Protokoll:
16161

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Metadaten
  • date_rangeWahlperiode: 16

  • date_rangeSitzungsnummer: 161

  • date_rangeDatum: 9. Mai 2008

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  • av_timerEnduhrzeit der Sitzung: 15:24 Uhr

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  • tocInhaltsverzeichnis
    Plenarprotokoll 16/161 Josef Philip Winkler (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Hans-Peter Uhl (CDU/CSU) . . . . . . . . . . Gisela Piltz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sevim Dağdelen (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . Gisela Piltz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Michael Bürsch (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . Reinhard Grindel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . Dr. Lale Akgün (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 22: a) Antrag der Abgeordneten Eduard Lintner, (Drucksache 16/9073) . . . . . . . . . . . . . . . c) Antrag der Abgeordneten Heike Hänsel, Dr. Diether Dehm, Wolfgang Gehrcke, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Zum EU-Lateinamerika- Gipfel in Lima – Impulse für solidari- sche und gleichberechtigte Beziehungen zwischen der EU und Lateinamerika (Drucksache 16/9074) . . . . . . . . . . . . . . . d) Antrag der Abgeordneten Thilo Hoppe, Marieluise Beck (Bremen), Volker Beck (Köln), weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Die strategische Partnerschaft zwischen der Europäischen Union, Lateiname- rika und der Karibik durch eine inten- 16984 C 16986 C 16988 B 16989 C 16990 A 16990 C 16992 B 16993 C 16995 C 16995 D Deutscher B Stenografisch 161. Sitz Berlin, Freitag, de I n h a l Tagesordnungspunkt 21: a) Unterrichtung durch die Bundesregierung: Migrationsbericht 2006 (Drucksache 16/7705) . . . . . . . . . . . . . . . . b) Unterrichtung durch die Bundesregierung: Erfahrungsbericht der Bundesregierung zu Durchführung und Finanzierung der Integrationskurse nach § 43 Abs. 5 des Aufenthaltsgesetzes (Drucksache 16/6043) . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister BMI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sibylle Laurischk (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . Rüdiger Veit (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sevim Dağdelen (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . b 16977 A 16977 B 16977 C 16979 D 16980 D 16982 C Eckart von Klaeden, Klaus Brähmig, wei- terer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten Lothar undestag er Bericht ung n 9. Mai 2008 t : Mark, Gert Weisskirchen (Wiesloch), Niels Annen, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Eine starke Partner- schaft – Europa und Lateinamerika/ Karibik (Drucksache 16/9072) . . . . . . . . . . . . . . . ) Antrag der Abgeordneten Anette Hübinger, Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer, weite- rer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten Dr. Sascha Raabe, Gregor Amann, Elvira Drobinski-Weiß, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Die entwicklungspo- litische Zusammenarbeit Deutschlands im Rahmen der strategischen Partner- schaft der Europäischen Union mit den Staaten Lateinamerikas und der Kari- bik zielgerichtet stärken 16995 B sive Umwelt- und Klimakooperation be- leben (Drucksache 16/8907) . . . . . . . . . . . . . . . 16995 D II Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 e) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für wirtschaftliche Zusam- menarbeit und Entwicklung zu dem An- trag der Abgeordneten Heike Hänsel, Wolfgang Gehrcke, Monika Knoche, wei- terer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Deutsche Kolumbien-Politik auf die Stärkung ziviler Friedensinitia- tiven und der sozialen, demokratischen und Menschenrechte ausrichten (Drucksachen 16/5678, 16/8062) . . . . . . . f) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für wirtschaftliche Zusam- menarbeit und Entwicklung zu dem An- trag der Abgeordneten Dr. Karl Addicks, Hellmut Königshaus, Jens Ackermann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Die Regierungsverhandlungen mit Bolivien für eine kritische Überprü- fung der Entwicklungszusammenarbeit nutzen und an Bedingungen knüpfen (Drucksachen 16/5615, 16/9114) . . . . . . . in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 7: Antrag der Abgeordneten Marina Schuster, Dr. Werner Hoyer, Jens Ackermann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Die Beziehungen zu Lateinamerika und den Staaten der Karibik stärken und den EU- Lateinamerika/Karibik-Gipfel zu einer ehr- lichen Bestandsaufnahme nutzen (Drucksache 16/9056) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Frank-Walter Steinmeier, Bundesminister AA . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Werner Hoyer (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . Eckart von Klaeden (CDU/CSU) . . . . . . . . . . Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Sascha Raabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . Dr. Karl Addicks (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . Eduard Lintner (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . Wolfgang Gehrcke (DIE LINKE) . . . . . . . . . Lothar Mark (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anette Hübinger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 23: Antrag der Abgeordneten Wolfgang Wieland, Silke Stokar von Neuforn, Volker Beck (Köln), w N b w ( W C G G F J Z E C e D 2 s B ( i Z E v w F z A ( i Z E v w F z A ( i 16996 A 16996 A 16996 B 16996 C 16997 D 16999 A 17000 C 17001 D 17003 D 17005 A 17006 C 17007 C 17008 D 17010 A 17011 C eiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- IS 90/DIE GRÜNEN: Keine Einführung iometrischer Merkmale im Personalaus- eis Drucksache 16/7749) . . . . . . . . . . . . . . . . . . olfgang Wieland (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . lemens Binninger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Silke Stokar von Neuforn (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . isela Piltz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ert Winkelmeier (fraktionslos) . . . . . . . . . . rank Hofmann (Volkach) (SPD) . . . . . . . . . Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . an Korte (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . . usatztagesordnungspunkt 8: rste Beratung des von den Fraktionen der DU/CSU und SPD eingebrachten Entwurfs ines Gesetzes über die Anpassung von ienst- und Versorgungsbezügen im Bund 008/2009 (Bundesbesoldungs- und -ver- orgungsanpassungsgesetz 2008/2009 – BVAnpG 2008/2009) Drucksache 16/9059) . . . . . . . . . . . . . . . . . . n Verbindung mit usatztagesordnungspunkt 9: rste Beratung des von den Abgeordneten Jörg an Essen, Dr. Max Stadler, Jens Ackermann, eiteren Abgeordneten und der Fraktion der DP eingebrachten Entwurfs eines Achtund- wanzigsten Gesetzes zur Änderung des bgeordnetengesetzes Drucksache 16/9054) . . . . . . . . . . . . . . . . . . n Verbindung mit usatztagesordnungspunkt 10: rste Beratung des von den Abgeordneten Jörg an Essen, Dr. Max Stadler, Jens Ackermann, eiteren Abgeordneten und der Fraktion der DP eingebrachten Entwurfs eines … Geset- es zur Änderung des Grundgesetzes (Art. 48 bs. 3) Drucksache 16/9055) . . . . . . . . . . . . . . . . . . n Verbindung mit 17013 C 17013 C 17014 D 17016 A 17017 A 17017 C 17018 D 17019 C 17020 A 17021 B 17022 B 17022 C 17022 C Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 III Zusatztagesordnungspunkt 11: Erste Beratung des vom Bundesrat einge- brachten Entwurfs eines Gesetzes zur Ände- rung des Bundesbesoldungsgesetzes (Drucksache 16/1033) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ralf Göbel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ernst Burgbacher (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . Siegmund Ehrmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE) . . . . . . Silke Stokar von Neuforn (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Norbert Röttgen (CDU/CSU) . . . . . . . . . . Thomas Oppermann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 24: a) Antrag der Abgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan, Hans-Michael Goldmann, Dr. Edmund Peter Geisen, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion der FDP: Effi- ziente und ökologische Energie- und Wertholzproduktion in Agroforstsyste- men ermöglichen – Ökologische Vor- teilswirkungen von Agroforstsystemen erforschen (Drucksache 16/8409) . . . . . . . . . . . . . . . . b) Antrag der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann, Dr. Gesine Lötzsch, Eva Bulling-Schröter, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Bundes- waldgesetz ändern – Agroforstsysteme unterstützen, forstwirtschaftliche Verei- nigungen stärken und Gentechnik im Wald verbieten (Drucksache 16/9075) . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Christel Happach-Kasan (FDP) . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 25: Antrag der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann, Dr. Gesine Lötzsch, Dr. Dietmar Bartsch, wei- terer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Volkswirtschaftliche Kosten der Agro-Gentechnik ermitteln und offen legen (Drucksache 16/7903) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 26: Antrag der Abgeordneten Rainder Steenblock, Jürgen Trittin, Omid Nouripour, weiterer Ab- geordneter und der Fraktionen BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN: Plenarsitzungen des Euro- päischen Parlaments gänzlich in Brüssel u S ( R T M S A H Z A D z E k D E D F C O D K O G A N A L A Z d – – ( 17022 C 17022 D 17023 D 17024 B 17025 B 17026 A 17026 D 17027 D 17029 A 17030 B 17030 C 17030 C 17031 D nd Tagungen des Europäischen Rates in traßburg abhalten Drucksache 16/8051) . . . . . . . . . . . . . . . . . . ainder Steenblock (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . homas Bareiß (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . arkus Löning (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . teffen Reiche (Cottbus) (SPD) . . . . . . . . . . . lexander Ulrich (DIE LINKE) . . . . . . . . . . ans Peter Thul (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . usatztagesordnungspunkt 12: ktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion IE LINKE: Haltung der Bundesregierung u aktuellen Vorschlägen einer steuerlichen ntlastung von kleinen und mittleren Ein- ommen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . r. Barbara Höll (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . duard Oswald (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . r. Hermann Otto Solms (FDP) . . . . . . . . . . . lorian Pronold (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . hristine Scheel (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . lav Gutting (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . r. Gregor Gysi (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . arl Diller, Parl. Staatssekretär BMF . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . tto Bernhardt (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . abriele Frechen (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . lbert Rupprecht (Weiden) (CDU/CSU) . . . . ächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . nlage 1 iste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . nlage 2 u Protokoll gegebene Reden zur Beratung er Anträge: Effiziente und ökologische Energie- und Wertholzproduktion in Agroforstsystemen ermöglichen – Ökologische Vorteilswir- kungen von Agroforstsystemen erforschen Bundeswaldgesetz ändern – Agroforstsys- teme unterstützen, forstwirtschaftliche Ver- einigungen stärken und Gentechnik im Wald verbieten Tagesordnungspunkt 24 a und b) 17032 A 17032 C 17033 B 17034 B 17035 A 17036 A 17036 D 17037 D 17037 D 17039 C 17040 C 17042 A 17043 A 17044 B 17045 C 17047 A 17049 A 17050 A 17051 A 17052 C 17053 A IV Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 Dr. Hans-Heinrich Jordan (CDU/CSU) . . . . . Dr. Gerhard Botz (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE) . . . . . . . Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anlage 3 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Volkswirtschaftliche Kosten der Agro-Gentechnik ermitteln und offenlegen (Tagesordnungspunkt 25) Dr. Max Lehmer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . Elvira Drobinski-Weiß (SPD) . . . . . . . . . . . . . Dr. Christel Happach-Kasan (FDP) . . . . . . . Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE) . . . . . . . Ulrike Höfken (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anlage 4 Amtliche Mitteilungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17054 B 17055 B 17056 A 17056 D 17057 D 17058 C 17059 C 17060 B 17061 A 17062 A Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 16977 (A) ) (B) ) 161. Sitz Berlin, Freitag, de Beginn: 9.0
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    (D (B) ) Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 17053 (A) ) (B) ) Hoppe, Thilo BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 09.05.2008 Irber, Brunhilde SPD 09.05.2008 Rohde, Jörg FDP 09.05.2008 Dr. Scheuer, Andreas CDU/CSU 09.05.2008 Schily, Otto SPD 09.05.2008 Anlage 1 Liste der entschuldigt Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Ackermann, Jens FDP 09.05.2008 Ahrendt, Christian FDP 09.05.2008 Albach, Peter CDU/CSU 09.05.2008 Bodewig, Kurt SPD 09.05.2008 Brunnhuber, Georg CDU/CSU 09.05.2008 Dörflinger, Thomas CDU/CSU 09.05.2008 Döring, Patrick FDP 09.05.2008 Dörmann, Martin SPD 09.05.2008 Ernstberger, Petra SPD 09.05.2008 Freitag, Dagmar SPD 09.05.2008 Gleicke, Iris SPD 09.05.2008 Göppel, Josef CDU/CSU 09.05.2008 Goldmann, Hans- Michael FDP 09.05.2008 Golze, Diana DIE LINKE 09.05.2008 Haibach, Holger CDU/CSU 09.05.2008 Haustein, Heinz-Peter FDP 09.05.2008 Heinen, Ursula CDU/CSU 09.05.2008 Dr. Hemker, Reinhold SPD 09.05.2008 Dr. Hendricks, Barbara SPD 09.05.2008 Heß, Petra SPD 09.05.2008 Hochbaum, Robert CDU/CSU 09.05.2008 Höhn, Bärbel BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 09.05.2008 Hofbauer, Klaus CDU/CSU 09.05.2008 K K K D L L L D M M M M M M N N P R D R R A (C (D Anlagen zum Stenografischen Bericht en Abgeordneten oczy, Ute BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 09.05.2008 ressl, Nicolette SPD 09.05.2008 unert, Katrin DIE LINKE 09.05.2008 r. Lehmer, Max CDU/CSU 09.05.2008 enke, Ina FDP 09.05.2008 eutert, Michael DIE LINKE 09.05.2008 eutheusser- Schnarrenberger, Sabine FDP 09.05.2008 r. Lippold, Klaus W. CDU/CSU 09.05.2008 eierhofer, Horst FDP 09.05.2008 erten, Ulrike SPD 09.05.2008 ontag, Jerzy BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 09.05.2008 üller (Gera), Bernward CDU/CSU 09.05.2008 üller (Erlangen), Stefan CDU/CSU 09.05.2008 üntefering, Franz SPD 09.05.2008 itzsche, Henry fraktionslos 09.05.2008 oll, Michaela CDU/CSU 09.05.2008 ofalla, Ronald CDU/CSU 09.05.2008 aidel, Hans CDU/CSU 09.05.2008 r. Ramsauer, Peter CDU/CSU 09.05.2008 auen, Peter CDU/CSU 09.05.2008 eiche (Potsdam), Katherina CDU/CSU 09.05.2008 bgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich 17054 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 (A) ) (B) ) Anlage 2 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Anträge: – Effiziente und ökologische Energie- und Wertholzproduktion in Agroforstsystemen ermöglichen – Ökologische Vorteilswirkun- gen von Agroforstsystemen erforschen – Bundeswaldgesetz ändern – Agroforstsys- teme unterstützen, forstwirtschaftliche Ver- einigungen stärken und Gentechnik im Wald verbieten (Tagesordnungspunkt 24 a und b) Dr. Hans-Heinrich Jordan (CDU/CSU): Die Nah- rungsmittel- und Bioenergieproduktion sowie der Natur- und Umweltschutz – Stichwort „Biodiversität“ stehen in einem untrennbaren dynamischen Zusammenhang. Die kürzlich eingetretene weltweite Krise bei der Versorgung mit bezahlbaren Nahrungsmitteln, verbunden mit der Tatsache, dass Lebensmittelpreise sich zukünftig am Erdölpreis orientieren werden, ist nur ein Beleg für diese Wirkung. Hinzu kommt, dass die Weltbevölkerung bis 2050 auf annähernd 9 Milliarden Menschen anwachsen wird. Dies wird die Nachfrage nach Lebensmitteln wei- ter steigen lassen. Außerdem gibt es Veränderungen bei den Verzehrgewohnheiten. In den Schwellenländern wie zum Beispiel China oder Indien, wird heute mehr Fleisch und Milch ver- braucht als noch vor zehn Jahren. Hinzu kommt, dass der weltweit steigende Energiebedarf Auswirkungen auf das E b P g w d s e r h H n d g d V p s i ö r a l k F E l d s t a E E d E d w F g n r g d p f d N w l A k K g Schmidbauer, Bernd CDU/CSU 09.05.2008 Schmidt (Nürnberg), Renate SPD 09.05.2008 Dr. Schockenhoff, Andreas CDU/CSU 09.05.2008 Sebastian, Wilhelm Josef CDU/CSU 09.05.2008 Silberhorn, Thomas CDU/CSU 09.05.2008 Dr. Sitte, Petra DIE LINKE 09.05.2008 Dr. Stadler, Max FDP 09.05.2008 Strothmann, Lena CDU/CSU 09.05.2008 Teuchner, Jella SPD 09.05.2008 Wolff (Rems-Murr), Hartfrid FDP 09.05.2008 Zimmermann, Sabine DIE LINKE 09.05.2008 Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich (C (D nergie- und Rohstoffangebot und die Energiepreise ha- en wird. Das Ziel muss sein, die in Deutschland vorhandenen otenziale im Sinne von hoher Wertschöpfung und rößtmöglicher Unabhängigkeit zu nutzen und zu ent- ickeln. Land- und forstwirtschaftliche Rohstoffe und ie Nahrungsmittelproduktion dürfen nicht als Objekt pekulativer Eingriffe genutzt werden. Die Land- und Forstwirtschaft befindet sich derzeit in inem rasanten Wandel. Die Nachfrage nach erneuerba- en Energien und das Wachstum der gesamten Branche aben dazu geführt, dass die Landwirtschaft vor neue erausforderungen gestellt wird. Landwirte sind seit ei- iger Zeit nicht mehr nur Nahrungsmittelerzeuger, son- ern zunehmend auch Energiewirte. Mit diesem Wandel ehen vielfältige Gesetzesänderungen einher, die sowohl ie Land- als auch die Energiewirtschaft betreffen. Eingeleitet, begleitet und unterstützt wurden diese eränderungen durch vielfältige Aktions- und Förder- rogramme der Bundesregierung zum Erhalt der biologi- chen Vielfalt und zum Klimaschutz. Die Maßnahmen m zu novellierenden EEG müssen dazu neue Chancen ffnen. Ganz entscheidend sind dabei finanzielle An- eize. Fest steht, dass es ohne Startfinanzierungen und ngemessene Subventionen zu keiner marktwirtschaft- ich getragenen Veränderung in diesem Energiesektor äme. Dennoch ist das langfristige Ziel der CDU/CSU- raktion, auch hier stärker die Kräfte des Marktes zur ntfaltung kommen zu lassen. Aufgabe dieser Bundesregierung ist es, die vor uns iegenden gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in iesem immer wichtiger werdenden Sektor aktiv zu ge- talten. Dabei hilft es nicht, mit ideologischen Vorbehal- en die bevorstehenden Probleme und Entscheidungen nzugehen, sondern mit ausgewogenem Sachverstand. s gilt, die vielfältigen Dimensionen, die jede dieser ntscheidungen betrifft, gut zu durchdenken. Hier hat er Antrag der Linken Nachholbedarf. Kernpunkt der vorliegenden Anträge ist die rechtliche inbindung von Agroforstsystemen in Deutschland. Mit er Frage der agroforstlichen Bewirtschaftung von land- irtschaftlichen Flächen, sind auch die Fragen nach der lächenkonkurrenz für die Nahrungsmittel- und Ener- ieproduktion sowie die Fragen nach den umwelt- und aturschutzrechtlichen Auflagen und Regelungen zu klä- en. Diese wiederum sind oft von europarechtlichen Re- elungen, wie die Entkopplung der Direktzahlungen von er Produktion sowie der Einführung der Cross-Com- liance, bestimmt. Die 2003 beschlossene EU-Agrarre- orm koppelt Direktzahlungen ab 2005 unmittelbar an ie Erbringung bestimmter Leistungen im Umwelt- und aturschutz. Aber nicht nur das. Es stellt sich außerdem die Frage, wie das Bundes- aldgesetz gestaltet werden muss, damit landwirtschaft- iche Flächen unbeschadet ihres rechtlichen Status als groforst oder mit anderen neuartigen Systemen zu- ünftig kombiniert und genutzt werden können. Diese lärung fordert zwar auch der Antrag der FDP, doch eht die vorliegende Klarstellung nicht weit genug. Der Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 17055 (A) ) (B) ) Gesetzgeber muss vor allem entscheiden, wie restriktiv mit der neuen Form der landwirtschaftlichen Nutzung „Agroforst“ umgegangen werden soll, zum Beispiel: Reicht die gute fachliche Praxis zur Agroforst-Bewirt- schaftung? Inwieweit soll das Jagdrecht, der Umwelt- und Naturschutz hier zum Tragen kommen? Welche wasserschutzrechtlichen Voraussetzungen sind zu beach- ten? Entscheidend ist auch die Einbindung in das neue Bundesumweltgesetzbuch. Gute Erfahrungen in England und Frankreich mit Agroforstsystemen lassen durchaus den Schluss zu, dass sich diese Systeme aus land- und forstwirtschaftlicher Sicht lohnen können. Die Leistungen von Gehölzen bei der Produktion, der mikroklimatischen Regulierung und dem Erosionsschutz sind unbestritten und ausreichend wissenschaftlich untersucht. Feldversuche der Universi- tät Leeds haben gezeigt, dass auf einer agroforstlichen Fläche in trockenen Sommern eine Ertragssteigerung der Wintergerste von über 20 Prozent erreicht werden konnte. Grund hierfür war der durch Baumreihen be- wirkte Windschutz, der den Wasserbedarf der Acker- pflanzen verringerte. Die Wirtschaftlichkeit dieser Sys- teme ist also durchaus möglich. Auch aus Sicht der Biodiversität haben Agroforstsys- teme keine negativen Auswirkungen. Durch den Anbau von Gehölzen zur Wertholznutzung auf einer Fläche, die gleichzeitig landwirtschaftlich durch Ackerbau und/oder Weidehaltung genutzt wird, entsteht ein mehrschichtiges Ökosystem, dass das ganze Jahr über Lebensraum für Tiere bietet. Aufgrund der Fragen, die sich aus dieser neuen Nut- zungsform der landwirtschaftlichen Flächen ergeben, hat die Bundesregierung bereits 2005 mehrere Forschungs- projekte initiiert. Zudem wurden mit den Veränderungen in der Ressortforschung des BMELV die Voraussetzun- gen für eine kontinuierliche wissenschaftlich fundierte Beratungs- und Begleitforschung geschaffen. So sind die dem Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut angeschlos- senen Forschungseinrichtungen zur Biodiversität, zum ökologischen Landbau, zur Waldökologie, Forstgenetik und Holzbiologie exzellent dazu geeignet, die notwendi- gen wissenschaftlich begründeten Entscheidungshilfen zu liefern. Ob eine agroforstliche Nutzung von landwirt- schaftlichen Flächen sich letztendlich wirtschaftlich lohnt, muss der Markt entscheiden. Unter kritischer Gewichtung der zuvor dargestellten Sachverhalte sind die Anträge der Fraktion Die Linke und der FDP abzulehnen. Dr. Gerhard Botz (SPD): Noch vor einer guten Wo- che haben wir etwas erstaunt in Südengland auf Agro- forstflächen, die älter als 25 Jahre waren, gestanden und uns die humorvollen Erläuterungen des Initiators dieser Forschungsprojekte angehört. Was mich betrifft, so habe ich vorher schon vieles über Agroforstsysteme gewusst, aber noch viel mehr in diesen Tagen dazugelernt. Ein schlichtes Fazit könnte lauten: Es lohnt sich auf jeden Fall, mittel- und langfristig den Erfahrungsschatz der Landwirte mit dem der Baumwirte gemeinsam in e M k k k D s w v k r g a z l w b f z a E f M m g s d d d t s B d d P r d r s E d a s d n u l (C (D ine erfolgreiche Bewirtschaftung einzubringen. Den enschen hat das schon früher sehr viel genutzt. In Zu- unft wird es in vielfacher Hinsicht wieder viel nutzen önnen. Dem Antrag der FDP-Fraktion zu diesem Thema ann ich in einigen Punkten ohne Weiteres zustimmen. as trifft zum Beispiel voll auf die Punkte 6 und 8 zu. Der Punkt 6 betrifft die generelle Förderfähigkeit die- er Kombination von land- und forstwirtschaftlichen Be- irtschaftungssystemen durch die ELER-Verordnung on 2005. Zu beachten ist dabei allerdings, dass die Anlegungs- osten dieser Systeme nicht für Weihnachtsbaumkultu- en und Kurzumtriebsplantagen gezahlt werden. Eine Anerkennung von Agroforstsystemen als Aus- leichs- bzw. Ersatzmaßnahmen halte ich für durchaus ngebracht, da es in der Regel für die Bewirtschafter wischen der Etablierungs- und Erntephase einen erheb- ichen Zeitraum mit dennoch beachtlichem Pflegeauf- and gibt. Was die Frage der noch ausstehenden Forschungsar- eiten auf diesem Gebiet betrifft, so haben mich die Er- ahrungen in Frankreich und England in meiner Über- eugung bestärkt, dass wir auf genügend Fachwissen ufbauen können, um den Landwirten die wichtigsten mpfehlungen in die Hand zu geben. Weitere sehr spezi- ische Forschungen können und sollten natürlich folgen. an muss aber nicht auf deren Ergebnisse warten, um it Agroforsten in einem größeren Umfang zu beginnen. Eine kurzsichtige, sehr stark auf Maximalerträge aus- erichtete Denk- und Verfahrensweise steht im Wider- pruch zu den in den Agroforstsystemen an sich ruhen- en Vorteilswirkungen. Deshalb bin ich ausdrücklich afür, diese von Kurzumtriebsplantagen, die zumeist für ie Energieholzgewinnung angelegt werden, per Defini- ion zu trennen. Beide Formen sollten deshalb namentlich im Waldge- etz vom Waldbegriff abgetrennt werden. Der Antrag der Linken fordert die Neudefinition des egriffes „ordnungsgemäße Forstwirtschaft“ im Bun- esnaturschutzgesetz. So sehr ich mit meiner Fraktion er Auffassung bin, den Begriff der „guten fachlichen raxis“ im Rahmen kommender gesetzlicher Verbesse- ungen eindeutig festzuschreiben, so sehr bin ich aller- ings überzeugt, dass wir das im existierenden Fachrecht ealisieren sollten. Dagegen halte ich den Ansatz der Stärkung der wirt- chaftlichen Position der Vermarktungsstrukturen für die igentümer des Kleinprivatwaldes, wie auch im Antrag er Linken beschrieben, prinzipiell für richtig. Das ist uch die Intention des Koalitionsvertrages. Diese müs- en wir unbedingt umsetzen, wenn wir erreichen wollen, ass Wertschöpfung dort stattfindet, wo die vielen klei- en Eigentümer in unseren ländlichen Räumen leben nd arbeiten. Unseren Koalitionspartner CDU/CSU möchte ich an- ässlich unserer jüngsten Erfahrungen in Frankreich und 17056 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 (A) ) (B) ) England nochmals dringend auffordern, sich in zwei Punkten entscheidend zu bewegen: Erstens. Bei der Frage, den Begriff der „guten fachli- chen Praxis“ in das Fachrecht – sprich, in das Bundes- waldgesetz aufzunehmen. Da dementsprechend gehan- delt und verfahren wird in Deutschland, kann man diesen Begriff auch gesetzlich festschreiben. Zweitens. Die Sinnhaftigkeit des Einsatzes von Mit- teln aus der ersten Säule über den Weg der Modulation hin in die zweite Säule, um sie zum Beispiel „landwirt- schaftsnah“ zum Nutzen der Landwirte langfristig sinn- voll zu binden, der Art, dass Agroforstsysteme mit all ih- ren Vorteilswirkungen etabliert werden können, sollte Sie doch endlich dazu bewegen, endlich ihre festgefah- rene Haltung gegenüber der Modulation aufzugeben. Drittens. Da wir im Großen und Ganzen eine große Übereinstimmung in vielen wichtigen Fragen feststellen können, sehen wir einer fruchtbaren Diskussion im Aus- schuss entgegen, auch wenn wir beiden Anträgen in der jetzt vorliegenden Form nicht zustimmen können. Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE): Heute haben wir ein seltenes Ereignis zu vermelden: Sowohl der An- trag der FDP als auch der Antrag der Linken fordert das- selbe, nämlich die Unterstützung von Agroforstsyste- men. In diesen Anbausystemen wird dieselben Fläche gleichzeitig land- und forstwirtschaftlich genutzt. Auf der Ausschussreise vergangene Woche nach Frankreich und England wurde klar: Fraktionsübergrei- fend sehen wir in Agroforstsystemen eine Chance. Dort haben wir viele Kombinationsmöglichkeiten gesehen: Weizen mit Walnuss, Pappeln mit Raps, Speierling mit Wein. Diese Kombination von Ackerkultur und Baum- nutzung bietet viele Vorteile: Erstens. Das Einkommen der landwirtschaftlichen Nutzfläche wird erhöht, zum Beispiel durch die zusätzli- che Produktion von Holz zur energetischen oder stoffli- chen Nutzung. Zweitens. Es wird gleichzeitig ein Beitrag zur Be- kämpfung des Klimawandels wie auch zur Anpassung an seine Auswirkungen geleistet. Drittens. Durch Agroforstsysteme werden die Acker- kulturen wieder vielfältiger. Viertens. Agroforstsysteme sorgen für eine größere Vielfalt im Landschaftsbild. Gerade in touristisch ge- nutzten Regionen ist dieser Effekt nicht zu unterschät- zen! Fünftens. Agroforstsysteme können zu einer ökologi- schen Aufwertung des Ackers beitragen: durch größere Artenvielfalt und durch weniger Pflanzenschutz- und Düngemittel. Bei so vielen Vorteilen drängt sich natürlich die Frage auf: Warum wird das dann nicht längst genutzt? Erstes Problem: Land- und Forstwirtschaft sind in Europa seit 200 Jahren getrennte Welten. Diese Trennung gedank- lich zu überwinden, ist offensichtlich nicht einfach und braucht Zeit. In England gibt es trotzdem 20 Jahre, in F e g s s t m p z n d ß g c A t s i k w li D d g d z N v w B v W l - g A a Ü c l I s L d m s z s d L m (C (D rankreich immerhin 15 Jahre Erfahrungen durch sehr ngagierte Forschungsprojekte. Diese Erfahrungen zei- en aber auch Problem Nummer 2: Es fehlt an For- chung. Diese Systeme müssen optimiert werden, damit ie wirtschaftlich und ökologisch funktionieren. Schat- enwurf, Mikroklima, Wasserbedarf und Vermarktungs- öglichkeiten müssen zusammenpassen, speziell ange- asste Sorten sind nötig. Insgesamt muss das Konzept ur Region und zum Standort passen. Es reicht eben icht, irgendwelche Bäume in den Acker zu pflanzen. Wir brauchten deshalb erstens deutlich mehr Geld für ie Agrarforschung, um diese Wissenslücken zu schlie- en. Es wäre für die Zukunft sehr gut angelegtes Geld mit roßer sozialer und ökologischer Dividende. Wir brau- hen zweitens eine Änderung des Bundeswaldgesetzes. groforstsysteme sind nach der derzeit gültigen Defini- ion Wälder. Die Nutzung wäre also erheblich einge- chränkt. Die Bundesregierung kündigt schon lange an, n der neuen Wald-Begriffsdefinition Agroforstsysteme lar auszuschließen. Unser Antrag fordert jetzt zum Handeln auf. Die land- irtschaftlichen Betriebe brauchen endlich einen recht- ch abgesicherten Zugang zu dieser Nutzungsalternative. azu gehört auch die längst überfällige Neudefinition er ordnungsgemäßen Forstwirtschaft im Sinne der Re- elungen zur naturnahen Waldbewirtschaftung im Bun- esnaturschutzgesetz. Dazu gehört für Die Linke: Ver- icht auf gentechnisch veränderte Bäume, größere aturnähe, vor allem durch einheimische, standortbe- orzugte Baumarten, kahlschlagfreies Wirtschaften, ab- echslungsreiche Waldrandgestaltung, Reduzierung der odenbearbeitung und Bodenverdichtung, der Einsatz on Pflanzenschutzmitteln und die Begrenzung der ilddichte. Und wir fordern außerdem bessere gesetz- iche Regelungen für Kleinprivatwaldbesitzerinnen und besitzer. Lassen Sie uns, diese Themen diskutieren und Lösun- en finden – im Interesse des ländlichen Raums. Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): groforstwirtschaft – also das Kultivieren von Bäumen uf landwirtschaftlich genutzter Fläche – ist nicht neu. ber Jahrhunderte wurden optimierte Systeme entwi- kelt. Dazu gehören beispielsweise Streuobst auf Grün- and oder fruchttragende Hecken am Feldrain. Durch ndustrialisierung und Mechanisierung der Landbewirt- chaftung wurden Bäume und Hecken beseitigt und die andschaft ausgeräumt. Eine Renaissance der Agroforstwirtschaft begann in en Entwicklungsländern. Dort, wo Wasser und Dünge- ittel oft die begrenzenden Faktoren für den Ernteertrag ind, ist man sich der Vorteilswirkungen dieser Landnut- ungsform stärker bewusst als bei uns: Schatten, Wind- chutz, Erosionsschutz, die phytosanitären Effekte und ie bessere Ressourcenausnutzung machen sich in einer ow-level-Landwirtschaft mit einem geringen Betriebs- itteleinsatz natürlich besonders bezahlt. Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 17057 (A) ) (B) ) Aber auch in der EU werden die Ressourcen knapp und damit teurer. Deshalb finanzierte die EU in den Jah- ren 2001 bis 2005 ein Forschungsprojekt über die Agro- forstwirtschaft mit dem Namen SAFE, Silvoarable Agro- forestry For Europe. Am SAFE-Pojekt beteiligten sich acht Länder: Frankreich, England, Niederlande, Spanien, Italien, Griechenland, Schweiz und Deutschland. Deutsch- land war mit einem Teilprojekt in Schleswig-Holstein, Herzogtum Lauenburg, beteiligt. Die Federführung lag bei INRA, dem nationalen Agrarforschungsinstitut Frank- reichs. Sieht man sich die Ergebnisse dieses europäischen Forschungsprojektes an, so kann man feststellen, dass bei regional optimierten Systemen mit standorttypische Pflanzen höhere Erträge sowohl für die Agrar- als auch für die Forstkultur erzielt werden können. Auch unter Klimaschutzaspekten sind die zusätzlichen Bäume in der Landschaft positiv zu bewerten, denn im Falle der Wert- holzproduktion wird CO2 langfristig festgelegt, im Falle der Energieholzproduktion können fossile Brennstoffe ersetzt und damit CO2-Emissionen vermieden werden. Unter der Voraussetzung, dass ein Markt für die Er- zeugnisse aus Agroforstsystemen besteht oder neu auf- gebaut wird, führt Agroforstwirtschaft zu einer Steige- rung der regionalen Wertschöpfung. Davon konnten wir uns jüngst auf einer Delegationsreise des Agrarausschus- ses in Frankreich und Großbritannien überzeugen. Insbesondere in der Region Montpellier boomt die Agroforestry, denn mit ihrer Hilfe konnte der darnieder- liegende Weinbau aufgewertet werden. Die Qualität des Weines hat sich erhöht, ebenso die biologische Vielfalt, und auch das Landschaftsbild wurde deutlich attraktiver. Sehr hilfreich für diese Entwicklung war das Kompe- tenzzentrum, das Forschung und Entwicklung sowie Be- ratung interessierter Landwirte durch praktische Bei- spiele ermöglicht. Das Gelände ist 50 Hektar groß und hat inzwischen nicht nur viele Landwirte, sondern auch den französischen Präsidenten überzeugt. So wurden in Frankreich im letzten Winter 1 400 Hektar Agroforstsys- teme angelegt. Das Ziel in Frankreich ist, 500 000 Hek- tar mit Wertholz zu bepflanzen, um den Import von Tro- penholz vollständig ersetzen zu können. Nach einer Umfrage im Rahmen des SAFE-Projektes haben 40 Prozent der Landwirte Interesse an der Agro- forstwirtschaft. Was ist zu tun, damit deutsche Landwirte auch in diese Landnutzungsform einsteigen? Die bünd- nisgrüne Bundestagsfraktion hat bereits auf einem Fach- gespräch, zu dem auch Vertreter des BMELV – damals noch BMVEL – eingeladen waren, folgende notwendige Voraussetzungen identifiziert: Erstens. Im Bundeswaldgesetz muss klargestellt wer- den, dass Bäume auf landwirtschaftlichen Nutzflächen kein Wald sind. Zweitens. Die Bundesregierung sollte die Entwick- lung durch ein Kompetenzzentrum beschleunigen. Drittens. Die Forschung über Agroforstwirtschaft muss ausgebaut werden. F d a h 2 N s t f l z r B s e h S w p d d d A c T 8 d ( w f w – j s s g W g d g g o d z (C (D Viertens. Der Weg muss freigemacht werden, dass die ördermittel für die Anlage von Agroforstsystemen aus em ELER-Fonds auch bei den deutschen Landwirten nkommen. Unseren entsprechenden Antrag vom September 2006 aben Union und SPD bei Enthaltung der FDP im Mai 007 abgelehnt. Aber immerhin hat die Fachagentur achwachsende Rohstoffe inzwischen einiges an For- chung zum Thema auf den Weg gebracht. Der aktuelle Antrag der FDP enthält viele der genann- en Maßnahmen, die wir für die Einführung der Agro- orstwirtschaft in Deutschland erforderlich halten, aber eider auch einige Punkte, die wir für falsch bzw. ver- ichtbar halten. Der Antrag der Linken stimmt mit unse- en Zielen überein. Allerdings geht es darin mehr um das undeswaldgesetz und nur am Rande um Agroforstwirt- chaft. In Bezug auf die Waldgesetznovelle werden wir inen deutlich detaillierteren Antrag vorlegen. Ich freue mich auf die Diskussion im Ausschuss und offe, dass danach auch die Koalitionsfraktionen zu dem chluss kommen, dass mit Agroforstwirtschaft alle ge- innen und keiner verliert. Endlich mal wieder ein rima Thema für einen gemeinsamen Antrag. Überwin- en Sie die ideologischen Schranken, liebe Kollegen von er Union. Die Landwirte werden es Ihnen ganz sicher anken. nlage 3 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Volkswirtschaftliche Kosten der Agro-Gentechnik ermitteln und of- fenlegen (Tagesordnungspunkt 25) Dr. Max Lehmer (CDU/CSU): Die volkswirtschaftli- hen Kosten der Grünen Gentechnik waren bereits hema der Kleinen Anfrage der Fraktion Die Linke vom . November 2007. Die Fragen wurden durch die Bun- esregierung, denke ich, bereits hinreichend beantwortet 7. Dezember 2007). Dennoch hat Die Linke es als not- endig erachtet, hierzu noch einmal einen Antrag zu ormulieren. Die Biotechnologie hält wahrscheinlich mehr Ant- orten auf die dringenden Fragen der Menschheit nämlich Gesundheit, Energie und Nahrung – bereit als ede andere Spitzentechnologie. Die Wertschöpfung ver- chiebt sich derzeit in vielen Ländern hin zur FuE-inten- iven Industrie und zu wissensintensiven Dienstleistun- en. Diese Bereiche tragen erheblich mehr zum achstum von Produktion, Außenhandel und Beschäfti- ung bei als andere Bereiche der Wirtschaft. Die Gegner der Grünen Gentechnik führen stets an, iese Technologie sei zu wenig erforscht, ja sprechen so- ar von einer Risikotechnologie. Nun wollen die Kolle- en von der Fraktion Die Linke aber mit ihrem Antrag ffensichtlich die Kosten der Erforschung, zum Beispiel er Sicherheitsforschung, anprangern. Das passt nicht usammen. 17058 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 (A) ) (B) ) Zur Relation der Zahlen: Allein das BMBF fördert Forschungsprojekte und Institutionen mit jährlich rund 6 Milliarden Euro. Auf die Grüne Gentechnik entfallen davon beispielsweise für die Sicherheitsforschung (der mit Abstand größte Posten) nur circa 20 Millionen Euro in den vergangenen fünf Jahren (2003 bis 2007), also 4 Millionen Euro pro Jahr! Man kann in diesem Zusam- menhang demnach wahrlich nicht behaupten, die Grüne Gentechnik verursache hohe Kosten. Sollen die volkswirtschaftlichen Kosten einer Tech- nologie ermittelt werden, hat dies keinen Sinn, ohne sich mit den Chancen und dem Nutzen zu beschäftigen. Die Entscheidung für die Grüne Gentechnik ist längst gefal- len – in Deutschland, in der EU, weltweit! Sie wurde auch deshalb positiv getroffen, da diese Technologie nach breiter wissenschaftlicher Einschätzung enorme Potenziale besitzt und damit ein großer volkswirtschaft- licher Nutzen von ihr zu erwarten ist. Auch liegt es in der Natur der Sache, dass forschende Institutionen – gleich, ob staatlich oder privat – Innovationen immer nur mit entsprechenden Vorleistungen auf den Weg brin- gen können. Wir stehen weltweit vor großen Herausforderungen. Bedingt durch die wachsende Weltbevölkerung steigt der Bedarf an Lebensmitteln, Rohstoffen und Energie in den nächsten Jahrzehnten stark an. Gleichzeitig müssen wir den großen ökologischen Herausforderungen, wie CO2-Minderung oder dem Ersatz fossiler Brennstoffe, gerecht werden. Hierbei steht die Pflanze als zentraler Organismus im Mittelpunkt. Die verfügbare Anbauflä- che für den Pflanzenbau pro Erdenbürger nimmt jedoch dramatisch ab. Sie wird sich laut wissenschaftlicher Pro- gnosen bis zum Jahr 2040 halbieren! Damit ist es unabdingbar, die Leistungsfähigkeit un- serer Kulturpflanzen und damit die Effizienz der Land- wirtschaft entscheidend zu steigern, so zum Beispiel für Pflanzen mit verbessertem Nährstoffgehalt, höherer Energiedichte, größerer Widerstandsfähigkeit gegen kli- matischen Stress (Eignung für wasserarme Standorte) oder Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge und Krank- heiten. Das bietet Möglichkeit zur Vermeidung von Er- trags- und Qualitätsverlusten. Auch ökologische Vorteile wie reduzierter chemischer Pflanzenschutz und verbes- serter Erosionsschutz sind zu nennen. Zur Erreichung dieser Ziele kann die Grüne Gentechnik einen großen Beitrag leisten. Breite Wissenschaftskreise in Deutsch- land und Europa sprechen bei der Biotechnologie aus diesem Grund von einer der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts. Die Kosten von innovativen Technologien können zu einem frühen Zeitpunkt keinesfalls für eine volks- wirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analyse herangezogen werden. Vielmehr gilt es, durch intensive begleitende Forschung die Nutzungsmöglichkeiten umfassend aus- zuloten. Es ist selbstverständlich, dass mit gleicher In- tensität auch die sicherheitsrelevanten Fragen untersucht werden müssen. Der gesamte volkswirtschaftliche Nut- zen hängt letztlich von einer durchgehenden, verantwor- tungsvollen Nutzen-Risiken-Abwägung ab. Die Verhin- d v w s t v z 1 m k d s b b i n s m l S g u v p I t d n w u D A b c s k z r s d c E s d B g w s z s P A (C (D erung von Innovationen dagegen verursacht immense olkswirtschaftliche Kosten! Denken wir nur an die Rote Biotechnologie. Hier urden in den 70er- und 80er-Jahren fatale Fehlent- cheidungen getroffen. Deutschland war einst die Apo- heke der Welt. Aber wir haben längst den Anschluss erloren. Eine Studie der EU-Kommission kam kürzlich u dem Ergebnis, dass im Jahr 2005 lediglich 6 von 40 neu zugelassenen Medikamenten in deutschen Fir- en entwickelt wurden. Zu einem ähnlichen Ergebnis am eine Analyse im Rahmen der Hightech-Strategie er Bundesregierung. 1986 stoppte der damalige hessi- che Umweltminister Joschka Fischer den Bau zweier ereits genehmigter Anlagen für die Produktion von ne- enwirkungsarmem, biotechnologisch erzeugtem Human- nsulin. 1998 – 14 Jahre(!) nach der ursprünglichen Ge- ehmigung und zahlreichen Prozessen vor dem Hessi- chen Verwaltungsgerichtshof – konnte das Unterneh- en schließlich die Produktion aufnehmen. Der Schaden ag im dreistelligen Millionenbereich. Heute muss der taat die auf dem Gebiet der Roten Biotechnologie täti- en Unternehmen mit Milliardenbeträgen unterstützen, m den Anschluss nicht für immerzu verlieren. Der olkswirtschaftliche Schaden ist unermesslich. Das darf uns bei der Grünen Gentechnik nicht auch assieren. Deshalb setzen wir uns nachdrücklich für die ntensivierung der Forschung zur Steigerung der Leis- ungsfähigkeit und Standortanpassung von Pflanzen ein. Elvira Drobinski-Weiß (SPD): Wir reden heute über ie volkswirtschaftlichen Kosten der Grünen Gentech- ik. Und in der Tat halten auch wir es für richtig und ichtig, dass nach über 20 Jahren Debatte über das Für nd Wider der Grünen Gentechnik endlich systematisch aten gesammelt werden, die eine sozioökonomische nalyse ermöglichen. Das könnte die öffentliche De- atte endlich auf eine sachliche Basis stellen. Eine sol- he Bewertung unter Einbeziehung auch der gesell- chaftlichen Kosten könnte dafür sorgen, angesichts napper Kassen die finanziellen Mittel effektiv einzuset- en. Aber wer hier einfach einen von der Bundesregie- ung abzuleistenden Katalog von anderthalb Seiten auf- tellt, macht es sich sehr leicht. Im Rahmen einer Untersuchung der Auswirkungen es Einsatzes transgenen Saatguts auf die wirtschaftli- hen, gesellschaftlichen und politischen Strukturen in ntwicklungsländern hat das Büro für Technikfolgenab- chätzung, TAB beim Deutschen Bundestag zum wie- erholten Mal festgestellt, dass eine sozioökonomische ewertung der Grünen Gentechnik bisher fehlt und drin- end nottut. Dabei wurde aber auch deutlich gemacht, ie schwer es ist, die für eine Gegenüberstellung des ge- ellschaftlichen Nutzens und der Kosten nötigen Daten u ermitteln. Nach unserer Auffassung muss auf EU-Ebene ange- etzt werden. Das EU-Zulassungsverfahren für GVO- flanzen muss überarbeitet und um sozioökonomische spekte erweitert werden. Es reicht nicht aus, die wis- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 17059 (A) ) (B) ) senschaftliche Kompetenz der zuständigen Behörden zu stärken und die Transparenz zu erhöhen. Vielmehr müs- sen die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Einführung eines neuen GVO, die ökologischen Effekte des GVO-Anbaus im Gesamtsystem und die Akzeptanz und die Kontrollmöglichkeiten in die Entscheidung ein- bezogen werden. Vor einer Zulassung müssen Aspekte wie die mögliche Gefährdung traditioneller Anbaufor- men, die Auswirkungen auf Naturschutzgebiete und Kulturlandschaften sowie die Folgen für einzelne Land- wirte, den Wettbewerb und ganze Regionen geprüft und in einer Folgenabschätzung bewertet werden. In diesem Sinne müssen wir uns einsetzen für eine Überarbeitung: Ein transparentes, demokratisches und allgemein aner- kanntes Zulassungsverfahren trägt nicht nur zu einer stärkeren Akzeptanz der Grünen Gentechnik bei, son- dern vermeidet auch jahrelange Diskussionen. Laut TAB ist auch der wirtschaftliche Nutzen gen- technisch veränderter Pflanzen bisher nicht erwiesen. Bei den bisherigen EU-Zulassungen durch die EFSA stellt sich für mich da schon die Frage: Wenn doch der Verdacht auf mögliche Umwelt- oder Gesundheitsrisiken durch naturwissenschaftliche Studien untermauert wer- den muss, um in die Bewertung einzufließen, warum muss es keinerlei Untersuchung bzw. Nachweis für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen des je- weiligen Konstruktes geben? Das muss sich ändern. Der wirtschaftliche Nutzen gentechnisch veränderter Pflanzen ist nicht bewiesen. Liest man die taz von heute, stimmt das vielleicht nicht ganz; denn unter der Über- schrift „Der deutsche Gentech-Filz“ wird über die engen Verknüpfungen zwischen den für die Genehmigung gen- technisch veränderter Organismen zuständigen Behör- den und den Industrievertretern und Lobbyvereinen be- richtet. Beruhigend ist allerdings nicht, dass auf diese Weise der wirtschaftliche Nutzen zumindest für einige gesichert scheint. Üble Verdachtsmomente kommen da auf, die die Akzeptanz der Grünen Gentechnik bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ganz gewiss nicht erhöhen und die die Politik in Misskredit bringen. Des- halb muss solchen Hinweisen dringend nachgegangen werden. Ich gehe davon aus, dass wir dieses Thema noch ganz ausführlich hier debattieren werden. Wir brauchen unbedingt mehr Transparenz in diesem Bereich. Das EU-Parlament hat diese Woche ein obligatori- sches Register für alle Vertreter von Industrieverbänden, Umweltschutzgruppen und anderen Nichtregierungsor- ganisationen gefordert, um mehr Licht ins Treiben der Lobbyisten zu bringen. Dabei sollen auch die „finanziel- len Interessen“ der Lobbyisten aufgelistet werden: Von wem werden sie in welcher Höhe bezahlt? – Diese Initia- tive begrüßen wir sehr. Wir wollen Wahrheit und Klar- heit durch Transparenz. Nur Transparenz schafft Ver- trauen und stellt sicher, dass beim Zulassungsverfahren alles mit rechten Dingen zugeht, dass auch kritische Meinungen einfließen und dass den Bedenken der Men- schen und dem Vorsorgeprinzip ausreichend Rechnung getragen wird. g m n c w m d b d t s r 2 w s B D H b t k z g f n r c t i b s c P d E M v s b n h W s F B n s d t D (C (D Den Antrag der Linken lehnen wir ab. Aber wir sind ern bereit, gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie wir ehr Licht ins Dunkel bringen können. Dr. Christel Happach-Kasan (FDP): Es ist ein zu- ächst einmal richtiger Ansatz, auf die volkswirtschaftli- hen Kosten einer Züchtungsmethode zu schauen, so ie der Antrag der Linken dies fordert. Aber dabei darf an nicht stehen bleiben. Im zweiten Schritt sollte man ann den volkswirtschaftlichen Nutzen ermitteln und eide Zahlen einander gegenüberstellen. Weltweit haben Volkswirtschaften so gehandelt, und as Ergebnis ist, dass von Jahr zu Jahr der Anbau gen- echnisch veränderter Pflanzen steigt. Die Bilanz ist po- itiv. Doch die Linke unterlässt den zweiten Schritt. Wa- um wohl? – Sie fürchtet das Ergebnis. Sie hat selbst von der Regierung erfragt, dass im Jahr 006 durch den Befall mit dem Maiszünsler den Land- irten ein Schaden in Höhe von 11 Millionen Euro ent- tanden ist. Bei Anbau von gentechnisch verändertem t-Mais hätte der Schaden vermieden werden können. er Maiszünsler kommt mit Ausnahme von Schleswig- olstein in jedem Bundesland vor. Im Land Branden- urg, insbesondere im Oderbruch, ist die Befallsrate ex- rem hoch. In ganz Brandenburg lag die Befallshäufig- eit 2007 über 20 Prozent, in den östlichen Landkreisen wischen 30 Prozent und 80 Prozent, im Jahr davor so- ar bei 98 Prozent. Die Zahlen stammen vom Landesamt ür Verbraucherschutz, Landwirtschaft und Flurneuord- ung. Doch das Gentechnikgesetz und die von der Bundes- egierung billigend in Kauf genommene Stimmungsma- he gegen Landwirte, die gentechnisch veränderten Sor- en offen gegenüberstehen, verhindern, dass Landwirte n den Befallsgebieten des Maiszünslers Bt-Mais an- auen. Diese Landwirte sind einem erheblichen psychi- chen Druck ausgesetzt. Das führt dazu, dass in erhebli- hem Umfang die Felder durch Einsatz von chemischen flanzenschutzmitteln geschützt werden müssen und ass die Landwirte dort teilweise herbe wirtschaftliche inbußen hinnehmen müssen. Durch Anbau von Bt- ais ließe sich dies vermeiden. Die Regierungspolitik dieser Bundesregierung und on Landwirtschaftsminister Seehofer persönlich, unter- tützt von der Linken und den Grünen, trägt viel dazu ei, dass in einigen Bundesländern gegenüber der Grü- en Gentechnik eine hysterische Stimmung im Land errscht. Die Bundesregierung tritt dem nicht entgegen. er sich die Zitate anguckt, die ein Aktionsbündnis ge- ammelt und gedruckt hat, liest seitenweise Zitate mit orderungen nach genfreien Lebensmitteln und anderen lödsinn. Äpfel sind gesund. Jede einzelne Zelle hat ei- en Zellkern, der das Genom des Apfels enthält, und die- es besteht aus lauter Genen. Sie, Herr Seehofer, tragen Mitverantwortung daran, ass ein solches Aktionsbündnis so total in die Irre gelei- et wird, dass es solche Sätze druckt: „Mein Essen soll genfrei bleiben.“ – Ulrike Dörfel, ülmen; „Nur genfreie Lebensmittel kommen in meine 17060 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 (A) ) (B) ) Speisen hinein.“ – Gerda Gillmeister, Tuttlingen; „Ohne Gen ist das Leben schen.“ – Moritz Ehrhardt, Pfinzwei- ler; „Mutationen im Essen führen zu Mutationen im Menschen.“ – Norman Jung, Sebnitz; „Wir wünschen uns für die kommende Generation genfreie Lebensmittel. Europa muss genfrei bleiben.“ – Hannelore Kerler, Wan- gen. Ein Minister im Land der Dichter und Denker spricht von Sojamais. Sojamais hat etwas mit Dichtung zu tun, aber nicht mit Denken. Sojamais, was ist das? Eine Kreuzung? Wo kann man Sojamais kaufen? Der Zickzackkurs von Minister Seehofer bei der Grü- nen Gentechnik und seine Ignoranz gegenüber Tatsachen schädigt auch das Ansehen Deutschlands als Wissens- standort. Es ist nur gut, dass die Menschen im Land deutlich weiter sind als der zuständige Minister. Sie wol- len nicht – so eine ganz neue Umfrage von Emnid – dass ihre durchaus vorhandene Skepsis gegenüber der Grünen Gentechnik dazu führt, dass in den ärmsten Ländern der Erde Menschen hungern müssen. Diesen Menschen kön- nen wir die Sicherheit geben, dass der Anbau gentech- nisch veränderter Pflanzen die Umwelt nicht belastet. Im Gegenteil; im Fall des Bt-Maises hat der Anbau sogar Vorteilswirkungen. Wir können ihnen auch die Sicherheit geben, dass der Verzehr von Produkten aus gentechnisch veränderten Pflanzen gesund ist. Es gibt kein einziges Beispiel, das dieses widerlegt. Nur eine effiziente, innovative und unternehmerische Land- und Ernährungswirtschaft kann eine stetig wach- sende Weltbevölkerung – inzwischen leben 6,7 Milliar- den Menschen auf der Erde, 2050 werden es 9 Milliar- den Menschen sein – sicher, qualitativ hochwertig und in ausreichendem Maße ernähren. Produktivität und Effi- zienz dienen neben der Ernährungssicherung dem Klima-, Umwelt-, Verbraucher- und Naturschutz. Eine neue „Grüne Revolution“ auf dem Acker ist notwendig. Dafür müssen wir die Grüne Gentechnik nutzen und dürfen sie nicht verteufeln. Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE): Für Die Linke hat der Schutz der gentechnikfreien Landwirt- schaft und Imkerei absoluten Vorrang; denn sie arbeiten im Interesse der großen Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher. Mit dem Antrag, den wir heute vorlegen, greifen wir in der Debatte um Nutzen und Risiken der Agro-Gen- technik ein Thema auf, das leider oft ausgeblendet wird: die volkswirtschaftlichen Kosten ihrer Anwendung. Wir beantragen, diese Kosten zu ermitteln und offenzulegen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was man dage- gen haben kann – egal, wie man zur Agro-Gentechnik steht. Denn es ist doch eine Selbstverständlichkeit, diese Kosten bei der Diskussion um Nutzen und Risiko der Agro-Gentechnik zu berücksichtigen! Jedem Gesetzentwurf sollte eine gründliche Analyse der finanziellen Auswirkungen vorausgehen. Bei der Novellierung des Gentechnikgesetzes wurden jedoch nur die Kosten der Landes- und Bundesbehörden betrachtet. E K n d g k ö I n r d n d w d n z u d d A P b N u n e n u g n G L t d t N a B V (C (D rleichterungen bei der Antragstellung der Gentechnik- onzerne werden gar als Kostenersparnis gewertet! Die Linke hat die Bundesregierung Ende 2007 in ei- er Kleinen Anfrage (Drucksache 16/7066) bereits nach en volkswirtschaftlichen Kosten der Agro-Gentechnik efragt. Wir wollten zum Beispiel wissen: Wie hoch waren die Kosten der Überwachung des ommerziellen Genmaisanbaus? Welche Kosten entstanden bei Schutzmaßnahmen für kologisch besonders wertvolle Gebiete? Wie hoch sind die Analysekosten von Imkerinnen und mkern zum Nachweis der Gentechnikfreiheit ihres Ho- igs? Die Antwort (Drucksache 16/7441) der Bundesregie- ung dokumentiert ihre Ahnungslosigkeit! Das ist ein Offenbarungseid und absolut inakzeptabel! Denn das bedeutet doch nichts anderes als: Die Bun- esregierung fördert die Anwendung dieser Risikotech- ologie, ohne auch nur zu prüfen, wie viel ihre Anwen- ung die Gesellschaft kostet! Sie will nicht mal wissen, as es die Volkswirtschaft kostet! Oder, um es noch eutlicher zu sagen: Sie lässt zu, dass die Agro-Gentech- ik-Konzerne den Gewinn machen und wir alle dafür be- ahlen! Und auch die gentechnikfreie Landwirtschaft nd Imkerei bleiben auf Mehrkosten sitzen! Diese Kosten zu erfassen das ist das Ziel des Antrags er Linken: Diese Wissenslücke muss geschlossen wer- en! Und die Kosten für die Volkwirtschaft sind vielfältig: Sie entstehen bei Freisetzungsversuchen, also beim nbau nicht zugelassener gentechnisch veränderter flanzensorten; sie entstehen beim kommerziellen An- au von Genmais; Folgekosten treten auch auf durch die otwendigkeit getrennter Lagerungs-, Verarbeitungs- nd Handelswege, durch Prüfkosten usw. Aber: Was man nicht weiß, kann man natürlich auch icht berücksichtigen. Damit ist doch eines klar: Wer ine problemlose Koexistenz zwischen Agro-Gentech- ik auf der einen und gentechnikfreier Landwirtschaft nd Imkerei auf der anderen Seite propagiert, sagt leichzeitig: Koste es, was es wolle! Minister Seehofer betont immer wieder, die gentech- ikfreie Landwirtschaft hätte für ihn Vorrang. Aber das egenteil ist die Realität! Denn die gentechnikfreie andwirtschaft und Imkerei ist nachweisbar mehrbelas- et: erstens durch die Verunreinigungen ihrer Äcker und er Ernte mit gentechnisch verändertem Material, zwei- ens durch Mehrkosten zur Verhinderung oder zum achweis der Freiheit von diesen Verunreinigungen. Dass das eine klare Wettbewerbsverzerrung ist, liegt uf der Hand, und das ausgerechnet zu ungunsten der etriebe, die im Interesse der übergroßen Mehrheit der erbraucherinnen und Verbraucher produzieren. Denn 80 Prozent wollen kein Gen-Food! Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 17061 (A) ) (B) ) Aus diesem Grund beantragt Die Linke, die direkten und indirekten Kosten zu ermitteln und offen zu legen, die der gesamten Volkswirtschaft durch die Anwendung der Agro-Gentechnik entstehen. Übrigens: Im Hessischen Landtag haben sich vergan- gene Woche Grüne, Linke und Sozialdemokraten ge- meinsam gegen gentechnisch veränderte Pflanzen auf landeseigenen Flächen ausgesprochen! Diese politische Mehrheit gibt es auch im Bundestag! Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie uns im Ausschuss ernsthaft über diesen Antrag diskutieren! Ulrike Höfken (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die Kosten der Agro-Gentechnik müssen derzeit von den gentechnikfrei produzierenden Landwirten, den Ver- brauchern und der öffentlichen Hand – die Lebensmittel- kontrolle der Bundesländer und Kommunen – getragen werden. Die Gewinne ernten einige wenige Unterneh- men. Dies läuft dem Verursacherprinzip diametral entge- gen und ist ein politisches Desaster. Mit der Agro-Gentechnik wird zusätzlich ein giganti- scher Verwaltungs- und Bürokratieaufwand erzwungen. Nur einige Teilbereiche sind zum Beispiel von der ABL (Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft) und Grünen untersucht worden: Analysekosten und zusätzli- che Reinigungsarbeiten kosten die konventionell und ökologisch arbeitenden Landwirte zwischen 200 und 2 000 Euro. Gerade jetzt versuchen die US-Konzerne und Futtermittelimporteure, sich von der Verpflichtung zur Vermeidung von Kontamination zu befreien. Dafür sollen tatsächlich sogar Bestandteile von ungenehmigten gentechnisch veränderten Organismen im Futter oder in Lebensmitteln erlaubt sein. Pharmagene oder ungeprüfte Bakterienbestandteile sollen in Futterkrippen und auf den Tellern der Verbraucher landen dürfen. Damit wäre jedes Zulassungsverfahren ad absurdum geführt. Und genau das ist die Absicht dieser Industrie- vertreter, die zurzeit mit aller Macht auf die Entschei- dungsträger Einfluss nehmen; ausdrücklich unterstützt von „Verbraucherminister“ Seehofer und „Bauern“-Ver- bandspräsident Sonnleitner. Milliarden fließen in die Biotechnologie, viel davon indirekt in die Grüne Gentechnik. Direkt wird die Agro- Gentechnik mit 25 Millionen Euro gefördert, völlig am Markt vorbei und obwohl fast 80 Prozent der Verbrau- cher und viele Landwirte die Agro-Gentechnik nicht wollen und die Vermeidung von GVO-Verunreinigung den Betrieben teuer zu stehen kommt. In den Regalen der Supermärkte findet sich kein einziges GVO-Lebens- mittel, und sogar die tatsächliche Aussaatfläche gegen- über der gemeldeten Anbauflächen ist weit geringer. Auch ist die Zahl der Beschäftigten in der Biotechnolo- gie im Zeitraum von 2001 bis 2006 gesunken: von 13 212 Mitarbeitern in 2001 auf 9 670 Mitarbeiter in 2006. Und von dieser bereits geringen Zahl sind die we- nigsten Arbeitsplätze im Bereich des umstrittenen An- wendungsbereichs der Gentechnik zu finden. d m t e G g ü g t k s P s K f t d A g g u a d w v t d F F r e S s N t g i r A m J s a s r b h w n D l g D k l (C (D Um den Verbraucherwillen endlich zu brechen, wer- en gleich noch einmal 2 Millionen Euro in ein „Kom- unikationsmanagement“ gepumpt, noch dazu aus Mit- eln der biologischen Sicherheitsforschung. Gelder für ine unabhängige und fundierte Evaluation der Agro- entechnik werden dagegen verweigert. Und dabei sind ründliche Untersuchungen dieser Risikotechnologie berfällig. Die waghalsigen Versprechungen der Gentechlobby enerell sind mehr als fragwürdig. Erstens: Agro-Gen- echnik rettet die Welternährung. Es ist allgemein be- annt, dass Hunger viele Ursachen hat: Verteilung, Was- erknappheit, Lagerungsprobleme, Kriege usw. Diese robleme lassen sich nicht einfach durch eine techni- ierte und teure Ertragssteigerung lösen. Bauern und leinbauern werden in eine riskante Abhängigkeit ge- ührt, und dies kostet sie ihre Existenz. Und selbst Er- ragssteigerungen sind nicht wissenschaftlich glaubwür- ig belegt, nicht bei uns und erst recht nicht unter den nbaubedingungen, wie sie in den Entwicklungsländern elten. Das zynischste Produkt ist der „Golden Reis“, der entechnisch vitaminisiert ist. Menschen, die hungern nd denen eine gute Ernährung vorenthalten wird, leiden n Mangelkrankheiten, etwa Blindheit, und sollen statt- essen mit dem Wunderreis „geheilt“ werden. Dabei äre eine ordentliche Gesundheits- und Nahrungsmittel- ersorgung die viel hilfreichere und effizientere Me- hode. Der „Golden Reis“ ist eine unethische Markt- urchsetzungsstrategie. Stattdessen sollten wir auf uttermittelimporte wie Gensoja und unseren exzessiven leischkonsum verzichten und die Flächen für die Nah- ungsmittelerzeugung nutzen Zweitens: Agro-Gentechnik spart Pestizide. Dies ist ine schöne Versprechung. Gelungen ist dies noch nie. tattdessen werden die Resistenzen gegen Herbizide ge- teigert, ergibt eine neue Studie des Bundesamtes für aturschutz. Demnach gab es schon 2005 acht Unkräu- er, die gegen Glyphosat resistent waren – Tendenz stei- end. Laut dem letzten ISAAA-Bericht – die ISAAA gibt m Auftrag der internationalen Biotechnologie-Industrie egelmäßig Berichte über die angeblichen Erfolge der gro-Gentechnik heraus – wird für Brasilien angenom- en, dass der Anbau von Round-up-Ready-Soja in den ahren 2003 bis 2005 den Landwirten eine Einkommen- teigerung um 1,4 Milliarden Dollar gebracht habe. Wie ber ist diese Zahl zustande gekommen? Laut einer Ein- chätzung des Büros für Technikfolgenabschätzung be- uht diese Zahl letztlich auf Zahlen einer Auswertung zw. Schätzung der paranáischen Landwirtschaftsbe- örde, also eines brasilianischen Bundesstaates. Erhoben urde sie noch dazu nur für das Jahr 2004 für – eine icht genannte Zahl von – Produzenten in West Paraná. iese Schätzung ergab einen Kostenvorteil von 74 Dol- ar pro Hektar für das Jahr 2004 der HR-Sojabauern ge- enüber den konventionell anbauenden Landwirten. iese Zahl sagt noch nichts über den Gewinn aus, weil eine Ertragsangaben gemacht werden. Woher die Zah- en in der ISAAA-Studie dann für die anderen Jahre und 17062 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 (A) ) (B) ) für Brasilien insgesamt stammen, bleibt unklar. Das TAB vermutet, dass diese 74 Dollar pro Hektar für die restlichen Jahre mit den vom ISAAA geschätzten An- bauzahlen für Brasilien einfach multipliziert wurde. Die Beispiele zeigen deutlich: Die volkswirtschaftli- chen Kosten der Agro-Gentechnik sind viel zu hoch, der Nutzen für Landwirte, wenn überhaupt, gering, und Ver- braucher haben gar keinen Nutzen von der Agro-Gen- technik – nur höhere Preise, weil die Vermeidungskosten steigen. Die Forderung ist schon in zahlreichen Anträgen ent- halten, aber es schadet ja nichts, dem noch einmal zuzu- stimmen. Anlage 4 Amtliche Mitteilungen Der Bundesrat hat in seiner 843. Sitzung am 25. April 2008 beschlossen, den nachstehenden Gesetzen zuzu- stimmen bzw. einen Antrag gemäß Artikel 77 Abs. 2 des Grundgesetzes nicht zu stellen: – Gesetz zur Änderung des Wahlprüfungsgesetzes – Erstes Gesetz zur Änderung des Hopfengesetzes – Gesetz zur Durchführung der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH-Anpassungsgesetz) – Sechzehntes Gesetz zur Änderung des Wehrsold- gesetzes (16. WSGÄndG) – Gesetz zu der Entschließung vom 8. Juli 2005 zur Änderung des Übereinkommens vom 26. Oktober 1979 über den physischen Schutz von Kernmate- rial – Gesetz zu dem Internationalen Übereinkommen von 2001 über die Beschränkung des Einsatzes schädlicher Bewuchsschutzsysteme auf Schiffen (AFS-Gesetz) – Gesetz zu dem Vertrag vom 8. September 2006 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Trinidad und Tobago über die För- derung und den gegenseitigen Schutz von Kapi- talanlagen – Gesetz zu dem Vertrag vom 1. August 2006 zwi- schen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Madagaskar über die gegenseitige För- derung und den gegenseitigen Schutz von Kapi- talanlagen – Gesetz zu dem Abkommen vom 8. November 2006 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Guinea über die gegenseitige För- derung und den gegenseitigen Schutz von Kapi- talanlagen – Gesetz zu dem Vertrag vom 5. Februar 2007 zwi- schen der Bundesrepublik Deutschland und dem – – – ß s e D E i f b J d w s d g M s d g g – ß t L B h s h s k g e s k s u n h (C (D Königreich Bahrain über die Förderung und den gegenseitigen Schutz von Kapitalanlagen Gesetz zu dem Vertrag vom 30. Mai 2007 zwi- schen der Bundesrepublik Deutschland und dem Sultanat Oman über die Förderung und den ge- genseitigen Schutz von Kapitalanlagen Gesetz zur Regelung des Statusrechts der Beam- tinnen und Beamten in den Ländern (Beamten- statusgesetz – BeamtStG) Gesetz zur Förderung von Jugendfreiwilligen- diensten Darüber hinaus hat er die nachstehende Entschlie- ung gefasst: Die Bundesregierung wird aufgefordert, Migranten- elbsthilfeorganisationen gezielt anzusprechen und zu ntsprechenden Maßnahmen zu ermuntern, an der urchführung der Jugendfreiwilligendienste sowohl als insatzstelle, aber auch als Träger mitzuwirken. Dabei st jedoch darauf zu achten, dass keine Sonderstrukturen ür junge Menschen mit Migrationshintergrund aufge- aut werden. Insbesondere ist bei der Durchführung der ugendfreiwilligendienste darauf zu achten, dass sowohl ie Träger der Jugendfreiwilligendienste als auch die je- eiligen Einsatzstellen die Integration der jungen Men- chen in die deutsche Gesellschaft anstreben und dabei er Dienst unter Beachtung der Grundwerte des Grund- esetzes gemeinwohlorientiert ausgerichtet ist. Besonders begrüßenswert sind Partnerschaften von igrantenselbsthilfeorganisationen mit den bereits be- tehenden, zugelassenen Trägern der Jugendfreiwilligen- ienste, um voneinander zu profitieren und mehr Ju- endliche mit Migrationshintergrund als Freiwillige zu ewinnen. Gesetz zur strukturellen Weiterentwicklung der Pflegeversicherung (Pflege-Weiterentwicklungs- gesetz) Darüber hinaus hat er die nachstehende Entschlie- ung gefasst: Der Bundesrat begrüßt, dass mit dem Pflege-Wei- erentwicklungsgesetz die notwendige Anpassung der eistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung an die edarfslage der Pflegebedürftigen und ihrer Ange- örigen gelungen ist. Dazu gehören insbesondere die tufenweise Anhebung der Pflegesätze, die auch die äuslichen Versorgungsstrukturen verbessert, sowie die ubstanzielle Verbesserung der Leistungen für Demenz- ranke. Der Bundesrat bedauert jedoch, dass es nicht gelun- en ist, die gesetzliche Pflegeversicherung auf eine dau- rhaft gesicherte Finanzierungsbasis zu stellen. Der Bundesrat hält deshalb einen weiteren Reform- chritt für dringend erforderlich, um die Leistungsfähig- eit und Finanzierungsbasis der gesetzlichen Pflegever- icherung auch angesichts des demografischen Wandels nd der damit verbundenen absehbaren deutlichen Zu- ahme der Zahl der pflegebedürftigen Menschen dauer- aft zu sichern. In diesem Rahmen ist der Aufbau eines Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 161. Sitzung. Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 17063 (A) (C) (B) ) Kapitalstocks unverzichtbar, da ein reines Umlagesys- tem, das sich allein an den Arbeitskosten orientiert, auf Dauer überfordert wäre. Die Vorsitzenden der folgenden Ausschüsse haben mitgeteilt, dass der Ausschuss gemäß § 80 Abs. 3 Satz 2 der Geschäftsordnung von einer Berichterstattung zu den nachstehenden Vorlagen absieht: Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung – Unterrichtung durch die Bundesregierung Wohngeld- und Mietenbericht 2006 Drucksache 16/8135 Nr. A.25 Ratsdokument 5153/08 Drucksache 16/8296 Nr. A.2 EuB-EP 1636; P6_JA-PROV(2008)0612 Ausschuss für Wirtschaft und Technologie Drucksache 16/4635 Nr. 2.21 Ratsdokument 6312/07 Drucksache 16/7817 Nr. A.5 Ratsdokument 10215/07 Drucksache 16/7817 Nr. A. 14 Ratsdokument 15650/07 Drucksache 16/8135 Nr. A.9 Ratsdokument 16840/07 Drucksache 16/8135 Nr. A.22 – Drucksachen 16/5853, 16/6369 Nr. 1.6 – Ausschuss für Wirtschaft und Technologie – Unterrichtung durch die Bundesregierung Stand und Bewertung der Exportförderung sowie Eva- luierung der Exportinitiative Erneuerbare Energien – Drucksachen 16/8276, 16/8814 Nr. 1 – – Unterrichtung durch die Bundesregierung Sondergutachten der Monopolkommission gemäß § 62 Abs. 1 des Energiewirtschaftsgesetzes Strom und Gas 2007: Wettbewerbsdefizite und zöger- liche Regulierung – Drucksachen 16/7087, 16/7573 Nr. 2 – Die Vorsitzenden der folgenden Ausschüsse haben mitgeteilt, dass der Ausschuss die nachstehenden Uni- onsdokumente zur Kenntnis genommen oder von einer Beratung abgesehen hat. Auswärtiger Ausschuss Drucksache 16/8455 Nr. A.l Ratsdokument 5928/08 Drucksache 16/8455 Nr. A.2 Ratsdokument 5947/08 Drucksache 16/8455 Nr. A.3 Ratsdokument 6049/08 Innenausschuss Drucksache 16/150 Nr. 2.230 Ratsdokument 13019/05 Drucksache 16/4501 Nr. 1.8 EuB-EP 1453;P6_TA-PROV(2006)0602 Drucksache 16/5681 Nr. 1.11 Ratsdokument 9243/07 Drucksache 16/7817 Nr. A.19 Ratsdokument 14143/07 (D Ratsdokument 5121/08 Drucksache 16/8815 Nr. A.13 Ratsdokument 5780/08 Drucksache 16/8815 Nr. A. 16 Ratsdokument 7146/08 Ausschuss für Arbeit und Soziales Drucksache 16/8455 Nr. A.10 Ratsdokument 5869/08 Drucksache 16/8455 Nr. A.ll Ratsdokument 5999/08 Drucksache 16/8609 Nr. A.7 EuB-EP 1627; P6_TA-PROV(2008)0574 Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union Drucksache 16/6389 Nr. 1.41 Ratsdokument 11491/07 Drucksache 16/6389 Nr. 1.50 Ratsdokument 11489/07 Drucksache 16/63 89 Nr. 1.95 Ratsdokument l T625/07 Drucksache 16/6865 Nr. 1.22 Ratsdokument CIG 1/1/07 REV1 Drucksache 16/6865 Nr. 1.23 Ratsdokument CIG 2/1/07 REV1 Drucksache 16/6865 Nr. 1.24 Ratsdokument CIG 3/1/07 REV1 Drucksache 16/6865 Nr. 1.25 Ratsdokument CIG 4/1/07 REV1 Drucksache 16/7817 Nr. A.26 Ratsdokument CIG 14/07 Drucksache 16/7817 Nr. A.27 Ratsdokument CIG 15/07 Drucksache 16/7905 Nr. A.17 Ratsdokument 16752/07 Drucksache 16/8135 Nr. A.2 Ratsdokument 16747/07 Drucksache 16/8135 Nr. A.17 Ratsdokument 16714/07 161. Sitzung Berlin, Freitag, den 9. Mai 2008 Inhalt: Redetext Anlagen zum Stenografischen Bericht Anlage 1 Anlage 2 Anlage 3 Anlage 4
Gesamtes Protokol
Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616100000

