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ID1104905500

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    Plenarprotokoll 11/49 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 49. Sitzung Bonn, Donnerstag, den 10. Dezember 1987 Inhalt: Nachruf auf das verstorbene Mitglied des Deutschen Bundestages Dr. h. c. Peter Lorenz 3399 A Erweiterung und Abwicklung der Tagesordnung 3399C, 3440 D Absetzung des Punktes 20a von der Tagesordnung 3400 A Tagesordnungspunkt 16: a) Abgabe einer Erklärung der Bundesregierung b) Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Haushaltsausschusses zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung Die Einheitliche Akte muß ein Erfolg werden: Die Reform der Strukturfonds (Drucksachen 11/929 Nr. 2.3, 11/1209) c) Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Haushaltsausschusses zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung Die Einheitliche Akte muß ein Erfolg werden: Mitteilung der Kommission über die Haushaltsdisziplin (Drucksachen 11/929 Nr. 2.2, 11/1211) d) Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Haushaltsausschusses zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung Die Einheitliche Akte muß ein Erfolg werden: Zweite Änderung des Vorschlags für eine Verordnung (EGKS — EWG — EURATOM) des Rates zur Änderung der Haushaltsordnung vom 21. Dezember 1977 für den Haushaltsplan der Europäischen Gemeinschaften (Drucksachen 11/929 Nr. 2.5, 11/1212) e) Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag der Fraktion der SPD: Sitzung des Europäischen Rates am 29./30. Juni 1987 in Brüssel (Drucksachen 11/523, 11/1293) Dr. Kohl, Bundeskanzler 3400 C Dr. Vogel SPD 3406 D Rühe CDU/CSU 3412D Dr. Mechtersheimer GRÜNE 3418D Mischnick FDP 3421 B Frau Wieczorek-Zeul SPD 3424 B Frau Geiger CDU/CSU 3427 A Frau Beer GRÜNE 3429 C Genscher, Bundesminister AA 3432 B Dr. Spöri SPD 3435 D Bohl CDU/CSU 3438 C Erler SPD 3441A Lintner CDU/CSU 3442 C Frau Flinner GRÜNE 3444 B Frau Würfel FDP 3445 D Dr. Gautier SPD 3447 B Vogel (Ennepetal) CDU/CSU 3449 C Brück SPD 3451A Becker (Nienberge) SPD (zur GO) 3452 B Seiters CDU/CSU (zur GO) 3452 C Kleinert (Marburg) GRÜNE (zur GO) 3452 D II Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 49. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10, Dezember 1987 Namentliche Abstimmung 3454 A Ergebnis 3482 D Tagesordnungspunkt 17: a) Beratung des Antrags der Fraktion der SPD: Kohlevorrangpolitik (Drucksache 11/958) b) Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Wirtschaft zu der Verordnung der Bundesregierung Zustimmungsbedürftige Verordnung über den Prozentsatz der Ausgleichsabgabe nach dem Dritten Verstromungsgesetz für das Jahr 1988 (Drucksachen 11/1350, 11/1446) in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 7: Beratung des Antrags des Abgeordneten Stratmann und der Fraktion DIE GRÜNEN: Umbaukonzept für die heimische Steinkohle (Drucksache 11/1476) in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 8: Beratung des Antrags der Abgeordneten Gerstein, Wissmann, Dr. Lammert, Müller (Wadern) und Genossen und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten Frau Dr. Adam-Schwaetzer, Baum, Beckmann, Dr. Graf Lambsdorff, Dr. Hirsch, Dr. Hoyer, Dr.-Ing. Laermann, Möllemann, Frau Würfel und der Fraktion der FDP: Förderung der deutschen Steinkohle (Drucksache 11/1485) in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt Beratung des Antrags der Fraktion DIE GRÜNEN: Solidarität mit dem Widerstand der Bergleute und Stahlarbeiter gegen Arbeitsplatz- und Standortvernichtung (Drucksache 11/1511) Meyer SPD 3455 B Gerstein CDU/CSU 3458 C Stratmann GRÜNE 3460 C Beckmann FDP 3463 A Dr. Bangemann, Bundesminister BMWi 3464 C Lafontaine, Ministerpräsident des Saarlandes 3468A, 3478 C Schreiber CDU/CSU 3472 A Jung (Düsseldorf) SPD 3473 D Dr. Blüm, Bundesminister BMA 3475A, 3478 D Hinsken CDU/CSU 3476 B Dr. Lammert CDU/CSU 3479 A Namentliche