Protokoll:
18036

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Metadaten
  • date_rangeWahlperiode: 18

  • date_rangeSitzungsnummer: 36

  • date_rangeDatum: 22. Mai 2014

  • access_timeStartuhrzeit der Sitzung: 09:00 Uhr

  • av_timerEnduhrzeit der Sitzung: 22:48 Uhr

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  • tocInhaltsverzeichnis
    Plenarprotokoll 18/36 Deutscher Bundestag Stenografischer Bericht 36. Sitzung Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 I n h a l t : Erweiterung und Abwicklung der Tagesord- nung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2995 A Absetzung der Tagesordnungspunkte 13, 14 und 16 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2995 D Nachträgliche Ausschussüberweisungen . . . . 2995 D Tagesordnungspunkt 3: a) Unterrichtung durch die Bundesregierung: Berufsbildungsbericht 2014 Drucksache 18/1180 . . . . . . . . . . . . . . . . . 2996 D b) Antrag der Abgeordneten Dr. Thomas Feist, Uda Heller, Albert Rupprecht, wei- terer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten Willi Brase, Rainer Spiering, Dr. Ernst Dieter Rossmann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Berufliche Bildung zukunftssicher gestalten – Wettbewerbs- fähigkeit und Beschäftigung stärken Drucksache 18/1451 . . . . . . . . . . . . . . . . . 2997 A c) Antrag der Abgeordneten Dr. Rosemarie Hein, Diana Golze, Sabine Zimmermann (Zwickau), weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Das Recht auf Ausbildung umsetzen Drucksache 18/1454 . . . . . . . . . . . . . . . . . 2997 A d) Antrag der Abgeordneten Beate Walter- Rosenheimer, Brigitte Pothmer, Kai Gehring, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Berufliche Bildung sichern – Jungen Menschen Zukunftschancen bieten Drucksache 18/1456 . . . . . . . . . . . . . . . . . 2997 B Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin BMBF . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2997 B Dr. Rosemarie Hein (DIE LINKE) . . . . . . . . 2999 D Rainer Spiering (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3001 B Dr. Rosemarie Hein (DIE LINKE) . . . . . . 3001 C Beate Walter-Rosenheimer (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3003 D Albert Rupprecht (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 3005 B Kai Gehring (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3006 B Sabine Zimmermann (Zwickau) (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3007 C Aydan Özoğuz, Staatsministerin BK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3008 D Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3010 A Lena Strothmann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 3011 A Willi Brase (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3012 B Dr. Thomas Feist (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 3013 D Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3015 A Dr. Ernst Dieter Rossmann (SPD) . . . . . . . . . 3015 C Uda Heller (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3017 A Sven Volmering (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 3018 B Tagesordnungspunkt 4: a) Antrag der Abgeordneten Katharina Dröge, Bärbel Höhn, Britta Haßelmann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN: Für ein starkes Primat der Politik – Für fairen Handel ohne Demokratie-Outsourcing Drucksache 18/1457 . . . . . . . . . . . . . . . . . 3019 C Inhaltsverzeichnis II Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 b) Antrag der Abgeordneten Katharina Dröge, Katja Keul, Bärbel Höhn, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN: Für fairen Handel ohne Klageprivilegien für Konzerne Drucksache 18/1458 . . . . . . . . . . . . . . . . . 3019 D c) Antrag der Abgeordneten Thomas Nord, Klaus Ernst, Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Die Verhandlungen zum EU-USA-Frei- handelsabkommen TTIP stoppen Drucksache 18/1093 . . . . . . . . . . . . . . . . . 3019 D d) Antrag der Abgeordneten Klaus Ernst, Thomas Nord, Susanna Karawanskij, wei- terer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Vertragstext zum Freihandels- abkommen der EU mit Kanada sofort vorlegen Drucksache 18/1455 . . . . . . . . . . . . . . . . . 3020 A Dr. Anton Hofreiter (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3020 A Dr. Joachim Pfeiffer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 3021 C Klaus Ernst (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 3022 A Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3022 C Dr. Diether Dehm (DIE LINKE) . . . . . . . . 3024 B Klaus Ernst (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . 3025 C Wolfgang Tiefensee (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 3027 C Stefan Liebich (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 3028 C Harald Ebner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3028 D Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 3029 B Klaus Ernst (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 3029 D Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3030 C Katharina Dröge (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3031 C Andreas G. Lämmel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 3033 A Alexander Ulrich (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 3035 B Klaus Barthel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3036 D Barbara Lanzinger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 3038 B Claudia Tausend (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3040 B Dr. Matthias Heider (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 3041 D Dr. Sascha Raabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3043 D Tagesordnungspunkt 5: Bericht des Petitionsausschusses: Bitten und Beschwerden an den Deutschen Bundes- tag – Die Tätigkeit des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages im Jahr 2013 Drucksache 18/1300 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3045 D Kersten Steinke (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 3046 A Günter Baumann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 3048 A Kerstin Kassner (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 3049 C Udo Schiefner (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3050 B Corinna Rüffer (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3051 C Paul Lehrieder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 3053 A Birgit Wöllert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 3054 B Markus Paschke (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3055 A Antje Lezius (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 3055 D Annette Sawade (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3056 C Christel Voßbeck-Kayser (CDU/CSU) . . . . . 3057 C Stefan Schwartze (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3058 B Gero Storjohann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 3059 B Tagesordnungspunkt 23: a) Erste Beratung des von der Bundesre- gierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Rind- fleischetikettierungsgesetzes und des Legehennenbetriebsregistergesetzes Drucksache 18/1286 . . . . . . . . . . . . . . . . . 3060 B b) Antrag der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann, Caren Lay, Karin Binder, wei- terer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Keine Privatisierung von Acker- land und Wäldern durch die Bodenver- wertungs- und -verwaltungs GmbH Drucksache 18/1366 . . . . . . . . . . . . . . . . . 3060 B c) Unterrichtung durch die Bundesregierung: Bericht der Bundesregierung über bis- lang geprüfte Optionen zur Steigerung von Attraktivität und Wettbewerbsfä- higkeit sowie über Maßnahmen zur stärkeren Berücksichtigung von Öffent- lich-Privaten Partnerschaften als Be- schaffungsvariante der öffentlichen Hand Drucksache 17/13749 . . . . . . . . . . . . . . . . 3060 C Zusatztagesordnungspunkt 3: Antrag der Abgeordneten Oliver Krischer, Jürgen Trittin, Annalena Baerbock, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN: Europäische Ener- gieunion – Unabhängigkeit durch Effizienz, Einsparung und erneuerbare Energien schaffen Drucksache 18/1461 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3060 C Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 III Tagesordnungspunkt 24: a) Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Durchführung der Verordnung (EU) Nr. 1215/2012 sowie zur Änderung sonstiger Vorschriften Drucksachen 18/823, 18/1492 . . . . . . . . . 3060 D b) Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zum Vorschlag für eine Verordnung des Rates zur Ausdehnung der Anwendung der Verordnung (EU) Nr. …/2013 über ein Aktionsprogramm in den Bereichen Austausch, Unterstüt- zung und Ausbildung zum Schutz des Euro gegen Geldfälschung (Programm „Pericles 2020“) auf die nicht teilneh- menden Mitgliedstaaten Drucksachen 18/1225, 18/1473 . . . . . . . . 3061 A c)–k) Beratung der Beschlussempfehlungen des Petitionsausschusses: Sammelübersich- ten 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52 und 53 zu Petitionen Drucksachen 18/1350, 18/1351, 18/1352, 18/1353, 18/1354, 18/1355, 18/1356, 18/1357, 18/1358 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3061 C Zusatztagesordnungspunkt 4: Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion DIE LINKE: Rüstungsexportgenehmigun- gen der Großen Koalition . . . . . . . . . . . . . . 3062 B Inge Höger (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . 3062 B Dr. Joachim Pfeiffer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 3063 B Agnieszka Brugger (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3065 A Rainer Arnold (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3066 C Julia Bartz (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3067 D Jan van Aken (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 3068 D Hubertus Heil (Peine) (SPD) . . . . . . . . . . . . . 3070 C Katja Keul (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3072 A Helmut Nowak (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 3073 B Klaus Barthel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3074 B Henning Otte (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 3075 B Iris Gleicke, Parl. Staatssekretärin BMWi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3076 A Andreas G. Lämmel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 3077 B Tagesordnungspunkt 6: – Beschlussempfehlung und Bericht des Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung der Be- teiligung bewaffneter deutscher Streit- kräfte an der EU-geführten Operation Atalanta zur Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Somalias auf Grundlage des Seerechtsübereinkommens der Ver- einten Nationen (VN) von 1982 und der Resolutionen 1814 (2008) vom 15. Mai 2008, 1816 (2008) vom 2. Juni 2008, 1838 (2008) vom 7. Oktober 2008, 1846 (2008) vom 2. Dezember 2008, 1851 (2008) vom 16. Dezember 2008, 1897 (2009) vom 30. November 2009, 1950 (2010) vom 23. November 2010, 2020 (2011) vom 22. November 2011, 2077 (2012) vom 21. November 2012, 2125 (2013) vom 18. November 2013 und nachfolgender Resolutionen des Sicher- heitsrates der VN in Verbindung mit der Gemeinsamen Aktion 2008/851/ GASP des Rates der Europäischen Union (EU) vom 10. November 2008, dem Beschluss 2009/907/GASP des Ra- tes der EU vom 8. Dezember 2009, dem Beschluss 2010/437/GASP des Rates der EU vom 30. Juli 2010, dem Beschluss 2010/766/GASP des Rates der EU vom 7. Dezember 2010 und dem Beschluss 2012/174/GASP des Rates der EU vom 23. März 2012 Drucksachen 18/1282, 18/1486 . . . . . . . . 3078 B – Bericht des Haushaltsausschusses gemäß § 96 der Geschäftsordnung Drucksache 18/1487 . . . . . . . . . . . . . . . . . 3078 C Niels Annen (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3078 C Jan van Aken (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 3079 C Roderich Kiesewetter (CDU/CSU) . . . . . . . . 3080 D Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 3081 A Doris Wagner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3082 A Julia Bartz (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3083 A Gabi Weber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3084 A Ingo Gädechens (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 3084 D Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . . 3086 A Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3086 D Zusatztagesordnungspunkt 5: Wahl des Präsidenten des Bundesrech- nungshofes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3086 B IV Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 Wahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3086 D Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3092 B Tagesordnungspunkt 7: a) Antrag der Abgeordneten Caren Lay, Dr. Dietmar Bartsch, Herbert Behrens, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Begrenzung und Verein- heitlichung der Zinssätze für Dispo- und Überziehungskredite Drucksache 18/807 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3086 A b) Antrag der Abgeordneten Nicole Maisch, Renate Künast, Luise Amtsberg, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN: Begrenzung von Dispositions- und Überziehungszinsen Drucksache 18/1342 . . . . . . . . . . . . . . . . . 3086 B Caren Lay (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . 3086 B Mechthild Heil (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 3090 D Caren Lay (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 3091 B Nicole Maisch (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3092 B Dr. Johannes Fechner (SPD) . . . . . . . . . . . . . 3093 B Dr. Volker Ullrich (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 3094 B Dennis Rohde (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3095 A Olav Gutting (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 3096 A Nicole Maisch (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3096 B Dr. Carsten Sieling (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 3097 B Tagesordnungspunkt 8: a) – Zweite und dritte Beratung des von den Fraktionen der CDU/CSU und SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Umsetzung der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Sukzessivadoption durch Lebenspart- ner Drucksachen 18/841, 18/1488 . . . . . . . 3098 B – Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Ent- wurfs eines Gesetzes zur Umsetzung der Entscheidung des Bundesverfas- sungsgerichts zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner Drucksachen 18/1285, 18/1488 . . . . . . 3098 B b) Zweite und dritte Beratung des von den Abgeordneten Volker Beck (Köln), Monika Lazar, Ulle Schauws, weiteren Abgeord- neten und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Ergänzung des Lebenspart- nerschaftsgesetzes und anderer Gesetze im Bereich des Adoptionsrechts Drucksachen 18/577 (neu), 18/1488 . . . . 3098 B c) Zweite und dritte Beratung des von den Abgeordneten Volker Beck (Köln), Luise Amtsberg, Katja Keul, weiteren Abgeord- neten und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zum Europäischen Überein- kommen über die Adoption von Kin- dern (revidiert) Drucksachen 18/842, 18/1488 . . . . . . . . . 3098 C Christian Lange, Parl. Staatssekretär BMJV . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3098 D Harald Petzold (Havelland) (DIE LINKE) . . 3099 C Dr. Sabine Sütterlin-Waack (CDU/CSU) . . . . 3100 C Ulle Schauws (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3102 B Dr. Karl-Heinz Brunner (SPD) . . . . . . . . . . . . 3103 C Dr. Volker Ullrich (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 3104 A Johannes Kahrs (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3105 A Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . . 3105 D Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3106 C Tagesordnungspunkt 9: Antrag der Abgeordneten Harald Ebner, Bärbel Höhn, Steffi Lemke, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann, Caren Lay, Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: zu dem Vorschlag für eine Verord- nung des Europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Richtlinie 2001/18/EG betreffend die den Mitglied- staaten eingeräumte Möglichkeit, den An- bau von GVO auf ihrem Hoheitsgebiet zu beschränken oder zu untersagen – KOM(2010) 375 endg.; Ratsdok. 12371/10 Add. 1 – hier: Stellungnahme gegenüber der Bundesregierung gemäß Artikel 23 Ab- satz 3 des Grundgesetzes – Vorbehalte der Bevölkerung gegenüber der Agro-Gentech- nik anerkennen – Gentechnikfreiheit im Pflanzenbau dauerhaft sichern Drucksache 18/1453 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3108 D in Verbindung mit Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 V Zusatztagesordnungspunkt 6: Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und SPD: Grüne Gentechnik – Sorgen und Vorbehalte der Menschen ernst nehmen, Selbstbestimmung stärken, Wahlfreiheit ermöglichen Drucksache 18/1450 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3109 A Harald Ebner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3109 A Christian Schmidt, Bundesminister BMEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3110 C Harald Ebner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3111 C Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE) . . . . . . . 3112 C Elvira Drobinski-Weiß (SPD) . . . . . . . . . . . . . 3113 D Kees de Vries (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 3114 D Dr. Matthias Miersch (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 3116 A Harald Ebner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3116 C Namentliche Abstimmungen . . . . . . . . . . . . . 3117 C Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3119 D, 3122 A Tagesordnungspunkt 10: Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung der deutschen Beteiligung an der interna- tionalen Sicherheitspräsenz in Kosovo auf der Grundlage der Resolution 1244 (1999) des Sicherheitsrates der Vereinten Natio- nen vom 10. Juni 1999 und des Militärisch- Technischen Abkommens zwischen der in- ternationalen Sicherheitspräsenz (KFOR) und den Regierungen der Bundesrepublik Jugoslawien (jetzt: Republik Serbien) und der Republik Serbien vom 9. Juni 1999 Drucksache 18/1415 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3117 D Michael Roth, Staatsminister AA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3118 A Dr. Alexander S. Neu (DIE LINKE) . . . . . . . 3124 B Philipp Mißfelder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 3126 C Dr. Alexander S. Neu (DIE LINKE) . . . . . 3126 D Dr. Tobias Lindner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3128 A Florian Hahn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 3129 B Michael Brand (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 3130 B Tagesordnungspunkt 11: Antrag der Abgeordneten Susanna Karawanskij, Kerstin Kassner, Klaus Ernst, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion DIE LINKE: Ge- meindewirtschaftsteuer einführen – Kom- munalfinanzen stärken Drucksache 18/1094 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3132 A Susanna Karawanskij (DIE LINKE) . . . . . . . 3132 B Matthias Hauer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 3133 A Britta Haßelmann (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3134 A Bernhard Daldrup (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 3135 A Ingbert Liebing (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 3136 D Tagesordnungspunkt 12: Zweite und dritte Beratung des von der Bun- desregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Durchführung der Direktzah- lungen an Inhaber landwirtschaftlicher Betriebe im Rahmen von Stützungsrege- lungen der Gemeinsamen Agrarpolitik (Direktzahlungen-Durchführungsgesetz – DirektZahlDurchfG) Drucksachen 18/908, 18/1418, 18/1493 . . . . 3138 A Marlene Mortler (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 3138 B Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE) . . . . . . . 3139 B Dr. Wilhelm Priesmeier (SPD) . . . . . . . . . . . . 3140 B Friedrich Ostendorff (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3141 D Franz-Josef Holzenkamp (CDU/CSU) . . . . . . 3142 D Zusatztagesordnungspunkt 7: Antrag der Abgeordneten Irene Mihalic, Dr. Konstantin von Notz, Luise Amtsberg, Volker Beck (Köln), Frank Tempel, Jan Korte, Ulla Jelpke, Martina Renner und weiterer Ab- geordneter: Einsetzung eines Untersu- chungsausschusses Drucksache 18/1475 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3142 D Irene Mihalic (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3145 A Armin Schuster (Weil am Rhein) (CDU/CSU) 3146 A Frank Tempel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 3147 A Uli Grötsch (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3148 A Frank Tempel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 3148 C Dr. Stephan Harbarth (CDU/CSU) . . . . . . . . . 3150 A Tagesordnungspunkt 18: Bericht des Ausschusses für Bildung, For- schung und Technikfolgenabschätzung gemäß § 56a GO-BT: Technikfolgenabschätzung (TA) – Postdienste und moderne Informa- VI Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 tions- und Kommunikationstechnologien Drucksache 18/582 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3151 B Tagesordnungspunkt 15: Antrag der Abgeordneten Karin Binder, Caren Lay, Jan Korte, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Schutz von Kindern vor Schadstoffen in Spielzeugen wirksam durchsetzen Drucksache 18/1367 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3151 C Tagesordnungspunkt 17: Antrag der Abgeordneten Halina Wawzyniak, Jan Korte, Ulla Jelpke, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE: Einsetzung ei- ner Unabhängigen Kommission zur sprachli- chen Bereinigung des Strafrechts von NS- Normen, insbesondere von Gesinnungs- merkmalen Drucksache 18/865 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3152 A Halina Wawzyniak (DIE LINKE) . . . . . . . . . 3152 A Ansgar Heveling (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 3153 A Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3154 A Dirk Wiese (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3155 A Alexander Hoffmann (CDU/CSU) . . . . . . . . . 3156 B Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3157 C Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . 3159 A Anlage 2 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Hans-Christian Ströbele, Corinna Rüffer, Peter Meiwald und Christian Kühn (Tübingen) (alle BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) zur namentli- chen Abstimmung über die Beschlussempfeh- lung des Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an der EU-geführten Operation Atalanta zur Bekämpfung der Piraterie vor der Küste So- malias auf Grundlage des Seerechtsüberein- kommens der Vereinten Nationen (VN) von 1982 und der Resolutionen 1814 (2008) vom 15. Mai 2008, 1816 (2008) vom 2. Juni 2008, 1838 (2008) vom 7. Oktober 2008, 1846 (2008) vom 2. Dezember 2008, 1851 (2008) vom 16. Dezember 2008, 1897 (2009) vom 30. November 2009, 1950 (2010) vom 23. No- vember 2010, 2020 (2011) vom 22. November 2011, 2077 (2012) vom 21. November 2012, 2125 (2013) vom 18. November 2013 und nachfolgender Resolutionen des Sicherheits- rates der VN in Verbindung mit der Gemein- samen Aktion 2008/851/GASP des Rates der Europäischen Union (EU) vom 10. November 2008, dem Beschluss 2009/907/GASP des Rates der EU vom 8. Dezember 2009, dem Beschluss 2010/437/GASP des Rates der EU vom 30. Juli 2010, dem Beschluss 2010/766/ GASP des Rates der EU vom 7. Dezember 2010 und dem Beschluss 2012/174/GASP des Rates der EU vom 23. März 2012 (Tagesord- nungspunkt 6) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3159 C Anlage 3 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Monika Lazar (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN) zur namentlichen Abstimmung über die Beschlussempfehlung des Auswärtigen Aus- schusses zu dem Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deut- scher Streitkräfte an der EU-geführten Opera- tion Atalanta zur Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Somalias auf Grundlage des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Na- tionen (VN) von 1982 und der Resolutionen 1814 (2008) vom 15. Mai 2008, 1816 (2008) vom 2. Juni 2008, 1838 (2008) vom 7. Okto- ber 2008, 1846 (2008) vom 2. Dezember 2008, 1851 (2008) vom 16. Dezember 2008, 1897 (2009) vom 30. November 2009, 1950 (2010) vom 23. November 2010, 2020 (2011) vom 22. November 2011, 2077 (2012) vom 21. November 2012, 2125 (2013) vom 18. November 2013 und nachfolgender Reso- lutionen des Sicherheitsrates der VN in Ver- bindung mit der Gemeinsamen Aktion 2008/ 851/GASP des Rates der Europäischen Union (EU) vom 10. November 2008, dem Be- schluss 2009/907/GASP des Rates der EU vom 8. Dezember 2009, dem Beschluss 2010/ 437/GASP des Rates der EU vom 30. Juli 2010, dem Beschluss 2010/766/GASP des Rates der EU vom 7. Dezember 2010 und dem Beschluss 2012/174/GASP des Rates der EU vom 23. März 2012 (Tagesordnungs- punkt 6) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3160 B Anlage 4 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Dr. Karl-Heinz Brunner, Susann Rüthrich, Rainer Arnold, Ulrike Bahr, Dr. Katarina Barley, Dr. Matthias Bartke, Bärbel Bas, Lothar Binding (Heidelberg), Willi Brase, Edelgard Bulmahn, Dr. Lars Castellucci, Petra Crone, Dr. Karamba Diaby, Sabine Dittmar, Elvira Drobinski-Weiß, Siegmund Ehrmann, Michaela Engelmeier-Heite, Petra Ernstberger, Saskia Esken, Karin Evers-Meyer, Dr. Johannes Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 VII Fechner, Dr. Fritz Felgentreu, Elke Ferner, Christian Flisek, Gabriele Fograscher, Dagmar Freitag, Martin Gerster, Ulrike Gottschalk, Bettina Hagedorn, Rita Hagl-Kehl, Metin Hakverdi, Ulrich Hampel, Michael Hartmann, Sebastian Hartmann (Wackernheim), Dirk Heidenblut, Hubertus Heil (Peine), Gabriela Heinrich, Marcus Held, Wolfgang Hellmich, Gabriele Hiller-Ohm, Petra Hinz (Essen), Christina Jantz, Frank Junge, Thomas Jurk, Oliver Kaczmarek, Christina Kampmann, Ralf Kapschack, Gabriele Katzmarek, Cansel Kiziltepe, Daniela Kolbe, Dr. Hans-Ulrich Krüger, Hiltrud Lotze, Dr. Birgit Malecha- Nissen, Caren Marks, Hilde Mattheis, Dr. Matthias Miersch, Klaus Mindrup, Susanne Mittag, Michelle Müntefering, Ulli Nissen, Sabine Poschmann, Dr. Simone Raatz, Martin Rabanus, Mechthild Rawert, Stefan Rebmann, Dr. Carola Reimann, Dr. Daniela De Ridder, Andreas Rimkus, Sönke Rix, Dennis Rohde, Dr. Martin Rosemann, Dr. Ernst Dieter Rossmann, Bernd Rützel, Johann Saathoff, Annette Sawade, Dr. Hans-Joachim Schabedoth, Dr. Nina Scheer, Marianne Schieder, Udo Schiefner, Dr. Dorothee Schlegel, Dagmar Schmidt (Wetzlar), Matthias Schmidt (Ber- lin), Ursula Schulte, Ewald Schurer, Dr. Carsten Sieling, Svenja Stadler, Martina Stamm-Fibich, Peer Steinbrück, Kerstin Tack, Carsten Träger, Gabi Weber, Andrea Wicklein, Waltraud Wolff (Wolmirstedt), Stefan Zierke (alle SPD) zur namentlichen Abstimmung über den Änderungsantrag der Abgeordneten Volker Beck (Köln), Ulle Schauws, Luise Amtsberg, Kai Gehring, Katja Keul, Renate Künast, Monika Lazar, Irene Mihalic, Özcan Mutlu, Dr. Konstantin von Notz, Hans-Christian Ströbele und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Entwurf eines Gesetzes zur Um- setzung der Entscheidung des Bundesverfas- sungsgerichts zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner (Tagesordnungspunkt 8 a) . . . 3161 B Anlage 5 Erklärungen nach § 31 GO zur namentlichen Abstimmung über den Änderungsantrag der Abgeordneten Volker Beck (Köln), Ulle Schauws, Luise Amtsberg, Kai Gehring, Katja Keul, Renate Künast, Monika Lazar, Irene Mihalic, Özcan Mutlu, Dr. Konstantin von Notz, Hans-Christian Ströbele und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Ent- wurf eines Gesetzes zur Umsetzung der Ent- scheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner (Ta- gesordnungspunkt 8 a) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3162 A Marco Bülow (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3162 B Kirsten Lühmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 3162 D Michael Thews (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3163 A Ute Vogt (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3163 C Anlage 6 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Dr. Eva Högl und Burkhard Lischka (beide SPD) zur namentlichen Abstimmung über den Änderungsantrag der Abgeordneten Volker Beck (Köln), Ulle Schauws, Luise Amtsberg, Kai Gehring, Katja Keul, Renate Künast, Monika Lazar, Irene Mihalic, Özcan Mutlu, Dr. Konstantin von Notz, Hans-Christian Ströbele und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Entwurf eines Gesetzes zur Um- setzung der Entscheidung des Bundesverfas- sungsgerichts zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner (Tagesordnungspunkt 8 a) . . . 3163 D Anlage 7 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Marian Wendt (CDU/CSU) zur Abstimmung über den Entwurf eines Gesetzes zur Umset- zung der Entscheidung des Bundesverfas- sungsgerichts zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner (Tagesordnungspunkt 8 a) . . . 3164 B Anlage 8 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Hermann Färber, Dieter Stier und Carola Stauche (alle CDU/CSU) zu den namentli- chen Abstimmungen über: – Antrag der Abgeordneten Harald Ebner, Bärbel Höhn, Steffi Lemke, weiterer Ab- geordneter und der Fraktion BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abge- ordneten Dr. Kirsten Tackmann, Caren Lay, Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion DIE LINKE zu dem Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Richtlinie 2001/18/EG betreffend die den Mitgliedstaaten einge- räumte Möglichkeit, den Anbau von GVO auf ihrem Hoheitsgebiet zu beschränken oder zu untersagen – KOM(2010) 375 endg.; Ratsdok. 12371/10 Add. 1 – hier: Stellungnahme gegenüber der Bundesre- gierung gemäß Artikel 23 Absatz 3 des Grundgesetzes – Vorbehalte der Bevölke- rung gegenüber der Agro-Gentechnik anerkennen – Gentechnikfreiheit im Pflan- zenbau dauerhaft sichern – Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und SPD: Grüne Gentechnik – Sorgen und Vor- behalte der Menschen ernst nehmen, VIII Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 Selbstbestimmung stärken, Wahlfreiheit er- möglichen (Tagesordnungspunkt 9 und Zusatztagesord- nungspunkt 6) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3164 D Anlage 9 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Gitta Connemann (CDU/CSU) zu den na- mentlichen Abstimmungen über: – Antrag der Abgeordneten Harald Ebner, Bärbel Höhn, Steffi Lemke, weiterer Ab- geordneter und der Fraktion BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abge- ordneten Dr. Kirsten Tackmann, Caren Lay, Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion DIE LINKE zu dem Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Richtlinie 2001/18/EG betreffend die den Mitgliedstaaten einge- räumte Möglichkeit, den Anbau von GVO auf ihrem Hoheitsgebiet zu beschränken oder zu untersagen – KOM(2010) 375 endg.; Ratsdok. 12371/10 Add. 1 – hier: Stellungnahme gegenüber der Bundesre- gierung gemäß Artikel 23 Absatz 3 des Grundgesetzes – Vorbehalte der Bevölke- rung gegenüber der Agro-Gentechnik anerkennen – Gentechnikfreiheit im Pflan- zenbau dauerhaft sichern – Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und SPD: Grüne Gentechnik – Sorgen und Vorbehalte der Menschen ernst nehmen, Selbstbestimmung stärken, Wahlfreiheit er- möglichen (Tagesordnungspunkt 9 und Zusatztagesord- nungspunkt 6) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3166 A Anlage 10 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Alois Gerig (CDU/CSU) zu den namentlichen Abstimmungen über: – Antrag der Abgeordneten Harald Ebner, Bärbel Höhn, Steffi Lemke, weiterer Ab- geordneter und der Fraktion BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abge- ordneten Dr. Kirsten Tackmann, Caren Lay, Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion DIE LINKE zu dem Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Richtlinie 2001/18/EG betreffend die den Mitgliedstaaten einge- räumte Möglichkeit, den Anbau von GVO auf ihrem Hoheitsgebiet zu beschränken oder zu untersagen – KOM(2010) 375 endg.; Ratsdok. 12371/10 Add. 1 – hier: Stellungnahme gegenüber der Bundesre- gierung gemäß Artikel 23 Absatz 3 des Grundgesetzes – Vorbehalte der Bevöl- kerung gegenüber der Agro-Gentechnik anerkennen – Gentechnikfreiheit im Pflan- zenbau dauerhaft sichern (Tagesordnungs- punkt 9) – Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und SPD: Grüne Gentechnik – Sorgen und Vor- behalte der Menschen ernst nehmen, Selbst- bestimmung stärken, Wahlfreiheit ermög- lichen (Zusatztagesordnungspunkt 6) (Tagesordnungspunkt 9 und Zusatztagesord- nungspunkt 6) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3167 B Anlage 11 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Schutz von Kindern vor Schad- stoffen in Spielzeugen wirksam durchsetzen (Tagesordnungspunkt 15) . . . . . . . . . . . . . . . . 3168 C Andreas G. Lämmel (CDU/CSU) . . . . . . . . . 3168 C Elvira Drobinski-Weiß (SPD) . . . . . . . . . . . 3169 A Karin Binder (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 3169 C Nicole Maisch (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3170 A Anlage 12 Zu Protokoll gegebene Reden zum Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Tech- nikfolgenabschätzung gemäß § 56 a GO-BT: Technikfolgenabschätzung (TA) – Postdienste und moderne Informations- und Kommunika- tionstechnologien (Tagesordnungspunkt 18) . 3170 D Hansjörg Durz (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 3170 D Klaus Barthel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3172 C Herbert Behrens (DIE LINKE) . . . . . . . . . . 3174 A Harald Ebner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3174 D Anlage 13 Namensverzeichnis der Mitglieder des Deut- schen Bundestages, die an der Wahl des Präsi- denten des Bundesrechnungshofes teilgenom- men haben (Zusatztagesordnungspunkt 5) . . . 3176 A Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 2995 (A) (C) (D)(B) 36. Sitzung Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 Beginn: 9.00 Uhr
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    Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 3159 (A) (C) (B) Anlagen zum Stenografischen Bericht (D) Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Alpers, Agnes DIE LINKE 22.05.2014 Bär, Dorothee CDU/CSU 22.05.2014 Bätzing-Lichtenthäler, Sabine SPD 22.05.2014 Beck (Bremen), Marieluise BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 22.05.2014 Dağdelen, Sevim DIE LINKE 22.05.2014 Dr. Dehm, Diether DIE LINKE 22.05.2014 Dobrindt, Alexander CDU/CSU 22.05.2014 Dr. Fabritius, Bernd CDU/CSU 22.05.2014 Dr. Finckh-Krämer, Ute SPD 22.05.2014 Freese, Ulrich SPD 22.05.2014 Gabriel, Sigmar SPD 22.05.2014 Dr. Gauweiler, Peter CDU/CSU 22.05.2014 Gohlke, Nicole DIE LINKE 22.05.2014 Göring-Eckardt, Katrin BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 22.05.2014 Groß, Michael SPD 22.05.2014 Henke, Rudolf CDU/CSU 22.05.2014 Ilgen, Matthias SPD 22.05.2014 Kampeter, Steffen CDU/CSU 22.05.2014 Kudla, Bettina CDU/CSU 22.05.2014 Dr. Lamers, Karl A. CDU/CSU 22.05.2014 Lischka, Burkhard SPD 22.05.2014 Nahles, Andrea SPD 22.05.2014 Schwabe, Frank SPD 22.05.2014 Schwarz, Andreas SPD 22.05.2014 Silberhorn, Thomas CDU/CSU 22.05.2014 Thönnes, Franz SPD 22.05.2014 Ziegler, Dagmar SPD 22.05.2014 Zöllmer, Manfred SPD 22.05.2014 Anlage 2 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Hans-Christian Ströbele, Corinna Rüffer, Peter Meiwald und Christian Kühn (Tübingen) (alle BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN) zur namentlichen Abstimmung über die Beschlussempfehlung des Auswärtigen Aus- schusses zu dem Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deut- scher Streitkräfte an der EU-geführten Opera- tion Atalanta zur Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Somalias auf Grundlage des See- rechtsübereinkommens der Vereinten Nationen (VN) von 1982 und der Resolutionen 1814 (2008) vom 15. Mai 2008, 1816 (2008) vom 2. Juni 2008, 1838 (2008) vom 7. Oktober 2008, 1846 (2008) vom 2. Dezember 2008, 1851 (2008) vom 16. Dezember 2008, 1897 (2009) vom 30. November 2009, 1950 (2010) vom 23. No- vember 2010, 2020 (2011) vom 22. November 2011, 2077 (2012) vom 21. November 2012, 2125 (2013) vom 18. November 2013 und nachfolgen- der Resolutionen des Sicherheitsrates der VN in Verbindung mit der Gemeinsamen Aktion 2008/ 851/GASP des Rates der Europäischen Union (EU) vom 10. November 2008, dem Beschluss 2009/907/GASP des Rates der EU vom 8. De- zember 2009, dem Beschluss 2010/437/GASP des Rates der EU vom 30. Juli 2010, dem Be- schluss 2010/766/GASP des Rates der EU vom 7. Dezember 2010 und dem Beschluss 2012/174/ GASP des Rates der EU vom 23. März 2012 (Tagesordnungspunkt 6) Den Antrag der Bundesregierung lehnen wir ab. Wir stimmen wieder mit Nein wie bei den letzten sie- ben Abstimmungen zum Atalanta-Einsatz der Bundes- wehr. Wir halten den Einsatz der Bundeswehr im Golf von Aden und im ganzen Indischen Ozean politisch für falsch und nicht notwendig zum Schutz der Schiffe des Welternährungsprogramms vor Piraterie. Vor allem war er von Anfang an nicht das letzte mögliche Mittel, die Ultima Ratio, um die Schiffe zu schützen und Piraterie wirksam zu bekämpfen. In der Begründung zum Mandat erklärt die Bundesre- gierung, dass die Erfolgsquote der Piraten im Jahr 2013 im Vergleich zu den vergangenen Jahren auf einem Tief- stand sei. Sie behauptet – wie im Vorjahr –, dies sei Folge der ständigen Präsenz der Kriegsschiffe im Golf von Aden. Wie im Vorjahr wird diese Behauptung nicht belegt. Es ist eine falsche Annahme. Andere, „zivile“ Maßnahmen haben die Pirateriean- griffe verhindert: das Einhalten der sogenannten „Best Management Practices“ – das Fahren im Konvoi oder mit hoher Geschwindigkeit sowie die Absicherung von Reling und Außenbord, etwa durch Stacheldraht, und Anlagen 3160 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 (A) (C) (D)(B) das Anbringen von Scheinwerfern. Die Bundesregierung hat bestätigt, dass kein einziges Schiff von Piraten auf- gebracht wurde, das sich an diese Regeln gehalten hat. In der Mandatsbegründung sagt die Bundesregierung selbst, dass „die Weiterentwicklung und konsequentere Anwendung der Handlungsmöglichkeit für Handels- schiffe zum Schutz vor und bei Angriffen (Best Manage- ment Practices)“ erfolgreich war. Das gilt gerade auch für den Schutz der Schiffe des Welternährungspro- gramms. In einem Gutachten des Instituts für Friedensfor- schung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg wird empfohlen, den Schutz dieser Transporte von Hilfs- gütern und Nahrungsmitteln nach Somalia dadurch zu verbessern, dass das WFP mit besseren und schnelleren Schiffen ausgestattet wird. Zum achten Mal entscheidet sich der Bundestag nun schon für diesen Kriegseinsatz, der aber letztlich nur die Symptome von Piraterie bekämpft. Deren Ursachen hin- gegen, die man politisch angehen kann, werden immer noch weitgehend ignoriert. Dazu gehört die Überfi- schung der Gewässer vor Somalia. Modern ausgestattete Fangflotten aus der EU, Japan oder Taiwan rauben den lokalen Fischern die Existenzgrundlage. Zusätzlich kommt es durch illegale (Gift-)Müllentsorgung vor der Küste Somalias zu massivem Fischsterben, Menschen erkranken. Auch europäische Firmen sind in die Müll- verseuchung verwickelt. Und an Land herrschen noch immer Armut, Hunger, Gewalt und politische Unsicher- heit. Kriegsschiffe und Militäreinsätze sind nicht das rich- tige Mittel, um die Piraterie zu bekämpfen. Anlage 3 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Monika Lazar (BÜND- NIS 90/DIE GRÜNEN) zur namentlichen Ab- stimmung über die Beschlussempfehlung des Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an der EU- geführten Operation Atalanta zur Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Somalias auf Grundlage des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen (VN) von 1982 und der Re- solutionen 1814 (2008) vom 15. Mai 2008, 1816 (2008) vom 2. Juni 2008, 1838 (2008) vom 7. Ok- tober 2008, 1846 (2008) vom 2. Dezember 2008, 1851 (2008) vom 16. Dezember 2008, 1897 (2009) vom 30. November 2009, 1950 (2010) vom 23. November 2010, 2020 (2011) vom 22. November 2011, 2077 (2012) vom 21. No- vember 2012, 2125 (2013) vom 18. November 2013 und nachfolgender Resolutionen des Si- cherheitsrates der VN in Verbindung mit der Gemeinsamen Aktion 2008/851/GASP des Rates der Europäischen Union (EU) vom 10. Novem- ber 2008, dem Beschluss 2009/907/GASP des Rates der EU vom 8. Dezember 2009, dem Be- schluss 2010/437/GASP des Rates der EU vom 30. Juli 2010, dem Beschluss 2010/766/GASP des Rates der EU vom 7. Dezember 2010 und dem Beschluss 2012/174/GASP des Rates der EU vom 23. März 2012 (Tagesordnungspunkt 6) Den Antrag der Bundesregierung lehne ich ab. Ich stimme wieder mit Nein, wie bei den letzten sieben Ab- stimmungen zum Atalanta-Einsatz der Bundeswehr. Meine Gründe für dieses Nein sind dieselben wie in den vergangenen Jahren: Ich halte den Einsatz der Bundeswehr im Golf von Aden und im ganzen Indischen Ozean politisch für falsch und nicht notwendig zum Schutz der Schiffe des Welternährungsprogramms vor Piraterie. Vor allem war er von Anfang an nicht das letzte mögliche Mittel, die Ultima Ratio, um die Schiffe zu schützen und Piraterie wirksam zu bekämpfen. In der Begründung zum Mandat erklärt die Bundesre- gierung, dass die Erfolgsquote der Piraten im Jahr 2013 im Vergleich zu den vergangenen Jahren auf einem Tief- stand sei. Sie behauptet – wie im Vorjahr –, dies sei Folge der ständigen Präsenz der Kriegsschiffe im Golf von Aden. Wie im Vorjahr legt sie für diese Behauptung keinerlei Beweise vor. Es ist aber schlicht eine falsche Annahme. Tatsächlich hat der Rückgang der Kaperungen andere Gründe. Es gibt geeignete „zivile“ Maßnahmen, um das Risiko von Piraterieangriffen zu verringern: das Einhal- ten der sogenannten Best Management Practices – das Fahren im Konvoi oder mit hoher Geschwindigkeit so- wie die Absicherung von Reling und Außenbord, etwa durch Stacheldraht, und das Anbringen von Scheinwer- fern. Bereits 2012 hatten Abgeordnete meiner Fraktion die Bundesregierung dazu befragt, und sie bestätigte uns schon damals, dass kein einziges Schiff von Piraten auf- gebracht werden konnte, das sich an diese Regeln gehal- ten hat. In der diesjährigen Mandatsbegründung nennt die Bundesregierung selbst – wenn auch nur als eine von mehreren Maßnahmen –, dass „die Weiterentwicklung und konsequentere Anwendung der Handlungsmöglich- keit für Handelsschiffe zum Schutz vor und bei Angrif- fen (Best Management Practices)“ erfolgreich war. Warum wir trotzdem Jahr um Jahr über einen Kriegs- einsatz abstimmen müssen, für dessen Sinn und Notwen- digkeit die Bundesregierung keine Belege vorlegt, ver- stehe ich nicht. Insbesondere wenn einer der primären Gründe des Einsatzes – der Schutz der Schiffe des Welt- ernährungsprogramms, WFD, – auch anders erreicht werden kann. In einem Gutachten des Instituts für Friedensfor- schung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg, das im Jahr 2012 im Auftrag der Grünen im Europapar- lament erstellt wurde, wird empfohlen, den Schutz der Transporte des Welternährungsprogramms – WFP – von Hilfsgütern und Nahrungsmitteln nach Somalia dadurch zu verbessern, dass das WFP mit besseren und schnelle- Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 3161 (A) (C) (D)(B) ren Schiffen ausgestattet wird. Auch der Schutz von Handelsschiffen auf gefährlichen Routen durch zivile Si- cherheitsdienste an Bord, die nicht schwer bewaffnet sein müssen, wird seit Jahren empfohlen. Nach Schät- zungen sind inzwischen fast 80 Prozent der Schiffe in der gefährdeten Region mit zivilen Sicherheitsdiensten an Bord unterwegs. Im vorletzten Jahr wurde das Mandat der Operation Atalanta sogar erweitert: vom militärischen Kampfein- satz vor der Küste Somalias auf einen Küstenstreifen an Land von zwei Kilometern Breite. Zwar beschränkt sich diese Erweiterung des Mandats auf Angriffe nur aus der Luft mittels Hubschraubern lediglich auf die Logistik von Piraten, Nothilfeeinsätze an Land, um abgeschos- sene Hubschrauberbesatzungen zu retten, bleiben aber erlaubt. Die Erweiterung bedeutet daher ein zusätzliches Eskalationsrisiko. Bisher gab es zwar nur einen solchen Einsatz an Land, umso unverständlicher ist es, dass diese Option weiterhin im Mandat aufrechterhalten werden soll. Zum achten Mal entscheidet sich der Bundestag nun schon für diesen Kriegseinsatz, der aber letztlich nur die Symptome von Piraterie bekämpft. Deren Ursachen hin- gegen, die man politisch angehen kann, werden immer noch weitgehend ignoriert. Dazu gehört die Überfischung der Gewässer vor Somalia. Modern ausgestattete Fang- flotten aus der EU, Japan oder Taiwan rauben den lokalen Fischern die Existenzgrundlage. Zusätzlich kommt es durch illegale (Gift-)Müllentsorgung vor der Küste So- malias zu massivem Fischsterben, Menschen erkranken. Auch europäische Firmen sind in die Müllverseuchung verwickelt. Und an Land herrschen noch immer Armut, Hunger, Gewalt und politische Unsicherheit. Ich kann nur die bittere Einsicht wiederholen, die wir schon im letzten Jahr formuliert haben: Wen wundert, dass da die Aussicht, mit Schiffsentführungen harte Dol- lars zu verdienen, verlockend ist. Kriegsschiffe und Militäreinsätze sind nicht das rich- tige Mittel und nicht nötig, um die Piraterie wirksam zu bekämpfen. Der Einsatz der Bundesmarine ist umgehend zu beenden. Anlage 4 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Dr. Karl-Heinz Brunner, Susann Rüthrich, Rainer Arnold, Ulrike Bahr, Dr. Katarina Barley, Dr. Matthias Bartke, Bärbel Bas, Lothar Binding (Heidelberg), Willi Brase, Edelgard Bulmahn, Dr. Lars Castellucci, Petra Crone, Dr. Karamba Diaby, Sabine Dittmar, Elvira Drobinski-Weiß, Siegmund Ehrmann, Michaela Engelmeier-Heite, Petra Ernstberger, Saskia Esken, Karin Evers-Meyer, Dr. Johannes Fechner, Dr. Fritz Felgentreu, Elke Ferner, Christian Flisek, Gabriele Fograscher, Dagmar Freitag, Martin Gerster, Ulrike Gottschalk, Bettina Hagedorn, Rita Hagl-Kehl, Metin Hakverdi, Ulrich Hampel, Michael Hartmann (Wackernheim), Sebastian Hartmann, Dirk Heidenblut, Hubertus Heil (Peine), Gabriela Heinrich, Marcus Held, Wolfgang Hellmich, Gabriele Hiller-Ohm, Petra Hinz (Essen), Christina Jantz, Frank Junge, Thomas Jurk, Oliver Kaczmarek, Christina Kampmann, Ralf Kapschack, Gabriele Katzmarek, Cansel Kiziltepe, Daniela Kolbe, Dr. Hans-Ulrich Krüger, Hiltrud Lotze, Dr. Birgit Malecha-Nissen, Caren Marks, Hilde Mattheis, Dr. Matthias Miersch, Klaus Mindrup, Susanne Mittag, Michelle Müntefering, Ulli Nissen, Sabine Poschmann, Dr. Simone Raatz, Martin Rabanus, Mechthild Rawert, Stefan Rebmann, Dr. Carola Reimann, Dr. Daniela De Ridder, Andreas Rimkus, Sönke Rix, Dennis Rohde, Dr. Martin Rosemann, Dr. Ernst Dieter Rossmann, Bernd Rützel, Johann Saathoff, Annette Sawade, Dr. Hans- Joachim Schabedoth, Dr. Nina Scheer, Marianne Schieder, Udo Schiefner, Dr. Dorothee Schlegel, Dagmar Schmidt (Wetzlar), Matthias Schmidt (Berlin), Ursula Schulte, Ewald Schurer, Dr. Carsten Sieling, Svenja Stadler, Martina Stamm-Fibich, Peer Steinbrück, Kerstin Tack, Carsten Träger, Gabi Weber, Andrea Wicklein, Waltraud Wolff (Wolmir- stedt), Stefan Zierke (alle SPD) zur namentli- chen Abstimmung über den Änderungsantrag der Abgeordneten Volker Beck (Köln), Ulle Schauws, Luise Amtsberg, Kai Gehring, Katja Keul, Renate Künast, Monika Lazar, Irene Mihalic, Özcan Mutlu, Dr. Konstantin von Notz, Hans-Christian Ströbele und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Entwurf eines Ge- setzes zur Umsetzung der Entscheidung des Bun- desverfassungsgerichts zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner (Tagesordnungspunkt 8 a) Die vollständige Gleichstellung eingetragener Le- benspartnerschaften in allen Rechtsbereichen ist seit lan- gem ein Kernanliegen unserer sozialdemokratischen Politik. Dazu gehört für uns selbstverständlich auch das volle Adoptionsrecht für lesbische und schwule Paare. Damit wird auch die soziale und rechtliche Situation von Kin- dern in Regenbogenfamilien gestärkt. Entscheidendes Kriterium für die Auswahl von geeigneten Adoptiveltern ist für uns das Kindeswohl und nicht das Geschlecht der Eltern. Für ein Kind ist nicht die sexuelle Identität der Eltern entscheidend, sondern eine stabile und liebevolle Bin- dung zu seinen engsten Bezugspersonen. Diese Gebor- genheit, Solidarität und Fürsorge finden Kinder in unter- schiedlichen Familienkonstellationen. Bei einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz am 5. Mai 2014 sprach sich die deutliche Mehrheit der geladenen Sachverstän- digen ebenfalls – wie auch der Bundesrat in seiner Stel- lungnahme zum Gesetzentwurf der Bundesregierung (Drucksache 103/14) – für eine rechtliche Gleichstellung 3162 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 (A) (C) (D)(B) und Gleichbehandlung eingetragener Lebenspartner im Adoptionsrecht aus. Wir bedauern, dass in der aktuellen Regierungskoali- tion derzeit leider keine parlamentarische Mehrheit dafür vorhanden ist, ein einheitliches Adoptionsrecht für he- tero- und homosexuelle Paare durchzusetzen. Im Koali- tionsvertrag haben sich die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD auf ein einheitliches Abstimmungs- verhalten im Deutschen Bundestag verständigt. Daher werden wir dem Antrag der Grünen nicht zustimmen. Mit dem heute verabschiedeten Gesetz zur Umset- zung der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner konnten wir innerhalb der Koalition dieses wichtige Etappenziel auf dem Weg hin zur völligen Gleichstellung erreichen. Anlage 5 Erklärungen nach § 31 GO zur namentlichen Abstimmung über den Ände- rungsantrag der Abgeordneten Volker Beck (Köln), Ulle Schauws, Luise Amtsberg, Kai Gehring, Katja Keul, Renate Künast, Monika Lazar, Irene Mihalic, Özcan Mutlu, Dr. Konstantin von Notz, Hans-Christian Ströbele und der Fraktion Bündnis 90/Die Grü- nen zum Entwurf eines Gesetzes zur Umsetzung der Entscheidung des Bundesverfassungsge- richts zur Sukzessivadoption durch Lebenspart- ner (Tagesordnungspunkt 8 a) Marco Bülow (SPD): Die vollständige Gleichstel- lung eingetragener Lebenspartnerschaften in allen Rechtsbereichen ist seit langem ein Kernanliegen der SPD. Dazu gehört für mich selbstverständlich auch das volle Adoptionsrecht für lesbische und schwule Paare. Damit wird auch die soziale und rechtliche Situation von Kindern in sogenannten Regenbogenfamilien gestärkt. Seit der Einführung des Gesetzes über die eingetragene Lebenspartnerschaft durch die rot-grüne Bundesregie- rung hat sich die Wahrnehmung von lesbischen und schwulen Partnerschaften in der Gesellschaft grundsätz- lich gewandelt. Zahlreiche Studien haben belegt, dass Kinder in Regenbogenfamilien genauso gut wie in hete- rosexuellen Ehen aufwachsen können. Nicht anders als Heterosexuelle streben auch Lesben und Schwule auf Dauer angelegte Partnerschaften an und sind bereit, ge- genseitig füreinander Verantwortung zu übernehmen. Einige waren bereits schon vor der Schaffung des Le- benspartnerschaftsgesetzes Vater oder Mutter. Sie küm- mern sich genauso verantwortungsvoll und liebevoll um ihre Kinder wie andere auch. Dies wird von der gesell- schaftlichen Mehrheit so akzeptiert und hat dazu geführt, dass im vergangenen Jahr mehrere Anträge gestellt wur- den, die sich für eine Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule ausgesprochen haben. Für ein Kind ist nicht die sexuelle Identität der Eltern entscheidend, sondern eine stabile und liebevolle Bin- dung zu seinen engsten Bezugspersonen. Diese Gebor- genheit, Solidarität und Fürsorge finden Kinder in unter- schiedlichen Familienkonstellationen. Das Bundesverfassungsgericht hat diesem Wandel und den wissenschaftlichen Erkenntnissen in mehreren Urteilen bereits Rechnung getragen und eine Benachtei- ligung von Lebenspartnerschaften gegenüber der Ehe abgelehnt. So eben auch in seinem Urteil vom 19. Fe- bruar 2013 (1 BvL 1/11, 1 BvR 3247/09; vergleiche BGBl. I S. 428 und NJW 2013, S. 847 ff.). Es hat ent- schieden, dass das Verbot der Sukzessivadoption durch Lebenspartner, das heißt das Verbot der Annahme eines bereits adoptierten Kindes durch den Lebenspartner des zunächst Annehmenden, nicht mit dem Grundgesetz ver- einbar ist. Zudem sprach sich bei einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz am 5. Mai 2014 die deutliche Mehrheit der geladenen Sach- verständigen ebenfalls – wie auch der Bundesrat in sei- ner Stellungnahme zum Gesetzentwurf der Bundesregie- rung (Drucksache 103/14) – für eine rechtliche Gleichstellung und Gleichbehandlung eingetragener Le- benspartner im Adoptionsrecht aus. Ich begrüße daher auch den Gesetzentwurf von CDU/ CSU und SPD zur Ergänzung des Lebenspartnerschafts- gesetzes und anderer Gesetze im Bereich des Adoptions- rechts. Bedauerlich ist, dass in der aktuellen Regierungs- koalition derzeit leider keine parlamentarische Mehrheit dafür vorhanden ist, ein einheitliches Adoptionsrecht für hetero- und homosexuelle Paare durchzusetzen. Ich werde mich deshalb in der SPD und im Parlament weiter dafür einsetzen, dass man alle Vorschriften im Adoptionsrecht, die heterosexuelle Ehepaare betreffen, zum Wohle der Kinder auch auf gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften überträgt. Es kann nicht sein, dass der Bundestag trotz besseren Wissens die Partner- schaften von Lesben und Schwulen anders behandelt als die von Heterosexuellen. Denn im Mittelpunkt der Ent- scheidungen sollte das Kindeswohl stehen. Das Festhal- ten an zwei unterschiedlichen Adoptionsrechten zemen- tiert Diskriminierung und schadet den betroffenen Kindern. Kirsten Lühmann (SPD): Die vollständige Gleich- stellung eingetragener Lebenspartnerschaften in allen Rechtsbereichen ist seit langem ein Kernanliegen unse- rer sozialdemokratischen Politik. Dazu gehört für mich selbstverständlich auch das volle Adoptionsrecht für lesbische und schwule Paare. Damit wird auch die soziale und rechtliche Situation von Kindern in Regenbogenfamilien gestärkt. Entscheiden- des Kriterium für die Auswahl von geeigneten Adoptiv- eltern ist für mich das Kindeswohl und nicht das Ge- schlecht der Eltern. Für ein Kind ist nicht die sexuelle Identität der Eltern entscheidend, sondern eine stabile und liebevolle Bin- dung zu seinen engsten Bezugspersonen. Diese Gebor- Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 3163 (A) (C) (D)(B) genheit, Solidarität und Fürsorge finden Kinder in unter- schiedlichen Familienkonstellationen. Bei einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz am 5. Mai 2014 sprach sich die deutliche Mehrheit der geladenen Sachverstän- digen ebenfalls – wie auch der Bundesrat in seiner Stel- lungnahme zum Gesetzentwurf der Bundesregierung (Drucksache 103/14) – für eine rechtliche Gleichstellung und Gleichbehandlung eingetragener Lebenspartner im Adoptionsrecht aus. Ich bedaure, dass in der aktuellen Regierungskoali- tion derzeit leider keine parlamentarische Mehrheit dafür vorhanden ist, ein einheitliches Adoptionsrecht für he- tero- und homosexuelle Paare durchzusetzen. Im Koali- tionsvertrag haben sich die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD auf ein einheitliches Abstimmungs- verhalten im Deutschen Bundestag verständigt. Daher werde ich dem Antrag der Grünen nicht zustimmen. Der Gesetzentwurf der Bundesregierung könnte wei- ter gehen, zumindest setzen wir damit aber die Entschei- dung des Bundesverfassungsgerichts zur Sukzessivadop- tion durch Lebenspartner um. So können wir innerhalb der Koalition ein wichtiges Etappenziel auf dem Weg hin zur völligen Gleichstellung erreichen. Michael Thews (SPD): Die vollständige Gleichstel- lung eingetragener Lebenspartnerschaften in allen Rechtsbereichen ist seit langem ein Kernanliegen unse- rer sozialdemokratischen Politik. Dazu gehört für mich selbstverständlich auch das volle Adoptionsrecht für lesbische und schwule Paare. Entscheidendes Kriterium für die Auswahl von geeigne- ten Adoptiveltern ist für mich das Kindeswohl und nicht das Geschlecht der Eltern. Für ein Kind ist nicht die sexuelle Identität der Eltern entscheidend, sondern eine stabile und liebevolle Bin- dung zu seinen engsten Bezugspersonen. Diese Gebor- genheit, Solidarität und Fürsorge finden Kinder in unter- schiedlichen Familienkonstellationen. Bei einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz am 5. Mai 2014 sprach sich die deutliche Mehrheit der geladenen Sachverstän- digen ebenfalls – wie auch der Bundesrat in seiner Stel- lungnahme zum Gesetzentwurf der Bundesregierung (Drucksache 103/14) – für eine rechtliche Gleichstellung und Gleichbehandlung eingetragener Lebenspartner im Adoptionsrecht aus. Ich bedaure, dass in der aktuellen Regierungskoali- tion derzeit leider keine parlamentarische Mehrheit dafür vorhanden ist, ein einheitliches Adoptionsrecht für he- tero- und homosexuelle Paare durchzusetzen. Im Koali- tionsvertrag haben sich die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD auf ein einheitliches Abstimmungs- verhalten im Deutschen Bundestag verständigt. Daher werde ich dem Antrag der Grünen nicht zustimmen. Mit dem heute verabschiedeten Gesetz zur Umset- zung der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner konnten wir innerhalb der Koalition dieses wichtige Etappenziel auf dem Weg hin zur völligen Gleichstellung erreichen. Ute Vogt (SPD): Die vollständige Gleichstellung ein- getragener Lebenspartnerschaften in allen Rechtsberei- chen ist seit langem ein Kernanliegen sozialdemokrati- scher Politik. Dazu gehört selbstverständlich auch das volle Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Le- benspartner. Das entscheidende Kriterium für die Auswahl von ge- eigneten Adoptiveltern ist das Kindeswohl und nicht das Geschlecht der Eltern. Die Qualität der innerfamiliären Beziehung hängt nicht vom Geschlecht der Eltern ab. Für das Kind ist nicht die sexuelle Identität der Eltern entscheidend, sondern eine stabile und liebevolle Bin- dung zu seinen engsten Bezugspersonen. Mit der Ermöglichung der Sukzessivadoption setzen wir ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes um. Wir stärken dadurch die Rechtsstellung des Kindes, denn da- durch wird für das Kind die Verantwortung zweier El- ternteile, mit denen es bereits zusammenlebt, auch recht- lich sichergestellt. Dies ist ein wichtiger Schritt, der gerade mit Blick auf das Kindeswohl erforderlich ist. Es ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, hin zur Durchsetzung der Gewährung der gemeinschaftlichen Adoption für alle Paare. Ich bedaure daher sehr, dass in der aktuellen Regie- rungskoalition derzeit keine parlamentarische Mehrheit dafür vorhanden ist, ein einheitliches Adoptionsrecht für alle Paare durchzusetzen. Im Koalitionsvertrag haben sich die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD auf ein einheitliches Abstimmungsverhalten im Deut- schen Bundestag verständigt. Daher werde ich dem An- trag der Grünen nicht zustimmen. Anlage 6 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Dr. Eva Högl und Burkhard Lischka (beide SPD) zur namentlichen Abstim- mung über den Änderungsantrag der Abgeord- neten Volker Beck (Köln), Ulle Schauws, Luise Amtsberg, Kai Gehring, Katja Keul, Renate Künast, Monika Lazar, Irene Mihalic, Özcan Mutlu, Dr. Konstantin von Notz, Hans-Christian Ströbele und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zum Entwurf eines Gesetzes zur Um- setzung der Entscheidung des Bundesverfas- sungsgerichts zur Sukzessivadoption durch Le- benspartner (Tagesordnungspunkt 8 a) Die vollständige Gleichstellung eingetragener Le- benspartnerschaften in allen Rechtsbereichen ist seit lan- gem ein Kernanliegen sozialdemokratischer Politik. Dazu gehört für uns selbstverständlich auch das volle Adoptionsrecht für lesbische und schwule Paare. Damit wird auch die soziale und rechtliche Situation von Kin- dern in Regenbogenfamilien gestärkt. Entscheidendes Kriterium für die Auswahl von geeigneten Adoptiveltern 3164 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 (A) (C) (D)(B) ist für uns das Kindeswohl und nicht das Geschlecht der Eltern. Für ein Kind ist nicht die sexuelle Identität der Eltern entscheidend, sondern eine stabile und liebevolle Bin- dung zu seinen engsten Bezugspersonen. Diese Gebor- genheit, Solidarität und Fürsorge finden Kinder in unter- schiedlichen Familienkonstellationen. Bei einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz am 5. Mai 2014 sprach sich die deutliche Mehrheit der geladenen Sachverstän- digen ebenfalls – wie auch der Bundesrat in seiner Stel- lungnahme zum Gesetzentwurf der Bundesregierung (Drucksache 103/14) – für eine rechtliche Gleichstellung und Gleichbehandlung eingetragener Lebenspartner im Adoptionsrecht aus. Wir bedauern, dass unter den derzeitigen Mehrheits- verhältnissen im Deutschen Bundestag leider keine par- lamentarische Mehrheit dafür vorhanden ist, ein einheit- liches Adoptionsrecht für hetero- und homosexuelle Paare durchzusetzen. Im Koalitionsvertrag haben sich die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD auf ein einheitliches Abstimmungsverhalten im Deutschen Bundestag verständigt. Daher werden wir dem Antrag der Grünen nicht zustimmen. Mit dem heute verabschiedeten Gesetz zur Umset- zung der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner konnten wir innerhalb der Koalition dieses wichtige Etappenziel auf dem Weg hin zur völligen Gleichstellung erreichen. Anlage 7 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Marian Wendt (CDU/CSU) zur Abstimmung über den Entwurf eines Geset- zes zur Umsetzung der Entscheidung des Bun- desverfassungsgerichts zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner (Tagesordnungspunkt 8 a) Dem Entwurf eines Gesetzes zur Umsetzung der Ent- scheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Sukzes- sivadoption durch Lebenspartner habe ich zugestimmt. Mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 19. Februar 2013 wurde dem Deutschen Bundestag eine Änderung der geltenden Rechtslage aufgetragen. Mein Respekt gegenüber dem Bundesverfassungsgericht als Verfassungsorgan setzt mein entsprechend abgegebe- nes Votum in dieser namentlichen Abstimmung voraus. Eine Zustimmung macht mir die besondere rechtliche Konstellation der Sukzessivadoption möglich. Im Unter- schied zu einer lebenspartnerschaftlichen gemeinschaft- lichen Adoption trägt die Sukzessivadoption einer be- reits vorhandenen familiären Bindung zwischen Adoptivkind und Lebenspartner/in und somit dem Kin- deswohl etwas mehr Rechnung. Nichtsdestotrotz möchte ich folgende klarstellenden Anmerkungen zum Ausdruck bringen: Es ist mir ein Anliegen, bei der Gelegenheit eingangs zu betonen, dass ich jegliche Diskriminierung von Men- schen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung entschieden und vorbehaltlos ablehne. Jede gesetzgeberische Initiative jedoch, die adoptions- rechtliche Regelungen zum Ziel hat, muss das Wohl des Adoptivkindes zur obersten Priorität haben. Das Adoptionsrecht und somit das Kindeswohl als besonders hohes Gut darf in der gesellschaftlichen Auseinanderset- zung um unterschiedliche Lebensentwürfe nicht zum Kampfmittel instrumentalisiert werden. Eine Novellie- rung des Adoptionsrechts ist keine automatische Fortset- zung etwa der steuer-, renten- oder versorgungsrechtlichen Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartnerschaft mit der Ehe. Die vorliegende Gesetzesänderung verdient gerade wegen des Kindeswohls eine besondere Gewich- tung in der Abwägung unterschiedlicher Positionen. Es ist mir deshalb sehr wichtig, dass auch nach der Novel- lierung „jeder Adoption eine Einzelfallprüfung voraus- geht“ (BVerfG, 1 BvL 1/11 und 1 BvR 3247/09 vom 19. Februar 2013, Rn. 91). Ein weiterer Grund zur Besonnenheit entwächst der außerordentlichen Stellung der Ehe als schutzwürdigem Verfassungsgut. Die schriftliche Stellungnahme von Pro- fessor Dr. Frauke Brosius-Gersdorf zur öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Recht und Verbraucher- schutz weist im Detail auf das Verbot der Diskriminie- rung der Ehe gegenüber nichtehelichen Lebensformen hin. Die herausgehobene Bedeutung, die das Grundge- setz in Artikel 6 dem Institut der Ehe und Familie bei- misst, rührt vor allem aus der Anerkennung ihrer Einzig- artigkeit gerade im Hinblick auf Kindererziehung und somit auf das Kindeswohl her. Der besondere Stellen- wert der Ehe, die aus einer Frau und einem Mann be- steht, und als Keimzelle der Gesellschaft angesehen wird, prägt das christlich-jüdische Menschenbild und unsere abendländische Kultur. Als Abgeordneter einer christlich-demokratischen Partei ist dieses Menschenbild eine Richtschnur meines politischen Handelns. Anlage 8 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Hermann Färber, Dieter Stier und Carola Stauche (alle CDU/CSU) zu den namentlichen Abstimmungen über: – Antrag der Abgeordneten Harald Ebner, Bärbel Höhn, Steffi Lemke, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann, Caren Lay, Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE zu dem Vor- schlag für eine Verordnung des Europäi- schen Parlaments und des Rates zur Ände- rung der Richtlinie 2001/18/EG betreffend die den Mitgliedstaaten eingeräumte Mög- lichkeit, den Anbau von GVO auf ihrem Hoheitsgebiet zu beschränken oder zu un- tersagen – KOM(2010) 375 endg.; Ratsdok. Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 3165 (A) (C) (D)(B) 12371/10 Add. 1 – hier: Stellungnahme ge- genüber der Bundesregierung gemäß Arti- kel 23 Absatz 3 des Grundgesetzes – Vorbe- halte der Bevölkerung gegenüber der Agro- Gentechnik anerkennen – Gentechnikfrei- heit im Pflanzenbau dauerhaft sichern – Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und SPD: Grüne Gentechnik – Sorgen und Vor- behalte der Menschen ernst nehmen, Selbst- bestimmung stärken, Wahlfreiheit ermögli- chen (Tagesordnungspunkt 9 und Zusatztagesord- nungspunkt 6) Den Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen leh- nen wir ab. Denn dieser beschränkt sich nur auf Fragen der Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen auf eu- ropäischer und nationaler Ebene. Von einer Forderung nach einer transparenten Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel demgegenüber kein Wort. Dies ist eine Absage an Transparenz, an den Grundsatz „Klar- heit und Wahrheit“ und damit an den Verbraucherschutz, die für uns inakzeptabel ist. Demgegenüber geht der Entschließungsantrag der Koalitionsfraktionen in die richtige Richtung. Denn dort wird neben den Themen der Zulassung auf EU-Ebene, der Möglichkeit eines nationalen Ausstiegs aus dem GVO-Anbau, der Einführung weitergehender Koexis- tenzregelungen auch eine Ausweitung der EU-Kenn- zeichnungspflicht für Produkte von Tieren, die mit gentechnikveränderten Pflanzen gefüttert wurden, ange- sprochen. Deshalb stimmen wir diesem Entschließungs- antrag nach reiflicher Abwägung zu. Allerdings geht uns dieser nicht weit genug. Im Interesse unserer Verbrau- cherinnen und Verbraucher hätten wir uns gewünscht, dass der Deutsche Bundestag eine umfassende Kenn- zeichnung aller Lebensmittel – also nicht nur der tieri- schen – fordern würde. Im Sinne des Grundsatzes der Wahrheit und Klarheit müssen alle Lebensmittel ein- schließlich pflanzlicher und zusammengesetzter Pro- dukte, in deren Herstellungsverfahren gentechnische Verfahren Anwendung finden, gekennzeichnet werden. Leider scheiterte diese Forderung aber an der SPD-Frak- tion. Und wir hätten uns gewünscht, dass sich der Deut- sche Bundestag für eine Nulltoleranz einsetzt. Bekannt- lich ist derzeit nach der einschlägigen EU-Verordnung ein Futtermittel „frei von Gentechnik“, wenn es unter 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Organismen ent- hält. Dieser Schwellenwert ist übrigens seinerzeit von der damaligen Bundesministerin Renate Künast, MdB, mitgetragen worden. Echte Gentechnikfreiheit kann es aber nur mit einem Schwellenwert von 0,0 Prozent ge- ben. Begründung: Uns allen ist bewusst, dass der überwiegende Teil der Verbraucherinnen und Verbraucher den Einsatz von Gentechnik ablehnt. Deshalb sind wir gefordert, Ver- braucherinnen und Verbraucher echte Wahlfreiheit zu er- möglichen. Dafür müssen Verbraucherinnen und Ver- braucher in die Lage versetzt werden, zu erkennen, welche Lebensmittel mit Gentechnik in Berührung ge- kommen sind. Was drin ist, muss draufstehen. Dies ist aber heute nicht der Fall. Zwar gilt der My- thos der Gentechnikfreiheit für Deutschland. Tatsächlich werden von den landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland keine GVO-Nutzpflanzen angebaut. Den- noch ist Gentechnik aber heute bereits Alltag in Deutschland und der EU. 80 Prozent unserer Lebensmittel kommen mit Gen- technik in Berührung. Allerdings wissen viele Verbrau- cherinnen und Verbraucher dies nicht. Und sie können es auch nicht wissen. Denn es findet bislang in der EU nur eine Minimalkennzeichnung statt. Und selbst diese ist ir- reführend. Denn so darf Futter auch dann noch gentechnikfrei genannt werden, wenn es bis zu 0,9 Prozent gentech- nisch verändertes Material wie Sojaschrot enthält. Dies sei eine Konzession an die Realität, heißt es von einigen NGOs. Aber dies hat mit dem Gebot der Wahrheit und Klarheit nichts mehr zu tun. Fakt ist: Unsere Supermarkt-Regale sind längst voller Gentechnik. Dazu zählen natürlich auch tierische Le- bensmittel wie Fleisch, Milch oder Eier. Denn Schweine, Kühe oder Hühner werden heute mit Soja aus Ländern wie Brasilien, USA etc. gefüttert. Dabei handelt es sich in der Regel um GVO-Soja. Und selbst die Futtermittel, die als gentechnikfrei gelten, können und dürfen bis zu 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Organismen enthal- ten. Allerdings ist eine einseitige Ausweitung der Kenn- zeichnungspflicht allein auf tierische Lebensmittel ver- fehlt. So wird der Eindruck erzeugt, als ob nur diese Be- reiche der Lebensmittelherstellung betroffen wären. Dies führt nicht nur zu einer einseitigen Diskriminierung, sondern auch zu einer einseitigen, unvollständigen Infor- mation der Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Marktrealitäten sehen anders aus. Gentechnikan- wendungen finden nämlich in vielen anderen Bereichen statt. So werden passende Gene in Mikroorganismen da- für eingesetzt, Zusatzstoffe wie Vitamine, Süßstoffe, Enzyme, Farbstoffe oder zum Beispiel Lab für die Käse- herstellung zu gewinnen. Von dieser sogenannten Wei- ßen Gentechnik ist aber in der Regel nicht die Rede. Dies alles wissen die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher nicht bzw. können es nicht wissen. Denn es fehlt die entsprechende Kennzeichnung. Leider war die Fraktion der SPD nicht bereit, eine weiter gehende Kennzeichnungspflicht in den Antrag aufzunehmen. Aber dürfen Verbraucherinnen und Verbraucher darüber im Dunkeln gelassen werden, wie stark Gentechnik ih- ren Alltag bereits verändert hat? Meine Antwort lautet: Nein. Es gibt keinen einzigen Grund, der gegen eine voll- ständige Kennzeichnung aller Lebensmittel, die mit GVO in Berührung gekommen sind, aber auch von Rei- nigungsmitteln und Medikamenten sprechen könnte. Da- bei geht es nicht nur um das Endprodukt, sondern um alle Gentechnikanwendungen im gesamten Produktions- 3166 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 (A) (C) (D)(B) prozess. Eine Prozesskennzeichnung ist notwendig, um Transparenz herzustellen. Nur so wird echte Wahlfreiheit für Verbraucherinnen und Verbraucher ermöglicht. Denn nur ein informierter Verbraucher kann eine informierte Entscheidung fällen. Es braucht Transparenz, Klarheit und Wahrheit. Dazu besteht keine Alternative. Wir brauchen deshalb eine vollständige Kennzeich- nung mit dem Ziel der vollständigen Transparenz aller Gentechnik-Anwendungen. Anlage 9 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Gitta Connemann (CDU/ CSU) zu den namentlichen Abstimmungen über: – Antrag der Abgeordneten Harald Ebner, Bärbel Höhn, Steffi Lemke, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann, Caren Lay, Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE zu dem Vor- schlag für eine Verordnung des Europäi- schen Parlaments und des Rates zur Ände- rung der Richtlinie 2001/18/EG betreffend die den Mitgliedstaaten eingeräumte Mög- lichkeit, den Anbau von GVO auf ihrem Ho- heitsgebiet zu beschränken oder zu untersa- gen – KOM(2010) 375 endg.; Ratsdok. 