Die Sitzung ist eröffnet.

Guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
begrüße Sie sehr herzlich zu unseren heutigen Beratun-
gen. Wir können unmittelbar in die Tagesordnung ein-
steigen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 21 a und 21 b auf:

a) Beratung der Unterrichtung durch die Bundes-
regierung

Migrationsbericht 2006

– Drucksache 16/7705 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für Kultur und Medien

b) Beratung der Unterrichtung durch die Bundesre-
gierung

Erfahrungsbericht der Bundesregierung zu
Durchführung und Finanzierung der Integra-

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tionskurse nach § 43 Abs. 5 des Aufenthaltsge-
setzes

– Drucksache 16/6043 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache eineinviertel Stunden vorgesehen. – Sie
sind damit einverstanden, wie ich sehe. Dann können wir
so verfahren.

Ich eröffne die Aussprache und erteile als erstem Red-
ner das Wort Herrn Bundesminister Dr
Schäuble.


(Beifall bei der CDU/CSU)


(C (D ung n 9. Mai 2008 0 Uhr Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister des Inern: Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Das hänomen der weltweiten Migration – Ursache und olge zunehmender Globalisierung zugleich – tritt zuehmend an die Spitze auf der globalen politischen genda. Ohne umfassende Analyse der Migration würen wir mit unseren Konzepten für Zuwanderung, lüchtlingsschutz und Integration nur schwer vorankomen. Deswegen brauchen wir aussagekräftige Statistiken nd Berichte zur Entwicklung des Migrationsgescheens. Mit dem Migrationsbericht 2006 legen wir einen mfassenden Überblick über die Entwicklung der Zund Abwanderung, über die rechtlichen Hintergründe er Zuwanderung und über die Struktur der ausländichen Bevölkerung und der Bevölkerung mit Migraionshintergrund vor. Ich will ein paar Schlaglichter dieses Berichts kurz ennen: Der Wanderungssaldo 2006 von Deutschen und usländern war mit einem Plus von 23 000 Zuwande ern auf dem niedrigsten Stand seit 1984. Wir hatten 62 000 Zuzüge und 639 000 Fortzüge. Bei den Auslänern gab es einen Wanderungsüberschuss von rund 5 000 Personen. Bei den Deutschen gab es unter dem trich eine Abwanderung von 59 000 Personen. Haupt ext ziel für deutsche Auswanderer – übrigens auch Hauptherkunftsland von deutschen Rückkehrern – waren die Vereinigten Staaten von Amerika. Im Zeitraum seit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes am 1. Januar 2005 bis Ende 2006 erhielten – auch diese Zahl ist bemerkenswert – 1 123 hochqualifizierte Ausländer eine Niederlassungserlaubnis nach § 19 Aufenthaltsgesetz. Es gab im Jahr 2006 gegenüber 2005 eine leichte Steigerung bei der Ersteinreise von Hochqualifizierten. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung liegt weiterhin bei rund 8,8 Prozent. Rund ein Viertel aller in Deutschland lebenden Ausländer – es sind genau 25,6 Prozent – sind türkische e. Das ist damit die größte Gruppe ausanderer in Deutschland. Knapp ein weiind übrigens Bürger der Europäischen zent. . Wolfgang Staatsangehörigländischer Zuw teres Viertel s Union: 24,4 Pro Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble Noch eine Zahl: Im Jahr 2006 wurden 125 000 Personen eingebürgert, seit Inkrafttreten des neuen Staatsangehörigkeitsrechts im Jahre 2000 insgesamt rund 1 Million. Eine letzte Zahl: Im Jahr 2006 sind knapp 100 000 Personen mit einer dauerhaften Bleibeperspektive aus Staaten außerhalb der Europäischen Union zu uns gekommen, davon 56 302 im Wege des Familiennachzugs, 7 747 Spätaussiedler, 29 466 zum Zwecke der Beschäftigung usw. Sie sehen an diesen Zahlen, dass sich bei Menschen mit einer dauerhaften Bleibeperspektive die Notwendigkeit der Integration stellt; denn bei Zuwanderung mit der Perspektive, dauerhaft zu bleiben, ist es entscheidend, dass die Integration gelingt. Die Zahlen, von denen der Migrationsbericht viele enthält – ein paar habe ich genannt –, belegen – deswegen habe ich sie so ausgewählt –, dass zur Dramatisierung in mancherlei Richtung nicht zu viel Anlass besteht. Durch die Zahlen kann man die Dinge vielmehr wieder auf den realen Kern zurückführen. Wir wissen, dass die Defizite, die wir im Bereich der Integration haben, nicht durch die aktuellen Zuwanderungszahlen begründet sind. Wir wissen, dass diese Defizite vor allen Dingen bei Menschen der zweiten und dritten Generation bestehen, also bei Menschen, deren Eltern oder Großeltern vor Jahrzehnten zugewandert sind. Deswegen war es richtig – ich will daran erinnern –, dass die Bundeskanzlerin in ihrer Regierungserklärung zu Beginn dieser Legislaturperiode die Bekämpfung der Integrationsdefizite innerhalb der zweiten und dritten Generation zu einem Schwerpunkt der Politik in dieser Legislaturperiode erklärt hat. Die vielfältigen Bemühungen von Bund, Ländern, Kommunen und Zivilgesellschaft – Sport und vieles andere mehr –, die es diesbezüglich gibt, werden durch die Integrationsbeauftragte, die Kollegin Böhmer, koordiniert. Ich will darauf hinweisen, dass diese Bemühungen auch im Rahmen des Integrationsgipfels Schritt für Schritt vorangebracht werden. Ich glaube, dass wir schon ein gutes Stück vorangekommen sind. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)





(A) )


(B) )


Die Bemühungen des Bundes sind nur ein Teil der In-
tegrationsmaßnahmen; das muss man immer berücksich-
tigen. Die wichtigste integrationspolitische Einzelmaß-
nahme des Bundes ist der Integrationskurs. Im
Jahr 2008 haben wir dafür Haushaltsmittel in Höhe von
insgesamt rund 155 Millionen Euro zur Verfügung ge-
stellt. Die Integrationskurse sollen dazu beitragen, dass
Ausländer die Chancen, die unser Land allen bietet, bes-
ser nutzen können. Die Kurse sollen die gleiche Teilhabe
dieser Menschen an unserer Gesellschaft stärken. Die In-
tegrationskurse sind ein Erfolg. Seit 2005 haben über
27 000 Kurse begonnen. 185 000 Teilnehmer haben den
Kurs bereits abgeschlossen. Wir evaluieren von Anfang
an und beständig. Aus diesen Studien ziehen wir immer
wieder Konsequenzen im Sinne von Verbesserungen:
Wir haben die Stundenkontingente flexibler gestaltet,
das Verfahren entbürokratisiert und finanzielle Anreize
geschaffen; so wird beispielsweise nach erfolgreicher
Teilnahme der Kostenbeitrag teilweise zurückerstattet.

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(C (D as ist ein fortlaufender Prozess, wir kommen damit oran. Ich will eine Bemerkung zur Sprache machen. Das eherrschen der deutschen Sprache ist zwar keine hin eichende Voraussetzung für gelingende Integration, ber es ist eine notwendige, damit Bildungschancen und hancen auf dem Arbeitsmarkt genutzt werden können. hancen im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt ind natürlich die eigentliche Voraussetzung für gelinende Integration. Sprachkenntnisse sind aber unerlässich, damit diese Chancen genutzt werden können; desegen ist das so wichtig. Wir haben beschlossen, dass auch die Eltern der Kiner, insbesondere die Mütter, die deutsche Sprache leren sollen. Das ist notwendig – das sagen insbesondere ie Lehrer der Schulen, die davon besonders betroffen ind –, damit wir nicht in jeder Generation wieder von orne anfangen müssen. Deswegen haben wir im Zuammenhang mit dem Familiennachzug gesagt: Es ist esser, wenn bei Einreise zumindest ein Minimum an eutschen Sprachkenntnissen vorhanden ist. (Beifall bei der CDU/CSU – Clemens Binninger [CDU/CSU]: Sehr richtig! – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Fragt sich nur, für wen das besser ist!)


ir kommen damit voran. Ich habe mir das in der Türkei
m vergangenen Jahr genau angeschaut. Die anfänglich
efürchteten Schwierigkeiten sind längst weitgehend
erschwunden. Es funktioniert und wirkt sich in der Pra-
is Schritt für Schritt aus.

Das bringt mich zu einer anderen Bemerkung: Inte-
ration kann nur gelingen, wenn sie als Prozess der Ge-
enseitigkeit verstanden wird. Wir brauchen Fördern
nd Fordern. Wir brauchen die Bereitschaft der Aufnah-
egesellschaft zur Offenheit, die Bereitschaft der Auf-

ahmegesellschaft, Zuwanderer aufzunehmen. Wir brau-
hen aber auch die Bereitschaft der Zuwanderer bzw. der
ugewanderten, in diesem Land heimisch werden zu
ollen. Auch das ist unerlässlich; das muss man sagen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Wir wollen nicht – dazu ist Deutschland viel zu dicht
esiedelt und Europa viel zu kleinräumig und kleinteilig –
arallelgesellschaften entstehen lassen. Das ist das Ge-
enteil von gelingender Integration. Das ist keine gute
oraussetzung dafür, dass Toleranz, Offenheit und
riedlichkeit in unserem Land bewahrt werden. Wir wol-

en keine Parallelgesellschaften, sondern Integration;
arauf müssen wir setzen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Angesichts von Erfahrungen mit Medien, die wir
twa im Zusammenhang mit der Brandkatastrophe in
udwigshafen gemacht haben, will ich noch einmal sa-
en: Es gibt auch eine Verantwortung der Medien.
erzerrende Mediendarstellungen solcher Ereignisse,
eispielsweise auch in türkischen Zeitungen, dienen
icht der Integration; sie fördern das Gegenteil. Jeder






(A) )



(B) )


Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble
muss seine Verantwortung wahrnehmen, der Staat al-
leine kann es nicht.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Deswegen will ich im Hinblick auf die viel disku-
tierte, vielleicht auch ein bisschen missverständliche
Rede von Premierminister Erdogan eine Bemerkung ma-
chen; Wahlkampfreden haben es gelegentlich an sich,
dass sie im politischen Streit ein bisschen aufgeladen
werden.


(Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Das ist bei uns ja ganz anders!)


– Ich sagte ja deswegen gerade: „Hängt es ein bisschen
tiefer!“


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Er hat auch ein paar gute Sachen gesagt!)


– Sage ich doch. Ich habe nichts Gegenteiliges gesagt.

Ich wollte nur eines dazu sagen: In dieser Rede und
der Debatte dazu ist klargeworden, dass es wichtig ist,
sich dazu zu bekennen, dass wir den Menschen nicht auf
Dauer die Entscheidung ersparen können, ob sie ihre bis-
herige Staatsangehörigkeit behalten oder eine neue be-
antragen wollen. Das ist für Zuwanderer, die auf Dauer
zuwandern, eine schwere Entscheidung. Sie fällt Men-
schen niemals leicht; aber sie kann ihnen nicht erspart
werden. Wenn man die Entscheidung verweigert, dann
erfüllt man nicht die Grundvoraussetzung, die notwen-
dig ist, damit Integration, Anpassung und Heimischwer-
den in der neuen Heimat gelingen.

Es war daher richtig, dass wir die Einführung der re-
gelmäßigen doppelten Staatsangehörigkeit verhindert ha-
ben und jetzt – das habe ich mit der türkischen Regierung
verabredet – mit der türkischen Regierung zusammen-
arbeiten, damit Probleme im Alltag und im konkreten
Verwaltungsvollzug bei der Umsetzung der Optionslö-
sung verhindert werden können.

Ich will in aller Kürze noch eine Bemerkung zu einem
weiteren Thema machen. Ein spezieller Aspekt von Mi-
gration und Integration ist die Tatsache, dass der Islam
ein Teil unseres Landes geworden ist. Dem tragen wir
mit der Islamkonferenz Rechnung, in deren Rahmen
wir versuchen, die Thematik aufzuarbeiten. Darüber ha-
ben wir vielfältig diskutiert und werden es weiter tun
müssen. Ich finde, dass wir mit dem Prozess, den wir
durch diesen Dialog zwischen Bund, Ländern und Kom-
munen sowie der vielfältigen pluralen Gemeinschaft von
Muslimen in unserem Lande auf den Weg gebracht ha-
ben, insgesamt gut vorangekommen sind.

Das wird im Übrigen insbesondere durch den Streit,
der dort vielfältig stattfindet, sichtbar. Denn Streit und
plurale Debatten sind Voraussetzung für offene demo-
kratische Prozesse. Deswegen stört mich dieser Streit
nicht. Ich sehe es vielmehr als einen Fortschritt, dass die
Vielfalt von muslimischem Leben in unserem Lande
Muslimen wie der Mehrheitsgesellschaft durch diese
vielfältigen Debatten sichtbar wird. Auch wenn wir noch

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(C (D icht zu einem Ergebnis gekommen sind, weiß ich: Das st genau der richtige Weg, damit Integration gelingt. Im Übrigen haben wir eine Reihe von wichtigen Verinbarungen zustande gebracht. Die Voraussetzungen für ie Erteilung von Religionsunterricht als Bekenntnisunerricht im Sinne von Art. 7 des Grundgesetzes, wenn er enn gewünscht wird, wurden in der Partnerschaft gechaffen. Wir haben gemeinsame Erklärungen über rundrechte, Grundwerte und Grundverständnisse unse er Verfassung mit allen Vertretern in der Islamkonferenz erfasst; unter anderem auch dazu, dass islamistische estrebungen, das heißt, der Missbrauch der Religion zu wecken gewalttätiger Auseinandersetzungen, zu beämpfen sind. Wir sind also insgesamt auf einem guten eg vorangekommen. Ich will eine letzte Bemerkung machen, weil auch ies in den Zusammenhang von Migration und Integraion gehört. In einem Europa der offenen Grenzen könen wir Migrationspolitik nicht mehr alleine national teuern. Deswegen brauchen wir eine gemeinsame euroäische Politik zur Bekämpfung illegaler Migration. ir haben gemeinsame Außengrenzen, wir brauchen ine gemeinsame Flüchtlingspolitik. Wir bleiben dabei, ass die Frage der Steuerung legaler Migration in den rbeitsmarkt Sache der Mitgliedstaaten bleibt, die die ompetenz für den Arbeitsmarkt haben. Natürlich gibt s in der Partnerschaft mit Herkunftsund Transitstaaen, die man braucht, um die Schleuserkriminalität zu ekämpfen, auch Verbindungen zwischen der Steuerung egaler und der Bekämpfung illegaler Migration. Dabei üssen wir auch die Interessen der Dritten Welt, der erkunftsländer bedenken. Das nennt man dann struktu ierte Migration. Und wenn wir dies tun, sehen wir auch en Zusammenhang zwischen Migration und globaler erantwortung. Wenn wir eine solche Gesamtkonzeption er Migrationspolitik verwirklichen, dann werden wir nserer Verantwortung für die Zukunft gerecht. Vielen Dank. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616100100

Nächste Rednerin ist die Kollegin Sibylle Laurischk

ür die FDP-Fraktion.


(Beifall bei Abgeordneten der FDP)



Sibylle Laurischk (FDP):
Rede ID: ID1616100200

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und

erren! Herr Minister Schäuble, Sie haben gerade das
hema Auswanderung angesprochen. Wir sollten nicht
ergessen, dass die Auswanderung in die Schweiz ins-
esondere in unserer südbadischen Heimat mittlerweile
edeutsam geworden ist. Die Schweiz hat wohl einen
tandortvorteil. In der Schweiz wird gut verdient, und
uch die Arbeitsbedingungen sind gut – das gilt insbe-
ondere für diejenigen, die im Gesundheitswesen tätig
ind –, sodass immer mehr Deutsche ihren Arbeitsplatz
nd ihren Wohnort dort nehmen.






(A) )



(B) )


Sibylle Laurischk
Deutschland wird vielfältiger; dieses Phänomen heißt
auf Neudeutsch „Diversity“. Der aktuelle Migrationsbe-
richt zeigt dies klar auf. Der Anteil der Bevölkerung, der
einen Migrationshintergrund hat, steigt kontinuierlich. In
Großstädten ist in weiterer Zukunft mit einer Größenord-
nung von 40 bis 50 Prozent zu rechnen. Daran wird deut-
lich, dass die Integrationspolitik eine der wichtigsten ge-
sellschaftspolitischen Herausforderungen der Zukunft
ist.

Die Tatsache, dass Migration stattfindet, wurde mit
dem Satz „Deutschland ist kein Einwanderungsland.“
lange Zeit schlichtweg geleugnet. Andere hingegen fan-
den „Multikulti“ besonders schick. Die Grünen lehnten
noch vor zwei Jahren tatsächlich das Sprechen der deut-
schen Sprache auf Berliner Schulhöfen ab.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Falsch! Nur die Pflicht! – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Haben Sie einmal über die Konsequenzen nachgedacht?)


Plötzlich mussten Migrantenkinder ihr Deutschsprechen
gegen die vermeintlich politisch Korrekten verteidigen.
Das war verkehrte Welt.


(Beifall bei der FDP)


Tatsächlich erfolgt Integration über die Kenntnis der
deutschen Sprache. Viele Migranten haben aber keine
ausreichenden Deutschkenntnisse, auch wenn sie in
Deutschland aufgewachsen und hier zur Schule gegan-
gen sind. Dies hat nichts mit der Schulart zu tun, sondern
ist ausschließlich auf die Intensität der Förderung zu-
rückzuführen.

Die FDP will, dass Kinder so früh wie möglich geför-
dert werden. Entscheidend ist dabei die durchgängige,
systematische Sprachförderung: vom Kindergarten über
die Schule bis hin zur beruflichen Bildung. Der Schlüs-
sel zum Bildungserfolg und damit zum Zugang zur Ar-
beitswelt ist die Kenntnis der deutschen Sprache.
Sprachstandstests dienen einer frühen Problemanalyse,
die allerdings auch Konsequenzen haben muss. Statt ver-
säumte Bildungsangebote nachzuholen, müssen wir Kin-
der und Jugendliche früh für ein Leben in und nicht am
Rande unserer Gesellschaft fit machen. Hier sind auch
die Länder gefordert. Wir wissen: Wer am Anfang spart,
legt am Ende drauf.

Gleiches gilt für die nachholende Integration lange
hier lebender Migranten und neuer Zuwanderer. Das Ziel
der Sprachkurse, die im Rahmen der Integrationsbemü-
hungen durchgeführt werden, ist dann erreicht, wenn
sich die Kursteilnehmer im täglichen Leben in ihrer Um-
gebung sprachlich selbstständig zurechtfinden, entspre-
chend ihrem Alter und Bildungsstand ein Gespräch füh-
ren und sich schriftlich ausdrücken können. Dieses B 1
genannte Niveau wird mit den geltenden 900 Lernstun-
den nicht erreicht. Die Praxis zeigt deutlich, dass es der
Mehrzahl der Kursabsolventen nicht möglich ist, das an-
gestrebte Niveau nach 900 Lernstunden zu erreichen.

Die FDP fordert deshalb, dass im Rahmen der Inte-
grationskurse 1 200 Unterrichtsstunden durchgeführt

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(C (D erden. Außerdem sollte die Möglichkeit geschaffen erden, innerhalb dieser Stundenzahl ein höheres prachniveau als B 1 zu erreichen, um letztendlich insesondere beruflich qualifizierten Migranten die Areitsaufnahme zu erleichtern. Das Unterrichtsniveau hängt natürlich auch von einer ngemessenen Bezahlung der Lehrkräfte ab. Es kann icht angehen, dass qualifizierte Lehrkräfte Einkünfte uf Hartz-IV-Niveau beziehen. Das ist ein falsches Sinal. Der Integrationsarbeit muss eine angemessene ertschätzung entgegengebracht werden. err Innenminister, ich lade Sie ein, sich einmal die konrete Situation in unserem Wahlkreis gemeinsam mit mir nzuschauen. (Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Am besten in allen!)


(Beifall bei der FDP)


Lassen Sie mich jetzt noch das Thema Ehegatten-
achzug ansprechen. Die Bundesregierung hat nach
uffassung der FDP mit dem neuen Zuwanderungsrecht
hen zweiter Klasse geschaffen. Hier müssen die nach-
iehenden Ehegatten in ihrem Heimatland Deutsch ge-
ernt haben, während das für andere nicht gilt.

Die Frühjahrskonferenz der Integrations- und Auslän-
erbeauftragten der Länder hat Ende April dieses Jahres
estgestellt, dass sich diesbezüglich einige Schwierigkei-
en ergeben haben und dass eine Bewertung der tatsäch-
ichen Auswirkungen dieser Gesetzeslage notwendig ist


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das war sogar noch tiefgestapelt!)


zw. dass in begründeten Ausnahmefällen eine Einreise
hne Sprachnachweis ermöglicht werden sollte. Erweist
ich das neue Gesetz bereits als nicht tragfähig? Unsere
nstrengungen müssen doch dahin gehen, Frauen in ih-

em Potenzial zur Integration gerade der Familie und der
inder zu stärken und nicht auszugrenzen.

Unverzichtbar für eine gelingende Integration bleibt
ie Unvoreingenommenheit gegenüber und die Akzep-
anz von Migranten; denn sie bedeuten für diese Gesell-
chaft Zukunft und Entwicklung.

Ich empfehle die Lektüre dieser beiden Berichte. Eine
oderne Gesellschaft braucht Vielfalt, nicht Einfalt.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616100300

Für die SPD-Fraktion spricht nun der Kollege

üdiger Veit.


(Beifall bei der SPD)



Rüdiger Veit (SPD):
Rede ID: ID1616100400

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

ls ich zu dieser Debatte kam, traf ich draußen den Kol-
egen Josef Winkler. Wir schätzten übereinstimmend ein
das ist bisher auch wahr geworden –, dass diese De-
atte nicht besonders streitig werden wird. Natürlich bie-






(A) )



(B) )


Rüdiger Veit
ten die nüchternen Zahlen nur bedingt Material für
Streit; aber auf einige unterschiedliche Schlussfolgerun-
gen muss man meines Erachtens hier und da auch hin-
weisen. Wir sprechen unter anderem über den Erfah-
rungsbericht zu den Integrationskursen. Die Sicht der
SPD-Fraktion dazu wird Ihnen mein Kollege Michael
Bürsch nachher noch einmal im Einzelnen darlegen.

Aber lassen Sie mich zu Beginn an Folgendes erin-
nern: Die Einführung dieser Integrationskurse ist ein
Verdienst und eine Initiative der früheren rot-grünen Re-
gierung und der sie tragenden Mehrheiten.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Des Vermittlungsausschusses!)


Ich bin ausdrücklich sehr froh darüber, Herr Kollege
Grindel, dass unser nicht mehr ganz so neuer, aber je-
denfalls anderer Koalitionspartner fest an unserer Seite
steht, wenn es um die Fortentwicklung der Integrations-
kurse geht. Ich halte die gemeinsam gefundene Formu-
lierung zu der Integrationskursverordnung für ein gutes
Beispiel,


(Beifall bei der SPD)


denn immerhin haben wir auf diesem Gebiet noch eini-
ges zu leisten: Wir wissen vom Bundesamt in Nürnberg,
dass es immer noch etwa 1,6 Millionen Erwachsene und
circa 850 000 Jugendliche gibt, bei denen wir uns da-
rüber freuen würden, wenn sie ein Integrationsangebot
annehmen würden.

Den Migrationsbericht könnte man in seinem Zahlen-
werk unter das Motto stellen: Die Zeit ist reif. Sie ist reif
für einen Umdenkprozess aller wirtschaftlichen und po-
litischen Kräfte in der Bundesrepublik, und zwar unter
Einschluss aller Innenminister und -senatoren der Län-
der. Reif ist die Zeit schon deswegen, weil wir nach der
Bevölkerungsprognose, die ebenfalls in diesem Bericht
enthalten ist, im Jahr 2050 mehr als ein Viertel der Be-
völkerung verloren haben werden, falls wir uns nicht um
Gegensteuerung bemühen. Übrigens würde auch die
Entwicklung unserer Altersstruktur ohne Migration noch
weitaus ungünstiger verlaufen. Ich mache darauf auf-
merksam, dass fast drei Viertel der ausländischen Mit-
bürgerinnen und Mitbürger, die zu uns kommen und die
zu uns gekommen sind, unter 40 Jahre alt sind. Bei der
Stammbevölkerung trifft dies nur auf knapp die Hälfte
zu.

Der Minister hat richtigerweise darauf hingewiesen,
dass der sogenannte Wanderungssaldo, also der Über-
schuss der Zuzüge, im Jahre 2006 gerade noch
23 000 Menschen betragen hat.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Er hat aber keine Schlussfolgerungen daraus gezogen!)


In der Tat haben wir, auch wenn hier und da Überfrem-
dung beklagt wird, aufgrund dieser Zahlen keinen
Grund, etwas zu dramatisieren. Aber wir müssen uns an-
gesichts der von mir angesprochenen Bevölkerungsent-
wicklung Gedanken über angemessene Gegenstrategien
hierzu machen.

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(C (D Dazu bilde ich einen Vergleich zu den Jahren 1991 nd 1992. Wir hatten 1991 einen Wanderungssaldo von irca 600 000 Menschen und im Jahr 1992 sogar von fast 00 000 Menschen, also mehr Zuzüge als Fortzüge. Beipielsweise sind in den Jahren 1997 und 1998 Ausländer n größerer Zahl aus Deutschland weggezogen, als sie zu ns gekommen sind. Die Zahl der Deutschen, die ausgeandert sind, hat übrigens mit 150 000 im Jahr 2006 ih en Höchststand seit 1954 erreicht. Ein wenig abgrenzend zu Ihren Ausführungen, Herr inister, mache ich an dieser Stelle aber doch auf zwei inge aufmerksam: Hinsichtlich des Familiennachzugs ollten wir uns gemeinsam Gedanken über seine Fördeung machen, statt ihn noch weiter zu begrenzen; denn ie mit ihm verbundene Möglichkeit, mit Familie hier eben zu können, hat auch etwas mit Integration zu tun. uch hierzu einmal die Zahlen: 2002 sind zum Zwecke er Familienzusammenführung 85 000 Visa erteilt woren. 2006 waren es nur noch rund 50 000 Visa. Die Zahl er Visa, die an türkische Staatsbürger ausgestellt wuren, hat sich im gleichen Zeitraum übrigens halbiert; es ind gerade noch 12 000 Visa pro Jahr. Was Ihre Ausführungen zur doppelten Staatsbürgerchaft angeht, Herr Minister, will ich auf den Widerpruch aufmerksam machen, dass auch im Lichte des euen Staatsbürgerschaftsrechts, das wir geschaffen haen – Sie haben die doppelte Staatsbürgerschaft beämpft –, aufgrund der verschiedensten Umstände imer noch über 50 Prozent der Eingebürgerten ihre taatsangehörigkeit als zweite Staatsangehörigkeit bealten. Auch hier gibt es also keinen Grund, zu dramatiieren. Wir haben vielmehr Anlass dazu, uns auch daüber noch einmal Gedanken zu machen, nicht nur was ie Frage der verwaltungsmäßigen Abwicklung angeht. Ich habe darüber gesprochen, wie sich der Bevölkeungsrückgang bis zum Jahre 2050 vollziehen wird. elbst wenn wir jährlich 200 000 Menschen mehr bei ns aufnehmen als von uns wegziehen, wird unsere Beölkerung von heute 82 Millionen auf 74 Millionen zuückgehen. Außerdem muss man sehen, dass wir die geannte Größenordnung von 200 000 Menschen weder it einer Greencard noch mit der von der EU geplanten luecard erreichen werden; da werden wir uns schon ehr einfallen lassen müssen. Es geht aber nicht nur um Arbeitsmigration: Auch bei er Aufnahme von Flüchtlingen haben wir keinerlei nlass, etwaige hartherzige Abschottungstendenzen in ller Zittrigkeit und Ängstlichkeit aufrechtzuerhalten. Es acht – wie ich mich darzulegen bemüht habe – auch in nserem wohlverstandenen wirtschaftlichen Interesse inn, Menschen aufzunehmen. Gegenwärtig nehmen wir erade noch 20 000 Flüchtlinge im Jahr auf. Wir erinern uns, dass das früher ganz anders war. Die Hauptlast ragen heute die Mittelmeeranrainer, und das, wie wir issen, nicht immer vorbildlich im Hinblick auf humaitäre Standards, wie wir sie kennen. Ein kleiner Exkurs an dieser Stelle: Wir von der SPDraktion finden es ausgesprochen richtig, dass sich vor em Hintergrund dieser Zahlen der deutsche Inneninister und andere aus seiner Partei Gedanken machen, Rüdiger Veit ob wir nicht gut daran täten, Flüchtlinge aus dem Irak bzw. Menschen, die aus dem Irak nach Jordanien oder Syrien geflüchtet sind, aufzunehmen. Die SPD-Fraktion würde das allerdings nicht gern nur auf verfolgte Christen beschränkt sehen. Wenn wir schon an der Religion anknüpfen, sollten wir das auf alle religiösen Minderheiten aus dem Irak, die nicht muslimischen Glaubens sind, ausweiten. (Beifall bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Auch Traumatisierte!)





(A) )


(B) )


Wenn es Ihnen, Herr Minister Schäuble, gelingt – das
wünschen wir Ihnen –, diese Initiative, die die Aufnah-
mekapazität und -bereitschaft aller europäischen Staaten
betrifft, zu verbreitern, können wir uns auch Gedanken
darüber machen, wie wir weitere besonders schutz- und
betreuungsbedürftige Flüchtlinge von dort bei uns auf-
nehmen.

Lassen Sie mich gegen Ende meiner Ausführungen
ein Thema ansprechen, von dem Sie wissen, dass ich es
immer wieder anspreche, nicht nur weil Wiederholung
nach pädagogischen Grundsätzen ein wesentliches Ele-
ment der Vertiefung ist, sondern auch deswegen, weil
man das der Bevölkerung, an die sich der Migrationsbe-
richt ja richtet, deutlich sagen muss. Ich weiß, dass ich
damit bei vielen, über Parteigrenzen hinweg, offene Tü-
ren einrenne. Ich sage das aber auch und gerade wegen
der Erfahrungen, die ich mit manchen Innenministern
und -senatoren gemacht habe: Meine Damen und Her-
ren, es macht doch keinen Sinn – Stichwort Beseitigung
von Kettenduldungen und Bleiberechtsregelung –, Kin-
der und Jugendliche, die in Deutschland geboren, die
hier aufgewachsen, die hier zur Schule gegangen sind,
ihrer Heimat – Deutschland ist ihre Heimat – zu berau-
ben und sie samt ihren Eltern abzuschieben


(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


und dafür andere, die wir zur Stabilisierung unseres So-
zialversicherungssystems oder zur Aufrechterhaltung
unserer Wirtschaftsordnung brauchen, mit großem Kos-
tenaufwand, mit großem Zeitaufwand anzuwerben und
sie langwierig zu integrieren. Wenn jemand schon hier
ist und gut integriert ist, sollte er bleiben können.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Wir wissen, dass durch die gesetzliche Bleiberechtsrege-
lung – über die ich mich gefreut habe – mittlerweile rund
12 000 Personen begünstigt worden sind; das sind die
Zahlen vom Jahresende 2007, wenige Monate vorher trat
die Regelung inkraft.

Mein aufrichtiger Wunsch an Sie alle ist: Wir sollten
uns vom Bundesinnenminister und von den Landes-
innenministern sowie -senatoren die Zahlen für das erste
Halbjahr 2008 bald geben lassen und auswerten, damit
wir wissen, ob wir das ausreichend ausgestaltet haben
oder ob wir unter Umständen noch etwas verbessern
müssen. Ich würde mir an dieser Stelle und im Lichte der
Zahlen dieses Migrationsberichtes jedenfalls wünschen,

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(C (D ass alle, die mit der Anwendung dieses Rechts befasst ind, nicht engbzw. hartherzig, sondern großzügig und ernünftig handeln, damit diese Menschen, die zum Teil chon seit vielen Jahren hier leben, auch eine Perspekive in Deutschland behalten. Wir haben jetzt alle Zeit, zu handeln. Ich sagte schon: ie Zeit ist reif. Die Zahlen liegen vor, und wir können n dieser Stelle auch und gerade für unsere gesamte Beölkerung Gutes und Richtiges tun. Danke sehr. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616100500

Nächste Rednerin ist die Kollegin Sevim Dağdelen

ür die Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Sevim Dağdelen (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616100600

Sehr verehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten

amen und Herren! Manchmal lohnt es sich, einen Blick
uf die vorliegenden Drucksachen zu werfen. Auf
eite 5 der Drucksache 16/7705 heißt es nämlich:

Der Migrationsbericht der Bundesregierung ver-
folgt das Ziel, durch die Bereitstellung möglichst
aktueller

aktuell sind sie ja nicht mehr –,

umfassender und ausreichend detaillierter statisti-
scher Daten über Migration Grundlagen für die Ent-
scheidungsfindung von Politik und Verwaltung im
Bereich der Migrationspolitik zu liefern. Zudem
möchte er die Öffentlichkeit über die Entwicklung
des Migrationsgeschehens informieren.

enn ich mir den Migrationsbericht 2006 daraufhin an-
chaue, stelle ich fest – hier muss ich mich Herrn Bun-
esminister Schäuble oder auch meinem Vorredner
nschließen –, dass es einen stetigen Rückgang bei den
uwanderungszahlen gibt.

Schauen wir uns einmal an, welche Ziele mit dem Zu-
anderungsgesetz – es liegt sozusagen auch der vorlie-
enden Drucksache zugrunde – verfolgt werden:

Erstens. Eine Zuwanderung soll möglichst verhindert
erden. Laut Migrationsbericht gelingt das anscheinend

uch.

Zweitens. Wenn es überhaupt zur Zuwanderung
ommt, dann sollten es zumindest Menschen sein, die im
iesigen Wirtschaftsprozess eine verwertbare Leistung
rbringen bzw. nützlich sind.

Manchmal kann man Politik aus einem Bauchgefühl
eraus gestalten, oder sie entsteht aus religiösen Sätzen
der aber aus wissenschaftlichen Erkenntnissen oder der
mpirie bzw. Untersuchungen. Ich muss aber leider fest-






(A) )



(B) )


Sevim DaðdelenSevim Dağdelen
stellen, dass die Politik der Bundesregierung weit von
den Fakten entfernt ist.

Erinnern wir uns und schauen wir uns einmal an, wel-
che Einbürgerungspolitik gerade auch im Frühjahr
2006 betrieben wurde. Die Politikerinnen und Politiker
überboten sich fast schon hysterisch mit ihren Vorschlä-
gen, einbürgerungswilligen Migranten mit Wissenstests,
Wertetests, Gesinnungstests, Staatsbürgerkursen oder
auch Einbürgerungsgesprächen zu Leibe zu rücken, um
zu überprüfen, ob sie eine rechtschaffene Gesinnung ha-
ben.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das waren alles Unionspolitiker!)


Oft überschritt das Niveau ihrer Argumente nicht das
Niveau der Parolen, die an Stammtischen von sich gege-
ben wurden. Wenn man sich den Bericht der Bundes-
regierung anschaut, dann erkennt man, dass Sätze wie
„Wir entscheiden, wer Deutscher ist“ und „Wir lassen
nicht jeden hinein“ – die Kanzlerin sprach von einer
Staatsbürgerschaft zu Ramschpreisen oder gar im Vor-
beigehen – unerträglich sind und überhaupt keine mate-
rielle Basis haben.


(Beifall bei der LINKEN)


Die Einbürgerungszahlen sinken stetig; das wissen
Sie auch. Das wird auch durch diesen Bericht gezeigt.
Im Jahr 2006 lagen die Einbürgerungszahlen nämlich
weit unter denen des Jahres 1999. 1999, also noch vor
der sogenannten Reform des Staatsangehörigkeitsgeset-
zes, gab es etwa 143 000 Einbürgerungen, 2006 waren
es dann 125 000. Obwohl dies mehr Einbürgerungen als
im Jahr 2005 waren, wird es hier keine Trendwende ge-
ben. Das hat die Bundesregierung im letzten Jahr durch
weitere Verschärfungen der Einbürgerungsvoraussetzun-
gen bereits sichergestellt.

Es wundert auch nicht, dass die Bundesrepublik im
europäischen Vergleich trotz der leicht höheren Einbür-
gerungszahl in 2006 schlecht abschneidet. Durch die im
Oktober 2007 veröffentliche Untersuchung des British
Council und der Migration Policy Group wird der Bun-
desrepublik für die Integrationspolitik insgesamt nur
europäisches Mittelmaß bescheinigt. Denn die Einbürge-
rungsquote bei Migrantinnen und Migranten beträgt bei
uns nur 1,7 Prozent.

Die Linke fordert radikale Erleichterungen bei der
Einbürgerung, damit hier lebende Menschen nicht nur
Pflichten erfüllen müssen – was sie tun –, sondern auch
ihre staatsbürgerlichen Rechte erhalten.


(Beifall bei der LINKEN)


Ein entsprechender Antrag liegt bereits seit längerem
vor.

Lassen Sie uns auf die Asylanerkennungspraxis ein-
gehen. Auch sie sieht – gerade auch im Hinblick darauf,
dass sich in diesem Monat die faktische Abschaffung des
Asylrechts zum 15. Mal jährt – nicht berauschend aus.
Damals gab es eine sehr schlimme Stimmung in diesem
Lande. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, weil
die Ereignisse in Solingen und Mölln dazu geführt ha-

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(C (D en, dass ich mich politisch in der antifaschistischen Areit engagiert habe. Die Zahl der Asylanträge hat einen historischen Tieftand erreicht. Das ist kein Wunder. Deutschland wird chließlich nicht nur am Hindukusch verteidigt. Deutche Interessen gibt es mittlerweile auch auf Lampedusa nd Lanzarote. Wie Herr Schäuble bereits deutlich geacht hat, ist eine gemeinsame europäische Migra ionsund Flüchtlingspolitik notwendig. Aber statt die Ursachen für die Flucht von Menschen u bekämpfen oder nach humanitären Lösungen zu suhen, wird die EU-Grenze immer weiter militarisiert. underte von Toten werden an den Außengrenzen Euroas billigend in Kauf genommen ebenso wie – das zeien die Statistiken – die über 7 000 Toten im Mittelmeer. (Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Das ist wirklich abwegig!)


as ist die Folge der repressiven Flüchtlingspolitik, die
n Deutschland und auch in Europa betrieben wird, zum
roßen Teil forciert durch die deutsche Bundesregie-
ung.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Das ist die Folge von Schleusern und Schleppern, die unverantwortlich handeln!)


Nur noch wenige Flüchtlinge erreichen die Bundes-
epublik, um überhaupt einen Asylantrag stellen zu kön-
en. Trotzdem ist die Anerkennungspraxis restriktiver
enn je. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
ebt sogar die Anerkennungen nach Art. 16 a des
rundgesetzes auf. Insofern fordert die Linke eine hu-
anitäre Flüchtlingspolitik und die Beendigung dieser

kandalösen Praxis.


(Beifall bei der LINKEN)


Sie haben festgestellt, dass die Sprache ein wesentli-
hes Mittel für die Integration ist. Deshalb haben Sie die
egelungen zum Ehegattennachzug geändert. Schon
em Migrationsbericht 2006 ist ein deutlicher Rückgang
u entnehmen, und zwar von einst rund 64 000 im Jahr
002 auf nicht einmal mehr 40 000 im Jahr 2006. Die
inder sind hier nicht eingerechnet.

Der Rückgang in diesem Zeitraum hatte sicherlich
uch mit dem EU-Beitritt vieler Staaten zu tun. Das sieht
m letzten Jahr anders aus. Das hat mein Kollege Veit be-
eits deutlich gemacht. Vom dritten auf das vierte Quar-
al 2007 betrug der Rückgang laut einer Antwort auf eine
leine Anfrage meiner Fraktion allgemein 40 Prozent
nd beim Ehegattennachzug aus der Türkei sogar fast
8 Prozent. Das liegt an den von der Bundesregierung
eu eingeführten Nachzugsbarrieren wie den Sprachan-
orderungen. Diese müssen nun bereits im Herkunfts-
and erworben werden. Unter welchen Umständen dies
eschieht, ist der Bundesregierung völlig egal.

Die Linke hat das bereits bei der Novellierung ange-
ahnt. Selbst die Ausländerbeauftragten der Bundes-

änder haben uns auf ihrer Tagung Ende April in
ainz unterstützt und gerade beim Ehegattennachzug






(A) )



(B) )


Sevim DaðdelenSevim Dağdelen
Verbesserungen gefordert. Diese Regelung gehört abge-
schafft, und zwar sofort.


(Beifall bei der LINKEN)


Leider kann ich aber der Bundesregierung nicht ein-
mal in der Integrationspolitik das Motto „Einwanderung
nein – Integration ja“ unterstellen. Das wird auch im Mi-
grationsbericht deutlich. Denn ihre Politik ist von natio-
nal-kulturellen Hegemonisierungs- und Homogenisie-
rungsversuchen geprägt. Verbesserungen im Hinblick
auf eine strukturell soziale Gleichstellung sind bei der
Bundesregierung jedenfalls nicht erkennbar.

Der zentrale Glaubenssatz der deutschen Integrations-
politik – den leider auch die FDP als Oppositionspartei
übernommen hat – lautet: Das Erlernen der deutschen
Sprache ist der Schlüssel zur Integration. So wird Inte-
gration im Wesentlichen auf das Beherrschen der deut-
schen Sprache reduziert. Doch wie Wilhelm Heitmeyer
in der FAZ vom 3. April 2006 festgestellt hat:

Wenn Sprache so betont wird wie derzeit, kann sie
auch zu einem neuen Ausgrenzungskriterium wer-
den, statt, wie plötzlich behauptet wird, ein Integra-
tionsinstrument.


(Dr. Michael Bürsch [SPD]: Was ist das denn für ein Quatsch?)


Ich kann nur empfehlen, diesen Artikel zu lesen.

Die kritische Auseinandersetzung mit den seit
Januar 2005 angebotenen Integrationskursen mündete
in den Erlass einer neuen Integrationskursverordnung.
Wir begrüßen zwar die Erhöhung des Stundensatzes,
können aber leider nicht dahinter stehen, weil es einer
Erhöhung des Stundensatzes um 3 Euro und einer Sen-
kung der Teilnehmerzahl auf maximal fünfzehn bedarf.
Nicht ohne Ironie ist, dass nun die Zulassung von Kurs-
trägern mit Auflagen erteilt werden kann. Das betrifft
insbesondere die Regelungen zur Vergütung der Lehr-
kräfte. Dahinter verbirgt sich nichts anderes, als dass das
BAMF den Trägern einen Mindestlohn verordnen kann.
Die Bundestagsfraktion Die Linke begrüßt natürlich ei-
nen gesetzlichen Mindestlohn. Wir fordern ihn seit eh
und je. Angesichts der unzureichenden Finanzierung der
Träger ist dies allerdings nicht realistisch.

Ich komme zum Schluss. Integration ist weitaus mehr
als nur Sprache. Integration ist eine soziale Frage.
Schauen Sie sich die Statistiken und die Zahlen an! Ex-
zellente Bildungsabschlüsse von Migrantinnen und Mi-
granten führen nicht automatisch dazu, dass sie einen
Ausbildungsplatz oder einen Arbeitsplatz bekommen.
Das heißt, es hängt nicht von der Sprache, sondern von
den strukturellen Rahmenbedingungen ab. Schaffen Sie
entsprechende Rahmenbedingungen! Sorgen Sie für
gleiche Teilhabe sowohl in der Bildung als auch in der
Arbeitswelt, im Gesundheitsbereich und in der Politik!
Schaffen Sie endlich eine gleichberechtigte politische
Mitbestimmung, zum Beispiel ein kommunales Wahl-
recht für Nicht-EU-Bürger, damit die unerträgliche Un-
gleichbehandlung von EU-Bürgern und Nicht-EU-Bür-
gern aufgehoben wird!


(Beifall bei der LINKEN)


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(C (D Nächster Redner ist der Kollege Josef Winkler für die raktion Bündnis 90/Die Grünen. Josef Philip Winkler (BÜNDNIS 90/DIE GRÜEN)

Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616100700
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Herr Kollege Veit, ich

ühle mich ein bisschen missverstanden. Ich habe zwar
esagt, dass ich zustimme, es werde wahrscheinlich
icht sehr strittig. Aber damit habe ich das Verhältnis
wischen Union und SPD gemeint.


(Rüdiger Veit [SPD]: Ich habe gedacht, zwischen uns beiden! – Dr. Michael Bürsch [SPD]: Gut, dass wir darüber reden!)


s kommt so selten vor, dass zwischen euch etwas nicht
trittig ist, dass ich dem nur zustimmen konnte. Warum
onnte es heute nicht strittig werden? Die Koalition hat
ar keinen Entschließungsantrag vorgelegt. Sie haben
eine Kraft mehr, sich in der Migrationspolitik auf eine
emeinsame Strategie zu einigen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)


Wir diskutieren heute über eine Statistik aus dem Jahr
006; das ist interessant. Interessanter wäre aber, zu hö-
en, welche politischen Schlussfolgerungen Sie aus die-
er Statistik ziehen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


a hört die Einigkeit schnell auf. Trotz aller schönen
orte, die wir eben gehört haben, betreibt diese Bundes-

egierung eine systematische Politik der Zuwanderungs-
erhinderung. Das hat das Gesetzesverfahren im letzten
ahr eindeutig gezeigt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


ch will zu einigen Zahlen etwas sagen. Wir haben den
hegattennachzug im letzten Jahr neu geregelt; das
urde schon einige Male erwähnt. Ich möchte gleich ei-
ige krasse Fälle aufzeigen. So kurz vor Pfingsten hoffe
ch, dass der Heilige Geist insbesondere über die
nionsfraktion ausgeschüttet wird, sodass dort eine Ver-
esserung festzustellen ist.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Beatrix Philipp [CDU/CSU]: Nächste Woche!)


Wir sieht es denn inzwischen aus? Wir stellen fest,
ass seit der Verschärfung im letzten Jahr die Zahl der
amilienzusammenführungen, also der Nachzug zu be-
eits in Deutschland lebenden Familienangehörigen bzw.
hegatten, um 40 Prozent zurückgegangen ist, bei Men-
chen aus der Türkei sogar um 68 Prozent. Trotzdem
estreitet die Bundesregierung, dass diese Regelung als
nti-Türken-Gesetz gemeint war. Aber diese Regelung

tellt nun einmal für Türken ein schwieriges Problem
ar. Im gleichen Zeitraum ist unter Ihrer Regierung ein
ückgang beim Spätaussiedlerzuzug um über 90 Pro-
ent zu verzeichnen. Des Weiteren ist die jüdische
uwanderung faktisch zum Erliegen gekommen. 2007
ab es nur 14 – ich betone: 14 – Zusagen zu Einwande-






(A) )



(B) )


Josef Philip Winkler
rungen nach Deutschland. Das ist noch nicht einmal eine
Zusage pro Bundesland. Dazu haben wir heute leider
nichts gehört.

Bei der Steuerung der Zuwanderung ist ein völliger
Stillstand zu beklagen. Bei der Begrenzung der Zuwan-
derung tut sich allerdings einiges, und das, obwohl die
Wirtschaft und verschiedene Dachverbände immer wie-
der sagen: Wir brauchen Zuwanderung. – Aber Sie weh-
ren sich mit Händen und Füßen gegen eine Steuerung
und Regulierung der Zuwanderung durch ein Punktesys-
tem. Das widerspricht den einfachsten Gesetzen der Lo-
gik. Sie sagen, man könne die demografischen Probleme
der Republik nicht alleine durch Zuwanderung lösen.
Das ist richtig. Wenn man aber ein demografisches Pro-
blem hat, dann wäre es sinnvoll, Zuwanderer, die mit
Kindern einreisen wollen, mit besonders vielen Punkten
zu honorieren, das heißt, sie primär einreisen zu lassen,


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


oder bestimmten Berufsgruppen, an denen die Bundes-
republik einen Mangel hat, einen Bonus zu geben. Dies
soll honoriert werden, und diese Personengruppen sollen
verstärkt einreisen können. Wieso Sie sich dagegen wen-
den,


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Weil es schon möglich ist!)


obwohl Sie steuern und regulieren wollen, versteht nun
niemand.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Die Rechtsgrundlagen sind da!)


Vielleicht können Sie das gleich klarstellen.

Wir brauchen in Deutschland eine Regulierung der
Zuwanderung, weil wir Zuwanderer haben wollen. Wir
brauchen diese Bereicherung für unser Land, und wir
sollten die Regulierung so gestalten, dass wir die Besten
der Besten, die wir brauchen, nach Deutschland holen
können. Es soll aber nicht nur ein Teil der Familie kom-
men, sondern sie sollen mit ihren Familien kommen. Sie
sollen sich hier integrieren können. Ich plädiere also für
ein Punktesystem. Die Zeit ist reif dafür. Bewegen Sie
sich!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Sie reden in diesem Zusammenhang immer davon,
dass die Belastungsschwelle erreicht, wenn nicht sogar
überschritten sei. Dazu ist hier schon etwas vom Kolle-
gen Veit gesagt worden. Die Integrationsfähigkeit einer
Gesellschaft hängt zunächst einmal von der Integra-
tionsbereitschaft ab, aber nicht von irgendeiner imagi-
nären Grenze, die niemand kennt. Das heißt, die politi-
schen Debatten, die wir hier im Deutschen Bundestag
oder auch in den Bundesländern während der Wahl-
kämpfe führen, entscheiden darüber, ob eine Integra-
tionsbereitschaft der Bevölkerung besteht oder nicht. Da
hat nun zum Beispiel der Wahlkampf eines Roland Koch
in Hessen, der in unseliger Weise, geradezu mit verhet-
zerischer Qualität Wahlkampf betrieben hat, dazu beitra-
gen sollen, dass die Integrationsbereitschaft der Bevöl-
kerung, insbesondere in Hessen, sinkt. Dass ihm das

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(C (D icht gelungen ist, muss man der Bevölkerung in Hessen och anrechnen und ist wohl dem Grad der politischen ildung der Hessen geschuldet. Herzlichen Dank dafür. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Ich will an einigen Punkten klarmachen, wo das Pro-
lem beim Ehegattennachzug liegt. Wir haben im Übri-
en im Petitionsausschuss des Bundestages inzwischen
utzende von Petitionen von Einzelpersonen dazu vor-

iegen, die große Probleme haben und nicht zusammen-
ommen können. Es gibt zum Beispiel eine Weisung des
uswärtigen Amtes vom Oktober letzten Jahres, wonach
ntragsteller, die ein Familienzusammenführungsvisum
eantragen wollen, nicht nach Hause geschickt werden
ollen, nur weil sie das geforderte Sprachzertifikat noch
icht haben; denn damit wäre ihnen der Rechtsweg ge-
en diese Entscheidung verschlossen. Das wird aber
mmer noch gemacht. Weiterhin werden nur die Sprach-
ertifikate des Goethe-Instituts akzeptiert, was unter
ettbewerbsgesichtspunkten inakzeptabel ist und natür-

ich keinen Qualitätswettbewerb ermöglicht. Ferner steht
m Gesetz überhaupt nicht, dass das Sprachniveau A 1
rreicht werden soll. Das ist völlig willkürlich in die Ver-
rdnung eingefügt worden. Im Gesetz war von einfachs-
en Sprachkenntnissen die Rede, und es wurde kein fes-
es Niveau definiert. Es kommt immer wieder vor – ich
eiß nicht, ob Sie das möchten –, dass selbst Antragstel-

er, die fließend deutsch sprechen können oder zumin-
est erkennbar über dem Niveau A 1 liegen, zurückge-
chickt werden, nur weil sie den A-1-Test nicht machen.
er kostet Geld und Zeit. Wenn man schon deutsch
ann, warum soll man diesen Test machen? Bewegen
ie sich ein bisschen, und lassen Sie die Leute ins Land!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Katja Kipping [DIE LINKE])


Bei den Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern
st es besonders krass. Gerade ältere Menschen schaffen
en Nachweis der Sprachkenntnisse häufig nicht, sonst
ären sie nach dem Verfahren gemäß Bundesvertriebe-
engesetz nach Deutschland eingereist. Nun gibt es eine
anze Reihe von Fällen, in denen sich Eheleute darauf
erlassen haben, dass ein Ehegattennachzug nach dem
usländerrecht möglich ist. Jetzt aber wird Eheleuten,
ie nach Deutschland vorausgereist sind, gesagt: Wenn
hr das nicht schafft, dann müsst ihr womöglich den Rest
ures Lebens eben getrennt leben. – Herzlichen Glück-
unsch dazu. Die Alternative ist, dass der Partner die
undesrepublik Deutschland wieder verlässt und nach
steuropa zurückreist. Das kann doch bei Spätaussiedle-

innen und Spätaussiedlern nicht Ihr Ernst sein.