Abstimmungen 3479D, 3480A Ergebnisse 3484B, 3485 D Tagesordnungspunkt 18: Erste Beratung des von der Abgeordneten Frau Beck-Oberdorf und der Fraktion DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Finanzierung empfängnisverhütender Mittel durch die Krankenkassen (Drucksache 11/597) Frau Beck-Oberdorf GRÜNE 3480 D Frau Verhülsdonk CDU/CSU 3488 A Kirschner CDU/CSU 3489 B Frau Würfel FDP 3490 C Vogt, Parl. Staatssekretär BMA 3491 C Tagesordnungspunkt 19: Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Verteidigungsausschusses zu der Unterrichtung durch den Wehrbeauftragten: Jahresbericht 1986 (Drucksachen 11/42, 11/1131) Weiskirch, Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages 3492 A Heistermann SPD 3494 B Breuer CDU/CSU 3498 A Frau Schilling GRÜNE 3501 B Nolting FDP 3503 C Leidinger SPD 3505 D Dr. Wörner, Bundesminister BMVg 3509 B Leidinger SPD (Erklärung nach § 30 GO) 3512B Vizepräsident Cronenberg 3510D, 3512 C Tagesordnungspunkt 22: Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über die Feststellung des Wirtschaftsplans des ERP-Sondervermögens für das Jahr 1988 (ERP-Wirtschaftsplangesetz 1988) (Drucksachen 11/1000, 11/1431) Niegel CDU/CSU 3512D, 3520A Müller (Pleisweiler) SPD 3514 B Funke FDP 3516B Sellin GRÜNE 3517 B Dr. von Wartenberg, Parl. Staatssekretär BMWi 3518 C Pfuhl SPD 3519 B Tagesordnungspunkt 20 b: Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit zu dem Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP: Ernährungssicherung in Hungerregionen (Drucksachen 11/946, 11/1501) in Verbindung mit Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 49. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. Dezember 1987 III Zusatztagesordnungspunkt 9: Beratung des Antrags der Fraktionen der CDU/CSU, SPD, FDP und der Fraktion DIE GRÜNEN: Ernährungssituation in Äthiopien (Drucksache 11/1482) Höffkes CDU/CSU 3520 C Frau Eid GRÜNE 3521 D Frau Folz-Steinacker FDP 3523 D Großmann SPD 3525 C Dr. Köhler, Parl. Staatssekretär BMZ 3527 A Nächste Sitzung 3528 D Anlage Liste der entschuldigten Abgeordneten 3529* A Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 49. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. Dezember 1987 3399 49. Sitzung Bonn, den 10. Dezember 1987 Beginn: 9.01 Uhr
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    Berichtigung 48. Sitzung, Seite IV, linke Spalte: Statt „ZusFr Frau Bulmahn GRÜNE" ist „ZusFr Frau Bulmahn SPD" zu lesen. Anlage Liste der entschuldigten Abgeordneten Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Dr. Abelein 11. 12. Dr. Ahrens * 11. 12. Andres 11. 12. Bahr 11. 12. Frau Becker-Inglau 11. 12. Frau Beck-Oberdorf 11. 12. Frau Blunck * 11. 12. Böhm (Melsungen) * 11. 12. Frau Brahmst-Rock 11. 12. Brandt 10. 12. Dr. Briefs 11. 12. Büchner (Speyer) * 11. 12. Dr. von Bülow 11. 12. Frau Fischer * 11. 12. Dr. Friedrich 11. 12. Frau Ganseforth 11. 12. Dr. von Geldern 10. 12. Glos 11. 12. Dr. Glotz 11. 12. Grünbeck 11. 12. Haack (Extertal) 11. 12. Frau Dr. Hellwig 11. 12. Frau Hoffmann (Soltau) 11. 12. * für die Teilnahme an Sitzungen der Parlamentarischen Versammlung des Europarats Anlage zum Stenographischen Bericht Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Frau Hürland-Büning 11. 12. Jaunich 10. 12. Frau Kelly 11. 12. Kittelmann * 11. 12. Kolb 11. 12. Kreuzeder 11. 12. Lemmrich * 11. 12. Frau Luuk * 11. 12. Dr. Mahlo 11. 12. Marschewski 11. 12. Dr. Mertens (Bottrop) 11. 12. Dr. Möller 11. 12. Dr. Müller * 11. 12. Dr. Neuling 11. 12. Frau Oesterle-Schwerin 11. 12. Frau Olms 11. 12. Oswald 11. 12. Petersen 11. 12. Poß 10. 12. Rauen 11. 12. Dr. Schmude 10. 12. von Schmude 11. 12. Schröer (Mülheim) 10. 12. Schulze (Berlin) 11. 12. Frau Seuster 11. 12. Frau Dr. Timm * 11. 12. Frau Trenz 11. 12. Frau Vennegerts 11. 12. Dr. Warnke 11. 12. Wieczorek (Duisburg) 11. 12. Würtz 11. 12.
  • insert_commentVorherige Rede als Kontext
    Rede von Dr. h.c. Gernot Erler


