Rede von
Axel
Knoerig
- Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede:
(CDU/CSU)
- Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten
Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Der deutsche Meisterbrief ist das Gütesiegel unseres
Handwerks. Er steht für erfolgreiche Tradition und
höchste fachliche Qualität. Diese besondere berufliche
Qualifikation ist einzigartig in der Welt. Auf dem Meis-
tertitel beruht der wirtschaftliche Erfolg vieler mittel-
ständischer Betriebe, die ja bekanntlich das Rückgrat un-
serer Wirtschaft bildet. Insgesamt gibt es in Deutschland
rund 1 Million Handwerksfirmen. Die meisten von ihnen
sind kleine Unternehmen und haben maximal vier bis
acht Mitarbeiter. Als Beispiel nenne ich meinen Wahl-
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 74. Sitzung. Berlin, Freitag, den 5. Dezember 2014 7067
Axel Knoerig
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kreis Diepholz/Nienburg. Dort gibt es etwa 2 000 Hand-
werksbetriebe, die rund 10 000 Menschen beschäftigen.
Gerade in unserer ländlichen Region kommt dem Hand-
werk damit eine erhebliche Bedeutung zu, zum einen in
der Sicherung von Arbeitsplätzen, zum anderen in der
beruflichen Bildung; denn ein Drittel unserer heimischen
Auszubildenden erlernen ihren Beruf in Handwerksbe-
trieben.
Insgesamt hat das deutsche Handwerk im vergange-
nen Jahr über 500 Milliarden Euro erwirtschaftet. Die
Betriebe haben rund 5 Millionen Menschen einen Ar-
beitsplatz gegeben. Dazu gehören 380 000 Lehrstellen.
Die Ausbildungsquote ist mit 8 Prozent doppelt so hoch
wie in der gesamten Wirtschaft. Damit trägt das Hand-
werk maßgeblich dazu bei, dass wir die geringste Ju-
gendarbeitslosigkeit in Europa verzeichnen.
Die niedrige Quote von 7,5 Prozent kommt auch da-
durch zustande, dass die duale Ausbildung häufig eine
anschließende Übernahme in den Betrieb ermöglicht.
Auf diese Weise leistet unser Handwerk einen ganz we-
sentlichen Beitrag zur Fachkräftesicherung in unserem
Land.
Dafür, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, liefert
der Meisterbrief die Grundlage.
Wir müssen uns fragen: Warum ist der Meisterbrief so
erfolgreich? Lassen Sie uns bitte einen kurzen Rückblick
in die Geschichte werfen: Im 19. Jahrhundert wurde die
Gewerbefreiheit eingeführt und damit auch eine staatli-
che Regelung der Handwerkerausbildung. Gleichzeitig
gründeten sich die Innungen als Interessenvertretungen
der verschiedenen Handwerksberufe. Mit dieser frühen
Organisation wurde ein einmaliges Aus- und Weiterbil-
dungsmodell geschaffen, das noch heute als zukunfts-
und krisensicher gilt.
Auch hier muss die Frage gestellt werden: Warum ist
das so? Weil sich dieses Modell ständig den aktuellen
Entwicklungen des Arbeitsmarktes anpasst und weil es
in der Abstimmung von Berufskammern, Tarifpartnern
und Politik laufend modernisiert wird. Dabei gilt es, das
richtige Verhältnis zwischen Tradition und Moderne,
aber auch zwischen Theorie und Praxis zu erwähnen.
Heute wie damals basiert die Meisterqualifikation auf
zwei Pfeilern:
Erstens. Grundvoraussetzung ist eine duale Berufs-
ausbildung mit abschließender Gesellenprüfung. Inzwi-
schen wird auch eine erfolgreiche Abschlussprüfung in
einem ähnlichen Ausbildungsberuf anerkannt.