Am allerschlimmsten trifft es die Analphabeten.
uch wir in Deutschland haben einen gewissen Prozent-

atz von Analphabeten. Das Grundrecht auf familiäres
usammenleben, nach Art. 6 des Grundgesetzes auch
er besondere Schutz der Ehe, gilt für Analphabeten fak-
isch nicht mehr. Dafür sollten Sie sich wirklich schä-

en, oder Sie sollten das schnellstmöglich ändern.






(A) )



(B) )


Josef Philip Winkler

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE] – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Pfui!)


Ich nenne hier beispielhaft den Fall eines Mannes aus
Gambia, der Analphabet ist. Er bekam von der deutschen
Botschaft sinngemäß die Auskunft: Lerne doch erst ein-
mal in deiner Muttersprache lesen und schreiben, dann
kannst du den Deutschkurs im Goethe-Institut machen,
falls du ihn dir leisten kannst. Falls du dann noch in den
Senegal reist, wo nämlich das nächste Goethe-Institut
ist, dann kannst du dort die Prüfung ablegen. Deine deut-
sche Frau muss dann eben so lange warten, bis du das al-
les geschafft hast. – Bis dahin können natürlich viele
Jahre ins Land gegangen sein.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Komischer Familienzuzug!)


Das ist ziemlich zynisch, und wenn Sie all das haben
wollen, dann haben Sie es zumindest mit dem Gesetz,
das Sie letztes Jahr verabschiedet haben, geschafft.


(Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Das ist christlich!)


Sie reden auch über den Irak und die irakischen
Flüchtlinge. Ich bin gar nicht dagegen, dass man sie auf-
nimmt. Es leben allerdings auch schon welche bei uns,
die lediglich ihre Familienangehörigen nachziehen las-
sen wollen. Die bekommen jetzt gesagt – –


(Von der Tribüne werden Flugblätter in den Plenarsaal geworfen – Unruhe)


– Frau Präsidentin, können Sie meine Redezeit etwas
verlängern? Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich weiß,
es ist alles spannend, aber hören Sie mir doch noch bis
zum Ende zu; ich bin gleich fertig.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Hört lieber dem Winkler zu!)


– Genau. Die Union hat keine Flugblätter gekriegt. Viel-
leicht kann man ihr eins geben.

Die Antragsteller aus dem Irak zum Beispiel, wo es
faktisch keine deutsche Auslandsvertretung gibt, bekom-
men jetzt die Auskunft, sie sollten nach Ankara reisen
und dort in der deutschen Botschaft den Antrag auf Fa-
milienzusammenführung stellen.

Ich habe jetzt nur dieses eine Gesetz aus dem Geset-
zespaket, das Sie letztes Jahr beschlossen haben, als Bei-
spiel genommen, um zu zeigen, dass diese Politik, die
Sie als Migrationspolitik bezeichnen, in Wirklichkeit
eine Migrationsverhinderungspolitik ist. Das ist wirklich
kein Grund zum Feiern.

Herzlichen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Sevim Dağdelen [DIE LINKE] – Zuruf von der CDU/CSU: Die Pfingstpredigt von Pastor Josef Philip Winkler war das!)


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(C (D Nächster Redner ist der Kollege Dr. Hans-Peter Uhl ür die CDU/CSU-Fraktion. Frau Präsidentin! Meine verehrten Kolleginnen und ollegen! Die Vorlage des Migrationsberichts der Bunesregierung gibt Anlass, über unsere Zuwanderungsolitik der Vergangenheit und der Großen Koalition achzudenken. Deshalb möchte ich mir kurz einen ückblick erlauben. Wie Sie wissen, haben wir Jahrehnte mit einem sehr törichten Definitionenstreit daüber verbracht, ob wir nun Einwanderungsland sind der nicht. Stattdessen hätten wir uns in den Jahrzehnten esser um die Menschen und deren Integration kümmern üssen. (Rüdiger Veit [SPD]: Wir haben nicht gestritten!)

Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616100800

(Beifall bei der CDU/CSU)

Dr. Hans-Peter Uhl (CSU):
Rede ID: ID1616100900

Die Debatte war von Anfang an – ich blicke jetzt weit
urück – ziemlich unehrlich und ziemlich inkonsequent.
s begann ganz am Anfang mit dem unsäglichen Euphe-
ismus „der Gastarbeiter“. Meine verehrten Kollegin-

en und Kollegen, einen Gast lässt man nicht arbeiten,
nd ein Gast geht irgendwann wieder. Das passte über-
aupt nicht zum Thema, um das es damals ging.


(Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Guten Morgen!)


Ja, einen guten Morgen wünsche ich vor allem Ihnen
on den Linken.


(Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Das wissen wir schon seit Jahrzehnten!)


ir haben es ganz am Anfang versäumt, die Kriterien
ür eine Zuwanderung festzulegen. Es wurde erst über
otation und dann wieder über Integration fabuliert.
an kam aber zu keinem Ergebnis.

Nicht wir haben uns dafür entschieden, wann und wie
an zuwandert, sondern die Menschen, die gekommen

ind, haben sich selbst entschieden,


(Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Man hat sie gerufen!)


nd dann hat man ihre Kinder nachkommen lassen. Das
aren die Fehler der Vergangenheit. Das war falsch.

Falsch war auch Folgendes: Nachdem sich die Zu-
anderer der ersten Generation – sie waren sehr fleißig –

n das Arbeitsleben integriert und einen wesentlichen
eitrag zu unserem Bruttosozialprodukt geleistet haben,
ogen wir den Trugschluss, dass sich Integration von
elbst erledige.

Genau das Gegenteil war der Fall: Die Probleme ent-
tanden nicht mit der ersten, sondern mit der zweiten
nd der dritten Generation, und diese Probleme haben
ir heute. Hier ist ein Kulturbruch festzustellen. Wir er-

eben, dass es nicht richtig ist, einfältig von ausländi-
chen Mitbürgern zu reden, als würden sie mit uns leben.
ein, sie leben teilweise neben uns und ohne uns in






(A) )



(B) )


Dr. Hans-Peter Uhl
Parallelwelten. Heute ist es leider einfacher denn je, in
einer Parallelwelt – insbesondere in einem Ballungsraum
oder in einer Großstadt – das gewohnte Leben von frü-
her, das sie aus ihrem Heimatland kennen, unverändert
weiterzuleben, ihre alte Sprache zu sprechen, statt die
deutsche Sprache zu erlernen, sich nicht an unseren
Bräuchen zu orientieren und nicht unsere Werte und un-
sere Lebensgewohnheiten zu übernehmen.

Sie können heute in Deutschland etwa 40 türkische
Fernsehsender anschauen und natürlich auch türkische
Zeitungen bekommen. Das ist auch richtig so; aber das
zieht sich auch ins normale Alltagsleben hinein: Türki-
sche Supermärkte, türkische Ärzte, selbst türkische
Rechtsanwälte – all diese kann man problemlos finden.
Sie können in Berlin so leben, als wären sie in der Tür-
kei.


(Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das Wetter ist nicht so wie da!)


Es geht noch einen Schritt weiter: Sie können über arran-
gierte Ehen und Zwangsverheiratung – Dinge, die wir
alle, auch Sie, nicht billigen können – dafür sorgen, dass
diese Parallelwelt auch in der zweiten Generation beste-
hen bleibt.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Zwangsverheiratung ist eine Straftat! – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie müssen alle in Euro zahlen!)


Was ist angesichts der beängstigenden Zahlen, die uns
vorliegen, zu tun? Während 19 Prozent der deutschen
Jugendlichen eine Hauptschule besuchen, besuchen ja
44 Prozent der Ausländer eine Hauptschule. Während
8 Prozent der deutschen Jugendlichen keinen Schulab-
schluss haben, sind es ja 17 Prozent der ausländischen
Jugendlichen. Dieser Trend setzt sich auch in der Ar-
beitsmarktstatistik und in der Statistik der Sozialhilfe-
empfänger fort. Die Arbeitslosigkeit bei den Ausländern
liegt leider doppelt so hoch wie bei den Deutschen.

Nun sagt Herr Winkler, die Große Koalition habe
nicht die Kraft, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Dem widerspreche ich nachhaltig; denn die Große Ko-
alition hat eine Wende in der Integrationspolitik herbei-
geführt, indem wir, Herr Veit, nicht nur Integrations-
kurse wie früher unter Rot-Grün angeboten haben,
sondern das Erlernen der deutschen Sprache als Be-
standteil der Integration eingefordert haben und dafür
gesorgt haben, dass Konsequenzen gezogen werden,
wenn sich jemand weigert.


(Beifall bei der CDU/CSU – Zuruf des Abg. Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Das stellt die eigentliche Wende in der Integrationspoli-
tik dar: nicht nur reden, sondern auch für konsequente
Umsetzung sorgen.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die Kurse waren doch gerade erst eingeführt!)


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(C (D azu gehört auch der Nationale Integrationsplan, den ie Bundeskanzlerin, Frau Merkel, zur Chefsache geacht hat und für den Frau Staatsminister Böhmer we entliche Vorarbeiten geleistet hat. (Beifall bei der CDU/CSU – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Nichts weiter als ein Strauß von Absichtserklärungen!)


Wir haben dafür gesorgt, dass allen bewusst wird,
ass Zuwanderer die deutsche Sprache zu erlernen ha-
en. Wir haben dafür gesorgt, dass sie unsere Rechts-
nd Werteordnung zu kennen und auch zu verstehen ha-
en und dass man sich daran orientiert.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das haben wir auch schon im Gesetz gehabt!)


ur so können Zuwanderer auf Dauer in Deutschland
eimisch werden.

Neuzuwanderer müssen mit ihren Integrationsbemü-
ungen – das bekämpfen Sie offensichtlich immer noch –
m Heimatland beginnen. Bevor man sich entschließt,
einen Lebensmittelpunkt zu uns nach Deutschland zu
erlagern, muss man im Heimatland anfangen, die deut-
che Sprache zu lernen.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber nicht bei Familien! – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Am besten lernt man sie in Deutschland!)


eder von uns würde es übrigens genauso machen, wenn
r sich entschlösse, seinen Lebensmittelpunkt von
eutschland nach China zu verlagern: Er würde in
eutschland beginnen, Chinesisch zu lernen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg. Gisela Piltz [FDP])


ichts anderes fordern wir von den Migranten, die zu
ns kommen.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: In China ist es leichter, Chinesisch zu lernen!)


Gute Sprachkenntnisse sind die Voraussetzung für
chulischen Erfolg. Der schulische Erfolg ist die Voraus-
etzung für eine Berufsausbildung, und diese ist die Vo-
aussetzung für einen Arbeitsplatz. Dieses wiederum ist
ie Voraussetzung für ökonomische Besserstellung und
in zufriedenes Leben von Migranten in Deutschland.

Wir wissen, dass Integration keine Einbahnstraße ist.
ie setzt voraus, dass die Zuwanderer hier heimisch wer-
en wollen, dass sie die deutsche Sprache erlernen wol-
en und dass sie unsere Rechts- und Werteordnung über-
ehmen wollen. Wer dies nicht will, muss sich selber
larmachen, dass er besser wieder das Land verlässt, als
eiter im Konflikt mit diesem Land zu leben. Das wis-

en auch die 3,5 Millionen Muslime. Hier ist es das
roße Verdienst des Bundesinnenministers Schäuble,
ich diesem sehr komplexen und sehr schwierigen
hema mit der Einrichtung von Islamkonferenzen ganz
esonders zugewandt zu haben.






(A) )



(B) )


Dr. Hans-Peter Uhl
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zum
Schluss kommen: Der Migrationsbericht beinhaltet
hochinteressante Zahlen und zeigt auf, was wir zu tun
haben. Er zeigt auch auf – das ist eine interessante Tat-
sache –: Die Abwanderungstendenz von Deutschen
nimmt zu. Waren es in den 70er-Jahren noch 50 000, um
1990 dann 100 000, sind es nun schon 150 000 Deutsche,
die das Land jährlich verlassen. Die Ursachen für diese
Abwanderung müssen untersucht werden. Wenn immer
mehr jüngere hochqualifizierte Leistungsträger aus
Deutschland wegziehen, dann läuft etwas schief in die-
sem Land, und wir müssen dafür sorgen, dass sich das
ändert. Auch der Bundesfinanzminister sollte vielleicht
darüber nachdenken; denn auch er hat die Möglichkeit,
Migrationsströme von Deutschen, die aus Deutschland
wegziehen, zu steuern.


(Rüdiger Veit [SPD]: Steuerflüchtlinge, oder was meinen Sie jetzt? – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wollen Sie das Reisen verbieten? Ich dachte, Reisefreiheit wäre eine Errungenschaft!)


– Ja, da haben Sie recht, Herr Veit; danke für den Zuruf.
Da hilft am Schluss nur eins: Mehr netto für alle, Herr
Veit. Daran sollten Sie sich orientieren.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616101000

Nächste Rednerin ist nun die Kollegin Gisela Piltz für

die FDP-Fraktion.


(Beifall bei der FDP)



Gisela Piltz (FDP):
Rede ID: ID1616101100

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Der Migrationsbericht 2006 verdeutlicht, dass Deutsch-
land ein Einwanderungsland ist. Liebe Kolleginnen und
Kollegen von der CDU und der CSU, Sie haben das
lange verleugnet. Aber, Herr Uhl, Sie haben heute, wenn
ich das richtig mitgeschrieben habe, gesagt, dass Sie in
der Vergangenheit Fehler gemacht haben.


(Dr. Michael Bürsch [SPD]: Stimmt! – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: In der Gegenwart doch auch! – Hartmut Koschyk [CDU/CSU]: Die FDP macht ja nie Fehler!)


Wir nehmen einmal an, dass – Sie haben es nicht explizit
erwähnt – auch das ein Fehler in Ihrer Vergangenheit
war und Sie daraus gelernt haben.

Die Steuerung der Zuwanderung ist aus unserer
Sicht dringend notwendig und auch richtig, um ein fried-
liches und gedeihliches Zusammenleben in Deutschland
zu gewährleisten. Dabei ist es aus meiner Sicht beson-
ders wichtig, dass wir denen, die hierher kommen und
die hier bleiben wollen, ein Heimatgefühl vermitteln
können.

Herr Schäuble, Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass
wir hier keine Parallelgesellschaften wollen. Dem stim-
men wir zu. Auch haben Sie recht, wenn Sie sagen, dass
diejenigen, die hierher kommen wollen, sich integrieren
müssen. Aber wir müssen nicht nur leisten, dass diejeni-

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(C (D en, die hierher kommen, sich integrieren; vielmehr üssen wir denen, die hier leben, ein Heimatgefühl bie en können. Ich glaube, das ist sehr wichtig. Frau Dağdelen, ich denke, dass Sprache die Schlüselqualifikation dafür ist, sich hier integrieren zu könen. Denn – das hat auch mein Vorredner zu Recht geagt – ohne Sprache ist eine Integration in einem Land icht möglich. Ich warte immer noch darauf, dass Sie ir erklären, wie das gehen soll. (Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Von Hochqualifizierten habe ich gesprochen!)


Aber auch ein Hochqualifizierter, Frau Dağdelen, kann
n einem Land nur hochqualifiziert und dauerhaft arbei-
en, wenn er die Sprache beherrscht.


(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und der SPD – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Er soll es lernen, aber hier!)


Eine ganz persönliche Frage, die ich an Sie habe: Sie
itzen ja auf der linken Seite quasi als Nach-Nachfolge
er SED in der DDR.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Die Rede wird besser! – Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Jetzt kommt das wieder!)


ie war denn da eigentlich die Migrationspolitik? Was
ie hier sagen, passt nicht zu der Geschichte, die Sie hier
ozusagen vertreten.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Dr. HansPeter Uhl [CDU/CSU]: Gute Frage!)


ie haben hier sicherlich zu Recht manches angemahnt,
as andere Fraktionen nicht angesprochen haben. Aber
ie haben zum Beispiel keinen Ton dazu gesagt, dass die
olgen der schlechten Migrationspolitik in der ehemali-
en DDR uns bis heute beschäftigen und dass es in den
euen Ländern so schlimm ist wie nirgendwo anders.
as ist kein Ossi-Bashing, sondern das ist eine Tatsache.
azu habe ich von Ihnen nichts gehört.


(Beifall bei der FDP)



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616101200

Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage der

ollegin Dağdelen?


Gisela Piltz (FDP):
Rede ID: ID1616101300

Da ich eine Ahnung habe, dass die Zwischenfrage

olemisch sein wird, möchte ich sie nicht hören.


(Zurufe von der LINKEN: Oh! – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Sehr schwach, Frau Kollegin!)


Zugleich zeigt der Migrationsbericht auf, dass immer
ehr Menschen Deutschland verlassen. Das ist hier von

llen Rednern gesagt worden. 2006 gab es mit über
50 000 Wegzügen von deutschen Staatsangehörigen
inen neuen Wegzugsrekord. Auch wenn der Bericht
insichtlich der Frage, ob insbesondere Hochqualifi-
ierte Deutschland verlassen, auf eine dürftige Daten-
age hinweist, ist die Befürchtung nicht von der Hand zu






(A) )



(B) )


Gisela Piltz
weisen – auch unsere persönlichen Erfahrungen zeigen
das, je nachdem, mit wem man spricht –, dass Deutsch-
land gerade für junge Wissenschaftler und Ingenieure
sowie andere innovative und hochqualifizierte Berufe,
auch Ärzte zum Beispiel, nicht mehr genügend Attrakti-
vität zu bieten hat. Hier müssen Konsequenzen gezogen
werden, ebenso wie aus den Fragestellungen, die sich
nach wie vor bei der Einwanderung ergeben.

Herr Uhl, ich habe Sie eben so verstanden, dass die
CSU der Erbschaftsteuerreform offensichtlich nicht zu-
stimmen will. Wir sind einmal gespannt, ob Sie sich da-
ran auch halten.


(Beifall bei der FDP)


Zuwanderung nach Deutschland steuern – das ist
nicht unanständig, sondern zwingend notwendig, um den
gesellschaftlichen Frieden zu sichern, die wirtschaftliche
Balance zu bewahren und zu verbessern sowie humani-
tären Verpflichtungen nachzukommen.

Es ist selbstverständlich, dass es zuerst darum gehen
muss, den Bedarf an Arbeitskräften mit Inländern zu de-
cken. Dazu müssen wir auch für hochqualifizierte deut-
sche Arbeitskräfte attraktiver werden. Nur dann können
wir die Abwanderung stoppen. Wenn Sie, liebe Kolle-
ginnen und Kollegen von der Großen Koalition, das als
Problem erkannt haben, dann tun Sie doch etwas!


(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Dennoch braucht Deutschland die Zuwanderung qua-
lifizierter Kräfte in den Arbeitsmarkt. Dafür brauchen
wir ein Instrument, um flexibler auf die Entwicklungen
auf dem hiesigen Arbeitsmarkt reagieren zu können. Wir
haben einen Vorschlag für ein Punktesystem vorgelegt,
das wir für die richtige Maßnahme halten, um die Zu-
wanderung so zu steuern, wie wir es brauchen. Dabei
denken wir sowohl an hochqualifizierte Arbeitskräfte als
auch an Saisonarbeiter. Auch dieses Thema kommt bei
vielen hier zu kurz.

Im Umgang mit illegaler Migration tut sich dieses
Land leider noch sehr schwer. Ich glaube, wir müssen
schnell eine Regelung finden, wie wir insbesondere mit
Kindern derjenigen umgehen, die sich in unserem Land
illegal aufhalten. Die FDP setzt sich schon seit längerem
dafür ein, die Meldepflicht für Lehrer, was diesen Fall
betrifft, abzuschaffen.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber nicht nur die FDP! – Rüdiger Veit [SPD]: Nicht nur die FDP, aber richtig ist es trotzdem!)


Wir halten das für sehr wichtig.

Wir hoffen, dass das Parlament noch in dieser Legis-
laturperiode die Kraft findet, diesbezüglich zu einer Re-
gelung zu kommen. Sie haben in dieser Woche ein-
drucksvoll bewiesen, dass Sie die Kraft haben, auch
anderes zu regeln. Wir hoffen für die Kinder der illegal

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(C (D ier lebenden Menschen, dass Sie sich auch dieses Theas annehmen. Herzlichen Dank. Zu einer Kurzintervention erteile ich nun das Wort der ollegin Dağdelen. (Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber nicht die Ehre der DDR retten!)


(Beifall bei der FDP)

Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616101400


Sevim Dağdelen (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616101500

Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Es tut mir leid, liebe

olleginnen und Kollegen, dass ich diese Debatte jetzt
erlängern muss, weil Frau Piltz meine Zwischenfrage
icht zugelassen hat.

Frau Piltz, Sie haben mich persönlich angesprochen,
nd darauf möchte ich antworten. Zunächst einmal will
ch sagen, dass meine Eltern aus der Türkei kamen. Die
astarbeiterinnen und Gastarbeiter sind aber nicht ein-

ach gekommen, sondern sie wurden gerufen. Das sage
ch auch an die Adresse von Herrn Uhl. Vielleicht hat er
a vergessen, dass es Anwerbeabkommen gegeben hat.

Ich bin in Duisburg geboren und auch dort aufge-
achsen. Ich habe mich mit der Vergangenheit meiner
artei – viele haben das hinsichtlich der Vergangenheit

hrer eigenen Partei nicht getan – kritisch auseinanderge-
etzt. Es gab Probleme in der ehemaligen DDR bezüg-
ich der Integration, was von mir und auch von meiner
artei kritisiert wird.

Aber Tatsache ist doch – korrigieren Sie mich, wenn
ch falsch liege –, dass wir über den Migrationsbericht
006 der Bundesregierung und nicht über die Politik
hemaliger Staaten und Regierungen sprechen. Da muss
s auch erlaubt sein – vor allen Dingen Sie als Vertrete-
in einer Oppositionspartei müssten mir dieses Recht
och eigentlich zugestehen und müssten mich darin un-
erstützen –, dass ich hier Kritik an der repressiven Mi-
rations- und Integrationspolitik dieser Bundesregierung
nbringe.

Ich möchte ferner erwähnen, dass Sie anscheinend die
ahlen überhaupt nicht kennen. Es gibt in diesem Land
ehr viele Jugendliche, die einen guten Bildungsab-
chluss haben. Aber sie haben keinen Ausbildungsplatz.
chauen Sie sich den Bericht zur Lage der Ausländerin-
en und Ausländer, der im Dezember des vergangenen
ahres von der Bundesregierung veröffentlicht wurde,
inmal an. Daraus ergibt sich, dass die Sprache nicht die
inzige Voraussetzung für eine Integration ist. Ganz im
egenteil!

Gestern wurde eine Studie veröffentlicht, die von der
usländerbeauftragten, Frau Böhmer, unterstützt wurde.
s lebt rund eine halbe Million Menschen in Deutsch-

and, die ihre Qualifikation im Ausland erworben haben,
eren biografische Lebensleistung aber in diesem Land
icht anerkannt wird. Deshalb kann ich Frau Böhmer nur
nterstützen, wenn sie sagt, dass hier ein Schatz zu






(A) )



(B) )


Sevim DaðdelenSevim Dağdelen
heben ist und dass man in Gesprächen mit der Kultus-
ministerkonferenz erreichen muss, dass diese Ab-
schlüsse anerkannt werden.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Frau Präsidentin, die Zeit!)


Russische Ärztinnen sollen nicht mehr als Putzfrauen ar-
beiten, und iranische Ingenieure sollen nicht mehr als
Hausmeister hier arbeiten. Die biografische Lebensleis-
tung dieser Menschen muss anerkannt werden; sie darf
nicht mehr ignoriert werden.

Zu diesem Thema liegt von meiner Fraktion seit An-
fang des Jahres ein entsprechender Antrag vor. Ich bitte
dafür um Unterstützung. Es kann keine Integration ge-
ben, wenn die Menschen keine Teilhabemöglichkeiten
in diesem Land haben.

Teilhabe ist nicht nur im Hinblick auf die Sprache,
sondern auch im Hinblick auf Bildung, Arbeitsmarkt
und Kultur von zentraler Bedeutung.


(Beifall bei der LINKEN)



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616101600

Frau Kollegin, möchten Sie erwidern? – Bitte sehr,

Frau Piltz.


Gisela Piltz (FDP):
Rede ID: ID1616101700

Ich habe es geahnt. So gesehen, bereue ich meine Ent-

scheidung, weil Sie jetzt noch mehr Redezeit hatten.


(Dr. Michael Bürsch [SPD]: Das hat sie geschickt für eine weitere Rede genutzt!)


Erstens. Ich habe Sie nicht persönlich gemeint, son-
dern als Vertreterin Ihrer Fraktion. Das ist ein riesiger
Unterschied. Wenn Sie das persönlich nehmen, ist das
Ihr persönliches Problem.

Zweitens. Dass Sie sich so viel Zeit nehmen, um zu
sprechen, zeigt doch, wie wichtig Sprache ist. Sprache
ist aus meiner Sicht eine notwendige Voraussetzung, um
hier teilhaben zu können. Natürlich muss hier jeder teil-
haben können. Teilhabe ist wichtig.


(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Genau das war ihre Aussage!)


Aber ohne die deutsche Sprache ist keine ausreichende
Teilhabe möglich.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Das ist die herrschende Meinung in diesem Haus. Dage-
gen sollten Sie nicht immer wieder angehen.

Auf der ganzen Welt kann man sehen, wie wichtig die
Beherrschung der Landessprache ist; das ist Fakt. Wie
wollen Migranten hier lernen, wenn sie die Landesspra-
che nicht können? Wie wollen sie sich an der Arbeit die-
ses Parlaments beteiligen, wenn sie kein Deutsch
können? Sie können Deutsch. Akzeptieren Sie, dass
Sprachbeherrschung eine Schlüsselqualifikation für Inte-
gration sein muss!

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(C (D (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD – Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Sie hat nichts anderes gesagt! Billige Polemik! – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Anscheinend verstehen Sie kein Deutsch, sodass Sie mich nicht verstehen!)



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616101800

Nun hat das Wort der Kollege Dr. Michael Bürsch für

ie SPD-Fraktion.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Michael Bürsch (SPD):
Rede ID: ID1616101900

Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kolle-

en! Ich komme auf das eigentliche Thema des heutigen
ages zurück: Migration, Integration. Bis zu diesem
eitpunkt der Debatte kann ich zweierlei feststellen:

Erstens. Über Zahlen lässt sich offenbar doch streiten,
bwohl sie eigentlich einen objektiven Eindruck vermit-
eln sollen. Die Auslegung ist jedenfalls ein wenig unter-
chiedlich ausgefallen.

Zweitens. Die Ideologisierung dieses Themas ver-
chwindet langsam. Es wird über dieses Thema erheb-
ich weniger ideologisch als noch vor zwei, drei oder
ehn Jahren geredet. Insofern nehme ich den Beitrag von
errn Uhl durchaus mit Freude zur Kenntnis.

Im Folgenden möchte ich zwei Bemerkungen zu dem
hema des heutigen Tages machen.

Erstens. Bei allen Wünschen, die vielleicht noch be-
tehen, bei aller Kritik, die man hier und dort üben kann,
ann man insgesamt sagen: Die Integrationskurse sind
in Erfolgsmodell.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


iese Kurse hat die Bundesregierung vor drei Jahren
ingeführt. Wir wollen nicht über die Väter und Mütter
ieses Erfolges reden. Es war eine andere Bundesregie-
ung, die diese Kurse eingeführt hat; sie hat das Funda-
ent gelegt. Die Integrationskurse sind uns jetzt

55 Millionen Euro im Jahr wert. Das ist eine beträchtli-
he Summe, die wir, der Bund, freiwillig für die Sprach-
örderung ausgeben. Das Bundesamt für Migration und
lüchtlinge unter der Leitung von Albert Schmid leistet
ine hervorragende Arbeit, die wir auch an dieser Stelle
inmal loben sollten.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie der Abg. Gisela Piltz [FDP])


er immer diese Behörde besucht, muss feststellen, dass
ie sehr modern ist. Der Präsident dieser Behörde kommt
us Bayern.


(Dr. Hans-Peter Uhl [CDU/CSU]: Und ist in der SPD!)


Über die Parteizugehörigkeit sagen wir an dieser Stelle
ichts. – Diese Behörde macht eine hervorragende Ar-
eit und ist immer bereit, ihre Arbeit auch zu verbessern.






(A) )


)

Dr. Michael Bürsch

(Hartmut Koschyk [CDU/CSU]: Herrn Schmid haben wir sogar schon gelobt, als wir noch in der Opposition waren!)


Das ist das, was ich beiden Berichten, insbesondere
dem Zwischenbericht über die Integrationskurse, ent-
nehme. Es gibt immer noch Bedarf und Möglichkeiten,
zu verbessern. Das wird gemacht. Was ich besonders be-
grüße, ist, dass dieses Bundesamt ständige Evaluationen
vornimmt. Dort wird etwas gemacht, was wir in der Poli-
tik vielleicht zu selten machen: Man überzeugt sich je-
weils in Zwischenschritten davon, wie die Programme,
die man beschlossen hat, eigentlich wirken. An anderen
Stellen dagegen herrscht vielleicht ein allzu großer Man-
gel an Evaluation.

Zweitens. Vermittlung der Sprache ist – darauf ist
schon hingewiesen worden – eine ausgesprochen wich-
tige Voraussetzung – da bin ich bei Frau Piltz –; aber sie
ist beileibe nicht alles. Integration verlangt erheblich
mehr.


(Beifall der Abg. Sevim Dağdelen [DIE LINKE] – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Das kann ich nur unterstützen!)


Ich möchte die beiden Berichte zum Anlass nehmen,
drei Stichworte zu nennen, die wir bei der weiteren Ar-
beit im Auge behalten sollten: Bildung, Beteiligung und
Anerkennung.

Erstens: Bildung. Herr Uhl hat darauf hingewiesen:
Fast 10 Prozent der Jugendlichen in Deutschland und
fast 20 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshinter-
grund haben keinen Hauptschulabschluss. Der Anteil ist
also bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund fast
doppelt so hoch. Ein weiterer Blick in die Statistik zeigt,
dass 30 Prozent der Jungen mit Migrationshintergrund
den Hauptschulabschluss nicht schaffen. Das ist im
Grunde wie eine versperrte Tür vor allem Positiven, das
sich besonders in beruflicher Hinsicht auf dem Lebens-
weg ergeben könnte.

An dieser Stelle ist eine Veränderung nötig. Insofern
begrüße ich sehr, was der Arbeitsminister gestern ange-
boten hat: Er hat eine Art Rechtsanspruch für jeden jun-
gen Menschen in Deutschland auf einen Hauptschulab-
schluss angekündigt.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und am besten auf Ausbildung!)


An dieser Stelle möchte sich die Bundesagentur für Ar-
beit mit einklinken. Damit würde eine ganz wichtige Vo-
raussetzung für eine Veränderung in diesem Bereich ge-
schaffen.

Wir reden hier über insgesamt 2 Millionen Menschen,
die zu uns gekommen sind und eine sogenannte nachho-
lende Integration gebrauchen könnten, das heißt, die
nicht verpflichtet sind, Sprach- oder Integrationskurse zu
belegen, die aber durchaus davon profitieren könnten. In
dieser Gruppe gibt es rund 340 000 Haupt- und Real-
schüler zwischen zehn und 15 Jahren. Das ist aus Sicht
der SPD eine sehr schwierige Gruppe, die besonderer
Förderung bedarf. Eine solche Förderung würde nämlich

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(C (D erhindern, dass in 10 oder 15 Jahren ein enormer soziaer Sprengstoff entsteht. Zweitens: Beteiligung. Integration setzt in der Tat leichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft und eine egegnung auf gleicher Augenhöhe voraus. Dabei geht s zum einen um die Teilhabe an der Bürgergesellschaft. ier wiederhole ich, was ich an anderer Stelle schon zu iesem Thema gesagt habe: Zum Beispiel muss die freiillige Feuerwehr mit ihren 1,2 Millionen Mitgliedern ie Türen öffnen. Sie sollte den Migranten sagen: Ihr eid bei uns wirklich von Herzen willkommen; wir wolen und brauchen euch hier; ihr seid Teil der Gesellchaft, die etwa in der freiwilligen Feuerwehr gesellchaftliche Aufgaben wahrnimmt. Beteiligung heißt aber noch mehr: Menschen müssen ei wichtigen Entscheidungen mitwirken können, soohl die Deutschen als auch diejenigen, die einen Mirationshintergrund haben. Mir hat das Beispiel eines oscheenbaus sehr eingeleuchtet – bei einer Veranstal ung wurde vor ein paar Tagen davon berichtet –: In ordrhein-Westfalen gibt es offenbar – so wurde mir be ichtet – zwei eklatante Beispiele für Moscheenbau, bei enen die Entwicklung bzw. die Kontroverse sehr unterchiedlich verlaufen ist. Vor dem Bau einer Moschee in öln hat es keine große Bürgerbeteiligung gegeben. Vor em Bau einer Moschee in Duisburg-Marxloh wurde in inem langen Prozess offenbar ein großes Maß an Beteiigung praktiziert; die Menschen, die diese Moschee beuchen wollen – Ausländer, Migranten –, und Deutsche ind in einen langwierigen Prozess der Beteiligung einebunden worden. Dies war offensichtlich ein wichtiger chritt, der dazu geführt hat, dass die schwierige Entcheidung für einen Moscheebau in Duisburg mehr Akeptanz findet als in Köln. Auch das ist ein Beispiel für eteiligung. Bildung bedeutet beispielsweise, dass Menschen icht erst in der Schule, sondern noch früher – im Kinergarten oder in der Familie – eine Förderung erfahren. afür gibt es wunderbare Beispiele; ich möchte nur eies nennen: HIPPY, ein Hausbesuchsprogramm für soial benachteiligte Familien mit Kindern im Vorschullter. Die deutschen Sprachkenntnisse sollen verbessert, er Lernort Familie gestärkt werden. Türkische, arabiche und russische Mütter finden sich dort engagiert zuammen. Sie bewerten die Frühförderung ihrer Kinder beraus positiv. In erster Linie begrüßen sie, dass die inder rechtzeitig Deutsch lernen und sie selbst als El ern gefordert werden, sich an dieser Sprachförderung zu eteiligen. Es gibt viele andere Beispiele; ich wünsche ir noch mehr davon. Drittens: Anerkennung. Ich komme zu einem Punkt, ei dem es offensichtlich immer noch nicht zu einer einernehmlichen Regelung mit der CDU/CSU kommen ann. Ich bin der Meinung, dass die doppelte Staatsangeörigkeit in der Tat eine Form der Anerkennung wäre. (Beifall der Abg. Dr. Lale Akgün [SPD] und des Abg. Dr. Hakki Keskin [DIE LINKE])


er Innenminister hat davon gesprochen. Herr Schäuble,
s gibt nicht nur wenige Fälle von doppelter Staats-

(B)







(A) )



(B) )


Dr. Michael Bürsch
bürgerschaft in Deutschland. In vielen Fällen kommen
Inhaber der doppelten Staatsbürgerschaft aus den USA
oder anderen Ländern, in denen es das Recht des Ge-
burtsortes gibt: Jemand, der dort gelebt hat, der also etwa
als Franzose oder Amerikaner geboren wurde, erhält zu-
sätzlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Es gibt viele
solcher Fälle in Deutschland. Dies dürfen wir nicht ver-
teufeln. Die Süssmuth-Kommission hat damals gesagt,
die Zulassung von doppelten Staatsbürgerschaften sei
geeignet, die Kluft zwischen Staatsvolk und Wohnbevöl-
kerung zu schließen. Es ist eine Form der Anerkennung,
dass es Menschen, die hier wohnen, erlaubt wird, eine
Identität zu haben, die sie weiterhin zum Beispiel mit der
Türkei oder anderen Ländern verbindet. An dieser Stelle
brauchen wir eine Entwicklung, wie wir sie inzwischen
zum Thema Einwanderungsland erlebt haben. Wir brau-
chen die Anerkennung doppelter Staatsbürgerschaften.
Dies nimmt uns nichts,


(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie des Abg. Dr. Hakki Keskin [DIE LINKE])


sondern fördert gerade das, was wir alle wollen: Integra-
tion.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616102000

Nun hat das Wort für die CDU/CSU-Fraktion der

Kollege Reinhard Grindel.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Reinhard Grindel (CDU):
Rede ID: ID1616102100

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Es geht hier nicht nur um Zahlen, sondern auch um Men-
schen und um ihre Schicksale. Ich finde, Frau Kollegin
Dağdelen, wir müssen hier noch einige gemeinsame
Grundlagen möglich machen. Dass Sie hier sagen, dass
die bedauernswerten Todesfälle von Flüchtlingen aus
Afrika im Mittelmeer und vor den Kanarischen Inseln
Ergebnis unserer Ausländer- und Asylpolitik sind, geht
zu weit.


(Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Das ist Tatsache!)


Das ist das Ergebnis menschenverachtenden Schlepper-
und Schleusertums. Wir sollten uns zumindest darin ei-
nig sein, dass wir das bekämpfen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Das ist dieses Abschottungssystem!)


Das Zweite. Wir diskutieren hier über die Frage des
Familiennachzugs. Wir haben in diesem Zusammen-
hang zwei politische Ziele verfolgt: Wir wollten gerade
an die Familien in Deutschland das klare Signal geben,
dass es ohne die deutsche Sprache nicht geht, und – das
ist hier zu wenig betont worden – wir wollten Zwangs-
ehen bekämpfen. Wir wollten Frauen durch Deutsch-
kenntnisse, die sie vor der Übersiedlung in unser Land

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(C (D rwerben, stärken, sich Hilfe holen zu können, sich geen Unterdrückung und Gewalt wehren zu können. eswegen ist es logisch, dass diese Deutschkenntnisse or der Übersiedlung erworben werden müssen; enn gerade die von Zwangsehen betroffenen Frauen ürfen nicht an Integrationskursen teilnehmen. Mir haen die für die Erteilung von Visa zum Zwecke des Failiennachzugs zuständigen Mitarbeiter in unseren otschaften in Ankara und Istanbul gesagt, dass sie veruten – obwohl sie es nicht immer beweisen können –, ass 30 bis 40 Prozent der Visa, die erteilt werden, den intergrund der Zwangsehe haben. Insofern sage ich Ihnen: Wenn jetzt die Zahlen der Failienzusammenführung zurückgehen, dann heißt das uch, dass wir Zwangsehen erfolgreich bekämpfen, dass ir Hunderte, wahrscheinlich Tausende von Frauen daor bewahren, hier in Deutschland in einer Zwangsehe eben zu müssen. Das ist eine richtige Politik. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP – Rüdiger Veit [SPD]: Lesen Sie einmal den Migrationsbericht 2006! Da gab es diese Regelung noch nicht! – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: In einem Rechtsstaat bedarf es keiner Spekulation, sondern der Offenlegung von Zahlen!)


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


(Hartmut Koschyk [CDU/CSU]: So ist es!)


Es wurde in der Debatte gesagt, wir müssten in der
igrationspolitik einen europäischen Ansatz haben. Ich
ill Sie darauf hinweisen, dass die französische Regie-

ung im Rahmen ihrer EU-Präsidentschaft im zweiten
albjahr dieses Jahres an einem europäischen Einwan-
erungs- und Asylpakt arbeitet. Ich möchte mit Blick
uf die Opposition aus dem Entwurf dieses europäischen
inwanderungs- und Asylpaktes zitieren. Dort steht: Der
uropäische Rat möchte eine bessere Regulierung der
inwanderung aus familiären Gründen, bei der sowohl
ie Aufnahmekapazitäten jedes Mitgliedslandes berück-
ichtigt werden sollen als auch die Integrationsfähigkeit
er Betroffenen, welche insbesondere nach ihren Mit-
eln, ihren Unterkunftsbedingungen und ihrer Beherr-
chung der Sprache des Ziellandes bewertet wird. – Mit
nderen Worten: Die französische EU-Präsidentschaft
ill exakt das, was wir im Zuwanderungsrecht geregelt
aben.


(Beifall bei der CDU/CSU – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Bravo! Das haben Sie schön exportiert!)


Zu Recht sind die Erfolge unserer Integrationskurse
obend erwähnt worden, für die wir über 154 Millionen
uro ausgeben. Das hat in der Tat zu einer besseren Qua-

ität geführt. Wir haben die Kostenerstattung für die
ursträger deutlich erhöht,


(Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Vorher reduziert! Vorher gekürzt!)


amit die Kurse schneller beginnen können, und nicht
rst, wenn 20 Teilnehmer beisammen sind, und damit






(A) )



(B) )


Reinhard Grindel
qualifizierteres Personal eingestellt werden kann. Wir
haben das Angebot auf 900 Stunden ausgeweitet. Es gibt
mehr Kurse für Frauen mit Kinderbetreuung, mehr
Kurse für junge Leute in Verbindung mit Berufs- und
Betriebspraktika. Wir haben – gerade für den ländlichen
Raum ist das wichtig – eine umfassende Fahrtkosten-
erstattung vorgesehen.

Sicher, im Detail kann man immer noch etwas verbes-
sern; da sind wir dran. Aber dass mit den Integrations-
kursen als Teil des Nationalen Integrationsplans ganz
praktisch etwas für ein besseres Zusammenleben, für ein
Miteinander von Ausländern und Deutschen in unserem
Land geschehen ist, kann niemand ernsthaft bestreiten.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Lassen Sie mich etwas zum Thema Arbeitsmigra-
tion sagen, weil das hier angesprochen worden ist. Lie-
ber Kollege Veit, ich habe vor wenigen Tagen in mehre-
ren Zeitungen aus dem Rhein-Main-Gebiet gelesen, dass
dort ein Autozulieferer einen Ingenieur mit chinesischen
Sprachkenntnissen suchte. Das ist von einem Arbeitge-
berverband zum Anlass genommen worden, wieder eine
Änderung des Zuwanderungsgesetzes hinsichtlich der
Zuwanderung in den Arbeitsmarkt zu fordern. Ich habe
mir den Fall einmal genau angesehen. Was war das Pro-
blem? Das Problem war nicht, dass der Autozulieferer
diesen chinesischen Ingenieur nicht bekommen hat. Er
hat ihn bekommen, obwohl er weit weniger als die be-
rühmten 84 000 Euro für Hochqualifizierte verdient.
Nein, das Problem war, dass es zwei Monate gedauert
hat, bis die zuständige Bundesagentur die Vorrangprü-
fung durchgeführt hat.


(Ernst Burgbacher [FDP]: Auflösen!)


Darüber hat sich dieser Mittelständler zu Recht aufge-
regt.

Lieber Kollege Bürsch, darum sage ich Ihnen: Wir
brauchen kein Punktesystem und auch keine neuen Vor-
schriften hinsichtlich der Zuwanderung in den Arbeits-
markt. Wir brauchen mehr Flexibilität der Bundesagen-
tur, der Industrie- und Handelskammern sowie der
Ausländerbehörden. Dann werden wir ausländische
Fachkräfte nach Deutschland bekommen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Der Aussage, dass wir aufpassen müssen, damit wir
in Deutschland keine Talente vergeuden, stimme ich aus-
drücklich zu; das ist ja hier angesprochen worden. Ge-
rade etwa unter den Aussiedlern, die bei uns leben, gibt
es eine Vielzahl von Menschen, die in einfachen Kursen
die Qualifikationen erwerben könnten, die notwendig
sind, damit sie in ihren hochqualifizierten Berufen, etwa
als Arzt, in Deutschland arbeiten können.


(Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Stimmen Sie unserem Antrag zu oder nicht?)


Wir haben genug Taxifahrer in Großstädten, aber zu we-
nig Ärzte im ländlichen Raum. Durch eine bessere
Nachqualifizierung und eine flexiblere Anerkennung
von Abschlüssen können wir dafür sorgen, dass die Ta-

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(C (D ente, die in unserem Land schlummern, besser genutzt erden. Das ist im Interesse aller. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Stimmen Sie unserem Antrag zu!)



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616102200

Herr Kollege, kommen Sie bitte zum Schluss.


Reinhard Grindel (CDU):
Rede ID: ID1616102300

Frau Präsidentin, ein Schlusswort. – Wir, besonders

er Bundesinnenminister und die Staatsministerin
öhmer, haben der Integration neue Dynamik verliehen.
icherlich ist noch viel zu tun; dass wir das Thema ange-
ackt haben, kann aber niemand bestreiten.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Aber wie angepackt! – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: An der falschen Stelle, aber immerhin!)



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616102400

Letzte Rednerin in dieser Debatte ist nun die Kollegin

r. Lale Akgün für die SPD-Fraktion.


Dr. Lale Akgün (SPD):
Rede ID: ID1616102500

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr Mi-

ister Schäuble! Sehr geehrte Kolleginnen und Kolle-
en! Deutschland gleicht mehr und mehr einer Dame,
ie nicht wahrhaben will, dass sie älter wird. Um die
alten, die sich durch ihr Gesicht ziehen, nicht sehen zu
üssen, putzt sie zuerst ihre Brille nicht mehr und ver-

ängt dann auch noch die Spiegel. Realitätsverweige-
ung nennt man das.


(Eckart von Klaeden [CDU/CSU]: Oh, so eine Dame kenne ich nicht!)


Wenn ich mir den Migrationsbericht 2006, über den
ir heute diskutieren, anschaue, kann ich nur sagen: Wir
etreiben gemeinsam kollektive Realitätsverweigerung.
nser Land wird älter, aber wir wollen es nicht wahrha-
en. Wir haben eine niedrigere Geburtenrate, und immer
eniger Menschen kommen als Zuwanderer zu uns. Bei-
es führt zu einer rückläufigen Bevölkerungsentwick-
ung. Das heißt unterm Strich: Die alternde Dame nimmt
uch noch kräftig ab, und zwar mehr als ihr lieb sein
ann.


(Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bei den Herren ist das anders!)


Das ist eine Allegorie, Herr Kollege. Schauen Sie im
örterbuch nach, was das ist.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich erkläre es ihm nachher!)


Erkläre es ihm nachher.

Dabei müsste die alte Dame, um im Bild zu bleiben,
ur einen Blick in den Spiegel werfen, sprich: den Mi-
rationsbericht, um zu erkennen, wie es um sie steht. Sie






(A) )



(B) )


Dr. Lale Akgün
bräuchte eigentlich keine Angst zu haben; denn es gibt
ein effektives Anti-Aging-Mittel: die gesteuerte
Zuwanderung. Durch Zuwanderung halten wir nicht
nur die Bevölkerungszahlen konstant, sondern verjüngen
unsere Gesellschaft auch. Wir verpassen der alten Dame
eine Frischzellenkur. Auch das sieht man an den Zahlen:
Im Jahr 2006 waren knapp 75 Prozent der Zugewander-
ten unter 40 Jahre. Der Anteil der unter 40-Jährigen an
der Gesamtbevölkerung beträgt nur 28 Prozent.

Tun wir also etwas dafür, dass Menschen aus aller
Welt nach Deutschland kommen und hier dauerhaft blei-
ben und arbeiten, ja, hier gerne leben. Diesem wichtigen
Ziel sollten wir unsere Integrationspolitik unterordnen.
Wenn wir es versäumen, mehr Zuwanderer ins Land zu
holen, wird sich die Erwerbsbevölkerung bis 2050 um
ein Viertel reduzieren, was dramatische Folgen für unser
Sozialsystem hätte. Rüdiger Veit hat das eben schon ge-
sagt. Er hat aber auch gesagt, dass man das nicht oft ge-
nug wiederholen kann. Ich beschreibe hier kein Wolken-
kuckucksheim, sondern die nackte Realität. Wir werden
einen eklatanten Mangel an Arbeitskräften haben, vor al-
lem an Akademikern. Diesem Problem sollte unsere
volle Aufmerksamkeit gewidmet sein statt dem Ehegat-
tennachzug aus der Türkei, aus Thailand und Trinidad.

Ich bin sehr froh, dass der Migrationsbericht 2006
sehr deutlich macht, worauf es ankommt. An dieser
Stelle möchte ich dem Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge für diesen ausgezeichneten Bericht aus-
drücklich danken.


(Beifall bei der SPD)


Damit haben wir eine hervorragende empirische Daten-
grundlage, die uns glasklar vor Augen führt, war wir tun
müssen. Nun liegt es an uns, die richtigen Schlüsse zu
ziehen und mit den Scheingefechten über die angebliche
Bedrohung Deutschlands durch sogenannte anatolische
Importbräute endlich aufzuhören.

Herr Grindel, Sie haben eben Applaus dafür bekom-
men, dass Sie gesagt haben, durch die Neuregelung des
Familiennachzugs sei die Anzahl der sogenannten
Zwangsehen zurückgegangen. Ich muss Ihnen leider sa-
gen: Der Bericht ist aus dem Jahr 2006; da galt die Rege-
lung noch gar nicht.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Na gut!)


Wenn also die Anzahl der Ehen mit Partnern aus dem
Ausland, vor allem aus der Türkei, rückläufig ist, dann
ist das eine ganz normale Entwicklung und ein Zeichen
für die immer stärker einsetzende Integration und nicht
Ergebnis dessen, dass wir hier restriktive Regelungen
durchgesetzt haben.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Es kommen gewaltige gesellschaftliche Veränderun-
gen auf uns zu. In wenigen Jahren werden wir in einer
Fifty-fifty-Gesellschaft leben, also in einer Gesell-
schaft, in der die Hälfte der Menschen einen Migrations-
hintergrund hat. Darauf sollten wir uns besser frühzeitig
einstellen, damit der Schock nicht wieder über Nacht
kommt, wie bei der Erkenntnis, dass Deutschland ein
Einwanderungsland ist. Früh darum kümmern, so lautet

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(C (D ie Devise; denn wer sich früh kümmert, hat Einfluss nd Steuerungsmöglichkeiten. Wir müssen uns fragen: Wie bekommen wir mehr Zuanderung hin, und wie bekommen wir die Zuwande ung, die wir brauchen? Darin schwingt die Frage mit: ie werden wir für potenzielle Zuwanderer attraktiv? ch meine die hochqualifizierten Zuwanderer, die Ärzte nd Ingenieure, aber auch die Facharbeiter und die niediger qualifizierten Arbeitskräfte wie Handwerker und flegepersonal; auch sie werden in den nächsten Jahren ehlen. Die Lösung ist eine Kombination aus Punktesystem nd Engpasszuwanderung. Ein Punktesystem hatte beeits der Zuwanderungsrat unter Rita Süssmuth vorgechlagen und damit Weitsicht bewiesen. Dazu bedarf es edoch einer Zuwanderung, die Engpässen auf dem Areitsmarkt, zum Beispiel bei den Ingenieuren oder Lehern, entgegensteuert. In diesem Zusammenhang berüße ich die Blue-Card-Initiative der Europäischen ommission, die die Engpasszuwanderung regeln soll. Das ist aber nicht alles. Wir brauchen auch – das ist chon erwähnt worden – eine Bildungsoffensive bei den och nicht Qualifizierten. Außerdem müssen wir die stilen Reserven aktivieren. Das sind vor allem Aussiedler, ie oftmals gut ausgebildeten Lehrer oder Ingenieure, ie zurzeit zum Beispiel als Reinigungskräfte beschäftigt ind. Es ist doch evident, welch enormes Potenzial wir ier verschenken, erst recht, weil uns zugleich etwa 6 000 Lehrerinnen und Lehrer fehlen. ie kennen das Stichwort in diesem Zusammenhang: achholende Integration. Nachholende Integration in iner Einwanderungsgesellschaft ist keine Kleinigkeit, ondern unabdingbares Muss. Neue Feststellungen werfen neue Fragen auf. Welche ntegrationspolitik braucht eine Fifty-fifty-Gesellschaft? an kann vorab sagen: auf jeden Fall eine Integrationsolitik, die das Klein-Klein ablegt und sich stattdessen m Ganzheitliches bemüht. Mit dem großen Ganzen eine ich mehrere Dinge. Zunächst einmal meine ich ine Integrationspolitik, die das Gemeinsame aller hier ebenden Menschen in den Blick nimmt, statt immer ieder das Trennende zu schärfen. Glauben Sie mir, es st wichtig, hier und jetzt Schluss damit zu machen, enschen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag in eine eth ische Schublade zu stecken. Wenn wir zum Beispiel über Probleme von Menschen it türkischem Hintergrund auf dem Arbeitsmarkt spre hen, dann interessiert doch weder die ethnische Herunft noch der muslimische oder sonstige Glaube. Eine ernünftige Ursachenanalyse setzt bei der sozialen Lage n. Im Übrigen ist es völlig verfehlt, sich bei der Integraionspolitik ausschließlich auf die Türken als Gruppe zu okussieren. Ein solcher Blick missachtet die Realitäten, eil er die Entwicklung der Zuwandererzahlen schlichteg ignoriert. Der Migrationsbericht 2006 weist deut ich aus, dass der Wanderungssaldo der in Deutschland ebenden Türken im Jahr 2006 zum ersten Mal negativ ar: minus 1 700 Personen. Dr. Lale Akgün Im Moment herrscht aber leider immer noch ein Klima vor, in dem Menschen in eine ethnische oder religiöse Ecke gestellt werden, in dem es nicht selbstverständlich ist, eine andere Hautfarbe zu haben, Russisch oder Arabisch als Muttersprache zu sprechen oder gar muslimischen Glaubens zu sein. Nein, unser Klima deklariert diese Eigenschaften im besten Falle als Exotik, im schlechteren Falle als etwas, das man bekämpfen muss. Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Politik hat dazu einen nicht geringen Beitrag geleistet. Aus diesem Grunde finde ich – bei allem Respekt für das Engagement der Bundesregierung und für Ihr persönliches Engagement, Herr Innenminister –, dass die ganze Gipfelei, die seit 2006 um sich greift, relativ sinnlos ist. Ein Integrationsgipfel bei der Kanzlerin, ein Islamgipfel beim Bundesinnenminister – durch all das suggeriert man den Zugewanderten, vor allem den Muslimen: Ihr seid so problematisch, dass wir uns gesondert um euch kümmern müssen. – Diese Entwicklung halte ich für den wahren Gipfel. (Hartmut Koschyk [CDU/CSU]: Ach, du lieber Gott!)


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Ja!)





(A) )


(B) )


Eine moderne Integrationspolitik, die den Bedürfnissen
unseres Landes Rechnung trägt, kann doch keine Son-
derschulveranstaltung für die Sitzengebliebenen sein.


(Heiterkeit des Abg. Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Sie muss eine Politik sein, die Chancengleichheit so weit
wie möglich herstellt und auf das Gemeinsame statt auf
das Trennende setzt.


(Eckart von Klaeden [CDU/CSU]: Zurück zu Otto! – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN], zu Abg. Eckart von Klaeden [CDU/CSU] gewandt: Und das ist euer Koalitionspartner! Sehr interessant!)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, vielleicht sind wir
in der Politik inzwischen etwas getrieben, auch aufgrund
der Medienberichterstattung. Unsere Aufgabe ist aber,
die Zuwanderung auf der Grundlage der Fakten zu ge-
stalten. Dazu möchte ich Sie alle herzlich einladen.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. HansChristian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616102600

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird die Überweisung der Vorlagen
auf den Drucksachen 16/7705 und 16/6043 an die in der
Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
Sind Sie damit einverstanden? – Ich sehe, das ist der
Fall. Dann sind die Überweisungen so beschlossen.

Ich rufe nun die Tagesordnungspunkte 22 a bis 22 f
sowie Zusatzpunkt 7 auf:

22 a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Eduard
Lintner, Eckart von Klaeden, Klaus Brähmig,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der
CDU/CSU sowie der Abgeordneten Lothar Mark,

(C (D Gert Weisskirchen terer Abgeordneter und der Fraktion der SPD Eine starke Partnerschaft – Europa und Lateinamerika/Karibik – Drucksache 16/9072 – Überweisungsvorschlag: Auswärtiger Ausschuss Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union Haushaltsausschuss b)

Hübinger, Dr. Christian Ruck, Dr. Wolf Bauer,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der
CDU/CSU sowie der Abgeordneten Dr. Sascha
Raabe, Gregor Amann, Elvira Drobinski-Weiß,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD

Die entwicklungspolitische Zusammenarbeit
Deutschlands im Rahmen der strategischen
Partnerschaft der Europäischen Union mit
den Staaten Lateinamerikas und der Karibik
zielgerichtet stärken

– Drucksache 16/9073 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (f)

Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Haushaltsausschuss

c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Heike
Hänsel, Dr. Diether Dehm, Wolfgang Gehrcke,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE
LINKE

Zum EU-Lateinamerika-Gipfel in Lima –
Impulse für solidarische und gleichberechtigte
Beziehungen zwischen der EU und Lateiname-
rika

– Drucksache 16/9074 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (f)

Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Thilo
Hoppe, Marieluise Beck (Bremen), Volker Beck

(Köln), weiterer Abgeordneter und der Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die strategische Partnerschaft zwischen der
Europäischen Union, Lateinamerika und der
Karibik durch eine intensive Umwelt- und Kli-
makooperation beleben

– Drucksache 16/8907 –






(A) )



(B) )


Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (f)

Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

e) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für wirtschaftliche Zu-
sammenarbeit und Entwicklung (19. Ausschuss)

zu dem Antrag der Abgeordneten Heike Hänsel,
Wolfgang Gehrcke, Monika Knoche, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE

Deutsche Kolumbien-Politik auf die Stärkung
ziviler Friedensinitiativen und der sozialen,
demokratischen und Menschenrechte ausrich-
ten

– Drucksachen 16/5678, 16/8062 –

Berichterstattung:
Abgeordnete Anette Hübinger
Dr. Sascha Raabe
Dr. Karl Addicks
Heike Hänsel
Ute Koczy

f) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für wirtschaftliche Zu-
sammenarbeit und Entwicklung (19. Ausschuss)

zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Karl
Addicks, Hellmut Königshaus, Jens Ackermann,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP

Die Regierungsverhandlungen mit Bolivien
für eine kritische Überprüfung der Entwick-
lungszusammenarbeit nutzen und an Bedin-
gungen knüpfen

– Drucksachen 16/5615, 16/9114 –

Berichterstattung:
Abgeordnete Anette Hübinger
Dr. Sascha Raabe
Dr. Karl Addicks
Heike Hänsel
Ute Koczy

ZP 7 Beratung des Antrags der Abgeordneten Marina
Schuster, Dr. Werner Hoyer, Jens Ackermann,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP

Die Beziehungen zu Lateinamerika und den
Staaten der Karibik stärken und den EU-
Lateinamerika/Karibik-Gipfel zu einer ehrli-
chen Bestandsaufnahme nutzen

– Drucksache 16/9056 –
Überweisungsvorschlag:
Auswärtiger Ausschuss (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache eineinviertel Stunden vorgesehen. – Ich

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(C (D ehe und höre dazu keinen Widerspruch. Dann werden ir so verfahren. Ich eröffne die Aussprache. Als erster Redner hat für ie Bundesregierung Herr Bundesminister Dr. Frankalter Steinmeier das Wort. Dr. Frank-Walter Steinmeier, Bundesminister des uswärtigen: Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und erren! Vor vielen Jahren war Lateinamerika in unseren öpfen der Kontinent der Militärdiktaturen, der schwe en Menschenrechtsverletzungen und der sozialen Unleichheit. Viele, auch hier in Europa, haben lange Zeit ür einen friedlichen Übergang zu Demokratie und echtsstaatlichkeit gekämpft, darunter auch Stiftungen, enschenrechtsorganisationen und vor allen Dingen die irchen. Wer sich heute, mit mehr als 30 Jahren Abstand u den frühen 70er-Jahren, über die Entwicklung dieser egion informiert, der wird sagen müssen: Viele Länder üdamerikas sind auf ihrem Weg sehr weit vorangekomen. In vielen dieser Länder – davon habe ich mich berzeugen können – werden die Verbrechen, die unter ilitärdiktaturen begangen wurden, inzwischen aufgear eitet, in einigen Ländern auch gesühnt. Wir können eststellen, dass die aus demokratischen Wahlen hervoregangenen Wahlergebnisse auf den Straßen überwieend nicht mehr infrage gestellt und dass auch nicht ehr geputscht wird. Südamerika ist ein Kontinent im ufbruch. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Ich habe mich ganz neu auf Südamerika konzentriert.
emnächst steht meine dritte Reise in diese Region an.
iele dieser Länder haben nicht nur ihre demokratischen
trukturen deutlich gestärkt, sondern können auch beein-
ruckende Wachstumsraten von überwiegend mehr als
Prozent und eine Beschleunigung ihrer industriellen
ntwicklung vorweisen. All das verändert das Gesicht
ieses Kontinents weitaus mehr, als es hierzulande oft
ahrgenommen wird. Wer weiß zum Beispiel, dass einer
er Marktführer beim Bau mittelgroßer Flugzeuge aus
rasilien kommt? Wer weiß, dass einer der weltweit
rößten Beton- und Zementhersteller aus Mexiko
ommt?

Mit Blick auf solche Entwicklungen ist klar: Wo neue
ärkte und neue Nachfrage entstehen, da erwächst auch

in Exportmarkt, der für uns relevant ist. Insofern haben
ir allen Anlass, die wirtschaftliche Entwicklung, die in
ittel- und Südamerika im Augenblick im Gange ist, zu

nterstützen und die globale Partnerschaft, um die wir
ns bemühen, auszubauen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


as wird auch die Botschaft sein, die von der Europäi-
chen Union auf dem gemeinsamen Gipfel mit den la-






(A) )



(B) )


Bundesminister Dr. Frank-Walter Steinmeier
teinamerikanischen Staaten in wenigen Tagen in Lima
ausgehen wird.