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (SPD)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (SPD)

    Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Es gibt unterschiedliche Wertungen dessen, was vorgestern am 8. Dezember 1987, in Washington besiegelt worden ist. Aber in einem Punkt sind sich alle Politiker und Kommentatoren einig, nämlich über die historische Dimension des INF-Abkommens. Auch der Herr Bundeskanzler hat heute morgen davon gesprochen, daß dieser Akt in die Geschichte eingehen werde.
    Die Frage ist nur, ob das, was danach folgte, insbesondere bei ihm und auch bei dem Herrn Kollegen Rühe, dieser historischen Dimension angemessen war. Wir haben erlebt, daß die Debatte sehr schnell in eine kleinkarierte Parteienrechthaberei ausglitt und in Vaterschaftsklagen, die hier vorgetragen wurden.

    (Lintner [CDU/CSU]: Sie meinen den Herrn Dr. Vogel!)

    Ich glaube nicht, daß das den Erwartungen entspricht, die die Menschen an das Niveau dieser Debatte in diesem historischen Moment haben.

    (Beifall bei der SPD)

    Das ist auch deswegen schade, weil es sich lohnt einen etwas näheren Blick auf die vertragliche Seite dieses Erfolges, also des nun unterzeichneten Abkommens, zu werfen.
    Das Paket umfaßt 31 Seiten, dazu zwei noch längere Protokolle und 100 Seiten MoU. In diesen komplizierten Texten sind alle Produktionsstätten und Stationierungsorte aufgeführt, sind die Methoden zur Zerstörung der Raketen und ihrer Abschußrampen beschrieben, und vor allem ist minutiös festgehalten, wie der Abrüstungsvorgang wechselseitig kontrolliert werden soll. Um die Philosophie dieses Inspektionsprogramms zu beschreiben, zitierte Präsident Reagan bei der Unterzeichnung ein russisches Sprichwort: Dowerjai no prowerjai. Ich weiß nicht, ob er wußte, daß das eine Lieblingslosung von Lenin war, die am besten so übersetzt werden kann: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
    Zwei Dinge an diesem Verifizierungsteil sind festhaltenswert, der praktisch das Mark des Washingtoner Abkommens darstellt. Das eine ist die Bereitschaft, Spezialisten der anderen Seite, also lebendige Menschen der anderen Nation, in die geheimsten Produktions- und Lagerstätten nuklearer Waffen zur Überprüfung des Verschrottungsprozesses hereinzulassen. Da mußten beide Weltmächte über ihren Schatten springen. Da ist Packeis gebrochen worden,
    das bisher tonnenschwer auf allen Abrüstungsverhandlungen gelegen hat.
    Das zweite könnte sich vielleicht als noch bedeutungsvoller herausstellen. Denn trotz des perfektionistisch anmutenden Inspektionsrasters: Lücken bleiben doch. Wo die Technik zwangsläufig Schlupflöcher offen läßt, kann nur Vertrauen weiterhelfen. Vielleicht hat die langsam gewachsene, schließlich sensationell weitgehende Bereitschaft, sich der Verdachtskontrolle des anderen zu unterwerfen, am Ende dieses wechselseitige Vertrauen möglich gemacht. Das ist jetzt ein Modell: Diese Symbiose von Kontrolle und Vertrauen hat den Durchbruch gebracht. Das kann man jetzt übertragen z. B. und als erstes auf ein Abkommen zur weltweiten Abschaffung aller chemischen Waffen. Hier liegt ein Teil der historischen Bedeutung des INF-Abkommens, dessen wir uns bewußt werden sollten, aus dem heraus wir Zukunft gestalten können.
    Wieviel brauchbarer und hoffnungsvoller ist es, wenn man das Washingtoner Abkommen aus diesem mühsamen Annäherungsprozeß heraus, der auf beiden Seiten nicht selten die Grenze der Selbstverleugnung gestreift hat, begreift und nicht mit dem Holzhammerargument kommt, das wir heute hier auch gehört haben, nämlich nach dem Muster: Wir haben nachgerüstet, die Russen sind eingeknickt, und jetzt akzeptieren sie leise weinend das, was wir immer wollten, nämlich unsere Abrüstungsvorschläge.
    Diese fatale Logik einer Abrüstung durch Aufrüstung hat durch das INF-Abkommen keinerlei Bestätigung erfahren.

    (Beifall bei der SPD)

    Aber dieses falsche Konzept lebt weiter. Noch vor wenigen Tagen wollte man uns allen Ernstes in diesem Hause weismachen, daß der Weg zu einem C-
    Waffen-Abkommen nach dieser Logik eben über die Aufnahme der Produktion neuer binärer Chemiewaffen in den Vereinigten Staaten führe. 10 Milliarden Dollar haben die Mittelstreckenwaffen des Westens gekostet. Niemand weiß heute, was die binären C-Waffen, die in sechs Tagen in die Endmontage gehen dürfen, kosten werden. Aber eines steht heute schon fest: Jeder Dollar dafür ist falsch investiert.

    (Beifall bei der SPD)

