Protokoll:
15011

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Metadaten
  • date_rangeWahlperiode: 15

  • date_rangeSitzungsnummer: 11

  • date_rangeDatum: 15. November 2002

  • access_timeStartuhrzeit der Sitzung: 09:00 Uhr

  • av_timerEnduhrzeit der Sitzung: 15:34 Uhr

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  • tocInhaltsverzeichnis
    Erweiterung der Tagesordnung . . . . . . . . . . . 647 A Zusatztagesordnungspunkt 5: Erste Beratung des von den Abgeordneten Wolfgang Bosbach, Hartmut Koschyk, weiteren Abgeordneten und der Fraktion der CDU/CSU eingebrachten Entwurfs ei- nes Ersten Gesetzes zur Korrektur des Versorgungsänderungsgesetzes 2001 (Drucksache 15/45) . . . . . . . . . . . . . . . . . 647 B in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 9: Erste Beratung des von den Fraktionen der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ- NEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zurEinbeziehung beurlaubterBeamter in die kapitalgedeckte Altersversorgung (Drucksache 15/97) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 647 B Tagesordnungspunkt 10: a) Beschlussempfehlung und Bericht des Auswärtigen Ausschusses zu dem An- trag der Bundesregierung: Fortsetzung des Einsatzes bewaffneter deutscher Streitkräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf terro- ristische Angriffe gegen die USA auf der Grundlage des Art. 51 der Sat- zung der Vereinten Nationen und des Art. 5 des Nordatlantikvertrags so- wie der Resolutionen 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen (Drucksache 15/37, 15/67) . . . . . . . . . 647 D b) Bericht des Haushaltsausschusses gemäß § 96 der Geschäftsordnung (Drucksache 15/70) . . . . . . . . . . . . . . . 648 A Gernot Erler SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 648 A Ruprecht Polenz CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . 649 C Joseph Fischer, Bundesminister AA . . . . . . . . 651 B Dr. Wolfgang Schäuble CDU/CSU . . . . . 652 A Christian Schmidt (Fürth) CDU/CSU . . . 652 D Dr. Werner Hoyer FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . 653 D Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministe- rin BMZ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 655 C Hans Raidel CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . . . . 657 B Winfried Nachtwei BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 658 C Arnold Vaatz CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . . . 660 A Rainer Arnold SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 661 B Dr. Andreas Schockenhoff CDU/CSU . . . . . 663 A Gert Weisskirchen (Wiesloch) SPD . . . . . . . 664 A Ruprecht Polenz CDU/CSU . . . . . . . . . . 664 B Petra Pau fraktionslos . . . . . . . . . . . . . . . . . . 665 C Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . . 666 B Ergebnis der namentlichen Abstimmung . . . . 667 D Winfried Hermann BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 666 C Tagesordnungspunkt 11: a) – Zweite und dritte Beratung des von den Fraktionen der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN Plenarprotokoll 15/11 Deutscher Bundestag Stenografischer Bericht 11. Sitzung Berlin, Freitag, den 15. November 2002 I n h a l t : eingebrachten Entwurfs eines Ers- ten Gesetzes für moderne Dienst- leistungen am Arbeitsmarkt (Drucksache 15/25) . . . . . . . . . . . . 670 B – Zweite und dritte Beratung des von den Fraktionen der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Zwei- ten Gesetzes für moderne Dienst- leistungen am Arbeitsmarkt (Drucksache 15/26) . . . . . . . . . . . . 670 B – Zweite und dritte Beratung des von der Fraktion der CDU/CSU ein- gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Aktivierung kleiner Jobs (Kleine-Jobs-Gesetz) (Drucksache 15/23) . . . . . . . . . . . . 670 B – Zweite und dritte Beratung des von den Abgeordneten Karl-Josef Laumann, Dagmar Wöhrl, weiteren Abgeordneten und der Fraktion der CDU/CSU eingebrachten Entwurfs einesGesetzes zum optimalen För- dern und Fordern in Vermittlungs- agenturen (OFFENSIV-Gesetz) (Drucksachen 15/24, 15/77, 15/78, 15/79, 15/80, 15/81) . . . . . . . . . . . 670 B b) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Wirtschaft und Arbeit zu dem Antrag der Abgeordneten Rainer Brüderle, Dirk Niebel, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Handeln für mehrArbeit (Drucksachen 15/32, 15/77) . . . . . . . . 670 D in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 6: Erste Beratung des von der Fraktion der CDU/CSU eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zum Fördern und Fordern in der Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe (Drucksache 15/46) . . . . . . . . . . . . . . . . . 671 A in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 7: Erste Beratung des von den Abgeordneten Dirk Niebel, Rainer Brüderle, weiteren Ab- geordneten und der Fraktion der FDP ein- gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Reform derArbeitnehmerüberlassung (Drucksache 15/55) . . . . . . . . . . . . . . . . . 671 A Klaus Brandner SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 671 B Dagmar Wöhrl CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . 673 D Dr. Thea Dückert BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 675 C Dr. Reinhard Göhner CDU/CSU . . . . . . . . . . 677 D Dr. Thea Dückert BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 678 C Rainer Brüderle FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 679 A Doris Barnett SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 680 B Ina Lenke FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 681 D Doris Barnett SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 682 A Dr. Joachim Pfeiffer CDU/CSU . . . . . . . . . . 682 B Dirk Niebel FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 684 A Wolfgang Clement, Bundesminister BMWA 685 A Friedrich Merz CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . 688 D Dr. Gesine Lötzsch fraktionslos . . . . . . . . . . 692 C Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . . 694 A Ergebnis der namentlichen Abstimmung . . . . 697 C Tagesordnungspunkt 12: a) Zweite und dritte Beratung des von den Fraktionen der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN ein- gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Sicherung der Beitragssätze in der ge- setzlichen Krankenversicherung und in der gesetzlichen Rentenversicherung (Beitragssatzsicherungsgesetz) (Drucksachen 15/28, 15/73, 15/75) . . . 694 C b) Zweite und dritte Beratung des von den Fraktionen der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN ein- gebrachten Entwurfs eines Zwölften Gesetzes zur Änderung des Fünften Buches Sozialgesetzbuch (Zwölftes SGB V-Änderungsgesetz) (Drucksachen 15/27, 15/74, 15/76) . . . 694 D Ulla Schmidt, Bundesministerin BMGS . . . . . 695 A Horst Seehofer CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . 699 B Dr. Wolfgang Wodarg SPD . . . . . . . . . . . . . . 703 B Horst Seehofer CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . 704 A Birgitt Bender BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 704 B Dr. Heinrich L. Kolb FDP . . . . . . . . . . . . . . . 705 D Peter Dreßen SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 707 A Annette Widmann-Mauz CDU/CSU . . . . . . . 709 A Petra Selg BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN . . . 711 A Detlef Parr FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 712 B Silvia Schmidt (Eisleben) SPD . . . . . . . . . . . 713 D Maria Michalk CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . . 715 C Gudrun Schaich-Walch SPD . . . . . . . . . . . . . 716 D Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 11. Sitzung. Berlin, Freitag, den 15. November 2002II Dr. Gesine Lötzsch fraktionslos . . . . . . . . . . 718 C Gerald Weiß (Groß-Gerau) CDU/CSU . . . . . 719 C Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . . 720 D Ergebnis der namentlichen Abstimmung . . . . 721 C Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 723 D Berichtigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 723 D Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . 725 A Anlage 2 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Rüdiger Veit, Klaus Barthel (Starnberg), Lothar Binding (Heidelberg), Marco Bülow, Reinhold Hemker, Petra Heß, Walter Hoffmann (Darm- stadt), Astrid Klug, Horst Kubatschka, Christine Lehder, Götz-Peter Lohmann (Neubranden- burg), Dr. Christine Lucyga, Dr. Wilhelm Priesmeier, Florian Pronold, René Röspel, Horst Schmidbauer (Nürnberg), Ottmar Schreiner, Dr. Sigrid Skarpelis-Sperk, Christoph Strässer und Waltraud Wolff (Wolmirstedt) (alle SPD) zur Abstimmung über den Antrag der Bundes- regierung: Fortsetzung des Einsatzes bewaffne- ter deutscher Streitkräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe gegen die USAauf der Grundlage des Art. 51 der Satzung der Vereinten Nationen und des Art. 5 des Nordatlantikvertrages sowie der Resolution 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (Tages- ordnungspunkt 10) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 725 B Anlage 3 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Dr. Antje Vollmer, Christa Nickels, Thilo Hoppe, Josef Philip Winkler, Rainder Steenblock und Jerzy Montag (alle BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN) zur Abstimmung über den Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung des Einsatzes bewaffneter deutscher Streitkräfte bei der Un- terstützung der gemeinsamen Reaktion auf ter- roristische Angriffe gegen die USA auf der Grundlage des Art. 51 der Satzung der Verein- ten Nationen und des Art. 5 des Nord- atlantikvertrages sowie der Resolution 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (Tagesordnungspunkt 10) 726 A Anlage 4 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Jutta Dümpe-Krüger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) zur Abstimmung über den Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung des Einsat- zes bewaffneter deutscher Streitkräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe gegen die USA auf der Grundlage des Art. 51 der Satzung der Verein- ten Nationen und des Art. 5 des Nordatlan- tikvertrages sowie der Resolution 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicherheitsrates der Ver- einten Nationen (Tagesordnungspunkt 10) 726 C Anlage 5 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) zur Abstimmung über den Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung des Einsat- zes bewaffneter deutscher Streitkräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe gegen die USA auf der Grundlage des Art. 51 der Satzung der Verein- ten Nationen und des Art. 5 des Nordatlan- tikvertrages sowie der Resolution 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicherheitsrates der Ver- einten Nationen (Tagesordnungspunkt 10) . . . 727 B Anlage 6 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Jürgen Koppelin (FDP) zur Abstimmung über den Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung des Einsatzes bewaffneter deutscher Streit- kräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe gegen die USA auf der Grundlage des Art. 51 der Sat- zung der Vereinten Nationen und des Art. 5 des Nordatlantikvertrages sowie der Resolution 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicherheits- rates der Vereinten Nationen (Tagesordnungs- punkt 10) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 728 A Anlage 7 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Rüdiger Veit, Klaus Barthel (Starnberg), Götz- Peter Lohmann (Neubrandenburg), Dr. Christine Lucyga, Florian Pronold, René Röspel, Thomas Sauer, Anton Schaaf, Ottmar Schreiner, Dr. Sigrid Skarpelis-Sperk und Waltraud Wolff (Wolmirstedt) (alle SPD) zur namentlichen Ab- stimmung über den Entwurf eines Zweiten Ge- setzes für moderne Dienstleistungen am Arbeits- markt (Tagesordnungspunkt 11 a) . . . . . . . . . . . 728 A Anlage 8 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Willi Brase, Peter Dreßen, Klaus Kirschner, Hans Büttner (Ingolstadt), Horst Kubatschka, Horst Schmidbauer (Nürnberg), Anette Kramme, Jella Teuchner und Verena Wohlleben (alle SPD) zur namentlichen Ab- Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 11. Sitzung. Berlin, Freitag, den 15. November 2002 III stimmung über den Entwurf eines Zweiten Ge- setzes für moderne Dienstleistungen am Ar- beitsmarkt (Tagesordnungspunkt 11 a) . . . . . . 728 B Anlage 9 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Fritz Schösser (SPD) zur namentlichen Ab- stimmung über den Entwurf eines Zweiten Ge- setzes für moderne Dienstleistungen am Ar- beitsmarkt (Tagesordnungspunkt 11 a) . . . . . . 728 D Anlage 10 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Hans Büttner (Ingolstadt) (SPD) zur nament- lichen Abstimmung über den Entwurf eines Zweiten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Tagesordnungspunkt 11 a) 729 A Anlage 11 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Dr. Wolfgang Wodarg, Horst Schmidbauer (Nürnberg), Horst Kubatschka, Dr. Heinz Köhler, Willi Brase, Fritz Schösser, Renate Gradistanac, Engelbert Wistuba, Hans Büttner (Ingolstadt), Ingrid Arndt-Brauer, Axel Schäfer (Bochum), Rolf Kramer, Ursula Mogg, Dr. Hermann Scheer, Dirk Manzewski, Ulrike Mehl, Wolfgang Spanier, Frank Hofmann (Volkach), Hans-Werner Bertl, Erika Simm, Klaus Barthel (Starnberg), Florian Pronold, Bernd Scheelen, René Röspel, Verena Wohlleben und Karin Evers-Meyer (alle SPD) zur namentlichen Abstimmung über den Ent- wurf eines Gesetzes zur Sicherung der Bei- tragssätze in der gesetzlichen Kranken- versicherung und in der gesetzlichen Renten- versicherung (Beitragssatzsicherungsgesetz) (Tagesordnungspunkt 12 a) . . . . . . . . . . . . . . . 729 C Anlage 12 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Hubertus Heil, Sabine Bätzing, Dr. Hans-Peter Bartels, Sören Bartol, Klaus Uwe Benneter, Dr. Axel Berg, Ute Berg, Petra Bierwirth, Marco Bülow, Martin Dörmann, Sebastian Edathy, Siegmund Ehrmann, Petra Ernstberger, Gabriele Frechen, Kerstin Griese, Michael Hartmann (Wackernheim), Nina Hauer, Monika Heubaum, Petra Heß, Eike Hovermann, Klaas Hübner, Johannes Kahrs, Ulrich Kelber, Astrid Klug, Christian Lange (Backnang), Dirk Manzewski, Lothar Mark, Caren Marks, Christan Müller (Zittau), Gesine Multhaupt, Dr. Carola Reimann, Silvia Schmidt (Eisleben), Carsten Schneider, Karsten Schönfeld, Swen Schulz (Spandau), Dr. Martin Schwanholz, Rolf Stöckel, Simone Violka, Andreas Weigel, Andrea Wicklein und Dr. Rainer Wend (alle SPD) zur Abstimmung über den Entwurf eines Gesetzes zur Sicherung der Beitragssätze in der gesetzlichen Kranken- versicherung und in der gesetzlichen Renten- versicherung (Beitragssatzsicherungsgesetz) (Tagesordnungspunkt 12 a) . . . . . . . . . . . . . . . 730 A Anlage 13 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Alexander Bonde, Anna Lührmann, Grietje Bettin, Josef Philip Winkler, Kerstin Andreae, Christine Scheel, Michaele Hustedt, Albert Schmidt (Hitzhofen), Anja Hajduk, Rainder Steenblock, Werner Schulz (Berlin), Petra Selg, Hubert Ulrich, Dr. Antje Vogel-Sperl, Franziska Eichstädt-Bohlig, Peter Hettlich, Ulrike Höfken und Marianne Tritz (alle BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) zur nament- lichen Abstimmung über den Entwurf eines Ge- setzes zur Sicherung der Beitragssätze in der ge- setzlichen Krankenversicherung und in der gesetzlichen Rentenversicherung (Beitragssatz- sicherungsgesetz) (Tagesordnungspunkt 12 a) 730 C Anlage 14 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Ulrich Kasparick (Ingolstadt) (SPD) zur namentlichen Abstimmung über den Entwurf eines Gesetzes zur Sicherung der Beitrags- sätze in der gesetzlichen Rentenversicherung (Beitragssatzsicherungsgesetz) (Tagesordnungs- punkt 12 a) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 731 C Anlage 15 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Waltraud Wolff (Wolmirstedt), Petra Bierwirth, Petra Heß, Eckhart Lewering, Götz-Peter Lohmann (Neubrandenburg), Dr. Christine Lucyga, Dirk Manzewski, Markus Meckel, Dr. Marlies Volkmer, Jürgen Wieczorek (Böhlen) (alle SPD) zur namentlichen Abstim- mung über den Entwurf eines Gesetzes zur Sicherung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung und in der gesetzlichen Rentenversicherung (Beitragssatzsicherungs- gesetz) (Tagesordnungspunkt 12 a) . . . . . . . . . 731 D Anlage 16 Amtliche Mitteilungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 732 C Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 11. Sitzung. Berlin, Freitag, den 15. November 2002IV (A) (B) (C) (D) Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 11. Sitzung. Berlin, Freitag, den 15. November 2002 647 11. Sitzung Berlin, Freitag, den 15. November 2002 Beginn: 9.00 Uhr
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    Berichtigung 9. Sitzung, Seite 526 (A), Anlage 4: Die Frage 20 wird durch die Parl. Staatssekretärin Marion Caspers-Merk beantwortet. Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 11. Sitzung. Berlin, Freitag, den 15. November 2002 725 (C) (D) (A) (B) Breuer, Paul CDU/CSU 15.11.2002 Dr. Däubler-Gmelin, SPD 15.11.2002 Herta Daub, Helga FDP 15.11.2002* Dr. Eberl, Christian FDP 15.11.2002 Eymer (Lübeck), Anke CDU/CSU 15.11.2002 Gönner, Tanja CDU/CSU 15.11.2002 Gradistanac, Renate SPD 15.11.2002 Hoffmann (Chemnitz), SPD 15.11.2002 Jelena Dr. Lamers CDU/CSU 15.11.2002* (Heidelberg), Karl A. Lietz, Ursula CDU/CSU 15.11.2002 Möllemann, Jürgen W. FDP 15.11.2002 Nitzsche, Henry CDU/CSU 15.11.2002 Rossmanith, Kurt J. CDU/CSU 15.11.2002* Wohlleben, Verena SPD 15.11.2002* * für die Teilnahme an den Sitzungen der Parlamentarischen Ver- sammlung der NATO Anlage 2 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Rüdiger Veit, Klaus Barthel (Starnberg), LotharBinding (Heidelberg), Marco Bülow, Reinhold Hemker, Petra Heß, Walter Hoffmann (Darmstadt), Astrid Klug, Horst Kubatschka, Christine Lehder, Götz-Peter Lohmann (Neubrandenburg), Dr. Christine Lucyga, Dr. Wilhelm Priesmeier, Florian Pronold, René Röspel, Horst Schmidbauer (Nürnberg), Ottmar Schreiner, Dr. Sigrid Skar- pelis-Sperk, Christoph Strässer und Waltraud Wolff (Wolmirstedt) (alle SPD) zur Abstimmung über den Antrag der Bundesregierung: Fortset- zung des Einsatzes bewaffneter deutscher Streit- kräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe gegen die USA auf der Grundlage des Art. 51 der Satzung der Vereinten Nationen und des Art. 5 des Nor- datlantikvertrages sowie der Resolution 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (Tagesordnungspunkt 10) entschuldigt bis Abgeordnete(r) einschließlich Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten Anlagen zum Stenografischen Bericht Wir stimmen dem oben genannten Antrag der Bundes- regierung zu. Wir tun dies vor dem Hintergrund einer ursprünglich ablehnenden bzw. skeptischen Haltung zum Mandat „Enduring Freedom“. Wir tun dies im Bewusstsein, dass die bisherige Bilanz von „Enduring Freedom“ nach einem Jahr höchst zwie- spältig ausfällt. Soweit es heute erkennbar ist, wurde einerseits das Taliban-Regime in Afghanistan als Stütze des Terrorismus beseitigt und Gewalt, Not und Unter- drückung in diesem Land teilweise reduziert. Anderer- seits bestehen, vor allem außerhalb der Hauptstadtregion, weiterhin kriminelle, gewalttätige und terroristische Strukturen fort und/oder formieren sich neu. Für uns ist nicht erkennbar, wie die noch offenen Pro- bleme in Afghanistan durch „Enduring Freedom“ zu lösen sind. Wir bleiben dabei, dass viele der vor allem von den USA eingesetzten Mittel unverhältnismäßig waren. Flächenbombardements und zivile Opfer sind auch rück- blickend nicht zu rechtfertigen. Wegen dieser grundsätzlichen Bedenken sind wir der Ansicht, dass die von der US-Regierung offenbar ge- plante militärische Intervention gegen den Irak politisch, völkerrechtlich und im Hinblick auf die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland als unvertretbar angesehen werden muss und von uns daher abgelehnt wird. Wir be- grüßen in diesem Zusammenhang die eindeutige Festle- gung der Bundesregierung, sich an einer militärischen Aktion der USA gegen den Irak weder mittelbar noch un- mittelbar zu beteiligen, und halten fest, dass gerade we- gen der Formulierung des ursprünglichen Mandats („Deutsche Kräfte werden sich an etwaigen Einsätzen ge- gen den internationalen Terrorismus in anderen Staaten als Afghanistan nur mit Zustimmung der jeweiligen Regierung beteiligen“) ein derartiger Bundeswehreinsatz durch die hier in Rede stehende Entscheidung nicht legitimiert wird. Wenn wir heute der Verlängerung des unveränderten Mandats zustimmen, dann geschieht dies in Anerkennung der positiven Entwicklung in Afghanistan auf der einen Seite und des verantwortungsvollen Umgangs der Bun- desregierung mit dem Mandat „Enduring Freedom“ an- dererseits. Wir sind der Auffassung, dass ein Abziehen ausländischer Streitkräfte bzw. Ordnungskräfte in Afgha- nistan zu einer Destabilisierung der dortigen Lage führen würde und derzeit nicht verantwortet werden kann. Einige der heute zu würdigenden Erfolge sind offen- sichtlich nicht „Enduring Freedom“ zuzuschreiben, son- dern den von uns stets geforderten und unterstützten zivi- len Komponenten der Antiterrormaßnahmen und dem ISAF-Mandat der internationalen Staatengemeinschaft. Wir regen an, möglichst bald jeglichen Einsatz der Bun- deswehr im Rahmen von „Enduring Freedom“ in die Strukturen und Zielsetzungen des ISAF-Mandats zu über- führen. Wir stimmen zu auf der Basis der uns vorliegenden Information, dass die Bombardements in Afghanistan inzwischen beendet worden sind und insoweit auch die Sorge nicht mehr begründet ist, es werde dadurch unter der Zivilbevölkerung zu einer nicht überschaubaren An- zahl von weiteren Opfern kommen. Wir verbinden dies mit der ausdrücklichen Aufforderung an die Bundesregie- rung, auf die Verbündeten dahin gehend einzuwirken, dass dergleichen auch im Rahmen weiterer Auseinander- setzungen insbesondere bei etwaigen militärischen Eska- lationen in Afghanistan unterbleibt und eine weitere deut- sche Beteiligung an diesem Mandat erforderlichenfalls auch hiervon abhängig zu machen ist. Wir begrüßen die bisherige Aufbauleistung, vor allem die Sicherung entstehender demokratischer Strukturen und die im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit geleistete Hilfe und sehen hierin wie in der konsequenten Fortführung des politischen Prozesses die eigentliche Per- spektive in der Befriedung dieses geschundenen Landes und der gesamten Region. Wir bekräftigen aber unsere Überzeugung, dass politische Probleme nicht durch mili- tärische Mittel gelöst werden können, sondern dass ein erfolgreicher Friedensprozess in Afghanistan und anderen Krisenregionen einer demokratischen, sozialen Grund- lage und der Achtung von Menschenrechten bedarf. Anlage 3 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Dr. Antje Vollmer, Christa Nickels, Thilo Hoppe, Josef Philip Winkler, Rainder Steenblock und Jerzy Montag (alle BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) zur Abstimmung über den Antrag der Bundesregierung: Fortset- zung des Einsatzes bewaffneter deutscher Streit- kräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe gegen die USA auf der Grundlage des Art. 51 der Satzung der Vereinten Nationen und des Art. 5 des Nord- atlantikvertrages sowie derResolution 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicherheitsrates der Verein- ten Nationen (Tagesordnungspunkt 10) Die intensive Beschäftigung mit den uns bisher be- kannten Formen des deutschen und internationalen Terro- rismus zeigt, dass sich Terrorismus mit militärischen Mit- teln nicht wirklich besiegen lässt. In zahlreichen Debatten haben wir deshalb unsere Überzeugung zum Ausdruck ge- bracht, dass durchdachte politische Lösungskonzepte not- wendig sind, um die historisch-politischen und sozialen Ursachen des Terrorismus langfristig zu bekämpfen, und dass jede kurzfristige Militäraktion hier zu kurz greift. Wir haben in der heutigen Abstimmung mit Ja ge- stimmt, weil wir anerkennen, dass sich die Bundesregie- rung von einem umfassenden Sicherheitsbegriff leiten lässt und besonders gegenüber Afghanistan eine Politik verfolgt, die in erster Linie dem Aufbau der Zivilgesell- schaft und von Rechtssicherheit dient. Der Konkretisierung eines deutschen Beitrags zu „Enduring Freedom“ entspricht die eindeutige Festlegung der Bundesregierung, sich an einem militärischen Angriff gegen den Irak unter keinen Umständen zu beteiligen. Es war maßgeblich für unsere Entscheidung, dass diese Er- klärung der Bundesregierung öffentlich vorliegt. Uns erfüllt jedoch mit Sorge, dass innerhalb der inter- nationalen Allianz gegen den Terror Menschenrechtsver- letzungen toleriert werden. Zur Bilanz des bisherigen Anti- terrorkampfes gehört auch, dass die Opfer beim Namen genannt und Fehlentwicklungen klar aufgezeigt werden. Der Kampf gegen den Terrorismus wird konterkariert, wenn er mit illegalen Mitteln wie etwa der extralegalen Tötung verdächtiger Personen außerhalb von Kampf- handlungen geführt wird, wie kürzlich im Jemen gesche- hen. Menschenrechtsrabatt im Antiterrorkampf darf es daher nicht geben. Wir gehen davon aus, dass die Bun- desregierung nicht nur dafür sorgt, dass sich die deutschen Einsatzkräfte strikt an das Grundgesetz und das Völker- recht halten, sondern darüber hinaus von allen Partnern in der Antiterrorkoalition die Einhaltung der Menschen- rechte einfordert. Anlage 4 Erklärung nach § 31 GO derAbgeordneten Jutta Dümpe-Krüger (BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN) zur Abstimmung über den Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung des Einsatzes bewaffneter deutscher Streitkräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reak- tion auf terroristische Angriffe gegen die USA auf der Grundlage des Art. 51 der Satzung der Vereinten Nationen und des Art. 5 des Nordat- lantikvertrages sowie der Resolution 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicherheitsrates der Verein- ten Nationen (Tagesordnungspunkt 10) Trotz starker Bedenken werde ich der Verlängerung des Bundeswehrmandats im Rahmen von „Enduring Free- dom“ zustimmen. Ich stehe nach wie vor zu der Überzeugung, dass Ter- rorismus mit militärischen Mitteln nicht verhindert wer- den kann. Es gibt aus meiner Sicht auch heute keine Rechtfertigung für den Tod unbeteiligter Zivilisten im so genannten Krieg gegen Terror. Obwohl sich Befürchtungen von vor einem Jahr nicht be- wahrheitet haben, dass eine gesamte Region destabilisiert werden und der Konflikt sich länderübergreifend ausweiten könnte, gibt es Indizien, dass der extremistische Islamismus weiter Zulauf findet. Dennoch gibt es Argumente, das Man- dat befristet zu verlängern. Der Abzug der Truppen zum jet- zigen Zeitpunkt würde den „Warlords“ in die Hände spielen und könnte zur Destabilisierung Afghanistans führen. Des- halb gab es für mich wesentliche Anforderungen, von denen ich meine persönliche Zustimmung zur Verlängerung des Enduring-Freedom-Einsatzes um ein Jahr abhängig ge- macht habe. Sie sind im Wesentlichen im neuen Antrag der Bundesregierung festgehalten, die der Deutsche Bundestag heute beschließen soll. Erstens. Die deutsche Bundesregierung hat mehrfach deutlich zum Ausdruck gebracht, dass es keine Beteili- gung Deutschlands an einem möglichen Krieg im Irak ge- ben wird und dies auch nicht Bestandteil des Mandats ist. Für diese Haltung muss ihr der Rücken gestärkt werden. Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 11. Sitzung. Berlin, Freitag, den 15. November 2002726 (C) (D) (A) (B) Zweitens. Es gibt keine Mandatserweiterung über die jetzigen Einsatzdefinitionen hinaus, sondern ein „unver- ändertes Mandat“, zeitlich begrenzt auf 12 Monate. Sollte ein über diesen Zeitraum hinaus gehendes deutsches mi- litärisches Engagement beabsichtigt werden, wird die Bundesregierung den Deutschen Bundestag mit der wei- teren Beteiligung deutscher Kräfte vor Ablauf der Frist von 12 Monaten konstitutiv befassen. Drittens. Es gibt die Zusage einer kontinuierlichen Be- richterstattung durch die Bundesregierung und die Zusi- cherung, über alle den Einsatz betreffenden Fragen so- wohl den Deutschen Bundestag als auch die beteiligten Ausschüsse kontinuierlich zu unterrichten. Außerdem wird die Bundesregierung dem Deutschen Bundestag ei- nen bilanzierenden Gesamtbericht über den Einsatz der bewaffneten deutschen Streitkräfte vorlegen. Viertens. Es gibt die öffentliche Zusicherung, dass die „Fuchs“-Spürpanzer in Kuwait im Falle eines Irakkrieges nicht zum Einsatz kommen. Ich hielte die Überlegung für sinnvoll, den Einsatz in Afghanistan unter das UN-Mandat für die Schutzgruppe ISAF zu überführen. Darüber hinaus sollten unter den gegebenen Umstän- den die zivilgesellschaftlichen Strukturen gestärkt und humanitäre Hilfe ausgebaut werden. Wichtige Nothilfe- Programme müssen durch Aufbauprogramme ergänzt werden. Der Deutsche Bundestag ist in der Pflicht, sich mit Perspektiven zu beschäftigen, die ein Ende der Aktion aufzeigen. Anlage 5 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) zur Abstimmung über den Antrag der Bundesregierung: Fortset- zung des Einsatzes bewaffneter deutscher Streit- kräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe gegen die USA auf der Grundlage des Art. 51 der Satzung der Vereinten Nationen und des Art. 5 des Nord- atlantikvertrages sowie der Resolutionen 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen (Tagesordnungspunkt 10) Die Teilnahme der Bundeswehr an dem Krieg gegen den Terrorismus im Rahmen von „Enduring Freedom“ lehne ich nach wie vor ab. Es ist zwar richtig, dass sich die politische Situation in Afghanistan durch den Kriegsein- satz im Rahmen von „Enduring Freedom“ grundlegend geändert hat. Das Taliban-Regime ist beseitigt, al-Qaida- Ausbildungslager sind zerstört. Frauen gehen ohne Schleier, Mädchen besuchen die Schulen, überhaupt le- ben die Menschen in der Hauptstadt und in einigen ande- ren Landesteilen freier. Aber zur Befreiung der Frauen, für ein freieres Leben der Menschen wurde der Krieg nicht geführt. Die Beseitigung eines diktatorischen, die Menschenrechte missachtenden Regimes rechtfertigt kei- nen Angriffskrieg. Wie sollten wir auch sonst gegen einen Krieg gegen den Irak zur Beseitigung Saddam Husseins und seines Regimes argumentieren? Offizielles Kriegsziel war der internationale Kampf gegen den islamistischen Terrorismus, die Verfolgung der Hintermänner der Anschläge in den USA vom 11. Sep- tember 2001. Diese sollten aufgespürt, gefangen genom- men und zur Verantwortung gezogen werden: „bring to justice“, wie es in der UN-Resolution heißt. Der Krieg wurde vom US-Militär von Anfang an nicht und wird bis heute nicht als eine Art Polizeiaktion geführt, um die für die Anschläge Verantwortlichen zur Rechen- schaft zu ziehen, wie Bundestagsbeschluss und UN-Re- solution dies vorsehen. Der Krieg ist schmutzig und grau- sam. Er wurde in Teilen als Vernichtungsfeldzug geführt. Flächenbombardements, Streubomben, Einkesseln und gnadenloses Vernichten von vermeintlich oder tatsächlich feindlichen Einheiten hatten den Tod von Tausenden von Menschen zur Folge. Über 6 000 unbeteiligte Zivilisten wurden getötet und zu Krüppeln. Gefangene wurden nicht gemacht, weder bei der „ver- sehentlich“ angegriffenen Hochzeitsgesellschaft noch beim Zusammenbomben des Konvois von Besuchern der Feierlichkeiten in Kabul noch beim Auslöschen von Men- schengruppen in den Bergen. Gefangene sollen auch gar nicht gemacht werden. Fallen doch mal Gefangene in die Hände der US-Armee, wie die in Kuba inhaftierten, dann findet kein rechtsstaatlicher Prozess statt. Exlegale Exeku- tionen, wie zuletzt im Jemen, gehören zur Kriegführung. Die Bundeswehr hat die US-Kriegführung von Anfang an unterstützt. Unabhängig davon, wie die Unterstützung im Einzelnen konkret aussieht, wie wichtig sie ist, ob sie etwa nur im Beobachten und Aufspüren besteht, die Bundeswehr ist Teil dieser Kriegführung und mitverantwortlich. Zur wirksamen Bekämpfung des islamistischen Ter- rors ist dieser Krieg ungeeignet. Das angegebene Kriegs- ziel wurde nur zum geringen Teil erreicht. Bin Laden, sein Stellvertreter und der Talibanführer Omar wurden im Krieg in Afghanistan nicht gefangen. Sie befinden sich weiter in Freiheit und wirken fort. Die wichtigsten Ver- dächtigen und die terroristischen Strukturen wurden aus Afghanistan in die Nachbarländer verdrängt. Dieser Krieg und insbesondere die gnadenlose Krieg- führung droht auch zu einem Rekrutierungsprogramm für Terroristen weltweit zu werden, im arabischen Raum von Kuwait bis Marokko, aber darüber hinaus auch in Ländern wie Indonesien und Pakistan. Die Bekämpfung dieses Terrorismus muss rechtsstaatlich mit polizeilichen Mitteln geschehen, und zwar dort, wo er sich überwie- gend organisiert und wo Attentäter ihre Ausbildung er- halten. Der Kampf mit polizeilichen Mitteln in Deutschland, Europa und in den USAwar ungleich erfolgreicher bei der Zerschlagung terroristischer Strukturen und der Festnahme von Verdächtigen als der Krieg „Enduring Freedom“. Es gibt eine Alternative auch zu diesem Krieg: In Eu- ropa und den USA und in anderen Ländern, wo Terroris- ten rekrutiert und ausgebildet werden, wie Saudi-Arabien, Marokko, Pakistan, Indonesien, den Kampf gegen den islamistischen Terrorismus politisch und mit polizeilichen Mitteln fortzusetzen und zu intensivieren. Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 11. Sitzung. Berlin, Freitag, den 15. November 2002 727 (C) (D) (A) (B) Anlage 6 Erkrärung nach § 31 GO des Abgeordneten Jürgen Koppelin (FDP) zur Abstimmung über den Antrag der Bundesregie- rung: Fortsetzung des Einsatzes bewaffneter deutscher Streitkräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe gegen die USA auf der Grundlage des Art. 51 der Satzung der Vereinten Nationen und des Art. 5 des Nordatlantikvertrages sowie der Resolution 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen (Tages- ordnungspunkt 10) Ich habe der Verlängerung des Einsatzes der Bundes- wehr in Afghanistan nicht zugestimmt. Die Bundeswehr ist für solche Einsätze nicht ausgebildet und nicht aus- gerüstet. Es ist auch nicht erkennbar, wie die Probleme Afghanistans durch den miltärischen Einsatz gelöst wer- den. Besonders über den Beitrag der Vereinigten Staaten von Amerika gibt es immer noch viel Unklarheiten. Anlage 7 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Rüdiger Veit, Klaus Barthel (Starnberg), Götz-Peter Lohmann (Neubranden- burg), Dr. Christine Lucyga, Florian Pronold, René Röspel, Thomas Sauer, Anton Schaaf, Ottmar Schreiner, Dr. Sigrid Skarpelis-Sperk und Waltraud Wolff (Wolmirstedt) (alle SPD) zur namentlichen Abstimmung über den Ent- wurf eines Zweiten Gesetzes fürmoderne Dienst- leistungen am Arbeitsmarkt (Tagesordnungs- punkt 11 a) Wir unterstützen alle Maßnahmen mit dem Ziel, die Dauer der Arbeitslosigkeit zu verkürzen. Insbesondere begrüßen wir, dass mit neuen und verbesserten Instru- menten die Vermittlungsbemühungen der Arbeitsämter spürbar verbessert werden sollen. Gleichzeitig lehnen wir die im Gesetz enthaltenen Maßnahmen ab, die im Bereich der Arbeitslosenhilfe- einkommen zu teilweise erheblichen Verschlechterun- gen führen. Besonders unverständlich ist, dass die ver- stärkte Anrechnung von Partnereinkommen vor allem die einkommensschwächeren Haushalte trifft. Die Maßnah- men führen sowohl verteilungs- wie konjunkturpolitisch zu unerwünschten Ergebnissen. Es steht zu befürchten, dass die durch Arbeitslosigkeit bedingte Armut größer wird. Anlage 8 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Willi Brase, Peter Dreßen, Klaus Kirschner, Hans Büttner (Ingolstadt), Horst Kubatschka, Horst Schmidbauer (Nürn- berg), Anette Kramme, Jella Teuchner und Verena Wohlleben (alle SPD) zur namentlichen Abstimmung über den Entwurf eines Zweiten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Ar- beitsmarkt (Tagesordnungspunkt 11 a) Wir unterstützen die zentralen Ziele des Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt. Ein wirksa- mer Beitrag zur Eingliederung von Arbeitslosen und ein effektiver Einsatz der arbeitsmarktpolitischen Mittel sind unverzichtbar. Wir ziehen jedoch erheblich in Zweifel, ob eine Aus- höhlung des Kündigungsschutzes durch Zulassung befris- teter Beschäftigung ab dem 52. Lebensjahr – real sogar ab dem 50. Lebensjahr – eine messbare Beschäftigungswir- kung hat. Diese Regelung bringt ältere Arbeitsnehmer künftig in die latente Gefahr, dauerhaft ohne Kündigungs- schutz arbeiten zu müssen. Die Arbeitgeber und Arbeitge- berinnen werden dadurch faktisch ab dem 50. Lebensjahr der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen keiner- lei Veranlassung haben, zeitlich begrenzte Arbeitsverhält- nisse in unbefristete Verträge umzuwandeln. Darüber hinaus steht die Regelung nicht in Einklang mit den EU- Richtlinien 1000/70/EG und 2000/78/EG. Diese Richtli- nien fordern nationale Regelungen gegen den Missbrauch bei aufeinander folgenden befristeten Arbeitsverträgen und zur Vermeidung einer mittelbaren und unmittelbaren Altersdiskriminierung bei der Beschäftigung von Arbeit- nehmern. Entscheidend sind auch die Leistungskürzungen bei der Arbeitslosenhilfe. Einsparungen bei Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe müssen durch den Abbau der Ar- beitslosigkeit erreicht werden und nicht durch pauschale Leistungskürzungen. Die Änderung bei der Arbeitslosen- hilfe führt außerdem zu Beitragsausfällen in der Kran- kenversicherung und verstärkt die Finanzierungspro- bleme in diesem Sicherungssystem. Parallel zur Umsetzung der Hartz-Vorschläge erwarten wir Initiativen, mit denen beschäftigungspolitisch über- greifende Maßnahmen im Rahmen der Wirtschafts- und Finanzpolitik, sowie der Struktur- und Bildungspolitik auf den Weg gebracht werden. Hierzu gehört auch eine ex- pansive Investitionspolitik. Anlage 9 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Fritz Schösser (SPD) zur na- mentlichen Abstimmung über den Entwurf eines Zweiten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Tagesordnungspunkt 11 a) Ich unterstütze die zentralen Ziele des Gesetzes für mo- derne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt. Ein wirksamer Beitrag zur Eingliederung von Arbeitslosen und ein ef- fektiver Einsatz der arbeitsmarktpolitischen Mittel sind unverzichtbar. Ich ziehe jedoch erheblich in Zweifel, ob eine Aushöh- lung des Kündigungsschutzes durch Zulassung befristeter Beschäftigung ab dem 52. Lebensjahr – real sogar ab dem 50. Lebensjahr – eine messbare Beschäftigungswirkung hat. Diese Regelung bringt ältere Arbeitnehmer künftig in die latente Gefahr, dauerhaft ohne Kündigungsschutz Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 11. Sitzung. Berlin, Freitag, den 15. November 2002728 (C) (D) (A) (B) arbeiten zu müssen. Die Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen werden dadurch faktisch ab dem 50. Lebensjahr der Arbeit- nehmer und Arbeitnehmerinnen keinerlei Veranlassung haben, zeitlich begrenzte Arbeitsverhältnisse in unbefris- tete Verträge umzuwandeln. Darüber hinaus steht die Re- gelung nicht in Einklang mit den EU-Richtlinien 1000/70/EG und 2000/78/EG. Diese Richtlinien fordern nationale Regelungen gegen den Missbrauch bei aufei- nanderfolgenden befristeten Arbeitsverträgen und zur Ver- meidung einer mittelbaren und unmittelbaren Altersdiskri- minierung bei der Beschäftigung von Arbeitnehmern. Einschneidend sind auch die Leistungskürzungen bei der Arbeitslosenhilfe. Einsparungen bei Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe müssen durch den Abbau der Ar- beitslosigkeit erreicht werden und nicht durch pauschale Leistungskürzungen. Die Änderung bei der Arbeitslosen- hilfe führt außerdem zu Beitragsausfällen in der Kran- kenversicherung und verstärkt die Finanzierungsprobleme in diesem Sicherungssystem. Parallel zur Umsetzung der Hartz-Vorschläge erwarte ich Initiativen, mit denen be- schäftigungspolitisch übergreifende Maßnahmen im Rah- men der Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie der Struk- tur- und Bildungspolitik auf den Weg gebracht werden. Hierzu gehört auch eine expansive Investitionspolitik. Anlage 10 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Hans Büttner (Ingolstadt) (SPD) zur namentlichen Abstimmung über den Entwurf eines Zweiten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Tagesord- nungspunkt 11 a) Ich werde dem Zweiten Gesetz für moderne Dienstleis- tungen am Arbeitsmarkt zustimmen, obwohl ich nach wie vor gegen die Einfügung des § 35 a in das Einkommen- steuergesetz verfassungsrechtliche Einwendungen habe und darin auch keinen Beitrag zur Erhöhung der Zahl so- zialversicherungsrechtlicher Beschäftigungsverhältnisse in Privathaushalten sehe. Da ich gegen die übrigen Be- stimmungen des Gesetzes keine grundsätzlichen Ein- wände habe, will ich mit meiner Zustimmung einer ra- schen Einführung des Gesetzes nicht im Wege stehen, kündige aber bereits jetzt an, dass ich die Bestimmung des neuen § 35 a Einkommensteuergesetz durch alle Gerichts- instanzen überprüfen lassen werde. Durch die Regelung wird nämlich zum einen der Grundsatz des Einkommen- steuerrechts verletzt, nach dem Kosten der privaten Le- bensführung nicht steuerlich absetzbar sind. Zum anderen führt der neue Paragraph zu einer ungleichen Behandlung haushaltsnaher Dienstleistungen zwischen Beschäftigten, die mit geringen Beiträgen zur Sozialversicherung im Haushalt selbst angestellt sind, und denen, die haushalts- nahe Dienstleistungen unter voller Sozialversicherungs- pflicht in eigenständigen Betrieben ausführen, wie zum Beispiel Beschäftigte in Wäschereien, Haushaltsservice- Agenturen, Gärtnereien und Landschaftspflegern bis hin zu Köchen in Gaststätten oder Kantinen. Es verletzt den Gleichheitsgrundsatz, wenn zum Beispiel das Waschen und Bügeln von Hemden steuerlich absetzbar ist, wenn es von im Haushalt Beschäftigten vorgenommen wird, je- doch dann nicht, wenn dies in einem Reinigungsbetrieb ausgeführt wird. Ebenso verletzt es den Gleichheits- grundsatz, wenn Gartenarbeiten absetzbar werden, die zum Beispiel von einem im Haushalt angestellten Gärtner vorgenommen werden, nicht jedoch, wenn die gleichen Arbeiten von dem Angestellten eines Gärtnereibetriebes ausgeführt werden etc. Darüber hinaus zeigen diese Bei- spiele, dass diese steuerliche Bevorzugung haushaltsnahe sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse in anderen gewerblichen Organisationsformen gefährden kann. Anlage 11 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Dr. Wolfgang Wodarg, Horst Schmidbauer (Nürnberg), Horst Kubatschka, Dr. Heinz Köhler, Willi Brase, Fritz Schösser, Renate Gradistanac, Engelbert Wistuba, Hans Büttner (Ingolstadt), Ingrid Arndt-Brauer, Axel Schäfer (Bochum), Rolf Kramer, Ursula Mogg, Dr. Hermann Scheer, Dirk Manzewski, Ulrike Mehl, Wolfgang Spanier, Frank Hofmann (Volkach), Hans-Werner Bertl, Erika Simm, Klaus Barthel (Starnberg), Florian Pronold, Bernd Scheelen, René Röspel, Verena Wohlleben und Karin Evers-Meyer (alle SPD) zur nament- lichen Abstimmung über den Entwurf eines Gesetzes zur Sicherung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung und in der gesetzlichen Rentenversicherung (Beitragssatz- sicherungsgesetz – BSSichG) (Tagesordnungs- punkt 11 a) Um weitere Steigerungen der Lohnnebenkosten zu ver- meiden und die Stabilität der Krankenkassenbeiträge nicht zu belasten, werden wir dem Beitragssatzsicherungsgesetz zustimmen, obwohl wir mit der überproportionalen Be- lastung des Zahntechnikerhandwerks nicht einverstanden sind. Bereits während der Zeit der Kohl-Regierung kam es in diesem Handwerksbereich zu erheblichen wirtschaft- lichen Belastungen durch eine zweimalige gesetzliche Preisabsenkung sowie durch einen Nachfrageeinbruch nach Einführung von Festzuschüssen für Zahnersatz. Die wirtschaftliche Situation dieser Handwerksbetriebe wird zusätzlich belastet durch einen grauen Markt, der zum Teil über Zahnarztpraxen Billigimporte aus dem Ausland in das deutsche System einschleust. Bisher ist das Zahn- technikerhandwerk trotz allem ein wichtiger Arbeitgeber und Ausbildungsträger. Es ist nicht hinnehmbar, dass dieser Bereich des Hand- werks gleichzeitig durch eine Mehrwertsteuererhöhung und außerdem durch eine gesetzliche Absenkung seiner Preise um 5 Prozent belastet werden soll. Damit würde unserer Meinung nach in Kauf genommen, dass hier zahlreiche Arbeits- und Ausbildungsplätze in Handwerksbetrieben zer- stört oder zumindest gefährdet werden und dass es zu er- heblichen Abwanderungsprozessen und zu einer weiteren Stärkung von Grauimporten bei Zahnersatz kommt. Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 11. Sitzung. Berlin, Freitag, den 15. November 2002 729 (C) (D) (A) (B) Es ist uns klar, dass das Beitragssatzsicherungsgesetz unter starkem Termindruck steht und dass eine Stabili- sierung der Krankenkassenbeiträge durch dieses Gesetz zwingend erforderlich ist. Wir bedauern, dass es nicht mehr gelungen ist, eine Alternative für die jetzt festge- schriebene Lösung zu finden, und fordern die Bundes- regierung und die Krankenkassen auf, der besonderen Verantwortung für die Arbeitsplätze im Bereich des Zahn- technikerhandwerks in angemessener Weise gerecht zu werden. Anlage 12 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Hubertus Heil, Sabine Bätzing, Dr. Hans-Peter Bartels, Sören Bartol, Klaus Uwe Benneter, Dr. Axel Berg, Ute Berg, Petra Bierwirth, Marco Bülow, Martin Dörmann, Sebastian Edathy, Siegmund Ehrmann, Petra Ernstberger, Gabriele Frechen, Kerstin Griese, Michael Hartmann (Wackernheim), Nina Hauer, Monika Heubaum, Petra Heß, Eike Hovermann, Klaas Hübner, Johannes Kahrs, Ulrich Kelber, Astrid Klug, Christian Lange (Backnang), Dirk Manzewski, Lothar Mark, Caren Marks, Christian Müller (Zittau), Gesine Multhaupt, Dr. Carola Reimann, Silvia Schmidt (Eisleben), Carsten Schneider, Karsten Schönfeld, Swen Schulz (Spandau), Dr. Martin Schwanholz, Rolf Stöckel, Simone Violka, Andreas Weigel, Andrea Wicklein und Dr. RainerWend (alle SPD) zurAb- stimmung über den Entwurf eines Gesetzes zur Sicherung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung und in der gesetzlichen Rentenversicherung (Beitragssatzsicherungsge- setz – BSSichG) (Tagesordnungspunkt 12 a) Wir tun dies vor dem Hintergrund einer konjunkturel- len Entwicklung, die, anders als von allen Sachverständi- gen prognostiziert, zu massiven Ausfällen von Einnah- men bei der gesetzlichen Rentenversicherung und der gesetzlichen Krankenversicherung geführt hat. Wir tun dies in dem Bewusstsein, dass jede Erhöhung von Lohn- nebenkosten eine Belastung des Faktors Arbeit darstellt und damit die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplät- zen erschwert. Wir tun dies auch im Bewusstsein, dass viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – vor allem die jüngeren – durch diesen Schritt die Gerechtigkeit zwi- schen den Generationen berührt sehen. Wir stimmen diesem Gesetzentwurf zu, um damit ei- nen Beitrag zur kurzfristigen Deckung der Einnahmeaus- fälle zu leisten. Dieser Schritt entlässt uns aber nicht aus der Verantwortung, weitere strukturelle Reformen in die- sen sozialen Sicherungssystemen durchzusetzen. In der Rentenversicherung und in der gesetzlichen Krankenversicherung muss der demographischen Ent- wicklung Rechnung getragen werden. Die Verteilung der Lasten soll dem Gebot der Generationengerechtigkeit ent- sprechen. Zudem ist zur Finanzierung dieser Sicherungs- systeme die Einbeziehung weiterer Gruppen der Gesell- schaft notwendig. Im System der Altersvorsorge ist in der vergangenen Legislaturperiode mit dem Aufbau einer kapitalgedeckten Säule ein richtiger Weg eingeschlagen worden, der kon- sequent fortgesetzt werden muss. Dabei ist zu prüfen, ob in Zukunft eine betriebliche bzw. private Vorsorge obliga- torisch vorzusehen ist. In der gesetzlichen Krankenversicherung gilt es, durch eine tief greifende Reform die Qualität unseres Gesund- heitswesens zu verbessern, Wettbewerb zwischen den Leistungserbringern zu ermöglichen, Wirtschaftlichkeits- reserven zu erschließen und das System entsprechend der demographischen Entwicklung der Gesellschaft anzupas- sen. Um diese Aufgaben zu bewältigen, wird die Bundes- regierung eine Kommission unter Leitung von Prof. Dr. Bert Rürup einsetzen. An den Beratungen dieser Reform- kommission müssen in jedem Fall auch Vertreter der jün- geren Generation beteiligt werden. Wir sind der festen Überzeugung, dass nur die Koali- tion aus der SPD und dem Bündnis 90/Die Grünen in der Lage ist, die notwendigen nachhaltigen Reformen der so- zialen Sicherungssysteme zu verwirklichen – wirtschaft- lich vernüftig, sozial gerecht und im Interesse des Zu- sammenhalts unserer Gesellschaft. Anlage 13 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Alexander Bonde, Anna Lührmann, Grietje Bettin, Josef Philip Winkler, Kerstin Andreae, Christine Scheel, Michaele Hustedt, Albert Schmidt (Hitzhofen), Anja Hajduk, Rainder Steenblock, Werner Schulz (Berlin), Petra Selg, Hubert Ulrich, Dr. Antje Vogel-Sperl, Franziska Eichstädt-Bohlig, Peter Hettlich, Ulrike Höfken und Marianne Tritz (alle BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) zur nament- lichen Abstimmung über den Entwurf eines Ge- setzes zur Sicherung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung und in der gesetzlichen Rentenversicherung (Beitragssatz- sicherungsgesetz – BSSichG) (Tagesordnungs- punkt 12 a) Wir stimmen dem Gesetzentwurf zur Sicherung der Beitragssatzstabilität in der gesetzlichen Krankenver- sicherung und in der gesetzlichen Rentenversicherung nur mit Bedenken zu. Die Anhebung der Rentenversiche- rungsbeiträge halten wir für ein falsches Signal. Die rot-grüne Bundesregierung hat von den Wählern den Auftrag für vier weitere Jahre Reformpolitik erhalten. Wir sehen zu einer solchen Reformpolitik und zur rot-grü- nen Koalition keine Alternative. Kernanliegen einer ver- antwortungsvollen und angemessenen rot-grünen Politik muss eine strukturelle Reform der Sozialversicherungs- systeme sein. Die Stabilität der Rentenversicherung ist so- wohl durch die Veränderungen der Arbeitswelt als auch durch die demographische Entwicklung bereits seit lan- gem gefährdet. Obwohl die Mängel hinlänglich bekannt sind, hat noch keine Regierung eine ausreichende Re- formlösung umgesetzt. Zu häufig wurde versucht, die Symptome anstelle der Ursachen zu beseitigen. Die Re- Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 11. Sitzung. Berlin, Freitag, den 15. November 2002730 (C) (D) (A) (B) form der Sozialversicherungssysteme muss diesen He- rausforderungen gerecht werden. Die Rentenreform der letzten Legislaturperiode war ein wichtiger Paradigmen- wechsel zu mehr Eigenverantwortung bei gleichzeitiger Unterstützung der sozial Schwächeren. Dies war ein ers- ter Schritt in die richtige Richtung. Mit dem Ergebnis kön- nen wir uns aber nicht zufrieden geben. Es ist absehbar, dass die gesetzliche Rentenversiche- rung in den kommenden Jahren mit immer weniger Bei- tragszahlern immer mehr Rentenempfänger finanzieren muss. Der Handlungsbedarf, der sich aus dieser Schief- lage ableitet, ist den Menschen durchaus bewusst. Es ist daher nur verantwortungsvoll, eine ehrliche und solida- rische Reform anzugehen und den Bürgerinnen und Bür- gern die Planungssicherheit wiederzugeben, die über die letzten Jahrzehnte verloren gegangen ist. Unser Ziel ist es, der jungen Generation eigene Hand- lungsspielräume zu erhalten und gleichzeitig der älteren Generation einen angemessenen Lebensstandard zu si- chern. Es geht nicht um einen Konflikt „Jung gegen Alt“. Es geht vielmehr darum, die Interessen aller Generationen miteinander zu vereinbaren und den Generationenvertrag gerecht zu gestalten. Der Generationenvertrag kann nur auf Gegenseitigkeit beruhen: in einem gerechten Aus- gleich zwischen den Bedürfnissen der älteren und der jün- geren Generationen. Wir nehmen wahr, dass es in dieser Gesellschaft eine große Bereitschaft zu einer solidari- schen Reform gibt und auch die älteren Generationen die Notwendigkeit eines langfristigen Umbaus mit Augen- maß erkannt haben. Wir bedauern, dass das Prinzip der Generationenge- rechtigkeit für die Übergangszeit bis zu einer grundlegen- den Reform nicht berücksichtigt wird und einseitig die jungen Generationen durch Beitragssteigerungen und die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenzen belastet wer- den. Neben der gerechten Finanzierung der Alterssiche- rung zwischen den Generationen muss auch die gerechte Finanzierung innerhalb einer Generation gewährleistet werden. Wir fordern die Einführung einer Bürgerversi- cherung, die auch Beamte, Selbstständige und Parlamen- tarier mit umfasst. Die Steigerung der Lohnnebenkosten ist ein falsches wirtschaftliches Signal. Arbeit muss in unserem Land bil- liger werden. Die Finanzierung des Rentenversicherungs- systems muss daher langfristig noch stärker kapitalge- deckt sein. Wir stimmen dem vorliegenden Gesetz nur zu, weil zugleich die Einsetzung der Kommission die Per- spektive für eine grundlegende Rentenreform eröffnet: Generationengerechtigkeit und Senkung der Lohnneben- kosten sind als Reformmaßstäbe im Arbeitsauftrag der Kommission explizit fest geschrieben. Denn in dem Reformauftrag heißt es: „Es ist Aufgabe der Kommission, Vorschläge für eine nachhaltige Finanzierung und Wei- terentwicklungderSozialversicherungenzuentwickeln. Ins- besondere muss es darum gehen, die langfristige Finanzie- rung der sozialstaatlichen Sicherungsziele und die Generationengerechtigkeitzugewährleisten. ...Umbeschäf- tigungswirksame Impulse zu geben, sollenWege dargestellt werden,wie dieLohnnebenkostengesenktwerdenkönnen.“ Wir werden uns konstruktiv an der Debatte und der noch in dieser Legislaturperiode notwendigen Umsetzung der Kommissionsergebnisse beteiligen. Anlage 14 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Ulrich Kasparick (Ingolstadt) (SPD) zur namentlichen Abstimmung über den Entwurf eines Gesetzes zur Sicherung der Bei- tragssätze in der gesetzlichen Krankenversiche- rung und in der gesetzlichen Rentenversiche- rung (Beitragssatzsicherungsgesetz – BSSichG) (Tagesordnungspunkt 12a) Ich erkläre: Als ostdeutscher Abgeordneter stimme ich dem vorliegenden Gesetzentwurf nur schweren Herzens zu, weil er für ein Jahr die in Aussicht gestellte Anglei- chung der Lebensverhältnisse insbesondere im Bereich der ambulanten medizinischen Versorgung in den neuen Bundesländern aussetzt und so den Abstand zwischen al- ten und neuen Bundesländern weiter vergrößert. Ich stimme dem Gesetzentwurf zu vor dem Hinter- grund einer konjunkturellen Entwicklung, die, anders als von allen Sachverständigen prognostiziert, zu massiven Ausfällen von Einnahmen bei der gesetzlichen Renten- versicherung und der gesetzlichen Krankenversicherung geführt hat. Ich stimme diesem Gesetzentwurf zu, weil er einen Beitrag zur kurzfristigen Deckung der Einnahmeausfälle leisten soll. Diese Notoperation entlässt uns aber nicht aus der Verantwortung, wirklich wirksame strukturelle Refor- men in den sozialen Sicherungssystemen durchzusetzen. Zusammen mit dem angekündigten umfassenden Re- formgesetz im kommenden Jahr brauchen wir einen ver- lässlichen Zeitplan für die Angleichung der Vergütungen der Ärzte im Osten an das Westniveau, die natürlich nicht losgelöst von den generellen Einkommensanpassungen im öffentlichen Dienst bzw. im BAT vonstatten gehen kann. Diese Angleichung ist unbedingt notwendig, damit auch in Zukunft eine flächendeckende ambulante medizi- nische Versorgung in den neuen Ländern gewährleistet werden kann. Die Ärzte brauchen dringend Planungssicher- heit für ihre Praxen. Der verstärkten Abwanderungstendenz der Mediziner aus den neuen Ländern muss auch auf Bun- desebene dringend entgegengewirkt werden. Der vorlie- gende Gesetzentwurf leistet dazu allerdings keinen Beitrag. Neben der zügigen Umsetzung des Wohnortprinzips in der anstehenden Strukturreform müssen schnell wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der ambulanten medizini- schen Versorgung in den neuen Bundesländern eingeführt werden. Anlage 15 Erklärung nach § 31 GO derAbgeordneten Waltraud Wolff (Wolmirstedt), Petra Bierwirth, Petra Heß, Eckhart Lewering, Götz-Peter Lohmann (Neubrandenburg), Dr. Christine Lucyga, Dirk Manzewski, Markus Meckel, Dr. Marlies Volkmer, Jürgen Wieczorek (Böhlen) (alle SPD) zur namentlichen Abstim- mung über den Entwurfs eines Gesetzes zur Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 11. Sitzung. Berlin, Freitag, den 15. November 2002 731 (C) (D) (A) (B) Sicherung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung und in der gesetzlichen Rentenversicherung (Beitragssatzsicherungsge- setz – BSSichG) (Tagesordnungspunkt 12 a) Wir stimmen dem oben genannten Gesetzentwurf zu. Wir tun dies vor dem Hintergrund einer konjunkturel- len Entwicklung, die, anders als von allen Sachverständi- gen prognostiziert, zu massiven Ausfällen von Einnah- men bei der gesetzlichen Rentenversicherung und der gesetzlichen Krankenversicherung geführt hat. Wir stimmen diesem Gesetzentwurf zu, der einen Bei- trag zur kurzfristigen Deckung der Einnahmeausfälle leis- tet. Dieser Schritt entlässt uns aber nicht aus der Verant- wortung, weitere strukturelle Reformen in diesen sozialen Sicherungssystemen durchzusetzen. Erstens. Zusammen mit dem angekündigten umfassen- den Reformgesetz im kommenden Jahr brauchen wir einen verlässlichen Zeitplan für die Angleichung der Vergütungen der Ärzte im Osten an das Westniveau, die natürlich nicht losgelöst von den generellen Einkommensanpassungen im Öffentlichen Dienst bzw. im BAT vonstatten gehen kann. Das ist deshalb so unbedingt notwendig, damit wir auch in Zukunft eine flächendeckende ambulante medizi- nische Versorgung in den neuen Ländern haben. Die Ärzte brauchen dringend Planungssicherheit für ihre Praxen. Der verstärkten Abwanderungstendenz der Mediziner aus den neuen Ländern muss auch auf Bundesebene dringend entgegengewirkt werden. Neben der zügigen Umsetzung des Wohnortprinzips in der anstehenden Strukturreform, müssen weitere Maßnahmen zur Verbesserung der ambu- lanten medizinischen Versorgung in den neuen Bundes- ländern eingeführt werden. Zweitens. Wir stimmen dem Gesetzentwurf zu, obwohl wir in der überproportionalen Belastung des Zahntech- nikerhandwerkes ernsthafte Probleme sehen. Wenn dieser Handwerkszweig zum einen durch die Mehrwertsteuerer- höhung und zum anderen durch die gesetzliche Absen- kung der Preise um fünf Prozent belastet wird, werden zahlreiche Arbeits- und Ausbildungsplätze, ganz beson- ders in den neuen Bundesländern, auf diese Weise in Frage gestellt. Ebenfalls wird dem Abwanderungsprozess weiter Vorschub geleistet. Wir sind aber nach wie vor der Überzeugung, dass nur die Koalition aus SPD und Bündnis 90/Die Grünen in der Lage ist, die notwendigen nachhaltigen Reformen der so- zialen Sicherungssysteme zu verwirklichen. Deshalb for- dern wir die Bundesregierung auf, der besonderen Ver- antwortung für die Sicherung von Arbeitsplätzen und einer flächendeckenden ambulanten Patientenbetreuung gerecht zu werden. Anlage 16 Amtliche Mitteilung Die Vorsitzenden der folgenden Ausschüsse haben mit- geteilt, dass der Ausschuss die nachstehenden EU-Vorla- gen bzw. Unterrichtungen durch das Europäische Parla- ment zur Kenntnis genommen oder von einer Beratung abgesehen hat. Ausschuss fürWirtschaft und Arbeit Drucksache 14/8832 Nr. 2.15 Drucksache 14/9137 Nr. 1.7 Drucksache 14/9640 Nr. 2.4 Drucksache 14/9640 Nr. 2.13 Drucksache 14/9640 Nr. 2.15 Drucksache 14/9640 Nr. 2.17 Drucksache 14/9640 Nr. 2.18 Drucksache 14/9640 Nr. 2.19 Drucksache 14/9640 Nr. 2.20 Drucksache 14/9640 Nr. 2.21 Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 11. Sitzung. Berlin, Freitag, den 15. November 2002732 (C) (D) (A) (B) Druck: MuK. Medien- und Kommunikations GmbH, Berlin
Gesamtes Protokol
Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501100000

Guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen! Die

Sitzung ist eröffnet.
Der Ältestenrat hat vereinbart, dass in der Haushalts-

woche vom 2. Dezember 2002 keine Regierungsbefra-
gung, keine Fragestunden und keine Aktuellen Stunden
stattfinden sollen.

Sind Sie damit einverstanden? – Ich höre keinen Wi-
derspruch. Dann ist so beschlossen.

Interfraktionell ist vereinbart, die heutige Tagesord-
nung um die erste Beratung des von den Fraktionen der
SPD und des Bündnisses 90/Die Grünen eingebrachten
Gesetzentwurfs zur Einbeziehung beurlaubter Beamter in
die kapitalgedeckte Altersversorgung zu erweitern und
jetzt gleich als Zusatzpunkt 9 ohne Aussprache aufzu-
rufen.

Sie sind damit einverstanden? – Dann ist so beschlos-
sen.

Ich rufe Zusatzpunkt 5 sowie den soeben aufgesetzten
Zusatzpunkt 9 auf:

Erste Beratung des von den Abgeordneten
Wolfgang Bosbach, Hartmut Koschyk, Günter
Baumann, weiteren Abgeordneten und der Frak-
tion der CDU/CSU eingebrachten Entwurfs eines
Ersten Gesetzes zur Korrektur des Versor-
gungsänderungsgesetzes 2001
– Drucksache 15/45 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss
Finanzausschuss

(Federführung strittig)

Ausschuss für Gesundheit und soziale Sicherung
Haushaltsausschuss
gemäß § 96 GO
Erste Beratung des von den Fraktionen der SPD
und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN einge-
brachten Entwurfs eines Gesetzes zur Einbezie-
hung beurlaubter Beamter in die kapitalge-
deckte Altersversorgung
– Drucksache 15/97 –

Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss
Finanzausschuss

(Federführung strittig)

Ausschuss für Gesundheit und soziale Sicherung
Haushaltsausschuss
gemäß § 96 GO

Interfraktionell wird vorgeschlagen, die Gesetzent-
würfe auf den Drucksachen 15/45 und 15/97 an die in der
Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse zu überweisen.
Die Federführung ist jedoch strittig. Die Fraktionen der SPD
und des Bündnisses 90/Die Grünen wünschen die Feder-
führung beim Finanzausschuss, die Fraktion der CDU/CSU
wünscht die Federführung beim Innenausschuss.

Ich lasse zunächst über den Überweisungsvorschlag
der Fraktion der CDU/CSU – Federführung beim Innen-
ausschuss – abstimmen. Wer stimmt für diesen Überwei-
sungsvorschlag? – Wer stimmt dagegen? – Enthaltungen? –
Der Überweisungsvorschlag ist mit den Stimmen von
SPD und Bündnis 90/Die Grünen gegen die Stimmen von
CDU/CSU und FDP abgelehnt.