12371/10 Add. 1 – hier: Stellungnahme ge- genüber der Bundesregierung gemäß Arti- kel 23 Absatz 3 des Grundgesetzes – Vorbe- halte der Bevölkerung gegenüber der Agro- Gentechnik anerkennen – Gentechnikfrei- heit im Pflanzenbau dauerhaft sichern – Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und SPD: Grüne Gentechnik – Sorgen und Vor- behalte der Menschen ernst nehmen, Selbst- bestimmung stärken, Wahlfreiheit ermögli- chen (Tagesordnungspunkt 9 und Zusatztagesord- nungspunkt 6) Den Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen lehne ich ab. Denn dieser beschränkt sich nur auf Fragen der Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen auf eu- ropäischer und nationaler Ebene. Von einer Forderung nach einer transparenten Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel demgegenüber kein Wort. Dies ist eine Absage an Transparenz, an den Grundsatz „Klar- heit und Wahrheit“ und damit an den Verbraucherschutz, die für mich inakzeptabel ist. Demgegenüber geht der Entschließungsantrag der Koalitionsfraktionen in die richtige Richtung. Denn dort wird neben den Themen der Zulassung auf EU-Ebene, der Möglichkeit eines nationalen Ausstiegs aus dem GVO-Anbau, der Einführung weiter gehender Koexis- tenzregelungen auch eine Ausweitung der EU-Kenn- zeichnungspflicht für Produkte von Tieren, die mit gentechnikveränderten Pflanzen gefüttert wurden, ange- sprochen. Deshalb stimme ich diesem Entschließungs- antrag nach reiflicher Abwägung zu. Allerdings geht mir dieser nicht weit genug. Im Interesse unserer Verbrau- cherinnen und Verbraucher hätte ich mir gewünscht, dass der Deutsche Bundestag eine umfassende Kenn- zeichnung aller Lebensmittel – also nicht nur der tieri- schen – fordern würde. Im Sinne des Grundsatzes der Wahrheit und Klarheit müssen alle Lebensmittel ein- schließlich pflanzlicher und zusammengesetzter Pro- dukte, in deren Herstellungsverfahren gentechnische Verfahren Anwendung finden, gekennzeichnet werden. Leider scheiterte diese Forderung aber an der SPD-Frak- tion. Und ich hätte mir gewünscht, dass sich der Deut- sche Bundestag für eine Nulltoleranz einsetzt. Bekannt- lich ist derzeit nach der einschlägigen EU-Verordnung ein Futtermittel „frei von Gentechnik“, wenn es unter 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Organismen ent- hält. Dieser Schwellenwert ist übrigens seinerzeit von der damaligen Bundesministerin Renate Künast, MdB, mitgetragen worden. Echte Gentechnikfreiheit kann es aber nur mit einem Schwellenwert von 0,0 Prozent ge- ben. Begründung: Uns allen ist bewusst, dass der überwiegende Teil der Verbraucherinnen und Verbraucher den Einsatz von Gentechnik ablehnt. Deshalb sind wir gefordert, Ver- braucherinnen und Verbrauchern echte Wahlfreiheit zu ermöglichen. Dafür müssen Verbraucherinnen und Ver- braucher in die Lage versetzt werden, zu erkennen, welche Lebensmittel mit Gentechnik in Berührung ge- kommen sind. Was drin ist, muss draufstehen. Dies ist aber heute nicht der Fall. Zwar gilt der My- thos der Gentechnikfreiheit für Deutschland. Tatsächlich werden von den landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland keine GVO-Nutzpflanzen angebaut. Den- noch ist Gentechnik aber heute bereits Alltag in Deutschland und der EU. 80 Prozent unserer Lebensmittel kommen mit Gen- technik in Berührung. Allerdings wissen viele Verbrau- cherinnen und Verbraucher dies nicht. Und sie können es auch nicht wissen. Denn es findet bislang in der EU nur eine Minimalkennzeichnung statt. Und selbst diese ist ir- reführend. Denn so darf Futter auch dann noch gentechnikfrei genannt werden, wenn es bis zu 0,9 Prozent gentech- nisch verändertes Material wie Sojaschrot enthält. Dies sei eine Konzession an die Realität, heißt es von einigen NGOs. Aber dies hat mit dem Gebot der Wahrheit und Klarheit nichts mehr zu tun. Fakt ist: Unsere Supermarktregale sind längst voller Gentechnik. Dazu zählen natürlich auch tierische Le- bensmittel wie Fleisch, Milch oder Eier. Denn Schweine, Kühe oder Hühner werden heute mit Soja aus Ländern wie Brasilien, USA etc. gefüttert. Dabei handelt es sich in der Regel um GVO-Soja. Und selbst die Futtermittel, die als gentechnikfrei gelten, können und dürfen bis zu 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Organismen enthal- ten. Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 3167 (A) (C) (D)(B) Allerdings ist eine einseitige Ausweitung der Kenn- zeichnungspflicht allein auf tierische Lebensmittel ver- fehlt. So wird der Eindruck erzeugt, als ob nur diese Be- reiche der Lebensmittelherstellung betroffen wären. Dies führt nicht nur zu einer einseitigen Diskriminierung, sondern auch zu einer einseitigen, unvollständigen Infor- mation der Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Marktrealitäten sehen anders aus. Gentechnik- anwendungen finden nämlich in vielen anderen Berei- chen statt. So werden passende Gene in Mikroorganis- men dafür eingesetzt, Zusatzstoffe wie Vitamine, Süßstoffe, Enzyme, Farbstoffe oder zum Beispiel Lab für die Käseherstellung zu gewinnen. Von dieser soge- nannten Weißen Gentechnik ist aber in der Regel nicht die Rede. Dies alles wissen die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher nicht bzw. können es nicht wissen. Denn es fehlt die entsprechende Kennzeichnung. Leider war die Fraktion der SPD nicht bereit, eine weiter gehende Kennzeichnungspflicht in den Antrag aufzunehmen. Aber dürfen Verbraucherinnen und Verbraucher darüber im Dunkeln gelassen werden, wie stark Gentechnik ih- ren Alltag bereits verändert hat? Meine Antwort lautet: Nein. Es gibt keinen einzigen Grund, der gegen eine voll- ständige Kennzeichnung aller Lebensmittel, die mit GVO in Berührung gekommen sind, aber auch von Rei- nigungsmitteln und Medikamenten sprechen könnte. Da- bei geht es nicht nur um das Endprodukt, sondern um alle Gentechnikanwendungen im gesamten Produktions- prozess. Eine Prozesskennzeichnung ist notwendig, um Transparenz herzustellen. Anlage 10 Erklärung nach § 31 GO des Abgeordneten Alois Gerig (CDU/CSU) zu den namentlichen Abstimmungen über: – Antrag der Abgeordneten Harald Ebner, Bärbel Höhn, Steffi Lemke, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann, Caren Lay, Dr. Dietmar Bartsch, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE zu dem Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parla- ments und des Rates zur Änderung der Richtlinie 2001/18/EG betreffend die den Mitgliedstaaten eingeräumte Möglichkeit, den Anbau von GVO auf ihrem Hoheitsge- biet zu beschränken oder zu untersagen – KOM(2010) 375 endg.; Ratsdok. 12371/10 Add. 1 – hier: Stellungnahme gegenüber der Bundesregierung gemäß Artikel 23 Absatz 3 des Grundgesetzes – Vorbehalte der Bevöl- kerung gegenüber der Agro-Gentechnik an- erkennen – Gentechnikfreiheit im Pflanzen- bau dauerhaft sichern – Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und SPD: Grüne Gentechnik – Sorgen und Vor- behalte der Menschen ernst nehmen, Selbst- bestimmung stärken, Wahlfreiheit ermögli- chen (Tagesordnungspunkt 9 und Zusatztagesord- nungspunkt 6) Den Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen lehne ich ab. Denn dieser beschränkt sich nur auf Fragen der Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen auf eu- ropäischer und nationaler Ebene. Von einer Forderung nach einer transparenten Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel demgegenüber kein Wort. Dies ist eine Absage an Transparenz, an den Grundsatz „Klar- heit und Wahrheit“ und damit an den Verbraucherschutz, die für mich inakzeptabel ist. Demgegenüber geht der Entschließungsantrag der Koalitionsfraktionen in die richtige Richtung. Denn dort wird neben den Themen der Zulassung auf EU-Ebene, der Möglichkeit eines nationalen Ausstiegs aus dem GVO-Anbau, der Einführung weiter gehender Koexis- tenzregelungen auch eine Ausweitung der EU-Kenn- zeichnungspflicht für Produkte von Tieren, die mit gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert wurden, an- gesprochen. Deshalb stimme ich diesem Entschließungs- antrag nach reiflicher Abwägung zu. Allerdings geht mir dieser nicht weit genug. Im Interesse unserer Verbrau- cherinnen und Verbraucher hätte ich mir gewünscht, dass der Deutsche Bundestag eine umfassende Kenn- zeichnung aller Lebensmittel – also nicht nur der tieri- schen – fordern würde. Im Sinne des Grundsatzes der Wahrheit und Klarheit müssen alle Lebensmittel ein- schließlich pflanzlicher und zusammengesetzter Pro- dukte, in deren Herstellungsverfahren gentechnische Verfahren Anwendung finden, gekennzeichnet werden. Leider scheiterte diese Forderung aber an der SPD-Frak- tion. Und ich hätte mir gewünscht, dass sich der Deut- sche Bundestag für eine Nulltoleranz einsetzt. Bekannt- lich ist derzeit nach der einschlägigen EU-Verordnung ein Futtermittel „frei von Gentechnik“, wenn es unter 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Organismen ent- hält. Dieser Schwellenwert ist übrigens seinerzeit von der damaligen Bundesministerin Renate Künast, MdB, mitgetragen worden. Echte Gentechnikfreiheit kann es aber nur mit einem Schwellenwert von 0,0 Prozent ge- ben. Begründung: Uns allen ist bewusst, dass der überwiegende Teil der Verbraucherinnen und Verbraucher den Einsatz von Gentechnik ablehnt. Deshalb sind wir gefordert, Ver- braucherinnen und Verbrauchern echte Wahlfreiheit zu ermöglichen. Dafür müssen Verbraucherinnen und Ver- braucher in die Lage versetzt werden, zu erkennen, welche Lebensmittel mit Gentechnik in Berührung ge- kommen sind. Was drin ist, muss draufstehen. Dies ist aber heute nicht der Fall. Zwar gilt der My- thos der Gentechnikfreiheit für Deutschland. Tatsächlich werden von den landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland keine GVO-Nutzpflanzen angebaut. Den- 3168 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 (A) (C) (D)(B) noch ist Gentechnik aber heute bereits Alltag in Deutschland und der EU. 80 Prozent unserer Lebensmittel kommen mit Gen- technik in Berührung. Allerdings wissen viele Verbrau- cherinnen und Verbraucher dies nicht. Und sie können es auch nicht wissen. Denn es findet bislang in der EU nur eine Minimalkennzeichnung statt. Und selbst diese ist ir- reführend. Denn so darf Futter auch dann noch gentechnikfrei genannt werden, wenn es bis zu 0,9 Prozent gentech- nisch verändertes Material wie Sojaschrot enthält. Dies sei eine Konzession an die Realität, heißt es von einigen NGOs. Aber dies hat mit dem Gebot der Wahrheit und Klarheit nichts mehr zu tun. Fakt ist: Unsere Supermarktregale sind längst voller Gentechnik. Dazu zählen natürlich auch tierische Le- bensmittel wie Fleisch, Milch oder Eier. Denn Schweine, Kühe oder Hühner werden heute mit Soja aus Ländern wie Brasilien, USA etc. gefüttert. Dabei handelt es sich in der Regel um GVO-Soja. Und selbst die Futtermittel, die als gentechnikfrei gelten, können und dürfen bis zu 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Organismen enthal- ten. Allerdings ist eine einseitige Ausweitung der Kenn- zeichnungspflicht allein auf tierische Lebensmittel ver- fehlt. So wird der Eindruck erzeugt, als ob nur diese Be- reiche der Lebensmittelherstellung betroffen wären. Dies führt nicht nur zu einer einseitigen Diskriminierung, sondern auch zu einer einseitigen, unvollständigen Infor- mation der Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Marktrealitäten sehen anders aus. Gentechnikanwendun- gen finden nämlich in vielen anderen Bereichen statt. So werden passende Gene in Mikroorganismen dafür einge- setzt, Zusatzstoffe wie Vitamine, Süßstoffe, Enzyme, Farbstoffe oder zum Beispiel Lab für die Käseherstel- lung zu gewinnen. Von dieser sogenannten Weißen Gen- technik ist aber in der Regel nicht die Rede. Dies alles wissen die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher nicht bzw. können es nicht wissen. Denn es fehlt die entsprechende Kennzeichnung. Leider war die Fraktion der SPD nicht bereit, eine weiter gehende Kennzeichnungspflicht in den Antrag aufzunehmen. Aber dürfen Verbraucherinnen und Verbraucher darüber im Dunkeln gelassen werden, wie stark Gentechnik ih- ren Alltag bereits verändert hat? Meine Antwort lautet: Nein. Es gibt keinen einzigen Grund, der gegen eine voll- ständige Kennzeichnung aller Lebensmittel, die mit GVO in Berührung gekommen sind, aber auch von Rei- nigungsmitteln und Medikamenten sprechen könnte. Da- bei geht es nicht nur um das Endprodukt, sondern um alle Gentechnikanwendungen im gesamten Produktions- prozess. Eine Prozesskennzeichnung ist notwendig, um Transparenz herzustellen. Nur so wird echte Wahlfreiheit für Verbraucherinnen und Verbraucher ermöglicht. Denn nur ein informierter Verbraucher kann eine informierte Entscheidung fällen. Es braucht Transparenz, Klarheit und Wahrheit sowie eine sachliche Debatte. Dazu besteht keine Alternative. Wir brauchen deshalb eine vollständige Kennzeich- nung mit dem Ziel der vollständigen Transparenz aller Gentechnikanwendungen. Anlage 11 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Schutz von Kindern vor Schadstoffen in Spielzeugen wirksam durchsetzen (Tagesordnungspunkt 15) Andreas G. Lämmel (CDU/CSU): Im vergangenen Jahr haben wir schon sehr oft über die Vermeidung der Aufnahme von Schadstoffen durch Kinderspielzeug ge- sprochen. Ich glaube, dass es müßig ist, zu sagen, dass vonseiten des Gesetzgebers alles getan wurde und auch in Zukunft alles getan werden wird, um gesundheitlichen Schaden von Kindern abzuwenden. Es wurden entspre- chende Grenzwerte für alle möglicherweise schädlichen Stoffe vereinbart. Der Antrag der Linken geht nun davon aus, dass die derzeit bestehenden Strukturen zur Kontrolle der Einhal- tung der Schadstoffgrenzwerte nicht geeignet seien, um die körperliche Unversehrtheit der Kinder bei der Ver- wendung von Spielzeugen ausreichend sicherstellen zu können, und möchte, dass die Strukturen verändert wer- den, gewissermaßen soll zukünftig die Verantwortung auf Bundesebene liegen. Offensichtlich entspringt der Antrag der Fraktion Die Linke aus einer doch recht großen Unwissenheit über die tatsächlichen Strukturen, deren Ausstattungen, Kompe- tenzen und Fachwissen. In Deutschland sind die Länder für die Ausübung der Kontrollen zuständig. Die Länder organisieren eigen- ständig den Vollzug der erforderlichen Maßnahmen durch ihre Marktüberwachungsorgane. 2013 einigten sich alle Bundesländer, die Koordinie- rung der Realisierung aller Verpflichtungen durch eine einheitliche Stelle – Zentralstelle der Länder für Sicher- heitstechnik ZLS – durchführen zu lassen. Die Aufgaben der ZLS wurden in einem Staatsvertrag festgeschrieben. Wenn man will, kann man das alles in diesem Vertrag nachlesen. Ich möchte nur einmal ein paar Anstriche aus dem Aufgabenbereich der ZLS erwähnen, die zeigen, dass umfänglich alle notwendigen Aufgaben durchge- führt werden können. Die ZLS nimmt für alle Bundes- länder die Aufgaben wahr, zum Beispiel die koordinie- rende Funktion für die Marktüberwachungsbehörde bzw. den Zoll, und ist zentraler Ansprechpartner für andere Mitgliedstaaten der EU oder die Erledigung von Voll- zugsaufgaben und Restriktionen bei Verstößen. Zur Feststellung der sicherheitsrelevanten Größen bei Spielzeug stehen entsprechende Prüflabore zur Verfü- gung. Dabei darf man „Sicherheit“ nicht nur auf mögli- che chemische Oberflächenstoffe reduzieren, dazu gehö- Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 3169 (A) (C) (D)(B) ren auch alle anderen Dinge wie Festigkeitsprüfung, Prüfung der Geometrie, um mechanische Verletzungen auszuschließen, Prüfung der Entflammbarkeitseigen- schaften und vieles andere mehr. Um es noch einmal kurz und bündig zu sagen: Die derzeitigen Strukturen sind in der Lage, alle Aufgaben zu erfüllen, die im Zusammenhang mit der Sicherstel- lung der körperlichen Unversehrtheit beim Gebrauch von Kinderspielzeug, angefangen beim Plüschtier über die Kinderschaukel bis hin zum Fahrrad, stehen. Ich sehe keinen weiteren Handlungsbedarf dazu. Elvira Drobinski-Weiß (SPD): Allein der letzte Wo- chenbericht des EU-Schnellwarnsystems RAPEX ent- hält wieder sechs Fälle von Spielzeug, das mit Gift be- lastet ist. Davon stammen fünf Produkte aus China: zum Beispiel die Plastikschlange, das Doktor-Spielset oder die Wasserpistole, in denen der in Kinderspielzeug ver- botene Weichmacher DEHP gefunden wurde, und die Holzeisenbahn mit starker Formaldehydbelastung. Aber auch ein deutsches Produkt ist vertreten, nämlich ein Kunstleder-Faschingskostüm inklusive Kadmium-Belas- tung. Im RAPEX sind Textilien und Spielzeug die Spitzen- reiter bei den mangelhaften Produkten, sie machen zu- sammen die Hälfte aller Beanstandungen aus. Und den traurigen Rekord hält immer wieder Spiel- zeug aus China. Daran hat bisher leider auch die 2012 vom Wirtschaftsministerium eingerichtete deutsch-chi- nesische Arbeitsgruppe Produktsicherheit nichts zu än- dern vermocht. Die Belastung von Kinderspielzeug mit giftigen Stof- fen ist also nach wie vor ein Problem. Das muss uns be- sonders betroffen machen, da es hier um die Gesundheit von Kindern geht, deren Organismus wesentlich emp- findlicher reagiert als der von Erwachsenen. Nun hat am 14. Mai 2014 das EU-Gericht entschie- den, dass wir unsere nationalen Grenzwerte für Arsen, Antimon und Quecksilber in Spielzeug nicht beibehalten dürfen. Stattdessen muss Deutschland die von der EU vorgeschriebenen Werte übernehmen. In allen Spielzeu- gen aus festen Materialien sind damit höhere Schwerme- tallwerte erlaubt. Das ist unbegreiflich: Substanzen wie Arsen können bei Krebserkrankungen eine Rolle spielen, außerdem reichern sich Schwermetalle in inneren Organen an und bleiben langfristig im Körper. Im Interesse der Gesund- heit der Kinder ist diese Entscheidung keinesfalls. Laut Stiftung Warentest war es bisher den Herstellern pro- blemlos möglich, die niedrigeren deutschen Grenzwerte einzuhalten. Deshalb nutze ich die heutige Debatte für einen Appell an die Spielzeughersteller: Bitte halten Sie im Interesse der Kindergesundheit auch freiwillig an den strengeren deutschen Grenzwerten fest! Strengere Grenzwerte sind gut – der komplette Ver- zicht auf problematische Stoffe wäre noch besser. Auch die Verbesserung der Kontrollen gehört dazu, diese werden wir im Ausschuss noch einmal ausführlich zu diskutieren haben, und der Antrag der Linken bietet uns Gelegenheit dazu. Ich bin nach wie vor der Auffassung, dass wir die Hersteller verpflichten müssen, die Sicherheit von Spiel- zeug durch unabhängige Dritte überprüfen zu lassen, be- vor sie in den Handel gelangen. Wenn es um die Kindergesundheit geht, darf es keine Kompromisse geben. Ich freue mich auf die Diskussion. Karin Binder (DIE LINKE): Es wird Zeit, in den Kinderzimmern aufzuräumen. Dazu reichen wir heute unseren Antrag „Schutz von Kindern vor Schadstoffen in Spielzeugen wirksam durchsetzen“ ein. Viel zu oft ge- langen schadstoffbelastete Spielzeuge in die Hände der lieben Kleinen. Stiftung Warentest findet in jedem zwei- ten Spielzeug schädliche Chemikalien. Auch das Bundes- amt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit stellte 2012 bei fast jedem vierten Spielzeug Grenzwert- überschreitungen fest. Im Europäischen Schnellwarn- system für gefährliche Produkte, RAPEX, ist die Zahl der gemeldeten Spielzeuge innerhalb eines Jahres um 33 Pro- zent gestiegen und nimmt jetzt unter den verschiedenen Warengruppen einen Spitzenplatz ein. Dieser Entwick- lung dürfen wir nicht länger zusehen. Schauen wir uns in den Kinderzimmern um. Es gibt heute eine Vielzahl von Spielzeugen. In ihren ersten sechs Lebensjahren verbringen Kinder rund 15 000 Stunden mit Spielen und natürlich mit Spielzeug (Quelle: Öko-Test http://www.oekotest.de/cgi/index. cgi?artnr=99023&bernr=07). Die Summe der Chemikalien und die jahrelange Be- nutzung machen selbst kleine Schadstoffmengen zum Problem. Wir sagen deshalb: Blei, Arsen, Formaldehyd und Co. haben in Spielzeugen nichts verloren. Der Che- miecocktail aus Schwermetallen, Weichmachern und Lösungsmitteln ist schon in winzigen Mengen krebserre- gend, gefährdet die Fortpflanzungsfähigkeit, löst Aller- gien aus oder stört das Hormonsystem. Kinderzimmer dürfen keine Schadstofflager sein. Eine Marktüberwachung auf kommunaler Ebene mit jeweiligen Zuständigkeiten bei den 16 Bundesländern wird einem globalen Spielwarenmarkt nicht gerecht. Nicht einmal die Hälfte des Spielzeugs wird in Deutsch- land hergestellt. Und auch das Label „Made in Ger- many“ wird oft in Billiglohnländern produziert. Zuneh- mend werden Produkte im Internet, unabhängig vom örtlichen Einzelhandel, gekauft. Die Bundesregierung steht der Situation weitgehend tatenlos gegenüber. Sie hat zwar inzwischen 5 Millionen Euro für eine deutsch- chinesische Arbeitsgruppe für Produktsicherheit ausge- geben. Verbesserungen wurden jedoch noch nicht erzielt. Es ist lediglich „keine Steigerung der Beanstandungs- quote eingetreten“, erklärt die Regierung in der Antwort zu unserer Kleinen Anfrage von Anfang dieses Jahres. Diese Haltung ist verantwortungslos. 3170 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 (A) (C) (D)(B) Meine Damen und Herren in der Bundesregierung, Ihre Bemühungen in Brüssel für strengere Schadstoff- grenzwerte in Ehren: Aber was nützt das Feilschen um Chemikalienwerte, wenn die Marktüberwachung und Kontrolle versagen? Trotz gesetzlicher Vorgaben stehen reihenweise giftige Spielzeuge in den Regalen des Han- dels. Das können wir nur mit wirksamen Kontrollen durch die Behörden ändern. Wir müssen die Marktüberwachung deshalb auf Bun- desebene zusammenführen, vereinheitlichen und aus- bauen, um die Gesundheit der Kinder zu gewährleisten. Nach dem Verursacherprinzip müssen Hersteller und auch Importeure an den Kosten der Kontrollen beteiligt werden. Schließlich sind sie es, die das Schadstoff- problem verursachen und nicht in den Griff bekommen. Auch die Zollbehörden müssen mehr Mittel für Personal und Fortbildung bekommen, nur so können Einfuhr- kontrollen wirksamer durchgeführt werden. Die Linke sagt: Beim Gesundheitsschutz unserer Kinder dürfen keine Kompromisse gemacht werden. Wir bitten Sie des- halb, unseren Antrag zu unterstützen. Nicole Maisch (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Nach wie vor ist es schlecht bestellt um die Spielzeugsicher- heit in Deutschland. Die ohnehin teilweise viel zu la- schen Grenzwerte und Sicherheitsvorschriften für Spiel- zeug werden häufig unterlaufen. Neben Textilien ist Spielzeug die im EU-Schnell- warnsystem RAPEX am häufigsten gemeldete Risiko- kategorie im Bereich gefährlicher Produkte. Auch die Stiftung Warentest meldet regelmäßig Grenzwertüber- schreitungen – so zum Beispiel bei einem Test von Holz- spielzeug letzten November, bei dem die Hälfte der ge- testeten Spielzeuge gefährliche Substanzen enthielt. Das aktuelle EuGH-Urteil, wonach Deutschland seine bisher geltenden Grenzwerte für Arsen, Antimon und Quecksilber nicht beibehalten darf, ist ein Rückschlag. Wir haben die Klage der Bundesregierung immer unter- stützt. Aber sie kam viel zu spät! Bei den Verhandlungen zur Spielzeugrichtlinie konnten sich Aigner und Rösler in Brüssel damals nicht durchsetzen. Die Minister Schmidt und Gabriel müssen Spielzeug- sicherheit zur Chefsache machen. Jetzt ist es wichtig, ge- nau zu prüfen, ob weitere Rechtsschritte auf EU-Ebene eingelegt werden können, sodass Deutschland seine zum Teil strengeren Grenzwerte aufrechterhalten kann. Wenn das nicht möglich ist, brauchen wir eine Selbst- verpflichtung der Industrie, die geltenden besseren Grenzwerte weiterhin einzuhalten. Bislang war die Bun- desregierung gegen eine solche Selbstverpflichtung. Die wäre aber dann dringend notwendig. Unabhängig von der Debatte um die Grenzwerte darf die Bundesregierung aber nicht weiter die Hände in den Schoß legen, sondern muss weitere Anstrengungen un- ternehmen: Im Koalitionsvertrag kündigt die Bundesregierung an, sich auf EU-Ebene für eine unabhängige, verpflichtende Drittzertifizierung für Kinderspielzeug einzusetzen. Das muss sie mit Hochdruck voranbringen. Ganz wichtig ist, dass sie hier auch Lösungen präsentiert für Kleinsther- stellerinnen und -hersteller, die von einer solchen Zertifi- zierung finanziell und organisatorisch überfordert sein könnten. Denn Spielzeugproduktion in Deutschland ist nicht nur Steiff und Lego, sondern bietet auch eine Viel- falt an kleineren Herstellerinnen und Herstellern sowie Handwerkenden, die auf Märkten oder bei DaWanda ihre Produkte anbieten. Denen dürfen keine weiteren Steine in den Weg gelegt werden. Verbessern muss die Bundesregierung auch die Möglichkeiten zur Kenn- zeichnung von Spielzeug – zum Beispiel durch eine Weiterentwicklung des Blauen Engels. Auf internationaler Ebene ist es die Verantwortung von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, die seit 2009 vor sich hin dümpelnden Verhandlungen der deutsch- chinesischen Arbeitsgruppe zur Verbesserung der Spiel- zeugsicherheit endlich zum Erfolg zu führen. Jetzt erst hat sich die Arbeitsgruppe darangemacht, einen Arbeits- plan abzustimmen. Konkrete Zielvereinbarungen und verbindliche Maßnahmen oder gar Ergebnisse sind mir aber nach wie vor – und ich frage die Bundesregierung in steter Regelmäßigkeit danach – nicht bekannt. Last but not least muss auch die Überwachung drin- gend verbessert werden. Dafür sind mehr staatliche Kon- trollen notwendig, sodass Verstöße schneller behoben, Verbraucherinnen und Verbraucher zügig informiert werden und giftiges Spielzeug vom Markt kommt. Hier ist auch die Industrie in der Pflicht, ihrer Verant- wortung gerecht zu werden und ihre Eigenkontrollen zu verstärken. Die Minister Schmidt und Gabriel dürfen das Versa- gen der alten Wirtschafts- und Verbraucherminister Rösler und Aigner nicht fortsetzen. Die Verbraucherin- nen und Verbraucher müssen gefahrlos einkaufen und sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder nicht mit Giftbomben spielen. Anlage 12 Zu Protokoll gegebene Reden Bericht des Ausschusses für Bildung, For- schung und Technikfolgenabschätzung gemäß § 56a GO-BT: Technikfolgenabschätzung (TA) Postdienste und moderne Informations- und Kommunikationstechnologien (Tagesordnungs- punkt 18) Hansjörg Durz (CDU/CSU): Während wir zu später Stunde im Deutschen Bundestag den Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung zur Zukunft des Brief- marktes beraten, arbeiten in diesem Moment Zigtau- sende Mitarbeiter in den Verteilzentren der Post- und Paketdienstleister auf Hochtouren, damit morgen 66 Millionen Briefe in ganz Deutschland – von Traun- stein bis Westerland – schnellstmöglich bei ihren Emp- fängern ankommen. Beeindruckend! Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 3171 (A) (C) (D)(B) Aber ich habe manchmal den Eindruck, dass der Be- reich der Postdienstleistungen in Deutschland zuweilen ein Schattendasein führt, von dem die Öffentlichkeit kaum Notiz zu nehmen scheint und der als Selbstver- ständlichkeit angesehen wird. Dabei ist die Versorgung mit qualitativ hochwertigen Postdienstleistungen sowohl für die Daseinsvorsorge als auch die wirtschaftliche Be- tätigung in unserem Land von grundlegender Bedeu- tung. Zur Klarstellung der volkswirtschaftlichen Bedeu- tung: In Deutschland werden im lizenzpflichtigen Brief- bereich pro Jahr zwischen 16 und 17 Milliarden Briefe versandt; das sind durchschnittlich rund 66 Millionen pro Tag. Der von der Deutschen Post AG und ihren Wettbewerbern erwirtschaftete Umsatz beläuft sich auf rund 9 Milliarden Euro, alleine im Briefbereich. Schät- zungen zufolge zählt die Briefbranche insgesamt 172 000 Beschäftigte. Wenn man sich diese Daten vor Augen führt, wird deutlich, dass es von unseren Kollegen aus der letzten Wahlperiode nicht nur eine gute Idee, sondern vor allem vorausschauend war, über das Büro für Technikfolgen- abschätzung eine Studie erarbeiten zu lassen, anhand der gegenwärtige Trends identifiziert und deren Auswirkun- gen auf den Postmarkt untersucht werden. Die zentralen Fragestellungen der uns vorliegenden Analyse wurden auch hier im Deutschen Bundestag in der Vergangenheit bereits häufig debattiert. Sie lauten: Wenn die Menschen immer mehr digital kommunizie- ren, welche Auswirkungen hat dies dann auf den Brief- markt? Wie viele Briefe werden in Zukunft überhaupt noch verschickt? Und was bedeutet das für den staatlich garantierten Postuniversaldienst? Bekommt zukünftig noch jeder Haushalt in jedem Weiler den Brief zuge- stellt? Ausgangspunkt der Studie ist die Annahme, dass der Briefmarkt durch verstärkte elektronische Kommunika- tion zunehmend unter Druck geraten werde. Die Folge seien stagnierende bzw. sinkende Brief- mengen infolge der sogenannten E-Substitution: Durch die Nutzung anderer Kommunikationskanäle wird der klassische Briefversand zunehmend ersetzt – und dies dauerhaft. Dieser Trend wird durch Breitbandausbau, steigende Verbreitung von Smartphones und Tablets, so- ziale Netzwerke – facebook, twitter – und Cloud-Com- puting weiter verstärkt. Die Studie bezieht sich auf eine Modellrechnung auf Basis von Zahlen und Rahmenbedingungen des Jahres 2009, der zufolge zukünftig gut ein Viertel der bislang versandten Briefmenge als substitutionsfähig angesehen wird. Vor allem Einladungen, Bestellungen und Rechnungen würden künftig via SMS, Webformulare oder E-Mail ver- sandt werden. Bei optimistischen Annahmen würde sich die Briefmenge über alle Segmente – bezogen auf das Jahr 2010 – bis 2020 um 13,3 Prozent reduzieren, in der Maximalvariante um ein Drittel. Dies entspräche in ab- soluten Zahlen in Deutschland zwischen 2,3 und 5 Mil- liarden weniger Briefsendungen pro Jahr. Ergebnis des Berichts ist also eine erwartete Reduk- tion des Briefvolumens und dessen Substitution durch elektronische Kommunikationsmittel. Erstaunlich ist al- lerdings, dass sich dies – zumindest für Deutschland – in dieser Eindeutigkeit bislang nicht bestätigen lässt. Der Briefmarkt in Deutschland hat in den vergangenen Jah- ren eine erstaunliche Entwicklung vollzogen: Seit dem Einbruch der Sendungsmengen im Zuge der Wirtschaftskrise 2009 – damals verringerte sich das Vo- lumen von 17,4 auf 16,3 Milliarden – ist die Sendungs- menge in Deutschland konstant geblieben und ist in den letzten Jahren sogar wieder leicht angestiegen. Gerade für das Jahr 2013 wird aufgrund der SEPA-Umstellung sowie der Bundestagswahlen ein sehr gutes Ergebnis er- reicht. Fest steht, dass die stabile Briefmengenentwicklung in Deutschland eine Ausnahme im Vergleich zu vielen anderen europäischen Staaten darstellt. So sind die Sen- dungsmengen in anderen westeuropäischen Ländern wie Dänemark oder Großbritannien teilweise um knapp 4 Prozent pro Jahr zurückgegangen, während – wie er- wähnt – die Entwicklung des Briefvolumens in Deutsch- land keineswegs eine negative Tendenz aufweist. Die Zahlen der letzten Jahre legen den Schluss nahe, dass das Medium Brief in Deutschland trotz Verfügbar- keit und Nutzung alternativer Möglichkeiten zur Nach- richtenübermittlung eine gleichbleibende Akzeptanz zu genießen scheint. Woran liegt das? Ich denke, dass hier- für verschiedene Ursachen wie die konjunkturelle Ent- wicklung, aber auch vor allem zwei Gründe ausschlag- gebend sind, die eng mit der Liberalisierung des Briefmarktes zusammenhängen, von der letztlich alle Beteiligten profitiert haben: erstens die wettbewerbsfähi- gen Preise und zweitens die angebotene Qualität der deutschen Postdienstleister. Zur Klarstellung: Der Standardbrief, dessen Porto jüngst zweimal auf nun 60 Cent erhöht wurde, spielt auf dem Markt nur eine Nebenrolle: Die Sendungsmenge von „Privat zu Privat“ macht insgesamt gerade einmal 4 Prozent aus. Die Post geht ab im Geschäftskundenbe- reich. Der lizenzpflichtige Briefmarkt wird durch Ge- schäfts- und Werbepost geprägt und hat einen Marktan- teil von über 90 Prozent. Hier hat die vollständige Öffnung des Briefmarktes im Jahr 2008 einen Wettbe- werb eröffnet, in dessen Folge signifikante Preissenkun- gen stattfanden. Durch die gefallenen Versandkosten wurde auch die Wirtschaft kostenmäßig entlastet. Dieser Preiswettbewerb führt aber auch immer wieder zu Auseinandersetzungen. So untersucht das Kartellamt gerade die Preisgestaltung der Deutschen Post AG im Geschäftskundenbereich. Dabei steht allerdings nicht der Wettbewerb an sich infrage, sondern vielmehr die Art und Weise. Eine weitere Folge der Liberalisierung und der Ent- wicklung eines effektiven Wettbewerbs auf dem Brief- markt ist, dass sich aus Sicht der Verbraucher die ange- 3172 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 (A) (C) (D)(B) botenen Dienstleistungen und der Service der Marktakteure wesentlich verbessert haben. Der Brief- markt in Deutschland weist eine hohe Qualität auf und das auf allen relevanten Feldern: von der hohen Güte der Zustellung über die niedrige Quote an Beschädigungen bis hin zu äußerst geringen Laufzeiten der Sendungen; 95 Prozent der eingelieferten Briefe erreichen am nächs- ten Tag ihr Ziel. Wettbewerbsfähige Preise und das angebotene Ser- viceniveau dürften wesentliche Gründe dafür sein, dass sich die Stellung des Briefes in Deutschland bislang als robust darstellt. Die Liberalisierung des Briefmarktes war richtig und wichtig. Die Entwicklung anderer Post- märkte in Europa zeigt dies eindrücklich auf. Auch wenn die im TAB-Bericht zugrunde gelegte Entwicklung sinkender Briefmengen bislang in Deutsch- land nicht bestätigt wird, sollten wir nicht davon ausge- hen, dass dieses Szenario bei uns auch für die Zukunft ausgeschlossen werden kann. Viel wird mit Sicherheit auch davon abhängen, wie weit die Menschen in Zukunft Vertrauen in die elektroni- sche Kommunikation (zurück-)gewinnen. Gerade im Bereich der IT-Sicherheit haben wir in Deutschland eine ganze Reihe innovativer Unternehmen, deren Verschlüs- selungstechnologien weltweit führend sind. Gerade solche Systeme wären dazu geeignet, der sogenannten E-Substitution einen nennenswerten Schub zu verleihen. Auch die vom Wirtschaftsministerium geförderte Ent- wicklung der papierlosen Rechnung – der sogenannte „ZUGFeRD“-Standard – ist ein Beispiel dafür, dass zu- künftig deutlich mehr Geschäftspost elektronisch abge- wickelt werden könnte. Für ein solches Szenario bietet der TAB-Bericht eine ganze Reihe interessanter Strategien, wie Postdienstleis- ter auf das Problem sinkender Briefmengen reagieren könnten. Letztlich wirft der TAB-Bericht für uns aber die Frage auf, wie vonseiten der Politik auf E-Substitution reagiert werden kann und ob die Vorgaben des Universaldienstes angesichts sinkender Briefmengen gelockert werden sollten. Dies wäre beispielsweise bei den Vorgaben für stationäre Einrichtungen – Poststellen, Briefkästen –, den Laufzeiten, den vorgegebenen Zustelltagen denkbar. Auch kann über die Anpassung von Porti nachgedacht werden. Aber im TAB-Bericht steht auch: „Da nicht mit kurz- fristigen Briefmengeneinbrüchen, sondern eher mit mit- telfristigen Mengenabsenkungen zu rechnen ist, bleibt Zeit, notwendige Anpassungen gründlich vorzubereiten und unter Einbezug von Wissenschaft und Öffentlichkeit mit den Beteiligten breit zu diskutieren.“ Dem möchte ich mich anschließen. Akuter Hand- lungsbedarf besteht nicht, aber wir müssen die Augen offen halten. Die zunehmende Informatisierung und breitbandige Vernetzung der Gesellschaft bilden den Kontext, in den sich der Wandel postalischer Dienstleis- tungen einfügt. Auch wegen kluger wirtschaftspolitscher und regula- torischer Entscheidungen in der Vergangenheit verfügen wir in Deutschland über einen funktionstüchtigen Brief- markt. Wir werden dies morgen früh wieder erleben, wenn wir unsere prallgefüllte Postmappe vor uns liegen haben. Klaus Barthel (SPD): Wir begrüßen den vorliegen- den Bericht. Wir hoffen sehr, dass er dazu beitragen kann, eine breite und fundierte Debatte darüber zu füh- ren, welche Anforderungen an eine moderne und flä- chendeckende Infrastruktur an Postdienstleistungen und elektronischer Kommunikation zu stellen sind – und welche Aufgaben dabei dem Staat zukommen. Nicht zuletzt auf unsere Anregung hin wurden drei Kernfragen formuliert: Welche Bestandteile des Brief- marktes können bzw. werden elektronisch substituiert? Wie wirkt sich das auf das Briefaufkommen aus? Welche Folgen ergeben sich daraus für den staatlich garantierten Postuniversaldienst? Bis zur Privatisierung der Post waren Postdienstleis- tungen eine Aufgabe der staatlichen Leistungsverwal- tung. Bis dahin war übrigens völlig klar, dass es einen engen sachlichen Zusammenhang gibt zwischen Briefen, Paketen und Telefon bzw. Telekommunikation – auch wenn man heute manchmal den Eindruck hat, erst durch die Hoffnungen und Träume zum florierenden Internet-, Online- und Versandhandel, neudeutsch E-Commerce oder „E-Tailing“, würde dieser Zusammenhang völlig neu entdeckt. Durch den Postuniversaldienst wird eine Grundver- sorgung auch nach der Privatisierung sichergestellt. Der Staat hat die flächendeckende Grundversorgung in einer bestimmten Qualität zu gewährleisten und sich dabei der am Markt aktiven Postunternehmen zu bedienen. Der Universaldienst ist im Grundgesetz durch Artikel 87 f GG verankert und im Postgesetz, PostG, sowie in der Post-Universaldienstleistungsverordnung, PUDLV, ge- nauer gefasst. Der Bericht weist darauf hin, dass sich der Gesetzge- ber über die sogenannte Anpassungsklausel in § 11 des Postgesetzes, PostG, selbst auferlegt hat, die Universal- dienstleistungen „der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung nachfragegerecht anzupassen“ und dabei nur solche Leistungen in den Universaldienstkatalog aufzunehmen, „die allgemein als unabdingbar angesehen werden“. Danach können sowohl neue Dienstleistungen ergänzt als auch bisherige Dienstleistungen aus dem Universaldienst herausgenommen werden, wenn sich die unabdingbare Nachfrage entsprechend verändert hat. Es gibt einen sehr engen Zusammenhang zwischen Postdienstleistungen und Telekommunikation. Deshalb gibt das Grundgesetz in Verbindung mit dem Telekom- munikationsgesetz, TKG, auch für die Telekommunika- tion eine Gewährleistungspflicht des Bundes für flächen- deckende und ausreichende Dienstleistungen vor. Als Ziel der Regulierung steht deshalb auch im TKG „die Sicherstellung einer flächendeckenden gleichartigen Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 3173 (A) (C) (D)(B) Grundversorgung in städtischen und ländlichen Räumen mit Telekommunikationsdiensten (Universaldienstleis- tungen) zu erschwinglichen Preisen“. Schon hier ist deshalb darauf hinzuweisen: Anpassungen beim Post- universaldienst haben unmittelbare Folgen für die An- forderungen an den Universaldienst im Bereich Tele- kommunikation. Anders und deutlicher ausgedrückt: Es kann zum Beispiel überhaupt nicht über eine Reduzie- rung der Zustelltage bei Briefen nachgedacht werden, ohne zugleich die völlig veralteten Vorgaben im TKG zu Festnetzanschluss, Telefaxanschluss, Münz- und Karten- telefonen sowie minimalen Bandbreiten („funktionaler Internetzugang“) nach oben anzupassen. Aus dem TAB-Bericht ergibt sich für die nationale Regulierung, zum Teil aber auch nur nach Abänderung der europäischen Vorgaben, unter anderem in folgenden Bereichen Gestaltungsspielraum, um den Postuniversal- dienst und seine Finanzierung an deutlich reduzierte Briefmengen anzupassen: Vorgaben für stationäre Ein- richtungen (Poststellen, Briefkästen); Laufzeiten, die in der Post-Universaldienstleistungsverordnung, PUDLV, vorgegeben werden; Reduzierung der Zustelltage von derzeit sechs auf fünf Tage; entfernungsabhängige Staf- felung der Porti; Erweiterung des Postuniversaldienstes um den sicheren E-Brief; einheitlicher Universaldienst für Post und Telekommunikation. Bisher besteht weitgehend Konsens: Der weiterzuent- wickelnde (Post-)Universaldienst muss weiterhin die Anforderungen an die Qualität, die Zuverlässigkeit, die Verfügbarkeit, die Flächendeckung, die Erschwinglich- keit, die Datensicherheit und den Datenschutz ähnlich den Anforderungen an den herkömmlichen Briefdienst festlegen. Das Brief- und Postgeheimnis wäre auf den E-Brief auszudehnen, und zumindest optional müsste der E-Brief das Schriftformerfordernis erfüllen können. Im Zuge der immer größeren Bedeutung von Express-, Kurier- und Paketdiensten ist zu prüfen, wie die Kun- denrechte auf flächendeckende Angebote, sichere Zu- stellung und Bezahlbarkeit auch dann und dort gesichert werden können, wenn der Wettbewerb an Intensität ver- liert. Für die Politik gibt es auf nationaler Ebene im Rah- men oder unter Abänderung der europäischen Univer- saldienstvorgaben einen erheblichen Gestaltungsspiel- raum. Notwendige Anpassungen sind gründlich vorzubereiten und unter Einbezug von Wissenschaft und Öffentlichkeit mit den Beteiligten breit zu diskutie- ren. Der Grundgedanke, dass eine flächendeckende, an- gemessene und erschwingliche Versorgung mit Post- wie Telekommunikationsdienstleistungen zur Daseins- vorsorge gehört, die staatlich gewährleistet sein muss, darf nicht aufgegeben werden. Für die weitere Diskussion muss uneingeschränkt der Grundsatz aus dem Koalitionsvertrag gelten: „Wir wer- den eine qualitativ hochwertige, flächendeckende und bezahlbare Versorgung der Bürgerinnen und Bürger mit Postdienstleistungen sicherstellen. Am Postuniversal- dienst werden wir festhalten.“ Für die SPD kommt eine Reduzierung oder/und Ver- schlechterung des Universaldienstes, etwa eine Reduzie- rung der Zustelltage von sechs auf fünf, eine wie immer geartete Preisstaffelung, sei es nach Entfernungen oder Höchstlaufzeiten, eine Herausnahme einzelner Sen- dungsformen (zum Beispiel Zeitschriften und Zeitungen, Pakete usw.), nicht infrage. Es wäre nicht hinnehmbar, dass beispielsweise kleine Privatkunden am Ende schlechter behandelt werden als zahlungskräftige Groß- versender. Beim Thema E-Brief halten wir die Anregun- gen des TAB-Berichts für sinnvoll und berechtigt. Zu- dem ist der Bund gefordert, durch regulatorische Vorgaben die Finanzierung des Universaldienstes sicher- zustellen. Der Vorschlag des TAB-Berichtes, den Universal- dienst Telekommunikation und Post zusammenzufassen, halten wir für prüfenswert. Es kann nicht dabei bleiben, dass im Bereich Telekommunikation im Zuge der Debat- ten um Breitbandstrategie und Netzneutralität eine Defi- nition von Universaldienst aus den 1990er-Jahren gilt. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Der Postsektor steht wieder einmal vor einem tief- greifenden Wandel, und zwar ganz anders, als viele bis vor kurzem geglaubt haben. Wer hätte vor 10, 15 oder 20 Jahren mit einer Wiederauferstehung des tot geglaub- ten Paketes gerechnet. Damals ein riesiges Verlustge- schäft. Damals war der Brief die Cashcow der Deut- schen Post, also der Gewinnbringer, an dem sich alle Wettbewerber und Regulierer abgearbeitet haben. Be- hauptet wurde, dass sich nach einer Liberalisierung wie in den USA das Sendungsvolumen verdoppeln würde. Nichts dergleichen. Im Gegenteil: Bei stagnierendem Briefgeschäft und kriselndem Paket haben Sozialdemo- kraten damals gegen die seinerzeitigen Markttendenzen und gegen alle Widerstände aus der Branche den Univer- saldienst verpflichtend geregelt. Im Nachhinein ist klar: Wir haben die Branche zu ih- rem Glück gezwungen. Heute sind das Filialnetz und die Zustellungsverpflichtungen ein riesengroßer Wett- bewerbsvorteil und für Deutschland ein Standortvorteil. Das Briefgeschäft geht in Deutschland maßvoll zurück, um gut 1 Prozent pro Jahr. In den Niederlanden, Belgien, Großbritannien bis zu fünfmal so schnell, sodass dort die Leistungen in der Fläche schon massiv eingeschränkt werden. Dennoch besteht die Gefahr, so das TAB, dass schon in wenigen Jahren ein typisches Postunternehmen in massive Probleme kommt, wenn das Briefgeschäft kon- tinuierlich zurückgeht, da die Kosten nicht so schnell sinken können wie das Sendungs- und Umsatzvolumen. Ohne Schwarzmalerei müssen wir diese Entwicklung beobachten. Der Jubel über den E-Commerce darf den Blick über diesen Strukturwandel nicht verstellen. Die ganze Postbranche, Brief und Paket und die da- zugehörende Logistik, dürfen nicht wieder den Fehler machen, durch Dumpingwettbewerb und Leistungsver- schlechterungen auf den Strukturwandel zu reagieren. 3174 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 (A) (C) (D)(B) Wir, Staat und Politik, können im Postsektor auf ein erfolgreiches Stück Industrie- und Dienstleistungspolitik zurückblicken. Hätten wir allein die Marktkräfte walten lassen, stünden wir heute viel schlechter da. Wir sind gut beraten, gerade mit Blick auf den dynamischen Wandel, den regulatorischen und politischen Rahmen bewusst zu gestalten. Herbert Behrens (DIE LINKE): Vor ein paar Mona- ten ging es hoch her bei mir in meinem Wahlkreis Oster- holz-Verden. Stein des Anstoßes war die total aus dem Ruder geratene Postzustellung. Bis zu vier Tage warte- ten nicht nur Privatkunden auf die Zeitung per Post oder die Geburtstagskarte. Auch Geschäftskunden beklagten sich über verspätete Zustellungen. Das sogenannte Be- schwerdemanagement der Post hatte alle Hände voll zu tun, mit Standardbriefen zu antworten. Krankheitsbe- dingt habe es Ausfälle gegeben, wurde mitgeteilt. Am Ende eines Arbeitstages der Zustellerinnen und Zusteller würden diese ihre Touren beenden und am nächsten Tag weitermachen, wo sie am Vortag aufgehört haben. Die neue Tour kam obendrauf. Ich habe mit Kolleginnen und Kollegen gesprochen. Sie erzählten mir, es seien nicht nur krankheitsbedingte Ausfälle gewesen, die eine ordentliche Arbeit unmöglich machten. Vielmehr seien die größer geschnittenen Zu- stellbezirke und die häufigen Personalwechsel in den Bezirken die wirklichen Gründe für die Verspätungen. Hier wird deutlich, dass eine privatisierte Post nicht dazu beigetragen hat, guten Service und gute Qualität zu ver- nünftigen Preisen zu bieten. Die Privatisierung der Post hat, wie auch die Privati- sierung anderen öffentlichen Eigentums wie zum Bei- spiel der Bahn, globale Unternehmen hervorgebracht, die nur einem Ziel verpflichtet sind: nämlich höchsten Gewinn zu produzieren. Die Linke hat zusammen mit den Beschäftigten und Gewerkschaften der Post in den 1990er-Jahren gegen die Politik der damaligen Großen Koalition gekämpft. Und auch heute unterstützen wir die Kolleginnen und Kollegen bei ihrem Kampf für gute Ar- beit auch bei der Post. Der hier heute vorgelegte Bericht des Büros für Tech- nikfolgenabschätzung soll nun aufzeigen, auf welchen neuen Geschäftsfeldern sich die Post künftig tummeln könnte, ohne dabei den grundgesetzlichen Auftrag, eine flächendeckende und hochwertige Grundversorgung, zu vernachlässigen. Umfassend wird dargestellt, wie ein Postuniversaldienst der Zukunft aussehen könnte. Dabei wird deutlich, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht in jedem Fall einen besseren Service und eine bes- sere Qualität erhalten würden. Vielmehr ist die bessere Auslastung des Personals im Fokus, wenn in Zukunft weniger Briefe und Zeitungen zugestellt werden müssen. Im Bericht wird auf die Dienstleistung in Frankreich mit dem Namen „Bonjour Facteur“ hingewiesen. Dort prü- fen Zustellerinnen und Zusteller an mehreren Tagen in der Woche während ihrer Zustelltour, ob es älteren Men- schen gut geht oder ob sie Hilfe benötigen. Außerdem werde mit dem Angebot haushaltsnaher Dienstleistun- gen experimentiert, wo Zustellerinnen und Zusteller während ihrer Touren auch Gasflaschen austauschen oder Empfangsboxen für digitales Fernsehen installie- ren. Solche Überlegungen haben aber auch gar nichts mit dem Arbeitsalltag der Beschäftigten in Deutschland zu tun, die heute durch ihre Bezirke hecheln, um die Post an die Empfänger zu bringen. Eine andere Perspektive wäre, mit dem wenigen Per- sonal mehr zu schaffen, indem der elektronische Brief einen Teil des heute Üblichen übernimmt. Doch an die- ser Stelle muss der Bericht sehr unbestimmt bleiben. Es ist nicht klar, um wie viel die Briefmenge abnehmen wird, wie viele der heute verschickten Briefe durch elek- tronische vollständig ersetzt werden können und wie viel zusätzlich zu den heutigen Briefmengen hinzukommt. Das Thema De-Mail wird im Bericht noch ausführ- lich dargestellt, obwohl dieses Projekt gescheitert ist. Die Autoren des Berichts versuchen, einen Blick in die Zukunft der Briefdienstleistungen zu werfen. Das ist sinnvoll, damit wir hier im Bundestag, aber auch im Un- ternehmen Deutsche Post in der Lage sind, politische Weichenstellungen vorzunehmen. Und wenn wir uns mit den Erkenntnissen des Berichts auseinandersetzen werden, dann wird die Linksfraktion immer die Interessen der Kundinnen und Kunden und der Postbeschäftigten im Auge haben. Aber eine Rich- tung – das will ich hier schon mal klarstellen – wird es mit der Linksfraktion nicht geben: Einer Postreform III mit noch mehr Belastungen für die Postbeschäftigten werden wir entschiedenen Widerstand entgegensetzen. Harald Ebner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die Lieferung der Post an den Briefkasten vor unserer Haus- tür ist für uns alle selbstverständlicher Alltag – egal ob wir in der Stadt oder auf dem Land leben. Der Postuniversaldienst ist – und zwar festgeschrie- ben im Grundgesetz – Teil der öffentlichen Daseins- vorsorge wie Strom- und Wasserversorgung, Telefon oder öffentlicher Nahverkehr. Die gesetzliche Verpflich- tung der Postdienstleister muss grundsätzlich auch erhal- ten bleiben, da herrscht sicher ein breiter politischer Konsens. Dennoch hat der TAB-Bericht deutlich gemacht, dass die Bedeutung von klassischen Briefen vor allem ihm Rahmen unserer privaten Kommunikation massiv an Bedeutung verloren hat und im Wesentlichen durch E-Mails, SMS oder Kurznachrichtendienste ersetzt wurde. Nur noch 4 Prozent der gesamten Briefmenge werden von Privatpersonen an andere Privatpersonen verschickt. Wenn es nicht unbedingt notwendig ist, schreiben wir also keine Briefe mehr. Nicht verwunder- lich ist es daher, dass dies laut TAB-Bericht zur Folge hat, dass der Briefmarkt auf absehbare Zeit weiter schrumpfen wird. Hinzu kommen der demografische Wandel und der teilweise deutliche Bevölkerungsrück- gang in einigen Regionen unseres Landes, der die Post- Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 3175 (A) (C) (D)(B) dienste auch heute schon vor große Herausforderungen stellt. Diese Entwicklung bedeutet jedoch nicht, dass wir die Postuniversaldienste infrage stellen. Denn zum Auftrag der Daseinsvorsorge gehört, dass niemand davon abge- hängt werden darf. Auch vor dem Hintergrund, dass ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland nach wie vor keinen Internetzugang hat bzw. das Internet nicht nutzt, sind die Postuniversaldienste in ihrer Versorgungsfunk- tion unverzichtbar. Solange ein bedeutender Teil der Menschen nicht online ist – aus welchen Gründen auch immer –, muss der klassische Briefdienst in der heutigen Qualität erhalten bleiben. Niemand darf hier ausge- schlossen werden. Laut dem TAB-Gutachten haben wir noch etwas Zeit, um die notwendigen Anpassungen gründlich zu diskutie- ren und vorzubereiten. Dabei geht es auch um die Frage, wie wir den Postuniversaldienst auch in Zukunft ge- währleisten wollen, ohne dass Aufwand und Kosten un- verhältnismäßig steigen. Technische Möglichkeiten wie der sichere E-Brief werden ein Teil der Antwort sein, sie sind bisher aber weder ausgereift noch von der Bevölkerung ausreichend akzeptiert. Hier müssen Politik und Wirtschaft gemein- sam mehr Anstrengungen unternehmen, um diesen hohen Standards elektronischer Korrespondenz zu einer breiten Nutzung zu verhelfen. Der sichere E-Brief oder andere elektronische Alter- nativen zum Brief aus Papier müssen zudem hohe An- forderungen an Qualität, Datensicherheit, Zuverlässig- keit und Flächendeckung erfüllen, bevor wir den Postuniversaldienst in seiner jetzigen Form infrage stel- len dürfen. Gerade in puncto Datensicherheit sind hier wichtige Fragen offen. Fast jeden Tag hören wir in den Medien von Hacker- angriffen, der Datensammelwut von Google und neuen Enthüllungen über gigantische Ausspähprogramme aus- ländischer Geheimdienste. Erst gestern rief eBay seine Nutzer dazu auf, wegen eines Hackerangriffs dringend ihr Passwort zu ändern. Leider haben die Regierungen Merkel bisher nichts unternommen, um dem zunehmenden Vertrauensverlust in die Datensicherheit der elektronischen Kommunika- tion zu begegnen. Ganz im Gegenteil: Im vergangenen Jahr hat man noch versucht, den NSA-Abhörskandal frühzeitig für beendet zu erklären. Statt für die Verteidi- gung unserer Grundrechte einzutreten, die jeden Tag durch NSA und Co verletzt werden, gibt die Bundes- regierung beim No-Spy-Abkommen sang- und klanglos klein bei. Lieber macht sich die Bundesregierung Sorgen darüber, ob man die USA verärgert, wenn der NSA- Untersuchungsausschuss Edward Snowden in Deutsch- land verhört. Das alles zeigt, welchen erschreckend geringen Stellenwert digitale Bürgerrechte für die Koali- tion haben. Klar ist: Die Bedeutung der elektronischen Kommu- nikation wird weiter wachsen. Wir Grüne begreifen den schnellen Internetzugang nicht nur als wichtigen Stand- ortfaktor, sondern genauso als Teil einer modernen Daseinsvorsorge. Es kann nicht sein, dass ganze Land- striche immer noch vom schnellen Internet abgehängt sind, weil sich der Breitbandausbau in ländlichen Regio- nen für die Anbieter oft nicht lohnt. Die Aufgabe, den ländlichen Raum mit einem angemessenen Netzzugang zu versorgen, darf also nicht dem freien Spiel der Markt- kräfte allein überlassen bleiben. In Deutschland hinkt die Versorgung mit schnellen In- ternetanschlüssen massiv hinterher. Im europäischen Vergleich liegen wir bei der Glasfaseranschlussquote an der letzten Stelle. In den großen Städten gibt es zwar meistens ein gutes Netz, aber schon an den Stadträndern beginnt nicht das von der Bundeskanzlerin hochgelobte Neuland, sondern eher das digitale Niemandsland. Für eine der größten Industrienationen ist das in meinen Au- gen eine erschreckende Bilanz. Und was hat die Bundesregierung hier bisher getan? Sie schafft das Amt eines Internetministers, der zwar viel vom Ausbau der digitalen Infrastruktur spricht, aber bislang keine Konzepte und Ideen verlauten lassen hat. Auch die Finanzierung bleibt ungewiss: Minister Dobrindt will die Erlöse aus der Versteigerung von Mobilfunklizenzen dafür verwenden. Die letzte Verstei- gerung solcher Lizenzen hat 2010 aber gerade mal 4,4 Milliarden Euro eingebracht. Benötigt wird jedoch mindestens das Fünffache davon. Der ländliche Raum wird wegen fehlender Mittel noch länger auf das schnelle Netz warten müssen, auch weil die Große Koalition es versäumt hat, Fördermittel für den Breit- bandausbau und die steuerliche Forschungsförderung im Koalitionsvertrag zu verankern. Der Breitbandausbau ist vielleicht das wichtigste technische Infrastrukturprojekt der nächsten Jahre und elementar, um Lebensqualität und Wirtschaftskraft im ländlichen Raum zu stärken. Statt weiter viele Milliar- den in fragwürdige Straßenneubauprojekte zu stecken, sollte Deutschland erst einmal ein flächendeckendes Da- tenautobahnnetz bekommen. Wir Grüne fordern auch bei dieser Frage die richtige Prioritätensetzung ein. 3176 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 (A) (C) (B) Anlage 13 Namensverzeichnis der Mitglieder des Deutschen Bundestages, die an der Wahl des Präsidenten des Bundesrechnungshofes teilgenommen haben (Zusatztagesordnungspunkt 5) (D) CDU/CSU Stephan Albani Katrin Albsteiger Peter Altmaier Artur Auernhammer Thomas Bareiß Norbert Barthle Julia Bartz Günter Baumann Maik Beermann Manfred Behrens (Börde) Veronika Bellmann Sybille Benning Dr. André Berghegger Dr. Christoph Bergner Ute Bertram Steffen Bilger Clemens Binninger Peter Bleser Dr. Maria Böhmer Wolfgang Bosbach Norbert Brackmann Klaus Brähmig Michael Brand Dr. Reinhard Brandl Helmut Brandt Dr. Ralf Brauksiepe Dr. Helge Braun Heike Brehmer Ralph Brinkhaus Cajus Caesar Gitta Connemann Alexandra Dinges-Dierig Michael Donth Thomas Dörflinger Marie-Luise Dött Hansjörg Durz Jutta Eckenbach Hermann Färber Uwe Feiler Dr. Thomas Feist Enak Ferlemann Ingrid Fischbach Dirk Fischer (Hamburg) Axel E. Fischer (Karlsruhe- Land) Dr. Maria Flachsbarth Klaus-Peter Flosbach Thorsten Frei Dr. Astrid Freudenstein Dr. Hans-Peter Friedrich (Hof) Michael Frieser Dr. Michael Fuchs Hans-Joachim Fuchtel Alexander Funk Ingo Gädechens Dr. Peter Gauweiler Dr. Thomas Gebhart Alois Gerig Eberhard Gienger Cemile Giousouf Josef Göppel Reinhard Grindel Ursula Groden-Kranich Hermann Gröhe Klaus-Dieter Gröhler Michael Grosse-Brömer Astrid Grotelüschen Markus Grübel Manfred Grund Oliver Grundmann Monika Grütters Dr. Herlind Gundelach Fritz Güntzler Olav Gutting Christian Haase Florian Hahn Dr. Stephan Harbarth Jürgen Hardt Gerda Hasselfeldt Matthias Hauer Mark Hauptmann Dr. Stefan Heck Dr. Matthias Heider Helmut Heiderich Mechthild Heil Frank Heinrich (Chemnitz) Mark Helfrich Uda Heller Jörg Hellmuth Rudolf Henke Ansgar Heveling Peter Hintze Christian Hirte Dr. Heribert Hirte Robert Hochbaum Alexander Hoffmann Karl Holmeier Franz-Josef Holzenkamp Dr. Hendrik Hoppenstedt Margaret Horb Bettina Hornhues Charles M. Huber Anette Hübinger Erich Irlstorfer Thomas Jarzombek Sylvia Jörrißen Dr. Franz Josef Jung Xaver Jung Andreas Jung Dr. Egon Jüttner Bartholomäus Kalb Hans-Werner Kammer Steffen Kanitz Alois Karl Anja Karliczek Bernhard Kaster Volker Kauder Dr. Stefan Kaufmann Roderich Kiesewetter Dr. Georg Kippels Volkmar Klein Jürgen Klimke Axel Knoerig Jens Koeppen Markus Koob Carsten Körber Hartmut Koschyk Kordula Kovac Michael Kretschmer Gunther Krichbaum Dr. Günter Krings Rüdiger Kruse Dr. Roy Kühne Günter Lach Uwe Lagosky Andreas G. Lämmel Dr. Norbert Lammert Katharina Landgraf Ulrich Lange Barbara Lanzinger Dr. Silke Launert Paul Lehrieder Dr. Katja Leikert Dr. Philipp Lengsfeld Dr. Andreas Lenz Philipp Graf Lerchenfeld Dr. Ursula von der Leyen Antje Lezius Ingbert Liebing Matthias Lietz Andrea Lindholz Dr. Carsten Linnemann Patricia Lips Wilfried Lorenz Dr. Claudia Lücking-Michel Daniela Ludwig Karin Maag Yvonne Magwas Thomas Mahlberg Dr. Thomas de Maizière Gisela Manderla Matern von Marschall Hans-Georg von der Marwitz Andreas Mattfeldt Stephan Mayer (Altötting) Reiner Meier Dr. Michael Meister Jan Metzler Maria Michalk Dr. Mathias Middelberg Philipp Mißfelder Dietrich Monstadt Karsten Möring Marlene Mortler Elisabeth Motschmann Dr. Gerd Müller Carsten Müller (Braunschweig) Stefan Müller (Erlangen) Dr. Philipp Murmann Dr. Andreas Nick Michaela Noll Helmut Nowak Dr. Georg Nüßlein Wilfried Oellers Florian Oßner Dr. Tim Ostermann Henning Otte Ingrid Pahlmann Sylvia Pantel Martin Patzelt Dr. Martin Pätzold Ulrich Petzold Dr. Joachim Pfeiffer Sibylle Pfeiffer Ronald Pofalla Eckhard Pols Thomas Rachel Kerstin Radomski Alexander Radwan Alois Rainer Dr. Peter Ramsauer Eckhardt Rehberg Katherina Reiche (Potsdam) Lothar Riebsamen Josef Rief Dr. Heinz Riesenhuber Johannes Röring Dr. Norbert Röttgen Erwin Rüddel Albert Rupprecht Anita Schäfer (Saalstadt) Dr. Wolfgang Schäuble Karl Schiewerling Jana Schimke Norbert Schindler Tankred Schipanski Heiko Schmelzle Christian Schmidt (Fürth) Gabriele Schmidt (Ühlingen) Patrick Schnieder Nadine Schön (St. Wendel) Dr. Ole Schröder Bernhard Schulte-Drüggelte Dr. Klaus-Peter Schulze Uwe Schummer Armin Schuster (Weil am Rhein) Christina Schwarzer Detlef Seif Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 3177 (A) (C) (D)(B) Johannes Selle Reinhold Sendker Dr. Patrick Sensburg Bernd Siebert Johannes Singhammer Tino Sorge Jens Spahn Carola Stauche Dr. Frank Steffel Dr. Wolfgang Stefinger Albert Stegemann Peter Stein Erika Steinbach Sebastian Steineke Johannes Steiniger Christian Freiherr von Stetten Dieter Stier Rita Stockhofe Gero Storjohann Stephan Stracke Max Straubinger Matthäus Strebl Karin Strenz Thomas Stritzl Thomas Strobl (Heilbronn) Lena Strothmann Michael Stübgen Dr. Sabine Sütterlin-Waack Dr. Peter Tauber Antje Tillmann Astrid Timmermann-Fechter Dr. Hans-Peter Uhl Dr. Volker Ullrich Arnold Vaatz Oswin Veith Thomas Viesehon Michael Vietz Volkmar Vogel (Kleinsaara) Sven Volmering Christel Voßbeck-Kayser Kees de Vries Dr. Johann Wadephul Marco Wanderwitz Nina Warken Kai Wegner Albert Weiler Marcus Weinberg (Hamburg) Dr. Anja Weisgerber Peter Weiß (Emmendingen) Sabine Weiss (Wesel I) Ingo Wellenreuther Karl-Georg Wellmann Marian Wendt Kai Whittaker Peter Wichtel Annette Widmann-Mauz Heinz Wiese (Ehingen) Klaus-Peter Willsch Elisabeth Winkelmeier- Becker Oliver Wittke Dagmar G. Wöhrl Barbara Woltmann Tobias Zech Heinrich Zertik Emmi Zeulner Dr. Matthias Zimmer Gudrun Zollner SPD Niels Annen Ingrid Arndt-Brauer Rainer Arnold Heike Baehrens Ulrike Bahr Heinz-Joachim Barchmann Dr. Katarina Barley Dr. Hans-Peter Bartels Klaus Barthel Dr. Matthias Bartke Sören Bartol Bärbel Bas Dirk Becker Lothar Binding (Heidelberg) Burkhard Blienert Willi Brase Dr. Karl-Heinz Brunner Edelgard Bulmahn Marco Bülow Martin Burkert Dr. Lars Castellucci Petra Crone Bernhard Daldrup Dr. Daniela De Ridder Dr. Karamba Diaby Sabine Dittmar Martin Dörmann Elvira Drobinski-Weiß Siegmund Ehrmann Michaela Engelmeier-Heite Dr. h. c. Gernot Erler Petra Ernstberger Saskia Esken Karin Evers-Meyer Dr. Johannes Fechner Dr. Fritz Felgentreu Elke Ferner Christian Flisek Gabriele Fograscher Dr. Edgar Franke Dagmar Freitag Michael Gerdes Martin Gerster Iris Gleicke Ulrike Gottschalck Kerstin Griese Gabriele Groneberg Uli Grötsch Wolfgang Gunkel Bettina Hagedorn Rita Hagl-Kehl Metin Hakverdi Ulrich Hampel Sebastian Hartmann Michael Hartmann (Wackernheim) Dirk Heidenblut Hubertus Heil (Peine) Gabriela Heinrich Marcus Held Wolfgang Hellmich Dr. Barbara Hendricks Heidtrud Henn Gustav Herzog Gabriele Hiller-Ohm Petra Hinz (Essen) Thomas Hitschler Dr. Eva Högl Christina Jantz Frank Junge Josip Juratovic Thomas Jurk Oliver Kaczmarek Johannes Kahrs Christina Kampmann Ralf Kapschack Gabriele Katzmarek Ulrich Kelber Marina Kermer Cansel Kiziltepe Arno Klare Lars Klingbeil Dr. Bärbel Kofler Daniela Kolbe Birgit Kömpel Anette Kramme Dr. Hans-Ulrich Krüger Helga Kühn-Mengel Christine Lambrecht Christian Lange (Backnang) Dr. Karl Lauterbach Steffen-Claudio Lemme Burkhard Lischka Gabriele Lösekrug-Möller Hiltrud Lotze Kirsten Lühmann Dr. Birgit Malecha-Nissen Caren Marks Katja Mast Hilde Mattheis Dr. Matthias Miersch Klaus Mindrup Susanne Mittag Bettina Müller Michelle Müntefering Dr. Rolf Mützenich Dietmar Nietan Ulli Nissen Mahmut Özdemir (Duisburg) Aydan Özoğuz Markus Paschke Christian Petry Detlev Pilger Sabine Poschmann Joachim Poß Florian Post Achim Post (Minden) Dr. Wilhelm Priesmeier Dr. Sascha Raabe Dr. Simone Raatz Martin Rabanus Mechthild Rawert Stefan Rebmann Gerold Reichenbach Dr. Carola Reimann Andreas Rimkus Sönke Rix Dennis Rohde Dr. Martin Rosemann René Röspel Dr. Ernst Dieter Rossmann Michael Roth (Heringen) Susann Rüthrich Bernd Rützel Johann Saathoff Annette Sawade Dr. Hans-Joachim Schabedoth Axel Schäfer (Bochum) Dr. Nina Scheer Marianne Schieder Udo Schiefner Dr. Dorothee Schlegel Ulla Schmidt (Aachen) Matthias Schmidt (Berlin) Dagmar Schmidt (Wetzlar) Carsten Schneider (Erfurt) Ursula Schulte Swen Schulz (Spandau) Stefan Schwartze Rita Schwarzelühr-Sutter Dr. Carsten Sieling Rainer Spiering Norbert Spinrath Svenja Stadler Martina Stamm-Fibich Sonja Steffen Peer Steinbrück Dr. Frank-Walter Steinmeier Christoph Strässer Kerstin Tack Claudia Tausend Michael Thews Wolfgang Tiefensee Carsten Träger Rüdiger Veit Ute Vogt Dirk Vöpel Gabi Weber Bernd Westphal Andrea Wicklein Dirk Wiese Waltraud Wolff (Wolmirstedt) Gülistan Yüksel Stefan Zierke Dr. Jens Zimmermann DIE LINKE Jan van Aken Dr. Dietmar Bartsch Herbert Behrens Karin Binder Matthias W. Birkwald Heidrun Bluhm Christine Buchholz Eva Bulling-Schröter Roland Claus Dr. Diether Dehm Klaus Ernst Diana Golze Annette Groth Dr. Gregor Gysi Dr. André Hahn Heike Hänsel Inge Höger Andrej Hunko Sigrid Hupach Ulla Jelpke Susanna Karawanskij Kerstin Kassner Katja Kipping 3178 Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 36. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2014 (A) (C) Jan Korte Caren Lay Sabine Leidig Ralph Lenkert Michael Leutert Stefan Liebich Dr. Gesine Lötzsch Thomas Lutze Cornelia Möhring Niema Movassat Dr. Alexander S. Neu Thomas Nord Petra Pau Harald Petzold (Havelland) Richard Pitterle Martina Renner Michael Schlecht Dr. Petra Sitte Kersten Steinke Dr. Kirsten Tackmann Frank Tempel Dr. Axel Troost Alexander Ulrich Halina Wawzyniak Harald Weinberg Katrin Werner Birgit Wöllert Jörn Wunderlich Hubertus Zdebel Pia Zimmermann Sabine Zimmermann (Zwickau) BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN Luise Amtsberg Kerstin Andreae Annalena Baerbock Dr. Franziska Brantner Agnieszka Brugger Ekin Deligöz Katja Dörner Katharina Dröge Harald Ebner Dr. Thomas Gambke Matthias Gastel Kai Gehring Anja Hajduk Britta Haßelmann Dr. Anton Hofreiter Bärbel Höhn Uwe Kekeritz Katja Keul Sven-Christian Kindler Maria Klein-Schmeink Tom Koenigs Sylvia Kotting-Uhl Oliver Krischer Stephan Kühn (Dresden) Christian Kühn (Tübingen) Renate Künast Markus Kurth Monika Lazar Steffi Lemke Dr. Tobias Lindner Nicole Maisch Peter Meiwald Irene Mihalic Beate Müller-Gemmeke Özcan Mutlu Dr. Konstantin von Notz Omid Nouripour Friedrich Ostendorff Cem Özdemir Lisa Paus Brigitte Pothmer Tabea Rößner Claudia Roth (Augsburg) Corinna Rüffer Manuel Sarrazin Elisabeth Scharfenberg Ulle Schauws Dr. Gerhard Schick Dr. Frithjof Schmidt Kordula Schulz-Asche Dr. Wolfgang Strengmann- Kuhn Hans-Christian Ströbele Markus Tressel Jürgen Trittin Dr. Julia Verlinden Doris Wagner Dr. Valerie Wilms (D) (B) 36. Sitzung Inhaltsverzeichnis TOP 3 Berufliche Bildung TOP 4 Freihandelsabkommen TOP 5 Tätigkeitsbericht des Petitionsausschusses 2013 TOP 23, ZP 3 Überweisungen im vereinfachten Verfahren TOP 24 Abschließende Beratung ohne Aussprache ZP 4 Aktuelle Stunde zu Rüstungsexportgenehmigungen TOP 6 Bundeswehreinsatz EU-Operation Atalanta ZP 5 Wahl des Präsidenten des Bundesrechnungshofes TOP 7 Zinssätze für Dispo- und Überziehungskredite TOP 8 Sukzessivadoption durch Lebenspartner TOP 9, ZP 6 Gentechnikfreiheit im Pflanzenbau in Europa TOP 10 Bundeswehreinsatz in Kosovo (KFOR) TOP 11 Kommunalfinanzen TOP 12 Direktzahlungen an landwirtschaftliche Betriebe ZP 7 Einsetzung eines Untersuchungsausschusses (BKA) TOP 18 Technikfolgenabschätzung: Postdienste TOP 15 Schadstoffe in Spielzeugen TOP 17 Sprachliche Bereinigung des Strafrechts von NS-Normen Anlagen
Gesamtes Protokol
Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803600000