    Das Modell INF heißt: Der Weg über die kontrollierte Abrüstung ist möglich, wenn auf dem letzten Stück des Wegs ein wenig Vertrauen hinzukommt. Und nur dieses Modell wird in Genf zum endgültigen Aus der teuflischen C-Waffen führen.
    Alle Welt fragt nun, wie es weitergehen soll. Washington und Moskau peilen bereits den nächsten Schritt, nämlich die Halbierung der von Kontinent zu Kontinent reichenden Atomraketen, an. Und was, kann man fragen, trägt Europa zum Abrüstungsfahrplan bei, was die Bundesrepublik?
    Es ist ein Chaos. Von Ihrer Seite hört man täglich etwas anderes. Am häufigsten warnen Vertreter der Koalition davor, jetzt an die nuklearen Kurzstreckenwaffen heranzugehen. Noch vor wenigen Tagen hat Staatssekretär Rühl in der „Neuen Züricher Zeitung" wörtlich festgestellt, die NATO müsse — ich zitiere —
    3442 Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 49. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. Dezember 1987
    Erler
    „gewisse Neuaufstellungen oberhalb der Minimalreichweite von 120 Kilometern ins Auge fassen" , um ein Gegengewicht zur Überzahl der sowjetischen Kurzstreckenwaffen zu schaffen, und er fügte hinzu — ich zitiere — : „Es ist klar, daß solche amerikanischen NATO-Missile-Systeme vor allem in der Zentralregion, d. h. für alle praktischen Zwecke in Westdeutschland, aufgestellt werden müßten."
    Noch weiterreichende Vorstellungen entwickelte die 42. Tagung der Nuklearen Planungsgruppe der NATO in Monterey. Seitdem wissen wir, weshalb wir uns vor dem Abbau der Mittelstreckenwaffen nicht zu fürchten brauchen, weil nämlich schon technischer Ersatz in Sicht ist.
    Was die Pershings und landgestützten Marschflugkörper nicht mehr erreichen, sollen nun in ihrer Reichweite verlängerte Lance-Raketen, see- und luftgestützte Cruise Missiles sowie sogenannte Abstandswaffen übernehmen. Der Code, unter dem das laufen soll, heißt: Modernisierung. Das klingt nämlich besser als Nachrüstung.
    Es hat nun nicht an Stimmen gefehlt, auch von Sprechern der Koalition, die eine Nachrüstung von Kurzstreckenwaffen ablehnen. Wir haben heute von Herrn Rühe, vorher von Herrn Wörner, gehört, daß sie nicht auf der Tagesordnung stehen, jedenfalls nicht heute, vielleicht aber Anfang der 90er Jahre. Der eigentliche Grund ist, daß eine solche Nachrüstung nicht durchsetzbar sei. Wer soll eigentlich auch begreifen, daß ein Abbau bei den Kurzstreckenraketen, von denen der Warschauer Pakt nach NATO-Rechnungen 1 365 Systeme unterhält, der Westen aber ganze 88, unsere Sicherheit beeinträchtigen soll?
