbieter in Form der EEMD-Provi-
der auch im heimischen Markt mit den guten gesetzli-
chen Grundlagen und Rahmenbedingungen starten kön-
nen, um sich am internationalen Wettbewerb der EEMD-
Provider, der in Europa starten wird, zu beteiligen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


– Vielen Dank. – Zugleich erreichen wir europaweit
Kostensenkungen und eine Vereinfachung der Maut-
erhebung. Was wollen wir mehr?

Die EU-Kommission beklagt vielleicht zu Recht, dass
sich die Branche angesichts der großen technologischen
wie organisatorischen Herausforderungen noch nicht auf
den Weg gemacht hat. Die Kritik der Kommission geht
sogar noch weiter mit dem Hinweis auf mangelnde Um-
setzungsbemühungen der Mitgliedstaaten. Ich bin mir si-
cher, dass es zukünftig weder an dem einen noch an dem
anderen mangeln oder gar liegen wird, wenn wir diese
guten gesetzlichen Voraussetzungen, die wir vorgelegt
haben, durch den Beschluss des Gesetzentwurfes endlich
schaffen.





Sebastian Hartmann


(A) (C)



(D)(B)

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805720300

Vielen Dank, Herr Kollege. – Schönen guten Abend

von meiner Seite aus Ihnen, liebe Kolleginnen und Kol-
legen, und Ihnen, liebe Gäste!

Die nächste Rednerin in der Debatte: Dr. Valerie
Wilms für Bündnis 90/Die Grünen.


Dr. Valerie Wilms (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805720400

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Liebe Gäste! Es ist ja schön, dass sich dieses Ministe-
rium, in Kurzform Verkehrsministerium genannt, jetzt an
so vielen Stellen gleichzeitig um die Maut kümmert.
Herr Kollege Ferlemann, das ist ja wirklich toll!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Aber eines wundert mich schon sehr: Warum führen
Sie auf der einen Seite eine sinnvolle europäische Maut
für Lkw ein – zugegebenermaßen von der EU verordnet
und erstaunlicherweise schon seit zwei Jahren überfällig –
und planen auf der anderen Seite genau das Gegenteil
von offenen Grenzen, nämlich den kleinkarierten Wege-
zoll in Form der CSU-Maut für Pkw?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Unglaublich!)


Das passt doch nun wirklich nicht zusammen.


(Patrick Schnieder [CDU/CSU]: Stark begonnen und schnell abgefallen!)


Leider müssen Sie es heute ertragen, Kollege Ferlemann,
und nicht Ihr Minister.

Diese CSU-Maut bringt nichts und führt am Ende nur
zu Mehrausgaben für den Staat. Die Planungen für Ihren
Wegezoll sind der Rückschritt ins kleinststaatliche Mit-
telalter.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Damals musste beim Übertreten jedes noch so kleinen
Wegstücks ein Wegezoll an den jeweiligen Grundherrn
entrichtet werden.


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bayern halt!)


Ich hoffe doch, dass wir inzwischen in einem vereinten
Europa mit offenen Grenzen und freiem Warenverkehr
angekommen sind.


(Matthias Gastel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nicht die CSU!)


Oder ist das im Verkehrsministerium vergessen worden?

Für Lkw-Unternehmen ist es Tagesgeschäft, nicht nur
innerhalb Deutschlands, sondern durch ganz Europa zu
fahren. Daher ist es zugegebenermaßen folgerichtig, die
verschiedenen Mautsysteme zu harmonisieren. Das ist
vorteilhaft für die Logistiker.


(Patrick Schnieder [CDU/CSU]: Bravo!)


Sie können Geld und Zeit sparen. Sie müssen nicht mehr
mit den unterschiedlichen Systemen hantieren. Das darf
aber nicht nur in der Theorie schön aussehen. Beweisen
muss es sich in der Praxis. Daher müssen wir jetzt die
Voraussetzungen für das Funktionieren eines europäi-
schen Mautdienstes schaffen. Bisher gibt es noch keinen
Anbieter, der für den elektronischen Mautdienst ein
wirklich kostendeckendes Angebot liefern kann. So weit
sind wir nämlich noch nicht. Darum muss es jetzt als
Nächstes gehen, nachdem wir endlich die notwendigen
Voraussetzungen geschaffen haben.

Der neue einheitliche Europäische Elektronische
Mautdienst bietet einen echten Mehrwert. Logistiker
haben damit endlich in einem Europa ohne Grenzen
auch keine Mautgrenzen mehr. Alles läuft über die
Europa-Box. So geht Europa wirklich, Herr Kollege
Ferlemann, und nicht mit einer Pickerlsammlung an der
Windschutzscheibe.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


So etwas brauchen wir dann endlich auch bei der
Eisenbahn. Da schaue ich einmal zum Kollegen Burkert.
Aber dort leisten wir uns immer noch einen wirren
Flickenteppich: von Land zu Land verschiedene Signal-
und Fahrstromsysteme, unterschiedliche Zuglängen,
unterschiedliche Betriebsvorschriften und auch noch
stark abweichende Trassenpreise, die Schienenmaut. So
wrackt sich die Schiene leider im europaweiten Wett-
bewerb der Logistiker selbst ab. Auch das darf nicht
mehr sein.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Ein europaweites Zusammenwachsen beim Mautsys-
tem bereitet mir als glühender Verfechterin der vereinig-
ten Staaten von Europa – da möchte ich nämlich wirk-
lich hin – richtig Freude.

Aber etwas Wasser muss ich doch noch in diesen Eu-
ropawein schütten. Wir dürfen auf dem Altar „Europa“
den Datenschutz nicht opfern. In Deutschland haben wir
mit Toll Collect ein sinnvolles System. Die zur Abrech-
nung der Maut notwendigen Bewegungsprofile, also die
Daten, wo ich genau gefahren bin, bleiben auf der On-
Board-Unit im Lkw. Die werden nicht an irgendeinen
Zentralrechner weitergeleitet. Da werden keine Bewe-
gungsprofile zentral erfasst. So kann Datenschutz
gewährleistet werden. Das muss auch das europäische
System leisten. Bei dem Mikrowellensystem hätte ich da
so meine Bedenken.

Es darf keine Bewegungsprofile auf einem Zentral-
rechner der Mautbetreiber geben. Das ist zwar billiger,
aber der Nutzer hat nichts mehr in der Hand; denn da
sind Sie dem Zugriff der Datenkraken von NSA oder
wem auch immer ausgeliefert. Einen gläsernen Fahrer
durch die Hintertür des europäischen Mautsystems
möchte ich nicht schaffen, Herr Kollege Ferlemann.





Dr. Valerie Wilms


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Engagieren Sie sich zukünftig deutlich mehr für das
europäische Zusammenwachsen auf Schiene und Straße!
Da gibt es noch genug zu tun. Und beerdigen Sie endlich
die Pläne für einen kleinstaatlichen oder – besser gesagt –
kleinkarierten Wegezoll à la CSU!

Herzlichen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805720500

Vielen Dank, Frau Kollegin Wilms. – Nächster Red-

ner in der Debatte: Oliver Wittke für die CDU/CSU-
Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Oliver Wittke (CDU):
Rede ID: ID1805720600

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kolle-

gen! Ich wäre enttäuscht gewesen, Frau Kollegin Wilms,
wenn Sie es in einer Debatte über den Europäischen
Elektronischen Mautdienst nicht geschafft hätten, auch
auf offenbar Ihr Lieblingsthema, nämlich die Pkw-Maut,
zu sprechen zu kommen.


(Matthias Gastel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist Ihr Lieblingsthema!)


Sie erinnern mich ein ganz klein wenig an unsere
Kinder, bei denen die Aufregung in den nächsten
Wochen immer weiter steigt, wenn es auf Weihnachten
zugeht, und die es überhaupt nicht mehr erwarten kön-
nen, bis endlich der Heilige Abend vor der Tür steht.


(Herbert Behrens [DIE LINKE]: Das wäre eine schöne Bescherung!)


Ich verspreche Ihnen, Sie werden Ihren Heiligen Abend
in diesem Hohen Hause auch noch erleben.


(Matthias Gastel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist jetzt aber eine Drohung!)


Sie werden ein Mautkonzept präsentiert bekommen, das
einfach ist, das praktikabel ist und das vor allem Geld in
die Kassen bringt, damit wir unsere marode Infrastruktur
in Ordnung bringen können.


(Beifall bei der CDU/CSU – Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Aber nun gerne auch zum Thema. Meine Damen und
Herren, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, es ist häufig
so, dass, wenn wir über Europa und über die Institutio-
nen in Europa reden, Überreglementierung, Bürokrati-
sierung und Detailversessenheit um sich greifen. Viel-
fach gibt es die Vorwürfe, dass das, was aus Brüssel
kommt, viel zu wenig handelbar ist und uns im täglichen
Lauf der Dinge behindert. Die Umsetzung der Richtlinie
2004/52/EG mit diesem Gesetzentwurf, den wir heute in
erster Lesung beraten, zeigt genau das Gegenteil. Wir
zeigen, dass Europa auch in der Lage ist, bürgerfreund-
lich, wirtschaftsfreundlich und damit effizient zu
handeln. Es ist gut, dass die Europäische Union diese
Harmonisierung auf den Weg bringt. Sie lässt alle Frei-
heiten; denn die Nutzung wird nicht vorgeschrieben,
aber sie gibt denjenigen Unternehmen, die dieses neue
System nutzen wollen, die Möglichkeit, dass dies in den
Lkw unbürokratisch, einfach und praktikabel gehandelt
werden kann.

Dabei gibt es noch eine schöne Begleiterscheinung.
Denn Deutschland profitiert in der Tat von diesem neuen
Europäischen Elektronischen Mautdienst in besonderer
Weise, weil zum Beispiel der EEMD bereits bestehende
Mautsysteme integriert und die Mehrfachnutzung der
OBUs den Anbietern eine attraktive Konditionsgestal-
tung ermöglicht. Dadurch sinken die Kosten für die
Mauterhebung. Dadurch wird das ganze System viel
wirtschaftsfreundlicher.

Daneben schafft der EEMD europaweiten Wettbe-
werb in der Mauterhebung. So ist der Bund in Zukunft
nicht mehr nur von einem nationalen Betreiber abhän-
gig. Zeitraubende und risikobehaftete Ausschreibungen
werden verzichtbar. Das macht den Bund unabhängiger
und flexibler sowohl bei der Preisgestaltung als auch bei
nachträglichen Änderungen des Systems, zum Beispiel
bei der Ausweitung der Maut auf weitere Straßen und
Fahrzeugklassen, wie es die Koalition in dieser Legisla-
turperiode ja noch plant.

Schließlich wird nicht zuletzt die Einführung des
EEMD im Hinblick auf die für 2018 geplante Auswei-
tung der Lkw-Maut auf alle Bundesstraßen in Deutsch-
land die operationalen Risiken der Implementierung ver-
ringern. Inbetriebnahme und Betrieb werden einfacher,
die Gefahr von Mautausfällen sinkt weiter erheblich,
weil die Risiken auf mehrere Anbieter verteilt werden.

Sie sehen, meine Damen und Herren – da stimme ich
Ihnen wieder zu, Frau Wilms –, so macht Europa Spaß:
unbürokratisch, unideologisch und praktikabel. Der vor-
liegende Gesetzentwurf, den wir heute in erster Lesung
beraten, ist eine gute Umsetzung der europäischen Initia-
tive in nationales Recht. Darum bitten wir um Ihre Zu-
stimmung zu diesem Gesetzentwurf.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805720700

Sie sind sicher, dass Sie mit Ihrer Rede schon fertig

sind? Es passiert selten, dass uns über eine Minute ge-
schenkt wird.


(Oliver Wittke [CDU/CSU]: Nehmen Sie das als vorweihnachtliches Geschenk!)


– Ich wollte Sie nur darauf hinweisen.


(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist die Großzügigkeit der Union!)


Vielen Dank. – Ich schließe die Aussprache in dieser
lebhaften Debatte.


(Oliver Wittke [CDU/CSU]: Frau Präsidentin, ich hole sie mir wieder!)






Vizepräsidentin Claudia Roth


(A) (C)



(D)(B)

– Ja, dann müssen Sie erst einmal gut mit mir verhan-
deln.

Interfraktionell wird Überweisung des Gesetzent-
wurfs auf Drucksache 18/2656 an die in der Tagesord-
nung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. Gibt es
dazu anderweitige Vorschläge? – Das ist nicht der Fall.
Dann ist die Überweisung so beschlossen.

Ich rufe Zusatzpunkt 6 auf:

Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Innenausschusses (4. Ausschuss)


– zu dem Antrag der Abgeordneten Jan Korte,
Dr. Petra Sitte, Halina Wawzyniak, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE

Gesetzliche Karenzzeit für ausgeschie-
dene Regierungsmitglieder einführen

– zu dem Antrag der Abgeordneten Britta
Haßelmann, Luise Amtsberg, Volker Beck

(Köln), weiterer Abgeordneter und der Frak-

tion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Karenzzeit für ausscheidende Regierungs-
mitglieder

Drucksachen 18/285, 18/292, 18/2762

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 25 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.

Ich bitte Sie, entweder den Saal zu verlassen oder Ihre
Plätze einzunehmen, damit wir mit der Debatte beginnen
können. Ich möchte, dass alle konzentriert sind.

Erster Redner in der Debatte: Helmut Brandt für die
CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Helmut Brandt (CDU):
Rede ID: ID1805720800

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Werte Zuhörerinnen und Zuhörer! Die Frage
nach einer Regelung für Anschlusstätigkeiten aus-
geschiedener Regierungsmitglieder ist nicht neu. Sie
wurde auch hier im Bundestag schon mehrfach ausgie-
big erörtert.

Anlässe für eine Diskussion über das Thema Karenz-
zeit wurden immer gefunden, beispielsweise der jetzt
anstehende Wechsel des Kollegen Ronald Pofalla zur
Deutschen Bahn, der Wechsel des ehemaligen Bundes-
ministers für Wirtschaft und Technologie Werner Müller
zur Ruhrkohle AG oder die Tätigkeit des ehemaligen
Bundeskanzlers Schröder bei Gazprom


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Eckart von Klaeden!)


und – um hier die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen nicht
auszusparen – beispielhaft der Wechsel des Staatssekre-
tärs im Landwirtschaftsministerium Matthias Berninger
zu einem Süßwarenkonzern.

Die Liste ließe sich fraktionsübergreifend fortsetzen;
insbesondere nach einem Regierungswechsel aufgrund
eines Wechsels der Mehrheiten ist dies oft eine logische
Folge. Ich sage das alles nur, um klarzustellen, dass
dieses Thema alle betrifft oder betreffen kann. Insofern
gibt es auch keinen Grund, mit dem Finger auf andere zu
zeigen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Mahmut Özdemir [Duisburg] [SPD])


Zuletzt haben wir im Januar dieses Jahres, zu Beginn
der Legislaturperiode, als die Anträge, über die wir heute
debattieren, eingebracht wurden, eine Debatte darüber
geführt. Dass wir heute, zu diesem Zeitpunkt, dazu ge-
zwungen werden, diese Diskussion wieder zu führen, ist
wenig nachvollziehbar,


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wieso das denn? Zehn Monate haben Sie gebraucht, um nichts vorzulegen!)


weil alle wissen – und Sie auch, Frau Kollegin –, dass
die Bundesregierung aufgrund der Koalitionsvereinba-
rung dabei ist – Sie konnten das gestern allenthalben der
Presse entnehmen –, eine Regelung zu erarbeiten und ei-
nen Lösungsvorschlag vorzulegen.