Nehmen Sie bitte Platz. Die Sitzung ist eröffnet.

Guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
begrüße Sie alle herzlich. Ich möchte Sie vor Eintritt in
die Tagesordnung darauf hinweisen, dass es eine inter-
fraktionelle Vereinbarung gibt, die verbundene Tages-
ordnung um die in der Zusatzpunkteliste aufgeführten
Punkte zu erweitern:

ZP 1 Wahl von Mitgliedern der „Kommission La-
gerung hoch radioaktiver Abfallstoffe“ ge-
mäß § 3 Absatz 1 Satz 2 Nummer 2 und Satz 3
des Standortauswahlgesetzes

Drucksache 18/1452

ZP 2 Aktuelle Stunde
auf Verlangen der Fraktionen der CDU/CSU und
SPD

Freilassung der von Boko Haram entführten
Schulmädchen in Nigeria


(ZP 1 und ZP 2 siehe 35. Sitzung)


ZP 3 Weitere Überweisung im vereinfachten Ver-
fahren


(Ergänzung zu TOP 23)


Beratung des Antrags der Abgeordneten Oliver
Krischer, Jürgen Trittin, Annalena Baerbock,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN

Europäische Energieunion – Unabhängigkeit
durch Effizienz, Einsparung und erneuerbare
Energien schaffen

Drucksache 18/1461
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Energie (f)

Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
ZP 4 Aktuelle Stunde
auf Verlangen der Fraktion DIE LINKE

Rüstungsexportgenehmigungen der Großen
Koalition

ZP 5 Wahl des Präsidenten des Bundesrechnungs-
hofes

ZP 6 Beratung des Antrags der Fraktionen der CDU/
CSU und SPD

Grüne Gentechnik – Sorgen und Vorbehalte
der Menschen ernst nehmen, Selbstbestim-
mung stärken, Wahlfreiheit ermöglichen

Drucksache 18/1450

ZP 7 Beratung des Antrags der Abgeordneten Irene
Mihalic, Dr. Konstantin von Notz, Luise
Amtsberg, Volker Beck (Köln), Frank Tempel,
Jan Korte, Ulla Jelpke, Martina Renner und wei-
terer Abgeordneter

Einsetzung eines Untersuchungsausschusses

Drucksache 18/1475
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und
Geschäftsordnung

Von der Frist für den Beginn der Beratungen soll, so-
weit erforderlich, abgewichen werden.