Wer stimmt für den Überweisungsvorschlag der SPD
und des Bündnisses 90/Die Grünen, also für die Feder-
führung beim Finanzausschuss? – Wer stimmt dagegen? –
Enthaltungen? – Dieser Überweisungsvorschlag ist mit
den Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die Stim-
men von CDU/CSU und FDP angenommen. Damit liegt
die Federführung beim Finanzausschuss.

Ich rufe Tagesordnungspunkt 10 a und b auf:
a) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-


(3. Ausschuss)

Fortsetzung des Einsatzes bewaffneter deut-
scher Streitkräfte bei der Unterstützung der ge-
meinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe
gegen die USAauf derGrundlage des Art. 51 der
Satzung der Vereinten Nationen und des Art. 5
des Nordatlantikvertrags sowie der Resolutio-
nen 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicher-
heitsrats der Vereinten Nationen
– Drucksache 15/37, 15/67 –




Präsident Wolfgang Thierse

Berichterstattung:
Abgeordnete Gert Weisskirchen (Wiesloch)

Dr. Friedbert Pflüger
Dr. Ludger Volmer
Dr. Werner Hoyer

b) Bericht des Haushaltsausschusses (8. Ausschuss)

gemäß § 96 der Geschäftsordnung
– Drucksache 15/70 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Antje Hermenau
Lothar Mark
Herbert Frankenhauser
Jürgen Koppelin

Über die Beschlussempfehlung werden wir später na-
mentlich abstimmen.

Es liegt ein Entschließungsantrag der Fraktionen der
SPD und des Bündnisses 90/Die Grünen vor.

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für die
Aussprache eineinhalb Stunden vorgesehen. – Ich höre
keinen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Kollege
Gernot Erler, SPD-Fraktion.


Dr. h.c. Gernot Erler (SPD):
Rede ID: ID1501100100

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der

Deutsche Bundestag wird heute mit großer Mehrheit dem
Antrag der Bundesregierung auf Fortsetzung des deut-
schen Beitrags für die Mission Enduring Freedom zu-
stimmen. Auch die SPD-Fraktion wird dies mit großer
Einmütigkeit tun. Aber auch diesmal hat es sich keiner
von uns leicht gemacht. Wir haben eine intensive und
sorgfältige Beratung hinter uns und das ist auch notwen-
dig; denn der Einsatz in Afghanistan ist der kompliziertes-
te und der gefährlichste, den die Bundeswehr zurzeit
durchführt.

Was ist Enduring Freedom? Es ist und bleibt die mi-
litärische Antwort auf den 11. September 2001. An diesem
Einsatz sind 70 Länder beteiligt. Er steht auf der sicheren
völkerrechtlichen Grundlage der beiden Sicherheitsrats-
resolutionen 1368 und 1373.

Dieser Einsatz richtet sich gegen die Täter des 11. Sep-
tember 2001, gegen das Netzwerk von al-Qaida, gegen
die Organisations- und Ausbildungszentren der Terroris-
ten und gegen ihre Beschützer, das Regime der Taliban.
Zu dieser militärischen Antwort auf den 11. September
2001 gab und gibt es keine Alternative.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Attentäter brachten 3 000 Menschen den Tod. Sie ha-
ben Millionen von Menschen geschockt und verunsichert.
Dabei gab es keinerlei Vorankündigung. Es geschah, ohne
dass irgendeine erfüllbare Forderung gestellt wurde, und
es gab keinerlei Verhandlungschance, weder vorher noch
nachher. Das Regime der Taliban war nicht bereit, die
Tätigkeit der terroristischen Netzwerke zu unterbinden
und die Befehlshaber für den Mord an Tausenden von un-

schuldigen Zivilisten auszuliefern. Der Begriff Selbstver-
teidigung ist in der Geschichte oft missbraucht worden. In
diesem Fall aber wenden ihn die Vereinten Nationen mit
Recht an.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Enduring Freedom ist die Wahrnehmung unserer
Schutzpflicht gegenüber der Bevölkerung, gegenüber
potenziellen künftigen Opfern. Dieser Pflicht entspre-
chend hat Enduring Freedom einen klar umrissenen Auf-
trag und ein klar umrissenes Ziel, nämlich neue Anschläge
von dort zu verhindern, wo sie vorbereitet und organisiert
wurden, in Afghanistan die logistische Basis von al-Qaida
zu zerschlagen und das Regime, das die Terroristen unter-
stützt hat, zu entmachten, zu verjagen und an jeder Rück-
kehr zu hindern.

Ein Jahr ist vorbei. Es ist Zeit, eine nüchterne und ehr-
liche Bilanz zu ziehen. Es hat Erfolge gegeben. In Afgha-
nistan sind die Basen der Terroristen zerstört, aus den Jä-
gern sind Gejagte geworden. Sie haben ihre Beschützer,
das Regime der Taliban, verloren. Erst Enduring Freedom
hat die Voraussetzungen für einen politischen Neuanfang
im Lande geschaffen und dabei einen 22 Jahre dauernden
Bürgerkrieg beendet. Dies hatte einen hohen Preis: Zer-
störungen im Lande und zahlreiche zivile Opfer.

Doch trotz all dieser Anstrengungen konnte der Auf-
trag bisher noch nicht vollständig erfüllt werden. Die
wichtigen Führer Osama Bin Laden undMullah Omar
sind bisher nicht gefasst worden. Es gibt im Lande nach
wie vor Reststrukturen und auch noch handlungsfähige
Einheiten von al-Qaida. Es gibt Reorganisationsversuche
der Taliban. Dies macht sich bemerkbar durch Anschläge
auf die neue Interimsregierung, auf die Einheiten von
Enduring Freedom und auch die Schutztruppe ISAF. Dies
sind Anschläge auf das neue Afghanistan.

Die Netzwerke des Terrors beweisen auch sonst welt-
weit ihre Handlungsfähigkeit – ich nenne hier die Stich-
worte Djerba, Bali und den Tanker „Limburg“ –, ohne
dass wir genau wissen, wo diese Anschläge geplant oder
organisiert werden. Dies für sich genommen ist schon ein
ausreichender Grund, den bewaffneten Druck auf die
Reststrukturen von al-Qaida und Taliban vor Ort in Af-
ghanistan aufrechtzuerhalten und fortzusetzen. Dies ist
unser Schutzauftrag, unsere Verpflichtung, um jede Wie-
derholungstat zu vermeiden.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, weshalb En-
during Freedom fortgesetzt werden muss. Warum ziehen
sich denn diese Resteinheiten nicht zurück und riskieren
nach wie vor Anschläge auf die Neuordnung in Afghanis-
tan, auf den Wiederaufbau? Sie machen dies auch des-
halb, weil die Netzwerke des Terrorismus hierin eine
exemplarische Auseinandersetzung sehen. Die Augen
vieler Länder sind darauf gerichtet, was aus diesem Test-
fall Afghanistan wird.

Es gibt den Weg der internationalen Gemeinschaft. Er
setzt auf eine Gesellschaft der Partizipation aller ethni-
schen Gruppen, auf Versöhnung, auf die Rückkehr der
Flüchtlinge, auch auf die Rückkehr aus dem Exil und
langfristig auf die Perspektive einer demokratischen
Gesellschaft, aber nicht eine durch Oktroi oder durch


(A)



(B)



(C)



(D)


648


(A)



(B)



(C)



(D)






Zwang, sondern in Form einer Selbstfindung Afghanis-
tans, in Form einer Wiedergeburt der afghanischen Iden-
tität.

Deutschland hat wichtige Beiträge zum Erreichen die-
ses Ziels geleistet, zum Beispiel durch humanitäre Hilfe,
die nach wie vor geleistet werden muss, durch seine
Beiträge zu dem so genannten Post-Taliban-Prozess – das
ist in dem so genannten Petersberg-Agreement besonders
deutlich geworden, das bis heute die Grundlage für den
neuen, hoffnungsvollen Weg Afghanistans darstellt – und
durch viele Hilfen, die es beim Wiederaufbau besonders
der Polizei und des Bildungswesens – darauf wird in die-
ser Debatte noch eingegangen werden – geleistet hat.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wir erklären, dass wir die Botschaft, die Kofi Annan
von diesem Rednerpult aus an uns gerichtet hat, verstan-
den haben: Nur ein andauernder, nachhaltiger Einsatz
wird auch zu einem nachhaltigen Frieden in Afghanistan
führen. Wir rufen auch alle anderen Länder auf, in ihren
Bemühungen, diesen Einsatz zu einem Erfolg zu machen,
nicht nachzulassen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Denn wir wissen, welche Bedeutung dieser Einsatz hat und
was es bedeuten würde, wenn es zu einem späten Triumph
der Terroristen in dem Sinne käme, dass in Afghanistan eine
Gesellschaft des Fanatismus, des Hasses, der Unter-
drückung, der inneren Gewalt und womöglich auch der Lo-
gistik des Terrorismus zurückkehren würde. Die Menschen
in Afghanistan müssen wissen, dass es richtig war, sich von
al-Qaida und den Taliban abzuwenden. Aber dafür brauchen
sie fortdauernd unseren Schutz und unsere Unterstützung.
Das bedeutet, dass wir weiter die Mission Enduring Free-
dom brauchen; denn sie alleine kann einen späten Triumph
der Terroristen, der völlig inakzeptabel wäre, verhindern.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Dieser Einsatz ist die einzige Überlebenschance für
eine politische Antwort auf den Terrorismus. Wir be-
finden hier nicht über irgendeine militärische Mission,
sondern darüber, ob die politische Antwort auf die globale
Herausforderung des Terrorismus, die am 11. September
letzten Jahres begonnen hat, eine Chance bekommt. In
diesem Sinne tun wir heute das, was wir tun können, in-
dem wir dem gefährlichen Einsatz unserer Soldatinnen
und Soldaten in Afghanistan eine möglichst breite parla-
mentarische Unterstützung geben. Ich verbinde das ab-
schließend mit dem Dank und der Anerkennung für die-
sen Einsatz. Ich kann nur sagen: Glück und Sicherheit auf
allen Wegen für die Bundeswehr in Afghanistan!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501100200

Ich erteile das Wort dem Kollegen Ruprecht Polenz,

CDU/CSU-Fraktion.


Ruprecht Polenz (CDU):
Rede ID: ID1501100300

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wenn es

noch eines Beweises bedurft hätte, dass unsere eigene Si-
cherheit durch den transnationalen Terrorismus be-
droht ist, dann hat ihn das Tonband vom vergangenen
Mittwoch geliefert, das mutmaßlich von Osama Bin
Laden stammt. Es enthält nämlich auch Drohungen gegen
Deutschland, Großbritannien, Italien, Kanada und Aus-
tralien. Es waren ja auch Deutsche unter den Toten von
Djerba und Bali.

Die Botschaft der Terroristen war die gleiche wie
schon am 11. September: Unser Hauptfeind sind die USA.
Haltet euch raus; dann geschieht euch nichts! – Es wäre
fatal, wenn dieser Botschaft gefolgt würde, wenn es Bin
Laden gelingen würde, unsere Antiterrorallianz zu spalten
und damit zu schwächen. Über kurz oder lang würden wir
dann erst recht zum Ziel terroristischer Anschläge. Es gibt
gegenüber Terroristen kein Appeasement. Mit ihnen gibt
es nichts zu verhandeln. Nur gemeinsam in der interna-
tionalen Antiterrorkoalition können wir den transnationa-
len Terrorismus besiegen.

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion stimmt deshalb
dem Antrag der Bundesregierung zur weiteren Beteili-
gung deutscher Soldaten an Enduring Freedom zu. Wir
danken unseren Soldaten dafür, dass sie seit nunmehr ei-
nem Jahr auch in diesem gefährlichen Einsatz so erfolg-
reich für unsere Sicherheit eintreten.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ich möchte daran erinnern, dass es kaum ein Jahr her ist,
da wäre die Bundesregierung an dieser Frage fast geschei-
tert. Scharenweise haben sich Abgeordnete der Grünen
und der SPD von dieser Linie abgesetzt. Der Bundeskanz-
ler musste die Notbremse der Vertrauensfrage ziehen;
sonst wäre seine Regierung vor die Wand gefahren.

Damit das nicht wieder passiert, haben Sie die Debatte
diesmal möglichst niedrig gehängt und haben gesagt, es
handle sich um ein unverändertes Mandat. Das haben Sie
immer wieder betont, nach dem Motto: Ihr habt damals
zugestimmt, also könnt ihr auch jetzt zustimmen. Es ist
richtig: Es handelt sich um ein unverändertes Mandat. Al-
lerdings haben wir es mit einer deutlich veränderten Si-
cherheitslage zu tun: in Afghanistan selbst, aber auch in
der Region und vor allem vor dem Hintergrund der Irak-
krise. Eine weitere Zuspitzung dort hätte unzweifelhaft
Auswirkungen auf die Einsätze im Rahmen von Enduring
Freedom.

Der Bundeskanzler und der Außenminister haben ge-
sagt, es gebe keine deutsche Beteiligung an militärischen
Maßnahmen gegen den Irak. Aber es gibt Überlappungen
bei den Einsatzgebieten, insbesondere für unsere Marine
und möglicherweise auch für die in Kuwait stationierten
ABC-Spürpanzer. Außerdem könnte es Rückwirkungen
auf unsere KSK-Kräfte in Afghanistan haben, wenn sich
die USA verstärkt auf den Irak konzentrieren würden. In
den Unterlagen, die wir zur Abstimmung bekommen ha-
ben, heißt es, die KSK-Kräfte sollten „eine eigenständi-
gere Rolle“ übernehmen.

Gernot Erler




Ruprecht Polenz

Damit bin ich beim Irakdilemma der Bundesregierung.
Der Bundeskanzler hat die UN-Resolution begrüßt, für
deren Zustandekommen die Bundesregierung nichts, aber
auch gar nichts getan hat; das Gegenteil ist vielmehr der
Fall.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP – Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Sehr wahr!)


Das Lob aus Bagdad, Herr Außenminister, sollte die Bun-
desregierung wenigstens nachdenklich machen.

Bezeichnend für deren Schlingerkurs in der Irak-Frage
ist das Hin und Her um die ABC-Spürpanzer. Sie sind im
Rahmen von Enduring Freedom in Kuwait stationiert.
Aber was soll mit diesen ABC-Abwehreinheiten gesche-
hen, wenn es zu militärischen Maßnahmen gegen den Irak
kommt? Der Bundeskanzler im Frühjahr: Die Spürpanzer
bleiben, auch im Fall eines einseitigen Vorgehens der
Amerikaner. Ihr Abzug hätte nicht absehbare Folgen für
das deutsch-amerikanische Verhältnis der nächsten 30 bis
50 Jahre. – Verteidigungsminister Struck im Wahlkampf:
Die Spürpanzer werden zurückgezogen. – Verteidigungs-
minister Struck nach der Wahl: Die Spürpanzer bleiben;
ihr Abzug wäre außenpolitisch fatal. – Verteidigungsmi-
nister Struck Anfang November: Die Frage ist rein theo-
retischer Natur; niemand weiß, ob es einen Angriff auf
den Irak gibt.


(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da hat er Recht!)


Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen,
Herr Kollege Beck, hat vorgestern gesagt, falls Amerika
den Irak angreife, müsse in jedem Fall ein neuer Be-
schluss des Bundestages darüber herbeigeführt werden,
was aus den deutschen Fuchs-Panzern werden solle.


(Gernot Erler [SPD]: Das ergibt sich aus der Verfassung!)


Nur, Herr Kollege, was passiert in der Zeit zwischen ei-
nem möglichen Kriegsbeginn und der Verabschiedung ei-
nes solchen Bundestagsbeschlusses? Sollen die deutschen
Soldaten in Kuwait so lange die weiße Fahne hissen, so
wie 1991 weiße Betttücher aus deutschen Wohnzimmer-
fenstern hingen, als die internationale Koalition gegen
Saddam Husseins Überfall auf Kuwait vorging?


(Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Das ist eine gute Frage!)


Wären die deutschen Abwehrkräfte nicht zur Nothilfe
verpflichtet, wenn Saddam Hussein chemische oder bio-
logische Waffen gegen unsere Verbündeten einsetzen
würde? Präzise gefragt, Herr Außenminister: Was ge-
schieht, wenn der Sicherheitsrat nach der Feststellung ei-
nes ernsthaften Verstoßes gegen die UN-Resolution die
angedrohten ernsthaften Konsequenzen zieht und die
Weltgemeinschaft dann mit militärischen Mitteln gegen
den Irak vorgeht? Die Bundesregierung muss hier recht-
zeitig Klarheit schaffen, nicht erst dann, wenn militäri-
sche Auseinandersetzungen begonnen haben. Das ist sie
auch unseren Soldaten schuldig.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)


Die fehlende Klarheit in der Irakpolitik der Bundesre-
gierung kann auch für die Kräfte der Marine zu Proble-
men führen. Im Rahmen von Enduring Freedom gehören
alle Seegebiete zu ihrem Einsatzgebiet, die an die Arabi-
sche Halbinsel und an Nordostafrika angrenzen. Zu den
Aufgaben unserer Marinekräfte zählt auch, anderen
Schiffen Geleitschutz gegen terroristische Angriffe zu ge-
ben. Ich frage Sie, Herr Außenminister: Gilt dieser Auf-
trag auch dann fort, wenn diese Schiffe im Fall einer mi-
litärischen Auseinandersetzung mit dem Irak Nachschub
für die gegen den Irak kämpfenden Streitkräfte transpor-
tieren? Hier müssen Sie endlich Klarheit schaffen.

Typisch für den außenpolitischen Nebel, den Sie hier
verbreiten, waren die Aussagen Ihres früheren Adlatus
Volmer am vergangenen Mittwoch im Auswärtigen Aus-
schuss.


(Joseph Fischer, Bundesminister: Er ist nie mein Adlatus gewesen!)


Herr Volmer, zunächst haben Sie die UN-Resolution gelobt
und gesagt – ich habe es mir aufgeschrieben –: Auf dieser
Basis wollen wir jetzt gemeinsam handlungsfähig werden.
Ergänzend haben Sie gesagt: Aber die militärische Eskala-
tionsschwelle darf nicht überschritten werden. – Trotz-
dem haben Sie gehofft – ich habe es mir wörtlich aufge-
schrieben –, „dass die UN die Kraft haben, Saddam
Hussein zu nötigen, alle Bedingungen zu erfüllen“. Wenn
die Bundesregierung jetzt endlich dazu beitragen will,
dann muss sie erklären, dass sie eventuell erforderliche
ernste Konsequenzen der Weltgemeinschaft gegen Saddam
Hussein unterstützt. Es geht nicht, dass Sie im Sicher-
heitsrat zustimmen und danach weiterhin abseits stehen.

Lassen Sie mich noch zu einem zweiten Themenkom-
plex kommen, der ebenfalls im Zusammenhang mit dem
internationalen Terrorismus steht, nämlich Tschetsche-
nien. Die bekannte russische Korrespondentin Anna
Politkowskaja, die auch jetzt noch kritische Berichte aus
dem Kriegsgebiet liefert, hat in dieser Woche im „Spie-
gel“ wörtlich gesagt:

Die Zahl möglicher Selbstmordattentäter ist sprung-
haft angestiegen, weil die Armee in diesem Jahr auf
besonders brutale Art so genannte Säuberungsaktio-
nen durchgeführt hat – so, als wolle man den Terro-
rismus geradezu hervorrufen. Das hat auch bislang
gemäßigte Kräfte radikalisiert.

Herr Bundeskanzler, diese Problematik haben Sie bei
Ihrem Treffen mit Putin in Oslo offensichtlich nicht ange-
sprochen.


(Gert Weisskirchen [Wiesloch] [SPD]: Woher wissen Sie das?)


Die Schlagzeilen zu den Artikeln, in denen über dieses
Treffen berichtet wird, lauten allesamt so oder ähnlich:
„Schröder lobt Putins Tschetschenien-Politik“; er habe
„gute Ansätze“ gesehen. Herr Bundeskanzler, Memorial
und andere Menschenrechtsorganisationen waren ent-
setzt.


(Hans Büttner [Ingolstadt] [SPD]: Sie haben ja auch alles mitgehört!)



(A)



(B)



(C)



(D)


650


(A)



(B)



(C)



(D)






Sie haben – daran möchte ich erinnern – die Kritik an
Ihren Äußerungen zur amerikanischen Irakpolitik zurück-
gewiesen und der Opposition Leisetreterei vorgeworfen,
mit der man in der Irakfrage gegenüber den Amerikanern
nichts erreiche. Sie haben die amerikanische Regierung
als Abenteurer bezeichnet und das damit gerechtfertigt,
dass man sich unter Freunden schließlich auch offen die
Meinung sagen können müsse.


(Hans Büttner [Ingolstadt] [SPD]: Genauso ist es!)


Herr Bundeskanzler, wenn man Sie mit Putin in der
Talkshow mit Alfred Biolek gesehen hat oder wenn man
die Berichte über Ihre gemeinsame Schlittenfahrt mit dem
russischen Präsidenten noch in Erinnerung hat, dann
kommt man zu der Erkenntnis, dass der Eindruck eines
freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Ihnen und dem
russischen Präsidenten vermittelt werden sollte.


(Gert Weisskirchen [Wiesloch] [SPD]: Besser als Sauna!)


Wo sind denn nun die klaren Worte von Schröder zur
Tschetschenien-Politik seines Freundes Putin geblieben?


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Gegenüber Präsident Bush und den USA hat der Bundes-
kanzler als Tiger die Zähne gefletscht und gebrüllt;
gleichzeitig hat er sich Putin als Bettvorleger angedient.


(Hubertus Heil [SPD]: Das ist unter Ihrem Niveau, Herr Kollege! – Weitere Zurufe von der SPD)


Es wird höchste Zeit, dass die Außenpolitik der Bundes-
regierung Maß und Orientierung zurückgewinnt.


(Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Richtig!)


Ich erwarte von der Bundesregierung auch, dass sie
den Protest, den der Presseattaché der russischen Bot-
schaft gegen die Berichterstattung der ARD im Zusam-
menhang mit der Geiselnahme jetzt vorgebracht hat – von
diesem hat die ARD das Außenministerium informiert –,
zurückweist und sich hinter die freie und ungehinderte
Berichterstattung der ausländischen Korrespondenten in
Russland stellt und damit wenigstens ein Zeichen dafür
setzt, dass man sich in Sachen Pressefreiheit und Tschet-
schenien-Politik Russlands nicht alles diktieren lässt, wie
es der russische Präsident offensichtlich möchte.

Vielen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Franz Müntefering [SPD]: Sie eignen sich nicht zur Polemik!)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501100400

Ich erteile Bundesminister Joseph Fischer das Wort.


Joseph Fischer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501100500

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der inter-

nationale Terrorismus ist die größte Gefahr für unsere Si-

cherheit. Insofern ist es von entscheidender Bedeutung,
dass wir, eingebunden in das Bündnis mit unseren Part-
nern, zusammenstehen. Es ist sicherlich allen klar, wie
wichtig der Beitrag der Bundesrepublik Deutschland, der
Bundeswehr, aber auch vieler anderer ziviler Helfer in
diesem Zusammenhang ist.

Wenn es auch keinen formellen Zusammenhang gibt,
ist der Wiederaufbau in Afghanistan doch ein wesentli-
cher Bestandteil des Kampfes gegen den Terrorismus.
Das humanitäre Engagement in Afghanistan und die
Fähigkeit, den Wiederaufbau unter schwierigsten Bedin-
gungen voranzubringen, stehen in einem engen Zusam-
menhang mit dem Mandat, das wir heute beschließen wol-
len.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)


Insofern möchte ich mich im Namen der Bundesregierung
bei der größten Oppositionsfraktion recht herzlich für die
Zustimmung bedanken.

Lassen Sie mich dennoch die gestrige Debatte, in der
Sie Deutschlands Rolle und unser Verhältnis zur NATO
beschrieben haben, und Ihre heutigen Ausführungen – ich
sehe darin durchaus einen Zusammenhang – vergleichen.
Wir stellen im Rahmen von Enduring Freedom die meis-
ten Truppen nach den USA und leisten damit auch unter
dem Gesichtspunkt, dass wir die Risiken gemeinsam
schultern wollen, einen entsprechenden Beitrag. Unsere
Leistungen im Zusammenhang mit der Friedensmission
der Vereinten Nationen, ISAF, und unser umfassendes
Engagement finden breite Unterstützung. Daher stelle ich
fest, dass das, was Sie gestern dargestellt haben, nicht
stimmt, Herr Schäuble.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Die Union ist mit uns einer Meinung, dass der interna-
tionale Terrorismus die größte Gefahr darstellt. Sie haben
aber gestern im Zusammenhang mit der Frage, wie diesen
Bedrohungen zu begegnen ist, im Plenum so getan, als sei
die Bundesregierung nicht seit dem 11. September 2001
zusammen mit unseren Partnern in der Europäischen
Union in die Staatengemeinschaft – unter anderem steht
der deutsche Innenminister mit dem amerikanischen In-
nenminister in Verbindung – eingebunden. Ich konnte
mich kürzlich bei meinem Besuch in Spanien davon über-
zeugen, wie wichtig das ist. Sie aber tun so, als ob keine
Vorsorge getroffen würde, als wenn ich nicht seit Mona-
ten die Ausschüsse, vor allem den Auswärtigen Aus-
schuss, darüber unterrichten und den Abgeordneten un-
sere Sorge darstellen würde.

Sie bleiben in einem entscheidenden Punkt völlig un-
präzise – auch Herr Polenz hat das heute getan –: Wenn
der internationale Terrorismus die Gefahr Nummer eins
ist und diese Gefahr heute mitnichten als erledigt be-
trachtet werden kann – wir befürchten im Gegenteil, dass
der Terrorismus wieder zuschlagen kann, wie es in
Djerba und Bali der Fall war –, dann müssen Sie mir eine
Prioritätensetzung in Bezug auf den Irak erklären. Wenn
Sie meinen, dass dabei die Frage der Massenvernich-
tungsmittel im Vordergrund steht, halte ich Ihnen entge-
gen, dass Sie eine Bedrohungsanalyse zur Frage der

Ruprecht Polenz




Bundesminister Joseph Fischer
Trägersysteme und der Nuklearprogramme vornehmen
müssen, und frage Sie in diesem Zusammenhang, ob Sie
nach einer solchen Analyse tatsächlich auf den Irak kom-
men. Die entscheidende Frage ist doch, ob eine solche
Prioritätensetzung nicht vielmehr zu dem kontraprodukti-
ven Ergebnis einer Stärkung der terroristischen Gefahr
statt zu ihrer Schwächung führen würde. Das ist meine
große Sorge, meine Damen und Herren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Und der Sicherheitsratsbeschluss von letzter Woche? – Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU] meldet sich zu einer Zwischenfrage)


– Bitte, Herr Kollege Schäuble.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501100600

Herr Schäuble, Sie haben die Gelegenheit zu einer

Zwischenfrage.


Dr. Wolfgang Schäuble (CDU):
Rede ID: ID1501100700

Herr Bundesaußenminister, würden Sie mir zustim-

men, dass das Thema Irak auf dem NATO-Gipfel vermut-
lich eine zentrale Rolle spielen wird, und können Sie mir
vor diesem Hintergrund erklären, warum Sie gestern in
Ihrer Regierungserklärung zum Thema NATO-Gipfel das
Wort Irak nicht in den Mund genommen haben?


(Dr. Andreas Schockenhoff [CDU/CSU]: Heute auch noch nicht!)



Joseph Fischer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501100800

Natürlich habe ich das Thema Irak angesprochen, näm-

lich gerade vor ein paar Sekunden, Herr Schockenhoff.
Herr Schäuble, es ist ganz einfach so: Am vergangenen

Donnerstag fand die erste Beratung des Antrags der Bun-
desregierung zur Verlängerung des Mandats für Enduring
Freedom statt.


(Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Ich habe von gestern gesprochen!)


– Langsam! Sie haben gefragt, ich antworte. – Am ver-
gangenen Donnerstag, als wir über die Verlängerung des
Mandats für Enduring Freedom diskutiert haben, habe ich
ausdrücklich auch unsere Bedenken im Zusammenhang
mit dem Irak vorgetragen und erklärt, weshalb wir der
Meinung sind, dass diese Prioritätensetzung falsch ist. Sie
können dazu gerne anderer Meinung sein. Aber unter dem
Gesichtspunkt Kampf gegen den Terrorismus ist das eine
falsche Prioritätensetzung. Darüber haben wir letzten
Mittwoch gesprochen. Heute ist die dritte und ab-
schließende Lesung zu Enduring Freedom. Ich kann Ih-
nen in diesem Zusammenhang nur sagen: Beim NATO-
Gipfel wird der Irak eine Rolle spielen. Unsere Position
ist unzweifelhaft. Der Bundeskanzler hat sie in seiner Re-
gierungserklärung vorgetragen. Auch andere haben mehr-
mals im Plenum auf sie verwiesen: Wir halten dies für
eine falsche Prioritätensetzung. Unsere Position ist an die-
sem Punkt ganz klar.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Die Lösung von Regionalkonflikten ist für mich die
zweite Priorität. Sie müssen sich dazu die Ursachenent-
wicklung anschauen. Gerade gestern haben wir eine be-
sonders wichtige Entscheidung getroffen. Die Bundes-
republik Deutschland hat eine nicht unmaßgebliche Rolle
dabei gespielt, dass es schließlich zu einer positiven Ent-
scheidung bei der Biowaffenkonvention gekommen ist.
Sie stand kurz vor dem Scheitern.

Ich frage mich: Wenn die Gefahr der Verbreitung von
Massenvernichtungswaffen als zentrales Sicherheitsrisiko
angesehen wird, haben wir gerade als ein Staat, der alle ein-
schlägigen Konventionen unterschrieben hat, ein Interesse
an einem schärferen Nichtverbreitungsregime, oder haben
wir ein Interesse daran, dass das vorhandene Nichtverbrei-
tungsregime letztendlich völlig in die Blockade gerät? Ich
sage Ihnen: Wir haben ein Interesse an einer schärferen
Nichtverbreitungspolitik. Am gestrigen Tag hat die Bundes-
republik Deutschland Entscheidendes dazu beigetragen.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)


Sie wissen doch, wie die internationale Lage bei den
Chemiewaffen und den Biowaffen ist, verehrter Herr
Schäuble. Wenn man diese Waffensysteme als zentrales Ri-
siko darstellt, dann verstehe ich nicht, warum man eine Ver-
schärfung, einen Ausbau und eine effizientere, punktge-
nauere Form dieses Regimes nicht an die erste Stelle setzt.
Auch diese Diskussion müssen wir im Bündnis führen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Denn wenn ich der Meinung bin, dass dies ein Hauptri-
siko darstellt, dann muss ich entsprechende vorbeugende
Strukturen haben. Sie sind im internationalen Vertragsre-
gime vorhanden. Dies muss fortentwickelt werden, wofür
wir uns stark engagieren.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501100900

Kollege Fischer, gestatten Sie eine Zwischenfrage des

Kollegen Schmidt?


Joseph Fischer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501101000

Gerne.


Christian Schmidt (CSU):
Rede ID: ID1501101100

Herr Außenminister, halten Sie es für eine Verschär-

fung des Regimes über Biowaffenkontrolle und die Ver-
breitung von Massenvernichtungswaffen, von der Sie
gerade gesprochen haben, wenn jemand Massenvernich-
tungswaffen hat, von den Vereinten Nationen deswegen
sanktioniert wird, diese Sanktionen nicht einhält und miss-
achtet und dann ungestraft davonkommt?


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Woher wissen Sie denn das? – Hubertus Heil [SPD]: Aufwachen und Kaffee trinken!)



Joseph Fischer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501101200

Herr Kollege Schmidt, ich will Ihnen Ihre Frage gerne

beantworten. Wann waren Sie der Meinung, dass das


(A)



(B)



(C)



(D)


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Sanktionsregime nicht mehr ausreicht? Noch Ende Mai
– das wissen Sie nur zu gut – hat der VN-Sicherheitsrat
die so genannten Smart Sanctions beschlossen. Parallel
dazu begann die Debatte. Bis dahin habe ich von Ihnen
nicht gehört, dass schärfere Maßnahmen bis hin zum Mi-
litärschlag ins Auge gefasst werden sollten. Erst als an an-
derer Stelle diese Debatte begann, waren auch Sie dieser
Meinung.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Ich sage ganz klar meine Position: Ich bin nicht
der Meinung, dass seit 1991/92, also zu der Zeit, als die
CDU/CSU die Regierungsverantwortung hatte, gegen-
über Saddam Hussein eine Appeasement-Politik gemacht
wurde – eindeutig nein. Die Sanktionen haben gewirkt – ich
will jetzt nicht in die Zukunft schauen –, aber daraus kön-
nen eine Reihe von Problemen erwachsen. Für mich ist
der entscheidende Punkt: Das Sanktionsregime hat ge-
wirkt. Wir haben Ende Mai verbesserte Sanktionen be-
schlossen, die mehr Möglichkeiten bieten, der Bevölke-
rung im Rahmen des Oil-for-Food-Programms mit
größeren Lieferungen zu helfen. Auf der anderen Seite
wurde eine schärfere Kontrolle bei Dual-Use-Gütern, bei
Gütern, die sowohl militärisch als auch zivil genutzt wer-
den können, und bei Beschaffungsaktivitäten des Irak
durchgesetzt. Ich nehme die UN-Resolution ernst und
hoffe, dass das Regime in Bagdad diese Resolution erfül-
len wird. Was Sie damit nicht erreichen, ist die Ablösung
dieses Diktators. Das steht außer Zweifel. Das ist also die
Antwort.


(Abg. Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU] setzt sich)


– Sie dürfen sich setzen.

(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD – Dr. Andreas Schockenhoff [CDU/CSU]: Danke, Herr Lehrer!)


Für mich ist die Prioritätensetzung klar. Für mich ist
die erste Priorität der Kampf gegen den internationalen
Terrorismus. Die zweite Priorität ist für mich, dass wir uns
an die Lösung der Regionalkonflikte machen. Wenn mich
etwas im Zusammenhang mit Massenvernichtungswaffen
besorgt macht, dann ist es vor allem der indisch-pakista-
nische Konflikt als Regionalkonflikt, der wirklich die Ge-
fahr in sich birgt, nuklear zu eskalieren. Dazu gehört der
Nahostkonflikt. Dazu, Herr Polenz, gehört auch der Kau-
kasus, und zwar der nördliche wie der südliche Kaukasus.

Ich frage mich nur, ob Sie mit Ihrer Strategie, die Sie
sozusagen subkutan permanent nach vorn schieben, der
Prioritätensetzung „Die Hauptgefahr für uns ist der inter-
nationale Terrorismus“ gerecht werden oder nicht. Ich
meine, dass Sie ihr nicht gerecht werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir im
Kampf gegen den Terror nicht nachlassen, und zwar auf
beiden Ebenen nicht nachlassen: auf der militärischen, der
polizeilichen und der geheimdienstlichen Ebene sowie
bei der Beförderung von Modernisierungsprozessen,

beim Wiederaufbau und bei der humanitären Hilfe. Es
geht darum, dass eine große Region eine Perspektive be-
kommt, dass sich Menschen nicht ausgegrenzt fühlen,
sodass der Terrorismus bei ihnen keinen Nährboden
findet.

Das ist auch die entscheidende Diskussion im Zusam-
menhang mit dem Irak. Da stellt sich die Frage – diese
Frage stellen Sie sich doch genauso wie wir –, ob die USA
dann, wenn sie ihre militärischen Machtmittel einsetzen,
was sie ohne jeden Zweifel können, tatsächlich bereit
sind, in dieser hochgefährlichen Region dauerhaft mit ei-
ner großen Militärmacht für Frieden und Stabilität einzu-
stehen.

Darüber, welche Konsequenzen es hat, wenn die USA
das nicht tun, haben wir im Ausschuss gesprochen. Herr
Polenz, gerade Sie wissen nur zu gut, welche Risiken es
beinhaltet, wenn die USAvor der Zeit abziehen oder wenn
sich dort ein lang schwelender Konflikt, vor allem auf der
Terrorismusebene, entwickelt. Darüber haben wir im Aus-
schuss öfter gesprochen.

Das sind die Gründe dafür, dass wir eine andere Prio-
ritätensetzung vornehmen. Wenn wir die Prioritäten so
wie wir setzen, dann müssen wir auch wissen: Beim in-
ternationalen Terrorismus wird es kein Verhandeln geben.
Mit Osama Bin Laden und seinen selbstmörderischen
Mörderbanden wird es kein Verhandeln geben können.
Das ist die bittere Wahrheit.


(Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Der deutsche Weg ist jetzt: Prioritätensetzung! Die Parole heißt: Prioritätensetzung!)


Deswegen werden wir gemeinsam mit unseren Part-
nern den Terrorismus dort, wo er entsteht, niederkämpfen
müssen, die Terrorstrukturen zerstören müssen, aber
gleichzeitig den Menschen ein Angebot zum Wiederauf-
bau, eine Zukunftsperpektive geben müssen, damit der
Nährboden für Terrorismus trockengelegt wird. Genau
das ist die zentrale Aufgabe, über die wir im Zusammen-
hang mit Enduring Freedom heute zu entscheiden haben.
Ich bitte um Ihre Unterstützung.


(Anhaltender Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501101300

Ich erteile dem Kollegen Werner Hoyer, FDP-Fraktion,

das Wort.


Dr. Werner Hoyer (FDP):
Rede ID: ID1501101400

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit

Ihrer Erlaubnis, Herr Präsident, würde ich gern zum
Thema Enduring Freedom zurückkommen.


(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der CDU/CSU)


Ich habe vernommen, dass wieder krampfhaft versucht
wird, die Brandmauer zu errichten bzw. zu erhalten zwi-
schen der Terrorismusbekämpfung


(Dr. Angela Merkel [CDU/CSU]: Und Irak!)


Bundesminister Joseph Fischer




Dr. Werner Hoyer
und dem, was möglicherweise an militärischer Konfron-
tation mit dem Irak bevorsteht. Die Realitäten der nächs-
ten Monate könnten zeigen, dass es nicht mehr möglich
sein wird, so einfache Brandmauern zu erhalten.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Dr. Wolfgang Gerhardt [FDP]: So wird das sein!)


Aus der Vorbereitung des NATO-Gipfels – wir haben
gestern über die Veränderung und Weiterentwicklung der
NATO-Strategie gesprochen – wissen wir, dass dort die
Bekämpfung des Terrorismus ein entscheidender Punkt
ist. Deswegen werden Sie diese Form der Trennung durch
die Errichtung von Brandmauern aus rein innenpoliti-
schem, koalitionspolitischem Kalkül nicht lange durch-
halten können.


(Dr. Wolfgang Gerhardt [FDP]: So wird das sein! – Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Neue Prioritätensetzung!)


Im Kampf gegen den internationalen Terrorismus
stehen die Völker dieser Welt Seite an Seite. Wir Deut-
schen stehen bisweilen ein wenig an der Seite, wenn nicht
im Abseits. Aber insgesamt kann man wohl doch festhal-
ten, dass in der Frage von Enduring Freedom, also im
Kampf gegen den Terrorismus im Zusammenhang mit Af-
ghanistan, eine große Mehrheit in diesem Hause zustande
kommen wird. Das halte ich auch für sehr gut. Um es vor-
wegzunehmen: Die FDP-Fraktion wird dem Antrag der
Bundesregierung zustimmen.

Die Bekämpfung des internationalen Terrorismus ist
für Liberale in allererster Linie auch ein Freiheitsthema.
Die Freiheitsrechte nicht nur der Staaten, sondern auch
des einzelnen Menschen werden doch zunehmend berührt
von dem, was uns international, national oder wie auch
immer organisierte Terroristen antun. Wenn ich zum Bei-
spiel höre – dies betrifft auch Parlamentarier dieses Hau-
ses –, dass sich die Bundesregierung gezwungen sah, die
Botschafterkonferenz in Ostafrika, zu der viele Parlamen-
tarier eingeladen waren, aus Sorge vor terroristischen An-
griffen abzusagen, dann zeigt das doch, wie stark die Frei-
heitseinschränkung für alle von uns mittlerweile
geworden ist.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wenn Kolleginnen und Kollegen dieses Hauses, An-
gehörige des Auswärtigen Amtes und andere aus Sicher-
heitsgründen nicht zu dieser Konferenz reisen können,
was bedeutet denn das für Millionen von deutschen
Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern, die frei und sicher
irgendwo in der Ferne ihren Urlaub verbringen wollen
und auch ein Recht darauf haben?

Also, meine Damen und Herren, es handelt sich hier-
bei weiß Gott um ein Freiheitsthema. Eine wehrhafte De-
mokratie muss darauf eingehen. Wir tun das. Deshalb
stimmen wir zu.


(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Dr. Friedbert Pflüger [CDU/CSU])


Allerdings wird uns das nicht davon abhalten, Kritik zu
äußern, und zwar insbesondere deshalb, weil die Bundes-

wehrangehörigen einen Anspruch darauf haben, dass wir
ihre Probleme auch hier artikulieren. Denn – hoffentlich
sind wir uns auch darin einig – die Angehörigen der Bun-
deswehr leisten sowohl in Afghanistan als auch in ande-
ren Regionen einen hervorragenden Beitrag im Kampf
gegen den Terrorismus und zur Wiedererlangung des Frie-
dens. Dafür sollten wir ihnen allen unseren Dank sagen.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


In diesen Dank sollten wir ihre Familien einschließen, die
einen riesigen Beitrag leisten, ihre Freunde und nicht zu-
letzt auch die Angehörigen der Bundeswehr, die zu Hause
bleiben. Denn auf ihnen wird ein Teil der Last abgeladen,
der sonst auf denjenigen liegen würde, die jetzt nach Af-
ghanistan oder in andere Regionen der Welt geschickt
worden sind.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, was die Kritik an-
geht, möchte ich mich auf drei Bereiche konzentrieren:
den Einsatz am Horn von Afrika, die ABC-Spürtruppen
in Kuwait und die Frage der Finanzierung der Bundes-
wehr.

Zunächst möchte ich auf den Einsatz am Horn von
Afrika zu sprechen kommen. Wir haben dort Marine-
einheiten stationiert. Auch diese leisten unter katastro-
phalen und schwierigsten Bedingungen einen hervorra-
genden Einsatz. Aber diese Soldaten werden dorthin
geschickt mit Material, das für Operationen unter solchen
Temperaturbedingungen nicht geeignet ist. Darüber hi-
naus handelt es sich auch noch um Material, das mit dem
unserer Verbündeten so inkompatibel ist, dass nicht ein-
mal ein Ersatzteilaustausch möglich ist. Eine effektive Ar-
beit ist so nur begrenzt möglich. Das ist natürlich nicht das
Beste für die Motivation.

Wenn dies allein für die Marinesoldaten nicht schon
frustrierend genug ist, die nationalen Einsatzrichtlinien
sind es allemal. Wie demotivierend muss es sein, einen
begründeten Verdacht gegen ein das Horn von Afrika pas-
sierendes Schiff zu haben, die Überprüfung dieses Ver-
dachtes jedoch Soldaten anderer Nationen überlassen zu
müssen? Das ist nicht zu begreifen. Durch reine Präsenz
und die wertvolle Auflistung von Bewegungen in dieser
Region, ohne aber weitere Befugnisse und Eingriffsmög-
lichkeiten kann dem internationalen Terrorismus nicht
Einhalt geboten werden. Das wirkt fast lächerlich. Das
Mandat erlaubt mehr, aber der Bundesregierung fehlt
offensichtlich die Kraft, es verantwortungsvoll auszu-
füllen.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Das liegt wahrscheinlich weniger an der Kraft als an
dem Spagat zwischen Regierungsverantwortung und Par-
teipolitik, den wir hier seit Monaten miterleben dürfen.
Nach außen zeigen wir „Wir sind ja dabei“, aber nach in-
nen kann man argumentieren „Keine Sorge, handeln kön-
nen unsere Soldaten sowieso nicht“. Auf Dauer geht das
nicht gut.


(Beifall bei der FDP – Gernot Erler [SPD]: Fragen Sie mal die Verbündeten!)



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Bedeutend schwerwiegender könnte sich diese Regie-
rungsschwäche bei der Ausgestaltung der ABC-Schutz-
truppe erweisen. Kollege Polenz ist ausdrücklich darauf
eingegangen. Ich möchte es auf den Punkt bringen. Es ist
schon eine geradezu absurde, wenn nicht schizophrene Si-
tuation: Einerseits dürften unsere ABC-Soldaten zwar im
Falle einer terroristischen A-, B- oder C-Bedrohung in
Kuwait tätig werden. Aber sie könnten dies nicht, weil
80 Prozent des Personals auf 96 Stunden Rufbereitschaft
in Deutschland gebunden sind. Das ist zwar sehr schnell,
aber in einem solchen Fall nicht schnell genug. Anderer-
seits könnte das deutsche Kontingent im Falle eines Irak-
krieges nach entsprechender Komplettierung einen wirk-
samen Beitrag leisten, dürfte dies aber aus politischen
Gründen nicht.

Das muss man sich einmal ganz konkret vorstellen.
Deutschland verfügt über das weltweit technologisch an-
spruchsvollste und beste Material für den ABC-Schutz so-
wie über hervorragend ausgebildete und ausgerüstete Sol-
daten. Falls Soldaten – zum Beispiel amerikanischer,
britischer oder auch anderer Herkunft – im Zusammen-
hang mit einem Irakkrieg in eine lebensbedrohliche Si-
tuation geraten, könnten deutsche Soldaten sie retten.
Aber wir sagen Nein. Das halten wir nicht aus.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Dr. Wolfgang Gerhardt [FDP]: Das werden sie nicht durchhalten!)


Wir werden sehen, Herr Kollege Ströbele, was die
Bekenntnisse der Koalition wert sind.


(Dr. Wolfgang Gerhardt [FDP]: Die Hintertüren sind doch schon aufgemacht worden!)


Sowohl der Kollege Erler als auch Herr Struck haben in
ihren Ausführungen ein Hintertürchen geöffnet. Die Bun-
desregierung verweist darauf, dass ein Bundestagsbe-
schluss erforderlich ist. Selbst wenn der Bundestag in
Rekordzeit handelte, könnte es zur Rettung von Men-
schenleben zu spät sein.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Da wir die Situation vorhersehen, in der das Handeln

der Bundesregierung gefragt ist, betonen wir: Verantwor-
tungsbewusste Politik muss jetzt handeln und nicht erst
dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Wir soll-
ten über die Sinnhaftigkeit unserer Entscheidungen kon-
kret und schnörkellos nachdenken; denn das Risiko in
Kuwait und das Risiko um den Irak herum ist enorm hoch.

Als Letztes möchte ich etwas zur Finanzierung von
Enduring Freedom sagen. Minister Struck hat im Ver-
teidigungsausschuss darauf hingewiesen – ich hoffe, das
ist mir korrekt berichtet worden –, dass die Finanzierung
der zusätzlichen Lasten aus dem Einzelplan 60 gewähr-
leistet ist, sodass wir nicht davon ausgehen müssen, dass
der Einzelplan 14 zusätzlich belastet wird. Das sind Good
News. Wir werden im Rahmen der Haushaltsberatungen
hier in drei Wochen sehen, was diese Äußerungen wert
sind und wo die Grenzen dessen sind, was wir einer schon
jetzt bis an die Schmerzgrenze belasteten Bundeswehr ei-
gentlich noch zumuten und aufbürden können, wenn sich
die Finanzierung und die Ausstattung der Bundeswehr
nicht nachhaltig verbessern.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501101500

Ich erteile Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-

Zeul das Wort.

Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung:

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Diese Debatte ist ein Anlass, ein Jahr nach der Entschei-
dung über Enduring Freedom und nach der historischen
Konferenz auf dem Petersberg eine positive Zwischen-
bilanz zur Entwicklung in Afghanistan zu ziehen. Ich
denke dabei auch an die internationale Unterstützung. Ich
sage das, obwohl wir wissen, dass die Entwicklung vor
Rückschlägen nicht gefeit ist.

Die Taliban sind zurückgedrängt und sie sind weitge-
hend entmachtet. Unter dem durch die Loya Jirga ge-
wählten Präsidenten Karzai sind eine Rechtskommission,
eine Menschenrechtskommission und eine Verfassungs-
kommission eingesetzt worden. Außerdem ist eine unab-
hängige Zentralbank institutionalisiert worden. Liebe
Kolleginnen und Kollegen, das ist doch der Ernstfall: der
demokratische und wirtschaftliche Aufbau; dieses erfor-
dert ein langfristiges Engagement und eine langfristige
Unterstützung. Das entscheidende Signal geht von der
Beantwortung der Frage aus, ob es gelingt, dem Terroris-
mus dauerhaft die Basis zu entziehen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Die Menschen in Afghanistan haben mit unglaublicher
Energie und Kraft mit dem Wiederaufbau begonnen. Sie
werden dabei und müssen auch dauerhaft von der inter-
nationalen Gemeinschaft unterstützt werden; denn Afgha-
nistan hat eine lange Erfahrung damit, wie es ist, wenn die
internationale Gemeinschaft wegsieht.

An dieser Stelle möchte ich sowohl den Soldaten dort
im Land als auch den für Nichtregierungsorganisationen
in der humanitären Hilfe Tätigen als auch denjenigen, die
dort zum Zwecke der Förderung der Entwicklungszusam-
menarbeit tätig sind, ein Dankeschön sagen für die Arbeit,
die sie vor Ort beim demokratischen, wirtschaftlichen und
sozialen Wiederaufbau leisten.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)


Wir haben als Bundesregierung Wort gehalten, wir ha-
ben 80 Millionen Euro Finanzhilfen zugesagt. In diesem
Jahr haben wir angesichts der Bewältigung zusätzlicher
Aufgaben die Mittel sogar aufgestockt, sodass im Jahr
2002 insgesamt 126 Millionen Euro zur Verfügung ge-
stellt worden sind. Und das heißt auch Aufbau der Polizei
zum Beispiel. Wir leisten nicht nur einen militärischen
Beitrag, sondern wir haben auch dazu beigetragen, dass
Polizeiausbilder ausgebildet werden. Wir haben dazu bei-
getragen, dass die Ausrüstung, die Schulung der Polizei,

Dr. Werner Hoyer




Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul
die Bereiche Ausbildung, Information, Kenntnisse über
Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit vorangebracht
worden sind. Wir haben dazu beigetragen, dass Kranken-
häuser und andere Gesundheitseinrichtungen – allein
34 mit deutschen Finanzhilfen – wiederhergestellt wur-
den, sodass es den Menschen dort, zumal auch den
Frauen, denen bisher der Zugang zum Gesundheitssystem
verwehrt wurde, wieder möglich wurde, Krankenhäuser
aufzusuchen. Es ist doch ein großartiger Erfolg, dass so
Frauen- und Kindersterblichkeit verringert werden
konnte. Ich finde, das sollte in dieser Debatte eine Rolle
spielen und nicht das Klein-Klein zwischen Opposition
und Regierung in diesen Fragen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Sagen wir doch klar, dass das ein Riesenerfolg ist. Dieses
Engagement erwarten ja auch die Menschen in Afghanis-
tan von uns.

Mit den Mitteln deutscher Entwicklungszusammenar-
beit und durch viele Nichtregierungsorganisationen haben
wir 80 Schulen wiederhergestellt, sodass 80 000 Kinder
allein auf diese Finanzierungsmöglichkeit hin, insbeson-
dere Mädchen, heute wieder Schulen besuchen können.
Das ist ein großartiger Erfolg. Ein Zurückdrängen der Ko-
ranschulen und eine Förderung des öffentlichen Schulsys-
tems, in dem auch Mädchen Chancen haben und in dem
keine Hetze von islamistischen Kräften stattfindet, wirken
dem Terrorismus dauerhaft entgegen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)


Wir wissen – und das war ja auch ein wichtiger Grund
für die Zurückdrängung der Taliban –, dass die Frauen
von ihnen entrechtet worden sind. Unsere Entwicklungs-
zusammenarbeit hat dazu beigetragen – ich habe vor zwei
Tagen mit der zuständigen stellvertretenden Frauenminis-
terin gesprochen –, dass mittlerweile im Land selbst
34 Frauenzentren bzw. Netzwerke, in denen Frauen bera-
ten und ihnen bei der Durchsetzung ihrer Rechte geholfen
wird, eingerichtet worden sind, davon 16 in Kabul selbst.
Das ist doch eine wunderbare Leistung.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)


Die Frauen in Afghanistan danken uns, dass ihnen solch
große Zukunftschancen eröffnet werden. Wir diskutieren
hier doch das Schicksal von Menschen und nicht um ir-
gendwelche abstrakten Prinzipien.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir wollen aber auch
– und das tun wir auch schon – zum einen den Menschen
helfen, den dramatischen Winter zu überstehen. Zum an-
deren wollen wir durch die Schaffung von Verbindungen
in abgelegenen Provinzen wie Farah, Badghis oder Ghor
und mithilfe von Programmen zur Entwicklungszusam-
menarbeit dazu beitragen, dass Kommunikationskanäle
zwischen diesen Regionen und der Zentralregierung
Karzai, die ja gestärkt und unterstützt werden muss, ge-
schaffen werden, um dazu beizutragen, dass regionalen
Warlords das Handwerk gelegt und die Zentralregierung
gestärkt wird.

Ich komme zurück auf die Frauen: In der Verfas-
sungskommission, die jetzt eingesetzt worden ist – das ist
vielleicht für uns schwer vorstellbar, aber für Afghanistan
ist das ein Riesenfortschritt –, sind fünf Männer und zwei
Frauen, Juristinnen, vertreten. Das ist ein wichtiger An-
fang, denn wir wollen dazu beitragen, dass die Rechte der
Frauen auch in der Verfassung garantiert werden, und un-
terstützen die afghanische Regierung dabei. Wir wissen
aber auch, dass die Frauen in Afghanistan ihren Teil dazu
beitragen. Das ist ein wichtiger Anfang. Wir werden die
weitere Entwicklung sehr genau verfolgen und begleiten.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Afghanistan ist aber auch – da wende ich mich noch
einmal an die Kolleginnen und Kollegen der Opposition –
ein Beispiel dafür, dass es im Kampf gegen den Terroris-
mus ein langfristiges Engagement braucht. Zu glauben,
Nation Building, also ein demokratisches Staatswesen im
Nahen Osten aufzubauen, ginge einfach einmal so in ei-
nem halben Jahr, ist unrealistisch;


(Dr. Wolfgang Gerhardt [FDP]: Sagt doch niemand! Wer glaubt denn das? Sagen Sie es den Grünen!)


demokratischer Staatsaufbau erfordert vielmehr Konzen-
tration. Afghanistan sollte auch weltweit ein Beispiel
dafür werden, dass sich die Abkehr von Gewalt und Terro-
rismus lohnt, dass sich Frieden für die Menschen lohnt.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Aber – genau das habe ich auch in der Debatte vor ei-
nem Jahr gesagt – der Terrorismus braucht auch weiter
gehende Antworten. Ihm muss eine weltweite Koalition,
die für Gerechtigkeit und Solidarität eintritt und die glo-
bale Armut bekämpft, entgegengesetzt werden. In Bezug
auf Freiheitsrechte sage ich: Freiheitsrechte sind wichtig.
Aber sind die 1,2 Milliarden Menschen wirklich frei, die
weniger als 1 Dollar pro Tag verdienen? Der Kampf ge-
gen die globale Armut wird dem Terrorismus langfristig
die Basis entziehen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)


Es ist wichtig, zu betonen, dass wir uns in mehreren
internationalen Konferenzen diesen Aufgaben gestellt
haben. Die dort eingegangenen Verpflichtungen setzen
wir um: In Doha wurde eine neue Welthandelsrunde ein-
geläutet; in Monterrey wurde eine höhere Entwicklungs-
finanzierung beschlossen und – nicht zuletzt – in Johan-
nesburg wurden die Weichen für eine nachhaltige
Energiezukunft und globale Klimaziele gestellt. Wir sind
dieser Politik verpflichtet und setzen die notwendigen
Maßnahmen um.

Wir beharren aber auch darauf – in diesem Punkt gibt
es bei Ihnen Widersprüche –, dass die Finanzmittel in-
ternational genau auf diese Aufgaben konzentriert wer-
den. Die knappen öffentlichen Mittel der Welt müssen in
Wachstum, in Entwicklung und in Armutsbekämpfung in-
vestiert werden, aber nicht noch auf andere Bereiche aus-
geweitet werden.


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Die internationale Gemeinschaft darf es nicht zulassen,
dass durch weltweit steigende Militärausgaben die Hand-
lungsspielräume verengt werden.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Schon jetzt leiden die Entwicklungsländer stärker noch
als die Industrieländer unter der weltwirtschaftlichen
Krise und steigenden Ölpreisen. Die OECD hat gerade in
jüngster Zeit in einem Bericht darauf hingewiesen – so hat
das „Handelsblatt“ berichtet; manchmal ist es wichtiger,
den Wirtschaftsteil der Zeitungen zu lesen –, dass die Mi-
litärausgaben weltweit das Wachstum bremsen. Das scha-
det gerade den Entwicklungsländern. Deshalb müssen wir
darauf achten, die Mittel auf die wichtigen Bereiche zu
konzentrieren. Wir müssen auf politische Lösungen set-
zen und von der Androhung von Krieg wegkommen.
Auch diese Schlussfolgerung ist für die Bekämpfung des
Terrorismus wichtig.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501101600

Frau Ministerin, denken Sie bitte an Ihre Redezeit.

Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung:

Jawohl, Herr Präsident! Ich bin sofort fertig.

(Dr. Werner Hoyer [FDP]: Das war das einzig Militärische an der Rede! – Dr. Wolfgang Gerhardt [FDP]: Sie müssen nur noch grüßen!)


– Bei einem Verteidigungsminister Struck fällt mir das
durchaus leicht.

Ich komme zum Schluss. Nach dem 11. September ha-
ben wir die Schaffung globaler Rechtsstaatlichkeit gefor-
dert. Dazu leistet der Internationale Strafgerichtshof ei-
nen Beitrag. Wer versucht, ihn zu delegitimieren, der
schadet dieser globalen Rechtsstaatlichkeit, die so not-
wendig ist.

Lassen Sie uns zusammenstehen und uns dafür enga-
gieren, dass wir Schritte in Richtung auf eine gerechtere
Weltordnung unternehmen! Das ist für die Sicherheit,
auch für unsere Sicherheit, die wichtigste Aufgabe für die
Zukunft. Darüber sollten wir uns einig sein.

Ich bedanke mich sehr.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501101700

Ich erteile das Wort dem Kollegen Hans Raidel,

CDU/CSU-Fraktion.


Hans Raidel (CSU):
Rede ID: ID1501101800

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Her-

ren! Der Einsatz von Truppen, die Entsendung der Bun-
deswehr in internationale Einsätze, darf niemals zur Rou-
tine werden. Deswegen ist es wichtig und notwendig, dass
wir uns heute mit diesem Einsatz in ganz besonderer

Weise wieder beschäftigen. Wir von der CDU/CSU stel-
len uns dieser Frage besonders, weil die Fürsorgepflicht
gegenüber unseren Soldaten für uns im Mittelpunkt steht.

Wir alle haben der Bundeswehr für ihre Einsätze ge-
dankt. Es genügt aber nicht, nur Danke schön zu sagen.
Man muss gleichzeitig dafür sorgen, dass die Rahmenbe-
dingungen für die Bundeswehr stimmen. Diese Rahmen-
bedingungen sind verbesserungsbedürftig. Deswegen for-
dere ich hier und heute für die Soldaten, dass einige Dinge
künftig verbessert werden.

Das bedeutet erstens, die Überbelastung von Soldatin-
nen und Soldaten zu mildern sowie die Situation deren Fa-
milien durch Flexibilisierung der Einsatzdauer und durch
eine flächendeckende professionelle Familienbetreuungs-
organisation zu verbessern.

Zweitens fordern wir die Verbesserung des Besol-
dungs- und Zulagenwesens sowie der Beförderungsmög-
lichkeiten für Soldaten im Einsatz unter Berücksichtigung
besonderer Situationen, beispielsweise einem Einsatz in
der KSK.


(Beifall des Abg. Michael Glos [CDU/CSU])

Wir fordern darüber hinaus die Anpassung des Soldaten-
versorgungsgesetzes. Schließlich hat sich mit der Ver-
änderung der Gefährdungslage auch das Berufsbild des
Soldaten geändert. Ich nenne als Stichwort nur die Wehr-
dienstbeschädigungen.

Wer angesichts solch schwieriger Einsätze ständig die
Notwendigkeit der Bundeswehr beteuert, der muss natür-
lich ins Kalkül ziehen, dass die Fähigkeiten – Mittel, Aus-
bildung usw. – nicht unverändert bleiben dürfen. Deshalb
sagen wir nach wie vor: Der Verteidigungshaushalt ist un-
terfinanziert. Mit dem Haushalt 2003 hat die Regierung,
hat das Parlament die Möglichkeit, diese massive Unter-
finanzierung bei Personal, Betrieb und Investitionen zu
korrigieren.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, natürlich ist

das Thema Enduring Freedom insgesamt eingebettet in
die derzeitige weltpolitische Diskussion – Schlüsselwort
Irak. Ich bin der Meinung, dass die Regierung aufgefor-
dert bleibt, Klarheit zu schaffen und die Bundeswehr aus
der Grauzone – das gilt für die Marine, das gilt für KSK,
das gilt auch für den Einsatz von Spürpanzern im Irak –
zu holen, was neue Aufträge und neue Einsatzgebiete an-
geht.

Der Außenminister macht es sich zu leicht, wenn er nur
feststellt: „Wir werden uns nicht aktiv beteiligen.“ Was
bedeutet das denn? Selbstverständlich muss Deutschland
seinen anderen Verpflichtungen nachkommen. Selbstver-
ständlich werden wir nicht abseits stehen, wenn von
Deutschland aus logistische Unterstützung geleistet wer-
den muss, wenn wir im medizinischen Bereich – Stich-
wort Medivac – unseren Beitrag leisten müssen. Wir kön-
nen nicht einerseits die Resolution im Weltsicherheitsrat
begrüßen, es andererseits aber vermeiden, uns bei deren
aktiver Durchsetzung zu beteiligen, zum Beispiel, indem
wir Fachleute – wie jetzt bei der Entsendung von Inspek-
toren – zur Verfügung stellen.

Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul




Hans Raidel

All dies wird hier mit großer Geste beiseite geschoben.
Wenn wir die Dinge auf den Punkt bringen, dann sehen
wir, dass wir an einer aktiven Beteiligung nicht vorbei-
kommen – und das ist auch gut so. Ich wäre sehr dankbar,
wenn seitens Rot-Grün endlich einmal zwischen Wunsch
und Wirklichkeit unterschieden würde und wenn man die
Realitäten so sähe, dass sie uns nützen, statt uns außen-
und sicherheitspolitisch weiter zu schaden.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Stellen wir noch einmal fest: Nach dem 11. Septem-

ber 2001 verspricht Schröder die „uneingeschränkte So-
lidarität“. Was ist daraus geworden? – Jämmerlich,
mickrig! Dieser Bundeskanzler sagt, man lasse auch künf-
tig keinen im Regen stehen. Sein Handeln aber bedeutet:
Wir lassen jeden im Regen sitzen.


(Lachen bei der SPD – Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das haben wir jetzt aber echt nicht verstanden!)


Das ist eine Haltung, die Deutschland nicht angemessen ist.
Der Bundeskanzler musste seinerzeit die Vertrauens-

frage stellen, weil er ansonsten im eigenen Lager keine ei-
gene Mehrheit gehabt hätte. Kein Ruhmesblatt für uns,
eher eine Verzweiflungstat! Draußen hat man das sehr
wohl registriert.


(Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Das ist wahr!)


Die unsägliche Irakpolitik belastet nach wie vor unser
Verhältnis zu den USA, zerstört Vertrauen und isoliert
Deutschland in Europa, bei der NATO und der UNO. Un-
ser Einfluss sinkt. Die Welt nimmt uns nicht mehr ernst.
Die Wirtschaftsmisere verstärkt diesen freien Fall. Unser
verteidigungs-, sicherheits- und außenpolitischer Abstieg
in die zweite Liga ist vorprogrammiert. Wir sitzen welt-
politisch am Katzentisch. Wir brauchen eine Umkehr.


(Gernot Erler [SPD]: Sie sollten auswandern, Herr Raidel!)


– Lieber Herr Kollege Erler, Sie haben mit großer Geste
die Probleme beschrieben, die außerhalb von Deutschland
bestehen.


(Gernot Erler [SPD]: Ich habe von Enduring Freedom gesprochen!)


Sie haben gesagt: Wir sollten, wir müssten, wir könnten, wir
dürften. Aber Sie sind nie von einer realistischen Grundlage
in unserem Lande ausgegangen. Wenn Sie das getan hätten,
hätten Sie ganz andere Maßstäbe anwenden müssen, damit
wir in diesen Fragen nicht weiter isoliert sind.

Dabei erkenne ich durchaus an, was die Bundeswehr
in diesem Zusammenhang leistet. Ich erkenne auch die
außenpolitischen Bemühungen an. Aber die innere Ver-
fasstheit von SPD und Grünen ist schwankend, was uns
nicht erlaubt, einen konsequenten, angemessenen deut-
schen Beitrag zu leisten.


(Gernot Erler [SPD]: Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen!)


Hier haben Sie Nachholbedarf.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Eigentlich sollten wir heute Folgendes tun: Wir sollten
uns entweder der Stimme enthalten oder dagegen stim-
men, damit wir Sie wieder zum Offenbarungseid zwingen.


(Widerspruch bei der SPD)

Wir tun es nicht. Warum? – Weil die Bundeswehr uns
braucht, weil sie Rückhalt benötigt und weil sie insbeson-
dere in unsere Fraktion Vertrauen setzt.


(Michael Glos [CDU/CSU]: Zu Recht!)