    Das Motiv für die Modernisierungs- und Nachrüstungsideen ist schnell gefunden: Es geht um die Aufrechterhaltung einer Verteidigungsstrategie, die aus den 60er Jahren stammt und sich flexible response nennt. Die Verteidiger dieser Doktrin klammern sich verbissen an das Argument, sie habe immerhin bisher nicht versagt. Aber jetzt nach dem Abkommen von Washington erweist sich diese Strategie als Korsett. Dem westlichen Bündnis droht jetzt die Stagnation einer, so möchte ich das nennen: „strukturellen Nichtabrüstungsfähigkeit".

    (Beifall bei der SPD)

    Verzweifelt versucht man, für die herausgebrochene Sprosse der Mittelstreckenwaffen Ersatz zu finden, um eine komplette Eskalationsleiter zu retten. Das ist der falsche Weg!
    Wir müssen jetzt den Mut zu einer Triade der Abrüstung haben: bei den Chemiewaffen, bei den atomaren Kurzstreckenraketen, bei den konventionellen Waffen, wo wir bisher noch nicht einmal nachgefragt haben, was der neue sowjetische Begriff „razumnaja dostatotschnost" , der vernünftigen Suffizienz, eigentlich konkret heißen soll, geschweige denn selber über eigene quantitative und qualitative Vorstellungen verfügen, wie konventionelle Stabilität in Europa aussehen müßte. Am Ende eines solchen Prozesses werden in Ost und West die militärischen Strategien und Einsatzkonzepte ganz anders aussehen als heute.
    Die Bedeutung der Erklärung des Politischen Beratenden Ausschusses der Warschauer-Vertragsstaaten vom 30. Mai dieses Jahres besteht vor allem in dem Angebot, gemeinsam über den Charakter und die wechselseitigen Perzeptionen dieser Strategien zu reden. Übrigens ist auch dies ein alter westlicher Vorschlag, den Anfang der 80er Jahre der heutige norwegische Verteidigungsminister Johan Jorgen Holst bereits mit seiner Idee eines „Seminar an Strategy" formuliert hat.
    Wir fordern die Bundesregierung auf, im westlichen Bündnis dafür zu werben, diesen Vorschlag endlich aufzugreifen. Das Gebot der Stunde nach dem Washingtoner Abkommen kann nicht heißen — ich bin sofort fertig — , den alten löchrigen Sack der flexible response immer weiter zurechtzuflicken, sondern aus den Grundstoffen Abrüstung, Strategiedialog und vertrauensbildende Maßnahmen ein neues Kleid für ein konsensfähiges internationales Sicherheitssystem zu schneidern.
    Danke schön.