(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Das haben Sie gemacht, weil es auf der Tagesordnung stand! – Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das machen Sie doch nur, damit es anders auf der Tagesordnung steht!)


– Wissen Sie, wenn das der Fall wäre, dann würde ich
Ihnen sogar zustimmen.


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo ist denn der Referentenentwurf?)


Aber das ist ein zufälliges Ereignis. Ich habe schon vor
14 Tagen im Innenausschuss gesagt: Lassen Sie uns den
Tagesordnungspunkt später behandeln, der Regierungs-
entwurf steht unmittelbar bevor.


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Stimmt aber nicht!)


Ihr Kollege, Herr Beck, wollte es nicht glauben.


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, ist ja auch nicht so! Den gibt es ja nicht! – Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wann gibt es den denn?)


Nur aus diesem Grund diskutieren wir heute hier.

Natürlich ist auch die Tatsache, dass der frühere
Minister Bahr zur Allianz wechselt, ein Anlass für Sie,
all das noch einmal zu thematisieren. Ich weise aber auf
Folgendes hin: Grundsätzlich besteht, glaube ich, Einig-
keit darüber, dass Unternehmen, Verbände und auch
NGOs ihre Wünsche und Forderungen an uns Politiker
herantragen und natürlich auch versuchen, Einfluss auf
unsere Entscheidungen zu nehmen. Das wird von allen
in Anspruch genommen und auch gewünscht. Vor die-
sem Hintergrund kann es deshalb kaum verwundern,
dass einige meist selbst ernannte Transparenzwächter
feststellen: Da besteht sozusagen ein Anfangsverdacht,
da könnte irgendetwas im Zusammenhang mit der frühe-





Helmut Brandt


(C)



(D)(B)

ren Tätigkeit stehen. Dass diese unterschwellige Be-
hauptung immer wieder vorgetragen wird, ist im Grunde
genommen dem Neidkomplex zu verdanken.


(Stephan Mayer [Altötting] [CDU/CSU]: So ist es! – Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Oh, um Gottes willen, das ist aber unterstes Niveau!)


Schlimmstenfalls geraten Politiker dann sogar in den
Verdacht, sie hätten Entscheidungen, die sie während ih-
rer politischen Tätigkeit getroffen haben oder an denen
sie beteiligt waren, sozusagen im Vorlauf auf ihre spä-
tere Tätigkeit bei einem Arbeitgeber getroffen.


(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So etwas soll schon vorgekommen sein!)


– Sehen Sie, das ist genau der Stil: „Es soll vorgekom-
men sein!“ Sie können nicht einen einzigen Beleg für
eine solche Behauptung vorlegen, aber sie wird aus den
eben genannten Gründen dennoch immer wieder hervor-
geholt.


(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bei Rumänen und Bulgaren geht es um zwei, drei Fälle! Aber in dem jetzigen Fall ist es egal, solange es Einzelfälle sind! Das ist völlig inkonsistent! – Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Kommt jetzt noch etwas Konkretes?)


– Etwas Konkretes hätte ich von Ihnen erwartet. Aber
das habe ich noch nicht vorgefunden.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD – Widerspruch bei der LINKEN)


Nein, meine Damen und Herren, die Wahrheit ist
doch folgende: Die Tatsache, dass bei solchen Gelegen-
heiten solche Verdächtigungen immer wieder neu geäu-
ßert werden, führte dazu – und das zu Recht –, dass wir
im Koalitionsvertrag vereinbart haben, dass wir das re-
geln wollen, damit das nicht immer wieder auf die Ta-
gesordnung kommt.


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Das glaube ich nicht!)


Die Frage ist aber, ob eine starre Karenzzeitregelung
nicht letztlich einem Berufsverbot gleichkommt und ob
eine Karenzzeit, wie beispielsweise von den Grünen vor-
geschlagen, drei Jahre betragen kann und soll. Ich halte
eine solch lange Karenzzeit für unverhältnismäßig. Das
würde dazu führen, dass wir keinen Wechsel, auch kei-
nen gewünschten Wechsel mehr von der Wirtschaft in
die Politik und umgekehrt hätten.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Das wäre im Grunde genommen die Einführung eines
Berufsverbots durch die Hintertür. So lange Pausen kann
sich im Grunde keiner leisten. Ich habe die Frage vorhin
aufgeworfen: Welcher Manager, welche Managerin wäre
zukünftig bereit, in ein ja regelmäßig schlechter dotiertes
öffentliches Amt zu wechseln,

(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So schlecht dotiert ist das nun auch nicht!)


wenn er oder sie damit das Risiko eingeht, später nicht in
den früheren Beruf zurückkehren zu können? Das ist
doch eine vollkommen klare Sache. Im Endeffekt führt
eine überlange, eine unangemessene Karenzzeit dazu,
dass kluge Köpfe für uns alle, für die Politik insgesamt
verloren gehen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ich meine, wir müssen die Lebenswirklichkeit der
Politiker betrachten: Wir nehmen von NGOs, wir neh-
men von Unternehmen, wir nehmen von Verbänden Rat-
schläge entgegen. Wir nehmen sie zwar nicht immer an,
aber wir brauchen sie doch oft, um am Ende des Prozes-
ses eine sachgerechte und vernünftige Lösung zu finden.
Sollte man darauf zukünftig vollkommen verzichten?

In Einzelfällen kann es natürlich problematisch sein –
das geben wir gerne zu –, insbesondere wenn der Job,
der ergriffen wird, in unmittelbarem Zusammenhang mit
dem Ressort steht, in dem der Politiker tätig war. In ei-
nem solchen Fall besteht die Gefahr einer Interessenkol-
lision. Dass dadurch der Anschein erweckt werden kann,
dieser Politiker habe sich seine Stelle sozusagen erkauft,
liegt auf der Hand. Dass dieser Anschein erweckt wird,
wollen wir künftig vermeiden.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auf die
Vorlage der Fraktion Die Linke zu sprechen kommen.


(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Juristisch sauber!)


– Sie sind immer der Meinung, dass das juristisch sauber
ist. Ich kann das allerdings nicht feststellen. – Sie wollen
ja die Dauer der Karenzzeit sogar an die Dauer der Mit-
gliedschaft in der Bundesregierung knüpfen.


(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Ja, wegen dem Übergangsgeld!)


Dazu sage ich: Wenn eine Interessenkollision besteht,
dann besteht sie unabhängig davon, ob die Mitglied-
schaft lang oder weniger lang war. Es macht doch keinen
Sinn, davon irgendetwas abhängig zu machen.


(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Doch, vom Übergangsgeld!)


Meine Damen und Herren, nach meiner festen Über-
zeugung brauchen wir Fachleute aus der Wirtschaft in
der Politik.


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Es wäre gut, die CDU hätte ein paar mehr!)


Wir wollen, dass dieser Wechsel auch in Zukunft mög-
lich ist.

Angesichts der immer wiederkehrenden Diskussionen
sind klare Regelungen allerdings besser, als es einer im-
mer wieder provozierten – das ist heute ja modern –
skandalisierenden öffentlichen Diskussion zu überlas-

(A)






Helmut Brandt


(A) (C)



(D)(B)

sen. Weil wir differenziert an diese Regelungen herange-
hen wollen und wollten, haben wir auch nichts über-
stürzt. Deshalb finde ich die Zeitplanung vollkommen
angemessen. Der Koalitionsvertrag ist Ende letzten Jah-
res geschlossen worden. Wir haben jetzt Oktober, und
die Regierung hat angekündigt, einen Gesetzentwurf
vorzulegen.


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein, hat die Regierung nicht angekündigt!)


– Sie lesen doch auch Zeitung, oder nicht?


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja! Den haben die beiden Fraktionen angekündigt!)


Ich muss doch zumindest erwarten, dass Sie sich darüber
informieren lassen.


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: War aber die Fraktion!)


Dann kommen immer noch Fragen auf, die Sie auch
nicht in Ihren Anträgen beantworten. Wer stellt letztlich
objektiv fest, ob eine Interessenkollision tatsächlich vor-
liegt? Wer entscheidet über die Höhe und Dauer des
Übergangsgeldes, das dann auch zwangsläufig zu zahlen
ist?


(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Deswegen unser Vorschlag! – Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Im Antrag geregelt!)


Es ist auch zu überlegen, welche Branchen und Bereiche
überhaupt mit einer Karenzzeit zu versehen sind. Ist zum
Beispiel der Übergang eines Politikers in eine NGO auch
fragwürdig? Sind NGOs und Wohlfahrtsverbände nicht
im Grunde genommen genauso strukturiert und geführt
wie ein Unternehmen?


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Genau!)


All diese Fragen müssen doch vernünftig beantwortet
werden.

Deshalb wollen wir den Gesetzentwurf der Bundesre-
gierung abwarten. Wir wollen ihn kritisch würdigen, da-
rüber diskutieren und dann eine sachgerechte Lösung
finden. Ihre Anträge lehnen wir ab.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805720900

Vielen Dank, Herr Kollege Brandt. – Nächste Redne-

rin in der Debatte: Halina Wawzyniak für die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Halina Wawzyniak (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805721000

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und

Herren! Kollege Brandt hat es gerade gesagt: Wir haben
im Januar das erste Mal über Karenzzeitregelungen ge-
sprochen. Kollege Brandt hat offensichtlich nicht mitbe-
kommen, was in der Zeitung stand. Der Vorschlag der
Koalition sieht ja – soweit ich ihn gelesen habe – Ka-
renzzeiten von 12 bis 18 Monaten vor und außerdem,
dass über eine Interessenkollision das Kabinett per Ein-
zelfallbeschluss entscheiden soll. Wie Sie auf die 12 bis
18 Monate kommen, sagen Sie nicht. Ehrlich gesagt, ein
Kabinettsbeschluss ersetzt keine gesetzliche Regelung.
Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Der Vorschlag der Linken liegt auf dem Tisch. Sie
hätten ihn einfach nur in Paragrafen umsetzen müssen.
Sie sind doch schon groß; das bekommen Sie doch hin.
Das müssen wir Ihnen doch jetzt nicht auch noch auf-
schreiben.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Mahmut Özdemir [Duisburg] [SPD]: Sie können es doch selber nicht!)


Das Problem ist, dass durch einen unmittelbaren
Wechsel zwischen einem Ministeramt und einem Job in
der Wirtschaft natürlich der Eindruck – ich benutze be-
wusst das Wort „Eindruck“ – einer Interessenverqui-
ckung entsteht. Es entsteht der Eindruck eines Zusam-
menhangs zwischen Entscheidungen, die als Minister
getroffen wurden, und dem neuen Job. Es entsteht auch
der Eindruck, dass, nachdem zuvor die Interessen der
Gesamtbevölkerung vertreten werden sollten, jetzt die
Einzelinteressen des Unternehmens im Mittelpunkt ste-
hen. Ich spreche bewusst von Eindruck; denn schon die-
ser Eindruck schadet der Demokratie.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Natürlich sind wir alle uns einig, dass Karenzzeitre-
gelungen die Berufsfreiheit einschränken. Das streitet
niemand ab. Deswegen müssen Karenzzeitregelungen
verhältnismäßig sein. Denn unverhältnismäßige Karenz-
zeitregelungen fördern das Berufspolitikertum, was Sie
ja auch nicht unbedingt wollen.

Herr Brandt hat gerade gesagt, dass die Linke keinen
vernünftigen Vorschlag vorgelegt habe.


(Zuruf von der CDU/CSU: Hat er nicht gesagt!)


Ich habe dazwischen gerufen, dass der Vorschlag der ju-
ristisch sauberste ist. Ich erkläre Ihnen jetzt, warum es
der juristisch sauberste Vorschlag ist. Wir sagen: Die Ka-
renzzeit soll sich an der Dauer des Regierungsamtes und
dem sich daraus ergebenden Anspruch auf Übergangs-
geld und der ressortmäßigen Zuständigkeit orientieren.


(Zuruf von der CDU/CSU: Genau das hat er erzählt!)


Das ist ganz einfach: War jemand sechs Monate Minis-
ter, hat er sechs Monate Anspruch auf Übergangsgeld
und muss sechs Monate Karenzzeit einhalten, wenn er in
einen Job wechseln will, der seiner ressortmäßigen Zu-
ständigkeit entspricht. War er es zwölf Monate, gilt dies
für zwölf Monate. Die maximale Regelungszeit sind
nach dem Ministergesetz 24 Monate. Das ist doch nicht
so schwer zu verstehen.

Kommen wir zur ressortmäßigen Zuständigkeit. Auch
das ist relativ einfach. Ein Landwirtschaftsminister zum





Halina Wawzyniak


(A) (C)



(D)(B)

Beispiel hat naturgemäß relativ viel mit Bauern, mit Kü-
hen und auch mit Pferden zu tun.


(Max Straubinger [CDU/CSU]: In Berlin kann man mit so etwas nicht in Berührung kommen!)


Ein Landwirtschaftsminister hat aber weniger mit dem
Flugwesen zu tun, es sei denn, eine Kuh landet im Pro-
peller.


(Heiterkeit bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der CDU/CSU)


Jetzt ist es so, dass ein Landwirtschaftsminister, wenn er
in das Flugwesen wechselt, das unmittelbar nach dem
Ausscheiden aus dem Ministeramt machen kann. Denn
wir haben ja nichts dagegen, dass sich das Flugwesen
entwickelt.


(Mahmut Özdemir [Duisburg] [SPD]: Aber auch das würden Sie skandalisieren!)


– Das würden wir nicht skandalisieren. – Wenn der
Landwirtschaftsminister aber unmittelbar nach dem
Ausscheiden in einen Job wechseln würde, der mit Bau-
ern, Kühen oder Pferden zu tun hat, dann müsste er eine
entsprechende Karenzzeit einhalten. Das ist so einfach,
wie ich es Ihnen erklärt habe.

Der Vorschlag der Linken liegt auf dem Tisch. Setzen
Sie ihn einfach in Paragrafen um und ersparen Sie sich
selbst die Peinlichkeit, dass wir Ihnen auch das noch
vorgeben müssen. Das wäre nämlich zu viel des Guten.
Sie können Ihre Arbeit auch selbst machen. Die Vorlage
haben wir Ihnen geliefert.

Danke.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805721100

Vielen Dank, Frau Kollegin. – Herr Straubinger, viel-

leicht laden wir mal unsere Berliner Kollegen zu uns
nach Bayern ein. Auf dem Bauernhof gibt es noch mehr
wunderschöne Tiersorten.


(Zurufe von der LINKEN)


– Das war jetzt eine Einladung, Halina.

Nächster Redner in der Debatte ist Mahmut Özdemir
für die SPD.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Mahmut Özdemir (SPD):
Rede ID: ID1805721200

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Diese erneute Debatte ist mal wieder der un-
bestreitbare Beweis: Anträge schreiben sich immer
leichter als vernünftig abgewogene Gesetzentwürfe.


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Sie hat es doch eben gesagt! – Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Oh, Mann!)

Sie wärmen wieder Ihre alten Anträge auf, weil es Ihnen
am Gestaltungswillen fehlt.


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein!)


Statt sich an den Beratungen zu beteiligen – die Anträge
wurden mit Ihrer Zustimmung bzw. zum Teil auch auf
Ihre Bitte hin im Innenausschuss geschoben –,


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein! Stimmt nicht!)


setzen Sie das Thema hier ein zweites Mal auf, ohne sel-
ber auch nur im Entferntesten einen konstruktiven Bei-
trag zum Prozess geleistet zu haben,


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Ist ja Unfug!)


geschweige denn, einen eigenen Gesetzentwurf vorzule-
gen, wenn es Sie so drängt.