Auch unsere internationalen Partner brauchen in beson-
derer Weise ein Zeichen des Goodwill von unserer Seite.
Wir müssen wettmachen, was Rot-Grün, was Schröder/
Fischer in dieser Frage verbocken.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Wir stimmen nicht deswegen zu, um einer lahmenden Re-
gierung zu helfen, sondern aufgrund unserer besonderen
Verantwortung.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501101900

Ich erteile das Wort dem Kollegen Winfried Nachtwei,

Bündnis 90/Die Grünen.


Winfried Nachtwei (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501102000

Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kolle-

gen! Die Bedrohungsgefühle in der Bevölkerung im Hin-
blick auf den internationalen Terrorismus sind deutlich
zurückgegangen. Das ist normal. Die objektive Bedro-
hungslage hat sich nicht reduziert. Deshalb ist es unsere
besondere Verantwortung, im Hinblick auf die Bedrohung
durch den internationalen Terrorismus wachsam zu sein.

Heute wird der Bundestag über die weitere Teilnahme
der Bundeswehr an Enduring Freedom befinden. Uns ist
bewusst: Die Bekämpfung des internationalen Terroris-
mus ist primär eine politische Aufgabe. Die direkte Ver-
folgung der Täter und ihrer Hintermänner, die Gefahren-
abwehr, das alles muss einhergehen mit dem strategischen
Kampf um Köpfe und Herzen der Menschen, mit der Ein-
dämmung und Austrocknung von Nähr- und Resonanzbö-
den des Terrorismus. Dabei ist die Wahrung und Stärkung
der Menschenrechte und rechtsstaatlicher Standards von
elementarer Bedeutung.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Ein Jahr nach Beginn der deutschen Beteiligung an
Enduring Freedom stellt sich selbstverständlich die
Frage: Was hat sie gebracht?


(Beifall des Abg. Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Bin Laden ist noch nicht gefangen, al-Qaida noch weiter
aktionsfähig. In Afghanistan herrschen immer noch viel
Unfriede und Gewalt. Wir müssen nüchtern feststellen:
Auf die Frage nach der Wirksamkeit der Terrorismus-
bekämpfung und des Militärischen lassen sich nur zum
Teil eindeutige Antworten geben. Denn diese Bedrohung


(A)



(B)



(C)



(D)


658


(A)



(B)



(C)



(D)






ist zu komplex, zu undurchsichtig sowie zäh und deshalb
schwierig zu bewerten.

Aber es gibt offenkundige Ergebnisse. Afghanistan
– das sollten wir nicht vergessen – war der wesentliche
Ausbildungs-, Rückzugs- und Operationsraum für terroris-
tische Strukturen, wo mindestens 20 000 Kämpfer ausge-
bildet und von wo diese dann entsandt wurden. Dieses
primäre Basislager hat al-Qaida weitestgehend verloren,
allerdings nicht aufgegeben, wie Reorganisationsversu-
che von al-Qaida und Taliban zeigen.

Eingedämmt wurde das 23-jährige Kriegschaos, aber
längst noch nicht beendet. Noch zu stark sind Warlords
und kriminelle Banden. Die für den letzten Winter be-
fürchtete große humanitäre Katastrophe konnte gerade
noch verhindert werden. Das heißt, vielen Tausend Men-
schen in Afghanistan wurde tatsächlich das Leben gerettet.

Den 20 Millionen geschundenen Afghanen wurde eine
einmalige Friedenschance eröffnet. Diese ist noch sehr
gefährdet und sie wird von den zivilen Opfern überschat-
tet, die die alliierten Militäraktionen gefordert haben.
Trotzdem, das Land hat eine Friedenschance, wie sie vor
Jahren in keiner Weise für möglich gehalten wurde.

Weitere Ergebnisse sind: Die Bewegungs- und Aktions-
freiheit der Terrornetzwerke wurde behindert. Somalia
wurde nicht zum befürchteten Rückzugsgebiet für diese
Terroristen. Allerdings ist nur zum Teil nachweisbar, in-
wieweit auch Anschläge verhindert werden konnten.

Aber – das müssen wir ebenfalls feststellen – es gab
auch deutliche Rückschläge. Dazu gehört der Einsatz un-
verhältnismäßiger und unterschiedslos wirkender mili-
tärischer Gewalt. Dazu gehört die beunruhigende Tendenz
bei einigen Partnern der Antiterrorkoalition, bei der Ter-
rorismusbekämpfung die Menschenrechte zu relativieren,
ja massivst zu verletzen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Extrembeispiel dafür ist der Terrorkrieg in Tschetsche-
nien. Dieser fördert den Terrorismus, statt ihn auszu-
trocknen. Völlig zu Recht hat Bundespräsident Rau ge-
fordert, die Allianz gegen den Terror müsse mit einer
Allianz für die Menschenrechte einhergehen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Die deutschen Beiträge zu Enduring Freedom sind
qualitativ hochwertig und wichtige Elemente der militä-
rischen Terrorismusbekämpfung. Ohne sie verharmlosen
zu wollen: Insgesamt hat der deutsche militärische Bei-
trag überwiegend einen unterstützenden, vorbeugend
überwachenden Charakter. Die Bundeswehrsoldaten sind
dabei an Recht und Gesetz gebunden, woran sie sich auch
halten.

Wider manche Befürchtungen machte die Bundes-
regierung zurückhaltenden Gebrauch von dem Mandat
und passte die Einsatzstärken der jeweiligen Lage an.
Völlig falsch ist der Vorwurf, die Bundesrepublik setze
auf eine militärische Lösung des Problems Terrorismus.
Gerade wurden uns noch neueste bilanzierende Gesamt-
berichte der Bundesregierung vorgelegt. Darin wurde

sehr deutlich und sehr konkret nachgewiesen – Vorredne-
rinnen und Vorredner haben es plastisch dargestellt –, was
die Bundesrepublik alles zu dieser umfassenden Terroris-
musbekämpfung, also der Ursachenbekämpfung, geleis-
tet hat im Rahmen des Wiederaufbaus in Afghanistan, der
Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen, der
Stabilisierung von schwachen Staaten insgesamt, des Dia-
logs der Kulturen.

Die Bundesrepublik beteiligt sich in umfassender und
eigenständiger Solidarität an der Allianz gegen den inter-
nationalen Terror, primär politisch, unbedingt multilateral
und im Rahmen des Völkerrechts, begrenzt auch mili-
tärisch. Die damals verbreitete Befürchtung, die Bundes-
republik unterstütze einen „Krieg gegen Afghanistan“
oder gerate in ein Kriegsabenteuer, hat sich nicht bewahr-
heitet. Die Bundesrepublik leistet im Gegenteil entschei-
dende und führende Beiträge zur Eindämmung von Ter-
rorismus und Krieg, ganz besonders in Afghanistan.
Deshalb können etliche derjenigen, die die Teilnahme an
dem Einsatz vor einem Jahr ablehnten, diesem heute zu-
stimmen.


(Beifall des Abg. Gert Weisskirchen [Wiesloch] [SPD])


Der heute zu fassende Beschluss macht deutlich: Die
bei Enduring Freedom eingesetzten Bundeswehrkräfte
dürfen nur im Rahmen von Enduring Freedom eingesetzt
werden, also nicht im Rahmen eines möglichen Irak-
krieges. Die Beibehaltung der bisherigen Beiträge ist not-
wendig und unverzichtbar. Hier ganz oder teilweise aus-
zusteigen hieße, den Reorganisationsversuchen und
Umtrieben von al-Qaida und Unterstützern dort freien
Lauf zu lassen, wo polizeiliche und geheimdienstliche
Maßnahmen nicht hinreichen.

Der Ausstieg eines Landes vom Gewicht der Bundes-
republik würde die internationale Antiterrorallianz massiv
schwächen. Ein solcher Ausstieg würde zugleich der kla-
ren deutschen Haltung gegenüber einem möglichen Krieg
gegen den Irak alle internationale Glaubwürdigkeit und
Autorität entziehen, zumal die Bundesrepublik Deutsch-
land in Kürze einen Sitz im Sicherheitsrat haben und
eine besonders wichtige Rolle für die internationale
Sicherheitslage spielen wird. Das gilt besonders dann,
wenn sie die Präsidentschaft in diesem Gremium in-
nehaben wird.

Die Einsatzrealität der Bundeswehrsoldaten auf den
Schiffen der Marine und in Afghanistan ist äußerst stra-
paziös und entbehrungsreich. Das gilt indirekt auch für
ihre Angehörigen. Diese Einsatzrealität ist teilweise mit
hohen Risiken verbunden. Wir dürfen uns nichts vorma-
chen: Diese Risiken werden in der nächsten Zeit wahr-
scheinlich noch erheblich zunehmen.

Die politische und militärische Führung der Bundes-
wehr und dieser Bundestag stehen in der Pflicht, diese Ri-
siken sehr sorgfältig zu prüfen und abzuwägen. Die Frak-
tion von Bündnis 90/Die Grünen hat in den letzten
Wochen sehr intensiv über die Verlängerung der Bundes-
wehrbeteiligung an Enduring Freedom debattiert. Es war
für uns in keiner Weise ein Routinevorgang. Wir sind zu
dem Ergebnis gekommen, dass die Verlängerung der Bun-
deswehrbeteiligung an Enduring Freedom im Sinne der

Winfried Nachtwei




Winfried Nachtwei
internationalen Sicherheit sachlich geboten, unverzicht-
bar und verantwortbar ist. Deshalb stimmen wir dem An-
trag der Bundesregierung zu.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501102100

Ich erteile das Wort dem Kollegen Arnold Vaatz,

CDU/CSU-Fraktion.


Arnold Vaatz (CDU):
Rede ID: ID1501102200

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die bishe-

rige Aussprache hat gezeigt, dass es in diesem Haus un-
strittig ist, dass der Antiterrorkampf und der Einsatz für
die Wiederherstellung der Menschenrechte zwei Seiten
derselben Medaille sind. Ich muss hinzufügen: Die Wie-
derherstellung der Menschenrechte ist kein erfreuliches
Nebenprodukt des Antiterrorkampfes, sondern ein Wert
an sich.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Wir müssen uns bei der heutigen Debatte schon vor

Augen führen, was geschähe, wenn wir die Bemühungen
im Antiterrorkampf abbrächen, und welche Konsequen-
zen das für die Menschenrechtslage hätte. Als Erstes wäre
das eine ungeheure Ermutigung für die fundamentalisti-
schen angeblichen Koranlehrer von Marokko bis Indone-
sien und die Zerstörung des Menschenrechtsbewusstseins
im Kopf schritte weiter voran; denn ein Rückzug der de-
mokratischen Staaten vor dem Problem des Terrorismus
könnte ganz leicht als Sieg des Terrorismus interpretiert
werden.

Nach der Zerstörung des Menschenrechtsbewusstseins
im Kopf käme die Zerstörung der Menschenrechte in der
Gesellschaft. Es käme zu einer wesentlich stärkeren Ma-
nipulierbarkeit der Gesellschaft und das würde den Nähr-
boden für menschliche Bomben bereiten. Diese mensch-
lichen Bomben träfen nicht nur die Menschen in den
Staaten des Fernen und Mittleren Ostens, sondern sie trä-
fen auch uns. Das gilt es zu vermeiden.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Gestern fand eine Feier anlässlich des 40. Geburtstages
der Deutschen Welthungerhilfe statt. An dieser Feier hat
Siba Shakib mitgewirkt, eine Schriftstellerin und Journa-
listin, die im Iran geboren ist. Sie hat es auf einen Nenner
gebracht, indem sie gesagt hat:

Wenn es nicht gelingt, den Frieden in Afghanistan zu
sichern, ist auch der Frieden in Deutschland und da-
mit in Europa nicht zu sichern.

(Beifall bei der CDU/CSU – Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Das gibt zum Nachdenken Anlass! Hoffentlich auch bei der Regierung!)


Frau Wieczorek-Zeul, Sie haben vorhin darauf hinge-
wiesen, wie viele Beiträge geleistet worden sind, um eine
globale Rechtsstaatlichkeit herbeizuführen. Sie haben

gesagt, es dürfe nicht hingenommen werden, dass
Beiträge zu einer globalen Rechtsstaatlichkeit delegiti-
miert werden. Das ist richtig. Wo Sie Recht haben, haben
Sie Recht. Nur, für die Delegitimierung dieser Beiträge
zur globalen Rechtsstaatlichkeit haben Sie selbst bereits
entscheidende Beiträge geleistet. Das möchte ich Ihnen
genauer erklären: Sie können nicht sagen, wir werden
al-Qaida bekämpfen, aber im Falle des Irak schließen wir
von vornherein jede Beteiligung aus, egal was wir über
dieses Land noch feststellen müssen. Diese Haltung ist
unlogisch und zeigt letzten Endes, dass Sie bereit sind, in-
konsequent zu sein, dass Sie bereit sind, vor der Bedro-
hung zurückzuweichen. Damit schaffen Sie eine neue Be-
drohungslage.

Herr Kollege Nachtwei, Ihre Aussage von vorhin kann
ich nicht nachvollziehen. Sie haben gesagt, dass das Be-
drohungsgefühl in diesem Land und auch die reale Be-
drohung zurückgegangen seien. Jedenfalls habe ich Sie so
verstanden.


(Winfried Nachtwei [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die ist geblieben!)


– Oder sie sei geblieben; gut. Ich kann Ihnen nur sagen:
Vielleicht ist die globale Bedrohung auch stärker gewor-
den. Das, was wir jetzt aus Verfassungsschutzkreisen
– Stichwort Tonbänder – gehört haben, weist eher darauf
hin.

Es kommt auch darauf an, den Unterschied zwischen
dem Bedrohungsbewusstsein und der realen Bedro-
hung in diesem Land abzubauen. Sie haben diesen Un-
terschied im Wahlkampf verstärkt, und zwar um billiger
politischer Ziele willen, weil Sie erkannt haben, dass wir
in Ostdeutschland noch eine Partei namens PDS haben,
um deren Wähler Sie sich bemühen wollten. Was haben
Sie getan? Sie haben festgestellt, dass diese Partei, die
PDS, seit sie keine Panzer mehr zur Verfügung hat, den
Pazifismus entdeckt hat. Dies ist übrigens genau die um-
gekehrte Entwicklung wie die, die die Grünen genommen
haben. Die Grünen haben in dem Moment, in dem sie eine
Armee zur Verfügung hatten, den Pazifismus abgelegt.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Jetzt wollen Sie sich um diese Wähler bemühen und da-
raufhin haben Sie diesen Unterschied gemacht.

Dieser Unterschied hat eine ganz konkrete Folge: Er
hat das Regime im Irak ermutigt und dieses Regime da-
rauf hingewiesen, dass Deutschland die weiche Flanke
der demokratischen Welt im Kampf gegen den Funda-
mentalismus und die Diktatoren ist. Dies ist das Pro-
blem.


(Beifall bei der CDU/CSU – Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Völliger Quatsch!)


Indem Sie Deutschland zur weichen Flanke machen,
verschärfen Sie die Sicherheitslage in Deutschland selbst
und in Europa; denn ein Zurückweichen oder ein Wohl-
verhalten gegenüber menschenverachtenden Systemen
bewirkt niemals, dass diese menschenverachtenden
Systeme einen dafür belohnen. Sie erkennen ganz im Ge-
genteil darin ein Merkmal der Schwäche. Dies bedeutet


(A)



(B)



(C)



(D)


660


(A)



(B)



(C)



(D)






eine zusätzliche Gefährdung. Dies ist die wahre Unver-
schämtheit gegenüber unseren Soldaten, die in diesen
Ländern einen gefährlichen Dienst tun.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Wenn die Befehlshaber im eigenen Land erklären,

dass sie sich im Zweifelsfall zurückziehen wollen, nimmt
der Druck auf diese Menschen, die ihr Leben aufs Spiel
setzen, unaufhörlich zu. Außerdem entsteht eine Verwir-
rung in der Gesellschaft selbst. Die Menschen auf der
Straße verstehen nicht, weshalb Sie Unterschiede zwi-
schen al-Qaida einerseits und dem Irak andererseits ma-
chen.


(Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dies sind 80 Prozent der mitteleuropäischen Bevölkerung!)


In letzter Konsequenz – jetzt komme ich auf die Men-
schenrechte zurück – tun Sie noch etwas anderes. Die Tei-
lung der Argumentation in diesen beiden Feldern der Be-
drohung ist identisch mit dem Zurückkommen auf den
Gedanken der Teilbarkeit der Menschenrechte. Dies war
von Anfang an falsch und wird es auch in Zukunft sein.
Das ist ein Irrweg. Korrigieren Sie ihn, bevor es zu spät ist!


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501102300

Ich erteile das Wort dem Kollegen Rainer Arnold,

SPD-Fraktion.

(Jörg Tauss [SPD]: Rainer, erklär ihnen das alles jetzt einmal!)



Rainer Arnold (SPD):
Rede ID: ID1501102400

Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen!

Seit zwölf Monaten beteiligt sich Deutschland zusam-
men mit über 70 Staaten an einer weltweiten Antiterror-
koalition. Herr Polenz, bisher habe ich gedacht, dass wir
alle im November des letzten Jahres nicht schnell und
leichtfertig die Hand gehoben haben; denn wir wissen
doch, dass wir die Soldaten einem hohen Risiko ausset-
zen, und wir wissen auch um die Belastungen für ihre
Familien genau Bescheid. Wir sagen deshalb: Wir kön-
nen solche Einsätze wie Enduring Freedom nur verant-
worten, wenn wir mit ihnen ein hohes Ziel verfolgen,
nämlich schwerste Menschenrechtsverletzungen verhin-
dern, die Freiheit durchsetzen und sie auch bei uns be-
wahren, und dies immer im Schulterschluss mit der Völ-
kergemeinschaft.

Im Gegensatz zu Ihnen bin ich froh, dass im Parlament
kritische Fragen gestellt werden. Schließlich gibt es sol-
che auch in der Gesellschaft.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wenn wir es als Politiker nicht schafften, sorgsam abge-
wogene Antworten zu geben, sodass wir die Menschen
mitnehmen, dann wären solche Einsätze auch nicht ver-
antwortbar.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Wir haben bisher – das wissen auch Sie – solche Einsätze
gut begründet. Auch heute wird das ganz deutlich
werden.

Die letzten zwölf Monate haben gezeigt, dass Enduring
Freedom unsere strengen Maßstäbe in besonderem Maß
erfüllt. Dieser Einsatz ist ein wichtiger militärischer Bau-
stein im Kampf gegen den Terror, den wir – das wissen wir
alle – nur gewinnen können, wenn wir über die militäri-
sche Komponente hinaus auch politische, wirtschaftliche,
soziale, polizeiliche und gesetzgeberische Maßnahmen
auf den Weg bringen. Aber eines ist klar: Nur durch diese
militärische Absicherung und Unterstützung können
überhaupt zivile Antiterrormaßnahmen zum Tragen kom-
men. Das ist die eine der Grundvoraussetzungen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Eine andere Grundvoraussetzung, dass wir den Kampf

gegen den Terror gewinnen, ist – das ist in der Tat das
Thema –, dass wir die Prioritäten im Blick behalten. Ich
habe, nachdem alle Redner der Union in den letzten Wo-
chen bei jedem außen- und sicherheitspolitischen Thema
schnell auf den Irak zu sprechen gekommen sind, langsam
den Eindruck, dass hinter Ihren Forderungen etwas ganz
anderes steckt.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Sie glauben ganz offensichtlich, dass Sie die Bundestags-
wahl deshalb verloren haben, weil die Bundesregierung
und die sie tragenden Koalitionsfraktionen die Fragen, die
die Menschen zur Irakpolitik gestellt haben, klar beant-
wortet haben.


(Lachen bei der CDU/CSU)

Diese Einschätzung ist falsch. Sie haben die Wahl verlo-
ren, weil die Menschen in den letzten Wochen vor der
Wahl wieder begonnen haben, über Politik zu diskutieren.
Das war der eigentliche Grund.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Widerspruch bei der CDU/CSU)


Es mag ja sein, dass Ihr Umgang mit diesem Thema
Ihre spezifische Trauerarbeit ist. Das könnte ich ja noch
nachvollziehen. Ich kann aber nicht mehr nachvollziehen,
dass Sie noch immer – das hat auch Herr Schäuble heute
wieder getan – Fragen an die Bundesregierung zu diesem
Thema stellen.


(Jörg Tauss [SPD]: Die längst beantwortet sind!)


Diese Fragen sind deutlich und sorgsam beantwortet.

(Ruprecht Polenz [CDU/CSU]: Keine einzige!)

Ich befürchte, dass Sie es bisher nicht geschafft haben
– diesen Eindruck muss man gewinnen, wenn man dem
stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Schäuble und dem
ehemaligen Kanzlerkandidaten Stoiber genau zuhört –, die
Fragen, die die Menschen bewegen, ebenso klar und prä-
zise zu beantworten. Das ist doch Ihr eigentliches Problem.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Arnold Vaatz




RainerArnold
Ich finde es nicht in Ordnung, dass Sie bei der notwendi-
gen Ernsthaftigkeit der Debatte über Enduring Freedom
dieses Thema immer wieder hochziehen wollen. Das ist
wirklich falsch.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Wir wissen, dass wir heute dieses Mandat mit großer

Mehrheit verlängern. Wir werden dieses Mandat auch
nicht verändern, weil wir schon vor zwölf Monaten sorg-
fältig abgewogen haben. Es werden unverändert
3 900 Soldatinnen und Soldaten einen wichtigen Beitrag
zur Sicherheit der internationalen Gemeinschaft leisten.

Manche Befürchtungen, das Mandat sei zu groß und
das regionale Einsatzgebiet sei nicht präzise genug for-
muliert, hat die Bundesregierung sehr deutlich aus-
geräumt. Es wurde nie mehr als ein knappes Drittel der
möglichen Soldatinnen und Soldaten tatsächlich einge-
setzt. Es ist aber richtig, die jetzige Gesamtstärke beizu-
behalten, damit der notwendige Handlungsspielraum und
die Flexibilität gewahrt bleiben.

Wenn man sich die fünf Module, die wir schon be-
schlossen haben und über die wir heute erneut abstimmen
werden, genauer ansieht, wird sehr deutlich, dass Sie mit
Ihrer Einschätzung, die Bundeswehr leiste hier keinen
wichtigen Beitrag und habe Mängel, nicht Recht haben.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Winfried Nachtwei [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Schauen wir uns das einmal genauer an. Erstens. Wir
haben See- und Seeluftstreitkräfte am Horn von Afrika.
Die Schiffe haben keine Klimaanlage; das stimmt. Aber
Sie konnten vor 20 Jahren auch nicht wissen, dass die
Schiffe nicht mehr nur in der Nord- und der Ostsee einge-
setzt werden. Doch der Beitrag, den die Schiffe dort in den
letzten zwölf Monaten für die Völkergemeinschaft geleis-
tet haben, ist sehr wichtig. Das will ich quantifizieren: Es
gab 4 000 Kontakte. 150 Flüge wurden durchgeführt, bei
denen Meldungen abgegeben wurden. 36 Mal wurden
Schiffe eskortiert und geschützt. Es sind übrigens auch
unsere Waren, die auf den Weltmeeren jetzt auch von un-
seren Soldaten geschützt werden müssen.


(Beifall bei der SPD)

Bei meinem zweiten Punkt wird noch deutlicher, dass

die Bundeswehr einen großen Beitrag leistet. Kein anderes
Land in der NATO verfügt über so exzellente Sanitäts-
evakuierungsmöglichkeiten mit Flugzeugen wie die
Deutschen. Deshalb ist es gut und richtig, dass wir unse-
ren Airbus bereitstellen. Er wurde zum Beispiel nach dem
schlimmen Unfall in Kabul eingesetzt, er wurde einge-
setzt, um die schwer verletzten deutschen Touristen aus
Tunesien auszufliegen oder um französische Staatsbürger
aus Karatschi zurückzuholen. Das ist eine Fähigkeit, die
wichtig ist.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Winfried Nachtwei [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Drittens. Ich kann Ihre Kritik an der Stationierung der
ABC-Abwehrkräfte in Kuwait überhaupt nicht verste-
hen. Ich glaube, dass Sie, wenn Sie sagen, diese Kräfte
wie auch die Schiffe dürften dort nicht sein, eines nicht
verstanden haben: Wir befinden uns in einem Kampf ge-

gen Terror. Es gelten aber natürlich das Völkerrecht und
das deutsche Grundgesetz. Wir sind nicht im Krieg. Des-
halb halten sich unsere Soldaten strikt an das Mandat, das
sie von uns erhalten haben. Das ist richtig und wird auch
so bleiben. Ich halte es für leichtfertig, jetzt darüber zu
spekulieren, was deutsche ABC-Abwehrkräfte im Fall ei-
nes Krieges in Kuwait machen. Sie haben ein Mandat.
Wenn wir das verändern wollen oder verändern müssen,
dann werden wir hier darüber diskutieren und entschei-
den. An dem Grundsatz unserer Verfassung hierzu werden
wir natürlich nicht rütteln.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Winfried Nachtwei [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] – Jörg Tauss [SPD]: Gegen Schäuble!)


Mein letzter Punkt. Es sind Spezialkräfte auch in der
Nähe von Kabul im Einsatz, deren Spektrum in den letz-
ten Tagen neu ausgerichtet wurde. Das wird sicherlich
helfen, Synergien zu gewinnen, um den Schutz der ISAF-
Soldaten zu verstärken. Wir wissen: Der Einsatz dieser
Kommandospezialkräfte ist besonders gefährlich und
deshalb besonders belastend für deren soziales Umfeld
und deren Familien. Deshalb bin ich sehr froh, dass auch
der Bundesrat, wie sich gestern Nachmittag gezeigt hat,
den Schritt mitgeht, nämlich den Einsatz von Komman-
dosoldaten, ob bei Tauchern, Spezialkräften oder Jetpilo-
ten, finanziell etwas mehr zu honorieren. Dabei geht es
nicht nur um Geld, sondern auch um Anerkennung. Sie
liegen mit Ihrer These, wir würden zu wenig für unser Per-
sonal tun, also falsch. Wir haben das Thema angepackt.
Gestern hat der Bundesrat dem ein Stück zugestimmt.


(Beifall des Abg. Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD] sowie des Abg. Winfried Nachtwei [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Wir werden den Weg, die Möglichkeiten des Personal-
stärkegesetzes auszufüllen und den Beförderungs- und
Verwendungsstau bei der Bundeswehr kleiner zu machen,
in den nächsten Monaten konsequent weitergehen.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501102500

Herr Kollege Arnold, Sie haben Ihre Redezeit über-

schritten.


Rainer Arnold (SPD):
Rede ID: ID1501102600

Ich komme zum Ende.
Ihre Diskussion um den Haushalt trägt nicht. Reden Sie

einmal nicht über das Bruttoinlandsprodukt, sondern über
absolute Zahlen. Dann wird sehr schnell deutlich, dass
wir, wenn man die Spezialaufgaben der Franzosen und
Briten, die wir nicht leisten können und nicht leisten wol-
len, abzieht, mit diesen beiden großen europäischen Län-
dern exakt gleichauf liegen. So wird erkennbar: Wir leis-
ten einen wichtigen Beitrag für die Sicherheit auch
innerhalb des Bündnisses. Deshalb werden wir mit unse-
rem Ja deutlich sichtbar machen, dass wir unseren Beitrag
auch in den nächsten zwölf Monaten leisten werden.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



(A)



(B)



(C)



(D)


662


(A)



(B)



(C)



(D)







Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501102700

Ich erteile dem Kollegen Andreas Schockenhoff,

CDU/CSU-Fraktion, das Wort.


Dr. Andreas Schockenhoff (CDU):
Rede ID: ID1501102800

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Her-

ren! Gleich zu Beginn der Debatte hat der Kollege Erler
die Linie der Koalitionsfraktionen vorgegeben. Er hat
mehrfach wiederholt, es gehe heute lediglich um eine Ant-
wort auf den 11. September 2001; die Gefahr, die von
Massenvernichtungswaffen ausgeht, hat er ausgeblen-
det. Keiner der bisherigen Redner aufseiten der Bundes-
regierung und der Koalitionsfraktionen hat eine Antwort
auf den Beitrag des Kollegen Hoyer gegeben. Stattdessen
haben sie versucht, den Eindruck zu erwecken, als hätte
der Kampf gegen den Terrorismus nichts mit dem Schutz
vor ABC-Waffen zu tun.

Vor einem Jahr musste der Bundeskanzler eine eigene
rot-grüne Mehrheit für das Mandat von Enduring Free-
dom mit der Vertrauensfrage erzwingen. Acht grüne Ab-
geordnete wollten trotzdem nicht zustimmen und mussten
auslosen, wer Friedensfreund bleiben darf und wer den
Kanzlerfreund spielen muss.


(Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist eine Lüge!)


Die Kollegen Ströbele und Hermann haben angekündigt,
heute dagegen zu stimmen; andere werden ihren Wider-
spruch in persönlichen Erklärungen darlegen.

Herr Außenminister, wie schwer es für Sie ist, Ihre ei-
gene Fraktion auf Linie zu bringen, zeigt Ihr Gerede von
einer anderen Prioritätensetzung. Ihre krampfhafte Unter-
scheidung zwischen dem Kampf gegen den Terrorismus
und dem Schutz vor Massenvernichtungswaffen hat
nichts mit der Sicherheit unserer Bürger und Soldaten,
sondern ausschließlich etwas mit der Befindlichkeit der
Grünen zu tun.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Die Irakresolution des Sicherheitsrates hat uns allen
klargemacht, wie verändert die Sicherheitslage in der ge-
samten Region ist: Sie kann sich zuspitzen; der Einsatz
kann gefährlicher werden. Das Kommando Spezialkräfte
hat in Afghanistan künftig einen eigenen Einsatzraum, der
bis an den Stadtrand von Kabul heranreicht. Man kann
ISAF und Enduring Freedom politisch nicht trennen,
auch wenn es rechtlich unterschiedliche Mandate sind.
Die Gefährdung deutscher Soldaten in Afghanistan ist
größer geworden. Wenn im Interesse auch unserer Si-
cherheit ein militärisches Vorgehen gegen Saddam
Husseins Waffenprogramme erforderlich wird, hat für die
Vereinigten Staaten der Einsatz im Irak höchste Priorität.
Dadurch wird sich der Charakter des Einsatzes unserer
KSK-Truppe in Afghanistan verändern; auch für die
ISAF-Einheiten wird die Sicherheitslage schwieriger.

Das Mandat für die Einheiten zur Aufspürung von
ABC-Kampfstoffen in Kuwait und für die Dekontami-
nierungskräfte, die in Deutschland in Rufbereitschaft ste-
hen, bleibt formal unverändert. Faktisch hat sich die Si-

tuation für diese Kräfte aber erheblich verändert. Vor ei-
nem Jahr hat die Bundesregierung Streitkräfte angeboten,
die man auf dem Parteitag der Grünen als nicht
schießende Truppe verkaufen konnte. Weil in Afghanistan
keine ABC-Kräfte benötigt wurden, hat man sie, sozusa-
gen als symbolische deutsche Beteiligung, nach Kuwait
geschickt.

Heute droht ein bewaffneter Konflikt im Irak, in dem
Soldaten unserer Verbündeten und die Zivilbevölkerung
in der Region mit biologischen und chemischen Waffen
angegriffen werden könnten. Was soll in einem solchen
Fall mit unseren ABC-Einheiten, die weltweit als die bes-
ten gelten, geschehen? Kann sich irgendeine oder irgend-
einer in diesem Haus vorstellen, dass sie in Kuwait stehen
bleiben und zuschauen müssen, wie Soldaten unserer
Bündnispartner mit Giftgas angegriffen werden? Die
Bundesregierung kann sich das zu Recht nicht vorstellen
und hat deshalb längst umgeschwenkt; der Kollege
Polenz hat das vorhin dargelegt.

Im Wahlkampf sagte Verteidigungsminister Struck:
Wenn die Gefahr besteht, dass unsere 52 Soldaten in
eine kriegerische Auseinandersetzung gegen den
Irak verwickelt würden, wäre das durch den Bundes-
tagsbeschluss nicht mehr gedeckt. Dann müssten sie
abgezogen werden.

Am Montag dieser Woche sagte er in der ntv-Sendung
„Maischberger“, dass die deutschen Fuchs-Panzer im
Falle eines Irakkrieges natürlich nicht abgezogen würden.
Wörtlich sagte er:

Sie bleiben dort. Nur dann, wenn der Krieg auf Ku-
wait übergreifen würde, hätten wir eine neue Situa-
tion. Dann müsste der Bundestag neu beschließen.


(Gernot Erler [SPD]: Stimmt doch!)

– Natürlich stimmt das. Selbstverständlich brauchten wir
in diesem Fall ein neues Mandat. Wenn wir aber heute be-
schließen, die ABC-Panzer dort zu belassen, können wir
ein solches Mandat später nicht mehr verweigern; dann
sind wir in unserer Entscheidung nicht mehr frei. Das
muss jeder, der nachher hier seine Stimme abgibt, wissen.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Wir dürfen unsere Soldaten und die deutsche Öffent-

lichkeit nicht über die Konsequenzen unserer Entschei-
dung im Unklaren lassen. Das Mandat für Enduring
Freedom kann in den kommenden zwölf Monaten gefähr-
licher und riskanter werden als in den vergangenen zwölf
Monaten.


(Dr. Friedbert Pflüger [CDU/CSU]: Richtig!)

Die Terrorgefahr erhöht sich im gesamten Einsatzgebiet.
Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen bedrohen
auch Deutschland und Europa. Beides können wir nicht
voneinander trennen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Die Irakresolution des UN-Sicherheitsrats hat bewie-

sen, dass die Bundesregierung eine falsche Politik betrie-
ben hat. Nicht ihr „deutscher Sonderweg“ hat dazu ge-
führt, dass jetzt wieder Waffeninspektoren im Irak tätig




Dr. Andreas Schockenhoff
werden dürfen, sondern allein die Entschlossenheit der
USA und ihrer Partner. Wir fordern die Bundesregierung
auf, die Resolution in allen Punkten umzusetzen und auch
die dem Irak angedrohten ernsthaften Konsequenzen voll
mit zu tragen.


(Zustimmung des Abg. Ruprecht Polenz [CDU/CSU])


Die CDU/CSU ist dazu bereit. Wir bekennen uns zu un-
serer Verantwortung für die Sicherheit unseres Landes
und unserer Soldaten. Wir werden der Verlängerung des
Mandats für Enduring Freedom zustimmen.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord neten der FDP)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501102900

Ich erteile dem Kollegen Gert Weisskirchen, SPD-

Fraktion, das Wort.


Gert Weisskirchen (SPD):
Rede ID: ID1501103000

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr

Dr. Schockenhoff, manchmal bin ich nicht ganz sicher,
worin eigentlich der Sinn Ihrer Äußerungen liegt.


(Zuruf von der [CDU/CSU]: Das liegt aber mehr an Ihnen!)


Wenn nun schon die Resolution 1441 des UN-Sicher-
heitsrats vorliegt, dann sollten wir vielleicht die Hoff-
nung daran knüpfen, dass der damit in Gang gekommene
Prozess dazu führt, einen Krieg im Irak zu vermeiden.
Das ist doch der entscheidende Punkt, auf den es an-
kommt.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Er hat doch gesagt, das ist kein Thema!)


Wenn wir uns darin einig sind, dann malen Sie doch nicht
ein Szenario aus, das wir alle vermeiden möchten. Die
Vereinigten Staaten – –


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501103100

Herr Kollege Weisskirchen, gestatten Sie eine Zwi-

schenfrage des Kollegen Polenz?

(Zuruf von der SPD: Er hat doch noch gar nicht richtig angefangen! – Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Der Satz war noch nicht einmal zu Ende!)



Gert Weisskirchen (SPD):
Rede ID: ID1501103200

Herr Kollege Polenz, bitte.


Ruprecht Polenz (CDU):
Rede ID: ID1501103300

Herr Kollege Weisskirchen, würden Sie mir zustim-

men, dass es zur Erfüllung dieser Hoffnung ganz ent-
scheidend darauf ankommt, dass die angedrohten ernsten

Konsequenzen, die dem Irak drohen, wenn er der Reso-
lution nicht entspricht, von möglichst allen Staaten der
Völkergemeinschaft mitgetragen und unterstützt werden,
und dass die Bundesregierung bis heute nicht klar ge-
macht hat, ob sie zu diesen Staaten der Völkergemein-
schaft gehört?


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Gert Weisskirchen (SPD):
Rede ID: ID1501103400

Herr Kollege Polenz, wenn Sie die Resolution 1441

genau lesen – ich unterstelle, dass Sie das tun –, dann wis-
sen Sie, dass sie nirgends einen verborgenen Schlüssel,
wie die Fachleute sagen, enthält, der dazu führt, dass es
automatisch zum Krieg kommt. Das ist der entscheidende
Punkt. Einen Krieg wollen wir doch alle – so habe ich Sie
verstanden – verhindern. Deswegen verstehe ich Ihre
Frage nicht. Fragen müssen dann gestellt werden, wenn
eine bestimmte Situation eingetreten ist. Eine solche Si-
tuation ist nicht eingetreten. Wir müssen alle dafür sorgen,
dass Saddam Hussein einlenkt und den Forderungen der
Weltstaatengemeinschaft endlich nachkommt. Das und
nichts anderes ist unser Ziel.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Diese Debatte hat gezeigt, dass die Formulierung in der
gestrigen Ausgabe der „Zeit“, der Bundestag bilde ein
„nervöses Beschweigekartell“, nicht zutrifft. Wir kennen
die Gefahren, unter denen die Soldatinnen und Soldaten
arbeiten. Uns ist wohl bekannt, wie hart Hamid Karzai
kämpfen muss, um das Anwachsen der Ungeduld in der
Bevölkerung einzudämmen. Wer aber den November die-
ses Jahres mit dem des letzten Jahres vergleicht, wird
doch eines feststellen müssen, Herr Dr. Hoyer: Damals
ging es darum, dass die Diktatur der al-Qaida und der
Taliban militärisch zerbrochen werden musste. Im Unter-
schied dazu wird der Kampf heute politisch geführt. Karzai
führt einen politischen Kampf, um den Friedensprozess in
Afghanistan zu stabilisieren. Das ist ein Erfolg von Endu-
ring Freedom. Ohne diesen Erfolg müsste Hamid Karzai in
einer viel größeren Gefahr leben. Immer noch wird er von
Streitkräften der USA persönlich geschützt. Das schränkt
seine Autorität ein. Noch immer ist es so, dass zum Beispiel
von Islamisten oder von al-Qaida und Taliban Versuche ge-
startet werden, sich zu regruppieren. Das bedeutet, dass die
Zentralität des Staates, das Gewicht der Regierung Karzai
geschwächt wird. Noch immer ist es so – wir schauen bitte
einmal nach Pakistan –, dass die Islamisten wieder versu-
chen könnten, politische Macht zurückzuerobern.

Diese Gefahren sehen wir alle sehr wohl. Wir wissen,
dass es Anschläge in Afghanistan gibt. Wir wissen, dass
auch die Bundeswehr, die dort im Rahmen von ISAF tätig
ist, einer hohen Gefahr ausgesetzt ist. Im Bundestag ist
kein „Beschweigekartell“ versammelt, sondern wir wis-
sen sehr genau um die Gefahren. Aber es kommt darauf
an, dass diese Gefahren eingedämmt werden. Dafür brau-
chen wir Enduring Freedom. Deshalb werden wir diesem
Antrag der Bundesregierung zustimmen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



(A)



(B)



(C)



(D)


664


(A)



(B)



(C)



(D)






Wenn man sich eine Sekunde überlegt – ich spreche den
Kollegen Hermann und den Kollegen Ströbele direkt an –,
was wäre, wenn man mit Nein stimmen würde, liebe Kolle-
gen – wenn Sie mit Nein stimmen, müssen Sie damit rech-
nen, dass Ihr Nein die Mehrheit in diesem Hause fände –,
dann müssen Sie sich fragen, was Ihr Nein bedeutet. Es be-
deutet, dass Enduring Freedom nicht fortgesetzt wird.

Was würde ein Nein noch bedeuten? Es würde be-
deuten, dass Hamid Karzai geschwächt würde. Es würde
bedeuten, dass die Versuche, die innerhalb eines Jahres
gestartet worden sind, vergeblich waren, dass die 80 Mil-
lionen Euro, die die Bundesrepublik Deutschland zur Ver-
fügung stellt, damit der Friedensprozess von innen und
von unten an Stabilität gewinnt, nichts gebracht haben.
Ich kann Sie nur herzlich darum bitten: Werden Sie Ihrer
Verantwortung gegenüber den Menschen in Afghanistan
gerecht und stimmen Sie hier und heute nicht mit Nein.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Präsident Karzai hat die vordringlichen Aufgaben sei-
ner Regierung sehr plastisch beschrieben: Die Kriegsher-
ren in den Provinzen sind zu entmachten. Der Anbau von
Schlafmohn ist drastisch zu verringern. Der Korruption ist
der Boden zu entziehen. Damit stellt er in seinem eigenen
Land die Machtfrage. Entschieden ist diese Machtfrage
noch längst nicht. Noch immer muss er von den USAper-
sönlich geschützt werden. Es schüchtert ein, dass es Dostum
noch immer gibt, dass Kriegsherren dort noch immer
Macht ausüben und Einfluss besitzen. Das lässt bei den
Menschen in Afghanistan Ängste explodieren.

Auch das ist ein Teil der furchtbaren Realität: Immer
noch stirbt eines von vier Kindern, bevor es fünf Jahre alt
wird. Noch immer sterben bei 1 000 Geburten 16 Mütter.
Trotz alledem sind die Zeichen der Hoffnung unüberseh-
bar. 700 000 Flüchtlinge sind im ersten Halbjahr dieses
Jahres zurückgekehrt. 1,3 Millionen Menschen sind neu
an die Trinkwasserversorgung angeschlossen worden.
23,8 Millionen Quadratmeter Land sind von Minen
geräumt worden. 2,9 Millionen Kinder haben sich neu in
die Schulen eingeschrieben. Wir wissen sehr genau: Das
sind erst zaghafte Zeichen. Aber die Zahl dieser Zeichen
muss sich vermehren, wenn der Friedensprozess voran-
kommen soll.

Dieser Prozess – das wissen wir alle – kann stocken,
Seitwärtsbewegungen einschlagen oder an der einen oder
anderen Stelle rückläufig sein. Das ist so. Je mehr Men-
schen in Afghanistan aber ihre eigene Sache in die Hand
nehmen, desto stabiler wird der Prozess des Friedens wer-
den. Wir brauchen jetzt die Verlängerung von Enduring
Freedom, damit Afghanistan zu einem Modell gegen
den internationalen Terrorismus wird. Die Menschen in
Afghanistan brauchen eine Zukunft. Wir stimmen für
Enduring Freedom, damit die Menschen eine Zukunft für
ein selbst gestaltetes Leben in Freiheit haben.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501103500

Ich erteile der Kollegin Petra Pau das Wort.


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1501103600

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die

PDS im Bundestag hat vor einem Jahr gegen einen Ein-
satz der Bundeswehr in Afghanistan gestimmt – mit guten
Gründen. Heute soll das Mandat um ein weiteres Jahr ver-
längert werden. Wir werden wieder Nein sagen.

Ich habe bereits vor Wochenfrist in der ersten Lesung
gesagt: Aus Sicht der PDS geht es keineswegs nur darum,
einen militärischen Auftrag aufrechtzuerhalten. Es geht
um eine neue Qualität. Es geht nunmehr auch offiziell um
Kampfeinsätze. Das ist ein weiterer Grund dafür, mit
Nein zu stimmen.


(Beifall der Abg. Dr. Gesine Lötzsch [fraktionslos])


Die Bundesregierung hatte eine Woche Zeit, einschlä-
gige Medienberichte und meine Befürchtung zu widerle-
gen. Sie hat das nicht getan; im Gegenteil. Die Diskussion
der ersten Lesung war kaum verhallt, da meldeten die
Agenturen: Verteidigungsminister Struck will die Ein-
satzkräfte der Bundeswehr in Afghanistan noch weiter
aufstocken. – Auch das spricht für unsere Ablehnung.

Nun umfasst das Mandat für Enduring Freedom keines-
wegs nur das Einsatzgebiet Kabul und Umgebung, also in
Afghanistan; dazu gehören deutsche Spürpanzer in Kuwait
genauso wie deutsche Flottenverbände, die am Horn von
Afrika patroullieren; darauf komme ich gleich noch zurück.

Dies alles wird mit dem Kampf gegen den Terroris-
mus begründet – ein Argument, das seit gestern noch be-
drohlicher klingt. Sie erinnern sich sicherlich: Der Abge-
ordnete Schäuble von der CDU/CSU-Fraktion hat hier
ziemlich unverblümt für eine Erstschlagoption der
NATO und damit auch für eine Erstschlagoption der Bun-
deswehr plädiert. Ich danke Ihnen, Herr Schäuble, für das
offene Wort und sage zugleich: Mir graut vor dieser Op-
tion und damit auch vor Ihnen.

Die PDS bleibt dabei: Der Kampf gegen den Terroris-
mus kann gewonnen werden, ein Krieg gegen den Terro-
rismus hingegen nicht.


(Beifall der Abg. Dr. Gesine Lötzsch [fraktionslos])


Diese Überzeugung haben vor einer Woche Hunderttau-
sende aus ganz Europa in Florenz demonstriert. Sie soll-
ten ihre Befürchtungen ernster nehmen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, auch das gehört zum
Gesamtbild: Man muss kein Insider sein, um die Aktion
Enduring Freedom und den weiterhin drohenden Irak-
krieg zusammenzudenken. Ich nehme sehr wohl zur
Kenntnis, dass sich die Bundesregierung weiterhin gegen
einen Irakkrieg ausspricht – wie zu hören ist, sehr zum
Groll der Opposition zur Rechten –; gleichwohl bleibt
auch heute eine Glaubwürdigkeitslücke. Sie bleibt so
lange bestehen, wie Sie die deutschen Spürpanzer und die
vorgeschobenen Kriegsschiffe nicht zurückziehen.


(Beifall der Abg. Dr. Gesine Lötzsch [fraktionslos])


Oder wollen Sie uns hier weismachen, Sie würden es
tatsächlich tun, falls es doch noch zu einem Krieg der

Gert Weisskirchen (Wiesloch)





Petra Pau
USA gegen den Irak kommt? Jeder möge sich einmal
ausmalen, wie das dann funktionieren soll. Deshalb, liebe
Kolleginnen und Kollegen von SPD und Bündnis 90/Die
Grünen, appelliere ich noch einmal an Sie: Lehnen Sie
wenigstens diesen Teil des Mandats ab, ehe es zu spät
ist!


(Beifall der Abg. Dr. Gesine Lötzsch [fraktionslos])


Noch ein weiterer Punkt verdient mehr Aufmerksam-
keit, als Sie ihm zubilligen. Seit Tagen haben wir hier ein
großes Wehklagen über die katastrophale Haushaltslage
der Bundesrepublik. Erklären Sie vor diesem Hintergrund
der Öffentlichkeit doch bitte einen Satz aus dem Bericht
des Haushaltsausschusses. Ich zitiere:

Der Haushaltsausschuss hält den Antrag einver-
nehmlich für mit der Haushaltslage des Bundes ver-
einbar.

Von welcher Haushaltslage sprechen Sie eigentlich? Was
ist da vereinbar? Wie uns gestern illustriert wurde, wissen
Sie ja nicht einmal, wie viel Euro tatsächlich im Bundes-
säckel sind. Aber Sie beschließen heute forsch über Aus-
gaben in dreistelliger Millionenhöhe, noch dazu für ge-
fährliche Militäreinsätze.

Wenn es um die Finanzen geht, dann bleibt auch noch
die hilflose Prophetie des Bundesfinanzministers festzu-
halten. Er meinte: Wenn es 2002 bis 2006 Krieg im Irak
gibt, dann bleibt ohnehin alles unberechenbar. – Stimmt!
Aber auch das ist Politik aus dem Tollhaus und lässt uns
unser Nein bekräftigen.


(Beifall der Abg. Dr. Gesine Lötzsch [fraktionslos])


Nun habe ich heute sehr wohl die Worte der Entwick-
lungsministerin gehört. Sie meinte, die weltweit steigen-
den Rüstungsausgaben dürften nicht die Mittel für die
Entwicklungshilfe beschränken. Das ist diplomatisch aus-
gedrückt; denn wir wissen alle: Sie tun es – leider. Auch
das kritisieren wir.


(Beifall der Abg. Dr. Gesine Lötzsch [fraktionslos])



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1501103700

Ich schließe die Aussprache.
Wir kommen zur Abstimmung über die Beschlussemp-

fehlung des Auswärtigen Ausschusses auf Drucksa-
che 15/67 zu dem Antrag der Bundesregierung zur Fort-
setzung des Einsatzes bewaffneter deutscher Streitkräfte
bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf ter-
roristische Angriffe gegen die USA. Der Ausschuss emp-
fiehlt, den Antrag auf Drucksache 15/37 anzunehmen. Es
ist namentliche Abstimmung verlangt.

Zur Abstimmung liegen schriftliche Erklärungen von
28 Kolleginnen und Kollegen vor.1 Eine mündliche Er-
klärung zur Abstimmung wird im Anschluss an die na-
mentliche Abstimmung vorgetragen werden.

Bitte beachten Sie, dass die von Ihnen benutzten Stimm-
karten Ihren Namen tragen.

Ich bitte die Schriftführerinnen und Schriftführer, die
vorgesehenen Plätze einzunehmen. Ist das geschehen? –
Dann können wir beginnen. Ich eröffne die Abstimmung.

Ist noch ein Mitglied des Hauses anwesend, das seine
Stimme nicht abgegeben hat? – Ich stelle fest, dass alle
ihre Stimme abgegeben haben. Ich schließe die Abstim-
mung und bitte die Schriftführerinnen und Schriftführer,
mit der Auszählung zu beginnen. Das Ergebnis der Ab-
stimmung wird Ihnen später bekannt gegeben.2

Jetzt gebe ich dem Kollegen Winfried Hermann zu ei-
ner persönlichen Erklärung zur Abstimmung das Wort.


Winfried Hermann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501103800

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Her-

ren! Ich habe heute wie vor einem Jahr – genauso wie Kol-
lege Christian Ströbele – mit Nein gestimmt. Wir haben
uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Ich möchte
dies begründen. Zunächst möchte ich Folgendes deutlich
machen: Heute ist manches so dargestellt worden, als
ginge es um eine Routineentscheidung; es ist aber nach
wie vor eine sehr ernste Entscheidung. Für viele andere
und für mich ist es eine Gewissensentscheidung.

Wir müssen – das sagen wir als Gegner ganz offen –
die Situation selbstkritisch zur Kenntnis nehmen, indem
wir uns die Frage stellen: Was ist eigentlich geschehen?
Wir bekennen gern, dass wir uns in einem Punkt geirrt ha-
ben. Wir haben vor einem Jahr gesagt: Vermutlich gibt es ei-
nen langjährigen, blutigen Guerillakrieg, in den die Bun-
deswehr hineingezogen wird – davor haben wir Angst –; das
können wir nicht mitverantworten. Heute können wir sa-
gen: Gott sei Dank haben wir uns in diesem Punkt bis
heute geirrt. Das müssen wir anerkennen. Ich betone: bis
heute. Ob es für die Bundeswehr wirklich so friedlich wei-
tergeht, das wissen wir nicht. Die USA haben das Tali-
banregime jedenfalls mit großem technischen und mi-
litärischen Aufwand schneller beseitigen können, als wir
vermutet haben; sie haben aber in Afghanistan zugleich
keinen Frieden geschaffen.

Meine Damen und Herren von der SPD und zum Teil
auch von meiner eigenen Fraktion, es ist schon erstaun-
lich, dass man immer wieder die gleichen wenigen Bei-
spiele heranziehen muss, um zu zeigen, dass dieser Krieg
angeblich so viel gebracht hat. Man verweist nämlich im-
mer wieder auf die verbesserte Situation von ein paar
Mädchen und ein paar Schulen. Aber Sie müssen doch zur
Kenntnis nehmen, dass in weiten Teilen Afghanistans Zu-
stände wie vor dem Krieg herrschen, dass dort immer
noch die Nordallianz und Warlords das Sagen haben, dass
man dort von einem Rechtsstaat und von Demokratie also
weit entfernt ist.

Nicht wenige sagen: Karzai, der Präsident der Über-
gangsregierung, sei eigentlich nicht mehr als ein Regie-
render Bürgermeister von Kabul. Ich will anerkennen,
dass auch das schon etwas ist. Aber es ist einfach zu we-


(A)



(B)



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(D)


666

1 Anlagen 2 bis 6 2 Seite 667 D


(A)



(B)



(C)



(D)






nig. Der eingeschlagene Weg hat nicht wirklich zum Er-
folg geführt.

Dieser Weg war übrigens auch nicht so sauber. Man
muss heute sagen: Die Amerikaner haben zwar schnell zu-
geschlagen, aber auch brutal: Mindestens 5 000 bis 10 000
Menschen – so unabhängige Sachverständige – sind in
diesem Krieg ums Leben gekommen. Dazu kommen wei-
tere Tausende tote – vermeintliche oder tatsächliche – Ta-
libankämpfer. Sie sind in der Regel einfach erschossen
oder, wie es in der Sprache der Militärs heißt, vernichtet
worden. Das halten wir für problematisch.


(Vorsitz: Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer)

Kommen wir nun zur Beteiligung der Bundeswehr.

Natürlich sehen auch wir, dass große Teile des Mandats
eher einen symbolischen Charakter hatten. Tatsächlich
war die Bundeswehr an den Einsätzen nicht annähernd so
stark beteiligt, wie es hier beschlossen worden ist. Auch
das wollen wir anerkennen. Die Bundeswehr hat einen
klaren Auftrag gehabt, der lautete: Terroristen bekämp-
fen, gefangen nehmen und vor Gericht stellen. Einen sol-
chen Auftrag haben wir heute wieder beschlossen. Wir
müssen uns einmal selbstkritisch fragen: Wo wurde dieser
Auftrag erfüllt? Wo sind die gefangen genommenen Ter-
roristen? Wo, bitte schön, sind Bin Laden und seine Hel-
fershelfer? Gar nichts von diesem Auftrag ist in diesem
Sinne eingelöst worden.

Man muss dazusagen – das wissen Sie sehr wohl, Herr
Weisskirchen –, dass es für das KSK heißt: Spürt die
Kämpfer auf! Gebt danach entsprechende Zeichen an die
Amerikaner und verschwindet so schnell wie möglich,
weil ihr dann nicht mehr da sein dürft! Wenn deutsche
Soldaten da wären, müssten sie diese Soldaten nach
rechtsstaatlichen Prinzipien behandeln und tatsächlich
vor einen Gerichtshof bringen. Aber genau das wird ver-
mieden. Das ist, wie ich meine, insbesondere aus grüner
Sicht sehr ärgerlich, weil viele Grüne hauptsächlich des-
wegen zugestimmt haben, weil sie wollten, dass die Tali-
ban-Kämpfer gefangen genommen werden und etwaige
Terroristen vor einen Gerichtshof kommen und ihnen ein
ordentlicher Prozess gemacht wird. Wir treten tatsächlich

für globale Rechtsstaatlichkeit ein, Frau Kollegin Mi-
nisterin; auch Sie haben diese eingefordert.

Ich komme zu einem weiteren Punkt, der im vergange-
nen Jahr weit im Vordergrund stand. Das ist die Frage, ob
man mit militärischen Mitteln diese neue Form von Ter-
rorismus wirklich bekämpfen kann. Sie haben immer
wieder Beispiele gebracht wie Bali oder Djerba. Ich
glaube, dass gerade diese Beispiele zeigen, dass man mit
Kriegsschiffen, Panzern und viel militärischem Gerät,
also grobschlächtig, nicht gegen diese filigran und intelli-
gent in Netzwerken und in unseren Gesellschaften arbei-
tenden Terroristen wirklich erfolgreich vorgehen kann.
Unsere Waffen sind viel zu grob. Die einzige Antwort
wäre ein konsequent rechtsstaatliches und meinetwegen
auch geheimdienstliches Vorgehen und eine Verbesserung
der Kooperation mit der Polizei.

Im Übrigen stünde es der Bundesrepublik Deutschland
gut an, wenn wir uns auf das konzentrieren würden, was
wir gut können, nämlich mit politischen, ökonomischen
und kulturellen Mitteln die Ursachen zu bekämpfen, um
so dem Terrorismus den Boden zu entziehen. Man kann
viel eher friedlich im Kampf gegen den Terrorismus be-
stehen als mit teuren militärischen Mitteln; in der Summe
übersteigen die Ausgaben hierfür dann doch die finanzi-
ellen Hilfen, die wir im zivilen Bereich gewähren.

Ich bedanke mich.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS SES 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501103900

Ich kann nun das Ergebnis der namentlichen Ab-

stimmung über die Beschlussempfehlung des Auswärti-
gen Ausschusses zu dem Antrag der Bundesregierung zur
Fortsetzung des Einsatzes bewaffneter deutscher Streit-
kräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion
auf terroristische Angriffe gegen die USAbekannt geben:
Abgegebene Stimmen 589. Mit Ja haben gestimmt 573,
mit Nein haben gestimmt 11; es gab fünf Enthaltungen.
Die Beschlussempfehlung ist damit angenommen worden.