    (Beifall bei der SPD)



Rede von Dieter-Julius Cronenberg
  • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (FDP)
  • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (FDP)
Das Wort hat der Abgeordnete Lintner.

  • insert_commentNächste Rede als Kontext
    Rede von Eduard Lintner


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (CDU/CSU)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CSU)

    Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Daß die Regierungserklärung des Bundeskanzlers zu dem soeben in Washington unterzeichneten Abrüstungsabkommen gerade am internationalen Tag der Menschenrechte, nämlich heute, abgegeben wird, ist sicher ein Zufall.
    Und doch ist dieses Zusammentreffen nicht ohne eine tiefere Logik; denn Rüstungskontrolle und Abrüstung sind nur in einem Klima gegenseitigen Vertrauens zwischen Ost und West möglich. Ein solches Vertrauen kann nur geschaffen werden, wenn alle Felder der Politik in diesen Prozeß mit einbezogen werden. Eine Beschränkung auf ein Gebiet, z. B. die Sicherheitspolitik, ist dem Vertrauen als einem bestimmten Zustand völlig wesensfremd.
    Deshalb war es folgerichtig und ganz in unserem Sinne, wenn der amerikanische Präsident bei seinem Treffen mit dem sowjetischen Generalsekretär auch nach der Verwirklichung der Menschenrechte gefragt hat. Die große Ernsthaftigkeit dieses Anliegens kommt dabei auch darin zum Ausdruck, daß künftig eine eigene Arbeitsgruppe sich des Themas „Menschenrechte" annehmen wird.
    Die Menschen wollen in einer Welt leben, in der das Recht auf Leben, Freiheit und Glück für alle gewährleistet wird,
    hat der sowjetische Generalsekretär Gorbatschow in seiner Rede nach der Vertragsunterzeichnung in Washington u. a. gesagt. Dann hat er hinzugefügt:
    Die Menschen wollen in einer demokratischen und freien Welt leben, wo alle gleich sind, wo jedes Volk ein Recht auf die Wahl seiner Gesellschaft ohne Einmischung von außen hat.
    Ein großes Wort, meine Damen und Herren.
    Die Lösung der deutschen Frage könnte das praktische Beispiel für die Gültigkeit dieses Wortes sein.
    Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 49. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. Dezember 1987 3443
    Lintner
    Wenn also Michail Gorbatschow mit seiner Ankündigung Ernst machen will, dann soll er dem deutschen Volk die — wie er sich wörtlich ausgedrückt hat —„Wahl seiner Gesellschaft ohne Einmischung von außen" ermöglichen.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Präsident Reagan hat uns aus dem Herzen gesprochen, als er bei seinem Besuch in Berlin öffentlich von Gorbatschow die Beseitigung der Mauer gefordert hat. Ebenso war es als der stellvertretende amerikanische Außenminister Whitehead wenig später im Gespräch mit Erich Honecker schlicht feststellte, den Amerikanern werde es immer unverständlich bleiben, wieso ein Staat auf seine eigene Bevölkerung schießen lasse. Gott sei Dank scheint in diesem Punkt bei der DDR-Führung heute Nachdenklichkeit zu herrschen; denn das Schießen ist an der innerdeutschen Grenze zumindest seltener geworden.
    Vertrauensbildung ohne die Achtung von Menschenrechten — wie z. B. der Respekt vor der Persönlichkeit des einzelnen Menschen — ist unmöglich. Wenn für den Machterhalt jedes Mittel recht ist, dann werden Rechte und Pflichten letztlich zu bloßen, unglaubwürdigen Lippenbekenntnissen. Der tatsächliche Umgang mit Menschenrechten — nicht der verbale — ist sozusagen das Spiegelbild der eigentlichen politischen Absichten, ein Charakteristikum des politischen Systems und deshalb auch für alle übrigen Felder der Politik bedeutsam.
    Als Deutsche liegt uns vor allem die menschenrechtliche Situation unserer Landsleute am Herzen. Hier tragen wir eine ganz unmittelbare und in den Augen der Welt sicher auch ganz selbstverständliche Verantwortung.