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Herr Özdemir, dass Sie sich dafür hergeben!)


Sie gaukeln der Öffentlichkeit Untätigkeit und Unwil-
ligkeit der Regierungsfraktionen vor. Das ist nicht nur
falsch – –


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wie peinlich für die SPD!)


– Herbert Wehner hat einmal gesagt, Sie sind Geschäfts-
führerin und nicht Geschwätzführerin.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU – Widerspruch der Abg. Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Sie gaukeln der Öffentlichkeit Untätigkeit und Unwillig-
keit der Regierungsfraktionen vor. Das ist nicht nur
falsch, das ist in höchstem Maße ungebührlich.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich erinnere mich noch genau daran, wie Sie uns des
Verrates an unserem eigenen Wahlprogramm bezichtigt
haben, allein wegen der Tatsache, dass wir die Palette
von Regelungsoptionen öffentlich mit Ihnen diskutieren
wollten.


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ganz peinlich für die SPD! Sehen Sie sich die Reden von Oppermann an!)


Die Einladung zur fachlichen Debatte haben Sie mit lau-
tem Hinweis darauf ausgeschlagen, was alles nicht mög-
lich sei. Das verüble ich Ihnen auch gar nicht. Schließ-
lich ist es eine ziemliche Detailarbeit, an der man nur
Freude hat, wenn man eine Regelung anstrebt, die nicht
alle halbe Jahre für Empörung sorgen soll, sondern für
Entscheidungssicherheit und Rechtssicherheit.


(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Ja, unsere! Nehmen Sie unsere!)


Die Entscheidungshoheit über den beabsichtigten
Wechsel in die Wirtschaft von Ministern und Parlamen-
tarischen Staatssekretären durch die Bundesregierung als





Mahmut Özdemir (Duisburg)



(A) (C)



(D)(B)

Kollegialorgan auf Basis eines Parlamentsgesetzes muss
dabei wichtigste Bedingung und Ausgangspunkt für eine
entsprechend effektive Regelung sein.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus!)


Rechtssicherheit wiederum ist notwendig für denjeni-
gen, der sich aus einem Regierungsamt heraus oder nach
einem Regierungsamt für eine Weiterbeschäftigung in
der Wirtschaft interessiert. Diese beiden Begriffe be-
schreiben die Auflösung des Widerstreits zwischen der
Vertraulichkeit und Integrität von Regierungshandeln,
das durch Interessenkonflikte nicht beschädigt werden
soll, auf der einen Seite und der Rechtfertigung eines vo-
rübergehend eingeschränkten Berufsverbotes für ein Re-
gierungsmitglied im Einzelfall auf der anderen Seite.

Wir wollen kein Berufsverbot nach dem Regierungs-
amt gemäß eines verzerrten Selbstgerechtigkeitsbildes,
das in den Oppositionsanträgen teilweise gezeichnet
wird, sondern eine Gesetzesänderung, die nachdrücklich
den Sinn und Zweck verfolgt, Regierungskenntnisse
nicht zu einem wirtschaftlichen Gut herabzuwürdigen.
Folglich geht es nicht darum, wie viele Jahre ein wech-
selndes oder ausscheidendes Regierungsmitglied nicht
arbeiten darf. Diesen Selbstgerechtigkeitswettbewerb
unter Oppositionsfraktionen können wir gerne bei un-
wichtigeren Themen austragen.

Zugleich brauchen wir eine Regelung, die zuverlässig
und wirksam die Kenntnisse, Erfahrungen und Netz-
werke, die im Regierungsamt auf Kosten des Steuerzah-
lers erworben wurden, schützt. Genauso wenig darf es
aber auch einem Regierungsmitglied vorübergehend
oder gar bis zu 18 Monaten nicht zum Nachteil gerei-
chen, all diese Eigenschaften in den Dienst des Staates
gestellt zu haben. Wir schmälerten damit die Attraktivi-
tät von Regierungsämtern, weil wir nur Expertise ziehen,
aber nicht geben würden, auch nicht gönnen würden.
Das mag ein Modell sein, wenn man im Oppositionsstil
jeden Wechsel von Politik in die Wirtschaft aufgrund ei-
ner Neiddebatte oder einer reinen Skandalisierung we-
gen befeuern möchte. Dann gehörte aber auch zur Voll-
ständigkeit, über einen Parlamentarischen Staatssekretär
a. D. Herrn Berninger zu reden. Liebe Grünen-Fraktion,
das wollte ich Ihnen noch mit auf den Weg geben.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bei dem waren aber auch mehrere Jahre dazwischen!)


Ich werfe Ihnen das aber auch gar nicht vor; denn Sie
tun im Ansatz, auch wenn Sie weit über das Ziel hinaus-
schießen, geradewegs das Richtige. Sie beleuchten jeden
Einzelfall in seinen Details. Genau das wollen wir mit
unseren Eckpunkten auch. Im Übrigen könnte man auf-
grund des Kabinettsprinzips bei Böswilligkeit eine Inte-
ressenverflechtung immer dann annehmen, wenn man
eben gerade nicht den Einzelfall bewertet.


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Gibt es denn nun ein Gesetz?)

Mit der Einigung auf die nachfolgenden Eckpunkte
tragen wir dem Koalitionsvertrag, aber auch dem SPD-
Wahlprogramm und nicht zuletzt 38 000 Unterschriften,
die LobbyControl e. V. gesammelt hat, Rechnung. Wäh-
rend Sie sich darin gefallen haben, uns Verschleppung
des Prozesses vorzuwerfen, haben wir viele Fachgesprä-
che geführt – ich danke da auch ausdrücklich den Kolle-
ginnen und Kollegen von der CDU/CSU –, die zum Ge-
lingen dieser Regelung beitragen werden.

Sobald die Wechselabsicht eines Regierungsmitglieds
in die Wirtschaft vorliegt, wird eine gesetzliche Anzei-
gepflicht für Mitglieder des Bundeskabinetts und Parla-
mentarische Staatssekretäre ausgelöst werden. Dies gilt
auch nach dem Ausscheiden aus dem Regierungsamt,
sofern man sich innerhalb der Karenzhöchstzeit von bis
zu 18 Monaten bewegt. Voraussetzung ist, dass ein Inte-
ressenkonflikt attestiert werden kann. Hierbei wird ein
Gremium, vergleichbar der Ethikkommission nach EU-
Vorbild, unmittelbar nach der Anzeige durch das betrof-
fene Regierungsmitglied dem Kabinett als Kollegial-
organ einen Entscheidungsvorschlag über das Ob und
die Dauer der Karenzzeiten machen.


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Dürfen wir da auch mitmachen?)


Das heißt aber auch, dass es im Ergebnis sein kann, dass
gar keine Karenz angeordnet wird. Aber wenn sie ange-
ordnet wird, soll sie in der Regel 12 Monate betragen
und in besonderen Fällen bis zu 18 Monate umfassen.


(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Na, das schafft Rechtssicherheit!)


Sobald Sie mehr fordern, greifen Sie intensiver in die
Berufsfreiheit ein und übersehen dabei, dass auch die In-
tensität des Interessenkonfliktes geeignet sein muss, län-
gere Zwangspausen hinzunehmen.

Bei der Betrachtung dieser Eckpunkte darf das betrof-
fene Regierungsmitglied nicht zum Objekt dieser Ma-
schinerie werden. Auch dieser Akt kann und muss sei-
nerseits gerichtlich überprüfbar bleiben. Gerade deshalb
ist die Frage nach dem individuellen Interessenkonflikt
Dreh- und Angelpunkt für das Ob der Anordnung einer
Karenz. Beginnt der Interessenkonflikt schon alleine mit
der Tatsache, dass ein Regierungsmitglied Regierungs-
mitglied gewesen ist, oder setzen wir eine konkrete Be-
fassung im Regierungsamt mit einem nahezu gleichen
Verantwortungs- und Interessenbereich in der Wirtschaft
voraus?


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Das war das mit den Kühen und den Pferden! Das hat sie gesagt!)


Mit dem bald vorliegenden Gesetzentwurf, der vom
Bundesministerium des Innern erarbeitet wird, werden
wir zwar mediale Skandalisierung kaum unterbinden
können, jedoch werden wir Interessenkonflikte frühzei-
tig erkennen und mit einer zeitlichen und sachlichen Ka-
renz belegen.

Ein Hinweis ist mir aber noch wichtig: So wie es ar-
beitsrechtliche Wettbewerbsverbote in der Privatwirt-





Mahmut Özdemir (Duisburg)



(A) (C)



(D)(B)

schaft gibt, so ist es auch mit Karenzzeitregelungen für
Regierungsmitglieder.


(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Ja, nach unserem Vorschlag!)


– Da bin ich ganz bei Ihnen. Nicht aufregen! – Im Zwei-
fel wird der Anspruch auf Übergangsgeld verlängert. Ich
bin von der Richtigkeit dessen überzeugt, dass der Staat
den Bezug des Übergangsgeldes gegebenenfalls verlän-
gern muss. Aber das Übergangsgeld darf nicht das Argu-
ment sein, weshalb eine Karenz angeordnet werden darf.
Das würde Ursache und Wirkung verkehren. Dann
könnte man tatsächlich über Karenzzeiten von drei bis
fünf Jahren reden, würde aber gleichsam in eine Nieder-
lage vor dem Bundesverfassungsgericht rennen.

Zusammengefasst: Diese Eckpunkte sind eine fun-
dierte Basis für eine wirksame Regelung. Wir halten
Wort, wo Sie nur Reden halten. Der Bundestag hat es in
der Hand, durch diese Gesetzesänderung ein Stück mehr
parlamentarische Kontrolle auszuüben und die Aus-
übung dieser Kontrolle an die Regierung zu delegieren.

Ich bedanke mich recht herzlich für die Aufmerksam-
keit, freue mich auf eine sehr emotionale Debatte, die
wir dann hoffentlich in Sachlichkeit überführen werden,
und schließe mit meinem traditionellen Glückauf.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805721300

Werter Herr Kollege Özdemir, Sie haben Herrn

Wehner zitiert; Sie sind aber nicht Herr Wehner. Den Be-
griff „Geschwätzführerin“ aus Ihrem vornehmen Munde
halte ich in einer lebendigen Kontroverse für wenig an-
gemessen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Die nächste Rednerin in der Debatte ist Britta
Haßelmann für Bündnis 90/Die Grünen.


(Helmut Brandt [CDU/CSU]: Sie kann sich jetzt ja revanchieren!)



Britta Haßelmann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805721400

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer auf den Tri-
bünen! Dieser Begriff macht mir nichts aus. Herr
Özdemir, Ihnen täte es ganz gut, sich die Reden von
Herrn Oppermann zu diesem Thema einmal anzusehen.
Ihre Rede bestärkt mich nur darin: Wenn in diesem Par-
lament eine Fraktion den Schalter umgelegt hat, dann ist
es die SPD-Fraktion. Was hat Ihr Vorsitzender in Sachen
Karenzzeit nicht alles vertreten und an gesetzlichen Re-
gelungen gefordert, als er noch Oppositionsführer war.
Ich dachte, Sie hätten sich heute auf Ihre Rede vorberei-
tet und diese Reden gelesen. Aber das kann man an-
scheinend nicht erwarten.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Jetzt zu den Fakten. Auch da lagen Sie falsch, Herr
Özdemir: Wir wärmen nicht alte Anträge auf, sondern
Grüne und Linke haben von dem in unserer Geschäfts-
ordnung enthaltenen Recht Gebrauch gemacht – Sie
könnten sich als Abgeordneter auch ein bisschen mit der
Geschäftsordnung befassen –, einen Antrag auf die Ta-
gesordnung zu setzen, den Sie seit zehn Monaten ver-
schleppen. Seit zehn Monaten weigert sich die Große
Koalition, über die beiden Anträge von Grünen und Lin-
ken zu diskutieren. Nach § 62 der Geschäftsordnung ha-
ben wir das Recht, die Befassung heute im Parlament auf
die Tagesordnung zu setzen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Max Straubinger [CDU/CSU]: Dieses Recht hat Ihnen aber niemand abgesprochen!)


So ist das. Jetzt lassen Sie die Kirche im Dorf, und berei-
ten Sie sich lieber vor, wenn Sie hier reden und der Öf-
fentlichkeit etwas erzählen!

Zweiter Fakt. Im Januar haben wir das Thema Ka-
renzzeit diskutiert, weil Pofalla zur Bahn wechseln
wollte. Darüber waren alle ganz empört. Als die Fraktio-
nen von Union und SPD noch eine Selbstverpflichtung
einführen wollten, musste ein Tag später das Kabinett
diese Auffassung revidieren und feststellen: Nein, mit
der Selbstverpflichtung geht es nicht; es geht nur durch
ein Gesetz.

Seit Januar warten wir auf die Vorlage eines Gesetz-
entwurfs. Unsere Anträge kamen in die Ausschüsse. Im
März folgte der nächste Fall: Niebel, FDP, ging zur Rüs-
tungsindustrie.


(Zuruf von der SPD: Wer ist das noch mal? Den kenne ich gar nicht!)


Er war vorher Mitglied im Bundessicherheitsrat.

Dann gab es wieder große Betroffenheit, insbeson-
dere bei der SPD: Wir brauchen eine gesetzliche Karenz-
zeit. – Danach passierte wieder nichts.

Im Juni haben wir nachgefragt: Wie weit ist der Ge-
setzentwurf? Keine Antwort. Wir sind in der konzeptio-
nellen Erarbeitung, hieß es.


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Das ist auch eine Antwort!)


Inzwischen wussten wir, dass zwischen der SPD und der
Union über das Thema Krach bestand


(Burkhard Lischka [SPD]: Da sind Sie aber falsch informiert!)


und das Justiz- und das Innenministerium unterschiedli-
cher Auffassung waren.

Im Juli haben wir, Grüne und Linke, im Innenaus-
schuss eine Debatte erzwungen. Vertagung wegen Bera-
tungsbedarf der beiden großen Fraktionen.

Im September haben wir wieder eine Debatte im In-
nenausschuss erzwungen. Wieder Beratungsbedarf der
beiden Fraktionen, weil man sich nicht einigen konnte.


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Das ist ja unglaublich!)






Britta Haßelmann


(A) (C)



(D)(B)

Vorgestern haben die beiden Fraktionen – es war nicht
die Regierung, Herr Brandt – erklärt, dass sie doch die
Absicht haben, einen Gesetzentwurf vorzulegen.

Meine Damen und Herren, verschlafen Sie doch ein
solches Thema nicht!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Eine gesetzliche Karenzzeit ist überfällig, und zwar aus
mehreren inhaltlichen Gründen: Sie schützt am Ende die
Abgeordneten. Sie schützt Regierungsmitglieder, wenn
es eine klare gesetzliche Regelung gibt. Und sie schützt
die Privatwirtschaft, in die man wechselt. Sie aber stehen
bei diesem Thema auf der Bremse.

Weil es aber so viele Wechsel gibt, die immer wieder
öffentlich thematisiert werden, kommen Sie unter
Druck. Das ist der Punkt. Der öffentliche Druck hat be-
wirkt, dass man vor zwei Tagen erklärt hat: Wir machen
jetzt bald ein Gesetz. – Die Frage ist nur: Dauert es noch
drei Monate oder fünf Monate, oder müssen wir erst auf
den nächsten spektakulären Wechsel warten?

Ich bin gespannt. Im Europaparlament gibt es bereits
eine gesetzliche Karenzzeit. Für Bundesbeamte gilt sie
längst.


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Wir sind aber keine Beamten!)