Es gibt aber durchaus auch gegenläufige Prozesse;
das konnten wir durch die Medien wahrnehmen. Die
Hungerproteste in Mexiko, Honduras und vor allen Din-
gen Haiti sind ein deutlicher Weckruf, der uns nicht ver-
gessen lassen sollte, dass es neben den vielen Gewinnern
der Globalisierung auch Verlierer gibt und dass manche
Kosten der Globalisierung für die betroffenen Bevölke-
rungsgruppen dort in der Tat größer sind, als es unsere
euphorische Zeichnung gelegentlich vermittelt.

Diese Krisensignale zeigen auch: Es wäre sicherlich
nicht ausreichend, auf die Selbstheilungskräfte des
Marktes zu setzen.


(Beifall bei der SPD)


Politik ist gefordert, zumal internationale Politik, dane-
ben natürlich eine faire Welthandelsordnung, aber auch
nationale Politik. Mit Blick darauf können wir feststel-
len, dass in Ländern wie Mexiko und Brasilien jedenfalls
das Bemühen besteht, die Kluft zwischen Arm und
Reich auch aufgrund nationaler Maßnahmen zu verrin-
gern. In bescheidenem Maße trifft das nach meiner
Kenntnis inzwischen auch für Panama zu.

Meine Damen und Herren, als Deutsche und als Euro-
päer müssen wir dafür werben, dass die von mir ange-
sprochenen Anstrengungen überall in Lateinamerika und
auch in der Karibik ganz vorn auf der Agenda Platz fin-
den. Nicht nur wir wollen verdeutlichen, sondern auch
diese Staaten in Südamerika haben allen Anlass, zu zei-
gen, dass der Weg einer nationalen Politik zur Verringe-
rung der Kluft zwischen Arm und Reich allemal richti-
ger und besser ist als die Rezepte von Hugo Chávez und
anderen.


(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wegen der Herausforderungen, die vor uns liegen,
brauchen wir aus eigenem Interesse ein stabiles, ein
langfristig denkendes Lateinamerika. Der Ressourcen-
reichtum und die Biodiversität Lateinamerikas spielen
auch für uns eine zentrale Rolle; dies wird bei der inter-
nationalen Konferenz in Deutschland in der nächsten
Woche sicherlich vielfach hervorgehoben werden. Zu-
gleich ist diese Region, etwa mit Blick auf Brasilien und
das Regenwaldgebiet, eine der verwundbarsten Regio-
nen der Welt. Ich war deshalb froh, feststellen zu
können, dass beides erfolgt: Einerseits wächst die Sensi-
bilität für diese Fragen, andererseits stößt unsere Bereit-
schaft, unser Angebot zur Zusammenarbeit in diesen
Fragen in den südamerikanischen Ländern auf Interesse
und Unterstützung.

Nehmen Sie das Beispiel Peru. Dort hängt die ge-
samte Wasserversorgung im Grunde genommen an ei-
nem Gletschergebiet, von dem wir wegen der zugrunde
zu legenden Annahmen zu den klimatischen Verände-
rungen wissen, dass es in 20 Jahren überwiegend nicht
mehr vorhanden sein wird, während gleichzeitig auf-

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(C (D rund der wirtschaftlichen Entwicklung der Wasserbearf in der gesamten Region extrem steigt. Das zeigt: Nicht nur wir sind daran interessiert, unere den Umweltbereich betreffenden Technologien zu xportieren; es gibt auch in dieser Region ein extrem hoes Interesse, daran zu partizipieren. Wir sollten zum eilen von Know-how bereit sein und Unterstützung für ntsprechende Kooperationen anbieten. Man kann in diesen Wochen nicht auf Südamerika, uf Lateinamerika schauen, ohne den Blick auch auf uba zu richten; das wäre nicht richtig, auf jeden Fall äre es nicht vollständig. Ich will hier wie an anderer telle sagen: Kuba ist auch mit seinem neuen Präsiden en Raúl Castro nicht über Nacht zu einer Demokratie eworden. Wer so etwas behauptet, liegt sicherlich alsch. Wir sollten die kleinen und vorsichtigen Schritte n Richtung auf eine Öffnung – nach der sich die Menchen auf Kuba so sehr sehnen – aber auch nicht kleinreen. Der vorsichtige Wandel auf Kuba bietet Chancen. ir sollten diese Chancen im Sinne der Menschen, die ich nach Öffnung sehnen, nutzen. Was meine Person ngeht, so will ich sagen: Wir diskutieren auf der euroäischen Ebene zurzeit mit den Kollegen, welche Handungsspielräume gegenwärtig bestehen und genutzt weren können. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Alles in allem haben wir eine Situation, in der sich
ine Erneuerung der Partnerschaft mit den lateiname-
ikanischen Staaten lohnt: erstens wegen der Eigenent-
icklung in Südamerika selbst, zweitens wegen der ge-
einsamen Herausforderungen, denen wir nur mithilfe

er südamerikanischen Staaten begegnen können, und
rittens, weil wir als Europäische Union eine Form re-
ionaler Kooperation entwickelt haben, an der in Süd-
merika Interesse besteht, seitens der Andengemein-
chaft und seitens des Mercosur. Wir sind in den
ntsprechenden Vertragsverhandlungen leider noch nicht
eit genug gekommen; aber wir bestärken die Kommis-

ion darin, diesen Weg weiterzugehen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


ch plädiere für eine Partnerschaft mit Südamerika auf
ugenhöhe. Machen wir etwas daraus!

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616102700

Nächster Redner ist der Kollege Dr. Werner Hoyer für

ie FDP-Fraktion.


(Beifall bei der FDP)



Dr. Werner Hoyer (FDP):
Rede ID: ID1616102800

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

ch freue mich, dass sich der Außenminister für Latein-






(A) )



(B) )


Dr. Werner Hoyer
amerika interessiert und sich engagieren will. Wir wer-
den ihn an dieser Ankündigung messen. Sein Amtsvor-
gänger hat sich sieben Jahre lang nicht die Bohne für
Lateinamerika interessiert.


(Beifall bei der FDP – Gert Weisskirchen [Wiesloch] [SPD]: Aber Steinmeier war schon mehrfach da!)


Lateinamerika ist für uns ein natürlicher Partner. Wer
kommt einem als Erste in den Sinn, wenn es darum geht,
die Gemeinschaft der aufgeklärten, rechtsstaatlichen De-
mokratien des Westens zu organisieren? Natürlich die
meisten Länder Lateinamerikas. Das ist sicherlich noch
ein weiter Weg, und wir müssen beharrlich dranbleiben.
Deswegen liegt der Gedanke einer strategischen Partner-
schaft nahe.

Der SPD-Vorsitzende hat diese Woche die Forderung
erhoben, die EU solle auf Lateinamerika zugehen und
mit Lateinamerika eine strategische Partnerschaft be-
gründen. Genau das ist 1999 geschehen; seither haben
wir eine strategische Partnerschaft EU-Lateinamerika.
Darüber hinaus ist jedoch nichts geschehen; die Defizite
sind da.


(Beifall des Abg. Harald Leibrecht [FDP])


Wir sind in Lateinamerika verdammt schwach vertreten.
In diese Lücke stoßen andere vor: die Vereinigten Staa-
ten sowieso – sie haben es allerdings seit dem 11. Sep-
tember 2001 schwer –; aber auch China und Russland
haben Lateinamerika mittlerweile entdeckt.

Im Hinblick auf Wirtschaft und Demokratie gibt es
positive Entwicklungen – Sie haben sie zu Recht be-
schrieben –, die wir nicht unterschätzen dürfen. Es gibt
aber auch Rückschläge, zum Beispiel die rückwärtsge-
wandten neuen Autokraten. Diese Caudillos geben uns,
auch wenn sie demokratisch gewählt sind, großen An-
lass zur Sorge. Noch mehr Sorgen macht mir allerdings,
dass sich trotz der Öl- und Gasmilliarden, die verschie-
dene lateinamerikanische Länder Jahr für Jahr einneh-
men, an der sozialen Schieflage nichts geändert hat, dass
sie sogar zugenommen hat. Offensichtlich fühlen sich
große Teile der Eliten nicht dafür verantwortlich, eine
nachhaltige Entwicklung in Gang zu setzen, die Öl-
milliarden zu nutzen, um endlich in Bildung, Forschung
und Technologie, in Zukunftssicherung zu investieren.
Ich sehe auch mit Sorge, dass Lateinamerika – übrigens
der Halbkontinent, der als Erster, schon vor über 40 Jah-
ren, zur kernwaffenfreien Zone erklärt worden ist – sehr
wohl über ein Massenvernichtungsmittel verfügt, näm-
lich über Kokain. Wir haben keine Rezepte, damit klar-
zukommen. Es gibt also viel zu tun.

Ich glaube, die Europäer müssen sich überlegen, ob
sie weiterhin eher als Entwicklungshilfegeber auftreten
wollen oder ob eine strategische Partnerschaft nicht
mehr erfordert. Ich meine das gemeinsame Diskutieren
und Vereinbaren von Zielen auf der Grundlage abge-
stimmter Interessen und das gemeinsame Entwickeln
von Strategien, um diese Ziele tatsächlich zu erreichen.
Das ist das, was Sie zum Schluss angesprochen haben:
Partnerschaft auf Augenhöhe. Davon spüre ich gegen-
wärtig noch recht wenig. Es kann nicht sein, dass in ge-

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(C (D issen zeitlichen Abständen große Gipfel stattfinden, ährend Lateinamerika bei uns ansonsten im Ressort ntwicklungszusammenarbeit angesiedelt ist. Das ist zu enig. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE])


Es gibt große globale Themen, bei denen wir unsere
reunde in Lateinamerika mit in die Pflicht nehmen wol-

en. Die Abrüstung habe ich eben genannt. Es gibt noch
ndere, zum Beispiel im Bereich der Bekämpfung des
nternationalen Terrorismus. Wir sollten nicht nur mit
rasilien, einem BRIC-Land, sondern auch mit anderen
ändern darüber reden, wie wir große Weltprobleme in
en Griff bekommen können.

Meine Damen und Herren, ich denke, wir werden
uch über etwas sprechen müssen, was uns und übrigens
uch Investoren – aber bei Weitem nicht nur – besonders
esorgt, die Frage der Rechtsstaatlichkeit in Latein-
merika. Das steht wiederum in einem Zusammenhang
it unserer Entwicklungszusammenarbeit. Ich habe sehr

roße Sorgen in Bezug auf Budgethilfen für Staaten, bei
enen von Rechtssicherheit und Transparenz des Regie-
ungshandelns nicht gesprochen werden kann. Es gibt
egenwärtig das recht krasse Beispiel Nicaragua. Ich
inde, die Bundesregierung sollte da konsequent bleiben.
urch das Moratorium hinsichtlich der Budgethilfe sind
ir in einer guten Ausgangsposition. Der Bericht des
undesrechnungshofes für Nicaragua ist vernichtend.
olglich muss man sich selber treu bleiben.


(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Dr. Christian Ruck [CDU/CSU])


Ich bitte darum, dass wir auch mit unseren Elitepart-
ern in Lateinamerika offener und klarer sprechen. Es
eicht nicht aus, dass es sich mittlerweile erfreulich viele

enschen in Lateinamerika leisten können, ihre Kinder
uf gute Privatschulen und anschließend zum Beispiel
ach Miami oder auf gute amerikanische Ivy League
chools und Universitäten zu schicken. Wir müssen er-
eichen, dass das in Lateinamerika selbst für alle mög-
ich wird. Das ist gegenwärtig nicht der Fall. Ich denke,
ier müssen wir auch gegenüber unseren Freunden deut-
iche Erwartungen artikulieren.

Schließlich noch etwas zum Thema „wirtschaftliche
usammenarbeit“; das wird beim Gipfel sicherlich wie-
er eine große Rolle spielen. Gerade wir als Liberale ha-
en eine Idealvorstellung davon, wie man den Welthan-
el organisieren kann. Deswegen wünschen wir uns so
ehr einen Fortschritt bei den WTO-Verhandlungen. Wir
erden aber immer wieder hingehalten; es passiert
ichts.

Als gute Europäer sagen wir: Wir sind von unserem
egionalen Integrationsmodell so überzeugt und begeis-
ert, dass die anderen das jetzt auch so machen müssen. –

ir predigen dies gegenüber Mercosur, der Andenge-
einschaft und anderen regionalen Zusammenschlüs-

en, übrigens nicht erst seit heute. Wir kommen aber
icht voran, weil die Bereitschaft wichtiger kongenialer
artner in Lateinamerika nicht vorhanden ist, die Form






(A) )



(B) )


Dr. Werner Hoyer
von Souveränitätsverzicht zugunsten einer regionalen
Wirtschaftsintegration zu leisten, die wir uns vorstellen.
Deswegen werden wir uns als drittbeste Lösung ernst-
haft damit befassen müssen, ob man nicht zumindest mit
einigen der Schlüsselländer bilaterale Handelsvereinba-
rungen treffen kann, weil wir ansonsten in Lateiname-
rika an Boden verlieren. Nicht nur die Vereinigten Staa-
ten wollen an eine früher erfolgreiche Strategie zur
Entwicklung von Freihandelszonen mit Lateinamerika
anknüpfen; auch China ist auf diesem Gebiet außer-
ordentlich aktiv. Selbst Russland ist auf dem Markt zu
sehen. Die Europäer verstecken sich immer hinter ihren
Idealvorstellungen von regionaler Wirtschaftsintegration
im Sinne von Mercosur nach EU-Modell, die ich nach-
haltig teile. Ich glaube aber, dass das auf lange Zeit nicht
funktionieren wird. Deswegen sollten wir uns auch in
der Handelspolitik flexibler zeigen.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)



Gerda Hasselfeldt (CSU):
Rede ID: ID1616102900

Für die CDU/CSU-Fraktion hat nun der Kollege

Eckart von Klaeden das Wort.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Eckart von Klaeden (CDU):
Rede ID: ID1616103000

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren Kolle-

gen! Wir befinden uns in Zeiten großer politischer und
wirtschaftlicher Umwälzungen. Die Haupttriebfeder für
diese Umwälzungen ist die Globalisierung. Gerade in
den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass die Welt
von morgen weniger euroatlantisch geprägt sein wird als
heute. Die Konsequenz daraus ist: Wenn wir wollen,
dass sich auch die zukünftige Weltordnung an den Prin-
zipien Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, soziale Gerech-
tigkeit und Achtung der Menschenrechte orientiert
– wenn wir also wollen, dass wir nach unseren Prinzi-
pien auch in einer Weltordnung leben können, die nicht
mehr so stark euroatlantisch geprägt sein wird –, dann
müssen wir uns stärker nach verlässlichen Partnern um-
sehen als bisher. Dafür bietet sich Lateinamerika wegen
seiner Geschichte, seiner Werte und seines Selbstver-
ständnisses als Teil der westlichen Welt und der Gemein-
schaft der Demokratien besonders an. Es gibt keine an-
dere Entwicklungsregion, mit der wir, was unsere
Prinzipien und Werte angeht, eine so große Übereinstim-
mung haben wie mit Lateinamerika.

Lateinamerika bringt mit seinen 36 Staaten in der in-
ternationalen Ordnung ein großes Gewicht auf die
Waagschale. Da wir in diesen Tagen auch über 60 Jahre
Israel diskutieren, weise ich darauf hin, dass ohne die
Stimmen der lateinamerikanischen Staaten der Staat
Israel mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Vereinten
Nationen nicht anerkannt worden wäre.

Wir müssen unsere Partnerschaft mit Lateinamerika
pflegen und ausbauen, und zwar vor allem vor dem Hin-
tergrund – das hat der Kollege Hoyer schon angespro-
chen –, dass Deutschland und Europa dort zunehmend

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(C (D n Bedeutung zu verlieren scheinen, da mit China und nderen aufstrebenden asiatischen Staaten neue Partner ereitstehen, die zumindest aus wirtschaftlicher Sicht icht weniger attraktiv sind als Europa. Der seit Jahren ropagierten strategischen Partnerschaft müssen daher ndlich konkrete und substanzielle politische Initiativen olgen. (Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Wer sitzt denn in der Regierung?)


Lateinamerika hat in den vergangenen Jahren eine tief
reifende politische, gesellschaftliche und wirtschaftli-
he Veränderung erfahren. Unser Lateinamerikabild ist
och zu sehr von den 70er- und 80er-Jahren des letzten
ahrhunderts geprägt. Aber während in den 70er-Jahren
och autoritäre Regimes die politische Landschaft La-
einamerikas dominiert haben, werden mittlerweile fast
lle Staaten außer Kuba von demokratisch gewählten
egierungen geführt.

Herr Minister, ich stimme Ihnen ausdrücklich zu, dass
ir die kleinen Schritte, die Raúl Castro in Kuba unter-
immt, nicht kleinreden sollten; denn dann wären sie ja
icht mehr zu erkennen. Es müssen daher noch wesent-
ich mehr Schritte hinzukommen, zum Beispiel die Frei-
assung politischer Gefangener. Gerade ist der weltbe-
ühmten Bloggerin Yoani Sánchez die Ausreise nach
panien verweigert worden, die dort den renommierten
rtega-y-Gasset-Preis der Zeitung El País entgegenneh-
en sollte. Sie ist mit ihren Bloggerforen eine Hoffnung

ür die bürgerliche Gesellschaft, die Zivilgesellschaft
nd die demokratische Opposition in Kuba. Ich finde,
ir alle sollten das Anliegen unterstützen, dass sie aus-

eisen darf und auf diese Weise ein Zeichen für das de-
okratische Kuba in Spanien setzen kann.


(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Heute wurde über die Agenturen verbreitet, dass
orales in Bolivien ein Referendum zu seiner Amtsent-

ebung akzeptiert. Auch Herrn Chávez sind bei seinem
eferendum wegen seines autoritären und populisti-

chen Kurses und wegen seiner offenen Sympathie für
errorgruppen wie der FARC auch von der eigenen Be-
ölkerung deutliche Grenzen gesetzt worden.


(Dr. Karl Addicks [FDP]: Die Linken sympathisieren auch mit der FARC!)


Ich weiß, dass sie mit ihnen sympathisieren und dass
hnen der Ausgang des Referendums nicht gefällt. Des-
egen halte ich es für sinnvoll, das zu erwähnen.

Das Fehlen etablierter und stabiler Parteiensysteme
nd das zunehmende Wohlstandsgefälle sind gerade für
ie jungen Demokratien in Lateinamerika eine beson-
ere Gefahr. Deswegen ist es unsere Aufgabe – wir ha-
en die Möglichkeit –, diese Transformationsprozesse
eiter zu unterstützen; gleichzeitig ist aber auch zur
enntnis zu nehmen, dass diese Prozesse schon erhebli-

he Erfolge zeigen. Ich habe das schon im Hinblick auf
ie demokratische Entwicklung festgestellt, aber es gilt
uch für die wirtschaftliche Entwicklung.






(A) )



(B) )


Eckart von Klaeden
Das neue Lateinamerika, dem wir uns zuwenden müs-
sen, erzielt zum Beispiel seit Jahren deutlich höhere
Wachstumsraten als wir. Unternehmen dieses neuen
Lateinamerikas – die sogenannten Multilatinas – sind
heute auf dem Weltmarkt zu einer Herausforderung als
Konkurrenten und zu Partnern im Hochtechnologiebe-
reich geworden. Ich erinnere zum Beispiel an den brasi-
lianischen Flugzeugbauer Embraer. Lateinamerikas
Reichtum an Bodenschätzen und Energieressourcen so-
wie sein landwirtschaftliches Potenzial haben die Region
zu einem begehrten Partner in der Weltwirtschaft werden
lassen. Gerade wenn wir uns die Struktur der chinesi-
schen Wirtschaft anschauen, stellen wir fest, dass die la-
teinamerikanische und die chinesische Wirtschaft außer-
ordentlich komplementär sind. China braucht wegen
seines gigantischen Wirtschaftswachstums große Roh-
stoffmengen, und Lateinamerika ist langfristig in der
Lage, sie zu liefern. Im Gegenzug kann China nahezu
alle Güter produzieren, die in Lateinamerika nachgefragt
werden.

Obwohl unsere Volkswirtschaften ähnlich komple-
mentär sind, müssen wir feststellen, dass insbesondere
die Agrarpolitik als ein Hindernis für eine vertiefte
Kooperation zwischen der Europäischen Union und La-
teinamerika erscheint.


(Dr. Werner Hoyer [FDP]: Sehr wahr!)


Ich glaube, dass die aktuelle Entwicklung auf den Nah-
rungsmittelmärkten die Möglichkeit bietet, dieses Hin-
dernis nach und nach zu beseitigen. Gerade das Beispiel
China zeigt, dass Lateinamerika nicht auf uns wartet. In
Zukunft werden wir auf Lateinamerika mehr angewiesen
sein als Lateinamerika auf uns.

Diese Herausforderung anzunehmen, erfordert Han-
deln auf drei Ebenen: erstens in Deutschland selbst,
zweitens in unseren bilateralen Beziehungen zu den la-
teinamerikanischen Staaten und drittens in der Europäi-
schen Union bei ihren multilateralen Bemühungen. Wir
müssen also eine aktive und vor allem eine kontinuierli-
che Lateinamerikapolitik betreiben, die die Region wie-
der stärker in den Mittelpunkt unseres Interesses rückt.
Entwicklungspolitik sollte sich stärker an der Stabili-
sierung der fragilen demokratischen Systeme und an der
Überwindung defizitärer Verwaltungsstrukturen orien-
tieren sowie für eine Verbesserung der sozioökonomi-
schen und politischen Teilhabe aller gesellschaftlichen
Gruppen sorgen, damit die demokratischen Strukturen
gestärkt werden können.

Auf die vielfältigen Möglichkeiten der Kooperation
mit Lateinamerika auf internationaler Ebene – sei es bei
der Reform der Vereinten Nationen, sei es bei der Ko-
operation im Klimaschutz – kann ich leider nicht mehr
zu sprechen kommen. Die Stichpunkte sind Ihnen aber
sicherlich bekannt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


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(C (D Das Wort hat nun Kollegin Heike Hänsel, Fraktion ie Linke. Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lieber err Hoyer, Lateinamerika ist mehr als eine Marktlücke. ateinamerika ist ein Kontinent mit Millionen von Menchen, die auf ein besseres Leben hoffen. Auch darum üsste es auf dem Gipfel in Lima in der nächsten Woche ehen. ie politischen Rahmenbedingungen und die neuen Enticklungen, vor deren Hintergrund dieser Gipfel statt indet, sind entscheidend. Wir erleben, dass soziale ewegungen in Lateinamerika es geschafft haben, den iderstand gegen die neoliberale Globalisierung auszu auen und ihre Folgen teilweise einzudämmen. as sind Hoffnungsträger, die wir unterstützen müssen. iese sozialen Bewegungen haben dazu beigetragen, ass neue Regierungen in Lateinamerika an die Macht ekommen sind. Diese versuchen teilweise, neue Anätze im Rahmen ihrer Regierungsprogramme umzuseten, manchmal gut, manchmal schlechter. (Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Meistens schlechter!)

Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616103100

(Beifall bei der LINKEN)

Heike Hänsel (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616103200

(Beifall bei der LINKEN)


(Widerspruch bei der FDP)


ie Regierungen werden von den Bewegungen kritisch
egleitet. Es gibt Aufbrüche. Sie sind ein Zeichen der
offnung, weil sie gegen die bisherige neoliberale Glo-
alisierung stehen.


(Beifall bei der LINKEN)


ie Bewegungen sind breit gefächert. Es gibt Millionen
andlose und indigene Bevölkerungen, die aufstehen,
ich um den Regenwaldschutz bemühen und ein Recht
uf Land einfordern. Es gibt Frauenorganisationen und
leinbauern, die sich auf den Weg machen. All das ist
ateinamerika. Diese Menschen brauchen unsere Soli-
arität.


(Beifall bei der LINKEN – Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Wie stehen Sie zur FARC? Nehmen Sie dazu einmal Stellung!)


Für mich sind Länder wie Venezuela, Bolivien,
cuador, Paraguay, Brasilien, Argentinien und Guate-
ala Hoffnungsträger. Wir müssen sie unterstützen. Wir

ürfen nicht von oben herab sagen, welche Politik sie
etreiben sollen. Die entscheidende Frage ist: Wie rea-
iert die Europäische Union auf die aktuellen Entwick-
ungen in Lateinamerika? Was hat sie eigentlich anzu-
ieten? Unterstützt sie diese Prozesse und versucht sie,
iese zu befördern, oder boykottiert sie eher alternative
nsätze wie die Süd-Süd-Kooperation, die regionale In-

egration und die Entwicklung einer Bank des Südens als
lternative zu IWF und Weltbank?

Wir sehen ganz klar, dass die Europäische Union mit
hren Wirtschafts- und Freihandelsabkommen, die sie






(A) )



(B) )


Heike Hänsel
plant, diese Ausrichtung boykottieren will. Wir erleben,
dass eine politische Strategie ausgearbeitet wird – das ist
in der Lissabon-Strategie festgehalten –, Europa zur
größten Wirtschaftsmacht und zum größten Wirtschafts-
raum der Erde zu entwickeln. Der Anspruch eines globa-
len Europas wird doch formuliert. Es gibt aber auch dazu
eine Gegenbewegung in der Europäischen Union. Auch
hier stehen viele Menschen zum Beispiel gegen den EU-
Vertrag und diese neoliberale Politik auf.


(Beifall bei der LINKEN)


Diese Menschen in Lateinamerika und hier in der Euro-
päischen Union müssen sich vernetzen und gemeinsam
gegen diese Politik arbeiten. Sie werden sich – das ist in-
teressant – nächste Woche auf einem alternativen
Gipfel in Lima treffen und genau diese Forderungen for-
mulieren. Sie haben bisher dazu nicht einmal die Mög-
lichkeit. Die peruanische Regierung verhindert, dass sie
sich legal treffen können. Ich fordere hier die Bundes-
kanzlerin, die sich weltweit für Menschenrechte einsetzt,
auf, sich auch dafür einzusetzen, dass sich die Menschen
dort treffen können und auf dem Alternativgipfel in
Lima friedlich demonstrieren können.


(Beifall bei der LINKEN)


Es gibt so viele hoffnungsvolle Prozesse in Latein-
amerika. Es finden Verfassungsprozesse in Ecuador
und in Bolivien statt. Herr Steinmeier, es ist eine Kata-
strophe, dass es keine massive Unterstützung für den
Verfassungsprozess und den gewählten Präsidenten von
Bolivien, Evo Morales, gibt. Er braucht unsere Unter-
stützung.


(Beifall bei der LINKEN – Dr. Karl Addicks [FDP]: Um Gottes willen!)


Von den dortigen Eliten wird eine Sabotagepolitik be-
trieben. Ich würde von Ihnen gerne einmal eine Stellung-
nahme zu den Abspaltungstendenzen der Ostprovinzen
in Bolivien hören. Dazu muss es doch eine Haltung der
Bundesregierung geben. Hier werden zukunftsvolle Pro-
zesse massiv boykottiert. Wir fordern eine offensive Un-
terstützung der bolivianischen Politik.


(Beifall bei der LINKEN)


Es gibt viele andere hoffnungsvolle Ansätze, die wir
im Rahmen der Entwicklungspolitik besprochen haben.
Ich nenne als Beispiel Ecuador. Ecuador will Kompen-
sationszahlungen dafür, dass es kein Erdöl im Natio-
nalpark Yasuní fördert. Wir müssen Ecuador dabei
unterstützen. Das ist richtige Klimaschutzpolitik, im
Gegensatz zu den neuen Abkommen mit Brasilien,
durch die der Anbau von Agrarprodukten für Treibstoffe
noch weiter ausgebaut wird. Solche Prozesse wie in
Ecuador müssen wir massiv unterstützen. Diese kom-
men hier viel zu wenig zur Sprache, ebenso wie das, was
die Menschen an der Basis entwickeln.


(Dr. Karl Addicks [FDP]: Unterstützen Sie mal die Freilassung von Frau Betancourt! Das wäre eine Unterstützung! – Gegenruf des Abg. Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Dazu sage ich Ihnen etwas!)


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(C (D chauen Sie sich Kolumbien an. Es gibt Friedensemeinden in Kolumbien, in denen sich Menschen mit roßem Mut zusammengeschlossen haben, um inmitten on Regionen des Krieges humanitäre, gewaltfreie Zoen zu entwickeln. Sie werden massiv von Paramilitärs, on der Armee und auch von der Guerilla angegriffen. iese Friedensgemeinden brauchen Unterstützung, weil ie Hoffnungsträger für eine friedliche Entwicklung olumbiens sind, ber nicht Präsident Uribe und seine Regierung, die imer tiefer im paramilitärischen Sumpf versinkt. (Beifall des Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


(Beifall bei der LINKEN)


ittlerweile gibt es sogar Untersuchungen gegen den
räsidenten Uribe. Herr Steinmeier, Sie müssen sich
irklich fragen lassen, wer Ihr Kooperationspartner für
ehr Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschen-

echte in Lateinamerika ist.


(Beifall bei der LINKEN)


ir wollen eine Neuausrichtung der Kolumbienpolitik.
ir glauben, dass wir auf die zivilen friedenspolitischen

nitiativen von unten setzen müssen und diese Menschen
nterstützen müssen.

Ich habe ein ganz konkretes Anliegen: In meinem
ahlkreis in Tübingen wurden Patenschaften für diese

riedensgemeinden übernommen. Bürgerinnen und Bür-
er aus Tübingen haben mir gestern Abend eine Liste
it Unterschriften mitgegeben, weil sie wissen, dass ich

ach Lateinamerika fahre. Sie fordern, dass die Bundes-
egierung offiziell die Friedensgemeinden in Kolumbien
nterstützen soll.


(Dr. Karl Addicks [FDP]: Die Freilassung von Frau Betancourt!)


iese Unterschriftenliste würde ich gerne der Kanzlerin
itgeben. Wir brauchen eine neue Politik gegenüber
olumbien.

Danke.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616103300

Das Wort hat nun Jürgen Trittin, Fraktion Bündnis 90/

ie Grünen.


Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1616103400

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich

laube, dass der Außenminister an einem Punkt sehr
echt hatte, nämlich in dem, dass Lateinamerika in einer
ehr positiven Entwicklung ist. Für mich ist das am deut-
ichsten geworden, als Frau Bachelet in Chile zur Präsi-
entin gewählt wurde. Sie ist eine Person, die in den
0er-Jahren noch vor dem Putsch in Deutschland Asyl
eantragen musste und es bekommen hat.


(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: In der DDR!)







(A) )



(B) )


Jürgen Trittin
– In der DDR, das zu erwähnen, ist an der Stelle wichtig. –
Was lehrt uns das? Das lehrt uns, dass wir in der Latein-
amerikapolitik in Sachen Menschenrechte und
Demokratie fest stehen müssen, aber dass wir uns vor
einseitiger Parteinahme gegenüber Regimes hüten soll-
ten, die uns scheinbar nahestehen.

Das gilt etwa mit Blick auf Herrn Uribe, der nun
wahrlich kein großer Bündnispartner im Bereich der
Menschenrechte ist.


(Zuruf: Nennen Sie lieber Chávez!)


Im Kampf gegen den Terrorismus möchte ich den, ehr-
lich gesagt, nicht an meiner Seite haben. Wir müssen uns
natürlich nicht nur – Herr Hoyer hat darauf hingewiesen –
mit dem Drogenanbau beschäftigen, sondern auch mit
der Form von Drogenbekämpfungspolitik, die weite
Teile der dortigen Ökosysteme zerstört.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Da mit Evo
Morales zum ersten Mal ein Vertreter der Linken und der
indigenen Völker gewählt worden ist, versuchen nun be-
stimmte Teile der bolivianischen Bevölkerung, ein Refe-
rendum durchzuführen, das im Kern auf die Spaltung
des Landes zielt.


(Zuruf von der LINKEN: Genau!)


Es verfolgt ein bisschen das Motto: Wir wollen unsere
Steuern behalten.


(Beifall bei der LINKEN)


Was würden Sie sagen, wenn in Hamburg eine Volks-
abstimmung darüber erfolgen würde, dass alle Steuern in
Hamburg bleiben? Dann würden die Umländer, auch die
Niedersachsen, lieber Kollege von Klaeden, das nicht
akzeptieren.


(Eckart von Klaeden [CDU/CSU]: Dann müssten die Grünen zustimmen! – Dr. Werner Hoyer [FDP]: Wie wollen die Grünen das in Hamburg überhaupt hinkriegen?)


Die Ablehnung solcher Praktiken darf allerdings um-
gekehrt – und das sage ich ganz deutlich – auch nicht
zum Abfeiern von anderen Regimes und anderen Rich-
tungen führen. Ich bin sehr gespannt, was aus dem Pro-
zess folgt, den Raúl Castro begonnen hat, und wie weit
und wie mutig er ihn fortführen wird. Das darf aber kein
Anlass sein, zu Themen wie Menschenrechtsverletzun-
gen, Reiseverbote und dergleichen zu schweigen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Meine Damen und Herren, man muss auch Hugo
Chávez nicht für die Inkarnation des Bösen halten – das
kann man so oder so sehen –,


(Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber auch nicht des Guten!)


aber man sollte sich mit ihm auch nicht gemein machen.
Ich habe etwas Lustiges gelesen. Unter der Überschrift
„Zu Gast bei Hugo Chávez“ heißt es:

Am 24. Februar hat der venezolanische Präsident
Hugo Chávez die Abgeordnete Nele Hirsch in sei-
ner TV-Show Aló Presidente empfangen.



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(C (D Die 28-Jährige wurde in einem Airbus A 319 der Präsidentenflotte immerhin fliegt er nicht Boeing – (weiße Ledersessel mit eingesticktem Wappen, Süßigkeiten in den Nationalfarben)


(Beifall bei der LINKEN)

kopter Typ Super Puma (beschützt von der präsidia-
len Eliteeinheit Kobra) eingeflogen. Der TV-Auftritt
war der Auftakt einer einwöchigen Delegations-
reise, an der auch … Dorothée Menzner … und
Paul Schäfer teilnahmen.

Das Ganze stammt nicht aus der Bunten,


(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Schade!)


sondern aus der Zeitung Klar. Das ist das Organ der
inksfraktion.


(Beifall bei der LINKEN – Volker Schneider [Saarbrücken] [DIE LINKE]: Danke für den Werbeblock!)


nädige Frau, ich glaube, da haben Sie sich für Propa-
anda hergegeben,


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)


nd das ist das Gegenteil einer vernünftigen Partner-
chaft mit Lateinamerika.

Wenn wir die Lateinamerikapolitik fortentwickeln
ollen, dann müssen wir dies auf der Basis gemeinsa-
er Interessen und gemeinsamer Werte tun. Nur auf die-

er gemeinsamen Basis können wir drängende globale
robleme angehen.

Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht: Die
ntwicklung Lateinamerikas in Richtung Demokratie
nd Rechtsstaatlichkeit sowie das Bekenntnis zu Multi-
ateralismus sind gute Voraussetzungen.

In Lima werden wir über ein Thema reden, das auf
er Tagesordnung steht, nämlich über die Frage, wie wir
emeinsam mit dem Klimawandel und der Bekämp-
ung von Armut umgehen. Dabei müssen wir natürlich
esthalten: Diese beiden Themen gehören unmittelbar
usammen. Wir haben ein massives Interesse daran, dass
ie sensiblen Ökosysteme Lateinamerikas erhalten wer-
en. Sie bieten nämlich nicht nur einen unvorstellbaren
rtenreichtum, sondern sind auch für das globale Klima
on zentraler Bedeutung. Sie sind allerdings einem mas-
iven Nutzungsdruck ausgesetzt.

Wenn wir diese Ökosysteme erhalten wollen, dann
üssen wir uns solchen Initiativen wie dem Angebot der
egierung Ecuadors öffnen. Ecuador bietet an, auf die
usbeutung von Ölvorräten im Yasuni-Nationalpark zu
erzichten. Da Ecuador dadurch Einnahmen entgehen,
edarf es zwar keines kompletten Ausgleichs,


(Zuruf von der LINKEN: Aber zur Hälfte!)


ber die Europäer sollten sich im Gegenzug an einem
airen und gemeinsamen Interessenausgleich beteiligen.

ir sagen also: Ihr verzichtet auf die Reichtümer, die






(A) )



(B) )


Jürgen Trittin
sich daraus ergeben können. Als Ausgleich für diesen
Verzicht transferieren wir als diejenigen, die mitverant-
wortlich für den Klimawandel sind und die Masse des
Öls nachfragen, Geld an euch für eine vernünftigere und
nachhaltigere Entwicklung. Dies könnte wirklich ein
Musterbeispiel dafür sein, was auf der Vertragsstaaten-
konferenz des Übereinkommens über die biologische
Vielfalt in den nächsten Wochen in Bonn verhandelt
wird.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Nehmen wir ein anderes Beispiel. Deutschland hat
gerade im Bereich der Technologiezusammenarbeit zum
Urwaldschutz etwas zu bieten. Das Projekt PPG7, das
von Helmut Kohl und Angela Merkel begonnen wurde,
von der Folgeregierung und der jetzigen Regierung fort-
gesetzt wurde, ist ein Musterbeispiel dafür, wie man Fra-
gen der Nutzung und des Schutzes des Urwaldes in Bra-
silien zusammenbringen kann.

Ebenso zählt für mich zur Partnerschaft auch, in be-
stimmten Punkten Klartext zu reden. Herr Hoyer, Sie ha-
ben zu Recht darauf hingewiesen, dass Lateinamerika
der erste Kontinent gewesen ist, der sich komplett zur
nuklearfreien Zone erklärt hat. Wie passt es zu dieser
Grundidee, wenn ausgerechnet der brasilianische Präsi-
dent, der Präsident eines Landes, das 80 Prozent seiner
Elektrizität aus erneuerbaren Energien erzeugt, das ge-
rade riesige Ölvorräte im Atlantik gefunden hat, das über
Gasvorkommen verfügt, im Energiebereich also absolut
autark ist und sogar Energie exportiert, fordert, Brasilien
müsse unbedingt den nuklearen Brennstoffkreislauf von
der Anreicherung bis zur Wiederaufbereitung beherr-
schen? Meine Damen und Herren, das hat nichts, aber
auch gar nichts mit Energiepolitik zu tun, sondern hier
steht der Verdacht der Proliferation im Raum. Deswe-
gen sind wir, wie ich glaube, gut beraten, darauf zu drän-
gen, dass das deutsch-brasilianische Atomabkommen
endlich in ein Abkommen zur Zusammenarbeit auf dem
Gebiet der erneuerbaren Energien und der Energieeffi-
zienz überführt wird.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Gerade im Bereich der energetischen Zusammen-
arbeit liegen ja unglaubliche Chancen, zum einen für den
Klimaschutz. So können wir durchaus noch etwas von
Brasilien lernen: Unser Bundesumweltminister ist ja mit
dem Projekt, 10 Prozent Bioethanol dem Benzin beizu-
mischen, gescheitert; dagegen beträgt die Beimischungs-
rate in Brasilien heute schon 27 Prozent, und die Moto-
ren vertragen das dort. Das scheinen die Brasilianer
besser zu können als die Produzenten in Deutschland; al-
lerdings stammen dort viele Autos von deutschen Auto-
mobilherstellern. Irgendetwas scheint da also nicht zu
stimmen. Zum anderen kann man deutlich machen, dass
die Erzeugung von Bioenergie und die Nutzung von er-
neuerbaren Energien auf der einen Seite große Risiken
bergen – ich nenne den Nutzungsdruck, der zur Vernich-
tung von Primärwäldern führen kann –, auf der anderen
Seite aber auch die Chance bieten, Armut zu überwin-
den. Das sieht man ja ganz deutlich am brasilianischen
Biodieselprogramm.

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(C (D Was sollen wir also tun? Wir müssen zu einem Zertiizierungssystem kommen, das sich nicht auf Biokrafttoffe beschränkt, sondern alle Agrarprodukte umfasst, lso Lebensmittel, Nahrungsmittel und Treibstoffe. m das bei den WTO-Verhandlungen zu erreichen, müsen wir den Mut aufbringen, eines der Haupthindernisse ierfür abzuschaffen, nämlich die marktprotektionistichen Schutzzölle, die sich Europa immer noch gönnt. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD, der FDP und der LINKEN)


(Zuruf von der LINKEN: Wann denn?)


as ist nämlich nicht fair, wie wir mit denen hier umge-
en. Es müssen also soziale und ökologische Standards
erankert werden, und auf der Basis dieser sozialen und
kologischen Standards muss Freihandel ermöglicht
erden. So sieht mein Verständnis von Partnerschaft

us.

Zum Abschluss – auch das gehört zu diesem Thema –:
ir müssen die Rolle Lateinamerikas in den globalen

ystemen ernst nehmen. Ich finde, man kann nicht über
artnerschaft mit Lateinamerika sprechen und zugleich
ie Frage ausklammern, dass Lateinamerika bis heute im
ichtigsten Gremium der Vereinten Nationen, nämlich

m Sicherheitsrat, nicht repräsentiert ist.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN, der SPD und der LINKEN)


ier besteht akuter und dringender Nachholbedarf. Part-
erschaft zum gemeinsamen Vorteil – das muss die
rundlinie unserer Lateinamerikapolitik sein.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Eckart von Klaeden [CDU/CSU])



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616103500

Das Wort hat nun Kollege Sascha Raabe, SPD-Frak-

ion.


Dr. Sascha Raabe (SPD):
Rede ID: ID1616103600

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und

erren! Lateinamerika ist ein faszinierender Kontinent,
n Anbetracht der Vielfalt der Natur vielleicht der
chönste Kontinent. Er steht uns auch aufgrund vieler
emeinsamer kultureller Traditionen sehr nahe. Auch in
eutschland erfreuen sich viele an der Farbenpracht und
er Lebensfreude, die wir oft auch unmittelbar durch die
enschen aus Lateinamerika, die bei uns leben, erfah-

en.

Es ist aber auch ein Kontinent mit großen Widersprü-
hen. Denn trotz des Reichtums und der Schönheit kön-
en nicht alle Menschen auf diesem Kontinent ohne
unger und Armut leben, und das, obwohl viele Böden

ehr fruchtbar sind, obwohl Rohstoffe vorhanden sind
nd obwohl viel Reichtum, auch finanzieller Reichtum,
orhanden ist, der sich allerdings in den Händen einiger
eniger Menschen befindet. Genau das ist eines der






(A) )



(B) )


Dr. Sascha Raabe
Probleme: Nirgendwo sonst gibt es eine so große Un-
gleichverteilung zwischen Arm und Reich.

Wir haben in den letzten Jahren viele Fortschritte in
Richtung Demokratie gesehen. Ich sage ganz klar, dass
an der Armut zu einem großen Teil auch die Industrie-
länder schuld sind, und zwar aufgrund des ungerechten
Welthandelssystems. Das wurde schon erwähnt; ich
komme später darauf zurück. Aber wahr ist auch, dass es
– unabhängig von den äußeren Einflüssen und trotz Fort-
schritten in Richtung Demokratie – oft immer noch eine
schlechte Regierungsführung, viel Korruption und eine
ungenügende finanzielle Beteiligung der Eliten und
Oberschichten in diesen Ländern gibt, die sich nicht ge-
nug um die armen Menschen kümmern.

Vor diesem Hintergrund setzt die deutsche Entwick-
lungszusammenarbeit in Lateinamerika seit vielen Jah-
ren die richtigen Schwerpunkte. Wir setzen uns für eine
gute Regierungsführung ein. Wir unterstützen Länder
bei Antikorruptionsmaßnahmen, bei der Einführung
transparenter Ausschreibungsregeln im öffentlichen Be-
schaffungswesen, bei der Stärkung der Justiz- und
Rechtssysteme oder auch bei einer effizienten Steuer-
und Haushaltspolitik. Das ist ganz wichtig. Das Bundes-
ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung hat neulich erst einen Kongress mit unseren
lateinamerikanischen Partnern veranstaltet, um die Ein-
führung von Steuersystemen zu unterstützen, durch die
die Eliten in diesen Ländern durch höhere Zahlungen zu
mehr Einnahmen beitragen, die für soziale Zwecke aus-
gegeben werden können, die zum Beispiel in Bildung
oder den Aufbau sozialer Sicherungssysteme fließen
können.

Wir stärken viele lokale Prozesse, damit auch be-
nachteiligte Menschen oder Menschen aus finanziell
schwachen Familien auf der kommunalen Ebene in der
Lage sind, Haushaltspolitik vor Ort mit zu kontrollieren,
sich an der Demokratie zu beteiligen und für ihre Inte-
ressen zu streiten.

Die Ergebnisse dieser Form der Entwicklungszusam-
menarbeit sind natürlich nicht so konkret messbar wie
bei dem Bau einer Schule oder einer Trinkwasserversor-
gungseinrichtung. Aber die Tatsache, dass es in den letz-
ten Jahren, vielleicht sogar im letzten Jahrzehnt, keine
militärischen Putschversuche mehr gab und dass sich die
Demokratie in allen Ländern – eigentlich bis auf Kuba;
wir haben es gehört – durchgesetzt hat, ist auch ein Er-
folg der deutschen und der internationalen Entwick-
lungszusammenarbeit.

Auch die Tatsache, dass bei den jüngsten Wahlen in
vielen lateinamerikanischen Ländern endlich die soziale
Frage die dominierende Rolle gespielt hat, ist zu einem
Teil darauf zurückzuführen, dass wir das dort über un-
sere Durchführungsorganisationen und politischen Stif-
tungen immer wieder zum Thema gemacht haben und
dass wir Oppositionspolitikern, Menschen aus der Zivil-
gesellschaft, Gewerkschaftern und anderen immer wie-
der die Chance gegeben haben, mit unseren politischen
Stiftungen Dialoge zu führen, um so auch die parlamen-
tarische Opposition zu stärken.

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(C (D Ich glaube schon, dass wir dort eine sehr gute Arbeit eleistet haben. Messbare Erfolge sind an einigen Persoalien erkennbar. Mittlerweile sind in einigen Regierunen prominente Führungspersönlichkeiten vertreten, die rüher Mitarbeiter der GTZ oder der Friedrich-Eberttiftung waren. Ich nenne nur den Generalstaatsanwalt olumbiens, Iguarán, der für die GTZ einmal ein Gut chten zum Justizsystem erstellt hat und deshalb in diese osition gekommen ist. Der Präsident der Verfassunggeenden Versammlung in Ecuador, Alberto Acosta, war ber zehn Jahre lang Mitarbeiter der Friedrich-Eberttiftung. Das sind Beispiele dafür, dass wir über die reitangelegte Art der Zusammenarbeit in diesen Länern durchaus einen positiven Einfluss haben. Ich möchte an der Stelle all denen, die dazu beigetraen haben, Dank aussprechen, aber auch denjenigen, die ir im Rahmen des – ein weiterer Schwerpunkt – zivilen riedensdienstes in Länder Lateinamerikas schicken, o sie durch Prävention, Konfliktbewältigung und Ver öhnung einen unschätzbaren Dienst leisten und dabei an hre psychischen und physischen Grenzen gehen. Ihnen ollten wir alle ein herzliches Dankeschön aussprechen. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Beim Stichwort „ziviler Friedensdienst“ fällt mir so-
ort Kolumbien ein. Frau Hänsel, Kolumbien ist schwer-
unktmäßig ein Partnerland der deutschen Entwick-
ungszusammenarbeit. Natürlich stärken wir nur die
räfte, die für Menschenrechte eintreten. Wir wollen die
echtsstaatlichkeit fördern und unterstützen deswegen
as Justizsystem. Wir stärken natürlich auch die Frie-
ensgemeinden.

Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet Sie von
er Linkspartei – Herr Trittin hat eben zu Recht darauf
ingewiesen – sich von Herrn Chávez hätscheln lassen
nd ihn im Gegenzug quasi als sozialen Friedensengel
ezeichnen. Es handelt sich aber um einen Präsidenten,
er die FARC direkt unterstützt. Es gibt fast erdrückende
eweise, dass Präsident Chávez der FARC 300 Millio-
en US-Dollar zukommen lässt und sie an Öleinnahmen
enezuelas beteiligen will. Er möchte ihr auch Waffen
us den Altbeständen der Armee liefern. Das wird von
nterpol untersucht. Heute läuft die Meldung über den
icker, dass es Anzeichen dafür gibt, dass das alles wahr
t.

Es ist wirklich ein Skandal, dass Sie in Ihrem Antrag
ordern, die FARC von der Terrorliste zu streichen. Da
ird schon ein gewisses Muster deutlich. Die Organisa-

ion, die die meisten Morde, Entführungen und Bomben-
nschläge in Kolumbien verübt, ist die FARC. Aber Sie
ind auf diesem Auge blind und preisen einen Präsiden-
en, der diese Terrororganisation unterstützt. Dies ist un-
laubwürdig. Sie müssen schon Menschenrechtsverlet-
ungen auf beiden Seiten anprangern.


(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)







(A) )



(B) )


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616103700

Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage der

Kollegin Hänsel von der Fraktion Die Linke?


Dr. Sascha Raabe (SPD):
Rede ID: ID1616103800

Ja.


(Zuruf von der CDU/CSU: Jetzt revoltiert sie!)



Heike Hänsel (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616103900

Danke schön, Herr Präsident. – Herr Raabe, haben

auch Sie vielleicht die Berichte von US-Wissenschaft-
lern gelesen, die den Computer des zweiten FARC-
Kommandierenden, der getötet worden ist, untersucht
haben und die die Aussagen der kolumbianischen Regie-
rung bisher für nicht sehr belastbar halten? Es ist sehr
viel übertrieben und spekuliert worden. Bis jetzt gibt es
keine Ergebnisse von Interpol, die zeigen, dass das, wor-
auf Sie sich berufen, den Tatsachen entspricht.


(Dr. Karl Addicks [FDP]: Jetzt macht sie sich zum Anwalt der FARC! Das ist nicht zu fassen!)


Glauben Sie nicht auch, dass es in Kolumbien eine
friedliche Lösung dieses Konfliktes geben muss und
dass es nicht möglich ist, diese Auseinandersetzung mi-
litärisch in irgendeiner Form zu gewinnen?

Wenn wir uns dafür einsetzen, dass die FARC von der
Terrorliste gestrichen wird, dann tun wir dies nicht, um
die FARC zu entlasten, sondern deswegen, um die Vo-
raussetzungen dafür zu schaffen, dass Friedensverhand-
lungen und Friedensgespräche umfassend möglich wer-
den, indem die FARC als Verhandlungspartner in der
Europäischen Union auftreten kann.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Das ist keine Frage! Das ist eine Kurzintervention!)


Diese Perspektive müssen wir doch eröffnen.


(Thomas Oppermann [SPD]: Eine Frage stellen, keine Propaganda machen! – Gegenruf von der LINKEN: Die Geschäftsordnung lesen, Herr Kollege!)


Sie sprachen von den Friedensgemeinden. Natürlich
bekommen sie Entwicklungsunterstützung. Aber wenn
die kolumbianische Regierung öffentlich die Mitglieder
der Friedensgemeinden und auch viele Menschenrechts-
aktivisten in die Nähe von Terroristen rückt, dann wird
dadurch der Erfolg dieser Arbeit gefährdet.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Herr Präsident, das ist keine Frage!)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616104000

Frau Kollegin, Sie sollten eine Frage stellen!


Heike Hänsel (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616104100

Ich frage: Wie stehen Sie dazu, dass Präsident Uribe


(Zurufe von der FDP)


– könnte ich bitte einmal ausreden? –


(Zurufe von der FDP: Nein!)


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(C (D nd viele Mitglieder der Regierung Kolumbiens Menchenrechtsaktivisten und Mitglieder der Friedensgeeinden offiziell diffamieren und sie in die Nähe von erroristen rücken? Ist das Friedenspolitik? Sehr geehrte Kollegin Hänsel, ich bin nicht der Pres esprecher von Herrn Uribe. Deswegen möchte ich nicht ommentieren, was Herr Uribe angeblich gesagt und as er nicht gesagt hat. Ich habe schon dargelegt – diesen Punkt haben auch ie angesprochen –, dass wir auf eine friedliche Lösung n Kolumbien setzen. Wir unterstützen im Rahmen der ntwicklungszusammenarbeit seit vielen Jahren diese rozesse; wir unterstützen auch die jetzige Regierung olumbiens auf diesem Weg. Natürlich ist der von der egierung eingeschlagene Weg noch mit großen Mäneln behaftet. Aber so negativ, wie es oft geschildert ird, ist die Situation nicht. ie Zahl der Morde und Entführungen ist zurückgeganen. Menschen können sich endlich wieder in den Großtädten und zwischen den Großstädten frei bewegen. Sie sagen, man könne den Konflikt nicht militärisch ösen. Aber einem Staat muss es erlaubt sein, Polizeiräfte einzusetzen. Genau das macht Kolumbien. Es acht keinen Sinn, mit einer menschenverachtenden errororganisation, die Bomben legt und die die ehema ige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt immer och unter menschenunwürdigen Bedingungen fast wie in Tier gefangen hält, (Dr. Werner Hoyer [FDP]: So ist es leider! – Eckart von Klaeden [CDU/CSU]: Ein Verbrechen ist das!)

Dr. Sascha Raabe (SPD):
Rede ID: ID1616104200

(Beifall des Abg. Dr. Karl Addicks [FDP])


u reden. Es macht keinen Sinn, dass sich Herr Uribe
wie Sie das fordern – mit denen zum Kaffeetrinken

rifft. Das sind Kriminelle.


(Eckart von Klaeden [CDU/CSU]: Das sind Verbrecher!)


ir haben damals den RAF-Terroristen auch nicht
ayern als neutrale Verhandlungszone angeboten.


(Hartmut Koschyk [CDU/CSU]: Jetzt aber vorsichtig! Bisher war es eine gute Rede!)


Sie fordern von der kolumbianischen Regierung, ei-
er Terrororganisation ein riesiges Gebiet zur Verfügung
u stellen – über das diese Terrorgruppe dann offiziell
errscht – und dann jahrzehntelang über Frieden zu ver-
andeln. Ich finde es richtig, dass eine Terrororganisa-
ion als Terrororganisation behandelt wird.

Aber wir prangern auch ganz entschieden alle Über-
riffe des Militärs auf die Zivilbevölkerung an. Wir for-
ern die kolumbianische Regierung auf, besser dagegen
orzugehen. Wir halten da beide Augen auf und sind
achsam.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)







(A) )



(B) )


Dr. Sascha Raabe
Frau Hänsel, eines muss ich Ihnen schon noch sagen.
Was die auf diesem Computer gespeicherten Daten an-
geht: Gerade heute, am 9. Mai – mein Büro hat mich so-
eben über eine entsprechende Tickermeldung informiert –,
haben US-Wissenschaftler gesagt, nach Recherchen sei
die Authentizität dieser Daten eigentlich bewiesen. Es ist
ja nicht so, dass das Ganze nur eine Theorie ist. In Costa
Rica wurden bereits 480 000 Dollar gefunden; es wur-
den auch 30 Kilogramm Uran gefunden. Die entschei-
denden Hinweise waren auf diesem Computer gespei-
cherte Daten.

Mir macht das große Angst. 30 Prozent des Drogen-
schmuggels der FARC wird über die venezolanische
Grenze abgewickelt. Warum sind sämtliche Terrorcamps
der FARC denn nicht in Kolumbien, sondern an der
Grenze Kolumbiens? Wer glaubt, Präsident Chávez un-
terstütze die FARC nicht, der täuscht sich; man muss das
ganz einfach offen ansprechen, Frau Hänsel. Sie sind auf
dem linken Auge blind, und das ist nicht lauter.


(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP)


Was gute Regierungsführung angeht, geben wir keine
Unterstützung im Rahmen einer unkonditionierten Bud-
gethilfe. Herr Hoyer, ich möchte Ihnen noch einmal sa-
gen – Sie haben das Beispiel Nicaragua genannt –: Wir
haben aus den auch von Ihnen angesprochenen Gründen
die Budgethilfe für Nicaragua mittlerweile gestoppt.


(Dr. Werner Hoyer [FDP]: Das habe ich ja nur gelobt!)


Wir werden auch in Zukunft natürlich nur denjenigen
Budgethilfe geben, die die Bedingungen dafür erfüllen.
Budgethilfe kann dann ein sinnvolles Instrument sein.

Ich glaube, dass der Wissenschaftsaustausch, den
wir über den DAAD und über kulturelle Einrichtungen
durchführen, ein wichtiger Beitrag ist, Demokratie und
Menschenrechte zu stärken und vor Ort für wirtschaftli-
chen Aufschwung zu sorgen.

Leider komme ich aus Zeitgründen nicht mehr dazu,
auf Folgendes ausführlich einzugehen – es wurde schon
oft gesagt; Sie kennen meine Position –: Natürlich müs-
sen wir endlich unsere Märkte für Agrarprodukte der
lateinamerikanischen Länder öffnen.


(Beifall des Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Wir dürfen da keinen Protektionismus betreiben und
müssen endlich unsere Exportsubventionen und unsere
handelsverzerrenden Subventionen abbauen. Wir müs-
sen im Rahmen der WTO, der Welthandesrunde, endlich
zu fairen Ergebnissen kommen. Dann können wir diesen
Kontinent von außen und von innen auf dem guten Weg,
auf dem er schon ist, deutlich weiter nach vorne bringen.

Ich bin zuversichtlich im Hinblick auf die Reise zum
EU-Lateinamerika-Gipfel, die die Kanzlerin bald
macht; ich werde sie begleiten können. Ich hoffe, dass
die in dem Koalitionsantrag formulierten Schwerpunkte
berücksichtigt werden und auch das Strategiepapier, das
die SPD dazu neulich gemeinsam mit unserem Außen-

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(C (D inister entwickelt hat. Er wird dieses Jahr wieder nach ateinamerika reisen und dadurch zeigen, dass Lateinmerika für ihn wichtig ist. Wir sollten diesem Kontinent ie nötige Aufmerksamkeit schenken. Wir brauchen ber Armut in Lateinamerika hoffentlich bald nicht mehr u reden, weil sie dann überwunden sein wird. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Das Wort hat nun Kollege Karl Addicks, FDP-Frak ion. Vielen Dank. – Herr Präsident! Meine sehr verehrten amen und Herren! Wir reden heute zum zweiten Mal in ieser Legislaturperiode über die Beziehungen der EU u Lateinamerika. Vor dem Gipfel in Lima werden jetzt ieder einmal wie damals in Wien die besonderen Be iehungen beschworen. Die Bundesregierung beteuert reuherzig, wie wichtig die Beziehungen der EU und eutschlands zu Lateinamerika seien. Ich darf an dieser Stelle einmal fragen: Was haben Sie eit 2006 eigentlich getan, um Ihren Beteuerungen und hren Worten Taten folgen zu lassen? Sie haben als Zeihen Ihrer besonderen Wertschätzung für Lateinamerika ier Länder von der Liste der Partnerländer gestrichen: osta Rica, El Salvador, Paraguay und Chile. Keine anere Region war von so vielen Streichungen betroffen. tattdessen haben Sie freundlicherweise die Mittel für ie Entwicklungszusammenarbeit mit China um 10 Milionen Euro erhöht. Da frage ich mich schon: Was meien Sie eigentlich mit „besonderen Beziehungen der EU nd Deutschlands zu Lateinamerika“? Wo sind eigentich die vielbeschworenen Konzepte, die diese Partnerchaft einmal mit Leben füllen sollten? (Dr. Sascha Raabe [SPD]: Das ist doch alles Unsinn!)


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)

Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616104300

(Beifall bei Abgeordneten der FDP)

Dr. Karl Addicks (FDP):
Rede ID: ID1616104400

Ein zentrales Thema auf diesem Gipfel wird wieder
ie Armutsbekämpfung sein. Gestatten Sie mir in die-
em Zusammenhang, zwei Länder in Lateinamerika he-
auszugreifen, die mir für die Behandlung durch die
undesregierung exemplarisch erscheinen.

Erstens: Bolivien. Das Land wird mit 52 Millionen
uro gefördert. Damit ist es das meistgeförderte Land
er deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Latein-
merika. Außerdem ist Bolivien am häufigsten entschul-
et worden. Entschuldungen sind sicherlich ein Weg, um
inem Land, das in der Sackgasse steckt, einen Neuan-
ang zu ermöglichen. Nur sollten die dadurch frei-
erdenden Mittel tatsächlich für die Bekämpfung der
rmutsursachen genutzt werden. In Hinblick darauf ist
olivien leider ein absolutes Negativbeispiel.


(Beifall bei der FDP)


Nach wie vor ist Bolivien eines der ärmsten Länder
er Welt. Im Bertelsmann-Transformation-Index ist Bo-






(A) )



(B) )


Dr. Karl Addicks
livien von Platz 49 im Jahr 2006 auf Platz 74 zurückge-
fallen. Ich frage Sie: Halten Sie das für ein Zeichen von
wirksamer Entwicklungszusammenarbeit?

Wenn die Regierung eines Landes die von uns in der
Entwicklungszusammenarbeit aufgestellten Bedingun-
gen einer Good Governance nicht erfüllt, wenn ein Land
eine Entwicklung nimmt, die ganz klar undemokratisch
und nicht rechtsstaatlich ist, müssen deutsche Leistun-
gen infrage gestellt werden dürfen.


(Beifall bei der FDP)


Gerade Bolivien ist hierfür ein gutes Beispiel. Die
verkehrte Politik Boliviens hat mit den Verstaatlichun-
gen der Erdöl- und Gasindustrie angefangen;


(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Das war klar!)


sie endet mit dem Versuch, dem Land ohne ausreichende
Beteiligung der Bevölkerung eine neue Verfassung zu
oktroyieren.


(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Unsere Bevölkerung wird nie daran beteiligt!)


Man sieht die Konsequenzen: Das Land fängt an, in au-
tonome Regionen zu zerfallen. Das ist der Erfolg der lin-
ken Politik von Herrn Morales.


(Beifall bei der FDP – Volker Schneider [Saarbrücken] [DIE LINKE]: Für die autonomen Regionen sind Sie zuständig!)


Diese Entwicklungen bestätigen die in unserem An-
trag geäußerten Befürchtungen in vollem Umfang. Wir
haben in unserem Antrag bereits gefordert, dass die Bun-
desregierung ihren Einfluss geltend macht und den ge-
planten Verfassungsprozess entsprechend begleitet. Da-
von hat die Bundesregierung leider nichts umgesetzt.


(Dr. Sascha Raabe [SPD]: Was machen Sie eigentlich im Ausschuss? Die Ohren zuhalten?)


Zweitens: Nicaragua. Das Land wurde heute schon
mehrfach genannt. Nicaragua ist der Empfänger der
zweithöchsten Leistungen der deutschen Entwicklungs-
zusammenarbeit in Lateinamerika. Auch Nicaragua hat
große Schuldenerlasse erhalten und hätte damit die Mög-
lichkeit zu einem Neuanfang gehabt. Trotzdem ist Nica-
ragua seit Amtsantritt Ihres Freundes Ortega, seit 2007,
in eine Abwärtsspirale sondergleichen gekommen. Die
Bundesregierung hat deshalb zu Recht – mein Kollege
Hoyer hat es erwähnt – die Budgethilfe für Nicaragua
gestrichen. Trotzdem zahlt Deutschland über den Um-
weg Europa weiterhin Budgethilfe an Nicaragua. Ich
frage Sie: Halten Sie das – gerade in einer Zeit, in der die
Kohärenz der Entwicklungszusammenarbeit von Europa
und den Nationalstaaten erörtert wird – für kohärente
Politik? Welches Signal wollen Sie damit an die Regie-
rung Ortega senden?


(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie sind das Spiegelbild zur Linken! Was die gut finden, finden Sie schlecht und umgekehrt!)