Winfried Hermann

Endgültiges Ergebnis
Abgegebene Stimmen: 589;
davon

ja: 573
nein: 11
enthalten: 5

Ja
SPD
Dr. Lale Akgün
Ingrid Arndt-Brauer
Rainer Arnold
Hermann Bachmaier
Ernst Bahr (Neuruppin)


Doris Barnett
Dr. Hans-Peter Bartels
Eckhardt Barthel (Berlin)

Klaus Barthel (Starnberg)

Sören Bartol
Sabine Bätzing
Uwe Beckmeyer
Klaus Uwe Benneter
Dr. Axel Berg
Ute Berg
Hans-Werner Bertl
Petra Bierwirth
Rudolf Bindig
Lothar Binding (Heidelberg)

Kurt Bodewig
Gerd Friedrich Bollmann
Klaus Brandner

Willi Brase
Bernhard Brinkmann

(Hildesheim)


Hans-Günter Bruckmann
Edelgard Bulmahn
Marco Bülow
Ulla Burchardt
Dr. Michael Bürsch
Hans Martin Bury
Hans Büttner (Ingolstadt)

Marion Caspers-Merk
Dr. Peter Wilhelm Danckert
Dr. Herta Däubler-Gmelin
Karl Diller
Martin Dörmann
Peter Dreßen
Detlef Dzembritzki

Sebastian Edathy
Siegmund Ehrmann
Hans Eichel
Marga Elser
Gernot Erler
Petra Ernstberger
Karin Evers-Meyer
Annette Faße
Elke Ferner
Gabriele Fograscher
Rainer Fornahl
Gabriele Frechen
Dagmar Freitag
Lilo Friedrich (Mettmann)

Iris Gleicke
Günter Gloser
Uwe Göllner




Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer


(A)



(B)



(C)



(D)


Renate Gradistanac
Angelika Graf (Rosenheim)

Dieter Grasedieck
Monika Griefahn
Kerstin Griese
Gabriele Groneberg
Achim Großmann
Wolfgang Grotthaus
Karl Hermann Haack

(Extertal)


Hans-Joachim Hacker
Bettina Hagedorn
Klaus Hagemann
Alfred Hartenbach
Michael Hartmann

(Wackernheim)


Anke Hartnagel
Nina Hauer
Hubertus Heil
Reinhold Hemker
Rolf Hempelmann
Dr. Barbara Hendricks
Gustav Herzog
Petra Heß
Monika Heubaum
Gabriele Hiller-Ohm
Stephan Hilsberg
Gerd Höfer
Walter Hoffmann

(Darmstadt)


Iris Hoffmann (Wismar)

Frank Hofmann (Volkach)

Eike Hovermann
Klaas Hübner
Christel Humme
Lothar Ibrügger
Brunhilde Irber
Renate Jäger
Jann-Peter Janssen
Klaus Werner Jonas
Johannes Kahrs
Ulrich Kasparick
Susanne Kastner
Ulrich Kelber
Hans-Peter Kemper
Klaus Kirschner
Hans-Ulrich Klose
Astrid Klug
Dr. Heinz Köhler
Walter Kolbow
Fritz Rudolf Körper
Karin Kortmann
Rolf Kramer
Anette Kramme
Ernst Kranz
Nicolette Kressl
Volker Kröning
Dr. Hans-Ulrich Krüger
Angelika Krüger-Leißner
Horst Kubatschka
Ernst Küchler
Helga Kühn-Mengel
Ute Kumpf
Dr. Uwe Küster
Christine Lambrecht
Christian Lange (Backnang)

Christine Lehder

Waltraud Lehn
Dr. Elke Leonhard
Eckhart Lewering
Götz-Peter Lohmann

(Neubrandenburg)


Gabriele Lösekrug-Möller
Erika Lotz
Dr. Christine Lucyga
Dirk Manzewski
Tobias Marhold
Lothar Mark
Caren Marks
Christoph Matschie
Hilde Mattheis
Markus Meckel
Ulrike Mehl
Petra-Evelyne Merkel
Ulrike Merten
Angelika Mertens
Ursula Mogg
Michael Müller (Düsseldorf)

Christian Müller (Zittau)

Gesine Multhaupt
Franz Müntefering
Dr. Rolf Mützenich
Volker Neumann (Bramsche)

Dietmar Nietan
Dr. Erika Ober
Holger Ortel
Heinz Paula
Johannes Pflug
Joachim Poß
Dr. Wilhelm Priesmeier
Florian Pronold
Dr. Sascha Raabe
Karin Rehbock-Zureich
Gerold Reichenbach
Dr. Carola Reimann
Christel Riemann-
Hanewinckel

Walter Riester
Reinhold Robbe
René Röspel
Dr. Ernst Dieter Rossmann
Karin Roth (Esslingen)

Michael Roth (Heringen)

Gerhard Rübenkönig
Ortwin Runde
Marlene Rupprecht

(Tuchenbach)


Thomas Sauer
Anton Schaaf
Axel Schäfer (Bochum)

Gudrun Schaich-Walch
Rudolf Scharping
Bernd Scheelen
Dr. Hermann Scheer
Siegfried Scheffler
Horst Schild
Otto Schily
Horst Schmidbauer

(Nürnberg)


Ulla Schmidt (Aachen)

Silvia Schmidt (Eisleben)

Dagmar Schmidt (Meschede)

Wilhelm Schmidt (Salzgitter)

Heinz Schmitt (Berg)


Carsten Schneider
Walter Schöler
Olaf Scholz
Karsten Schönfeld
Fritz Schösser
Wilfried Schreck
Ottmar Schreiner
Gerhard Schröder
Gisela Schröter
Brigitte Schulte (Hameln)

Reinhard Schultz

(Everswinkel)


Swen Schulz (Spandau)

Dr. Angelica Schwall-Düren
Dr. Martin Schwanholz
Rolf Schwanitz
Erika Simm
Dr. Sigrid Skarpelis-Sperk
Dr. Cornelie Sonntag-
Wolgast

Wolfgang Spanier
Dr. Margrit Spielmann
Jörg-Otto Spiller
Dr. Ditmar Staffelt
Ludwig Stiegler
Rolf Stöckel
Christoph Strässer
Rita Streb-Hesse
Dr. Peter Struck
Joachim Stünker
Jörg Tauss
Jella Teuchner
Dr. Gerald Thalheim
Wolfgang Thierse
Franz Thönnes
Hans-Jürgen Uhl
Rüdiger Veit
Simone Violka
Jörg Vogelsänger
Ute Vogt (Pforzheim)

Dr. Marlies Volkmer
Hans Georg Wagner
Hedi Wegener
Andreas Weigel
Petra Weis
Reinhard Weis (Stendal)

Matthias Weisheit
Gunter Weißgerber
Gert Weisskirchen

(Wiesloch)


Dr. Ernst Ulrich von
Weizsäcker

Jochen Welt
Dr. Rainer Wend
Lydia Westrich
Inge Wettig-Danielmeier
Dr. Margrit Wetzel
Andrea Wicklein
Jürgen Wieczorek (Böhlen)

Heidemarie Wieczorek-Zeul
Dr. Dieter Wiefelspütz
Brigitte Wimmer (Karlsruhe)

Engelbert Wistuba
Barbara Wittig
Dr. Wolfgang Wodarg
Verena Wohlleben

Waltraud Wolff

(Wolmirstedt)


Heidi Wright
Uta Zapf
Manfred Helmut Zöllmer
Dr. Christoph Zöpel
CDU/CSU
Ulrich Adam
Ilse Aigner
Peter Altmaier
Dietrich Austermann
Norbert Barthle
Günter Baumann
Ernst-Reinhard Beck

(Reutlingen)


Veronika Bellmann
Dr. Christoph Bergner
Otto Bernhardt
Dr. Rolf Bietmann
Clemens Binninger
Peter Bleser
Antje Blumenthal
Dr. Maria Böhmer
Jochen Borchert
Wolfgang Bosbach
Dr. Wolfgang Bötsch
Klaus Brähmig
Dr. Ralf Brauksiepe
Helge Braun
Monika Brüning
Georg Brunnhuber
Verena Butalikakis
Hartmut Büttner

(Schönebeck)


Cajus Caesar
Peter H. Carstensen

(Nordstrand)


Gitta Connemann
Hubert Deittert
Albert Deß
Alexander Dobrindt
Vera Dominke
Thomas Dörflinger
Marie-Luise Dött
Maria Eichhorn
Rainer Eppelmann
Georg Fahrenschon
Ilse Falk
Dr. Hans Georg Faust
Albrecht Feibel
Enak Ferlemann
Ingrid Fischbach
Hartwig Fischer (Göttingen)

Dirk Fischer (Hamburg)

Dr. Maria Flachsbarth
Klaus-Peter Flosbach
Herbert Frankenhauser
Dr. Hans-Peter Friedrich

(Hof)


Erich G. Fritz
Jochen-Konrad Fromme
Dr. Michael Fuchs
Hans-Joachim Fuchtel
Dr. Peter Gauweiler
Dr. Jürgen Gehb
Norbert Geis


(A)



(B)



(C)



(D)





Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer
Roland Gewalt
Eberhard Gienger
Georg Girisch
Michael Glos
Ralf Göbel
Dr. Reinhard Göhner
Tanja Gönner
Josef Göppel
Peter Götz
Dr. Wolfgang Götzer
Ute Granold
Kurt-Dieter Grill
Reinhard Grindel
Hermann Gröhe
Michael Grosse-Brömer
Markus Grübel
Manfred Grund
Karl-Theodor Freiherr von
und zu Guttenberg

Olav Gutting
Holger Haibach
Gerda Hasselfeldt
Klaus-Jürgen Hedrich
Helmut Heiderich
Ursula Heinen
Siegfried Helias
Uda Carmen Freia Heller
Michael Hennrich
Jürgen Herrmann
Bernd Heynemann
Ernst Hinsken
Peter Hintze
Robert Hochbaum
Klaus Hofbauer
Martin Hohmann
Joachim Hörster
Hubert Hüppe
Dr. Peter Jahr
Dr. Egon Jüttner
Bartholomäus Kalb
Steffen Kampeter
Irmgard Karwatzki
Bernhard Kaster
Volker Kauder
Siegfried Kauder

(Bad Dürrheim)


Gerlinde Kaupa
Eckart von Klaeden
Jürgen Klimke
Julia Klöckner
Kristina Köhler
Manfred Kolbe
Norbert Königshofen
Hartmut Koschyk
Thomas Kossendey
Rudolf Kraus
Michael Kretschmer
Günther Krichbaum
Günter Krings
Dr. Martina Krogmann
Dr. Hermann Kues
Werner Kuhn (Zingst)

Dr. Norbert Lammert
Barbara Lanzinger
Karl-Josef Laumann
Vera Lengsfeld

Werner Lensing
Peter Letzgus
Walter Link (Diepholz)

Eduard Lintner
Dr. Klaus W. Lippold

(Offenbach)


Patricia Lips
Dr. Michael Luther
Dorothee Mantel
Erwin Marschewski

(Recklinghausen)


Stephan Mayer (Altötting)

Cornelia Mayer

(Baiersbronn)


Dr. Martin Mayer

(Siegertsbrunn)


Wolfgang Meckelburg
Dr. Michael Meister
Dr. Angela Merkel
Friedrich Merz
Laurenz Meyer (Hamm)

Doris Meyer (Tapfheim)

Maria Michalk
Hans Michelbach
Klaus Minkel
Marlene Mortler
Dr. Gerd Müller
Hildegard Müller
Stefan Müller (Erlangen)

Bernward Müller (Gera)

Bernd Neumann (Bremen)

Claudia Nolte
Günter Nooke
Dr. Georg Nüßlein
Franz Obermeier
Melanie Oßwald
Eduard Oswald
Rita Pawelski
Dr. Peter Paziorek
Ulrich Petzold
Dr. Joachim Pfeiffer
Sibylle Pfeiffer
Dr. Friedbert Pflüger
Beatrix Philipp
Ronald Pofalla
Ruprecht Polenz
Daniela Raab
Thomas Rachel
Hans Raidel
Dr. Peter Ramsauer
Helmut Rauber
Peter Rauen
Christa Reichard (Dresden)

Katherina Reiche
Hans-Peter Repnik
Klaus Riegert
Dr. Heinz Riesenhuber
Hannelore Roedel
Franz Romer
Heinrich-Wilhelm Ronsöhr
Dr. Klaus Rose
Dr. Norbert Röttgen
Dr. Christian Ruck
Volker Rühe
Albert Rupprecht (Weiden)

Peter Rzepka

Anita Schäfer (Saalstadt)

Dr. Wolfgang Schäuble
Hartmut Schauerte
Andreas Scheuer
Georg Schirmbeck
Bernd Schmidbauer
Christian Schmidt (Fürth)

Andreas Schmidt (Mülheim)

Dr. Andreas Schockenhoff
Dr. Ole Schröder
Bernhard Schulte-Drüggelte
Uwe Schummer
Wilhelm Josef Sebastian
Horst Seehofer
Kurt Segner
Matthias Sehling
Marion Seib
Heinz Seiffert
Bernd Siebert
Thomas Silberhorn
Johannes Singhammer
Jens Spahn
Erika Steinbach
Christian Freiherr von
Stetten

Gero Storjohann
Andreas Storm
Max Straubinger
Matthäus Strebl
Thomas Strobl (Heilbronn)

Michael Stübgen
Michaela Tadjadod
Antje Tillmann
Edeltraut Töpfer
Dr. Hans-Peter Uhl
Arnold Vaatz
Volkmar Uwe Vogel
Angelika Volquartz
Andrea Astrid Voßhoff
Gerhard Wächter
Marco Wanderwitz
Peter Weiß (Emmendingen)

Gerald Weiß (Groß-Gerau)

Ingo Wellenreuther
Annette Widmann-Mauz
Klaus-Peter Willsch
Matthias Wissmann
Werner Wittlich
Dagmar Wöhrl
Elke Wülfing
Wolfgang Zeitlmann
Wolfgang Zöller
Willi Zylajew
BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN
Kerstin Andreae
Marieluise Beck (Bremen)

Volker Beck (Köln)

Cornelia Behm
Birgitt Bender
Matthias Berninger
Grietje Bettin
Alexander Bonde
Ekin Deligöz
Dr. Thea Dückert

Jutta Dümpe-Krüger
Franziska Eichstädt-Bohlig
Dr. Uschi Eid
Hans-Josef Fell
Joseph Fischer (Frankfurt)

Katrin Dagmar Göring-
Eckardt

Anja Hajduk
Antje Hermenau
Peter Hettlich
Ulrike Höfken
Thilo Hoppe
Michaele Hustedt
Fritz Kuhn
Renate Künast
Markus Kurth
Undine Kurth (Quedlinburg)

Dr. Reinhard Loske
Anna Lührmann
Jerzy Montag
Kerstin Müller (Köln)

Winfried Nachtwei
Christa Nickels
Friedrich Ostendorff
Simone Probst
Claudia Roth (Augsburg)

Krista Sager
Christine Scheel
Rezzo Schlauch
Albert Schmidt (Hitzhofen)

Werner Schulz (Berlin)

Petra Selg
Ursula Sowa
Rainder Steenblock
Silke Stokar von Neuforn
Jürgen Trittin
Marianne Tritz
Hubert Ulrich
Dr. Antje Vogel-Sperl
Dr. Antje Vollmer
Dr. Ludger Volmer
Josef Philip Winkler
Margareta Wolf (Frankfurt)

FDP
Daniel Bahr (Münster)

Rainer Brüderle
Ernst Burgbacher
Jörg van Essen
Ulrike Flach
Horst Friedrich (Bayreuth)

Rainer Funke
Dr. Wolfgang Gerhardt
Hans-Michael Goldmann
Joachim Günther (Plauen)

Dr. Karlheinz Guttmacher
Christoph Hartmann

(Homburg)


Klaus Haupt
Birgit Homburger
Dr. Werner Hoyer
Gudrun Kopp
Wolfgang Kubicki
Sibylle Laurischk
Harald Leibrecht
Ina Lenke




Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer


(A)



(B)



(C)



(D)


Markus Löning
Dirk Niebel
Günther Friedrich Nolting
Hans-Joachim Otto

(Frankfurt)


Eberhard Otto (Godern)

Detlef Parr
Cornelia Pieper
Gisela Piltz
Dr. Andreas Pinkwart
Dr. Günter Rexrodt
Marita Sehn
Dr. Hermann Otto Solms
Dr. Max Stadler
Dr. Rainer Stinner

Carl-Ludwig Thiele
Dr. Dieter Thomae
Jürgen Türk
Dr. Guido Westerwelle
Dr. Claudia Winterstein

Nein
CDU/CSU
Dr. Wolf Bauer
Wolfgang Börnsen

(Bönstrup)


Leo Dautzenberg
Willy Wimmer (Neuss)


BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN
Winfried Hermann
Hans-Christian Ströbele
FDP
Dr. Heinrich L. Kolb
Jürgen Koppelin
Sabine Leutheusser-
Schnarrenberger

fraktionslos
Dr. Gesine Lötzsch
Petra Pau

Enthalten
CDU/CSU
Manfred Carstens

(Emstek)


Axel E. Fischer

(Karlsruhe-Land)


Susanne Jaffke
Norbert Schindler
BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN
Irmingard Schewe-Gerigk

Wir kommen nun zur Abstimmung über den Ent-
schließungsantrag der Fraktionen der SPD und des
Bündnisses 90/Die Grünen auf Drucksache 15/68. Wer
stimmt für diesen Entschließungsantrag? – Gegenstim-
men? – Enthaltungen? – Der Entschließungsantrag ist
mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die
Stimmen der gesamten Opposition angenommen
worden.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 11 a und 11 b sowie
Zusatzpunkte 6 und 7 auf:
11. a) – Zweite und dritte Beratung des von den Frak-

tionen der SPD und des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines
Ersten Gesetzes fürmoderne Dienstleistun-
gen am Arbeitsmarkt
– Drucksache 15/25 –

(Erste Beratung 8. Sitzung)


– Zweite und dritte Beratung des von den Frak-
tionen der SPD und des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines
Zweiten Gesetzes für moderne Dienstleis-
tungen am Arbeitsmarkt
– Drucksache 15/26 –

(Erste Beratung 8. Sitzung)


– Zweite und dritte Beratung des von der Frak-
tion der CDU/CSU eingebrachten Entwurfs
einesGesetzes zurAktivierung kleiner Jobs

(Kleine-Jobs-Gesetz)

– Drucksache 15/23 –

(Erste Beratung 8. Sitzung)


– Zweite und dritte Beratung des von den Ab-
geordneten Karl-Josef Laumann, Dagmar

Wöhrl, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), weite-
ren Abgeordneten und der Fraktion der CDU/
CSU eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
zum optimalen Fördern und Fordern in

(OFFENSIV – Gesetz)

– Drucksache 15/24 –

(Erste Beratung 8. Sitzung)


aa) Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-

(9. Ausschuss)

– Drucksache 15/77 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Klaus Brandner
Karl-Josef Laumann
Dr. Thea Dückert
Dirk Niebel


(8. Ausschuss)

– Drucksachen 15/78, 15/79, 15/80, 15/81 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Hans-Joachim Fuchtel
Jürgen Koppelin
Volker Kröning
Anja Hajduk

b) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Wirtschaft und Arbeit

(9. Ausschuss) zu dem Antrag der Abgeordneten

Rainer Brüderle, Dirk Niebel, Gudrun Kopp, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
Handeln für mehrArbeit
– Drucksachen 15/32, 15/77 –

Entschuldigt wegen Übernahme einer Verpflichtung im Rahmen ihrer Mitgliedschaft in den Parlamentarischen Ver-
sammlungen des Europarates und der WEU, der Parlamentarischen Versammlung der NATO, der OSZE oder der IPU

Daub, Helga Dr. Lamers (Heidelberg), Karl A. Rossmanith, Kurt J.
FDP CDU/CSU CDU/CSU


(A)



(B)



(C)



(D)






Berichterstattung:
Abgeordnete Klaus Brandner
Karl-Josef Laumann
Dr. Thea Dückert
Dirk Niebel

ZP 6 Erste Beratung des von der Fraktion der CDU/
CSU eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zum
Fördern und Fordern in der Sozialhilfe und Ar-
beitslosenhilfe
– Drucksache 15/46 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Arbeit (f)

Sportausschuss
Rechtsausschuss
Finanzausschuss
Ausschuss für Verbraucherschutz, Ernährung und
Landwirtschaft
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit und soziale Sicherung
Ausschuss für Bildung, Forschung und Technik-
folgenabschätzung
Ausschuss für Tourismus
Haushaltsausschuss mitberatend und gemäß § 96 GO

ZP 7 Erste Beratung des von den Abgeordneten Dirk
Niebel, Rainer Brüderle, Gudrun Kopp, weiteren
Abgeordneten und der Fraktion der FDP einge-
brachten Entwurfs eines Gesetzes zur Reform
derArbeitnehmerüberlassung
– Drucksache 15/55 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Arbeit (f)

Rechtsausschuss
Finanzausschuss
Ausschuss für Gesundheit und soziale Sicherung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

Ich weise darauf hin, dass zur Annahme des Entwurfs
eines Zweiten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am
Arbeitsmarkt, über den wir später namentlich abstimmen
werden, nach Art. 87 Abs. 3 des Grundgesetzes die abso-
lute Mehrheit, das sind 302 Stimmen, erforderlich ist. Zu
diesem Gesetzentwurf liegt ein Entschließungsantrag der
Fraktion der FDP vor.

Zum Entwurf eines Ersten Gesetzes für moderne
Dienstleistungen am Arbeitsmarkt liegen ein Änderungs-
antrag der Fraktion der FDP, ein Entschließungsantrag der
Fraktionen der SPD und des Bündnisses 90/Die Grünen
sowie drei Entschließungsanträge der Fraktion der CDU/
CSU vor.

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für die
Aussprache eineinhalb Stunden vorgesehen. – Ich höre
keinen Widerspruch. Dann verfahren wir auch so.

Ich eröffne die Aussprache; das Wort hat zunächst der
Abgeordnete Klaus Brandner, SPD.


Klaus Brandner (SPD):
Rede ID: ID1501104000

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten

Damen und Herren! Wir verabschieden heute zwei Ge-
setze für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt. Sie

stellen die größte Arbeitsmarktreform in der Geschichte
der Bundesrepublik Deutschland dar.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Lachen des Abg. Wolfgang Zöller [CDU/CSU])


Dies, meine Damen und Herren, gilt es einmal festzuhal-
ten, bevor sich die Nörgler wieder in ihren alten Positio-
nen einmauern.

Lothar Späth, bekanntlich der Kandidat für das Super-
ministerium von CDU/CSU, hat noch am 10. September
gesagt: Es gibt in Deutschland keinen Mangel an Vor-
schlägen und Kommissionen, sondern einen Mangel an
Taten. Wir tun etwas: schnell, konkret und keineswegs
überhastet, also nicht hopplahopp, wie es Herr Merz von
der CDU vor kurzem darstellen wollte. Denn das Minis-
terium hat die Zeit der Wahlkämpfe und der Regierungs-
bildung für die Vorarbeiten an den Gesetzentwürfen ge-
nutzt.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Das haben wir gemerkt!)


Es liegt nun ein schlüssiges Gesamtpaket vor.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Die Hartz-Gesetze sind in unsere beschäftigungspoliti-
sche Strategie eingebettet.


(Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: Oh Gott!)

Sie wirken zusammen mit der großen Steuerreform, der
Rentenreform und der Reform im Gesundheitswesen. Wir
sind ein reformfreudiges Land.


(Beifall bei der SPD – Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Sie sprechen hier im Deutschen Bundestag!)


Wir wissen: Politische Reformen bedeuten fast immer
auch Schmerzen. Aber im Endergebnis wird es mehr
Arbeitsplätze und weniger Arbeitslose geben. Das ist die
politische Auseinandersetzung wert.

Es geht um einen Aufschwung am Arbeitsmarkt,
aber auch um einen Stimmungsumschwung bei Unter-
nehmern und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.
Wir dürfen trotz der unbefriedigenden Arbeitsmarktlage
nicht in Lethargie verfallen. Unterschiedliche Interessen
schließen einen Konsens am Ende nicht aus. Das hat Peter
Hartz in eindrucksvoller Weise gezeigt. Von diesem
Grundgedanken lassen wir uns nicht abbringen.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Katrin Dagmar Göring-Eckardt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Unsere Gesetze werden dazu beitragen, dass sich die
Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum verbes-
sern und dass das Wachstum insgesamt beschäftigungsin-
tensiver ausfällt. Ich fordere die CDU/CSU auf, aus ihrer
Verweigerungsecke herauszukommen. Wir dürfen näm-
lich keine weitere Zeit verlieren und keinesfalls bis zu den
Wahlen in Hessen und Niedersachsen warten.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer




Klaus Brandner
Die Theaterinszenierung von Herrn Koch im Bundesrat
ist allen noch in schlechter Erinnerung.


(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD])

Um es deutlich zu sagen: Sachliche Kritik gibt es an

dem Gesetz nur an ganz wenigen Stellen. Ich werde da-
rauf noch im Einzelnen eingehen.

Beide Gesetze spiegeln den Geist der Hartz-Kommis-
sion wider. Es geht schlicht darum, die Flexibilität für die
Unternehmen mit der Sicherheit für Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer zu verbinden. In einer hoch entwickel-
ten, exportorientierten Volkswirtschaft mit scharfem in-
ternationalem Wettbewerb brauchen die Unternehmen
viel Flexibilität. Das ist wichtig.

Genauso wichtig ist aber eine stabile Basis für die Ar-
beitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sonst können wir un-
sere Wettbewerbsvorteile an Produktivität und Qualität
der Arbeit nicht halten. Den Konkurrenzwettlauf mit den
Billiglohnländern können wir nie gewinnen. Natürlich
brauchen wir auch mehr Arbeitsplätze für einfache Tätig-
keiten. Aber Hartz können Sie nicht als Vehikel für einen
Niedriglohnsektor missbrauchen – genauso wenig für den
generellen Abbau der Sozialstandards. Das muss Ihnen,
meine Damen und Herren von der Opposition, deutlich
gesagt werden. Wir sind nicht bereit, diesen Weg mitzu-
gehen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Die Gesetze sind ein wichtiger Beitrag zur Schaffung
von Arbeitsplätzen. Konkret geht es um Personal-Service-
Agenturen, haushaltsnahe Dienstleistungen, Ich-AGs und
die Förderung von Existenzgründern. Darüber hinaus tra-
gen die schnelle Arbeitsvermittlung, der vorbeugende
Einsatz arbeitsmarktpolitischer Instrumente und ein kun-
dennaher Service der Arbeitsämter, die sich zu Jobcentern
entwickeln, zum Abbau der Arbeitslosigkeit bei.

Eine große Neuerung, geradezu eine Kulturrevolution
in der Arbeitsmarktpolitik, gibt es bei der Zeitarbeit. In
jedem Arbeitsamt wird mindestens eine Personal-Ser-
vice-Agentur eingerichtet, die – um es Ihnen auch in die-
sem Hohen Hause zu sagen – privat betrieben wird. Nur
für den Fall, dass kein privater Betreiber gefunden wird,
wird das Arbeitsamt die Vermittlung selbst in die Hand
nehmen müssen.

Ziel ist die vermittlungsorientierte Arbeitnehmerüber-
lassung. Für die Unternehmen bedeutet das, dass der
Kündigungsschutz faktisch nicht zum Tragen kommt,
weil sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der PSA
jederzeit zurückgeben können. Für den Mitarbeiter selber
bleibt es beim Kündigungsschutz; denn er hat einen ganz
normalen Arbeitsvertrag mit allen Rechten und Pflichten.
Das ist ein sozialverträglicher Ausweg aus einem Di-
lemma, wo sich scheinbar gegensätzliche Interessen ge-
genüberstehen – ein Musterbeispiel für die Versöhnung
von Arbeit und Kapital. Die Behauptung, hiermit werde
der Staatsapparat noch ausgebaut, ist so absurd, dass es
sich gar nicht lohnt, darauf noch näher einzugehen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Mit den neuen Bestimmungen holen wir die Leiharbeit
insgesamt aus der Schmuddelecke.


(Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: In die Sie sie gesteckt haben!)


Wir schaffen, entsprechend dem niederländischen Vor-
bild, auch neue Arbeitsplätze. Die gesetzlichen Grundla-
gen sind jetzt gelegt. Ich bin zutiefst davon überzeugt,
dass Arbeitgeber und Gewerkschaften ihre Zusage ein-
halten und schon bald vernünftige Tarifverträge abschlie-
ßen werden.


(Beifall bei der SPD)

Natürlich werden diese auch Abweichungen nach unten
und Einstiegstarife vorsehen. Jedem ist doch klar, dass
überzogene Forderungen Langzeitarbeitslosen oder auch
sonstigen Arbeitslosen, die entsprechende Qualifikatio-
nen haben, nicht helfen. Über diesen Grundsatz sind wir
uns hoffentlich alle einig.

In der Ausschussberatung gab es noch wichtige Ände-
rungen. Die Personal-Service-Agenturen sollen schnell
anfangen können. Deshalb können sie bereits auf beste-
hende Tarifverträge aus der Zeitarbeit zurückgreifen.
Sie brauchen jetzt keine neuen Tarifverträge abzu-
schließen. Für die Zeitarbeitsbranche insgesamt gilt eine
verlängerte Übergangsfrist bis zum Jahre 2004. In gut ei-
nem Jahr muss es für alle möglich sein, sachgerechte und
flexible tarifvertragliche Lösungen zu finden. Ich sage Ih-
nen: Das wird auch so kommen. Die Gewerkschaften ha-
ben bereits eine Tarifgemeinschaft gebildet. Die Verhand-
lungen können also ab sofort starten. Es steht nichts im
Wege. Alle wollen, dass Personal-Service-Agenturen ein
voller Erfolg werden und dass die Vermittlung von Ar-
beitslosen möglichst schnell erfolgt.

Ab 2004 fallen auch alle anderen Beschränkungen des
bisherigen Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes. Auch
hiervon können Tarifverträge schon vorher abweichen.
Die Tarifvertragsparteien haben das Heft voll in der
Hand. Der Gesetzgeber zieht sich dann weitgehend
zurück. Nicht mehr, sondern weniger Staat – das ist doch
genau das, was Sie von der Opposition immer wieder for-
dern –


(Ludwig Stiegler [SPD]: Wo bleibt der Jubel?)

bieten wir mit dieser Regelung an.

Was wir allerdings nicht wollen – um auch das deut-
lich zu sagen –, ist Lohndumping und ist die Verdrän-
gung von Teilen der Stammbelegschaft durch Zeitarbeit-
nehmer.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Das würde auch gar keine zusätzlichen Arbeitsplätze
schaffen. Die SPD ist zusammen mit Peter Hartz der
vollen Überzeugung, dass wir in Deutschland die Tarif-
vertragsparteien brauchen. Sie sind näher am Ball und
können schneller und differenzierter reagieren als der Ge-
setzgeber. Auch das ist Hartz „eins zu eins“.

Die Alternativen wären nämlich: entweder eine Über-
regulierung oder eine Schwächung der Arbeitnehmerin-
nen und Arbeitnehmer. Einseitige Lösungen sind zumin-


(A)



(B)



(C)



(D)


672


(A)



(B)



(C)



(D)






dest mit der SPD-Bundestagsfraktion nicht zu machen.
Deshalb gilt: Wer jetzt den Zwang zu Tarifverträgen kriti-
siert, möchte anscheinend doch den Drehtüreffekt. Die
Koalition hingegen begrüßt, dass sich die Gewerkschaf-
ten jetzt stärker um die Gruppe der Zeitarbeitnehmerinnen
und -arbeitnehmer kümmert.

Unbestritten gibt es in Deutschland noch Arbeitsplatz-
potenzial, zum Beispiel bei den haushaltsnahen Dienst-
leistungen. Darauf wird meine Kollegin Doris Barnett
näher eingehen. Sie wird deutlich machen, dass wir mit
den jetzt vorgelegten Gesetzen auch dieses Feld so be-
ackern werden, dass sich neue Beschäftigungschancen er-
geben.

Mit der Ich-AG gibt es außerdem ein ganz neues Mit-
tel zur Existenzgründungsförderung. Arbeitslose sollen
einen Zuschuss erhalten. Damit wollen wir vor allem Be-
schäftigungschancen in einem Bereich erschließen, der
einfache, dem Handwerk ähnliche Dienstleistungen um-
fasst. Wenn die steuerlichen Regelungen, die noch ab-
schließend verhandelt werden müssen, mit Beginn des
neuen Jahres hier im Hohen Haus beraten werden, dann
wird auch diese Regelung eine runde Sache werden.

Was bereits läuft – auch darauf muss man hinweisen –,
ist das Programm „Kapital für Arbeit“. Die Kreditan-
stalt für Wiederaufbau vermeldet hier bereits erste Er-
folge. Ich sehe darin Chancen vor allen Dingen für die
neuen Länder, weil es hier um eine eigenkapitalähnliche
Förderung geht. Der Anteil der Selbstständigen liegt dort
mit 8,4 Prozent immer noch deutlich unter dem Wert der
alten Bundesländer in Höhe von 10,3 Prozent.

Die Chancen liegen überwiegend im Bereich qualifi-
zierter Arbeit. Die berufliche Qualifizierung ist und
bleibt deshalb der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. Die
massive Förderung der Qualifizierung bleibt daher eine
unverzichtbare Daueraufgabe. Das gilt auch für Ältere
und diejenigen, die die erste Ausbildung nicht richtig be-
wältigt haben. Innerhalb der Qualifizierung gibt es aller-
dings erheblichen Reformbedarf. Die kleine Revolution
im Hartz-Konzept ist noch viel zu wenig bekannt; denn
Bildungsgutscheine und eine Zertifizierung der Bil-
dungsträger werden eine ganz erhebliche Bewegung in
die Bildungslandschaft bringen. Das wird das Verfahren
beschleunigen, die Bildungsträger eindeutig auf die Inte-
gration in den Arbeitsmarkt ausrichten und Qualifizie-
rung sowie Vermittlung verdoppeln.

Nicht akzeptabel ist allerdings das, was ich aus einigen
Arbeitsämtern höre: Mit dem Hinweis auf das neue Zerti-
fizierungsverfahren würden die Qualifizierungsmaßnah-
men vorerst gestoppt.


(Dr. Sigrid Skarpelis-Sperk [SPD]: Unglaublich!)


Wir wollen, dass die so wichtige Qualifizierung natürlich
auch in der Übergangsphase erfolgt.


(Beifall bei der SPD)

Der Umbau der Bundesanstalt für Arbeit ist eingeleitet.

Erste Schritte zu Jobcentern sind getan. Die Rahmenbe-
dingungen für eine rasche und nachhaltige Vermittlung in
Arbeit werden erneuert. Wir verbessern dafür die Service-

und Vermittlungsqualität und bauen überflüssige Büro-
kratie sowie verkrustete Strukturen ab. Das bringt uns
auch eine finanzielle Entlastung. Allein für diesen Effizi-
enzgewinn lohnt es sich zu kämpfen. Denn unser Ziel
bleibt, mittelfristig auch die Beiträge zur Bundesanstalt
für Arbeit wieder senken zu können. Die Hartz-Gesetze
sind ein Signal zum Konsens und zum Aufbruch. Was der
Superministerkandidat Späth gestern noch als revolu-
tionär bezeichnet hat, kann doch heute kein Pfusch sein.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Sie, meine Damen und Herren von der Opposition, ha-
ben fachlich keine Alternative vorgelegt. Mit Nörgeln
müssen wir leben. Aber dass Sie damit die Stimmung in
der Wirtschaft kaputtmachen, das haben Sie zu verant-
worten.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)


Im Übrigen machen Sie damit eines: Sie verbauen die Zu-
kunftschancen für Unternehmen und Arbeitslose.
Blockieren Sie nicht den Fortschritt am Arbeitsmarkt!
Stimmen Sie dieser fortschrittlichen Regelung zu!

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501104100

Das Wort hat jetzt die Abgeordnete Dagmar Wöhrl,

CDU/CSU.

(Ludwig Stiegler [SPD]: Jetzt geht die Welt wieder unter!)



Dagmar G. Wöhrl (CSU):
Rede ID: ID1501104200

Sehr verehrte Präsidentin! Meine sehr verehrten Da-

men und Herren! Herr Brandner hat von der Jahrhundert-
reform auf dem Arbeitsmarkt gesprochen. Bloß, was Sie
sich bei der Umsetzung dieses Gesetzentwurfes geleistet
haben, ist des deutschen Parlamentes – zumindest nach
unserem Verständnis; ich weiß nicht, welches Sie haben –
unwürdig.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Einmal beschließen Sie dies, dann beschließen Sie das,
dann verkündigen Sie jenes. Herr Clement spricht abends
mit den Betroffenen, trifft sich mit den Vertretern der Zeit-
arbeitsfirmen und kommt zu Einigungen. Am nächsten
Tag steht in den Änderungsanträgen etwas vollkommen
anderes.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Es geht nicht darum, dass man sich auf der Suche nach
einem richtigen Weg einmal verirrt. Aber Sie haben in-
zwischen einen riesigen Irrgarten aufgebaut. Ihr Problem
ist, dass Ihre ganze Richtung nicht stimmt. Ihnen ist es

Klaus Brandner




DagmarWöhrl
vollkommen egal, was Wirtschaftsexperten sagen; dass
sie sagen, so geht es nicht. Ihnen ist es egal, dass in der öf-
fentlichen Anhörung zum Beispiel der Arbeitsmarkt-
experte Dr. Walwei vom IAB meint, es sei nicht realis-
tisch, dass im Rahmen des neuen Gesetzes Arbeitsplätze
geschaffen würden, und dass die Wirtschaftsforschungs-
institute in ihrem Herbstgutachten sagen, das Ziel des
Hartz-Konzeptes, die Arbeitslosigkeit auf 2 Millionen zu
senken, sei eine Illusion. Wenn Sie ehrlich sind, geben Sie
das sogar indirekt zu; ansonsten würden Sie in Ihrer Pro-
gnose für das nächste Jahr nicht noch von 4,1 Millionen
Arbeitslosen ausgehen.

Was hat denn der Sachverständigenrat diese Woche
gesagt? – Dass Ihre Reformen am Kernproblem des
Arbeitsmarktes vollkommen vorbeigehen und dass struk-
turelle Reformen notwendig sind; denn nur mit struktu-
rellen Reformen kann man die Massenarbeitslosigkeit
abbauen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP– Katrin Dagmar Göring-Eckardt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sagen Sie doch einmal, was Sie wollen!)


Ich bin mir sicher, meine Damen und Herren von der
Koalition, dass das 20-Punkte-Programm, das diese Wo-
che vom Sachverständigenrat auf den Tisch gelegt wor-
den ist, bei Ihnen wieder in der Schublade verschwindet.
Sie gehen immer nach der Schubladentaktik vor: Schub-
lade auf, Gutachten rein, Schublade zu. Die Schublade
wird erst dann wieder aufgemacht, wenn ein neues Gut-
achten kommt. Aber das ist doch nicht die richtige Poli-
tik, um ein Land wirtschaftlich wieder nach vorne zu
bringen!


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ich glaube, wir sind uns einig, dass das ursprüngliche

Hartz-Konzept gute Ansätze enthalten hat;

(Volker Kauder [CDU/CSU]: Wenige!)


darüber besteht sicherlich Konsens im ganzen Hause.
Aber ich denke, wir sind uns auch darin einig, dass keine
generellen Anreize für die Unternehmen, für die Betriebe,
neue Arbeitsplätze zu schaffen, darin enthalten waren, ge-
schweige denn im jetzigen Gesetzentwurf. In dem vorlie-
genden Gesetzentwurf kommt Hartz überhaupt nicht
mehr vor. Ich habe gerade von Herrn Brandner gehört,
dass der Geist von Hartz noch enthalten sei, wenigstens
also das.


(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Herr Rürup muss sehr aufpassen, dass, wenn in der
Rentenkommission, der er zukünftig vorstehen soll, etwas
beschlossen wird, was hinterher mit seinem Namen in
Verbindung gebracht wird, in dem entsprechenden Ge-
setzentwurf nicht etwas ganz anderes steht.

Aber nun haben wir den Gesetzentwurf zu den Neu-
regelungen für die Zeitarbeit vorliegen. Welche Folgen
wird die Umsetzung dieses Gesetzentwurfs haben? Sie
bedeutet das faktische Aus der jetzt bestehenden Zeitar-
beit. Aber anscheinend wollen Sie das.

Ich habe einmal in Ihrem Parteiprogramm nachgele-
sen, das ja noch gültig ist. Darin steht der Satz: „Leih-
arbeit ist zu verbieten“!


(Michael Glos [CDU/CSU]: Hört! Hört! Der Kanzler muss aus der Partei ausgeschlossen werden! – Hans Michelbach [CDU/CSU]: Parteischädigendes Verhalten ist das!)


Nun versuchen Sie, unter dem Pseudonym „Hartz“ diesen
Weg zu realisieren.

Dabei übersehen Sie vollkommen, was Zeitarbeit bis
jetzt für unsere Volkswirtschaft leistet. Allein im Jahr 2001
wurden von 500 000 Arbeitslosen – ich spreche jetzt nur
von Arbeitslosen, nicht von den Festangestellten in den
Zeitarbeitsfirmen –, die in Zeitarbeitsfirmen beschäftigt
worden sind, 180 000 in feste Jobs bei den Kunden ver-
mittelt. Das ist eine Erfolgsgeschichte!


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Ein Grund dafür ist die Entgeltsituation, die wir mo-
mentan haben. Ein weiterer Grund ist teilweise auch die
Tariflosigkeit. Das sage nicht ich und das sagt nicht die
Opposition, sondern das sagt Herr Gerster von der Bun-
desanstalt für Arbeit. So ganz Unrecht scheint er hier nicht
zu haben.

Jetzt haben wir eine Übergangsfrist von einem Jahr;
das ist auch richtig so. Aber in dem Gesetzentwurf heißt
es auch: gleicher Lohn für Leiharbeiter wie für die einge-
arbeitete Stammbelegschaft vom ersten Tag an. Wenn
Herr Brandner als Beispiel die Niederlande anführt, muss
ich dazu sagen: Equal Pay gibt es in den Niederlanden
erst nach 18 Monaten. Vielleicht sollten Sie das bei einem
internationalen Vergleich einmal deutlich machen.


(Klaus Brandner [SPD]: Sie müssen zu Ende lesen, Frau Wöhrl! Machen Sie keine Rosinenpickerei!)


Das ist auch ein Grund dafür, dass die Vermittlungszahlen
dort höher sind als bei uns.

Ab dem ersten Tag gleicher Lohn, das klingt natürlich
gut. Bloß, Herr Brandner, meine Damen und Herren, Sie
müssen auch eines bedenken: 30 Prozent derjenigen, die
hier vermittelt werden, sind Hilfskräfte und die Hälfte von
allen Vermittelten sind Geringqualifizierte.


(Ludwig Stiegler [SPD]: Sie haben das Gesetz nicht gelesen!)


– Ich habe das Gesetz gelesen, Herr Stiegler, da können
Sie sicher sein. –


(Ludwig Stiegler [SPD]: Dann können Sie nicht so daherreden!)


Diese Geringqualifizierten bringen nicht vom ersten Tag
an die Leistung und die Produktivität wie die eingearbei-
tete Stammbelegschaft.

Wozu wird das führen? – Die Zeitarbeit wird weiter be-
stehen bleiben, das ist nicht das Thema, aber sie wird sich
ändern. Für die Geringqualifizierten und die Langzeitar-
beitslosen wird zukünftig keine Chance mehr bestehen,
einen festen Job zu bekommen, denn sie werden nicht


(A)



(B)



(C)



(D)


674


(A)



(B)



(C)



(D)






mehr vermittelt werden. Es werden nur noch die Hoch-
qualifizierten und die Facharbeitskräfte in die Zeitarbeit
vermittelt werden. Die anderen fallen aus dem Markt he-
raus; Sie nehmen ihnen die letzte Chance, einen dauer-
haften Job zu bekommen.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Es ist nicht nur so, dass Sie gleichen Lohn für gleiche

Arbeit ab dem ersten Tag fordern, sondern es sollen
zukünftig auch noch die gleichen Arbeitsbedingungen
gelten. Das heißt, wenn ein Zeitarbeiter bei der Lufthansa
beschäftigt wird, und wenn es nur für sechs Wochen oder
für fünf Tage ist, stehen ihm Freiflüge zu, und jemand, der
bei Daimler-Benz beschäftigt wird, bekommt dort Rabatt
beim Autokauf. Das sind nur Beispiele, vielleicht sind sie
sogar ein bisschen überzogen.


(Ludwig Stiegler [SPD]: Wie kann eine Juristin nur so schlecht ein Gesetz interpretieren!)


Aber man muss darstellen, dass Sie auf dem falschen Weg
sind; denn das kann sich keine Zeitarbeitsfirma leisten,
weder finanziell noch organisatorisch.

Es gibt in Deutschland über 54 000 Tarifverträge und
Sie können von niemandem, von keiner Zeitarbeitsfirma
und keinem Vermittler, verlangen, dass er in allen 54 000
Tarifverträgen fit ist.


(Klaus Brandner [SPD]: Warum werden so viele Tarifverträge gemacht?)


Sie sagen: Das ist nicht so schlimm, man kann ja Ausnah-
memöglichkeiten schaffen. Die Ausnahmemöglichkeiten
gestehen Sie allerdings nur dann zu, wenn die Zeitar-
beitsfirmen einen Tarifvertrag abschließen. Das ist ein Ta-
rifdiktat, auch wenn Sie hundertmal etwas anderes be-
haupten. Die Zukunft der Branche liegt in den Händen der
Gewerkschaften


(Klaus Brandner [SPD]: Tarifautonomie ist Tarifdiktat! Das ist ein Zeichen dafür, auf welchem Boden Sie stehen!)


und die Arbeitgeber können das nur noch abnicken, mehr
können sie nicht tun. Hier ist der Gesetzgeber gefordert,
aber Sie trauen sich nicht, ein klares Bekenntnis zur Leih-
arbeit abzugeben.

Ich komme jetzt kurz auf die Minijobs zu sprechen.
Hier haben Sie eine Mickymaus-Minireform auf den Weg
gebracht. Was ist denn mit den vielen Minijobs in der Gas-
tronomie? Erklären Sie mir, warum zum Beispiel die Be-
dienung im Biergarten, beim Italiener um die Ecke oder in
Ihrer Stammwirtschaft auf einmal von der Minijobförde-
rung ausgenommen werden soll! Erklären Sie mir einmal,
warum Sie die steuerliche Ausgestaltung der Ich-AGs im-
mer noch nicht geregelt haben! Die Gesetzentwürfe liegen
auf dem Tisch, aber bis heute ist noch keine Regelung ge-
funden worden. Das alles sind unausgegorene Vorschläge.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ein Punkt ist für uns
wichtig:


(Ludwig Stiegler [SPD]: Dass Sie nur kritisieren, aber nichts machen!)


Wachstum. Ohne Wachstum geht es nicht.

(Beifall bei der CDU/CSU)


Hier müssen die Hebel angesetzt werden. Sie gehen den
falschen Weg. Ihre Politik hilft nicht weiter. Denn das ist
Politik ohne Richtung und ohne Kompass. Dieses Herum-
irren – ob Sie dabei das Hartz-Lied singen oder nicht –
führt nur in die Sackgasse.

Vielen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Michael Glos [CDU/CSU]: Sie singen die Internationale, nicht das Hartz-Lied! Das ist das Problem!)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501104300

Das Wort hat jetzt die Abgeordnete Thea Dückert,

Bündnis 90/Die Grünen.


Dr. Thea Dückert (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501104400

Liebe Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen

und Herren! Frau Wöhrl, nach Ihrer Rede muss ich sa-
gen: lieber den Geist von Hartz als das Dies und Das der
CDU.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Dirk Niebel [FDP]: Der Geist findet keine Ruhe, das ist das Problem!)


Heute setzen wir nicht Herrn Hartz, aber das Hartz-
Konzept auf das arbeitsmarktpolitische Laufband. Damit
ist endlich eine Zeit vorbei, in der die Faulenzerdebatte
immer wieder hochgeschwappt ist.


(Jürgen Koppelin [FDP]: Das war doch Ihr Bundeskanzler!)


Erinnern Sie sich noch an den März letzten Jahres, als
Herr Merz hier über Essensmarken für arbeitsunwillige
Arbeitslose schwadroniert hat? Ich bin froh, dass diese
unwürdige Debatte durch eine Konzeptdiskussion ersetzt
worden ist.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Nach 20 Jahren Massenarbeitslosigkeit in diesem Land
wissen die Menschen ganz genau, dass wir es hier mit ei-
nem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun haben, das
wir nicht bei den Arbeitslosen abladen können. Sie wis-
sen, dass die alten Konzepte nicht mehr tragen und wir
neues Denken brauchen. Sie wissen auch, dass wir neue
Instrumente brauchen und schon in den 90er-Jahren, Frau
Wöhrl, vom Ausland hätten lernen können; damals lagen
Sie aber noch im Dornröschenschlaf der arbeitsmarktpo-
litischen Konzeptlosigkeit.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Mit den Hartz-Vorschlägen gehen wir Stück für Stück
voran. Heute werden wir das Konzept „Fördern und
Fordern“ verankern. Wir führen heute eine spannende
Debatte, die wir ohne die Hartz-Vorschläge nicht hätten
führen können; denn für die wesentlichen Veränderun-
gen am Arbeitsmarkt, die so viele Arbeitslose und Un-
ternehmen betreffen, muss es einen Konsens in unserer

DagmarWöhrl




Dr. Thea Dückert
Gesellschaft geben. Dieser musste zunächst erarbeitet
werden.


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Viel zu spät!)


Deshalb stellt das Hartz-Konzept, welches einen Kon-
sens zwischen vielen unterschiedlichen Denkansätzen ge-
funden hat, einen Weg dar, um zu einer vernünftigen
Runderneuerung in der Arbeitsmarktpolitik zu kommen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Wir reden heute über neue Instrumente, zum Beispiel
darüber, wie wir mit den Personal-Service-Agenturen
die Zeitarbeit von einem Trampelpfad zu einem guten
Weg für Langzeitarbeitslose entwickeln können, damit sie
in den ersten Arbeitsmarkt hineinkommen.

Über die einzelnen Schritte können wir uns streiten,
das ist richtig. Wir reden darüber, aber wir setzen es auch
um. Wir reden darüber, wie wir mit Minijobs endlich der
Schwarzarbeit zu Leibe rücken können, und zwar in ei-
nem ganz zentralen Bereich, nämlich dem haushaltsnahen
Bereich, wo es viel Schwarzarbeit gibt, wo viele Arbeits-
verhältnisse – gerade auch von Frauen – illegal sind.


(Ina Lenke [FDP]: Das ist frauendiskriminierend!)


Wir reden über Kapital für Arbeit, wo der Arbeitslose
sozusagen Kapital im Rucksack in die kleinen Unterneh-
men mitbringt, wenn er dort einen neuen Arbeitsplatz ge-
funden hat. Wir reden über die Ich-AG als Hebamme für
kleine selbstständige Unternehmen in diesem Lande. Wir
reden über Bildungsgutscheine, mit denen Arbeitslose in
größerer Selbstbestimmung Qualifikationsangebote für
sich selbst in Anspruch nehmen können. Wir reden end-
lich über Jobcenter als eine gemeinsame Institution zur
Beratung von Langzeitarbeitslosen, anderen Arbeitslosen
und Arbeitssuchenden.

Wir machen Angebote an Junge, an Frauen, an Ältere,
an Langzeitarbeitslose. Wir machen Angebote zur aktiven
Integration in den Arbeitsmarkt, wobei allerdings – dies
gehört zum Konzept des Förderns und Forderns dazu – für
die Arbeitslosen die Verpflichtung besteht, aktiv mitzu-
wirken.

Denn für uns als Grüne ist es eine der zentralen ar-
beitsmarktpolitischen Aufgaben in dieser Gesellschaft,
Zugangsgerechtigkeit herzustellen, weil Massenarbeits-
losigkeit ein Gerechtigkeitsproblem ist.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Mit dem Hartz-Konzept gehen wir auf einem Weg wei-
ter, den wir begonnen haben, einen Weg des Paradigmen-
wechsels, der die Integration in den Arbeitsmarkt will,
diese vorbereitet und der die Ausgrenzung endlich been-
det.

Das Herz von Hartz – dies wurde vorhin vorgetragen –
ist die Personal-Service-Agentur, ist die Zeitarbeit.Da-
rüber gibt es den großen Streit. Diesen haben wir in den
letzten Tagen und auch heute wieder in der Presse verfol-
gen können. Es ist wichtig festzustellen: Der Startschuss

für die Personal-Service-Agenturen fällt am 1. Januar
2003. Das ist wichtig, denn oberstes Ziel dieser Personal-
Service-Agenturen ist es, der Langzeitarbeitslosigkeit zu
Leibe zu rücken. Das ist bedeutsam, weil heute 20 Prozent
der Arbeitslosen Langzeitarbeitslose sind, diese aber
75 Prozent des Volumens der Arbeitslosigkeit ausmachen.
Das bedeutet: Wenn es uns über verschiedene Instrumente
und gerade auch über die Zeitarbeit gelingt, die Langzeit-
arbeitslosigkeit zu reduzieren, werden wir auch dem Vo-
lumen der Arbeitslosigkeit erheblich zu Leibe rücken
können. Das ist ein ganz zentrales Ziel.

Deswegen haben wir uns viele Gedanken darüber ge-
macht, wie diese Personal-Service-Agenturen arbeiten
können. Hierbei gab es Konflikte, aber wir sind in den
letzten Tagen zu einem – wie ich finde – sehr guten Kom-
promiss gekommen. Es gibt drei Bedingungen, unter de-
nen diese Personal-Service-Agenturen funktionieren kön-
nen:

Erstens. Damit die Zeitarbeit angenommen wird, muss
sie aus der Schmuddelecke heraus. Sie muss gesellschaft-
lich akzeptiert werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Hartmut Schauerte [CDU/ CSU]: Wer hat sie denn da hineingestellt? – Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Wer hat sie denn bekämpft?)


Dazu gehört die tarifliche Orientierung, lieber Herr Kol-
lege Singhammer, auch wenn Sie das nicht glauben.


(Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Sie haben sie doch da hineingestellt! Sie lösen Ihr eigenes Problem! – Gegenruf des Abg. Dr. Uwe Küster [SPD]: Halten Sie sich zurück! Das ist ein unparlamentarischer Begriff!)


Zweitens. Die Langzeitarbeitslosen brauchen beson-
dere Einstiegsbedingungen, wenn es gelingen soll, ihnen
mithilfe der Zeitarbeit Brücken in den Arbeitsmarkt zu
bauen. Sie brauchen dies, weil sie vom ersten Arbeits-
markt entfernt sind. Auch diese Bedingungen werden wir
sicherstellen.

Drittens. Damit die Zeitarbeit akzeptiert wird, darf sie
innerbetrieblich nicht zum Kampfinstrument gegen die
Stammbelegschaften werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Mit dem Kompromiss der letzten Tage haben wir diese
drei Punkte abgedeckt. Die Zeitarbeitsfirmen haben in der
Anhörung vorgetragen, dass sie große Angst davor haben,
am 1. Januar 2003 mit neuen Bedingungen konfrontiert zu
werden, denen sie nicht gerecht werden können. Deswe-
gen haben wir beschlossen – und zwar in Absprache mit
den Zeitarbeitsfirmen und auch mit den Gewerkschaften –,
dass eine Übergangsfrist von einem Jahr gilt und dass die
Zeitarbeitsfirmen zusammen mit den Personal-Service-
Agenturen am 1. Januar 2003 unter den Bedingungen der
heute geltenden Tarifverträge in das Geschäft der Leihar-
beit einsteigen können. Die Befürchtung, dass die Zeitar-
beitsfirmen in irgendeiner Weise beeinträchtigt würden
und dass sie Beschäftigte entlassen müssten, ist also vom


(A)



(B)



(C)



(D)


676


(A)



(B)



(C)



(D)






Tisch. Das Gegenteil ist eingetreten. Die Zeitarbeitsfir-
men haben nun die Chance, genauso wie die Personal-
Service-Agenturen in den sich erweiternden Markt der
Leiharbeit einzusteigen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Wir haben des Weiteren vereinbart, im nächsten Jahr
das Prinzip des Equal Pay durch vernünftige Tarifver-
träge vorzubereiten. Solche Tarifverträge wollen auch die
Zeitarbeitsfirmen, jedenfalls die vernünftigen, die eine
Marktchance haben wollen. Denn sie wollen von dem
Image der Vergangenheit weg, dass sie immer nur Dum-
pinglöhne zahlen. Auch die Gewerkschaften haben Inte-
resse an solchen Tarifverträgen. Bei der Anhörung und
den anschließenden Gesprächen haben die Gewerkschaf-
ten sehr deutlich gesagt – das ist mir sehr wichtig –, dass
sie bereit seien, Einstiegsregelungen für Langzeitarbeits-
lose zu vereinbaren. Natürlich haben auch die Gewerk-
schaften – ihnen wird ja ständig das Gegenteil unterstellt
– ein maximales Interesse daran, dass wir Regelungen für
die Zeitarbeit finden, die geeignet sind, Langzeitarbeits-
lose in den Arbeitsmarkt zu bringen.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)


Ich finde die jetzige Diskussion, die von Herrn Göhner
angeführt wird – er ist ja nicht nur Hauptgeschäftsführer
der BDA, sondern auch CDU/CSU-Bundestagsabgeord-
neter, also Mitglied Ihrer Fraktion –, sehr vordergründig.
Man sollte sich vielleicht auch einmal Gedanken über den
Einfluss der Verbände in den Fraktionen machen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Hans Michelbach [CDU/ CSU]: Das sagt uns ausgerechnet eine von der Gewerkschaftsfraktion!)


Hier ist die Rede von Tarifdiktat und stark ausgeprägten
staatsmonopolistischen Strukturen in der Zeitarbeit. Zum
Glück gibt es nicht nur die Meinung von Herrn Göhner.
Der Markt ist sehr heterogen. Ich denke, es ist sehr deut-
lich geworden, dass die Zeitarbeitsfirmen selber Tarifver-
träge wollen. Sie streiten dagegen ab, dass es diesen
Wunsch gibt. Ich denke, Sie sollten endlich mit Ihrer
Kampfrhetorik aufhören und sich auf den Wagen schwin-
gen, der jetzt abfährt, also unser Konzept unterstützen,
das hilft, Langzeitarbeitslose in den Arbeitsmarkt zu
bringen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Wolfgang Zöller [CDU/ CSU]: Gott bewahre!)


Heute – ich habe leider nicht mehr genug Zeit, um das
in Gänze auszuführen –


(Beifall des Abg. Michael Glos [CDU/CSU] – Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Oberflächlichkeit! – Weiterer Zuruf von der CDU/ CSU: Aufhören!)


kann man eine absurde Debatte in den Zeitungen nachle-
sen. Eine Zeitung behauptet beispielsweise, dass unser
Konzept nicht bezahlbar sei und dass sich 7 Millionen Ar-
beitslose in den Personal-Service-Agenturen wiederfän-

den, wenn dieses Konzept umgesetzt werde. Ich kann Ih-
nen nur eines sagen – ausführlicher kann ich darauf nicht
eingehen –: Das hat mit Sachkenntnis über das, was wir
heute tun, überhaupt nichts zu tun. Diese Leute sind mit
ideologischen Vorurteilen gepudert.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Wir wollen – darauf habe ich bereits hingewiesen – mit
unserer Regelung der haushaltsnahen Dienstleistungen
der Schwarzarbeit zu Leibe rücken. Wir wollen eine sol-
che Regelung auch für alle Dienstleistungen, die rund um
den Haushalt herum erbracht werden, wie zum Beispiel
Gartenpflege, Kinderbetreuung und Altenpflege. Wir
werden im Frühjahr prüfen, ob die Regelung der Minijobs
nicht auch auf andere Bereiche ausgedehnt werden kann.


(Zurufe von der CDU/CSU: Oh! Oh!)

Wir werden mit den Ich-AGs im Alltag erworbene Fer-

tigkeiten von Arbeitslosen nutzen, deren Talente bis jetzt
zum Beispiel im Hobbykeller verkommen, um ihnen zu
helfen, mit ihren Fertigkeiten in den Arbeitsmarkt hinein-
zukommen. Damit werden wir die Selbstständigkeit för-
dern. Wir werden außerdem das Qualifikationssystem mit
praxisbezogenen Modulen modernisieren. Ich war letz-
tens in einer solchen Einrichtung. Dort sagte mir jemand:
Gebt mir einen Hammer, lasst mich arbeiten und textet
mich nicht immer zu.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Texten auch Sie uns nicht zu!)


Das ist genau der Punkt: Wir müssen Module entwickeln,
durch die Menschen, die sehr praktisch veranlagt sind,
eine Chance bekommen, wieder am Arbeitsmarkt teilzu-
haben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Viel zu spät!)


Ich komme zum Schluss. Wir gehen Schritt für Schritt
weiter. Ich kann hier keine Versprechungen dazu abgeben,
wie stark die Regelungen im nächsten Jahr greifen wer-
den. Wir alle wissen: Die Situation am Arbeitsmarkt wird
auch im nächsten Jahr hart sein. Aber gerade deswegen
müssen wir beherzt zu den neuen Instrumenten greifen,
die uns das Hartz-Konzept liefert.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501104500

Zu einer Kurzintervention erhält der Kollege Göhner

das Wort.

(Dr. Ditmar Staffelt [SPD]: Als was redet der denn jetzt? Als Vertreter der BDA?)



Dr. Reinhard Göhner (CDU):
Rede ID: ID1501104600

Frau Kollegin Dückert, da Sie mich direkt angespro-

chen haben, möchte ich Ihnen zunächst sagen: Sie werden

Dr. Thea Dückert




Dr. Reinhard Göhner
schon ertragen müssen, dass in dieses Haus neben zahl-
reichen Gewerkschaftsfunktionären auch einige Vertreter
der Wirtschaft gewählt worden sind.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Sie haben meinen Vorwurf eines Tarifdiktates zurück-

gewiesen. Dabei haben Sie hier selbst vorgetragen, dass
ab 1 Januar kommenden Jahres die gewerblichen Zeit-
arbeitsfirmen zusammen mit den PSAs nur dann tätig sein
können, wenn sie einen Tarifvertrag einhalten. Tarif-
zwang und Tarifdiktat sind das Gegenteil von Tariffreiheit.


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Sehr richtig!)


Sie haben Probleme damit, zu akzeptieren, dass es in
Deutschland Unternehmen gibt, die keinen Tarifvertrag
wollen. Die negative Koalitionsfreiheit, dieTariffreiheit,
enthält aber nicht nur die Freiheit, Tarifverträge abzu-
schließen und tarifgebunden sein zu wollen, sondern auch
die Freiheit, das nicht zu wollen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Diese schaffen Sie faktisch ab: Ab dem 1. Januar wird

die Situation bestehen, dass die staatlich subventionierten
PSAs auf dem gleichen Markt wie die nicht tarifgebunde-
nen Zeitarbeitsunternehmer tätig sein werden, die dann
künftig bei Beschäftigung eines Arbeitslosen nach der
sechsten Woche nicht nur den Grundsatz des Equal Pay
einzuhalten haben,


(Hans-Werner Bertl [SPD]: Was machen Ihre Kollegen zu Hause mit den Gewerkschaften? Darüber sollten Sie mal sprechen!)


sondern auch den Grundsatz des Equal Treatment, das
heißt, dass sie die wesentlichen Bedingungen des entlei-
henden Unternehmens einhalten müssen. Damit schaffen
Sie eine Ungleichbehandlung im Wettbewerb. Natürlich
wird es Zeitarbeitsunternehmen geben, die das Geschäft
der staatlich subventionierten PSAs betreiben. Das ist ver-
ständlich, wenn der Gesetzgeber ein solches Gesetz be-
schließt. Aber dass dies ein faktisches Tarifzwanggesetz
ist, ist außer Zweifel.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP – Klaus Brandner [SPD]: Das ist ein Interessenvertreter!)


Frau Dückert, dieses Gesetz beinhaltet auch aus einem
zweiten Grund ein Tarifdiktat. Das sage ich Ihnen als je-
mand, der Anhänger der Branchentarifverträge und der
Flächentarifverträge ist und der selbst über 100 Tarifver-
träge ausgehandelt und unterschrieben hat. Durch die Re-
gelungen, die Sie jetzt schaffen, sollen Zeitarbeitsunter-
nehmen Tarifverträge aushandeln. Das wäre in meiner
größten Fantasie nie denkbar gewesen. Die Gewerkschaf-
ten werden, wenn der Arbeitgeber nicht akzeptiert, was
sie vorschlagen, eben keinen Tarifvertrag abschließen.
Dann gilt das Equal Treatment, dann gilt die Regelung,
dass die wesentlichen Bedingungen des entleihenden Be-
triebes einzuhalten sind. Diese Verhandlungssituation be-
inhaltet einen Zwang.

Sie begrenzen also die Möglichkeit, Tarifverträge ab-
zuschließen, weil Sie die Wirtschaft unter diesen doppel-
ten Tarifzwang stellen. Die PSAs, staatlich subventioniert

und teuer, werden boomen. Die private gewerbliche Zeit-
arbeit außerhalb der PSAs, die auch bei Problemgruppen,
nämlich den Arbeitslosen, den Langzeitarbeitslosen und
den Geringqualifizierten, vermittelt, machen Sie kaputt.
Das ist die Folge Ihres Zwangs.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Thea Dückert (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501104700

Herr Göhner, auf Ihre Rede, die Sie hier als Kurzinter-

vention getarnt haben, möchte ich kurz antworten und
zwei Dinge ansprechen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Erstens. Ich akzeptiere sehr wohl, dass Sie als Haupt-
geschäftsführer der BDA auch Bundestagsmitglied sein
können. Was mir aber wichtig war, ist, dass die Zuhöre-
rinnen und Zuhörer, diejenigen, die diese Debatte verfol-
gen, wissen, wer für was redet. Sie haben in den letzten
Tagen eine Kampffront gegen das Instrument für die Inte-
gration von Langzeitarbeitslosen, das wir hier einführen
wollen und müssen, aufgebaut.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Sagen Sie mal etwas zu den Sachargumenten!)


Man muss wissen, dass das nicht nur von der CDU/CSU,
sondern eigentlich von der BDA kommt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Das ist billiger Klassenkampf! – Weiterer Zuruf von der CDU/CSU: Sagen Sie doch inhaltlich mal etwas! – Gegenrufe von der SPD – Volker Kauder [CDU/CSU], an die SPD gewandt: Wer so von den Gewerkschaften abhängig ist, sollte mal ganz ruhig sein! – Zurufe von der SPD: Oh! – Dr. Uwe Küsten [SPD]: Das ist Kauderwelsch!)


– Da Sie sich offensichtlich erst unterhalten wollen, warte
ich noch ein wenig; ich habe noch einen Moment Zeit. Es
scheint Sie doch sehr zu treffen, dass hier deutlich etwas
zu Ihren Argumenten vorgetragen wird.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Haben Sie etwas gegen Argumente?)


Zu Ihren inhaltlichen Ausführungen nenne ich noch ein
kurzes Argument; vielleicht wollen Sie ja zuhören:


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Mit Arroganz und ohne Argumente!)


Mit diesem Gesetz werden wir ab dem 1. Januar 2004 die
gesamten Reglementierungen des Arbeitnehmerüber-
lassungsgesetzes abschaffen. Herr Göhner, das geht sehr
viel weiter als das, was Ihre Fraktion jemals gefordert hat.
Diese hat nämlich gefordert – da Sie hier mit dem Tarif-
diktat argumentieren, sollten Sie gut zuhören –, dass die
Regelungen des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes für
Unternehmen, die sich in der Tarifbindung befinden, ab-
gebaut werden. Wir bauen sie für sämtliche Zeitarbeits-
unternehmen ab.


(Zuruf von der FDP: Eine Heldentat!)



(A)



(B)



(C)



(D)


678


(A)



(B)



(C)



(D)






Wenn Sie hier redlich argumentieren und nicht mit die-
ser Kampfrhetorik auftreten würden, müssten Sie auch
sagen, was Abgeordnete Ihrer Fraktion – zum Beispiel
denke ich an Herrn Laumann und andere Abgeordnete, die
die tarifliche Bindung in diesem Bereich sehr wohl als
sinnvoll und notwendig erachten – hier vertreten. Sie ver-
treten hier eine Eigenmeinung.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501104800

Das Wort hat jetzt der Abgeordnete Rainer Brüderle,

FDP-Fraktion.

Rainer Brüderle (FDP):
Rede ID: ID1501104900

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich will

mit einem Zitat von Professor Porter beim Weltwirt-
schaftsforum beginnen. Er sagte dieser Tage:

Es gibt zahlreiche Anzeichen, dass Deutschland seine
eigene Position unterhöhlt. Schwachstellen sind die
Ausbildung, die Wettbewerbsverzerrung durch Regie-
rungsinterventionen und die hohe Arbeitslosigkeit. Es
scheint keinen politischen Willen zu geben, die Grund-
probleme anzugehen. Das ist sehr beunruhigend.

(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Jürgen Koppelin [FDP]: So ist die Lage!)


Dies ist ein Beleg dafür, wie man die Politik für den Ar-
beitsmarkt und die Wirtschaft in Deutschland von außen
einschätzt.

Ich zitiere noch einmal, diesmal aus dem grün-roten
Koalitionsvertrag. Dort heißt es wörtlich:

Mit der vollständigen Umsetzung der Vorschläge der
Kommission „Moderne Dienstleistungen am Ar-
beitsmarkt“ beginnen wir die größte Arbeitsmarktre-
form der Nachkriegsgeschichte.

Dies ist ein Satz mit zwei Lügen:
Erstens. Sie setzen Hartz nicht entsprechend den Vor-

schlägen, die die Kommission damals gemacht hat, um.
Mitglieder der Hartz-Kommission wenden sich von dem,
was Sie hier präsentieren, öffentlich ab.

Zweitens. Es ist nicht die größte Arbeitsmarktreform,
sondern Sie praktizieren derzeit die größte Versäumung
und Nichtwahrnehmung von Chancen. Sie regieren nicht,
Sie werden durch die Gewerkschaftsseite regiert.


(Beifall bei der FDPund der CDU/CSU – Klaus Brandner [SPD]: Sagen Sie mal was zu Herrn Göhner!)


Fatal ist: Wenn Sie weiterhin nicht an die wahren
Grundprobleme herangehen, fahren Sie die Wirtschaft an
die Wand.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: So ist es!)

Wir befinden uns praktisch schon in der Stagnation. Die
Deutsche Bank spricht von Rezession. Sie haben nicht
den Mut, an die Kernprobleme heranzugehen.


(Dr. Wolfgang Gerhardt [FDP]: Steter Kampf gegen die Wirklichkeit!)


Statt die Einstellungshemmnisse für die kleinen Betriebe
im Land zu mindern, führen Sie die Konstruktion der Per-
sonal-Service-Agenturen ein. Statt den Kündigungs-
schutz für die Kleinen zu lockern, damit sie jemanden ein-
stellen können, verstaatlichen Sie die Probleme durch
Mega-Beschäftigungsgesellschaften. Sie leihen Leute aus
und buchen sie aus der Arbeitslosenstatistik in die PSA
um; damit entlasten Sie die Statistik. Die Anhörung hat es
deutlich ergeben. Dabei handelt es sich um den größten
statistischen Trick: Auch wenn sie keine Arbeit haben, fal-
len sie aus der Arbeitsmarktstatistik heraus. Das ist nicht
in Ordnung!


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Zuruf von der CDU/CSU: Das ist der Beginn der irreparablen Phase!)


Sie wollen befristete Arbeitsverträge im Alter ermög-
lichen, setzen aber gleichzeitig Anreize zur weiteren
Frühverrentung.


(Klaus Brandner [SPD]: Herr Bürderle, haben Sie Hartz 1:1 gesehen? Wo ist Hartz 1:1?)


Sie wollen die Brückenfunktion der Zeitarbeit ermög-
lichen, machen sie aber gleichzeitig durch den Tarifzwang
unmöglich.

Das Problem besteht darin, dass Sie die Schwierigkei-
ten kostümieren. Statt sie wirklich zu korrigieren und den
Menschen im Land eine Chance zu geben, kommen Sie
nur mit Teillösungen. Sie gehen nicht an den Kern heran.
Dadurch, dass sie die Problemstrukturen indirekt fortset-
zen, machen Sie die Lösung der Probleme unmöglich. Sie
werden die Arbeitslosigkeit nicht entscheidend senken.
Ihr erster Schritt – die Erhöhung der Rentenversiche-
rungsbeiträge und der Beiträge zur gesetzlichen Kran-
kenversicherung, die Sie heute ebenfalls beschließen wer-
den – wird mehr als 100 000 Arbeitsplätze kosten. Diese
Arbeitsplätze gehen verloren, weil Sie die Lohnneben-
kosten nach oben treiben, statt sie zu senken.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Dr. Wolfgang Gerhardt [FDP]: Die gehen zu Hartz!)


Sie kennen sicherlich das Bild der potemkinschen
Dörfer.


(Dr. Ditmar Staffelt [SPD]: Ach, ehrlich?)

Dabei handelt es sich um Dörfer, die es gar nicht gibt. Sie
schaffen ein neues Bild: die Nürnberger Arbeitsplätze.
Das sind nämlich Arbeitsplätze, die es gar nicht gibt und
die Sie nur durch Umbuchungen in der Statistik schaffen.


(Beifall bei der FDP)

Aber Umbuchungen sind nicht die Lösung. Die Lö-

sung ist einfach; Sie müssen sie nur umsetzen. Nehmen
Sie das Gutachten des Sachverständigenrats – inzwischen
haben Sie ja viele SPD-nahe Wissenschaftler berufen,
Wissenschaftler, von denen einige sogar Ihr Parteibuch
haben; insofern können Sie nicht mehr behaupten, er sei
ein Hort der Opposition –, das in 20 Punkten darstellt, wie
grottenfalsch Ihr Kurs ist und dass Sie höhere steuerliche
Belastungen herbeiführen, statt eine Entlastung zu bewir-
ken. Sie kommen mit dem Pseudoargument, die Steuer-
lastquote sei niedrig. Dieser Tatbestand ist doch Ausdruck

Dr. Thea Dückert




Rainer Brüderle
dessen, dass viele keine Steuern mehr zahlen können, weil
sie keine Gewinne erzielen. Sie würden mehr Steuern ein-
nehmen, wenn Sie Gas gegeben hätten.