Zweitens. Wer die Meisterprüfung bestanden hat,
wird in die Handwerksrolle eingetragen. Nur dann ist
man berechtigt, als selbstständiger Unternehmer einen
Handwerksbetrieb zu führen. Einzig die Meister dürfen
in ihrem Beruf den Nachwuchs ausbilden. Ganz wichtig
dabei ist auch, dass die Meister aufgrund dieser pädago-
gischen Erfahrungen und der gesammelten Kenntnisse
auch als Berufsschullehrer bestens geeignet sind.
Diese strenge Reglementierung beim Berufszugang
dient von jeher einem Ziel, und zwar der Sicherung der
Qualität und damit der Wettbewerbsfähigkeit. Mit der
Handwerksnovelle von 2003 wurde der Berufszugang
jedoch gelockert. Die rot-grüne Bundesregierung er-
hoffte sich davon mehr Unternehmensgründungen. Über
die Hälfte der zulassungspflichtigen Gewerke wurde da-
her als zulassungsfrei eingestuft. Seither kann man diese
Handwerksbetriebe auch ohne Meisterbrief führen.
Meine Damen und Herren, wir müssen heute leider
festhalten, dass diese Liberalisierung unserem Hand-
werk eher geschadet hat.
Denn Fakt ist: In den vergangenen elf Jahren wurden
Handwerksberufe erster und zweiter Klasse geschaffen.
Wie die Zahlen belegen, sind Neugründungen ohne
Meisterbrief relativ schnell insolvent: Schon zwei Jahre
nach dem Start in die Selbstständigkeit gibt es deutlich
mehr Registerlöschungen als bei den Meisterbetrieben.
Insofern hat Rot-Grün genau das Gegenteil vom damali-
gen Ziel erreicht: Gefördert wurden Einmannbetriebe,
die als Unternehmen nicht ausreichend qualifiziert sind.
Genauso wenig tragen diese zur Nachwuchssicherung
im Handwerk bei; denn 95 Prozent der Lehrlinge werden
in den zulassungspflichtigen Berufen ausgebildet.
Die Union hat dagegen in ihrer Bildungspolitik
Schwerpunkte gesetzt, die gerade unserem Handwerk
zugutekommen: So haben wir uns bereits in der letzten
Wahlperiode dafür eingesetzt, die berufliche und akade-
mische Bildung besser vergleichbar zu machen. Dazu
wurde der Deutsche Qualifikationsrahmen eingeführt.
Dieses Einstufungssystem ermöglicht einen objektiven
Vergleich der verschiedenen Berufs- und Studienab-
schlüsse. Der Meisterbrief ist hier auf Niveau 6 einge-
stuft, genau wie der akademische Grad des Bachelors.
Damit wurde die Meisterprüfung als Berufsqualifikation
sichtbar aufgewertet.
Seit Anfang dieses Jahres ist die Meisterqualifikation
auch im europäischen Qualifikationsrahmen der Stufe 6
zugeordnet. Hiermit haben wir ebenfalls eine erhebliche
Aufwertung des deutschen Meisterbriefes in Europa er-
zielt.
Immer wieder gibt es Bestrebungen, die duale Ausbil-
dung zu reformieren und damit die solide Basis für die
Meisterqualifikation infrage zu stellen, und dem ist ent-
gegenzuwirken. Von meiner Kollegin Lena Strothmann
ist heute schon einmal der Münchener Philosoph und
ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin zi-
tiert worden. Er hat ein Buch veröffentlicht mit dem
Titel Der Akademisierungswahn – Zur Krise beruflicher
und akademischer Bildung. Darin warnt er davor, die be-
rufliche Bildung allzu wissenschaftlich zu gestalten. Die
7068 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 74. Sitzung. Berlin, Freitag, den 5. Dezember 2014
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duale Ausbildung sollte praxisorientiert zwischen Be-
trieb und Berufsschule eingebunden bleiben.
Schließlich beruht der Schwerpunkt auf dem Berufs-
alltag – und nur so kann die Qualität dieses erfolgreichen
Bildungsmodells langfristig gehalten werden.