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(C (D Die Bundesregierung muss sich dafür einsetzen, dass ie EU gegenüber Nicaragua mit einer Stimme spricht. uch die EU muss gegenüber Staaten, die gemeinsame erte fortgesetzt unterlaufen, konsequent handeln. Da ür brauchen wir jetzt eine entschlossene Bundesregieung, die ihr Gewicht in Europa nutzt, um in den beidereitigen Beziehungen bessere Bedingungen für die enschen vor Ort zu erreichen. In diesem Sinne hoffen ir auf eine ehrgeizige Politik der Bundesregierung, auf ine neue Lateinamerikapolitik. Zum Schluss sollten wir alle die Führung der FARC n Kolumbien auffordern, endlich Frau Betancourt freiulassen. Es ist eine Schande, was mit dieser Frau dort emacht wird. Ich würde mich über Applaus aus allen raktionen freuen. Danke sehr. Das Wort hat nun Kollege Eduard Lintner, CDU/ SU-Fraktion. Sehr geehrter Herr Präsident! Meine lieben Kollegin en und Kollegen! An der heutigen Debatte finde ich beonders positiv, dass sich – ich muss hinzufügen: endlich – lle Fraktionen offenbar sehr intensiv mit den Beziehunen Europas und Deutschlands zu Südamerika befasst aben. (Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]: Sind Sie auch schon so weit?)


(Beifall im ganzen Hause)

Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616104500
Eduard Lintner (CSU):
Rede ID: ID1616104600

ie große Zahl von Anträgen und die Art und Weise,
ie darin Aufforderungen formuliert sind, zeigen, dass

s ein gestiegenes Interesse gibt, das wir in Zukunft dy-
amisch nutzen sollten. Wir alle sind nämlich ein biss-
hen daran schuld, dass dieses Thema in der Vergangen-
eit nicht mit dem nötigen Gewicht versehen worden ist.

Es gibt, wenn ich es richtig gesehen habe, eine erfreu-
iche Übereinstimmung in wichtigen Punkten. Aller-
ings möchte ich da die Fraktion der Linken ausnehmen,
eil ihr Antrag – das war Gegenstand der Erörterung –

rkennbar darunter leidet, dass zentrale Aussagen zu die-
er Thematik aus einem ideologischen Blickwinkel he-
aus getroffen werden.


(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Sie sind ja völlig ideologiefrei!)


Nein, nein, Herr Kollege. – Damit verschließen Sie
ber zwangsläufig – das ist gerade deutlich geworden –
ie Augen vor der Tatsache, dass die demokratische Le-
itimation mancher Machthaber und ihres Handelns sehr
ritisch bewertet werden muss.

Bereits beim ersten Gipfeltreffen zwischen der EU
nd den lateinamerikanischen Staaten im Juli 1999 in
io wurde festgelegt, dass man künftig eine strategi-

che Partnerschaft pflegen wolle. Das ist schon vom
ort her ein ganz gewaltiges Vorhaben, wenn man sich

ie beiden Begriffe einmal inhaltlich vergegenwärtigt.






(A) )



(B) )


Eduard Lintner
Man muss selbstkritisch feststellen – auch das ist schon
zum Ausdruck gekommen –, dass die konkrete Politik
diesem hohen Anspruch in der Vergangenheit nicht ge-
recht geworden ist. Neue Dynamik ist deshalb in der Tat
vonnöten. In diesem Zusammenhang wird immer mit
Recht darauf hingewiesen, dass zwischen Europa und
Lateinamerika vielfältige geschichtliche, kulturelle,
wirtschaftliche oder auch gesellschaftliche Verbindun-
gen bestehen – mehr als zu jedem anderen Kontinent,
ausgenommen vielleicht Nordamerika.

Natürlich gibt es schon heute eine Vielzahl von Ab-
kommen, Institutionen und Verbindungen, die zusam-
mengenommen bereits eine breite Palette denkbarer Ko-
operationsfelder abdecken. Aber es war eben mehr ein
Beharren auf dem Vorhandenen und kein dynamisches
Drängen nach mehr und nach vorne. So stehen zum Bei-
spiel die wichtigen vertraglichen Regelungen mit dem
Mercosur immer noch aus; die Gründe dafür sind heute
bereits genannt worden. Aber hier gibt es immerhin
einen Hoffnungsschimmer; denn Frau Dr. Ferrero-
Waldner – sie ist als EU-Kommissarin für diese Dinge
zuständig – hat gestern auf einem lateinamerikanischen
Kongress der CDU/CSU-Fraktion gesagt, dass die EU-
Kommission derzeit prüft, ob jetzt Fortschritte möglich
sind. Es wäre in der Tat ein ermutigendes Zeichen, wenn
dieses schon lange versprochene Handelsabkommen
endlich zustande käme. Dies wäre ein echtes Aufbruch-
signal.

Ich will den Antrag mit dem Titel „Eine starke Part-
nerschaft – Europa und Lateinamerika/Karibik“, zu dem
ich speziell sprechen möchte, jetzt nicht in seinen Ein-
zelheiten vortragen; dies kann ja nachgelesen werden.
Ich finde, dass die dort aufgezeigten Ansatzpunkte für
unsere Lateinamerikapolitik sehr richtig sind.

Da geht es zum Ersten natürlich um die Pflege und
Weiterentwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen.
Deutschland ist daran maßgeblich beteiligt. Aber unser
Anteil ist rückläufig. Es wäre wünschenswert, wenn sich
künftig noch mehr kleine und mittelständische Unter-
nehmen engagieren würden. Ich kann mir im Übrigen
gut vorstellen, dass sich insbesondere das gesellschaftli-
che Engagement der großen Zahl der ansässigen deut-
schen Firmen – Südamerika ist dafür ein herausragendes
Beispiel – etwa bei der beruflichen Ausbildung junger
Menschen, im Kampf gegen die Armut und bei der Si-
cherung der Nachhaltigkeit in der Ressourcennutzung
sowie beim Umweltschutz ausbauen lässt.

Ein zweiter Schwerpunkt sollte der Sektor Bildung
sein – von den Schulen bis zu den Universitäten und
Forschungseinrichtungen. Dabei dürfen wir durchaus ei-
gene Interessen im Blick haben. Die Globalisierung
zwingt uns, die Kooperationsfähigkeit mit einzelnen
Ländern und Gesellschaften gezielt zu entwickeln und
zu stärken. Auch dazu enthält unser Antrag konkrete
Vorschläge.

Ein dritter Ansatzpunkt wäre: Die engen geschichtli-
chen und kulturellen Bezüge befähigen uns Europäer in
besonderer Weise, den lateinamerikanischen Ländern zu
helfen. Das ist jetzt nicht überheblich gemeint; aber ge-

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(C (D ade Deutschland hat reiche Erfahrungen zum Beispiel it der Ausgestaltung und Effizienz der kommunalen elbstverwaltung. Wir wissen um die Vorteile der Auf eilung von Zuständigkeiten gemäß den Prinzipien der ubsidiarität und des föderalen Staatsaufbaus. Wir könen unsere jahrzehntelangen Erfahrungen mit einer Deokratie sowie einer sozialverträglichen Programmatik on Parteien und ihrer konstruktiven Rolle im demokraischen Staat weitergeben. Es muss den lateinamerikanischen Staaten gelingen, lle Teile der Bevölkerung am wachsenden Wohlstand nd an den Bildungsmöglichkeiten des Landes zu beteiigen. Gerade auf diesem Gebiet scheinen die Eliten in ielen lateinamerikanischen Staaten bisher versagt zu aben. Anders sind die eruptiven Erfolge autoritärer ührer, die sie mit ihren populistischen Programmen haen, gar nicht zu erklären. Ein vierter Ansatzpunkt ist der multilaterale Ansatz er lateinamerikanischen Staaten in ihrer Außenpolitik. azu ist schon vieles ausgeführt worden, sodass ich ich darauf nicht konzentrieren muss. Es gilt, die geeinsamen Überzeugungen bei den vielfältigen Initiati en zu nutzen. Ich kann nur hoffen, dass der heutige Tag für uns Anass ist, die Dynamik, die sich in dieser Debatte gezeigt at, die mit Sicherheit mit dem Besuch der Bundeskanzerin in Zusammenhang steht, zu nutzen, und wir uns ünftig öfter mit diesem wichtigen politischen Feld beassen. Vielen Dank. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616104700

Das Wort hat nun Kollege Wolfgang Gehrcke, Frak-

ion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Wolfgang Gehrcke (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616104800

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich

ehe auf der Besuchertribüne den Botschafter Boli-
iens. Ich freue mich, Exzellenz, dass Sie hier sind und
ie Diskussion in diesem Parlament verfolgen.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP)


ch finde, so viel Zeit und Höflichkeit muss sein, diesen
ruß auszusprechen.

Zur Sache: Der eigentliche Hintergrund der Debatte
st doch, dass wir es in Lateinamerika mit einem sehr
räftigen politischen Wind nach links zu tun haben, und
war in einer großen Zahl der Länder. Der Wind hat sich
edreht. Der Wind nach links ist so stark, dass er sogar
ie SPD erreicht und sie zu einem neuen Strategiepapier
ebracht hat.


(Dr. Sascha Raabe [SPD]: Da haben wir keinen Nachholbedarf!)







(A) )



(B) )


Wolfgang Gehrcke
Ich habe das Strategiepapier der SPD, das viele vernünf-
tige Punkte enthält, mit dem verglichen, was Willy
Brandt zum Nord-Süd-Dialog geschrieben und geleistet
hat. Da haben Sie noch großen Nachholbedarf.


(Gert Weisskirchen [Wiesloch] [SPD]: Das müssen Sie gerade sagen!)


Arbeiten Sie ruhig weiter. Der Wind geht nach links, und
das finde ich sehr vernünftig.


(Beifall bei der LINKEN – Gert Weisskirchen [Wiesloch] [SPD]: Wer hat denn damals Willy Brandt bekämpft? – Zuruf des Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


– Der Wind treibt nach links.

Wenn man sich die Frage stellt, warum die Linke in
Lateinamerika trotz ihrer Vielfalt und Unterschiedlich-
keit so viele Erfolge erreicht hat, kommt man nicht da-
rum herum – Herr Lintner, Sie haben es mit anderen
Worten gesagt –, über die Spur der Zerstörung zu spre-
chen, die der Neoliberalismus in Lateinamerika hinter-
lassen hat. Das war der Ausgangspunkt.


(Beifall bei der LINKEN)


Ich habe jetzt leider nicht die Zeit, Ihnen im Einzel-
nen zu schildern, wie es in den Ländern aussieht, die
sich dem neoliberalen Diktat gebeugt haben.


(Dr. Karl Addicks [FDP]: Dann gucken wir einmal, was der Neomarxismus jetzt hinterlässt!)


Ich war in einer Stadt nahe der Hauptstadt San Salvador,
einer Stadt mit 100 000 Einwohnern: kein Strom, kein
Wasser. Der einzige Brunnen ist privatisiert, man muss
Wasser kaufen. Selbst der Friedhof ist privatisiert, so-
dass die Armen ihre Toten irgendwo verscharren müssen
und nur die Reichen ihre Toten dort beerdigen können.


(Beifall bei der LINKEN)


So ist das in vielen Ländern Lateinamerikas. Das ist ei-
ner der Hintergründe; da muss man Klartext sprechen.

Ich hoffe, dass die Zeit zu Ende geht, in der die USA
Lateinamerika als ihren Hinterhof behandeln und miss-
handeln konnten. Wenn man sich die Frage stellt, warum
es zu autoritären Regimen, zu Diktaturen gekommen ist,
kommt man zu dem Schluss, dass die Machthaber in die-
sen Ländern alle nicht ohne Duldung bzw. Hilfe der
USA an die Macht gekommen sind.


(Beifall bei der LINKEN)


Wenn Sie hier nicht darüber reden wollen, wenn Sie das
verschweigen wollen, ist das Ihr Problem.


(Dr. Karl Addicks [FDP]: Reden Sie lieber über die Diktatoren, die die Sowjetunion unterstützt haben!)


Herr Außenminister, ich habe sehr interessiert zur
Kenntnis genommen, was Sie zu Kuba gesagt haben.
Kuba bewegt und entwickelt sich. Das ist eine interes-
sante Entwicklung. Ich habe auch zur Kenntnis genom-
men, dass sich die deutsche Kuba-Politik verändert, und

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(C (D war stärker, als es anderen Fraktionen in diesem Hause ieb ist. Sie wissen, dass eine Entwicklungszusammenrbeit mit Kuba heute möglich ist. Eine solche Entwickungszusammenarbeit wäre aber leichter, wenn Sie von iesem Pult aus auch gesagt hätten, dass die USA ihren oykott und ihre Sanktionen gegen Kuba endlich aufzueben haben nd die Europäische Union diesbezüglich öffentlichen ruck auf die USA ausüben wird. enn Sie immer die Hälfte verschweigen, kommen Sie icht weiter. Sie wissen genauso gut wie ich, dass sich ie amerikanische Politik verändern muss. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass sich mit araguay eines der letzten diktatorisch geführten Läner durch Wahlen verändert hat. Ich freue mich über den euen Präsidenten, Ex-Bischof Lugo, der aus der Befreingstheologie kommt. Ich bin sehr gespannt, was sich in araguay entwickeln wird. Ich habe ein ähnliches Gefühl wie Kollege Trittin: An er Seite von Uribe möchte ich, wenn es um Demokratiierung geht, nicht stehen. Dort stehe ich auch nicht. (Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Dr. Karl Addicks [FDP]: Lieber auf der Seite von Castro!)


(Beifall bei der LINKEN)


(Beifall bei der LINKEN)


Nein, ich stehe auf einer ganz anderen Seite.

Auch in Kolumbien, wo noch Bürgerkrieg herrscht,
ird sich die offene Wunde durch Verhandlungen und
emokratisierung schließen. Ich sage, weil es immer
ieder angesprochen wird, von diesem Platz aus ganz
eutlich an die FARC gerichtet: Geiseln zu nehmen, ist
eine linke Politik.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


ch bin dagegen, dass Geiseln genommen werden. Ich
inde es unverantwortlich, Menschenleben und die Frei-
eit von Menschen als Waffe in der Politik einzusetzen.
enn die FARC auf eine sozialistische Kritik hört, kann

ch ihr nur sagen: Lasst die Geiseln in Kolumbien sofort
rei.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dr. Karl Addicks [FDP]: Das war einmal gut!)


as ist die Entscheidung, die wir fordern. Sie wollen es
icht hören; Sie sind auf diesem Auge blind. Es wäre
ine sozialistische Politik, wenn man sich in diese Rich-
ung verändern würde.

Ein letzter Gedanke – der Präsident macht mich da-
auf aufmerksam, dass meine Redezeit abgelaufen ist –:
ch habe mich sehr gefreut, dass viele Redner den Um-
tand, dass Lateinamerika eine Zone frei von Massen-
ernichtungswaffen ist, positiv gewürdigt haben. Herr
ußenminister, wenn es nicht nur bei Worten bleiben






(A) )



(B) )


Wolfgang Gehrcke
soll, muss man sich dafür einsetzen, dass auch Europa
eine atomwaffenfreie Zone wird.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Dann können wir auch auf dieser Ebene eine Partner-
schaft mit Lateinamerika eingehen, und zwar glaubwür-
diger und besser, als wenn wir nur über die anderen re-
den, uns freuen und selber nichts tun.

Danke sehr.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos] – Dr. Karl Addicks [FDP]: Vielen Dank für diese Rede!)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616104900

Das Wort hat nun Kollege Lothar Mark, SPD-Frak-

tion.


Lothar Mark (SPD):
Rede ID: ID1616105000

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen!

Das Problem der Lateinamerikapolitik beginnt aus unse-
rer Sicht eigentlich schon mit der Begrifflichkeit, die
hier heute auch zutage kam. Wenn wir die Beziehungen
zu Nordamerika betrachten, wird von den transatlanti-
schen Beziehungen gesprochen, ohne daran zu denken,
dass die Beziehungen zu Lateinamerika auch transatlan-
tisch sind. Das wollte ich ganz besonders hervorheben;
ich habe dazu bereits vor vielen Jahren eine provokative
Vorlesung und ein Proseminar an der Uni in Mannheim
gehalten mit dem Titel: Transatlantische Beziehungen:
Europa – Lateinamerika.

Es ist schon sehr viel zu den jeweiligen Themenfel-
dern gesagt worden. Ich will diese nicht im Einzelnen
wiederholen. Ich möchte aber auf einige Schwerpunkte
eingehen.

Zunächst einmal ist immer wieder vom Wirtschafts-
wachstum in Lateinamerika gesprochen worden, das ex-
orbitant hoch sei. Das ist richtig. Aber wenn man genau
hinschaut, stellt man fest, dass dieses Wachstum nicht
unbedingt mit Nachhaltigkeit, sozialen Auswirkungen
und Entwicklungen für die jeweiligen Länder verbunden
ist. Das kann man sehr gut an dem Beispiel Peru zeigen,
das jährlich ein Wachstum zwischen 6 und 7 Prozent hat.
Dies hängt aber in erster Linie mit der Ausfuhr von Kup-
fer als Rohstoff zusammen.

Wenn wir den Handel zwischen Europa und Latein-
amerika betrachten, dann können wir feststellen, dass
noch unendlich viele Möglichkeiten in fast allen Berei-
chen bestehen. Wenn wir uns den Handel zwischen
Deutschland und Lateinamerika anschauen, dann müs-
sen wir ernüchternd feststellen, dass der Anteil nur zwi-
schen 2,2 und 2,3 Prozent liegt; also auch hier gibt es
ungeahnte Möglichkeiten für eine Ausweitung. Als Ver-
gleichszahl nenne ich sehr gerne den Handel mit der
Schweiz: Er beträgt 3,8 bzw. 3,9 Prozent. Damit wird
deutlich, was sich hinter diesen Dimensionen verbirgt.

Auch auf die Frage der Verteilungsgerechtigkeit und
darauf, dass die Europäische Union und Deutschland
hier sehr viel tun können, wurde eingegangen. Ich will

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(C (D as im Einzelnen nicht wiederholen. Ich will auch nicht uf die Energieund Klimapolitik eingehen; sie wurde ereits mehrfach angesprochen. In diesem Bereich betehen für die Bundesrepublik Deutschland wirklich ineressante Kooperationsmöglichkeiten. Eine solche Koperation wäre zum beiderseitigen Vorteil. Das Stichwort „Ernährungssicherheit“ ist schon gefalen. Von der Explosion der Lebensmittelpreise sind ateinamerika und insbesondere Zentralamerika besoners heftig betroffen. In diesem Zusammenhang nenne ch eine Zahl – solche Dinge hört man in Deutschland onst nicht so gern –: Nach UN-Angaben leiden in Laeinamerika 53 Millionen Menschen an Hunger, und Millionen Kinder sind in Lateinamerika unterernährt. as sollte für uns Ansporn sein, über verschiedene poli ische Entwicklungsprozesse erneut nachzudenken. Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, die strategiche Partnerschaft wurde mehrfach erwähnt, und ihre irksamkeit wurde bezweifelt. Es ist zutreffend, dass on Wien keine großen Impulse ausgegangen sind. ichtsdestotrotz ist zutreffend, dass wir seit 1999 eine ntensive strategische Partnerschaft mit dem gesamten ateinamerikanischen Raum und insbesondere mit Meiko und Brasilien pflegen. Hier ist Deutschland, wie ich enke, an führender Position zu nennen. Gerade diese undesregierung mit Bundesaußenminister Frankalter Steinmeier leistet im Rahmen dieser Zusammen rbeit permanent beste Arbeit. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Auf die Problematik der Sicherheitspartnerschaft hat
err Dr. Hoyer hingewiesen; auch diesem Thema will

ch mich nicht zuwenden, weil das, was dazu bisher ge-
agt wurde, richtig ist.

Was Mercosur betrifft, mache ich deutlich: Es ist
ein Ruhmesblatt für die Europäische Union, dass sie es
eit 1999 nicht geschafft hat, eine Partnerschaft mit Mer-
osur einzugehen. Allerdings muss ich auch sagen: Das
iegt nicht nur an der Europäischen Union, sondern auch
n Mercosur; denn die Mitgliedstaaten des Mercosur
erfolgen unterschiedliche Interessen.


(Gert Weisskirchen [Wiesloch] [SPD]: So ist es!)


ennoch muss man den Mut finden, die Probleme anzu-
prechen und auch einmal über den eigenen Schatten zu
pringen. Die Vorteile eines solchen Abkommens wären
ür beide Seiten enorm.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Die Verhandlungen mit SICA und der Andenge-
einschaft sind ebenfalls schon thematisiert worden;

uch das will ich nicht wiederholen. Ich mache nur
arauf aufmerksam: Es ist unabdingbar, dass wir mit die-
en Ländern bzw. regionalen Gemeinschaften Fort-
chritte erzielen. Denn es ist notwendig, dass die Anden-
emeinschaft neue Akzente setzt und zur Kenntnis
immt, dass die Europäische Union sie als wichtigen
artner betrachtet.






(A) )



(B) )


Lothar Mark
Zu den Energiefragen und den kulturellen und wis-
senschaftlichen Kooperationen im Rahmen der auswärti-
gen Kultur- und Bildungspolitik will ich mich nicht äu-
ßern. Ich möchte nur noch ganz kurz auf ein paar Länder
eingehen; denn die Zeit schreitet sehr schnell voran.


(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja! Das ist das Problem mit der Zeit!)


Bolivien ist in einer schwierigen Situation und bedarf
unser aller Aufmerksamkeit und – das betone ich ganz
besonders – unser aller Unterstützung. Niemandem wäre
gedient, wenn Bolivien auseinanderbrechen würde. Das
Referendum, das gerade in Santa Cruz durchgeführt
wurde, und die Referenden, die im Juni dieses Jahres
noch stattfinden werden, sind widerrechtlich. Sie versto-
ßen gegen die Verfassung.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dr. Karl Addicks [FDP]: Dort wird doch permanent gegen die Verfassung verstoßen!)


Deswegen möchte ich deutlich machen, dass wir die
rechtmäßig gewählte Regierung unterstützen. Ich be-
grüße es, dass sich Evo Morales bereit erklärt hat, sich
einem Referendum zu stellen. Auch wenn die Opposi-
tion dies im Senat durchgesetzt hat, muss man sagen:
Immerhin ist er bereit, sich diesem Konflikt zu stellen.

Mit Blick auf Venezuela will ich darauf hinweisen,
dass Hugo Chávez immer wieder als die dämonisierte
Person angesehen wird.


(Dr. Karl Addicks [FDP]: Das ist er doch auch!)


In diesem Zusammenhang könnte man über vieles disku-
tieren. Man muss aber zur Kenntnis nehmen, dass alle
Schritte, die von ihm unternommen wurden, demokra-
tisch abgesegnet und abgesichert waren.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Wenn es im Parlament in Venezuela keine oder fast
keine Opposition gibt, ist dies nicht der Regierung anzu-
lasten, sondern der Opposition, denn sie hat keine Kan-
didaten für die Wahl aufgestellt.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Es ist beispielhaft, wie die OAS und die Rio-Gruppe
quasi die Lösung der in Lateinamerika bestehenden
Schwierigkeiten mit Ecuador, Kolumbien und Venezuela
in die Hand genommen haben, ohne dass es weiterhin
große Probleme gab. Hinsichtlich der Computerfunde
stehe ich allerdings im Gegensatz zu meinem Kollegen
Sascha Raabe; denn der US-Geheimdienst verkündet
– so war heute wieder zu lesen –, was alles in diesen
Computern zu finden sei. Die OAS hat in der Vergan-
genheit ganz klar gesagt, dies sei nicht zutreffend. Mei-
nes Erachtens sind weder Kollege Raabe noch ich in der
Lage, das zu beurteilen.


(Dr. Karl Addicks [FDP]: Der erste Anschein spricht dafür!)


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(C (D assen wir die Weltöffentlichkeit dies näher untersuhen, um dann zu weiteren Schritten zu kommen. Meine Zeit hier ist ablaufen, sehe ich. ch bedaure dies sehr, weil ich gern noch einiges zu uba gesagt hätte. (Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Sag es doch!)


(Dr. Karl Addicks [FDP]: Zum Glück!)


as muss ich dann eben auf die nächste Debatte ver-
chieben.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN – Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Das hätte ich gerne gehört!)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616105100

Das Wort hat nun Kollegin Anette Hübinger, CDU/

SU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Anette Hübinger (CDU):
Rede ID: ID1616105200

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Latein-

merika muss von Deutschland, aber auch von Europa
eu entdeckt werden. Lateinamerika muss wieder einen
latz im Zentrum unseres Handelns einnehmen.


(Dr. Karl Addicks [FDP]: Sehr richtig!)


In den heute zu debattierenden Anträgen wird unser
estaltungswille für eine neue Partnerschaft mit Latein-

merika aufgezeigt. Die Welt hat sich seit dem Ende des
st-West-Konflikts und seit Beginn der Globalisierung
erändert. In vielen Ländern Lateinamerikas beobachten
ir in den letzten Jahren einen politischen, wirtschaftli-

hen und gesellschaftlichen Wandel, der uns in Europa
nd in Deutschland nicht gleichgültig sein darf und
ann. Deutschland muss es ein Herzensanliegen sein, ge-
einsam mit unseren lateinamerikanischen Partnern

ine lebendige Wertegemeinschaft zu entwickeln. Un-
ere gemeinsamen kulturellen Wurzeln, unsere gemein-
amen Wertevorstellungen wie Freiheit, Chancengleich-
eit und Verantwortung sowie unsere demokratischen
berzeugungen sind eine gute Grundlage für eine ver-

rauensvolle Partnerschaft.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Heute ist es trotz dieser engen Bindungen eben nicht
ehr selbstverständlich, dass Deutschland und Europa

ür Lateinamerika unweigerlich die wichtigsten Partner
ind. Deshalb müssen wir bei den Menschen in Latein-
merika für unsere Werte werben, die wirtschaftlichen
rfolg und soziale Verantwortung miteinander vereinen.

Für die Pflege unserer kulturellen Nähe und für das ver-
efende Verständnis füreinander brauchen wir einen ziel-
erichteten Austausch in den Bereichen Kultur, Bildung
nd Wissenschaften. Der Austausch im universitären






(A) )



(B) )


Anette Hübinger
Bereich, eine intensivere Kooperation von Forschungs-
einrichtungen, aber auch die Auslandsschulen in Latein-
amerika sind in diesem Zusammenhang wichtige An-
sätze. Sie bilden eine wichtige menschliche Brücke
zwischen diesen beiden Kontinenten. Dieser Austausch
bietet die Chance, dass wir auf die großen globalen Fra-
gen wie Klimawandel und Energiesicherheit gemein-
same Antworten suchen und finden.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Die größten Herausforderungen für viele Länder in
Lateinamerika sind jedoch die Bewältigung des wach-
senden sozialen Ungleichgewichts und der Kampf ge-
gen die Armut. Trotz des guten Wirtschaftswachstums
der letzten Jahre leben immer noch mehr als 200 Millio-
nen Menschen – das sind 40 Prozent der Bevölkerung –
von weniger als 2 Dollar pro Tag, und 80 Millionen
Menschen erleiden täglich Hunger. Diese Kluft bei der
Einkommensverteilung und im Wohlstandsniveau birgt
gefährlichen sozialen Sprengstoff und gefährdet erzielte
demokratische Transformationsgewinne. Fehlende oder
schwache staatliche Institutionen geben immer wieder
Raum für Menschenrechtsverletzungen, für Korruption
und kriminelle Gewalt; dies führt zur steigenden Migra-
tion. Die Bekämpfung der Armut ist dabei der Schlüssel
zur Demokratie. Es ist die Aufgabe der lateinamerikani-
schen Regierungen, diesen gewaltigen Herausforderun-
gen konsequent zu begegnen.

Die Aufgabe unserer Entwicklungszusammenarbeit
ist es, sie dabei zu begleiten. Deutschland hat ein ele-
mentares Interesse daran, dass der Demokratisierungs-
prozess in Lateinamerika fortgesetzt und stabilisiert
wird. Demokratische Wahlen führen nämlich nicht auto-
matisch zu demokratischer Regierungsführung. Die
wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung führt im-
mer häufiger zu konfliktgeladenen Auseinandersetzun-
gen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Deshalb müssen wir unsere entwicklungspolitischen
Instrumente auf die Stärkung von demokratischen Struk-
turen, von Good Governance und von sozialen Siche-
rungssystemen ausrichten. Dass die indigene Bevölke-
rung an diesen Prozessen teilhaben muss, erklärt sich
von selbst.

Unzureichende gesellschaftliche und soziale Verant-
wortung der wirtschaftlichen Elite – wir haben heute
mehrfach davon gehört – ist in vielen Teilen Lateiname-
rikas ein großes Problem. Zur Lösung können und müs-
sen wir mehr auf die erfolgreiche Arbeit unserer politi-
schen Stiftungen zurückgreifen. Wir müssen die Eliten
darin bestärken, sozialstaatlich zu denken und Verant-
wortung zu übernehmen; bei der Bevölkerung müssen
wir ein besseres Demokratieverständnis fördern.

Mit den linkspopulistischen Regierungen müssen
wir einen kritischen Dialog führen, im Rahmen dessen
wir für demokratische Grundprinzipien und für die Un-
teilbarkeit der Menschenrechte werben.

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(C (D (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Sascha Raabe [SPD])


Lateinamerika birgt eine der größten biologischen
chatzkammern der Welt, die jedoch durch kurzfristige
nteressen höchst gefährdet ist. Deshalb steht der
mwelt- und Ressourcenschutz einschließlich des Tro-
enwaldschutzes in unserer entwicklungspolitischen Zu-
ammenarbeit an herausragender Stelle. Auch beim Gip-
el in Lima in der nächsten Woche wird der
mweltschutz ein zentrales Thema sein. Die Einbezie-
ung der Entwicklungs- und Schwellenländer in den
mweltschutz ist von entscheidender Bedeutung: Diese
änder werden von den Folgen des Klimawandels am
eisten bedroht; gerade sie können aber durch ihr künf-

iges Verhalten diesen Wandel positiv beeinflussen.

Deutschland verfügt im Umwelt- und Ressourcen-
chutz über viel Know-how und ist ein gefragter Partner.
as Instrument einer Entwicklungspartnerschaft mit der
irtschaft sollte daher mehr einbezogen werden. Ein gu-

es Beispiel dafür ist das Tropenwaldprogramm Brasili-
ns.

Angesichts der weltweit steigenden Nachfrage nach
ahrungsmitteln und der Ausweitung der Herstellung
on Treibstoff aus Agrarprodukten müssen wir die För-
erung der ländlichen Entwicklung und der Agrarfor-
chung in den Mittelpunkt unserer Zusammenarbeit
ücken. Dazu gehören Ansätze zu einer umfassenden
andreform, der Aufbau von effizienten, mittelständi-
chen Produktionsstrukturen, die Bereitstellung von Mi-
rofinanzierungen, aber auch Unterstützung beim Auf-
au von Katastern und Flächennutzungsplänen.

Die ländliche Entwicklung dient nicht zuletzt der Ein-
ämmung des Drogenanbaus und hilft den Menschen,
us der nur zu oft unfreiwilligen Kriminalität herauszu-
ommen.

Der Erfolg der ländlichen Entwicklung hängt auch
avon ab, ob es uns gelingt, zu einem gerechten Welt-
andelssystem zu kommen. Die Zusage der EU, die
grarexportsubventionen bis 2013 schrittweise auslau-

en zu lassen, ist ein Schritt dorthin. Dennoch bedarf es
uf multilateraler Ebene noch erheblicher Anstrengun-
en, wenn die Doha-Runde zu einer erfolgreichen Ent-
icklungsrunde werden soll.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Mit einem Anteil von 40 Prozent ist die EU der
rößte entwicklungspolitische Akteur in Lateinamerika.
ie hat einen erheblichen Beitrag geleistet, innenpoliti-
che Reformen zu unterstützen, die zu dem gegenwärti-
en wirtschaftlichen Wachstum in vielen Ländern ge-
ührt haben. Wir müssen uns aber fragen, ob unser
igener Einsatz wirksam genug ist. Die eingeleiteten Re-
ormen der europäischen Entwicklungszusammenarbeit
üssen konsequenter umgesetzt werden, um durch ein

esseres Miteinander die Wirksamkeit zu erhöhen.

Die Menschen in den meisten Ländern Lateinameri-
as stehen vor großen Herausforderungen. Wir in






(A) )



(B) )


Anette Hübinger
Deutschland und in Europa tragen für die Bewältigung
dieser Probleme eine besondere Verantwortung. Mit un-
serer entwicklungspolitischen Zusammenarbeit wollen
wir einen Beitrag dazu leisten, dass durch das wirtschaft-
liche Wachstum der letzten Jahre auch die soziale Ge-
rechtigkeit stärker berücksichtigt wird und letztendlich
zu einer nachhaltigen Armutsbekämpfung beigetragen
werden kann.

Ich meine, wir können uns glücklich schätzen, dass
Lateinamerika und Deutschland über gemeinsame kultu-
relle Wurzeln und so viele gemeinsame Wertevorstellun-
gen und Prägungen verfügen. Nutzen wir diese bei der
Bewältigung der Probleme und globalen Herausforde-
rungen zugunsten eines tieferen Verständnisses füreinan-
der.

Unserer Bundeskanzlerin wünsche ich in der nächsten
Woche in Lima ein gutes Gelingen.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie des Abg. Hellmut Königshaus [FDP])



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616105300

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 16/9072, 16/9073, 16/9074, 16/8907
und 16/9056 an die in der Tagesordnung aufgeführten
Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit einverstan-
den? – Das ist der Fall. Dann sind die Überweisungen so
beschlossen.

Wir kommen zur Beschlussempfehlung des Aus-
schusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent-
wicklung zu dem Antrag der Fraktion Die Linke mit dem
Titel „Deutsche Kolumbien-Politik auf die Stärkung zi-
viler Friedensinitiativen und der sozialen, demokrati-
schen und Menschenrechte ausrichten“.

Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschlussempfeh-
lung auf Drucksache 16/8062, den Antrag der Fraktion
Die Linke auf Drucksache 16/5678 abzulehnen. Wer
stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt
dagegen? – Enthaltungen? – Die Beschlussempfehlung
ist mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und FDP ge-
gen die Stimmen der Linken bei Enthaltung der Grünen
angenommen.

Wir kommen zur Beschlussempfehlung des Aus-
schusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent-
wicklung zu dem Antrag der Fraktion der FDP mit dem
Titel „Die Regierungsverhandlungen mit Bolivien für
eine kritische Überprüfung der Entwicklungszusammen-
arbeit nutzen und an Bedingungen knüpfen“.

Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschlussempfeh-
lung auf Drucksache 16/9114, den Antrag der Fraktion
der FDP auf Drucksache 16/5615 abzulehnen. Wer
stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt
dagegen? – Enthaltungen? – Die Beschlussempfehlung
ist mit den Stimmen des Hauses gegen die Stimmen der
Fraktion der FDP angenommen.

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(C (D Ich rufe Tagesordnungspunkt 23 auf: Beratung des Antrags der Abgeordneten Wolfgang Wieland, Silke Stokar von Neuforn, Volker Beck der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Keine Einführung biometrischer Merkmale im Personalausweis – Drucksache 16/7749 – Überweisungsvorschlag: Innenausschuss Rechtsausschuss Ausschuss für Wirtschaft und Technologie Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die ussprache eine halbe Stunde vorgesehen, wobei die raktion Bündnis 90/Die Grünen fünf Minuten erhalten oll. – Ich höre keinen Widerspruch. Dann ist das so bechlossen. Ich eröffne die Aussprache und erteile dem Kollegen olfgang Wieland, Bündnis 90/Die Grünen, das Wort. Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Es ist ge ade einmal ein Jahr her, dass wir hier über den neuen iometrischen Pass debattiert haben. Unsere Pässe, die ja chon vorher maschinenlesbar und fälschungssicher waen und auf denen die biometrischen Gesichtszüge abgeildet wurden, enthalten nun auch noch die Fingerabdrüke. Der Sicherheitszuwachs war gleich null. Nicht msonst werden jetzt die Fingerabdrücke des geschätzen Innenministers Schäuble herumgereicht. Sie wurden igital kopiert und befinden sich nun auf dem freien arkt. (Heiterkeit beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Sie sind schon an mehreren Tatorten gesehen worden!)


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1616105400

Als wäre das alles nicht schon absurd und schlimm
enug, soll dem Pass dieses Jahr nun auch noch der bio-
etrische Personalausweis folgen, auf dem ebenfalls die
ingerabdrücke hinterlegt sind. Die größten Dummhei-

en, die mit dem Passgesetz begangen wurden, sollen
un, wie es heißt, auf Scheckkartenformat komprimiert
erden. Da kann ich nur sagen: Hier bekommt der Irr-

inn Methode. Das sollte nicht geschehen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie der Abg. Gisela Piltz [FDP] und des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Das hat auch die SPD-Fraktion, jedenfalls der Vorsit-
ende des Innenausschusses, der geschätzte Kollege
dathy, gemerkt. Er ließ heute per Ticker verkünden
ich hoffe, er bleibt dabei –: Der Personalausweis ist ein
wangsdokument. Das braucht jeder Bürger und jede
ürgerin. Wenn vorgeschrieben wird, was bisher nur für
anoven vorgesehen war, nämlich dass Fingerabdrücke

bgenommen und in das Dokument aufgenommen






(A) )



(B) )


Wolfgang Wieland
werden, dann wird das zur Pflichtübung für alle. Eine
größere Misstrauenserklärung des Staates gegenüber sei-
nen Bürgerinnen und Bürgern ist kaum vorstellbar.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie der Abg. Gisela Piltz [FDP] und des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos] – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Herr Edathy fehlt ja auch!)


– Schade, dass der Kollege Edathy nicht anwesend ist.
Aber ich habe es mit Vergnügen gelesen.


(Jan Korte [DIE LINKE]: Die bleiben nicht dabei!)


Ich habe auch gehört, nun gebe es eine Koalitionskrise.
Nächste Woche folgt dann ein Krisengipfel, und Sie,
Herr Kollege Hofmann, werden ihm sicherlich alles
überbringen, was hier an Kritik vorgebracht wird.


(Jan Korte [DIE LINKE]: Wie bei der Onlinedurchsuchung!)


Warum sollen die biometrischen Merkmale in den
Ausweis aufgenommen werden? Die internationalen
Terroristen reisen sicherlich nicht mit deutschen Perso-
nalausweisen oder Reisepässen. Das hat sie seinerzeit
nicht an den Anschlägen gehindert. Die Begründung der
Abwehr des internationalen Terrorismus ist völlig aber-
witzig.


(Frank Hofmann [Volkach] [SPD]: Tut doch niemand!)


Auch hinter Europa kann man sich diesmal nicht ver-
stecken. Es gibt keine entsprechende Vorgabe der EU.
Was sind die Gründe für Ihr Vorhaben? Wir argwöhnen,
dass es um reine Exportförderung der deutschen High-
tech-Sicherheitsindustrie geht.

In diesem Zusammenhang ist eine kritische Bemer-
kung über den Kollegen Otto Schily notwendig. Er hätte
das nicht nötig. Ich sage nicht, dass er mit seinen Beteili-
gungen an entsprechenden Unternehmen und seinem
Aufsichtsratsmandat aus wirtschaftlichen Interessen
handelt. Aber er war lange genug Anwalt, um zu wissen,
dass man nicht nur die tatsächliche Vermischung von
wirtschaftlichen Interessen und politischem Handeln
vermeiden muss, sondern auch den bösen Schein, dies zu
tun.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der FDP und der LINKEN – Gisela Piltz [FDP]: Aber für den Kollegen Schily gilt das Gesetz jetzt nicht mehr!)


– Der Kollege Schily wird lernen, dass die Rechtsord-
nung für alle gilt, selbst für Otto den Großen, Frau Kol-
legin Piltz. Da darf ich Sie beruhigen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Aber im Ernst: Die innere Sicherheit dient nicht dem
Zweck, mit den Gebühren der Bürgerinnen und Bürger
Exportförderung für deutsche Hightechfirmen zu betrei-
ben.

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(C (D Lassen Sie mich noch auf die anderen Gründe eingeen, die angeführt werden. Der Bürger soll damit beim nlinehandel agieren. Er wird geradezu aufgefordert, eine Daten in Breite im Internet zur Verfügung zu stelen. Es wäre Aufgabe der Bundesregierung, solche Daenmeere nicht entstehen zu lassen. Stattdessen füllt sie iese weiter auf und schafft auch noch einen Anreiz daür. Schließlich – damit komme ich zur CDU/CSU-Frakion; wir haben das nicht vergessen, Herr Kollege inninger – wollten Sie schon bei der Einführung der ässe eine Fingerabdruckdatei vorsehen, nach dem otto „Wenn die Bürgerinnen und Bürger schon ihren ingerabdruck zur Verfügung stellen müssen, dann bealten wir ihn doch gleich“. (Clemens Binninger [CDU/CSU]: Bei der Meldebehörde!)


iese Versuchung ist beim Personalausweis noch viel
rößer; denn dann hätten Sie alle Fingerabdrücke. Nicht
msonst sind im Rohentwurf des Meldegesetzes zwei
eere Felder im zentralen Bundesmelderegister vorgese-
en. Wir argwöhnen, dass in eines der Felder ein Foto
nd in das andere die Fingerabdrücke aufgenommen
erden sollen.

Das ist die allergrößte Gefahr, vor der zu warnen ist.
m Polizeijargon wird es „Erkennungsdienstliche Be-
andlung“ genannt, ED-Behandlung. Der Volksmund
ennt es einfach Verbrecheralbum. Wir warnen davor
nd fordern Sie auf: Stecken Sie gefälligst nicht die Ge-
amtbevölkerung ins Verbrecheralbum! Geben Sie Ihre
läne auf! Noch ist Zeit dafür.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP und der LINKEN)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616105500

Das Wort hat nun Clemens Binninger, CDU/CSU-

raktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Clemens Binninger (CDU):
Rede ID: ID1616105600

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen

nd Kollegen! Meine Damen und Herren! Gestatten Sie
ir, bevor ich auf den Antrag der Grünen eingehe, zwei
nmerkungen an Ihre Adresse, Herr Wieland, und an

hre Fraktion. Ich möchte auch für die Menschen, die
ns zuhören und zusehen, daran erinnern, wer vor eini-
en Jahren die Weichen für die Aufnahme der biometri-
chen Merkmale in den Pass gestellt


(Gisela Piltz [FDP]: Das war richtig! – Jan Korte [DIE LINKE]: Das stimmt! Ja! – Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber ausdrücklich nicht für die Fingerabdrücke!)


nd diese Technik mit einer guten Entscheidung, wie ich
inde, erst hoffähig gemacht hat. Rot-Grün hat die Ein-
ührung biometrischer Merkmale beschlossen, und Sie






(A) )



(B) )


Clemens Binninger
haben damals mitgemacht. Heute wollen Sie davon
nichts mehr wissen. Das ist unseriös und scheinheilig.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nicht die Fingerabdrücke! Das wissen Sie! Außerdem waren Sie immer dafür!)


Die zweite Anmerkung vorneweg: Wenn man Ihren
Antrag liest, könnte man den Eindruck haben, als ob die
größte Gefahr für den Datenschutz von unseren Sicher-
heitsbehörden und der Polizei ausginge. Das ist ein eini-
germaßen absurdes Verständnis der Arbeit unserer Si-
cherheitsbehörden und wird von uns in keiner Weise
geteilt.


(Beifall bei der CDU/CSU – Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was alles schiefgehen kann bei Sicherheitsbehörden, sieht man am Bundesnachrichtendienst, Herr Kollege!)


Nun zu Ihrem Antrag. Man könnte ihn mit der Über-
schrift überschreiben: Wir sind dagegen, egal was die
Bundesregierung oder die Koalitionsfraktionen tun. Das
wäre einfacher und ehrlicher gewesen. Ich will auf ein
paar Punkte eingehen. Sie sagen: keine Biometrie und
auf gar keinen Fall Fingerabdrücke. Was ist denn Sinn
und Zweck der Biometrie? Der Reisepass bietet durch
die biometrischen Merkmale Gesicht und die beiden Zei-
gefingerabdrücke, die im Chip integriert sind, absolute
Fälschungssicherheit, weil bei einer Kontrolle die Daten
auf dem Chip mit den Daten desjenigen abgeglichen
werden, der das Dokument vorzeigt. Das leistet die Bio-
metrie. Sie sorgt nicht nur für einen Qualitätsgewinn,
sondern auch für einen Sicherheitsgewinn.

Sie blenden mit Ihrer Behauptung, der Pass könne
kaum gefälscht werden – ich bestreite gar nicht, dass es
sich um ein fälschungssicheres Dokument handelt –, die
Missbrauchsanfälligkeit aus. In Deutschland sind derzeit
mehr als 2 Millionen Personalausweise entwendet. Sie
werden bei optischen Ähnlichkeiten eingesetzt, und
zwar häufig erfolgreich. Das heißt, mehr als 2 Millionen
Bürger müssen derzeit damit rechnen, dass ihr Personal-
ausweis missbräuchlich eingesetzt wird; denn bei einer
flüchtigen Kontrolle kann nicht erkannt werden, dass die
Person, die auf dem Foto abgebildet ist, nicht diejenige
ist, die den Pass oder den Ausweis vorzeigt.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Demnächst kann man mit dem verlorenen Pass ins Internet gehen!)


Genau an dieser Stelle erzielt die Biometrie einen ent-
scheidenden Sicherheitsgewinn. Es wird keinen Miss-
brauch von Dokumenten mehr geben. Mehr als
2 Millionen gestohlene Ausweise, die sich derzeit in
Umlauf befinden, werden für diejenigen, die sie gestoh-
len haben, wertlos sein. Auf diesen Sicherheitsgewinn
können und werden wir nicht verzichten.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Über das Thema Fingerabdrücke führen Sie eine
ziemlich hysterische Debatte.


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(C (D (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir wissen gar nicht, was Hysterie ist!)


Wenn ich Ihnen zuhöre, weiß ich, was Hysterie ist,
err Kollege Wieland, und zwar in gelebter Reinform.

Die im Chip gespeicherten Fingerabdrücke sind mit
inem so hohen Verschlüsselungsalgorithmus ausgestat-
et, dass man zukünftig mehr als zwölf Tage bräuchte,
m die Daten auszulesen, und zwar in einem Abstand
on 20 Zentimeter zu Pass oder Ausweis, der sich zudem
icht bewegen dürfte. Das ist faktisch unmöglich. Mehr
icherheit geht nicht.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wenn Sie ernsthaft Angst haben, dass der im Chip so
ut gesicherte biometrische Fingerabdruck ausgelesen
ird – das ist faktisch nicht möglich –, dann sage ich Ih-
en: Der Fingerabdruck ist ein flüchtiges biometrisches
erkmal.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Eben!)


eder von uns, ob er will oder nicht, hinterlässt rund
00-mal am Tag Fingerabdrücke bei jeder Gelegenheit,
eispielsweise an Tischen, Türgriffen und Gläsern. An
em Pult, an dem ich stehe, lassen sich möglicherweise
ie Fingerabdrücke aller Abgeordneten des Bundestages
inden. Wer Ihren Fingerabdruck wollte, hätte leichtes
piel und könnte ihn sich bei den eben beschriebenen
elegenheiten besorgen. Wenn Sie ernsthaft Angst ha-
en, dass ein gesicherter Fingerabdruck im Chip Ihres
igenen Ausweises – sonst ist er nirgendwo vorhanden –
usgelesen wird, dann müssten Sie – das habe ich noch
ie gesehen – jeden Tag mit Handschuhen durch die Ge-
end laufen; denn nur dann wären Sie glaubwürdig. Da
ie keine Handschuhe tragen, Herr Wieland, nehme ich
hnen dieses Argument nicht ab.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Interessant ist, zu sehen, wie sehr die Bürger in unse-
em Land diese Technik annehmen. Herr Wieland, Sie
aben darauf hingewiesen, dass die Große Koalition im
ovember letzten Jahres die Einführung des biometri-

chen Reisepasses beschlossen hat. In den vergangenen
echs Monaten haben fast 1,5 Millionen Bundesbürger
en neuen Pass beantragt, weil sie diesen Pass, diese
echnik wollen.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ach was! Weil ihr alter abgelaufen ist! Das ist doch ein Witz! – Zuruf des Abg. HansChristian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


s war eine Abstimmung per Antrag. Herr Kollege
tröbele, der alte Pass hätte seine Gültigkeit behalten.
ie Anzahl derer, die ohnehin einen neuen Pass ge-
raucht hätte, weil der alte zufällig zu dem Termin abge-
aufen wäre, beträgt nur einen Bruchteil der Zahl derer,
ie ihn jetzt beantragt haben. Die Bürger sind gegenüber
er Technik aufgeschlossen, sie erkennen im Gegensatz
u den Grünen den Sicherheitsgewinn. 1,5 Millionen
iometrische Pässe sprechen eine eindeutige Sprache,






(A) )



(B) )


Clemens Binninger
und das zeigt, dass dieses Produkt erfolgreich ist. Es ist
sicher, und es bringt einen Qualitätsgewinn. Deshalb
werden wir auf diesem Weg vorangehen, ob Sie es wol-
len oder nicht.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Herr Kollege Wieland, ich würde doch bitten, an einer
Stelle die Legendenbildung zu beenden: Referenz-
dateien, große Datenbanken, Möglichkeiten, wo man
überall abgleichen kann.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616105700

Herr Kollege Binninger, gestatten Sie eine Zwischen-

frage des Kollegen Ströbele?


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Ohne Handschuhe!)



Clemens Binninger (CDU):
Rede ID: ID1616105800

Gerne.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Herr Kollege, wollen Sie allen Ernstes behaupten,
dass 1,5 Millionen Bürgerinnen und Bürger zu ihren
Bürgerämtern gegangen sind, um endlich biometrische
Merkmale in ihren Pass zu bekommen? Ist das tatsäch-
lich Ihre Meinung? Wenn ja, worauf stützen Sie diese
Meinung? Haben Sie persönlich Untersuchungen vorge-
nommen, und haben Sie selber von dieser Möglichkeit,
endlich biometrische Merkmale in Ihren Pass zu bekom-
men, Gebrauch gemacht?


Clemens Binninger (CDU):
Rede ID: ID1616105900

Nur ganz kurz: Im Diplomatenpass haben wir solche

Merkmale schon mit dem Gesichtsbild.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber keine Fingerabdrücke!)


Ich hole mir selbstverständlich einen biometrischen
Pass.

Woher kommt diese Zahl? Ich will es Ihnen sagen,
Herr Kollege Ströbele. Die Passbehörden und auch das
Bundesinnenministerium haben Erfahrungswerte, sie
wissen, wann die Gültigkeit von Ausweisen abläuft und
wann und in welchem Umfang neue Pässe beantragt
werden müssen, weil der alte Pass abgelaufen ist. Die
Zahl der Menschen, deren Pass abgelaufen ist, ist aber
deutlich geringer als die Zahl derer, die einen neuen Pass
beantragt haben. Diese haben einen neuen Pass bean-
tragt, obwohl ihr alter noch gültig war, womit sie klar
dokumentiert haben, dass diese Technik ein Gewinn ist,
die Reisefreiheit bei höchster Sicherheit und Qualität ga-
rantiert.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Vielleicht ist der Pass verloren gegangen!)


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(C (D ie Zahl der Personen, die einen neuen Pass beantragt aben, ist sehr viel höher als die, die nach dem Ablauf es Gültigkeitsdatums zu erwarten gewesen wäre. Das efällt Ihnen nicht. Das ist mir klar. Sie hätten gerne mit hrer Hysteriedebatte die Bürger verunsichert. Es ist Ihen aber nicht gelungen. Das müssen Sie zur Kenntnis ehmen, ob es Ihnen gefällt oder nicht. (Beifall bei der CDU/CSU – Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Über 60 Millionen haben sich keinen geholt!)


Die Legende, wir würden eine große Datenbank anle-
en, sollten Sie jetzt wirklich zu den Akten legen.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das wollten Sie! – Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das wollten Sie, und das wollte Otto Schily, und wir haben es verhindert!)


ie Diskussion darüber, welche Daten die Meldebehör-
en dezentral speichern und welche sie löschen, hatten
ir. Ich will aber deutlich machen: Im Gesetz zum bio-
etrischen Pass ist klar geregelt, dass es keine Datei

ibt, weder eine dezentrale noch eine zentrale.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Zu Clemens Binningers großem Bedauern!)


s wird auch beim Personalausweis so sein, dass es we-
er eine dezentrale noch eine zentrale Datei geben wird.
ch bitte Sie, an dieser Stelle nicht weiter Legendenbil-
ung zu betreiben. Wenn Ihnen die Argumente ausge-
en, dann geben Sie es einfach zu, aber führen Sie keine
hantomdiskussionen und keine hysterischen Debatten.
as wäre ehrlicher.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir kennen Ihre Pläne!)


Der dritte Punkt, den Sie kritisieren, leuchtet wirklich
och weniger ein als alle anderen, die Sie vortragen. Sie
ehnen die elektronische Signatur ab, eine Zusatzfunk-
ion, die wir optional im Personalausweis für den Bürger
orsehen wollen und die es dem Bürger erlauben wird,
ei höchster Sicherheit nicht nur die Geschäfte, die er
eute sowieso schon über Internet – Amazon, Ebay oder
ankgeschäfte – tätigt, sicherer zu tätigen, sondern auch
ehördengänge von zu Hause am PC zu erledigen. Das

st ein gigantischer neuer Nutzen, den wir mit dieser
echnik hätten. Sie verweigern dem Bürger diesen Nut-
en, warum auch immer. Nur die elektronische Signatur
inzuführen, aber auf die Biometrie zu verzichten, hieße,
inen Ausweis mit neuen Funktionen auszustatten, aber
n der Sicherheit zu sparen.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616106000

Herr Kollege, gestatten Sie noch eine Zwischenfrage,

iesmal von der Kollegin Stokar von den Grünen?


Clemens Binninger (CDU):
Rede ID: ID1616106100

Ja.






(A) )



(B) )


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Herr Kollege Binninger, ist Ihnen bekannt, dass der
Bankenverband in Deutschland die elektronische Signa-
tur auf dem Personalausweis, so wie sie geplant ist, ab-
lehnt und deutlich erklärt hat, dass die Technologie der
RFID-Chips nicht sicher und damit ungeeignet für Bank-
geschäfte sowohl am Terminal als auch beim Onlineban-
king ist? Was, bitte schön, soll dann diese Koppelung,
wenn schon der Bankenverband sagt, dass er mit diesem
System nicht arbeiten werde?


Clemens Binninger (CDU):
Rede ID: ID1616106200

Frau Kollegin Stokar, möglicherweise ist Ihnen die

neueste Position aus der Bankenwelt nicht bekannt. Wir
haben am Dienstag oder Mittwoch dieser Woche eine In-
formationsveranstaltung besucht,


(Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was heißt „wir“?)


bei der Vertreter aus der Wirtschaft, Wissenschaft und
auch von Banken anwesend waren.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wer hat denn informiert?)


Sie alle haben unisono diese Technik begrüßt. Insofern
bitte ich darum, dass wir nicht immer so tun, als ob wir
in Deutschland beim BKA, beim BMI und beim Bundes-
amt für Sicherheit in der Informationstechnik keine
Kompetenz hätten, die Datenschutz garantieren kann,
und wir unsichere Produkte auf den Markt werfen wür-
den. Das ist doch falsch.

Die Position und die Erwartungshaltung sind eindeu-
tig. Wir sollten – natürlich unter Berücksichtigung des
Datenschutzes – alles tun, um diese Technik sicher – das
möchte ich Ihnen gerne zugestehen – zu machen und
eben auch einzusetzen.


(Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das hat sich nur noch nicht bis zum Bundesverfassungsgericht rumgesprochen! – Gisela Piltz [FDP]: Ist das jetzt ein Dialog zwischen Redner und Grünen?)


Wenn wir auf diese Funktion verzichten würden,
hieße es, sich vom E-Government zu verabschieden,
hieße es, den Bürger weiterhin zu Behördengängen zu
veranlassen, obwohl er seine Anliegen vielleicht auch
von zu Hause aus am PC erledigen könnte.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das steht doch im Antrag drin!)


Es ist wirklich die Kombination aus einem sicheren Do-
kument mit Biometrie und dem Zusatznutzen für den
Bürger. Wer das dem Bürger vorenthalten will, soll es sa-
gen. Wenn die Grünen es wollen, dann mag es ihre Posi-
tion sein. Wir werden an dieser Stelle nicht mitgehen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Freiwillige Bürgerkarte! Steht in unserem Antrag!)


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(C (D Für uns ist die Biometrie in Ausweisdokumenten, in ässen ein Gewinn an Qualität, ein Gewinn an Sichereit und ein großer Gewinn an Zusatznutzen für den ürger. Deshalb werden wir dieses Projekt bzw. dieses rodukt vorantreiben, und zwar unabhängig davon, ob es hnen gefällt oder nicht. Herzlichen Dank. (Beifall bei der CDU/CSU – Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie müssen erst einmal den Koalitionspartner überzeugen!)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616106300

Das Wort hat nun Kollegin Gisela Piltz, FDP-Frak-

ion.


Gisela Piltz (FDP):
Rede ID: ID1616106400

Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen!

iebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Mehr Sicherheit,
ehr Service, keine Probleme – das ist der Dreiklang,
it dem das BMI den elektronischen Personalausweis

erkauft. Insbesondere preisen aber auch die Großkoali-
ionäre – wir waren eben lange genug Zeuge – die zahl-
eichen Vorzüge dieses neuen Projektes an. Sogar von
iner kleinen Revolution, vom Ausweis fürs Internet ist
ie Rede.

Als Opposition tun wir uns mit der Beurteilung im
oment noch ein bisschen schwer. Bis heute haben wir

icht einmal das Grundkonzept des Innenministeriums
ür den neuen Personalausweis zur Verfügung gestellt
ekommen.


(Clemens Binninger [CDU/CSU]: Kommt noch!)


Auch unsere Berichtsanforderungen zum Stand der
ntwicklung der Lesegeräte und der Software für den
euen Personalausweis sind bisher nicht übersandt wor-
en. Damit nicht genug: Auch eine zuverlässige Kosten-
chätzung seitens des Innenministeriums gibt es noch
icht. Aber tolles Projekt!


(Clemens Binninger [CDU/CSU]: Stimmt!)


Wenn dieses Projekt so toll sein soll, wie Sie immer
arstellen, frage ich mich, warum Sie die Details vor der
pposition und damit vor der Öffentlichkeit verstecken.
iese Frage haben Sie heute nicht beantwortet, Herr
inninger.


(Beifall bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Ihre Argumente für den neuen Personalausweis sind
älschungssicherheit und die Möglichkeit der Identitäts-
berprüfung. Fälschungssicher sind die alten Ausweis-
apiere, die wir in Deutschland haben, auch. Die Zahlen
ennen Sie; ich muss sie nicht wiederholen.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Null Problem!)


Was Sie damit allerdings wollen, erreichen Sie im
oment noch gar nicht. Das erreichen Sie übrigens nicht






(A) )



(B) )


Gisela Piltz
einmal hinsichtlich der Reisepässe. Sie wissen genau,
dass gerade einmal die Hälfte der deutschen Grenzüber-
gänge mit Lesegeräten für die neuen biometrischen
Reisepässe ausgestattet ist. Es gibt auch noch keine
Möglichkeit, die von Ihnen so gelobte biometrische Ge-
sichtserkennung durchzuführen, weil seitens des Innen-
ministeriums noch nicht einmal ein Roll-out-Plan exis-
tiert, Kameras an den Grenzen zu installieren. Jetzt frage
ich Sie: Wie soll das ein Mehr an Sicherheit bringen, ob-
wohl Sie weder die Lesegeräte noch eine Idee dafür ha-
ben, wie diese bezahlt werden sollen und woher diese
kommen sollen? Das hat mit Sicherheit überhaupt nichts
zu tun.


(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Wie immer bei der Sicherheitspolitik verfahren Sie
auch hier nach dem Motto „Augen zu und durch“.

Die Identitätsüberprüfung, bei der es nur darum geht,
ob der, der den Ausweis hat, auch der ist, für den er aus-
gestellt worden ist, rechtfertigt eine Aufrüstung in
diesem Sinne aus unserer Sicht nicht. Denn die biome-
trische Gesichtserkennung und erst recht der Fingerab-
druck werden in der deutschen Bevölkerung mit – es ist
schon gesagt worden – erkennungsdienstlichen Behand-
lungen oder sogar mit der Vorstellung verbunden, dass
Bürger im Gefängnis ihre Fingerabdrücke abgeben müs-
sen. Der Bürger verbindet damit aber nicht, dass er sei-
nen Fingerabdruck abgeben muss, damit dieser in den
Personalausweis eingearbeitet wird, den er bei sich ha-
ben muss.

Dann möchte ich doch noch einmal mit einer Mär
aufräumen, die der Kollege Binninger hier hinsichtlich
der Zahlen gebracht hat. Herr Binninger – das müssten
Sie wissen –, es gibt den Reisepass mit biometrischen
Merkmalen schon seit dem 1. November 2005, zunächst
nur mit Gesichtserkennung, seit 1. November 2007 mit
Erfassung der Fingerabdrücke. Seit 1. November 2005
sind rund 5,4 Millionen Pässe ausgegeben worden.
Wenn man das auf Halbjahreszeiträume bezieht, dann
kommt man zu dem Ergebnis, das jedes halbe Jahr
1 Million Pässe ausgegeben werden. Sie können mir an-
gesichts dieser Zahlen und bei Kosten von 59 Euro pro
Pass nicht erzählen, dass diese Pässe nun wirklich der
Renner bei den Bürgerinnen und Bürgern wären. Wenn
Sie daran glauben wollen, dann können Sie das gerne
tun. Ich finde, die Fakten sprechen dagegen.


(Beifall bei der FDP, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Clemens Binninger [CDU/CSU]: Was meinen Sie, wenn die FDP so viele Mitglieder hätte!)


Wenn Sie im Übrigen daran glauben, dass das alles
fälschungssicher sei, dann kann ich Ihnen nur raten:
Sprechen Sie mit Fachleuten! Die sagen Ihnen, dass na-
türlich auch ein biometrisches Foto oder auch ein Fin-
gerabdruck gefälscht werden kann. Von daher sind sol-
che Pässe nicht wirklich fälschungssicherer. Aber es gibt
Leute, die viel daran verdienen. Man muss ja die Bun-
desdruckerei wieder ein bisschen aufhübschen, man will
die biometrische Industrie fördern.

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(C (D (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nicht mit Zwangsgebühren!)


as alles ist in Ordnung, aber dann sagen Sie es doch
nd tun nicht so, als ob es Ihnen um mehr Sicherheit
inge.


(Beifall bei der FDP)


Auch die Kopplung mit der elektronischen Signatur
ehnen wir ab. Das hieße nämlich, dass zukünftig jeder,
er im Internet mit einem solchen Personalausweis un-
erwegs ist, identifiziert werden kann. Das wäre ein wei-
erer Schritt in die Totalüberwachung. Auch der Banken-
erband hat ausdrücklich gesagt – das ist schon gesagt
orden; meine Gespräche mit diesem und anderen Ver-
änden sind sogar jüngeren Datums als Ihre; da muss ich
ie enttäuschen –,


(Clemens Binninger [CDU/CSU]: Heute, oder wie?)


ass die Banken selber so viel Geld investiert haben,
ass sie überhaupt nicht einsehen, sich daran zu beteili-
en. Das heißt, auch dieses von Ihnen genannte Argu-
ent zieht nicht mehr.