Wir würden damit bei einem Wechsel aus einem Regie-
rungsamt in eine Berufstätigkeit für alle betroffenen Per-
sonen Klarheit schaffen. Das hätten wir dann klar ge-
setzlich geregelt. Ich glaube, das wäre im Interesse aller.

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805721500

Vielen Dank, Frau Kollegin Haßelmann. – Damit

schließe ich die Aussprache.

Wir kommen zur Abstimmung über die Beschlussemp-
fehlung des Innenausschusses auf Drucksache 18/2762.
Der Ausschuss empfiehlt unter Buchstabe a seiner Be-
schlussempfehlung die Ablehnung des Antrags der Frak-
tion Die Linke auf Drucksache 18/285 mit dem Titel
„Gesetzliche Karenzzeit für ausgeschiedene Regierungs-
mitglieder einführen“. Wer stimmt für diese Beschluss-
empfehlung? – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? –
Die Beschlussempfehlung ist angenommen bei Zustim-
mung von CDU/CSU und SPD gegen die Stimmen von
den Linken und Enthaltung von Bündnis 90/Die Grünen.

Unter Buchstabe b empfiehlt der Ausschuss die Ab-
lehnung des Antrags der Fraktion Bündnis 90/Die Grü-
nen auf Drucksache 18/292 mit dem Titel „Karenzzeit
für ausscheidende Regierungsmitglieder“. Wer stimmt für
diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? –
Wer enthält sich? – Die Beschlussempfehlung ist ange-
nommen bei Zustimmung von CDU/CSU und SPD ge-
gen die Stimmen von Bündnis 90/Die Grünen und Ent-
haltung der Linken.
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 18 auf:

Zweite und dritte Beratung des von der Bundes-
regierung eingebrachten Entwurfs eines Zwölf-
ten Gesetzes zur Änderung des Bundes-Im-
missionsschutzgesetzes

Drucksachen 18/2442, 18/2709

Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Re-
aktorsicherheit (16. Ausschuss)


Drucksache 18/2776

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 25 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache und erteile der Parlamen-
tarischen Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter das
Wort.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Ri
Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD):
Rede ID: ID1805721600


Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Sehr geehrte Damen und Herren! Die Bundesregierung
hat sich ambitionierte Klimaschutzziele gesetzt. Auch
im Verkehrssektor stellen wir mit der Umstellung der
Biokraftstoffquote auf eine technologieoffen ausgestal-
tete Treibhausgasquote die Weichen für eine nachhaltige
Energieversorgung und für den Klimaschutz. Wir setzen
für die Märkte die richtigen Anreize, um auch künftig
eine nachhaltige Technologieentwicklung zu gewährleis-
ten. Gleichzeitig setzen wir aber auch die richtigen Rah-
menbedingungen, um die Nachhaltigkeit der Biokraft-
stoffe sicherzustellen. Negative Auswirkungen wie
Flächennutzungskonkurrenzen wollen wir vermeiden.
Hierzu gehören sowohl die Regelungen der Biokraft-
stoff-Nachhaltigkeitsverordnung als auch die künftigen
Regelungen zu indirekten Landnutzungsänderungen,
über die wir beim Energierat im Juni eine politische Ei-
nigung erzielen konnten. Das Bundeskabinett hat den
vorliegenden Gesetzentwurf verabschiedet, um einen
reibungslosen Umstieg auf die neuen Modalitäten zu er-
möglichen.

Biokraftstoffe tragen zum Klimaschutz und zur Ver-
sorgungssicherheit bei. Der Ausbau muss jedoch mit
Blick auf die Nachhaltigkeit mit Augenmaß erfolgen.
Bereits im Jahr 2009 hat der Deutsche Bundestag die
Grundlagen für die Umstellung auf die Treibhausgas-
quote geschaffen und den 1. Januar 2015 als Datum für
die Umstellung festgelegt. Nach der Umstellung werden
auch die Treibhausgasemissionen berücksichtigt, die bei
der Herstellung der Biokraftstoffe vom Acker bis zum
Tank entstehen. Dadurch wird für Biokraftstoffe mit ei-
ner günstigeren Klimabilanz wie beispielweise Biokraft-
stoffe aus Abfällen und Reststoffen eine klare Perspek-
tive für die Zeit nach dem Jahr 2015 gegeben, indem sie
ab dann höher auf die Quote angerechnet werden. Die
Quotenhöhe für die ersten beiden Jahre nach der Umstel-
lung in Höhe von 3,5 Prozent orientiert sich an der Höhe





Parl. Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter


(A) (C)



(D)(B)

der bislang geltenden energetischen Quote. Die geplan-
ten weiteren Erhöhungen der Quote ab 2017 auf 4 Pro-
zent sowie ab 2020 auf 6 Prozent laufen parallel mit ei-
ner Öffnung der Quote zur Anrechnung zusätzlicher
Erfüllungsmöglichkeiten. Entsprechende Vorgaben wer-
den derzeit in Brüssel diskutiert.

Ein wesentlicher Baustein einer nachhaltigen Ener-
gieversorgung im Verkehr ist der schrittweise Umstieg
vom Verbrennungsmotor auf die Elektromobilität. Daher
wollen wir künftig auch Strom aus erneuerbaren Ener-
giequellen, der in Elektrofahrzeugen genutzt wird, auf
die Biokraftstoffquote anrechnen. Hinzu kommen Maß-
nahmen zum Klimaschutz, die bei der Gewinnung von
Öl ansetzen. Hierbei entstehen derzeit noch erhebliche
Emissionen durch Abfackeln von nicht genutztem Gas
an den Ölförderstätten. Nachgewiesene Emissionsmin-
derungen sollen künftig auch zur Anrechnung auf die
Quote zugelassen werden.

Das Ziel von 6 Prozent ab dem Jahr 2020 ist eine ver-
bindliche Vorgabe der EU und stellt aus heutiger Sicht
gleichzeitig eine große Herausforderung für die Quoten-
verpflichteten dar. Um die Erreichbarkeit des Ziels und
die damit verbundenen Effekte sicherzustellen, haben
wir vereinbart, dass wir nach der Umstellung der Quote
eine Evaluation vornehmen. Das halten wir für beson-
ders wichtig.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Lassen Sie mich schließen mit dem wichtigen Hin-
weis, dass die Umstellung der Quote neben der Förde-
rung von Biokraftstoffen mit besonders guter CO2-Bi-
lanz den Weg für weitere Maßnahmen zum Klima- und
Ressourcenschutz im Verkehrssektor freimacht. Gerade
die Anrechnung von Strom aus erneuerbaren Energie-
quellen hat riesiges Potenzial und eröffnet große Chan-
cen.

Danke schön.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805721700

Vielen Dank, Frau Kollegin. – Nächster Redner in der

Debatte ist Ralph Lenkert für die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Ralph Lenkert (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805721800

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geehrte Kolleginnen

und Kollegen! Mit Ihrem Zwölften Gesetz zur Änderung
des Bundes-Immissionsschutzgesetzes versuchen Sie
wieder einmal, den Klimaschutz – hauptsächlich im
Biospritbereich – besser zu regeln. Aber schon 2010 bei
der Einführung des E10-Sprits haben wir Sie gewarnt.
Damals habe ich ausgeführt, dass die Ackerflächen in
der EU nicht reichen werden, um Lebensmittelanbau,
Versorgung der Industrie mit Rohstoffen sowie Energie-
erzeugung durch Biomasse sicherzustellen. Wir haben
damals gewarnt, dass es Importe geben wird, die dafür
sorgen werden, dass in Entwicklungsländern Reisfelder
und Kartoffelfelder Palmöl- und Zuckerrohrplantagen
weichen. Der Hunger wächst. Wo sind Ihre Konzepte,
und wo ist Ihre Evaluierung, damit das in Zukunft nicht
so weitergeht? Ich finde dazu nichts.


(Beifall bei der LINKEN)


Nach wie vor träumen Sie von der Union und der
SPD davon, dass Zertifizierung die Urwaldabholzung
verhindert. Wir wissen doch längst, dass heute
Palmölplantagen dort stehen, wo früher Reisfelder wa-
ren. Und Reis wächst jetzt dort, wo früher Urwald war.
Ihre Zertifizierung bringt nichts. Sehen Sie das doch ein!
In Ihrem Entwurf sehe ich davon nichts. Auch an dieser
Stelle haben Sie wieder einmal geschlafen.

Was ist jetzt neu in Ihrem Entwurf? Es wurde gerade
angesprochen, dass die Berechnung umgestellt wird. Da-
mit könnte man leben. Weiter haben Sie von den neuen
Treibhausgasminderungszielen gesprochen. Die sind
aber niedriger als vorher. Ich weiß nicht, worin der Fort-
schritt bestehen soll, wenn man von 7 Prozent bei der
Zielstellung in Bezug auf die Minderung auf 6 Prozent
geht. Das kann ich nicht verstehen.

Außerdem wird noch das Angebot unterbreitet, dass
zukünftig Ökostrom, der für E-Fahrzeuge bestimmt ist,
auf die Minderungsquote angerechnet werden kann.
Wenn das geschieht, ist der Klimaeffekt weg. Sie haben
ihn dann vernichtet. An dieser Stelle haben Sie also ge-
pennt.


(Beifall bei der LINKEN)


Ganz interessant wird es bei dem letzten Änderungs-
antrag der Koalitionsfraktionen. Der hat es echt in sich;
denn es können jetzt an Dritte Quoten delegiert werden.
Die Auswirkung dieser Delegierung ist, dass nur noch
mit Durchschnittswerten für Biosprit gerechnet wird.
Wenn also Bioethanol aus Thüringer Weizen hergestellt
wird, hat er zukünftig, wenn er über Dritthändler gelie-
fert wird, den gleichen Wert wie der Biosprit aus Wei-
zen, der in den USA – unter ganz anderen Bedingungen
und mit einer ganz anderen Bilanz – angebaut wird. Das
haben Sie in Ihren Gesetzentwurf geschrieben. Wo sehen
Sie da einen Fortschritt? Ich kann ihn nicht erkennen.
Sie schädigen den Klimaschutz.


(Beifall bei der LINKEN)


Dieses Gesetz ist noch nicht einmal verabschiedet, da
plant die EU eine Neuregelung, die dazu führen wird,
dass das um 25 Prozent höher mit CO2-Ausstoß belastete
Öl aus Teersanden in Kanada zukünftig problemlos mit
den Standardwerten in die Quoten eingerechnet werden
kann. Wie funktioniert das? Die EU sagt jetzt, dass die
Herkunft eines Öles Betriebsgeheimnis ist, das nicht
weitergegeben werden darf. Wenn ich nicht weiß, woher
es kommt: Woher soll ich wissen, welcher CO2-Ausstoß
damit verbunden ist?

Warum geschieht dies? Die EU plant das, weil sie
Angst hat, dass Kanada sonst das CETA-Abkommen
nicht unterschreibt. Die EU ist sogar vorausschauend;
denn wenn CETA unterschrieben und ratifiziert ist,
könnten kanadische Ölkonzerne – die haben darin
Übung – die EU wegen Wettbewerbsverzerrung verkla-
gen. Hier wirkt sich das Freihandelsabkommen schäd-





Ralph Lenkert


(A) (C)



(D)(B)

lich für die Umwelt bzw. die Menschen aus, noch bevor
es überhaupt in Kraft gesetzt wurde. Deswegen ist auch
dieses Abkommen abzulehnen.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Peter Meiwald [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Ihr Zwölftes Gesetz zur Änderung des Bundes-Im-
missionsschutzgesetzes und Ihr Änderungsantrag scha-
den dem Klima, zementieren Hunger in der Dritten Welt
und vernichten Urwälder. Die Linke fordert stattdessen
eine absolute Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes
im Fahrzeug- bzw. Treibstoffbereich. Das ist relativ ein-
fach. Führen Sie eine Verkehrsverlagerung auf die
Schiene durch, unterstützen Sie den öffentlichen Perso-
nenverkehr, und reduzieren Sie die Transportmengen.
Damit helfen Sie dem Klima. Das ist eine sozial-ökolo-
gische Politik. Die wäre gut. Folgen Sie diesem Vor-
schlag.


(Beifall bei der LINKEN)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805721900

Vielen Dank, Herr Kollege Lenkert. – Nächster Red-

ner in der Debatte ist der Kollege Karsten Möring für die
CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Karsten Möring (CDU):
Rede ID: ID1805722000

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wenn ich mir das so anhöre, was der Kollege Lenkert
hier eben von sich gegeben hat,


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Da war sehr viel Kluges dabei! – Thomas Lutze [DIE LINKE]: Tatsachen!)


dann kann ich schlichtweg feststellen: Er hat das Gesetz
nicht verstanden.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Soweit er es verstanden hat, weicht er auf Verschwö-
rungstheorien aus. Das ist natürlich immer das Ein-
fachste.

Was hat denn die Mineralölversorgung mit der THG-
Quote für die Beimischung von Biokraftstoffen zu tun?
Nichts. Vor allen Dingen: Da Sie sagen, es sei nicht gut,
was wir hier machen, frage ich Sie: Ist das besser, was
wir hatten?

Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf fördern wir
Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz im Verkehrssek-
tor. Das bedeutet, Mobilität sicherzustellen, ohne unsere
natürlichen Lebensgrundlagen zu gefährden. Biokraft-
stoffe sind dabei ein wichtiger Baustein. Indem wir sie
verwenden, verringern wir übrigens auch unsere Abhän-
gigkeit von dem immer knapper werdenden Erdöl.

In diesem Sinne verlangt das Gesetz seit 2007 von
Unternehmen, die Kraftstoffe in Verkehr bringen, die
Beimischung von Biokraftstoffen in einer bestimmten
energetischen Quote. 2009 hat der Bundestag beschlos-
sen, dass wir dieses Abkommen ab kommendem Jahr
auf eine Treibhausgasquote umstellen. Damit soll künf-
tig die erzielte Einsparung von Emissionen, also die bes-
sere Klimabilanz, die entscheidende Größe sein. Das
neue Bundes-Immissionsschutzgesetz setzt dies so um.


(Marie-Luise Dött [CDU/CSU]: Genau!)


Dem Wunsch des Bundesrats zur Berichtspflicht
kommen wir nach, indem wir sie unbürokratisch und
transparent an die Berichtspflicht der Nachhaltigkeits-
verordnung koppeln. Im Übrigen sind diese Daten für je-
dermann im Internet auf der Seite des Bundesfinanz-
ministeriums einsehbar.


(Marie-Luise Dött [CDU/CSU]: Das von wegen Transparenz!)


Wir sind uns sicher, dass die nach langer Diskussion
festgelegten Quoten und deren schrittweise Erhöhung zu
keinen Marktverwerfungen führen werden. Insbesondere
die Überprüfung nach der zweiten Erhöhungsstufe – die
Evaluation, die eben schon angesprochen wurde – er-
laubt es uns, gegebenenfalls nachzusteuern, wenn dort
eine Entwicklung eintritt, die wir nicht wollen.

Innerhalb der Treibhausgasquote werden die Bio-
kraftstoffe, die eine günstigere Klimabilanz aufweisen,
höher angerechnet als Biokraftstoffe mit einer ungünsti-
geren Bilanz. Somit werden Anreize zur Nutzung nach-
haltiger und klimaschonender Kraftstoffe der zweiten
Generation gesetzt. Dies trägt wesentlich zum Klima-
schutz bei. Biokraftstoffe gelten nämlich nur dann als
nachhaltig hergestellt, wenn sie unter Einbeziehung der
gesamten Herstellungs- und Lieferkette eine bestimmte
Mindestmenge an Treibhausgasen gegenüber fossilen
Brennstoffen einsparen, und außerdem auch dann, wenn
beim Anbau von Pflanzen für die Biokraftstoffherstel-
lung keine Flächen mit hohem Kohlenstoffbestand oder
Flächen mit hohem Naturschutzwert zerstört werden.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Nur die Biokraftstoffe, die diese Bedingungen erfüllen,
können auf die Treibhausgasquote angerechnet werden.
Das ist das Entscheidende dabei.