    (Vogel [Ennepetal] [CDU/CSU]: Sehr richtig!)

    Wir haben daher nicht nur das Recht, sondern geradezu die Verpflichtung, an einem Tag wie heute jene Staaten des Ostblocks, in denen Deutsche und deutsche Minderheiten leben, daran zu erinnern, daß sie allen menschenrechtlichen, im Völkerrecht relevanten Verträgen und Vereinbarungen zugestimmt haben. Sie haben sich dadurch aber auch allen anderen Unterzeichnerstaaten gegenüber verpflichtet, die elementaren Menschen- und Bürgerrechte zu garantieren.
    Damit haben sie sich — wie übrigens ganz selbstverständlich auch wir — einer Art ständigen weltweiten öffentlichen Kontrolle über den Grad der Verwirklichung dieser Vertragspflichten bei ihnen zu Hause unterworfen. Das bedeutet im Klartext: Wenn wir die Einhaltung dieser Zusicherungen einfordern, dann kann uns nicht entgegengehalten werden, das sei eine unzulässige Einmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen Staates.

    (Vogel [Ennepetal] [CDU/CSU]: Sehr richtig!)

    Im übrigen müssen sich die Machthaber in den Ostblockstaaten natürlich auch von ihrer eigenen Bevölkerung fragen lassen, ob sie denn auch meinen, was sie draußen in der Welt beteuern und häufig in ihren eigenen Länderverfassungen sogar auch noch ausdrücklich schriftlich verankert haben. Der offene Widerspruch zwischen öffentlichen Bekundungen und der Wirklichkeit ist heute zu eklatant, als daß darüber nicht auch in diesen Ländern offen debattiert werden müßte.
    Solange das aber z. B. in der DDR unter Strafdrohung steht, sind wir freie Deutsche im demokratischen Staat Bundesrepublik in besonderem Maße verpflichtet, über die menschenrechtliche Wirklichkeit in der DDR die Welt offen zu informieren. Selbstverständlich sind die Bundesregierung und wir an vernünftigen Beziehungen zu der Regierung der DDR und zu den Ostblockstaaten interessiert. Aber es wäre ein folgenschweres Mißverständnis, wenn daraus der Schluß gezogen würde, wir würden um der lieben Beziehungen willen zu Menschenrechtsverletzungen schweigen oder einfach zur Tagesordnung übergehen.
    Selbstverständlich kann auch Schweigen manchmal hilfreich sein; zahlreiche Einzelbeispiele belegen das. Aber Schweigen zu bestimmten Zuständen allgemeiner Art droht in Komplizenschaft mit den Unterdrückern auszuarten. Diesen Vorwurf wollen wir uns nicht zuziehen.
    Diese Haltung kommt auch darin zum Ausdruck, daß wir uns künftig von einer unabhängigen Wissenschaftlerkommission beim Bundesjustizministerium regelmäßig in objektiver Form über die menschenrechtliche Situation der Deutschen in den Staaten des Ostblocks berichten lassen. Der erste Bericht wird uns in Kürze als Bundestagsdrucksache vorliegen.