Außerdem sollen die Tagesordnungspunkte 14 und 16
abgesetzt werden. Darüber hinaus kommt es zu den in
der Zusatzpunkteliste dargestellten weiteren Änderun-
gen im Ablauf.

Schließlich möchte ich Sie noch auf mehrere nach-
trägliche Ausschussüberweisungen im Anhang zur Zu-
satzpunkteliste aufmerksam machen:

Der am 8. Mai 2014 (33. Sitzung) überwiesene nach-
folgende Gesetzentwurf soll zusätzlich dem Ausschuss
für Recht und Verbraucherschutz (6. Ausschuss) zur
Mitberatung überwiesen werden:

Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur grund-





Präsident Dr. Norbert Lammert


(A) (C)



(D)(B)

legenden Reform des Erneuerbare-Energien-
Gesetzes und zur Änderung weiterer Bestim-
mungen des Energiewirtschaftsrechts
Drucksache 18/1304
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Energie (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft
Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit

Der am 8. Mai 2014 (33. Sitzung) überwiesene nach-
folgende Antrag soll zusätzlich dem Ausschuss für
Recht und Verbraucherschutz (6. Ausschuss) zur Mitbe-
ratung überwiesen werden:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Eva
Bulling-Schröter, Caren Lay, Ralph Lenkert,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE
LINKE

Ökostromförderung gerecht und bürgernah
Drucksache 18/1331
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Energie (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Finanzausschuss
Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit
Haushaltsausschuss

Der am 20. Februar 2014 (17. Sitzung) überwiesene
nachfolgende Antrag soll zusätzlich dem Innenaus-
schuss (4. Ausschuss) zur Mitberatung überwiesen
werden:

Beratung des Antrags der Abgeordneten
Christian Kühn (Tübingen), Julia Verlinden,
Oliver Krischer, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Heizkosten sparen – Energiewende im Gebäu-
debereich und im Quartier voranbringen
Drucksache 18/575
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Energie (f)

Innenausschuss
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit

Der am 4. April 2014 (27. Sitzung) überwiesene
nachfolgende Antrag soll zusätzlich dem Innenaus-
schuss (4. Ausschuss) zur Mitberatung überwiesen
werden:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Corinna
Rüffer, Kerstin Andreae, Markus Kurth, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN

Fünf Jahre UN-Behindertenrechtskonven-
tion – Sofortprogramm für Barrierefreiheit
und gegen Diskriminierung
Drucksache 18/977
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)

Innenausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für Tourismus

Der am 4. April 2014 (27. Sitzung) überwiesene
nachfolgende Antrag soll zusätzlich dem Ausschuss für
Tourismus (20. Ausschuss) zur Mitberatung überwie-
sen werden:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Katrin
Werner, Diana Golze, Sabine Zimmermann

(Zwickau), weiterer Abgeordneter und der Frak-

tion DIE LINKE

Programm zur Beseitigung von Barrieren
auflegen

Drucksache 18/972
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit (f)

Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit
Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für Tourismus
Haushaltsausschuss

Die am 8. Mai. 2014 (33. Sitzung) überwiesene nach-
folgende Unterrichtung soll zusätzlich dem Innenaus-
schuss (4. Ausschuss) zur Mitberatung überwiesen
werden:

Beratung der Unterrichtung durch die Bundesre-
gierung

Stadtentwicklungsbericht 2012

Drucksache 17/14450
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit (f)

Innenausschuss
Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Tourismus
Ausschuss für Kultur und Medien
Ausschuss Digitale Agenda

Ich frage Sie: Sind Sie mit diesen Vereinbarungen und
Änderungen einverstanden? – Das ist offensichtlich der
Fall. Dann ist das so beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 3 a bis 3 d auf:

a) Beratung der Unterrichtung durch die Bundesre-
gierung

Berufsbildungsbericht 2014

Drucksache 18/1180
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Verteidigungsausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit
Ausschuss für Tourismus
Haushaltsausschuss





Präsident Dr. Norbert Lammert


(A) (C)



(D)(B)

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Thomas Feist, Uda Heller, Albert Rupprecht,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der
CDU/CSU sowie der Abgeordneten Willi Brase,
Rainer Spiering, Dr. Ernst Dieter Rossmann,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD

Berufliche Bildung zukunftssicher gestalten –
Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung
stärken

Drucksache 18/1451
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Haushaltsausschuss

c) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Rosemarie Hein, Diana Golze, Sabine
Zimmermann (Zwickau), weiterer Abgeordneter
und der Fraktion DIE LINKE

Das Recht auf Ausbildung umsetzen

Drucksache 18/1454
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Beate
Walter-Rosenheimer, Brigitte Pothmer, Kai
Gehring, weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Berufliche Bildung sichern – Jungen Men-
schen Zukunftschancen bieten

Drucksache 18/1456
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung (f)

Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Hierzu soll nach einer interfraktionellen Vereinbarung
die Aussprache 96 Minuten betragen. – Auch das ist of-
fensichtlich einvernehmlich. Wir können also so verfah-
ren.

Ich eröffne die Aussprache und erteile das Wort zu-
nächst der Bundesministerin Professor Wanka.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung
und Forschung:

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Ich denke, wir können stolz auf unser Ausbil-
dungssystem sein. Die Jugendarbeitslosenquote in
Deutschland liegt unter 8 Prozent. Nur Österreich hat
ebenfalls eine einstellige Prozentzahl. Alle anderen eu-
ropäischen Länder haben ansonsten zum Teil sehr hohe
zweistellige Prozentzahlen, wie wir wissen.

Das hohe Qualifikationsniveau, das wir in Deutsch-
land haben, ist ein großer Wettbewerbsvorteil. Jetzt als
Bundesministerin erlebe ich es mehr als noch als Lan-
desministerin, dass ausländische Wirtschaftsvertreter
– zum Beispiel aus Italien oder aus den USA – sagen,
dass die Fachkräftesituation in Deutschland ein großer
Wettbewerbsvorteil ist. An verschiedenen Stellen wird
auch versucht, es in ähnlicher Weise zu machen. Zuletzt
hat uns sogar – man höre und staune – die OECD dafür
gelobt.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD – Albert Rupprecht [CDU/ CSU]: Erstaunlich!)


Die berufliche Ausbildung ist also ein wichtiges
Rückgrat unseres Wirtschaftssystems. Man darf es aber
keinesfalls nur in volkswirtschaftlicher Hinsicht betrach-
ten, indem man sagt: Wir brauchen Fachkräfte etc. – Wir
müssen auch sehen, dass jedem Einzelnen ein Berufsab-
schluss ein ganzes Leben lang nutzt. Er ist für seinen Le-
bensweg, für seine individuellen Perspektiven und für
seine gesellschaftliche Teilhabe außerordentlich wichtig.
Berufsbildung ist deswegen sowohl im Hinblick auf Bil-
dungsgerechtigkeit als auch in volkswirtschaftlicher
Hinsicht sehr wichtig.

Der Berufsbildungsbericht enthält viele Tabellen und
Darstellungen. Er zeigt viel Positives. Er zeigt aber auch,
dass wir in diesem Bereich Probleme haben: Es zeigen
sich schon jetzt Tendenzen hin zu einer Veränderung der
Ausbildungsmarktsituation. Darauf haben wir zum Teil
schon reagiert, müssen aber auch noch weiter reagieren.
Der Bericht zeigt deutlich auf, welche Punkte für unser
Handeln in Zukunft sehr wichtig sind. Ich möchte Sie Ih-
nen nennen:

Erstens. 2013 wurden weniger Ausbildungsverträge
neu abgeschlossen als im Vorjahr und noch weniger als
in den Jahren zuvor. Das Minus gegenüber dem Vorjahr
beträgt 3,5 Prozent.

Zweitens. Die Unternehmen haben zunehmend Pro-
bleme, geeignete Bewerber oder überhaupt Bewerber für
ihre freien Ausbildungsplätze zu finden. Das heißt, wir
haben in Deutschland im Moment einen Höchststand an
unbesetzten Ausbildungsstellen.

Drittens. Es gelingt trotzdem nicht, dass alle von der
Schule direkt in die Ausbildung gehen. Wir haben in
dem Bereich über 20 000 unversorgte Bewerber. Das
sind zwar von der Zahl her weniger, als es freie Plätze
gibt, aber wir haben auch bei denen, die eine Alternative
zur Ausbildung begonnen haben, die also ein Praktikum
oder etwas anderes machen, einen Anstieg.

Viertens. Analog zu den eben genannten Punkten zei-
gen auch viele Untersuchungen, dass es zunehmend
schwieriger wird, dafür zu sorgen, dass betriebliches An-
gebot und Nachfrage von Jugendlichen zusammenpas-
sen. Wir haben da also – so wird bei uns im Haus gesagt –
ein Matchingproblem; auf Deutsch könnte man viel-
leicht Passproblem sagen. Dieses Passproblem stellt sich





Bundesministerin Dr. Johanna Wanka


(A) (C)



(D)(B)

nach Beruf und auch nach Region sehr unterschiedlich
dar; aber es ist ein generelles Problem.

Fünftens. Es zeigt sich im Bericht deutlich, dass im-
mer weniger Betriebe ausbilden. In den letzten Jahren
– nehmen wir einmal die Zahlen ab 1990 – ist sowohl
die Zahl der Betriebe insgesamt als auch die Zahl der
Betriebe, die ausbilden, gewachsen. Das heißt, dass es
eine relativ parallele Entwicklung gab. Jetzt gibt es eine
prozentuale Absenkung. Gemessen an der Zahl der Be-
triebe bilden nur knapp über 21 Prozent aus. Das ist pro-
zentual der tiefste Stand an ausbildenden Betrieben seit
1990.


(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Sehr ehrlich! – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was tun Sie dagegen? Was schlagen Sie zur Lösung vor?)


Ein letzter Punkt, der die Berichte über dieses Thema
in den Zeitungen sehr stark bestimmt: Die Zahl der Stu-
dienanfänger war 2013 zum ersten Mal höher als die
Zahl derer, die eine berufliche Ausbildung begonnen ha-
ben.

Die Analyse des Berichts ist nicht nur von den Koali-
tionsfraktionen, sondern auch von den Grünen und zum
Teil von den Linken sehr ähnlich gehandhabt worden.
Alle erkennen die Herausforderungen und Probleme.
Aber auch die Vorschläge in Bezug darauf, was verän-
dert werden kann, liegen gar nicht so weit auseinander.
Es gibt einige, die unrealistisch sind; aber vieles liegt
sehr eng beieinander. Unsere Mitarbeiter sagen, dass sie
bei fast 70 Prozent der Vorschläge schon in der Vorhand
sind, dass da etwas gemacht bzw. in Angriff genommen
wird. Trotzdem muss aber insgesamt gesagt werden,
dass niemand – weder hier im Haus noch bei den Kam-
mern und den Sozialpartnern, wie sich in vielen Gesprä-
chen herausstellte – eine einfache Lösung hat.

Wir alle sehen aber, dass es ein großes Problem gibt.
Wenn es uns nicht gelingt, entsprechend viele Facharbei-
ter auszubilden, kann das in den nächsten Jahren eine
riesige Innovationsbremse für Deutschland darstellen.
Bei all dem, was wir vonseiten der Bundesregierung in
dieser Legislaturperiode schon getan haben, geht es
– das haben wir auch im Koalitionsvertrag festgeschrie-
ben – dezidiert um den Schwerpunkt „Berufliche Ausbil-
dung stärken“. Wir nennen das Initiative „Chance Be-
ruf“.

Der Qualitätsmix, den wir auch immer im Verhältnis
zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung hat-
ten, ist für Deutschland wichtig. Deswegen muss ein
politischer Schwerpunkt – hier geht es noch nicht um die
einzelnen Maßnahmen – in dieser Legislaturperiode
sein, die Attraktivität der beruflichen Ausbildung zu
stärken. Dabei geht es um Qualitätsverbesserung und
Gleichwertigkeit. Formal ist die Gleichwertigkeit an vie-
len Stellen gegeben – zum Beispiel zwischen Bachelor
und Meister –, aber nicht in der Wahrnehmung der Men-
schen. Das gilt für die jungen Menschen, aber vor allen
Dingen auch für die Eltern und die Großeltern.

Es ist deswegen wichtig, effektive Maßnahmen zu er-
greifen, damit sehr viele junge Menschen von der Schule
direkt in die Ausbildung gehen und keine Umwege ma-
chen. Wir haben erfolgreiche Modelle erprobt. Ich sage
allerdings: In Deutschland kann man Modelle ohne Ende
machen; wichtig ist aber immer, dass so etwas auch sys-
tematisch in großem Umfang bzw. flächendeckend ge-
macht wird.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Das heißt, wir müssen aus dem, was wir erprobt haben
und was sich bewährt hat, den Regelfall machen.

Als Beispiel nenne ich die Bildungsketten. Dabei han-
delt es sich um eine Initiative des BMBF. Bei ihr ging es
zum einen darum, Schulabbrüche zu verhindern, und
zum anderen, für eine Berufsausbildung zu motivieren.
Das sollte zum Teil durch Ehrenamtliche begleitet wer-
den, um den Abschluss bzw. den Berufseinstieg zu
schaffen. Diese Bildungsketten sind sehr effektiv und
werden überall geschätzt. Sie enthalten individuelle und
präventive Beratung; das stellt für mich ein Stück weit
eine Zauberformel dafür dar, dass es gelingt, die berufli-
che Ausbildung zu stärken. Es soll also nicht erst dann
ein Nachhaken geben, wenn man merkt, dass es bei ei-
nem 27-Jährigen nicht funktioniert hat, sondern es soll
individuell und präventiv beraten werden. Die Bildungs-
ketten sind dafür ein Beispiel. Wir haben mit verschiede-
nen Bundesländern – zum Beispiel Thüringen und Hes-
sen – schon Verträge geschlossen. Sie wollen das auch
mit eigenen Mitteln in großem Maßstab entsprechend
implementieren. Potenzialanalysen und Möglichkeiten
zum Ausprobieren gehören dazu.

Wir wollen aber auch die anderen vorhandenen För-
derinstrumente wie „Schulverweigerung – Die
2. Chance“ integrieren sowie neue entwickeln, die wir
dann vorstellen werden.

An dieser Stelle eine Bemerkung zum Übergangssys-
tem. Zu diesem Punkt wird später sicher vonseiten der
Linken gesagt, dass soundso viele im Übergangssystem
sind.


(Dr. Rosemarie Hein [DIE LINKE]: Das stimmt!)


– Ist es nicht so, Frau Hein? Doch, das nehme ich an.


(Dr. Rosemarie Hein [DIE LINKE]: Doch, doch!)


Ich erinnere daran: Das Übergangssystem war wichtig
und notwendig, als wir deutschlandweit viel zu wenig
Ausbildungsplätze hatten. Die Länder haben sich mit
großen finanziellen Mitteln daran beteiligt. Hunderttau-
sende junger Leute sind in diesem Übergangssystem ge-
wesen. Von 2005 bis jetzt ist es gelungen, die Zahl derer,
die sich im Übergangssystem befinden, um ein Drittel zu
reduzieren. Es gibt die Ansicht, das Übergangssystem
abzuschaffen. Das halte ich für völlig verfehlt. Wir brau-
chen das Übergangssystem zum einen, um die Ausbil-
dungsfähigkeit der Schulabbrecher, die es trotz aller Be-
mühungen nicht schaffen, zu sichern; zum Glück sind es
nur noch 5,9 Prozent und nicht mehr 12 Prozent. Zum
anderen ermöglicht das Übergangssystem jungen Leu-
ten, notwendige Voraussetzungen zu erhalten; sie kön-





Bundesministerin Dr. Johanna Wanka


(A) (C)



(D)(B)

nen so beispielsweise, wenn sie Erzieher werden wollen,
ein Praktikum absolvieren. Das heißt, wir brauchen ein
Übergangssystem, das wirklich zur Ausbildung befähigt
bzw. dabei Unterstützung leistet. Weil die Länder dieses
System in starkem Maße tragen, wollen wir vonseiten
meines Hauses mit ihnen verhandeln, wie man es zu-
rückbauen kann. Hier geht es ja auch um unbefristete
Arbeitsplätze für Lehrer und anderes, was sich über die
ganze Zeit entwickelt hat.

Es geht aber nicht nur darum, die nicht so leistungs-
starken Schüler in die Ausbildung zu bekommen, son-
dern es geht uns auch darum, dass leistungsstarke Schü-
ler eine Ausbildung aufnehmen, statt dass alle in die
Hochschulen drängen und wir dann hohe Abbrecherzah-
len zu verzeichnen haben. Wie kann man das erreichen?
Auch hier gibt es vielfältigste Ansichten. Auf keinen
Fall kann man es durch einfache Verbote erreichen. Das
funktioniert nicht. Der NC, also die Zulassungsbeschrän-
kung, ist eine Möglichkeit der Steuerung. Nehmen Sie
aber zum Beispiel den Studiengang Psychologie. Bun-
desweit gibt es an allen Hochschulen Zulassungsbe-
schränkungen.


(Zuruf des Abg. René Röspel [SPD])


Der Effekt ist, dass nun in Innsbruck heftig darüber dis-
kutiert wird, dass 90 Prozent derjenigen, die dort Psy-
chologie studieren, Deutsche sind. Einfach zu beschrän-
ken, heißt also nicht, dass sie dann entsprechend eine
Ausbildung beginnen,


(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Ich stimme Ihnen zu als Psychologe!)


sondern auch hier gilt: individuell und präventiv.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Es muss also deutlich gemacht werden, dass jeder nur
dann ein Studium beginnen soll, wenn er die Chance hat,
es wirklich erfolgreich abzuschließen, und dafür gesorgt
werden, dass nicht so viele nur aus Statusgründen ein
Hochschulstudium aufnehmen.

Etwas, was wir dafür tun können, ist, die Durchlässig-
keit, das Hin und Her zu erhöhen, sodass man mit einer
guten beruflichen Ausbildung an die Hochschule gehen
kann, sodass aber auch die, die abbrechen – die wird es
immer geben –, von der Wirtschaft als kluge junge Leute
gut aufgenommen werden. Dass wir diese Durchlässig-
keit in Deutschland nicht haben, hielt ich immer für ei-
nen Mangel. Daran, dass es zu dieser geringen Durchläs-
sigkeit kam, waren wir zum Teil selbst schuld. Viele
Jahre galt in Deutschland die These: Bei uns ist das Abi-
tur die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung und
nichts anderes. Das ist jetzt rechtlich aufgebrochen;
Möglichkeiten gibt es jetzt. Damit funktioniert es aber
nicht ohne Weiteres. Es gehören viele flankierende Maß-
nahmen dazu, um zu erreichen, dass aufgrund der
Durchlässigkeit Betriebe eher junge Leute bekommen,
weil sie wissen: Ich kann weiter, wenn ich will. – Aber
zugleich sollen auch nicht alle diesen Weg gehen; denn
auch die Betriebe brauchen gute Leute.
Ich appelliere auch an die Betriebe, bei den Ausbil-
dungsanstrengungen nicht nachzulassen. Wenn Sie sich
den Berufsbildungsbericht genau anschauen, dann stel-
len Sie fest, dass wir einen Rückgang der Ausbildungs-
platzangebote nicht bei den großen und mittleren Unter-
nehmen, sondern vor allen Dingen bei den kleinen
Firmen zu verzeichnen haben. Zum Teil ist es auf die
Frustration zurückzuführen, dass sie jahrelang keine
Auszubildenden bekommen haben. Deswegen ist ein
Schwerpunkt unserer Arbeit, gerade die kleinen und
mittleren Unternehmen sowie von Migranten geführte
Unternehmen dazu zu befähigen, dass sie Ausbildungs-
plätze zur Verfügung stellen. Im Rahmen von Jobstarter
wollen wir bald eine neue Initiative verkünden.

Meine Damen und Herren, wir haben bei der Initia-
tive „Chance Beruf“ viele Komponenten, die hier nicht
erwähnt werden können, und sprechen die unterschied-
lichsten Zielgruppen an, zum Beispiel Alleinerziehende
und andere. Die vor uns liegenden Herausforderungen
werden wir mit der nationalen Allianz für Aus- und Wei-
terbildung, die wir im Koalitionsvertrag vereinbart ha-
ben, thematisieren und anpacken. Wir brauchen über-
greifende Lösungsansätze – Bund, Länder, Arbeitgeber,
Sozialpartner, Schulen –, um einen systematischen Ef-
fekt zu erzielen und nicht in diesen Engpass zu geraten,
vor dem uns allen graut. Alle, die an diesem Berufsbil-
dungssystem beteiligt sind, müssen sich aktiv einbrin-
gen. Wir wollen dafür sorgen, dass jeder in diesem Land
eine Chance hat und von dem System profitieren kann.
Deshalb gibt es dieses umfassende Bildungspaket. Da-
mit wird es uns gelingen, die berufliche Ausbildung zu-
kunftsfähig zu machen.

Danke schön.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803600100

Für die Fraktion Die Linke hat nun die Kollegin

Rosemarie Hein das Wort.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Rosemarie Hein (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803600200

Vielen Dank, Herr Präsident. – Liebe Kolleginnen

und Kollegen! Liebe Frau Ministerin, ich habe ein Pro-
blem damit, wenn Sie sich hier vorne hinstellen und sa-
gen: „Wir sind ja im Prinzip ganz gut“, dann aber Zahlen
benennen, die durchaus bedenklich sind. Statt konkret
darauf einzugehen, sagen Sie immer wieder: „Wir sind
auf dem Weg, wir lösen das.“ Wir lösen das seit Jahren
nicht, eigentlich seit Jahrzehnten nicht. Schon im Januar
hat das Bundesinstitut für Berufsbildung die Ausbil-
dungsplatzzahlen und die Arbeitsmarktzahlen für diesen
Bereich vorgelegt. Das war damals schon ein Ausrufe-
zeichen. Heute reden wir über den Bericht, der auf genau
diesen Zahlen beruht.

Es ist eben so – Sie haben es vorhin gesagt –: Die
Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze und die Zahl
der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge sind auf
historische Tiefststände gesunken. Seit gestern ist die
Zahl von 4,3 Prozent weniger abgeschlossenen Ausbil-





Dr. Rosemarie Hein


(A) (C)



(D)(B)

dungsverträgen im Jahr 2013 im Gespräch; es sind nicht
bloß 3,7 Prozent weniger. Die Zahl ist also deutlich
schlechter geworden. Zugleich sind mehr Ausbildungs-
plätze als im Vorjahr unbesetzt geblieben; 33 000 Stellen
sollen es sein. Und die Betriebe klagen zunehmend da-
rüber, dass sie keine geeigneten Bewerberinnen und Be-
werber finden. Die Bundesregierung spricht dann von
„Passungsproblemen“. Ich finde, das ist eine Beschöni-
gung der Situation.

Sie hatten sicherlich gehofft, dass sich das Problem
der Versorgungslücke bei Ausbildungsplätzen mit den
zurückgehenden Schülerzahlen löst. Sie müssen aber
nun feststellen, dass für 100 Ausbildungsplatznachfrager
nicht einmal 92 Ausbildungsplatzangebote zur Verfü-
gung standen. Auch hier gibt es seit Jahren keine Verbes-
serung. Für ein auswahlfähiges Angebot an Ausbil-
dungsplätzen müssten – das fordern die Gewerkschaften
seit vielen Jahren – 112 Plätze für 100 Suchende zur Ver-
fügung stehen. Insofern geht es eben nicht um „Pas-
sungsprobleme“, sondern um eine massive, deftige Aus-
bildungsplatzlücke, nicht von nur 21 000 unversorgten
Bewerbern, sondern von 83 000 Suchenden, denen kein
Angebot gemacht werden konnte.

Außerdem – jetzt kommt die Zahl, auf die Sie schon
so lange warten – gibt es immer noch 257 000 junge
Menschen, die in Maßnahmen des sogenannten Über-
gangsbereiches geschickt wurden, in Bildungsmaßnah-
men also, die zu keinem anerkannten Berufsabschluss
führen. Sie sollen zwar die Chance erhöhen, später ein-
mal eine Ausbildung beginnen zu können, aber es gibt
keine Garantie. Ein Lehrer einer berufsbildenden Schule
bestätigte mir vor wenigen Tagen, dass manche Schüle-
rin und mancher Schüler bis zu acht oder gar neun Jahre
in unterschiedlichen Bildungsmaßnahmen oder Bil-
dungsgängen seiner Schule bliebe. Was aber ist das für
ein Bildungssystem, das junge Menschen jahrelang auf
die Wartebank schickt, bevor sie ins Berufsleben eintre-
ten können? Ich finde, wir können uns das nicht leisten.


(Beifall bei der LINKEN)


Es ist noch schlimmer: Die Schülerinnen und Schüler
in den verschiedenen Bildungsmaßnahmen im Über-
gangsbereich zwischen Schule und Berufsausbildung ha-
ben zu 51 Prozent einen Hauptschulabschluss. Der
Hauptschulabschluss gilt in allen Schulgesetzen als der
Abschluss, der zur Aufnahme einer Ausbildung befähigt,
also die Ausbildungsreife bestätigt. Was aber ist von
dem von der Koalition oft als erstrebenswert angesehe-
nen Ziel zu halten, dass jeder wenigstens einen Haupt-
schulabschluss macht, wenn man hinterher damit gar
keinen Ausbildungsplatz bekommen kann? – Nur noch
7 Prozent der Unternehmen stellen Azubis mit Haupt-
schulabschluss ein. Wie soll man denn da motivieren,
auf diesen Hauptschulabschluss hinzuarbeiten? Ich finde
da keine Argumente mehr. Ich kann den Schülerinnen
und Schülern doch nicht sagen: Macht doch mal wenigs-
tens den Hauptschulabschluss! Dann habt ihr zwar auch
keine Perspektive, aber immerhin einen Abschluss.

Die Bundesregierung schickt dann Berufseinstiegsbe-
gleiter los, die den benachteiligten Jugendlichen helfen
sollen, den Weg in den Beruf zu finden. Aber was sind
die vielen Hilfsprogramme wert, wenn das Erreichen
oder das Nachholen des Hauptschulabschlusses eben
nichts bewirkt?

Das ist noch nicht alles; denn mehr als 25 Prozent der
Schülerinnen und Schüler im Übergangsbereich haben
sogar einen Realschulabschluss. Drei Viertel der in den
Übergangsbereich Abgeschobenen verfügen also über
eine ausreichende Qualifizierung, um eine Ausbildung
aufnehmen zu können. Wieso kann immer noch von
Fachkräftemangel geredet werden, wenn wir so vielen
jungen Menschen erst so spät oder gar nicht eine Chance
geben? Nein, es muss für alle Jugendlichen einen ver-
brieften Rechtsanspruch auf eine Ausbildung geben, und
darum fordern wir das auch in unserem Antrag.


(Beifall bei der LINKEN)


Ihr Ausbildungspakt ist gescheitert. Eine Neuauflage,
gleich unter welchem Namen Sie die Karte im Koali-
tionsvertrag versteckt haben, lohnt sich nicht. Denken
Sie endlich über eine Umlagefinanzierung nach, die alle
Unternehmen angemessen ins Boot holt. Es ist höchste
Zeit, umzudenken.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Ich möchte noch eine Unmöglichkeit ansprechen,
auch wenn sie im Berufsbildungsbericht nur am Rande
vorkommt. Fast jede oder jeder von uns dürfte irgend-
wann schon einmal in die Verlegenheit gekommen sein,
sich den verspannten Rücken wieder richten lassen zu
müssen. Dann geht man zu einem Physiotherapeuten,
der kriegt das wieder hin. Ich habe neulich meine Phy-
siotherapeutin nach den Konditionen ihrer Ausbildung
gefragt. Sie kostete für sie vor einigen Jahren noch etwa
300 Euro im Monat, und das drei Jahre lang. Eine Aus-
bildungsvergütung gab es nicht. Von wem auch? Es ist ja
kein dualer Ausbildungsberuf. So geht es auch Logopä-
dinnen, Ergotherapeuten, Heilerziehungspflegerinnen,
Altenpflegerinnen usw.

Für die Gesundheits- und Sozialberufe sind die Län-
der zuständig, auch wenn es entsprechende Bundesge-
setze zu Ausbildung und Berufsanerkennung gibt. Zum
großen Teil erfolgen diese Ausbildungen in berufsbil-
denden Ersatzschulen, und die zahlen nicht, sondern die
kosten, und zwar zwischen 300 Euro und 500 Euro im
Monat. Daran ändern auch die gesetzlichen Regelungen
zur Finanzierung der Gesundheits- und Krankenpflege-
berufe und der Altenpflegeausbildung nichts. Da nicht
dual Ausgebildete keine Ausbildungsvergütung erhalten,
fordern wir in unserem Antrag, dass das Schüler-BAföG
reformiert werden muss.


(Beifall bei der LINKEN)


Wohl gemerkt: Es handelt sich hier nicht um eine Maß-
nahme des Übergangsbereiches und nicht um eine Aus-
bildung über den Bedarf hinaus; denn in der Regel
finden die so Ausgebildeten hinterher alle einen Job.
Zählt man die Erziehungsberufe hinzu, zeigt sich auch,
dass es nicht um eine kleine Gruppe geht. Es sind etwa
200 000 junge Menschen, die jährlich diese so wichtigen
Berufe ergreifen. Da muss sich endlich etwas ändern.





Dr. Rosemarie Hein


(A) (C)



(D)(B)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das sind nur einige
von ganz vielen Baustellen, die uns der Berufsbildungs-
bericht aufzeigt. Ich kann sie in der kurzen Zeit nicht alle
auch nur annähernd nennen. Es scheint so, als müssten
wir in Bezug auf unser gesamtes Bildungssystem um-
denken.

Herr Rossmann hat gestern in einem Gespräch im Bil-
dungsausschuss geäußert, dass wir möglicherweise da-
rüber nachdenken müssen, ein Bildungsgesetz zu ma-
chen. Ja, ich finde ein Bildungsrahmengesetz über alle
Bildungsbereiche hinweg, das Rechtsansprüche, soziale
Rahmenbedingungen und wesentliche Bildungsziele und
Bildungswege für alle regelt, könnte ein Weg sein, aus
dem Wirrwarr von Regelungen und dem Förderungs-
dschungel herauszukommen und Bildung für alle zu ver-
bessern. Dann müssen wir allerdings auch wieder über
die Aufhebung des Kooperationsverbotes und des Ver-
bots der Bildungszusammenarbeit reden, und zwar nicht
nur im Hochschulbereich, sondern in allen Bildungsbe-
reichen. Vielleicht wächst in der Koalition ja so langsam
die Einsicht.

Danke schön.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803600300

Rainer Spiering ist der nächste Redner für die SPD-

Fraktion.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Rainer Spiering (SPD):
Rede ID: ID1803600400

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Wir können uns glücklich schätzen, über das
Instrument der dualen Berufsausbildung zu verfügen –
ein ausgesprochen komplexes System mit vielen unter-
schiedlichen Beteiligten. Ich möchte einige nennen: be-
rufsbildende Schulen, Bund, Länder, Kommunen, Ge-
werkschaften, Kammern, viele andere Sozialpartner und
vor allen Dingen viele engagierte junge Menschen.

Das besondere System unserer Berufsausbildung ver-
setzt Jugendliche in die Lage, ein selbstbestimmtes Le-
ben zu führen. Zahlen sprechen hier eine klare Sprache.
Deutschland verzeichnete 2013 mit unter 8 Prozent
europaweit die geringste Jugendarbeitslosenquote; ak-
tuell sind es – die neuen Zahlen liegen vor – 5,5 Prozent.


(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Sehr gut!)


Zum Vergleich: In Spanien liegt sie bei über 50 Prozent.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Frau Dr. Hein, gestatten Sie mir eine Bemerkung, da
ich aus dem System komme – ich bin seit fast 30 Jahren
Berufsschullehrer –: Meine Betrachtung des Systems steht
in diametralem Gegensatz zu Ihrer.


(Dr. Rosemarie Hein [DIE LINKE]: Schade!)


Ihre ist eine Außenbetrachtung, die über Zahlen geht,
und meine stammt aus dem inneren Erleben, wie das Be-
rufsbildungssystem funktioniert. Wenn unser System so
schlecht wäre, wie Sie es darstellen, dann hätten wir die
Erfolge der letzten 50 Jahre nicht verzeichnen können.
Mit Ihren Darstellungen machen Sie das alles schlecht.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Ich möchte das an meinem Werdegang verdeutlichen:
aufgewachsen in der Familie eines kleinen Handwer-
kers, nach der Schule Ausbildung und dann der klassi-
sche zweite Bildungsweg: Fachabitur, Studium zum
Diplom-Ingenieur an der Fachhochschule und dann Stu-
dium zum Gewerbelehrer in Hamburg. Dazu sage ich
ganz deutlich: ein erfülltes Berufsleben mit dem Start-up
Lehre. Das ist das, was unser System ausmacht und was
es wirklich stark macht.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803600500

Herr Kollege Spiering, darf die Kollegin Hein Ihnen

einen Zwischenfrage stellen?


(Ralph Brinkhaus [CDU/CSU]: Die war doch gerade!)



Rainer Spiering (SPD):
Rede ID: ID1803600600

Gerne.


Dr. Rosemarie Hein (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803600700

Vielen Dank, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. –

Ich schätze Ihre Kompetenz; das ist gar keine Frage.


(Beifall des Abg. Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD])


Ich habe mich gefreut, dass wir jetzt einen Berufsbildner
im Ausschuss haben, der das Ganze aus der Praxis sieht.
Möglicherweise haben Sie mich ja missverstanden; denn
ich rede nicht das System schlecht, nicht das, was in den
Berufsschulen passiert. Vielmehr ist das, was den Ju-
gendlichen zugemutet wird, schlecht. Diese Erkenntnis
basiert nicht auf einer Außensicht, sondern auf dem, was
mir von vielen Berufsschullehrerinnen und Berufsschul-
lehrern seit vielen Jahren angetragen wird. Ein Berufs-
schullehrer hat mir sogar gesagt: Einige Schülerinnen
und Schüler bleiben länger in diesem System, als sie in
der allgemeinbildenden Schule waren. – Das macht mich
schon nachdenklich. Würden Sie mir recht geben, dass
das ein Problem ist?


Rainer Spiering (SPD):
Rede ID: ID1803600800

Frau Dr. Hein, ich betrachte das Problem anders. Ja,

wir haben bei uns Schüler, die eine längere Zeit in die-
sem System verbleiben. Sie bleiben aber sicherlich
längst nicht so lange, wie sie in einer allgemeinbilden-
den Schule waren. Ein großer Vorteil unseres Systems
ist, dass es bei uns kein Hängenbleiben gibt. Ich betone
„bei uns“, weil ich immer noch als Berufsschullehrer so-
zialisiert bin.

Wir haben am Ende der Berufsausbildung ja zwei
Faktoren, die unser System von anderen Systemen maß-
geblich unterscheiden: Vor den Kammern machen un-
sere Jungs und Mädels ihren Abschluss als Facharbeiter
und Facharbeiterinnen. Damit haben sie einen eigenstän-





Rainer Spiering


(A) (C)



(D)(B)

digen Systemabschluss. Deswegen brauchen wir kein
Hängenlassen. Zusätzlich vergeben wir – jetzt komme
ich zur Durchlässigkeit des Systems – den Abschluss der
berufsbildenden Schulen, der in den Sek-I- oder Sek-II-
Bereich führen kann. Das heißt, wir bieten zwei Ab-
schlussmöglichkeiten. Deswegen brauchen einige Schü-
ler vielleicht ein bisschen länger. In unserem System
wird aber niemand sieben oder acht Jahre verbleiben,


(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist arrogant!)


es sei denn – Frau Dr. Hein, vielleicht haben Sie das
nicht verstanden, was möglich ist –, nach der Facharbei-
terausbildung wird ein Meister- oder Technikerbrief an-
gestrebt. Dann verbleiben sie länger bei uns. Dann erhal-
ten sie aber auch einen entsprechend hochkarätigen
Abschluss.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Sabine Zimmermann [Zwickau] [DIE LINKE]: Vielleicht ist das auch nur ein Segment, was Sie sehen!)


– Sie müssen nicht mit mir schimpfen.


(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Schön, dass Sie uns noch einmal die Welt erklären! Das ist einfach nur arrogant! – Gegenruf des Abg. Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Jetzt haben Sie es doch auch verstanden! – Sabine Zimmermann [Zwickau] [DIE LINKE]: Aber auch das ist nur ein Ausschnitt!)


Durch meine Arbeit als Berufsschullehrer bin ich im-
mer wieder auf zwei Eigenschaften gestoßen, die ich als
Voraussetzung für eine erfolgreiche Berufsausbildung
ansehe – die sind mir wirklich wichtig –: Sprache und
Sozialverhalten. Gute schriftliche und mündliche Aus-
drucksfähigkeit ist wichtig, um Arbeitsanweisungen oder
Aufträge zu verstehen und umzusetzen. Und ein gutes
Sozialverhalten ist notwendig, um mit Kollegen, Vorge-
setzten und Kunden klarzukommen. Das sind für mich
die Kernkompetenzen, um die es erst einmal geht. Diese
beiden Kompetenzen werden schon im Kleinkindalter
angelegt und sollten deshalb auch früh gefördert werden.
Krippe und Kita können das sehr gut leisten.

Noch eine sehr persönliche Bemerkung dazu: Es kann
nicht angehen, dass im Rahmen des dualen Systems die
Erzieherausbildung teilweise kostenpflichtig ist. Hier
besteht dringend Handlungsbedarf. Den angehenden Er-
zieherinnen und Erziehern muss geholfen werden, sie
müssen entlastet werden.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die Anzahl der Betriebe, die ausbilden – die Frau
Ministerin hat das gesagt –, ist zurückgegangen. Die
Quote liegt bundesweit bei nur noch 21 Prozent. Gerade
Kleinstunternehmen haben sich aus der Berufsausbil-
dung partiell zurückgezogen. Lehrstellen bleiben unbe-
setzt – ja, das ist wahr –, und gleichzeitig stehen Jugend-
liche ohne Ausbildungsplatz da; auch das ist wahr. Die
Frage ist: Wie antwortet das System darauf? Antwortet
es mit staatlicher Stringenz und versucht es, Rahmen zu
setzen, die nicht einzuhalten sind, oder schafft das Sys-
tem Anreizsysteme? Wir sind eindeutig dafür, Anreiz-
systeme zu schaffen und Hilfen zu geben.

Noch eine weitere Bemerkung – auch das hat die Frau
Ministerin gesagt –: Erstmalig ist die Zahl der Studenten
größer als die Zahl der Auszubildenden. Unsere Form
der Berufsausbildung ist ein wesentliches Merkmal des
erfolgreichen Industrie- und Wirtschaftsstandorts Deutsch-
land. Es muss unsere Aufgabe sein, möglichst viele
Menschen für die greifbaren Chancen des Systems zu
begeistern.

In den letzten Jahren hat sich etwas verändert: In vie-
len Berufen hat sich das Anforderungsprofil an die Aus-
zubildenden mit rasanter Geschwindigkeit geändert. Der
Transfer der Wissensgesellschaft, das heißt, der Weg von
Neuentwicklungen hinein in die Betriebe, findet bei uns
fast in einer Eins-zu-eins-Situation statt. Wir müssen zu-
sammenführen, was zusammengehört. Wenn Studenten
erkennen, dass ein Studium vielleicht nicht das Richtige
für sie ist, würde ich das nicht als Scheitern darstellen.
Vielmehr handelt es sich um die Erkenntnis: Ich muss
bzw. ich kann einen anderen Weg gehen. – Wir haben
glücklicherweise das System der dualen Berufsausbil-
dung. Diese Möglichkeit müssen wir den Studentinnen
und Studenten auch anbieten, und zwar auch in den Uni-
versitäten. Wir müssen Stellen schaffen, wo solche Stu-
denten beraten und begleitet werden. Wir dürfen sie
nicht alleinelassen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Zur Wahrheit und zu unseren Erkenntnisprozessen ge-
hört übrigens auch: Häufig ist der gut ausgebildete Fach-
arbeiter besser entlohnt als der gut ausgebildete Aka-
demiker oder vor allen Dingen auch als die gut
ausgebildete Akademikerin.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Vor allem das Letztere! – Gegenruf des Abg. Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Da haben Sie recht! Leider!)


Eine große Chance unseres Systems ist es, als Unter-
nehmer in kleinen und mittelständischen Betrieben
selbstständig tätig zu sein. Das ist – ich betone das – ein
Wert für sich, unabhängig vom materiellen Erfolg. Ich
habe das als Kind in meiner Familie erlebt. Selbstständig
zu agieren und tätig zu sein, ist eine wunderbare Mög-
lichkeit in unserem Land.

Jetzt noch etwas sehr Kritisches. In den vergangenen
Jahren gab es gelegentlich von der einen oder anderen
Seite negative Töne über die Ausbildungsfähigkeit der
Jugendlichen. Das hat mich sehr geärgert, und es hat die
Jugendlichen betroffen gemacht.


(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Uns auch!)


Ihre Neigung, eine Ausbildung zu beginnen, hat das be-
stimmt nicht gefördert. Ich finde, Betriebe sollten auch
den jungen Menschen eine Chance geben, die nicht auf
den ersten Blick einen pflegeleichten Eindruck machen
und nicht die besten Zeugnisse mitbringen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)






Rainer Spiering


(A) (C)



(D)(B)

Mit der assistierten Ausbildung gibt es die Möglichkeit,
allen Beteiligten bei eventuellen Problemen zu helfen.

Wir haben einige Möglichkeiten, den Jugendlichen
im System zu helfen. Eine davon sind die Jugendberufs-
agenturen. Die Jugendberufsagentur in Hamburg – das
ist bekannt – zeigt einen Weg auf, der für den Stadtstaat
Hamburg gangbar ist, weil alles aus einer Hand passiert.
Ich glaube, unsere Anstrengung muss darauf hinauslau-
fen, dass wir dieses Beispiel, dieses Hamburger Modell,
soweit es möglich ist, in die Länder und in die Regionen
transferieren. Auf Grundlage dieses Hamburger Modells
kann dann – die Anforderungen sind regional unter-
schiedlich; man muss das Modell an das System in der
jeweiligen Region anpassen – den jungen Menschen
passgenau geholfen werden.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Vorrangig sollen Schulabgänger in die betriebliche
Ausbildung gehen. Aber für diejenigen, die keinen Aus-
bildungsplatz finden, müssen wir auf Zeit ausreichend
Plätze im überbetrieblichen Bereich bereithalten. Ich be-
tone das: Wir müssen diesen überbetrieblichen Bereich
halten, auch wenn es Stimmen dagegen gibt. In dieses
Puffersystem können wir die jungen Menschen aufneh-
men. Wir können sie mithilfe der berufsbildenden Schu-
len, die exzellent arbeiten, begleiten und für den ersten
Ausbildungs- bzw. Arbeitsmarkt befähigen. Dort können
wir ihnen das, was ihnen vielleicht noch fehlt, beibrin-
gen. Die berufsbildenden Schulen können das wirklich
gut – ich weiß das; denn ich komme aus diesem Bereich –
und werden das auch tun. Wir müssen ihnen aber auch
die Chance dazu geben.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Wir wissen, dass 90 000 Jugendliche zurzeit nicht
wissen, wie sie ihren Lebensweg nach der Schule gestal-
ten. Der Datenschutz spielt bei der Lösung dieses Pro-
blems eine große Rolle. Wir müssen im Rahmen der
gesetzlichen Möglichkeiten herausfinden – auch das ma-
chen die Hamburger gut vor –, wo diese jungen Men-
schen sind. Denn nur wenn wir wissen, wo diese jungen
Menschen sind, können wir ihnen auch helfen. Wenn du
nicht weißt, wo jemand ist, kannst du ihm auch nicht
helfen. Deswegen müssen wir unsere Anstrengungen da-
rauf konzentrieren, systemisch dafür zu sorgen, dass wir
alle jungen Menschen erfassen und auf ihrem Lebens-
weg begleiten können.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich merke, dass ich jetzt durch meine restliche Rede
hetzen muss.


(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Ruhig Blut!)


Lassen Sie mich noch zwei Punkte anmerken, die mir
ganz wichtig sind. Wir haben ein historisch gewachsenes
Rollenverhältnis, das nicht mehr zu unserer Zeit passt.
Wir wissen, dass viele junge Frauen keinen der exzellent
bezahlten technischen Berufe ergreifen. Ich habe mit
dem Betriebsratsvorsitzenden der Meyer-Werft darüber
gesprochen. Nur 10 Prozent der Arbeitsplätze in einer
solch toll arbeitenden Firma sind mit Frauen besetzt. Das
sind angesichts unserer Bevölkerungsstruktur deutlich
zu wenig.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Wir müssen unsere jungen Frauen, beginnend in
Krippe und Kita und nachfolgend in der Schule, dafür
begeistern, diese technisch anspruchsvollen Berufe zu
ergreifen, damit sie ordentlich Geld verdienen, gut in
diesem System leben können und vor allen Dingen ein
freies, selbstbestimmtes Leben führen können.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803600900

Das wäre, Herr Kollege, ein vorzüglicher Schlusssatz.


Rainer Spiering (SPD):
Rede ID: ID1803601000

Abschließend – wenn mir diese Bemerkung noch ge-

stattet ist –: Wir werden im universitären System etwas
ändern müssen. Früher ist Berufsbildung ein eigenstän-
diges Merkmal an Universitäten gewesen; das hat sich
systemisch verändert. Ich glaube, wir müssen dahin zu-
rückkommen. Die Berufsbildung muss an den Universi-
täten wieder den Stellenwert bekommen, der ihr zusteht.
Denn nur dann ist das System dazu in der Lage, auf wis-
senschaftlicher Basis Erkenntnisse zu sammeln und sie
in unsere Berufsbildung einzuspeisen.

Herzlichen Dank und Entschuldigung fürs Überzie-
hen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803601100

Das Wort erhält nun die Kollegin Beate Walter-

Rosenheimer für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Der Berufsbildungsbericht 2014 liegt uns jetzt
vor, und ich darf das erste Mal dazu sprechen. Ich kann
nur sagen – auch wenn das bei Ihnen ein bisschen anders
klingt –: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Wir sind ge-
rade mitten im Europawahlkampf und deshalb in Europa
bzw. in unseren Wahlkreisen in Deutschland unterwegs.
Wir sehen, dass wir im europäischen Vergleich sehr gut
dastehen; das ist eine Tatsache. Wir sehen, welch un-
schätzbaren Wert ein guter Start ins Berufsleben für Ju-
gendliche hat. Wir sehen aber auch, wie bedrückend es
ist, wenn Perspektiven fehlen.

Wir brauchen gar nicht weit zu schauen, um in unse-
ren Nachbarländern ein unglaubliches Ausmaß an Ju-
gendarbeitslosigkeit vorzufinden; das haben auch Sie
schon beschrieben. Griechenland, Portugal und Spanien
bieten jungen Menschen nur geringe Perspektiven. Bei
uns hingegen läuft vieles gut; das ist eine Tatsache. Wir
werden von vielen Ländern beneidet. Unser duales Sys-
tem wäre ein Exportschlager, wenn es verkäuflich wäre.





Beate Walter-Rosenheimer


(A) (C)



(D)(B)

Aber unser Berufsbildungssystem hat auch Schwachstel-
len. Ich finde, es ist wichtig, das zu artikulieren und Lö-
sungen aufzuzeigen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Das tun Sie in meinen Augen nicht. Das, was wir von Ih-
nen bisher gesehen und gehört haben, ist, wie wir finden,
zu wenig. Wir finden das mutlos und halten es für nicht
geeignet, um den aktuellen Herausforderungen, von de-
nen Sie, Frau Wanka, sprechen, gerecht zu werden.

Sehr geehrte Frau Ministerin, Sie sprechen auf Ihrer
Homepage davon, dass sich der Ausbildungsmarkt än-
dert. Ich weiß ja nicht, welchen Vergleichsmaßstab Sie
anlegen. Aber aus unserer Sicht und nach unserer Ana-
lyse hat sich leider nichts verändert,


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Was?)


sondern die Probleme haben sich manifestiert. Das ist
doch der Punkt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Volker Kauder [CDU/CSU]: Aber in BadenWürttemberg müsste sich etwas verändert haben! Da regiert ihr doch jetzt!)


Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsver-
träge ist wieder gesunken, um 4,3 Prozent. Das liegt
nicht nur am demografischen Wandel. Der Übergangs-
sektor – er ist heute schon beschrieben worden –, in dem
viele Jugendliche für längere Zeit quasi geparkt werden,
ist weiterhin viel zu groß. Über eine Viertelmillion jun-
ger Menschen – das sind über 250 000 junge Men-
schen – hängt da jahrelang gewissermaßen herum, ohne
eine wirkliche Aussicht zu haben und ohne einen Ab-
schluss zu erreichen. Das sind für uns zu viele,


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


auch wenn die Zahlen insgesamt leicht rückläufig sind.

Nebenbei bemerkt: Es gibt auch viele Betriebe im
Land, die händeringend Auszubildende suchen, sie aber
nicht finden. Außerdem herrscht Fachkräftemangel. Hier
stimmt sozusagen das Matching nicht. Man muss
schauen, wie man das besser hinbekommt. Hier muss
man etwas tun.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Vor diesen Herausforderungen stehen wir, und ihnen
müssen wir uns stellen. Hier besteht Handlungsbedarf.
Worte allein nützen da nichts. Ich finde, unsere grüne
Position, die wir auch in unserem heute vorliegenden
Antrag formuliert haben, ist nach wie vor aktuell und
richtig. Wir brauchen eine Reform des Übergangs-
dschungels, der für viele eine ewige Warteschleife dar-
stellt und undurchsichtig ist, wir brauchen verbindliche
Zusagen und Angebote an junge Menschen, und wir
müssen vor allem einen richtigen Kraftakt leisten, um all
den Jugendlichen, die es alleine nicht schaffen, Perspek-
tiven aufzuzeigen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Koalition,
der Antrag, den Sie heute vorlegen, ist für uns nicht ge-
rade der große Wurf.


(Willi Brase [SPD]: Wie bitte? – Rainer Spiering [SPD]: Aber immerhin ein Wurf!)