Wir teilen im Übrigen mit dem Bundesrat auch die
Auffassung, dass wir wirksame Kontrollen als wichtiges
Element brauchen. Unser Nachhaltigkeitssystem inklu-
sive EU-anerkannter Zertifizierungssysteme ist ausrei-
chend flexibel, um auch bei einer Treibhausgasquote die
Nachhaltigkeitskontrollen der Biokraftstoffe zu sichern.
Substanzielle Änderungen an diesem System wären eu-
roparechtlich problematisch. Die bestehenden Sank-
tionsmöglichkeiten der EU-Kommission zur Nichtan-
rechnung bei einem Missbrauch der Zertifizierung
wirken abschreckend genug. Dann wird nämlich die
Charge nicht anerkannt, und dann entsteht für denjeni-
gen, der das probiert, ein nicht unerheblicher wirtschaft-
licher Schaden. Das macht er einmal und nie wieder.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Frau Staatssekretärin Schwarzelühr-Sutter hat schon
darauf hingewiesen, dass wir eine technologieoffene Re-
gelung treffen. Wir haben zwar im Moment eine Ein-
schränkung, aber Kraftstoffe wie Wasserstoff, Power to





Karsten Möring


(A) (C)



(D)(B)

Gas oder Power to Liquid, die mit Strom aus erneuerba-
ren Energien produziert werden und bisher nicht auf die
Treibhausgasquote angerechnet werden, können mittel-
bis langfristig durchaus einen nennenswerten Beitrag
leisten. Die EU-Kommission arbeitet schon an Vor-
schriften dazu, die wir später einbeziehen können.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Das Gesetz sieht eine Verordnungsermächtigung vor, mit
der das zeitnah und praktisch geregelt werden kann.

Ich begrüße auch, dass diese Rechtsverordnung eine
flexible Regelung von Ausnahmen vom Ausschluss tie-
rischer Fette und Öle vorsieht, sofern sie, wie es so
schön heißt, dem Sinn und Zweck der gesetzlichen Re-
gelung nicht entgegenstehen. Damit wird die Handha-
bung praktikabler, ohne dass wir befürchten müssen,
dass jetzt tierische Fette in einem nennenswerten Um-
fang eingesetzt werden; denn das wollen wir gerade
nicht.

Diese Rechtsverordnung, liebe Kolleginnen und Kol-
legen, haben wir aus gutem Grund in unserem Ände-
rungsantrag mit einem Parlamentsvorbehalt versehen:
Innerhalb von vier Wochen kann sich danach der Bun-
destag mit den von der Bundesregierung beabsichtigten
Regelungen befassen. Das stärkt die umweltpolitische
Verantwortung des Parlaments.

Es war kein einfacher Findungsprozess; aber nach
vielen Gesprächen bin ich sicher, dass wir ein gutes Ge-
samtpaket geschnürt haben. Vielen Dank an die Kollegin
Ulli Nissen von der SPD für die gute Zusammenarbeit!


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich hoffe, dass die Grünen ihre kleinen Vorbehalte, die
sie in den Ausschussberatungen zu einzelnen Punkten
haben erkennen lassen, zurückstellen und im Interesse
des Klimaschutzes diesem Gesetzentwurf vielleicht doch
noch zustimmen.

Ich danke Ihnen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805722100

Vielen Dank, Herr Kollege Möring. – Darauf kann

jetzt gleich Peter Meiwald von Bündnis 90/Die Grünen
antworten.


Peter Meiwald (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805722200

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen

und Kollegen! Wer kann etwas gegen die Umstellung
der Biokraftstoffquote auf Treibhausgasemissionen ha-
ben? Niemand. Aber man muss nicht glauben, dass hier-
durch Klimaschutz im Verkehr tatsächlich verwirklicht
wird. Dazu, wie man Klimaschutz im Verkehr umsetzen
kann, sage ich nachher noch etwas.

Durch eine Bemessung anhand der Treibhausgasef-
fekte sollen zukünftig Anreize zur Dekarbonisierung
fossiler Kraftstoffe und ein echter Beitrag zum Klima-
schutz geleistet werden. Das haben wir gerade vom Kol-
legen Möring noch einmal gut erklärt bekommen. Doch
genau hier springt Ihr heute vorgelegter Gesetzentwurf
leider immer noch zu kurz. Biosprit, insbesondere der
der ersten Generation, wird nämlich trotzdem im Rah-
men der Treibhausgasquote mit null bilanziert. Auch bei
dieser Novelle ist es nämlich möglicherweise bewusst
versäumt worden, die sogenannten ILUC-Faktoren, Indi-
rect Land Use Change – Kollege Lenkert hat es gerade
implizit mit eingebracht –, bei der Treibhausgasbilanzie-
rung von Biokraftstoffen zu berücksichtigen. Das ist lei-
der nicht geschehen.

Werden indirekte Effekte, angefangen bei der Land-
vertreibung bis zum Anbau von Reis auf ehemaligen
Waldflächen, in die Bilanzierung mit einbezogen, leistet
Agrosprit der ersten Generation kaum einen Beitrag zur
Verbesserung der Klimabilanz.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Nach Berechnungen der Europäischen Kommission aus
2012 – das ist ja noch nicht so lange her – kann Ethanol
aus nachwachsenden Rohstoffen immerhin zu etwa
50 Prozent Treibhausgaseinsparungen führen. Biodiesel
dagegen, egal ob aus Rapsöl oder dem oftmals verteufel-
ten Palmöl, kommt bei der Treibhausgasbilanz insge-
samt schlechter weg, als wenn man fossile Rohstoffe
verbrennt. Das beruht auf Zahlen, die die OECD vorge-
legt hat.

Diese verheerende Bilanz bei der Beimischung zum
Kraftstoff weiterhin zu akzeptieren, ist ein schwerer Ge-
burtsfehler dieser Novelle.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Im Änderungsantrag der Koalition verweisen Sie zwar
auf anerkannte Zertifizierungssysteme. Diese beziehen
Sie aber nur auf die Herstellungskette und leider nicht
auf die ILUC-Einberechnung. Ich fordere daher die Bun-
desregierung dringend auf, das Ganze in kurzer Zeit wei-
terzuentwickeln und die ILUC-Faktoren in die Treib-
hausgasbilanzierung der Biokraftstoffe verbindlich
einzubeziehen. Das ist die Grundlage für eine ehrliche
Treibhausgasbilanzierung.

Wie kann also die auch von uns Grünen erwünschte
Treibhausgasminderung im Mobilitätssektor gelingen?
Eine THG-Minderungsquote kann dabei nur ein kleiner
Baustein sein. Es geht erst einmal darum, Nutzungskon-
kurrenzen zu vermeiden; denn diese führen ja neben der
Verschlechterung der Treibhausgasbilanz auch zu anstei-
genden Nahrungsmittelpreisen. Die OECD geht für 2017
von einer Bandbreite von 6 bis 15 Prozent aus. Die Aus-
wirkungen von Landvertreibungen haben wir erst im
Sommer auf einer Ausschussreise nach Kolumbien wie-
der miterleben müssen. Auch die Gefahren für die Biodi-
versität sind natürlich nicht zu leugnen: Sumatra-Tiger,
Sumatra-Nashörner und Orang-Utans sind vom Ausster-
ben mittlerweile massiv bedroht.

Also müssen wir uns bei der Nutzung von Biomasse
auf die Kaskadennutzung konzentrieren. Dazu haben wir
hier deutlich zu wenig Anreize. Wir müssen Biomasse
nämlich zunächst stofflich nutzen, bevor wir sie dann in
einem zweiten oder dritten Schritt in die energetische





Peter Meiwald


(A) (C)



(D)(B)

Nutzung über abfall- und reststoffbasierten Biosprit in
die Mobilitätskette einspeisen. Dazu gibt es in dem vor-
liegenden Gesetzentwurf leichte Anreize. Deswegen
werden wir ihn auch nicht komplett ablehnen. Aber das,
was geregelt wird, ist deutlich zu wenig.

Frau Schwarzelühr-Sutter – Frau Ministerin Hendricks
ist nicht da –, machen Sie sich doch ehrlich. Sorgen Sie
dafür, dass eine ehrliche Bilanzierung der Treibhausgas-
effekte den Biospritproduzentinnen und -produzenten
der zweiten Generation eine reale Marktchance gibt und
dass Umwelt- und Sozialstandards zukünftig eingehalten
werden. Hören wir endlich auf, Essen in Motoren von
Autos zu verbrennen, und steigen endlich in eine Mobili-
tätswende ein, die ihren Namen auch verdient.

Biosprit wird in diesem Zusammenhang, auch auf-
grund der nur begrenzt zur Verfügung stehenden Rest-
und Abfallstoffmengen – das haben wir schon an ver-
schiedenen Stellen gehört –, nur eine kleine Rolle beim
Klimaschutz im Verkehrsbereich spielen können, viel-
leicht im Flugverkehr, wo flüssige Kraftstoffe nur sehr
schwer zu substituieren sind.

Für den Landverkehr brauchen wir stattdessen end-
lich ein Tempolimit – das bringt sehr viel mehr für den
Klimaschutz als Biosprit –, einen deutlichen Einstieg in
die Elektromobilität, vernetzte Angebote aus Bahn, Bus,
Fahrrad und Carsharing. Daran können wir gemeinsam
arbeiten. Dann stimmen wir auch gern wieder Gesetzent-
würfen zu.

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805722300

Vielen Dank, Herr Kollege Meiwald. – Nächste Red-

nerin in der Debatte: Kollegin Ulli Nissen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Ulli Nissen (SPD):
Rede ID: ID1805722400

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Wir stellen die Berechnung der Förderung der
Biokraftstoffe auf die Treibhausgasquote um. Das ist
gut, das ist richtig. Damit geben wir einen Anreiz, auf
klimafreundlichere Kraftstoffe umzusteigen. Je weniger
Treibhausgasausstoß, desto besser für die Umwelt!

Wir haben ehrgeizige Ziele, zum Beispiel die Treib-
hausgasreduzierung um 40 Prozent bis 2020. Dazu kön-
nen wir auch persönlich beitragen. Wir sollten zum Bei-
spiel vor jeder Autofahrt überlegen, ob diese wirklich
notwendig ist. In meinem Frankfurter Wahlkreis versu-
che ich, möglichst viele Fahrten mit meinem Elektrorol-
ler oder mit meinem kleinen Elektroauto zurückzulegen.
Hier in Berlin bin ich viel zu Fuß oder mit dem Fahrrad
unterwegs.

Aber Verbrauchsreduzierung allein reicht natürlich
nicht aus. Deshalb komme ich wieder zu den Biokraft-
stoffen, die einen wichtigen Beitrag für das Klima leis-
ten und ein Gegengewicht zu den fossilen Kraftstoffen
sind.
Wenn es um Biokraftstoffe geht, kommt von Kriti-
kern immer das Stichwort „Palmöl“; das wurde auch
heute Abend wieder deutlich. Dies höre ich aber selten,
wenn es um Kosmetika oder Nahrungsmittel geht. In
diese Produkte gehen aber 95 Prozent des weltweiten
Palmölverbrauchs. Ich möchte nicht wissen, wie viele
Produkte Sie, meine lieben Kolleginnen und Kollegen,
auch Sie, Herr Lenkert und Herr Meiwald, heute schon
verwandt haben, die Palmöl enthalten. Das wäre wirk-
lich spannend.


(Ralph Lenkert [DIE LINKE]: Ich nehme keine Creme!)


Nur 5 Prozent des weltweiten Verbrauchs gehen in die
energetische Nutzung. Für mich ist es wichtig, dass diese
zertifiziert sind und nachhaltig produziert werden – dies
ganz im Gegensatz zu der sonstigen Verwendung.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Bei Biokraftstoffen geht es vor allem um die zweite
Generation. Das sind Kraftstoffe, die aus Abfall- und
Reststoffen wie Stroh oder Speisefett produziert werden.
Es gibt ein schönes Beispiel aus Wien. Dort verteilt die
Stadt an Privathaushalte für Altspeiseöle Sammelkübel,
den sogenannten WÖLI. Ich bin sicher nicht die Einzige,
die nicht weiß, wohin zum Beispiel mit dem Öl aus ei-
nem Glas wunderbar eingelegter sonnengetrockneter To-
maten. In Wien werden jährlich mehr als 320 000 Kilo-
gramm an Altspeiseölen abgegeben. Daraus wird in etwa
die gleiche Menge Biodiesel produziert. Für die gleiche
Menge an Diesel aus Rapsöl wäre eine Fläche von knapp
1 000 Hektar notwendig. Vielleicht ist das Wiener Mo-
dell auch eins für Deutschland.

Wenn wir unsere Ziele erreichen wollen, müssen wir
uns in allen Bereichen anstrengen. Dazu gehört es, natio-
nal seine Hausaufgaben zu machen; aber es gehört auch
dazu, international dabei zu sein. Gerade fand der Kli-
magipfel in New York statt. Dort waren 125 Staats- und
Regierungschefs. Es war das hochrangigste internatio-
nale Treffen zum Klimawandel seit dem Klimagipfel
von Kopenhagen 2009. Frau Merkel war nicht anwe-
send. Sie zog es vor, beim BDI zum Tag der Deutschen
Industrie die Eröffnungsrede zu halten. Zum Glück wa-
ren wir durch unsere Bundesumweltministerin Barbara
Hendricks hervorragend vertreten.


(Beifall bei der SPD – Karsten Möring [CDU/ CSU]: Deswegen konnte Frau Merkel auch hier sein!)


UN-Generalsekretär Ban sagte zur Eröffnung des UN-
Klimagipfels:

Völker der Erde: Heute sind wir nicht zusammen-
gekommen, um zu reden, sondern um Geschichte
zu schreiben.

Schade, dass unsere Bundeskanzlerin nicht mitschreiben
konnte!

Zum Schluss, Herr Möring, möchte auch ich mich
ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Es war eine tolle
Zusammenarbeit. Ich möchte mich auch beim BMUB,





Ulli Nissen


(A) (C)



(D)(B)

beim Ministerium, bedanken; wir haben wirklich tolle
Vorlagen bekommen. Also herzlichen Dank!

Bei Ihnen allen bedanke ich mich herzlich für die
Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805722500

Und ich bedanke mich bei Ihnen, liebe Kollegin

Nissen. – Letzter Redner in dieser Debatte: Artur
Auernhammer für die CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Artur Auernhammer (CSU):
Rede ID: ID1805722600

Vielen Dank. – Geschätzte Frau Präsidentin! Meine

sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen
und Kollegen! In diesem Hohen Hause wird sehr viel
über die Energiewende diskutiert. Ein Aspekt bleibt
meist ausgeklammert, und das ist das Thema Mobilität.
Gerade hier sind wir mit der Diskussion über die Minde-
rung der Treibhausgasquote im Bundes-Immissions-
schutzgesetz dabei, einen guten und wichtigen Beitrag
dazu zu leisten, im Bereich der Elektromobilität auf die
Nutzung regenerativ erzeugten Stroms umstellen zu kön-
nen. Das kann nicht nur mit batteriebetriebenen Fahrzeu-
gen geschehen, sondern hier ist der gesamte Bereich re-
generativer Energiequellen beim Treibstoff in den Blick
zu nehmen.