(Beifall bei der FDP)

Was Ihre Bedenken angeht, Herr Brandner, wir sollten

das Land nicht schlechtreden, versichere ich Ihnen: Sie
haben das Land schlecht regiert. Wir hören in jeder Bera-
tung, dass alles prima sei und dass Sie eine tolle Politik
betrieben, nur die Opposition sei nicht in der Lage, Ihre
– falsche – Politik zu bejubeln. Es ist aber nicht unsere
Aufgabe, Ihre falsche Politik noch zu beweihräuchern.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit auszusprechen, einen
Wettbewerb der Ideen in die Diskussion zu bringen und zu
verhindern, dass die deutsche Wirtschaft gegen die Wand
gefahren wird.


(Klaus Brandner [SPD]: Nehmen Sie doch mal zur Kenntnis, dass Sie keine Mehrheit haben, Herr Brüderle!)


Auch nach Aussage der Sachverständigen behält
Deutschland den letzten Platz in Europa bei. Wir kommen
in keinem Punkt nach vorne. Wir können von dem kleinen
Finnland und dem kleinen Irland lernen, wie man Bewe-
gung hineinbringt. Weil Sie den Menschen zu viel weg-
nehmen, können sie nichts ausgeben oder investieren. Es
kommt zu einer Konsum- und Investitionsschwäche.
Weil Ihnen ständig etwas Neues einfällt, haben die Men-
schen kein Vertrauen. Ohne Vertrauen kann sich die Wirt-
schaft aber nicht entwickeln. Deshalb ist der von Ihnen
eingeschlagene Kurs so fatal falsch.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Korrigieren Sie Ihren Kurs! Dieses Land hat bessere
Chancen verdient. Sie werden die Wirtschaft nur in Gang
bekommen, indem Sie den Menschen mehr belassen und
ihnen die Möglichkeit geben, Geld auszugeben. Wenn sie
nichts mehr haben, können sie auch nichts mehr ausge-
ben. Wenn die Wirtschaft nicht mehr kalkulieren kann,
sind auch keine Investitionen möglich. Die Folge Ihrer
fatalen Politik schlägt sich jetzt in den Zahlen nieder:
Stagnation und rezessive Tendenzen.


(Jörg Tauss [SPD]: 7 Prozent!)

So kommen wir aus der Wirtschaftsmisere nicht mehr he-
raus.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501105000

Das Wort hat jetzt die Abgeordnete Doris Barnett.


Doris Barnett (SPD):
Rede ID: ID1501105100

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Herr Kollege Brüderle, wir zeigen politischen Willen und
auch politischen Mut. Warum beteiligen Sie sich nicht da-
ran? Sie wollen an den Kern herangehen, unter dem Sie
allerdings die Abschaffung des Kündigungsschutzes und,

wenn möglich, den Wegfall der betrieblichen Mitbestim-
mung verstehen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Sagen Sie das den Menschen im Lande doch endlich

einmal ehrlich! Ihre Gesetzentwürfe und Ihr Antrag zei-
gen, dass Sie prinzipiell Nein sagen. Das können Sie nach
außen nicht vertreten. In der Sache liegen wir nämlich
nicht so weit auseinander. Ihnen geht es aber nicht um die
Sache. Ihnen geht es auch nicht um die Arbeitslosen, son-
dern Ihnen geht es um das Schlechtreden. Sie wollen lie-
ber einen Crash als einen Grip.


(Beifall bei der SPD)

Sie wollen die Konjunktur lieber gegen die Wand fahren,
als sie endlich in Fahrt zu bringen.

Sie wollen eine Anhebung der Verdienstgrenze für die
über 4 Millionen registrierten geringfügig Beschäftigten
auf 400 Euro im Monat. Das machen wir, allerdings für
einen begrenzten Bereich, nämlich für die Haushalts-
dienstleistungen. In diesem Bereich gehen wir sogar auf
500 Euro. Damit bereinigen wir endlich einen Markt, in
dem bisher fast ausschließlich illegal gearbeitet wurde
und der hauptsächlich von Frauen bedient wurde. Wir
machen diese Beschäftigungsverhältnisse legal. Wir
schaffen sowohl für die so beschäftigten Frauen als auch
für die Haushalte Anreize. Das wird unserer Gesellschaft
gut tun.

3,3 Millionen Beschäftigungsverhältnisse werden dann
auch für ihre Arbeitgeber legal. Die beschäftigten Perso-
nen – meist Frauen – haben es dann in der Hand, ob sie in
Haushalten bis zu 500 Euro verdienen, ob sie sozialversi-
cherungspflichtig im Haushalt angestellt sein wollen oder
ob sie sozialversicherungspflichtig bei einer Dienstleis-
tungsagentur oder zum Beispiel einem Reinigungsunter-
nehmen arbeiten möchten.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501105200

Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage der

Kollegin Lenke?


Doris Barnett (SPD):
Rede ID: ID1501105300

Nein, ich möchte meine Rede zu Ende führen. Sie kann

sich ja nachher in einer Kurzintervention zu Wort melden.
Der Haushalt bekommt das je nach Beschäftigungs-

form honoriert. Klarstellen möchte ich an dieser Stelle:
Auch Tagesmütter fallen unter diese haushaltsnahen
Dienstleistungen, wenn sie die Kinder in ihrem Haushalt
betreuen.

Damit diese Regelungen größtmögliche Wirkung ha-
ben, wird der Haushalt diese Dienstleistungen nicht über
Werbungskosten bei den Steuern geltend machen, weil
gerade die Haushalte, die diese Dienstleistungen wöchent-
lich nur drei bis vier Stunden abrufen, oft nicht über die
Werbungskostenpauschale hinauskommen. Wir haben
uns für den Abzug von der Steuerschuld entschieden. Da-
von profitieren nämlich alle. Dass der Abzug bei sozial-
versicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen hö-
her ausfällt, halte ich insbesondere im Interesse der Frauen


(A)



(B)



(C)



(D)


680


(A)



(B)



(C)



(D)






für richtig. Insoweit sind die Forderungen der Union ei-
gentlich erfüllt, allerdings verbunden mit pauschalen
Beiträgen zur Sozialversicherung.

Was wir nicht wollen, ist eine generelle Ausweitung
aller sozialversicherungsfreien Beschäftigungsverhält-
nisse; denn diese geht immer zulasten der regulären
Arbeitsplätze, der Sozialkassen und – wie immer – der
Frauen.


(Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Das werden Sie nicht durchhalten!)


Sie fordern gestaffelte Sozialversicherungsbeiträge für
einen Einkommensbereich von 400 bis 800 Euro. In
Rheinland-Pfalz machen wir das. Wir nennen es dort
Mainzer Modell, womit wir Erfolg haben. Wir gehen so-
gar noch weiter als Sie, weil bei Ihnen die Frage der So-
zialversicherung nicht eindeutig geklärt ist. Wir haben
dieses Problem gelöst. Zudem tun wir etwas für Familien
und Alleinerziehende, weil wir für sie einen gestaffelten
Zuschlag für Kindergeld vorgesehen haben.

Schließlich werden wir dafür sorgen, dass unser sozia-
ler Rechtsstaat, der nach dem Krieg Wohlstand für viele
gebracht hat, auch weiterhin bestehen bleiben kann. Des-
halb haben und werden wir die Funktionstüchtigkeit der
Sozialsysteme nicht infrage stellen, sondern dafür sorgen,
dass sie bei allem Reformbedarf auch weiterhin funktio-
nieren.

Sie fordern, den Ländern Abweichungen von Zumut-
barkeitskriterien und Sperrzeitregelungen zu erlau-
ben. Wir verändern beide. Wir wissen sehr wohl, dass wir
insbesondere allein stehenden Arbeitslosen eine größere
Mobilität abverlangen können und müssen. Aber wir sind
der Ansicht, dass diese Kriterien im gesamten Bundesge-
biet einheitlich sein müssen. Es kann doch nicht sein, dass
in Bayern eine andere Tätigkeit als in Schleswig-Holstein
zumutbar ist.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Warum nicht?)

Wie soll man das denn den Arbeitslosen vermitteln? Viel-
leicht liegt Ihnen ja weniger an den Arbeitslosen als an ei-
nem Verdrängungswettbewerb zwischen den Bundeslän-
dern. Diese Methode kennen wir: Bayern hygienisch rein,
NRW die Schmuddelecke. Aber das wird mit uns so nicht
laufen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Warum sind wir in NRWdenn die Schmuddelecke? Was fällt Ihnen ein? NRW ist doch ein schönes Land!)


Das gilt im Übrigen auch für Ihre Vorschläge zur Än-
derung des Bundessozialhilfegesetzes.

Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen aus der FDP-Frak-
tion, wollen eine grundlegende Reform der Arbeitsver-
waltung. Das machen wir, und zwar so, wie es uns die
Hartz-Kommission vorgeschlagen hat. Allerdings braucht
das ein wenig Zeit. Ohne die aktive Mitwirkung der Be-
schäftigten in den Arbeitsämtern wird es nicht gelingen. Sie
müssen motiviert werden. Ihnen müssen wir danken, was
wir mit einer entsprechenden Einkommensregelung tun.
Deshalb werden wir in enger Abstimmung mit der Bundes-
anstalt die Reformen im kommenden Jahr angehen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir gehen sogar
noch viel weiter als Sie. Die Gesetzesvorlagen der
CDU/CSU handeln nur von Einzelaspekten: kleine Jobs
und Jobcenter. Damit ist es aber nicht getan. Wir haben
bereits jetzt die Chance, viel für die Arbeitslosen in
Deutschland, aber auch für die Arbeitgeber zu tun. Wir
wollen ältere Arbeitnehmer durch eine Entgeltsicherung
fördern und ihnen den Ausstieg aus dem Arbeitsleben,
wenn sie ihn denn wollen, durch ein Brückengeld erleich-
tern. Wir wollen Arbeitgeber, die ältere Mitarbeiter ein-
stellen, von Sozialversicherungsbeiträgen entlasten und
damit die Chance Älterer auf dem Arbeitsmarkt erhöhen.

Dass es inzwischen Arbeitgeber gibt, die begriffen ha-
ben, wie wichtig die Weiterbeschäftigung ihrer älteren
Mitarbeiter für den Betrieb ist, zeigt ein Beispiel aus mei-
nem Wahlkreis. Die Firma KSB in Frankenthal unter-
nimmt große Anstrengungen, um ältere Mitarbeiter im Un-
ternehmen zu halten. Die Firma jammert nicht über
Facharbeitermangel, weil sie sich die Facharbeiter selbst
beschert. Die Älteren geben dort ihr Wissen und ihre Er-
fahrung an die Jungen weiter – zum Wohl des Unterneh-
mens. Dafür braucht die Firma nicht einmal monetäre
Hilfe. Diese Vorgehensweise erspart ihr letztlich viel Geld.

Solche Beispiele müssen Schule machen. Aber bis da-
hin müssen wir bei den meisten Unternehmen in unserem
Land noch viel Entwicklungshilfe leisten. Deshalb auch
unsere besonderen Anstrengungen für diese Alters-
gruppe.

Lassen Sie mich zum Schluss darauf hinweisen, dass
wir keine Zeit mehr haben.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Warum klatscht niemand, Frau Barnett? Lauter müde, abgeschlaffte Krieger!)


Lassen Sie uns keine Zeit verlieren! Lassen Sie uns zu-
sammen ans Werk gehen! Deswegen: Unterstützen Sie
unsere Gesetzesvorhaben!

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501105400

Zu einer Kurzintervention erhält die Abgeordnete Ina

Lenke das Wort.


Ina Lenke (FDP):
Rede ID: ID1501105500

Liebe Frau Barnett, es ist schon sehr erstaunlich, dass

Sie noch nicht einmal Zwischenfragen zulassen. Es scheint
so zu sein, dass Sie sich Ihrer Sache überhaupt nicht sicher
sind.


(Beifall bei Abgeordneten der FDP)

Im Familienausschuss haben wir zum Beispiel über die

Liste der Tätigkeiten gesprochen, die eine Haushaltshilfe
im Haushalt ausüben darf. Das ist eine Ausschließlich-
keitsliste. Sie ist sehr dürftig. Dass eine Haushaltshilfe
zum Beispiel im Supermarkt für die Familie Lebensmittel
kauft oder zur Reinigung fährt, um dort Sachen abzuho-
len, ist in dieser Liste nicht vorgesehen.

Doris Barnett




Ina Lenke

Sie wissen ganz genau, dass bei Prüfungen durch die
Sozialversicherungen auch auf die Begründung von Ge-
setzen geachtet wird. Auch darauf werden die Möglich-
keiten einer Betriebsprüfung im Privathaushalt abgestellt.

Vor diesem Hintergrund hätte ich Sie gern gefragt, ob
solche Tätigkeiten außerhalb dieser Ausschließlichkeitslis-
te von einer Haushaltshilfe ausgeübt werden dürfen. Sie
haben mir leider nicht ermöglicht, eine entsprechende
Zwischenfrage zu stellen.

Ich sehe darin einen großen Schwachpunkt der Ge-
setzgebung. Ich als FDP-Politikerin werde niemandem ei-
nen 500-Euro-Job zumuten und auch niemandem zure-
den, einen solchen anzunehmen, weil es in der
Begründung sehr große Löcher gibt. Daher wird es so-
wohl für einen privaten Arbeitgeber als auch für die Haus-
haltshilfe selbst große Schwierigkeiten geben.


(Beifall bei der FDP)



Doris Barnett (SPD):
Rede ID: ID1501105600

Kollegin Lenke, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie

aufhören würden, ein Gesetz, noch bevor es in Kraft ge-
treten ist, schon wieder schlechtzureden und damit für
Verunsicherung zu sorgen.


(Beifall bei der SPD – Lachen bei der CDU/CSU)


Was Sie behaupten, stimmt nicht. Sie sind doch alle so
große Gesetzeskenner. Zeigen Sie mir, wo das im Gesetz
steht! Das, auf was Sie sich beziehen, steht in der Be-
gründung. Begründung ist nicht Gesetzestext. Vielleicht
haben Sie das noch nicht begriffen.

Vielleicht haben Sie mir auch nicht zugehört, als ich et-
was zur Kinderbetreuung ausgeführt habe. Wenn da steht
„Betreuung von Kindern“, dann – so habe ich gesagt –
gehört selbstverständlich auch dazu, dass die Kinder zur
Tagesmutter gebracht werden. Auch das ist haushaltsnah.
Ich sage Ihnen jetzt zum zweiten Mal: Genau das ist der
Wille des Gesetzgebers. Wenn jemand in einen Haushalt
kommt, um dort Betreuungsarbeit zu leisten, dann gehört
auch das Einkaufen dazu, dann gehört auch dazu, dass er
in die Apotheke geht oder etwas in die Reinigung bringt.
Wissen Sie, wie lang die Begründung würde, wenn man
alles das im Einzelnen aufzählen wollte? Machen Sie sich
doch nicht lächerlich!


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] – Volker Kauder [CDU/CSU]: Da spricht die ganze Unsicherheit! Personifizierte Unsicherheit!)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501105700

Das Wort hat jetzt der Abgeordnete Joachim Pfeiffer,

CDU/CSU-Fraktion.

(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Joachim Pfeiffer (CDU):
Rede ID: ID1501105800

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und

Herren! Ich bin neu in diesem Haus, aber ich muss schon

sagen: Kein Dorfgemeinderat würde sich das bieten las-
sen, was die Bundesregierung und Rot-Grün hier in den
letzten Wochen veranstaltet haben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Im Schweinsgalopp werden Gesetze eingebracht. Die
Halbwertszeit der Vorlagen beträgt nur wenige Stunden.
Ständig und bis zuletzt gibt es Nachbesserungen. Im Aus-
schuss werden noch kurz vor der Abstimmung Zettel ver-
teilt, auf denen „xxx“ zu lesen ist. Das ist nicht nur un-
würdig; das ist dilettantisch.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Das führt zu dem, was Sie heute hier zur Abstimmung stel-
len: zu einem unausgegorenen, mit heißester Nadel ge-
strickten Gesetz, das mehr schadet als nützt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Wenn dieses Gesetz in der vorliegenden Form verab-

schiedet wird, wird es in der Praxis zum genauen Gegen-
teil dessen führen, was eigentlich beabsichtigt ist: Es wird
nicht Arbeitsplätze schaffen oder sichern, sondern Arbeits-
plätze vernichten.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

In der Anhörung im Ausschuss wurde eindeutig dargelegt
– ich weiß nicht, wo Sie da waren –, dass, wenn dieses Ge-
setz verabschiedet wird, 75 000 bis 100 000 Arbeitsplätze
allein in Zeitarbeitsunternehmen vernichtet werden.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Das heißt, die gewerbliche Zeitarbeit, die bisher einer der
Beschäftigungsmotoren in diesem Land war, wird massiv
beeinträchtigt.

Ich will versuchen, an einigen Beispielen handwerkli-
che Fehler aufzuzeigen, die belegen, warum das nicht
funktionieren wird.

Die Personal-Service-Agentur mit Equal Pay wird
nicht nur zur Erhöhung der Arbeitslosigkeit führen und
vor allem diejenigen benachteiligen, die eine Förderung
besonders notwendig haben – Frau Wöhrl hat dies ange-
sprochen –, nämlich die Gering- und Wenigqualifizierten.
Die Personal-Service-Agentur ist auch ordnungspolitisch
mehr als fragwürdig. Sie macht – Herr Göhner hat darauf
hingewiesen – den privaten Zeitarbeitsunternehmen Kon-
kurrenz. Sie kann nämlich durch mögliche Zuschüsse
oder Abschläge günstigere Angebote machen als die pri-
vaten Unternehmen.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: So ist es!)

Dies führt faktisch zu einer Verstaatlichung der Zeitarbeit.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Mit der PSA schaffen Sie quasi einen VEB Zeitarbeit. Das
ist das Ergebnis, das Sie mit diesem Gesetz erzielen werden.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Anstatt einen privatwirtschaftlichen Ansatz zu stärken,

versucht Rot-Grün, dieses private Erfolgsrezept als quasi
öffentliches Unternehmen zu kopieren. Gleichzeitig wird
der private Bereich so stark reguliert, dass er nicht mehr


(A)



(B)



(C)



(D)


682


(A)



(B)



(C)



(D)






auf dem Markt bestehen kann. Wissen Sie, was das ist? –
Sozialismus in Reinkultur!


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Das hat nämlich mit sozialer Marktwirtschaft nichts, aber
auch gar nichts mehr zu tun.


(Klaus Brandner [SPD]: Das ist ein Beitrag zur Spaßkultur!)


Wenn Sie so weitermachen, dann können wir unsere Pla-
kate von 1976 aus dem Keller holen – „Freiheit statt So-
zialismus“–: denn sie sind aktueller denn je.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Das Brückengeld:Die Einführung des Brückengeldes

wird eine neue Vorruhestandswelle vor allem in Großun-
ternehmen auslösen. An sich ist das Brückengeld nicht be-
sonders attraktiv. Es werden gerade einmal 50 Prozent des
Arbeitslosengeldes gewährt. Es steht aber zu befürchten
– ich bin mir da eigentlich sicher –, dass insbesondere
Großunternehmen dieses Instrument zum Personalabbau
auf Steuerzahler- bzw. Beitragszahlerkosten nutzen wer-
den. Sie werden nämlich einfach eine Aufstockung um
diese 50 Prozent vornehmen oder dies in Sozialplänen
vereinbaren. Das ist das falsche Signal, meine Damen und
Herren. Das Brückengeld führt nicht zur Schaffung von
Arbeitsplätzen, sondern vernichtet solche. Darüber hinaus
führt es dazu, dass die Regelaltersgrenze von 65 Jahren
weiter unterminiert wird.

Die Minijobs: Es wird zu Abgrenzungs- und Miss-
brauchsproblemen kommen – diese Probleme würden
nicht auftreten, wenn der von uns eingebrachte Entwurf
eines Gesetzes zur Aktivierung kleiner Jobs, es geht um
400-Euro-Jobs in allen Bereichen, verabschiedet würde –,
weil Sie es nicht schaffen werden, die Schwarzarbeit zu
unterbinden, und weil die geschaffenen steuerlichen An-
reize viel zu gering sind. Ein steuerlicher Anreiz in Höhe
von gerade einmal 360 Euro im Jahr ist ein Witz. Das wird
überhaupt nichts bewirken in Sachen Bekämpfung der
Schwarzarbeit.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)


Die Ich-AG: Sie schlagen einen Existenzgründerzu-
schuss für Arbeitslose vor. Das ist grundsätzlich sinnvoll
und gut; denn jeder Selbstständige schafft früher oder spä-
ter neue Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Insofern: Kom-
pliment! Gleichzeitig machen Sie aber Beitragszahlungen
in die gesetzliche Rentenversicherung zur Pflicht. Rech-
nen Sie einmal aus, was das bedeutet! Ein großer Teil des
Zuschusses, der mit der rechten Hand gegeben wird, wird
mit der linken wieder genommen. Im ersten Jahr wird
mehr als ein Drittel des Zuschusses genommen, im zweiten
Jahr sind es mehr als zwei Drittel und im dritten Jahr geht
der gesamte Zuschuss für die Zahlung des Rentenversiche-
rungsbeitrags drauf. Der Zuschuss ist also wirkungslos;
denn er verpufft. Das Ganze ist ein Nullsummenspiel.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Die Zumutbarkeits- und Beweislastregelungen: Die

individuelle Erwerbsbiografie eines Hilfebeziehers wird
überhaupt nicht berücksichtigt. Jemand, der 20 Jahre lang
gearbeitet hat, bevor er arbeitslos geworden ist, wird ge-

nauso behandelt wie jemand, der 20 Jahre arbeitslos war.
Die Vermögensobergrenze wird von 33 800 Euro auf
13 000 Euro gesenkt. Für jemanden, der längere Zeit ar-
beitslos war, könnte das dazu führen, dass das Kapital sei-
ner Lebensversicherung verwertet werden muss, obwohl
sich diese Person, was die Zahlungen in diese Lebensver-
sicherung angeht, noch in der Ansparphase befindet. Dies
konterkariert die Bemühungen an anderer Stelle, die pri-
vate Altersvorsorge zu fördern.

Auch die angesprochenen Einsparpotenziale werden
Sie nie und nimmer realisieren. 5,87 Milliarden Euro wol-
len Sie im Jahr 2003 einsparen. 3,39 Milliarden Euro wol-
len Sie allein im Etat der Bundesanstalt für Arbeit und
2,48 Milliarden Euro im Bundeshaushalt einsparen. Da-
hinter steckt bestenfalls das Prinzip Hoffnung. Was Sie
vorhaben, beruht weitestgehend auf Luftbuchungen. Al-
lein 1,85 Milliarden Euro sollen aufgrund einer beschleu-
nigten Vermittlung durch die PSA eingespart werden.
Dazu kann ich nur sagen: Die Botschaft hör ich wohl, al-
lein mir fehlt der Glaube.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Wo es nichts zu vermitteln gibt, da nützt auch eine Be-
schleunigung nichts. Angesichts der gegenwärtigen
Wachstums- und Wirtschaftskrise, die durch Ihre Politik
verursacht wurde, stellt die Wirtschaft niemanden ein.
Also gibt es nichts zu vermitteln.

Vieles von dem, was Sie hier beschließen wollen, funk-
tioniert nur über Geld. Zum Beispiel sind Zuschüsse an
die privaten Arbeitsvermittler nötig, damit die Vermitt-
lung von Zeitarbeit überhaupt noch attraktiv ist. Was Sie
vorhaben, wird ein Milliardengrab nach sich ziehen. Sie
werden es sehen.

Ich habe nur an einigen Beispielen versucht, Ihnen
deutlich zu machen, weshalb wir von der Union diesem
Murks nie und nimmer zustimmen werden. Die Kernpro-
bleme des Arbeitsmarktes lösen Sie nicht. Sie werden es
nicht schaffen, die Anzahl der Arbeitslosen um zwei Mil-
lionen zu reduzieren.

Meine Damen und Herren von Rot-Grün, kommen
Sie zur Besinnung! Zeigen Sie sich nicht länger bera-
tungsresistent! Stimmen Sie unseren Gesetzentwürfen
zur Aktivierung kleiner Jobs und zum optimalen Fördern
und Fordern in Vermittlungsagenturen zu! Wir haben
klare Alternativen vorgelegt. Das haben Sie immer ein-
gefordert. Nur durch die Umsetzung unserer Pläne
kommt der Wirtschaftsstandort Deutschland wieder in
Schwung.

Vielen Dank.

(Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU – Beifall bei der FDP)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501105900

Herr Kollege Pfeiffer, das war Ihre erste Rede in die-

sem Hohen Hause; deswegen gratuliere ich Ihnen im Na-
men aller.


(Beifall)

Das Wort hat jetzt der Abgeordnete Dirk Niebel.

Dr. Joachim Pfeiffer






Dr. h.c. Dirk Niebel (FDP):
Rede ID: ID1501106000

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Der Kollege Pfeiffer, der gerade hier seine erste
Rede gehalten hat, kann eines nicht wissen: In der letzten
Legislaturperiode ging das ganz genauso los:


(Erika Lotz [SPD]: Davor allerdings auch!)

Gesetzgebung mit einer Mischung aus Murks und
Marx, eine Kette von so genannten Nachbesserungen,
die das Wort, was darin enthalten ist, nicht einmal im
Ansatz getroffen haben. Nachbesserung bedeutet ja, das
man etwas, was grundsätzlich gut ist, nachher noch bes-
ser macht. Aber es war ja von Anfang an falsch und
schlecht.

Sie machen wieder genau das Gleiche: Sie reden schon
gar nicht mehr davon, das Hartz-Konzept eins zu eins
umzusetzen, sondern es wabert nur noch ein Geist von
Hartz durch die Geschichte. Im Ergebnis kommt genau
das heraus, was ich schon bei der ersten Lesung dieses
Gesetzes gesagt habe: Es bleibt beim eins zu null für Frau
Engelen-Kefer und die Gewerkschaften.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Sie, Herr Clement, werden, auch wenn Sie sich als
Stellvertreter von Hartz in diesem Hause sehen – es
scheint, als ob Herr Hartz schon etwas Gottähnliches für
die SPD darstellt und Sie die Funktion des Papstes ausü-
ben dürfen –, die Situation auf dem Arbeitsmarkt nicht
verbessern. Sie werden faktisch keinen einzigen zusätz-
lichen Arbeitsplatz schaffen, sondern die Statistik nur auf
Kosten bestehender Arbeitsverhältnisse in der privaten
Zeitarbeitsbranche bereinigen.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Sie wollen mit den jetzt hier vorliegenden Gesetzen die
Zeitarbeitsbranche, zumindest die kleinen und mittleren
privaten Firmen und das Segment der Geringqualifizier-
ten, der Langzeitarbeitslosen und derjenigen, die beson-
dere Hilfe brauchen – darüber unterhalten wir uns hier ja
jetzt –, verstaatlichen. Mit Beitragsgeldern werden Sie
funktionierende Arbeitsverhältnisse vernichten, indem
Sie mit Ihrer Gesetzgebung dafür sorgen, dass Zeitarbeit
in diesem Lande – das wollten die Gewerkschaften ja
schon immer – keine Chance hat. Damit wird eine Brücke
in den Arbeitsmarkt einfach abgerissen.

Sie werden in der Arbeitslosenstatistik einen positi-
ven Effekt erzielen, weil jeder Arbeitslose, der einer PSA
zugewiesen wird, natürlich bei dieser PSAbeschäftigt ist;
damit ist er nicht mehr arbeitslos und fällt aus der Statis-
tik heraus. Das werden Sie uns wahrscheinlich in einem
Jahr, spätestens in anderthalb Jahren als enormen Erfolg
verkaufen und wie Herr Hartz von einer Halbierung der
Arbeitslosenzahl schwärmen. Das wird aber so leider
nicht funktionieren. Das ist schade, denn im Hartz-Kon-
zept waren gute Ansätze enthalten.

Jobcenter sind der richtige Weg, da hier Menschen,
die unsere Unterstützung brauchen, ein umfassendes
Dienstleistungsangebot unterbreitet werden kann. Richtig
ist auch, mehr von den Arbeitssuchenden zu fordern, weil

Solidarität keine Einbahnstraße ist. Von daher wäre auch
die Umkehr der Beweislast richtig.


(Beifall bei der FDP – Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das sagt Herr Niebel!)


Erinnern Sie sich aber bitte noch einmal daran – Sie, Herr
Clement, können das nicht, weil Sie neu in diesem Hause
sind, aber die Kollegen der die Regierung tragenden Frak-
tionen können es –, wie sehr Sie uns gescholten haben, als
wir exakt das beantragt haben. Von Sodom und Gomorrha
wurde gesprochen, das Ende des Abendlandes wurde be-
schworen. Jetzt sind auch Sie bei diesem Punkt in der
Realität angekommen. Das finden wir gar nicht schlecht.

Leider gehen Sie aber den Weg nicht weiter, Sie geben
Menschen, die in den Arbeitsmarkt zurückwollen, keine
Chancen und nehmen auch nicht die Diskriminierung von
bestimmten Arbeitsplätzen zurück. Diese tragen Sie ja
schon seit Jahrzehnten wie eine Monstranz vor sich her:
Dienstmädchenprivileg hieß das bei Ihnen, als man Auf-
wendungen für Haushaltshilfen noch von der Steuer
absetzen konnte. Was machen Sie jetzt, nach vielem hand-
werklichen Hin und Her? – Sie schaffen eine 500-Euro-
Regelung, mit der die Schwarzarbeit eingedämmt werden
soll und die es dem Arbeitgeber erlaubt, sage und schreibe
360 Euro pro Jahr von der Steuerschuld abzuziehen. Bei
einer sozialversicherungspflichtig voll beschäftigten
Haushaltshilfe kann man sage und schreibe 1 200 Euro
pro Jahr abziehen. Und das soll die Schwarzarbeit massiv
in diesem Land bekämpfen?


(Beifall bei Abgeordneten der FDP – Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, richtig!)


Sie müssen andere Wege gehen; Sie müssen den Arbeit-
geber Haushalt mit anderen Arbeitgebern gleichstellen.
Warum ist der Arbeitgeber privater Haushalt, der jeman-
den aus der Arbeitslosigkeit holt und sozialversiche-
rungspflichtig beschäftigt, auch nur einen Deut schlechter
als der Arbeitgeber Handwerksmeister, Gastronom,
Daimler-Chrysler oder VW? Wir brauchen Arbeitsplätze
in diesem Land!


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Weil Sie den Weg nicht konsequent verfolgen und wei-

ter mit Ihrem ideologieverbrämten Denken Politik machen,

(Widerspruch bei der SPD – Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Projekt 18!)


finden Sie in diesem Land kaum noch jemanden, der
schon kurze Zeit nach der Wahl Rot-Grün gewählt haben
will. Kehren Sie um, geben Sie den Menschen eine
Chance und sorgen Sie dafür, dass Arbeitsplätze in diesem
Land geschaffen und die entsprechenden Potenziale aus-
geschöpft werden! Geben Sie Ihre Ideologie auf! Sie set-
zen Hartz nicht eins zu eins um. Deshalb fordere ich Sie
auf: Hören Sie auf, den Weg zu gehen, der ein Eins-zu-
Null für die Gewerkschaften bedeutet! Dieses Denken
wird unser Land nicht voranbringen.

Herr Clement, Sie müssen mehr sein als nur der Stell-
vertreter eines Managers. Sie müssen dafür sorgen, dass
der Arbeitsmarkt insgesamt reformiert wird.


(A)



(B)



(C)



(D)


684


(A)



(B)



(C)



(D)







Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501106100

Herr Kollege Niebel, Ihre Redezeit!


Dr. h.c. Dirk Niebel (FDP):
Rede ID: ID1501106200

Letzte Bemerkung, Frau Präsidentin. – Sie könnten das
erreichen, wenn Sie unserem Antrag „Handeln für mehr
Arbeit“ zustimmen. Er beinhaltet exakt das, was Ihnen der
Sachverständigenrat gestern ins Stammbuch geschrieben
hat.

Vielen Dank.

(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501106300

Das Wort hat jetzt Herr Bundesminister Wolfgang

Clement.

(Beifall bei der SPD – Volker Kauder [CDU/ CSU]: Jetzt kommt der Leiharbeiter!)


Wolfgang Clement, Bundesminister für Wirtschaft
und Arbeit:

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich begrüße
sehr, dass Sie bereits heute über das erste große Gesetzes-
paket, mit dem die Vorschläge der Hartz-Kommission rea-
lisiert werden sollen, entscheiden. Ich weiß, dass diese
Beratungen unter einem ungewöhnlich großen Zeitdruck
standen. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass die Mehrheit
dieses Hauses die Bereitschaft zum schnellen Handeln hat
und dass dieses Gesetzespaket – vorausgesetzt Sie lassen
es heute passieren und der Bundesrat stimmt ihm zu – zum
1. Januar 2003 in Kraft treten kann. Das ist überaus wich-
tig.

Ich gehöre zu denen, die davon überzeugt sind, dass
wir unter äußerstem Zeitdruck stehen, was den Arbeits-
markt angeht. Wir haben keine Zeit zu verlieren und soll-
ten daher bereit sein, diese Reform schnell in Kraft zu set-
zen, die den Arbeitsmarkt in Deutschland von Grund auf
erneuern wird.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Ich habe die Diskussion sehr aufmerksam verfolgt und
habe viele interessante Hinweise aufgenommen. Frau
Kollegin Wöhrl, Sie werden mir die Bemerkung erlauben,
dass ich auch alte Klischees wiedererkannt habe. Herr
Kollege Pfeiffer, auch ich gratuliere Ihnen zu Ihrer ersten
Rede. Ich hätte aber nicht gedacht, dass ein junger
Mensch wie Sie mit einer „alten Tante“ wie „Freiheit statt
Sozialismus“ durch die Gegend ziehen würde.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Zuruf des Abg. Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU])


Es sei Ihnen gegönnt.
Herr Kollege Brüderle, auch zu Ihrer Rede möchte ich

eine Bemerkung machen. Was das Ausland an uns zurzeit
fasziniert, ist unsere Fähigkeit, uns vor allen Dingen mit

uns selbst zu beschäftigen und in Deutschland alles in den
Keller zu reden, was in den Keller zu reden ist.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Unsere ausländischen Wettbewerber und Konkurrenten
gönnen uns im Moment diese Beschäftigung mit uns
selbst. Aber Sie werden sehen, Herr Kollege Brüderle:
Wir werden handeln und die Beschäftigung mit uns selbst
beenden. Wir werden in Deutschland die notwendigen
Reformen umsetzen. Dieses Gesetzespaket ist der erste
große Schritt auf diesem Weg.

Es kommt in dieser Debatte ein wenig zu kurz – erlau-
ben Sie mir bitte diese Bemerkung –, worum es eigentlich
geht. Was sind die Fakten, über die wir diskutieren? Die
Jobcenter, die wir jetzt anstelle der alten klassischen Ar-
beitsämter einrichten, werden wirkliche Vermittlungsar-
beit leisten. Die Arbeit dieser Jobcenter beginnt sofort,
wenn eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer die
Kündigung erhalten hat, und nicht erst nach einigen Mo-
naten, wenn man sozusagen schon in der Arbeitslosigkeit
versunken ist.

Wir überprüfen die Zumutbarkeitsregeln nicht nur,
sondern wir erneuern sie. Insbesondere – das hat der Kol-
lege Niebel gerade zu Recht erwähnt – kehren wir die Be-
weislast in diesem Bereich um. Wir äußern nicht nur die
Erwartung an junge Menschen, sondern fixieren sie ge-
setzlich, dass sie mobil sein müssen, wenn es um Ausbil-
dungs- und Arbeitsplätze geht. Wir fordern diejenigen, die
familiär ungebunden sind, auf, sich zu bewegen, wenn es
um einen neuen Arbeitsplatz geht.

Wir erneuern den Weiterbildungssektor durch Zerti-
fizierung von Grund auf und schaffen damit klare Rah-
menbedingungen für die Qualifizierung; denn die Weiter-
bildung ist für die Zukunft des Arbeitsmarktes in
Deutschland von außerordentlicher Bedeutung. Wir sehen
für die älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer neue
Möglichkeiten der Rückvermittlung in den Arbeitsmarkt
vor, wie es das Hartz-Konzept vorsieht.

Das sind Einzelschritte. Hinzu kommt die Schaffung
von Minijobs im haushaltsnahen Bereich. Da bedarf es
keiner langen Diskussion: Frau Kollegin, was Sie oder ich
im Haushalt tun könnten, könnten auch Haushaltshilfen
leisten. Auch das Anstreichen der Haustüren von innen
und außen ist vereinbar mit dem Begriff der haushalts-
nahen Dienstleistung.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wir schaffen die Grundlagen für das Kleinstgewerbe,
nämlich die so genannten Ich- und Familien-AGs, die von
der Hartz-Kommission vorgeschlagen wurden. Mit der
Zeit- und Leiharbeit schlagen wir einen Weg ein, der aus
meiner Sicht geboten ist. Ich werde dazu gleich noch
einige Bemerkungen machen.

Das Programm „Kapital für Arbeit“ der Kreditanstalt
für Wiederaufbau haben wir bereits auf den Weg gebracht.
Niemand von den Mittelständlern, die bei der Kreditan-
stalt für Wiederaufbau anrufen – verzeihen Sie mir diese
Bemerkung –, hat offensichtlich den Sozialismus vor




Bundesminister Wolfgang Clement
Augen. Den Mittelständlern geht es vielmehr darum, ihre
Eigenkapitalbasis zu verstärken.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Bereits mehr als 7 000 Mittelständler hatten sich bis ges-
tern bei der KfW gemeldet, um diese Kreditmöglichkeit,
die die Schaffung von Eigenkapital fördert, zu nutzen. –
All dies wird realisiert.

Darüber hinaus sind wir dabei, den Haushalt der Bun-
desanstalt fürArbeit zu konsolidieren und den Zuschuss
des Bundes sowie die Arbeitslosenhilfe in den Griff zu be-
kommen. Wir konsolidieren die Mittel in diesem Sektor
um immerhin 6 Milliarden Euro. Wenn ich von Wissen-
schaftlern höre, dass das noch nicht genug sei, dann bitte
ich uns alle, dass wir uns ernsthaft mit denen beschäfti-
gen, die von diesen Kürzungen betroffen sind. Das geht
nämlich ziemlich nah an den Nerv von Familien heran, die
nicht mit allem Guten gesegnet sind, was diese Welt zu
geben hat. Was wir an Konsolidierungsmaßnahmen vor-
nehmen, wird mit aller Sorgfalt erörtert und dann verant-
wortlich beschlossen werden.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Die ganze Diskussion wurde – das finde ich auch gut –
vielfach mit enormem öffentlichen Interesse geführt. Ich
will jetzt nur zwei Aspekte herausgreifen. Mit den
Ich-AGs schaffen wir eine neue Möglichkeit des Kleinst-
gewerbes. Für die nächsten Monate, das heißt das erste
Vierteljahr 2003, haben wir uns vorgenommen, für dieses
Instrument neue steuerrechtliche Möglichkeiten, neue
buchführungsrechtliche Möglichkeiten und neue hand-
werksrechtliche Möglichkeiten zu schaffen. Mit diesem
Kleinstgewerbe wird für Arbeitslose eine neue Chance
der beruflichen Selbstständigkeit eröffnet werden. Das ist
ein, wie ich glaube, sehr spannender Prozess.

Was die Änderung der Handwerksordnung, die davon
betroffen sein kann, angeht, so sind wir in einem nach
meinem Empfinden sehr konstruktiven Gespräch mit dem
deutschen Handwerk. Wir haben mit unserem Entwurf auf
die weit reichenden Bedenken reagiert, die das Handwerk
auf diesem Sektor hat. An diesen Reformen führt ange-
sichts der Europäisierung und der Globalisierung kein
Weg vorbei. Ich bitte deshalb darum, den Dialog darüber
sehr konstruktiv fortzusetzen. Ich werde mich sehr enga-
giert daran beteiligen, diesen Prozess der Reform des
Handwerks, der mit den Leipziger Beschlüssen vom
Handwerk eingeleitet worden ist, in aller Ruhe, aber auch
in aller Konsequenz fortzusetzen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wir werden die Beschäftigungsmöglichkeiten, die sich
über dieses Kleinstgewerbe auftun, nutzen. Damit werden
übrigens manche Diskussionen, die derzeit im Zusam-
menhang mit den 325-Euro-Jobs geführt werden, fak-
tisch außer Kraft gesetzt werden. Denn dies ist faktisch
eine sinnvollere Möglichkeit der beruflichen Tätigkeit,
als sich in solchen Minijobs – die Sie ja alle ausweiten
wollen, allerdings ohne zu sagen, wie Sie die Sozialversi-
cherungssysteme vernünftig betreiben wollen, wenn so

langsam, aber sicher alle Menschen in diesen 325-Euro-
Jobs beschäftigt sind – zu betätigen. Deswegen ist der
Weg, den wir beschreiten, richtig.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Nun zu den Personal-Service-Agenturen sowie zur
Zeit- und Leiharbeit. Ich habe in diesem Zusammenhang
von staatlicher Subvention und Ähnlichem gehört. Dazu
muss ich Ihnen ganz offen sagen: Man darf die Öffent-
lichkeit auch nicht verballhornen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Zunächst ein Wort an Sie, Herr Kollege Göhner. Un-
mittelbar nach der Anhörung habe ich Sie gemeinsam mit
allen Vertreterinnen und Vertretern der Zeitarbeitsunter-
nehmen und der Gewerkschaften zu Gesprächen eingela-
den. Wir haben ein intensives und, wie ich finde, sehr kon-
struktives Gespräch geführt – mit dem Ergebnis, das sich
heute in der Gesetzesvorlage wiederfindet. Sie haben bei
diesem Gespräch Bedenken geäußert. Wenn ich es richtig
wahrgenommen habe, haben Sie dieses Gespräch dann ver-
lassen, um in Einzelgesprächen zu versuchen, die Verbände
von Zeitarbeitsunternehmen zu bewegen – ich sage das
jetzt sehr diplomatisch –, diesen Weg nicht mitzugehen.


(Dr. Uwe Küster [SPD]: Schlimm, schlimm! – Zurufe von der SPD: Hört! Hört!)


Da Sie von „Tarifdiktat“ sprechen, könnte ich ja auf die
Idee kommen – auch wenn mir das natürlich fern liegt –,
dass Sie versuchen, eine Art Verbändediktat gegenüber
Zeitarbeitsfirmen auszuüben.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Das wäre nicht gut.
Sie werden sich mit einem abfinden müssen, Herr Kol-

lege Göhner: Sie werden mich nicht los. Ich werde zu je-
dem Gespräch kommen. Ich werde zu jedem Gespräch
mit den Verbänden der Zeitarbeitsunternehmen gehen, zu
jedem Kongress, der für mich erreichbar ist. Denn ich
möchte, dass sich aus diesem Prozess etwas Konstruk-
tives, etwas Positives entwickelt.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Dagmar Wöhrl [CDU/CSU]: Sagen Sie nicht etwas zu, was so nicht stimmt!)


– Frau Kollegin Wöhrl, Sie sprechen über die Zeitarbeit
– das gilt übrigens auch für Sie, Herr Kollege Brüderle –,
als könnten Sie bei diesem Thema etwas vorweisen, das
besonders gut ausgestaltet ist. Tatsächlich wissen Sie und
ich, dass es, wenn wir über Zeitarbeit sprechen, um etwa
9 000 Unternehmen in Deutschland geht, die eine solche
Zeit- und Leiharbeitserlaubnis haben. Von diesen 9 000
beschäftigen etwa 3 000 überhaupt niemanden. Von den
anderen beschäftigen die meisten etwa zehn oder 15 Ar-
beitnehmerinnen und Arbeitnehmer, teilweise unter sol-
chen Bedingungen, Herr Kollege Brüderle, dass Sie ihnen
nicht offenen Auges ins Gesicht schauen würden. Das
sind Bedingungen, die Sie bestimmt nicht haben wollen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



(A)



(B)



(C)



(D)


686


(A)



(B)



(C)



(D)






Ich habe so manche Bemerkung über die Gewerk-
schaften gehört. Die Marktwirtschaft ist hier mehrmals
beschworen worden. Ich erinnere mich dunkel – damals
war ich noch etwas jünger –, dass Ludwig Erhard sehr
wohl wusste, dass Gewerkschaften in einer sozialen
Marktwirtschaft unverzichtbar sind und nicht ständig als
Beelzebub herhalten sollten.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/ CSU]: Der würde sich im Grab herumdrehen, wenn er hören würde, was Sie da sagen!)


Die Gewerkschaften sind kein Beelzebub. Sie werden
sich reformieren, genauso wie Sie sich als Partei refor-
mieren müssen.


(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Wir alle tun das. Wir befinden uns in dieser Hinsicht in ei-
nem Prozess.

Aber deshalb ständig in die Ecke gestellt zu werden,
das ist nun wirklich absurd, erst recht dann, wenn wir da-
rüber diskutieren, wie wir die Zeit- und Leiharbeitsunter-
nehmen tatsächlich aus der Schmuddelecke – da sind sie
aus meiner Sicht zu einem Teil und nach dem Eindruck
vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer komplett –
herausholen. Das müssen wir leisten, wenn dieses Instru-
ment von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern an-
genommen werden soll. Es muss nämlich nicht von uns
angenommen werden, sondern von den Arbeitnehmerin-
nen und Arbeitnehmern in Deutschland. Denen muss man
dazu realistische, klare Bedingungen anbieten.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Nun haben Sie, Herr Kollege Pfeiffer und Frau Kollegin
Wöhrl, von Sozialismus gesprochen. Ich frage Sie: Was ist
Sozialismus? Die Bundesanstalt für Arbeit in Gestalt der
künftigen Jobcenter wird in Bezug auf die Personal-Service-
Agenturen einen Wettbewerb unter Zeitarbeitsunternehmen
ausschreiben, soweit sie tarifliche Bindungen eingegangen
sind. Diese tariflichen Bindungen sind die heutigen. Es wird
daran nichts geändert. Ob Adecco, Randstad, DIS oder wel-
ches Unternehmen auch immer, soweit es einen Tarifvertrag
hat, kann es sich um die Wahrnehmung der Aufgaben einer
Personal-Service-Agentur bewerben,


(Dagmar Wöhrl [CDU/CSU]: Soweit es einen hat! Nur dann!)


um privat – wie es sich gehört – Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer in Arbeit zu vermitteln. Nun sagen Sie mir
einmal ernsthaft: Wollen Sie mir wirklich ins Auge
schauen und hier von Sozialismus sprechen? Das kann
nicht Ihre Auffassung sein.


(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Das ist die erste Vereinbarung. Herr Kollege Göhner,
Sie waren ja dabei; das sollten Sie vielleicht einmal er-
wähnen.


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Deutsche Staatswirtschaft ist das!)


– Ich wüsste nicht, warum es ein Diktat ist, wenn wir vor-
sehen, dass sich Unternehmen bewerben können, die ei-
nen Tarifvertrag abgeschlossen haben. Wollen Sie jetzt sa-
gen, dass auch Tarifverträge unzulässig, Sozialismus
sind?


(Hans-Werner Bertl [SPD]: Das ist die Meinung da drüben!)


Wie soll ich das verstehen?
Zum Zweiten sind wir auf eine Bitte der Zeitarbeitsun-

ternehmen eingegangen und haben gesagt: Wir beginnen
damit erst nach einem Jahr bzw. geben ihnen ein Jahr Zeit,
sich auf die neuen Grundlagen der Zeit- und Leiharbeit
einzustellen. Ist das falsch? Das ist die Bitte der Unter-
nehmen. In anderen Staaten hat dies teilweise 18 Monate
gedauert. In diesem Prozess befinden sich jetzt die be-
troffenen Unternehmen.

Dann haben wir beide Seite aufgefordert – ich habe das
eindringlich getan –: Springen Sie über Ihren Schatten
und versuchen Sie, eine tarifvertragliche Regelung der
Zeit- und Leiharbeit in Deutschland zu finden; das ist
nämlich allemal besser, als wenn dies der Gesetzgeber tun
muss. – Dieser Prozess findet ab jetzt statt. Die Gewerk-
schaften haben dies sofort aufgenommen, Zeitarbeitsun-
ternehmen ebenfalls und auch Verbände der Zeitarbeit.
Noch nicht alle; die anderen treffe ich nächste Woche und
führe mit diesen weitere Gespräche. Wir werden zu tarif-
vertraglichen Regelungen kommen, die Einarbeitungs-
zeiten, Überbrückungszeiten und unterschiedliche Tarife
für Langzeitarbeitslose und andere betreffen.

Das ist genau das, was die Zeit- und Leiharbeit in
Deutschland braucht. Das wird dazu führen, dass wir in
Zukunft auf diesem Sektor wesentlich mehr Beschäftigte
haben werden als heute. Denn was die Zeit- und Leihar-
beit angeht, sind wir in Europa wirklich Schlusslicht. Des-
halb haben wir diesen Prozess eingeleitet und werden ihn
zum Erfolg führen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Die Sorge bzw. die Angst mancher Zeitarbeitsunter-
nehmen im Hinblick auf das Prinzip des Equal Pay, des
gleichen Lohns, ist aus meiner Sicht – um das klar zu sa-
gen – wirklich nicht gerechtfertigt. Zunächst einmal kann
ich kaum verstehen, dass man gleichen Lohn für alle als
etwas Diskriminierendes, etwas Verwerfliches ansieht.
Wir schaffen für die Tarifparteien ausdrücklich die Mög-
lichkeit, für schwer zu vermittelnde Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer, für Langzeitarbeitslose, für Junge, für
Ältere, für Helferinnen und Helfer, Sonderregelungen zu
vereinbaren. Genau das geschieht. Das ist allemal besser,
als wenn dies der Gesetzgeber täte.

Sie sprechen ununterbrochen von Freiheit statt Sozia-
lismus.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: VEB Leiharbeit!)


Sie diskreditieren genau das, was hier stattfindet und was
wir mit den Tarifverträgen anstreben, wobei ich auch von
hier aus die Zeit- und Leiharbeitsunternehmen auffordere
und bitte, das zu tun. Wenn dies den Tarifparteien gelingt

Bundesminister Wolfgang Clement




Bundesminister Wolfgang Clement
– davon bin ich überzeugt – und wir uns vierteljährlich
treffen und darüber sprechen, dann werden wir die Mög-
lichkeit haben – so ist es im Gesetz vorgesehen –, die we-
sentlichen Regulierungen im Arbeitnehmerüberlas-
sungsgesetz – das Synchronisationsverbot, das besondere
Befristungsverbot, das Wiedereinstellungsverbot, die Be-
schränkung der Beschäftigungsdauer – aufzuheben.


(Dagmar Wöhrl [CDU/CSU]: Warum nicht jetzt gleich?)


Das verstehen wir unter einer vernünftigen Deregulie-
rungspolitik und diesen Prozess werden wir auf die Dauer
fortsetzen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Herr Kollege Göhner, ich möchte Sie von hier aus di-
rekt ansprechen und sagen, woran mir liegt. Die einen
sprechen in dieser Debatte von Tarifdiktat, die anderen
üben – ich sage es einmal sehr vornehm – faktisch Ver-
bändedruck aus. Ich empfinde das als kalten Krieg, der
auf diesem Feld ausgetragen wird. Wir befinden uns in ei-
nem Gewöhnungsprozess, den wir überwinden müssen
und in dem wir zu vernünftigen Gesprächen kommen
müssen. An diesen Gesprächen werde ich mich ununter-
brochen beteiligen. Ich bin überzeugt, dass wir dann auch
zu einem Erfolg kommen werden.

Weil wir die Hartz-Vorschläge eins zu eins umsetzen
wollen, werden wir im Januar das fortsetzen, was in
Wolfsburg aufgenommen worden ist. Natürlich kann
man Zweifel haben, ob es innerhalb von drei Jahren ge-
lingt, 2 Millionen Arbeitslose wieder in Beschäftigung zu
bringen. Man darf an allem zweifeln in Deutschland; das
ist die Hauptbeschäftigung eines freiheitlichen Staates:
Zweifel zu haben und Selbstkritik zu üben. Aber in
Wolfsburg habe ich mit großem Interesse wahrgenom-
men, wie dort innerhalb von vier Jahren die Arbeitslosig-
keit halbiert worden ist, und zwar nicht nur durch VW,
sondern durch den Einsatz von über 2 000 Menschen in
dieser Stadt, die der Bundeskanzler und ich gemeinsam
mit Herrn Hartz dort getroffen haben. Diese Menschen
sind zusammengekommen, weil sie der Überzeugung
sind, dass Arbeitslosigkeit nicht allein durch Politik zu
beseitigen ist, auch nicht allein durch Maßnahmen der
Bundesregierung, sondern dass man dazu Unternehmer,
Manager, Gewerkschafter, Betriebsräte, Personalräte
und viele andere braucht, die sich mitverantwortlich
fühlen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Zuruf von der CDU/CSU: Und wer ist in Wolfsburg Bürgermeister?)


Das ist das Kernstück, über das wir heute sprechen: in
Deutschland ein anderes Verständnis von Arbeit, Arbeits-
markt und Arbeitslosigkeit durchzusetzen. Wir müssen
endlich wieder ernst nehmen, dass hinter der Arbeitslo-
sigkeitmenschliche Schicksale stehen und dass wir nicht
nur Sonntagsreden halten dürfen, sondern unsere Vorha-
ben durchsetzen und realisieren müssen.

Deshalb ziehen wir ab Januar durch die Republik; wir
kommen nach Bayern – wo ich Sie gerade sehe, Herr Kol-
lege Seehofer –, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-West-

falen, ganz besonders in die Länder Ostdeutschlands;
überall werden wir sein


(Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Und kein Arbeitsplatz wird da geschaffen!)


und dafür werben, dass sich Menschen bereit finden, im
Kampf gegen die Arbeitslosigkeit mitzumachen, statt sich
an die Seite zu stellen und nur zu nölen und zu kritisieren.
Darum geht es mir im Kern. Hier wird gehandelt.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Weitere gesetzliche Schritte folgen. Das nächste Ge-
setzespaket betrifft die Ich-AGs. Das Steuerrecht wird
vereinfacht, das Buchführungsrecht wird vereinfacht, das
Handwerksrecht wird modernisiert. Dann folgt die Neuge-
staltung der Bundesanstalt für Arbeit. Am 1. Januar 2004
erfolgt dann die Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe
und Sozialhilfe in einem neuen Konstrukt Arbeitslosen-
geld II.

So realisieren wir das, was wir uns vorgenommen ha-
ben und was für den Arbeitsmarkt und damit für die Wirt-
schaft, was für mehr Wachstum und mehr Beschäftigung
in Deutschland notwendig ist. Das werden wir fortsetzen.


(Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Sprechen wir uns in einem Jahr, was daraus geworden ist!)


Ich setze darauf, dass Sie uns dabei weiterhin mit aller
Aufmerksamkeit begleiten.

Schönen Dank.

(Anhaltender Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501106400

Das Wort hat jetzt der Abgeordnete Friedrich Merz.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Friedrich Merz (CDU):
Rede ID: ID1501106500

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und

Herren! Wir stehen am Ende einer Woche, die so voller
Hiobsbotschaften über die Lage der deutschen Volkswirt-
schaft war wie selten eine Woche in den letzten Jahren und
Jahrzehnten in Deutschland.


(Zurufe von der SPD: Jetzt fängt er schon wieder an! – Klaus Brandner [SPD]: Das ist ein toller Übergang!)


– Ja, meine Damen und Herren, dass Sie das nicht gerne
hören, kann ich verstehen. Aber noch wird hier im deut-
schen Parlament offen darüber gesprochen, wie die
tatsächliche Lage ist, und nicht nur darüber, wie Sie sie
gerne hätten.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Zur Wahrheit gehört, dass wir ein Desaster in den öf-

fentlichen Haushalten erleben. Große Teile der Bundes-
regierung haben vorher gewusst, was in diesen Tagen öf-
fentlich geworden ist: Die Sachverständigen haben zum


(A)



(B)



(C)



(D)


688


(A)



(B)



(C)



(D)






wiederholten Mal die Wachstumsraten und die Erwar-
tungen für das Wachstum nach unten korrigieren müssen.
Wir werden eine Verletzung des Maastricht-Vertrags erle-
ben, die vor der Wahl bestritten und nach der Wahl in ei-
nem Umfang festgestellt wurde, den wir alle nicht für mög-
lich gehalten hätten. Dies wird im nächsten Jahr seine
Fortsetzung nehmen und auch die Arbeitslosenzahl wird im
nächsten Jahr durchschnittlich bei über 4 Millionen liegen.

Es ist nun wahrlich ein Befund, der zu jeder Kraftan-
strengung für eine bessere Wirtschafts- und Arbeits-
marktpolitik Anlass gibt. Herr Clement, ich bitte Sie da-
rum, dass Sie das ernsthafte Bemühen, an diesem Ziel
mitzuarbeiten, um gemeinsam etwas zu erreichen, nie-
mandem in diesem Haus absprechen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Jeder von uns weiß um die große gesellschaftspoliti-

sche Herausforderung, vor der wir stehen. Wenn wir sie
nicht gemeinsam angehen, wird es nicht nur ein weiteres
Abrutschen des Wohlstandes in unserem Land geben, son-
dern dann wird es über kurz oder lang auch zu einer De-
stabilisierung der politischen Ordnung in diesem Land
kommen. Deswegen gibt es allen Grund, nüchtern und
sachlich die Kritik anzunehmen, die in diesen Tagen am
Konzept der Bundesregierung geäußert wird.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Herr Bundeskanzler, es sind doch nicht die Ketten-

hunde der Verbände – so apostrophieren Sie sie, seit Sie
nicht mehr mit ihnen klarkommen –, es ist doch nicht die
deutsche Opposition, sondern es war in dieser Woche der
Sachverständigenrat, der zu Recht eine Reihe von sehr
kritischen Anmerkungen zu dem gemacht hat, was wir
heute an Gesetzgebung zu verabschieden haben.

Ich trage Ihnen nun etwas vor, was im Grunde genom-
men alles aussagt:

Wir halten es für verfehlt,
– so sagt der Sachverständigenrat –

dass alle Leiharbeitsnehmer nach den für das Ent-
leihunternehmen geltenden Entgeltbedingungen be-
zahlt werden sollen. Erstens werden dadurch die
Vermittlungs- und Integrationschancen für die Ar-
beitslosen verringert. Zweitens entsteht ein Druck,
Tarifverträge abzuschließen. Und drittens wird der
privaten Leiharbeit Lohnflexibilität genommen. Auch
wenn dafür Regulierungen wie das Synchronisations-
verbot fallen sollen – der Preis dafür ist zu hoch.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ich werde gleich noch einmal auf diesen Sachverhalt zu
sprechen kommen.

Lassen Sie mich, Herr Bundeswirtschaftsminister, vor-
her – wir sehen uns in den nächsten beiden Wochen nicht
im Bundestag –


(Klaus Brandner [SPD]: Schade!)

aber noch auf einen weiteren Sachverhalt eingehen, über
den Sie in der nächsten Woche im Kabinett zu entschei-
den haben. Sie haben heute Morgen das Programm „Ka-
pital für Arbeit“ der Kreditanstalt für Wiederaufbau ge-

lobt. Es ist wahr, es wird vom Mittelstand sehr umfas-
send in Anspruch genommen. Ich sage: Der Mittelstand
braucht Eigenkapital und nicht neue Kredite.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Wenn er jedoch nur eines bekommen kann, dann nimmt er
in der Lage, in der er sich befindet, natürlich Kredite auf.

Aber in diesen Tagen irrlichtert ein Gesetzentwurf
des Bundesfinanzministers durch die Öffentlichkeit, der
in der nächsten Woche zur Entscheidung im Kabinett
ansteht. In diesem Gesetzentwurf werden insgesamt
48 Steuererhöhungen vorgeschlagen. Eine davon – des-
wegen spreche ich es an – ist eine Veränderung in der Be-
steuerung der Gewinne bei der Veräußerung von
Grundstücken. Herr Bundeswirtschaftsminister, ich
möchte Sie bitten – ich sage das hier mit allem Ernst und
mit allem Nachdruck –, darauf hinzuwirken, dass diese
Entscheidung in der nächsten Woche nicht getroffen wird.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Ich will begründen, warum: Eine große Zahl von mit-

telständischen Arbeitgebern in Deutschland – wir spre-
chen hier über Arbeitsplätze und über die Fähigkeit, zu in-
vestieren und neue Arbeitsplätze zu schaffen – hat den
Banken privat gehaltene Grundstücke als Sicherheit über-
eignet, um damit Betriebsmittelkredite zu erhalten. Wenn
die Veräußerung dieser Grundstücke in Zukunft steuer-
pflichtig wird, wenn also auf diesen Grundstücken eine
latente Steuerpflicht liegt – wie wir alle wissen, liegt diese
in Deutschland bei knapp 50 Prozent –, ist damit die Kre-
ditbasis für die mittelständische Wirtschaft glatt halbiert.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Herr Bundeswirtschaftsminister, das bedeutet im Klar-

text, dass Sie insbesondere kleine und mittlere Banken,
auf die sich Ihr Fokus zu Recht richtet, wenn es darum
geht, die wirtschaftliche Lage in Deutschland zu verbes-
sern, in eine umfassende Wertberichtigung und damit in
die Krise hineintreiben. Das bedeutet im Klartext, dass
Sie viele mittelständische Unternehmen in den Konkurs
treiben, und es bedeutet im Klartext, dass vielen älteren
Menschen in Deutschland Altersarmut droht, insbeson-
dere denjenigen, die etwas getan haben, was wir alle wol-
len, die nämlich private Altersvorsorge betrieben haben.
Herr Bundeswirtschaftsminister, ich bitte darum, dass
diese Entscheidung in der nächsten Woche auf Ihren ent-
schiedenen Widerstand stößt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ich komme zurück auf das


(Zuruf von der SPD: Thema! – Heiterkeit bei der SPD)


Gesetz oder die Gesetze, die wir heute hier verabschie-
den. – Wenn Sie nicht mehr in der Lage sind, in einem
größeren Zusammenhang über Wirtschaftspolitik zu spre-
chen und hier im Parlament zu diskutieren, ist es kein
Wunder, dass wir uns in Deutschland in einer solch kata-
strophalen Lage befinden, wie dies gegenwärtig der Fall
ist. Sie haben immer noch nicht verstanden, was hier not-
wendig ist.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)


Friedrich Merz




Friedrich Merz

Ich komme gleichwohl auf den konkreten Gesetzge-
bungsvorgang zurück und spreche hier insbesondere die
Minijobs und die Tarifbindung der Zeitarbeit an. Durch
diese Gesetze, wenn sie denn verabschiedet werden,
kommt es auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu einem fun-
damentalen Wandel in der Tarifpolitik.

Ich will dies begründen: Heute unterliegen
Zeitarbeitsunternehmen der Tarifpflicht, wenn die Betei-
ligten es wollen. Dies ist Ausdruck der Vertragsfreiheit,
wie sie in Art. 9 unseres Grundgesetzes zum Ausdruck
kommt. Diese umfasst die positive Freiheit, Tarifverträge
abzuschließen, und – und darauf hat der Kollege
Reinhard Göhner völlig zu Recht hingewiesen –
gleichrangig die negative Freiheit, Tarifverträge nicht ab-
zuschließen.

Herr Bundeswirtschaftsminister, an dieser Stelle eine
Fußnote: Wenn Sie in Zukunft Kooperationsverträge nur
mit solchen Zeitarbeitsunternehmen zulassen, die Tarif-
verträge abgeschlossen haben, kommen Sie damit nach
meiner Auffassung bedenklich nah an die Grenze zur Ver-
fassungswidrigkeit, nah an einen Verstoß gegen die nega-
tive Koalitionsfreiheit.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Denn Sie versperren den Unternehmen und den Arbeit-
nehmern, die sich ausdrücklich entschlossen haben, von
der negativen Koalitionsfreiheit Gebrauch zu machen,
den Weg in die Zusammenarbeit mit den staatlichen
PSAs, die Sie jetzt errichten wollen. – Dies ist nur eine
Fußnote.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Der viel wichtigere Aspekt ist, dass Sie die Tarifver-

tragsfreiheit von den Zeitarbeitsunternehmen vollständig
auf das entleihende Unternehmen übertragen. Dies unter-
liegt nicht der Freiheit von Arbeitgeber und Arbeitneh-
mern, sondern mit dem, was wir hier heute verabschieden
sollen, schreiben Sie dies ins Gesetz. Dies ist nach meiner
Überzeugung die zweite Verletzung der negativen Koali-
tionsfreiheit, die in unserem Grundgesetz verankert ist.
Damit wird eine Tarifbindung – natürlich ist der Begriff
des Tarifdiktats ein polemischer Begriff – ausgelöst, die
das Grundgesetz für unsere Arbeitsmarktverfassung aus-
drücklich nicht gewollt hat, Herr Clement.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Dies hat natürlich Konsequenzen: Nach dem, was wir

hier heute beschließen sollen, werden sich die Gewerk-
schaften in Zukunft entspannt zurücklehnen. Im Jahre
2003 werden sie darauf warten, ob es irgendwo eine Ab-
weichung von einem solchen Tarifvertrag gibt. Natürlich
wird es diese nicht geben, weil die Tarifvertragsparteien
– ich habe versucht, Ihnen dies am Mittwoch in unserem
ansonsten sehr offenen und kollegialen Gespräch deutlich
zu machen – damit rechnen können, dass ohne jedes ei-
gene Dazutun ab dem 1. Januar 2004 in Deutschland eine
Regelung in Kraft treten wird, die die Tarifbindung in
Deutschland weiter erhöht. Dies wird geschehen, ohne
dass sich die Gewerkschaften in irgendeiner Weise hin zu
mehr Flexibilität auf dem deutschen Arbeitsmarkt bewe-
gen müssen. Wir halten diese Grundsatzentscheidung, die
mit diesem Gesetz verbunden ist, für falsch. Dies ist der

falsche Weg, wenn man zu mehr Beschäftigung kommen
will.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Zuruf des Abg. Klaus Brandner [SPD]: Gut, dass wir das wissen! Jetzt outet er sich!)