    Für die Deutschlandpolitik möchte ich in diesem Zusammenhang besonders hervorheben, daß die Forderung der Deutschen nach Einheit zunächst und vor allem die Forderung nach Einlösung des Selbstbestimmungsrechts des deutschen Volkes ist, ein Recht, das uns genauso selbstverständlich wie allen übrigen Völkern der Welt zusteht und auch zugestanden werden muß. Es gibt daher keinen einsehbaren Grund, dieses ganz natürliche, in der Menschenwürde verankerte Recht gerade den Deutschen vorzuenthalten. Die Forderung der Deutschen nach Wiedervereinigung ist daher keine typisch deutsche Besonderheit, sondern ein ganz selbstverständlicher Wunsch des deutschen Volkes.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Selbstbestimmungsrecht für die Deutschen meint aber logischerweise zugleich auch immer Selbstbestimmungsrecht für die anderen betroffenen Völker. Wenn wir also für unser Selbstbestimmungsrecht eintreten, dann bieten wir damit auch den Völkern im Ostblock eine demokratische Perspektive, denen ja ebenfalls bis heute das Selbstbestimmungsrecht verweigert worden ist. Das Wiedervereinigungsgebot hat daher nichts, aber auch gar nichts mit Revanchismus oder ähnlichem zu tun, sondern es ist ein völkerrechtlich längst anerkanntes Menschenrecht, ein unverzichtbarer Anspruch auch für das deutsche Volk.
    Meine Damen und Herren, daß es innerhalb des Kommunismus auch in bezug auf nationale Minderheiten anders geht, zeigt beispielhaft die Volksrepublik Ungarn. Dort sind heute den Deutschen jene Minderheiten- und Volksgruppenrechte verbindlich zugesagt und verwirklicht, deren Geltung wir in be-
    3444 Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 49. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. Dezember 1987
    Lintner
    zug auf unsere Landsleute auch von den Regierungen in der CSSR, in Polen, in der UdSSR und in Rumänien fordern.
    Das Beispiel Ungarn stellt einen großen Erfolg der Politik der Bundesregierung bei der Implementierung von Menschen- und Minderheitenrechten dar.

    (Beifall bei der CDU/CSU — Dr. Knabe [GRÜNE]: Aber auch der Einsicht der Ungarn!)

    — Zugegeben, auch der Einsicht der Ungarn.
    Gemäß der mit der ungarischen Regierung getroffenen Vereinbarung werden es die in Ungarn lebenden Deutschen künftig leichter haben, sich ihrer Kultur in Wort und Schrift zu bedienen, eigene Gottesdienste abzuhalten und die deutsche Sprache in der Schule zu lernen.
    Das Beispiel Ungarn muß jetzt dazu genutzt werden, auch die übrigen Ostblockregierungen von der Richtigkeit dieses Umgangs mit den deutschen Minderheiten zu überzeugen.
    Der Tag der Menschenrechte, den wir heute begehen, muß auch ein Tag sein, an dem wir die deutsche Frage auf die Tagesordnung der Politik setzen. Dabei können wir, weil es sich um eine menschenrechtlich begründete Forderung handelt, auf das Verständnis und die Unterstützung auch unserer ausländischen Freunde und der übrigen Welt rechnen und hoffen.
    Ich füge hinzu: Angesichts der Reden von Gorbatschow jetzt in den USA sollte uns eigentlich auch das Verständnis der Sowjetunion für diesen Wunsch sicher sein.
    Wir können unsere Forderung deshalb mit großer Selbstverständlichkeit und großem Selbstbewußtsein erheben. Wir sollten dies auch immer wieder möglichst gemeinsam mit einer Stimme tun.
    Überhaupt glaube ich, daß diese Gemeinsamkeit für die Durchsetzung dieses Anliegens besonders wichtig ist. Da sich alle Fraktionen und Parteien zu den Menschenrechten bekennen, sollte es möglich sein, diese Gemeinsamkeit auch zu erreichen.
    Ich danke Ihnen.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)