– Ich sage Ihnen gleich etwas dazu. – Der Deutsche Bun-
destag soll demnach Absichtserklärungen und Prüfvor-
haben begrüßen. Die Bundesregierung soll zu Selbstver-
ständlichem oder bereits Bestehendem aufgefordert
werden. Außerdem soll der Bundestag Dinge feststellen,
die Sie durch Ihre eigene Haushaltspolitik gerade konter-
karieren. Verzeihen Sie bitte, aber Sie ermüden teilweise
durch Begrifflichkeiten, denen es an Substanz fehlt. Ich
zitiere:

Alle an der Ausbildung beteiligten Akteure sollen
eine Ausbildungsgarantie umsetzen …


(Albert Rupprecht [CDU/CSU]: Entschuldigung, das ist substanziell!)


– Ja. Mich interessiert aber brennend, was Sie unter Aus-
bildungsgarantie verstehen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Unsere entsprechenden Nachfragen dazu haben Sie lei-
der noch nicht beantwortet. Wie soll die Ausbildungsga-
rantie denn konkret aussehen?


(Albert Rupprecht [CDU/CSU]: Das werden wir in den nächsten Monaten ausführen!)


– Das wollen Sie in den nächsten Monaten sagen. Sie
wecken hier Erwartungen, haben aber anscheinend noch
keinen Plan dafür.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Jetzt ist aber politisches Handeln gefragt.

Ich nenne weitere Beispiele: Sie begrüßen die „Eva-
luation des Berufsbildungsgesetzes“. Sie begrüßen die
„Überprüfung der Maßnahmen im Übergangssystem“.
Sie begrüßen „die Weiterentwicklung des Nationalen
Pakts für Ausbildung … in eine Allianz für Aus- und
Weiterbildung“, ohne überhaupt zu wissen, was dabei
herauskommt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wir finden: Für eine Maximalkoalition sind das wirklich
Minimalaussagen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Noch mehr: Alle Ihre Forderungen stellen Sie auch noch
unter Haushaltsvorbehalt. Da ist überhaupt kein Mumm
drin. Das ist kein Bekenntnis zu einer Reform, das ist ein
zögerliches Lavieren, ohne wirklich Wege aufzuzeigen.


(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Nun kommen Sie!)


Sie fordern die Bundesregierung auf, „Jugendliche
mit Migrationshintergrund bei der Eingliederung in die
Berufsausbildung zu unterstützen“. Guten Morgen! Sie
wollen doch nicht ernsthaft sagen, dass Sie Ihre eigene
Regierung dazu jetzt noch auffordern müssen!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)






Beate Walter-Rosenheimer


(A) (C)



(D)(B)

Sie fordern die Bundesregierung auf, das Berufsorien-
tierungsprogramm „auf sämtliche allgemeinbildende
Schulen auszuweiten“. Das ist toll; aber wie soll das
bitte gehen? Da müssen Sie doch erst einmal das Koope-
rationsverbot aufheben; dann können wir vielleicht
leichter erreichen, was Sie sich jetzt anscheinend auch
vorstellen können.


(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Nein! Da sind Sie auf dem falschen Dampfer!)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, auch wir erkennen,
wie gut die Perspektiven für begabte junge Menschen in
Deutschland sind, und auch wir sehen, dass viele Be-
triebe vorbildlich sind, was die Ausbildung angeht, dass
sie sich wirklich ins Zeug legen, um auch schwächeren
Jugendlichen Chancen zu geben. All denen, die sich so
vorbildlich für die Ausbildung dieser Jugendlichen enga-
gieren, gebührt an dieser Stelle unser herzlicher Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des Abg. Albert Rupprecht [CDU/CSU])


Aber, liebe Koalition, es geht um nicht mehr und
nicht weniger als um die Zukunftschancen unserer Ju-
gendlichen und damit auch um die Zukunft unseres Lan-
des.


(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Jetzt wird es konkret!)


– Ja, jetzt wird es konkret. – Gerade diejenigen, die es
nicht allein schaffen, brauchen unsere Hilfe; die anderen
machen selbst ihren Weg. Sie brauchen Anerkennung für
das, was sie können, Hilfe bei dem, was sie anpacken,
und auch die Sicherheit, beim Scheitern nicht fallen ge-
lassen zu werden. Genau diese Garantie meinen wir
Grüne, wenn wir von Ausbildung sprechen. Von unserer
Seite liegt schon lange ein fundiertes Reformkonzept
vor, das wir heute mit unserem Antrag wieder anspre-
chen.

Ich bitte Sie jetzt nicht um Ihre Zustimmung zu unse-
rem Antrag; das wäre illusorisch. Ich bin jetzt am Ende
meiner Rede angelangt; aber denken Sie nicht, dass es
das von grüner Seite war! Denn – um einen Ihrer be-
rühmtesten Parteikollegen zu zitieren –: „Wenn die an-
deren glauben, man ist am Ende, so muss man erst rich-
tig anfangen“, sagte Herr Adenauer.

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803601200

Nächster Redner ist der Kollege Albert Rupprecht für

die CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Albert Rupprecht (CSU):
Rede ID: ID1803601300

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen!

Liebe Kollegen! Lieber Kollege Spiering, ich teile in
Gänze Ihre Begeisterung für das berufliche Bildungssys-
tem. Es ist weltweit wertgeschätzt, wir werden darum
beneidet. Topqualität bei Produkten, Spitzenprodukte
aus Deutschland sind nur möglich, weil wir topausgebil-
dete Gesellen, Meister und Fachkräfte haben.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Das ist etwas, worauf wir stolz sein können, und das gilt
es zu erhalten.

Trotzdem sage ich explizit dazu: Ich teile nicht die
Beschreibung und auch nicht den Großteil der Instru-
mente, die die Linken und die Grünen vorschlagen. Mir
geht es jetzt um einen vollkommen anderen Aspekt, der
eigentlich bis dato auch von der Opposition nicht thema-
tisiert wurde: Ich habe ein Stück weit die Sorge, dass wir
im Augenblick den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Ich
möchte das begründen mit den Zahlen, die uns seit weni-
gen Wochen vorliegen: Im Jahr 2000 hat ein Drittel der
jungen Menschen studiert. Derzeit studiert die Hälfte
bzw. beginnt mit dem Studium. Wir wollten das auch,
und diese Entwicklung war auch ein Stück weit notwen-
dig. Nach der Prognose der KMK vom 8. Mai dieses
Jahres werden 2020 – das heißt, in nur sechs Jahren –
aber zwei Drittel eines Jahrgangs an die Hochschulen
gehen. Wenn das Realität wird, dann besteht in der Tat
die Gefahr, dass das berufliche Bildungssystem ein
Stück weit kollabiert. Deswegen müssen wir uns über
den richtigen Mix Gedanken machen.

Wenn es so kommt, wie die Prognosen besagen, dann
erleben wir erstens, dass Deutschland die Meister, die
Gesellen und die Fachkräfte ausgehen. Das DIW pro-
gnostiziert für 2020 1,4 Millionen fehlende Facharbeiter
allein im Bereich der MINT-Berufe. Wir alle wissen,
dass diese Prognosen immer unter Annahmen gemacht
werden, aber das sollte und muss uns wachrütteln.

Wir haben die Expansion an den Hochschulen in den
vergangenen Jahren gewollt, und sie war auch richtig.
Ich finde aber, dass jetzt das richtige Maß verloren geht
und dass das Ganze kippt.

Wenn tatsächlich zwei Drittel eines Jahrgangs an die
Hochschulen gingen, dann wäre zweitens die Konse-
quenz nicht nur, dass uns Facharbeiter fehlen würden,
sondern auch, dass noch mehr junge Menschen frustriert
würden. Bereits heute stellen wir nämlich fest, dass – das
ist doch die Realität an den Hochschulen – viele Studen-
ten überfordert sind. 35 Prozent der Studierenden bre-
chen ihr Studium ab oder wechseln das Fach. Jeder
Vierte verlässt die Universität ohne Abschluss.


(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Woher nehmen Sie diese Zahlen?)


Die Zahl der Studierenden, die sagen, dass sie über-
fordert sind und Prüfungsangst haben, nimmt zu. Selbst
diejenigen, die das Studium schaffen, sind zunehmend
frustriert.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wird jetzt das Studium schlechtgeredet, oder wie?)


Es ist doch nicht so, wie es manche formulieren, bei-
spielsweise Dr. Schleicher, der sagt: Werde Akademiker,
dann hast du eine goldene Zukunft. – Auch hier ist die
Situation natürlich viel differenzierter.





Albert Rupprecht


(A) (C)



(D)(B)

Wenn ein Architekt mit 30 Jahren eine Tätigkeit aus-
führt, die eigentlich auch ein 17-jähriger technischer
Zeichner ausführen könnte, und wenn er dafür auch kein
Architektengehalt, sondern das Gehalt eines technischen
Zeichners bekommt, dann stimmt hier etwas nicht.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Studieren mag für viele ein Königsweg sein, aber
nicht für alle. Die Wirklichkeit ist differenzierter. Ich bin
der festen Überzeugung, dass wir uns ernsthaft Gedan-
ken darüber machen und auch thematisieren müssen, ob
die berufliche Ausbildung für viele junge Menschen
nicht der deutlich bessere Entwicklungsweg wäre.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Sehr richtig!)


Wenn es sich wirklich so entwickeln sollte, wie die
KMK prognostiziert, dann würden wir drittens auch die
Hochschulen massiv überfordern. Wenn zwei Drittel ei-
nes Jahrgangs studieren, dann werden die Hochschulen
am Ende, wie es Professor Lenzen formuliert hat, wie es
aber auch das EFI-Gutachten und der Wissenschaftsrat
zum Ausdruck bringen, mehr Berufsschule als Universi-
täten im Sinne von Humboldt sein.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Das sind sie ohnehin schon fast!)


Es stellt sich die Frage: Wie sehen wir die Hochschu-
len? Ich bin der Meinung, wir wollen an den Hochschu-
len nach wie vor eine exzellente akademische Ausbil-
dung für junge akademisch und intellektuell begabte
Menschen. Genauso wollen wir parallel dazu im Bereich
der beruflichen Bildung eine exzellente Ausbildung zum
Gesellen, zum Meister und zur Fachkraft für praktisch
begabte junge Menschen ermöglichen.


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803601400

Herr Kollege Rupprecht, darf der Kollege Gehring Ih-

nen eine Zwischenfrage stellen?


Albert Rupprecht (CSU):
Rede ID: ID1803601500

Gerne.


Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803601600

Herr Rupprecht, Sie formulieren Ihre Thesen ja schon

seit mehreren Wochen und Monaten, und Sie haben auch
in einer Pressemitteilung geschrieben, der gesellschaftli-
che Grenznutzen der Akademisierung sei überschritten
und der Studienwunsch des Einzelnen dürfe nicht mehr
allein maßgeblich sein. Wir als Grüne halten überhaupt
nichts davon, die akademische und die berufliche Bil-
dung gegeneinander auszuspielen;


(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Wir auch nicht!)


denn wir brauchen Meister und Master und nicht Meister
statt Master, wie Sie es formulieren.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN sowie des Abg. Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD])

Ich würde jetzt einfach einmal gerne wissen, welche
Konsequenz Sie aus dem, was Sie jetzt gerade und in
den Pressemitteilungen verkünden, ziehen. Wollen Sie
damit den jungen Menschen in einer freiheitlichen Ge-
sellschaft ernsthaft vorschreiben, was sie künftig ma-
chen, ob sie studieren oder sich beruflich ausbilden las-
sen? Wollen Sie hier eine neue CSU-Planwirtschaft
betreiben und die NC deutlich nach oben treiben? Was
heißt das denn in der Konsequenz, wenn Sie vor einer
Akademisierungswelle warnen? Man muss doch beide
Bereiche attraktiv halten und darf hier jetzt nicht das
Studium schlechtreden. Was ist also Ihre Konsequenz?
NC für alle und Planwirtschaft durch die CSU?


Albert Rupprecht (CSU):
Rede ID: ID1803601700

Kollege Gehring, wir sind in zwei Punkten beieinan-

der. Erstens sind wir darin beieinander, dass wir für je-
den jungen Menschen das richtige Angebot brauchen.
Wenn zwei Drittel der jungen Menschen an die Hoch-
schulen gehen, dann bin ich der festen Überzeugung,
dass sich viele in einer dualen beruflichen Ausbildung
besser entwickeln könnten.

Zweitens sind wir in der Aussage beieinander, dass
wir den richtigen Mix brauchen; das meine auch ich.
Aber ich sage noch einmal: Im Jahr 2000 hat sich ein
Drittel der jungen Menschen an den Hochschulen einge-
schrieben, in sechs Jahren sollen es zwei Drittel sein; das
Verhältnis hat sich also umgekehrt. Glauben Sie ernst-
haft, dass das der richtige Mix ist, was die Zukunftsauf-
gaben in Deutschland betrifft, Stichwort „Fachkräftebe-
darf“?


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das stimmt so nicht!)


Zu den Instrumenten komme ich jetzt ohnehin. Des-
halb möchte ich nun in meiner Rede fortfahren.

Dass zwei Drittel der jungen Menschen studieren,
kann nicht unsere Vision für die Hochschulen sein. Das
sage nicht nur ich, und es sagen auch nicht nur wenige
Experten, sondern darüber wird im Augenblick breit dis-
kutiert. Der Wissenschaftsrat hat sich dazu positioniert,
und auch im EFI-Gutachten wird ausführlich ausgeführt,
dass wir einen vernünftigen Mix von beruflicher und
akademischer Bildung brauchen.

Was müssen wir machen? Erstens. Wir müssen all das
umsetzen, was Ministerin Wanka formuliert hat. Sie hat
eine Vielzahl an Maßnahmen ausgeführt. Sie hat formu-
liert, dass wir berufliche Bildung zum Schwerpunkt in
dieser Legislatur machen und sie aufwerten wollen.

Ich nenne einmal die Stichpunkte – ich sage explizit,
dass diese Punkte für uns als Unionsfraktion in den Ko-
alitionsverhandlungen ein außerordentlich großes Anlie-
gen waren –:

Wir werden den Ausbildungspakt zur Allianz für
Aus- und Weiterbildung weiterentwickeln.

Wir werden eine Ausbildungsgarantie beschließen.
Das wird nicht einfach auf politischer Ebene geschehen,
sondern das wird in der Allianz mit den Akteuren be-
sprochen werden.





Albert Rupprecht


(A) (C)



(D)(B)

Wir werden die Bildungsketten und die assistierte
Ausbildung erheblich ausbauen.

Wir werden die Durchlässigkeit des Systems erhöhen,
und zwar in beide Richtungen.

Darüber hinaus werden wir viele andere Maßnahmen
ergreifen; Ministerin Wanka hat die Vielzahl der Maß-
nahmen angesprochen. Das wird substanziell etwas kos-
ten und entsprechend finanziell ausgestattet werden.

Natürlich müssen wir uns anschauen, ob die Anreize
fair gesetzt sind. Wenn der Student kostenlos studie-
ren kann, weil das der Wunsch der Bevölkerung ist
– der zu akzeptieren ist –, aber der Meister im Schnitt
10 000 Euro zahlt, dann ist der Anreiz nicht wirklich fair
gesetzt.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Wir wissen, dass das ein Kraftakt ist, aber man muss da-
rüber nachdenken, wenn man von Wettbewerbschancen
und von Attraktivität redet.

Zweitens. Wir werden den vernünftigen Mix nicht nur
durch eine Aufwertung der beruflichen Bildung errei-
chen, sondern es stellt sich auch die Frage, was das für
die Hochschulen, die zweite Säule, heißt. Ich maße mir
jetzt nicht an, auf der Basis der KMK-Prognose vom
Mai dieses Jahres schon alle Instrumente herunterbeten
zu können. Ich verweise aber auf die Stellungnahme des
Wissenschaftsrates. Das ist doch eine ernstzunehmende
Institution. In der Stellungnahme des Wissenschaftsrates
heißt es, dass „eine indirekte Steuerung der Ausbil-
dungsentscheidungen von Schulabgängern über die Be-
reitstellung von Studienplatzkapazitäten unvermeidbar“
sei. Das ist also nicht nur die Meinung von Albert
Rupprecht, sondern auch die des Wissenschaftsrates.

Herr Kollege Gehring, es würde mich außerordentlich
wundern, wenn die Grünen ab heute die Positionen und
Stellungnahmen des Wissenschaftsrates in Bausch und
Bogen verdammen würden.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und was ist mit dem Hochschulpakt?)


Man muss darüber doch zumindest ernsthaft nachden-
ken. Wenn Professor Marquardt sagt, man diskutiere im
Augenblick die Instrumente, dann wissen wir alle, dass
jedes Instrument seine Vor- und Nachteile hat. Aber da-
rüber zu diskutieren, ist unabdingbar.

Der Wissenschaftsrat hat angekündigt, diese Einschät-
zung, diese Positionierung im Hinblick auf die Instru-
mente in den nächsten Wochen und Monaten zu präzisie-
ren. Wir müssen uns die Zeit nehmen, das abzuwarten
und dann diese Vorschläge ernsthaft zu debattieren. Ich
glaube beispielsweise, dass die Finanzierung des Hoch-
schulpaktes – Ministerin Wanka hat dazu bereits etwas
gesagt – von der Zahl der Studienanfänger abhängt. Es
geht auch darum, dass die Qualität an den Hochschulen
erhöht wird, dass die Zahl der Abschlüsse steigt, dass
wir die Abbrecherquoten senken. Deswegen muss natür-
lich auch dieses Thema Bestandteil des Hochschulpaktes
sein. Wir können nicht einfach sagen: Wir machen wei-
ter wie bisher, ohne auf die Qualität zu achten. Wir über-
weisen das Geld, und damit hat es sich. – Im Wissen um
die Prognosen muss auch der Hochschulpakt entspre-
chende Elemente beinhalten und vernünftige Antworten
auf die sich stellenden Fragen geben.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich möchte es ab-
schließend so auf den Punkt bringen: Die große Wert-
schätzung der dualen beruflichen Bildung, bei der wir
uns in diesem Hause, glaube ich, alle einig sind, bedeutet
in der Konsequenz, dass wir auch in die Zukunft schauen
müssen. Die Prognosen der KMK müssen uns wachrüt-
teln. Wenn wir das System, um das uns die Welt benei-
det, auch in Zukunft aufrechterhalten und stabilisieren
wollen, dann braucht es viele Einzelmaßnahmen. Aber
es braucht auch vernünftige und kluge Grundsatzent-
scheidungen.

Danke schön.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803601800

Das Wort erhält nun die Kollegin Sabine

Zimmermann für die Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Sabine Zimmermann (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803601900

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Herr Spiering, erst einmal zu Ihnen: Ich weiß,
wovon ich rede. Ich bin seit 20 Jahren Vorsitzende des
Berufsbildungsausschusses der IHK Chemnitz und der
Handwerkskammer Chemnitz. Das sage ich Ihnen, damit
Sie nicht davon ausgehen müssen, wir wüssten nicht,
wovon wir reden.

Ihre Sichtweise ist natürlich die der Berufsschullehrer
als eine Säule der dualen Ausbildung. Das ist zwar rich-
tig, aber dazu gehört noch ein bisschen mehr. Sie wissen,
dass auch die Unternehmen und die Kammern dazuge-
hören. Sie alle muss man im Blick haben und nicht nur
die Sicht der Berufsschullehrer.

Ich muss Ihnen auch sagen: Es gibt noch große Unter-
schiede zwischen Ost und West. Wir schieben im Osten
immer noch eine ziemliche Bugwelle vor uns her, näm-
lich die Altbewerber aus den vorhergehenden Entlass-
jahren, die immer noch in sogenannten Warteschleifen
sind. Deswegen hat meine Kollegin durchaus zu Recht
gesagt, dass sie teilweise ziemlich lange in solchen War-
teschleifen bleiben. Dazu hat übrigens Frau Ministerin
Wanka überhaupt nichts gesagt.

Meine Damen und Herren, Sie alle wissen, dass Aus-
zubildende ein Berichtsheft zu führen haben. In diesem
dokumentieren sie die wichtigen Dinge ihrer Ausbil-
dung. Wenn sie wesentliche Inhalte vergessen oder Ne-
bensächlichkeiten zu sehr in den Vordergrund stellen,
dann gibt es von den Ausbildern die Rückmeldung: Neu
schreiben!

Ich kann diesen Auszubildenden nur raten, sich kein
Beispiel an der Bundesregierung zu nehmen. Sie nimmt
alles in den Bericht auf, was die berufliche Ausbildung
in Deutschland in einem richtig schönen Licht erschei-





Sabine Zimmermann (Zwickau)



(A) (C)



(D)(B)

nen lässt, aber die zentralen Fragen wie die hohe Zahl
unversorgter Bewerber, die Qualität der Ausbildung und
die Perspektiven nach der Ausbildung werden weitestge-
hend ausgeblendet. Ich finde, das ist ein starkes Stück;
denn in allen diesen Fällen gibt es erheblichen Hand-
lungsbedarf. Auch hier bleibt eigentlich nur das Urteil:
Neu schreiben oder wenigstens nächstes Mal besser ma-
chen!


(Beifall bei der LINKEN)


Wenn Sie wirklich wissen wollen, was in der Ausbil-
dung leider alles möglich ist, besuchen Sie doch das
Onlineforum „Dr. Azubi“ auf der Internetseite des Deut-
schen Gewerkschaftsbundes. Hier suchen Auszubil-
dende Rat und Hilfe. Schauen Sie sich diese Meldungen
dort einmal an!

Janek, ein Auszubildender, schreibt:

Ich mache in einem Gartencenter meine Ausbil-
dung zum Kaufmann im Einzelhandel. Da nun so-
zusagen Saison ist, verlangt mein Arbeitgeber, dass
ich bis zu 10 und möglicherweise sogar 11 Stunden
am Tag und 6 Tage die Woche für die nächsten Wo-
chen arbeiten muss, ohne freien Tag. Ist das rech-
tens? Eigentlich bin ich nur noch zum Essen und
Schlafen zu Hause, was deutlich an meiner Sub-
stanz zehrt … Zum Lernen ist keine Zeit mehr da.

Das ist die Realität, meine Damen und Herren.

Sabrina, eine Auszubildende, schreibt:

Ich bin im dritten Lehrjahr als Hotelfachfrau und
habe in 32 Tagen Prüfung. Habe noch 32 Tage Ur-
laubsanspruch … Ich habe meinen Chef gefragt,
wann ich dann meinen Resturlaub nehmen kann, er
meinte, das geht nicht, es ist viel zu tun und er habe
wenig Personal. Ich weiß nicht, was mit meinem
Resturlaub wird.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das sind keine Ein-
zelfälle. Es gibt eine Fülle von Problemen in der Ausbil-
dung selbst. Nach dem Ausbildungsreport des DGB
macht ein Drittel aller Auszubildenden regelmäßig Über-
stunden. Sie wissen, dass Auszubildende keine Überstun-
den machen dürfen, erst recht nicht, wenn sie unter
18 Jahre alt sind. 10 Prozent üben ausbildungsfremde
Tätigkeiten aus, also das sogenannte Hofkehren oder
auch Kopieren. 33 Prozent besitzen noch nicht einmal
einen Ausbildungsplan.

Was sagt die Bundesregierung dazu, dass Auszubil-
dende als billige Arbeitskräfte missbraucht werden und
ihnen eine fachgerechte und umfassende Ausbildung
einfach vorenthalten wird? Nichts findet sich dazu im
Berufsbildungsbericht. Wenn es insgesamt diese Mängel
bei der Ausbildungsqualität und beim Jugendarbeits-
schutz gibt, kann sich die Bundesregierung nicht einfach
davonstehlen und den Ländern und Kammern die Schuld
in die Schuhe schieben. Arbeitgeber können nicht über
einen angeblichen Fachkräftemangel klagen, wenn es
solche gravierenden Ausbildungsmängel gibt. Nicht zu-
letzt deswegen werden Ausbildungsplätze oft nicht be-
setzt oder Ausbildungsverträge aufgelöst.
Wir müssen uns fragen: Wie wirksam sind denn die
derzeitigen Kontrollen? Im Jahr 2011 gab es in den Be-
trieben gerade einmal 3 400 Kontrollen zum Jugendar-
beitsschutz. Das ist nicht viel im Vergleich zu 1,4 Millio-
nen Ausbildungsverhältnissen. Es gibt offensichtlich
Reformbedarf. Aber davon will unsere Regierung nichts
wissen.

Ein zweiter Punkt, der im Berufsbildungsbericht der
Bundesregierung fehlt, ist die Frage der Perspektive
nach der Ausbildung. Im dualen System geht ein Drittel
der Auszubildenden nach der Ausbildung in die Arbeits-
losigkeit. Diejenigen, die übernommen werden, haben
oft nur befristete Verträge. Deshalb ist auch hier die poli-
tische Botschaft klar: Befristungen sind einzudämmen,
und unbefristete Übernahmen sollten eigentlich die Re-
gel werden.


(Beifall bei der LINKEN)


Liebe Kolleginnen und Kollegen der Großen Koali-
tion, gute Politik beginnt mit einer kritischen und scho-
nungslosen Analyse der Ausgangssituation. Oder um es
für die Sozialdemokraten unter Ihnen mit Ferdinand
Lassalle zu sagen: „Alle große politische Aktion be-
steht im Aussprechen dessen, was ist, und beginnt da-
mit.“ Was dieser Bericht alles nicht ausspricht, lässt lei-
der nichts Gutes für Ihre Politik im Bereich der
Ausbildung erahnen. Das ist keine gute Botschaft für un-
sere Jugend, aber für uns als Linke Anlass genug für den
Appell, umso nachhaltiger für das Recht auf gute Aus-
bildung weiterhin zu streiten.

Danke schön.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803602000

Für die Bundesregierung hat nun die Staatsministerin

Frau Özoğuz das Wort.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


A
Aydan Özoğuz (SPD):
Rede ID: ID1803602100


Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Tim Schultheiß und Hakan Yilmaz bewerben sich für
eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker. Beide sind
Jahrgang 1996. Beide sind in Deutschland geboren.
Beide haben Schulzeugnisse mit einem Notendurch-
schnitt von 2,0. Doch etwas Gravierendes unterscheidet
diese beiden: Hakan hat deutlich schlechtere Chancen
als Tim, zum Bewerbungsgespräch für den Ausbildungs-
platz eingeladen zu werden. Hakan muss 50 Prozent
mehr Bewerbungen schreiben. Allein diese Tatsache ist
für uns nicht hinnehmbar.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Dieses Ergebnis stammt aus der aktuellen repräsenta-
tiven Studie „Diskriminierung am Ausbildungsmarkt“
des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integra-
tion und Migration. Jugendliche mit bestimmten Zuwande-
rungsgeschichten haben bereits in der ersten Bewerbungs-
phase schlechtere Chancen auf einen Ausbildungsplatz, und






(A) (C)



(D)(B)

das trotz gleicher bzw. identischer Qualifikation. Wie wir
wissen, ist das nur die Spitze. Negativen Einfluss können
auch neudeutsche Namen, das Geschlecht und manchmal
sogar die Schule, die man besucht hat, ausüben; das alles
wird in der Studie aufgezeigt.

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt zeigt uns,
dass bei denjenigen, die eine Zuwanderungsgeschichte
haben, noch sehr viel zu tun ist; denn laut Berufsbil-
dungsbericht 2014 beginnen nur halb so viele Menschen
mit ausländischer Staatsangehörigkeit – nur für diese
Gruppe liegen Zahlen vor; das ist aber nur die Hälfte
derjenigen mit Migrationshintergrund – eine Ausbildung
wie junge Deutsche. Wir haben hier ein Verhältnis von
29 Prozent zu 59 Prozent zu verzeichnen, obwohl ein
gleich großes Interesse an einer Berufsausbildung fest-
zustellen ist und – ich glaube, das wissen viele nicht –
obwohl Eltern mit Migrationshintergrund höhere Bil-
dungserwartungen an ihre Kinder haben als Eltern ohne
Migrationshintergrund.

Für alle Jugendlichen kommt erschwerend hinzu
– das wurde unter anderem schon von der Bundesminis-
terin genannt –, dass es ein Rekordtief bei neu abge-
schlossenen Ausbildungsverträgen gibt. Frau Hein, wir
sind uns einig, dass das heutige Übergangssystem eher
zu einer Art Paternoster geworden ist, in dem die Ju-
gendlichen hoch- und herunterfahren, aber aus dem sie
nicht herauskommen. Dieser Zustand wurde bereits be-
nannt und muss verändert werden, wenn wir eine ordent-
liche Ausbildung für Jugendliche wollen.


(Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Das ist im Übrigen auch der Grund, warum ich mir
als Integrationsbeauftragte der Bundesregierung das
Thema Ausbildung als Schwerpunkt für das Jahr 2014
gesetzt habe. Ich habe mich sehr gefreut, dass Bundes-
kanzlerin Angela Merkel auch sofort zugesagt hat, den
Integrationsgipfel Ende des Jahres zum Thema Ausbil-
dung tagen zu lassen, damit wir dort wirklich alle Er-
gebnisse zusammenfassen können.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Ich denke, dass wir vor allen Dingen vier zentrale Ziele
verfolgen müssen. Erstens geht es darum, die Ausbildungs-
beteiligung von Jugendlichen zu erhöhen. Wir müssen im-
mer auch bedenken, dass nicht alle einen sogenannten Mi-
grationshintergrund haben. Aber bestimmte Namen wirken
offenbar anders als andere. Damit die Ausbildungsbeteili-
gung erhöht werden kann, müssen zweitens mehr Unter-
nehmen ausbilden.

Drittens brauchen wir offensichtlich mehr interkultu-
relle Sensibilität bei der Bewerberauswahl; denn wer
zum Beispiel zusätzlich zum Deutschen eine weitere
Sprache spricht oder sich in anderen Kulturkreisen aus-
kennt, verfügt über wertvolle weitere Qualifikationen.
Das sollte anerkannt werden, anstatt Bewerber mit fremd
klingenden Namen sofort auszusortieren.


(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Das bringt mich zum vierten Punkt. Auch auf dem
Ausbildungsmarkt können wir einiges gegen Diskrimi-
nierung tun. Es gibt eine Idee, die durch den Raum geis-
tert – das ist nicht die einzige gute Idee –, und zwar die
der anonymen Bewerbung. Anonyme Bewerbungsver-
fahren können zumindest dazu beitragen, dass man im
ersten Angang nicht aussortiert wird, weil sich zunächst
einmal ein anderes Bild darstellt. Wir haben Unterneh-
mer – ich hatte neulich das Vergnügen, jemanden aus
Baden-Württemberg zu hören, und es gibt das Beispiel
der Stadt Celle –, die das einfach einmal ausprobiert ha-
ben und sagen, dass sie plötzlich eine ganz andere Mi-
schung bei den Bewerbungsgesprächen als vorher vor-
finden, als sie schon im ersten Angang wussten, wie die
Bewerber aussehen, heißen usw. Offensichtlich ist das
ein ganz vernünftiges Verfahren, und das sollten wir des-
wegen auch unterstützen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)


Mir machen einige Beispiele, die neu sind, durchaus
Mut. Das eine brauche ich gar nicht weiter auszuführen;
Rainer Spiering hat es erwähnt. Ich meine die Jugendbe-
rufsagentur in Hamburg. Wir haben letzte Woche auf der
Bundeskonferenz aller Integrationsbeauftragten aus Bund,
Ländern und Kommunen über dieses Modell gesprochen.
Es ist natürlich einfacher in Stadtstaaten, die Arbeitsagentu-
ren, die Behörden und die Bezirksämter miteinander zu ver-
netzen, vor Ort an den Schulen präsent zu sein und Jugend-
liche immer wieder frühzeitig zu informieren. Ich finde an
diesem Modell besonders interessant, dass es Jugendliche
sind – ich konnte das selber erleben –, die sagen: Wieso
fragt plötzlich jemand nach mir? Ihr habt euch doch bis
heute nicht für mich interessiert. – Es ist schon wirklich
spannend, wenn man das zu hören bekommt.


(Beifall bei der SPD)


Wichtig ist auch, sich immer wieder bewusst zu ma-
chen – das ist schon gesagt worden –: Es lässt sich vieles
machen, wenn der politische Wille da ist. Es sind natürlich
schwierige Mechanismen, die da funktionieren müssen,
und das ist in Flächenländern schwieriger. Ich möchte aber
auch ein gutes Beispiel für ein Flächenland nennen. In Ba-
den-Württemberg gibt es das Projekt carpo für die assis-
tierte Ausbildung. In diesem Rahmen wird an circa
20 Standorten jungen Menschen mit besonderem Förderbe-
darf eine betriebliche Ausbildung ermöglicht. Dieses Pro-
jekt hilft bei der Suche nach geeigneten Ausbildungsstellen,
bereitet darauf vor – wir wissen, dass das manchmal eine
wichtige Zeit für junge Leute ist – und hilft auch bei Fragen
zur Wohnung, Kinderbetreuung etc. Dass 85 Prozent der
Teilnehmer dank dieses Projekts offensichtlich den Über-
gang in Arbeit oder eine betriebliche Ausbildung schaf-
fen, ist ein Erfolg. Wir sollten uns auf die Dinge konzen-
trieren, die uns so gute Zahlen bescheren.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Ich bin Bildungsministerin Wanka sehr dankbar, dass
sie diese Weiterentwicklung zur Allianz mit anderen ge-
meinsam vorantreibt. Ich denke, es muss uns in dieser
Allianz für Aus- und Weiterbildung auch gelingen, die
vorhandenen Instrumente zu verzahnen, um am Ende zu
Aydan Özoğuz, Staatsministerin bei der BundeskanzlerinStaatsministerin Aydan Özoğuz






(A) (C)



(D)(B)

einer Art Ausbildungsgarantie zu kommen. Das ist das
Ziel für uns alle. Wir wollen kein Kind ohne Ausbildung
lassen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ein allerletzter Punkt. Bei aller Freude über die ak-
tuellen Zahlen der OECD zur Fachkräftezuwanderung,
die am Anfang genannt wurden, möchte ich eines deut-
lich sagen: Bei dem Ruf der Wirtschaft nach Fachkräften
– ich habe dies immer unterstützt; wir brauchen Zuwan-
derung in unser Land, also bitte nicht falsch verstehen –
dürfen wir niemals außer Acht lassen, dass wir auch er-
hebliche Potenziale im Inland haben und dass es eine
zentrale Aufgabe ist, diese zu unterstützen und auszubil-
den.

Danke.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803602200

Brigitte Pothmer ist die nächste Rednerin für die

Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.


Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803602300

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Frau

Ministerin Wanka, Sie haben die Herausforderungen, die
sich aus dem Berufsbildungsbericht 2014 ergeben, rich-
tig beschrieben. Es ist eigentlich schade, Herr Spiering,
dass Sie dahinter sehr weit zurückgefallen sind. Diese
Form von Gesundbeten hilft uns wirklich nicht weiter.
Politik beginnt mit der Betrachtung von Wirklichkeit.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Sehr richtig! Sie klauen mir meine Sätze! – Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die Wirklichkeit, die Sie beschrieben haben, lässt sich
jedenfalls im Berufsbildungsbericht nicht erkennen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Frau Wanka, es ist richtig, dass Sie die Herausforde-
rungen beschrieben haben. Sie haben viele Fragen ge-
stellt. Ich erinnere Sie aber daran: Sie sind an der Regie-
rung. Sie dürfen nicht nur Fragen stellen, Sie dürfen
nicht nur Herausforderungen beschreiben, sondern Sie
müssen auch Antworten geben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Sie müssen uns sagen, was die Regierung tun will, damit
sich die von Ihnen beschriebene Situation verbessert.

Keine Antwort haben Sie insbesondere auf die Pro-
bleme der Gruppe von 1,4 Millionen jungen Menschen
zwischen 20 und 29 Jahren, die keine Ausbildung haben.
Frau Wanka, diese Gruppe ist nicht kleiner geworden –
trotz bester wirtschaftlicher Entwicklung, trotz Fach-
kräftemangels. An der Größe dieser Gruppe hat sich
nichts geändert.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Sie haben viel zu lange darauf gesetzt, dass der wirt-
schaftliche Aufschwung und der Fachkräftemangel die-
ses Problem lösen werden. Das ist nicht der Fall. Ich
sage Ihnen: Wenn 15 Prozent einer Alterskohorte keine
Ausbildung haben, nicht in das System integriert sind,
dann ist das nicht nur ein Drama für die betroffenen jun-
gen Menschen, dann ist das auch ein Drama für die Ge-
sellschaft, insbesondere vor dem Hintergrund der demo-
grafischen Entwicklung.

Ich will Sie daran erinnern, wie die Situation ist: Eine
immer kleinere Kohorte junger Menschen muss eine im-
mer größere Kohorte älterer Menschen unterstützen.
Wenn fast ein Fünftel der jungen Menschen daran nicht
mitwirken kann, sondern selber auch noch alimentiert
werden muss, dann überfordert das die Gesellschaft in
hohem Maße. Deswegen haben wir da dringenden Hand-
lungsbedarf.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Ich sage Ihnen: Auch diese jungen Menschen brau-
chen eine abgeschlossene Berufsausbildung.


(Beifall der Abg. Kai Gehring [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN] und Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD])


Wenn diese Berufsausbildung aus unterschiedlichsten
Gründen nicht im dualen System stattfinden kann, dann
müssen wir ihnen eben ein anderes Angebot machen,
aber auf jeden Fall ein berufsqualifizierendes Angebot.
Darauf kommt es an.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wir haben Ihnen mit unserem Konzept DualPlus ein
ausgereiftes Papier auf den Tisch gelegt. Mit DualPlus
wollen wir das duale System – das sage ich hier noch
einmal ausdrücklich – nicht ersetzen, sondern ergänzen,
weil es dringend eine Ergänzung braucht. Das zeigt die
Zahl von 1,4 Millionen Jugendlichen, die keine Ausbil-
dung haben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Das Übergangssystem ist – Frau Ministerin Wanka,
ich frage mich wirklich, wie lange wir darüber eigentlich
schon reden – ineffizient und teuer. Dieses Übergangs-
system wollen wir in eine Ausbildung mit System, und
zwar mit sehr hohen betrieblichen Anteilen, überführen.
Wir wollen eine Ausbildung nach dem dualen Prinzip
außerhalb des dualen Systems. Damit können wir das
Recht auf Ausbildung wirklich umsetzen. Das ist eine
Ausbildungsplatzgarantie.

Ich finde schon interessant, dass in der Rede von Frau
Wanka die in der Koalitionsvereinbarung beschriebene
Ausbildungsplatzgarantie gar nicht mehr vorkam. Ir-
gendwann soll am Ende so etwas wie eine Ausbildungs-
platzgarantie zustande kommen. Dafür können sich die
1,4 Millionen Jugendlichen nun wirklich nichts kaufen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Wir brauchen keine weiteren Einzelmaßnahmen, Herr
Rupprecht. Wir brauchen keine weiteren Warteschleifen.
Wir brauchen eine qualifizierende Ausbildung für alle
Aydan Özoğuz, Staatsministerin bei der BundeskanzlerinStaatsministerin Aydan Özoğuz





Brigitte Pothmer


(A) (C)



(D)(B)

Jugendlichen. Davon profitieren die jungen Menschen,
davon profitieren die Betriebe, davon profitieren Staat
und Gesellschaft, weil sich jede Investition in Bildung
x-fach auszahlt.

Ich danke Ihnen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803602400

Lena Strothmann erhält nun das Wort für die CDU/

CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Lena Strothmann (CDU):
Rede ID: ID1803602500

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! In meiner

beruflichen Laufbahn als Schneidermeisterin, als Hand-
werksmeisterin, habe ich über 50 junge Menschen aus-
gebildet.


(Rainer Spiering [SPD]: Sehr gut!)


Viele von ihnen sind heute erfolgreich, sind selbststän-
dig, haben die Meisterprüfung gemacht und haben junge
Menschen ausgebildet.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Mir liegt die duale Ausbildung sehr am Herzen, weil sie
ein Erfolgsrezept ist. Und, meine Damen und Herren:
Die duale Ausbildung ist die Grundlage für Generatio-
nen von Fachkräften in unseren Betrieben: im Hand-
werk, im Mittelstand und auch in der Industrie.

Wenn wir weiterhin in unserem Land erfolgreich sein
wollen, wenn wir unseren Wohlstand in Zukunft erhalten
wollen, dann brauchen wir dringend leistungsstarken
Nachwuchs. Das geht im Übrigen nicht nur die Wirt-
schaft an; das geht auch die Verbraucher an. Stellen Sie
sich vor: In einem harten Winter fällt Ihre Heizung aus,
bei einem starken Sturm wird Ihr Dach beschädigt, oder
Sie haben einen Wasserrohrbruch – und keiner kommt.
Das klingt jetzt vielleicht etwas dramatisch, aber im
Handwerk ist der Mangel an Fachkräften schon deutlich
spürbar, und das wird sich in Zukunft noch verstärken,
wenn es uns nicht gelingt, mehr junge Menschen für die
duale Ausbildung zu gewinnen.

Die Zahl der Neuverträge ist in den letzten Jahren
ständig gesunken; das haben wir gehört. Jetzt haben wir
im Vergleich zum Vorjahr ein Minus von 20 000 Verträ-
gen. Die Zahlen im Handwerk sind zwar besser, weil die
Ausbildungsbereitschaft unserer Betriebe immer noch
hoch ist; das Problem ist aber, dass wir aus demografi-
schen Gründen immer weniger Schulabgänger haben.
Zudem – wir haben es gehört – gibt es einen Trend zu
höherer Bildung, gepusht noch durch Brüssel und die
OECD. Viele streben das Abitur und ein Studium an,
und im Ergebnis bleiben immer weniger junge Men-
schen für die duale Ausbildung übrig. Das ist eine dra-
matische Entwicklung, meine Damen und Herren, die
sich in den nächsten Jahren auch noch verstärken wird.
Hier müssen wir ansetzen. Hier müssen wir umsteuern.
Was ist zu tun? Natürlich muss sich die Wirtschaft
noch intensiver um ihren Nachwuchs kümmern; schließ-
lich steht die Existenz unserer Betriebe auf dem Spiel.
Aber hier ist nicht nur die Wirtschaft gefordert, meine
Damen und Herren, sondern wir alle sind gefordert. Wir
müssen umdenken. Die Gesellschaft muss umdenken.

Für viele Schulabgänger und Eltern ist die duale Aus-
bildung nur noch zweite Wahl. Über 50 Prozent der jun-
gen Menschen eines Jahrgangs streben ein Hochschul-
studium an – mit steigender Tendenz. Gerade dadurch
fehlen uns im Handwerk und in der gewerblich-techni-
schen Wirtschaft geeignete Auszubildende, während die
Unis gleichzeitig unter dem großen Andrang stöhnen.

Dabei ist der akademische Berufsweg nicht immer
der Königsweg, und vor allem – auch das muss einmal
gesagt werden – schützt er nicht unbedingt vor schlech-
ter Bezahlung.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Eine Erhebung der Universität Duisburg-Essen hat ge-
zeigt, dass 688 000 Akademiker in unserem Land zu den
Geringverdienern gehören, meine Damen und Herren.
Ein Elektromeister im Handwerk zum Beispiel oder ein
Schneidermeister in meinem Betrieb verdient wesentlich
mehr als junge Juristen.

Professor Nida-Rümelin, Inhaber des Lehrstuhls für
Philosophie und Politische Theorie der Uni München,
hat es auf den Punkt gebracht. Er spricht davon, dass uns
ein Akademisierungswahn gepackt hat, und er hat recht.
Allein die hohe Zahl der Studienabbrecher in techni-
schen Studiengängen zeigt, dass es sinnvoll sein kann,
zunächst einmal eine handwerkliche Ausbildung zu ma-
chen. Frau Ministerin Wanka hat ebenfalls recht mit ih-
rer Initiative, Studienabbrecher für eine Lehre im Hand-
werk zu gewinnen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Im Handwerk haben junge Menschen wirklich beste
Chancen; viele wissen es nur noch nicht. Das Handwerk
bietet über 130 Ausbildungsberufe. Das Handwerk ist
innovativ. Das Handwerk ist kreativ, und das Handwerk
ist vor allen Dingen Hightech. Für jeden ist etwas dabei.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Es gibt viele individuelle Karrieremöglichkeiten: eine
Ausbildung, ein Studium, ein duales Studium oder die
Gründung eines eigenen Unternehmens. Leider setzen
sich immer noch zu wenige junge Menschen, Eltern und
Lehrer mit den einzelnen Berufsbildern und den sich da-
durch bietenden Chancen auseinander. An dieser Stelle
muss die Berufsorientierung mehr leisten, vor allen Din-
gen in den Gymnasien. Die duale Ausbildung muss stär-
ker in den Vordergrund rücken, und zwar auch in unse-
ren Köpfen. In den Nachbarstaaten beneidet man uns um
unser System. Hierzulande haben aber viele die Bedeu-
tung der dualen Ausbildung noch nicht erkannt. Deswe-
gen brauchen wir einen gesellschaftlichen Konsens.

Berufliche und akademische Bildung sind auf dem
Papier gleich; das haben wir in den letzten Jahren er-
reicht. Zu unseren Hochqualifizierten gehören nicht nur





Lena Strothmann


(A) (C)



(D)(B)

Akademiker, sondern auch Techniker und Meister. Das
ist bei vielen Eltern, Lehrern und Schülern aber noch
nicht angekommen. Deshalb muss die Wirtschaft an die-
ser Stelle mehr aufklären und vor allen Dingen auch
mehr werben.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Willi Brase [SPD])


Zur dualen Ausbildung gehört auch der Meisterbrief.
Das muss auch Brüssel begreifen. Die Kommission
empfiehlt den Krisenländern auf der einen Seite das
duale System, um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämp-
fen. Auf der anderen Seite will sie aber den Meistervor-
behalt als Voraussetzung zum Berufszugang abschaffen.

Wir in Deutschland haben nach dem Inkrafttreten der
Handwerksnovelle 2003 negative Erfahrungen mit sol-
chen Ansätzen gemacht. Nachdem 53 Handwerksberufe
zulassungsfrei wurden, gab es zwar viele Existenzgrün-
der; das waren aber meist nur Einmannbetriebe. Eine
Studie des Instituts für Handwerk und Mittelstand be-
legt, dass fünf Jahre nach ihrer Gründung 60 Prozent der
Betriebe nicht mehr am Markt waren. Das Schlimmste
ist aber: Sie bilden nicht aus. So etwas darf sich in unse-
rem Land nicht wiederholen. Ich sage: Wer den Meister-
brief angreift, legt gleichzeitig die Axt an ein funktionie-
rendes und erfolgreiches Ausbildungssystem.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803602600

Frau Kollegin, Sie denken bitte an die Zeit, ja?


Lena Strothmann (CDU):
Rede ID: ID1803602700

Ich komme zu meinem letzten Satz. – Das duale Sys-

tem funktioniert nur mit dem Meisterbrief. Ein bisschen
Meisterbrief gibt es nicht.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803602800

Für die SPD-Fraktion hat nun der Kollege Willi Brase

das Wort.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Willi Brase (SPD):
Rede ID: ID1803602900

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Sehr geehrte Damen und Herren! Es ist gut, dass wir die
Struktur, die Bedeutung und die Perspektiven der dualen
Ausbildung intensiv diskutieren. Es ist auch sicherlich
richtig, dass wir uns mit Blick auf die eine oder andere
Zahl in Erinnerung rufen, was noch alles zu machen ist.
Ich habe mir die Anträge der beiden Oppositionsfraktio-
nen angeschaut und stimme Frau Wanka zu, dass darin
an der einen oder anderen Stelle durchaus Lesenswertes
zu finden ist.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Mehr Lob geht nicht!)

Wenn wir aber wünschen, dass die jungen Menschen
in Deutschland nicht nur alle den Weg des Abiturs und
des Studiums gehen wollen, sondern sich auch für den
Weg der dualen Ausbildung entscheiden, dann müssen
wir vor allem über Qualität und Weiterentwicklung spre-
chen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Nur wenn die jungen Menschen begreifen, dass beide
Bildungswege gleiche Chancen, gleiche Lebensperspek-
tiven und gute Arbeitsbedingungen bieten, dann werden
sie sich in Zukunft anders entscheiden, als sie sich heute
entscheiden.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


In Bezug auf die Qualität gibt es viele Untersuchun-
gen. Ich habe eine herausgesucht, die sich mit der Frage
beschäftigt, wie es eigentlich in den Betrieben läuft. Es
wurde festgestellt, dass in mitbestimmten Betrieben, in
denen also das Betriebsverfassungsgesetz gilt und in de-
nen es Betriebsräte gibt, die Ausbildung ein Stück weit
intensiver und qualitativ hochwertiger ist und dass die
Jugendlichen nach der Ausbildung öfter übernommen
werden und teilweise auch besser verdienen. Das ist der
Arbeit der Betriebsrätinnen und Betriebsräte zu verdan-
ken; denn sie haben nach dem Betriebsverfassungsgesetz
den Auftrag, die Ausbildung mit zu kontrollieren, zu un-
terstützen und nach vorne zu bringen. Denjenigen, die
sich tagtäglich für die jungen Leute einsetzen, gehört un-
ser Dank.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie der Abg. Sabine Zimmermann [Zwickau] [DIE LINKE])


Wir werden darüber reden müssen, wie wir die Beruf-
lichkeit bzw. die berufliche Bildung weiterentwickeln.
Was ist das Konzept der Beruflichkeit? Was sind mo-
derne Berufe? Müssen wir nicht wieder Kernberufe ein
Stück weit stärker in den Mittelpunkt stellen? Die Dis-
kussion darüber gibt es dort, wo sie hingehört, im Haupt-
ausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung. Dort
werden die entsprechenden ordnungspolitischen Rege-
lungen vorbereitet. Danach werden sie gemeinsam vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung und vom
Wirtschaftsministerium verordnet. Der Weg führt wieder
in Richtung Berufsfamilie.