– Ich verstehe die Zwischenrufe der Sozialdemokraten
sehr gut. Was Sie hier machen, entspricht lückenlos dem,
was Sie vor einigen Jahren im Grundsatzprogramm der
SPD beschlossen haben. Es ist ja nicht etwa so, als ob wir
uns im luftleeren Raum bewegten. Die Sozialdemokraten
haben schon vor langer Zeit in ihrem Grundsatzprogramm
von Dezember 1989, das sie „Berliner Programm“ ge-
nannt haben und das durch die Beschlüsse von Leipzig
1998 geändert worden ist, wörtlich festgestellt – ich möchte
Ihnen das vortragen, damit Klarheit besteht, worüber wir
reden –:

Ungeschützte Arbeitsverhältnisse darf es nicht geben.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Klaus Brandner [SPD]: Auch wir haben noch ein paar Auszüge aus Ihren Programmen!)


Jetzt kommt der entscheidende Satz:
Leiharbeit ist zu verbieten.

So steht es in Ihrem Grundsatzprogramm. Faktisch wird
durch den vorliegenden Gesetzentwurf, der heute verab-
schiedet werden soll, genau das eintreten, was Sie in
Ihrem Grundsatzprogramm festgeschrieben haben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Uns wird als eine größere Verbesserung dargestellt,

dass jetzt eine Reihe von Restriktionen, die Sie in früherer
Zeit eingeführt haben, aus dem Arbeitnehmerüberlas-
sungsgesetz gestrichen werden soll. Das ist zwar im Prin-
zip richtig. Aber die Einschränkungen des Geltungs-
bereichs des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes, die jetzt
gestrichen werden sollen, haben überhaupt keine Bedeu-
tung mehr, wenn an die Stelle der freien Aushandlung der
Arbeitsbedingungen Tarifverträge treten.


(Ludwig Stiegler [SPD]: Was ist denn der Tarifvertrag anderes als eine freie Aushandlung!)


Deswegen ist es für Sie natürlich ein Leichtes, an dieser
Stelle nachzugeben; denn faktisch werden Sie damit das
Gegenteil erreichen.

Wenn Sie uns bzw. mir das nicht glauben wollen, dann
möchte ich Ihnen das vorlesen, was Uwe Jean Heuser, ei-
ner der leitenden Redakteure der „Zeit“, vor einigen Ta-
gen geschrieben hat – Sie betrachten Ihren jetzigen Ge-
setzentwurf ja als einen Akt der Liberalisierung des
Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes –:

Also bleibt die Arbeit in Deutschland so teuer, wie es
die Tarifpartner der einzelnen Branchen für richtig
halten. Nur wenn die Gewerkschaften ... zustimmen,
darf der Leiharbeitnehmer weniger kosten. Zur Wie-
dergutmachung hat die Regierung einige Fesseln für
die Leiharbeit gelockert. Deshalb nannte irgendein
rot-grüner Scherzkeks das Ganze eine „Liberalisie-
rung“.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



(A)



(B)



(C)



(D)


690


(A)



(B)



(C)



(D)






Es ist in der Tat keine Liberalisierung. Vielmehr wird
der Weg der Regulierung des Arbeitsmarktes fortge-
setzt.

An dieser Stelle haben wir beide, Herr Clement, grund-
legend unterschiedliche Auffassungen darüber, wie der
Arbeitsmarkt in Deutschland wieder in Gang gebracht
werden kann, und auch über das, was in Deutschland
möglich und notwendig ist. Noch einmal: Niemand von
uns bestreitet doch, dass wir hier vor großen Problemen
stehen. Aber sind Sie ernsthaft der Auffassung, dass mit
immer mehr Regulierung, immer mehr Tarifbindung und
immer mehr staatlichen Interventionen der Arbeitsmarkt
in unserem Land wieder in Ordnung kommt? Wir haben
nicht zu wenig, sondern zu viel Bürokratie. Es gibt in
Deutschland zwar genügend Arbeit, aber nicht zu bezahl-
baren Preisen im ersten Arbeitsmarkt. An diesem Sach-
verhalt ändert der Gesetzentwurf, den Sie heute vorlegen,
rein gar nichts.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Zum Abschluss möchte ich noch auf zwei weitere De-

tails des jetzigen Gesetzgebungsverfahrens zu sprechen
kommen. Herr Clement, Sie haben gerade die Regelung
der so genannten Minijobs, der haushaltsnahen Dienstleis-
tungen, lobend herausgestellt. Es ist wahr: Die privaten
Haushalte in Deutschland sind vermutlich der größte Teil
der vorhandenen Schattenwirtschaft. In diesem Bereich
fehlt fast allen Menschen das Unrechtsbewusstsein. Hier
wird einfach schwarz beschäftigt. Einen Teil dieser
schwarzen Beschäftigung zurück in die legale Beschäfti-
gung zu bringen ist ein ehrenwertes Ziel. Wenn Sie diesen
Bereich nicht mit dem Begriff des Dienstmädchenprivi-
legs diskreditiert hätten, dann wären wir schon heute die-
sem Ziel ein Stück näher gekommen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Vor lauter Angst, dass dort wirklich Beschäftigung

entstehen könnte, reguliert die Bundesregierung dieses
Segment umfassend, das ein wichtiger Teil unseres Ar-
beitsmarktes ist. Dabei kommen Wortschöpfungen zu-
stande, über die man nur lachen kann. Wer als Außenste-
hender das, was dazu geschrieben worden ist, liest, der
muss am Verstand derer zweifeln, die das zu Papier ge-
bracht haben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ich trage Ihnen einen Satz vor. In der Begründung zu
§ 35 a des Einkommensteuergesetzes steht wie in Stein
gemeißelt der Satz:

Haushaltsnah ist das Beschäftigungsverhältnis oder
die Dienstleistung, wenn es eine haushaltsnahe Tä-
tigkeit zum Gegenstand hat.


(Heiterkeit bei der CDU/CSU)

Der Beamte, der das aufgeschrieben hat, hat die nächst
höhere Stufe des Bundesverdienstordens verdient. Das ist
eine fundamentale Erkenntnis, die den Arbeitsmarkt in
Deutschland wirklich nach vorne bringt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Nun wäre das nicht die rot-grüne Bundesregierung,

wenn sie diesen inhaltsschweren Satz nicht noch mit wei-

terem Leben erfüllen würde. Dies tut sie im darauffolgen-
den Satz der Begründung. Dort heißt es:

Haushaltsnahe Tätigkeiten sind:
– es folgt eine abschließende, enumerative Aufzählung –

die Zubereitung von Mahlzeiten im Haushalt, die
Reinigung der Wohnung des Steuerpflichtigen, die
Gartenpflege und die Pflege, Versorgung und Be-
treuung von Kindern, Kranken, alten Menschen und
pflegebedürftigen Personen.

Meine Damen und Herren, das wird Teil der Gesetz-
gebung der rot-grünen Bundesregierung. Die Arbeitsge-
richtsprozesse, die auf dieser Begründung fußen, führe
ich in Zukunft gerne. Was ist denn zum Beispiel mit der
Reinigung der Dachrinne am Hause meiner Eltern? Ist das
eine haushaltsnahe Dienstleistung – ja oder nein? Was ist
mit dem Einkauf von Lebensmitteln für gesunde Erwach-
sene? Kranke und Kinder sind dabei, aber gesunde Er-
wachsene fehlen in dieser Aufzählung.


(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Zuruf von der CDU/CSU: Das ist eine Lachnummer!)


Herr Bundeswirtschaftsminister, nachdem wir gemein-
sam den Tierschutz im Grundgesetz verankert haben: Was
ist mit der Versorgung von Haustieren? Sind das haus-
haltsnahe Dienstleistungen – ja oder nein?


(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)


Wenn es nicht so traurig wäre, dann wäre dies wirklich
Gegenstand weiterer vertiefender Erörterungen von die-
ser Stelle aus.

Ich will damit sagen, Herr Clement: Mit einer solchen
Regulierungsorgie, die Sie hier auslösen, schaffen Sie
allenfalls neue Arbeitsplätze in der Bürokratie und bei
den Arbeitsgerichten, aber keinen einzigen produktiven
Arbeitsplatz in der Volkswirtschaft der Bundesrepublik
Deutschland.


(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Klaus Brandner [SPD]: Das hätten Sie nicht sagen sollen!)


Ich komme zum Schluss. Ein drittes wesentliches Ele-
ment dieser Gesetzgebung ist das so genannte Bridge-
system.


(Michael Glos [CDU/CSU]: Warum können die nicht deutsch reden? – Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Gesellschaftsspiel!)


Mit diesem Ausdruck versuchen Sie, deutlich zu machen,
dass hier eine Brücke aus dem Arbeitsleben in den Ru-
hestand hinein gebaut werden soll und dass dies mit
entsprechenden Zahlungen der Bundesanstalt für Arbeit
begleitet werden soll. Ab 55 Jahren sollen die Arbeit-
nehmerinnen und Arbeitnehmer die Möglichkeit haben,
dieses System in Anspruch zu nehmen. Was ist eigentlich
in die rot-grüne Bundesregierung gefahren, dass wir heute
eine solche Entscheidung treffen sollen, obwohl wir uns
doch an anderer Stelle darin einig sind, Herr Bundes-
kanzler, dass wir nicht durch eine weitere Verkürzung,

Friedrich Merz




Friedrich Merz
sondern nur durch eine Verlängerung der Lebensarbeits-
zeit das Ziel der Stabilisierung unserer Sozialversiche-
rungsbeiträge und des Arbeitsmarktes erreichen können?
Herr Clement, die Entscheidungen in dem Gesetz, das Sie
hier heute vorgelegt haben, sind wirtschaftspolitisch und
arbeitsmarktpolitisch grundfalsch.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Da muss aus den Reihen der Grünen niemand über

Rente mit 70 reden. Es würde ausreichen, wenn wir in
Deutschland, wo das Alter der durchschnittlichen Verren-
tung, das in der gewerblichen Wirtschaft gegenwärtig bei
59 Jahren und im öffentlichen Dienst bei 57 Jahren liegt,
in der Lage wären, gemeinsam das zu tun, was nötig ist,
nämlich in beiden Bereichen den tatsächlichen Eintritt in
den Ruhestand um ein Jahr zu erhöhen statt ihn weiter he-
rabzusetzen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Meine Damen und Herren, ich will abschließend sa-
gen: Es ist in Ordnung, dass Sie die Bestimmungen zur
Handwerksordnung aus den Regelungen zur Ich-AG und
Familien-AG herausgenommen haben. Damit hätten Sie
eine Schmutzkonkurrenz zum Handwerk geschaffen, die
Sie an anderer Stelle völlig zu Recht kritisiert haben. Es
wäre aber gut gewesen, wenn Sie uns wenigstens heute
Ihre Vorstellungen zur steuerlichen Behandlung mitgeteilt
hätten. Wie soll das Ganze besteuert werden? Sie legen
uns hier im Schweinsgalopp einen Gesetzentwurf vor, wir
aber wissen an ganz entscheidender Stelle dieses Gesetz-
gebungsverfahren noch nicht einmal, wie das steuerlich
behandelt werden soll.

Herr Clement, Kritik an dem Gesetz, das Sie hier heute
vorstellen, ist keine Mäkelei und auch keine Nörgelei der
Opposition oder der Kettenhunde der Verbände.


(Zurufe von der SPD: Oh!)

– Nein, meine Damen und Herren. – Sie wissen genauso
gut wie wir, dass die eigentlichen strukturellen Probleme
unseres Landes mit diesem Gesetz nicht gelöst werden.
Spätestens in einem Jahr stehen wir wieder hier. Dann
werden wir von Ihnen wieder ein Jobwunder, eine Wun-
derwaffe, eine größte Reform aller Zeiten präsentiert be-
kommen. Wieder einmal wird dann der Beweis zu führen
sein, dass das, was Sie mit diesen Superlativen beschrei-
ben, eine Verfallszeit von weniger als einem Jahr hat.


(Ludwig Stiegler [SPD]: Sie sind nicht gewählt worden!)


Das ist das Problem dieser Bundesregierung. Sie kön-
nen nicht in langfristigen Kategorien denken und Sie kön-
nen keine ordnungspolitisch fundierte Wirtschaftspolitik
für dieses Land machen. Das beweist auch der Gesetzent-
wurf, den wir heute vorliegen haben, eindrucksvoll.

Herzlichen Dank.

(Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU – Beifall bei der FDP)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501106600

Als letzte Rednerin zu diesem Tagesordnungspunkt hat

die Kollegin Dr. Gesine Lötzsch das Wort.


Dr. Gesine Lötzsch (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1501106700

Herzlichen Dank. – Herr Präsident! Meine Damen und

Herren! Für die Besucherinnen und Besucher darf ich
sagen, dass ich Abgeordnete der PDS bin.


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Nein, fraktionslos!)


Der Vorstandschef von Opel, Herr Carl-Peter Forster,
weiß schon jetzt, wie er mit dem Hartz-Gesetz umgehen
will: 10 Prozent der Stammbelegschaft wird durch Leih-
arbeiter ersetzt. Mit den Leiharbeitern sollen Produk-
tionsspitzen flexibel abgedeckt werden. Einstellen will
der Vorstandsvorsitzende die Leiharbeiter allerdings nicht.
Das ist im jüngsten „Stern“ – in der Ausgabe 47 dieses
Jahres – nachzulesen.

Es ist also nicht einmal ein Nullsummenspiel; es ist für
alle ein Verlustgeschäft: für die Leiharbeiter, für die
Stammbelegschaften und für die sozialen Sicherungs-
systeme. Es ist ein Minusgeschäft, weil dieses Konzept
nicht neue Arbeitsplätze schafft, sondern gute Arbeits-
plätze durch unsichere und billige ersetzt werden.


(Beifall der Abg. Petra Pau [fraktionslos])

Auch wenn Tarifverträge für Leiharbeiter verhandelt wer-
den – das finde ich gut und richtig –, kann man nur hof-
fen, dass die Rechte der Leiharbeiter wirklich gestärkt
werden.

Allerdings hat Herr Clement heute in der „Frankfurter
Allgemeinen Zeitung“ und auch in seiner Rede hier ganz
deutlich unterstrichen, dass er davon ausgeht, dass die Be-
zahlung der Leiharbeiter wesentlich schlechter ausfallen
wird. Ich erinnere mich noch daran, wie die Kolleginnen
und Kollegen von den Koalitionsfraktionen in der letzten
Woche hier getönt haben: gleicher Lohn für gleiche Ar-
beit. Dies wurde – vielleicht in der Hoffnung, dass es nicht
jeder versteht – lieber auf Englisch gesagt: Equal Pay.
Deshalb wundere ich mich darüber, dass man es zugelas-
sen hat, dass diese Forderung, auf die man so stolz war,
innerhalb einer Woche derart verändert wurde.


(Beifall der Abg. Petra Pau [fraktionslos])

Auch der Staat wird verlieren, wenn die ehemals gut

Beschäftigten in die Arbeitslosigkeit geraten und Arbeits-
losengeld ausbezahlt bekommen müssen. Die ehemals
Arbeitslosen, die dann billigere Arbeitsplätze erhalten,
werden natürlich weniger in die Krankenkassen und in die
Rentenversicherung einzahlen.

Ich habe dazu in dieser Woche eine entsprechende
Anfrage an die Bundesregierung gestellt. Mir wurde mit-
geteilt, dass die Rentenversicherung im Jahre 2003 mit
Mindereinnahmen von 0,3 Milliarden Euro und im
Jahre 2004 mit Mindereinnahmen von mehr als einer hal-
ben Milliarde Euro rechnet. Die Krankenkassen erwarten
ebenfalls Mindereinnahmen von ungefähr 1Milliarde Euro
pro anno. Es ist also auch ein Minusgeschäft für die so-
zialen Sicherungssysteme.

Der Austausch von guten Arbeitsplätzen, also die Um-
wandlung in Billigjobs, ist keine Gruselgeschichte, das
erleben wir bei der Privatisierung öffentlicher Aufgaben
unentwegt. Sie können sich überall umschauen: Ob es


(A)



(B)



(C)



(D)


692


(A)



(B)



(C)



(D)






Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten, Reinigungskräfte
oder Postboten sind – sie werden in der Regel schlechter
bezahlt als die Menschen, die diese Aufgaben vorher im
öffentlichen Auftrag erfüllt haben.

Meine Damen und Herren, sehr geehrte Kolleginnen
und Kollegen, wie das Gesetz bei Opel umgesetzt werden
soll, haben wir bereits gelesen. Unklar ist jedoch, welche
Antworten das Gesetz für den Osten bereithält. An dieser
Stelle wären Änderungen am Gesetzentwurf dringend er-
forderlich gewesen. Hier habe ich die Stimmen der Abge-
ordneten aus den neuen Ländern vermisst, die doch an-
geblich diese Lücke schließen wollten, ausweislich der
Debatte von vor einer Woche.


(Beifall der Abg. Petra Pau [fraktionslos])

Die von der Bundesregierung geforderte höhere Mobi-

lität der Arbeitslosen heißt für Ostdeutschland Wegzug
von jungen Leuten in die alten Bundesländer. Damit wer-
den im Osten die demographischen Strukturen völlig ka-
putt gemacht und der Osten wird zum Altersheim. Wenn
Sie das wollen, meine Damen und Herren, dann müssen
Sie solche Gesetze beschließen.

Abschließend möchte ich noch einmal den Hauptpunkt
der Kritik am Hartz-Konzept betonen: Das Grundproblem
sind fehlende Arbeitsplätze. Das Hartz-Gesetz schafft keine
Arbeitsplätze, sondern es organisiert lediglich den Tausch
von Arbeitsplätzen. Vor allem aber bringt es Arbeitslose in
Bewegung mit dem Ziel und dem Ergebnis, dass sie weni-
ger haben werden als zuvor. Wir schlagen deshalb vor, dass
man das Hartz-Gesetz in Bernstein-Gesetz umbenennt,
denn vom alten Sozialdemokraten Bernstein stammt der
Satz: „Bewegung ist alles; das Ziel ist nichts.“

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.

(Beifall der Abg. Petra Pau [fraktionslos])



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501106800

Ich schließe die Aussprache.
Zunächst gebe ich bekannt, dass eine größere Zahl von

Erklärungen zur Abstimmung nach § 31 unserer Geschäfts-
ordnung abgegeben worden ist, die zu Protokoll genom-
men werden.1

Wir kommen zur Abstimmung über den von der Bun-
desregierung eingebrachten Entwurf eines Ersten Geset-
zes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt auf
Drucksache 15/25.

Der Ausschuss für Wirtschaft und Arbeit empfiehlt un-
ter Buchstabe a seiner Beschlussempfehlung auf Druck-
sache 15/77, den Gesetzentwurf in der Ausschussfassung
anzunehmen.


(Unruhe)

– Ich darf darauf hinweisen, dass vor der namentlichen
Abstimmung eine Reihe von anderen Abstimmungen
durchzuführen sind. Ich bitte Sie deshalb, Ihre Plätze ein-
zunehmen, damit ich den Überblick behalten kann, wie
das Abstimmungsergebnis aussieht.

Zu dem Gesetzentwurf liegt ein Änderungsantrag der
Fraktion der FDP auf Drucksache 15/92 vor, über den wir
zunächst abstimmen. Wer stimmt für den Änderungsan-
trag der FDP? – Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Da-
mit ist der Änderungsantrag bei Zustimmung von FDP-
und CDU/CSU-Fraktion und Gegenstimmen der Koaliti-
onsfraktionen abgelehnt.

Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzentwurf in der Aus-
schussfassung zustimmen wollen, um das Handzeichen. –
Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf ist
damit in zweiter Beratung mit den Stimmen der Koali-
tionsfraktionen gegen die Stimmen der CDU/CSU und
der FDP und der beiden fraktionslosen Abgeordneten an-
genommen.

Dritte Beratung
und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –


(Unruhe auf der Regierungsbank)

Gegenstimmen? – Enthaltungen? –


(Abg. Volker Kauder [CDU/CSU] begibt sich zum Präsidenten)


– Entschuldigung, wir befinden uns in der Abstimmung,
Herr Kauder.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Auf der Regierungsbank kann man nicht abstimmen!)


– Natürlich kann auf der Regierungsbank nicht abge-
stimmt werden. Das habe ich nicht gezählt. Das Abstim-
mungsergebnis wird vom Präsidium nicht bestritten. –
Der Gesetzentwurf ist damit mit den Stimmen der Koali-
tionsfraktionen gegen alle anderen Stimmen in dritter Le-
sung angenommen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wir kommen nun zur Abstimmung über die Ent-
schließungsanträge. Wer stimmt für den Entschließungs-
antrag der Fraktionen der SPD und des Bündnisses 90/Die
Grünen auf Drucksache 15/98? Gegenstimmen? – Ent-
haltungen? – Der Entschließungsantrag ist mit den Stim-
men der Koalitionsfraktionen gegen alle anderen Stim-
men angenommen.

Wer stimmt für den Entschließungsantrag der Fraktion
der CDU/CSU auf Drucksache 15/90? – Gegenstim-
men? – Enthaltungen? – Der Entschließungsantrag ist bei
Zustimmung der CDU/CSU und Gegenstimmen aller an-
deren Fraktionen und der beiden fraktionslosen Abgeord-
neten abgelehnt.

Wer stimmt für den Entschließungsantrag der Fraktion
der CDU/CSU auf Drucksache 15/93? – Gegenstim-
men? – Enthaltungen? – Der Entschließungsantrag ist bei
Zustimmung von CDU/CSU und FDP und Gegenstim-
men der Koalitionsfraktionen und der beiden fraktionslo-
sen Abgeordneten abgelehnt.

Wer stimmt für den Entschließungsantrag der Fraktion
der CDU/CSU auf Drucksache 15/94? – Gegenstim-
men? – Enthaltungen? – Der Entschließungsantrag ist

Dr. Gesine Lötzsch

1 Anlagen 7 bis 11




Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die
Stimmen von CDU/CSU bei Enthaltung der FDP und der
beiden fraktionslosen Abgeordneten abgelehnt.

Abstimmung über den von den Fraktionen der SPD
und des Bündnisses 90/Die Grünen eingebrachten Ent-
wurf eines Zweiten Gesetzes für moderne Dienstleistun-
gen am Arbeitsmarkt, Drucksache 15/26. Der Ausschuss
für Wirtschaft und Arbeit empfiehlt unter Buchstabe b sei-
ner Beschlussempfehlung auf Drucksache 15/77, den Ge-
setzentwurf in der Ausschussfassung anzunehmen. Ich
bitte diejenigen, die dem Gesetzentwurf zustimmen wol-
len, um das Handzeichen. – Gegenstimmen? – Enthaltun-
gen? – Der Gesetzentwurf ist in zweiter Beratung mit den
Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen alle anderen
Stimmen angenommen.

Dritte Beratung
und Schlussabstimmung. Nach Art. 87 Abs. 3 des Grund-
gesetzes ist zur Annahme des Gesetzentwurfs die absolute
Mehrheit – das sind 302 Stimmen – erforderlich. Es ist na-
mentliche Abstimmung verlangt. Bitte kontrollieren Sie
Ihre Stimmkarten, bevor Sie sie einwerfen.

Die Schriftführer haben ihre Plätze eingenommen. Ich
eröffne die Abstimmung.

Haben jetzt alle Kolleginnen und Kollegen ihre
Stimme abgegeben? – Das scheint der Fall zu sein. Ich
schließe die Abstimmung.

Ich bitte die Schriftführerinnen und Schriftführer, mit
der Auszählung zu beginnen. Das Ergebnis der Abstim-
mung wird Ihnen später bekannt gegeben.1

Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, nun wieder
Platz zu nehmen. Wir haben noch weitere Abstimmungen
vorzunehmen.

Wir stimmen über den Entschließungsantrag der Frak-
tion der FDP auf Drucksache 15/95 ab. Wer stimmt für
diesen Entschließungsantrag? – Wer stimmt dagegen? –
Wer enthält sich? – Der Entschließungsantrag ist mit den
Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen
von CDU/CSU und FDP abgelehnt.

Abstimmung über den von der Fraktion der CDU/CSU
eingebrachten Gesetzentwurf zur Aktivierung kleiner
Jobs auf Drucksache 15/23. Der Ausschuss für Wirtschaft
und Arbeit empfiehlt unter Buchstabe c seiner Beschluss-
empfehlung auf Drucksache 15/77, den Gesetzentwurf
abzulehnen. Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzentwurf
zustimmen wollen, um das Handzeichen. – Gegenstim-
men? – Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf ist in zweiter
Beratung mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen ge-
gen die Stimmen von CDU/CSU und FDP abgelehnt. Da-
mit entfällt nach unserer Geschäftsordnung die weitere
Beratung.

Abstimmung über den Gesetzentwurf der Fraktion der
CDU/CSU zum optimalen Fördern und Fordern in Ver-
mittlungsagenturen auf Drucksache 15/24. Der Ausschuss
für Wirtschaft und Arbeit empfiehlt unter Buchstabe d sei-

ner Beschlussempfehlung auf Drucksache 15/77, den
Gesetzentwurf abzulehnen. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, um das Handzeichen.
– Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf
ist in zweiter Beratung mit den Stimmen der Koalitions-
fraktionen bei Gegenstimmen der CDU/CSU und Enthal-
tung der FDP abgelehnt. Damit entfällt die weitere Bera-
tung.

Abstimmung über die Beschlussempfehlung des Aus-
schusses für Wirtschaft und Arbeit auf Drucksache 15/77
zu dem Antrag der Fraktion der FDPmit dem Titel „Han-
deln für mehr Arbeit“. Der Ausschuss empfiehlt unter
Buchstabe e seiner Beschlussempfehlung, den Antrag auf
Drucksache 15/32 abzulehnen. Wer stimmt für diese Be-
schlussempfehlung? – Gegenstimmen? – Enthaltungen? –
Die Beschlussempfehlung ist mit den Stimmen der Koali-
tionsfraktionen bei Gegenstimmen der FDP und Enthal-
tung der CDU/CSU angenommen.

Zusatzpunkte 6 und 7. Interfraktionell wird Überwei-
sung der Gesetzentwürfe auf den Drucksachen 15/46 und
15/55 an die in der Tagesordnung aufgeführten Aus-
schüsse vorgeschlagen. Gibt es anderweitige Vorschläge? –
Das ist nicht der Fall. Dann sind die Überweisungen so
beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 12 a und b auf:
a) Zweite und dritte Beratung des von den Fraktionen

der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Sicherung der Beitragssätze in der gesetzlichen
Krankenversicherung und in der gesetzlichen Ren-

(Beitragssatzsicherungsgesetz – BSSichG)

– Drucksache 15/28 –

(Erste Beratung 8. Sitzung)

aa) Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-

schusses für Gesundheit und soziale Siche-
rung (13. Ausschuss)

– Drucksache 15/73 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Helga Kühn-Mengel


(8. Ausschuss)

– Drucksache 15/75 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Dr. Michael Luther
Otto Fricke
Waltraud Lehn
Anja Hajduk

b) Zweite und dritte Beratung des von den Fraktionen
der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN eingebrachten Entwurfs eines Zwölften Ge-
setzes zur Änderung des Fünften Buches

(Zwölftes SGB V-Änderungsgesetz – 12. SGB V ÄndG)

– Drucksache 15/27 –


(A)



(B)



(C)



(D)


694

1 Seite 697 C


(A)



(B)



(C)



(D)






aa) Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Gesundheit und soziale Siche-
rung (13. Ausschuss)

– Drucksache 15/74 –
Berichterstattung:
Abg. Annette Widmann-Mauz


(8. Ausschuss)

– Drucksache 15/76 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Dr. Michael Luther
Otto Fricke
Waltraud Lehn
Anja Hajduk

Zu dem Entwurf eines Beitragssatzsicherungsgesetzes,
über den wir später namentlich abstimmen werden, liegt
ein Entschließungsantrag der Fraktion der FDP vor.

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für die
Aussprache eineinhalb Stunden vorgesehen. – Ich höre
keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Als erste Rednerin hat die
Bundesministerin Ulla Schmidt das Wort.


(Beifall bei der SPD)


Ulla Schmidt, Bundesministerin für Gesundheit und
soziale Sicherung:

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bei
den vorliegenden Gesetzentwürfen geht es um eine gerechte
und faire Aufteilung von Lasten in schwierigen Zeiten.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Besonders bei den Zahntechnikern!)


Es geht darum, Ausgaben zu begrenzen, Beiträge bezahl-
bar zu halten, die Lohnnebenkosten zu stabilisieren, und
letztlich auch darum, wieder mehr Menschen in Arbeit zu
bringen.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Krista Sager [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Die Bürgerinnen und Bürger wissen, dass in schwieri-
gen Zeiten alle an einem Strang ziehen müssen, damit es
wieder aufwärts geht, und vor allem, dass alle am selben
Ende ziehen müssen. Deshalb fordern wir von allen einen
Solidarbeitrag ein, ohne den Einzelnen dabei zu über-
fordern: in der Rentenversicherung von den Jungen und
den Alten, im Gesundheitswesen von den Versicherten,
den Pharmaunternehmen, den Apotheken, dem Großhan-
del und auch den Ärztinnen und Ärzten.

An dieser Stelle möchte ich deutlich sagen: Den Ärz-
tinnen und Ärzten wird kein Geld weggenommen. Sie
werden im kommenden Jahr lediglich auf einen Honorar-
anstieg von durchschnittlich 160 Euro pro Monat ver-
zichten müssen. Dadurch wird niemand in seiner Existenz
gefährdet – kein Arbeitsplatz wird gefährdet – und die Pa-
tientenversorgung bleibt gewährleistet.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Erstmalig erschließen wir Sparpotenziale, ohne medi-
zinische Leistungen zu kürzen und die Zuzahlungen für
die Kranken weiter zu erhöhen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Das stimmt nicht! Beim Zahnersatz müssen sie zuzahlen!)


Wir sorgen mit den Einsparungen dafür, dass die Bei-
tragssätze im Jahr 2003 so niedrig wie möglich bleiben
können und Beitragssatzanhebungen auf zwingend erfor-
derliche Ausnahmen beschränkt bleiben.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Zu dieser einmaligen „Erste-Hilfe-Maßnahme“ gibt es
momentan keine Alternative; das haben die Spitzenver-
bände der gesetzlichen Krankenkassen in der Anhörung
bestätigt.


(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: Der Sachverständigenrat sagt etwas anderes!)


Ich verstehe die besorgten Stimmen der Kolleginnen
und Kollegen aus den neuen Ländern. Sie haben im Hin-
blick auf die flächendeckende Versorgung größere He-
rausforderungen zu bewältigen als wir in Westdeutschland.
Darauf haben wir bereits in der letzten Legislaturperiode
mit der Einführung des Wohnortprinzips und der Siche-
rung und Weiterentwicklung der Gesundheitszentren rea-
giert. Ich sage es ganz deutlich: Wenn die Möglichkeit
besteht, die Vergütung der Ärztinnen und Ärzte im nieder-
gelassenen und stationären Bereich im Osten rascher vor-
anzubringen und damit die Angleichung von Ost an West,
die bis 2007 vorgesehen ist, zu beschleunigen, werden wir
sie ergreifen. Wir sehen die Probleme, die sich unter
anderem aus einer verstärkten Abwanderung von Ärztin-
nen und Ärzten aus den neuen Bundesländern ergeben
würden.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Detlef Parr [FDP]: Ihre vier Jahre waren schlechter als die 16 Jahre!)


– Im Gegensatz zu Ihnen haben wir in unserer Regie-
rungszeit gehandelt.

Das ist einer der Gründe, warum wir zeitgleich zu die-
sem Sparprogramm eine Strukturreform auf den Weg
bringen, die sich vorrangig mit der Ausgabenseite der ge-
setzlichen Krankenversicherung befassen wird. Wir wer-
den Effizienzreserven erschließen, damit die Ausgaben
sinken und die Qualität der Versorgung steigt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die ständige Debatte
über Geld lässt manchmal vergessen, dass die Hauptpro-
bleme unseres Gesundheitswesens


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Die Ministerin ist!)


mangelnde Qualität, mangelnde Transparenz und man-
gelnde Prävention sind.


(Beifall bei der SPD)

Uns fehlt zurzeit etwa 1 Prozent der Einnahmen, die wir
brauchen. Nach Angaben des Sachverständigenrates feh-
len 25 Prozent der Qualität, die wir eigentlich haben

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms




Bundesministerin Ulla Schmidt
sollten. Da liegt das wahre Defizit in der Gesundheitsver-
sorgung.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wir können es uns nicht länger erlauben, dass Unter-
suchungen parallel und mehrfach durchgeführt werden
und dass teure Medikamente ohne therapeutischen Zu-
satznutzen verordnet werden; denn das geht nicht nur zu-
lasten der Patienten und Patientinnen, sondern es ist inef-
fizient. Es gibt viele Beispiele für solche Ineffizienzen in
unserem Gesundheitssystem: Jede dritte Röntgenuntersu-
chung ist medizinisch nicht notwendig; 50 Prozent der
Röntgenuntersuchungen sind technisch unzureichend;


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sie regieren doch seit vier Jahren! Warum machen Sie denn nichts?)


140 000 Menschen sterben jedes Jahr an Medikationsfeh-
lern und aufgrund von unerwünschten Arzneimittelwir-
kungen.

Wir haben nicht hingenommen, dass bei Frauen pro
Jahr zwischen 2 Millionen und 4 Millionen Mammogra-
phien ohne Qualitätssicherung durchgeführt werden,


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


dass fälschlicherweise rund 200 000 positive Befunde ge-
stellt werden und dass 100 000 Frauen unnötig operiert wer-
den. Deshalb haben wir eine Qualitätsoffensive eingeleitet,
deshalb haben wir die Programme zur besseren Versorgung
chronisch kranker Menschen auf den Weg gebracht und des-
halb sind wir fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass
schwere Krankheiten gemäß medizinischer Behandlungs-
leitlinien behandelt werden. Wir werden das Tempo, mit
dem wir vorgehen, beschleunigen. Dazu werden wir ein
Deutsches Zentrum für Qualität in der Medizin einrichten,


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Schon wieder ein Institut!)


das einen wichtigen Beitrag dazu leisten soll.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Habt Ihr noch ein paar Genossen unterzubringen?)


Wir stärken den Wettbewerb. Die Qualität wird stei-
gen. Der Wettbewerb wird organisiert. Wir werden dafür
sorgen, dass gute Qualität gut bezahlt wird. Das geht nur,
wenn gleichzeitig schlechte Qualität aus der Versorgung
verschwindet.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wir werden dafür sorgen, dass sich Leistung und re-
gelmäßige Fortbildung wieder lohnen. Deshalb müssen
Ärzte und Krankenkassen über gute Qualität informieren
dürfen, deshalb müssen Krankenkassen Direktverträge
schließen können, deshalb werden wir das Vertragsrecht
flexibilisieren und deshalb werden wir die Rolle der
Hausärzte stärken.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Dr. Dieter Thomae [FDP]: Dafür die Nullrunde?)


Weil gute Qualität und Wirtschaftlichkeit zusammen-
gehören, liberalisieren


(Zurufe von der FDP: Vorsicht!)

und modernisieren wir die Arzneimittelversorgung. Wir
werden dafür sorgen, dass die Rabatte, die in diesen Sys-
temen fließen, endlich den Versicherten zugute kommen,
damit die Beiträge gesenkt werden können.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Ziel unserer Reformen ist die Gesundheit der Men-
schen. Wir stellen die Patienten in den Mittelpunkt.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Da steht ihr ihnen im Weg!)


Wir stärken ihre Rechte.
Aber wir fordern auch Eigenverantwortung ein. Dazu

werden wir die Prävention zur vierten Säule im Gesund-
heitswesen ausbauen. Jede Krankheit, die nicht entsteht,
ist die beste Entlastung für die gesetzliche Krankenversi-
cherung.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Dass Krankheiten vermieden werden, ist aber auch für je-
den Einzelnen von uns das Beste. Eines ist klar: Jeder und
jede von uns hat nur ein Leben; deshalb werden wir dafür
sorgen, dass die Menschen so lange wie möglich gesund
bleiben.

Dabei nehmen wir uns ein Beispiel an anderen Län-
dern. Die Finnen haben ein Programm auf den Weg ge-
bracht, mit dem Herzkrankheiten besser vorgebeugt wer-
den kann. Durch dieses Programm wurde die Häufigkeit
des Auftretens von Herzkrankheiten halbiert. Etwas Ähn-
liches in Deutschland zu schaffen, ist unser gesundheits-
politisches Ziel. Die Keimzelle für solche Programme ist
das Deutsche Forum Prävention und Gesundheitsförde-
rung. Es hat seine Arbeit bereits aufgenommen und wir
werden diese Arbeit weiterhin fördern.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Damit die Menschen erkennen können, was das Sys-
tem für sie leistet, setzen wir auf Transparenz.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sagen Sie doch einmal etwas zur Rente!)


Wir werden die elektronische Gesundheitskarte und die
Patientenquittung einführen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere Gesundheits-
politik hat ein klares Konzept:


(Widerspruch bei der CDU/CSU und der FDP)

Qualität, Transparenz und Prävention statt Zweiklassen-
medizin


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)



(A)



(B)



(C)



(D)


696


(A)



(B)



(C)



(D)






und Resignation vor den Widerständen der Lobbygrup-
pen, die demonstrieren und den Untergang der Welt be-
schwören.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: So leichtfertig gehen Sie mit Arbeitsplätzen um! Arrogant!)


Wir werden deshalb diese Reformpolitik fortsetzen. Wir
setzen auf eine Qualitätsreform. Sie wird kommen und ist
der wichtigste Beitrag dafür, dass gute Gesundheits-
versorgung für alle bezahlbar bleibt.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das glaubt Ihnen niemand mehr! Was ist denn jetzt mit der Rente?)


Wir werden uns auch mit der langfristigen Sicherung
der Einnahmesituation aller sozialen Sicherungssysteme
befassen. Wir werden eine Kommission einberufen, die
Vorschläge zur nachhaltigen Finanzierung und Weiter-
entwicklung der sozialen Sicherungssysteme machen
soll.


(Friedrich Merz [CDU/CSU]: Gibt es doch schon!)


Diese Vorschläge bauen auf der Rentenreform auf, die wir
in der letzten Legislaturperiode gemacht haben


(Dr. Heinrich L. Kolb Gesetzen und der Rente?)


und die sich dadurch auszeichnet, dass sie für die jetzt
junge Generation die Einkünfte im Alter und jetzt den Le-
bensstandard der älteren Generation sichert. Darauf wird
auch die Gesundheitsreform aufbauen.

Die Koalition von SPD und Grünen im Deutschen
Bundestag wird dafür sorgen, dass unsere sozialen Siche-
rungssysteme modernisiert und zukunftsfähig gemacht
werden und nach dem Prinzip der Generationengerech-
tigkeit funktionieren.

Danke.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501106900

Bevor ich das Wort weitergebe, gebe ich Ihnen das von

den Schriftführerinnen und Schriftführern ermittelte Er-
gebnis der namentlichen Abstimmung zu dem Entwurf ei-
nes Zweiten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am
Arbeitsmarkt, Drucksachen 15/26 und 15/77, bekannt:
Abgegebene Stimmen 586. Mit Ja haben gestimmt 305,
mit Nein haben gestimmt 280, eine Enthaltung. Der Ge-
setzentwurf ist damit angenommen.

Bundesministerin Ulla Schmidt

Endgültiges Ergebnis
Abgegebene Stimmen: 586;
davon

ja: 305
nein: 280
enthalten: 1

Ja
SPD
Dr. Lale Akgün
Gerd Andres
Ingrid Arndt-Brauer
Rainer Arnold
Hermann Bachmaier
Ernst Bahr (Neuruppin)

Doris Barnett
Dr. Hans-Peter Bartels
Eckhardt Barthel (Berlin)

Klaus Barthel (Starnberg)

Sören Bartol
Sabine Bätzing
Uwe Beckmeyer
Klaus Uwe Benneter
Dr. Axel Berg
Ute Berg
Hans-Werner Bertl
Petra Bierwirth
Rudolf Bindig
Lothar Binding (Heidelberg)

Kurt Bodewig
Gerd Friedrich Bollmann
Klaus Brandner
Willi Brase

Bernhard Brinkmann

(Hildesheim)


Hans-Günter Bruckmann
Edelgard Bulmahn
Marco Bülow
Ulla Burchardt
Dr. Michael Bürsch
Hans Martin Bury
Hans Büttner (Ingolstadt)

Marion Caspers-Merk
Dr. Peter Wilhelm Danckert
Dr. Herta Däubler-Gmelin
Karl Diller
Martin Dörmann
Peter Dreßen
Detlef Dzembritzki
Sebastian Edathy
Siegmund Ehrmann
Hans Eichel
Marga Elser
Gernot Erler
Petra Ernstberger
Karin Evers-Meyer
Annette Faße
Elke Ferner
Gabriele Fograscher
Rainer Fornahl
Gabriele Frechen
Dagmar Freitag
Lilo Friedrich (Mettmann)

Iris Gleicke
Günter Gloser
Uwe Göllner
Renate Gradistanac
Angelika Graf (Rosenheim)

Dieter Grasedieck
Monika Griefahn

Kerstin Griese
Gabriele Groneberg
Achim Großmann
Wolfgang Grotthaus
Karl Hermann Haack

(Extertal)


Hans-Joachim Hacker
Bettina Hagedorn
Klaus Hagemann
Alfred Hartenbach
Michael Hartmann

(Wackernheim)


Anke Hartnagel
Nina Hauer
Hubertus Heil
Reinhold Hemker
Rolf Hempelmann
Dr. Barbara Hendricks
Gustav Herzog
Petra Heß
Monika Heubaum
Gabriele Hiller-Ohm
Stephan Hilsberg
Gerd Höfer
Jelena Hoffmann (Chemnitz)

Walter Hoffmann

(Darmstadt)


Iris Hoffmann (Wismar)

Frank Hofmann (Volkach)

Eike Hovermann
Klaas Hübner
Christel Humme
Lothar Ibrügger
Brunhilde Irber
Renate Jäger
Jann-Peter Janssen
Klaus Werner Jonas

Johannes Kahrs
Ulrich Kasparick
Susanne Kastner
Ulrich Kelber
Hans-Peter Kemper
Klaus Kirschner
Hans-Ulrich Klose
Astrid Klug
Dr. Heinz Köhler
Walter Kolbow
Fritz Rudolf Körper
Karin Kortmann
Rolf Kramer
Anette Kramme
Ernst Kranz
Nicolette Kressl
Volker Kröning
Dr. Hans-Ulrich Krüger
Angelika Krüger-Leißner
Horst Kubatschka
Ernst Küchler
Helga Kühn-Mengel
Ute Kumpf
Dr. Uwe Küster
Christine Lambrecht
Christian Lange (Backnang)

Christine Lehder
Waltraud Lehn
Dr. Elke Leonhard
Eckhart Lewering
Götz-Peter Lohmann

(Neubrandenburg)


Gabriele Lösekrug-Möller
Erika Lotz
Dr. Christine Lucyga
Dirk Manzewski
Tobias Marhold




Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms


(A)



(B)



(C)



(D)


Lothar Mark
Caren Marks
Christoph Matschie
Hilde Mattheis
Markus Meckel
Ulrike Mehl
Petra-Evelyne Merkel
Ulrike Merten
Angelika Mertens
Ursula Mogg
Michael Müller (Düsseldorf)

Christian Müller (Zittau)

Gesine Multhaupt
Franz Müntefering
Dr. Rolf Mützenich
Volker Neumann (Bramsche)

Dietmar Nietan
Dr. Erika Ober
Holger Ortel
Heinz Paula
Johannes Pflug
Joachim Poß
Dr. Wilhelm Priesmeier
Florian Pronold
Dr. Sascha Raabe
Karin Rehbock-Zureich
Gerold Reichenbach
Dr. Carola Reimann
Christel Riemann-
Hanewinckel

Walter Riester
Reinhold Robbe
René Röspel
Dr. Ernst Dieter Rossmann
Karin Roth (Esslingen)

Michael Roth (Heringen)

Gerhard Rübenkönig
Ortwin Runde
Marlene Rupprecht

(Tuchenbach)


Thomas Sauer
Anton Schaaf
Axel Schäfer (Bochum)

Gudrun Schaich-Walch
Rudolf Scharping
Bernd Scheelen
Dr. Hermann Scheer
Siegfried Scheffler
Horst Schild
Otto Schily
Horst Schmidbauer

(Nürnberg)


Ulla Schmidt (Aachen)

Silvia Schmidt (Eisleben)

Dagmar Schmidt (Meschede)

Wilhelm Schmidt (Salzgitter)

Heinz Schmitt (Berg)

Carsten Schneider
Walter Schöler
Olaf Scholz
Karsten Schönfeld
Fritz Schösser
Wilfried Schreck
Gerhard Schröder
Gisela Schröter
Brigitte Schulte (Hameln)

Reinhard Schultz

(Everswinkel)


Swen Schulz (Spandau)

Dr. Angelica Schwall-Düren
Dr. Martin Schwanholz

Rolf Schwanitz
Erika Simm
Dr. Sigrid Skarpelis-Sperk
Dr. Cornelie Sonntag-
Wolgast

Wolfgang Spanier
Dr. Margrit Spielmann
Jörg-Otto Spiller
Dr. Ditmar Staffelt
Ludwig Stiegler
Rolf Stöckel
Christoph Strässer
Rita Streb-Hesse
Dr. Peter Struck
Joachim Stünker
Jörg Tauss
Jella Teuchner
Dr. Gerald Thalheim
Wolfgang Thierse
Franz Thönnes
Hans-Jürgen Uhl
Rüdiger Veit
Simone Violka
Jörg Vogelsänger
Ute Vogt (Pforzheim)

Dr. Marlies Volkmer
Hans Georg Wagner
Hedi Wegener
Andreas Weigel
Petra Weis
Reinhard Weis (Stendal)

Matthias Weisheit
Gunter Weißgerber
Gert Weisskirchen

(Wiesloch)


Dr. Ernst Ulrich von
Weizsäcker

Jochen Welt
Dr. Rainer Wend
Lydia Westrich
Inge Wettig-Danielmeier
Dr. Margrit Wetzel
Andrea Wicklein
Jürgen Wieczorek (Böhlen)

Heidemarie Wieczorek-Zeul
Dr. Dieter Wiefelspütz
Brigitte Wimmer (Karlsruhe)

Engelbert Wistuba
Barbara Wittig
Dr. Wolfgang Wodarg
Verena Wohlleben
Waltraud Wolff

(Wolmirstedt)


Heidi Wright
Uta Zapf
Manfred Helmut Zöllmer
Dr. Christoph Zöpel
BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN
Kerstin Andreae
Marieluise Beck (Bremen)

Volker Beck (Köln)

Cornelia Behm
Birgitt Bender
Matthias Berninger
Grietje Bettin
Alexander Bonde
Ekin Deligöz
Dr. Thea Dückert

Jutta Dümpe-Krüger
Franziska Eichstädt-Bohlig
Dr. Uschi Eid
Hans-Josef Fell
Joseph Fischer (Frankfurt)

Katrin Dagmar Göring-
Eckardt

Anja Hajduk
Winfried Hermann
Antje Hermenau
Peter Hettlich
Ulrike Höfken
Thilo Hoppe
Michaele Hustedt
Fritz Kuhn
Renate Künast
Markus Kurth
Undine Kurth (Quedlinburg)

Dr. Reinhard Loske
Anna Lührmann
Jerzy Montag
Kerstin Müller (Köln)

Winfried Nachtwei
Christa Nickels
Friedrich Ostendorff
Simone Probst
Claudia Roth (Augsburg)

Krista Sager
Christine Scheel
Irmingard Schewe-Gerigk
Rezzo Schlauch
Albert Schmidt (Hitzhofen)

Werner Schulz (Berlin)

Petra Selg
Ursula Sowa
Rainder Steenblock
Silke Stokar von Neuforn
Hans-Christian Ströbele
Jürgen Trittin
Marianne Tritz
Hubert Ulrich
Dr. Antje Vogel-Sperl
Dr. Antje Vollmer
Dr. Ludger Volmer
Josef Philip Winkler
Margareta Wolf (Frankfurt)


Nein
CDU/CSU
Ulrich Adam
Ilse Aigner
Peter Altmaier
Dietrich Austermann
Norbert Barthle
Dr. Wolf Bauer
Günter Baumann
Ernst-Reinhard Beck

(Reutlingen)


Veronika Bellmann
Dr. Christoph Bergner
Otto Bernhardt
Dr. Rolf Bietmann
Clemens Binninger
Peter Bleser
Antje Blumenthal
Dr. Maria Böhmer
Jochen Borchert
Wolfgang Börnsen

(Bönstrup)


Wolfgang Bosbach
Dr. Wolfgang Bötsch
Klaus Brähmig
Dr. Ralf Brauksiepe
Helge Braun
Monika Brüning
Georg Brunnhuber
Verena Butalikakis
Hartmut Büttner

(Schönebeck)


Cajus Caesar
Manfred Carstens (Emstek)

Peter H. Carstensen

(Nordstrand)


Gitta Connemann
Leo Dautzenberg
Hubert Deittert
Albert Deß
Alexander Dobrindt
Vera Dominke
Thomas Dörflinger
Marie-Luise Dött
Rainer Eppelmann
Georg Fahrenschon
Ilse Falk
Dr. Hans Georg Faust
Albrecht Feibel
Enak Ferlemann
Ingrid Fischbach
Hartwig Fischer (Göttingen)

Dirk Fischer (Hamburg)

Axel E. Fischer

(Karlsruhe-Land)


Dr. Maria Flachsbarth
Klaus-Peter Flosbach
Herbert Frankenhauser
Dr. Hans-Peter Friedrich

(Hof)


Erich G. Fritz
Jochen-Konrad Fromme
Dr. Michael Fuchs
Hans-Joachim Fuchtel
Dr. Peter Gauweiler
Dr. Jürgen Gehb
Norbert Geis
Roland Gewalt
Eberhard Gienger
Georg Girisch
Michael Glos
Ralf Göbel
Dr. Reinhard Göhner
Tanja Gönner
Josef Göppel
Peter Götz
Dr. Wolfgang Götzer
Ute Granold
Kurt-Dieter Grill
Reinhard Grindel
Hermann Gröhe
Michael Grosse-Brömer
Markus Grübel
Manfred Grund
Karl-Theodor Freiherr von
und zu Guttenberg

Olav Gutting
Holger Haibach
Gerda Hasselfeldt
Klaus-Jürgen Hedrich
Helmut Heiderich
Ursula Heinen
Siegfried Helias


(A)



(B)



(C)



(D)





Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
Uda Carmen Freia Heller
Michael Hennrich
Jürgen Herrmann
Bernd Heynemann
Ernst Hinsken
Peter Hintze
Robert Hochbaum
Klaus Hofbauer
Martin Hohmann
Joachim Hörster
Hubert Hüppe
Susanne Jaffke
Dr. Peter Jahr
Dr. Egon Jüttner
Bartholomäus Kalb
Steffen Kampeter
Irmgard Karwatzki
Bernhard Kaster
Volker Kauder
Siegfried Kauder

(Bad Dürrheim)


Gerlinde Kaupa
Eckart von Klaeden
Jürgen Klimke
Julia Klöckner
Kristina Köhler
Manfred Kolbe
Norbert Königshofen
Hartmut Koschyk
Thomas Kossendey
Rudolf Kraus
Michael Kretschmer
Günther Krichbaum
Günter Krings
Dr. Martina Krogmann
Dr. Hermann Kues
Werner Kuhn (Zingst)

Dr. Norbert Lammert
Barbara Lanzinger
Karl-Josef Laumann
Vera Lengsfeld
Werner Lensing
Peter Letzgus
Walter Link (Diepholz)

Eduard Lintner
Dr. Klaus W. Lippold

(Offenbach)


Patricia Lips
Dr. Michael Luther
Dorothee Mantel
Erwin Marschewski

(Recklinghausen)


Stephan Mayer (Altötting)


Cornelia Mayer

(Baiersbronn)


Dr. Martin Mayer

(Siegertsbrunn)


Wolfgang Meckelburg
Dr. Michael Meister
Dr. Angela Merkel
Friedrich Merz
Laurenz Meyer (Hamm)

Doris Meyer (Tapfheim)

Maria Michalk
Hans Michelbach
Klaus Minkel
Marlene Mortler
Dr. Gerd Müller
Hildegard Müller
Stefan Müller (Erlangen)

Bernward Müller (Gera)

Bernd Neumann (Bremen)

Claudia Nolte
Günter Nooke
Dr. Georg Nüßlein
Franz Obermeier
Melanie Oßwald
Eduard Oswald
Rita Pawelski
Dr. Peter Paziorek
Ulrich Petzold
Dr. Joachim Pfeiffer
Sibylle Pfeiffer
Dr. Friedbert Pflüger
Beatrix Philipp
Ronald Pofalla
Ruprecht Polenz
Daniela Raab
Thomas Rachel
Hans Raidel
Helmut Rauber
Christa Reichard (Dresden)

Katherina Reiche
Hans-Peter Repnik
Klaus Riegert
Dr. Heinz Riesenhuber
Hannelore Roedel
Franz Romer
Heinrich-Wilhelm Ronsöhr
Dr. Klaus Rose
Dr. Norbert Röttgen
Dr. Christian Ruck
Volker Rühe
Albert Rupprecht (Weiden)

Peter Rzepka
Anita Schäfer (Saalstadt)

Dr. Wolfgang Schäuble
Hartmut Schauerte

Andreas Scheuer
Norbert Schindler
Georg Schirmbeck
Bernd Schmidbauer
Christian Schmidt (Fürth)

Andreas Schmidt (Mülheim)

Dr. Andreas Schockenhoff
Dr. Ole Schröder
Bernhard Schulte-Drüggelte
Uwe Schummer
Wilhelm Josef Sebastian
Horst Seehofer
Kurt Segner
Matthias Sehling
Marion Seib
Heinz Seiffert
Bernd Siebert
Thomas Silberhorn
Johannes Singhammer
Jens Spahn
Erika Steinbach
Christian Freiherr von
Stetten

Gero Storjohann
Andreas Storm
Max Straubinger
Matthäus Strebl
Thomas Strobl (Heilbronn)

Michael Stübgen
Michaela Tadjadod
Antje Tillmann
Edeltraut Töpfer
Dr. Hans-Peter Uhl
Arnold Vaatz
Volkmar Uwe Vogel
Angelika Volquartz
Andrea Astrid Voßhoff
Gerhard Wächter
Marco Wanderwitz
Peter Weiß (Emmendingen)

Gerald Weiß (Groß-Gerau)

Ingo Wellenreuther
Annette Widmann-Mauz
Klaus-Peter Willsch
Willy Wimmer (Neuss)

Werner Wittlich
Dagmar Wöhrl
Elke Wülfing
Wolfgang Zeitlmann
Wolfgang Zöller
Willi Zylajew
FDP
Daniel Bahr (Münster)

Rainer Brüderle

Ernst Burgbacher
Jörg van Essen
Ulrike Flach
Horst Friedrich (Bayreuth)

Rainer Funke
Dr. Wolfgang Gerhardt
Hans-Michael Goldmann
Joachim Günther (Plauen)

Dr. Karlheinz Guttmacher
Christoph Hartmann

(Homburg)


Klaus Haupt
Birgit Homburger
Dr. Werner Hoyer
Dr. Heinrich L. Kolb
Gudrun Kopp
Jürgen Koppelin
Wolfgang Kubicki
Sibylle Laurischk
Harald Leibrecht
Ina Lenke
Sabine Leutheusser-
Schnarrenberger

Markus Löning
Dirk Niebel
Günther Friedrich Nolting
Hans-Joachim Otto

(Frankfurt)


Eberhard Otto (Godern)

Detlef Parr
Gisela Piltz
Dr. Andreas Pinkwart
Dr. Günter Rexrodt
Marita Sehn
Dr. Hermann Otto Solms
Dr. Max Stadler
Dr. Rainer Stinner
Carl-Ludwig Thiele
Dr. Dieter Thomae
Jürgen Türk
Dr. Guido Westerwelle
Dr. Claudia Winterstein
fraktionslos
Dr. Gesine Lötzsch
Petra Pau

Enthalten
SPD
Ottmar Schreiner


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Das Wort hat jetzt der Kollege Horst Seehofer,
CDU/CSU-Fraktion.


Horst Seehofer (CSU):
Rede ID: ID1501107000

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Her-

ren! Über 4 Millionen Menschen erbringen täglich als
Mediziner, als Pflegekräfte, als Zahntechniker, als Apo-
theker einen humanen und sehr kompetenten Dienst für
die kranken Menschen. Die Bundesgesundheitsministerin

stellt sich aber hier vor die deutsche Öffentlichkeit und er-
klärt, das Hauptproblem des deutschen Gesundheitssystems
sei, dass die Qualität dieser Tätigkeiten mangelhaft sei.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Das ist eine Schande, Frau Ministerin. Ich fordere Sie auf,
diese Beleidigung der Beschäftigten im Gesundheitssys-
tem künftig zu unterlassen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP – Peter Dreßen [SPD]: Er hat nicht zugehört! – Weitere Zurufe von der SPD: Unmöglich! – Billige Tricks!)





Horst Seehofer

Meine Damen und Herren, die Täuschung beginnt bei
den Begriffen. Mit „Beitragssatzsicherung“ wird sugge-
riert, die bestehenden Beiträge würden stabilisiert. Das
Gegenteil findet heute statt.


(Dr. Dieter Thomae [FDP]: So ist es!)

Der Rentenversicherungsbeitrag steigt von 19,1 auf
19,5 Prozent, der Krankenversicherungsbeitrag von
14,0 auf 14,3 Prozent. Hinzu kommt eine massive Er-
höhung der Beitragsbemessungsgrenzen, eine gigantische
Abgabenerhöhung in bisher nicht gekanntem Ausmaß


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Wohl wahr! – Zuruf von der SPD: Was?)


und eine Erhöhung der Arbeitskosten, die Jobs vernich-
tet und Einnahmeausfälle von morgen erzeugt. Allein
dieses Beitragssatzsicherungsgesetz, das in Wahrheit ein
Beitragserhöhungsgesetz ist, zeigt: Diese Regierung löst
nicht Probleme, sondern diese Regierung ist das Pro-
blem.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Eine klägliche Rolle haben in den letzten Tagen die
Grünen gespielt. Sie predigen pausenlos Nachhaltigkeit
und knicken – wie immer in den letzten Jahren – ein. Kei-
nes der bestehenden Probleme wird gelöst, sondern sie
werden in die Zukunft verschoben und damit der nachfol-
genden Generation aufgebürdet. Das ist genau das Ge-
genteil einer nachhaltigen Gesellschaftspolitik.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Widerspruch der Abg. Krista Sager [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])


Frau Schmidt, ich kann ja verstehen, dass Sie zur Rente
und zur gesetzlichen Altersversicherung, also zu dem Be-
reich, in dem Sie das größte Desaster angerichtet


(Albert Schmidt [Hitzhofen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Sie haben uns 20,3 Prozent hinterlassen!)


und in dem Sie allein durch Ihre Politik der letzten Tage
und Wochen die größten Sorgen und Zukunftsängste aus-
gelöst haben,


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Kein einziges Wort!)


vor der Verabschiedung des Gesetzes keinen Satz gesagt
haben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Unglaublich!)


Ich kann das verstehen; denn alles, was wir hier erlebt ha-
ben, ist ein Tollhaus und ein Trauerspiel.

Die Sachverständigen haben am Mittwoch die Situa-
tion zutreffend beschrieben. Diese Maßnahmen bei der
Rentenversicherung stellen letztlich nur konzeptionslose
Notoperationen dar und stehen im Widerspruch zu einer
verlässlichen und langfristig orientierten Rentenpolitik.


(Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Recht haben sie!)


Zur ehemaligen Riester-Rente – das Produkt gibt es ja
nicht mehr; dieser Begriff muss sozusagen verschrottet
werden –


(Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Der geht jetzt in Rente!)


haben die Sachverständigen gesagt, das komplizierte Ge-
setzeswerk führe dazu, dass der Anleger und selbst die Fi-
nanzberater Schwierigkeiten hätten, alle Fördermöglich-
keiten und Förderkombinationen zu überblicken.

Ich habe vor kurzem eine Veranstaltung in Rheinland-
Pfalz besucht. Als ich abends ins Hotel zurückgekehrt bin,
haben mich zwei junge Leute gefragt, ob sie noch kurz mit
mir reden könnten. Sie hatten ausschließlich Fragen zur
Riester-Rente und deren Anwendung. Nach dem Ge-
spräch habe ich ihnen die Frage gestellt, was sie beruflich
machen. Ihre Antwort war, dass sie Versicherungsberater
bei einer Bank bzw. Berater bei einer Versicherung sind.
Das zeigt, dass meine Feststellung „Herr Riester ist ein
begnadeter Murkser“ durch die Realität bestätigt wurde.
Frau Schmidt setzt diese Tradition von Herrn Riester gna-
denlos fort. Es ist Murks!


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Murks und ein Tollhaus: Erst geben Sie falsche Pro-

gnosen über die Situation der Rentenversicherung ab,
dann machen Sie unhaltbare Wahlversprechen hinsicht-
lich der Alterssicherung.


(Erika Lotz [SPD]: Das müssen Sie gerade sagen!)


Schließlich entwerfen Sie ein Gesetz, das widersinnige
Notoperationen enthält und das Sie heute mit Ihrer Mehr-
heit verabschieden. Zu guter Letzt soll eine Kommission
eingesetzt werden, die all diese Fehler wieder ausbügeln
soll. Der Vorsitzende der Kommission soll derjenige Wis-
senschaftler werden, der in der Öffentlichkeit erklärt hat,
dass die Riester-Rente eine Jahrhundertreform sei. Das
zeigt, dass es zugeht wie im Tollhaus.

Die Alternative ist klar; sie stand schon 1998 im Bun-
desgesetzblatt. Der Kardinalfehler dieser Regierung war,
dass sie unsere Rentenreform aus dem Jahre 1998 zurück-
genommen hat.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Wenn sie das nicht getan hätten, wäre die Rentenversi-
cherung nicht in dieser akuten Finanzkrise.


(Widerspruch bei der SPD)

Hauptbestandteil der damaligen Rentenreform war die

Einführung des demographischen Faktors. An die
Adresse der Grünen will ich sagen: Dieser Faktor ist ge-
nau die Antwort auf die Frage, die Sie in den letzten Ta-
gen immer zu Recht gestellt haben:


(Albert Schmidt [Hitzhofen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Aber Sie haben 20,3 Prozent Rentenbeitrag hinterlassen! Das war Ihre Hinterlassenschaft!)


Wie verteilen wir die finanzielle Last, die aus der verän-
derten Altersstruktur unserer Bevölkerung erwächst?
1960 gab es noch vier Beitragszahler auf einen Rentner.


(A)



(B)



(C)



(D)


700


(A)



(B)



(C)



(D)






Im Moment beträgt das Verhältnis zwei zu eins. In 25 Jah-
ren wird es ein Verhältnis von eins zu eins sein. Deshalb
muss die Politik die Antwort auf die Frage geben, wer die
finanziellen Lasten trägt, die sich aus der veränderten Al-
tersstruktur und aus der längeren Rentenlaufzeit aufgrund
einer steigenden Lebenserwartung ergeben.

Diese Antwort haben wir 1998 im Bundestagswahl-
kampf gegeben. Mit der Einführung des demographi-
schen Faktors wollten wir die finanziellen Lasten aus der
steigenden Lebenserwartung gerecht auf die ältere und
auf die junge Generation verteilen. Auch die ältere Gene-
ration hat nämlich ein Interesse daran, dass ihre Kinder
nicht immer durch ständig steigende Beiträge überfordert
werden. Wir haben in der Rentenformel den demographi-
schen Faktor berücksichtigt, um Verlässlichkeit in der Al-
terssicherung zu schaffen. Wir haben ihn der Bevölkerung
im Wahlkampf 1998 erklärt. Ihr Fehler bestand darin, die-
ses Gesetz zurückgenommen zu haben. Jetzt müssen Sie
Ihren großen Fehler ausbaden, den Sie vor vier Jahren be-
gangen haben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Was Sie machen, wird zur Fortsetzung der Unruhe in

der Rentenversicherung beitragen.

(Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Fünf Jahre verloren!)

Sie umkurven seit vier Jahren mit aller Konsequenz den
demographischen Faktor, weil Sie Ihren Fehler nicht ein-
gestehen wollen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: So ist es!)

Ein Jahr nach der Bundestagswahl haben Sie ins Ge-

setz geschrieben, dass die Renten gekürzt werden. Sie ha-
ben diese Regelung unter der Annahme geschaffen, dass
100 Prozent der Menschen private Altersvorsorge betrei-
ben.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das ist aber nicht der Fall!)


Nun machen es von 40 Millionen Berechtigten aber nur
2Millionen. Deshalb handelt es sich um einen Willkürakt,
der am 1. Juli des nächsten Jahres bei der Rentenanpas-
sung ansteht.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: So ist es! – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Deshalb hat Frau Schmidt zu diesem Thema geschwiegen!)


Sie werden ein großes Jammern über die Rentenanpas-
sung im nächsten Jahr erleben. Sie haben das Vertrauen
der Bevölkerung in die Verlässlichkeit unserer Alterssi-
cherung zerstört.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Die Alternative ist die Wiedereinführung der demogra-
phischen Formel. Wenn wir diese seit 1999 gehabt hätten,
wäre ein Großteil der Alterslast bewältigt.