Im Zusammenhang mit Ihrem Versprechen, dass sich
ie Bürgerinnen und Bürger dann an Bürgerportalen be-
eiligen könnten, verschweigen Sie den Bürgerinnen und
ürgern die Tatsache, dass das Geld kosten würde, und
war durchaus viel Geld. Auch deshalb lehnen wir das
b.

Sicherheit im Internet ist eine Sache, aber sie muss
icht auf eine derartige Weise und schon gar nicht
wangsweise staatlich verordnet werden. Meine 104-jäh-
ige Oma zum Beispiel könnte damit gar nichts mehr an-
angen. Ich glaube, auch das sollten wir berücksichtigen.

Wir freuen uns, dass sich die Grünen noch einmal mit
iesem Thema an den Bundestag gewandt haben. Es ist
chön, wenn Sie Ideen von uns aufgreifen, auch wenn
ieses ein Jahr später geschieht.


(Heiterkeit bei der FDP – Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein, nein!)


Wir hoffen, dass insbesondere die CDU/CSU-Frak-
ion diese Debatte noch einmal zum Anlass nimmt, zu
berlegen, ob man nicht erst einmal abwartet, wie das
it dem europäischen Pass, den wir ja einführen müs-

en, so läuft. Wir würden uns freuen, wenn wir dann da-
ach hierüber noch einmal diskutieren könnten.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der FDP)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616106500

Das Wort hat der Abgeordnete Gert Winkelmeier.


Gert Winkelmeier (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616106600

Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Da

ersucht Herr Kollege Binninger, uns die Vorteile deut-
ich zu machen, die biometrische Merkmale im Perso-
alausweis bringen, und verweist dabei darauf, dass so
nterneteinkäufe einfacher möglich wären und Behör-






(A) )



(B) )


Gert Winkelmeier
dengänge überflüssig würden. Sie wissen wie jeder an-
dere hier in diesem Hause, dass es auch heute schon
möglich ist, im Internet einzukaufen und Behördengänge
elektronisch zu erledigen.


(Clemens Binninger [CDU/CSU]: Aber unsicherer! Weniger Sicherheit!)


Die zentrale Frage in diesem Zusammenhang lautet
doch: Was ist denn schlecht am alten Personalausweis?
Hierzu muss man sagen: Aus unserer Sicht gibt es über-
haupt keinen Anlass, biometrische Merkmale in den Per-
sonalausweis einzubauen.

Ich möchte auf drei Punkte eingehen: Der erste Punkt
betrifft den Zusammenhang zwischen Fingerabdrücken
und Sicherheit. Es ist nun einmal so, dass jeder Deutsche
ab dem 16. Lebensjahr per Gesetz verpflichtet ist, einen
Personalausweis mit sich zu führen. Wenn nun aber bei
jedem Personalausweis Fingerabdrücke hinterlegt wer-
den sollen, heißt das, dass Millionen Deutsche sozusa-
gen erkennungsdienstlich behandelt werden. Das darf
einfach nicht sein. Experten sagen, dass dies verfas-
sungsrechtlich höchst bedenklich ist. Ich glaube, dass
dies vor dem Bundesverfassungsgericht auch keinen Be-
stand haben wird. Ich halte die Maßnahme, dass wir alle
die Fingerabdrücke hinterlegen sollen, für moralisch
verwerflich. Diese Behandlung wie von mutmaßlichen
Verbrechern ist ungeheuerlich. Auf den psychologischen
Faktor in diesem Zusammenhang kann ich aus Zeitgrün-
den nicht weiter eingehen.

Ein zweiter Punkt ist die Zentraldatei. Sie haben eben
gesagt, Sie verzichten auf die Zentraldatei, obwohl es in
Ihrer Partei Diskussionen dazu gegeben hat. Das ist aber
eine Sache des Glaubens. Wir wissen doch, dass Sie,
wenn sich bestimmte Dinge ändern, keinen Moment zö-
gern werden, diese Zentraldatei zu fordern. Auch bei der
SPD, die sich heute noch dagegen ausspricht, stellt sich
die Frage, ob sie diese Position beibehalten wird.

Vor allem finde ich verwerflich, dass Sie mit Ihren
Überlegungen noch nicht einmal abwarten, bis das Bun-
desverfassungsgericht eine Entscheidung zum biometri-
schen Pass getroffen hat. Sie wissen, dass dort ein Ver-
fahren anhängig ist.

Entlarvend ist auch, dass sich der sächsische Justiz-
minister in diesem Zusammenhang in Zeitungen zitieren
lässt: Die Politik solle keinen vorauseilenden Gehorsam
gegenüber dem Bundesverfassungsgericht leisten und
die verfassungsrechtlichen Grenzen ausloten. Das zeigt
doch, wes Geistes Kind diese Leute sind.

Die größte Gefahrenquelle sehe ich allerdings in ei-
nem unbemerkten externen Auslesen der Daten durch
Kriminelle, die das bewusst machen, um einen Vorteil
für ihre kriminellen Aktionen zu haben. Wenn mir heute
der Personalausweis gestohlen wird, dann melde ich das,
und dann gibt es einen Vorgang dazu. Wenn Ihnen ir-
gendwann einmal die Daten des Personalausweises aus-
gelesen werden, dann merken Sie das zunächst gar nicht,
sondern erst in dem Moment, wo die Staatsanwaltschaft
bei Ihnen klingelt und Sie zu den Dingen befragt, die Ih-
nen vorgeworfen werden. Dadurch erfolgt eine Umkehr
der Beweislast: Dann muss nämlich derjenige, dem un-
bemerkt die Daten entwendet worden sind, erklären,

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(C (D ass er die ihm vorgeworfenen kriminellen Taten nicht egangen hat. Deswegen kann die Forderung in diesem Zusammenang nur lauten: keine biometrischen Merkmale im Peronalausweis. Vielen Dank. Das Wort hat nun Kollege Frank Hofmann, SPD raktion. Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! iebe Kolleginnen und Kollegen! Der Antrag der Grüen „Keine Einführung biometrischer Merkmale im Peronalausweis“ hat bei mir Erstaunen und Kopfschütteln usgelöst. (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und Begeisterung, hoffe ich!)


(Beifall des Abg. Jan Korte [DIE LINKE])

Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616106700
Frank Hofmann (SPD):
Rede ID: ID1616106800

o viel Humbug in so wenig Zeilen, das ist eine Riesen-
eistung.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Manfred Grund [CDU/CSU]: Typisch Grüne!)


Sie schreiben bereits in Satz 2:

Durch die elektronische Speicherung biometrischer
Merkmale in Personalausweisen droht eine Refe-
renzdatei zu entstehen, die alle im Bundesgebiet le-
benden Menschen erfasst.

Diese absurde Behauptung entbehrt jeder Tatsachen-
rundlage, ist aber geeignet, Ängste in der Bevölkerung
u schüren.


(Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist ein Erfahrungssatz! – Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das will der Koalitionspartner!)


in bisschen weniger Opportunismus, ein bisschen we-
iger Populismus – ich weiß, dass das den Grünen in der
pposition schwerfällt – und etwas mehr pragmatische
acharbeit täten Ihnen gut. Schauen Sie doch zu Ihren
rünen Parteifreunden nach Hamburg, die da gerade eine
onservative Regierung gebildet haben! Da sind Sie zur
acharbeit verpflichtet. Und was steht dort in der Koali-

ionsvereinbarung? Sie bekennen sich zum Beispiel aus-
rücklich zur Videoüberwachung im öffentlichen Raum
n Kriminalitätsschwerpunkten,


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nur da!)


nd hier in Berlin heucheln Sie vom Gespenst des Über-
achungsstaates.

Ich möchte Sie an das erinnern, was wir beim euro-
äischen Reisepass beschlossen haben: keine Speiche-
ung von Fingerabdruckdaten, weder dezentral noch
entral. Hier hat sich die SPD in den – zugegebener-
aßen teilweise schwierigen – Verhandlungen in der
oalition durchgesetzt.






(A) )



(B) )


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616106900

Herr Kollege Hofmann, gestatten Sie eine Zwischen-

frage des Kollegen Wieland?


Frank Hofmann (SPD):
Rede ID: ID1616107000

Herr Wieland.


Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1616107100

Herr Kollege Hofmann, da wir Ihrer Ansicht nach nur

Unsinn in komprimierter Form produzieren, muss ich
Sie Folgendes fragen: Glauben Sie wenigstens Ihrem
Kollegen Edathy, dem Vorsitzenden des Innenausschus-
ses, der heute vor dem Kernstück warnt, um das es auch
uns geht, nämlich vor der zwangsweisen Einführung
– beim Personalausweis geschieht dies zwangsweise –
eines solchen biometrischen Dokumentes für alle Bürge-
rinnen und Bürger? Es ist noch keine Stunde her, dass
diese Meldung über den Ticker gegangen ist. Wenn Sie
mir schon nicht glauben, glauben Sie wenigstens Ihrem
Kollegen Edathy?


Frank Hofmann (SPD):
Rede ID: ID1616107200

Es geht nicht um Glaubensfragen. Ich gehe Ihren An-

trag Punkt für Punkt durch. Ich habe mich eben mit der
Referenzdatei beschäftigt und werde auch noch auf die
Frage eingehen, ob wir es nun machen oder nicht.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da bin ich gespannt!)


Ich komme, wie gesagt, noch später dazu. Zunächst will
ich Ihren Antrag weiter sezieren, weil ich glaube, dass
dies nach Ihrer fürchterlichen Rede dringend notwendig
ist.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Denken Sie an Ihre Redezeit, und vergessen Sie meine Frage nicht!)


Ich war beim europäischen Reisepass. Wie gesagt, es
gibt keine Speicherung von Fingerabdruckdaten, weder
dezentral noch zentral. Hier hat sich die SPD in teilweise
schwierigen Verhandlungen durchgesetzt. Wir wollen
eine schnelle Identifizierung, aber kein neues Fahn-
dungshilfsmittel. So wie der neue Reisepass in Deutsch-
land ausgestattet ist, dient er sowohl der Sicherheit als
auch der Freiheit. Das ist Sicherheitspolitik mit Augen-
maß.

Zudem ist sich die Koalition einig – Sie haben eben
den Kollegen Clemens Binninger dazu gehört –: Die
Einrichtung einer Referenzdatei ist vom Tisch. Man
braucht also nicht mehr darüber zu reden. Die Angst, die
die Grünen vor dem Risiko einer umfassenden staatli-
chen Datensammlung schüren, ist unbegründet.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Na, na!)


Das Risiko, dass Sie, lieber Herr Kollege Wieland, vom
Blitz getroffen werden, ist höher als die Wahrscheinlich-
keit, dass wir einem solchen Horrorszenario zustimmen
werden.

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(C (D (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir sind auf dem besten Weg!)


In ihrer Fingerabdruckphobie sind die Grünen wohl
uch einigen Irrtümern aufgesessen. Fingerabdrücke
ind keineswegs Daten, die bisher nur im Rahmen von
rmittlungen bei Straftaten erfasst werden, wie die Grü-
en in ihrem Antrag schreiben. Die Erhebung von Fin-
erabdrücken ist seit Jahrzehnten eine Standardbefugnis
ufgrund der Polizeigesetze der Länder. Herr Wieland,
hnen als Erstunterzeichner des Antrags und als kurzzei-
iger Justizsenator in Berlin sollte bekannt sein, dass
uch das Berliner SOG die erkennungsdienstliche Be-
andlung enthält.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Mir sind die Polizeigesetze durchaus bekannt!)


ie konnte solch ein schlechter Antrag über Ihren Tisch
ehen?


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber doch unter den Voraussetzungen eines Straftatverdachts! Doch nicht einfach so!)


Nein, eben nicht. Bei der Gefahrenabwehr geht es
icht um einen Straftatverdacht. Das haben Sie völlig
bersehen. Wie konnte so etwas über Ihren Tisch gehen?


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da haben Sie keine Ahnung!)


Sie vermischen weiterhin Passregister und Meldere-
ister; Herr Binninger hat es ebenfalls schon angespro-
hen. Das sind zwei Paar Stiefel. Das eine hat mit dem
nderen nichts zu tun. Das Melderegister wird keine bio-
etrischen Daten beinhalten. Die Fantasie ist mit Ihnen

ier wohl kräftig durchgegangen.

Im Übrigen ist auch uns bekannt, dass die Aufnahme
iometrischer Merkmale in den Personalausweis einen
ingriff in die Rechte von Bürgerinnen und Bürgern dar-
tellt. Deshalb werden wir hier auch ganz genau prüfen,
b diese Maßnahme überhaupt erforderlich ist. Die Bun-
esregierung muss nachweisen, weshalb man unter Si-
herheitsaspekten einen neuen Personalausweis benö-
igt; denn bisher heißt es überall, wir hätten mit unserem
eutigen Personalausweis ein Dokument, das zu den fäl-
chungssichersten der Welt gehört.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, eben! Gut, dass man Ihnen diese Sätze aufgeschrieben hat!)


Hören Sie einmal zu! – Deshalb fällt es mir gegenwär-
ig unter Sicherheitsaspekten schwer, einen Mehrwert zu
rkennen.


(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sehr richtig!)


ier hat die Bundesregierung also eine Bringschuld. Die
illensbildung in unserer Fraktion ist hierzu noch nicht

bgeschlossen. Wir müssen uns zum Beispiel noch mit
er Problematik des möglichen Dokumentenmissbrauchs






(A) )



(B) )


Frank Hofmann (Volkach)

– sie wurde auch schon von Herrn Binninger angespro-
chen – beschäftigen.

Wichtig sind mir aber auch die mit dem neuen Perso-
nalausweis verbundenen technischen Innovationen für
unsere Bürgerinnen und Bürger. Es wurden schon der
elektronische Identitätsnachweis und die elektronische
Signatur angesprochen. Diese beiden zusätzlichen Funk-
tionen halten wir für eine große Innovation. Sie können
so ausgestaltet sein, dass sie nachträglich freigeschaltet
oder gesperrt werden können, je nach individueller Ent-
scheidung der Bürger. Es ist also kein Teil eines Zwangs-
dokumentes.

Die Authentisierungsfunktion und die elektronische
Signatur sind ein wichtiger Schritt hin zu mehr Sicher-
heit und Komfort im elektronischen Geschäftsverkehr.
Gerade die zunehmende kommerzielle Nutzung des In-
ternets erfordert es, sich auch elektronisch ausweisen zu
können.

Ich meine, die möglichen Risiken des neuen elektro-
nischen Personalausweises sind durchaus beherrschbar.
Der Einsatz der von den Grünen – im Antrag wie in der
Rede von Herrn Wieland – dargestellten Räuberpistolen
ist unwahrscheinlich.

Was den neuen Reisepass – sozusagen die zweite Ge-
neration des Reisepasses, Frau Piltz – angeht, sind mir
noch keine gravierenden technischen Probleme und
keine Sicherheitsprobleme zu Ohren gekommen. Als ich
mich bei den Fachleuten des Bundeskriminalamt infor-
miert habe, haben sie mir gesagt – da waren die neuesten
Zahlen noch nicht bekannt –: Es war schon interessant,
wie viele Bürgerinnen und Bürger diesen neuen Pass ha-
ben wollten. Neben denjenigen, die – wie sicherlich auch
Sie – den neuen Pass kritisieren, gibt es viele, die sagen:
Wir wollen dieses neue Reisedokument haben. Es gibt
also viele Bürgerinnen und Bürger, die zu dieser neuen
Technologie Vertrauen gefasst haben.

Ich komme zum Schluss. Trotzdem gehen wir Sozial-
demokraten die konkrete Umsetzung des Vorhabens, ei-
nen elektronischen Personalausweis auszustellen, kri-
tisch an, aber nicht populistisch. Wir bleiben auf unserem
Kurs: Sicherheitspolitik mit Augenmaß.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616107300

Das Wort hat nun Jan Korte, Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Jan Korte (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616107400

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Um

Hysterie geht es hier wirklich nicht. Der CDU/CSU ist
nämlich – das hat sie diese Woche eindrucksvoll gezeigt –
wirklich alles zuzutrauen. Deswegen kann einen gar
nicht genug schaudern. Sicher ist, dass die SPD im
Zweifel umfallen wird. Daher ist dieser Antrag richtig.


(Beifall bei der LINKEN)


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(C (D Wir wollen zur Versachlichung der Debatte beitragen; as ist unsere Art. (Clemens Binninger [CDU/CSU]: Der war gut!)


urzeit sind 62 Millionen Personalausweise im Umlauf.
ir haben die Bundesregierung in einer Kleinen An-

rage Folgendes gefragt:

Wie viele Fälschungen oder Verfälschungen von
deutschen Personalausweisen sind seit 2001 auf
welche Art und Weise und bei welcher Gelegenheit
aufgedeckt worden?

ie Bundesregierung antwortete – ich zitiere –:

Für den Zeitraum vom 1. Januar 2001 bis einschließ-
lich 30. September 2007 sind insgesamt 495 Urkun-
dendelikte … registriert. Dabei handelt es sich in
88 Fällen um Totalfälschungen sowie in 128 Fällen
um Verfälschungen von deutschen Personalauswei-
sen.


(Volker Schneider [Saarbrücken] [DIE LINKE]: So viel?)


lso 495 Urkundendelikte bei 62 Millionen in Umlauf
efindlichen Personalausweisen. In Ihrer Sprache würde
an sagen: ein wirklich deutsches Spitzenprodukt. Es

ibt überhaupt keine Handlungsnotwendigkeit für das,
as Sie hier planen.


(Beifall bei der LINKEN)


Außerdem haben wir die Bundesregierung Folgendes
efragt – das ist die entscheidende Frage; es geht ja um
ehr Sicherheit, wie Sie suggerien –:

Bei wie vielen der durchgeführten oder geplanten
und aufgedeckten oder verhinderten vermutlichen
terroristischen Anschläge seit dem Jahr 2000 spiel-
ten bei Planung und Durchführung gefälschte deut-
sche Personalausweise eine Rolle …?

ie Antwort der Bundesregierung war kurz und knapp
nd ausnahmsweise klar:

Der Bundesregierung sind keine derartigen Fälle
bekannt.


(Volker Schneider [Saarbrücken] [DIE LINKE]: Na, so was!)


Damit ist doch völlig deutlich geworden, worum es
ier geht: Es geht hier nicht um mehr Sicherheit, sondern
m Datensammelwut.

Kollege Binninger, Sie haben doch selber vorgeschla-
en, dass die Schaffung einer Referenzdatei das Ziel sein
üsse. Dieses Ziel zu erreichen, wird mit der SPD in

en nächsten drei Monaten wahrscheinlich nicht zu ma-
hen sein. Ich wiederhole: Sie haben diesen Vorschlag
emacht. Es ist in diesem Falle richtig, davor zu warnen.

Ich fasse zusammen: Diese biometrischen Merkmale
ringen nicht mehr, sondern weniger Sicherheit. Unsere
etzigen Standards sind absolut sicher; das sagen Sie sel-
er.






(A) )



(B) )


Jan Korte
Die Debatten über einen neuen Reisepass sind noch
absurder. In einer Anhörung im Innenausschuss sagten
mehrere Sachverständige, die RFID-Technik bewirke
mehr Unsicherheit. Viele entgegneten: Nein, so ist das
nicht. Schließlich hat der BKA-Präsident – er steht nicht
im Verdacht, für uns zu arbeiten – seinen Reisepass he-
rausgeholt, den er in Alufolie eingewickelt hatte, um zu
verhindern, dass seine darauf gespeicherten Daten aus-
gelesen werden. Das sagt doch wohl alles. Es geht hier
um weniger Sicherheit. Das, was Sie machen, ist also
grob fahrlässig.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Deswegen unterstützt die Linke diesen Antrag. Ich
finde, man muss noch weit darüber hinausgehen: Mit
Blick auf die Sicherheitsgesetze, die in den letzten zwei-
einhalb Jahren von der Bundesregierung, von Innenmi-
nister Schäuble, vorgestellt worden sind, brauchen wir
eigentlich ein grundsätzliches Moratorium für alle Pla-
nungen im Sicherheitsbereich.


(Beifall des Abg. Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE])


Wir müssen innehalten und wirklich einmal darüber dis-
kutieren: Was bringt mehr Sicherheit? Ist die Verhältnis-
mäßigkeit überhaupt noch gewahrt? Wir fordern dazu auf,
nicht nur die Planungen zur Einführung biometrischer
Merkmale im Personalausweis einzustellen, sondern auch
innezuhalten, ein Moratorium zu verabschieden sowie
grundsätzlich und kritisch, auch mit Bürgerrechtsorgani-
sationen, über den Weg der weiteren Sicherheitspolitik in
diesem Lande zu diskutieren.

Schönen Dank.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616107500

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 16/7749 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
verstanden? – Das ist der Fall. Dann ist die Überweisung
so beschlossen.

Ich rufe die Zusatzpunkte 8 bis 11 auf:

ZP 8 Erste Beratung des von den Fraktionen der CDU/
CSU und SPD eingebrachten Entwurfs eines Ge-
setzes über die Anpassung von Dienst- und

(Bundesbesoldungsund -versorgungsanpassungsgesetz 2008/2009 – BBVAnpG 2008/2009)


– Drucksache 16/9059 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und
Geschäftsordnung
Verteidigungsausschuss
Haushaltsausschuss mitberatend und gemäß § 96 GO

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(C (D P 9 Erste Beratung des von den Abgeordneten Jörg van Essen, Dr. Max Stadler, Jens Ackermann, weiteren Abgeordneten und der Fraktion der FDP eingebrachten Entwurfs eines Achtundzwanzigsten Gesetzes zur Änderung des Abgeordnetengesetzes – Drucksache 16/9054 – Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und Geschäftsordnung Innenausschuss Rechtsausschuss Haushaltsausschuss P 10 Erste Beratung des von den Abgeordneten Jörg van Essen, Dr. Max Stadler, Jens Ackermann, weiteren Abgeordneten und der Fraktion der FDP eingebrachten Entwurfs eines … Gesetzes zur Änderung des Grundgesetzes – Drucksache 16/9055 – Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und Geschäftsordnung Innenausschuss Rechtsausschuss Haushaltsausschuss P 11 Erste Beratung des vom Bundesrat eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Bundesbesoldungsgesetzes – Drucksache 16/1033 – Überweisungsvorschlag: Innenausschuss Verteidigungsausschuss Haushaltsausschuss Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die ussprache eine halbe Stunde vorgesehen. – Ich höre einen Widerspruch. Dann ist so beschlossen. Ich eröffne die Aussprache und erteile das Wort Kolegen Ralf Göbel, CDU/CSU-Fraktion. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Ralf Göbel (CDU):
Rede ID: ID1616107600

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Seit

ie Große Koalition regiert, haben sich die wirtschaftli-
hen Rahmendaten in unserem Lande erheblich verbes-
ert.


(Irmingard Schewe-Gerigk [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Und die Diäten auch! – Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Und der Aufschwung kommt hier an!)


er Wirtschaft geht es gut. Die Arbeitslosigkeit ist ge-
unken. Die Löhne und Gehälter haben sich in den ver-
angenen Jahren positiv entwickelt. Wir in diesem
ause haben die Beamtinnen und Beamten, die Pensio-
ärinnen und Pensionäre des Bundes von diesen allge-
einen Einkommensentwicklungen abgekoppelt.


(Volker Schneider [Saarbrücken] [DIE LINKE]: Abgekoppelt? Das ist ja nicht zu fassen!)







(A) )



(B) )


Ralf Göbel
Damit wir über Zahlen und Fakten reden können,
möchte ich Folgendes in Erinnerung rufen: Zuletzt wur-
den die Bezüge am 1. August 2004 angehoben: linear
um 1 Prozent, bei den Versorgungsempfängern um
0,46 Prozent. Seitdem gab es lediglich Einmalzahlungen
in den Jahren 2005 bis 2007 in Höhe von 300 Euro für
die aktiven Beamten; die Pensionäre sind jeweils leer
ausgegangen. Zweimal, nämlich 2004 und 2006, wurde
das Weihnachtsgeld gekürzt; das Urlaubsgeld wurde im
Jahr 2004 gänzlich gestrichen. Im Gegenzug wurde aber
die Arbeitszeit der Beamtinnen und Beamten erhöht.

Insgesamt gerechnet haben die Beamten seit dem Jahr
2002 einen Einkommensverlust in Höhe von circa
12 Prozent hinnehmen müssen. Sie haben damit einen
eigenständigen Beitrag zur Konsolidierung des Bundes-
haushalts erbracht. Deswegen begrüßen wir, die CDU/
CSU-Fraktion – ich denke, auch die SPD-Fraktion –,
umso mehr die Absicht der Bundesregierung, nun den
Tarifabschluss, der im öffentlichen Dienst gefunden
worden ist, eins zu eins auf die Beamtinnen und Beam-
ten sowie auf die Versorgungsempfänger zu übertragen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie der Abg. Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Ich möchte dazu sagen: Wir, die CDU/CSU-Fraktion,
haben wesentlich dazu beigetragen, dass der Tarifab-
schluss zeitgleich übertragen wird. Damit werden die
Angestellten und die Beamtinnen und Beamten gleich
behandelt. Das war uns ein wichtiges Anliegen. Damit
haben wir die Zusage, die wir den Beamtinnen und Be-
amten gegeben haben, den Tarifabschluss zeit-, wir-
kungs- und inhaltsgleich zu übertragen, eingehalten.

Im Einzelnen heißt das jetzt: Die Dienst- und Versor-
gungsbezüge werden in den Jahren 2008 und 2009 in
drei Schritten angehoben. Zunächst einmal werden die
Grundgehaltssätze um einen Sockelbetrag von 50 Euro
ab dem 1. Januar 2008 angehoben. Auf dieser neuen
Grundlage erfolgt eine lineare Erhöhung um 3,1 Prozent
ebenfalls ab dem 1. Januar 2008. Am 1. Januar 2009
folgt eine weitere lineare Erhöhung um 2,8 Prozent. Im
Jahr 2009 erhalten die Empfänger von Dienst- und Ver-
sorgungsbezügen – auch hier werden die Versorgungs-
empfänger berücksichtigt – eine ergänzende Einmalzah-
lung in Höhe von 225 Euro.

Der Gesetzentwurf leistet einen guten Beitrag zur
Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Wenn
Sie mit Unternehmern, die sich in Deutschland angesie-
delt haben, reden, werden Sie immer wieder feststellen,
dass auch der zuverlässige, an Recht und Gesetz orien-
tierte, gemeinwohlorientierte und korruptionsfreie öf-
fentliche Dienst in Deutschland ein wesentlicher Stand-
ortfaktor ist,


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


der für die Ansiedlung von Unternehmen eine Rolle
spielt. Ich meine, die Beamtinnen und Beamten haben es
zum einen verdient, dass man dies hier einmal erwähnt,
und zum anderen, dass man ihnen jetzt, nachdem ein Ta-
rifergebnis gefunden worden ist, die notwendige Aner-
kennung für die Leistungen gewährt, die sie erbracht

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(C (D aben und zukünftig erbringen. Dies kann zu einem Moivationsschub in der Bundesverwaltung führen. Leider betrifft dies nur die Beamtinnen und Beamten es Bundes. In der Föderalismusreform haben sich die änder abgekoppelt und eigene Besoldungshoheiten er eicht. Das führt natürlich in den öffentlichen Verwaltunen – das ist klar – zu schwierigen Situationen. Der arifabschluss gilt ja auch für die Angestellten in den emeinden. In meinem Bundesland Rheinland-Pfalz (Clemens Binninger [CDU/CSU]: Wer regiert denn da?)


ieht die Situation so aus, dass zum einen das Tarifergeb-
is komplett auf die Angestellten übertragen wird, zum
nderen aber die Beamten in diesem Jahr mit einer Ge-
altserhöhung von 0,5 Prozent leben müssen. Die Bun-
esländer sollten sich überlegen, ob sie an dieser Tradi-
ion festhalten oder ob sie nicht wieder auf die bewährte
erfahrensweise des Bundes einschwenken.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616107700

Herr Kollege, bevor Sie das Rednerpult verlassen,

ollte ich Sie noch fragen, ob Sie eine Zwischenfrage
in diesem Fall ist es eine Nachfrage – des Kollegen
chily –


Ralf Göbel (CDU):
Rede ID: ID1616107800

Des Kollegen Schily?


(Heiterkeit bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1616107900

– ich bitte um Entschuldigung – des Kollegen

tröbele zulassen.

(Fritz Rudolf Körper [SPD]: Unverzeihlich ist das! – Clemens Binninger [CDU/CSU]: Das Gleiche in Grün!)


as verlängert Ihre Redezeit.


Ralf Göbel (CDU):
Rede ID: ID1616108000

Wenn Herr Schily hier wäre, hätte ich auch ihm gern

ie Gelegenheit gegeben, eine Frage zu stellen.

(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Der Kollege Schily ist ja auf der Flucht, Herr Präsident! – Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU], zu Abg. Reinhard Grindel [CDU/CSU] gewandt: Aber Herr Ströbele verteidigt ihn!)



(BÜNDNIS 90/DIE RÜNEN)

Herr Präsident, ich möchte für die Geschichte festhal-

en, dass ich nicht der Kollege Schily bin.
Herr Kollege, meine Frage bezieht sich auf Ihren ge-

amten Redebeitrag. Wie können Sie erklären, dass Sie
eben Ihren wohlgesetzten Worten kein Wort zu einem
hema, das zweifellos unter diesen Tagesordnungspunkt

ällt, nämlich zum Thema „Diätenerhöhung für die Ab-
eordneten“, verloren haben?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)







(A) )



(B) )


Hans-Christian Ströbele
Kann das damit zu tun haben, dass Sie selber und auch
Ihre Kolleginnen und Kollegen aus den Koalitionsfrak-
tionen ein schlechtes Gewissen haben,


(Zurufe von der CDU/CSU: Oh!)

was auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass der Punkt
„Diätenerhöhung“ nachträglich als Art. 13 in den Ent-
wurf eines Bundesbesoldungs- und -versorgungsanpas-
sungsgesetzes 2008/2009 hineingeschmuggelt worden
ist, und dass Sie damit der Intention und dem Petitum
des Bundesverfassungsgerichts, das dem Parlament auf-
gegeben hat, über die Diätenerhöhungen offen, ehrlich
und im Lichte der Öffentlichkeit zu diskutieren,


(Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Ist das eine Frage?)


nicht nachkommen wollen?


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616108100

Herr Kollege Ströbele, da Sie nicht das Wort zu einer

Regierungserklärung, sondern zu einer Zwischenfrage
erhalten haben, muss ich auf die üblichen Geschäftsord-
nungsregelungen hinweisen.

Herr Kollege Göbel, zur Beantwortung.


Ralf Göbel (CDU):
Rede ID: ID1616108200

Kollege Ströbele hat offensichtlich von der Fraktion

der Grünen kein Rederecht bekommen und wollte jetzt
noch seine Meinung in irgendeiner Weise kundtun.


(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Ich will Ihnen sagen: Ich habe überhaupt kein
schlechtes Gewissen. Wenn Sie die Rednerliste betrach-
ten, dann werden Sie feststellen, dass es noch einen Red-
ner der Union gibt. Er wird den anderen Teil des Gesetz-
entwurfes begründen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616108300

Das Wort erhält nun der Kollege Ernst Burgbacher für

die FDP-Fraktion.

(Beifall bei der FDP)



Ernst Burgbacher (FDP):
Rede ID: ID1616108400

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Verehrter Herr Kollege Göbel, die Rede, die Sie gerade
gehalten haben, hatte auch ich am Dienstag fast fertig.
Ich finde es aber vermessen, dass Sie in der Eingangs-
rede keinen Ton zum Thema der Diätenerhöhung sagen.


(Beifall bei der FDP, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Dem ersten Teil des Gesetzentwurfes, der die Anpassung
der Bezüge der Beamten, der Richter, der Soldaten und
der Versorgungsempfänger betrifft, stimmen wir aus-
drücklich zu. Der Tarifabschluss ist übrigens erst nach
massiver Kritik der FDP und der Gewerkschaften eins zu
eins übernommen worden. Das begrüßen wir. Diesem
Teil stimmen wir ausdrücklich zu.


(Beifall bei der FDP)


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(C (D Die Tatsache, dass gleichzeitig die Diäten der Abgerdneten erhöht werden sollen, und zwar hintenherum, ozusagen durch die kalte Küche – denn der Gesetzenturf wurde erst Dienstagabend vorgelegt –, ist unglaub ich. ach den vier Punkten zur Besoldungsanpassung wird in kleiner, unscheinbarer Punkt 5 eingefügt, über den ie Diäten der Abgeordneten in zwei Stufen um 91 Euro, was 6,4 Prozent entspricht, erhöht werden solen. Diese zusätzliche Erhöhung um 6,4 Prozent ist maßos und eine Provokation all der Bürgerinnen und Bürer, die im Augenblick versuchen, mit immer weniger etto vom Brutto über die Runden zu kommen. Das Bild, das die „Große Diätenkoalition“ bietet, ist erheerend. Die Empörung in der Öffentlichkeit ist groß, er Vorwurf der Selbstbedienung wird lauter. Die Abgerdneten der Regierungsfraktionen sind der Realität der enschen offenbar ein weites Stück entrückt. Sie haben ffenbar vergessen, was Sie in diesem Hohen Hause im ezember letzten Jahres beschlossen haben. In der Beründung Ihres Gesetzes steht – ich zitiere aus der Beründung –: Mit der Anhebung … wird … auch die voraussichtliche Steigerung der durchschnittlichen Erwerbseinkommen bis zur nächsten Anpassung der Abgeordnetenentschädigung frühestens im Jahre 2010 berücksichtigt. ntweder haben Sie den Leuten damals etwas vorgepielt, oder Sie spielen ihnen jetzt etwas vor. So können ir mit den Bürgerinnen und Bürger jedenfalls nicht umehen. (Beifall bei der FDP, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


(Beifall bei der FDP und der LINKEN)


(Beifall bei der FDP und der LINKEN)


Mit Ihrem Vorgehen stellen Sie ein weiteres Mal die
reiheit und Unabhängigkeit der Abgeordneten infrage.
ie regeln die Höhe der Diäten in einem Gesetz über die
esoldung der Beamten. Sie koppeln die Diäten an die
eamtenbezüge. Die FDP hat ein anderes Verständnis
om freien Abgeordneten.


(Beifall bei der FDP)


bgeordnete sind weder Beamte noch Angestellte des
ffentlichen Dienstes. Wir halten es für paradox und un-
erantwortlich, sogar für gefährlich, dass die Gewerk-
chaften bei den Tarifverhandlungen mit der Bundes-
egierung im stillen Kämmerlein gleichzeitig die Diäten
er Abgeordneten mitverhandeln. Ich lehne Herrn
sirske als Vertreter meiner Interessen ausdrücklich ab.


(Beifall bei der FDP)


Niemand in diesem Land bezweifelt, dass Abgeord-
ete angemessen entschädigt werden müssen. Das for-
ert übrigens auch das Bundesverfassungsgericht.


(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: Welche Konsequenz ziehen Sie daraus?)







(A) )



(B) )


Ernst Burgbacher
Für Empörung sorgen doch vor allem das vermeintliche
System der Selbstbedienung und das System der Alters-
versorgung.

Deshalb schlägt die FDP seit vielen Jahren einen an-
deren Weg vor – wir haben unsere Anträge hier einge-
bracht –: Wir wollen nicht, dass Abgeordnete selbst über
die Höhe ihrer Entschädigung entscheiden. Wir schlagen
vor, dass der Bundespräsident eine neutrale Kommission
einberuft, die regelmäßig über die Höhe der Diäten ent-
scheidet. Dann hätte sich der Vorwurf der Selbstbedie-
nung ein für allemal erledigt.


(Beifall bei der FDP)


Diese Kommission sollte auch Vorschläge für eine Neu-
regelung der Altersversorgung machen. Abgeordnete
sind keine Beamten. Sie sind, wenn Sie so wollen, freie
Mitarbeiter des deutschen Volkes. Sie sollten für ihre
Pension selbst sorgen, wie alle anderen Freiberufler es
auch tun.


(Beifall bei der FDP)


Ich höre immer wieder, dass unsere Vorschläge nicht
mit dem Grundgesetz vereinbar seien. Diese Kritik kön-
nen wir ganz leicht entkräften. Wir haben einen Vor-
schlag zur Änderung des Grundgesetzes vorgelegt, und
wir haben alle Forderungen des Bundesverfassungsge-
richts in unseren Gesetzentwurf aufgenommen. Das geht
sehr wohl, meine Damen und Herren.


(Beifall bei der FDP)


Wir haben der Presse entnommen, dass einige von Ih-
nen ihrem Gewissen folgen und dem Antrag nicht zu-
stimmen wollen. Ich sage Ihnen ausdrücklich: Folgen
Sie Ihrem Gewissen, und stimmen Sie mit Nein. Ermög-
lichen Sie es, dass wir einen anderen Weg einschlagen,
einen Weg, der zu einem Systemwechsel führt; denn die-
sen Systemwechsel braucht unser Land dringend.


(Beifall bei der FDP)


Die FDP sagt nicht einfach Nein; wir bieten eine Al-
ternative. Für diese Alternative werben wir im Parla-
ment, aber auch bei den Bürgerinnen und Bürgern. Wir
wollen einen neuen Weg beschreiten.

Danke schön.


(Beifall bei der FDP)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616108500

Das Wort erhält nun der Kollege Siegmund Ehrmann,

SPD-Fraktion.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)



Siegmund Ehrmann (SPD):
Rede ID: ID1616108600

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Um es vorab klarzustellen: Ich werde mich
auf das Thema Besoldungs- und Versorgungsrecht kon-
zentrieren. Wir haben den Beschäftigten im öffentlichen
Dienst in den letzten Jahren viel hartes Brot zugemutet.
Ich denke, dass es sehr angemessen ist, jetzt bei dieser
Gelegenheit darzulegen, dass wir in der Lage sind, eine

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(C (D rendwende einzuleiten. Thomas Oppermann wird dann ie Position der SPD-Fraktion zur Frage der Diäten eräutern. Ich traue mir dies auch zu, aber ich denke, das hema Besoldung sollte in der Debatte nicht vollkomen zurückfallen. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die positive Wirtschaftsentwicklung ermöglicht er-
reulicherweise eine deutlichere Teilhabe der Beschäf-
igten am wirtschaftlichen Aufschwung. Die Tarifent-
icklung in den verschiedenen Branchen zeigt, dass es
rdentlich vorangeht. Ich erinnere an die Abschlüsse in
er Metallindustrie von plus 5,2 Prozent und in der che-
ischen Industrie von plus 4,4 Prozent.

Die Tarifvertragspartner für den öffentlichen Dienst
aben ebenfalls ein sehr gutes Ergebnis erzielt. Herr
urgbacher, es ist nun einmal so, dass die Tarifvertrags-
artner das ausstreiten. Leider ist im öffentlichen Sektor
m Bereich der Beamtinnen und Beamten nur einge-
chränkte Koalitionsfreiheit gegeben. Hier haben wir
un einen Maßstab, an dem wir uns orientieren, um die
esoldungsentwicklung nachzuzeichnen.

Die SPD-Fraktion hat die Forderung erhoben, dass
er Tarifabschluss eins zu eins auf Besoldung und Ver-
orgung übertragen wird. Das geschieht durch den Ge-
etzentwurf, den die Koalitionspartner hier in die De-
atte einbringen. Rückwirkend zum 1. Januar 2008 wird
er Sockelbetrag zunächst um 50 Euro – bei den Anwär-
ern um 20 Euro – erhöht, sodann wird darauf eine
ineare Anpassung von plus 3,1 Prozent angewandt. Der
ächste Schritt zum 1. Januar 2009 sind zunächst eine
inmalzahlung im Januar in Höhe von 225 Euro und
ann eine lineare Erhöhung um 2,8 Prozent.

Der Rückblick muss allerdings auch gestattet sein. Ich
rwähnte das harte Brot, das wir den Beschäftigten zuge-
utet haben, um einen deutlichen Beitrag zur Haushalts-

onsolidierung zu leisten: Besoldungskürzungen in den
ahren 2004 und 2006 – Herr Göbel hat es erwähnt –,
as Urlaubsgeld ist weggefallen, und das Weihnachts-
eld wurde zweimal gekürzt. Wenn wir das Besoldungs-
nd das Versorgungsniveau von 2007 mit dem von 2002
ergleichen, dann sehen wir, dass die Besoldung um
,5 Prozent und die Versorgung um 2,14 Prozent gekürzt
urden. Demgegenüber stehen Preisentwicklungen in
iesem Zeitraum von plus 8 Prozent.

Wir sind mit diesem Gesetzentwurf nunmehr in der
age, den Tarifabschluss auf die Beamtinnen und Beam-

en, auf die Richter und Richterinnen sowie die Soldatin-
en und Soldaten zu übertragen. Wir sind überdies in der
age, endlich etwas zu kompensieren, was wir lange vor
ns hergeschoben haben, nämlich die Angleichung der
esoldung Ost an die Besoldung West von der Besol-
ungsgruppe A 10 an. Bei den Versorgungsempfängern
ird das entsprechend umgesetzt. Wir werden die Verab-

edung, die wir ins Versorgungsänderungsgesetz 2001
ineingeschrieben haben, einhalten und den Riester-Fak-
or bei den Versorgungsempfängern anwenden.

Rundum ist das eine gute Nachricht für die Beschäf-
igten des Bundes. Insofern hoffe ich, dass sich die






(A) )



(B) )


Siegmund Ehrmann
Länder ebenfalls daran orientieren. Wir werden in Kürze
eine nächste große beamtenrechtliche Baustelle mit, wie
ich hoffe, Erfolg abschließen und uns dem Dienstrechts-
neuordnungsgesetz zuwenden. Zunächst einmal ist aber
das jetzt Geplante ein Schritt, der fällig ist.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616108700

Die Kollegin Dagmar Enkelmann ist die nächste Red-

nerin für die Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616108800

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Für meine

Fraktion darf leider nur eine Rednerin sprechen, die vier
Minuten Redezeit hat. Ich muss also in diesen vier
Minuten alle Seiten dieses Gesetzentwurfes abarbeiten.

„Die Zeit der Einkommenseinbußen ist vorbei.“ Diese
Wertung des DGB zum vorliegenden Gesetzentwurf tei-
len wir ausdrücklich. Allerdings hat der DGB damit na-
türlich nicht die Abgeordneten des Bundestages ge-
meint; denn da kann von Einkommenseinbußen
überhaupt keine Rede sein.


(Beifall bei der LINKEN)


Die Linke hat die Streiks im öffentlichen Dienst aus-
drücklich unterstützt. Wir freuen uns mit den Beschäftig-
ten, und wir hoffen auf einen Erfolg bei der Tarifaus-
einandersetzung in Berlin.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Ihr streikt in Berlin gegen euren eigenen Senat! Das muss man sich mal vorstellen!)


Im vorliegenden Gesetzentwurf geht es darum, dass
der Tarifabschluss des öffentlichen Dienstes auf die
Beamten und Beamtinnen des Bundes übertragen wer-
den soll. Glaubt man dem Stammtisch, dann sind Be-
amte auf Rosen gebettet; die Zahlen, die in dieser Dis-
kussion eine Rolle spielen, wurden schon genannt. Dass
dem nicht so ist, sieht man daran, dass sich 70 Prozent
der Beamtinnen und Beamten in den unteren oder mittle-
ren Gehaltsgruppen befinden. Seit 2004 hat es keine An-
hebung der Besoldung mehr gegeben, sondern lediglich
Einmalzahlungen, das Urlaubsgeld wurde gestrichen,
das Weihnachtsgeld gekürzt usw. Insofern war die Anhe-
bung der Bezüge längst überfällig.


(Beifall bei der LINKEN)


Was ich besonders hervorheben möchte, ist, dass es
endlich zu einer Anpassung der Ost- an die Westbezüge
kommt. Ich denke, das ist ein gutes Beispiel für die Ta-
rifauseinandersetzungen in anderen Branchen. Das sollte
auch ein Signal für die Angleichung der Ostrenten an das
Westniveau sein.


(Beifall bei der LINKEN)


So weit, so gut. Bis zu diesem Punkt würden wir dem
Gesetzentwurf zustimmen, wenn da nicht Art. 13 wäre.

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(C (D Mit diesem Artikel wird der Tarifabschluss im öffentichen Dienst mal eben auf die Abgeordneten übertraen. Richtig ist, dass die Koalitionsmehrheit dieses orgehen im November des vergangenen Jahres bechlossen hat. Ich will aber daran erinnern: Damals urde beschlossen, dass es sich dabei um eine Orientie ung handeln soll. Es hieß nicht, dass man diesen Abchluss eins zu eins auf die Abgeordneten des Bundesages überträgt. Hier belügen Sie die Bürgerinnen und ürger in diesem Land. Die zweite Stufe der Diätenerhöhung, die die Große oalition im November 2007 beschlossen hat, ist noch icht einmal in Kraft, da wollen Sie schon wieder kräftig uschlagen. Gestern ließen Sie sich dafür feiern, dass Sie ie Renten um 1,1 Prozent erhöht haben – für den urchschnittsrentner entspricht das einer Erhöhung um twa 10 Euro pro Monat –, und heute wollen Sie ein Geetz auf den Weg bringen, das zur Folge hat, dass ein bgeordneter ab Januar 2009 pro Monat fast 600 Euro ehr bekommt. Das ist eine glatte Unverschämtheit. Das st mit uns nicht zu machen. (Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Jürgen Koppelin [FDP])


(Beifall bei der LINKEN und der FDP)


Mit einer gewissen Kaltschnäuzigkeit haben Sie Pro-
este gegen Ihre Pläne sogar einkalkuliert. Sie meinen,
is zur nächsten Wahl sei das alles längst vergessen.
enn Sie sich da mal nicht täuschen! Die Wut der Bür-

erinnen und Bürger kann ich gut verstehen. Ich denke,
ie alle haben per Mail, per Post oder per Fax wütende
eaktionen erreicht. Die Menschen sind über das, was
ie vorhaben, zu Recht wütend.


(Beifall bei der LINKEN)


Ich hoffe, dass Ihnen die Bürgerinnen und Bürger in
en nächsten beiden Wochen, in denen Sie hoffentlich in
hren Wahlkreisen unterwegs sind, gehörig die Meinung
eigen. Noch können Sie diese Entwicklung stoppen.
ir können Ihre Pläne gemeinsam ändern. Sie müssen

em nicht zustimmen. Ich hoffe sehr auf Ihre Vernunft.

Ich danke Ihnen.


(Beifall bei der LINKEN und der FDP)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616108900

Das Wort erhält nun die Kollegin Silke Stokar von

euforn für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.


(BÜNDNIS 90/DIE RÜNEN)

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Das Ver-

ahren, das die Geschäftsführer der Großen Koalition
ewählt haben, ist meiner Meinung nach schlicht verfas-
ungswidrig. Der Kollege Ströbele hat recht: Es ist un-
ere Aufgabe – dagegen verstößt auch die FDP in schö-
er Regelmäßigkeit –, hier im Parlament in einer offenen
ussprache und für die Öffentlichkeit nachvollziehbar
ber die Höhe der Abgeordnetenentschädigung selbst
nd transparent zu entscheiden.






(A) )



(B) )


Silke Stokar von Neuforn
Wie, meine Damen und Herren, soll das gewährleistet
werden, wenn die Abgeordneten der Opposition in der
Debatte zu diesem Tagesordnungspunkt, der „Bundesbe-
soldungs- und -versorgungsanpassungsgesetz 2008/2009“
lautet, nur vier Minuten Redezeit haben, sie in dieser
Zeit aber a) zu ihrem Fachthema und b) zur angehängten
Diätenerhöhung reden sollen?

Ich sage es gleich zu Beginn: Ich erwarte, dass es in
14 Tagen, wenn wir diese Tagesordnungspunkte erneut
auf dem Tisch haben werden, sowohl getrennte Abstim-
mungen als auch getrennte Beratungen geben wird, da-
mit wir dem Auftrag des Bundesverfassungsgerichts
auch Folge leisten können.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Deswegen – ich kann mir aus zeitlichen Gründen noch
nicht einmal das Klatschen meiner eigenen Fraktion leis-
ten – äußere ich mich zu beiden Punkten.

Selbstverständlich beglückwünschen wir Verdi zu
dem Tarifabschluss; das ist ein Hinweis, auf den Ge-
werkschaften warten. Wir begrüßen diesen Abschluss
und werden zustimmen, dass diese Tarifeinigung auf die
Beamtinnen und Beamten übertragen wird.

Zum zweiten Punkt, der Diätenerhöhung, kündige ich
bereits an, auch wenn wir heute nicht abstimmen: Meine
Fraktion wird diese Diätenerhöhung ablehnen. Dies
möchte ich hier durchaus sachlich begründen, weil ich
meine, dass der Debatte eine sachliche Begründung bes-
ser bekommt, als wenn wir auf andere Themenfelder
auswichen. Wir haben dem Verfahren der Kopplung an
R 6 und an die Tarifabschlüsse beim letzten Mal zuge-
stimmt. Im Gegensatz zur FDP kritisieren wir dieses
Verfahren also nicht, denn wir halten es für vernünftig.


(Ernst Burgbacher [FDP]: Ihr seid auch Beamte!)


Überrascht war ich von der Dopplung der Diätenerhö-
hung; dem werden wir nicht zustimmen. Darin liegt der
erste Grund für unsere Ablehnung. Sie haben vor sechs
Monaten im Vorgriff auf den zu erwartenden Tarif-
abschluss die Diäten erhöht; nun, da der Tarifabschluss
vorliegt, machen Sie das Gleiche noch einmal. Meine
Damen und Herren, dieses Verfahren bedeutet Abzocke
und ist instinktlos. Es passt nicht in die politische Land-
schaft. Man kann sich nicht innerhalb kürzester Zeit
zweimal die Diäten erhöhen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Ich komme zum zweiten Punkt unserer Ablehnung.
Damals, als wir uns auf dieses Verfahren verständigten
– ich halte die Orientierung an R 6 für richtig, wie es
meine Fraktion hier immer mit vertreten hat –, haben wir
erklärt, dass wir eine Reform der Altersversorgung wol-
len. Die hier von uns mit einem gesonderten Antrag ge-
forderte Reform der Altersversorgung ist von Ihnen ab-
gelehnt worden. Sie gehen nur den einen Schritt, die
Diäten zu erhöhen – dies gleich im Doppelpack –, pa-
cken aber das große, in der Öffentlichkeit diskutierte
Thema Altersversorgung nicht an.

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(C (D Weil meine Redezeit bereits hier zu Ende ist, noch urz eine Bitte: Lassen Sie uns hier in 14 Tagen in einem eordneten Verfahren, nicht mit Redebeiträgen der Oposition von zwei Minuten, darüber reden, wie wir solhe Debatten um Diätenerhöhungen in Zukunft anders nd transparenter führen können, vielleicht auch im Hinlick auf eine Einigung über die Instrumente. Hören Sie bitte auf – Sie machen es zum zweiten Mal –, on Ihnen heimlich verabredete Diätenerhöhungen, die ie Kolleginnen und Kollegen Abgeordneten selber icht nachvollziehen können, im Schweinsgalopp durch as Parlament zu jagen. Es geht nicht, dass Sie darüber n geheimen Zirkeln eilig befinden, das ist intransparent. o machen Sie gute Verfahren, für die es in der Bevölkeung durchaus Verständnis gibt, kaputt. Deshalb wiederole ich: Meine Fraktion wird diese Diätenerhöhung in er vorgeschlagenen Form nicht mittragen. Danke schön. Um sicherzustellen, dass Einwände gegen wie Argu ente für die vorgeschlagenen Regelungen mit der notendigen Deutlichkeit vorgetragen werden können, abe ich Ihnen Ihre Redezeit, wie Ihnen aufgefallen sein ird, großzügig und angemessen verlängert. (Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Danke, Herr Präsident!)


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616109000

Nun hat der Kollege Norbert Röttgen für die CDU/
SU-Fraktion das Wort.


Dr. Norbert Röttgen (CDU):
Rede ID: ID1616109100

Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kolle-

en! Im Jahre 1993 hat eine vom Bundestag eingesetzte
nabhängige Kommission, der Wissenschaftler, Ange-
örige der Wirtschaft und der Gewerkschaften sowie
ichterpersönlichkeiten angehörten, ihren Bericht und

hre Empfehlungen vorgelegt. Ich möchte zwei der Emp-
ehlungen, die diese unabhängige Kommission vor
iemlich genau 15 Jahren vorgelegt hat, erneut zitieren:

Erstens. Die Festsetzung, Überprüfung und Anpas-
ung der angemessenen, die Unabhängigkeit sichernden
ntschädigung ist Aufgabe des Gesetzgebers.

Zweitens. Eine auch nur teilweise Übertragung dieser
ufgabe auf eine andere Institution ist – Art. 79 Abs. 3
rundgesetz: Ewigkeitsgarantie, Demokratieprinzip –

elbst im Wege einer Verfassungsänderung ausgeschlos-
en.


(Joachim Stünker [SPD]: So ist es!)


as waren die klaren Ergebnisse der unabhängigen
ommission, die der Bundestag eingesetzt hatte.


(Ernst Burgbacher [FDP]: Das hat aber nicht das Bundesverfassungsgericht gesagt!)







(A)



(B) )


Dr. Norbert Röttgen
Darum ist es nicht ehrlich, meine Damen und Herren,
jetzt eine unabhängige Kommission zu verlangen, die
sagen soll, was richtig ist.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Das Bundesverfassungsgericht hat übrigens genau so
judiziert; es ist die Rechtsprechung des Bundesverfas-
sungsgerichts, die sich die Kommission zu eigen ge-
macht hat.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD – Ernst Burgbacher [FDP]: Das stimmt doch nicht!)


Was bedeuten diese Punkte für unsere heutige De-
batte? Ich will es kurz zusammenfassen: Erstens. Die
Kommission hat deutlich gemacht – das Bundesverfas-
sungsgericht in seiner Rechtsprechung ebenfalls, und
zwar wiederholt –, dass es im Kern um die verfassungs-
rechtliche Verantwortung geht, die wir als Gesetzgeber
gegenüber der zentralen, wichtigsten Institution einer
parlamentarischen Demokratie, dem Parlament, haben.
Es geht um die Frage: Was ist unsere verfassungsrechtli-
che Verantwortung in der Gewährleistung von Angemes-
senheit und Unabhängigkeit? Es geht nicht um uns Ein-
zelne, es geht um institutionelle Verantwortung, vor der
wir nicht fliehen können.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Wir müssen diese Verantwortung wahrnehmen. Das ist
nicht nur die Verantwortung der Regierungsfraktionen,
das ist die Verantwortung des gesamten Hauses. Natür-
lich hat die Opposition das Recht, unsere Vorschläge zu
kritisieren.


(Fritz Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Keine Sorge!)


– Das ist Ihr gutes Recht. Aber Sie stehen dann auch in
der Pflicht, den Bürgern zu sagen, was Sie für richtig
halten.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Machen wir auch!)


Doch das tun Sie nicht; Sie haben nicht den Mut, den
Bürgern in Euro und Cent zu sagen, was Ihre Vorstellung
ist.


(Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das stimmt nicht! Ich habe das gesagt!)


Zweitens. Wir alle miteinander haben nicht das Recht,
uns wegzuducken, wir haben nicht das Recht, vor der
Verantwortung zu fliehen, indem wir uns hinter einer
Kommission verstecken, die uns diese Entscheidung ab-
nimmt. Demokratie heißt, dass das Parlament entschei-
det.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


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(C (D arum ist der Vorschlag der FDP verfassungsrechtlich icht umsetzbar. So etwas wäre auch nicht richtig. Die Diäten zu reeln, die Diäten anzupassen, setzt das Parlament zu echt einer besonderen Begründungslast gegenüber der ffentlichkeit aus. Das ist richtig so. Es ist notwendig, ass wir diese Last der Begründung spüren, dass wir sie ragen und versuchen, ihr gerecht zu werden. Dieser Beründungslast gerecht zu werden, ist nur auf eine Weise öglich: dadurch, dass man für die Abgeordnetenbesol ung einen Maßstab findet. Das ist ein Weg, Bezüge aufuzeigen, die Größenordnung plausibel zu machen. Wir ntwickeln einen Maßstab, an den wir uns dann auch alten. Diese unabhängige Kommission hat das getan, nd wir haben mit großer Mehrheit ins Gesetz geschrieen, dass wir uns an der Besoldung von Bürgermeistern leinerer und mittlerer Städte, an der Besoldung von andräten kleinerer Kreise, an der Besoldung von einfahen Bundesrichtern – nicht an der von Richtern am undesverfassungsgericht oder an der von Vorsitzenden ichtern – orientieren wollen. Wir finden, das ist ein aßstab, das ist eine Größenordnung, die plausibel, die egründbar ist. Diese Größenordnung mag man kritisieen; aber ich habe noch keinen besseren Vorschlag geört, der zur Abstimmung gestellt würde. Wenn man einen solchen Maßstab, der die Funktion at, Plausibilität, Nachvollziehbarkeit und damit Transarenz und Akzeptanz dieser Entscheidung herzustellen, efunden hat, muss man sich an diesen Maßstab auch alten. Das ist der Gegenstand unserer Entscheidung. er Maßstab steht im Gesetz. Wir halten ihn für richtig. r ist gut begründet. Es ist nun ein Gebot der Glaubwürigkeit, diesen Maßstab zur Anwendung zu bringen. ichts anderes ist der Gegenstand unseres Gesetzesvor chlages. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Ich glaube, es ist ein vertretbarer und nicht überzoge-
er Maßstab. Übrigens sind die Journalisten in ihrer Kri-
ik viel sachlicher und differenzierter gewesen als die
ppositionsredner.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


as zeigt, dass Akzeptanz vorhanden ist, dass unser Be-
ühen, in Ausübung unserer Verantwortung für Parla-
ent und Parlamentarismus einen Maßstab zu finden,

rfolgreich war.


(Ulrich Maurer [DIE LINKE]: Unglaublich!)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616109200

Kollege Röttgen – –


Dr. Norbert Röttgen (CDU):
Rede ID: ID1616109300

Dieser Maßstab entspricht unserer Überzeugung. Das

st unsere Pflicht, der wir durch unseren Vorschlag ge-
echt zu werden versuchen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)

)






(A) )



(B) )


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616109400

Letzter Redner zu diesem Tagesordnungspunkt ist der

Kollege Thomas Oppermann für die SPD-Fraktion.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)



Thomas Oppermann (SPD):
Rede ID: ID1616109500

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich

glaube, wir sind uns darüber einig: Niemand sollte nur
deshalb in die Politik gehen, um dort Geld zu verdienen,
es darf aber auch nicht so sein, dass nur diejenigen in die
Politik gehen, die sich das finanziell leisten können.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Art. 48 des Grundgesetzes ist deshalb eine demokrati-
sche Errungenschaft. Denn in ihm wird vorgeschrieben,
dass die Abgeordneten Anspruch auf eine angemessene
und ihre Unabhängigkeit sichernde Entschädigung ha-
ben. Die Frage, was angemessen ist, ist schon so lange
streitig, wie es das Grundgesetz gibt. Sie wird auch strei-
tig bleiben. Wir haben lange darüber diskutiert. Jetzt ha-
ben wir einen Maßstab gefunden. Mein Kollege Röttgen
hat das hier im Einzelnen ausgeführt. Maßstab sind die
Besoldungsgruppen R 6 und B 6.


(Dr. Guido Westerwelle [FDP]: R2-D2!)


Das ist so viel, wie Bürgermeister, Landräte, Richter an
Bundesgerichten und auch Unterabteilungsleiter in Mi-
nisterien verdienen. Sie alle üben eine verantwortungs-
volle Tätigkeit aus.

Ich bin der Meinung, dass die Arbeit eines Abgeord-
neten dem nicht nachsteht. Wer Abgeordneter ist, muss
enorme Anforderungen erfüllen. Er braucht ein enormes
Maß an Wissen, er braucht Kompetenzen in unterschied-
lichsten Bereichen, und er braucht eine hohe Einsatzbe-
reitschaft. Ich denke, dass die Besoldung nach R 6 – An-
fang 2010 werden das monatlich 8 159 Euro sein –
zweifellos ein guter Verdienst ist.


(Fritz Rudolf Körper [SPD]: Brutto!)


– Das ist selbstverständlich brutto, und man erhält nicht
13 oder 14, sondern 12 Monatsgehälter. – Das ist zwar
viel weniger, als man zum Beispiel in mittleren Positio-
nen in der Wirtschaft verdienen kann, aber das ist natür-
lich sehr viel mehr, als die meisten Menschen in diesem
Land verdienen. Ich denke aber, dass das eine angemes-
sene Entschädigung ist. Es ist ganz gewiss nicht zu we-
nig, aber es ist auch nicht zu viel.

In den letzten 30 Jahren hat es aus unterschiedlichen
Gründen insgesamt 13 Nullrunden bei der Aufwandsent-
schädigung gegeben. Das hat dazu geführt, dass die Lü-
cke zwischen dem Maßstab R 6 und der tatsächlichen
Aufwandsentschädigung immer größer geworden ist.
Jetzt wird diese Lücke durch drei große Anpassungs-
schritte überbrückt. Dann werden wir bei R 6 sein. Wir
sind der Meinung, dass das natürlich keine Einbahn-
straße ist.

Eine weitere Erhöhung der Aufwandsentschädigung
für Abgeordnete kann es nur dann geben, wenn das Ge-
halt eines Bundesrichters steigt.

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(C (D (Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN9: Im November ist das doch schon! – Gegenruf des Abg. Christian Lange [Backnang] [SPD]: Das ist doch falsch!)


enn es jedoch keine Erhöhungen gibt, wie das in den
etzten Jahren – zwischen 2002 und 2008 – gerade im öf-
entlichen Dienst der Fall gewesen ist, dann wird es
elbstverständlich auch keine Erhöhung der Aufwands-
ntschädigung für die Abgeordneten geben. Das versteht
ich von selbst.


(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Das ist jetzt neu!)


Nun zum Verfahren. Mein Kollege Röttgen hat schon
arauf hingewiesen. Das Bundesverfassungsgericht hat
inen Fall glasklar entschieden. Der Saarländische Land-
ag hatte versucht, die Aufwandsentschädigung direkt an
ie Beamtenbesoldung zu koppeln. Das Bundesverfas-
ungsgericht hat gesagt, das sei kein akzeptables Verfah-
en. Das Verfahren müsse für den Bürger durchschaubar
ein, und das Ergebnis des Verfahrens müsse vor den
ugen der Öffentlichkeit beschlossen werden. – Das ist
icht bequem, aber richtig.

Frau Stokar, Sie sagen, das Verfahren hier sei nicht
ransparent.


(Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja!)


ch frage mich: Wo leben Sie eigentlich? Ganz Deutsch-
and diskutiert über die Höhe der Entschädigung.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)

n allen Zeitungen können Sie Tabellen, Zahlen, Pro-
ente und Begründungen finden.


(Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Der Bundestag soll darüber diskutieren! – Gegenruf des Abg. Ulrich Kelber [SPD]: Wo sind Sie?)


Herr Ströbele, auch der Bundestag diskutiert das ge-
ade. Ich weiß nicht, ob Sie unsere Argumente nicht zur
enntnis nehmen.


(Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Jede Zeitung hat eine andere Zahl! Haben Sie das gemerkt?)