Die Zeit spricht dafür, dass wir die Ausbildungsord-
nung modernisieren. Entsprechende Bemühungen haben
wir in den letzten Jahren vorangetrieben. Die Perspektive
ist, weniger spezialisierte Einzelberufe und mehr Kernbe-
rufe zu haben. Damit steigen auch die Chancen für die
jungen Leute, sehr geehrte Damen und Herren.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Mir ist wichtig, noch einmal darauf hinzuweisen, dass
dieses vor allem im Konsens, in Übereinstimmung der
Sozialpartner passiert; denn die Akzeptanz der dualen
Ausbildung lebt doch davon, dass Menschen in Betrie-
ben und Verwaltungen unseres Landes positiv dazu ste-
hen. Wissen Sie eigentlich, wie viele Menschen sich tag-





Willi Brase


(A) (C)



(D)(B)

täglich, wöchentlich, monatlich und jährlich in diesem
Bereich ehrenamtlich engagieren? Die Deutsche Hand-
werks Zeitung hat für mein Bundesland Nordrhein-West-
falen den Wert dieses Engagements – nur bezogen auf
das Handwerk – berechnet. Das Ehrenamt ist Millionen
Euro wert. Man spricht davon, dass allein in Nordrhein-
Westfalen die Arbeit der Prüfungsausschussmitglieder
und Arbeitsgruppenmitglieder, die Prüfungsordnungen
vorbereiten und diskutieren, 5 Millionen Euro wert ist.
Wenn man das auf das Bundesgebiet hochrechnet und
den Gegenwert der Arbeit des DIHK sowie der anderen
Kammern hinzurechnet, geht es um fast dreistellige Mil-
lionensummen. Ich sage an dieser Stelle den Ehrenamt-
lern in den Prüfungsausschüssen, im Bereich des DIHK,
in den Handwerkskammern und in den anderen Kam-
mern ein ganz großes Dankeschön.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie des Abg. Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Wir werden überlegen müssen, wie wir in noch stär-
kerem Maße die Durchlässigkeit zwischen den beiden
großen Systemen hinbekommen. In der dualen Ausbil-
dung wird im Arbeitsprozess gelernt. Das wird theore-
tisch durch die Berufskollegs ergänzt. Das heißt für uns:
Auf der einen Seite wollen wir den betrieblichen Teil
stärken; auf der anderen Seite müssen wir aber auch von
den Ländern fordern, dass die Situation der Berufskol-
legs, lieber Rainer Spiering, ein Stück weit verbessert
wird.

Ist es nicht richtig, auch zu fordern, dass sich die Aus-
bildung der Berufsschullehrer in unserem Lande wieder
stärker an wissenschaftlichen Kriterien orientiert? Der
Abbau von Lehrstühlen ist für die Qualitätsentwicklung
der dualen Ausbildung nicht gut. Die Universitäten müs-
sen weiterhin beachten, dass jemand, der aus dem dualen
Ausbildungssystem zu ihnen kommt, eine andere Erfah-
rung des Lernens gemacht hat als jemand, der über den
rein schulischen Weg zur Hochschule kommt. Das hat
nicht nur etwas mit der Brückenfunktion, sondern auch
mit dem Selbstverständnis der Hochschulen zu tun. Die-
ses Selbstverständnis fordere ich ein.

Meine Damen und Herren, der Wissenschaftsrat hat
Empfehlungen formuliert und herausgegeben. Er stellt
fest, wie wichtig es ist, die jungen Leute in den Schulen
frühzeitig über Strukturen, Berufe, Verdienstmöglichkei-
ten, spätere Arbeitsbedingungen, Weiterqualifizierung
und Aufstiegschancen zu informieren. Wir haben dieses
aufgegriffen, Frau Pothmer, und schon sehr viel Konkre-
tes gemacht, indem wir beispielsweise den entsprechen-
den Titel um 10 Millionen Euro erhöht haben. Das ist
genau richtig. Alle Diskussionen hier im Hause in den
letzten zehn Jahren hatten immer wieder die Frage zum
Gegenstand, wie wir der Berufsorientierung zu mehr Be-
achtung in den Schulen verhelfen können. Diese Koali-
tion unternimmt hier etwas, meine sehr geehrten Damen
und Herren.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Ich möchte noch zwei Punkte ansprechen. Wenn es
um Ausbildung geht, geht es nicht nur um das duale
Ausbildungssystem. Es gibt sehr viele junge Leute, die
nach Landesrecht ausgebildet werden. Wir führen in un-
serer Gesellschaft eine Diskussion über die Verbesse-
rung der Betreuung im Bereich der Pflege. Wir brauchen
hier eine stärkere Ausbildungsleistung. Wir brauchen die
dreijährige Pflegeausbildung. Wir wollen und müssen
sie ein Stück weit reformieren, da wir mehr junge Men-
schen für eine dreijährige Pflegeausbildung gewinnen
wollen. Diese Ausbildung muss für junge Menschen
kostenfrei sein. Ich möchte das eine oder andere Bundes-
land auffordern, an dieser Stelle aktiv zu werden. Es geht
nicht an, dass sozusagen noch Schulgeld bezahlt werden
muss; das gehört in das letzte Jahrhundert.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wenn wir das System der dualen Ausbildung weiter
vorantreiben wollen – und das wollen wir –, dann sollten
wir auch begreifen, dass die duale Ausbildung ein Stück
weit die Innovationskraft der Unternehmen bzw. Be-
triebe stärkt. Die duale Ausbildung hat zuerst eine wirt-
schaftliche Komponente, einen betriebswirtschaftlichen
Nutzen. Es geht um die einzelbetriebliche Sicherung der
Fachkräfte. Es geht darum, immer wieder neues Wissen
zu erwerben und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Sie ist
Teil der betrieblichen Personalplanung. Sie ist im Prin-
zip keine sozialpolitische Veranstaltung, sondern hat
eine betriebswirtschaftliche Ausrichtung.

Deshalb fordere ich die Unternehmen im eigenen In-
teresse auf, gemeinsam mit uns in vorausschauender
Politik mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stel-
len. Wenn wir den Fachkräftenachwuchs, die Fachkräf-
tesicherung auf den Weg bringen wollen, brauchen wir
– so sagt das Bundesinstitut für Berufsbildung – jährlich
600 000 neu eingetragene Ausbildungsverhältnisse. Hier
gibt es noch eine Menge Luft nach oben. Es muss noch
eine Menge gemacht werden. Deshalb werden wir die
Allianz für Aus- und Weiterbildung gut vorbereiten.


(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Sehr richtig!)


Wir werden eine ehrliche Betrachtung vornehmen, uns
reale Ziele setzen und sie konkret umsetzen – und dies
nach dem Motto „Weniger ankündigen, dafür aber stark
liefern“.

Ich danke für Ihr Zuhören.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803603000

Das Wort hat nun der Kollege Thomas Feist für die

CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Thomas Feist (CDU):
Rede ID: ID1803603100

Herr Präsident! Meine verehrten Kolleginnen und

Kollegen! Es ist schön, dass wir über die Debatte zum
Berufsbildungsbericht hinaus zu grundsätzlichen Fragen
gekommen sind; denn diese grundsätzlichen Fragen
müssen wir klären. Auch mein Vorredner, der Kollege
Brase, hat es angesprochen: Wie können wir die Gleich-





Dr. Thomas Feist


(A) (C)



(D)(B)

wertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung
herstellen? Die Ministerin hat in ihrer Einführungsrede
gesagt: Wir müssen die Attraktivität beruflicher Bildung
stärken. – Da gebe ich ihr recht. Ich halte es allerdings
für den verkehrten Weg, zu sagen, dass wir eine Stär-
kung der Attraktivität der beruflichen Bildung erreichen,
indem wir die akademische Bildung schlechtreden.


(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Das sage ich als Heizungsmonteur und promovierter
Musikwissenschaftler aus ganz persönlichem Interesse;
beides ist etwas wert. Es ist ja nicht so, dass man durch
eine neue Qualifikation die bereits erworbene Qualifika-
tion abgibt. Es wurde vorhin gefragt: Was passiert, wenn
die Heizung am Wochenende defekt ist? Ich kann mir da
zum Teil auch selber helfen.


(Albert Rupprecht [CDU/CSU]: Zum Teil!)


– Zum Teil. Ich will die Wirtschaft vor Ort nicht außen
vor lassen.

Aber mir ist dies auf jeden Fall lieber, als in einer Te-
lefonhotline von einem Psychologen betreut zu werden.
Deswegen müssen wir mehr für die berufliche Bildung
und deren Attraktivität tun. Der Antrag, den wir heute
eingebracht haben, weist dazu genau den richtigen Weg.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Wie schaffen wir das? Es gibt vier Themen, die wir
bearbeiten müssen: Das eine ist die Berufsorientierung,
und zwar für alle Schüler. Berufsorientierung heißt für
mich auch Studienorientierung. Frau Kollegin Pothmer,
Sie haben es vorhin angesprochen: 1,4 Millionen junge
Menschen sind ohne Abschluss. Sie haben vergessen, zu
erwähnen – neben der Tatsache, dass die Hälfte in Be-
schäftigung ist –, dass ein Großteil davon von den Hoch-
schulen kommt, und zwar ohne Abschluss. Deswegen ist
es wichtig, dass wir an den Gymnasien eine Berufs- und
Studienorientierung durchführen und nicht einfach sa-
gen: Studiere erst mal etwas, und dann schauen wir, was
kommt. – Das ist der richtige Weg; den werden wir be-
schreiten.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Das Zweite, das ich ansprechen möchte, ist das Über-
gangssystem. Ich kann in den allgemeinen Tenor, dass
das Übergangssystem schlecht ist, nicht einstimmen. Sie
sagen damit auch, dass die vielen engagierten Menschen,
die sich den Schwächsten der Gesellschaft widmen und
das in einer aufopferungsvollen Tätigkeit tun, diesen Job
umsonst machen. Das kann und will ich so nicht stehen
lassen.


(Beifall bei der CDU/CSU und sowie bei Abgeordneten der SPD – Dr. Rosemarie Hein [DIE LINKE]: Das hat aber nichts miteinander zu tun!)


Es gibt natürlich das Phänomen – Frau Hein, Sie ha-
ben es angesprochen –, dass Jugendliche acht bis neun
Jahre im Ausbildungs- und Übergangssystem verharren.
Ich will Ihnen einmal etwas sagen: Ich habe selber in
diesem Bereich als Ausbilder gearbeitet, das heißt, ich
spreche aus der Innensicht, und neben sehr guten Ein-
richtungen im Übergangssystem gibt es auch welche, die
daraus ein ganz gutes Geschäftsmodell gemacht haben
und Kundenbindung betreiben.


(Dr. Rosemarie Hein [DIE LINKE]: Sie kritisieren jetzt die berufsbildenden Schulen! Ich tue das nicht!)


Deswegen positionieren wir uns in unserem Antrag dazu
und sagen: Wir müssen hier unterscheiden; wir müssen
das Übergangssystem so gestalten, dass von Anfang an
das Ziel einer vollwertigen dualen Ausbildung für jeden
verfolgt wird.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Wenn wir in dieser Legislaturperiode etwas für die
berufliche Bildung tun wollen, dann müssen wir uns
auch mit Themen beschäftigen, die letzten Endes etwas
mit Geld zu tun haben. Man muss auf jeden Fall einmal
darüber diskutieren, ob die Summen, die der Bund pro
Studienanfänger bereitstellt – egal ob er sein Studium
vollendet, egal wie lange das Studium dauert –, in einem
angemessenen Verhältnis zu dem stehen, was wir für
junge Berufsanfänger tun. Natürlich kommen die jungen
Berufsanfänger – das hat mein Vorredner, Kollege Brase,
schon gesagt – in erster Linie der Wirtschaft zugute; aber
die Ausbildungsleistung selbst ist Millionen, wenn nicht
gar Milliarden wert. Insofern gilt den Unternehmen, die
ausbilden, unser Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Im Bereich der Gleichwertigkeit der Bildungsab-
schlüsse haben wir in der Bildungspolitik schon viel er-
reicht: Wir haben einen deutschen Qualifikationsrahmen,
und wir haben im Zusammenhang mit dem europäischen
Qualifikationsrahmen dafür gekämpft, dass hochwertige
Abschlüsse in Lehrberufen wie dem des Technikers oder
auch weiterführende Qualifikationen wie der Titel des
Meisters mit dem Bachelor gleichgesetzt wurden. Das ist
etwas, was wir stärker betonen müssen.

Daraus folgt für mich aber die Frage: Warum ist ein
Bachelorstudium generell kostenfrei, und welcher Syste-
matik folgt es, dass ein Meister sein Studium selbst be-
zahlen muss? Ich verstehe das nicht, und ich denke, auch
hier sollten wir etwas ändern.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD – Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann legen Sie mal los!)


– Wollen Sie etwas fragen?


(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, ich frage Sie jetzt mal was!)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803603200

Bitte.






(A) (C)



(D)(B)


Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803603300

Sie haben die Gerechtigkeitslücke angesprochen, die

sich daraus ergibt, dass das Studium kostenfrei ist, wäh-
rend die Meister ihre Ausbildung selber bezahlen müs-
sen. Jetzt frage ich Sie, in welche Richtung Sie die
Gerechtigkeitslücke schließen wollen: in Richtung der
Einführung von Kosten für das Studium oder in Rich-
tung der Einführung von Kostenfreiheit für die Meister-
ausbildung?


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)



Dr. Thomas Feist (CDU):
Rede ID: ID1803603400

Das ist eine sehr gute Frage, Frau Kollegin.


(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich danke Ihnen für dieses Kompliment! Das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut! – Zurufe: Oh!)


– Wow! Da werde ich ja richtig rot. – Ich möchte nicht in
die Richtung gehen, die meine Kollegin Hein von den
Linken vorhin in ihrer Rede vorgegeben hat. Sie können
es nachlesen: Frau Kollegin Hein hat sich indirekt für
Studiengebühren ausgesprochen; das fand ich schon sehr
bemerkenswert.


(Dr. Rosemarie Hein [DIE LINKE]: Nein! – Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Was?)


– Ja, Frau Sitte, da haben Sie nicht aufgepasst, da haben
Sie die Rede nicht kontrolliert. –


(Dr. Rosemarie Hein [DIE LINKE]: Lesen Sie unseren Antrag! Da steht das ganz genau drin! – Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Eine sehr freie Interpretation!)


Mir geht es darum, dass ein Meisterstudium aus meiner
Sicht kostenfrei sein muss; das ist mein Ansatz. Im Hin-
blick auf die Bildungsgerechtigkeit halte ich die Syste-
matik, die momentan vorherrscht, für schief – ich erkläre
es noch einmal –: Das Bachelorstudium ist generell kos-
tenfrei, das Meisterstudium nicht. Wenn ich versuchen
wollte, mit Ihnen auf einen gemeinsamen Nenner zu kom-
men, dann würde ich nicht das sagen, was die OECD sagt,
nämlich dass wir für ein sozial gerechtes Studiensystem
nachgelagerte Studiengebühren brauchen – O-Ton Pro-
fessor Schleicher erst vor zwei Tagen –, sondern würde
dafür plädieren, zu sagen: Ein Meisterstudium sollte
kostenfrei sein.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie des Abg. Martin Rabanus [SPD] – Zuruf von der SPD: Sag das mal den Haushältern!)


– Das sagen wir auch den Haushältern.


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803603500

Herr Kollege, jetzt gibt es noch 15 Sekunden für das

Finale.


Dr. Thomas Feist (CDU):
Rede ID: ID1803603600

Recht vielen Dank, Herr Präsident. – In 15 Sekunden

werde ich die großen Anstrengungen, die wir in unserem
Antrag beschrieben haben, nicht weiter ausführen kön-
nen. Aber eines ist mir noch ganz wichtig: Wir müssen
etwas für die Berufsschullehrer tun, die in den Ländern
leider oft das fünfte Rad am Wagen sind. Das heißt auch,
dass wir die akademische Ebene der Ausbildung von Be-
rufslehrern stärken müssen. Dafür werden wir uns stark-
machen.

Recht vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803603700

Nächster Redner ist der Kollege Ernst Dieter

Rossmann für die SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Ernst Dieter Rossmann (SPD):
Rede ID: ID1803603800

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Kollege Feist hat an die sehr kluge Eingangsbemerkung
unserer Ministerin über die Gleichwertigkeit von berufli-
cher und akademischer Bildung angeknüpft. Wenn wir
diese Linie halten, dann wächst das auch zusammen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Ich möchte eine weitere Bemerkung der Ministerin
aufgreifen – um auf Frau Pothmer einzugehen. Die
Ministerin war so ehrlich, zu sagen: Es ist nicht alles
Gold, was glänzt.


(Beifall des Abg. Willi Brase [SPD] – Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das finde ich richtig!)


Ich finde, man muss trotz aller Empörung akzeptieren,
dass eine differenzierte, durchaus selbstkritische Be-
trachtung stattgefunden hat, wenn es darum geht: Wo
gibt es noch Lücken und Bedarfe? In welchen Bereichen
muss es noch Entwicklung geben?


(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das habe ich positiv hervorgehoben!)


Ein Aspekt ist zu ergänzen: Uns liegt nicht nur ein ex-
zellenter Berufsbildungsbericht vor, sondern implizit
auch ein Weiterbildungsbericht. Ich möchte die Verbin-
dung von beruflicher Erstausbildung und Weiterbildung
in die Debatte einbringen. Herr Kollege Rupprecht hat
heute sehr offen und auch gegen den Mainstream ange-
sprochen, was ihn umtreibt und wo er sich Sorgen
macht. Ich finde dies gut, wo heute einmal mehr reihen-
weise Abgeordnete der Koalition gesprochen haben,
weil so eine offene Debatte zustande kommt. Aber, Herr
Kollege Rupprecht, besteht eine Stärkung des dualen
Systems nicht auch darin, das Weiterbildungssystem zu
verbessern?


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Uda Heller [CDU/CSU])


Es ist wichtig, dass die jungen Menschen wahrnehmen,
dass sie nach der beruflichen Erstausbildung durch eine
ihnen alle Perspektiven eröffnende Weiterbildung bes-
sere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Genauso
wichtig wie die Aufwertung der beruflichen Erstausbil-





Dr. Ernst Dieter Rossmann


(A) (C)



(B)

dung ist zwar eine bessere Bezahlung, zum Beispiel
– Herr Rupprecht, Sie haben darauf hingewiesen – die
eines erfahrenen Zeichners im Vergleich zu der eines
jungen Architekten, und die Verbesserung der Qualität
der Arbeit, die Kollege Brase angesprochen hat. Aber
auch die berufliche Weiterbildung muss in den Bereich
Ausbildung integriert werden.

Ich will Ihnen hierfür drei Gründe nennen:

Erstens. Damit stärken wir die Qualität unseres dua-
len Bildungswesens.

Zweitens. Weiterbildung ist im Übrigen ein Dach, un-
ter das manche kriechen können, die sich sonst schämen
würden, weil sie keine abgeschlossene Schulausbildung
oder keine abgeschlossene Berufsausbildung haben,


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


indem Sie später ihre zweite oder dritte Chance nutzen.
Denn sie tun sich leichter, wenn sie sagen können: „Ich
bilde mich weiter“, statt zu sagen: „Ich hole jetzt meine
Schulzeit nach“, und das mit 35.

Drittens. Wir brauchen Weiterbildung, um die Fach-
kräfteoffensive zu unterlegen; denn es geht nicht nur um
Menschen, die eine gute Erstausbildung haben. Vielmehr
müssen sich alle, die eine berufliche Tätigkeit ausüben,
weiter qualifizieren – im eigenen Interesse, aber auch im
ökonomischen Interesse. Deshalb muss die Weiterbil-
dung gestärkt werden.

Herr Kollege Schummer, wir haben uns bei den
Koalitionsverhandlungen mit Augenzwinkern darüber
verständigen können, dass aus der Allianz für die Aus-
bildung eine Allianz für Aus- und Weiterbildung werden
muss. In Bezug auf die berufliche Ausbildung ist das im
Koalitionsvertrag klar hinterlegt, in Bezug auf die
Weiterbildung muss hier jedoch noch nachgearbeitet
werden.

Ich will versuchen, vier Linien aufzuzeigen, wie dies
aussehen könnte:

Erstens. Jeder Allianz für Weiterbildung muss eine
Grundbildungsinitiative hinzugefügt werden. Sosehr wir
uns freuen, dass die Gewerkschaften bereit sind, der Al-
lianz für Aus- und Weiterbildung beizutreten, so sehr
sollten wir ein gemeinsames Interesse daran haben, dass
die Wirtschaft in die Alpha-Initiative dieser Bundes-
regierung einsteigt.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Die Wirtschaft kann nicht außen vor bleiben angesichts
der Tatsache, dass 60 Prozent der Menschen mit Lese-
und Schreibschwächen es trotzdem schaffen, in einem
Berufsverhältnis zu stehen. Das muss doch eine Heraus-
forderung für die IHK bis hin zu den Unternehmensver-
bänden sein, bei der gemeinschaftlichen Aktion „Grund-
bildung für alle sichern“ mitzumachen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Zweitens. Frau Özoğuz sprach darüber, welche Poten-
ziale wir haben, wenn eine zweite oder dritte Chance be-
steht, sich im Berufsleben zu qualifizieren. Das sind
wirklich große Zahlen. Wir nennen immer die Zahl der
1,4 bis 1,5 Millionen Menschen unter 30 Jahren, die
keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Bezogen
auf die Gesamtberufsbiografie, also in der Perspektive
bis 67, haben 5 bis 5,5 Millionen Menschen keine abge-
schlossene Berufsausbildung.


(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja!)


Diese Menschen müssen sich auch im Alter von 40 oder
50 im Berufsleben bewähren, und sie wollen sich auch
bewähren. Deshalb muss es Aufgabe der Allianz sein,
dauerhaft und konstant die Weiterbildungsfähigkeit, die
Weiterbildungsaufgeschlossenheit zu fördern.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Drittens. Frau Strothmann, ich finde es sehr gut, dass
Sie die Erste waren, die das Aufstiegsfortbildungsförde-
rungsgesetz, eine legendäre Erweiterung unseres Leis-
tungsbereiches in der Bildungsförderung, genannt haben.
Herr Kollege Feist, ich kann nur sagen: Ja, wir stimmen
Ihnen vollkommen zu. Wenn wir es schaffen, zusätzliche
Mittel im Haushalt zu mobilisieren, sodass der Betrag für
diejenigen gesenkt werden könnte, die sonst 10 000 Euro
und mehr für eine Aufstiegsfortbildung bezahlen müs-
sen, dann wäre das ein echtes Pfund.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Es wäre auch gut, wenn wir es schaffen, das Auf-
stiegsfortbildungsförderungsgesetz parallel zum BAföG
in Richtung Weiterbildungsförderungsgesetz zu entwi-
ckeln. Verschiedenste Regierungen haben in diesem
Bereich Maßnahmen ergriffen. Wir haben eine Weiter-
bildungsprämie eingeführt, und wir haben ein Aufstiegs-
stipendium. Da ist Musik drin. Das kann durch diese Al-
lianz befördert werden.

Viertens. Wir brauchen generell nicht nur ein Recht
auf drei Jahre Erstausbildung, sondern – so formuliere
ich das immer gerne – auch ein Recht auf drei Jahre Wei-
terbildung. Zwei mal drei – darauf müssen die Arbeit-
nehmer einen Anspruch haben. So können wir berufliche
Erstausbildung und Weiterbildung miteinander verknüp-
fen. Wenn Sie angesichts der Forderung nach einer drei-
jährigen Weiterbildung erschrecken, sage ich: Umge-
rechnet auf eine Berufsbiografie sind das zwei Wochen
Lernen, zwei Wochen Weiterbildung pro Jahr. Ist das
wirklich zu viel? Oder ist das nicht eher zu wenig?


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803603900

Herr Kollege.


Dr. Ernst Dieter Rossmann (SPD):
Rede ID: ID1803604000

Ich glaube, das ist das Mindeste, was wir brauchen.

Noch eine Schlussbemerkung, weil wir auch in die
Zukunft denken müssen: Frau Hein, es geht nicht um die
Forderung nach einem Bundesbildungsgesetz. Es geht
um diese Überlegung: Im letzten Jahrhundert haben wir
über die Schaffung des Sozialgesetzbuches große gesell-

(D)






Dr. Ernst Dieter Rossmann


(A) (C)



(D)(B)

schaftliche Fortschritte gemacht. Wir müssen uns fragen,
ob dieses Jahrhundert so etwas wie ein Bildungsgesetz-
buch braucht. BAföG, Meister-BAföG, Fernunterrichts-
wesen, all das wird zusammenkommen.


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803604100

Das können wir im Einzelnen jetzt nicht mehr erör-

tern.


Dr. Ernst Dieter Rossmann (SPD):
Rede ID: ID1803604200

Herr Präsident, darauf werden sich weitere Reden in

der Zukunft beziehen.

Danke.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803604300

Ich erteile das Wort der Kollegin Uda Heller für die

CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Uda Heller (CDU):
Rede ID: ID1803604400

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kollegin-

nen und Kollegen! Zuerst die gute Nachricht: Es gibt
noch Schüler, die sich um ihre berufliche Zukunft Ge-
danken machen und darüber, welcher Beruf ihren Inte-
ressen und Neigungen entspricht. – Diese Überschrift
konnte ich vorige Woche in der Zeitung meiner Heimat-
stadt lesen. Sie stammt also nicht von mir.

Ich denke, diese Jugendlichen hat es immer gegeben;
nur waren ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz ge-
ringer, da die Bewerberzahl das Angebot deutlich über-
stieg. Doch der Ausbildungsmarkt hat sich verändert.
Die Waage zwischen Ausbildungsangeboten und Ausbil-
dungsplatzsuchenden ist fast ausgeglichen. Demgegen-
über stehen die vielfältigen Probleme, die heute alle
schon angesprochen wurden: Jugendliche in Übergangs-
maßnahmen, zu hohe Abbrecherquoten usw. Ich denke,
wir müssen mit einem vernetzten Vorgehen gemeinsam
unserem Ziel näherkommen, dem Ziel, Jugendliche in
duale Ausbildung zu bringen und ihnen Perspektiven für
ihre Zukunft aufzuzeigen. Hier wäre eine Verständigung
in der Kultusministerkonferenz über Maßnahmen, die
sich in den Schulgesetzgebungen der Länder widerspie-
geln müssen, sehr hilfreich.

Unter dem Titel „Weiterentwicklung des ‚Übergangs-
systems Schule/Ausbildung/Beruf‘“ hat der Landtag von
Sachsen-Anhalt im März 2014 einen Antrag verabschie-
det. Einer der Aufträge ist die Erfassung von bundesein-
heitlichen und landesspezifischen Projekten, Maßnah-
men und Programmen, die im Land Anwendung finden.
Ich denke, dieser Antrag ist dringend notwendig, da
viele Programme unabgestimmt parallel laufen. Wir
müssen die Nutzhaftigkeit dieser Projekte beurteilen und
daraus unsere Schlüsse ziehen.

Die Angebote an den Schnittstellen zwischen Schule
und Berufsausbildung sind sehr vielfältig und werden
von den verschiedensten Ministerien koordiniert. Ein
wichtiger Schlüssel zum Erfolg ist hierbei eine flächen-
deckende, stärker systematisierte und mit mehr Verbind-
lichkeit versehene Berufsorientierung. Diese beginnt in
den Schulen. Dafür müssen die Lehrerinnen und Lehrer
– das wurde vorhin schon gesagt – durch Fort- und Wei-
terbildungen befähigt werden, und es muss ihnen die für
diese spezielle Aufgabe nötige Zeit eingeräumt werden.
Ich denke, es ist auch ein Problem, wenn der Auftrag
nicht konkret formuliert wird; denn dann kann ich ihn
nicht so ausführen, wie ich das gerne möchte und wie es
vielleicht notwendig wäre.

Dem praxisbezogenen Lernen und der Zusammenar-
beit von Schule und Wirtschaft müssen ein größerer Stel-
lenwert eingeräumt werden;


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie des Abg. Willi Brase [SPD])


denn zielgerichtete und flächendeckende Praktika führen
zur Senkung der viel zu hohen Abbrecherquoten in der
dualen, aber auch in der akademischen Ausbildung. Da-
her muss nach meiner Überzeugung die Berufsorientie-
rung auch an Gymnasien ein fester Bestandteil werden.

Der Landkreis, aus dem ich komme, hat seit 1990 die
höchste Arbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt. Es gab und
gibt immer noch Handlungsbedarf, sowohl in der beruf-
lichen Ausbildung als auch in der Fachkräftesicherung.
Daher war die Bewerbung um das Bundesprogramm
„Perspektive Berufsabschluss“ folgerichtig. Ich durfte
drei Jahre lang diese Maßnahme leiten und kann mir auf-
grund meiner praktischen Erfahrungen ein Urteil darüber
bilden, ob sie sinnvoll war oder nicht.

Der wichtige erste Schritt war, Transparenz bei Ange-
bot und Nachfrage herzustellen. Aber auch die Zusam-
menarbeit und Kooperation beispielsweise mit der
Agentur für Arbeit, dem Jobcenter, den Schulen und be-
rufsbildenden Schulen, den Kammern und der Wirt-
schaft mussten verbessert und koordiniert werden. Wir
erzielten erste Erfolge durch die Abstimmung der Ent-
scheidungsträger im Bildungsbereich, die Steigerung der
Transparenz regionaler Hilfsangebote und die Verbesse-
rung der Eltern- und Lehrerinformation. Es zeigte sich,
dass eine Bildungskooperation zielführend ist. So ent-
schloss sich mein Landkreis, dieses Projekt zu versteti-
gen, und gründete ein sogenanntes Bildungsbüro als An-
laufstelle.

Ich will damit sagen, dass Berufsorientierungspro-
gramme des Bundes nach Abschluss durchaus nicht in
der Schublade verschwinden, Frau Ministerin, sondern
Wegbereiter für eine sinnvolle Verstetigung sein können.
Eine landesweite Ausdehnung des regionalen Über-
gangsmanagements auf alle Landkreise ist vom Kultus-
ministerium des Landes Sachsen-Anhalt vorgesehen.
Die Jugendberufsagenturen könnten ähnlich gestaltet
werden. Ich denke, der Name ist dabei nicht das Wich-
tigste, sondern die Ausgestaltung und vor allem die ko-
operative Zusammenarbeit in diesem Bereich.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Es ist natürlich auch wichtig, Schwachstellen in die-
sem Projekt zu identifizieren und aufzuzeigen. Man





Uda Heller


(A) (C)



(D)(B)

kann Dinge nur verändern – auch das wurde schon ge-
sagt –, wenn man die Ursachen kennt. Es ist wichtig,
Statistiken aussagekräftig zu gestalten. Wenn ich nicht
zeitnah weiß, wie viele Schüler die Schule verlassen und
mit welchem Abschluss, kann ich ihre späteren Wege
nicht nachvollziehen. So fallen immer wieder viele Ju-
gendliche durch das Netz bzw. in die sogenannten War-
teschleifen. Als versorgt wird zum Beispiel auch jemand
benannt, der in eine Ersatzmaßnahme eingegliedert wird.
Die Schüler, die sich bei keiner Agentur als „zu vermit-
teln“ melden, fallen gänzlich durch das Raster. Auch
diese gibt es. Sie fangen zum Beispiel bei einem Onkel
eine Lehre an oder machen eben gar nichts.

Diese Statistiken müssen ausgewertet und die hohen
Lösungsquoten von Ausbildungsverträgen analysiert
werden. Dadurch können wir die Probleme am Ausbil-
dungsmarkt erkennen, aber auch, ob unsere jungen Leute
überhaupt eine Ausbildung wollen. Dieser Aspekt ist
meiner Meinung nach heute zu kurz gekommen. Ich
habe in einer Berufsschule gearbeitet. Bei einem Schüler
mit 300 Fehlstunden wussten wir zum Beispiel nicht,
wie wir diesen Schüler zu einem Abschluss bringen. Ich
denke, auch dieses Thema sollten wir nicht außen vor
lassen. Wir müssen überlegen, wie wir die Motivation
auf beiden Seiten stärken.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


In allen vorliegenden Anträgen finden sich gute An-
sätze. Lassen Sie uns die Probleme gemeinsam angehen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803604500

Letzter Redner zu diesem Tagesordnungspunkt ist der

Kollege Sven Volmering für die CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Sven Volmering (CDU):
Rede ID: ID1803604600

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Her-

ren! Pep Guardiola hat beim FC Barcelona mit dem
Konzept des ständigen Ballbesitzes eine Spielidee entwi-
ckelt, die zu vielen Triumphen führte. Mit der Zeit haben
Mitbewerber natürlich darauf reagiert. Sie haben Teile
dieses Systems in ihre eigene Spielweise integriert und
neue Konzepte entgegengesetzt. Da man sich in Barce-
lona zu lange auf den alten Erfolgen ausruhte, hat sich
die Mannschaft nicht weiterentwickelt und diese Saison
zum ersten Mal seit Jahren ohne großen Titel abge-
schlossen.

Die heutige Debatte zeigt, dass wir in Deutschland
vor einer vergleichbaren Herausforderung stehen. Unser
duales Ausbildungssystem ist Spitzenklasse. Unser
Champions-League-Erfolg ist die europaweit niedrigste
Jugendarbeitslosigkeit. Aber im Gegensatz zum FC Bar-
celona ruhen sich CDU/CSU und SPD nicht auf den Er-
folgen aus. Vielmehr machen wir uns mit unserem An-
trag auf den Weg, die im Berufsbildungsbericht 2014
angesprochenen Probleme und Herausforderungen anzu-
gehen.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Wir setzen dabei nicht, wie die Linke, auf Spielkon-
zepte aus den 70er-Jahren. Ihre Forderung nach einer
Ausbildungsplatzumlage ist kontraproduktiv. Sie er-
reicht das Gegenteil von dem, was Sie erreichen wollen.
Die Umlage schafft keine Ausbildungsplätze. Sie zer-
stört Zukunftsperspektiven. Deshalb lehnen CDU und
CSU diesen Dinosaurier politischer Forderungen ab.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Meine Damen und Herren, ich bin optimistisch, dass
wir unsere erfolgreiche Politik fortsetzen werden. Wir
haben nämlich, um in der Fußballersprache zu bleiben,
ein enorm gutes, nachwachsendes Spielerpotenzial. Ju-
gendstudien zeigen, dass die jungen Menschen in
Deutschland keine Null-Bock-Mentalität haben, sondern
leistungsbereit sind und im Beruf erfolgreich sein wol-
len. Die Aufstiegschancen werden von der großen Mehr-
heit der Jugendlichen in Deutschland optimistisch gese-
hen.

Wenn man allerdings fragt, was wir im Bereich der
Berufsbildung besser machen können, sind sich Wirt-
schaft und Jugend einig. Der DIHK hat 15 000 Unter-
nehmen befragt, was eigentlich die größten Ausbil-
dungshemmnisse sind. Die Hälfte hat dabei angegeben,
dass viele Schulabgänger unklare Berufsvorstellungen
haben. Wenn sich drei Viertel der Gymnasiasten und
50 Prozent der Real- und Hauptschüler weiterhin unzu-
reichend auf die Berufswahl vorbereitet fühlen, dann ste-
hen wir natürlich in der Pflicht. Wir müssen jungen
Menschen eine Orientierungshilfe im Hinblick auf ihre
Potenziale, Fähigkeiten, Schwächen und Stärken geben,
damit ihnen die Berufswahl leichterfällt.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Entscheidend ist, dass wir dies für alle Jugendlichen
flächendeckend, zielgruppengerecht, zum richtigen Zeit-
punkt, nämlich bereits während der Schulzeit, und an al-
len Schulformen tun. Meine Vorredner haben bereits da-
rauf hingewiesen; ich möchte daher auf einen anderen
Aspekt eingehen.

Wir diskutieren viel über Chancen und Risiken der di-
gitalen Revolution. Einerseits loben wir die enormen Po-
tenziale der Industrie 4.0. Andererseits verfallen wir, in
Teilen auch berechtigt, vor dem Hintergrund von NSA
und Cyberkriminalität in einen unglaublichen Pessimis-
mus. Sigmar Gabriel hat letzten Freitag in der FAZ einen
lesenswerten Beitrag dazu verfasst.


(Beifall des Abg. Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD])


Was er jedoch völlig ausblendet, ist die Bedeutung der
digitalen Bildung.

Zunächst: Im Bereich der digitalen Wirtschaft liegt
ein enormes Wachstumspotenzial, welches dauerhaft
neue Ausbildungs- und Berufsperspektiven schafft.


(Willi Brase [SPD]: Das gilt auch für die reale Wirtschaft!)






Sven Volmering


(A) (C)



(D)(B)

Der Branchenverband BITKOM hat letzte Woche mitge-
teilt, dass die Zahl der registrierten Ausbildungsverträge
um knapp 3 Prozent gesteigert werden konnte. Es gibt
39 000 offene Stellen in dieser Branche. BITKOM weist
darauf hin, dass eine Berufsausbildung in diesem Be-
reich beste Chancen bietet, einen sicheren Arbeitsplatz
zu bekommen, und zwar nicht nur im Rahmen der dua-
len Ausbildung, sondern das gilt durchaus auch für
Leute, die ein Hochschulstudium abgebrochen haben.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Auch in vielen anderen Berufsfeldern sind das Inter-
net und die damit verbundenen Programme und digitalen
Endgeräte selbstverständliche Begleiter geworden. An
dieser Stelle kommt die Qualitätsoffensive Lehrerbil-
dung ins Spiel. Wollen wir die gesellschaftliche und
wirtschaftliche Realität mit ihren Chancen und Möglich-
keiten in der Schule abbilden, müssen wir bei der Leh-
reraus- und -fortbildung an allen Schulen eine stärkere
Verankerung von Kompetenzen im Bereich der digitalen
Mediennutzung schaffen. Die Medienkompetenz junger
Menschen muss allumfassend gestärkt werden. Denn auf
dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt wird es immer
wichtiger – dies gilt für alle Branchen –, in diesem Be-
reich gut geschulte junge Menschen zu beschäftigen.

Die Grünen haben gerade kritisiert, wir hätten keine
innovativen Ideen. Das ist nicht der Fall. So ist zum Bei-
spiel das im Koalitionsvertrag angekündigte „Modell-
projekt Freiwilliges Soziales Jahr Digital“ ebenso eine
innovative Idee wie die geplante Einführung von Profil-
schulen IT/Digital mit dem Schwerpunkt Informatik.
Das sind nur zwei von vielen Möglichkeiten, vor dem
Hintergrund des Fachkräftemangels das Interesse an at-
traktiven Jobs zu wecken, für die man nicht unbedingt
ein Studium braucht.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


– Frau Esken, vielen Dank.

Das Förderprogramm „Digitale Medien in der berufli-
chen Aus- und Weiterbildung“ des Bundesbildungs-
ministeriums ist ebenfalls ein richtiger Schritt. Über
160 initiierte Einzel- und Verbundvorhaben zeigen, wie
wichtig die Thematik für Unternehmen und Berufsbil-
dungsinstitutionen ist.

Meine Damen und Herren, uns eint das Ziel, dass wir
allen jungen Menschen gute Zukunftsperspektiven bie-
ten wollen. Über die Konzepte, wie wir dieses Ziel errei-
chen können, sind wir uns teilweise uneinig. Aber wie
im Fußball hat auch in der Politik der Wettbewerb – in
diesem Fall der Wettbewerb der Ideen – seinen Reiz. In
diesem Sinne freue ich mich sehr auf die intensive Fort-
führung der Debatte im Ausschuss.

Vielen herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1803604700

Lieber Kollege Volmering, ich gratuliere Ihnen herz-

lich zu Ihrer ersten Rede im Deutschen Bundestag.


(Beifall)


Ich bin Ihnen besonders verbunden, weil Sie freiwil-
lig im Rahmen der vorgesehenen Redezeit zu Ende ge-
kommen sind, obwohl die Uhr immer noch irrtümlich
scheinbar über zwei Minuten anzeigte.


(Sven Volmering [CDU/CSU]: Sie zeigte gar nichts mehr an!)


Ich führe das auf den verzweifelten Versuch von Anhän-
gern des FC Bayern München zurück, Ihnen noch zu-
sätzliche Redezeit für die Erwähnung dieses bedeuten-
den Vereins einzuräumen, nachdem ein anderer,
spanischer Verein ausdrücklich gewürdigt wurde.

Wir sind damit am Ende dieses Tagesordnungspunk-
tes.

Ich weise Sie darauf hin, dass es interfraktionell den
Vorschlag gibt, die Vorlagen auf den Drucksachen 18/1180,
18/1451, 18/1454 und 18/1456 an die in der Tagesord-
nung aufgeführten Ausschüsse zu überweisen. Sind Sie
damit einverstanden? – Das sieht ganz so aus. Dann kön-
nen wir so verfahren.

Wir kommen nun zu den Tagesordnungspunkten 4 a
bis 4 d:

a) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Katharina Dröge, Bärbel Höhn, Britta
Haßelmann, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Für ein starkes Primat der Politik – Für fai-
ren Handel ohne Demokratie-Outsourcing
Drucksache 18/1457
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Energie (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Katharina Dröge, Katja Keul, Bärbel Höhn, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN

Für fairen Handel ohne Klageprivilegien für
Konzerne
Drucksache 18/1458

c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Thomas
Nord, Klaus Ernst, Dr. Dietmar Bartsch, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE

Die Verhandlungen zum EU-USA-Freihan-
delsabkommen TTIP stoppen
Drucksache 18/1093
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Energie (f)

Auswärtiger Ausschuss





Präsident Dr. Norbert Lammert


(A) (C)



(D)(B)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Finanzausschuss
Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Gesundheit
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Ausschuss für Kultur und Medien

d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Klaus
Ernst, Thomas Nord, Susanna Karawanskij, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE

Vertragstext zum Freihandelsabkommen der
EU mit Kanada sofort vorlegen

Drucksache 18/1455

Auch hierzu soll es nach den Vereinbarungen der
Fraktionen eine 96-minütige Aussprache geben. – Das
ist offenkundig unstreitig; also können wir so verfahren.

Ich eröffne die Aussprache und erteile das Wort dem
Kollegen Anton Hofreiter für die Fraktion Bündnis 90/
Die Grünen.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! In den letzten Wochen und Monaten hat die
öffentliche Debatte über das sogenannte Freihandelsab-
kommen, das Abkommen zwischen der Europäischen
Union und den Vereinigten Staaten von Amerika, stark
zugenommen. Das ist auch richtig so; denn diese wichti-
gen Entscheidungen dürfen nicht hinter dem Rücken der
Bürgerinnen und Bürger getroffen werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Aber die Debatte wird massiv erschwert; denn die Ver-
handlungen finden alles andere als transparent statt. Dies
beklagen plötzlich viele: Martin Schulz, Wirtschafts-
minister Gabriel, auch der Kollege Ferber von der CSU.
Über dieses Ausmaß an Heuchelei bin ich mehr als ver-
blüfft; denn Union und SPD haben mit ihren Mehrheiten
dafür gesorgt, dass ein größeres Maß an Transparenz
verhindert wird.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Klaus Barthel [SPD]: Wie das?)


Die Bürgerinnen und Bürger fürchten, dass diese
Heimlichtuerei einen Zweck erfüllt, und mit diesen Be-
fürchtungen liegen sie genau richtig; denn wer den Inhalt
des Verhandlungsmandates kennt, der sieht, dass es nicht
den Interessen der Menschen, nicht dem Verbraucherschutz
und dem Umweltschutz dient, sondern ausschließlich den
kurzfristigen Profitinteressen einiger weniger Großkon-
zerne.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: So ein Schwachsinn!)


Dabei beunruhigt mich weniger das vielzitierte Chlor-
hühnchen. Guter Verbraucherschutz in der EU, schlech-
ter Verbraucherschutz in den USA – das ist doch etwas
zu schlicht. Hochproblematisch stattdessen ist das soge-
nannte Investitionsschutzabkommen.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)

Wir haben bereits eine Reihe solcher Abkommen und

haben Unmengen schlechter Erfahrungen damit ge-
macht. Lassen Sie mich nur einige Beispiele nennen:
Philip Morris verklagt Australien und Uruguay auf Scha-
densersatz – nur weil sie Warnhinweise auf Zigaretten-
schachteln drucken. Der Ölkonzern Lone Pine verklagt
Kanada auf Schadensersatz, weil die Provinz Quebec die
Hochrisikotechnologie Fracking verbieten will. Und
Vattenfall verklagt die Bundesrepublik Deutschland auf
3,5 Milliarden Euro Schadensersatz, nur weil wir aus der
Hochrisikotechnologie Atomkraft aussteigen wollen. –
Der Bundestag darf einem Abkommen, das solche Kla-
gemöglichkeiten erweitert und vertieft, auf keinen Fall
zustimmen!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Investitionsschutzabkommen unterlaufen den Rechts-
staat; denn sie ersetzen öffentliche Gerichte, insbeson-
dere die Verwaltungsgerichtsbarkeit, durch eine Hinterzim-
merjustiz. Es ist doch absurd: Mag irgendjemand von der
CDU vielleicht behaupten, dass Deutschland kein Rechts-
staat ist, sodass wir das benötigen, oder dass die USA kein
Rechtsstaat sind? Wollen Sie vielleicht, dass demokratisch
beschlossene Gesetze durch Schattengerichte und Konzern-
justiz unterlaufen werden können? Will irgendjemand, dass
uns Lone Pine, Philip Morris oder Vattenfall die Politik dik-
tieren? Wollen Sie das etwa, Kollegen von der SPD und der
CDU/CSU? Die Bürgerinnen und Bürger wollen das sicher
nicht, und wir wollen das auch nicht.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Deshalb noch einmal: Der Bundestag darf einem Ab-
kommen, das diese Klagemöglichkeiten erweitert und
vertieft, auf keinen Fall zustimmen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Martin Schulz und Wirtschaftsminister Gabriel waren
im Bündnis mit Frau Merkel noch vor wenigen Wochen
die Cheflobbyisten für TTIP. Jetzt stehen wir aber kurz
vor der Europawahl, und vor einer Europawahl passiert
immer das Gleiche:


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Also in fünf Jahren einmal!)


Plötzlich will es keiner mehr gewesen sein. Plötzlich
liegt die Verantwortung nicht mehr bei Deutschland,
nicht mehr bei der deutschen Regierung und auch nicht
mehr bei den deutschen Abgeordneten, sondern sie dif-
fundiert irgendwie unnachvollziehbar nach Brüssel.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Nein, bei den Grünen liegt sie!)






Dr. Anton Hofreiter


(A) (C)



(D)(B)

Dabei war es doch die Regierung Merkel, die dieses Ver-
handlungsmandat im Europäischen Rat durchgesetzt hat,


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


und dabei waren es doch auch die sozialdemokratischen
Europaabgeordneten, die jede Gelegenheit haben ver-
streichen lassen, die Kritik im Europäischen Parlament
wirksam werden zu lassen.


(Zurufe von der SPD)


Jetzt, kurz vor der Europawahl, sehen wir ein beson-
ders billiges Wahlkampfmanöver von Herrn Gabriel: Er
richtet einen sogenannten Beirat ein. Einen solchen Bei-
rat gibt es auf europäischer Ebene auch schon. Die
NGOs sagen, es gebe keine Informationen, keinen Ein-
fluss, nichts. Das ist genau das gleiche Muster wie im-
mer: Billige Wahlkampfmanöver vor der Wahl, und nach
der Wahl ist Herr Gabriel der noch bessere Genosse aller
Bosse, wie er es bereits beim Erneuerbare-Energien-Ge-
setz bewiesen hat.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Widerspruch bei der SPD – Dr. Matthias Heider [CDU/CSU]: Das ist hier aber eine dünne Nummer! – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Dummheit!)


Selbst die Wirtschaft erwartet von Ihrem Abkommen
nichts. 85 Prozent des Mittelstandes, also der kleineren
und mittleren Unternehmen, erwarten von dem Abkom-
men nichts. Circa 800 Millionen Menschen leben in den
USA und der Europäischen Union. In diesen Wirt-
schaftsräumen wird fast die Hälfte der globalen Wirt-
schaftsleistung erwirtschaftet. Internationale Abkommen
zwischen diesen Wirtschaftsräumen könnten globale
Standards setzen, zum Beispiel im Bereich der Finanz-
marktregulierung.

Was wir aber nicht brauchen, ist dieses Abkommen,
das Umweltstandards und Verbraucherschutzstandards
senkt und eine Konzernjustiz einführt. Dieses Abkom-
men lehnen wir ab.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Axel Schäfer [Bochum] [SPD]: Es gibt noch gar keines!)


Wir brauchen stattdessen internationale Klimaschutz-
abkommen, internationale Umweltstandards und ver-
bindliche internationale Sozialstandards. Völlig anders,
als Frau Merkel bekannt gibt, die eine Sozialunion und
selbst Sozialstandards auf europäischer Ebene ablehnt,


(Dr. Matthias Heider [CDU/CSU]: Wahlkampf!)


brauchen wir nicht nur auf europäischer Ebene Sozial-
standards, sondern endlich auch auf internationaler
Ebene.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Das sind Abkommen, für die es sich lohnt, zu streiten.
Das sind Abkommen, die Europa populär machen wür-
den. Das sind Abkommen, die die Arbeit im Deutschen
Bundestag populär machen würden. Machen wir uns
deshalb endlich an diese sinnvolle Arbeit!

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803604800

Liebe Kolleginnen und Kollegen, als nächster Redner

hat der Kollege Joachim Pfeiffer das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Joachim Pfeiffer (CDU):
Rede ID: ID1803604900

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wenn man dem Kollegen Hofreiter zugehört hat und die
Anträge liest, die heute vorgelegt wurden,


(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist immer hilfreich!)


dann muss man leider feststellen: Zur Sache wird über-
haupt nichts gesagt.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD – Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie haben nicht zugehört!)


Vielmehr wird hier ein Wahlkampfgetöse veranstaltet.
Es wird auf Emotionen abgehoben. Es werden Ängste
geschürt, die wirklich abwegig sind.


(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Belegen Sie diese Behauptung!)


Es wird ein Popanz aufgebaut, was Vertraulichkeit und
angebliche Geheimhaltung anbelangt. Das ist geradezu
abwegig.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sagen Sie doch etwas zur Sache! – Weitere Zurufe von der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Die EU-Kommission verhandelt für Europa. Wir ste-
hen am Beginn eines Verhandlungsprozesses. Wir sind
gerade in der fünften Verhandlungsrunde. Sie aber glau-
ben schon zu wissen, was dabei herauskommt.


(Zurufe von der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Dann frage ich mich: Wo waren Sie denn, als die Chef-
unterhändler sowohl der Europäischen Union als auch
der USA mehrfach in den Ausschüssen des Deutschen
Bundestages und in den Arbeitsgruppen zugegen waren,
in denen alle Themen angesprochen wurden, um die es
geht und die verhandelt wurden? Wo ist da die Geheim-
haltung? Das müssen Sie mir schon einmal erklären.