Wir brauchen darüber hinaus eine Reform der Riester-
Rente. Dieses Produkt, das am 1. Januar auf den Markt ge-
kommen ist, ist viel zu bürokratisch und die Förderung ist
viel zu ungerecht. Frau Bender, ich danke Ihnen, dass Sie
in diesen Tagen öffentlich erklärt haben: „Wir brauchen

eine Reform der Riester-Rente.“ Noch vor acht Wochen,
im Wahlkampf, war dies Panikmache. Jetzt hat Sie die
Realität eingeholt. Ich gratuliere Ihnen dazu.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Lassen Sie mich jetzt noch etwas sagen zu der aktuel-

len Diskussion um die Verlängerung der Lebensar-
beitszeit. Es war unsere Entscheidung – Sie haben diese
Regelung, die wir eingeführt haben, 1998 bekämpft, sie
letztlich aber im Gesetz belassen –, dass bei einem vor-
zeitigen Renteneintritt ein versicherungsmathematischer
Abschlag erfolgt, damit nicht diejenigen, die weiter ar-
beiten, die Renten von Frühpensionären mitzufinanzieren
haben. Das steht im Gesetz und das halten wir auch für
richtig. Schritt für Schritt wird sich so – Kollege Merz hat
das heute gesagt – das tatsächliche Renteneintrittsalter
nach oben entwickeln. Wir wollen allerdings, dass Sie
endlich Ihren Widerstand dagegen aufgeben, dass eine an-
dere Gruppe von Menschen ebenfalls einen Abschlag hin-
nehmen muss, nämlich diejenigen, die 45 Jahre und län-
ger Beiträge für diese Solidargemeinschaft entrichtet
haben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Angesichts dessen halte ich die Diskussion über die

Verlängerung der Lebensarbeitszeit über das 65. Lebens-
jahr hinaus, die jetzt öffentlich stattfindet, für geradezu
lächerlich.


(Peter Dreßen [SPD]: Wer macht die denn? Ihr! – Birgitt Bender [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ist doch nicht unser Vorschlag! – Krista Sager [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das kommt doch von Ihnen!)


Lassen Sie uns doch erst einmal das machen, was ich ge-
rade beschrieben habe! Es ist unglaubwürdig, wenn der
Vorsitzende der von Ihnen berufenen Kommission erklärt,
eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit über das 65. Le-
bensjahr hinaus sei unumgänglich, obwohl gerade ein Ge-
setz verabschiedet wurde, mit dem die Regierung die über
55-Jährigen generell aus dem Arbeitsmarkt herausnimmt.
Das ist doch widersinnig.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Und an die Adresse der deutschen Wirtschaft sage ich:

Wer öffentlich für die Verlängerung der Lebensarbeitszeit
über das 65. Lebensjahr hinaus eintritt, kann nicht im all-
täglichen Handeln die über 50-Jährigen entlassen bzw.
sich deren Wiedereinstellung verschließen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Peter Dreßen [SPD]: Richtig!)


Wenn in der Zukunft die Verlängerung der Lebensar-
beitszeit erforderlich sein sollte, dann bin ich dafür, dass
wir am Beginn des Arbeitslebens ansetzen, nämlich in-
dem wir die Ausbildungszeiten verkürzen und dafür sor-
gen, dass unsere jungen Leute nicht erst durchschnittlich
mit dem 28. Lebensjahr in das Arbeitsleben eintreten. Das
wäre der richtige Ansatzpunkt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Einführung des Demographiefaktors, Beibehaltung

des Renteneintrittsalters, Streichung des Abschlags für

Horst Seehofer




Horst Seehofer
diejenigen, die 45 Jahre und länger eingezahlt haben, so-
wie eine radikale Reform der privaten Altersvorsorge und
der Betriebsrente – das ist das, was jetzt geschehen muss.

Im Übrigen: Noch mehr Leute in die gesetzliche Ren-
tenversicherung zu zwingen, würde nur dann etwas brin-
gen, wenn jene aufgenommen würden, die mehr einzah-
len, als sie herausbekommen. Nun wissen wir, dass die
Beamten eine in diesem Sinne ungünstige Altersstruktur
haben: Zwei Drittel sind 40 Jahre oder älter, nur ein Drit-
tel ist jünger als 40. Wer diese Gruppe in die gesetzliche
Rentenversicherung aufnehmen will, verschärft die Pro-
bleme dieses Umlagesystems. Allerdings ist es ohnehin
unlogisch, noch mehr Menschen in ein sanierungsbedürf-
tiges System aufnehmen zu wollen, wenn dieses bereits in
Schwierigkeiten ist. Besser wäre es, wenn alle anderen
eine private Altersvorsorge betreiben würden. Das wäre
die richtige Antwort.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Jetzt zur Krankenversicherung. Frau Schmidt, Sie

werden das Kunststück fertigbringen – da gehe ich jede
Wette ein –, als erste Ministerin in der Geschichte der deut-
schen Gesundheitspolitik überhaupt drei Negativziele
gleichzeitig zu erreichen: Die Qualität der medizinischen
Versorgung wird sinken, die wirtschaftlichen Grundlagen
vieler Leistungserbringer werden zerstört werden und die
Beiträge werden gleichwohl steigen. Dieses Kunststück,
alle theoretisch denkbaren Negativwirkungen gleichzeitig
zu erreichen, hat im Ministeramt noch nicht einmal Walter
Riester fertig gebracht – Ulla Schmidt ist die Erste, der das
gelungen ist.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Jetzt wird von den Apothekern, den Pflegekräften, den

Zahntechnikern und von der gesamten Ärzteschaft ein
Sonderopfer verlangt.

Gerade habe ich eine persönliche Erklärung von Abge-
ordneten der SPD auf das Pult gelegt bekommen, die die
ganze Heuchelei dieser Diskussion beweist. Diese Abge-
ordneten sagen:

Es ist nicht hinnehmbar, dass dieser Bereich des
Handwerks

– gemeint sind die Zahntechniker –
gleichzeitig durch eine Mehrwertsteuererhöhung
und außerdem durch eine gesetzliche Absenkung sei-
ner Preise um 5 Prozent belastet werden soll.

Jetzt kommt es:
Dabei würde unserer Meinung nach in Kauf ge-
nommen, dass hier zahlreiche Arbeits- und Ausbil-
dungsplätze in Handwerksbetrieben zerstört oder
zumindest gefährdet werden und dass es zu erheb-
lichen Abwanderungsprozessen und zu einer weite-
ren Stärkung von Grauimporten bei Zahnersatz
kommt.

Wenn man das liest, denkt man, dass diese Abgeordne-
ten konsequent sein und sagen müssten: Wir stimmen
nicht zu, weil wir nicht die Verantwortung dafür mittragen
wollen, dass durch eine solch stümperhafte Politik mas-
senhaft Arbeitsplätze zertrümmert werden.

Sie aber sagen:
Obwohl wir diese Bedenken haben, stimmen wir
dem Gesetz zu.

(Heiterkeit bei der CDU/CSU und der FDP)


Das zeigt die ganze Heuchelei.
Eine zweite Heuchelei: Im gesamten Wahlkampf ist

unser Vorschlag, Versicherten Wahlleistungen zu ermög-
lichen und über den Leistungskatalog und die Leistungs-
konditionen mitentscheiden zu können, kritisiert worden.
Es hieß dann immer: Jetzt kommt die Auflösung der Soli-
dargemeinschaft. Bei jedem Fernsehgespräch, bei jedem
Streitgespräch war dies ein Gegenargument von Frau
Schmidt, wobei diese Möglichkeit für mich ein Stück
mehr Freiheit und ein Stück mehr Selbstbestimmung der
Versicherten bedeuten würde.


(Klaus Kirschner [SPD]: Das geht doch gar nicht in der gesetzlichen Krankenversicherung!)


Jetzt halbiert die Regierung das Sterbegeld und just zur
gleichen Zeit bekomme ich von der Vereinten Dienstleis-
tungsgewerkschaft, Verdi e. V., einen Brief. Darin wird das
Angebot einer Sterbegeldversicherung gemacht. Hierzu
gehören auch Angebote zur Vorsorge. Sie schreibt, dass
keine Gesundheitsprüfung nötig ist, bis zum 90. Lebens-
jahr aufgenommen wird und bis zu 2 500 Euro ausgezahlt
werden. Das Angebot gelte auch für Familienangehörige.
Für diese Sterbegeldversicherung seien günstige Beiträge
zu zahlen.

Das ist genau der Gedanke, den wir immer vertreten
haben. Wir wollen den Menschen die Möglichkeit eröff-
nen, Leistungen zu wählen und dafür einen geringeren
Beitrag zu zahlen. Den verordnet die Regierung jetzt per
Gesetz – das hat sie noch im Wahlkampf kritisiert – und
die Gewerkschaften, die die Regierung unterstützt haben,
machen Angebote zum Abschluss einer Sterbegeldversi-
cherung. Was ist das für eine Glaubwürdigkeit?


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: So weit sind wir genommen!)


Ich sage Ihnen: Arbeitsplätze werden zertrümmert. Die
Qualität der Versorgung wird durch die Budgetierungen
zurückgehen und die Beiträge werden trotzdem steigen.

Wenn ich einem Krankenhausmanager einen Rat geben
dürfte, dann würde ich sagen: Melden Sie sich bis zum
15. Dezember dieses Jahres für die Abrechnung über
Fallpauschalen an. Denn wenn er das tut, dann gibt es für
sein Krankenhaus keine Nullrunde. Ein Krankenhausma-
nager, der sich jetzt nicht bis zum 15. Dezember zur Ab-
rechnung über Fallpauschalen anmeldet, der begibt sich in
ein haftungsrechtliches Problem.


(Heiterkeit des Abg. Wolfgang Zöller [CDU/CSU])


Denn so schlau, wie der Gesetzgeber auf der linken Seite
ist, sind die Menschen, die die Gesetze vollziehen müs-
sen, schon längst.

Deshalb sagen die Krankenkassen mit Recht – das zeigt
die ganze Stümperhaftigkeit dieses Gesetzeswerks –, dass
aus den im Krankenhausbereich geplanten Einsparungen


(A)



(B)



(C)



(D)


702


(A)



(B)



(C)



(D)






in Höhe von 1 Milliarde Euro Mehrkosten in Höhe von
400Millionen Euro entstehen. Das heißt, wir haben die de-
likate Situation: Für viele im Gesundheitswesen, die der
Nullrunde nicht ausweichen können, gibt es Arbeitsplatz-
abbau und Qualitätsverlust. Bei der anderen Hälfte führt
die Inanspruchnahme von Ausnahmen zu Mehrausgaben
und diese führen wieder zu Beitragserhöhungen. So etwas
hat bisher noch niemand zustande gebracht.

Wenn die Menschen aufgrund dieser Politik auf die
Straße gehen, bezeichnet das Frau Schmidt als unverant-
wortliche Panikmache und der Bundeskanzler als Gejam-
mere. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass die Menschen
in diesem Lande zu einer Erneuerung, zu Reformen bereit
sind. Sie jammern nicht wegen der Erneuerung, wegen
nötiger Reformen oder Veränderungen, sondern deswe-
gen, weil sie noch nie so stümperhaft regiert wurden wie
von dieser rot-grünen Bundesregierung.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501107100

Herr Kollege Seehofer, kommen Sie bitte zum Schluss.


Horst Seehofer (CSU):
Rede ID: ID1501107200

Meine letzten Sätze. – Frau Schmidt, ich fordere Sie zum

Schluss auf: Schauen Sie einmal den Pflegekräften, die am
Brandenburger Tor demonstrieren und um ihre Arbeits-
plätze fürchten, ins Gesicht! Sprechen Sie einmal mit Zahn-
technikern, die unter großen Schwierigkeiten eine ei-
genständige Existenz aufgebaut haben und jetzt den
Treppenwitz erleben, dass Sie die Erstattungen für zahn-
technische Leistungen um 5 Prozent absenken und gleich-
zeitig die Mehrwertsteuer verdoppeln, damit Eichel seinen
Bundeshaushalt sanieren kann. Die Krankenversicherungs-
beiträge sind nicht dazu da, dass der Bundesfinanzminister
seinen Haushalt in Ordnung bringt, sondern sie dienen dazu,
dass die kranken Menschen in diesem Lande versorgt wer-
den. Kümmern Sie sich wieder um die kranken Menschen!


(Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU – Beifall bei der FDP)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501107300

Zu einer Kurzintervention erteile ich dem Kollegen

Dr. Wolfgang Wodarg von der SPD-Fraktion das Wort.

(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Gebt ihm doch mal Redezeit, damit er ruhig ist! – Abg. Dr. Wolfgang Wodarg [SPD] begibt sich zum Rednerpult)


– Ich bitte Sie, Herr Wodarg, die Kurzintervention von
Ihrem Platz aus zu machen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Er hat bestimmt unterschrieben! – Dr. Dieter Thomae [FDP]: Er ist einer derjenigen!)



Dr. Wolfgang Wodarg (SPD):
Rede ID: ID1501107400

Herr Seehofer, dass Sie das hier sagen, macht mich wü-

tend. Ich will Ihnen einmal den Rest des Absatzes vorle-
sen, den Sie eben zitiert haben. Da steht:

Bereits während der Zeit der Kohl-Regierung
– das war die Zeit, zu der Sie Gesundheitsminister waren –

kam es in diesem Handwerksbereich
– der Zahntechniker –

zu erheblichen wirtschaftlichen Belastungen durch
eine zweimalige gesetzliche Preisabsenkung sowie
durch einen Nachfrageeinbruch nach Einführung
von Festzuschüssen für Zahnersatz.

25 Prozent der in diesem Handwerk Tätigen haben durch
Ihre Festbeträge ihren Job verloren.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Und da müssen Sie jetzt noch 5 Prozent draufsetzen? Was ist das für eine Logik?)


Das hat dazu geführt, dass die Leute Angst um ihren
Arbeitsplatz hatten. Wenn Sie jetzt hier so etwas sagen,
dann ist das sehr heuchlerisch und zynisch. Das müssen
wir in diesem Hause mitteilen.

Zu einem anderen Punkt, zu dem ich mich während Ih-
rer Rede gemeldet hatte, bei dem Sie aber Angst hatten,
gestört zu werden.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Angst vor Ihnen? Lachhaft!)


Sie haben die Ministerin gebeten, sich dafür zu ent-
schuldigen, dass sie von schlechter Qualität gespro-
chen hat. Sie hat von schlechter Qualität gesprochen im
Zusammenhang mit zu viel gemachten Röntgenauf-
nahmen,


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Nein! Sie machen beim Zuhören Fehler!)


mit mangelnder Prävention, mit dem System. Sie haben
die ganze Zeit von dieser schlechten Qualität gewusst,
aber nichts getan. Wir haben durch unsere Gesetze in der
vorigen Legislaturperiode bereits dafür gesorgt, dass da-
rangegangen werden kann. Wir sind nicht zufrieden da-
mit, dass die Regelungen von der Selbstverwaltung bisher
nicht umgesetzt wurden; das muss unverzüglich gesche-
hen. Aber Sie haben die ganzen Jahre nichts gemacht und
sich an jeder Röntgenaufnahme, die zu viel gemacht
wurde, mitschuldig gemacht.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Den Leuten ging es besser und sie mussten weniger Beitrag zahlen!)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501107500

Nur zur Information einiger Kollegen: In § 27 Abs. 2

der Geschäftsordnung finden Sie ausgeführt, dass Zwi-
schenbemerkungen vom Saal aus gemacht werden.


(Rudolf Bindig [SPD]: Eben hat Herr Göhner auch von vorn gesprochen! – Gegenruf des Abg. Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das war ein anderer Präsident! – Franz Thönnes [SPD]: Das wird der Präsident mit den Kollegen beraten!)


Horst Seehofer




Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
– Ich erkläre Ihnen doch nur die Geschäftsordnung.

Herr Kollege Seehofer, Sie haben das Wort.


Horst Seehofer (CSU):
Rede ID: ID1501107600

Herr Kollege Wodarg, die Frau Ministerin hat ein-

deutig gesagt: Das Hauptproblem der deutschen Kran-
kenversicherung ist nicht das Geld, sondern die Qua-
lität.


(Dr. Dieter Thomae [FDP]: Jawohl, so war es!)

Niemand wird bestreiten wollen, dass es da und dort noch
Möglichkeiten der Qualitätsverbesserung gibt. Das ist ein
ständiger Prozess. Aber hier im Deutschen Bundestag in
dieser Pauschalität 4 Millionen Beschäftigten im Gesund-
heitswesen zu sagen, das Hauptproblem sei die Qualität
ihres Tuns, ist eine Unverschämtheit.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Herr Wodarg, auch wir haben Sparmaßnahmen aufge-

legt. Bei den Zahntechnikern war es immer in einer
Boomphase, in der wir den Zuwachs begrenzt oder Ein-
sparopfer abgefordert haben. Sie aber gehen in einer Zeit
an das zahntechnische Handwerk heran, in der die Ausga-
ben für Zahnersatz in der gesetzlichen Krankenversiche-
rung seit vier Jahren nachweislich rückläufig sind. Des-
halb sind die Zahntechniker nicht selber die Verursacher
ihres Problems, sondern Sie sind die Verursacher durch
die Verschiebebahnhöfe der vergangenen vier Jahre. Wie
können Sie den Zahntechnikern erklären, dass Sie sie auf
der einen Seite in ihrer Existenz gefährden und auf der an-
deren Seite die deutsche Krankenversicherung mit dem
Gesetz von heute wieder mit 1,5 Milliarden Euro belas-
ten? Das ist unfair; denn Sie können nicht der Kranken-
versicherung finanzielle Probleme auflasten und dann die
Menschen, die in den letzten Jahren nicht zu Ausgaben-
steigerungen beigetragen haben, zu einem Sonderopfer
heranziehen. Das geht nicht.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Die Zahntechniker bringen ein doppeltes Sonderopfer:

für Eichel und durch die Senkung der Bewertung ihrer
handwerklichen Leistungen. Es ist zynisch, Herr Wodarg,
dass Sie trotz der Feststellung in Ihrer persönlichen Er-
klärung, dass Sie die Gefahr des massenhaften Arbeits-
platzabbaus – die erkennen Sie zu Recht – sehen, dem Ge-
setz zustimmen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501107700

Das Wort hat jetzt die Kollegin Birgitt Bender, Bünd-

nis 90/Die Grünen.


Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501107800

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr

Seehofer, wenn Sie hier versuchen, sich zum Anwalt der
Beschäftigen im Gesundheitswesen zu machen, ist das
nicht sehr glaubwürdig.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Doch!)


Sie stellen sich dümmer, als Sie sind.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Sie wissen ganz genau, dass wir in Deutschland mit ho-
hem und höchstem Mitteleinsatz nur mittelmäßige Qua-
lität im Gesundheitswesen erreichen. Das ist keine Frage
des hohen Arbeitseinsatzes und des guten Willens der Be-
teiligten, sondern eine Frage struktureller Mängel. Sie tä-
ten gut daran, sich dem zu stellen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Herr Seehofer, Sie sagen, es ist stümperhaft, bei einem
Rentenbeitragssatz von 19,5 Prozent zu landen. Ich
frage Sie: Was ist dann ein Rentenbeitragssatz von
20,3 Prozent?


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Ohne Ökosteuer! Jetzt sind Sie unredlich!)


Diesen haben wir 1998 vorgefunden. Das war das Erbe
der Regierung Kohl.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Widerspruch bei der CDU/ CSU)


Jetzt schauen wir einmal genauer hin, liebe Kollegin-
nen und Kollegen von der Opposition: Wir haben gehört,
die CDU/CSU wolle nicht zustimmen. Gut, aber auch sie
will niedrigere Beitragssätze. Im Ausschuss hieß es, die
Schwankungsreserve abzusenken wäre ganz falsch. Ge-
rade haben wir gehört, die Ausweitung der Beitrags-
bemessungsgrenze sei auch ganz falsch. Liebe Kolle-
ginnen und Kollegen, wenn das alles falsch ist, landen wir
am 1. Januar 2003 aber bei einem Beitragssatz von
19,9 Prozent.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sie wollten im nächsten Jahr bei 18,7 Prozent sein!)


Jetzt nehmen wir noch Ihre Wahlkampfsprüche – Öko-
steuer gleich K.o.-Steuer – dazu. Die Ökosteuer führt in-
zwischen dazu, dass der Rentenbeitragssatz um 1,6 Pro-
zent niedriger liegt, als er sonst liegen müsste.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Punkte! Wenn Sie Prozente und Beitragssatzpunkte nicht unterscheiden können, sollten Sie aufhören zu reden!)


Jetzt rechnen wir das zusammen: Was macht 19,5 Prozent
plus 1,6 Prozent? Das sind 21,1 Prozent. Das ist der Satz,
auf den wir kämen. Sie haben nichts anderes anzubieten
als zu sagen, da war doch noch etwas mit dem demogra-
phischen Faktor. Den gibt es aber nicht und den können
Sie zum 1. Januar auch gar nicht einführen. Ansonsten be-
ten Sie für den Aufschwung. Das ist als politisches Kon-
zept nicht ernst zu nehmen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sie beten für den Aufschwung! Sie haben überhaupt kein Rezept! Sie spielen auf Zeit, das ist alles!)


Die Entscheidung der Koalition, jetzt mit den genann-
ten Maßnahmen bei einem Beitragssatz von 19,5 Prozent


(A)



(B)



(C)



(D)


704


(A)



(B)



(C)



(D)






zu landen, war kontrovers. Das wissen Sie alle. Aber was
wäre gewesen, wenn sich Rot-Grün zum Beispiel ent-
schieden hätte, die Rentenanhebung um ein halbes Jahr
zu verschieben? Dann hätten wir mit dem Beitragssatz ein
wenig runtergehen können, aber was hätten dann CDU
und CSU getan, Herr Seehofer?


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Unsere Aufgabe ist es nicht, die Regierung zu loben!)


Hätte es dann nicht mit Blick auf das Wählerpotenzial der
Rentnerinnen und Rentner eine Kampagne gegeben? Sie
wären doch die Ersten gewesen, die uns vorgeworfen hät-
ten, wir würden die alten Menschen ausbeuten. Deswegen
lassen wir uns von Ihnen in Sachen Generationengerech-
tigkeit keine Nachhilfe erteilen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Jetzt beuten Sie die jungen Menschen aus! Das ist doch nicht fair! Das ist nicht generationengerecht und auch nicht nachhaltig!)


Seien Sie versichert: Wir werden die Kommission
zur Nachhaltigkeit in den sozialen Sicherungssyste-
men einsetzen. Es wird eine breite gesellschaftliche De-
batte auch über die Fortführung einer Rentenreform ge-
ben.


(Eckart von Klaeden [CDU/CSU]: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis!)


Diese Kommission wird die private Absicherung, die Ge-
nerationengerechtigkeit und die Beitragssenkung im
Blick haben. Dann werden wir sehen, wer bereit ist, die
Zumutungen, die immer mit solchen Reformschritten ver-
bunden sind, zu vertreten.

Für die Grünen jedenfalls gilt: Wir werden niemandem
versprechen, dass allen wohl und niemandem weh getan
wird.


(Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Ha, ha, ha!)

Wir werden notwendige Zumutungen auch formulieren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Nach der Wahl! Nächstes Jahr! Nach den Landtagswahlen! – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Niemandem wohl und allen wehe!)


Damit komme ich zum Gesundheitssparpaket. Man
kann nicht von denjenigen, die zum Sparen herangezogen
werden, Begeisterung erwarten.


(Eckart von Klaeden [CDU/CSU]: Die vor allen Dingen so belogen worden sind!)


Aber wenn man all dies, was ich so höre, wie: die Phar-
maindustrie wandert ab, die Apotheken machen zu, die
Zahntechniker gehen kaputt, die Ärzte – nein, sie
schließen nicht – gehen in den Bummelstreik, die Kran-
kenhäuser entlassen massenweise Personal, addiert,


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Wird die Qualität der Versorgung nicht besser! Das kann man schon einmal feststellen!)


sieht man, wie schwer es in Deutschland ist, nicht alles al-
len zu geben und nicht allen alles zu lassen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Andreas Storm [CDU/CSU]: Blanker Zynismus!)


Es muss möglich sein, Einsparungen vorzunehmen, um
einen Beitragssatzanstieg auf breiter Front zu verhindern;
ein Interesse, das ja auch Sie formulieren.


(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: Aber nicht mit dem Rasenmäher!)


Durch Ihre Jammerarie – Einsparungen ablehnen, aber
Beitragssatzerhöhungen beklagen – entsteht kein politi-
sches Konzept.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Dies ist nur Aktionismus! Das sagt sogar der Sachverständigenrat!)


Wir haben die ursprünglichen Vorschläge im Laufe des
Beratungsprozesses etwas modifiziert


(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: Ach, so nennt man das jetzt!)


und sind damit auch auf Einwände eingegangen. Es gibt
nunmehr eine weite Öffnungsklausel für Krankenhäuser.
Dadurch steigt der Innovationsdruck. Herr Seehofer, es
wundert mich, dass Sie dies beklagen.

Bei den Zahntechnikern sind wir mit den Rabatten he-
runtergegangen. Im Gegenzug haben wir das Sterbegeld
stärker gekürzt.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Was hat denn ein Zahntechniker mit dem Sterbegeld zu tun?)


Schließlich haben wir bei den Apothekern die Rabatt-
staffelung und das Inkassoverfahren bei gleicher Ein-
sparungssumme vereinfacht.


(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: Vereinfacht? Es kapiert trotzdem niemand!)


Das alles ist ein Notprogramm.

(Dr. Dieter Thomae [FDP]: Rationierungs programm!)

Es dient dazu, einen Anstieg der Beitragssätze in der ge-
setzlichen Krankenversicherung auf breiter Front zu ver-
hindern. Ansonsten sage ich: Wir sehen uns bei der De-
batte über die Strukturreform wieder.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501107900

Das Wort hat jetzt der Kollege Dr. Heinrich Kolb von

der FDP-Fraktion.


Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):
Rede ID: ID1501108000

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der

Volksmund würde das, was uns heute von Rot-Grün zur

Birgitt Bender




Dr. Heinrich L. Kolb
Beratung vorgelegt worden ist, mit den drastischen Wor-
ten kommentieren: Lügen haben kurze Beine.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Zuruf von der SPD: Das haben wir ja bei Blüm gesehen!)


Ich will es etwas parlamentarischer ausdrücken:

(Dr. Dieter Thomae [FDP]: Nein, bitte nicht!)


Nur sieben Wochen nach der Bundestagswahl wird Rot-
Grün mit voller Härte von der Realität eingeholt. Nach ei-
nem rot-grünen Wahlkampf des Täuschens und Tarnens
sind die Probleme heute umso drängender und gravieren-
der,


(Zuruf von der SPD: Reden Sie von Möllemann?)


wie die Horrormeldungen der letzten Tage beweisen: Das
Wirtschaftswachstum bricht dramatisch ein!


(Zuruf von der SPD: Wo ist Möllemann?)

Die Steuereinnahmen brechen in zweistelliger Milliar-
denhöhe weg! Die Beiträge zur Renten- und Krankenver-
sicherung explodieren regelrecht!


(Peter Dreßen [SPD]: Das ist alles die Regierung schuld!)


Ich frage Sie, Frau Ministerin: Wann, wenn nicht jetzt,
wäre der Zeitpunkt für längst überfällige Strukturrefor-
men? Sie aber kneifen, wie Sie hier in Ihrer Rede ein-
drucksvoll unter Beweis gestellt haben. Nein, es ist wirk-
lich frustrierend, diesen Kleinmut und diesen
Aktionismus zu beobachten, die die rot-grüne Politik do-
minieren, wo der große Wurf und die strukturelle Reform
vonnöten wären.


(Beifall bei der FDP)

Das Beitragssicherungsgesetz ist nichts anderes als eine
schriftliche Kapitulationserklärung von Rot-Grün ange-
sichts der Finanzprobleme der Renten- und der Kranken-
versicherung.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wenn Sie, Frau Schmidt, hier sagen, die Maßnahmen,
die Sie ergreifen, seien angemessen und ausreichend,
glauben wir Ihnen ebenso wenig wie die Menschen, die
Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. Es ist noch
keine zwei Jahre her, da hat diese Bundesregierung hier
eine Rentenreform verabschiedet, die als Jahrhundert-
werk bezeichnet wurde, und stabile Beiträge von unter
20 Prozent bis zum Jahre 2011 vorausgesagt. Wenn Sie
ehrlich sind, Frau Ministerin Schmidt, dann müssen Sie
zugeben, dass Sie schon heute einen Beitragssatz von
19,9 Prozent erreicht haben, obwohl Sie damals bei Ihrer
Reform für das Jahr 2003 einen Rückgang auf 18,7 Pro-
zent prognostiziert haben. Ich finde es schon bemerkens-
wert, Frau Schmidt, dass Sie mit keinem Wort auf die
Rentenprobleme eingegangen sind.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Sie behandeln die Altersversicherung der Menschen in
diesem Lande wie ein ungeliebtes Findelkind, das Ihnen

vor die Tür gelegt worden ist. Sie sollten sich intensiver
um diese Probleme kümmern.

Obwohl die Rentenversicherung am Tropf ständig stei-
gender Ökosteuern hängt und mittlerweile fast 63 Milli-
arden Euro aus dieser Quelle in die Rentenversicherung
geflossen sind, steht die Rentenversicherung heute vor ei-
ner der schwersten Finanzkrisen ihrer Geschichte. Jetzt
werden die Beiträge kräftig erhöht


(Ulla Schmidt, Bundesministerin: Unsinn!)

– das stimmt, Frau Schmidt; Sie hätten ja vorhin etwas
dazu sagen können –, obwohl die Bundesregierung noch
vor einem Jahr in der Beratung über die Neubemessung
der Schwankungsreserve wörtlich gesagt hat: „Wir dürfen
den Faktor Arbeit nicht verteuern.“ Ist das alles Schnee
von gestern, Frau Ministerin Schmidt? Ich habe dafür
wirklich kein Verständnis. Alles, was Sie machen, hat
nichts mit einer wirklichen Reform der Rentenversiche-
rung zu tun. Ihnen, Frau Schmidt, geht es nur darum, ir-
gendwie über den Winter zu kommen. Die Warnungen der
weitaus meisten Experten in der Anhörung vor negativen
volkswirtschaftlichen Effekten haben Sie einfach igno-
rant in den Wind geschlagen.

Das Echo auf das Beitragssatzsicherungspaket ist ent-
sprechend verheerend. Der Kollege Seehofer hat ja schon
die entsprechende Passage des Gutachtens des Sachver-
ständigenrates zitiert, in der Ihre Maßnahmen als „kon-
zeptionslose Notoperation“ bezeichnet werden und in der
darauf hingewiesen wird, dass sie „im Widerspruch zu ei-
ner verlässlichen, langfristig orientierten Rentenpolitik“
stehen. Das Urteil über die gesundheitspolitischen Maß-
nahmen fällt genauso vernichtend aus. Im Gutachten des
Sachverständigenrates heißt es:

Es ist zu erwarten, dass … auch diese massiven
Staatseingriffe, die als ein konzeptionsloses Herum-
doktern an Symptomen anzusehen sind, nicht geeig-
net sein werden, den Ausgabenanstieg … nachhaltig
zu bremsen und die finanziellen Probleme der gesetz-
lichen Krankenversicherung zu lösen. Eine grund-
legende Reform ist deshalb ohne Alternative.

Das stellt Ihr Sachverständigenrat fest. Vier der fünf Sach-
verständigen sind von der rot-grünen Bundesregierung
bestellt worden. Drei der fünf Mitglieder des Sachver-
ständigenrates sind Mitglieder der SPD. Wenn Sie schon
nicht auf uns hören, wenn wir auf die Probleme hinwei-
sen, dann sollten Sie doch wenigstens auf Ihre eigenen
Parteigenossen hören.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Liebe Kolleginnen und Kollegen von SPD und Grü-

nen, halten Sie inne! Verabschieden Sie die vorliegenden
Gesetzentwürfe heute nicht. Die Erhöhung der Bei-
tragssätze – darum geht es ja in Wahrheit in Ihrem so ge-
nannten Beitragssicherungsgesetz – wird den Faktor Ar-
beit in Deutschland ab dem kommenden Jahr noch teurer
machen. Das heißt, Arbeitsplätze werden unweigerlich
vernichtet. BDAund ZDH sehen dadurch bis zu 250000 Ar-
beitsverhältnisse in Deutschland akut bedroht. Das müsste
Mahnung genug sein.

Das Ganze ist ohnehin hart auf Kante genäht; denn Sie
erwarten ja Lohnsummenzuwächse in Höhe von 2,5 Pro-


(A)



(B)



(C)



(D)


706


(A)



(B)



(C)



(D)






zent. Schon bei 1,5 Prozent wird es eng. Tatsächlich lag
der Lohnsummenzuwachs in diesem Jahr bei 0,3 Prozent.
Deswegen sage ich Ihnen voraus: Spätestens im Oktober
2003 wird die Rentenversicherung auf die Liquiditätshilfe
des Bundes, also auf die Bundesgarantie, zurückgreifen
müssen. Wir werden schon sehr bald hier eine neuerliche
Debatte über die Erhöhung des Beitragssatzes in der ge-
setzlichen Rentenversicherung führen müssen. Wenn wir
nicht länger EU-Berichte über uns ergehen lassen wol-
len, die mit „Germany crawling along“ – auf Deutsch:
Deutschland kriecht weiter – überschrieben sind, dann
sollten Sie jetzt beginnen zu handeln. Auf keinen Fall dür-
fen die von Ihnen vorgelegten Entwürfe in ihrer heutigen
Form verabschiedet werden.

Vielen Dank.

(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501108100

Das Wort hat jetzt der Kollege Peter Dreßen von der

SPD-Fraktion.


Peter Dreßen (SPD):
Rede ID: ID1501108200

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr

Seehofer, ich muss noch ein bisschen bei dem verweilen,
was Sie gesagt haben; denn das, was Sie hier abgelassen
haben, spottet jeder Beschreibung.

Ich möchte einmal die Riester-Reformmit der Blüm-
Reform vergleichen. Damals hat Blüm – das ist richtig –
den demographischen Faktor eingeführt. Er hat sich
aber nur getraut – das wissen wir alle –, ihn zu 50 Prozent
in die Rentenformel einzuführen. Er hätte es nie gewagt,
ihn zu 100 Prozent einzuführen, weil dann die Beiträge
sehr stark gesunken wären. Riester hat dagegen etwas ge-
tan, wozu Sie nie in der Lage waren: Er hat dafür gesorgt,
dass die so genannten versicherungsfremden Leistun-
gen aus der Rentenversicherung herausgenommen und
endlich steuerfinanziert werden.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Zuruf von der CDU/CSU: Deswegen ist er jetzt auch nicht mehr Minister!)


Was musste die Rentenversicherung nicht alles finanzie-
ren: Kindererziehungszeiten, Soldatenzeiten und vieles
mehr. Es ist zwar in Ordnung, dass solche Zeiten bei der Be-
rechnung der Rentenansprüche berücksichtigt werden. Aber
wieso mussten nur Arbeiter und Angestellte und zum Bei-
spiel nicht die Beamten diese versicherungsfremden Leis-
tungen bezahlen? Ich denke in diesem Zusammenhang auch
an die Fremdrenten. Sie haben alle versicherungsfremden
Leistungen in der Rentenversicherung belassen. Wir haben
Gesetze geschaffen, in denen geregelt ist, dass die versiche-
rungsfremden Leistungen durch Steuermittel finanziert
werden, und den Steueranteil auf 36 Prozent hochgefahren.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Das hat doch noch der Blüm gemacht!)


– Das ist doch nicht wahr. Blüm hat doch alle versiche-
rungsfremden Leistungen in der Rentenversicherung be-
lassen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Aber steuerfinanziert!)


Erst wir haben sie herausgenommen. Wir haben steuerfi-
nanziert! Herr Zöller, erkundigen Sie sich erst einmal. Wir
sind mit dem Zuschuss aus der Ökosteuer in die Renten-
kassen endlich auf eine solche Höhe gekommen, dass
sämtliche Fremdleistungen steuerfinanziert werden
können.

Ich halte fest: Blüm hat in seiner Rentenreform keine
Kindererziehungszeiten berücksichtigt


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Wie bitte? Wir haben sie eingeführt!)


und auch keine Grundsicherung. Bei einer Rente à la
Blüm wären wir alle entsetzt – Herr Seehofer, da hätten
Sie mit den Ohren geschlackert –, was alles auf die So-
zialhilfe zukommen würde.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Sie haben doch zugestimmt!)


Die blümsche Rentenreform hatte einen riesigen Makel und
war stümperhaft, während die Rentenreform von Walter
Riester in die richtige Richtung geht.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU], an die SPD-Fraktion gewandt: Habt ihr nicht jemanden, der davon etwas versteht?)


Bei Diskussionen um die Rentenreform streitet man
immer über dieses oder jenes, aber das, was Sie uns vor-
werfen, ist der Hammer. Ich bin der Meinung, dass die
Gerechtigkeit zwischen Beitragszahlern und Rent-
nern auch mit dieser Erhöhung gewahrt bleibt.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Was?)

Die Vorwürfe darüber, dass die Beitragszahler verhältnis-
mäßig mehr belastet würden als die Rentner, kamen nicht
nur aus Ihren Reihen. All denen, die diese Vorwürfe erho-
ben haben, möchte ich sagen, dass aufgrund der Renten-
formel die Beteiligung der Rentnerinnen und Rentner sehr
wohl gewährleistet ist. Ein Arbeitnehmer mit einem Ein-
kommen von 2 000 Euro zahlt durch die Erhöhung des
Rentenbeitrages von 19,1 auf 19,5 Prozent vier Euro mehr
pro Monat. Für einen Rentner mit einer Rente in Höhe von
1 000 Euro – das ist der berühmte „Standardrentner“ –
fällt die Erhöhung im Jahr 2004 ebenfalls um vier Euro
pro Monat geringer aus. Es bezahlen also beide: diejeni-
gen, die arbeiten, und die Rentner.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Dann müssten Sie eigentlich für den demographischen Faktor sein!)


Die Anhebung des Rentenbeitrags von 19,1 auf
19,5 Prozent mindert also die Rentenanpassung im Jahr
2004. Nach den bisherigen Annahmen gehen wir davon
aus, dass die Rentenanpassung im Westen im nächsten Jahr
nur 1,34 Prozent betragen wird. Bei einem stabilen Bei-
tragssatz von 19,1 Prozent wäre eine Anpassung 1,74 Pro-
zent erfolgt. Sie sehen, die Rentner zahlen mit. Wer also
von einer Generationenungerechtigkeit spricht, der kennt
entweder die Rentenformel nicht – das nehme ich in den
meisten Fällen an –, oder der will die Rentner, was ich nicht
hoffe, in eine gewisse Armut treiben. All denen, die von
hohen Renten sprechen, sei gesagt: Die durchschnittliche
Höhe der Rente lag im Jahr 2001 nach Abzug des

Dr. Heinrich L. Kolb




Peter Dreßen
Krankenversicherungsbeitrages bei den Männern bei
983 Euro und bei den Frauen bei 456 Euro.

Ich habe mich darüber amüsiert, dass in der Debatte
wieder das Thema der Verlängerung der Lebensar-
beitszeit aus der Mottenkiste geholt wurde. Hierzu haben
wir schon einiges von Herrn Merz gehört. Auch der Ar-
beitgeberpräsident, Herr Hundt, will die Lebensarbeits-
zeit, wie man hört, neu ins Gespräch bringen und will die
Altersgrenze auf 67 Jahre erhöhen. Gleichzeitig werden
die heute über 50-Jährigen mit der Begründung, sie seien
zu alt, massiv aus den Betrieben gedrängt.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501108300

Herr Kollege Dreßen, erlauben Sie eine Zwischenfrage

des Kollegen Kolb?


Peter Dreßen (SPD):
Rede ID: ID1501108400

Nein, das tue ich nicht, Herr Kolb; bei Ihnen kommt eh

nichts Vernünftiges herüber.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Lachen bei der FDP)

Wenn Herr Hundt seinen eigenen Vorschlag ernst neh-

men würde, dann müssten er selbst und seine Kollegen
ihre Personalpolitik in den Betrieben grundlegend verän-
dern und das Arbeitsleben der über 50-Jährigen anders
gestalten. Hier gebe ich Herrn Seehofer Recht; da stim-
men wir überein. Es ist das eine, auf die Regierung zu
schimpfen und zu fordern, die Lohnnebenkosten müssten
gesenkt werden, und andererseits in den Betrieben nichts
zu tun, die Lohnkosten nach oben zu treiben und schon
55-Jährige über das Arbeitsamt in die Rente zu schicken.
Deswegen meine ich, sollten wir alles tun, dass ältere
Menschen nicht auf das Abstellgleis geschoben werden,
sondern wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert wer-
den. Hier haben wir mit den Vorschlägen der Hartz-Kom-
mission einiges vor. Sie sehen also, dass es insgesamt ein
vernünftiges Konzept ist.

Herr Seehofer, Sie haben bezüglich der Erhöhung von
19,1 auf 19,5 Prozent von einer Orgie gesprochen.


(Horst Seehofer [CDU/CSU]: Krankenversicherung und Beitragsbemessung!)


Erinnern Sie sich an den November 1996? Damals haben
Sie allein den Beitragssatz in der Rentenversicherung von
19,2 auf 20,3 Prozent erhöht; das ist rund das Dreifache
der jetzigen Erhöhung. Wer da von Orgien spricht, der
verwechselt die Begriffe.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Ohne Ökosteuer! – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Rechnen Sie die Ökosteuer einmal in Beitragspunkte um!)


– Herr Kolb, ich rede jetzt nicht von der Ökosteuer, son-
dern vom Jahr 1996.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Über 30 Milliarden Euro Ökosteuer im nächsten Jahr!)


Weil Sie ja immer wieder sagen, dass die Erhöhung
des Rentenversicherungsbeitrages von 19,1 Prozent auf

19,5 Prozent so und so viele Arbeitsplätze kostet, habe
ich mir die Arbeitszahlen von 1996 angeschaut. Sie sind
zwar – wie während Ihrer Regierungszeit ständig – leicht
nach oben gegangen, aber es waren keine 100 000, wie
Sie uns letztes Mal weismachen wollten, sondern es wa-
ren einige Tausend. Dies war während der damaligen
Wirtschaftsflaute aber etwas ganz Normales.

Ich bin der Meinung, dass wir das, was wir tun, nicht
dramatisieren sollten. Diese Rentenversicherung hat ge-
wisse Stellschrauben, um Wirtschaftsflauten, wie der jetzt
weltweit vorhandenen, tatsächlich begegnen zu können.
Dies tun wir. Deshalb verstehe ich nicht, weshalb man
jetzt ein solches Theater vollführt.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sie sehen die Probleme offensichtlich wirklich nicht, Herr Dreßen! Es geht um die Arbeitsplätze und um die Menschen in diesem Land!)


– Herr Kolb, ich habe das Gefühl, dass Sie sich nicht aufs
Thema konzentrieren können, weil Sie und Ihre Partei
Spendenprobleme haben und sich nicht aufs Thema kon-
zentrieren können. Dafür habe ich Verständnis.


(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD])

Wenn ich mir ansehe, wie diese Themen in der

CDU/CSU diskutiert werden, dann muss ich fast von ei-
ner Diskussion voller Hass sprechen. Manche haben,
während sie argumentieren, beinahe Schaum vor den Lip-
pen. Sie meinen, sie müssten die Welt mit einer manchmal
üblen Wortwahl zusammenreißen.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sagen Sie mal ein Beispiel!)


Deshalb ist mir klar, dass Sie eigentlich immer noch nicht
begriffen haben, dass Sie nicht auf der Regierungsbank,
sondern weiterhin auf den Oppositionsbänken sitzen. Das
ist wahrscheinlich schwierig für Sie.


(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD])

Ich meine, dass wir sowohl im Gesundheitswesen als

auch bei der Rentenreform gute und sicherlich richtige
Wege eingeschlagen haben.


(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: In den Abgrund!)


Im Gesundheitswesen gibt es nur zwei Möglichkeiten:
Entweder machen wir es wie Sie, indem wir den Patien-
ten permanent in die Tasche greifen, oder wir denken an
die Leistungserbringer, die auch etwas erbringen können.
Ich glaube, wir sind den richtigen Weg gegangen.

Wenn diese Gesetze greifen, werden die Bürgerinnen
und Bürger sehen, dass wir gute und nicht so chaotische
Gesetze wie die Opposition machen. Deshalb ist mir nicht
bange.


(Beifall bei der SPD – Zuruf von CDU/CSU: Sie waren schon einmal besser!)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501108500

Das Wort hat jetzt die Kollegin Annette Widmann-

Mauz von der CDU/CSU-Fraktion.


(A)



(B)



(C)



(D)


708


(A)



(B)



(C)



(D)







Annette Widmann-Mauz (CDU):
Rede ID: ID1501108600

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Her-

ren! Herr Dreßen, Sie haben sich mit Ihrem Beitrag wieder
einmal selbst disqualifiziert. Von Frau Schmidt kam kein
Wort zur Rentenversicherung und auch von Ihnen kam in
den acht Minuten kein wirklich substanzieller Beitrag.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Stattdessen beleidigt er die Kolleginnen und Kollegen!)


Das war so wenig wie bei Frau Schmidt, die kein Wort
zu dem Vorschaltgesetz gesagt hat. Man meint bei Ihren
Ausführungen fast, dass man in einer anderen Welt lebt.
Die Realität sieht aber anders aus.


(Zuruf des Abg. Peter Dreßen [SPD])

Der Vorstandschef der Deutschland AG, Ihr Bundes-

kanzler Schröder, und sein Prokurist Hans Eichel haben in
dieser Woche Konkurs angemeldet.


(Peter Dreßen [SPD]: Gnädige Frau, das ist sein Minister, nicht sein Prokurist!)


Der Grund ist eine totale Überschuldung. Außerdem
droht die Zahlungsunfähigkeit mehrerer Tochtergesell-
schaften, vor allem der Arbeitsamt GmbH, der Rent-
ner KG und der Konzerngesellschaft Gesundheit und Co.
Besonders die Chefin dieser Konzerngesellschaft, Ulla
Schmidt, hat durch ihr ziel- und konzeptionsloses Hantie-
ren zum Sanierungsfall der Deutschland AG maßgeblich
beigetragen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)


Obwohl die Lage erkennbar dramatisch war, hat die
Konzernchefin ihre Aktionäre, nämlich die Wählerinnen
und Wähler, getäuscht. Die vielen Kleinaktionäre würden
den gesamten Vorstand dieser AG wegen Betrugs und Bi-
lanzfälschung mittlerweile – es ist erst kurz nach der
Wahl – gerne wieder abwählen.


(Peter Dreßen [SPD]: Jetzt kommt wieder der Schaum vor dem Mund!)


Wir hören es ja: Nach Agenturmeldungen wollen heute um
die 40 Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sowie
einige Grüne ihre Bauchschmerzen zu Protokoll geben.

Das Vertrauen der Menschen ist nachhaltig zerstört. Sie
haben schon jetzt, gut einen Monat nach der Wahl, kein
Zutrauen in Ihre Politik mehr.


(Peter Dreßen [SPD]: Das haben Sie schon vor einem Jahr behauptet und es hat nicht gestimmt!)


Wir brauchen auch gar nicht großartig drumherum zu re-
den: Frau Schmidt, Sie sind die Ministerin für Gesundheit
und totale soziale Verunsicherung.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Diese Regierung ist dabei, den Sozialstaat an die Wand
zu fahren. Frau Schmidt, dafür haben Sie von den
Wählern kein Mandat bekommen. Kein Mensch hat Sie
gewählt, damit Sie unser gewachsenes System der sozia-
len Sicherung völlig ruinieren.

Patienten erleben unter Rot-Grün ständig die Vorent-
haltung medizinischer Leistungen. Dennoch zahlen die
Versicherten immer höhere Beiträge.


(Peter Dreßen [SPD]: Das ist doch nicht wahr! Sie lügen! Das ist die Unwahrheit! Sie sagen bewusst die Unwahrheit! – Gegenruf des Abg. Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sie sollten mit Ihren Äußerungen zurückhaltender sein, Herr Dreßen!)


– Herr Dreßen, dass Sie es nicht wahrnehmen wollen, ha-
ben wir bereits zur Genüge erfahren. – Hohe Lohn-
nebenkosten treffen vor allen Dingen kleine und mittel-
ständische Unternehmen. Dazu zählen eben auch die
Arzt- und die Zahnarztpraxen mit ihren Arzthelferinnen,
die Apotheken mit ihren PTAs, die Krankenhäuser mit
ihren Ärzten und Pflegekräften und die Arzneimittelher-
steller mit ihren hoch qualifizierten Beschäftigten im Be-
reich der Forschung.

Jeder neunte bis zehnte Beschäftigte in Deutschland ar-
beitet im Gesundheitswesen.Aber Ihre Investitions- und
Arbeitsplatz-Stopp-Politik gefährdet die zukunftsträch-
tige Jobmaschine Gesundheit.

Nehmen wir ein Beispiel: Durchschnittlich 60 Prozent
des Umsatzes einer Arztpraxis werden durch Betriebskos-
ten aufgezehrt. Auch diese steigen unter Ihrer Regierung
ständig und können über Honorarzuwächse nach der
Grundlohnsumme nicht aufgefangen werden. Die Er-
höhung der Renten- und Kassenbeiträge plus Steuer- und
Tariferhöhungen führen in Verbindung mit der Inflations-
rate bei gedeckelten Honoraren sogar zu einem Minus von
schätzungsweise 6 Prozent. Nullrunde bedeutet also in der
Praxis nicht Null, sondern ein Minus, nämlich ein Minus
an Arbeitsplätzen, Minus bei Investitionen und Minus
in der Qualität.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Mit dem Wortbruch gegenüber den Arzneimittelher-

stellern und Apotheken und Ihrem Aktionismus in der
Pharmapolitik haben Sie das Investitionsklima nachhaltig
verschlechtert. Kein international agierender Pharmakon-
zern wird in Zukunft noch in Deutschland investieren. Sie
machen aus dem Heilberuf Apotheker einen Inkasso-
unternehmer und verbürokratisieren das Gesundheits-
wesen kontinuierlich weiter. Heute haben Sie weitere Bei-
spiele dafür angeführt.


(Jörg Tauss [SPD]: Was schlagen Sie denn vor?)


Frau Schmidt, Sie wissen um die Konsequenzen Ihres
Handelns und nehmen die Auswirkungen für die Be-
schäftigten billigend in Kauf. Die Reaktionen der Betrof-
fenen als Gejammer abzutun zeugt von einer fast nicht
mehr zu überbietenden Ignoranz gegenüber den Sorgen
der Menschen um ihren Arbeitsplatz.


(Jörg Tauss [SPD]: Jetzt kommen Ihre Vorschläge! – Gegenruf von der CDU/CSU: Herr Tauss, Sie machen sogar beim Zuhören Fehler!)


Die Stimmung ist explosiv, und das zu Recht. Denn die
Schere zwischen steigenden Kosten einerseits und zuneh-
mender Arbeitsbelastung bei sinkendem Einkommen




Annette Widmann-Mauz
andererseits klafft bei Ihrer Politik immer weiter ausei-
nander. Wenn Rot-Grün das nicht zur Kenntnis nimmt,


(Jörg Tauss [SPD]: Das haben wir zur Kenntnis genommen! Was kommt jetzt?)


dann droht ein sozialer und volkswirtschaftlicher Schaden
von ungeahntem Ausmaß.

Die Bundesregierung kann mit diesen Vorschaltgesetzen
nicht einmal ihre selbst gesteckten Ziele erreichen. Stabile
Beitragssätzewerden Sie mit diesem Gesetz nicht erzielen.


(Zuruf von der SPD: Wie denn, Frau Widmann-Mauz?)


Eine Reihe von Kassen haben die Beiträge bereits erhöht.
Das Bundesversicherungsamt hat gemeldet, dass bereits
29 Kassen – dabei handelt es sich nur um die bundesun-
mittelbaren Kassen – Anträge gestellt haben. Die AOK
rechnet in der kommenden Zeit mit einem Beitragsanstieg
für 25 Prozent ihrer Versicherten. Sicherlich werden noch
weitere Beitragserhöhungen hinzukommen; denn der
Druck nimmt weiter zu. Allein die Mindereinnahmen, die
Sie durch die Beschlüsse im Zusammenhang mit dem
Hartz-Konzept in Kauf nehmen, betragen insgesamt mehr
als 1 Milliarde Euro. In der Anhörung wurden sogar Min-
dereinnahmen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro genannt.

Auch ein anderes Damoklesschwert hängt bereits über
Ihnen, nämlich die erstmalige Entgeltumwandlung auf-
grund der Riesterschen Rentenreform.


(Klaus Brandner [SPD]: Sagen Sie doch mal, was Sie wollen!)


Dadurch fehlt in Ihrem System eine weitere Milliarde Euro.
Für den gesetzlich Krankenversicherten bedeutet das, dass
der durchschnittliche Beitragssatz von jetzt 14 Prozent auf
14,5 Prozent, wenn nicht sogar – wie manche bereits pro-
gnostizieren – auf 15 Prozent im Jahre 2003 steigen wird.


(Birgitt Bender [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wenn man nur mal Alternativen hören könnte!)


Für den Durchschnittsverdiener macht das monatlich zwi-
schen fünf und zehn Euro allein für die Beiträge zur ge-
setzlichen Krankenversicherung aus.


(Jörg Tauss [SPD]: Vorschläge!)

Sie wollten die medizinische und pflegerische Ver-

sorgung nicht gefährden. Aber mit weniger Personal
mehr Patienten versorgen zu müssen, das bedeutet doch
eine höhere Arbeitsbelastung für die Beschäftigten und
noch weniger Zuwendung für die Patienten. Auf der einen
Seite Innovation und Qualität zu fordern, aber auf der an-
deren Seite die für die Investitionen notwendigen Mittel
nicht zur Verfügung zu stellen, passt nicht zusammen.

Lassen Sie mich noch etwas zu der Situation in den
Krankenhäusern sagen. Seit Jahren führen steigende Pa-
tientenzahlen und eine sinkende Verweildauer zu einer
enormen Arbeitsverdichtung, die eigentlich nur durch zu-
sätzliches ärztliches und pflegerisches Personal aufgefan-
gen werden kann.


(Zuruf von der SPD: Sagen Sie doch einmal, was Sie wollen!)


Mit Ihrer Nullrunde treiben Sie manche Krankenhäuser in
den finanziellen Ruin und viele andere in die Fallpau-
schalenfalle. Vielen Häusern, gerade im Osten, bleibt
nämlich nichts anderes übrig, als die Option für das Jahr
2003 zu wählen. Sie haben wegen der Kombination von
BAT-Steigerung und außergewöhnlicher Grundlohnsum-
menentwicklung überhaupt keine andere Wahl, egal ob sie
auf das knallharte Preissystem vorbereitet sind oder nicht.
Wir werden es erleben: In den DRG-Häusern wird es ver-
stärkt dazu kommen, dass teure Patienten abgelehnt wer-
den und bei einer gleichzeitigen Nullrunde im ambulan-
ten Bereich nicht adäquat versorgt werden können.

Die Erhöhung der Eigenbeteiligung wollten Sie ver-
meiden. Das halten Sie uns immer vor. Mit diesem Vor-
schaltgesetz erhöhen Sie sie aber beim Zahnersatz.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Die Erhöhung der Mehrwertsteuer beim Zahnersatz durch
Eichel von 7 auf 16 Prozent macht für die gesetzliche
Krankenversicherung eine Belastung von 250 Milli-
onen Euro aus. Auf der anderen Seite steht eine Erhöhung
der Eigenbeteiligung der Patienten um rund 105 Milli-
onen Euro.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: So ist es!)

Selbst bei einem Preisabschlag von 5 Prozent, wie er in
diesem Gesetzentwurf steht, bleiben die Patientinnen und
Patienten in diesem Land auf rund 50 Millionen Euro
Mehrkosten sitzen. Das sind die Zuzahlungen, die Sie den
Menschen in unserem Land zumuten.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Kommen wir zum Sterbegeld. Hier haben Sie eine

Kürzung um 50 Prozent vorgesehen.

(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Gut zuhören, Herr Dreßen!)

Frau Bender hat heute Morgen schon zugegeben, sie gehe
davon aus, dass das Gesetz die vorgesehenen Einsparun-
gen nicht erbringen könne, und bereits angekündigt, dass
man sich das Sterbegeld noch einmal vornehmen müsse.
Frau Sager hat gleich die Begründung geliefert: Vom
Sterbegeld hat der Versicherte selbst nichts mehr. Hier gilt
wohl das Motto: Tote können sich nicht mehr wehren.
Eine solche Aussage ist gegenüber den Versicherten und
ihren Angehörigen zynisch.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501108700

Frau Kollegin, kommen Sie bitte zum Schluss.


Annette Widmann-Mauz (CDU):
Rede ID: ID1501108800

Ich komme zum Schluss. – Sie haben mit diesem Ge-

setz keines Ihrer Ziele erreicht. Insbesondere Nachhal-
tigkeitskriterien sind in diesem Gesetz vollkommen
außen vor gelassen. Im Gegenteil: Sie treiben mit dieser
Politik die gesetzlichen Krankenversicherungen in die
Verschuldung am privaten Kapitalmarkt. Auch dies wurde
in der Anhörung ganz deutlich. Das heißt, Sie bieten mit
diesem Gesetzentwurf den Kassen keine Perspektive, aus


(A)



(B)



(C)



(D)


710


(A)



(B)



(C)



(D)






der Verschuldung herauszukommen. Es bedeutet viel-
mehr: Statt Geld für die medizinische Versorgung einzu-
setzen, müssen die Menschen in Zukunft mit ihren Bei-
tragsgeldern Kreditzinsen bezahlen. So viel zum Thema
Nachhaltigkeit.

Wir können einem solchen Gesetz nicht zustimmen.
Sie können es teilweise auch nicht, aber Sie haben nicht
mehr das Rückgrat, zu Ihrer Meinung zu stehen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Die Grünen schon gar nicht!)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501108900

Das Wort hat jetzt die Kollegin Petra Selg von Bünd-

nis 90/Die Grünen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Jörg Tauss [SPD]: Jetzt wird es besser!)



Petra Selg (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1501109000

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Her-

ren! Es verschlägt einem fast die Sprache. Es ist unglaub-
lich, was man hier hört. Deshalb lassen Sie mich auf
meine Vorgängerin, Herrn Seehofer und auf das Thema
Krankenhausfinanzierung im Beitragssatzsicherungsge-
setz eingehen.

In den Redebeiträgen der Opposition wurden geradezu
dramatische Szenarien an die Wand gemalt: Qualitätsver-
lust, Arbeitsplatzvernichtung, man könne den Pflegekräf-
ten nicht mehr in die Augen schauen. Das ist unglaublich.
Ich vermute deshalb, dass Sie den Gesetzestext nicht ge-
lesen haben. Sie haben wohl Ihr Langzeitgedächtnis
verloren und Ihr Kurzzeitgedächtnis bedarf einer Auf-
frischung.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Lassen Sie mich deshalb einen Rückblick auf die Ent-
wicklung der letzten Jahre bei der Krankenhausfinan-
zierung machen. Am 1. Januar 2000 hat Rot-Grün das
Gesundheitsreformgesetz 2000 in Kraft gesetzt. Dieses
Gesetz sieht die Einführung so genannter Fallpauschalen,
von denen Sie anscheinend keine Kenntnis haben, für
Krankenhäuser vor.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Wir haben sie doch eingeführt! Sie machen ja beim Lesen Fehler! – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sie hätten besser Herrn Metzger hierher schicken sollen! Er hätte wenigstens die Wahrheit gesagt!)


Zum 1. Januar 2003 werden deshalb zahlreiche Kranken-
häuser zunächst freiwillig auf das neue Vergütungssystem
umstellen. Ab dem 1. Januar 2004 müssen dann alle Kran-
kenhäuser ihre Leistungen nach dem neuen System mit
den Krankenkassen abrechnen.

Im Bereich der Krankenhausfinanzierung stellt dieser
Systemwechsel einen Quantensprung in der Qualität dar.
Bisher rechnen Kliniken nämlich nach Belegtagen ab. Be-
zahlt wird also nicht die tatsächlich am Patienten er-

brachte Behandlung, sondern die Zeit, die der Patient im
Krankenhaus verbringt. Das ist eine völlig absurde Situa-
tion. Der Friseur wird schließlich auch nicht dafür be-
zahlt, dass er möglichst viele Kunden möglichst lange in
seinen Stühlen sitzen lässt, sondern dafür, dass er Haare
schneidet.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Deshalb fließt das Geld in Zukunft für die erfolgte Be-
handlung und nicht mehr für die Behandlungsdauer; das
macht mehr Sinn.

Ich frage mich schon, warum CDU/CSU und FDP
16 Jahre lang nicht in der Lage waren, eine entsprechende
Reform auf den Weg zu bringen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sie regieren vier Jahre!)


Wir haben dazu nicht einmal zwei Jahre gebraucht und
machen weiter, heute mit diesem Beitragssatzsicherungs-
gesetz, das für ein Jahr gilt, um die Beiträge stabil zu hal-
ten – das ist etwas, was Sie anscheinend nicht wollen –;
gleichzeitig arbeiten wir weiter an dringenden grundle-
genden Strukturreformen im Gesundheitswesen.

Herr Seehofer, ich kann Sie absolut nicht ernst nehmen
und ich weiß, wovon ich rede.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Ich arbeite seit 24 Jahren im Krankenhaus.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Dann müssen Sie 24 Jahre geschlafen haben!)


– Ich schlafe nicht so gut wie Sie! Sie können jetzt erst
einmal zuhören! –


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Wolfgang Zöller [CDU/ CSU]: Bei so einem Schwachsinn kann man nicht zuhören!)


Als ehemaliger Kohl-Minister haben Sie jahrelang den
Stillstand im Gesundheitswesen verwaltet.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Gab es Fallpauschalen oder nicht?)


Die Beiträge gingen ständig nach oben. Von groß an-
gekündigten Reformen sind nicht einmal Reförmchen
übrig geblieben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Heute werfen Sie Rot-Grün mangelnde Reformbereit-
schaft vor. Das ist nicht nur unglaubwürdig, sondern das
ist auch ein ganz extremes Beispiel für jene politische
Doppelmoral, die die Bürger auf die Palme bringt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Darum sage ich in Richtung der Damen und Herren von
der Opposition: Während Sie mit erhobenem Zeigefinger
immer auf andere zeigen, bringen wir positive Verände-
rungen voran. Das war in der Vergangenheit so und wird
auch in Zukunft so sein.

Annette Widmann-Mauz




Petra Selg

Im Krankenhausbereich führen wir das neue Entgelt-
system ein. Das ist wichtig. Dadurch wird es zu einer Ver-
besserung der Qualität bei der Leistungserbringung im
medizinischen und vor allem im pflegerischen Bereich
kommen. Wie schon gesagt: Der Patient wird endlich im
Mittelpunkt stehen. Es wird ein Ende damit haben, dass
Menschen wie Ware zwischen Stationen verschoben wer-
den, um die Belegdauer zu erhöhen. Deshalb ist es wichtig,
dass wir auf dem eingeschlagenen Weg voranschreiten.

Für uns war und ist es deshalb ein wichtiges Ziel, mit
diesem Beitragssatzsicherungsgesetz den ebenfalls von
Rot-Grün auf den Weg gebrachten Strukturwandel im
Krankenhausbereich nicht zu behindern. Wir werden des-
halb innovative und reformorientierte Krankenhäuser, die
ab dem 1. Januar 2003 auf das neue Abrechnungssystem
umstellen, von der Nullrunde ausnehmen. Zusätzlich blei-
ben alle bisherigen Ausnahmeregelungen bestehen. Vor die-
sem Hintergrund wirkt Ihre Panikmache geradezu grotesk.

Angesichts der veränderten Situation wird allen Kran-
kenhäusern, die sich nach Ablauf der bisherigen Anmel-
defrist am 31. Oktober noch nicht für die Umstellung auf
das neue System entschieden haben, eine Fristverlänge-
rung – hören Sie gut zu, Herr Seehofer; Sie scheinen den
Gesetzentwurf wirklich nicht gelesen zu haben – bis zum
31. Dezember und nicht nur bis zum 15. Dezember ge-
währt.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Da haben die noch 15 Tage über Weihnachten Zeit! Das ist phänomenal!)


Diese Fristverlängerung ist, wie Sie wissen, im Bun-
desrat zustimmungspflichtig. Die Damen und Herren der
CDU und CSU haben ganz laut über die Nullrunde in den
Krankenhäusern geschimpft. Jetzt haben Sie, meine Da-
men und Herren, die Möglichkeit, im Bundesrat zuzustim-
men, wenn es darum geht, viele Krankenhäuser von der
von Ihnen abgelehnten Nullrunde auszunehmen. Deshalb
mein Appell: Zieren Sie sich nicht! Stimmen Sie dem zu!

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501109100

Frau Kollegin Selg, ich beglückwünsche Sie herzlich

zu Ihrer ersten Rede im Deutschen Bundestag.

(Beifall)


Das Wort hat jetzt der Kollege Detlef Parr von der
FDP-Fraktion.


Detlef Parr (FDP):
Rede ID: ID1501109200

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Frau Selg,

trotz Respekt vor Ihrer ersten Rede: Wir werden uns zie-
ren und diesen Gesetzentwurf ablehnen.


(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der CDU/CSU – Lachen bei der SPD)


Die rot-grüne Koalitionsvereinbarung ist der Außen-
wirkung wegen in der Neuen Nationalgalerie – wie ich
mir habe sagen lassen: ein Ort der Ruhe und Ausgegli-
chenheit – unterzeichnet worden. Diesen Charakter hat
aber der Start in Ihre praktische Politik nicht gehabt,
meine Damen und Herren. Nichts planen, nichts koordi-
nieren, aber umso überstürzter drauflosstolpern, das ist
der Charakter Ihrer Gesundheitspolitik.


(Beifall bei der FDP)

Frau Selg, die Hütte brennt. Tausende von Demonstran-

ten am Brandenburger Tor! Zahnärzte, Zahntechniker,
Apotheker, Ärztinnen und Ärzte sowie auch die Mitarbei-
ter in den Krankenhäusern,


(Dr. Dieter Thomae [FDP]: Und Krankenschwestern!)


in den Arztpraxen und in den Apotheken sind zur De-
monstration gekommen. Selten zuvor hat eine Bundes-
regierung zu Beginn ihrer Amtszeit so viele Menschen ge-
gen sich aufgebracht.


(Dr. Dieter Thomae [FDP]: Und Krankenschwestern!)