Wir haben hier schon oft über die Frage „Teller oder
Tank?“ diskutiert. Meine sehr verehrten Damen und Her-
ren, ich bin selber Landwirt. Wenn ich zurzeit meinen
Brotweizen verkaufe, um daraus Lebensmittel herstellen
zu lassen, bekomme ich 12 Euro für den Doppelzentner,
für 100 Kilo Weizen 12 Euro. Warum ist es nicht mög-
lich, hieraus Energie zu gewinnen? Wir könnten hieraus
leistungsfähigen Biosprit erzeugen. Das sollten wir
auch; denn das wäre ein wichtiger Beitrag zum Klima-
schutz.

Die Landwirtschaft leistet einen großen Beitrag zum
Klimaschutz. Denken Sie nur daran: Bäume und Pflan-
zen – also quasi jeder Hektar Wald und jeder Hektar
Ackerbau – wandeln CO2 – wir diskutieren hier sehr oft
über CO2 – in Sauerstoff um. Das kann keine Raffinerie
leisten, das kann kein Industriebetrieb leisten, das kann
nur die Land- und Forstwirtschaft leisten. Das sollen wir
hier auch einmal kundgeben.

Bereits vor der Industrialisierung wurde ein Großteil
der für unsere Mobilität notwendigen Energie aus der
Landwirtschaft bezogen. 20 bis 30 Prozent der gesamten
landwirtschaftlichen Produktion wurde für die soge-
nannte Zugkraft, für die Zugpferde, verwendet. Das soll-
ten wir uns einmal wieder in Erinnerung rufen, wenn wir
ständig nur fossile Energien verbrauchen.


(Dr. Valerie Wilms [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: „Zurück zu den Pferden“ bei der CSU!)


– Nein, Frau Kollegin, wir wollen nicht zurück zu den
Pferden. Wir wollen bei den Pferdestärken das einsetzen,
was wir auch mit Pferdestärken produzieren, und das
nicht aus dem Boden entnehmen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Weg von fossiler hin zu regenerativer Energie!

Zur Flächenkonkurrenz: Ich habe bereits den Brot-
weizenpreis angeführt. Hier muss der Landwirtschaft die
Einkommensmöglichkeit eröffnet werden, alternativ et-
was anzubauen, was auch energetisch genutzt werden
kann. Derzeit – so muss ich allerdings sagen – ist das
größte Problem, das wir in der Landwirtschaft haben,
nicht die Flächenkonkurrenz in Bezug auf den Biosprit,
sondern das bisherige EEG im Bereich der Biogasanla-
gen. Ich bin froh, dass wir in diesem Haus bereits eine
Novelle des EEG gemacht haben. Hier sind wir auf ei-
nem sehr guten Weg.

Meine Damen und Herren, wir diskutieren auch oft
über Gentechnik, über den Import von Eiweißfuttermit-
teln. Wenn wir zum Beispiel Raps für die Erzeugung von
Biosprit einsetzen, dann fällt dort ein Nebenprodukt an.
Das ist der sogenannte Rapskuchen. Das ist ein ideales
Futtermittel in der Tierhaltung: aus eigenem Anbau, gen-
technikfrei bei uns im Land produziert. Das sollten wir
auch bei dieser Diskussion mit in Erwägung ziehen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Außerdem haben wir dadurch, dass wir jetzt die Dis-
kussion über die Minderung der Treibhausgasquote tech-
nologieoffen führen, die Möglichkeit, in der Landwirt-
schaft wieder zu gesunden Fruchtfolgen zu kommen.
Hier ist in den letzten Jahren – ich gebe das offen zu –
manches aus dem Gleichgewicht gekommen.


(Dr. Valerie Wilms [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Gewaltig aus dem Gleichgewicht!)


Und wir können verschiedene Produkte zur Energiege-
winnung aus regenerativen Quellen einführen.

Gerade die Diskussion über die erste oder zweite Ge-
neration der Biotreibstoffe zeigt, dass noch sehr viel For-
schung erforderlich ist, damit wir auch die Treibstoffe
der zweiten Generation gut einbauen können. Ich denke,
dass wir noch nicht am Ende der Entwicklung stehen.
Deshalb gilt: Technologieoffen forschen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Insgesamt ist dieses Gesetz zur Änderung des Bun-
des-Immissionsschutzgesetzes, das die Umstellung auf
Treibhausgasquoten regelt, ein guter Beitrag dazu, die
Wertschöpfung im eigenen Land zu steigern, gerade im
ländlichen Raum – damit das Geld, das aus dem ländli-
chen Raum kommt, wiederum in den ländlichen Raum
fließt und nicht in irgendwelche rohölexportierenden
Länder. Ich glaube, das ist in unser aller Sinn.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805722700

Ich danke Ihnen, Herr Kollege Auernhammer. – Da-

mit schließe ich die Aussprache.





Vizepräsidentin Claudia Roth


(A) (C)



(D)(B)

Wir kommen jetzt zur Abstimmung über den von der
Bundesregierung eingebrachten Gesetzentwurf zur Än-
derung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes. Der Aus-
schuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsi-
cherheit empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf
Drucksache 18/2776, den Gesetzentwurf der Bundesre-
gierung auf den Drucksachen 18/2442 und 18/2709 in
der Ausschussfassung anzunehmen. Ich bitte diejenigen,
die dem Gesetzentwurf in der Ausschussfassung zustim-
men wollen, jetzt um das Handzeichen. – Wer stimmt
dagegen? – Wer enthält sich? – Damit ist der Gesetzent-
wurf in zweiter Beratung angenommen bei Zustimmung
von CDU/CSU- und SPD-Fraktion, Ablehnung von der
Linken und Enthaltung von Bündnis 90/Die Grünen.

Dritte Beratung

und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Der Gesetz-
entwurf ist damit angenommen bei Zustimmung von
CDU/CSU und SPD, Ablehnung von der Linken und
Enthaltung von Bündnis 90/Die Grünen.

Ich rufe jetzt den Tagesordnungspunkt 19 auf:

Zweite und dritte Beratung des von der Bundes-
regierung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
zes zur Änderung des Straßenverkehrsgeset-
zes und der Gewerbeordnung

Drucksache 18/2134

Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Verkehr und digitale Infrastruktur

(15. Ausschuss)


Drucksache 18/2775

Ich muss Sie enttäuschen: Sie werden jetzt keine
Rede hören.


(Zurufe: Oh!)


Sie vermissen die Reden von den Kollegen Storjohann
und Schnieder für die CDU/CSU, vom Kollegen Zierke
für die SPD, vom Kollegen Lutze für die Linke und vom
Kollegen Stephan Kühn für Bündnis 90/Die Grünen. Die
Reden – so ist verabredet worden – sollen zu Protokoll
gegeben werden.1) – Ich sehe, dass Sie, trotz erheblicher
Traurigkeit im Raum, damit einverstanden sind.

Wir kommen zur Abstimmung. Der Ausschuss für
Verkehr und digitale Infrastruktur empfiehlt in seiner
Beschlussempfehlung auf Drucksache 18/2775, den
Gesetzentwurf der Bundesregierung auf Drucksache
18/2134 in der Ausschussfassung anzunehmen. Ich bitte
diejenigen, die dem Gesetzentwurf in der Ausschussfas-
sung zustimmen wollen, um das Handzeichen. – Wer
stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Der Gesetzent-
wurf ist damit in zweiter Beratung angenommen. Zuge-
stimmt haben CDU/CSU- und SPD-Fraktion, enthalten
haben sich Bündnis 90/Die Grünen und die Linke, dage-
gen hat niemand gestimmt.

1) Anlage 3
Dritte Beratung

und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Die gleichen
Mehrheiten: Bei Zustimmung von CDU/CSU- und SPD-
Fraktion und Enthaltung von der Linken und vom Bünd-
nis 90/Die Grünen ist der Gesetzentwurf damit ange-
nommen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 20 auf – da wird
wieder geredet –:

Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Verkehr und digitale
Infrastruktur (15. Ausschuss) zu dem Antrag der
Abgeordneten Karl Holmeier, Thomas Jarzombek,
Patrick Schnieder, weiterer Abgeordneter und
der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeord-
neten Martin Dörmann, Kirsten Lühmann, Lars
Klingbeil, weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion der SPD

Moderne Netze für ein modernes Land –
Schnelles Internet für alle

Drucksachen 18/1973, 18/2778

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 25 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache und rufe als ersten Redner
in der Debatte Karl Holmeier für die CDU/CSU-Frak-
tion auf.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Karl Holmeier (CSU):
Rede ID: ID1805722800

Sehr verehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen

und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Schnelles Breitband für unser Land, das ist die große
und ehrgeizige Aufgabe und das große und ehrgeizige
Ziel unserer Koalition. Unser Antrag „Moderne Netze
für ein modernes Land – Schnelles Internet für alle“ soll
einen wichtigen Beitrag dazu leisten, bis 2018 das ge-
steckte Ziel von 50 Megabit pro Sekunde flächende-
ckend in Deutschland erreichen. Das ist ein ehrgeiziges
Ziel.


(Tabea Rößner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Allerdings!)


Wir sind aber auf einem guten Weg. Politisch, wirt-
schaftlich und gesellschaftlich ist dies unbedingt not-
wendig; denn die Digitalisierung und das Internet haben
einen immer größeren Einfluss auf alle Lebensbereiche.
Es geht schließlich um die Sicherung der Teilhabe unse-
rer Bürgerinnen und Bürger am digitalen Zeitalter. Mit
dem schnellen Internet denken wir auch an die Zukunft
unserer Unternehmen, an die Standorte im ländlichen
Raum und an die damit verbundenen Arbeitsplätze.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es hat mich
gefreut, dass unser Antrag bei den Experten aus der
Fachbranche eine sehr positive Resonanz gefunden hat.





Karl Holmeier


(A) (C)



(D)(B)

Selbst die Opposition hat unseren Antrag bei den Bera-
tungen im Ausschuss gelobt. Dafür herzlichen Dank!
Die umfangreichen Gespräche haben aber auch gezeigt
und bestätigt, dass es keine einfache und allgemeingül-
tige Lösung gibt. Es bedarf vielmehr eines ganzen Maß-
nahmenpakets und des Zusammenspiels von Bund, Län-
dern und Kommunen. Unser Ziel von 50 Megabit pro
Sekunde bis 2018 werden wir nur dann erreichen, wenn
wir auf einen sinnvollen Technologiemix setzen. Wir
müssen den Breitbandausbau in Deutschland im Rahmen
verfügbarer Haushaltsmittel konsequent vorantreiben
und eine digitale Spaltung zwischen den Ballungszen-
tren und den ländlichen Räumen vermeiden.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Dazu setzen wir auf folgende Schwerpunkte: deutli-
che Kostenreduzierung beim Ausbau der Glasfasernetze
durch eine zügige Umsetzung der europäischen Kosten-
reduzierungsrichtlinie in einem Breitbandinfrastruktur-
ausbaugesetz, schneller Einsatz hochleistungsfähiger
Mobilfunkfrequenzen im 700-Megahertz-Band, Verstei-
gerung von Funkfrequenzen – Digitale Dividende II –,
effizienter Einsatz von Fördermitteln, wo es keine wirt-
schaftlich sinnvollen Lösungen für einen Netzausbau
gibt. Außerdem sollten wir bei der laufenden Diskussion
zum Telekommunikationsmarkt auf europäischer Ebene
keine Maßnahmen mittragen, die sich negativ auf den
Breitbandausbau in Deutschland auswirken.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, mit unse-
rem Antrag sind wir auf einem guten Weg, den Breit-
bandausbau in Deutschland zu beschleunigen. Er ist ein
guter Baustein und bringt uns dem gesteckten Ziel näher.
Vorrangig gilt es, den Ausbau des Breitbandnetzes
schneller und günstiger voranzubringen. Wir müssen
Synergien vor Ort nutzen und Baumaßnahmen vor Ort
besser koordinieren.

Bestehende Infrastruktur muss genutzt werden; denn
80 Prozent der geschätzten Kosten für diesen Ausbau,
den wir planen und anstreben, sind Erdbaukosten. Es
gibt unzählige Möglichkeiten, bestehende Leitungen wie
Abwasser- oder Stromleitungen, bestehende Leerrohre
und sonstige Verkehrsnetze zu nutzen. Wir wollen einen
Rechtsanspruch schaffen, der eine Mitnutzung vor Ort
ermöglicht.

Wir müssen uns auch für neue Verlegearten öffnen
und den Mut haben, diese Verlegearten umzusetzen.
Pragmatische Lösungen sind gefragt. Wir müssen errei-
chen, dass bei den Verkehrsprojekten verpflichtend Leer-
rohre mitverlegt werden und dass die Querung von Bahn-
trassen innerhalb von bestimmten Fristen möglich ist.
Wir müssen die Erlöse aus der Digitalen Dividende II
verbindlich für den Ausbau des Breitbandnetzes nutzen.
Bund und Länder stehen hierbei in der Pflicht, ihren
Anteil an den Erlösen aus der Digitalen Dividende II
zweckgebunden in den Netzausbau zu investieren.

Wir werden aber auch – das haben wir in den Bera-
tungen diskutiert und bei den Gesprächen mit der Fach-
branche ganz klar gehört – zusätzliches Geld benötigen,
mehr Geld, als die Frequenzversteigerung aus der
Digitalen Dividende II einbringt. Wir brauchen weitere
Förderprogramme, die unter Umständen auch mit ande-
ren Förderprogrammen in den Ländern gekoppelt
werden können. Ich verweise auf das neue, vorbildliche
Förderprogramm des Freistaates Bayern.


(Tabea Rößner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das steht hier nicht zur Debatte!)


Das neue Programm ist angelaufen. Der Freistaat stellt
den Kommunen 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung,
Frau Kollegin – pro Gemeinde bis zu 1 Million Euro.
Damit fördern wir den Breitbandausbau in unserer Re-
gion in besonderer Weise. So funktioniert eine Stärkung
des ländlichen Raumes.


(Beifall bei der CDU/CSU – Tabea Rößner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber im Haushalt haben Sie nichts eingestellt!)


Mit unserem heute zu verabschiedenden Antrag „Mo-
derne Netze für ein modernes Land – Schnelles Internet
für alle“ geben wir der Bundesregierung anspruchsvolle
Hausaufgaben mit auf den Weg. Ich bin mir sicher, dass
unser Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur in
den kommenden Jahren alle Hebel in Bewegung setzen
wird, unser gemeinsames Ziel – 50 Megabit pro Sekunde
für alle – bis 2018 in Deutschland zu erreichen.

Gemeinsam – Bund, Länder und Kommunen – kön-
nen wir es schaffen. Ziehen wir alle an einem Strang für
ein modernes Land mit modernen Netzen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805722900

Danke schön, Herr Kollege Holmeier. – Nächster

Redner in der Debatte ist Herbert Behrens für die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Herbert Behrens (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805723000

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Die Regierungskoalition hat vor drei Monaten einen An-
trag vorgelegt, der ein Signal für den Eintritt in die neue
digitale Welt sein sollte. 50 Megabit pro Sekunde sollen
allen Menschen in der Bundesrepublik zugänglich sein,
nicht nur den privaten Nutzern, sondern auch den Betrie-
ben, die dringend darauf angewiesen sind.

Aber wenn man sich das Ganze ansieht, so stellt man
fest: Das Beamen in das neue Internetzeitalter ist
steckengeblieben. Das ist erschreckend. Irgendwie
schmeckt das Ganze nach kaltem Kaffee. Der umfang-
reiche Antrag ist im Kern nichts weiter als die Fortset-
zung einer Breitbandstrategie, die wir schon seit 2009
kennen. Damals hieß der Minister noch zu Guttenberg.