Herr Burgbacher, was Sie und die FDP-Fraktion vor-
chlagen, nämlich eine unabhängige Kommission beim
undespräsidenten, ist in Wirklichkeit eine Scheinlö-

ung. Selbst wenn man sie durch eine Verfassungsände-
ung installieren könnte


(Ernst Burgbacher [FDP]: Kann man!)

ja –, dann könnte sie zwar sicherlich einen Vorschlag
afür machen, was eine angemessene Aufwandsentschä-
igung für einen Abgeordneten ist, aber weder eine Ex-
ertenkommission beim Bundespräsidenten noch der
undespräsident selbst – dieser schon gar nicht – könn-

en

(Dr. Jürgen Gehb [CDU/CSU]: Das verabschieden!)

m Haushalt die dafür nötigen Mittel bereitstellen.






(A) )



(B) )


Thomas Oppermann
Das muss immer der Haushaltsgesetzgeber machen.
Insofern ist das Parlament wieder beteiligt und muss
diese Entscheidung treffen. Darum kommen Sie nicht
herum.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Ich finde es richtig, dass wir den Gesetzentwurf so be-
schließen, wie wir ihn eingebracht haben. Ich finde die
Höhe der Entschädigung in dieser Form richtig.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616109600

Ich schließe die Aussprache.

Ich darf eine Bemerkung hinzufügen. Parlamente sind
keine Gremien zur Vermeidung von Streit, sondern Insti-
tutionen zum Austragen von Streit und zum Herbeifüh-
ren demokratisch legitimer Entscheidungen. Das gilt für
fast jeden Tagesordnungspunkt, den wir hier behandeln,
bei dem einen stärker, bei dem anderen weniger. Dass es
für diese gerade diskutierte Frage in besonderer Weise
unvermeidlich ist, bedarf keiner Erläuterung. Ich habe
nur die eine Bitte, dass wir den unvermeidlichen und
notwendigen Streit über die Angemessenheit dieser oder
jener Regelung nicht mit dem völlig unnötigen Streit be-
lasten, hier würde nicht offen und transparent entschie-
den.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Dann machen Sie doch einen eigenen Tagesordnungspunkt!)


Jeder hat hier die Möglichkeit, seine Auffassungen
zur Geltung zu bringen, und am Ende wird, wenn – was
auch bei diesem Thema passieren könnte – nicht alle ei-
ner Meinung sind, per Mehrheit entschieden, was gilt;
nicht mehr und nicht weniger.

Nun wird interfraktionell die Überweisung der Ge-
setzentwürfe auf den Drucksachen 16/9059, 16/9054,
16/9055 und 16/1033 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Gibt es dazu andere
Vorschläge? – Dann gibt es zumindest dazu Einverneh-
men. Dann sind die Überweisungen so beschlossen.

Nun rufe ich die Tagesordnungspunkte 24 a und 24 b
auf:

a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr.
Christel Happach-Kasan, Hans-Michael Goldmann,
Dr. Edmund Peter Geisen, weiterer Abgeordneter
und der Fraktion der FDP

Effiziente und ökologische Energie- und Wert-
holzproduktion in Agroforstsystemen ermögli-
chen – Ökologische Vorteilswirkungen von
Agroforstsystemen erforschen

– Drucksache 16/8409 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz (f)

Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

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(C (D b)

Kirsten Tackmann, Dr. Gesine Lötzsch, Eva
Bulling-Schröter, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion DIE LINKE

Bundeswaldgesetz ändern – Agroforstsysteme
unterstützen, forstwirtschaftliche Vereinigun-
gen stärken und Gentechnik im Wald verbie-
ten
– Drucksache 16/9075 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung soll für
ie Aussprache, für die eine halbe Stunde vorgesehen ist,
ie Fraktion der FDP sechs Minuten Redezeit erhalten. –
ch sehe dazu keinen Widerspruch. Dann ist das so ver-
inbart.

Ich erteile das Wort der Kollegin Dr. Christel
appach-Kasan.


(Beifall bei der FDP)



Dr. Christel Happach-Kasan (FDP):
Rede ID: ID1616109700

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und

ollegen! Ich bedaure ein bisschen, dass wir heute nicht
lle vollzählig sprechen werden, aber ich freue mich
ehr, dass die FDP-Fraktion genauso stark vertreten ist
ie die SPD-Fraktion. Das haben wir im Deutschen
undestag nicht alle Tage.


(Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Noch nicht!)


Ich bin von vielen Kollegen angerufen worden mit
er Bitte, meine Rede zu Protokoll zu geben. Der Präsi-
ent hat bereits darauf hingewiesen: Der Bundestag ist
er Ort, in dem wir uns über die Fragen auseinanderset-
en, die in Deutschland von Belang sind. Aus diesem
runde spreche ich hier.

Wir fordern die Bundesregierung auf, das Bundes-
aldgesetz umgehend zu ändern, damit in Zukunft die
egriffe „Agroforstsysteme“ und „Wald“ klar voneinan-
er abgegrenzt sind. Agroforstsysteme sind kein Wald.
ie sind eine besondere Form landwirtschaftlicher Nut-
ung. Das muss im Bundeswaldgesetz entsprechend klar
ormuliert werden, damit für diejenigen, die sich in die-
em Bereich engagieren wollen, klare rechtliche Rah-
enbedingungen gelten.

Insbesondere nach Vorlage des Gutachtens des Wis-
enschaftlichen Beirats beim Ministerium für Ernäh-
ung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ist eine sol-
he Gesetzesänderung überfällig. Das Gutachten hat klar
erausgestellt, dass hinsichtlich der CO2-Vermeidungs-
osten und der Flächeneffizienz die Nutzung von Hack-
chnitzeln, die aus Holz aus Kurzumtriebsplantagen er-
eugt wurden, die günstigsten Werte aufweist.

Vor diesem Hintergrund ist meines Erachtens der Ge-
etzgeber gefordert, die notwendigen rechtlichen Rah-
enbedingungen zu schaffen. Die Kritik des BBE – des
undesverbandes Bio-Energie – geht ins Leere, denn sie






(A) )



(B) )


Dr. Christel Happach-Kasan
hat den Zahlen, die das Isermeyer-Gutachten vorgelegt
hat, nichts entgegenzusetzen.

Für mich ist völlig unverständlich, dass Minister
Seehofer nicht schon längst die Initiative ergriffen hat.
Jede weitere Verzögerung verschiebt Investitionen in
Deutschland und kostet die Verbraucherinnen und Ver-
braucher sehr viel Geld. Der Minister könnte hier ohne
große Anstrengungen Pluspunkte sammeln. Ich meine,
solche Pluspunkte hätte dieser Minister tatsächlich nötig.


(Beifall bei der FDP)


Wir wollen in der Europäischen Union einen Anteil
von 20 Prozent erneuerbarer Energien am Primärener-
gieverbrauch erreichen. Deutschland hat weiterhin als
verbindliches Ziel eine Minderung der Treibhausgas-
emissionen um 40 Prozent festgelegt. Beides sind wich-
tige Ziele im Sinne des Klimaschutzes. Gleichzeitig wird
ein erster Schritt auf dem Weg „weg von den fossilen
Energieträgern“ getan. Aber im Erreichen dieser Ziele
müssen wir darauf achten, dass die Energiepreise bezahl-
bar bleiben. Die Kosten für das Energieeinspeisegesetz
werden allein von den Stromkunden getragen. Gegen die
gesetzlich festgelegten Preise können sie sich nicht weh-
ren. Das bedeutet, dass wir als Gesetzgeber, der Deut-
sche Bundestag, erhebliche Verantwortung dafür tragen,
die gesetzlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten,
dass die Ziele mit möglichst niedrigen Energiepreisen
erreicht werden.


(Beifall bei der FDP)


Im vergangenen Jahr hatten die erneuerbaren Ener-
gien einen Anteil von 6,7 Prozent am gesamten Primär-
energieverbrauch. Wir haben fast ein Drittel des für 2020
festgelegten Ziels erreicht. Allein für den Strom zahlen
die Stromkunden an zusätzlichen Kosten bereits 3,3 Mil-
liarden Euro. Das zeigt, welch große Verantwortung wir
haben, die Preise nicht weiter in die Höhe zu treiben.
Wichtigster Energieträger bei den erneuerbaren Energien
ist die Biomasse.

Die energetische Nutzung der Biomasse hat einen An-
teil an den erneuerbaren Energien von knapp 75 Prozent.
Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik hat mit
seinem Gutachten Nutzung von Biomasse zur Energiege-
winnung – Empfehlungen an die Politik die verschiede-
nen Biomasseträger und deren unterschiedliche Nutzung
miteinander verglichen. Dabei wird deutlich, dass erheb-
liche Korrekturen am Erneuerbare-Energien-Gesetz vor-
genommen werden müssen, um zu volkswirtschaftlich
vertretbaren Kosten das 20-Prozent-Ziel der EU und das
40-Prozent-Ziel Deutschlands zu erreichen. Die höchs-
ten CO2-Vermeidungskosten mit etwa 400 Euro fallen
bei der Verstromung von Energiemais an. Solche Preise
sind den Stromkunden nicht zumutbar und für die Volks-
wirtschaft nicht verkraftbar.


(Beifall bei der FDP)


Die Flächeneffizienz ist bei der Verstromung von
Energiemais nur halb so hoch wie bei der Nutzung von
Hackschnitzeln. Das bedeutet, dass bei einer weiteren
Bevorzugung von Energiemais die Konkurrenz zwi-

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(C (D chen der Nutzung von Mais als Tierfutter und der eneretischen Nutzung verstärkt wird. Das Bild verschiebt ich bei der Verwertung von Reststoffen aus der Landirtschaft und bei der Nutzung durch die Kraft-Wärmeopplung. Deutlich günstiger ist jedoch die energetische utzung von Hackschnitzeln aus Holz von Kurzum riebsplantagen. Die CO2-Vermeidungskosten liegen bei er Nutzung von Hackschnitzeln unter 100 Euro pro onne CO2-Äquivalent. Das heißt, sie betragen weniger ls ein Viertel im Vergleich zur Verstromung von Eneriemais. Das Gutachten zeigt auf, dass angesichts der ermeidungskosten pro eingesparter Tonne CO2-Äquialent und der Vermeidungsleistung Tonne CO2-Äquivaent pro Hektar die Verwendung von Hackschnitzeln aus urzumtriebsplantagen die mit Abstand kostengüns igste und effizienteste Möglichkeit der Erzeugung ereuerbarer Energien auf Biomassebasis ist. Kurzumriebsplantagen als eine Form von Agroforstsystemen röffnen in Deutschland somit die besten Chancen zur O2-Reduzierung zu vertretbaren Kosten. Agroforstsysteme sind nicht wirklich etwas Neues. In uropa waren sie über Jahrhunderte ein integraler Betandteil der Agrarlandschaft. Beispiele für historische groforstsysteme sind die Knicklandschaft in Schleswigolstein, Streuobstwiesen, Waldweidewirtschaften, Nieerwälder in Bergbauregionen und der Korkeichenanbau n Portugal. In anderen europäischen Ländern gibt es eine ielzahl von Pilotprojekten. In Deutschland sind es weiger als zehn. Wir hinken deutlich hinterher, auch hinichtlich der Erforschung des ökologischen Nutzens der groforstsysteme. Ich bin der Meinung, dass wir endlich anfangen sollen. Wir fordern die Bundesregierung auf, endlich einen esetzentwurf vorzulegen und das Bundeswaldgesetz zu ndern, damit Agroforstsysteme auch in Deutschland geutzt werden können. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616109800

Die Kolleginnen und Kollegen Dr. Jordan,

r. Tackmann, Dr. Botz und Frau Kollegin Behm geben
hre Reden zu Protokoll.1) Damit können wir zur Über-
eisung der Vorlagen kommen. Es wird vorgeschlagen,
ie Vorlagen auf den Drucksachen 16/8409 und 16/9075
n die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse zu
berweisen. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist of-
enkundig der Fall. Dann sind die Überweisungen so be-
chlossen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 25 auf:

Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Kirsten Tackmann, Dr. Gesine Lötzsch,
Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter und
der Fraktion DIE LINKE

Anlage 2






(A) )



(B) )


Präsident Dr. Norbert Lammert
Volkswirtschaftliche Kosten der Agro-Gen-
technik ermitteln und offenlegen

– Drucksache 16/7903 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Gesundheit
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung

Auch hier werden die Reden der Kollegen
Dr. Tackmann, Dr. Lehmer, Frau Dr. Happach-Kasan,
Frau Drobinski-Weiß und Ulrike Höfken zu Protokoll
gegeben.1) Die Vorlage auf Drucksache 16/7903 soll an
die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse über-
wiesen werden. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist
der Fall. Dann ist das so beschlossen.

Wir kommen nun zum Tagesordnungspunkt 26:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Rainder
Steenblock, Jürgen Trittin, Omid Nouripour, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN

Plenarsitzungen des Europäischen Parlaments
gänzlich in Brüssel und Tagungen des Europä-
ischen Rates in Straßburg abhalten

– Drucksache 16/8051 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union (f)

Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Haushaltsausschuss

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für
diese Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen, wobei
die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen fünf Minuten erhal-
ten soll.

Bevor ich als erstem Redner dem Kollegen Rainder
Steenblock für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen das
Wort erteile, darf ich daran erinnern, dass wir heute den
9. Mai und damit den jährlichen Europatag haben. Un-
sere Verbindung und Zugehörigkeit zu Europa kommt in
vielfacher Weise zum Ausdruck, auch darin, dass die Eu-
ropafahne seit Jahren neben der Nationalflagge im Ple-
narsaal des Deutschen Bundestages aufgestellt ist. Ich
habe das zum Anlass genommen, sie heute auch auf dem
Dach des Reichstages zur Geltung zu bringen, was, wie
ich denke, eine gewisse Logik hat und mindestens für
den heutigen Tag, wenn nicht darüber hinaus, eine ver-
nünftige Regelung sein sollte.


(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Eine kluge Entscheidung!)


Nun hat der Kollege Rainder Steenblock das Wort.

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t1) Anlage 3

(C (D Rainder Steenblock (BÜNDNIS 90/DIE GRÜEN)

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

err Präsident, Sie haben schon einen Teil der Einlei-
ung vorweggenommen, wobei wir das mit der Fahne für
ine gute Idee halten.

Eine der Schwierigkeiten, die wir haben, ist, dass wir
n solchen Tagen wie heute, dem Europatag, geneigt
ind, große Reden über die Verdienste Europas, die es
hne Frage gibt, zu halten. Ich glaube, alle Europäer
önnen auf das, was wir geleistet haben, auf dieses Frie-
ensprojekt, stolz sein. Trotzdem müssen wir uns an sol-
hen Tagen ganz besonders mit der Kritik auseinander-
etzen, die es nicht immer zu Recht, aber doch immer
ieder an dem europäischen Integrationsprojekt gibt.
ir müssen an diesem Tag ganz besonders dafür kämp-

en und dafür arbeiten, dass wir in Deutschland das Ver-
rauen der Menschen in Europa und in die europäische
ntegration stärken. Wir müssen deutlich machen, dass
uropa das Projekt ist, das wir realisieren wollen, um
en Menschen in Deutschland und in Europa mehr
ohlstand, mehr Sicherheit und mehr Freiheitsrechte zu

eben. Dafür steht Europa, und dafür kämpfen wir, und
as heißt Arbeit.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der CDU/CSU)


Das heißt natürlich auch, dass wir uns all der Kritik,
um Beispiel dass in Europa nicht richtig mit dem Geld
er Steuerzahlerinnen und Steuerzahler umgegangen
nd Geld verschwendet wird, stellen müssen. Ich glaube,
as Thema, das wir heute auf die Tagesordnung gesetzt
aben, der Wanderzirkus des Europäischen Parlaments
wischen Brüssel und Straßburg, ist ein Punkt, an dem
an ganz konkret im Interesse der Steuerzahlerinnen

nd Steuerzahler deutlich machen kann, dass wir in eine
ndere Richtung wollen, weil hier viel Geld verschwen-
et wird, ohne dass damit auch nur der Ansatz eines
ehrwertes verbunden wäre.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Jeden Monat gehen 785 Abgeordnete des Europäi-
chen Parlaments, die normalerweise in Brüssel sitzen,
uf Reisen nach Straßburg. Dazu kommen jeden Monat
000 Mitarbeiter und neun Sattelzüge mit Unterlagen,

ie zwischen Brüssel und Straßburg hin- und hergefah-
en werden. Das kostet jedes Jahr 200 Millionen Euro.
as sind in einer EU-Finanzperiode fast 1,5 Milliarden
uro, die wir nur dafür ausgeben, um unsere Abgeordne-

en, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Unter-
agen zwischen Straßburg und Brüssel hin- und herzu-
ahren. Man kann keinem Menschen vernünftigerweise
rklären, warum wir das machen. Das dient nicht der Ar-
eitsfähigkeit der Parlamentarier.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wir als Grüne, die wir uns der europäischen Integra-
ion verpflichtet fühlen, wissen sehr wohl um die Bedeu-
ung Straßburgs als der Stadt, die die europäische Ver-
öhnung symbolisiert. Dem stellen wir uns auch. Daher
autet unser Vorschlag, das nicht quantitativ, aber quali-
ativ auszugleichen, das heißt, in Zukunft die Sitzungen






(A) )



(B) )


Rainder Steenblock
des Europäischen Rates in Straßburg abzuhalten, also
neben dem Sitz des Europarates, dem Europäischen Ge-
richtshof für Menschenrechte und vielen anderen euro-
päischen Einrichtungen. Diesen Charakter der Stadt
Straßburg wollen wir erhalten und stärken, und die Ver-
legung des Europäischen Rates ist hierfür sicherlich ein
vernünftiges Instrument.

Wir wollen, dass die Verschwendung von Ressourcen
aufhört. Es geht nicht nur um die Verschwendung von
Geld, sondern – das sage ich natürlich insbesondere als
Grüner – um eine Vergeudung von Ressourcen; damit
greife ich die Transporte und damit verbundenen CO2-
Emissionen auf. Ein offizieller Bericht des EU-Parla-
ments enthält die Aussage – das wurde ausgerechnet –,
dass durch diese Transporte 20 000 Tonnen CO2 zusätz-
lich emittiert werden.


(Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Einmal Bundesminister Mallorca hin und zurück!)


– Herr Westerwelle, wenn man alle Parlamentarier des
Europäischen Parlaments in ein Großraumflugzeug
steckt und dieses Flugzeug jeden Tag im Jahr fünfmal
um die Erde kreisen lässt, dann kommt man auf
20 000 Tonnen CO2. Ich halte es für nicht verantwortbar,
dass wir einen solchen Unfug mitmachen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, es wird Geld ver-
schwendet und führt zu Klimaschädigung. Deshalb
glaube ich, dass diese Form der Verschwendung von
Steuergeldern und Ressourcen beendet werden muss. Es
muss ein klares Konzept mit Richtung Kompensation
geben. Wir sagen Ja zu den Franzosen und Ja zum euro-
päischen Integrationsgedanken, aber Nein zur Ver-
schwendung von Steuergeldern. Das schafft Vertrauen in
die europäische Integration. Wir fühlen uns dieser sehr
verpflichtet. Es geht hier nicht um Populismus gegen
Europa. Es geht darum, dass wir mit Steuergeldern ver-
antwortungsvoll umgehen.

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616109900

Das Wort erhält nun der Kollege Thomas Bareiß,

CDU/CSU-Fraktion.


Thomas Bareiß (CDU):
Rede ID: ID1616110000

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Lieber Kollege Steenblock, ich möchte gleich
zu Beginn sagen, dass heute Nachmittag kein Mensch
die Fakten, die Sie sehr eindrücklich beschrieben haben,
bezweifeln wird. Es ist in der Tat sehr ärgerlich, dass das
Europäische Parlament de facto drei Arbeitsorte hat. Es
ist sowohl ineffizient als auch – als Schwabe und als Be-
triebswirt möchte ich das sagen – kostenintensiv und
– Sie betonten es – sehr umweltschädlich. Wir haben
auch innerhalb der Fraktion gesagt, dass Sie eigentlich in
vielen Punkten recht haben.

Nur: Wenn man dieses und die Fakten erkennt, dann
muss man auch erkennen, dass es so einfach, wie Sie es

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(C (D n Ihrem Antrag beschrieben haben, eben nicht geht. Inofern möchte ich die Ernsthaftigkeit Ihres Antrags ein isschen infrage stellen. (Rainder Steenblock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Na, na!)


ie wissen nämlich selber, dass in einer Europäischen
nion mit 27 Mitgliedstaaten vieles nicht so einfach zu

egeln ist und vielfach Zugeständnisse und Kompro-
isse zu machen sind. Erwin Teufel, ein großer Euro-

äer, hat einmal gesagt: Politik beginnt mit dem Erken-
en von Realitäten. – Auch hier müssen wir die
ealitäten erkennen.

Bevor ich noch einige Punkte dazu ausführe, möchte
ch kurz auf die Historie eingehen. Bei der Gründung der
uropäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl vor
ehr als 50 Jahren hat man sich für Luxemburg als Sitz

ntschieden. Luxemburg wurde relativ schnell zu klein.
ereits kurz darauf hat man den Europaratssaal in Straß-
urg für die Versammlungszusammenkünfte verwendet.
iese Struktur hat sich von 1952 bis 1958 aufgrund von
ffizienzgesichtspunkten ergeben.

Infolge der Gründung der EWG im Jahre 1958 kam es
u einer Ausdehnung. Man hat sich damals ganz bewusst
eben Straßburg, das für die deutsch-französische
reundschaft und deutsch-französische Aussöhnung ein
anz wichtiges Symbol damals war und heute nach wie
or ist, für einen weiteren Kleinstaat in Europa entschie-
en, nämlich Belgien mit Brüssel. Dort hat man weitere
nstitutionen angesiedelt.

Mit den Verträgen von Amsterdam und Nizza hat man
iese Konstruktion zementiert, und Sie alle wissen, unter
elchen schwierigen Bedingungen die Verträge damals

usgehandelt wurden und wie schwierig es damals für
elmut Kohl und andere war, eine sinnvolle Lösung zu

inden. Dieser dreigliedrige Standort war damals leider
uch ein Punkt, der mit in die Waagschale geworfen
urde.

Meine Damen und Herren, Sie sehen, die heutige
ufteilung des Parlaments auf drei verschiedene Stand-
rte ist somit das Ergebnis eines langjährigen Prozesses
wischen den Mitgliedstaaten und ist auch in den EG-
erträgen zementiert. Eine Änderung dieser Situation
önnte nur bei Zustimmung aller EU-Mitgliedstaaten er-
eicht werden, womit wir bei dem eingangs erwähnten
unkt wären, nämlich dass die Europäische Union sich
ls ein Staatenverbund darstellt, in welchem verschie-
enste Interessen aufeinandertreffen. In diesem Fall
das müssen wir sehen – spielen ganz besondere Inter-

ssen eine Rolle.

Wir müssen auch ganz klar sehen, dass unsere franzö-
ischen Freunde wahrscheinlich niemals, aber erst recht
icht in den nächsten Monaten, einer Regelung zustim-
en würden, die eine Änderung mit sich bringt, auch

icht, wenn es die Kompensationsleistungen erhielte, die
ie genannt haben. Dies einfach so zu behaupten, wie
ie es getan haben, zeugt von einer gewissen – mit Ver-

aub gesagt – Naivität. Dass Sie dies zudem ein Viertel-
ahr, bevor Frankreich die EU-Ratspräsidentschaft






(A) )



(B) )


Thomas Bareiß
übernimmt, in die Diskussion werfen, macht diesen An-
trag ebenfalls ziemlich fragwürdig.

Gleichwohl müssen wir sehen, dass Frankreich vor ei-
ner großen Herausforderung steht, nachdem Angela
Merkel und die Bundesregierung im letzten Jahr eine
hervorragende EU-Ratspräsidentschaft vorgelegt haben.
So stehen sie jetzt noch mehr unter dem Druck, im
nächsten halben Jahr eine erfolgreiche EU-Ratspräsi-
dentschaft hinzulegen. Insofern glaube ich auch vor die-
sem Hintergrund nicht, dass wir den Druck auf Frank-
reich erhöhen können.

Um es an dieser Stelle noch einmal ganz klar zum
Ausdruck zu bringen: In der Sache sind wir uns sicher-
lich in vielen Punkten einig. Die Frage ist nur, wie wir
das umsetzen wollen und wie wir in den nächsten Jahren
damit umgehen.


(Rainder Steenblock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Zeigen Sie doch einmal eine Alternative auf! Was wollen Sie denn?)


Ihr Antrag eignet sich in dieser Form dazu nicht. Er ist in
gewisser Weise ein Oppositionsantrag, der die realpoliti-
sche Wirklichkeit ein Stück weit außer Acht lässt. Mit
der Arbeitsaufteilung des Europäischen Parlaments auf
verschiedene Orte herrscht ein zugegebenermaßen nicht
ganz zufriedenstellender Zustand. Aber es braucht diplo-
matisches Geschick und Augenmaß, um das zu ändern.
Ihr Antrag weist leider dieses Augenmaß nicht auf. Inso-
fern können wir Ihrem Antrag in der Form, wie er heute
vorliegt, nicht zustimmen.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616110100

Das Wort erhält der Kollege Markus Löning, FDP-

Fraktion.


(Beifall bei der FDP)



Markus Löning (FDP):
Rede ID: ID1616110200

Herr Präsident! Meine Damen! Meine Herren! Zu-

nächst herzlichen Dank an die Kollegen von der Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen, dass sie die Idee unserer libera-
len Kollegen aufgenommen haben.


(Heiterkeit bei der CDU/CSU)


Es war unsere liberale Kollegin Cecilia Malmström,
jetzt schwedische Europaministerin, damals Mitglied der
liberalen Fraktion, die diese Oneseat-Kampagne für ei-
nen einzigen Sitz des Europäischen Parlaments losgetre-
ten hat. Zusammen mit Silvana Koch-Mehrin, Alexander
Alvaro und anderen Kollegen aus dem Europäischen
Parlament hat sie über 1 Million Unterschriften für die
Verlegung des Sitzes des Europäischen Parlaments nach
Brüssel gesammelt. Eine beeindruckende Leistung und
vor allen Dingen eine beeindruckende klare Äußerung
der europäischen Bürgerinnen und Bürger zum Thema
Reisezirkus! Innerhalb kürzester Zeit haben über
1 Million Europäerinnen und Europäer das unterschrie-

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(C (D en. Meine Damen und Herren, wir unterschätzen vieleicht manchmal den gesunden Menschenverstand bei en Bürgerinnen und Bürgern. Er ist aber da, und man ollte ihm bei solchen Forderungen folgen. (Beifall bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Dass zwei Sitze für ein Parlament offensichtlicher
nsinn sind, das braucht man niemandem zu erklären.
as versteht jedes Schulkind. Kein Bürger versteht, wa-

um das Parlament auf Dauer diesen enormen Aufwand,
er hier schon geschildert worden ist, betreibt. Es han-
elt sich um eine enorme Verschwendung von Zeit, von
essourcen und von Energie, die nicht in die politische
rbeit der Kolleginnen und Kollegen und all der Mitar-
eiter, die hin und her reisen müssen, fließen kann.

Es ist von einer hohen politischen Symbolkraft, dass
uropa nicht in der Lage ist, solch einen offensichtlichen
lödsinn abzustellen, dass wir nicht in der Lage sind, ei-
en Zustand zu beenden, den jeder für Blödsinn hält.
eswegen ist es so wichtig, dass diese Initiative jetzt
ier diskutiert wird und wir ein klares Signal setzen, dass
ieser Reisezirkus aufhören muss.

Sie haben in Ihrem Antrag, liebe Kolleginnen und
ollegen von den Grünen, zwei Kernforderungen: zum

inen einziger Sitz des Parlaments in Brüssel und zum
nderen Kompensationsleistungen für Straßburg. Ich
eiß nicht, ob wir als Deutscher Bundestag für Straß-
urg eine Kompensation diskutieren müssen. Straßburg
at eine große europäische Geschichte und spielt eine
roße Rolle in der europäischen Geschichte. Eine ganz
erausragende Bedeutung hat Straßburg in der deutsch-
ranzösischen Geschichte. Aber ob es richtig ist, im Zu-
ammenhang mit der Sitzverlagerung hier eine Kompen-
ation zu diskutieren, möchte ich in Zweifel ziehen. Ich
laube, dass Straßburg als Sitz des Europarates und des
enschenrechtsgerichtshofes auch in Zukunft ganz si-

her eine herausragende europäische Sichtbarkeit haben
ird und niemand die deutsch-französische und die eu-

opäische Geschichte von Straßburg jemals in Zweifel
iehen wird.

Vielleicht ist in diesem Antrag der vorauseilende
ompromiss gleich mitgedacht worden; ich weiß es
icht. Ich glaube, das ist eine Sache, über die sich die
egierungschefs Gedanken machen können und gerne
uch unsere Kolleginnen und Kollegen im Europäischen
arlament. Aber es ist nicht unsere Aufgabe als Deut-
cher Bundestag.

Die zweite Forderung ist die nach einem Sitz in Brüs-
el. Die Einrichtung eines Sitzes in Brüssel ist ein Ap-
ell, den wir an die Regierung richten. Ich frage mich,
b der Appell nicht ein anderer sein müsste, nämlich
ass ein Parlament selbstverständlich selbst über seine
rganisation und seinen Sitz entscheiden können muss.


(Beifall bei der FDP)


as hat etwas mit dem Selbstverständnis eines frei ge-
ählten Parlaments zu tun. Der Appell an die Regierun-
en der europäischen Staaten müsste eher dahin gehen,
ass wir sagen: Gebt dem Parlament, was des Parlamen-






(A) )



(B) )


Markus Löning
tes ist! Gebt ihm das Recht, selbst über seinen Sitz zu
entscheiden! Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran,
dass das Parlament sich dann – wahrscheinlich fast ein-
stimmig – für einen Sitzungsturnus nur noch in Brüssel
aussprechen wird. Es gibt eine Umfrage unter den Kolle-
ginnen und Kollegen, die zeigt, dass sie sich schon jetzt
zu 80 Prozent für Brüssel ausgesprochen haben. Mein
A
Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1616110300
Setzen Sie sich dafür ein, dass das Parlament
selbst entscheiden kann, wo es in Zukunft sitzen möchte!
Das ist eines Parlamentes würdig.

Vielen Dank.


(Beifall bei der FDP)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616110400

Steffen Reiche ist der nächste Redner für die SPD-

Fraktion.


(Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Gibt es die noch in dem Haus? – Gegenruf des Abg. Christian Lange [Backnang] [SPD]: Stark wie immer! – Gegenruf des Abg. Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Wir sind dreimal so stark wie ihr!)



Steffen Reiche (SPD):
Rede ID: ID1616110500

Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kolle-

gen! Der Antrag der Grünen von der Delegiertenkonfe-
renz in Nürnberg – von da ist er ja übernommen – ist be-
rechtigt; er ist klug, und er ist sinnvoll.


(Beifall des Abg. Rainder Steenblock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] – Omid Nouripour [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Deshalb stimmen Sie zu!)


Trotzdem wird der Bundestag nicht zustimmen können,
nicht nur, weil die Sitzfrage verbindlich geregelt ist und
diese Regelung nur mit allen 27 Stimmen aufgehoben
werden könnte. Sie wissen, dass Frankreich dem nicht
zustimmt, zumindest zurzeit nicht. Deshalb kann man
diesen Antrag hier nicht sinnvoll beschließen und umset-
zen.


(Rainder Steenblock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist vorauseilender Gehorsam pur, Steffen! Echt!)


Es gibt drei Gründe, die deutlich schwerer wiegen als
der eben genannte:

Erstens. Der Vertrag von Lissabon ist im Ratifizie-
rungsprozess. Er ist zu wichtig, als dass er konterkariert
werden dürfte.

Zweitens. Gerade Deutschland sollte in dieser Frage
nicht vorpreschen, weil wir in einem besonders sen-
siblen Verhältnis zu Frankreich stehen. Sie wissen, der
Motor läuft zurzeit nicht so gut, wie er schon einmal ge-
laufen ist. Vor der französischen Ratspräsidentschaft, wo
wir einiges gemeinsam auf den Weg bringen müssten, ist
das besonders heikel.

Drittens. Die Entscheidung – das ist eben von der
FDP zu Recht schon genannt worden – muss das Euro-

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(C (D äische Parlament treffen. Aber ich glaube – deshalb ind wir der Umsetzung Ihres berechtigten Vorschlages ielleicht näher, als mancher denkt –, mit dem Vertrag on Lissabon gibt es für die Europäische Union eine anz neue Dynamik: mehr Rechte für das Europäische arlament; viele Dinge, die bisher nach dem Einstimigkeitsprinzip geregelt worden sind, gehen dann ins ehrheitsprinzip über. Die Sitzfrage zugegebenermaßen icht; da muss der Vertrag geändert werden, und dafür üssten alle 27 Staaten in einem entsprechenden Ratifi ierungsverfahren, wie jetzt beim Vertrag von Lissabon, ustimmen. Aber mit diesem Vorschlag ist perspektivisch ein akeptabler Weg für Frankreich aufgezeigt. Zugleich weren wir auf der Grundlage des Vertrags von Lissabon eien Europäischen Rat mit einem eigenen Präsidenten, as heißt mit einer eigenen, neuen Sichtbarkeit, haben. ch denke, das könnte ein zusätzliches Argument für eien „eigenen“ Ort mitten in Europa sein; dieser Ort önnte zum Beispiel Straßburg sein. Die EU selber – auch das bedingt der Vertrag von Lisabon – wird Völkerrechtssubjekt. Das heißt, der Weg zu iner europäischen Republik oder – wie es Stefan ollignon genannt hat – der Weg zu einer Bundesrepulik Europa ist damit eingeschlagen worden. Ein wichtiger Aspekt hinsichtlich der Frage, wo der itz des Europäischen Parlaments sein soll, ist, dass der U-Reformvertrag Volksinitiativen ermöglicht. Herr öning hat eben zu Recht darauf hingewiesen, dass chon 1 Million Menschen unterschrieben haben. Waum sollten dann nicht auf Grundlage des Lissabonner ertrages 1 Million Menschen eine solche europäische olksinitiative starten? Damit können die Menschen in uropa den Sitz des Europäischen Parlaments als Thema rneut auf die Tagesordnung setzen. Ich denke, die Menchen in Europa könnten mit ihrem Votum in dieser rage ein wichtiges Signal setzen. Die Mehrheit des Europäischen Parlaments lehnt die ktuelle Regelung hinsichtlich des Sitzes des Europäichen Parlamentes schon jetzt ab. Die Franzosen gehöen leider noch nicht dazu. Würden sie sich der Mehrheit nschließen, wäre der Weg für eine neue Regelung frei. Ich wünschte, wir wären schon so weit, dass wir Ihem Vorschlag zustimmen könnten. Aber wir sind es leier noch nicht. Wir können den Satz, den der Gründer es Staates Israel gesagt hat, auch auf Europa übertraen: Wer in Europa nicht an Wunder glaubt, der ist kein ealist. In diesem Sinne bin ich Realist; ich glaube an dieses under und daran, dass wir es miteinander noch erleben erden. Vielen Dank. Alexander Ulrich ist der nächste Redner für die Frak ion Die Linke. Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn ein Maler ein Bild über die Entfremdung der Menschen von Europa zeichnen müsste, würde er als Motiv einen Umzugskarton mit europäischen Sternen darauf wählen. Die Debatte heute zeigt, dass alle Redner erkannt haben: Es macht wenig Sinn, dass wir weiterhin und auf Dauer das Europäische Parlament in Straßburg tagen lassen. Herr Steenblock, das Problem ist, dass die Grünen immer dann, wenn die Linke im Europaausschuss des Bundestages den Vertrag von Lissabon kritisiert hat, zu dem glühendsten Verfechter dieses Vertrages wurden. (Rainder Steenblock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sind wir auch! – Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Ist auch ein guter Vertrag!)


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)

Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616110600

(Beifall bei der LINKEN)





(A) )


(B) )

Alexander Ulrich (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616110700

Mit Ihrer Zustimmung zu diesem Vertrag vor wenigen
Wochen tragen Sie dazu bei, dass Straßburg weiterhin
Sitz des Europäischen Parlamentes bleibt. Deshalb muss
man sagen, dass Ihr Antrag zwar gut gemeint, aber eben
populistisch ist. Denn vor 14 Tagen haben Sie sich an-
ders entschieden.


(Rainder Steenblock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Von Ihnen über Populismus aufgeklärt zu werden!)


Herr Steenblock, Sie können sich ertappt fühlen. Na-
türlich ist dies ein weiteres Beispiel, wie undemokratisch
die Europäische Union durch die Verträge von Lissabon
aufgebaut wird. Ich gebe den Vorrednern recht, die ge-
sagt haben: Wie der Deutsche Bundestag über seinen
Sitz in Berlin entschieden hat, muss das Europäische
Parlament über seinen Sitz selbst entscheiden. Sie sagen
aber, dass dies die Regierungen entscheiden sollen. Sie
sollten sich für eine Vertragsveränderung einsetzen, da-
mit das Europäische Parlament selbst entscheiden kann,
wo sein Sitz sein soll. Ich bin mir sicher, die Mehrheit
der Europaabgeordneten wird sich dafür entscheiden,
dass nur noch in Brüssel getagt wird.


(Beifall bei der LINKEN – Rainder Steenblock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich dachte, ein Referendum wäre es!)


Es freut mich, dass die FDP sagt, die Grünen hätten
einen Vorschlag von ihr aufgegriffen. Der Fraktionsvor-
sitzende der FDP und Bonn-Lobbyist ist jetzt leider nicht
mehr anwesend.


(Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Keine unqualifizierten Bemerkungen hier!)


Wir wären manchmal gut beraten, mit dem Finger
nicht nur auf Europa zu zeigen. Denn auch wir in
Deutschland könnten jedes Jahr etliche Millionen Euro
und auch viel CO2 einsparen, wenn wir dafür sorgen
würden, dass die Ministerien komplett von Bonn nach
Berlin umziehen.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Manfred Grund [CDU/CSU] – Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Unqualifiziertes Argument!)


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(C (D Wir dürfen nicht nur auf Europa schauen, sondern ollten den Franzosen ein gutes Beispiel geben. Dazu geört, dass die Geldverschwendung im eigenen Land, die urch Bonn und Berlin als Sitz für die Ministerien veruracht wird, aufhört. (Beifall bei der LINKEN – Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Wieder ein Vorschlag der Linkspartei, den wir ablehnen!)


Das Parlamentsgebäude in Straßburg steht 317 Tage
m Jahr leer. Es macht keinen Sinn, dafür jedes Jahr
00 Millionen Euro auszugeben. Richtig ist aber auch,
ass wir diesen Zustand auf absehbare Zeit nicht verän-
ern können.

Deshalb glaube ich, dass diese Debatte richtig ist. Ich
ann nicht verstehen, warum manche sagen: Wir be-
chäftigen uns nicht mit diesem Thema. Tatsächlich ist
s so, dass nicht alle Punkte in die richtige Richtung wei-
en. Ich meine nicht, dass wir ein Kompensationsge-
chäft brauchen. Man würde uns immer vorrechnen,
elche Kosten anfallen – etwa 200 Millionen Euro oder
0 Millionen Euro –, das heißt, wie viel Geld verschleu-
ert wird. Brüssel sollte Mittelpunkt werden. Ich bin mir
icher, das Europaparlament wird das so entscheiden.

Ihr Beitrag glich in weiten Strecken einer Sonntags-
ede. Wir sollten nicht nur an dieser Stelle, sondern auch
n anderen Stellen über Geldverschwendung auf euro-
äischer Ebene und über mehr Demokratie im Europäi-
chen Parlament reden. Die Grünen tun mir ein bisschen
eid, dass sie sich dagegen ausgesprochen haben, dass
ie Bevölkerung über den Lissabon-Vertrag abstimmt.


(Widerspruch beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


ätte die Bevölkerung darüber entschieden, wäre die
atifizierung dieses Vertrages – da bin ich mir sicher –
och nicht durch. Herr Steenblock, Ihr Antrag geht in die
ichtige Richtung, ist aber populistisch.

Vielen Dank.


(Beifall bei der LINKEN – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Haben Sie überhaupt den Antrag gelesen?)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616110800

Zum Schluss dieses Tagesordnungspunkts hat der

ollege Hans Peter Thul für die CDU/CSU-Fraktion das
ort.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Hans Peter Thul (CDU):
Rede ID: ID1616110900

Wenn man manche Reden in diesem Haus gehört hat,

ann darf man feststellen, dass der Heilige Geist viel-
eicht doch um zwei Tage zu spät gekommen ist.


(Ute Kumpf [SPD]: Der kommt doch erst noch!)


ch bin froh, dass wir vielleicht etwas versöhnlicher in
ieses Wochenende gehen können.






(A) )



(B) )


Hans Peter Thul

(Markus Löning [FDP]: Am Freitag flattert der Heilige Geist vorbei, Herr Thul!)


Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Grundsätzlich sind alle Überlegungen, Herr
Kollege, die uns zu mehr Effizienz in den Verwaltungen,
zu weniger Kosten oder möglicherweise zu einer – ich
sage das mit Blick auf Ihren Vorschlag – Reduzierung
oder sogar Vermeidung von CO2-Emissionen führen, zu
begrüßen. Selbstverständlich sehen Sie uns da auf Ihrer
Seite. Alle Reden, die in diesem Haus zu diesem Thema
und zu Ihrem Antrag gehalten wurden, geben Ihnen in
diesem Ansatz recht. Wir haben etwas genauer hinge-
schaut und können Ihrem Antrag aus einigen Gründen,
die ich Ihnen gleich darlegen werde, so nicht folgen.

Vor wenigen Tagen ist unsere Bundeskanzlerin mit
dem renommierten Karlspreis ausgezeichnet worden.
Dies geschah unter anderem deshalb, weil sie mit sehr
viel Geschick die Interessen der großen und kleinen
Partner in der europäischen Familie vertritt.


(Markus Löning [FDP]: Da musste sie Sarkozy versprechen, dass Straßburg bleibt!)


Ich denke, Sie spenden dieser Preisverleihung Beifall.
Wir dürfen also mit Fug und Recht feststellen, dass die
deutsche Ratspräsidentschaft unter Führung von Angela
Merkel eine der erfolgreichsten der vergangenen Jahre
war.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Dennoch wirkt der Preis über den Tag hinaus, Herr
Löning. Noch ist der Vertrag von Lissabon nicht von al-
len 27 Mitgliedstaaten ratifiziert;


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Wir haben noch Hoffnung!)


aber wir sind, wie ich finde, auf einem guten Weg. In ei-
ner Vielzahl von Veranstaltungen im Lande, zuletzt in
Göttingen und auch hier in Berlin, sind wir mit den Men-
schen im Gespräch und erklären den Geist von Lissabon.
Ich darf Ihnen berichten: Wir erfahren in allen Veranstal-
tungen ein hohes Maß an Zustimmung.

Nun komme ich zur Kritik, verehrter Kollege
Steenblock. Die Verabschiedung Ihres Antrags würde für
die französische Ratspräsidentschaft vor diesem Hinter-
grund einer Aufforderung gleichkommen, sich dafür ein-
zusetzen, dass sich die Parlamente erneut mit einer Ver-
tragsänderung zu beschäftigen haben. Das Ganze würde
in der Zeit der Ratifizierungen stattfinden. Das allein ist
schon fast ein Affront gegenüber dem französischen Na-
tionalstaat.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Rainder Steenblock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich finde, das ist ehrlich, mit Rückgrat, klar und offen!)


Das ist eine, wie ich finde, geradezu abwegige Vorstel-
lung.

Warum sollten wir, Deutschland, während der derzei-
tigen Ratifizierungsbemühungen aller anderen Partner

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(C (D hne Not einen solchen Nebenkriegsschauplatz eröffnen, er Frankreich, Belgien und Luxemburg unmittelbar bereffen würde? Es gibt hierfür keine rationale Erklärung. Ich möchte auf den von Ihnen errechneten, von mir icht ganz nachvollziehbaren Effekt der CO2-Einsparunen zu sprechen kommen. Ich empfehle Ihnen: Rechnen ie einmal nach, wie viele vermeidbare Kosten dadurch ntstehen, dass in Bonn immer noch zahlreiche Ministeien der Bundesregierung sind! Missionieren Sie einmal n Ihren eigenen Reihen, etwa bei den Abgeordneten der rünen aus Rheinland-Pfalz! Fragen Sie einmal die Be eitschaft ab, dafür einzutreten, dass sämtliche Ministeien der Bundesregierung nach Berlin umziehen! Ich laube, Sie würden bei Ihren Bemühungen ebenfalls ein aterloo erleben. Wenn wir diese Sache in aller Ruhe miteinander beprechen, dann kommen wir ganz bestimmt zu dem Erebnis: Wir sollten in dem Bemühen, Kosten zu senken nd CO2-Belastungen zurückzuführen, nicht nachlassen. hr Antrag, meine verehrten Damen und Herren der Grüen, (Rainder Steenblock [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ist konsequent!)


(Beifall des Abg. Markus Löning [FDP])


st hierfür allerdings nicht geeignet.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und ent-
pannte Pfingsttage.

Schönen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616111000

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird die Überweisung der Vorlage auf
er Drucksache 16/8051 an die in der Tagesordnung auf-
eführten Ausschüsse vorgeschlagen. – Damit sind Sie
ffensichtlich einverstanden. Dann ist das so beschlos-
en.

Ich rufe nun Zusatzpunkt 12 auf:

Aktuelle Stunde
auf Verlangen der Fraktion DIE LINKE

Haltung der Bundesregierung zu aktuellen
Vorschlägen einer steuerlichen Entlastung von
kleinen und mittleren Einkommen

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort erhält die Kol-
egin Barbara Höll für die Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Barbara Höll (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616111100

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und

ollegen! Es ist schon ein erstaunliches Schauspiel, das
ir aktuell in Bayern geboten bekommen:


(Eduard Oswald Gutes Land!)







(A) )



(B) )


Dr. Barbara Höll
Die CSU rutscht in Umfragen unter 50 Prozent und
spielt verrückt. Links wirkt eben nicht nur bei der SPD;
endlich hat auch die CSU registriert, dass der Auf-
schwung – die Frage ist, welcher Aufschwung überhaupt –
bei den meisten nicht angekommen ist.

Es ist längst überfällig, dass die Forderungen nach
Wiedereinführung der alten Pendlerpauschale, nach An-
hebung des Grundfreibetrags in der Einkommensteuer,
nach der tendenziellen Begradigung des Einkommen-
steuertarifs und nach der Erhöhung des Kindergeldes er-
hoben werden. Die Bundestagsfraktion Die Linke for-
dert all das schon seit langem.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos] – Burkhardt MüllerSönksen [FDP]: Die Linke! Die ist die bessere CSU! – Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Fusionieren Sie doch mit der CSU!)


Wir haben zu all diesen Punkten bereits Anträge gestellt,
die die CSU in schnöder Regelmäßigkeit abgelehnt hat.

Bei etlichen Anträgen haben Sie nun regelrecht von
uns abgeschrieben,


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


zum Beispiel aus unserem Antrag zur Pendlerpauschale
oder zur Begradigung des Einkommensteuertarifs. Sie
wissen, dass sofort eine Erhöhung des Kindergeldes auf
200 Euro erfolgen sollte.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos] – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich wusste gar nicht, dass die Linke neuerdings die bessere CSU ist!)


Ganz abgesehen davon, ist die CSU selbstverständlich
für die soziale Schieflage, für all die Ungerechtigkeiten,
mit denen wir gegenwärtig konfrontiert sind, mitverant-
wortlich. Zuerst hat sie ihre Wählerinnen und Wähler
wirklich abgeschreckt; jetzt will sie sie wieder einsam-
meln.

Es ist Fakt: In Deutschland gibt es viel Armut. Zudem
schrumpft die Mittelschicht dramatisch; das belegen ak-
tuelle Studien des DIW und von McKinsey.


(Markus Löning [FDP]: Seit wann glauben Sie denn an McKinsey?)


Es ist das Ergebnis Ihrer Politik, dass nach Berechnun-
gen von Allianz und Dresdner Bank die Arbeitnehmer
und Arbeitnehmerinnen in den vergangenen fünf Jahren
3,7 Prozent Kaufkraftverlust hinnehmen mussten; zwi-
schen 1991 und 2007 betrug der Kaufkraftverlust sogar
6,1 Prozent.

Die CSU stellt nun mit ihrem Steuerkonzept – das
kann man so konstatieren – ihrer bisherigen Steuerpoli-
tik ein Armutszeugnis aus.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


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(C (D isher zeichnete sich die Steuerpolitik der CSU dadurch us: Die CSU hat die Mehrwertsteuererhöhung um Prozentpunkte mitgetragen; sie hat die Unternehmen teuerreform mitgetragen, die durch die Senkung der örperschaftsteuer zu einer massiven Entlastung der nternehmen geführt hat; sie hat die Senkung des Spit ensteuersatzes mitgetragen; auch der Eiertanz bei der rbschaftsteuer wird von der CSU mitgetragen. Ich sage: Bei näherem Hinsehen entpuppt sich vieles us dem Steuerreformkonzept der CSU als wahlkampfaktische Mogelpackung. Zum Beispiel behauptet sie roßspurig in der Presse, sie würde sich vor allem der ielen kleinen und mittleren Einkommen annehmen. (Eduard Oswald [CDU/CSU]: So ist es! Es wird nicht nur behauptet! Es ist schon immer so gewesen!)


ie Entlastungsbeispiele, die bisher veröffentlicht wur-
en, zeigen aber, dass sie vor allem die höheren Einkom-
en entlasten will.

Eine wirkliche Entlastung der kleinen und mittleren
inkommen erreichen Sie nur, wenn Sie den Einkom-
ensteuertarif tatsächlich linear-progressiv gestalten.
as wollen Sie im ersten Schritt nicht tun; im zweiten
chritt wollen Sie wenig dafür tun. Wir haben es in ei-
em Antrag vorgeschlagen. Er trägt den Titel „Einkom-
ensteuertarif gerecht gestalten – Steuerentlastung für

eringe und mittlere Einkommen umsetzen“. Sie hätten
en im Mai vergangenen Jahres gestellten Antrag mittra-
en können.

Die Progression im Einkommensteuertarif schlägt im
nteren Bereich überproportional zu und trifft damit ge-
ade die unteren und mittleren Einkommensgruppen.
eshalb sind sie stärker von der kalten Progression be-

roffen, die durch die Inflation verursacht wird. Gerade
ei diesen Einkommen bleibt von einem Bruttozuwachs
etto nicht wesentlich mehr übrig. Dafür geben Sie aller-
ings am Ende des Tarifverlaufs so richtig Gas: Sie las-
en zwar den Spitzensteuersatz unverändert bei 42 Pro-
ent; aber er soll erst bei 60 000 Euro statt wie bisher bei
2 151 Euro greifen. Ihre Entlastungsvorschläge wirken
lso umso stärker, je höher die zu versteuernden Ein-
ommen sind. Das sind Steuergeschenke für Fußballmil-
ionäre und Topmanager.

Noch einmal kurz zur kalten Progression, zur infla-
ionsbedingten Einkommnensenkung aufgrund des Ta-
ifverlaufs. Sie behaupten, Ihr Steuerkonzept korrigiere
as. Es ist an keiner Stelle eine Maßnahme zu finden, die
atsächlich dauerhaft wirken könnte. Die Fraktion Die
inke hat am 6. Juli 2007 einen Antrag für eine konse-
uente Berücksichtigung der Inflation im Steuerrecht
orgelegt.

Noch ein Wort zur Gegenfinanzierung. Normaler-
eise wird uns vorgeworfen, wir könnten das nicht.


(Zuruf von der FDP: Der Vorwurf stimmt!)


err Huber hat eine ganz klare Haltung – ich zitiere –:

Das Gegenrechnen bringt doch nur Ärger, und die
Entlastungen werden nicht mehr richtig gesehen.






(A) )



(B) )


Dr. Barbara Höll

(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Das sollten wir mal machen!)


Was soll das Ganze? Herr Huber sieht das locker, flo-
ckig. Seriöse Haushaltspolitik ist das wohl nicht.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Wenn man genau hinschaut, kündigt er allerdings an,
wie vielleicht eine Gegenfinanzierung aussehen könnte.
Dazu möchte ich noch einmal zitieren –


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616111200

Nein, das geht jetzt nicht mehr, weil nämlich unsere

Geschäftsordnung – –


Dr. Barbara Höll (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616111300

– ich bin gleich zu Ende, Herr Präsident –:

… strikte Disziplin auf der Ausgabenseite. Die
CSU ist bereit, ihren politischen Beitrag zu erbrin-
gen.

Wie ehrlich Sie es meinen, das merkt man jetzt, wenn
man sich den Bankenskandal anschaut, den Sie in Bay-
ern haben,


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: Unglaublich! Es wäre besser gewesen, Sie hätten diesen Satz nicht mehr gesagt!)


wo der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit gesagt wurde.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dafür gibt es ja einen Untersuchungsausschuss in Bayern!)


Daran sind Sie beteiligt.


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: Der Satz wird aus dem Protokoll gestrichen, weil er außerhalb der Redezeit war!)


Ich glaube, das Verfallsdatum Ihres Steuerkonzepts kann
man vorhersagen: der 29. September dieses Jahres.

Danke.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos] – Eduard Oswald [CDU/CSU]: Der Satz ist falsch und liegt nach der Redezeit!)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616111400

Frau Kollegin, Sie strapazieren im Augenblick nicht

nur den amtierenden Präsidenten, was ja durchaus hinzu-
nehmen wäre, sondern auch die Geschäftsordnung, die,
was bei Aktuellen Stunden regelmäßig übersehen wird,
dem Präsidenten den Ermessensspielraum, den alle Red-
nerinnen und Redner mit bemerkenswerter Souveränität
immer wieder für sich in Anspruch nehmen, gar nicht
einräumt.

Nun hat der Kollege Eduard Oswald für die CDU/
CSU das Wort, der den Nachweis erbringen wird, dass
das in fünf Minuten gehen muss.


(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)


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(C (D Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das cho auf die Vorschläge der Christlich-Sozialen Union eigt: Der richtige Schritt zur rechten Zeit. (Beifall bei der CDU/CSU – Lachen bei der SPD, der FDP und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Ute Kumpf [SPD]: Tata, tata, tata! Wie auf dem Nockherberg! – Florian Pronold [SPD]: Sie müssen ja selber lachen!)

Eduard Oswald (CSU):
Rede ID: ID1616111500

as Thema der Steuerentlastungen für den Bürger steht
uf der Tagesordnung deutscher Politik. Die CSU legt
it diesen Vorschlägen den Finger in die Wunde: In un-

erem Land wird zu wenig an die Mitte der Bevölke-
ung, an die ganz normalen Leute, die tagtäglich für ih-
en Lebensunterhalt arbeiten und ihre Kinder mit wenig
taatlicher Hilfe großziehen, gedacht. Viele Arbeitneh-
er, auch wenn sie sich freuen, dass ihr Arbeitsplatz

urch die Arbeit der Großen Koalition sicherer gewor-
en ist, spüren nicht immer, dass der wirtschaftliche
ufschwung bei ihnen im Geldbeutel ganz persönlich

nkommt.

Die Tarifabschlüsse der letzten Monate haben für
iele Beschäftigte eine nennenswerte Erhöhung des
ruttolohns gebracht. Aber Lohnerhöhungen werden
ielfach durch Preissteigerungen bei den Ausgaben des
äglichen Bedarfs und vor allem bei Strom und Benzin
ufgezehrt. Die CSU will: Jeder Einzelne muss wirklich
on den Lohnerhöhungen profitieren.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


ie Menschen brauchen mehr netto vom Brutto.

Ich kann es nur bedauern, dass durch die Heftigkeit
er ersten politischen Reaktionen bei manchen verloren
eht, wie wichtig eine Steuerentlastung der Bürger ist.
s ist doch eine Tatsache, dass unser progressiver Steu-
rtarif den Menschen, vor allem den Leistungsträgern
er Mittelschicht, den Facharbeitern und auch den Fami-
ien, in ganz erheblichem Umfang heimlich das Geld aus
er Tasche zieht und damit die wohlverdiente Kaufkraft
er Bevölkerung verringert wird.

Nahezu alle unabhängigen Sachverständigen kritisie-
en immer wieder diese geräuschlose Umverteilung zu-
unsten des Staates als wachstums- und leistungsschäd-
ich. Deshalb nimmt die CSU diese kalte Progression
öllig zu Recht ins Visier und schützt den Bürger vor
eiteren Steuererhöhungen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Markus Löning [FDP]: Hat aber lange gedauert!)


er das als unehrliche Politik ohne Gegenfinanzierung
ezeichnet, verwechselt Ursache mit Wirkung.


(Markus Löning [FDP]: Was war denn mit der Mehrwertsteuererhöhung?)


Ich sage klar und unmissverständlich: Für die CSU
ibt es zur weiteren Konsolidierung der öffentlichen
aushalte keine Alternative. Steuerentlastungen stehen
ierzu nicht im Widerspruch. Vielmehr verhelfen sie der
trategie der Haushaltskonsolidierung zum Erfolg. Sie






(A) )



(B) )


Eduard Oswald
erhöhen das verfügbare Einkommen der Bürgerinnen
und Bürger. Sie setzen Leistungs- und Arbeitsanreize
und fördern damit das Wirtschaftswachstum. Alle in die-
sem Haus wissen: Mit überschuldeten Haushalten ist auf
Dauer kein Staat zu machen. Mit Bürgerinnen und Bür-
gern, die kein Geld in der Tasche haben, aber auch nicht.


(Dirk Niebel [FDP]: Warum haben Sie dann 19-mal die Steuern erhöht?)


Nach unserer Auffassung ist das Einkommensteuerent-
lastungskonzept durch das stufenweise Wirksamwerden
– das ist das Entscheidende; man muss hinschauen, was
sofort und was in den nächsten Jahren wirksam wird –
mit den besonderen Belangen des Bundeshaushalts ver-
einbar.


(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Das stört Sie doch nicht!)


Dass die CSU für eine nachhaltige Finanzpolitik
steht, hat sie in Bayern bewiesen.


(Markus Löning [FDP]: Bei der Landesbank vor allem! – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Landesbank!)


Bayern ist ein wunderschönes Land mit einer stabilen
und guten Regierung, die Erfolge vorweisen kann. Im
Vergleich mit allen anderen Bundesländern wird das
deutlich. Als einziges Land hat Bayern seit 2006 einen
ausgeglichenen Landeshaushalt.


(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Was ist denn mit der Landesbank Bayern?)


– Daran ändert Ihr Schreien nichts. Die Fakten zählen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für den Einstieg in eine
Einkommensteuerreform. Mit unserem Drei-Stufen-
Konzept haben wir die Diskussion eröffnet.


(Burkhardt Müller-Sönksen [FDP]: „Mit unserem“? – Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Gemeinsam mit der PDS!)


Wir haben Vorschläge unterbreitet, wie eine echte Ent-
lastung für jedermann erreicht werden kann. Jeder kann
sich dem anschließen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Herr Präsident, ich bin im vorgegebenen Zeitrahmen
geblieben, um Ihrem ausdrücklichen Wunsch zu entspre-
chen.


(Burkhardt Müller-Sönksen [FDP]: Das ist das einzig Gute gewesen!)


Vielen herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1616111600

Ich bin zutiefst beeindruckt und empfehle dieses

leuchtende Beispiel zur Nachahmung. – Der nächste

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(C (D edner ist der Kollege Dr. Hermann Otto Solms für die DP-Fraktion. Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und erren! Es war amüsant, Edi Oswalds Märchenstunde u lauschen. ie war verbunden mit einem echt bayerischen Werbelock. Das war sehr eindrucksvoll. Die bayerischen Touismusbehörden werden Ihnen dankbar sein. Lassen Sie uns einmal auf die Aussagen zurückbliken, die im Wahlkampf vor der letzten Bundestagwahl emacht wurden. Die CDU/CSU hat damals ein mutiges teuerkonzept vorgeschlagen, unter der Federführung on Richard Merz – Friedrich Merz, Entschuldigung. (Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Er war schon so lange nicht mehr da, dass man ihn schon vergessen hat!)


(Beifall bei der FDP)

Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1616111700

(Beifall bei der FDP und der LINKEN)


2, 24 und 36 Prozent sollten die Steuersätze betragen.
an hat den Wählern vor der Bundestagwahl also Steu-

rsenkungen versprochen. Was hat die CDU/CSU – die
SU ist übrigens immer noch Teil dieser Koalition, auch
enn man das manchmal vergisst;


(Beifall bei der LINKEN – Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber sie hat dort nichts zu melden!)


ie stellt sogar zwei Bundesminister und stimmt allem
mmer brav zu – dann aber in der Koalition gemacht?
bschaffung der Eigenheimzulage, Abschaffung der de-
ressiven AfA, Abschaffung der Abzugsfähigkeit der
teuerberatungskosten. Das war im Jahr 2005 und ge-
chah mit einstimmiger Zustimmung der CSU in Bun-
estag, Bundesrat und Bundesregierung.


(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Genau!)


Im Jahre 2006 kam dann die Erhöhung der Mehrwert-
teuer, die Erhöhung der Versicherungsteuer, die Einfüh-
ung einer Reichensteuer, die Absenkung der Alters-
renze beim Kindergeld und bei Kinderfreibeträgen von
7 auf 25 Jahre, die Reduzierung der Entfernungspau-
chale und die Halbierung des Sparerfreibetrages. All
as waren Entscheidungen, die die Bürger hart getroffen
aben. Hinzu kam die Neueinführung einer Steuer auf
iokraftstoffe. Zu all diesen Maßnahmen gab die CSU
instimmig ihre Zustimmung.


(Dirk Niebel [FDP]: Pfui!)


Im Jahr 2007 folgte die Unternehmensteuerreform.
rinnern Sie sich an die mittelstandsfeindlichen Ent-
cheidungen bei der Hinzurechnungsregelung bei der
ewerbesteuer, die Einführung einer Zinsschranke, die
inschränkung beim Mantelkauf und die Einführung der
unktionsverlagerung. All das waren absurde Entschei-
ungen. Es kam aber kein Widerspruch von den Fach-
euten aus Bayern. Erwin Huber war lange Zeit Finanz-






(A) )



(B) )


Dr. Hermann Otto Solms
minister. Er ist ein Experte, aber auch von seiner Seite
kam kein Widerspruch. Die CSU hat zwar allem zuge-
stimmt, aber jetzt beschwert sie sich.

Jetzt kommt das Jahressteuergesetz 2007, mit dem die
zentrale Lohnsteuerdatei und ein umfassender Datenpool
mit persönlichen Daten aller Steuerpflichtigen eingeführt
werden. Sie haben eine Änderung in § 42 AO – Entschei-
dungen stehen unter dem Vorbehalt der Zustimmung
durch die Finanzverwaltung – herbeigeführt. Auch hier
gilt: volle Zustimmung der CSU.

Bei der aktuellen Diskussion über die Erbschaftsteuer
höre ich von der CSU nichts mehr.


(Dirk Niebel [FDP]: Abgetaucht!)

Sie hat dem Vorschlag widersprochen. Jetzt hört man
aber nichts mehr.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Vertagt in den Oktober! – Eduard Oswald [CDU/CSU]: Entscheidend ist, was hinten rauskommt!)


Man munkelt, man wolle die Entscheidung auf die Zeit
nach dem 28. September verschieben. Warum? Dann ist
in Bayern Landtagswahl. Kaum droht also die Rache der
Wähler, wechselt die CSU die Seite.


(Burkhardt Müller-Sönksen [FDP]: Aha! So ist das also! Jetzt kommt es heraus!)