„Die Luft ist eisig in Berlin“, so Frank Ulrich
Montgomery auf der Demo, „aber unsere Seele kocht.“
Sie kocht, Frau Ministerin, weil sich die Menschen von
Ihnen betrogen fühlen. Es ist Betrug, dass Sie vor der
Wahl etwas anderes getan haben, als Sie nach der Wahl
tatsächlich tun.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Ernst Burgbacher [FDP]: Lügen haben kurze Beine!)

Im Koalitionsvertrag noch haben Sie uns neue

Perspektiven versprochen und damit Hoffnungen ge-
weckt. In Wahrheit setzen Sie unter dem Deckmäntelchen
der Beitragssatzstabilität Ihren Weg in die staatliche In-
tervention unbeirrt fort und greifen tief in die Mottenkiste
staatlicher Planwirtschaft. Das bestätigen Ihnen alle Ex-
perten. Nicht einmal Ihr Oberziel werden Sie erreichen;
stabile Beiträge – das hat die Anhörung gezeigt – erwar-
ten auf Dauer selbst die Krankenkassen nicht.

Frau Ministerin, Sie haben gerade gesagt, die Beiträge
im nächsten Jahr so niedrig wie möglich halten zu wollen.
Was heißt das denn konkret?


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sie legt sich nicht fest! Das ist das Problem! Die neue Beliebigkeit!)


Ich habe das Gefühl, Sie glauben selber nicht mehr an
sich.

Meine Damen und Herren von der SPD und den Grü-
nen, Sie werden nicht müde, Solidarität von anderen ein-
zufordern und die Solidargemeinschaft zu beschwören.


(Beifall bei der FDP)

Ich frage Sie und auch die Frau Ministerin: Wo bleibt denn
Ihre Solidarität mit den Versicherten und den Patienten?
Sie muten ihnen bei steigenden Beiträgen geringer wer-
dende Leistungen zu und lassen ihnen nicht die Spur ei-
ner Chance, den Leistungsumfang ihres Versicherungs-


(A)



(B)



(C)



(D)


712


(A)



(B)



(C)



(D)






schutzes selbst mitzugestalten und damit die Höhe ihrer
Beiträge mitzubestimmen. Im Gegenteil: Mit der Anhe-
bung der Versicherungspflichtgrenze nehmen Sie vielen
Menschen die Möglichkeit, zwischen gesetzlicher und
privater Krankenversicherung zu wählen. Das kommt ei-
ner Entmündigung gleich.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wo bleibt Ihre Solidarität mit den Krankenschwestern
und den Krankenpflegern? Sie nötigen ihnen mehr Leis-
tung in einem immer enger werdenden Zeitkorsett ab. Ist
das Ihr Beitrag zu mehr Mitmenschlichkeit?

Nennen Sie es solidarisch, wenn Sie den Ärztinnen und
Ärzten in den Praxen und Krankenhäusern eine Nullrunde
bzw. in Wahrheit – Annette Widmann-Mauz hat das zu
Recht gesagt – eine Minusrunde zumuten und damit eine
leistungsgerechte Bezahlung in weite Ferne rücken las-
sen? Wollen Sie, dass die Arbeitsbedingungen in den
Krankenhäusern noch unzumutbarer werden und die Ärz-
teflucht anhält?


(Jörg Tauss [SPD]: Machen Sie einmal Vorschläge!)


– Sie können mich mit Ihren Zwischenrufen, von denen
ich schon qualifiziertere gehört habe, nicht aus dem Kon-
zept bringen, Herr Kollege.

Wie ist es um Ihre Solidarität mit den Apothekern und
dem pharmazeutischen Großhandel bestellt, denen Sie
Zwangsrabatte abknöpfen? Ganz zu schweigen von den
pharmazeutischen Unternehmen, von denen Sie beden-
kenlos 200 Millionen Euro als Solidarbeitrag entgegen-
genommen haben. Jetzt aber brechen Sie diesen Vertrag,
in dem Sie gesagt haben, bis zum Jahr 2003 werde es
keine Erhöhung der Arzneimittelpreise geben.


(Beifall bei der FDP)

Pacta sunt servanda, Frau Ministerin, Verträge sind ein-
zuhalten. Was Sie machen, ist unanständig.

Hans Eichel hat am vergangenen schwarzen Mittwoch
ausnahmsweise etwas Richtiges gesagt:

Die Bürgerinnen und Bürger sind bereit, Anpassun-
gen zu ertragen, wenn sie die Zielsetzung erkennen.

Dann setzen Sie doch mutig Ihre Ziele und flüchten Sie
sich nicht in eine Kommission mit ungewissem Ausgang!
Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.


(Beifall bei der FDP)

Konzentrieren Sie die gesetzliche Krankenversicherung
auf die medizinisch wirklich notwendigen Leistungen!
Nehmen Sie als Sozialministerin Ihre Hand aus der
Tasche der Krankenversicherten! Versicherungsfremde
Leistungen und die Verschiebung von Belastungen aus
anderen Sozialversicherungsbereichen in die gesetzliche
Krankenversicherung dürfen nicht länger zulasten der
Krankenversicherten gehen.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Lassen Sie Wahlfreiheiten zu und erlauben Sie den Kran-
kenkassen echten Wettbewerb über eine Vielfalt von Tari-

fen. Sie rufen doch immer nach Alternativen: Kosten-
transparenz, Eigenverantwortung und Selbstbestimmung
sind weitere unverzichtbare Ziele ebenso wie die Pla-
nungssicherheit für die Wirtschaft, zum Beispiel durch
Festschreibung der Arbeitgeberbeiträge. Nur so entstehen
neue Arbeitsplätze.

Ich komme zum Schluss: Meine Damen und Herren,
Ihr Vorschaltgesetz ist ein Verschaltgesetz. Sie legen die
falschen Gänge ein und würgen die Jobmaschine gnaden-
los ab.

Wenn Sie schon nicht mir und den anderen Rednern der
Opposition glauben, sollten Sie doch wenigstens Ihrem
eigenen Sachverständigen glauben. Professor Rürup, der
Ihre Kommission zur Erarbeitung neuer Finanzierungs-
grundlagen leiten soll, hat das, was Sie mit diesem Ge-
setzentwurf vorgelegt haben, in einem Interview mit
Sandra Maischberger als katastrophal angesehen.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Hört! Hört!)

Deshalb: Stoppen Sie Ihre Notoperation! Nehmen Sie

Ihren Fuß von der Notbremse! Lassen Sie endlich Wett-
bewerb, Wahlfreiheiten und Eigenverantwortung freieren
Lauf, wie wir es Ihnen heute mit unserem Antrag vorge-
legt haben!

Danke.

(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501109300


(Eis leben)


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)



Silvia Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1501109400

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten

Damen und Herren! Liebe Kollegen von der CDU/CSU
und mein lieber Kollege von der FDP, ich möchte auf Fol-
gendes hinweisen: Was Sie bisher vorgetragen haben, war
eine einzige Schimpfkanonade. Sie – ich denke dabei ins-
besondere an die Rede des Ministers a. D. – machen nichts
anderes als Vorwürfe. Ihrerseits kommen keine Vor-
schläge und Sie zeigen keine Alternativen auf. Sie haben
im Ausschuss weder einen Antrag noch einen Entschlie-
ßungsantrag eingebracht. Bleiben Sie dabei!


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Herr abgewählter Minister, Ihr Realitätsverlust ist aber

unerträglich. Diesen Realitätsverlust möchte ich Ihnen
jetzt einfach einmal aufzeigen. Die Menschen sind nicht
dumm; sie verstehen durchaus.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Deswegen stürzen Sie in den Umfragen auch so ab!)


Wie sahen denn Ihre Sparmaßnahmen aus? Die Menschen
erinnern sich wirklich sehr gut. Sie haben das unsinnige
Krankenhausnotopfer eingeführt. Wir haben es gestrichen.
Die von Ihnen erhöhten Zuzahlungen beim Kauf von Arz-
neimitteln wurden von uns gesenkt.


(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: Erhöhung der Zuzahlung für Zahnersatz!)


Detlef Parr




Silvia Schmidt (Eisleben)

Die nach 1978 Geborenen erhalten wieder Zahnersatzleis-
tungen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Die müssen immer noch bezahlen! – Zurufe von der FDP: Was?)


Die Befristung des Finanzstrukturausgleichs zwischen
den alten und den neuen Ländern wurde von uns aufge-
hoben.

Sie wurden deswegen zwar abgewählt, aber Sie sind
einfach nicht lernfähig. Sie forderten in Ihrem Wahlpro-
gramm 2002 das Grund- und Wahlleistungsrecht. Ein sol-
ches Recht zieht eine Zweiklassenmedizin nach sich. Eine
solche Medizin können sich Gesunde leisten, solange sie
gesund bleiben. Eine solche Medizin können sich Junge
leisten, solange sie jung sind. Bei Verwirklichung Ihrer
Pläne hätten sich die Beiträge von Rentnern, älteren Ar-
beitnehmern und chronisch Kranken erhöht. Nicht mit
uns!


(Beifall bei der SPD)

Wir halten an dem Solidarprinzip fest. Das Wahlergebnis
hat Ihnen ganz deutlich gezeigt: Sie sind einfach nicht
lernfähig.

Unsere Gesundheitsreform wird Ihnen Möglichkeiten
des Sparens im System mit einer höheren Effizienz und
Qualität zeigen. Wir wollen die Versicherten nämlich
nicht schröpfen. Machen Sie sich hier bloß nicht zum An-
walt der Versicherten! Das ist einfach nur noch lächer-
lich.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Sie sind ein Anwalt der Lobbyisten.
Ich möchte jetzt auf die Auswirkungen unseres Maß-

nahmenpaketes für die neuen Länder eingehen. Wir haben
in den letzten vier Jahren für das Gesundheitswesen in
den neuen Ländern sehr viel getan. Wir haben es mo-
dernisiert und zukunftsfähig gemacht.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Leider ist die Versorgung in der Fläche nicht mehr gewährleistet!)


Um das zu erläutern, will ich nur einige Punkte erwäh-
nen. Die gesetzlichen Krankenkassen in Ostdeutschland
haben strukturell eine schlechtere Einnahmesituation. Die
Gründe dafür sind die schwierige wirtschaftliche Lage
und die hohe Arbeitslosigkeit. Mit der Reform des Risi-
kostrukturausgleichs haben wir an diesem Punkt deutlich
gegengesteuert. Wir haben dafür gesorgt, dass die teil-
weise hoch verschuldeten Ostkrankenkassen auf eine so-
lide finanzielle Basis gestellt werden. Die dortigen Bei-
tragssätze konnten an die der alten Länder angeglichen
werden.

Was tun Sie? – Sie stellen diese Solidarität infrage.

(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Wo denn?)


Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen vor
dem Bundesverfassungsgericht gegen den Risikostruk-
turausgleich. Was würde es für die neuen Länder be-
deuten, wenn Ihre Pläne Wirklichkeit würden? – Die

Finanzsituation der Krankenkassen würde sich massiv
verschlechtern, die Versorgung wäre nicht mehr gesi-
chert


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das heißt, Sie gehen davon aus, dass sie Recht bekommen!)


und die Beitragssätze würden in die Höhe schnellen. Was
heißt das? Höhere Lohnnebenkosten und – um es mit Ihren
Worten zu sagen – „der Todesstoß für die ostdeutschen Un-
ternehmen“. Dazu wird es aber nicht kommen und im Ge-
sundheitswesen schon gar nicht.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Sie reden einen Schwachsinn!)


Sie kündigen die Solidarität mit den neuen Ländern. Das
haben die Ostdeutschen begriffen und deshalb haben sie
Sie nicht gewählt.

Wir haben erkannt, dass die Einnahmesituation der
ostdeutschen Ärzte unbefriedigend ist. Wir haben die
Vergütungen für Ärztinnen und Ärzte stetig verbessert
und weiter angeglichen. Hierzu hat das Wohnortprinzip
bei Honorarverhandlungen, das 2002 in Kraft getreten
ist, beigetragen. Wir haben den Polikliniken in Ost-
deutschland eine neue Chance gegeben. Wir haben die
Versorgung der Patienten damit deutlich verbessert. Wei-
terhin wurden 10 Milliarden Euro in die ostdeutschen
Krankenhäuser investiert. Damit wurde die stationäre
Versorgung zügig und nachhaltig modernisiert und aus-
gebaut.

Sie sehen: Die rot-grüne Bundesregierung hat das Ge-
sundheitswesen in Ostdeutschland fest im Blick. Dies gilt
natürlich auch für die Maßnahmen, die wir heute be-
schließen wollen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Das ist ja das Problem!)


Dort, wo es nötig ist, tragen Ausnahmebestimmungen der
besonderen Situation in den neuen Ländern Rechnung. So
bleibt es bei den Regelungen zur Einführung des Wohn-
ortprinzips: Bis 2004 können Honorarerhöhungen bis zu
6 Prozent vereinbart werden. Dafür stehen zusätzlich
184 Millionen Euro zur Verfügung.

Die Kopfpauschale für die Versicherten in den neuen
Bundesländern wird von den bundesweit tätigen Be-
triebskrankenkassen auf das Durchschnittsniveau der an-
deren Kassenarten angehoben. Dadurch erhöht sich auch
hier die Honorarsumme für die ärztliche Versorgung um
rund 87 Milliarden Euro.

Es wurde behauptet, die Begrenzung der Honorarstei-
gerung würde den Ärztemangel in Ostdeutschland ver-
schärfen. Sicher gibt es – in Ost wie West – in einigen Re-
gionen Versorgungsprobleme. Aber von einem generellen
Engpass kann man nicht sprechen. Das Geschrei der Bun-
desärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesverei-
nigung, wir hätten einen drastischen Ärztemangel, ist ein-
fach verantwortungslos.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Es ist verantwortungslos, das abzustreiten!)



(A)



(B)



(C)



(D)


714


(A)



(B)



(C)



(D)






Es handelt sich um eine zielgerichtete Verunsicherung der
Menschen. Der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr 2001 be-
trug 1 680 Vertragsärzte und -ärztinnen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Und der Abgang? – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Und wie viele sind altersbedingt ausgeschieden?)


Meine Damen und Herren, das Durchschnittseinkom-
men der Ärzte in den neuen Ländern lag bereits 1998 bei
circa 96 Prozent. Man muss aber diese Einkommenssi-
tuation differenziert betrachten. Zum Beispiel haben sich
die Zahlungen der Krankenkassen über die Kassenärztli-
chen Vereinigungen an die Frauenärzte in Sachsen und
ebenfalls die Punktwerte in Sachsen-Anhalt tendenziell
nach unten entwickelt. So etwas darf nicht sein.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Die werden jetzt budgetiert! Wie ist es mit den Kinderärzten?)


Dagegen liegen die Einkommen niedergelassener Fach-
ärzte wie Radiologen und Urologen schon über dem
Durchschnitt der alten Bundesländer.

Auf der anderen Seite stehen die Hausärzte, deren
Einkommenssituation verbessert werden muss. Die Haus-
ärzte können aber von den jetzt beschlossenen Chroniker-
programmen, den so genannten Disease-Management-
Programmen für Diabetes und Brustkrebs, profitieren.
Die Kosten werden von den Krankenkassen zusätzlich fi-
nanziert und fallen nicht unter die Nullrunde.


(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: Welche Kosten? – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Ihr habt sie doch gedeckelt!)


Ärzte, die an diesen Programmen teilnehmen, können die
entgangenen Honorarzuwächse mehr als ausgleichen. Al-
lein 60 Prozent der niedergelassenen Hausärzte, hausärzt-
lich tätigen Internisten und Internistinnen profitieren von
diesen Programmen.

In der Anhörung – da waren Sie dabei – hat Professor
Lauterbach vom Kölner Institut für Gesundheitsökonomie


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: SPDMitglied!)


ebenfalls darauf hingewiesen,
... dass in Anbetracht der hohen Belastungen mit
chronisch Kranken in den neuen Bundesländern die
dort niedergelassenen Ärzte die Nullrunde überkom-
pensieren können, allerdings nur durch eine verbes-
serte Qualität.

Ähnliches lässt sich auch für den Krankenhausbereich
sagen. Da ist für mich besonders wichtig, dass von der so
genannten Nullrunde für die Krankenhausbudgets die
BAT-Ausgleichsregelung und die Angleichung der Ost-
löhne und -gehälter an den Westtarif unberührt bleiben.
Wir halten nämlich an der vollständigen Angleichung bis
zum Jahre 2007 fest. Das gilt, wie vorhin bereits gehört,
auch für den ambulanten Bereich.


(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: Sie wissen selber, dass da nichts übrig bleibt! – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Wollen Sie nun einsparen oder nicht?)


Ein ganz zentraler Ausnahmetatbestand betrifft die
Krankenhäuser, die freiwillig ab 2003 das neue Abrech-
nungssystem nach Fallpauschalen anwenden. Diese
Krankenhäuser erhalten die vorgesehenen Steigerungsra-
ten – das sind in den neuen Länder fast 2,1 Prozent. Da die
Frist für Nachmeldungen bis zum 31. Dezember verlän-
gert wurde, werden viele Krankenhäuser von dieser Gele-
genheit Gebrauch machen. Hier ist die nachhaltige Stei-
gerung der Qualität das oberste Ziel.

Stimmen Sie im Bundesrat zu!
Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501109500

Das Wort hat jetzt die Kollegin Maria Michalk von der

CDU/CSU-Fraktion.

(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Maria Michalk (CDU):
Rede ID: ID1501109600

Herr Präsident! Meine sehr geehrten Kolleginnen und

Kollegen! Dass mit Beginn einer neuen Wahlperiode
manches erst zum Laufen gebracht werden muss – erst
recht, wenn man zwei neue Superministerien einrichtet –,
das weiß wohl jeder im Land; dafür kann man sogar Ver-
ständnis haben. Aber wie in den letzten zehn Tagen in je-
dem der beiden Superministerien jeweils ein Gesetz her-
vorgestampft wurde, das ist schon sehr erstaunlich. Das
möchte ich so kommentieren, indem ich Ihnen in meiner
Muttersprache eine Volksweisheit nahe bringe. Sie heißt:
Hdy��njezra�e j��, na woskobiznu so njeh�r� – Wenn du
Unreifes isst, klage nicht über stumpfe Zähne. Den Ein-
druck, dass diese Weisheit zutrifft, habe ich die ganze
letzte Stunde gehabt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Weder volkswirtschaftliche Aspekte noch gesundheits-

regionale oder gar versorgungsstrukturelle Argumente
wurden beachtet, geschweige verantwortungsvoll mit den
Betroffenen diskutiert und hier im Parlament beraten. Ich
habe in diesen Tagen ein ganz neues Verständnis von Par-
lamentsarbeit lernen müssen.

Mag sein, dass Sie von der rot-grünen Bundesregie-
rung und von der Koalition noch jemanden finden, der Ih-
nen Ihr Beißwerk repariert. Aber die Menschen in unse-
rem Land werden noch lange unter Ihrem klammernden
Biss leiden.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Blutsauger!)

Mag vielleicht auch sein, dass Sie in der Hektik Ihres

Handlungszwanges – dieser Zwang ist unbestritten –
nicht jedes Detail, das für die Betroffenen wichtig ist, und
den vollen Ernst der Situation berücksichtigen konnten.
Aber dass Sie nicht wissen, wie unterschiedlich die Fi-
nanzierungsgrundlagen, die Budgets nach der Bundes-
pflegesatzverordnung und die Finanzausstattung in den

Silvia Schmidt (Eisleben)





Maria Michalk
neuen Bundesländern sind, zeigt sehr deutlich, dass Ihnen
die Angleichung der Lebensverhältnisse nicht am Herzen
liegt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Frau Bundesministerin, Sie haben in Ihrer Rede nur ei-

nen Absatz der wahrscheinlichen Entwicklung gewidmet.
Das ist zu wenig. Liebe Frau Kollegin Schmidt, die Kran-
kenkassen in den neuen Bundesländern – das haben Sie
sehr richtig analysiert – haben Schwierigkeiten. Aber Sie
müssen auch richtigerweise sagen, dass die Krankenkas-
sen in Sachsen auf gesunden Beinen stehen. Überall dort,
wo die SPD an der Regierung war, gibt es diese Probleme.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ein Beispiel. Fachleute warnen schon länger davor und

die Menschen vor allem in den ländlichen Regionen
spüren es ganz deutlich: In den neuen Bundesländern
droht ein eklatanter Ärztemangel. Zum Teil ist er schon
da. Während im Bereich der niedergelassenen Ärzte der
Ärztemangel durch die Altersstruktur der praktizierenden
Ärzte Jahr für Jahr wächst – wir wissen, dass in den nächs-
ten zehn Jahren etwa ein Drittel der niedergelassenen
Ärzte in den Ruhestand gehen wird –, ist der Ärztemangel
in den Krankenhäusern bereits Realität. In Sachsen zum
Beispiel gibt es rund 250 freie Arztstellen. Warum? –
Geringere Bezahlung und Überlastung durch untragbare
lange Arbeitszeiten ermutigen gerade junge Fachleute,
sich in lukrativeren Gefilden eine interessante Tätigkeit
zu suchen, meistens in den alten Bundesländern.

Hier ist die Bundesregierung gefragt. Aber zu diesem
Problem habe ich nichts gehört. Was tut sie? – Sie ver-
ordnet eine Nullrunde.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Minusrunde!)

Ehrlicher ist es, diesen Vorgang als Kürzung zu bezeichnen;


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

denn 160 Euro pro Arzt und Monat verschwinden in an-
deren Kassentruhen. Bedenken Sie bitte einmal, dass eine
Arztpraxis in den neuen Bundesländern schon heute ein
Drittel weniger Personal hat! Ihre Maßnahmen werden zu
zusätzlichen Wartezeiten für die Patienten führen und eine
Verschlechterung der Behandlungsqualität wegen des
Zeitmangels des Pflegepersonals zur Folge haben. Das
wurde in der Anhörung deutlich.

Auf meine Frage nach der Umsetzung des Wohnort-
prinzips und den Maßnahmen hinsichtlich der zugesi-
cherten Verbesserungen der Einkommenssituation wurde
ich auf die Verhandlungsgeschicke der jeweiligen Betei-
ligten verwiesen.


(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: So ist es!)


Angesicht der jetzigen Situation weiß man doch ganz ge-
nau, dass die dringend notwendige Einkommensverbes-
serung mehr als ungewiss ist und dass es sie wahrschein-
lich nicht geben wird.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Noch ein Wort zur Finanzausstattung. Sie ist nicht

ausreichend; Finanzreserven existieren nicht. Wie unsere

mittelständischen Unternehmen leben auch die Kranken-
häuser von der Hand in den Mund. Schon seit langem
werden notwendige Mittel klaglos erwirtschaftet: Bei-
spielsweise werden Stellen gestrichen und wird bei
nachrückenden Mitarbeitern auf das Alter geachtet, weil
junge Mitarbeiter nach dem BAT weniger verdienen.
Sachkosten sind bereits maximal optimiert.

Das Signal, das von der rot-grünen Bundesregierung
und von Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen von der
Regierungskoalition, ausgesandt wird, bedeutet weitere
Kündigungen. Was sollen die entlassenen, zumeist hoch
qualifizierten und sehr fleißigen und verlässlichen Frauen
und Männer zum Beispiel in einer Region, in der die Ar-
beitslosigkeit schon bei 22 Prozent liegt, tun? Sie fallen in
die Perspektivlosigkeit.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501109700

Frau Kollegin, kommen Sie bitte zum Schluss.


Maria Michalk (CDU):
Rede ID: ID1501109800

Ich komme zum Schluss. – Wo, bitte schön, soll noch

die Kaufkraft herkommen, die wir so dringend brauchen,
um die Wirtschaft anzukurbeln, wie es in Ihrer Regie-
rungserklärung hieß? Ich sage Ihnen: Wer Preise fixiert
und Rabatte vorgibt, betreibt Planwirtschaft. Wozu Plan-
wirtschaft führt, wissen wir, nämlich zum Bankrott. Das
werden Ihnen die Menschen in den neuen Bundesländern
nicht durchgehen lassen. Deshalb lehnen wir den Gesetz-
entwurf ab.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501109900

Das Wort hat jetzt die Kollegin Gudrun Schaich-Walch

von der SPD-Fraktion.

(Beifall bei der SPD)



Gudrun Schaich-Walch (SPD):
Rede ID: ID1501110000

Herr Präsident! Sehr verehrte Kolleginnen und Kolle-

gen! Sehr verehrte Damen und Herren von der Opposi-
tion, wir haben jetzt über viele Minuten hinweg aufmerk-
sam zugehört, ob Sie denn irgendeinen Lösungsansatz
haben.


(Jörg Tauss [SPD]: Nicht einen!)

– Nicht einen!


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Lesen Sie das Sachverständigengutachten! Da haben Sie genug zum Nachdenken!)


Wir haben nur immer wieder gehört, was Ihnen alles nicht
gefällt, nie jedoch, was Ihnen denn gefallen würde. Das
einzige, das wir bisher von der FDP erfahren haben, ist,
welche Sendung sich Herr Parr im Fernsehen anschaut.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Lesen Sie doch einmal unseren Entschließungsantrag!)



(A)



(B)



(C)



(D)


716


(A)



(B)



(C)



(D)






– Sie hatten die Chance, etwas zu sagen. Ich würde mit Ih-
nen gerne auch inhaltlich debattieren, wenn Sie denn et-
was einbringen würden, mit dem man sich auseinander
setzen kann.


(Beifall bei der SPD – Wolfgang Zöller [CDU/ CSU]: Da muss sie selber lachen!)


Das Gesetz, das wir hier einbringen, ist ein erster
Schritt. Wir müssen das so machen, um das Niveau der
Beitragssätze in der Zukunft zu sichern.


(Eckart von Klaeden [CDU/CSU]: Gestern waren wir am Abgrund, jetzt sind wir einen Schritt weiter!)


Außer im Arzneimittelbereich wird nichts gekürzt. Wir
setzen lediglich den Automatismus außer Kraft, dass die
Ausgaben im Gesundheitswesen Jahr für Jahr mit den
Löhnen steigen müssen. Mehr Geld gibt es demnächst nur
noch für mehr Qualität.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Mit dieser Maßnahme – die, wie ich glaube, durchaus zu
rechtfertigen ist, zumal wir sie auf ein Jahr begrenzen –
machen wir deutlich, dass dieses Gesetz nicht ein reines
Kostendämpfungsgesetz ist,


(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: Ein Arbeitsplatzstoppgesetz ist das!)


sondern strukturelle Elemente enthält und in Richtung
Qualität, Wirtschaftlichkeit und Effizienzoffensive weist.
Dies hat unser Gesundheitssystem durchaus nötig.

Wir beschleunigen den Prozess in dieser Richtung auf
zwei Feldern: Erstens geht es um die strukturierten Be-
handlungsprogramme. Jede Ärztin und jeder Arzt, der
bereit ist, entsprechend der vorgegebenen Qualität zu ar-
beiten, hat die Möglichkeit, die Budgets seiner Arbeit zu
erhöhen. Im Moment gibt es zwei Disease-Management-
Programme; im Laufe des nächsten Jahres werden weitere
folgen. Damit haben auch diejenigen, die sich neu orien-
tieren, die neue Versorgungselemente einführen, die end-
lich die Mängel innerhalb der einzelnen Sektoren in un-
serem Gesundheitswesen abbauen, die Chance, ihre
Budgets aufzustocken.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Den zweiten Anreiz setzen wir bewusst im Kranken-
hausbereich. Diejenigen Krankenhäuser, die sich bereits
für das Fallpauschalensystem entschieden haben, bekom-
men die Grundlohnrate, die für Ost bzw. West ausgeschrie-
ben ist. Dabei haben wir den Ost-West-Ausgleich weiter im
Auge behalten; denn alle Ausnahmetatbestände – dazu
gehört auch die Möglichkeit, die BAT-Angleichung zwi-
schen Ost und West in voller Höhe zusätzlich zu vergüten –
behalten ihre Gültigkeit. Wir werden in einer Gesundheits-
reform im nächsten Jahr vorsehen, dass diese Anpassung
bis 2007 nicht nur im BAT-Bereich, sondern auch in allen
anderen Bereichen möglich wird, insbesondere für die im
ambulanten Bereich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitar-
beiter. Voraussetzung wird jedoch stets sein, dass wir dies
mit unseren Strukturveränderungen erwirtschaften.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Birgitt Bender [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Sie dagegen haben in der Vergangenheit über viele
Jahre hinweg Leistungskürzungen festgeschrieben, Jahr
für Jahr und jeweils in Milliardenhöhe.


(Detlef Parr [FDP]: Bei Ihnen ist das schon jedes halbe Jahr der Fall! – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sie verdoppeln die Schlagzahl!)


Das einzige, was das letztlich gebracht hat, war der
Griff in das Portemonnaie der Versicherten, der Patien-
tinnen und Patienten. Wir gehen mit diesem Gesetz be-
wusst einen anderen Weg. Wir wissen, dass wir von den
Leistungserbringern für das nächste Jahr viel erwarten,
aber sind uns ganz sicher, damit niemanden zu überfor-
dern.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ich möchte aus einer Presseerklärung des Vereins De-
mokratischer Ärztinnen und Ärzte zitieren:


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sonderabteilung der SPD!)


Wir Ärztinnen und Ärzte aus Kliniken und Praxen
sind bereit, ein Jahr lang auf Einkommenssteigerun-
gen zu verzichten ..., wenn dadurch die solidarische
gesetzliche Krankenversicherung ... ausgebaut wer-
den kann.

Sie tun es deshalb:
Weil wir unseren Platz nur in einem auf Solidarität
beruhenden Gesundheitswesen sehen, weil nur so die
Chancen auf Gesundheit für alle Bevölkerungskreise
gleich sein können und weil Armut und mangelhafte
Bildung nicht gleich bedeutend mit einem erhöhten
Krankheitsrisiko sein darf.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN–Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Wie viele Mitglieder hat denn dieser Verband? –Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Das hat Professor Lauterbach aufgeschrieben!)


Das, so denke ich, ist ein wirklich solidarischer Bei-
trag. Wir sind dafür sehr dankbar.

Meine Damen und Herren, die GKV soll auch in Zu-
kunft – das ist nicht nur das Anliegen der Ärztinnen und
Ärzte,


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Eines Teils der Ärzte!)


sondern auch das Anliegen der Menschen, der Regierung
und der sie tragenden Koalitionsfraktionen – alle medizi-
nischen Leistungen, die notwendig sind, solidarisch zur
Verfügung stellen.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das kommt gebetsmühlenartig! Aber die Realität sieht anders aus, Frau Schaich-Walch!)


– So ist das. Man muss Ihnen das ganz deutlich sagen;
denn ich höre und lese von Ihnen, dass Sie permanent den
Ansatz haben, man könne alles privat absichern.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Nicht alles, aber manches!)


Gudrun Schaich-Walch




Gudrun Schaich-Walch
Ich bin der Überzeugung, dass das nicht tragfähig ist.
Wenn Sie sich die Beitragssatzentwicklung in der priva-
ten Krankenversicherung ansehen, dann werden Sie fest-
stellen, dass das kein Weg ist.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Denen haben Sie gesetzliche Mehrausgaben auferlegt! Den größten Teil der Preissteigerung haben Sie zu verantworten!)


Grundlage muss bei uns weiterhin ein einheitlicher und
gemeinsamer Leistungskatalog und eine solidarische
Finanzierung sein. Nur auf diesem Weg können wir zu
mehr Qualität und mehr Wirtschaftlichkeit in diesem Sys-
tem kommen. Der Weg der Privatisierung, der Grund- und
Wahlleistungen ist zum Scheitern verurteilt. Wir werden
den schwierigeren Weg der Strukturveränderungen in die-
sem System gehen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Das wird, wie ich Ihnen schon sagte, voraussetzen,

dass wir im Wettbewerbsrecht weitreichende Veränderun-
gen vornehmen. Wir benötigen nicht mehr so viele Kran-
kenkassen wie jetzt. Die Krankenkassen, die wir haben,
müssen ein einheitliches Organisationsrecht haben. Es
muss das Recht der Wahl zwischen all diesen Kassen ge-
ben. Zudem kann es nicht sein, dass jemand in der einen
Krankenkasse besser versorgt ist als in der anderen.

Ein weiterer Punkt, auf den es sich noch einzugehen
lohnt, ist die Frage: Wie werden wir zwischen den ver-
schiedenen Bereichen, dem Krankenhaus und der ambu-
lanten Versorgung, einen Weg schaffen können? Das wird
nur mit einem veränderten Honorarsystem gehen und
nur dann, wenn die Gelder zwischen den Sektoren fließen
können, das heißt, wenn wir die Besoldung im am-
bulanten Bereich tatsächlich so wie im Krankenhausbe-
reich regeln.

Noch ein paar Worte zur Rente: Herr Seehofer, wenn
Ihnen die Rente damals wirklich am Herzen gelegen hätte,
hätte 1998 der Beitragssatz nicht bei 20,3 Prozent gele-
gen – und dies auch nur deshalb, weil Sie die Mehr-
wertsteuer um 1 Prozentpunkt erhöht hatten.


(Beifall bei der SPD)

Aufgrund der Einnahmesituation sind wir jetzt gezwun-
gen, die Beiträge zu erhöhen und die Schwankungsre-
serve abzusenken. Auch da brauchen Sie nicht in Ge-
schrei auszubrechen, weil die Schwankungsreserve zu
Ihrer Zeit, 1996/1997, durchaus bei unter 0,6 lag.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Die wurde aber immer wieder aufgefüllt!)


Da gab es nie Zahlungsprobleme. Ferner haben Sie jetzt
die große Sorge, dass ein Beitragssatz von 19,5 Prozent
für viele zu hoch ist,


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Plus Ökosteuer!)


Dazu kann ich Ihnen klar und deutlich sagen: Diejenigen,
die im Monat 3 000 Euro verdienen, haben pro Monat
6 Euro mehr aufzubringen


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das ist immerhin schon eine Pizza!)


und diejenigen, die pro Monat 5 100 Euro verdienen,
67,50 Euro pro Monat. Wir verstehen unter sozialer Ge-
rechtigkeit, dass derjenige, der mehr tragen kann, auch
tatsächlich mehr trägt.


(Beifall bei der SPD)

Zum Abschluss möchte ich noch ein Wort zur älteren

Generation, zur Heraufsetzung des Rentenalters sagen.
Wir haben im Gesetz das Rentenalter für alle, für Frauen
und Männer, auf 65 Jahre heraufgesetzt. Forderungen, die
darüber hinausgehen, entbehren jeglicher realistischen
Grundlage. Vielleicht sollten Sie das auch Herrn Stoiber
sagen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501110100

Das Wort hat jetzt die Kollegin Dr. Gesine Lötzsch.


Dr. Gesine Lötzsch (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1501110200

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Sehr ge-

ehrte Gäste! Für die Gäste sage ich: Ich bin Abgeordnete
der PDS.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sie sind fraktionslose Abgeordnete!)


Das Beitragssatzsicherungsgesetz wird schon massiv
unterlaufen, bevor es durch den Bundestag beschlossen
ist. Es ist bereits jetzt klar, dass die Beiträge steigen wer-
den, nicht nur bei der Rentenversicherung, sondern auch
bei der Krankenversicherung. Auf Millionen Versicher-
ter der gesetzlichen Krankenversicherung werden zu
Beginn des neuen Jahres Beitragserhöhungen zukom-
men.

Der Vorstandsvorsitzende der Barmer Ersatzkasse,
Eckart Fiedler, hat berechnet, dass es nicht eine Ein-
sparung von rund 3 Millionen Euro


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Milliarden!)

– Milliarden; danke schön, dass Sie so aufmerksam
zuhören – geben wird, wie es die Regierung ausgerechnet
hat, sondern nur eine Einsparung von 1 Milliarde Euro.

Bei der heutigen Beratung des Hartz-Gesetzes habe
ich bereits auf weitere Risiken für die Krankenkassen
durch die Umsetzung der Hartz-Vorschläge hingewie-
sen. Dabei habe ich nur die vorsichtigen Schätzungen
der Bundesregierung genannt. Es ist nicht auszu-
schließen, dass die Ausfälle für die Kassen noch in die
Höhe schnellen.

Das heißt, die enormen Defizite der Kassen werden
nicht gedeckt. Die Konsequenz sind Beitragserhöhungen,
wie bereits bei 20 kleineren Betriebskrankenkassen ge-
schehen. Die großen Kassen werden folgen; daran besteht
kein Zweifel. Die Gesundheitsministerin hat schon jetzt
Ausnahmeregelungen festgelegt, die die Kassen nutzen
werden und auch müssen, um ihre Zahlungsfähigkeit zu
sichern. Ausnahmeregelungen gibt es auch für die Kran-
kenhäuser, die auf Fallpauschalen umgestellt haben bzw.
noch umstellen werden.


(A)



(B)



(C)



(D)


718


(A)



(B)



(C)



(D)






Die Bundesregierung versucht mit dem Beitragssatzsi-
cherungsgesetz an vielen Punkten in die richtige Richtung
zu gehen; das erkennen wir durchaus an.


(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: Sie haben so gut angefangen!)


Doch an den entscheidenden Stellen verlässt sie immer
der Mut.


(Beifall der Abg. Petra Pau [fraktionslos])

Richtig ist es, die Arzneimittelausgaben zu verringern,
indem überhöhte Medikamentenpreise gesenkt und die
Gewinne der Pharmaindustrie zumindest etwas beschnit-
ten werden. Auch eine Positivliste für Arzneimittel und
das Einfrieren der Verwaltungsausgaben der Kassen sind
seit langem überfällige und durchaus gerechtfertigte Maß-
nahmen. Wir übersehen ebenfalls nicht, dass Rot-Grün
das Solidarsystem erhalten und die Defizite der gesetzli-
chen Krankenversicherung nicht vordergründig durch
höhere Zuzahlungen und Selbstbeteiligung der Patienten
oder durch eine Einführung von Regel- und Wahlleistun-
gen beheben will. Natürlich ist auch die Anhebung der
Versicherungspflichtgrenze, die die Schwelle für den
Übergang in eine private Krankenversicherung erhöht,
ein Schritt in die richtige Richtung.

Wir als PDS haben dazu schon eine Menge Vorschläge
unterbreitet. Aber man muss gar nicht auf unsere Vor-
schläge hören; man muss sich nur einmal in Nord- und
Westeuropa umschauen. Es wäre zum Beispiel ein Leich-
tes, die Mehrwertsteuer auf Arzneimittel abzuschaffen.
Allein das beließe ungefähr 2 bis 3 Milliarden Euro an
Versicherungsbeiträgen bei den Krankenkassen, die sich
bisher der Fiskus aneignet. Da könnten wir von unseren
Nachbarn lernen, bei denen entweder gar keine Steuern
oder nur der halbe Steuersatz für Arzneimittel eingefor-
dert wird. Was passiert hier? Es wird genau das Gegenteil
gemacht. Es ist schon in der Debatte erwähnt worden: Der
Steuersatz für Zahnersatz wird auf die volle Höhe von
16 Prozent angehoben. Das ist kontraproduktiv. Ich finde
das sehr verwunderlich, weil doch an anderer Stelle im-
mer erklärt wird, dass man auf eine europäische Steuer-
harmonisierung hinwirken wolle. Warum also nicht bei
den Nachbarn das Gute lernen?

Auch einen anderen guten Vorschlag der PDS haben
Sie leider nicht aufgegriffen. Wir haben bereits mehrmals
vorgeschlagen, sozialpolitische Leistungen wie das Mut-
terschaftsgeld oder die Zahlungen bei Erkrankung des
Kindes durch einen Bundeszuschuss an die gesetzliche
Krankenversicherung zu finanzieren. Das würde weitere
1 bis 2 Milliarden Euro ausmachen.

Allein diese beiden Vorschläge würden den Kran-
kenkassen circa 5 Milliarden Euro bringen und Sie
könnten sich alle sozialen Grausamkeiten sparen, Frau
Schmidt, wie zum Beispiel die Kürzung des Sterbegel-
des oder die Nullrunde für die Beschäftigten des Ge-
sundheitswesens. Sie sehen, es gibt Alternativen. Nut-
zen Sie diese!

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

(Beifall der Abg. Petra Pau [fraktionslos])



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501110300

Das Wort hat jetzt der Kollege Gerald Weiß von der

CDU/CSU-Fraktion.

(Beifall bei der CDU/CSU)


Gerald Weiß (Groß-Gerau) (CDU/CSU):
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Her-

ren! Wenn man die Quersumme der rot-grünen Debatten-
beiträge in dieser parlamentarischen Auseinandersetzung
um das Beitragssatzsicherungsgesetz zieht, kommt man
zu dem Ergebnis: Augen zu und durch; Augen zu und
durch, obwohl ganz Deutschland weiß, dass Rot-Grün
konzeptionell am Bettelstab und am Ende ist.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Unternehmer

und Freiberufler wissen, dass die rot-grüne Politik in Ver-
fahren und Inhalt ein ununterbrochenes Management-by-
Chaos darstellt:


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

konzeptionslos, sinnlos und schamlos.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Der Sachverständigenrat drückt es vornehm aus. Er

spricht vom konzeptionslosen Herumdoktern an Sympto-
men, aber das, was Sie machen, ist auch sinnlos und scham-
los.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Und nutzlos!)

Es ist sinnlos – wir können es bei einem Notar Ihrer Wahl
hinterlegen –, weil Sie die Belastungen der Betriebe und
Arbeitnehmer durch Ihre Politik nicht in den Griff be-
kommen werden.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Es ist schamlos, weil Sie vor der Wahl öffentlich die schon
lange absehbaren Beitragsanhebungen permanent und
wahrheitswidrig geleugnet haben.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Es ist schamlos, weil Sie ein Gesetz, das auf jeden Fall die
Erhöhung der Rentenbeiträge vorsieht, Beitragssatzsiche-
rungsgesetz zu nennen wagen. Trotz massiver Beitrags-
satzanhebungen heißt dieses Gesetz großsprecherisch Bei-
tragssatzsicherungsgesetz.

Es ist schamlos – darauf hinzuweisen liegt mir beson-
ders am Herzen –, weil Sie durchs Land ziehen und eine
Wiedergeburt der Betriebsrente verheißen und gleichzei-
tig durch die jetzt vorgesehene sprunghafte Erhöhung der
Beitragsbemessungsgrenze in der Rentenversicherung die
Betriebsrentenansprüche von 1,5 Millionen Menschen
um bis zu 150 Euro im Monat reduzieren wollen. Das ist
ein Vertrauensbruch gegenüber den Menschen, die diese
Form der Alterssicherung gewählt haben.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Dr. Gesine Lötzsch




Gerald Weiß (Groß-Gerau)

Es gibt keine faire Übergangslösung, es gibt überhaupt
keine Übergangslösung an dieser Stelle.

Wer Beiträge anhebt und das Beitragssatzsicherung
nennt, wer betriebliche Alterssicherung propagiert und
zugleich Betriebsrenten kürzt, hat sie nicht mehr alle auf
dem Christbaum, meine sehr verehrten Damen und Her-
ren.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Es ist ja nicht so, dass Sie es nicht gemerkt haben. Die
SPD-Abgeordnete Susanne Kastner spricht in der „Süd-
deutschen Zeitung“ am 11. November von der „problema-
tischen Nichtorientierung“ im Regierungslager. Glück-
wunsch zum Understatement des Jahres.

Ihr Fraktionskollege Gernot Erler pflichtet ihr in der
gleichen Zeitung angesichts des Déjà-vu-Erlebnisses bei
und spricht vom „Trauma 99“, das wieder in der Fraktion
umgehe.

Sie haben also doch gemerkt, was los ist, dass Sie näm-
lich nicht die richtigen Antworten auf die Probleme unse-
rer Zeit haben und ein unglaublich schlampiges Gesetz
vorlegen. Wenn Sie auch sonst nichts beeindrucken sollte,
so sollte Sie zumindest noch beeindrucken, dass Ihr
Hochmut ausweislich der Umfrageergebnisse im freien
Fall befindlich ist.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Herr Dreßen, Frau Schaich-Walch, Sie haben gesagt,
die Erhöhung der Rentenversicherungsbeiträge sei ja
nicht so schlimm. Dazu meine ich: Sie müssen das doch
insgesamt sehen: Es gibt höhere Krankenversicherungs-
beiträge, höhere Rentenversicherungsbeiträge, die Stu-
fen fünf und sechs der Ökosteuer und höhere Gas- und
Energiesteuern. Für einen Arbeitnehmer mit zwei Kin-
dern und 35 000 Euro durchschnittlichem Jahreseinkom-
men bedeutet das eine Mehrbelastung von 236 Euro.
Ihre Politik führt doch zu einer Ausbeutung der kleinen
Leute.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Hinzu kommen noch der Riesenkahlschlag bei der Ei-

genheimzulage und die vorenthaltene Steuerreform. Es
gibt weniger netto für die Arbeitnehmer. Sie würgen die
Kaufkraft ab und verteuern die Arbeit. Damit machen Sie
Arbeitsplätze in Deutschland kaputt, und zwar auf drei-
fache Weise:


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Mit Ihren Eingriffen in das Gesundheitswesen und Ihren
Nullrunden dort machen Sie unmittelbar Arbeitsplätze in
der Pflege und der medizinischen Versorgung kaputt und
gefährden damit deren Qualität entscheidend.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501110400

Herr Weiß, kommen Sie bitte zum Schluss.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Gerald Weiß (Groß-Gerau) (CDU/CSU):
Ich kann vor diesem Hintergrund nur Nein zu diesem

Machwerk sagen. Wir appellieren an Sie: Machen Sie
endlich langfristig tragfähige Reformen der sozialen Si-
cherungssysteme! Machen Sie eine Politik, die einen Ver-
trauensschutz für die Älteren und eine verlässliche Per-
spektive für die Jüngeren bringt.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501110500

Ich schließe die Aussprache. Wir nehmen wiederum

eine große Zahl von schriftlichen Erklärungen gemäß § 31
der Geschäftsordnung zu Protokoll.1

Wir kommen zur Abstimmung über den von den Frak-
tionen der SPD und Bündnis 90/Die Grünen eingebrach-
ten Entwurf eines Beitragssatzsicherungsgesetzes, Druck-
sache 15/28. Der Ausschuss für Gesundheit und soziale
Sicherung empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf
Drucksache 15/73, den Gesetzentwurf in der Ausschuss-
fassung anzunehmen. Ich bitte diejenigen, die dem Ge-
setzentwurf in der Ausschussfassung zustimmen wollen,
um das Handzeichen. – Gegenstimmen? – Enthaltungen? –
Der Gesetzentwurf ist damit in zweiter Beratung mit den
Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen
von CDU/CSU und FDP und der fraktionslosen Abgeord-
neten angenommen.

Wir kommen zur
dritten Beratung

und Schlussabstimmung.
Es ist namentliche Abstimmung verlangt. Ich bitte die

Schriftführerinnen und Schriftführer, die Plätze einzuneh-
men.

Ich eröffne die Abstimmung.
Haben alle Kolleginnen und Kollegen ihre Stimme ab-

gegeben? – Das scheint nicht der Fall zu sein.
Sind jetzt alle Stimmen abgegeben? – Das ist der Fall.

Ich schließe die Abstimmung und bitte, die Stimmen aus-
zuzählen. Das Ergebnis der namentlichen Abstimmung
wird Ihnen später bekannt gegeben.

Wir stimmen nun über den Entschließungsantrag der
FDP auf Drucksache 15/96 ab. Wer stimmt für diesen Ent-
schließungsantrag? – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält
sich? – Der Entschließungsantrag ist mit den Stimmen der
Koalitionsfraktionen und bei Zustimmung der FDP und
einiger CDU/CSU-Abgeordneter und Enthaltung der üb-
rigen Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion abgelehnt.

Wir kommen jetzt zur Abstimmung über den von den
Fraktionen der SPD und des Bündnisses 90/Die Grünen
eingebrachten Entwurf eines Zwölften Gesetzes zur Än-
derung des Fünften Buches Sozialgesetzbuch, Drucksa-
che 15/27. Der Ausschuss für Gesundheit und soziale Si-


(A)



(B)



(C)



(D)


720

1 Anlagen 12 bis 15


(A)



(B)



(C)



(D)






cherung empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf
Drucksache 15/74, den Gesetzentwurf in der Ausschuss-
fassung anzunehmen. Ich bitte diejenigen, die dem Ge-
setzentwurf in der Ausschussfassung zustimmen wollen,
um das Handzeichen. – Gegenstimmen? – Enthaltungen? –
Der Gesetzentwurf ist in zweiter Beratung mit den Stim-
men der Koalitionsfraktionen gegen die Stimmen von
CDU/CSU und FDP angenommen.

Dritte Beratung
und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem Ge-
setzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. – Gegen-
stimmen? – Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf ist in drit-
ter Lesung mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen
gegen die Stimmen von CDU/CSU und FDPangenommen.

Bis zum Vorliegen des Ergebnisses der namentlichen
Schlussabstimmung unterbreche ich die Sitzung für ei-
nige Minuten.


(Unterbrechung von 15.28 bis 15.33 Uhr)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1501110600

Die unterbrochene Sitzung ist wieder eröffnet.
Ich gebe Ihnen das von den Schriftführerinnen und

Schriftführern ermittelte Ergebnis der namentlichen Ab-
stimmung bekannt: Abgegebene Stimmen 574, mit Ja ha-
ben gestimmt 303, mit Nein haben gestimmt 271. Es gab
keine Enthaltungen. Der Gesetzentwurf ist damit ange-
nommen.

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms

Endgültiges Ergebnis
Abgegebene Stimmen: 373;
davon

ja: 302
nein: 271

Ja
SPD
Dr. Lale Akgün
Gerd Andres
Ingrid Arndt-Brauer
Rainer Arnold
Hermann Bachmaier
Ernst Bahr (Neuruppin)

Doris Barnett
Dr. Hans-Peter Bartels
Eckhardt Barthel (Berlin)

Klaus Barthel (Starnberg)

Sören Bartol
Sabine Bätzing
Uwe Beckmeyer
Klaus Uwe Benneter
Dr. Axel Berg
Ute Berg
Hans-Werner Bertl
Petra Bierwirth
Rudolf Bindig
Lothar Binding (Heidelberg)

Kurt Bodewig
Gerd Friedrich Bollmann
Klaus Brandner
Willi Brase
Bernhard Brinkmann

(Hildesheim)


Hans-Günter Bruckmann
Marco Bülow
Ulla Burchardt
Dr. Michael Bürsch
Hans Martin Bury
Hans Büttner (Ingolstadt)

Marion Caspers-Merk
Dr. Peter Wilhelm Danckert
Dr. Herta Däubler-Gmelin
Karl Diller
Martin Dörmann
Peter Dreßen

Detlef Dzembritzki
Sebastian Edathy
Siegmund Ehrmann
Hans Eichel
Marga Elser
Gernot Erler
Petra Ernstberger
Karin Evers-Meyer
Annette Faße
Elke Ferner
Gabriele Fograscher
Rainer Fornahl
Gabriele Frechen
Dagmar Freitag
Lilo Friedrich (Mettmann)

Iris Gleicke
Günter Gloser
Uwe Göllner
Renate Gradistanac
Angelika Graf (Rosenheim)

Dieter Grasedieck
Monika Griefahn
Kerstin Griese
Gabriele Groneberg
Achim Großmann
Wolfgang Grotthaus
Karl Hermann Haack

(Extertal)


Hans-Joachim Hacker
Bettina Hagedorn
Klaus Hagemann
Alfred Hartenbach
Michael Hartmann

(Wackernheim)


Anke Hartnagel
Nina Hauer
Hubertus Heil
Reinhold Hemker
Rolf Hempelmann
Dr. Barbara Hendricks
Gustav Herzog
Petra Heß
Monika Heubaum
Gabriele Hiller-Ohm
Stephan Hilsberg
Gerd Höfer
Walter Hoffmann

(Darmstadt)


Iris Hoffmann (Wismar)


Frank Hofmann (Volkach)

Eike Hovermann
Klaas Hübner
Lothar Ibrügger
Brunhilde Irber
Renate Jäger
Jann-Peter Janssen
Klaus Werner Jonas
Johannes Kahrs
Ulrich Kasparick
Susanne Kastner
Ulrich Kelber
Hans-Peter Kemper
Klaus Kirschner
Hans-Ulrich Klose
Astrid Klug
Dr. Heinz Köhler
Walter Kolbow
Fritz Rudolf Körper
Karin Kortmann
Rolf Kramer
Anette Kramme
Ernst Kranz
Nicolette Kressl
Volker Kröning
Dr. Hans-Ulrich Krüger
Angelika Krüger-Leißner
Horst Kubatschka
Ernst Küchler
Helga Kühn-Mengel
Ute Kumpf
Dr. Uwe Küster
Christine Lambrecht
Christian Lange (Backnang)

Christine Lehder
Waltraud Lehn
Dr. Elke Leonhard
Eckhart Lewering
Götz-Peter Lohmann

(Neubrandenburg)


Gabriele Lösekrug-Möller
Erika Lotz
Dr. Christine Lucyga
Dirk Manzewski
Tobias Marhold
Lothar Mark
Caren Marks
Christoph Matschie
Hilde Mattheis

Markus Meckel
Ulrike Mehl
Petra-Evelyne Merkel
Ulrike Merten
Angelika Mertens
Ursula Mogg
Michael Müller (Düsseldorf)

Christian Müller (Zittau)

Gesine Multhaupt
Dr. Rolf Mützenich
Volker Neumann (Bramsche)

Dietmar Nietan
Dr. Erika Ober
Holger Ortel
Heinz Paula
Johannes Pflug
Joachim Poß
Dr. Wilhelm Priesmeier
Florian Pronold
Dr. Sascha Raabe
Karin Rehbock-Zureich
Gerold Reichenbach
Dr. Carola Reimann
Christel Riemann-
Hanewinckel

Walter Riester
Reinhold Robbe
René Röspel
Dr. Ernst Dieter Rossmann
Karin Roth (Esslingen)

Michael Roth (Heringen)

Gerhard Rübenkönig
Ortwin Runde
Marlene Rupprecht

(Tuchenbach)


Thomas Sauer
Anton Schaaf
Axel Schäfer (Bochum)

Gudrun Schaich-Walch
Rudolf Scharping
Bernd Scheelen
Dr. Hermann Scheer
Siegfried Scheffler
Horst Schild
Otto Schily
Horst Schmidbauer

(Nürnberg)


Ulla Schmidt (Aachen)

Silvia Schmidt (Eisleben)





Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms


(A)



(B)



(C)



(D)


Dagmar Schmidt (Meschede)

Wilhelm Schmidt (Salzgitter)

Heinz Schmitt (Berg)

Carsten Schneider
Walter Schöler
Olaf Scholz
Karsten Schönfeld
Fritz Schösser
Wilfried Schreck
Ottmar Schreiner
Gerhard Schröder
Gisela Schröter
Brigitte Schulte (Hameln)

Reinhard Schultz

(Everswinkel)


Swen Schulz (Spandau)

Dr. Angelica Schwall-Düren
Dr. Martin Schwanholz
Rolf Schwanitz
Erika Simm
Dr. Sigrid Skarpelis-Sperk
Dr. Cornelie Sonntag-
Wolgast

Wolfgang Spanier
Dr. Margrit Spielmann
Jörg-Otto Spiller
Dr. Ditmar Staffelt
Ludwig Stiegler
Rolf Stöckel
Christoph Strässer
Rita Streb-Hesse
Dr. Peter Struck
Joachim Stünker
Jörg Tauss
Jella Teuchner
Dr. Gerald Thalheim
Wolfgang Thierse
Franz Thönnes
Hans-Jürgen Uhl
Rüdiger Veit
Simone Violka
Jörg Vogelsänger
Ute Vogt (Pforzheim)

Dr. Marlies Volkmer
Hans Georg Wagner
Hedi Wegener
Andreas Weigel
Petra Weis
Reinhard Weis (Stendal)

Matthias Weisheit
Gunter Weißgerber
Gert Weisskirchen

(Wiesloch)


Dr. Ernst Ulrich von
Weizsäcker

Jochen Welt
Dr. Rainer Wend
Lydia Westrich
Inge Wettig-Danielmeier
Dr. Margrit Wetzel
Andrea Wicklein
Jürgen Wieczorek (Böhlen)

Heidemarie Wieczorek-Zeul
Dr. Dieter Wiefelspütz
Brigitte Wimmer (Karlsruhe)

Engelbert Wistuba
Barbara Wittig
Dr. Wolfgang Wodarg
Verena Wohlleben
Waltraud Wolff

(Wolmirstedt)


Heidi Wright
Uta Zapf
Manfred Helmut Zöllmer
Dr. Christoph Zöpel
BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN
Kerstin Andreae
Marieluise Beck (Bremen)

Volker Beck (Köln)

Cornelia Behm
Birgitt Bender
Matthias Berninger
Grietje Bettin
Alexander Bonde
Ekin Deligöz
Dr. Thea Dückert
Jutta Dümpe-Krüger
Franziska Eichstädt-Bohlig
Dr. Uschi Eid
Hans-Josef Fell
Joseph Fischer (Frankfurt)

Katrin Dagmar Göring-
Eckardt

Anja Hajduk
Winfried Hermann
Antje Hermenau
Peter Hettlich
Ulrike Höfken
Thilo Hoppe
Michaele Hustedt
Fritz Kuhn
Renate Künast
Markus Kurth
Undine Kurth (Quedlinburg)

Dr. Reinhard Loske
Anna Lührmann
Jerzy Montag
Kerstin Müller (Köln)

Winfried Nachtwei
Christa Nickels
Friedrich Ostendorff
Simone Probst
Claudia Roth (Augsburg)

Krista Sager
Christine Scheel
Irmingard Schewe-Gerigk
Rezzo Schlauch
Albert Schmidt (Hitzhofen)

Werner Schulz (Berlin)

Petra Selg
Ursula Sowa
Rainder Steenblock
Silke Stokar von Neuforn
Hans-Christian Ströbele
Jürgen Trittin
Marianne Tritz
Hubert Ulrich
Dr. Antje Vogel-Sperl
Dr. Antje Vollmer
Dr. Ludger Volmer
Josef Philip Winkler
Margareta Wolf (Frankfurt)


Nein
CDU/CSU
Ulrich Adam
Ilse Aigner

Peter Altmaier
Dietrich Austermann
Norbert Barthle
Dr. Wolf Bauer
Günter Baumann
Ernst-Reinhard Beck

(Reutlingen)


Veronika Bellmann
Dr. Christoph Bergner
Otto Bernhardt
Dr. Rolf Bietmann
Clemens Binninger
Peter Bleser
Antje Blumenthal
Dr. Maria Böhmer
Jochen Borchert
Wolfgang Börnsen

(Bönstrup)


Wolfgang Bosbach
Dr. Wolfgang Bötsch
Klaus Brähmig
Dr. Ralf Brauksiepe
Helge Braun
Monika Brüning
Verena Butalikakis
Hartmut Büttner

(Schönebeck)


Cajus Caesar
Peter H. Carstensen

(Nordstrand)


Gitta Connemann
Leo Dautzenberg
Hubert Deittert
Albert Deß
Alexander Dobrindt
Vera Dominke
Thomas Dörflinger
Marie-Luise Dött
Rainer Eppelmann
Georg Fahrenschon
Ilse Falk
Dr. Hans Georg Faust
Enak Ferlemann
Ingrid Fischbach
Hartwig Fischer (Göttingen)

Dirk Fischer (Hamburg)

Axel E. Fischer

(Karlsruhe-Land)


Dr. Maria Flachsbarth
Klaus-Peter Flosbach
Herbert Frankenhauser
Dr. Hans-Peter Friedrich

(Hof)


Erich G. Fritz
Jochen-Konrad Fromme
Dr. Michael Fuchs
Hans-Joachim Fuchtel
Dr. Peter Gauweiler
Dr. Jürgen Gehb
Norbert Geis
Roland Gewalt
Eberhard Gienger
Georg Girisch
Ralf Göbel
Dr. Reinhard Göhner
Josef Göppel
Peter Götz
Dr. Wolfgang Götzer
Ute Granold

Kurt-Dieter Grill
Reinhard Grindel
Hermann Gröhe
Michael Grosse-Brömer
Markus Grübel
Manfred Grund
Karl-Theodor Freiherr von
und zu Guttenberg

Olav Gutting
Holger Haibach
Gerda Hasselfeldt
Klaus-Jürgen Hedrich
Helmut Heiderich
Ursula Heinen
Siegfried Helias
Uda Carmen Freia Heller
Michael Hennrich
Jürgen Herrmann
Bernd Heynemann
Ernst Hinsken
Peter Hintze
Robert Hochbaum
Klaus Hofbauer
Martin Hohmann
Joachim Hörster
Hubert Hüppe
Susanne Jaffke
Dr. Peter Jahr
Dr. Egon Jüttner
Bartholomäus Kalb
Steffen Kampeter
Irmgard Karwatzki
Bernhard Kaster
Volker Kauder
Siegfried Kauder

(Bad Dürrheim)


Gerlinde Kaupa
Eckart von Klaeden
Jürgen Klimke
Julia Klöckner
Kristina Köhler
Manfred Kolbe
Norbert Königshofen
Hartmut Koschyk
Thomas Kossendey
Michael Kretschmer
Günther Krichbaum
Günter Krings
Dr. Martina Krogmann
Dr. Hermann Kues
Werner Kuhn (Zingst)

Dr. Norbert Lammert
Barbara Lanzinger
Karl-Josef Laumann
Vera Lengsfeld
Werner Lensing
Peter Letzgus
Walter Link (Diepholz)

Eduard Lintner
Dr. Klaus W. Lippold

(Offenbach)


Patricia Lips
Dr. Michael Luther
Dorothee Mantel
Erwin Marschewski

(Recklinghausen)


Stephan Mayer (Altötting)

Cornelia Mayer

(Baiersbronn)



(A)



(B)



(C)



(D)





Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
Dr. Martin Mayer

(Siegertsbrunn)


Wolfgang Meckelburg
Dr. Michael Meister
Dr. Angela Merkel
Friedrich Merz
Laurenz Meyer (Hamm)

Doris Meyer (Tapfheim)

Maria Michalk
Hans Michelbach
Klaus Minkel
Marlene Mortler
Dr. Gerd Müller
Hildegard Müller
Stefan Müller (Erlangen)

Bernward Müller (Gera)

Bernd Neumann (Bremen)

Claudia Nolte
Günter Nooke
Dr. Georg Nüßlein
Franz Obermeier
Melanie Oßwald
Eduard Oswald
Rita Pawelski
Dr. Peter Paziorek
Ulrich Petzold
Dr. Joachim Pfeiffer
Sibylle Pfeiffer
Dr. Friedbert Pflüger
Beatrix Philipp
Ronald Pofalla
Ruprecht Polenz
Daniela Raab
Thomas Rachel
Hans Raidel
Helmut Rauber
Christa Reichard (Dresden)

Katherina Reiche

Hans-Peter Repnik
Klaus Riegert
Hannelore Roedel
Franz-Xaver Romer
Dr. Klaus Rose
Dr. Norbert Röttgen
Dr. Christian Ruck
Volker Rühe
Albert Rupprecht (Weiden)

Peter Rzepka
Anita Schäfer (Saalstadt)

Dr. Wolfgang Schäuble
Hartmut Schauerte
Andreas Scheuer
Norbert Schindler
Georg Schirmbeck
Bernd Schmidbauer
Christian Schmidt (Fürth)

Andreas Schmidt (Mülheim)

Dr. Andreas Schockenhoff
Dr. Ole Schröder
Bernhard Schulte-Drüggelte
Uwe Schummer
Wilhelm Josef Sebastian
Horst Seehofer
Kurt Segner
Matthias Sehling
Marion Seib
Heinz Seiffert
Bernd Siebert
Thomas Silberhorn
Johannes Singhammer
Jens Spahn
Erika Steinbach
Christian Freiherr von
Stetten

Gero Storjohann
Andreas Storm

Max Straubinger
Matthäus Strebl
Thomas Strobl (Heilbronn)

Michael Stübgen
Michaela Tadjadod
Antje Tillmann
Edeltraut Töpfer
Dr. Hans-Peter Uhl
Arnold Vaatz
Volkmar Uwe Vogel
Angelika Volquartz
Andrea Astrid Voßhoff
Gerhard Wächter
Marco Wanderwitz
Peter Weiß (Emmendingen)

Gerald Weiß (Groß-Gerau)

Ingo Wellenreuther
Annette Widmann-Mauz
Klaus-Peter Willsch
Willy Wimmer (Neuss)

Matthias Wissmann
Werner Wittlich
Dagmar Wöhrl
Elke Wülfing
Wolfgang Zeitlmann
Wolfgang Zöller
Willi Zylajew
FDP
Daniel Bahr (Münster)

Rainer Brüderle
Ernst Burgbacher
Jörg van Essen
Ulrike Flach
Horst Friedrich (Bayreuth)

Rainer Funke
Dr. Wolfgang Gerhardt
Hans-Michael Goldmann

Joachim Günther (Plauen)

Dr. Karlheinz Guttmacher
Christoph Hartmann

(Homburg)


Klaus Haupt
Birgit Homburger
Dr. Werner Hoyer
Dr. Heinrich L. Kolb
Gudrun Kopp
Jürgen Koppelin
Wolfgang Kubicki
Harald Leibrecht
Ina Lenke
Sabine Leutheusser-
Schnarrenberger

Markus Löning
Dirk Niebel
Günther Friedrich Nolting
Hans-Joachim Otto

(Frankfurt)


Eberhard Otto (Godern)

Detlef Parr
Gisela Piltz
Dr. Andreas Pinkwart
Dr. Günter Rexrodt
Marita Sehn
Dr. Hermann Otto Solms
Dr. Max Stadler
Dr. Rainer Stinner
Carl-Ludwig Thiele
Dr. Dieter Thomae
Dr. Guido Westerwelle
Dr. Claudia Winterstein
fraktionslos
Dr. Gesine Lötzsch
Petra Pau


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wir sind damit am Schluss unserer heutigen Tagesord-
nung.

Ich berufe die nächste Sitzung des Deutschen Bundes-
tages auf Dienstag, den 3. Dezember 2002, 10 Uhr, ein.

Die Sitzung ist geschlossen.