(Beifall bei der LINKEN – Martin Dörmann [SPD]: Das ist doch Unsinn!)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sind steckenge-
blieben und kommen nicht voran, und zwar aus zwei
Gründen: Zum einen haben wir in den letzten Haushalts-





Herbert Behrens


(A) (C)



(D)(B)

debatten immer wieder erfahren, dass sich die Bundesre-
gierung für die schwarze Null feiert und staatliche Inves-
titionen in die Zukunft des Landes verhindert. Zum
anderen sind die privaten Investoren immer noch nicht
geneigt, Milliarden locker zu machen, um in die digitale
Infrastruktur zu investieren. Aber der Ausbau schneller
Netze wird nicht klappen, wenn nicht investiert wird.
Viel Geld ist nötig: Zwischen 85 und 95 Milliarden Euro
benötigen wir, wenn wir eine flächendeckende Glas-
faserversorgung haben wollten. Das schreiben Sie ganz
richtig in Ihrem Antrag.


(Martin Dörmann [SPD]: Wie finanzieren Sie das dann?)


Sie machen keinen Vorschlag, wie Sie auch nur annä-
hernd an diese Summe herankommen wollen.


(Beifall bei der LINKEN)


Was machen Sie stattdessen? Sie rechnen aus, was
noch fehlt, um die von zu Guttenberg hinterlassene
Lücke in der Breitbandversorgung zu schließen, und ma-
chen Ihrem Minister einige Vorschläge, wie er vorgehen
könnte. Das ist aus unserer Sicht ein konzeptionsloses
Weiter-so. Mit dieser Politik befördern Sie keinen Auf-
bruch in das digitale Zeitalter. Sie behindern ihn sogar.


(Beifall bei der LINKEN)


Statt konsequent auf einen Glasfaserausbau in öffent-
licher Verantwortung zu setzen, beschwören Sie den
sogenannten Technologiemix. Das hört sich zumindest
innovativ an. Gemeint ist damit: DSL, Glasfaser, Kabel,
Satellit und Funknetze sollen so zusammengezwirbelt
werden, dass am Ende die Bandbreiten erreicht werden.
Aber auch diese Infrastruktur kostet doch 20 Milliarden
Euro. Das ist nicht billig. Aber im Haushalt 2014
– wahrscheinlich auch im Haushalt 2015, wenn wir uns
als Opposition nicht durchsetzen können – ist nicht zu
erkennen, dass hier auch nur ansatzweise staatliche Zu-
kunftsinvestitionen gemacht werden. Schwarze Null und
Schuldenbremse würgen soziale Politik, aber auch eine
zukunftsweisende Industriepolitik ab.

Nach der Logik der Bundesregierung und der Logik
dieses Antrages bleibt nur eines: Der Markt soll es rich-
ten. Der jetzt schon gescheiterte sogenannte wett-
bewerbspolitische Ansatz wird beibehalten. Aus dem
Haushalt soll 1 Milliarde Euro kommen, wenn die Rund-
funkfrequenzen im 700-Megahertz-Bereich versteigert
werden und noch weitere Frequenzbereiche hinzukom-
men.

Die sogenannte Digitale Dividende II sollte bereits ab
2017 Förderprogramme für den Netzausbau speisen. In-
zwischen ist aber klar, dass die Frequenzen vor 2019 gar
nicht frei werden. Die Milliarde könnte auch schnell um
einige Hundert Millionen geringer ausfallen, wenn die
Länder ihre Ansprüche geltend machen. Aber auch die
privaten Investoren, Kapitalfonds und Versicherungen
wollen mit ihren Milliarden nicht so recht an den Zu-
kunftsmarkt heran.

Das Vermögen in Deutschland beläuft sich auf
7,2 Billionen Euro. Dabei besitzen die reichsten 10 Pro-
zent der Deutschen 4,8 Billionen Euro. Wenn wir die
Bundesrepublik sozialer und moderner machen wollen,
dann kommen wir nicht umhin, eine gerechte Steuerpoli-
tik durchzusetzen.


(Beifall bei der LINKEN)


Wenn die Bundesregierung es jetzt angeht, öffentliche
Infrastruktur für Investoren attraktiv machen zu wollen,
dann ist das genau der entgegengesetzte und falsche
Weg. Privatisierungen, Anlagefonds und Modelle von
windigen Investoren sind die Ursachen der Finanzkrise,
unter deren Folgen wir heute noch leiden. Darum ist es
notwendig, die Finanzmärkte auszutrocknen und das
Vermögen für gute Infrastruktur heranzuziehen. Das sind
die Grundlagen für eine moderne Industrie- und Netz-
politik. Mit der Linken ist das zu machen, aber nicht mit
dem, was Sie in Ihrem Antrag zusammengeschrieben
haben.

Vielen Dank.


(Beifall bei der LINKEN)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805723100

Vielen Dank, Herr Kollege Behrens. – Nächster Red-

ner in der Debatte: Martin Dörmann für die SPD.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Martin Dörmann (SPD):
Rede ID: ID1805723200

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Herr Kollege Behrens, ich bedauere sehr, dass Sie hier
ein Zerrbild unseres Antrags dargestellt haben. Deshalb
möchte ich gerne die Gelegenheit nutzen, zu erzählen,
was wirklich drinsteht;


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


denn entgegen Ihren Ausführungen hat sich die Große
Koalition in Bezug auf die digitale Infrastruktur ein be-
sonders ehrgeiziges Ziel gesetzt.

Wir wollen, dass bis Ende 2018 in ganz Deutschland
Hochgeschwindigkeitsbandbreiten von mindestens
50 Megabit pro Sekunde verfügbar sind. Wir sind uns
doch einig, dass angesichts der fortschreitenden Digitali-
sierung von Wirtschaft und Gesellschaft schnelles Inter-
net für alle zunehmend eine Voraussetzung sowohl für
ökonomische Entwicklungsmöglichkeiten als auch für
gesellschaftliche Teilhabe ist. Deshalb dürfen wir eine
digitale Spaltung – ich glaube, auch da sind wir uns ei-
nig – zwischen gut versorgten Ballungsräumen auf der
einen und abgehängten ländlichen Gebieten auf der an-
deren Seite nicht zulassen.

Heute können erst 64 Prozent der Haushalte in
Deutschland mit 50 Megabit pro Sekunde versorgt wer-
den. Der Sprung auf 100 Prozent, lieber Kollege
Behrens, innerhalb weniger Jahre ist also ein Quanten-
sprung. Von Ihnen kam kein Konzept, das das besser
unterlegt hätte. Nur wenn alle Beteiligten – investie-
rende Unternehmen, Bund, Länder, aber auch die Kom-
munen vor Ort – optimal zusammenwirken, können wir
dieses Ziel erreichen.





Martin Dörmann


(A) (C)



(D)(B)

Wir wollen mit dem Antrag der Koalition einen Rah-
men setzen. Wir haben konkrete Maßnahmen beschrie-
ben, um die Umsetzung unseres Ausbauziels tatsächlich
zu erreichen. Im Kern geht es um zwei Dinge, nämlich
um zusätzliche Investitionsanreize und um die Schlie-
ßung von Wirtschaftlichkeitslücken.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805723300

Herr Kollege, erlauben Sie eine Zwischenfrage oder

-bemerkung der Kollegin Wawzyniak?


Martin Dörmann (SPD):
Rede ID: ID1805723400

Ja, sehr gerne. Das habe ich schon gesehen. Deshalb

habe ich einen Punkt gemacht.


Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805723500

Ja, sonst hätte ich Sie unterbrochen.


Martin Dörmann (SPD):
Rede ID: ID1805723600

Das habe ich erwartet.


Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805723700

Gut, wir kennen uns ja auch schon lange. – Frau Kol-

legin Wawzyniak, bitte.


Halina Wawzyniak (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1805723800

Herr Kollege Dörmann, nachdem der Kollege von der

Unionsfraktion das Papier der Netzallianz vorgelesen
hat, möchte ich Sie fragen, ob auch Sie gelesen haben,
dass die Netzneutralität für den Breitbandausbau – vor-
sichtig formuliert – geschliffen werden soll und ob Sie
vor diesem Hintergrund nicht auch der Meinung sind,
dass das löbliche Ziel, das Sie hier vorgegeben haben,
doch in einem anderen Licht erscheint?


Martin Dörmann (SPD):
Rede ID: ID1805723900

Sehr geehrte Frau Kollegin Wawzyniak, wir haben

uns in der Enquete-Kommission „Internet und digitale
Gesellschaft“ sehr ausführlich über das Thema Netz-
neutralität unterhalten. Sie kennen die Position der SPD-
Bundestagsfraktion, die in weiten Teilen in den Koali-
tionsvertrag eingeflossen ist.

Wir werden die Netzneutralität gesetzlich sicherstel-
len. Sie waren, glaube ich, auch dabei – ich bin mir nicht
ganz sicher –, als Frau Zypries als zuständige Staats-
sekretärin des Wirtschaftsministeriums im Ausschuss
„Digitale Agenda“ sogar angekündigt hat, dass das
Ministerium demnächst einen entsprechenden Gesetz-
entwurf vorlegen wird. Insofern bin ich sehr zuversicht-
lich, dass uns das gelingen wird.

Sie haben das Papier der „Netzallianz Digitales
Deutschland“ angesprochen. Ich will den genannten
Aspekt einmal dahingestellt sein lassen, möchte aber da-
rauf hinweisen, dass sich die dort beschriebenen Hand-
lungsfelder in dem Antrag, den wir hier vorliegen haben,
exakt wiederfinden. Das heißt, es gibt in der Fachwelt
großen Konsens darüber, dass das Maßnahmenpaket, das
wir vorschlagen, zielführend ist. Diesen Aspekt sollten
Sie viel stärker würdigen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Mit unserem Maßnahmenpaket setzen wir auch in
Zukunft auf Wettbewerb und auf Milliardeninvestitionen
unterschiedlicher Unternehmen. Aber diese stoßen dort
an Grenzen, wo sich Investitionen aufgrund hoher
Kosten nicht rechnen. Zentrales Problem hierbei sind
vor allem die letzten 20 Prozent der Haushalte, die unter
heutigen Bedingungen, weil sie in besonders dünn besie-
delten Gebieten angesiedelt sind, eben nicht wirtschaft-
lich erschlossen werden können. Gerade hier setzt unser
Breitbandkonzept an: Wir wollen regulatorische Rah-
menbedingungen verbessern und zusätzliche Synergien
heben, um Kosten zu senken.

Das allein wird aber nicht ausreichen. Wir brauchen
– das ist bereits erwähnt worden – zusätzliche staatliche
Fördergelder, um Wirtschaftlichkeitslücken in bestimm-
ten Regionen schließen zu können. Wenn das Geld ge-
schickt eingesetzt wird, könnten wir mit jeder Milliarde
Euro öffentlichen Geldes, die wir einsetzen, zusätzliche
Investitionen privater Unternehmen in einem Umfang
von etwa 3 Milliarden Euro auslösen. Das wäre gerade
vor dem Hintergrund bestehender konjunktureller Unsi-
cherheiten ein wirklich respektables Konjunkturpro-
gramm. Das sollten wir unterstützen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die Koalition will zudem, dass weitere Frequenzbe-
reiche für den Mobilfunk erschlossen werden. Wir alle
wollen nicht nur eine gute Festnetzversorgung über
Glasfaserkabel, übrigens auch in der Fläche – auch das
ist unser Ziel –, sondern wir brauchen deutschlandweit
auch ein modernes Mobilfunknetz, weil wir alle mit
Smartphones und Tablets unterwegs sind. Sie wissen,
dass das eine Ursache für den steigenden Bandbreitenbe-
darf ist. Deshalb ist es, so glaube ich, richtig, diese Fre-
quenzen für ein hochmodernes Mobilfunknetz zu nut-
zen.


(Beifall der Abg. Kirsten Lühmann [SPD])


Die beiden zuletzt genannten Aspekte, die Fördermit-
tel und die Nutzung eines zusätzlichen Frequenzspek-
trums, weisen uns im Zusammenhang mit der Digitalen
Dividende II den Weg, den wir mit den Ländern gehen
können. Es geht um ein Frequenzpaket, das nach Vor-
stellung der Bundesnetzagentur im nächsten Jahr verstei-
gert werden soll. Dazu gehören im Bereich der Digitalen
Dividende II auch die Frequenzen im 700-Megahertz-
Band. Wir wissen, dass es darüber Gespräche zwischen
Bund und Ländern gibt. Wir wissen, dass die Länder
gerne zur Hälfte an den Versteigerungserlösen beteiligt
wären.


(Tabea Rößner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das steht ihnen zu!)


Wichtig ist, dass es am Ende einen Konsens gibt, dass
man sich auf eine Teilung einigt und darauf, dass das ge-
samte Geld für den Breitbandausbau genutzt werden
soll. Das ist wichtig. Deshalb darf man sich an dieser





Martin Dörmann


(A) (C)



(D)(B)

Stelle nicht in technischen Fragen verheddern, in denen
es darum geht, in welchen Haushalten diese Gelder am
Ende eingestellt werden. Wir müssen zu einer Einigung
kommen; denn nur wenn wir entsprechende Einnahmen
generieren, können wir hinsichtlich des Breitbandaus-
baus weiterkommen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Im Blick auf die Frequenzen führen zwei Aspekte im-
mer zu Diskussionen. Ich will diese Themen gerne auf-
greifen. Wahrscheinlich wird gleich die Kollegin Tabea
Rößner auch darauf eingehen und das aus einem anderen
Blickwinkel heraus betrachten.

Zum einen geht es um die Umstellung auf DVB-T2.
Wir wollen – auch das haben wir im Koalitionsvertrag
festgelegt –, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunk-
anstalten und die privaten Rundfunkanstalten die Mög-
lichkeit haben, die Umstellung der terrestrischen Ver-
breitung auf DVB-T2 vorzunehmen. Das ist die bessere
Technik. Sie ist HD-fähig. Auch im Interesse der Zu-
schauerinnen und Zuschauer wollen wir, dass das sorg-
fältig gemacht wird; aber es soll auch zügig gemacht
werden, damit die Nutzer möglichst schnell in den Ge-
nuss der neuen Technik kommen. Jetzt wird auszuloten
sein, in welchem Zeitraum das möglich ist. Dieses
Thema soll in den Bund-Länder-Gesprächen jetzt ange-
gangen werden. Dort werden wir zu einer Einigung
kommen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Zum zweiten Aspekt, der ebenfalls wichtig ist. Bei
der Umstellung von Frequenzen wird es auch darum ge-
hen, dass die Interessen der bisherigen Nutzer dieser
Frequenzen gewahrt werden. Ich denke insbesondere an
die Nutzer drahtloser Produktionsmittel, also zum Bei-
spiel an Kultureinrichtungen und Kirchen, die drahtlose
Mikrofone nutzen und bisher zum Teil in diesen Berei-
chen gesendet haben. Dazu hat die Bundesnetzagentur
ein neues Konzept vorgelegt. Ein Gutachten hat ergeben,
dass der Frequenzbedarf dieser drahtlosen Produktions-
mittel etwa 96 Megahertz beträgt. Die Bundesnetzagen-
tur schlägt eine Erweiterung auf 440 Megahertz vor. Ich
glaube, das ist ein richtiges Signal. Es zeigt, dass wir
dieses Thema sehr ernst nehmen. Wir werden prüfen, ob
das ausreicht. Wir werden auch prüfen, ob Umstellungs-
kosten entstehen, die zu berücksichtigen sind. Ich weiß,
dass das Ministerium für Verkehr und digitale Infrastruk-
tur an einer Billigkeitsrichtlinie arbeitet. Wir befinden
uns in einem guten Austausch, auch mit den Ländern.
All diese Fragen werden jetzt geklärt.