Jetzt ist sie wieder Steuersenkungspartei.

(Dirk Niebel [FDP]: Das glaubt kein Mensch!)


Meine Damen und Herren, all das, was die CSU zur-
zeit unter dem Stichwort „Mehr netto vom Brutto“ vor-
schlägt,


(Dirk Niebel [FDP]: Das ist doch von uns geklaut!)


ist nicht ernst zu nehmen.

(Beifall bei der FDP und der LINKEN)


Ich weiß nicht, wann Sie das letzte Mal auf dem Nock-
herberg waren bzw. wann Sie diese Veranstaltung zuletzt
im Fernsehen gesehen haben.


(Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Im Fernsehen? Da muss man mal auf der Bühne gewesen sein! Das ist ein Erlebnis!)


Dort ist der Vorsitzende der FDP, Guido Westerwelle,
einmal derbleckt worden; so sagt man das in Bayern.


(Florian Pronold [SPD]: Sehr schön!)

Es ging um das Motto „Mehr netto vom Brutto“. Derje-
nige, der ihn damals kopiert hat, hat dieses Prinzip regel-
recht gepredigt.


(Burkhardt Müller-Sönksen [FDP]: Gute Methode! Eine Predigt wirkt bei Bayern!)


Man hörte immer nur: Mehr netto vom Brutto! Dann trat
ein Chor auf, der „Mehr netto vom Brutto“ gesungen hat.


(Heiterkeit bei der LINKEN)

Erwin Huber war damals auch anwesend. Das hat er sich
wohl gemerkt und sich gesagt: Das kann ich auch.

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(C (D un liegt das neue Steuersenkungsprogramm der CSU uf dem Tisch, und es trägt den Titel „Mehr netto vom rutto“. (Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Erwin Huber ist auf dem Nockherberg aber deutlich besser weggekommen als Westerwelle!)


(Heiterkeit bei der LINKEN)


Auch Frau Merkel war nicht faul. Sie hat sich das zu
erzen genommen.


(Dirk Niebel [FDP]: Da sieht man mal, wie vorbildlich die FDP für die anderen Parteien ist!)


ach einer aktuellen dpa-Meldung möchte jetzt auch sie
as Prinzip „Mehr netto vom Brutto“ zum Motto ihrer
olitik machen.


(Burkhardt Müller-Sönksen [FDP]: Jetzt ist es also endlich angekommen! Wie schön!)


Im Moment diskutiert die Koalition aber immer noch
ber Steuererhöhungen, nämlich über die Erhöhung der
rbschaftsteuer, und nicht über Steuersenkungen.


(Florian Pronold [SPD]: Jetzt beginnt die Märchenstunde der FDP!)


s ist wirklich interessant, welch eine Meinungsvielfalt
lötzlich entsteht. Frau Merkel sagt: Steuersenkungen ja,
ber erst nach der Wahl. Sie verhält sich also genauso
ie im letzten Bundestagswahlkampf: Vor der Wahl
erden Steuersenkungen versprochen, nach der Wahl
erden diese Versprechen zurückgezogen.


(Beifall bei der FDP)


itzig ist auch, wie die SPD darauf reagiert. Herr Beck
agt: Wir brauchen eine Steuerreform. Herr Poß sagt: Ja,
ber sie darf nichts kosten. Es darf also keine richtige
teuerreform sein. Herr Steinbrück dementiert alles und

ässt heimlich eine Steuerreform vorbereiten; das ist
eute auf Spiegel Online zu lesen.


(Gabriele Frechen [SPD]: Dann kann sie ja nicht so heimlich sein!)


Wir erleben gerade eine spannende Zeit. Bis zur Bun-
estagswahl haben wir noch ein Jahr vor uns, in dem wir
ber die Steuerpolitik diskutieren können. Wir werden
ehen, wer glaubwürdig ist. Die FDP jedenfalls vertritt
ereits seit 15 Jahren die Auffassung, dass eine große
teuerreform notwendig ist. Diese Politik werden wir
uch nach der nächsten Bundestagswahl fortsetzen.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der FDP – Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die FDP brauchen wir dann gar nicht mehr! Jetzt haben wir doch die CSU!)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616111800

Für die SPD-Fraktion hat nun der Kollege Florian

ronold das Wort.


(Beifall bei der SPD)







(A) )



(B) )


Florian Pronold (SPD):
Rede ID: ID1616111900

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Es gibt im Deutschen Bundestag immer noch
überraschende Debatten. Jeder, der weiß, wie die Debat-
tenkultur hier normalerweise ausgeprägt ist, müsste
diese Debatte als besonders überraschend bewerten. Da
wirft Frau Höll der CSU vor, sie habe von der Linken ab-
geschrieben, und die CSU widerspricht noch nicht ein-
mal.


(Heiterkeit bei der LINKEN)


Dann sagt Frau Höll sogar: Wenn man sich genau an-
schaut, was sie abgeschrieben hat, stellt man fest: Das ist
eine Mogelpackung.


(Beifall bei der SPD – Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Man muss abschreiben können! Nicht einmal abschreiben können die! – Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Abschreiben kann ganz schön schwierig sein!)


Das ist richtig, allerdings in beiden Fällen:


(Burkhardt Müller-Sönksen [FDP]: Das sind doch beides Mogelpackungen!)


Das trifft sowohl für die Linke als auch für die CSU zu.
Beide Parteien versprechen Steuerentlastungen in einer
Größenordnung, dass man denkt, Weihnachten, Ostern
und Pfingsten fallen auf denselben Tag.


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: Das sind doch so schöne Feiertage, Herr Kollege! Die sollten wir auch zukünftig lieber getrennt feiern!)


Das Problem ist: Diese Versprechen kann niemand ein-
halten. Wenn Politiker, weil bald ein Wahlkampf ansteht,
plötzlich ganz andere Positionen vertreten, führt das bei
den Menschen zu Politikverdrossenheit.

Herr Solms, Sie haben auf das Steuerkonzept der
CSU aus dem Jahre 2005 hingewiesen, an dessen Erar-
beitung Erwin Huber wesentlich beteiligt war. Damals
sollte es mehr netto geben, aber nur für die oberen Zehn-
tausend. Diese Steuersenkungen sollten die kleinen
Leute bezahlen. Die Vorschläge der CSU lauteten: Ab-
schaffung der Steuerfreiheit der Zuschläge für Nacht-,
Schicht- und Sonntagsarbeit, Streichung bzw. Kürzung
der Pendlerpauschale usw.


(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Das ist ja nun passiert! – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Der Vorschlag zur Pendlerpauschale ist ja jetzt sowieso nicht umsetzbar!)


– Darauf komme ich gleich zu sprechen. Ich will aber
zuerst auf das Motto „Mehr netto vom Brutto“ eingehen,
das die FDP für sich reklamiert


(Burkhardt Müller-Sönksen [FDP]: Das haben wir aber schon lange vorher vertreten!)


– auf dem Nockherberg, um den es eben ging, war auch
ich anwesend – und nun auch die CSU, die uns jetzt eine
Wandlung vom Saulus zum Paulus vortäuscht.

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(C (D Ich darf darauf hinweisen, dass Rot-Grün die größte teuersenkung für die unteren und mittleren Einkommen n der Geschichte der Bundesrepublik durchgeführt hat. (Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Unter Schwarz-Rot gab es die größte Mehrwertsteuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik! – Markus Löning [FDP]: Ich höre immer „Steuersenkung“! Sagen Sie doch auch einmal etwas zur größten Mehrwertsteuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik!)


ie SPD-Bundestagsfraktion hat damals eine entspre-
hende Information veröffentlicht. Um das einmal in
ahlen auszudrücken: Im Vergleich zu der Zeit von
chwarz-Gelb, liebe FDP, ist eine Familie mit zwei Kin-
ern und einem Durchschnittseinkommen – mit Kinder-
elderhöhung – in dieser Zeit um 2 392 Euro im Jahr
etto entlastet worden.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


as sind fast 5 000 DM; das ist eine ganze Menge. Das
iel „Mehr netto vom Brutto“ ist also gegebenenfalls
ot-Grün zuzuschreiben.


(Widerspruch bei der CDU/CSU – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, das stimmt! An der Stelle hat Florian recht!)


Die spannende Frage in der Steuerpolitik ist, warum
ei den Leuten nach deren Gefühl nichts angekommen
st. Dies ist so, weil im selben Zeitraum nicht die Löhne,
ber die Belastungen gestiegen sind, weil Weihnachts-
nd Urlaubsgeld gekürzt worden sind und weil der Nied-
iglohnsektor dramatisch ausgeweitet worden ist.


(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Und weil die Mehrwertsteuer erhöht wurde!)


enn man wirklich will, dass die Bezieher unterer Ein-
ommen mehr netto haben, dann muss man dafür sor-
en, dass der Niedriglohnbereich zurückgedrängt wird.
s wäre daher schön, wenn die CSU der Forderung nach
inem Mindestlohn endlich uneingeschränkt zustimmen
ürde.


(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten der LINKEN)


Ein sehr wichtiger Punkt ist auch die Wandlung bei
er Pendlerpauschale.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, wie war das?)


ir haben in der Koalition eine Vereinbarung getroffen,
ie die Kürzung der Pendlerpauschale vorsah. Die SPD-
undestagsfraktion – das haben wir damals in der De-
atte deutlich gemacht – wollte mit den Kollegen noch
n der Debatte festlegen, diese Pauschale doch wieder ab
em ersten Kilometer gelten zu lassen. Die Kollegen
urften aber nicht kommen, weil sie von der CSU zu-
ückgepfiffen worden waren. Im November letzten Jah-
es, nach dem BFH-Urteil, gab es erneut den Vorschlag
er SPD-Bundestagsfraktion, wieder die alte Regelung






(A) )



(B) )


Florian Pronold
einzuführen, und zwar unterlegt mit einem seriösen Ge-
genfinanzierungskonzept. Was war die erste Tat des neu
gewählten CSU-Vorsitzenden Erwin Huber im Koali-
tionsausschuss? Sie bestand darin, genau dies abzuleh-
nen und anzuregen, doch zu warten, bis das Bundesver-
fassungsgericht darüber entschieden hat. Er ist ein
Brandstifter, der sich jetzt als Feuerwehrmann gebärdet,


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: Das nehmen Sie jetzt wieder zurück! Dafür entschuldigen Sie sich! Das ist ein unglaublicher Vorgang!)


der aber kein Löschwasser dabei hat, weil er keinen Ge-
genfinanzierungsvorschlag macht; vielmehr hat er Sand
dabei, den er den Wählerinnen und Wählern in die Au-
gen streuen will. Das ist die Wahrheit zum Thema Pend-
lerpauschale.


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: So geht man mit dem Koalitionspartner nicht um!)


Wenn Sie es ernst meinen, dann gibt es in der nächs-
ten Sitzungswoche des Bayerischen Landtags eine
schöne Gelegenheit, dies zu zeigen, liebe Freunde und
Koalitionspartner von der CSU. Das von Erwin Huber
geforderte Auslaufen der Erbschaftsteuer und die von
ihm jetzt beabsichtigte Änderung hinsichtlich der Ein-
kommensteuer machen im Haushalt des Freistaates Bay-
ern etwa 3,5 Milliarden Euro aus. Ich bin dafür, dass
man dies den Bürgerinnen und Bürgern im Wege eines
Nachtragshaushalts sofort, also noch vor der Landtags-
wahl, zugutekommen lässt, indem man das letzte Kin-
dergartenjahr kostenfrei stellt, indem man mehr Lehrer
einstellt und indem man dafür sorgt, dass die Studienge-
bühren abgeschafft werden. – Nicht an ihren Worten, an
ihren Taten sollt ihr sie erkennen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Eduard Oswald [CDU/CSU]: Das war bayerischer Wahlkampf pur!)



Petra Pau (DIE LINKE.):
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Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat nun die

Kollegin Christine Scheel das Wort.


(Zuruf von der FDP: Sie kommen doch auch aus Bayern!)



Christine Scheel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
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Ja, Unterfranken gehört zu Bayern.


(Dirk Niebel [FDP]: Noch!)


– Was heißt hier „noch“? Wir haben einmal zum Kur-
fürstentum Mainz gehört; aber das ist schon lange her.

Frau Präsidentin! Liebe Kollegen und Kolleginnen!
Ich bin schon etwas überrascht, dass es der SPD-Frak-
tion, die im Bundestag in einer gewissen Größe vertreten
ist und einen maßgeblichen Teil dieser Koalition dar-
stellt, nicht gelingt, sich gegen eigenartige Vorschläge
von Erwin Huber durchzusetzen. Man muss es sich ein-
mal auf der Zunge zergehen lassen: Anscheinend diri-
giert Erwin Huber von Bayern aus die Große Koalition
so, dass all das, was er möchte, hier umgesetzt wird. Ich

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(C (D laube, das hätte er gern; aber die Wirklichkeit schaut etas anders aus. Sie lenken permanent davon ab, warum die Probleme o sind, wie sie sind. Der Kollege Otto Solms hat mehere Punkte aufgezählt, was das Reden vor der Wahl und as Handeln nach der Wahl angeht. Ich kann nur sagen: er einer rot-grünen Regierung, die meiner Meinung ach viele Fehler, (Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Viele Fehler! Das stimmt! Das wollen wir nicht wiederholen!)


ber insgesamt einen guten Job gemacht hat, vorgewor-
en hat – damals vonseiten der Union –, die Steuern
icht ausreichend gesenkt zu haben,


(Dirk Niebel [FDP]: Den Vorwurf haben wir auch gemacht!)


ann aber, wenn eine Große Koalition an die Regierung
ommt, nichts anderes tut, als die Steuern zu erhöhen,
er macht sich in der Bevölkerung nicht glaubwürdiger,
ondern trägt zur Politikverdrossenheit bei.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)


Wenn wir jetzt vor der Wahl – Ende September wird
n Bayern ein neuer Landtag gewählt – feststellen,


(Frank Schäffler [FDP]: So ist es!)


ass sich die Rhetorik von Erwin Huber und zum Teil
uch von Günther Beckstein kaum mehr von der Rheto-
ik von Herrn Gysi und Herrn Lafontaine unterscheidet,


(Heiterkeit bei der LINKEN – Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Also bitte, Frau Scheel!)


uss ich sagen: Die Welt ist anscheinend nicht mehr
anz so einfach sortiert, wie das den Bürgern und Bürge-
innen in Bayern früher vorkommen musste.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Dr. Diether Dehm [DIE LINKE])


Man muss an dieser Stelle klipp und klar benennen,
o es in den letzten Jahren politische Fehlentscheidun-
en gegeben hat und wer dafür verantwortlich ist. Dass
ich die Steuer- und Abgabenbelastung für die kleinen
nd mittleren Einkommen so negativ entwickelt hat,
iegt an den Entscheidungen dieser Großen Koalition.
a kann die Große Koalition nicht abtauchen; da kann

ie nicht so tun, als seien andere schuld.

Der Bundesfinanzminister sagt ja gerne: Das Durch-
chnittseinkommen liegt bei 25 000 Euro brutto, und
arauf muss man nur 620 Euro Steuern zahlen. Es gehört
llerdings zur Wahrheit, darauf hinzuweisen, dass er sich
ei dieser Rechnung auf einen Alleinverdiener in einer
he bezieht.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


ie Lebensrealität vieler Menschen ist hingegen die,
ass man, wenn man alleinstehend ist, sein Einkommen
on brutto 25 000 Euro voll versteuern muss, was eine






(A) )



(B) )


Christine Scheel
Steuerbelastung von 3 500 Euro bedeutet. Das ist das,
was die Leute so ärgert: dass Sie einem erzählen wollen,
man würde kaum Steuern zahlen, man aber, wenn man
seinen Lohnzettel anschaut, feststellen muss, dass einem
gerade einmal die Hälfte des Einkommens bleibt,


(Beifall des Abg. Dirk Niebel [FDP])

dass jeder Euro, der hinzukommt, zur Hälfte mit Steuern
und Abgaben belegt wird. Das schwächt die Leistungs-
motivation in unserem Lande.

Wir müssen aus diesem Grund dringend etwas gegen
die kalte Progression tun. Wir müssen dringend dafür
sorgen, dass die Abgabenbelastung sehr niedriger Ein-
kommen – bei ihnen ist sie das Hauptproblem – sinkt.
Die Grünen haben zu diesem Zweck ein Progressivmo-
dell mit einer Staffelung der Sozialversicherungsbeiträge
vorgeschlagen. Wir wollen damit insbesondere denjeni-
gen, die ein kleines Einkommen haben, helfen, die ge-
stiegenen Energiepreise zu verkraften und ihren Lebens-
unterhalt zu bestreiten.

Die Große Koalition muss handeln. Es versteht drau-
ßen kein Mensch, dass Sie in einer Größenordnung von
50 Milliarden Euro die Steuern erhöht haben und 2008
trotzdem auf eine Neuverschuldung von immerhin noch
12 Milliarden Euro angewiesen sind. Das müssen Sie
den Leuten einmal erklären. Die Leute fragen sich ver-
ständlicherweise, ob die in Berlin alle verrückt gewor-
den sind. Deshalb sagen wir Grünen seit langem: Wir
brauchen strukturelle Veränderungen, wir brauchen
echte Haushaltskonsolidierung. Man muss sich bei den
Ausgaben auf die Zukunft – auf Bildung und Forschung –
konzentrieren, anstatt Wohltaten mit der Gießkanne zu
verteilen.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616112200

Das Wort hat der Kollege Olav Gutting für die Uni-

onsfraktion.

(Beifall bei der CDU/CSU)



Olav Gutting (CDU):
Rede ID: ID1616112300

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen!

Meine Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ein
klares, ein einfaches, ein transparentes Steuerrecht ist
möglich, und es ist notwendig.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sind Sie ein Oppositionsredner?)


Das sage ich ganz unabhängig vom bayerischen Land-
tagswahlkampf, der anscheinend schon stattfindet. Wer
behauptet, es gebe beim Steuerrecht keinen Handlungs-
bedarf, ist mindestens so unseriös wie derjenige, der in
diesem Bereich Luftschlösser verspricht.

Neben einer wünschenswerten Entlastung sollte bei
der ganzen Debatte zunächst einmal eine Vereinfachung
des Steuerrechts im Vordergrund stehen.


(Dirk Niebel [FDP]: Das ist unsere Rede!)


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(C (D ie bisherigen Versuche, das deutsche Steuerrecht mit einen zahlreichen Ausnahmetatbeständen und Sonderegelungen nicht nur für die Bürger, sondern auch für die inanzverwaltung verständlich zu machen, (Dirk Niebel [FDP]: Deshalb kann man die Kosten für die Steuerberater nicht mehr absetzen!)


ind in der Vergangenheit regelmäßig gescheitert.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Seit zwei Jahren sind sie immer komplizierter geworden! – Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass Sie nicht mehr in der Opposition sind?)


as Steuerrecht wird von Jahr zu Jahr – das galt auch
ährend Ihrer Regierungszeit – komplizierter und zu-
ehmend intransparent.


(Burkhardt Müller-Sönksen [FDP]: Ja!)


teuerzufriedenheit und Steuergerechtigkeit sind nur
ann dauerhaft zu wahren, wenn das Steuerrecht durch
larheit, Einfachheit und Transparenz geprägt ist.


(Dirk Niebel [FDP]: Warum kann man dann die Kosten für den Steuerberater nicht mehr absetzen?)


Ich bedauere sehr, dass uns die Regierungen der letz-
en Jahrzehnte durch ihre Verschuldungspolitik kaum
och finanziellen und damit auch politischen Hand-
ungsspielraum hinterlassen haben. Diese Große Koali-
ion hat nun endlich den Weg zur Haushaltskonsolidie-
ung eingeschlagen. Dieser Kurs muss konsequent
ortgesetzt werden und hat absoluten Vorrang vor Steu-
rsenkungen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Frank Schäffler [FDP]: Sie machen jedes Jahr neue Schulden! – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie sind leider nicht konsequent! Wenn Sie wenigstens konsequent wären!)


as gilt auch für Steuersenkungen bei der Einkommen-
teuer. Es gilt eben nicht mehr nur der Satz „Die Schul-
en von heute sind die Steuern von morgen“; wir sind
ereits im Morgen angelangt.


(Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Genau!)


ie Schulden von gestern sind die Steuern von heute.
as gilt auch für die Schulden aus Ihrer Regierungszeit.


(Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und die Steuererhöhungen von Ihnen! Mehrwertsteuererhöhung!)


ir können die unumgängliche Haushaltskonsolidie-
ung nur dann erfolgreich zu Ende bringen, wenn wir ei-
erseits die Ausgabenseite betrachten und sparsam mit
em uns anvertrauten Steuergeld umgehen und anderer-
eits auf der Einnahmeseite keine Verluste aufkommen
assen.






(A) )



(B) )


Olav Gutting
Machen wir uns nichts vor: Wir müssen damit rech-
nen, dass die Steuereinnahmen in Zukunft nicht so an-
wachsen werden, wie sich das einige erhofft haben. Nie-
mand weiß, wie stark sich die Immobilienkrise in den
USA und die steigenden Energiepreise auf die weltweite
Konjunktur und die deutsche Wirtschaft auswirken.


(Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Sagen Sie das einmal dem Finanzminister!)


Wir sollten deshalb vorsichtig damit sein, noch nicht ein-
genommene Steuergelder für eine große Einkommen-
steuerreform zu verplanen.

Lassen Sie mich hier aber noch einmal klarstellen: Es
geht mir um die Reihenfolge. Sie muss lauten: erst Haus-
haltskonsolidierung, dann die Einkommensteuerreform.


(Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Richtig!)


Wenn wir beim Bund bereits so weit wären wie die Bay-
ern und die Baden-Württemberger und keine neuen
Schulden, sondern einen ausgeglichenen Haushalt hät-
ten, dann wäre jetzt die Zeit reif für eine Einkommen-
steuerreform. Leider haben wir dieses Ziel beim Bund
noch nicht erreicht, aber wir können auch jetzt schon et-
was für die Bürger mit niedrigen und mittleren Einkom-
men tun. Wir haben das vorgemacht, indem wir die
Lohnnebenkosten bereits erheblich gesenkt haben. Diese
Senkung macht sich ganz direkt im Portemonnaie der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bemerkbar.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist denn da gesenkt? Nur in der Arbeitslosenversicherung! Ansonsten ist alles gestiegen!)


Ein Arbeitnehmer mit einem Durchschnittseinkommen
von 2 800 Euro hat durch die Beitragssenkungen dieser
Großen Koalition seit 2007 am Jahresende 500 Euro
mehr netto vom Brutto in der Tasche.


(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Was kostet die Mehrwertsteuererhöhung?)


Das ist eine spürbare Entlastung.


(Beifall bei der CDU/CSU – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist das denn für eine Rechnung?)


Lassen Sie uns daher die Lohnnebenkosten weiter sen-
ken. Dadurch bekommen die Menschen mehr netto, wer-
den die Arbeitskosten gesenkt und neue Arbeitsplätze
geschaffen.

Lassen Sie mich zusammenfassen: Ja, wir brauchen
eine Reform der Einkommensteuer.


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: Sehr gut!)


Die Missstände müssen beseitigt werden. Hierzu zählt
auch das von der CSU aufgegriffene Problem der kalten
Progression.


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: Auch gut! – Florian Pronold [SPD]: So viele Gemeinsamkeiten habe ich schon lange nicht mehr gehört! – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ f d d W v K c d j D r F W 1 h e s s h d S B G D w (C (D NEN]: Das haben wir übrigens schon vor drei Jahren aufgegriffen!)


Der richtige Zeitpunkt für die Einkommensteuerre-
orm, durch die den Menschen in Deutschland auch wie-
er mehr Anreize zur Leistung gegeben werden, ist in
ieser Legislaturperiode zumindest noch nicht gegeben.
ir als CDU/CSU werden in den nächsten Monaten, wie

erabredet, ein gemeinsames und zukunftsweisendes
onzept zur Einkommensteuerreform weiterentwi-

keln. Bis dorthin gilt aber: erst die Konsolidierung,
ann die Reform. Beides sind wir auch und gerade der
ungen Generation in diesem Land schuldig.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616112400

Für die Fraktion Die Linke hat nun der Kollege

r. Gregor Gysi das Wort.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos] – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Er sagt jetzt das, was der Huber immer sagt!)



Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616112500

Frau Präsidentin! Kollege Pronold, ich habe mit Inte-

esse zur Kenntnis genommen, dass Sie glauben, dass
eiertage nie zusammenfallen können.


(Florian Pronold [SPD]: Die drei, die ich genannt habe!)


ir haben dieses Jahr schon das Gegenteil erlebt: Der
. Mai und Himmelfahrt sind zusammengefallen.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Muttertag und Pfingsten sind in diesem Jahr auch an einem Tag!)


Sie haben auch festgestellt, dass Kollegin Höll be-
auptet habe, die CSU hätte von uns abgeschrieben und
ine Mogelpackung geliefert. Sie meinten, schlau zu
ein, und sagten, dann hätten wir eine Mogelpackung ge-
chrieben. Da verwechseln Sie etwas. Sie haben über-
ört, dass Kollege Solms darauf hingewiesen hat, dass
ie CSU auch von Herrn Westerwelle abgeschrieben hat.
o wurde aus unserer Packung eine Mogelpackung.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Die Kollegin Scheel hat gesagt, dass die Kollegen
eckstein und Huber jetzt reden wie Lafontaine und
ysi.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja! Sie geben alles aus, was sie nicht haben!)


amit tun Sie zwei von ihnen – ich lasse völlig offen,
em – Unrecht.


(Heiterkeit und Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])







(A) )



(B) )


Dr. Gregor Gysi
Eines, was die CSU in Bayern versucht, klappt nicht.
Ich finde den Versuch ganz nett, betrachte ihn aber eher
als Episode. In Bayern tun Sie so, als ob Sie hier zur Op-
position gehörten. Aber Sie vergessen dabei immer, zu
erwähnen, dass hier nichts beschlossen wurde, dem Sie
nicht zugestimmt haben. Deshalb müssen die FDP und
wir mit unterschiedlichen Zielen nach Bayern kommen
und versuchen, die Menschen aufzuklären. Das werden
wir so intensiv wie möglich tun.


(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Dr. Hermann Otto Solms [FDP] und Gert Winkelmeier [fraktionslos])


In Bayern gibt es die Bayerische Landesbank, die sich
weltweit ohne jede Sachkenntnis an Spekulationen betei-
ligt hat. Dabei sind Milliardenverluste entstanden, die
jetzt die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler ausgleichen
müssen. Herr Huber wirkt etwas einfältig, wenn er diese
Dinge erklärt. Er meint, er sei der Mann der Zukunft. Ich
kann das nicht erkennen.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Die Opposition in Bayern ist, finde ich, etwas lahm
aufgestellt. Dort fehlen zwei Parteien: die FDP und die
Linke.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das fehlt uns in Bayern wirklich nicht!)


Zumindest für die Linke hoffe ich, dass sie ins Parlament
hineinkommt.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Jetzt versucht die CSU, in Bayern die Kurve zu krie-
gen, macht Oppositionspolitik gegenüber dem Bund,
vergisst zu erwähnen, dass sie dort an der Regierung be-
teiligt ist und alles mitbeschlossen hat, und macht Vor-
schläge. Dabei haben Sie abgeschrieben, aber – wie die
CSU eben ist – nicht konsequent. Dadurch haben sich
ein paar Fehler eingemogelt. Trotzdem sage ich Ihnen:
Links wirkt.

Ernsthaft betrachtet haben Sie Themen aufgegriffen,
die wir alle schon im Bundestag zur Abstimmung ge-
stellt haben. Die CSU hat immer dagegen gestimmt, aber
jetzt meinen Sie, dass man diese Themen im Wahlkampf
bedienen muss.


(Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bringen Sie doch gemeinsame Anträge mit der CSU ein!)


Diese Art von Unehrlichkeit nimmt uns die Bevölkerung
zunehmend übel. Wenn Sie es vorschlagen, dann reali-
sieren Sie es auch im Bundestag! Machen Sie es nicht
umgekehrt!


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Fangen wir mit der Wiedereinführung der Pendler-
pauschale an. Sie sollten dazusagen, dass ohne Ihre Zu-
stimmung die Kürzung der Pendlerpauschale im Bun-

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(C (D estag nicht beschlossen worden wäre. Sagen Sie das enigstens selbstkritisch. (Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Selbstkritisch? Kennen Sie das Wort überhaupt?)


llerdings finde ich die Haltung von CDU und SPD
uch abenteuerlich, Politik auf das Bundesverfassungs-
ericht zu verlagern. Der Bundesfinanzhof begründet
usführlich, warum diese Maßnahme grundgesetzwidrig
st.


(Florian Pronold [SPD]: Ich habe Ihnen doch gesagt, dass wir es anders machen wollten!)


tatt jetzt die Initiative zu ergreifen und den Beschluss
ntsprechend zu ändern, wollen Sie noch zwei Jahre ab-
arten, bis das Bundesverfassungsgericht in der Sache

ntschieden hat. Politik wird aber im Bundestag ge-
acht. Es ist eine Notvariante, dass das Bundesverfas-

ungsgericht darüber entscheiden muss.


(Beifall bei der LINKEN und der FDP sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Wir haben vorgeschlagen, die grundgesetzwidrige
ürzung der Pendlerpauschale zu streichen. Die CSU im
undestag hat aber geschlossen dagegen gestimmt.
uch über das Kindergeld und die Erhöhung des Kinder-

reibetrages haben wir im Bundestag abstimmen lassen.
ie CSU hat dagegen gestimmt. Die Anhebung des steu-

rlichen Grundfreibetrags und die Abschaffung des
teuerbauches für die durchschnittlich Verdienenden
ind völlig richtige Maßnahmen. Aber was haben Sie im
undestag gemacht, als wir das gefordert haben? Sie ha-
en dagegen gestimmt. Das alles erwähnen Sie nicht. So
ft kann ich gar nicht nach Bayern kommen, um den
enschen zu erklären, gegen welche Vorhaben Sie alle

estimmt haben.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Leider sind Sie nicht konsequent. Ich erinnere an den
teuerbauch. Als SPD und Grüne den Spitzensteuersatz
er Einkommensteuer gesenkt haben, haben sie den
teuerbauch gebildet. Das heißt, dass die durchschnitt-

ich Verdienenden unverhältnismäßig mehr Steuern zah-
en als die Besser- und Bestverdienenden.


(Florian Pronold [SPD]: Das war die CSU! Das war Herr Waigel mit dem Bauch! – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das war Waigel! Deshalb heißt er auch Waigelbauch!)


Aber Sie haben den Bauch zumindest bestätigt, statt
hn zu beseitigen. Das können Sie nicht leugnen.

Sie haben mit Ihren Vorschlägen dafür gesorgt, dass
enschen, die bis zu 40 000 Euro verdienen, viel gerin-

ere Steuererleichterungen haben als diejenigen, deren
inkommen über dieser Grenze liegt.


(Florian Pronold [SPD]: Das ist immer so bei dem progressiven Steuerverlauf!)


ir müssen endlich mehr Gerechtigkeit herstellen. Wir
chlagen vor, dass diejenigen, die mehr als 80 000 Euro






(A) )



(B) )


Dr. Gregor Gysi
im Jahr verdienen, mehr zahlen müssen, aber die durch-
schnittlich Verdienenden entlastet werden.

Das Gleiche gilt für die Abgabenpolitik. Beispiel
Rentenversicherung: Solange es Beitragsbemessungs-
grenzen gibt, müssen die Bezieher hoher Einkommen
nicht entsprechend mehr zahlen. Deswegen müssen die
Bezieher durchschnittlicher Einkommen mehr zahlen.
Verstehen Sie? So wird das nichts. Wir müssen Gerech-
tigkeit für die durchschnittlich Verdienenden herstellen.

Sie wollen, dass ich aufhöre, Herr Oswald. Ich nerve
Sie. Ich verstehe Sie ausnahmsweise. Aber ich verspre-
che Ihnen, dass ich im September ungefähr achtmal nach
Bayern komme und landauf, landab versuchen werde,
die Menschen aufzuklären. Nach der Wahl werden Sie
uns in Ihrem Landtag erleben. Das wird dann spannend.

Danke schön.


(Anhaltender Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616112600

Das Wort hat der Parlamentarische Staatssekretär

Karl Diller.

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Karl Diller (SPD):
Rede ID: ID1616112700


Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Die Bundesregierung hat sich verpflichtet, einen
finanzpolitischen Dreiklang in dieser Wahlperiode zu
verwirklichen. Er besteht aus Sanieren, Investieren, Re-
formieren. Sanieren steht ganz bewusst an erster Stelle;
denn nur wenn der Haushalt saniert ist, kann der Staat
zukunftsfähig sein. Gerade die Menschen mit kleinen
und mittleren Einkommen sind auf einen handlungsfähi-
gen Staat angewiesen; denn sie sind darauf angewiesen,
dass Länder und Kommunen ordentliche Schulen und
Kindergärten sowie Universitäten auf hohem Niveau
vorhalten. Dafür sind ausreichende Steuereinnahmen
notwendig.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die Bundesregierung hat viel erreicht. Wir sind auf
einem guten Weg, das gesteckte Ziel, 2011 einen ausge-
glichenen Bundeshaushalt vorzulegen, tatsächlich zu er-
reichen. Wir dürfen aber bei den Anstrengungen nicht
lockerlassen. Dass wir noch lange nicht am Ziel sind,
liegt daran, dass nicht immer alles so läuft, wie man es
sich wünscht. Gäbe es in den Vereinigten Staaten eine
Rezession, hätte das sicherlich auch Auswirkungen auf
unsere Steuereinnahmen und unser Wirtschaftswachs-
tum. Hinzu kommt – das spielt bei Ihnen, Herr Oswald,
seltsamerweise nur als Fußnote eine Rolle – die Umset-
zung des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zur
steuerlichen Behandlung von Beiträgen zur Kranken-
und Pflegeversicherung.


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: Immer daran denken: Wir tragen diese Regierung mit!)


Dieses Urteil vom Anfang dieses Jahres wird einen Ein-
nahmeausfall für Bund, Länder und Gemeinden in Höhe

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(C (D on 10 Milliarden Euro jährlich verursachen. Dies zeigt, ass wir bei unseren Sparanstrengungen nicht nachlasen dürfen. Herr Oswald, wer wie Herr Huber in einer olchen Situation zusätzliche Steuersenkungen in Höhe on 28 Milliarden Euro fordert und dabei die 10 Milliaren Euro, die das Bundesverfassungsgerichtsurteil an innahmeausfällen verursacht, nur als Fußnote erwähnt, hne zu sagen, wie er sich das vorstellt, der muss sich ragen lassen: Sind die 28 Milliarden Euro inklusive der exklusive der 10 Milliarden Euro? Im letzten Fall ären es 38 Milliarden Euro. (Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist ohne die 10 Milliarden! Er sagt, wir kriegen 100 Milliarden Euro mehr in den nächsten drei Jahren!)


ann stünde sein Finanzkonzept erst recht auf ganz
chwachen Füßen.

So leid es mir tut, Herr Oswald, aber noch einmal
anz deutlich: Das, was hier vorgelegt wurde, läuft da-
auf hinaus, Steuersenkungen auf Pump zu finanzieren.


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: Das stimmt natürlich nicht!)


er Hinweis von Herrn Huber auf steigende Steuerein-
ahmen in der Zukunft ist richtig. Die Behauptung, daraus
ürden neue Finanzierungsspielräume erwachsen, ist aber

alsch. Denn der Blick auf die gestrige Steuerschätzung
nd ein Vergleich mit unserer geltenden Finanzplanung
om letzten Jahr zeigen: Die Steuermehreinnahmen, die
ns auch dieses Jahr wieder prognostiziert werden, sind
chon in der Finanzplanung berücksichtigt. Deswegen
ird es im nächsten Jahr nur 1,1 Milliarden Euro weniger,
010 400 Millionen Euro mehr und 2011 3,5 Milliarden
uro mehr geben. Das heißt, die Steuerschätzung bestä-

igt im Prinzip die Schätzung vom Mai letzten Jahres.

Unser Beschluss über die Verwendung der Steuer-
ehreinnahmen im letzten Jahr trägt nun Früchte.

Wir sind im Jahr 2005 mit einem strukturellen Defizit
wischen den laufenden Ausgaben und den laufenden
innahmen in Höhe von über 51 Milliarden Euro gestar-

et. Wir sind in diesem Jahr bei nur noch 22,6 Milliarden
uro, weil wir die steigenden Steuereinnahmen vor al-

em zur Reduzierung dieser Lücke eingesetzt haben.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


ie soll im Jahr 2011 möglichst auf null sinken. Hinzu
ommt, dass wir einen großen Teil der Steuermehrein-
ahmen dazu verwenden, um Investitionen in die Zu-
unft zu finanzieren, von der Infrastruktur über die
chulen bis hin zu den Universitäten und der Kinderbe-

reuung.

Lassen Sie mich noch einen Blick in die bayerische
inanzplanung werfen und die Frage stellen, wie es dort
ussieht.


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: Sehr interessant, was Sie hier alles sagen! Ist das mit der Spitze des Hauses abgestimmt?)







(A) )



(B) )


Parl. Staatssekretär Karl Diller
Unterstellt, dass der bayerische Finanzplan in der mittel-
fristigen Finanzplanung ebenfalls auf dem Jahr der Steu-
erschätzung 2007 beruht, dann sind alle Steuermehrein-
nahmen in dem Staatshaushalt eingebracht. Der Haushalt
weist für jedes Jahr – Donnerwetter! Anerkennung! – ei-
nen Überschuss von 200 Millionen Euro aus. Kompli-
ment!


(Florian Pronold [SPD]: Zulasten der Kommunen!)


Aber, Herr Oswald, allein die Realisierung Ihrer Vorstel-
lung bezüglich der Änderung der Entfernungspauschale
würde Ihr Bundesland mit 230 Millionen Euro belasten.
Damit wäre der Überschuss, den Sie in die Tilgung ste-
cken wollen, weg. Sie könnten nicht mehr tilgen, son-
dern Sie müssten zur Finanzierung der Neuregelung der
Entfernungspauschale Kredite aufnehmen. Das ist die
bayerische Situation.

Wenn wir die Diskussionen in der Föderalismuskom-
mission II mit den Vorstellungen der CDU betrachten,
die eine möglichst scharfe Regelung für eine Schulden-
bremse fordert, dann ist davon auszugehen, dass der
CSU-Vorschlag wahrscheinlich gar nicht mehr diskutiert
werden würde, weil er nicht zu realisieren wäre.


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: Es wird spannend in der Koalition in der nächsten Zeit! Ich sehe das schon! – Gegenruf der Abg. Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ihr werdet noch viel Spaß miteinander haben!)


Wir haben auch zu bedenken, dass gegenüber den An-
sätzen der Finanzplanung erstmals das Jahr 2012 erfasst
ist. Im Jahr 2012 brauchen wir 8,5 Milliarden Euro zu-
sätzlich als Zuschuss an die gesetzlichen Krankenver-
sicherungen. Wir haben das Problem, dass wir die Tarif-
abschlüsse umsetzen müssen. Die sind nicht in der
Finanzplanung enthalten. Allein beim Bund ergibt sich
eine Kostenbelastung von jährlich über 1,5 Milliarden
Euro. Wir haben darüber hinaus gemeinsame Zukunfts-
investitionen beschlossen. Auch die sind noch nicht in
der Finanzplanung enthalten. Deswegen haben wir noch
große Anstrengungen zur Sanierung unseres Haushaltes
zu machen. Ich danke ausdrücklich dem Kollegen Olav
Gutting für seine am 10. April für die CDU/CSU-Frak-
tion geäußerten Worte – ich zitiere –:

Vor einer Einkommensteuerreform, die diesen Na-
men auch wirklich verdient und die eine runde Sa-
che ist, müssen deshalb die Staatsfinanzen saniert
werden.

Unter Finanzminister Hans Eichel wurde in diesem
Jahrzehnt die Lohn- und Einkommensteuer stark verrin-
gert, der Grundfreibetrag wurde stark erhöht. Der Ein-
gangssteuersatz und der Spitzensteuersatz wurden je-
weils um 11 Prozentpunkte gesenkt. Noch nie in der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland war der
Eingangssteuersatz niedriger als diese 15 Prozent. Auch
im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Deutsch-
land bei der Steuerbelastung nach OECD-Maßstäben mit
22 Prozent eine der geringsten Steuerquoten überhaupt
hat. Erst durch die Einbeziehung der Sozialversiche-

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(C (D ungsbeiträge verschlechtert sich unsere Position. Desalb ist eine Entlastung bei den Sozialversicherungsbeirägen notwendiger; (Zuruf von der LINKEN: Das sagt auch die Linke immer!)


enn die Sozialversicherungsbeiträge stellen gerade für
ezieher niedriger und mittlerer Einkommen eine grö-
ere Belastung dar als die Einkommensteuer. Dort muss
ehandelt werden.

Nun noch ein Wort zu den Linken, Herr Gysi. Finanz-
olitisch völlig von der Rolle ist die Fraktion Die Linke.
n der vorletzten Sitzungswoche debattierten wir hier
ber die Eigenmittelausstattung der EU. Ihre Sprecher
orderten im Europaausschuss und hier im Plenum, dass
an, damit jeder Arme in Europa von der EU 50 Euro

ro Monat bekommt, die Abführung an die EU von
Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts, in Steuern

usgedrückt, auf 3 Prozentpunkte anheben soll. Das ist
n Geld eine Forderung von 48 Milliarden Euro pro Jahr.
hre Kollegen schweigen sich darüber aus, wie das zu fi-
anzieren ist.


(Zuruf von der SPD: Sie drücken sich! – Gegenruf von der LINKEN: Wir haben doch gesagt, wie es finanziert werden soll!)


Sie haben in der gleichen Sitzung beim nächsten Ta-
esordnungspunkt über Ihre steuerpolitische Konzeption
Frau Dr. Höll war das – gesprochen. Das würde einen
eiteren Einnahmeausfall von 13 Milliarden bedeuten.
lso, innerhalb einer Stunde haben Sie 48 plus
3 Milliarden Euro gefordert, ohne zu sagen, wie diese
inanziert werden.


(Zurufe von der LINKEN)


Gestern haben Sie den Vorschlag gemacht, den Rent-
erinnen und Rentnern nicht 1 Prozent, sondern 4 Pro-
ent Rentenerhöhung zu gewähren.


(Beifall bei der LINKEN)


as würde noch einmal 17 Milliarden Euro bedeuten.
er 78 Milliarden Euro in nur drei Anträgen derart vor-

tellt, ohne den Leuten zu sagen, wie es finanziert wer-
en soll –


(Zuruf von der LINKEN: Das ist falsch!)


ie Finanzierung würde eine um 10 Prozentpunkte hö-
ere Mehrwertsteuer bedeuten, also eine Steigerung von
9 auf 29 Prozent –,


(Widerspruch bei der LINKEN)


er hat überhaupt kein Recht, mit dem Finger auf die
olleginnen und Kollegen von der CSU zu zeigen.


(Beifall bei der SPD – Eduard Oswald [CDU/ CSU]: Das war der Versuch eines versöhnlichen Abschlusses mit der Unionsfraktion! – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, das war für den Frieden am Wochenende gedacht!)







(A) )



(B) )


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616112800

Das Wort hat der Kollege Otto Bernhardt für die Uni-

onsfraktion.


Otto Bernhardt (CDU):
Rede ID: ID1616112900

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Die CSU hat als erste der drei Regierungspar-
teien eine große Einkommensteuerreform vorgelegt. Sie
hat auch die größte Kompetenz dafür. Denn Bayern


(Zuruf von der FDP: Schreibt ab!)


ist nun einmal das Land, das als erstes einen ausgegli-
chenen Haushalt vorlegen konnte und inzwischen seine
Schulden zurückzahlt.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Die beiden anderen Regierungsparteien werden nach-
ziehen. Die Sozialdemokraten haben angekündigt, be-
reits Ende dieses Monats eine Einkommensteuerreform
vorzulegen;


(Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Herr Beck! Die SPD war überrascht!)


wir sind gespannt, was drinsteht. Wir haben angekün-
digt, dass wir Anfang kommenden Jahres eine Reform
vorlegen. Ich sage schon an dieser Stelle: Es wird nicht
sehr viele Unterschiede zum Programm der CSU geben.
Denn es ist ein gutes Programm, das von der CSU vorge-
legt wurde.


(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Hermann Otto Solms [FDP]: Das ist doch keine Reform!)


Die Diskussion konzentriert sich im Wesentlichen auf
vier Punkte. Der eine Punkt ist der Grundfreibetrag. Ob
wir die 8 000 Euro schaffen, hängt davon ab, was die
Finanzen hergeben. Allerdings müssen wir beim Grund-
freibetrag ein Stück nach oben.


(Zuruf von der FDP: Das schlägt schon die SPD im Herbst vor!)


Der zweite Punkt, der leider sehr teuer wird, ist die
Abflachung des Tarifs. Allerdings ist es das Thema, das
die Menschen bewegt und das letztlich zu stiller Progres-
sion führt, also dazu, dass mancher zu wenig netto im
Portemonnaie hat.

Der dritte Punkt ist der Eingangssteuersatz. Den An-
satz der CSU in Richtung 12 Prozent wird wahrschein-
lich auch unser gemeinsames Programm enthalten, und
hinsichtlich des Spitzensteuersatzes gibt es zurzeit weder
bei der CSU noch bei der CDU die Diskussion, diesen zu
senken. Hier geht es um eine andere Frage.


(Zuruf von der LINKEN: Das ist ja wohl ein Ding!)


– Lesen Sie einmal das Programm der CSU und die Vor-
stellungen, die ich dazu für die CDU/CSU-Fraktion ent-
wickelt habe. Hier geht es darum, den Betrag, bei dem
der Spitzensteuersatz beginnt, nach oben zu schieben.
Alle, die sich mit Steuerfragen beschäftigen, wissen: Als
der Spitzensteuersatz in dieser Form eingeführt wurde,

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(C (D ab es eine viel größere Differenz zwischen dem durchchnittlichen Einkommen und dem, das dem Spitzenteuersatz unterliegt. Wir haben heute die Situation, dass ochqualifizierte Facharbeiter hier in eine ziemlich berohliche Nähe kommen. Das sind vier Mosaiksteine, in denen wir uns einig ind. Ich habe heute gehört, dass sie von den Linken der von der FDP abgeschrieben sein sollen. Okay. Ist gal. Vielleicht finden wir dann eine große Mehrheit hier m Hause. Es gibt natürlich noch zwei andere Punkte, hinsichtich deren ich mir sicher bin, dass wir die Kraft haben, ie aufzunehmen. Wir müssen allerdings auch über das hema des Solidaritätszuschlags sprechen. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)


atürlich können wir auf die 13 Milliarden Euro nicht in
inem Zug verzichten. Aber dass das eine Dauereinrich-
ung wird, hat niemand geglaubt, und das war nicht ge-

eint.

Ich nenne als sechsten Mosaikstein, der mir persön-
ich besonders am Herzen liegt: Wir müssen mittelfristig
damit kein falscher Eindruck entsteht – versuchen, die
rbschaftsteuer in die Einkommensteuer zu integrieren.
e mehr man sich mit der Erbschaftsteuer beschäftigt,
esto mehr erkennt man, dass es keine gerechte einfache
rbschaftsteuer gibt. Dennoch keine Sorge: Wir werden
en vorliegenden Entwurf mit den im Wesentlichen aus-
ehandelten und den letzten noch offenen Punkten natür-
ich in dieser Legislaturperiode verabschieden, aber wir
ürfen auch in die nächste gucken. Ich sage sehr deut-
ich: Die in dieser Legislaturperiode von der Großen Ko-
lition gemeinsam durchgeführte Unternehmensteuerre-
orm, dieses gemeinsame Reformwerk, ist einer der
ründe für die positive Entwicklung der Wirtschaft. Wir
erden in dieser Legislaturperiode auch eine vernünftige
rbschaftsteuer verabschieden.


(Zuruf von der FDP: Da bin ich einmal gespannt!)


Im Mittelpunkt der Überlegungen für die nächste Le-
islaturperiode steht aber mit Sicherheit eine große Ein-
ommensteuerreform. Der Tatbestand, dass heute von
00 Euro brutto im Durchschnitt 40 Euro netto übrig
leiben, kann so nicht hingenommen werden. Natürlich
eiß ich, dass dies nicht nur ein Thema der Steuerpolitik

st, sondern dass auch die Sozialabgaben daran einen
esentlichen Anteil haben. Es wird aber auf alle Fälle

ine Einkommensteuerreform geben, und die CSU hat
ichtige Impulse für diese notwendige Maßnahme gege-
en.

Danke schön.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616113000

Für die SPD-Fraktion spricht nun die Kollegin

abriele Frechen.






(A) )



(B) )


Gabriele Frechen (SPD):
Rede ID: ID1616113100

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Eigentlich müssten wir den Linken ja dankbar
sein, dass sie diese Aktuelle Stunde beantragt haben. Es
war doch richtig amüsant: Frau Höll wirft dem Aus-
schussvorsitzenden Oswald vor, dass er ihre Mogel-
packung als Wahlversprechen verkauft.


(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Dass er nicht richtig abgeschrieben hat!)


Herr Dr. Solms beschwert sich, dass er nicht genannt
wurde, obwohl er ja einen Beitrag zur Überschrift geleis-
tet hat. Als Florian Pronold die Genese der Abschaffung
der Entfernungspauschale darlegte, hat das ganze Haus,
außer der SPD natürlich, völlig entrüstet aufgeschrien.


(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Ihr habt sie doch erst einmal abgeschafft!)


Frau Scheel möchte auch noch ein wenig beteiligt sein:
Statt Sparen und Verzicht auf Steuersenkung sagt Frau
Scheel, wir müssten mehr ausgeben und mehr investie-
ren, also rauf mit den Schulden und runter mit den Steu-
ern.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: An den richtigen Stellen investieren!)


Das war zum Teil schon kabarettistisch.

Herrn Oswald bewundere ich dafür, mit wie viel
Charme er das vorgetragen hat, was die CSU wo auch
immer hergeholt hat. À la bonheur! Bei Otto Bernhardt
hatte ich immer Angst, er müsste anfangen zu lachen, als
er das Ganze auch noch als große Einkommensteuer-
reform verkaufen wollte. Er hat es geschafft, seine Rede
ohne Lachen über die Bühne zu bringen.


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: Er hat es ganz ernst vorgetragen! Das meint er auch so!)


Der schönste Satz in dem Papier der CSU lautet: Die
CSU lehnt Steuersenkungen auf Pump ab. – Das ist ja
einhellige Meinung innerhalb der Großen Koalition. Das
können wir unterstützen.


(Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann kann man ja verlangen, so lange zu warten, bis der Bundeshaushalt auf Null ist!)


Der CDU-Haushaltsexperte, Herr Kampeter, hat dazu
ganz klar gesagt, er fordere die Schwesterpartei zur Zu-
sammenarbeit auf und erteile Entlastungen vor der Bun-
destagswahl im kommenden Jahr eine klare Absage.


(Eduard Oswald [CDU/CSU]: Er hatte das Papier noch nicht gelesen, als er das gesagt hat!)


Auch Peer Steinbrück bekennt sich zu der Aussage,
keine Steuersenkung auf Pump durchzuführen. Er sagte
dem Handelsblatt:

Wer zum jetzigen Zeitpunkt Steuersenkungen for-
dert, setzt ohne rot zu werden die Politik fort, die in
der Vergangenheit zu dem Schuldenberg von
1500 Mrd. Euro in Deutschland geführt hat.

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(C (D (Eduard Oswald [CDU/CSU]: Ich bin gespannt, was im SPD-Vorschlag drinsteht!)


Ein bisschen wundere ich mich über den Zeitpunkt.
s wird nun ausgerechnet wenige Monate vor der baye-

ischen Landtagswahl, in deren Vorfeld ja das Problem
uf der CSU lastet, dass der neuen Doppelspitze trotz ih-
er vier Füße die Schuhe des Vorgängers immer noch et-
as zu groß sind,


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


ieses Konzept vorgelegt, das ab 2012 Steuersenkungen
erspricht.

Das Konzept weicht ja ein wenig vom Vorschlag der
inken zur Erhöhung des Grundfreibetrages ab. Laut
ntrag der Linken sollte der Grundfreibetrag um
8 Euro pro Monat steigen, laut Konzept der CSU soll er
m 28 Euro und 34 Cent steigen. Das sind natürlich ganz
ravierende Unterschiede.

Auf der Homepage der CSU habe ich folgende Aus-
agen zur Erläuterung des Konzeptes gefunden:

Wesentlicher Bestandteil des Steuerkonzepts sei ein
Grundfreibetrag von 8000 Euro für jedes Kind ab
2012. Für eine fünfköpfige Familie sei dann ein
Jahreseinkommen von 40 000 Euro steuerfrei. Da-
mit orientiere sich die CSU an der kinderfreundli-
chen Steuerpolitik Frankreichs.

iese fünfköpfige Familie bezahlt in Deutschland nach
errechnung des Kindergelds auch heute keine Steuern.
nd über die Kinderfreundlichkeit der Steuerpolitik
rankreichs sollten Sie noch einmal ein bisschen nachle-
en. Die Welt hat dazu geschrieben:

Gezahlt wird häufig nur, wenn die Eltern arbeiten.
Die Höhe der Förderung pro Kind steigt mit der
Zahl der Kinder an. Und anstatt das Kinderkriegen
zu unterstützen, konzentriert sich der Staat auf die
Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

as ist hundertprozentig auch die Meinung der SPD-
raktion. Deshalb werden wir auch in diese Richtung
eitergehen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wer vorgibt, Menschen helfen zu wollen, und sich
icht zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie bekennt,
er schadet nicht nur den Menschen, die heute berufstä-
ig sein können, sondern auch denen, die irgendwann
päter einmal Rente haben wollen. Wer dann noch Al-
ersarmut beklagt und sich gegen die Vereinbarkeit von
eruf und Familie und gegen Mindestlöhne ausspricht,

st ein politischer Hütchenspieler, zumindest in meinen
ugen.


(Beifall bei der SPD)


Ich habe noch einen letzten Satz gefunden, der mir
benfalls sehr gut gefällt:

Unser Steuerkonzept ist ohne neue Schulden solide
finanzierbar.






(A) )



(B) )


Gabriele Frechen
Auch dieser Satz stammt aus dem CSU-Konzept. Wir in
der Großen Koalition versuchen, bis 2011 einen ausge-
glichenen Haushalt hinzubekommen. Noch machen wir
jedes Jahr neue Schulden, und noch sind wir von Tilgung
weit entfernt. Ihr Programm – ich sage das in aller
Freundschaft, Herr Oswald – kostet bis 2012 63 Milliar-
den Euro. Man muss nämlich 2009, 2010, 2011 und
2012 addieren; es gilt ja nicht nur für ein Jahr.


(Dr. Hermann Otto Solms [FDP]: Die haben doch 100 Milliarden! – Otto Bernhardt [CDU/ CSU]: Wir kriegen doch jedes Jahr Steuern!)


Als ob Sie das ohne neue Schulden hinbekommen könn-
ten! Das ist wirklich eine Beleidigung für jedes bayeri-
sche Milchmädchen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Burkhardt Müller-Sönksen [FDP]: Nichts gegen Milchmädchen!)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616113200

Das Wort hat der Kollege Albert Rupprecht für die

Unionsfraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU – Florian Pronold [SPD]: Fraktion oder CSU?)



Albert Rupprecht (CSU):
Rede ID: ID1616113300

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren!

Einige der Reden haben sich stark mit der Vergangenheit
beschäftigt.


(Burkhardt Müller-Sönksen [FDP]: Aber mit Ihrer Vergangenheit!)


Herr Gysi, Herr Solms, Sie wissen wie wir alle, dass wir
2002 eine vollkommen andere Situation hatten. Wir hat-
ten im Haushalt ein strukturelles Defizit von 60 Milliar-
den Euro und eine Arbeitslosigkeit von 5 Millionen. Sie
wissen, dass uns das gezwungen hat, Maßnahmen zu er-
greifen, die wir nicht ergreifen wollten, die aber zwin-
gend notwendig waren.

Herr Gysi, wenn Sie das hören wollen – ich sage es
gerne an dieser Stelle –: Es war in der Tat ein Fehler, die
Pendlerpauschale abzuschaffen. Ich glaube, es gehört
zur politischen Kultur, zugeben zu können, dass man ei-
nen Fehler begangen hat.


(Beifall bei der CDU/CSU und der LINKEN)


Bei der heutigen Debatte geht es aber um weit mehr
als um Steuerfragen. Es geht um die erstmalig eingetre-
tene Situation im Nachkriegsdeutschland, dass die Leis-
tungsträger der Gesellschaft trotz Wirtschaftswachstum
ärmer werden. Früher hatten die Fleißigen in der Gesell-
schaft – die Arbeitnehmer, die Mittelständler – das Ver-
trauen in unser Land, dass, wer anpackt, wer fleißig ist,
auch die Möglichkeit hat, etwas aufzubauen. Das Motto
in Deutschland war: Wenn ich fleißig bin, besteht die
Chance, dass meine Kinder es einmal besser haben als
ich.

Heute erleben die Leistungsträger in Deutschland die
Situation, dass die Lohnerhöhungen durch Preissteige-

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(C (D ungen aufgezehrt werden und dass die kalte Progression en Steuerzahlern 15 Milliarden Euro jährlich aus den aschen zieht, sodass sie unterm Strich real Einkommenserluste erleiden. Deswegen zweifeln die Menschen daan, dass Leistung sich lohnt. Dieser Vertrauensverlust ist n der Tat hochgefährlich für das Gemeinwesen als solhes. (Frank Schäffler [FDP]: Die Analyse ist richtig; aber wer ist daran schuld?)


Es geht schlichtweg darum, ob es künftig noch eine
usgeprägt bürgerliche Gesellschaft und Mittelschicht
ibt, ob es eine bürgerliche Basis gibt. Ohne Mittel-
chicht und ohne Leistungsträger wird Deutschland wirt-
chaftlich, kulturell, aber auch sozial Schaden leiden.
er Staat hat den Leistungsträgern in den vergangenen

ahren einen erheblichen Beitrag zur Sanierung unseres
andes abverlangt: Abbau der Arbeitslosigkeit, Abbau
er Staatsverschuldung, Steigerung des Wirtschafts-
achstums; ein Kraftakt, der wesentlich vom Mittel-

tand geschultert wurde.

Jetzt geht es im nächsten Schritt in der Tat darum,
ass sich der Staat selbst diszipliniert und den Bürgern
ieder mehr Geld in der Tasche lässt.


(Beifall bei der CDU/CSU)


s geht darum, dass die Bürger am Aufschwung teilha-
en. Mehr netto vom Brutto ist das Gebot der Stunde.
eswegen schlagen wir von der CSU ein Steuerpro-
ramm mit einer Entlastung von 28 Milliarden Euro bei
er Einkommensteuer vor. Diese Entlastung gibt den Ar-
eitnehmern, den Mittelständlern und den Familien
ehr Spielraum.

Lassen Sie mich auf zwei Punkte, die in den vergan-
enen Tagen und auch heute diskutiert wurden, einge-
en.

Erster Punkt. Herr Staatssekretär, es stellt sich natür-
ich die Frage, ob wir mit unserem Konzept im Jahre
011 einen ausgeglichenen Haushalt erreichen werden.
unächst einmal ist festzustellen, dass das Konzept drei
chritte beinhaltet. Bis 2011 vollziehen wir nicht alle
rei Schritte, sondern nur die ersten beiden. Diese beiden
chritte bedeuten für den Bundeshaushalt nicht eine Be-

astung von 28 Milliarden Euro, sondern nur eine Belas-
ung von 9 Milliarden Euro. Dies relativiert einiges.

Zudem wird Deutschland nach den vorliegenden
achstumsprognosen im Jahr 2012 90 bis 100 Milliar-

en Euro mehr Steuern einnehmen als 2008. Wir wollen,
ass der Staat zumindest auf ein Drittel davon zugunsten
er Steuerzahler verzichtet. Herr Staatssekretär, der
aushalt 2012 ist noch nicht verabschiedet. Jedes Jahr
uss politisch diskutiert werden, wo die Schwerpunkte

u setzen sind. Es würde aber an den Nerv der Gesell-
chaft gehen, wenn die Leistungsträger die Reformen
icht mehr mittragen, weil sie merken, dass sie am Auf-
chwung nicht teilhaben. Es ist an der Zeit, zu hinterfra-
en, ob die Gewichtung bei den bisher getroffenen Ent-
cheidungen verändert werden muss. Ich wiederhole:
er Haushalt des Jahres 2012 wird nicht im Jahr 2008
erabschiedet. Was hätten wir für ein parlamentarisches






(A) (C)

Albert Rupprecht (Weiden)


Selbstverständnis, wenn wir nicht Gewichtungen ver-
schieben und Veränderungen vornehmen könnten?


(Beifall bei der CDU/CSU)


Wir wollen, wie gesagt, dass der Staat auf ein Drittel
der Mehreinnahmen zugunsten der Steuerzahler verzich-
tet – nicht mehr und nicht weniger. Der Staat hat dann
immer noch 72 Milliarden Euro der Mehreinnahmen für
zusätzliche öffentliche Ausgaben zur Verfügung.


(Florian Pronold [SPD]: Die sind doch alle schon verplant!)


Das ist eine gesellschaftspolitische Frage; denn es kann
nicht sein, dass der Staat 100 Prozent der Mehreinnah-
men an sich reißt. Wer die steuerliche Entlastung in
Gänze ablehnt und der Meinung ist, dass 100 Prozent der
Steuermehreinnahmen dem Staat zugute kommen müss-
ten, akzeptiert im Umkehrschluss den Weg in den hun-
dertprozentigen Steuerstaat. Ich bin der Ansicht, das hat
mit einer freien Gesellschaft nichts zu tun; das kann
nicht unser politisches Leitbild sein.

Zweiter Punkt. Manche sagen, Entlastung ja, aber
ausschließlich über eine Senkung der Lohnnebenkosten.
Wir haben die Lohnnebenkosten in den vergangenen
Jahren um 23 Milliarden Euro gesenkt. Aber auch da
gibt es Grenzen. Eine Senkung der Lohnnebenkosten
heißt umgekehrt auch weniger Geld für das Gesundheits-
wesen, Krankenhäuser, Pflegeheime und Arbeitslose.


(Zuruf von der LINKEN: Genau so ist es!)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616113400

Kollege Rupprecht, achten Sie bitte auf Ihre Redezeit.


Albert Rupprecht (CSU):
Rede ID: ID1616113500

Sie können in den sozialen Sicherungen nicht unend-

lich mehr sparen und den Druck weiter erhöhen.


(Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]: Völlig richtig!)


Ich komme zum Schluss. Eine Steuerentlastung um
28 Milliarden Euro für die Bürger ist bei einem vernünf-
tigen wirtschaftlichen Wachstum mit einem ausgegliche-
nen Haushalt 2011 vereinbar. Mehr netto vom Brutto ist
zwingend notwendig, damit die Leistungsträger im Land
motiviert anpacken und Vertrauen in unser Gemeinwe-
sen zurückgewinnen.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1616113600

Die Aktuelle Stunde ist beendet.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sind damit am
Schluss unserer heutigen Tagesordnung.

Ich berufe die nächste Sitzung des Deutschen Bun-
destages auf Mittwoch, den 28. Mai 2008, 13 Uhr, ein.

Ich wünsche Ihnen schöne Pfingstfeiertage.

Die Sitzung ist geschlossen