Die Grünen haben in der letzten Wahlperiode gefor-
dert, das duale Ausbildungssystem um eine weitere
Komponente zu ergänzen.
DualPlus – so haben Sie das genannt; ich will das gar
nicht als Konzept bezeichnen – bedeutete eigentlich nur
mehr bürokratischen Aufwand. Die Grünen wollten ne-
ben Betrieb und Berufsschule noch eine weitere überbe-
triebliche Einrichtung an der Ausbildung beteiligen.
Die Betriebe sollten sogar Träger dieser Einrichtung
werden.
Da, meine Damen und Herren von den Grünen, ist,
denke ich, auch die Sicht von Verbänden wie IHK und
ZDH maßgeblich; denn die haben damals überhaupt kei-
nen Reformbedarf gesehen. Wieso auch? Warum sollte
man dieses gut funktionierende Modell aus betrieblicher
Praxis und begleitender Theorie aus dem Gleichgewicht
bringen?
Es ist doch so: Wenn man die Zuständigkeit, zum Bei-
spiel für Praktika, an überbetriebliche Ausbildungsstät-
ten überträgt, dann werden doch die Betriebe aus der
Verantwortung gedrängt.
Doch gerade ihre intensive Beteiligung sichert die pra-
xisnahe und am Arbeitsmarkt orientierte Ausbildung.
Meine Damen und Herren, wir müssen nicht an etwas
herumdoktern, was bereits bestens funktioniert. Genau
deshalb ist unser Bildungssystem ja in aller Welt hoch-
angesehen. Insbesondere seit der Wirtschafts- und
Finanzkrise dient es in Europa sogar als Vorbild: Zahl-
reiche Länder der Europäischen Union sind bemüht, die
besonderen Vorzüge der dualen Ausbildung in Deutsch-
land nachzuahmen. So soll die hohe Jugendarbeits-
losigkeit, zum Beispiel in Spanien, bekämpft werden.
38 000 junge Spanier und Griechen haben über die Bil-
dungskooperation in Deutschland schon einen Ausbil-
dungsplatz bekommen. Auch mit Italien wurde solch
eine Vereinbarung getroffen. Seit 2012 unterstützt
Deutschland bereits mehrere Länder mit Kooperationen
zur Berufsbildung. Ich denke, das ist eine gute Grund-
lage, um die Zukunftschancen junger Menschen in ganz
Europa zu verbessern.
Die Aufstiegsmöglichkeit zum Meister wird seit Jah-
ren konstant genutzt: 2013 wurden über 23 000 Meister-
prüfungen erfolgreich abgelegt. Es ist erfreulich, dass
der Frauenanteil mittlerweile auf 20 Prozent gestiegen
ist. Der Bund unterstützt diese Fortbildung mit dem so-
genannten Meister-BAföG. Seit dem Start im Jahr 2008
ist die Zahl der Antragsteller kontinuierlich gestiegen –
auf nunmehr rund 170 000. Die Förderzusagen beliefen
sich im vergangenen Jahr auf 576 Millionen Euro.
Genauso wie in der akademischen Bildung wollen wir
auch in der beruflichen Bildung Karrieren fördern. Da-
her werden wir die Leistungen beim Meister-BAföG, wie
wir das im Koalitionsvertrag vereinbart haben, weiter
verbessern. Ähnlich wie beim BAföG für Studierende
sollen auch Meister mit guten Noten bei den Rückzah-
lungen entlastet werden.
In vielerlei Hinsicht haben wir berufliche und akade-
mische Bildung damit schon gleichgestellt. Doch, meine
lieben Kolleginnen und Kollegen, wäre es nicht eine lo-
gische Konsequenz, die Meisterqualifikation genau wie
das Studium nun kostenfrei anzubieten? Das wäre,
denke ich, ein weiterer bedeutender Beitrag zur Quali-
tätssicherung im Handwerk und in der dualen Ausbil-
dung.
Danke schön für Ihre Aufmerksamkeit.