Deshalb will ich zum Schluss Folgendes sagen, auch
angesichts dessen, was die Opposition hier anzuführen
hat: Ich habe weder in der Debatte heute noch in den
Ausschüssen etwas über wirklich durchgreifend andere
Konzepte gehört. Es wird immer kritisiert: Ihr bekommt
das Geld nicht. – Daran arbeiten wir. Herr Holmeier, wir
haben uns im Ausschuss ausgetauscht. Wir beide werden
noch einmal das eine oder andere Gespräch mit dem Ver-
kehrsminister führen, aber auch mit dem Finanzministe-
rium, damit wir möglichst schnell mehr Geld bekom-
men. Uns ist vollkommen bewusst, dass die Fördermittel
eine Stellschraube sind.

Wir halten an der schwarzen Null fest. Wir wissen,
dass es einen engen Rahmen gibt. Für unsere Arbeits-
gruppe „Verkehr und digitale Infrastruktur“ kann ich
sagen: Zusätzliche Haushaltsmittel, gerade im Bereich
dieses Ministeriums, wollen wir vordringlich für den
Breitbandausbau einsetzen, weil wir glauben, dass ein
schnelles Internet für alle eine ganz herausragende ge-
sellschaftliche Aufgabe ist.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805724000

Vielen Dank, Herr Kollege Dörmann. – Nächste Red-

nerin in der Debatte: Tabea Rößner für Bündnis 90/Die
Grünen.


Tabea Rößner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805724100

Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen!

Nachdem die Vorgängerregierung gebetsmühlenartig
wiederholt hat, dass wir eine Vollversorgung mit Breit-
band hätten, kommt die Große Koalition nun endlich zu
der Erkenntnis, dass wir ein Versorgungsproblem haben.
Sie fordern die Regierung zum Handeln auf, und das ist
gut und allerhöchste Zeit.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Der vorliegende Antrag lässt Bundesminister
Dobrindt aber an der ganz langen Leinen. Diesen Frei-
lauf nutzt Ihr Minister gleich, um die Netzneutralität ge-
gen Investitionen der Unternehmen zu verticken. Aber
mit den angekündigten Qualitätsklassen, lieber Herr
Dörmann, öffnen Sie einem Zweiklasseninternet Tür und
Tor. Und wofür? Für Investitionen, die die Unternehmen
wahrscheinlich sowieso getätigt hätten. Die Zeche zahlt
am Ende der Kunde.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Es ist schwer, heute abzuschätzen, was wir in zehn
oder 15 Jahren an Bandbreiten brauchen. Sie aber den-
ken nur an die 50 Mbit/s Downloadgeschwindigkeit im
Jahr 2018. Dabei setzen Sie erst einmal auf Funkverbin-
dungen. Das kann aber nur eine Zwischenlösung sein.
Damit Deutschlands Unternehmen gut angebunden sind,
innovative Dienste anbieten und diese auch genutzt wer-
den können, brauchen wir Glasfasernetze. Hier ist der
Antrag viel zu kurzsichtig.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Der Breitbandausbau kann durch regulatorische Stell-
schrauben erleichtert werden. Knackpunkt ist und bleibt
die Finanzierung. Laut einer Studie des Wirtschafts-
ministeriums kostet der Ausbau nach den Zielen der
Bundesregierung mindestens 20 Milliarden Euro. Die
Industrie geht in Vorleistung und will im nächsten Jahr
8 Milliarden Euro investieren. Das ist begrüßenswert.
Aber für 20 Prozent der Haushalte besteht eine Finanzie-
rungslücke. Es fehlt an Fördergeldern. Sie stellen auch





Tabea Rößner


(A) (C)



(D)(B)

nichts in den Haushalt ein. Sie werden das Geld in dieser
Höhe auch nicht durch die Frequenzversteigerung ein-
nehmen. Wir kennen das vom letzten Mal.


(Martin Dörmann [SPD]: Warten Sie doch einmal ab!)


Von diesen Einnahmen müssen Sie dann erst einmal
Entschädigungen zahlen, nämlich an diejenigen, die
nach der neuen Frequenzzuteilung ihre Mikrofonanlagen
nicht mehr nutzen können. Außerdem müssen Sie die
Einnahmen mit den Ländern teilen. Den Rest müssen Sie
Herrn Schäuble aus den Rippen leiern. So wird das
nichts. Wer A sagt, muss auch B sagen, und wer Zu-
kunftstechnologie sagt, muss auch investieren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Einen Aspekt verschweigen Sie komplett: Um die
Frequenzen für Breitband nutzen zu können, muss von
DVB-T auf DVB-T2 gewechselt werden. Der Minister
gibt hier Gas.


(Martin Dörmann [SPD]: Das wollen die Öffentlich-Rechtlichen gerade!)


Schon in drei Jahren soll das passiert sein, aber ohne
eine lange Übergangsphase. Derzeit nutzen knapp 4 Mil-
lionen Haushalte DVB-T. Diese müssen ihren Receiver
entsorgen und sich einen neuen kaufen. Wir rechnen mit
Kosten von mindestens 300 Millionen Euro für die Ver-
braucher und einer Menge Elektroschrott. Die Bundesre-
gierung kennt diese Konsequenzen zwar, verschweigt sie
aber in der Öffentlichkeit. Das finde ich skandalös.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Martin Dörmann [SPD]: Die Zahlen stimmen nicht!)


Gleichzeitig riskieren Sie mit der überstürzten Um-
stellung den terrestrischen Empfang. Denn wer jetzt für
teures Geld einen neuen Receiver kaufen muss, holt sich
vielleicht lieber eine Satellitenschüssel oder bestellt ei-
nen Kabelanschluss. Der terrestrische Übertragungsweg
bietet aber einen guten und vor allem günstigen Fernseh-
empfang, und den riskieren Sie.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Martin Dörmann [SPD]: Aber wollen Sie die alte Technik behalten?)


Was die ländlichen Gebiete betrifft, sollen die Unter-
nehmen die Frequenzen der Digitalen Dividende II nut-
zen, um diese Gegenden anzubinden. Wie gut das klappt,
haben wir ja in der Vergangenheit gesehen, nämlich fast
nicht. Um Breitband auch dorthin zu bringen, wo es
wirtschaftlich nicht rentabel ist, brauchen wir nicht nur
Förderprogramme, sondern eine Verpflichtung, dort
auch tatsächlich auszubauen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Martin Dörmann [SPD]: Das ist in der Größenordnung rechtlich doch gar nicht umsetzbar!)


Wir hätten uns ja eine Universaldienstverpflichtung
gewünscht, um den Menschen auf dem Land auch einen
Anspruch einzuräumen.

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Martin Dörmann [SPD]: Mit wie vielen Megabit pro Sekunde?)


Das hatte auch die SPD gefordert, bis sie an die Regie-
rung kam. Ohne diese Minimalversorgung bleiben ihre
Pläne zum Breitbandausbau aber eben auch nur minimal
gut.

Die Bundesregierung bildet Netzallianzen und
schreibt Kursbücher. Das klingt gewichtig, aber wer hin-
ter die Kulissen schaut, sieht nur schlecht verpackte An-
kündigungen. Von Ankündigen aber wurde noch keine
Leitung verlegt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Nicht an Versprechen, sondern an Ihren Taten soll man
Sie messen. Das werden wir tun.

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Martin Dörmann [SPD]: Da muss sie selber lachen!)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805724200

Vielen Dank, liebe Kollegin Rößner. Sie lacht gerne

und oft. – Letzter Redner in dieser Debatte Ingbert
Liebing für die CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Ingbert Liebing (CDU):
Rede ID: ID1805724300

Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten

Damen und Herren! Die Kollegen Karl Holmeier und
Martin Dörmann haben bereits ausführlich begründet,
weshalb wir mit diesem Antrag der Koalitionsfraktionen
beim Breitbandausbau für schnelles Internet Gas geben
wollen. Unser Ziel ist beschrieben mit 50 Megabit pro
Sekunde flächendeckend bis 2018. Dabei liegt uns be-
sonders an der Feststellung, dass dies ein Zwischenziel
ist. Natürlich wird es auch nach 2018 einen weiteren
Ausbau geben müssen,


(Martin Dörmann [SPD]: So ist es!)


um eine digitale Spaltung zwischen den gut und optimal
ausgestatteten Ballungsregionen und den ländlichen Re-
gionen in Deutschland zu verhindern. Das ist unser Ziel,
und dafür wollen wir mit unserem Antrag Gas geben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Die Kollegin Rößner hat am Ende ihrer Rede das
Stichwort „Universaldienst“ angesprochen. Das ist ihr
Vorschlag, die Probleme zu lösen. Er liegt inzwischen
lange genug auf dem Tisch, um zu wissen, dass dies aus
europarechtlichen Gründen kein geeignetes Instrument
ist, um die Lücken zu füllen.


(Tabea Rößner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist EU-konform!)


Es geht nur dort, wo ein bestimmter Standard durch-
schnittlich noch nicht erreicht ist. Aber es ist kein geeig-





Ingbert Liebing


(A) (C)



(D)(B)

netes Instrument, um darüber hinaus den Ausbau zu for-
cieren. 50 Megabit pro Sekunde erreichen wir so nicht.
Damit könnten wir vielleicht die letzten weißen Flecken
beseitigen. Das ist notwendig, aber bei weitem nicht aus-
reichend. Wir wollen tatsächlich den Ausbau in der Flä-
che forcieren, und das geht eben nicht mit dem Univer-
saldienst.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Weil schon viel Grundsätzliches gesagt worden ist,
möchte ich nur noch einen Aspekt aus unserem Antrag
aufgreifen. Wir sprechen uns in dem Antrag ausdrück-
lich dafür aus, möglichst kosteneffizient zu arbeiten,
auch durch Kooperationen von unterschiedlichen Tele-
kommunikationsunternehmen. Angesichts der hohen
Kosten gerade beim Glasfaserausbau wollen wir verhin-
dern, dass teure Doppelstrukturen aufgebaut werden. Ich
greife diesen Punkt auf, weil er in jüngster Zeit aufgrund
einer Vielzahl von Entwicklungen in vielen Kommunen
hochaktuell geworden ist.

Wir haben am Montag im Unterausschuss Kommuna-
les genau darüber gesprochen. Situation ist, dass sich
viele Kommunen auf den Weg in Richtung eines Glasfa-
serausbaus bis zum Anschluss jedes einzelnen Hauses
gemacht haben. Die Telekom, die sonst in diesen Regio-
nen unterwegs gewesen ist, war zwar beteiligt, hat aber
gesagt: Für uns ist das in diesen ländlichen Regionen
wirtschaftlich nicht darstellbar. Das machen wir nicht.

Daraufhin haben sich in der Region einige neue Ini-
tiativen gebildet, oft genug auch mit kommunaler Betei-
ligung. Diese haben ein Konzept für einen Glasfaseraus-
bau entwickelt, das wirtschaftlich darstellbar ist. Dann
ging es um die Ausschreibung, wer diese Infrastruktur
anschließend bedient, wer der Dienstanbieter ist. Auch
daran hat sich die Telekom entweder nicht beteiligt oder
sie hat gesagt, dass sie das zu den gegebenen Bedingun-
gen nicht macht. Sie war jedenfalls nicht präsent.

Nachdem die Vorbereitungen getroffen wurden, dass
diese regionalen Gesellschaften Glasfaserkabel in jedes
Haus legen können, sagt die Telekom jetzt: Aber an die-
ser und jener Stelle gehen wir nun doch mit eigenen
Glasfaserkabeln hinein. – Und das geschieht teilweise zu
einem Zeitpunkt, wo die anderen schon ihre Aufträge er-
teilt haben. Aber die Telekom will es nur dort machen,
wo es sich wirtschaftlich rechnet. Die Fläche hingegen
wird von ihr vernachlässigt.

Das ist aus Sicht der Telekom betriebswirtschaftlich
nachvollziehbar. Da hilft auch kein Telekom-Bashing;
daran will ich mich nicht beteiligen. Ich beschreibe ein-
fach die Situation. Denn durch diese Art Rosinenpicke-
rei wird die Gesamtfinanzierung für Flächenkonzepte
gefährdet. Hier brauchen wir neue Ansätze für einen In-
teressenausgleich. Das war bis vor kurzem kein Thema,
weil die Telekom konsequent dabei geblieben ist, dort
nicht zu investieren. Jetzt tut sie es in vielen Fällen doch
mit der Folge, dass teure Glasfaserinfrastrukturen in
manchen Regionen doppelt aufgebaut werden. Dies er-
gibt keinen Sinn; das sagen wir auch ausdrücklich in un-
serem Antrag. Damit müssen wir uns beschäftigen. Hier
brauchen wir einen neuen Interessenausgleich.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Unser Antrag weist den Kommunen bei der Planung
eine wichtige Rolle zu. Dies funktioniert insbesondere in
den ländlichen Räumen nur übergreifend: Viele Zweck-
verbände haben sich gebildet. Hierfür ist es notwendig,
dass wir diese kommunale Form der Zweckverbände
stärken und unterstützen. Dazu haben wir uns im Koali-
tionsvertrag vorgenommen, die Umsatzsteuerproblema-
tik zu lösen; denn es ergibt keinen Sinn, dass dann, wenn
sich Kommunen zusammenschließen und Beiträge an ei-
nen Zweckverband zum Breitbandausbau zahlen, diese
Beiträge anschließend mit 19 Prozent Umsatzsteuer be-
legt werden. Das müssen wir noch regeln, das haben wir
uns vorgenommen.

Dieser Antrag und das, was wir uns vorgenommen
haben, sind ein klares Signal für einen forcierten Ausbau
des Glasfasernetzes und des technologieoffenen Netzes
– auch im Rahmen von Funklösungen, um die digitale
Spaltung Deutschlands zu verhindern – sowie für ein
schnelles und flächendeckendes Internet in Deutschland.
Dafür bitten wir um Ihre Zustimmung.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1805724400

Vielen Dank, Herr Kollege Liebing. – Ich schließe die

Aussprache.

Wir kommen zur Beschlussempfehlung des Aus-
schusses für Verkehr und digitale Infrastruktur zum An-
trag der Fraktionen der CDU/CSU und der SPD mit dem
Titel „Moderne Netze für ein modernes Land – Schnel-
les Internet für alle“. Der Ausschuss empfiehlt in seiner
Beschlussempfehlung auf Drucksache 18/2778, den An-
trag der Fraktionen der CDU/CSU und SPD auf Druck-
sache 18/1973 anzunehmen. Wer stimmt für diese Be-
schlussempfehlung? – Gegenprobe! – Enthaltungen? –
Die Beschlussempfehlung ist mit der Zustimmung von
CDU/CSU und SPD bei Ablehnung von der Linken und
Bündnis 90/Die Grünen angenommen. Es gab keine Ent-
haltungen.

Wir sind damit am Schluss unserer heutigen Tages-
ordnung.

Ich berufe die nächste Sitzung des Deutschen Bun-
destages auf morgen, Freitag, den 10. Oktober 2014,
9 Uhr, ein.

Ich wünsche Ihnen und auch unseren Gästen oben auf
der Tribüne einen wunderschönen Restabend und gute
Träume. Bis morgen früh.

Die Sitzung ist geschlossen.