(Axel Schäfer [Bochum] [SPD]: Sehr richtig!)


Jegliche Verhandlungsposition der EU ist ins Internet
eingestellt und nachlesbar, vorher und nachher. Wo ist da
die Geheimhaltung? Das müssen Sie mir schon einmal
erklären.





Dr. Joachim Pfeiffer


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall bei der CDU/CSU – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wer hat sie denn ins Internet gestellt?)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803605000

Herr Kollege Ernst möchte Ihnen eine Frage stellen.

Lassen Sie sie zu?


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Sie sprechen doch nachher noch!)



Dr. Joachim Pfeiffer (CDU):
Rede ID: ID1803605100

Ja.


Klaus Ernst (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803605200

Herr Pfeiffer, Sie tun ja so, als sei das, wovon wir re-

den, völlig aus der Luft gegriffen. Ist Ihnen denn be-
kannt, dass im Rahmen von CETA, also dem fast identi-
schen Abkommen, das mit Kanada geschlossen werden
soll, eigentlich letzte Woche über die Texte final hätte
verhandelt werden sollen? Dieses Abkommen ist also im
Prinzip fertig. Ist Ihnen auch bekannt, dass die Paraphie-
rung offensichtlich auf Druck des deutschen Wirtschafts-
ministeriums erst einmal nicht durchgeführt wurde und
es deshalb noch kein fertiges CETA-Abkommen gibt?

Sie tun so, als würde das Abkommen erst irgendwann
kommen und sei noch lang nicht fertig. Wenn das
CETA-Abkommen geschlossen wird und dies offen-
sichtlich die Blaupause für TTIP ist, dann können Sie
hier doch bitte schön nicht so tun, als gebe es hier gar
nichts und wir wären alle neben der Spur.


(Beifall bei der LINKEN – Volker Kauder [CDU/CSU]: Dass Sie neben der Spur sind, ist unbestritten!)



Dr. Joachim Pfeiffer (CDU):
Rede ID: ID1803605300

Lieber Kollege Ernst, ich kann auch anhand Ihres

Beitrags nicht erkennen, wo hier Geheimniskrämerei
vorherrschen sollte.


(Widerspruch bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Zeigen Sie uns den Text!)


Ganz im Gegenteil: Es werden Freihandelsabkommen
verhandelt. Die EU hat ein Abkommen mit Südkorea
ausgehandelt, das ist in Kraft getreten. Es werden Frei-
handelsabkommen mit Kanada, mit Japan, mit den
ASEAN-Staaten und anderen mehr verhandelt.

Was ist das Ergebnis bisheriger Freihandelsabkom-
men? Freihandelsabkommen sind Wohlstandsmehrer.


(Beifall bei der CDU/CSU – Widerspruch bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Jedes Freihandelsabkommen, das wir bisher abgeschlos-
sen haben, hat für alle Beteiligten zu mehr Wohlstand
geführt.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Meine Frage war eine andere!)

Ihre Genossen in Kuba und Nordkorea sind keine Teil-
nehmer der Globalisierung.


(Widerspruch bei der LINKEN)


Mit diesen Ländern haben wir kein Freihandelsabkom-
men geschlossen. Deshalb geht es den Menschen dort
schlechter als uns in Europa und den anderen beteiligten
Staaten.


(Beifall bei der CDU/CSU – Lachen bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803605400

Herr Kollege Pfeiffer, die Frau Kollegin Höhn möchte

Ihnen eine Frage stellen.


Dr. Joachim Pfeiffer (CDU):
Rede ID: ID1803605500

Neuer Versuch mit Frau Höhn, beim Kollegen Ernst

hat es nicht geklappt. Bitte schön.


Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803605600

Herr Pfeiffer, Sie haben eben gesagt, zum TTIP-Ab-

kommen liege noch gar nichts vor. Was aber vorliegt,
sind die Texte zu dem CETA-Abkommen, insbesondere
auch die Texte zu den privaten Schiedsverfahren, zu den
Geheimgerichten, wie sie der SPD-Spitzenkandidat
Schulz immer nennt. Genau diese Texte sind aber jetzt
im Rahmen der TTIP-Konsultationen in die Verhandlun-
gen eingebracht worden. Von daher ist in der Tat das
CETA-Abkommen die Blaupause für das TTIP-Abkom-
men.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Ist Ihnen bekannt, dass in einem solchen Schiedsge-
richtsverfahren zum Beispiel Vattenfall aufgrund von an-
deren, schon früher abgeschlossenen Verträgen die Bun-
desregierung auf 3,7 Milliarden Euro verklagt hat und
dass ein anderes Unternehmen, das in Libyen 5 Millio-
nen Dollar im Tourismusbereich investiert hat und vor
das Schiedsgericht gezogen ist, nicht nur diese 5 Millio-
nen Dollar ersetzt bekommen hat, sondern 30 Millionen
Dollar zugesprochen bekam, weil sein Ruf ruiniert war,
sowie 900 Millionen Dollar für entgangene Gewinne?
Halten Sie solche Verfahren, die absolut unfair sind und
nur der Investitionssicherheit für Unternehmen und nicht
auch allgemeinen Interessen dienen, für gerechtfertigt,
und unterstützen Sie diese Verfahren?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Zuruf von der LINKEN: Antworten! – Gegenruf des Abg. Volker Kauder [CDU/CSU]: Das bestimmen Sie noch lange nicht, wer wie antwortet! Mal ganz ruhig da drüben!)



Dr. Joachim Pfeiffer (CDU):
Rede ID: ID1803605700

Genau über diese Fragen wird jetzt verhandelt. Sie

sprechen den Investitionsschutz an. Wer ist denn Erfin-
der des Investitionsschutzes, Frau Höhn?


(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Deutschland!)






Dr. Joachim Pfeiffer


(A) (C)



(D)(B)

Deutschland ist Erfinder des Investitionsschutzes, und
Deutschland hat über 130 Investitionsschutzabkommen
mit anderen Ländern abgeschlossen.

Was ist das Ziel von Investitionsschutzabkommen?
Wenn Investitionen nicht geschützt sind, sind erfolgrei-
ches Wirtschaften und dementsprechend Investitionen
nicht möglich. Deshalb ist das Ziel, dass Investitionen in
anderen Ländern entsprechend geschützt werden. Das
gibt es schon seit 50 Jahren. Es wird sich jetzt im weite-
ren Verfahren mit der EU und den USA zeigen, ob In-
vestitionsschutzklauseln oder Schiedsgerichtshöfe not-
wendig sind oder ob wir zu anderen Lösungen kommen
können. Ich kann per se nichts Negatives an solchen Ver-
fahren erkennen, ganz im Gegenteil: Dann können inter-
nationale Schiedsgerichte streitige Fragen entsprechend
entscheiden.


(Zuruf des Abg. Alexander Ulrich [DIE LINKE])


Woher nehmen Sie das Recht, zu sagen: „Wir wissen
alles besser“ oder „Das amerikanische Rechtssystem ist
nicht dafür geeignet“? Solche Fragen werden doch jetzt
verhandelt. Wir sind jetzt in der fünften Verhandlungs-
runde, und es ist einmal darüber gesprochen worden.
Wir, die EU und die USA, haben ein ambitioniertes Ziel,
nämlich bis Ende nächsten Jahres zum Ziel zu kommen.
Wir sind am Anfang der Verhandlungen, aber Sie wollen
schon wissen, wie sie ausgehen. Ich kann nicht erken-
nen, wo das Problem liegt.


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Ausverhandelt!)


Lassen Sie uns jetzt aber zur Sache kommen, nämlich
zu der Frage, um was es denn wirklich geht.


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Genau!)


Kollege Hofreiter hat zumindest einen richtigen Satz ge-
sagt: Wir schaffen den weltgrößten Binnenmarkt mit
800 Millionen Menschen, der 50 Prozent des Weltbrutto-
inlandsproduktes und ein Drittel des Welthandels aus-
macht. – Das ist richtig. Deshalb haben gerade wir Deut-
sche ein originäres Interesse an dem Abkommen. Wir
haben einen Exportanteil von über 50 Prozent. Insbeson-
dere unsere mittelständischen Unternehmen sind deshalb
auf Investitionsschutz in anderen Ländern und Planungs-
sicherheit angewiesen. Dieses Abkommen schafft Wachs-
tum in Europa und in den USA.


(Zuruf von der LINKEN: Wie viel denn?)


Ein solches Abkommen führt zu mehr Wachstum in
einer Größenordnung von pro Jahr 120 Milliarden Euro
in Europa und 95 Milliarden Euro in den USA.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Und wann?)


Es geht um 400 000 zusätzliche Arbeitsplätze, die wir
gerade in den Krisenländern Europas dringend benötigen
und die dort Wohlstand und Beschäftigung schaffen.


(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Jetzt stimmen die Linken zu!)


Insofern ist ein solches Freihandelsabkommen,

(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Gegen die Menschen gerichtet!)


wie gesagt, ein Wohlstandsmehrer. Gerade wir in
Deutschland profitieren doch von solchen Freihandels-
abkommen.


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Die Finanzwirtschaft!)


Lassen Sie uns anhand von ein paar Beispielen dar-
stellen, um was es geht. Es geht zum Beispiel um
Zollabbau. Jetzt sagen Sie sicherlich: Dabei geht es nicht
um viel. Die durchschnittlichen Industriezölle betragen
nur 4 Prozent. Aber bei einem täglichen Handelsvolu-
men von über 2 Milliarden Euro geht es allein im Be-
reich der Automobilindustrie um über 1 Milliarde US-
Dollar pro Jahr an Zöllen, die damit eingespart werden
können. Das bedeutet beispielsweise bei einem Merce-
des-Pkw, dass dadurch ein Wettbewerbsnachteil im ho-
hen vierstelligen Bereich ausgeglichen wird. Das heißt,
es beflügelt unsere Exporte und die Wettbewerbsfähig-
keit der Bundesrepublik Deutschland.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Volker Kauder [CDU/CSU]: Sie müssen über Porsche sprechen! – Gegenruf des Abg. Klaus Ernst [DIE LINKE])


Nehmen Sie das Beispiel Standards. Es geht nicht da-
rum, die Standards zu senken, was wieder behauptet
worden ist.


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Warum reden Sie nicht zum Thema?)


Es geht vielmehr darum, dass gleichwertige Standards,
zum Beispiel bei Zulassungsverfahren, gegenseitig aner-
kannt werden.

Wir haben als Union gestern ein Gespräch mit dem
neuen VDMA-Präsidenten geführt, der selber mittel-
ständischer Unternehmer ist. Er hat an einem konkreten
Beispiel dargelegt, dass seine Maschinen einen Kosten-
aufschlag von 18 Prozent erfahren, weil er dieselben
Maschinen sowohl in Europa als auch in den USA zerti-
fizieren lassen muss. Das stellt überhaupt keinen Mehr-
wert, sondern nur ein außertarifäres Handelshemmnis
dar und erhöht die Kosten. Solche Kosten sollen in Zu-
kunft durch das Freihandelsabkommen mit den USA ge-
senkt werden. Die gegenseitige Anerkennung von Stan-
dards eröffnet insbesondere dem deutschen Mittelstand
riesige Chancen und verschafft ihm riesige Wettbe-
werbsvorteile in den USA.

Nehmen Sie das öffentliche Beschaffungswesen, die
Buy-American-Klausel in den USA oder den Tankerauf-
trag, der zuerst Airbus erteilt wurde, dann aber rückgän-
gig gemacht wurde, als Beispiele. Sie machen deutlich,
dass die Beschaffungsprozesse bislang weder transpa-
rent noch nachvollziehbar und aus unserer Sicht auch
nicht gerecht ablaufen. So etwas soll in Zukunft im ge-
genseitigen Interesse geregelt werden. Im Ergebnis wer-
den beide Seiten Vorteile haben, wenn niemand mehr bei
den Beschaffungsprozessen des jeweils anderen benach-
teiligt wird. Auch dies ist eine Chance, den Mehrwert zu
steigern.





Dr. Joachim Pfeiffer


(A) (C)



(D)(B)


(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Das ist Realitätsverweigerung!)


– Das sind die Fakten, über die wir reden. Es geht nicht
um eine angebliche Absenkung von Standards.


(Zuruf des Abg. Klaus Ernst [DIE LINKE])


Wo werden denn Standards abgesenkt? Herr Ernst, Sie
sind doch angeblich Gewerkschafter. Fragen Sie doch
einmal Ihre Kollegen aus Skandinavien. Diese sind an
der Spitze der Bewegung pro TTIP,


(Beifall bei der CDU/CSU)


weil sie die Chance sehen, dass unsere Standards welt-
weit verankert werden. Die Gewerkschaften in Skandi-
navien sind alle für dieses Freihandelsabkommen. Ge-
hen Sie bei diesen einmal in die Lehre, Herr Ernst! Dann
können wir darüber sprechen, ob es Sinn macht oder
nicht.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Es macht keinen Sinn, wenn er in die Lehre geht!)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803605800

Herr Pfeiffer, der Kollege Dehm wünscht, eine Zwi-

schenfrage zu stellen.


(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Den lassen wir nicht fragen!)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1803605900

In Ordnung.


Dr. Jörg-Diether Dehm-Desoi (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803606000

Herr Kollege, alles, was Sie jetzt aufgeführt haben,

wurde zum Beispiel in Bezug auf Südafrika gelöst, ohne
dass Freihandelsabkommen abgeschlossen wurden. Vie-
les lässt sich vereinheitlichen und vereinfachen, zum
Beispiel Zertifizierungsverfahren oder Doppelbesteue-
rungsabkommen, alles ohne ein Freihandelsabkommen
abzuschließen, das die zivilisatorischen und sozialen
Standards systematisch senkt und die Tarife und Stan-
dards reduziert, also die Menschen um das bringt, was
sie errungen haben.


(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Woher wissen Sie das denn? Wenn Sie Wahrsager sind, sagen Sie die Lottozahlen! – Volker Kauder [CDU/CSU]: Blödsinn!)


Dies alles darf nicht Gegenstand eines Freihandelsab-
kommens sein. Ich bitte Sie einfach, Birnen nicht mit
Äpfeln zu vergleichen.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Gunther Krichbaum [CDU/CSU]: Als hätten wir bislang keine Freihandelsabkommen!)



Dr. Joachim Pfeiffer (CDU):
Rede ID: ID1803606100

Sie müssen mir schon einmal erklären, wo Standards

durch Freihandelsabkommen gesenkt wurden; das würde
mich interessieren.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: NAFTA!)

Worum geht es denn? Ich habe vorhin auf die Bedeutung
und das Ausmaß dieses Freihandelsabkommens hinge-
wiesen: 50 Prozent des Weltbruttoinlandsprodukts und
800 Millionen Menschen. Was ist denn die Alternative?
Ich habe gerade gesagt, mit wem wir noch über Freihan-
delsabkommen verhandeln. Auch die USA verhandeln
über weitere Freihandelsabkommen, zum Beispiel TPP,
Trans-Pacific Partnership. Die entscheidende Frage lau-
tet, ob es uns zusammen mit den USA gelingt, unsere
Standards im Arbeitnehmerschutz, im Umweltschutz, im
Datenschutz und im Verbraucherschutz gegenseitig an-
zuerkennen und damit die Chance zu eröffnen, dass sie
weltweit zum Standard werden, oder ob andere Staaten
aus Asien wie China zusammen mit den USA die Stan-
dards setzen. Das ist die Frage, vor der wir stehen. Es
geht darum, ob wir in der Welt mitgestalten oder nicht.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Wir werden in der Welt nicht mitgestalten, wenn wir uns,
wie Sie fordern, verabschieden und die Verhandlungen
über TTIP beenden. Das ist an Absurdität nicht zu über-
bieten.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Jawohl! Hunderttausende in Deutschland wollen das beenden!)


Frau Künast, Sie haben das Chlorhühnchen als Thema
immer ganz oben auf der Agenda stehen, während Herr
Hofreiter mittlerweile die Fahne etwas eingerollt hat. Ich
will erläutern, worum es bei dem Chlorhühnchen eigent-
lich geht. Auch da wird ein Popanz aufgebaut und so ge-
tan, als stehe der Weltuntergang beim Verbraucherschutz
unmittelbar bevor. Um was geht es? Die Hühnchen wer-
den in den USA nicht mit Chlor oder was weiß ich gefüt-
tert, sondern sie werden in Chlor getaucht, um sie zu
desinfizieren.


(Zurufe von der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wir in Europa haben andere Verfahren. Der amerikani-
sche Verbraucher wundert sich zum Teil schon sehr, was
in Europa so in die Pfanne kommt, ohne desinfiziert zu
werden.


(Lachen beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Die haben eine ganz andere Sicht der Dinge. Im Moment
gibt es ein Verfahren bei der WTO, in dem es darum
geht, ob die Chlorhühnchen nach Europa importiert wer-
den können oder nicht. Alle Gutachten der Europäischen
Union kommen zu dem eindeutigen Ergebnis, dass die
gechlorten Hühnchen nicht giftig sind und es keinerlei
Grund gibt, sie nicht nach Europa zu importieren.


(Widerspruch bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Bravo!)


Was wird das Ergebnis des WTO-Verfahrens sein? Das
Ergebnis wird sein, dass ungekennzeichnet und unbe-
grenzt Chlorhühnchen nach Europa kommen.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Chlorhühnchen auf dem Oktoberfest!)






Dr. Joachim Pfeiffer


(A) (C)



(D)(B)

Über TTIP haben wir umgekehrt die Chance – das
muss doch in Ihrem Interesse sein –, zu einer Kennzeich-
nungspflicht zu kommen oder über Kontingente zu spre-
chen. Darüber wird jetzt verhandelt. Unterstützen Sie
uns doch in den Verhandlungen, damit wir zu einer
Kennzeichnungspflicht kommen.

Ich fühle mich in der Angelegenheit sehr fatal an die
Diskussion erinnert, die wir vor 25 Jahren über das Rein-
heitsgebot des deutschen Bieres geführt haben. Als der
europäische Binnenmarkt verabredet wurde, war man in
Deutschland auch der Meinung, der Untergang des
Abendlandes und des Reinheitsgebotes des deutschen
Bieres stünden nicht nur in Bayern, sondern in ganz
Deutschland unmittelbar bevor. Was ist das Ergebnis der
Entwicklung? Heute trinken wir in Deutschland immer
noch zu über 95 Prozent Bier, das nach dem Reinheitsge-
bot gebraut wurde. Das ist ein anerkannter Qualitätsstan-
dard. Der Konsument kann selbst entscheiden, welches
Bier er trinkt. Entgegen anderslautender Befürchtungen
ist auch noch keiner beim Trinken von Heineken-Bier in
der Hotelbar geschädigt worden.


(Zurufe von der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


– Zumindest nicht, wenn er das Bier in angemessenen
Mengen getrunken hat. Am Reinheitsgebot wird es mit
Sicherheit nicht liegen. – Genauso wenig wird das bei
den Chlorhühnchen der Fall sein. Deshalb geht es da-
rum, entsprechende Standards zu setzen, wobei am
Markt jeder Verbraucher entscheiden kann, was er kon-
sumiert.


(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich kann Ihnen empfehlen, nach dieser Rede nicht nach Bayern zu reisen!)


– Dass strafrechtliche Aspekte auch im Freihandelsab-
kommen behandelt werden, glaube ich nicht, Herr
Hofreiter; insofern müssen Sie keine Befürchtungen ha-
ben, dass in dieser Angelegenheit irgendetwas anbrennt.

Ich möchte zusammenfassen. Es gibt viele offene Fra-
gen, die in dem Verhandlungsprozess zu klären sind.
Deshalb müssen wir verhandeln und das Abkommen zu
einer Win-win-Situation für alle Beteiligten machen, ins-
besondere für uns in Deutschland, für den deutschen
Mittelstand, für die deutsche Wirtschaft und für den
deutschen Verbraucher. Wenn wir uns dem verweigern
und nicht verhandeln, dann werden, wie gesagt, die
Standards von anderen in der Welt gesetzt. Das Ergebnis
wird sein, dass wir weder in Deutschland noch in Europa
in diesen Fragen weltweit eine Rolle spielen.

Ich frage Sie: Wollen Sie das? Ich glaube nicht, dass
Sie es wollen. Deshalb lassen Sie uns die Gelegenheit,
die wir auch als nationales Parlament haben, nutzen,
uns in den Verhandlungsprozess einzubringen, uns zu
informieren und unsere Positionen deutlich zu machen,
damit diese in den Verhandlungen berücksichtigt und
umgesetzt werden. Dann haben wir die Chance, mit
dem weltgrößten Binnenmarkt Wachstum zu schaffen,
den Menschen zu nützen und durch Freihandel und In-
vestitionsschutz als Wohlstandsmehrer in der Zukunft
Zeichen zu setzen.

Vielen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803606200

Als nächster Redner hat der Kollege Ernst das Wort.


(Beifall bei der LINKEN)



Klaus Ernst (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803606300

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Herr Pfeiffer, ich habe wahrgenommen – das
steht heute auch in der Frankfurter Rundschau –: Herr
De Gucht hat den Regierungen Europas empfohlen, in
dieser Debatte zurückhaltend zu sein. Auch ich kann Ih-
nen das nur empfehlen; sonst wird es nie etwas mit TTIP.
Wenn Sie dazu reden, dann erweisen Sie sich eher einen
Bärendienst.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Worum geht es in dieser Debatte? Es geht um eine
Vereinheitlichung der Handelsräume von Europa, den
USA und Kanada. Es soll zu mehr Beschäftigung kom-
men. Ich kann jeden nur bitten, sich die entsprechenden
Prognosen genau anzusehen.


(Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Sie haben es verstanden!)


Die Berechnungsgrundlage dafür, dass es zu 400 000 Be-
schäftigten mehr kommt, ist, dass den USA und Kanada
der EU beitreten – was mit der Realität ja wohl nichts zu
tun hat. Nichttarifäre Handelshemmnisse sollen abge-
baut, und Regeln, die den Handel behindern, sollen be-
seitigt werden. Herr Gabriel hat bemerkenswerterweise
davon gesprochen, es sei doch ganz schlimm, dass die
Autos in Amerika rote Blinker hätten, die Autos in
Deutschland dagegen gelbe. Bisher haben wir trotzdem
Autos in Amerika verkauft und die Amerikaner bei uns.
An der Farbe der Blinker scheitert es also nicht, ob man
im jeweils anderen Land Autos verkauft. Übrigens:
Wenn die Blinker schwarz wären, wäre es auch nicht so
gut.

Ich kann nur sagen: Keiner ist dagegen, dass es da zu
Angleichungen kommt. Es ist auch keiner dagegen, dass
es einheitliche Stecker oder Ähnliches gibt. Aber können
Sie mir die Frage beantworten: Warum sind die Verhand-
lungen über dieses Abkommen geheim, wenn es wirk-
lich nur darum geht?


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Zu dem, was ich eben angesprochen habe, sagt jeder:
Das ist doch okay; das machen wir einfach. – Dafür kön-
nen wir übrigens auch durch Verhandlungen sorgen, die
mit einem Investorenschutz überhaupt nichts zu tun ha-
ben.

Meine Damen und Herren, worum geht es wirklich?
Warum erfährt die Öffentlichkeit nicht, was das Ver-
handlungsmandat eigentlich bedeutet? Warum ist es so,
dass, wenn man der Frankfurter Rundschau von heute
glaubt, nicht einmal die Bundesregierung ausreichend
informiert ist, was in CETA, also dem Freihandelsab-





Klaus Ernst


(A) (C)



(D)(B)

kommen zwischen EU und Kanada, steht, einem Ab-
kommen, das die Blaupause für das Freihandelsabkom-
men mit den USA wird? Warum wird nicht einmal die
Bundesregierung über den Verhandlungsstand infor-
miert?

Die Frankfurter Rundschau beruft sich dabei auf ge-
heime Dokumente des Wirtschaftsministeriums. Darin
steht, so die FR: „Aus Sicht der Bundesregierung ist eine
Übermittlung der endgültigen Textfassung“ – das be-
zieht sich auf CETA – an die EU-Mitgliedstaaten „über-
fällig“.

Wenn die Bundesregierung diesen Text hätte, dann
bräuchte sie nicht um seine Übermittlung zu bitten.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Also, erzählen Sie doch nichts von Geheimhaltung, Herr
Pfeiffer. Wollen Sie uns hier veräppeln? Lesen Sie doch
wenigstens einmal die Presse! Dann wissen Sie, was in
diesem Land los ist.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Besser Frankfurter Rundschau als Neues Deutschland!)


Das alles riecht langsam nach Skandal.

Die Europäische Union und die EU-Kommission sind
kein Selbstzweck. Selbst die Frage, ob wir in der Bun-
desrepublik Deutschland überhaupt mitreden dürfen, ob
das, was diesem Parlament vorgelegt wird, hier entschie-
den wird oder nicht, ob die Bundesregierung mitzureden
hat oder nicht, ist offen. Die Europäische Kommission
geht zum Europäischen Gerichtshof, um klären zu las-
sen, ob die einzelnen Staaten überhaupt mitreden kön-
nen, wenn das Abkommen fertig ist. Wo sind wir denn
kurz vor der Europawahl? Die Europäische Union ist
kein Selbstzweck, sondern muss den Bürgern dienen und
darf nicht der Lobby einiger Großunternehmen erliegen!


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Axel Schäfer [Bochum] [SPD]: Ihr kapiert das mit Europa nie! – Dr. Matthias Heider [CDU/ CSU]: Wegen der Wahlen sitzen wir hier!)


In einer Veranstaltung mit Herrn Froman, Herrn De
Gucht und unserem Wirtschaftsminister, die vor kurzem
stattgefunden hat, hat eine Vertreterin einer NGO,
Maritta Strasser, darauf hingewiesen, dass sie bereits
470 000 Unterschriften gegen TTIP gesammelt habe.


(Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Toll!)


– Ja. Toll. – Daraufhin hat Herr De Gucht mit einer Arro-
ganz, die ich auch von Ihnen gerade wahrnehme, ge-
fragt, was das soll. Er sagte, er verhandle für 500 Millio-
nen Europäer. Recht so! Der Unterschied ist allerdings:
Von den 500 Millionen Europäern hat er wahrscheinlich
keinen einzigen gefragt. Die 470 000 Menschen, die ge-
gen TTIP unterschrieben haben, wurden zuvor allerdings
sehr wohl gefragt – und sie haben recht!

(Beifall bei der LINKEN – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Ohne zu wissen, worum es geht!)


Worum geht es in diesem Abkommen wirklich? Nicht
um Chlorhühnchen. Das zu behaupten, ist doch ein Ab-
lenkungsmanöver.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Es geht darum, dass eine eigene Schiedsgerichtsbarkeit
gegründet werden soll. Durch diese Schiedsgerichtsbar-
keit außerhalb aller rechtsstaatlichen Prinzipien sollen
Unternehmen letztendlich die Möglichkeit haben, Staa-
ten zu verklagen, ohne vor Gericht gehen zu müssen,
wenn sie der Auffassung sind, dass nationale Gesetze die
Rentabilität ihrer Investitionen behindern. Das ist der
Kern von TTIP.

Heribert Prantl, nicht unbedingt verdächtigt, Mitglied
meiner Partei zu sein, schreibt von einem internationalen
Supergrundrecht, das geschaffen werden soll. Käme es
dazu, würde das bedeuten – ich zitiere Prantl –:

Die ungestörte Investitionsausübung ist gewährleis-
tet. Kein Großinvestor darf gegen seine Interessen
zum Umweltschutz, Kündigungsschutz, Daten-
schutz, Verbraucherschutz und zu sozialer Verant-
wortung gezwungen werden.

Darum geht es. Dass Sie da mitmachen, dass Sie sich
selbst an der Aushöhlung rechtsstaatlicher Prinzipien be-
teiligen wollen, ist eigentlich unvorstellbar.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Prantl kommt zu dem Schluss:

Geld schlägt die demokratische Verfassung; das ist
der Mechanismus dieses Investitionsschutzes.

Meine Damen und Herren, über die Klagen vor Pri-
vatgerichten werden letztendlich die Staaten zur Kasse
gebeten, und darum geht es.

Es wird ja gesagt: Es soll ein Recht geben, das dafür
sorgen kann, dass man als Investor nicht ungerecht be-
handelt wird. – Warum braucht man dann ein Geheimge-
richt? Warum geht man dann nicht zu einem ordentli-
chen Gericht? Oder vertrauen Sie der deutschen
Gerichtsbarkeit nicht mehr?


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Oder vertraut der Amerikaner der deutschen Gerichts-
barkeit nicht?


(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Es gibt das doch heute schon: internationale Schiedsgerichtsverfahren!)


Oder vertrauen Sie den Amerikanern nicht?


(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Internationale Schiedsgerichtsverfahren! Das ist doch nichts Neues!)


Auf Nichtvertrauen kann man keine Abkommen schlie-
ßen. Deshalb brauchen wir diesen Unsinn nicht, meine
Damen und Herren.





Klaus Ernst


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Matthias Heider [CDU/CSU]: Das haben wir seit Hunderten von Jahren!)


– Der Unterschied, mein Herr, ist der, dass es, als diese
Schiedsverfahren eingeführt worden sind, um Staaten
ging, in denen Investitionen tatsächlich unsicher waren.
Es ging um den Schutz der Investoren vor Enteignung.
Jetzt geht es darum, dass den Unternehmen, die das wol-
len, die Gewinne gesichert werden, egal wie sie inves-
tiert haben. Darum geht es. Schauen Sie sich die Verfah-
ren an, die schon laufen!


(Beifall bei der LINKEN – Michael GrosseBrömer [CDU/CSU]: Ja, ja, klar!)


Noch ein paar Bemerkungen zu den gleichen Stan-
dards. Herr Pfeiffer, wo leben Sie denn? Sie sagen: „Al-
les soll so bleiben, wie es ist; alles wird gegenseitig aner-
kannt“, deshalb frage ich Sie: Ist Ihnen bekannt, dass
zum Beispiel in deutschen Kosmetika über 1 000 Stoffe
verboten sind, während es in den Vereinigten Staaten nur
acht sind? Das haben übrigens die Amerikaner gesagt.
Die hoffen, dass wir unsere Regelungen behalten, weil
sie Angst haben, dass sie sonst ihre schlechten Regelun-
gen nicht mehr wegbekommen. Das ist der Punkt!

Sie sagen: „Es wird nichts schlechter“, deshalb frage
ich Sie: Sind Sie denn der Auffassung, dass Amerika
zum Beispiel die Standards der Internationalen Arbeits-
organisation in Genf, der ILO, als gleiche Grundlage für
alle anerkennt? Ich habe im Wirtschaftsausschuss den
amerikanischen Vertreter in den Verhandlungen gefragt,
ob denn die USA bereit sind, die Grundstandards für Ar-
beit anzuerkennen. Darauf hat er geantwortet, das könne
er sich überhaupt nicht vorstellen. Auf welcher Grund-
lage wollen wir denn vereinheitlichen? Das kann im Er-
gebnis, wenn man eins und eins zusammenzählt, nur
schlechter werden.

Deshalb sage ich Ihnen: Die Geheimhaltung hat einen
Sinn: Die Bürgerinnen und Bürger Europas sollen nicht
merken, was Sie da eigentlich treiben. Deshalb ist eine
Kernforderung: Veröffentlichung aller Papiere. Das rich-
tet sich auch an den deutschen Minister, meine Damen
und Herren.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Haben Sie schon mal ins Internet geguckt? – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Die Papiere stehen alle im Internet!)


– Es geht nicht um das Internet. Ich möchte die offizielle
Position zu dem, was da verhandelt wurde,


(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Also ordentliche Kopien?)


nicht irgendwelche Internetdinge.


(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Ordentliche Kopien fordert der Herr!)


Ich sage Ihnen zum Schluss: So wie Sie das anlegen,
mit der Geheimhalterei, die Sie verteidigen – vom
Chlorhühnchen wollte ich gar nicht reden –, werden Sie
dafür sorgen, dass die Bürgerinnen und Bürger Europas
aufstehen und sich den Rechtsstaat von Ihnen nicht neh-
men lassen.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.


(Lebhafter Beifall bei der LINKEN – Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803606400

Als nächster Redner hat der Kollege Wolfgang

Tiefensee von der SPD-Fraktion das Wort.


(Beifall bei der SPD)



Wolfgang Tiefensee (SPD):
Rede ID: ID1803606500

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Um das Frei-
handelsabkommen EU/USA, TTIP, ist ein Streit ent-
brannt, nicht nur hier im Plenum.


(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Echt?)


Es gibt zwei Lager, zwei extreme Lager. Das eine Lager
sagt – das scheint auch aus Ihren Anträgen heraus –: Wir
lehnen Verhandlungen ab bzw. wir verlangen, dass sie
abgebrochen werden.


(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir beantragen die Zitate von Herrn Gabriel! Kennen Sie Herrn Gabriel?)


Das zweite Lager sagt: Wir wollen TTIP. Wir wollen ein
Freihandelsabkommen um jeden Preis. Was darin steht,
ist egal. – Beide Positionen sind extrem.

Die SPD spricht sich für ein kritisches, aber substan-
zielles Verhandeln


(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Weiter wie bisher!)


mit den USA aus – auf der Ebene der EU.


(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bis zum 25. Mai!)


Die SPD setzt sich also dafür ein, dass wir den Versuch
unternehmen, diese beiden Wirtschaftsräume mit einem
Freihandelsabkommen noch stärker zu verschränken.

Die Verhandlungen finden unter denkbar schwierigen
Ausgangsbedingungen statt. Wir haben auf der einen
Seite die Erfahrung mit ACTA. Wir haben auf der ande-
ren Seite die Erfahrung mit der NSA und den Unwillen
der USA, ein No-Spy-Abkommen abzuschließen. Wir
haben in der Öffentlichkeit eine Diskussion, in der ge-
sagt wird, dass die Verhandlungen mangelnde Transparenz
hätten. Eine Riesenbewegung – Campact, 450 000 Unter-
schriften – stellt sich gegen Verhandlungen auf. Ich be-
grüße es, dass sich die Öffentlichkeit mit diesem Thema
beschäftigt und dass wir heute im Parlament die Gele-
genheit haben, öffentlich darüber zu diskutieren.


(Beifall bei der SPD)






Wolfgang Tiefensee


(A) (C)



(D)(B)

Auch wenn die Ausgangsbedingungen schlecht sind,
lohnt es sich meiner Ansicht nach, in die Verhandlungen
zu gehen und Sondierungsgespräche zu führen. Das
lohnt sich aber nur dann, wenn ganz klar ist, was wir
nicht wollen, und wenn klar ist, was wir wollen.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann sagen Sie doch mal, was Sie wollen!)


Ich möchte nun darlegen, was wir nicht wollen:

Erstens. Wir wollen nicht, dass die Verhandlungen im
Hinterzimmer stattfinden. Erst die Sozialdemokraten
und andere haben auf europäischer Ebene dafür gesorgt,
dass die Verhandlungskommission in der EU überhaupt
Dokumente transparent gemacht hat.


(Beifall bei der SPD – Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Das ist doch Schwachsinn!)


Wie kann es sein, dass man, nachdem man die Erfahrun-
gen mit ACTA gemacht hat, dies nicht von vornherein
tut? Das hat die Öffentlichkeit verunsichert.

Zweitens. Es wird mit der SPD kein Abkommen ge-
ben, wenn nicht ein sogenanntes gemischtes Verfahren
zur Anwendung kommt. Für die Damen und Herren auf
der Tribüne: Das besagt genau das, was Herr Ernst ge-
fordert hat, nämlich, dass der Deutsche Bundestag und
alle anderen nationalen Parlamente an den Abstimmun-
gen beteiligt werden. Ist dies nicht der Fall, wird es
keine Zustimmung der Sozialdemokraten geben.


(Beifall bei der SPD)


Drittens. Wir ziehen ganz klare rote Linien, was die
Standards angeht. Das betrifft unter anderem den Ge-
sundheitsbereich und die Lebensmittel, beispielsweise
das Chlorhühnchen.


(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Arbeitsschutz!)


Wir werden im Rahmen von TTIP keinen Standard in
der EU oder in Deutschland verringern.


(Beifall bei der SPD)


Herr Ernst, ich glaube, Sie waren dabei, als der Ver-
handlungsführer der EU, Herr Bercero, bei uns war. Wir
haben damals die Frage nach den ILO-Arbeitsnormen,
den internationalen Standards, gestellt. Wir wissen, dass
die USA bisher erst zwei von zwölf Kapiteln ratifiziert
haben. Da wurde gesagt: Wir können es nicht zur Vorbe-
dingung machen, dass die ILO-Normen ratifiziert wer-
den. Die SPD wird es aber zur Bedingung machen, dass
ein Kapitel im Rahmen der TTIP-Verhandlungen in den
Vertrag einfließt, das zur Anerkennung der ILO-Arbeits-
normen in den USA führt.


(Beifall bei der SPD)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803606600

Herr Tiefensee, lassen Sie eine Frage von Herrn

Liebich zu?

Wolfgang Tiefensee (SPD):
Rede ID: ID1803606700

Bitte.


Stefan Liebich (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803606800

Vielen Dank, Herr Tiefensee, dass Sie die Frage zu-

lassen. – Wie bewerten Sie denn den Vorschlag des SPD-
Vorsitzenden Sigmar Gabriel, dass das Freihandelsab-
kommen nur unterzeichnet werden darf, wenn der US-
Geheimdienst NSA seine Spionage auf deutschem Bo-
den beendet?


Wolfgang Tiefensee (SPD):
Rede ID: ID1803606900

Vielen Dank für die Frage. Das ist genau der Punkt.

Es gelingt offensichtlich nicht. Es ist anscheinend selbst
zwischen befreundeten Partnern nicht möglich, ein drin-
gend notwendiges No-Spy-Abkommen abzuschließen.
Es dauert noch wesentlich länger, als wir glauben.

Die TTIP-Verhandlungen für die Aufnahme eines ent-
sprechenden Kapitels nutzen oder in Parallelverhandlun-
gen die Unterzeichnung eines No-Spy-ähnlichen Ab-
kommens erreichen zu wollen, das dem Vorschlag von
Sigmar Gabriel gerecht wird, ist aller Ehren wert. Diese
Verhandlungen müssen geführt werden. Wir haben die
Riesenchance, das zu tun.


(Beifall bei der SPD)


Noch einmal: Die ILO-Arbeitsnormen müssen so-
wohl in Europa als auch in den USA Standard sein.


Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803607000

Es gibt noch eine zweite Nachfrage, und zwar vom

Kollegen Ebner.


Wolfgang Tiefensee (SPD):
Rede ID: ID1803607100

Das habe ich gesehen. Bitte schön.


Harald Ebner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803607200

Danke, Frau Präsidentin. – Herr Tiefensee, Sie sagten,

mit der SPD werden im Rahmen der TTIP-Verhandlun-
gen keine Standards abgesenkt. Ich möchte Sie fragen:
Wie bewerten Sie denn die Tatsache, dass bereits jetzt im
Vorfeld des Abkommens die geltenden Standards bzw.
beabsichtigten Regulationen der EU im Bereich der Um-
welt und der Gesundheit reihenweise abgesenkt werden?
Ich nenne da nur die Milchsäurebehandlung von
Schlachtkörpern bei Rindern, die bislang heiß umstritten
war und nun erlaubt wurde. Ich nenne den Wegfall der
Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderten
Honig. Ich nenne auch das In-der-Schublade-Verschwin-
den einer EU-Richtlinie zum Vorgehen gegen Endokrin,
also gegen hormonell hochwirksame Pestizide, die drin-
gend notwendig gewesen wäre. Auch nenne ich den der-
zeitigen Entwurf der EU-Ökoverordnung, aus dem mir
nichts, dir nichts jeder Grenzwert für gentechnisch ver-
änderte Organismen herausgestrichen wurde. Das alles
geschah in vorauseilendem Gehorsam. Wenn wir schon
vorher die Standards absenken, haben Sie am Ende
recht, wenn Sie sagen: Bei TTIP senken wir nichts ab.
Wie bewerten Sie das?





Harald Ebner


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)



Wolfgang Tiefensee (SPD):
Rede ID: ID1803607300

Vielen Dank, Herr Kollege. – Was für eine absurde

Sichtweise!


(Beifall bei der SPD)


Die EU verhandelt auf unterschiedlichsten Feldern
über Richtlinien, Verordnungen und Gesetze. Sie wollen
jetzt mit Ihrer Frage suggerieren, dass während dieser
Sondierungsgespräche – das sind übrigens keine
Verhandlungen – all die Gesetze, Verordnungen und Ver-
lautbarungen der EU etwas mit diesen Verhandlungen –
es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit weiß, dass wir frü-
hestens Ende 2015, Anfang 2016 in die Endkurve kom-
men werden – zu tun haben, und deshalb müssten wir sie
ablehnen. Was für ein Unsinn! Kümmern Sie sich ge-
meinsam mit uns darum, dass in der EU die Standards
gleich bleiben oder erhöht werden und dass es auf allen
Feldern – ob Gesundheitsschutz, Arbeitsschutz oder so-
zialer Bereich – Verbesserungen gibt. Das ist unsere
Aufgabe – und nicht, eine unsinnige Verknüpfung mit
laufenden Sondierungsgesprächen herzustellen.


(Beifall bei der SPD)


Jetzt noch eine rote Linie.


Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803607400

Herr Tiefensee, Entschuldigung, es gibt noch zwei

Wünsche nach einer Zwischenfrage.


Wolfgang Tiefensee (SPD):
Rede ID: ID1803607500

Ich habe Verständnis dafür.


Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803607600

Frau Hänsel und Herr Ernst möchten eine Zwischen-

frage stellen. – Ich habe eine Bitte an die Kolleginnen
und Kollegen. Wir haben jetzt schon eine Tagesordnung
bis 0.30 Uhr. Ich bitte Sie, das ein wenig im Auge zu
behalten. Die Debatte, die wir führen, ist – keine Frage –
wichtig und auch notwendig, trotzdem bitte ich Sie, die
Tagesordnung im Auge zu behalten. – Frau Hänsel.


Heike Hänsel (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803607700

Danke schön, Frau Präsidentin. – Ich muss Ihnen

diese Nachfrage stellen, Herr Tiefensee, weil Sie selbst
nämlich in dem Gespräch mit Herrn Bercero, auf das Sie
sich beziehen, gesagt haben, es gäbe kein Junktim
zwischen TTIP-Verhandlungen und einem No-Spy-
Abkommen. Da frage ich mich doch: Wie kommen Sie
denn jetzt zu einer anderen Erkenntnis? Stehen Sie
eigentlich – auch mit Blick auf die Diskussion im
Wahlkampf – so unter Druck, dass Sie nun plötzlich mit
anderen Aussagen hier an die Öffentlichkeit gehen, was
TTIP und die Frage des No-Spy-Abkommens betrifft?

Zweitens möchte ich Sie etwas in Bezug auf die ILO-
Konventionen fragen. Da haben wir auch schon Erfah-
rungen. Wir haben so viele Erfahrungen mit Freihandels-
abkommen: Im Rahmen des NAFTA-Abkommens zwi-
schen Mexiko, den USA und Kanada wurde genau das
– nämlich Einhaltung der ILO-Konventionen bzw. aller
internationalen Arbeitsstandards – vereinbart. In einem
Nebenabkommen wurde aber festgehalten, dass man den
jeweiligen Rechtszustand des einzelnen Staates aner-
kennt. Damit waren die ILO-Normen, die großartig be-
stätigt wurden, plötzlich unterlaufen. Was war die
Folge? Für US-Konzerne und auch für kanadische Kon-
zerne, die sich in den USA niedergelassen haben, war es
möglich, sämtliche ILO-Standards in Kanada – was
Arbeitsbedingungen, Arbeitsschutz usw. angeht – zu
zerschlagen. Weil wir schon zahlreiche Erfahrungen mit
Freihandelsabkommen haben, finde ich, dass es mehr als
blauäugig ist, hier solche Dinge zu erzählen. Es ist eine
Täuschung der Bevölkerung.


(Beifall bei der LINKEN)



Wolfgang Tiefensee (SPD):
Rede ID: ID1803607800

Frau Hänsel, ich bin enttäuscht darüber, dass Sie diese

Bühne nutzen, mich in Bezug auf die Befragung Herrn
Berceros falsch zu zitieren. Das ist nicht in Ordnung!


(Beifall bei der SPD)


Wir müssen aufpassen, dass wir auch unter Abgeordne-
ten fair bleiben. – Das weise ich ganz entschieden
zurück. Ich habe definitiv gesagt: Es gibt kein Junktim:
No-Spy-Abkommen Voraussetzung für TTIP. Im
gleichen Atemzug habe ich gesagt: Die SPD wird aber
keinem Abkommen zustimmen, welches nicht ein
Datenschutzkapitel beinhaltet, das unter anderem den
Vorschlag von Sigmar Gabriel und anderen aufgreift. Sie
verkürzen das hier und unterstellen mir sogar, ich hätte
meine Meinung geändert. Sie wissen, dass die Gesprä-
che seit Wochen und Monaten laufen. – Das war der
erste Punkt.

Der zweite Punkt ist: Erfahrung hin oder her – wir
werden gleich auf das Investorenschutzabkommen zu
sprechen kommen –, wir sind in neuen Sondierungs-
gesprächen über ein Freihandelsabkommen, das mögli-
cherweise zustande kommt. Dieses Freihandelsabkom-
men soll eine Art Blaupause sein für einen globalen
Handel im 21. Jahrhundert. Die Abkommen der Vorzeit,
unter anderem das berühmte mit Pakistan mit der ersten
Investorenschutzklausel, liegen weit zurück. Wir werden
dafür sorgen, dass Normen, auch die ILO-Arbeitsnorm,
in Deutschland, der EU oder wo auch immer nicht abge-
senkt werden auf dem Wege von TTIP. Das wird nicht
möglich sein. Wenn es in irgendeiner Weise möglich
wäre, wird es mit der SPD ein solches Abkommen nicht
geben.


(Beifall bei der SPD)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803607900

Es gibt immer noch die Bitte von Herrn Ernst, eine

Zwischenfrage zu stellen.


Klaus Ernst (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803608000

Herr Tiefensee, danke, dass Sie die Frage zulassen. –

Ich bin Ihnen dankbar für die klare Position, dass die
SPD nicht zustimmen wird. Ich nehme das mit Freude





Klaus Ernst


(A) (C)



(D)(B)

zur Kenntnis. Ich nehme das auch ernst. Aber ich frage
mich, ob es überhaupt notwendig ist. Wenn es so sein
sollte, dass sich die Europäische Kommission bei der
Frage durchsetzt, dass es sich überhaupt nicht um ein ge-
mischtes Abkommen handelt, dann frage ich Sie: Schät-
zen Sie die Macht der SPD so stark ein, dass ihr Einfluss
unterhalb der Ebene der parlamentarischen Abstim-
mung, die es dann nicht gibt – mit uns und den Grünen
hätten Sie vermutlich eine Mehrheit zur Ablehnung –,
reicht, um das fertige Abkommen, auf das Sie und wir
gar keinen Einfluss mehr haben, noch zu verhindern,
oder müssen wir zu anderen Maßnahmen kommen? Ich
freue mich, dass Sie dies so sagen, aber ich weiß nicht,
ob es so klappt.

Zu einem anderen Punkt: zu CETA. Wird die SPD
auch CETA verhindern, wenn es eine Klausel zum
Investorenschutz geben wird, wie es sich derzeit ab-
zeichnet?


Wolfgang Tiefensee (SPD):
Rede ID: ID1803608100

Zwei Vorbemerkungen zum gemischten Verfahren.

Ich bin dankbar für Ihre Frage. Sie haben vorhin sehr
laut und sehr theatralisch gefragt: Wie kann es sein, dass
der Europäische Gerichtshof angerufen wird? Wenn man
Europa ein bisschen kennt, weiß man: Nur der Europäi-
sche Gerichtshof kann entscheiden, ob es ein gemischtes
Verfahren ist.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Das muss die EU aber nicht machen!)


Der zweite Punkt ist: Selbst für den Fall, dass es kein
gemischtes Abkommen gäbe – wir wollen das –, kann
eine Bundesregierung nie ohne ein Parlament entschei-
den, weil der Europäische Rat, das heißt die Regierungs-
chefs, ausschließlich mit einem Mandat ihrer Parlamente
abstimmen dürfen. Also in Bildern gesprochen: Frau
Merkel ist Bundeskanzlerin. Wenn das Thema noch bis
zur Legislaturperiode 2017 auf der Tagesordnung steht,
dann kann sie unmöglich nach Brüssel reisen und einem
Abkommen zustimmen, wenn das nationale Parlament
nicht zugestimmt hat. Das als Vorbemerkung.

Dennoch sagen wir: Wir wollen ein gemischtes
Verfahren. Warum? Es ist notwendig, dass die Parla-
mente beteiligt werden, um deutlich zu machen, dass es
eine Aufgabe und ein Thema von nationaler Bedeutung
ist. Aus diesem Grunde verlangen wir ein gemischtes
Verfahren. Das wird auch so kommen.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: CETA? Meine zweite Frage!)


– CETA ist jetzt auf dem Tisch.

Ich bin sicher, dass wir all das, was wir jetzt in breiter
Öffentlichkeit zu TTIP diskutieren, auch auf CETA
übertragen werden, in welcher Form auch immer. Die
Verhandlungen sind von der Öffentlichkeit nicht so stark
beachtet worden, deshalb denke ich, dass es eine Harmo-
nisierung sowohl der Beschlussfassung über CETA als
auch möglicherweise über TTIP geben wird.

Jetzt zum Investorenschutz. Der Investorenschutz
– sprich: die Klausel, die Investoren und Staaten in ei-
nem Schiedsgerichtsverfahren verbindet – ist zwischen
den USA und der EU nicht nötig. Das Europäische
Parlament mit seiner sozialdemokratischen Fraktion hat
eindeutig gesagt: Wir werden einem Abkommen mit
einer Investorenschutzklausel nicht zustimmen. Die
brauchen wir nicht. Im Übrigen wissen Sie durch Äuße-
rungen von Herrn Gabriel und Frau Zypries, dass
Deutschland auf europäischer Ebene eine solche Klausel
nicht will. Deutschland ist einer der wenigen National-
staaten innerhalb der EU, die dafür kein Verhandlungs-
mandat erteilen wollten; leider sind wir überstimmt wor-
den. Wir werden das bei der Bewertung des Ergebnisses
berücksichtigen.


Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803608200

Herr Tiefensee, die Kollegin Höhn bittet um eine

Zwischenfrage.


Wolfgang Tiefensee (SPD):
Rede ID: ID1803608300

Frau Höhn, bitte.


Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803608400

Ich mache es total kurz und bitte auch um eine total

kurze Antwort. In der Tat haben Sie eben gesagt: Einer
Investitionsschutzklausel werden Sie nicht zustimmen,
weil Sie sie für falsch halten; auch Ihr Spitzenkandidat
für die Europawahl hält sie für falsch, die Umweltminis-
terin hält sie für falsch, der Wirtschaftsminister hält sie
für falsch. Im CETA-Abkommen ist aber eine solche
Investitionsschutzklausel enthalten. Unternehmen, die in
den USA ihren Hauptsitz haben, können über Tochter-
firmen in Kanada auf Grundlage des CETA-Abkommens
klagen. Deshalb die Frage: Gilt die Aussage, dass Sie ge-
gen jede Investitionsschutzklausel sind, auch für das
CETA-Abkommen? Werden Sie gegen das CETA-Ab-
kommen stimmen, wenn es eine solche Investitions-
schutzklausel enthält, ja oder nein?


Wolfgang Tiefensee (SPD):
Rede ID: ID1803608500

Ich will und kann das allein deshalb nicht mit einem

klaren Ja oder Nein beantworten,


(Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Ah!)


weil wir jetzt in einer Phase der Harmonisierung der bei-
den Verhandlungen sind, wobei die Verhandlungen über
CETA wesentlich weiter fortgeschritten sind. Im Zusam-
menhang mit dem Investorenschutz denkt man bei den
Verhandlungen über CETA darüber nach, ähnlich wie
bei der WTO eine Kammer einzurichten, also eine
besondere, neue Art von Schiedsgericht. Man muss sich
diesen Vorschlag anschauen.

Sie wissen vielleicht – es könnte Ihrer Information
dienen –, dass wir uns im Zusammenhang mit dem In-
vestorenschutz im völkerrechtlichen Bereich und nicht
im nationalstaatlichen Bereich befinden. Das heißt, es
war interessant, bei den Verhandlungen über CETA da-
rüber zu diskutieren: Gibt es möglicherweise eine
Harmonisierung zwischen dem Verfahren, das in der
WTO angestrebt wird, und dem Verfahren, das wir bei
dem Abkommen zwischen Kanada und Europa brau-





Wolfgang Tiefensee


(A)



(D)(B)

chen? Diese Diskussion ist – so meine Kenntnis – nicht
abgeschlossen. Wenn das Abkommen eine Kammer vor-
sieht, die keinen Sinn und keinen Wert hat, oder man
hier gar in das bekannte Verfahren einmündet, dass ein
Schiedsgericht entscheiden soll, dessen Zusammenset-
zung nicht klar ist, dann gehe ich davon aus, dass wir
von der SPD auf europäischer Ebene nicht zustimmen
können.


(Beifall bei der SPD)


Schließlich möchte ich ein paar rote Linien anspre-
chen. Es muss sich keiner Sorgen machen, dass unsere
Regeln für öffentliche Ausschreibungen ausgehöhlt wer-
den. Es gibt in den Kommunen eine große Sorge, dass in
einem entsprechenden Kapitel des Abkommens dafür
gesorgt werden könnte, dass die öffentliche Daseins-
vorsorge, die in Deutschland und Europa ganz anders
gestaltet ist als in den USA, einen Schaden erleiden
könnte. Auch da gibt es für uns eine rote Linie.

Das Gleiche gilt für – ich höre auch hier immer wie-
der von den Sorgen – die Buchpreisbindung. Ich habe
unlängst bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse ge-
hört, wie der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen
Buchhandels dringend darum gebeten hat, dieses hohe
Gut in Deutschland zu schützen. Ich verrate kein Ge-
heimnis, wenn ich sage, dass wir sowohl bei der öffentli-
chen Daseinsvorsorge als auch bei unserem Bankensys-
tem und der Frage unserer dualen Berufsausbildung
vielleicht nicht so sehr mit den USA zu kämpfen haben,
sondern zunächst einmal auf der europäischen Ebene.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: So ist es!)


Deutschland wird dafür sorgen, dass diese Standards we-
der auf der europäischen Ebene, durch die Hintertür,
noch über TTIP abgesenkt werden.

Summa summarum, meine sehr verehrten Damen und
Herren: Wir gehören weder zu dem Lager, das eine
strikte Ablehnung des Abkommens fordert, noch zu dem
Lager, das eine Annahme fordert, egal was drinsteht. Wir
wollen den Weg gehen, etwas für die beiden Handels-
räume zu tun, indem wir nichttarifäre Handelshemm-
nisse abbauen, Normen und Standards vereinheitlichen
und zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zu einer hö-
heren Wertschöpfung beitragen, damit – falls die Ver-
handlungen erfolgreich sind – beide Wirtschaftsräume
und indirekt alle Menschen in diesen Räumen einen Nut-
zen daraus ziehen. Lassen Sie uns in die Sondierungen,
in die Verhandlungen gehen, lassen Sie uns gründlich
verhandeln, sehr kritisch, aber nicht prinzipiell ableh-
nend.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803608600

Als nächste Rednerin hat die Kollegin Katharina

Dröge von Bündnis 90/Die Grünen das Wort.

Katharina Dröge (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803608700

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Sehr geehrter Herr Pfeiffer, nachdem Sie hier
geredet haben, habe ich mich gefragt, ob ich meine Rede
komplett neu schreiben soll.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Sie sollen ja frei reden!)


Ich dachte vorher, dass es zumindest einige Grundas-
pekte in Bezug auf die Verhandlungen über TTIP und
CETA gibt, über die wir uns als Parlamentarier einig
sind. Nach Ihrer Rede muss ich daran zweifeln.

Da ist zum einen das Thema Transparenz. Bislang
hatte ich wahrgenommen, dass wir uns hier im Parla-
ment einig sind, dass die mangelnde Transparenz noch
verbessert werden könnte. Ich dachte, zumindest das ist
eine Grunderkenntnis, die wir Parlamentarier miteinan-
der teilen.


(Beifall der Abg. Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])


Wenn selbst Ihre Bundesregierung in einer Antwort auf
eine Kleine Anfrage von uns sagt, dass sie die amerika-
nischen Verhandlungsdokumente nicht kennt und dass
sie das bei der Europäischen Kommission kritisch ange-
merkt hat, dann frage ich Sie: Wissen Sie mehr als die
Bundesregierung? Vielleicht reden Sie einmal mit der
Bundesregierung. Für die Verhandlungen ist es sicher-
lich hilfreich, wenn sie mehr weiß.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Selbst die Bundesregierung kritisiert, dass die Verhand-
lungen nicht so transparent ablaufen, wie sie eigentlich
ablaufen sollten.

Das zweite Thema, Standardabsenkungen. Während
die Kommission und die Minister der Bundesregierung
überall herumlaufen und erzählen: „Mit TTIP wird es
keine Standardabsenkungen geben“, halten Sie hier ein
flammendes Plädoyer für die Einführung des Chlorhühn-
chens?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, das fragt man sich wirklich!)


Ich finde das absurd. Ihnen ist schon klar, dass das
Chlorhühnchen in der EU momentan nicht zugelassen
ist?

Nach Ihrer Rede, die ich wirklich erfrischend ehrlich
und offenbarend finde, können wir uns eigentlich nur da-
rin bestätigt fühlen, noch kritischer auf das Thema ge-
genseitige Anerkennung von Standards im Zuge der Ver-
handlungen über TTIP und CETA zu schauen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Wir alle kennen die Drahtberichte der EU-Kommis-
sion über die Themen „gegenseitige Anerkennung von
Standards“ und „Harmonisierung von Standards“. Es ist
absolut nicht garantiert, dass das europäische Vorsorge-

(C)






Katharina Dröge


(A) (C)



(D)(B)

prinzip nicht infrage gestellt wird. Da müssen wir als
Parlament sehr genau hinschauen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Dr. Matthias Heider [CDU/CSU]: Da gilt aber europäisches Recht!)


Zum Thema Investitionsschutz. Nach dem, was Herr
Gabriel in letzter Zeit öffentlich dazu gesagt hat, hatte
ich gedacht, dass auch hierzu im Parlament vielleicht im
Grundsatz Einigkeit bestehen würde. Nach Ihrer Rede
zweifle ich, ehrlich gesagt, ein bisschen daran. Ich hatte
gedacht – wenn man davon ausgeht, dass sich Herr
Gabriel in der Regierung durchsetzt –, dass wir am Ende
auch mit Ihnen als Regierung Einigkeit beim Thema In-
vestitionsschutz hätten.

Deswegen haben wir heute einen Antrag eingebracht;
wir beantragen, dass heute von diesem Parlament und
auch von dieser Bundesregierung das unmissverständli-
che Signal ausgeht, dass es bei TTIP und CETA keine
außergerichtlichen Schiedsverfahren geben wird.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Es wäre enorm viel gewesen, wenn wir uns heute darauf
hätten verständigen können. Denn das ist eine zentrale
Frage, die die Menschen in diesem Land zu Recht an den
TTIP-Verhandlungen kritisieren. Angesichts der vielen
Probleme, die es schon jetzt in bestehenden Schiedsver-
fahren auf internationaler Ebene gibt, angesichts einer
Vielzahl von Klagen von Konzernen gegen sinnvolle
staatliche Regulierungsvorhaben, angesichts der grund-
sätzlichen rechtspolitischen Bedenken gegen solche
nichtstaatlichen Schiedsverfahren, angesichts der Pro-
bleme mit mangelnder Transparenz, der Doppelrolle von
Anwälten und Richtern


(Andreas G. Lämmel [CDU/CSU]: Ruhig bleiben! Ruhig bleiben! Ruhig bleiben!)


oder der fallabhängigen Bezahlung und angesichts der
vielen offenen Rechtsbegriffe, wie es sie bereits im
CETA-Investitionsschutzkapitel gibt und worauf die
Kommission keine Antwort gibt – angesichts all dessen
und vor dem Hintergrund, dass wir hier in der EU, in
Kanada und in den USA ausreichend entwickelte
Rechtssysteme haben, wäre es notwendig, dass dieses
Parlament das klare Zeichen setzt, dass es solche Son-
derklageprivilegien in TTIP und CETA nicht geben
wird.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Nach der Rede von Herrn Tiefensee, der sich sehr kri-
tisch zum Thema Schiedsverfahren geäußert hat, bin ich
doch ein bisschen verwundert, dass Sie unserem Wunsch
nach direkter Abstimmung unseres Antrags nicht nach-
gekommen sind und ihn einfach gegen unseren Willen in
die Ausschüsse verweisen und damit die Diskussion da-
rüber bequemerweise auf die Zeit nach der Europawahl
verschieben wollen.


(Heiterkeit beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Andreas G. Lämmel [CDU/CSU]: Ah, jetzt kommt es raus! Das war das Ziel!)


Wir haben es Ihnen mit unserem Antrag wirklich
leicht gemacht. Was steht in unserem Antrag drin, außer
Zitaten von Herrn Gabriel und von Frau Hendricks? Da
ist es doch nicht schwierig für Sie, zuzustimmen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen von SPD und CDU/
CSU, ich kann sogar noch irgendwie verstehen, dass Sie
ein Problem damit haben, einem Antrag der Opposition
zuzustimmen. Sie hätten aber auch einen eigenen Antrag
einbringen können, um deutlich zu machen, wie Sie zum
Thema Schiedsgerichtsverfahren in TTIP und CETA ste-
hen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803608800

Liebe Kollegin, ich muss Sie trotz Ihrer leidenschaft-

lichen Rede bitten, zum Schluss zu kommen.


Katharina Dröge (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803608900

Ich komme zum Schluss. Die anderen Redner haben

so viele Fragen gestellt bekommen.


(Zuruf von der CDU/CSU: Darauf hat sie gehofft!)


Ich möchte noch auf das Fehlen von Stellungnahmen
im Konsultationsverfahren eingehen. Sie haben es wahr-
scheinlich alle mitbekommen: Die EU führt zurzeit ein
Konsultationsverfahren zum Thema TTIP und CETA
durch. Ich frage Sie: Wo ist die Stellungnahme der SPD?
Wo ist die Stellungnahme der CDU/CSU? Wie sehen Sie
das? Wie werden Sie sich beim Thema CETA verhalten,
wenn das Investitionsschutzkapitel so bleibt?

Liebe Kolleginnen und Kollegen von der SPD, ich
möchte an Sie als Parlamentarier appellieren. Wir alle
werden, wenn TTIP und CETA in der Form beschlossen
werden, wie sie jetzt verhandelt werden, den Menschen
in ein paar Jahren erklären müssen, warum wir als Parla-
mentarier zugelassen haben, dass wir unsere Rechte auf
Gesetzgebung und Regulierung abgegeben haben, dass
wir unsere Verantwortung an intransparente Regulie-
rungsräte abgegeben haben.


Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803609000

Frau Dröge, Sie müssen zum Schluss kommen. Sie

haben jetzt anderthalb Minuten überzogen. Ich bitte Sie,
jetzt zum Schluss zu kommen.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Oder noch schneller reden!)



Katharina Dröge (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803609100

Das ist jetzt der letzte Satz.

Wir Parlamentarier sollten mit den Parlamentariern
des Europaparlaments gemeinsam und solidarisch dafür
eintreten, dass wir unsere Rechte als Parlament nicht an
in Hinterzimmern verhandelnde Schiedsgerichte abge-
ben. Wir sollten dafür kämpfen, dass die Entscheidungen





Katharina Dröge


(A) (C)



(D)(B)

dort getroffen werden, wo sie in einer Demokratie ge-
troffen werden sollten, nämlich in den Parlamenten.


(Anhaltender Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Beifall bei der LINKEN)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803609200

Als Nächster hat der Kollege Andreas Lämmel das

Wort.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Andreas G. Lämmel (CDU):
Rede ID: ID1803609300

Frau Präsidentin! Frau Dröge, wir hätten gerne mitge-

klatscht, aber Ihre Rede bot wirklich keinen Anlass, Sie
dafür zu unterstützen. Das muss man einmal sagen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh!)


Ich bin heute wieder meiner eigenen politischen Na-
ivität aufgesessen: Ich hatte gedacht, dass wir heute die
Debatte über die vorliegenden Anträge dazu nutzen,
hier, im Deutschen Bundestag, konstruktiv über das
Thema TTIP und Freihandelsabkommen zu diskutieren.


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Machen wir doch! Bloß ihr nicht!)


Aber das war eine völlige Fehleinschätzung. Der Kol-
lege Hofreiter hat von der ersten Minute an klar aufge-
zeigt, worum es ihm geht: um Wahlkampf.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ihnen geht es um Wahlkampf!)


Frau Dröge, auch Sie haben das gesagt. Sie wollen Ihren
Antrag, über den Sie kaum gesprochen haben, unbedingt
heute zur Abstimmung bringen.


(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wissen Sie, Herr Lämmel, es schadet überhaupt nichts, wenn die Bürger vor der Wahl wissen, was die Politiker denken! Das ist Teil der Demokratie! Das ist nützlich, wenn sie das vorher wissen!)


Wenn die Grünen und die Linken solche Debatten nur
für Schaufensterdiskussionen nutzen, dann stellt sich die
Frage


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Habt ihr überhaupt was Inhaltliches?)


– Herr Ernst, bleiben Sie doch ruhig; auch Sie regen sich
immer so schnell auf –,


(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Macht doch nichts!)


wie die europäische Öffentlichkeit das deutsche Parla-
ment wahrnehmen wird. Das britische Oberhaus hat eine
konstruktive Diskussion über dieses Thema geführt. Die
Finnen haben schon über das Thema TTIP konstruktiv
diskutiert. Heute wird das die französische Nationalver-
sammlung machen. Aber von Deutschland geht für die
Beobachter ein Signal aus, das einfach nur verheerend
sein kann.


(Beifall bei der CDU/CSU – Zuruf des Abg. Alexander Ulrich [DIE LINKE])


Kommen wir zur Sache zurück. Um was geht es ei-
gentlich? Es geht darum, den freien Welthandel weiter-
hin zu gestalten. Der freie Handel von Waren und
Dienstleistungen ist doch ein unheimlicher Fortschritt
der modernen Gesellschaften. Genau das hat dazu ge-
führt, dass das Wohlstandsniveau weltweit gestiegen ist.
Gerade Deutschland braucht den freien Verkehr von Wa-
ren und Dienstleistungen. Darum geht es. Die Welthan-
delsorganisation, die sich weltweit darum bemüht, Han-
delsbarrieren abzubauen – ich habe nicht gehört, dass
jemand von Ihnen deswegen einen großen Aufstand
macht –, hat mittlerweile 160 Mitglieder, die sich dem
Ziel des freien Welthandels verschrieben haben.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Darum geht es jetzt aber nicht!)


– Herr Ernst, dass Sie das nicht wollen, ist klar. Wenn es
nach den Linken ginge, wäre Deutschland eine einsame
Insel im globalen Meer. Sie hätten noch Beziehungen zu
Kuba und zu Korea. Sie würden aus der NATO austre-
ten.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Widerspruch bei der LINKEN – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Jetzt sind Sie auf Ihrem Niveau!)


Wenn Sie Politik für dieses Landes machen könnten,
wäre Deutschland völlig isoliert.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Das ist Ihr Niveau!)


Das wollen wir aber nicht, und dazu wird es auch nicht
kommen.

Nun haben sich die zwei größten Wirtschaftsräume
der Welt, Europa und Amerika, aufgemacht, um über ein
Freihandelsabkommen zu diskutieren. Damit wollen sie
der Welt zeigen, dass diese beiden größten Wirtschafts-
räume in der Lage sind, Handelsbarrieren, die nach wie
vor existieren, abzubauen. Dabei geht es auf der einen
Seite um die tarifären Handelsbarrieren, das heißt um
Zölle – sie spielen aber im Handel zwischen Amerika
und Europa keine große Rolle mehr –, und auf der ande-
ren Seite um den großen Bereich der sogenannten nicht-
tarifären Handelsbarrieren. Das sind die Sachverhalte,
die den Handel zwischen den USA und Europa blockie-
ren. Bei diesen nichttarifären Handelsbarrieren muss
man auch immer sehen: Natürlich haben auch die Ame-
rikaner in den letzten Jahrzehnten immer wieder ver-
sucht, über eigene Standards, über Beschränkungen des
Marktes protektionistische Hürden aufzubauen, um ih-
ren Markt abzuschotten. Das hat auch Europa getan. Das
machen die Chinesen noch viel extremer, von den Rus-
sen, die Sie heutzutage ja am meisten lieben, ganz zu
schweigen.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Ach, jetzt hören Sie mit dem Quatsch auf!)






Andreas G. Lämmel


(A) (C)



(D)(B)

Jetzt geht es darum, darüber zu sprechen, diese nicht-
tarifären Handelshemmnisse abzubauen. Das ist doch
erst einmal ein grundvernünftiges Anliegen. Das Ge-
schrei, das jetzt veranstaltet wird, zum Beispiel heute in
dieser Debatte, hat kaum einen rationalen Kern. Sie ha-
ben diese Debatte heute praktisch genutzt – warum Sie
das zu diesem Zeitpunkt machen, habe ich verstanden –,
um vor der Europawahl Ihre Ansichten noch einmal in
die Welt zu posaunen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Sie verstehen es nicht, Herr Lämmel!)


Man muss auch sehen: Der Austausch zwischen den
USA und Europa betrifft nicht bloß den Handel, sondern
auch Investitionen. Die Amerikaner haben allein im letz-
ten Jahr in Europa 170 Milliarden Euro investiert. Das
war schon einmal mehr: Zum Beispiel im Jahr 2007 be-
trug dieses Investitionsvolumen 240 Milliarden Euro.
Auf der anderen Seite haben die Europäer in den USA
im letzten Jahr 98 Milliarden Euro investiert. Auch das
war schon einmal mehr: 2007 waren es 236 Milliarden
Euro. Das heißt, zum einen geht es um Investitionen,
zum anderen geht es um den Austausch von Waren und
Dienstleistungen.

Die Veranstaltung, die im Bundeswirtschaftsministe-
rium vor einiger Zeit stattgefunden hat, hat dies noch
einmal deutlich aufgezeigt. Herr Ernst verschwand dort
ja nach dem ersten Teil; er war weg, als es um die De-
tails ging. Diese haben Sie nicht mehr interessiert. Das
ist klar: Sie wollen sich da ja auch nicht näher einarbei-
ten, sondern nur Ihre plakativen Reden halten.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Zuruf der Abg. Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Bei dieser Veranstaltung ging es glasklar darum – jeder,
der dabei gewesen ist, hat das mitbekommen –, dass vor
allen Dingen kleine und mittlere Unternehmen ein hohes
Interesse daran haben, dass diese nichttarifären Handels-
hemmnisse abgebaut werden.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die großen Unternehmen sind in der Lage – sie sind
auch finanzstark –, sich auf dem amerikanischen Markt
zu etablieren, dort verschiedene Zulassungsverfahren zu
durchlaufen und, und, und. Aber die kleinen und mittle-
ren Unternehmen sind dazu nicht in der Lage.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Sie sind personell nicht dazu in der Lage, und sie haben
auch nicht so viel Geld, das sie investieren müssten, um
dort in den Markt einzutreten. Darum geht es im Wesent-
lichen: Chancen im Handel auch für kleine und mittlere
Unternehmen zu eröffnen.


Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803609400

Herr Kollege Lämmel, es gibt zwei Wünsche zu Zwi-

schenfragen. Lassen Sie diese zu?

Andreas G. Lämmel (CDU):
Rede ID: ID1803609500

Wissen Sie, ich muss heute Abend noch über die

Spielzeugrichtlinie sprechen, und ich wollte dies gern
vor Mitternacht machen,


(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Das hätten Sie gleich tun können! Spielzeug ist besser! Vielleicht kennen Sie sich da besser aus! Elektrische Eisenbahn! – Heiterkeit bei Abgeordneten der LINKEN)


deswegen wäre es mir ganz recht, wenn wir jetzt die Dis-
kussion weiterführen.

Dass diese Verhandlungen natürlich nicht einfach
werden würden, war doch ganz logisch. Da treffen zwei
gleichberechtigte große Wirtschaftsräume aufeinander.
Bei früheren Freihandelsabkommen, den sogenannten
FTAs, hat meistens eine große Macht mit einem kleine-
ren Land ein Abkommen geschlossen. Hier verhandeln
zwei gleichberechtigte Wirtschaftsräume, aber auch
zwei verschiedene Kulturkreise miteinander. Der Staats-
aufbau, die Gesetze sind in Amerika ganz anders als zum
Beispiel in Europa.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Dann reden die auch noch anders!)


Deswegen war natürlich von vornherein für alle klar,
dass die Dinge nicht einfach sind.


(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Ach nee!)


Anstatt als Parlament diese Verhandlungen konstruk-
tiv zu begleiten und klarzumachen, was wir wollen
– Kollege Tiefensee hat ja von einigen roten Linien ge-
sprochen –, versuchen Sie hier – die Linken wie immer
mit Verboten; auch die Grünen sind nicht sehr weit
davon entfernt –, die Verhandlungen in den Dreck zu
ziehen und in der Öffentlichkeit mieszumachen. Ihre
Aufgabe als Parlamentarier wäre eigentlich, die Öffent-
lichkeit über Chancen und Risiken aufzuklären. Aber Sie
haben offensichtlich nur eine Sache im Kopf: das Nega-
tive, das Sie immer verbreiten.


(Lachen des Abg. Klaus Ernst [DIE LINKE])


Bei der Veranstaltung im Bundeswirtschaftsministe-
rium trat eine Dame auf und sagte, dass sie bereits
450 000 Unterschriften gegen TTIP gesammelt hat. Das
ist einfach lächerlich. Es gibt noch kein Abkommen,
über das man jetzt abstimmen kann. Das wissen Sie ganz
genau. Wenn man von vornherein Unterschriften gegen
ein Abkommen sammelt, geht es gar nicht mehr darum,
über das Abkommen zu diskutieren, sondern darum,
dass man es überhaupt nicht will. Das muss man aber
auch klar sagen; denn dann wissen wir, woran wir sind.


(Beifall bei der CDU/CSU – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Machen wir doch! Lesen Sie doch wenigstens mal die Anträge!)


Ich möchte deutlich machen: Die SPD-Fraktion steht
bei den roten Linien natürlich nicht allein, wie Herr
Tiefensee es teilweise gesagt hat,


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)






Andreas G. Lämmel


(A) (C)



(D)(B)

sondern die CDU/CSU-Fraktion hat hier überhaupt
keine andere Meinung.


(Lachen bei der LINKEN – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Jetzt bin ich aber gespannt!)


Meine Damen und Herren, die USA oder die Europäi-
sche Kommission mögen im Verhandlungsprozess ver-
schiedene Dinge vielleicht unterschätzt haben; das mag
sein. Wichtig ist doch, dass man aus Fehlern lernt und
dass das Verfahren, das vielleicht ein bisschen schwierig
angelaufen ist, jetzt in neue Bahnen gelenkt wird. Darum
muss es uns gehen.


(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Das ist doch jetzt Ihre Chance!)


Es muss von einer Debatte wie der heutigen das Zeichen
ausgehen, dass das deutsche Parlament grundsätzlich
hinter solchen Verhandlungen steht, aber dass das deut-
sche Parlament auch klare Vorstellungen davon hat, was
wir wollen und was wir nicht wollen. Das kann ich in Ih-
ren Beiträgen heute leider überhaupt nicht erkennen.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Aber in Ihren? Was erzählen Sie denn da?)


– Zu Ihren Anträgen, Herr Ernst, haben Sie ja gar nicht
erst gesprochen,


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Sie ja auch nicht!)


weil das sinnlos gewesen wäre; das wissen Sie natürlich
selber. Deswegen finde ich, dass diese Debatte heute lei-
der vertane Zeit ist.


(Widerspruch bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wir sollten dieses Thema aber weiterhin beraten. Dafür
bietet die Diskussion im Wirtschaftsausschuss eine gute
Basis.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU – Lachen bei der LINKEN)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803609600

Als nächster Redner hat der Kollege Alexander

Ulrich von der Fraktion Die Linke das Wort.


(Beifall bei der LINKEN)



Alexander Ulrich (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803609700

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Um das einmal zusammenzufassen: Sie, Herr Lämmel,
haben am wenigsten über das gesprochen, worum es
heute geht.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dr. Matthias Heider [CDU/CSU]: Über Ihre Anträge!)


Sie haben darauf hingewiesen, wie in anderen Parlamen-
ten über dieses Thema debattiert worden ist. Ich will es
Ihnen noch einmal sagen: Durch die Anträge von uns
und von den Grünen findet heute überhaupt erst eine De-
batte im Bundestag statt. Sie wollten diese Debatte doch
überhaupt nicht!


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Michael GrosseBrömer [CDU/CSU]: Das ist doch gar nicht wahr! – Andreas G. Lämmel [CDU/CSU]: Völliger Unsinn!)


Heute ist wieder einmal klar geworden, worum es bei
TTIP und CETA geht, insbesondere durch das, was Herr
Pfeiffer gesagt hat; dankbarer kann man dafür nicht sein.


(Heiterkeit bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Es haben allein in Deutschland schon über 700 000 Men-
schen dafür unterschrieben, dass TTIP und CETA ge-
stoppt werden sollen. Nach der Rede wie der von Herrn
Pfeiffer werden es wahrscheinlich noch deutlich mehr
werden; denn jetzt ist klar, was geplant ist.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


TTIP und CETA sind ein Angriff auf unsere Lebens-
weise, auf unsere Standards, auf unsere Demokratie und
die Rechtsstaatlichkeit. Es ist ganz toll, dass vor der
Europawahl jedem im Land klar wird, dass diese Bun-
desregierung dafür die Hand reicht; das gilt insbesondere
für CDU und CSU.


(Beifall bei der LINKEN – Michael GrosseBrömer [CDU/CSU]: Das macht ja auch Sinn! Aber wir warten erst mal ab, bis etwas vorliegt, bevor wir kritisieren!)


Herr Pfeiffer sagte, dass das zu Wohlstand und Ar-
beitsplätzen führen wird und dass wir davon einiges er-
warten können.


(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Der Pfeiffer ist ein kluger Mann!)


Wir mussten uns da noch nicht einmal selber bemühen.
Es gibt nämlich Gutachten der EU-Kommission.


(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Ja!)


Diese besagen, dass es im EU-Raum ein „gigantisches“
Wachstum von 0,5 Prozent geben wird,


(Zuruf von der LINKEN: Wow!)


in den USA von 0,4 Prozent –


(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Bis 2027!)


aber nicht im Jahr, sondern bis Ende 2027. Das heißt, wir
reden über ein Wachstum von jährlich weniger als
0,04 Prozent in der EU. Dafür gefährden wir unsere Le-
bensweise.

Nur darum geht es:


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: So ein Schwachsinn! – Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Das ist doch Unsinn!)






Alexander Ulrich


(A) (C)



(D)(B)

Es geht darum, dass die Finanzwirtschaft und die Groß-
konzerne Geschäfte machen können. Dafür reichen Sie
die Hand, und dafür opfern Sie sogar die Rechtsstaat-
lichkeit. Das wird Ihnen von der Union noch auf die
Füße fallen.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Ihre Welt ist ja so einfach!)


Um einmal klarzumachen, was das im Hinblick auf
das Wachstum bedeutet, zitiere ich den IG-Metall-Vor-
sitzenden Detlef Wetzel. Er hat in einem Interview ge-
sagt:


(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Keine Analyse, keine Argumente, und die Konzerne sind schuld!)


Da spielt ja das Wetter eine größere Rolle für die
Beschäftigungswirkung als das Freihandelsabkom-
men.


(Heiterkeit des Abg. Klaus Ernst [DIE LINKE])


Er fügte hinzu:

Die Prognosen sind äußerst unsicher, die vorherge-
sagten Wirkungen mikroskopisch – und vor allem
würden sie ungleich teuer erkauft.

Recht hat er. Deshalb muss TTIP gestoppt werden.


(Beifall bei der LINKEN – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Sie sollten verboten werden!)


Um was geht es? Hier wird ja so getan, als würden
wir nur Ängste schüren.


(Dr. Matthias Heider [CDU/CSU]: Das ist das einzige Ziel dieser Veranstaltung! – Andreas G. Lämmel [CDU/CSU]: Nichts anderes tun Sie!)


Wir reden doch über Beispiele, die es gibt. Es gibt zum
Beispiel eine Firma namens Veolia. Sie klagt in Ägyp-
ten, weil der ägyptische Staat den Mindestlohn erhöht
hat; das ist ein solches Beispiel. Oder – das muss man
sich einmal vorstellen –: In Quebec, in Kanada, gab es
einen Volksentscheid mit dem Ergebnis, dass man Fra-
cking ablehnt. Jetzt klagt diese Firma gegen den kanadi-
schen Staat wegen möglicherweise entgangener Ge-
winne. Wollen wir so etwas, wollen wir wirklich jeden
sozialen Fortschritt in Zukunft verhindern, indem wir
uns in die Hände von Großkonzernen begeben? Das
kann doch in einer Demokratie nicht möglich sein!


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Muss man bei der Linken in jeder Rede dreimal das Wort „Großkonzerne“ unterbringen?)


Herr Tiefensee, wenn Sie sich hier so deutlich aus-
sprechen, dann müssen Sie sich aber bei CETA auf den
Weg machen; denn dieses Abkommen ist ausverhandelt.
Da steht das alles drin, was heute hier diskutiert worden
ist. Wenn CETA abgeschlossen wird, ist das eine Blau-
pause; dann können wir bei TTIP möglicherweise gar
nichts mehr verhindern, weil auch amerikanische Kon-
zerne über Tochterfirmen in Kanada dieses Abkommen
nutzen können. Das ist doch genau die Gefahr. Darum ist
es bei CETA nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach
zwölf.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wie gesagt: Die IG Metall lehnt das ab. Der DGB hat
das letzte Woche auf seinem Bundeskongress abgelehnt.
Kirchliche Organisationen – die Diakonie, Brot für die
Welt – sagen Nein. Attac, der BUND, über 50 NGOs,
alle sagen Nein zu diesen Verhandlungen. Wenn Sie hier
heute eine Sofortabstimmung über die Anträge der Lin-
ken und der Grünen verhindern, sagen Sie all diesen
Gruppen: Wir wollen eure Interessen den Interessen der
Großkonzerne opfern. – Wir stehen auf der Seite der au-
ßerparlamentarischen Bewegung und sagen: TTIP und
CETA müssen gestoppt werden.

Vielen Dank.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803609800

Als nächster Redner hat der Kollege Klaus Barthel

von der SPD-Fraktion das Wort.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)



Klaus Barthel (SPD):
Rede ID: ID1803609900

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Kollege Ulrich, es mag schon sein, dass viele Elemente,
die jetzt diskutiert werden im Zusammenhang mit CETA
und TTIP, unsere Lebensweise gefährden; aber ich
möchte im Verlauf meiner Rede darstellen, dass wir ge-
rade dann, wenn wir nichts tun, wenn wir keine Anstren-
gungen unternehmen, den internationalen Handel neu zu
regeln, unsere Lebensweise erst recht gefährden.

Tatsache ist doch, dass – anders als viele Romantiker,
die heute herumlaufen, es behaupten – erst die Auswei-
tung des internationalen Handels, die internationale Ar-
beitsteilung und Wertschöpfungsketten über die ganze
Welt Arbeit, Einkommen und Wohlstand ermöglicht ha-
ben und nicht das Klein-Klein hinter den Zollschranken
des Feudalismus im Mittelalter.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Natürlich müssen wir im gleichen Atemzug auch sa-
gen, dass die Realität des jetzigen Freihandelsmodells
zeigt, dass freier Handel nicht automatisch guter Handel
und fairer Handel ist und dass sich daraus nicht die Welt-
wirtschaft ergibt, die wir uns alle vorstellen. Wir sehen
das an den Krisen, ausgelöst auf den Finanzmärkten
durch die Deregulierungspolitik. Wir sehen das an dem
Dumpingwettbewerb, dass kurzfristig im Moment derje-
nige auf dem Weltmarkt gewinnt, der den geringsten
Umweltschutz, den schwächsten Verbraucherschutz, den





Klaus Barthel


(A) (C)



(D)(B)

ungeregeltsten Wettbewerb, die niedrigsten Löhne, die
schwächsten Sozialsysteme und die niedrigste Kapital-
besteuerung hat; das ist die jetzige Realität der freien
Märkte.

Wir erleben – auch das ist richtig – das erfolgreiche
Bestreben von internationalen Konzernen und Finanzin-
vestoren, sich gesetzlichen Regelungen und politischen
Entscheidungen der Nationalstaaten zu entziehen und
durch Ausnutzen des Standortwettbewerbs auf interna-
tionaler Ebene sich selbst systematisch über das geltende
Recht zu stellen. Das beginnt damit, dass sich die
Amazons und Googles in aller Welt der Besteuerung ih-
rer Gewinne und auch der Umsatzbesteuerung entzie-
hen, und soll demnächst gipfeln in dem sogenannten In-
vestorenschutz; da sind ja Beispiele genannt worden.
Die Krönung ist, wie man jetzt wieder lesen konnte,
Vattenfall, die machen das gleich doppelt: Auf der einen
Seite verklagen sie die Bundesrepublik Deutschland we-
gen des Atomausstiegs; gleichzeitig versucht man sich
durch intelligente Umstrukturierung des Unternehmens
auch noch der Haftung für den Atommüll und der Las-
ten, die sich aus der Nutzung der Kernenergie ergeben
haben, zu entziehen.


(Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Das ist alles ohne TTIP!)


Daran kann man schon sehen, dass es beim Investoren-
schutz Probleme gibt.

In der Tat wären CETA und TTIP Neuland für die Eu-
ropäische Union. Für uns als Sozialdemokratinnen und
Sozialdemokraten – das hat Kollege Tiefensee deutlich
gemacht – ist klar: Wir wollen keinen Investorenschutz à
la CETA oder wie manche in den USA sich das vorstel-
len.

Jetzt sind wir beim Thema Transparenz, liebe Kolle-
gen von den Grünen und den Linken. Auch wir beklagen
die mangelnde Transparenz,


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


aber wenn Sie mich fragen, wie wir und unsere Bundes-
regierung eigentlich dazu stehen, dann kann ich Ihnen
nur raten: Lesen Sie wenigstens das, was überall nachzu-
lesen und damit transparent ist.


(Beifall der Abg. Barbara Lanzinger [CDU/ CSU])


Es gibt zum Beispiel eine wunderschöne Broschüre
zu der schon erwähnten Veranstaltung im Bundeswirt-
schaftsministerium. In seinem Vorwort schrieb der Bun-
deswirtschaftsminister – das können alle nachlesen; das
ist ganz transparent –:


(Andreas G. Lämmel [CDU/CSU]: Das wollen die doch gar nicht!)


Spezielle Investitionsschutzvorschriften sind in ei-
nem Abkommen zwischen den USA und der EU
nicht erforderlich, da beide Partner hinreichenden
Rechtsschutz … gewähren.

(Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann stimmen Sie doch unserem Antrag zu!)


Er schreibt weiter:

Prinzipiell ist auszuschließen, dass das demokrati-
sche Recht, allgemeine Regelungen zum Schutz
von Gemeinwohlzielen zu schaffen, gefährdet,
ausgehebelt oder umgangen wird oder dass ein
Marktzugang, der solchen Regeln widerspricht, ein-
klagbar wird. Nur dann ist ein Abkommen zustim-
mungsfähig.


(Beifall bei der SPD – Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Exakt das haben wir beantragt!)


Hier steht also alles zur Position der Bundesregie-
rung, und Sie haben die Bundesregierung in den letzten
Wochen und Monaten ja auch mit vielen Fragen – Klei-
nen und Großen Anfragen sowie einzelnen Fragen – zu-
gepflastert.

Dasselbe kann man auch bezüglich CETA nachlesen,
und zwar in einer Antwort von Staatssekretär Kapferer
am 25. März 2014 auf eine Frage des Abgeordneten
Ulrich. Ich will das jetzt aber nicht vorlesen, weil ich
nicht so viel Zeit habe.


(Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Genau das haben wir beantragt! Warum stimmen Sie dann nicht zu?)


Das heißt, wir wollen diese Verhandlungen zum einen
nutzen, um das auszuschließen, und zum anderen, um in
eine neue Phase der internationalen Handelspolitik zu
kommen. Kollege Ernst, das gilt zum Beispiel auch in
Bezug auf die Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechte.

In der Tat kann es Freihandel zwischen Wirtschafts-
räumen und Staaten nicht geben, wenn eine Seite die
ILO-Kernarbeitsnormen nicht vollständig ratifiziert hat
oder nicht anwendet. Das kommt für uns nicht infrage.


(Beifall bei der SPD)


Das bloße Anerkennen jeweiliger Standards reicht da-
bei aber natürlich nicht aus, weil es hier keinen Wettbe-
werbsvorteil für denjenigen geben darf, der selbst zum
Beispiel die Gewerkschaftsfreiheit einschränkt und die
Koalitionsfreiheit nicht anerkennt. Mit solchen Dum-
pingprozessen würden nämlich Verlagerungen aus deut-
schen Industrie- und Dienstleistungsstandorten in den
Niedriglohnbereich USA in Gang gesetzt werden, wo
die Zölle dann entfallen. Das muss völlig klar sein.


(Beifall der Abg. Ulli Nissen [SPD])


Wir sind durch das Beispiel VW gewarnt. Ein wohl-
wollender Konzern hatte versucht, Gewerkschaften und
Mitbestimmung zu ermöglichen, aber er wurde durch die
Politik eines Bundesstaates in den USA und die örtliche
Politik dort daran gehindert, die massiv Stimmung und
Druck gegen Gewerkschaften und Tarifverträge gemacht
haben. So etwas geht nicht.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)






Klaus Barthel


(A) (C)



(D)(B)

Wir sind auch durch das Vorgehen von T-Mobile USA
gewarnt, einer Tochter der Deutschen Telekom, die meint,
es sei bei Verkaufsgesprächen ein gutes Argument, dass
im Unternehmen keine Gewerkschaften vertreten sind,
weil man dann mehr Geld für das Unternehmen erhält.
Mit solchen Wirtschaftsräumen und Unternehmensstra-
tegien wollen wir nichts zu tun haben, sondern im Ge-
genteil: Diese wollen wir verbessern.


(Beifall bei der SPD)


Wir sorgen nicht mit Mindestlöhnen, mit der Stärkung
des Tarifsystems, mit der Allgemeinverbindlichkeit und
mit hochgelobter Mitbestimmung für Ordnung auf dem
Arbeitsmarkt, um dann Freihandelsabkommen mit Räu-
men abzuschließen, die genau das unterlaufen und un-
sere Standards indirekt aushöhlen. Das kann nicht das
Ziel der Politik sein.

Wir wollen jetzt zusammen mit den Gewerkschaften
in den USA und in der Bundesrepublik ausloten, ob es
Wege hin zu einer neuen und besseren Politik in all die-
sen Hinsichten gibt – auch in Bezug auf die Verbraucher-
standards, die Arbeitsrechte usw. –; denn eines muss
auch allen klar sein, die heute sagen, das alles würden sie
von Hause aus nicht wollen und TTIP, CETA usw. sei
Blödsinn: Wenn wir keine neue Handelspolitik einleiten, –


Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803610000

Herr Kollege, Sie müssen zum Schluss kommen.


Klaus Barthel (SPD):
Rede ID: ID1803610100

– uns nicht anstrengen, liebe Frau Präsidentin, den

Handel auf internationaler Ebene neu aufzustellen, und
solche Verhandlungen nicht wenigstens einmal versu-
chen, dann wird sich in unserem Sinne erst recht nichts
ändern, sondern dann werden die Dumping-Prozesse, die
ich am Anfang beschrieben habe, unter der Überschrift
„Globalisierung“ weitergehen.

Diese Globalisierung müssen und wollen wir gestal-
ten, und ich hoffe auf unser aller Unterstützung.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803610200

Als nächste Rednerin hat die Kollegin Barbara

Lanzinger von der CDU/CSU das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Barbara Lanzinger (CSU):
Rede ID: ID1803610300

Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Es

stimmt: Kaum ein Thema wird derzeit so kontrovers und
so aufgeladen diskutiert wie das TTIP. Ich sage bewusst:
aufgeladen. Dazu tragen auch die Reden der Kollegen
Hofreiter und Ulrich bei. Sie schüren eher Ängste, an-
statt zu versuchen, das Ganze aufzuklären.


(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Nein! Wir klären auf!)


Ich habe eines gelernt – lassen Sie mich das hier anmer-
ken –: Wer schreit, hat meistens nicht recht.

(Beifall bei der CDU/CSU)


Zahlreiche Demonstranten gehen zu diesem Thema
auf die Straße. Binnen kürzester Zeit kamen mehrere
Hunderttausend Unterschriften gegen das Abkommen
zusammen; das stimmt.


(Beifall des Abg. Alexander Ulrich [DIE LINKE])


Glauben Sie uns: Auch wir nehmen diese Bedenken
ernst,


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Herr Pfeiffer nicht!)


nicht nur Sie.


(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Herr Lämmel hat gesagt: Lächerlich!)


– Jetzt schreien Sie schon wieder.


(Dr. Matthias Heider [CDU/CSU]: Und zwar dazwischen!)


Ernst nehmen wir aber auch die Potenziale: Freier Han-
del enthält die Chance auf mehr Wohlstand. Das Abkom-
men ist ein wichtiges Instrument für mehr Wachstum
und Beschäftigung in Europa. Es ist deshalb durchaus
begrüßenswert. Aber – auch das sage ich ganz deutlich –
wir brauchen klare, nachvollziehbare, transparente und
verständliche Regeln.

Wir befinden uns noch am Anfang der Verhandlun-
gen. So ist es noch nicht möglich, bereits heute alle De-
tails beurteilen zu können. Jedoch ist es möglich und
notwendig – da gebe ich vielen recht –, grundsätzliche
Kriterien zu benennen und einzufordern. Wir müssen das
Abkommen als Chance begreifen, die Vor- und Nach-
teile abzuwägen und alle damit verbundenen Risiken zu
benennen, um diese zum frühestmöglichen Zeitpunkt
ausschließen zu können. Ein wichtiger Punkt muss sein,
dass das Abkommen unserem Anspruch an Qualität und
unseren Anforderungen an ein hohes Schutzniveau
standhält.

Deutschland hat einen unschlagbaren Vorteil im glo-
balen Wettbewerb: einen starken Mittelstand, im Aus-
land bewundert und geschätzt. Der „German Mittel-
stand“ gilt als Jobmotor Nummer eins, als Treiber für
Innovationen und als ein Rezept für den Erfolg der deut-
schen Wirtschaft. Ich denke, dagegen können Sie nichts
sagen. Herr Hofreiter – hören Sie mir bitte zu, ich habe
Ihnen gerade auch zugehört –, ich weiß nicht, woher Sie
Ihre Zahlen nehmen, dass der Mittelstand dieses Ab-
kommen ablehnt.


(Dr. Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Zeitung lesen hilft!)


Ich habe andere Zahlen. Nach den Zahlen des DIHK von
Anfang Mai dieses Jahres sind 60 Prozent für dieses Ab-
kommen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Über 99 Prozent der deutschen Unternehmen sind
Mittelständler. Das sind über 3,6 Millionen vielfältige
und dynamische Unternehmen, die mehr als 60 Prozent
aller Jobs in Deutschland stellen und in unterschiedli-





Barbara Lanzinger


(A) (C)



(D)(B)

chen Branchen mit unterschiedlichen Produkten und
Dienstleistungen tätig sind. Deutsche Produkte werden
im Ausland sehr gerne gekauft, weil sie hohe Qualitäts-
standards aufweisen. Zudem bringen vor allem unsere
KMU, die kleinen und mittelständischen Unternehmen,
die international tätig sind, weitaus mehr neue Produkte
auf den Markt als die ausschließlich in der Heimat täti-
gen Unternehmen. Deshalb ist es besonders wichtig, die
internationalen Aktivitäten unseres Mittelstands weiter
zu fördern und auszubauen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Das TTIP schafft wirtschaftliche Chancen für Europa
und besonders für Bayern – das sage ich ganz deutlich –
mit seiner mittelständisch geprägten, exportstarken Wirt-
schaft. Insbesondere die kleinen und mittelständischen
Unternehmen würden von einem tiefgreifenden Abkom-
men profitieren und dadurch wirksame Unterstützung
bei der Internationalisierung erhalten. Es gilt, bei den
Verhandlungen sicherzustellen, dass es zu keiner Absen-
kung der bewährten Qualitätsstandards und des europäi-
schen Schutzniveaus kommt. Wo „Made in Germany“
draufsteht, muss auch „Made in Germany“ drin sein.
Aber ich möchte der Fairness halber auch festhalten:
Nicht nur wir haben hohe Standards, auch die Amerika-
ner haben hohe Standards.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Es gilt, beides miteinander zu verknüpfen. Wir können
nicht immer so tun, als ob wir die besten wären. Es gilt
vielmehr, diese Standards zusammenzuführen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Michael GrosseBrömer [CDU/CSU]: Die Linken können nicht zugeben, dass die Amerikaner auch etwas Positives haben!)


Für die Wirtschaft ist es wichtig, nichttarifäre Han-
delshemmnisse abzubauen sowie regulatorische Vor-
schriften zu harmonisieren und gegenseitig anzuerken-
nen. Die Abschaffung der Zölle alleine reicht nicht aus.

Für die vielen exportorientierten und mittelständi-
schen Unternehmen stellen gerade die doppelten Zulas-
sungs-, Zertifizierungs- und Normungsprozesse große
Handelsbarrieren und Hürden vor allem beim Marktein-
tritt dar. So führen beispielsweise doppelte Prüfungsver-
fahren zu erhöhten Kosten und einem bürokratischen
Aufwand. Ein gutes Beispiel hierfür hat der Präsident
des DIHK angeführt: Aktuell haben die USA und die EU
unterschiedliche Zertifizierungsstandards für Schweiß-
nähte in Druckbehältern. Obwohl die Produkt- und Si-
cherheitsstandards der Behälter gleich sind – Sie kennen
sie vielleicht; ich spreche das jetzt einmal an; Sie haben
heute keine Beispiele genannt –, werden die Zertifikate
nicht gegenseitig anerkannt. Dadurch muss ein und die-
selbe Schweißnaht zweifach zertifiziert werden. Das
muss man sich einmal vorstellen. Das bedeutet erhebli-
che Zusatzkosten, ohne dass dadurch ein Mehrwert für
die Verbraucher erzielt wird. Wir brauchen die Anerken-
nung unterschiedlicher Verfahren, die zum gleichen Er-
gebnis führen. Notwendig ist auch die Harmonisierung
der Standards, die Anerkennung gleichwertiger Stan-
dards und die Abschaffung doppelter bzw. vergleichba-
rer Zusatzverfahren.

Gerade für Bayern sind die USA nicht nur der wich-
tigste Exportmarkt, sondern zugleich auch ein wichtiger
Investitionsstandort. Die Beseitigung von Zöllen und nicht-
tarifären Handelshemmnissen ist wichtig. Beispielsweise
zahlt die deutsche Automobilwirtschaft jährlich für ihre Ex-
porte in die USA über 1 Milliarde Euro an Zöllen. Aus die-
sen Gründen begrüßen wir auch ganz besonders das im
TTIP enthaltene Sonderkapitel für KMU mit speziellen Re-
geln, damit zukünftig der deutsche Mittelstand unter er-
leichterten Bedingungen im transatlantischen Handel ak-
tiv werden kann. Ich denke, das ist sehr wichtig.

Neben den ökonomischen Effekten hat das Freihan-
delsabkommen aber auch ein hohes politisches und stra-
tegisches Potenzial. Es kann der Weltwirtschaft neue Im-
pulse verleihen. Es wird die Nachfrage nach Rohstoffen,
Bauteilen und anderen Vorleistungen erhöhen, die von
anderen Ländern produziert werden. Es kann Vorreiter
für die Entwicklung globaler technischer Standards sein
und die Führungsfähigkeit der transatlantischen Partner
unter Beweis stellen.

TTIP ist für uns auch ein Vorreiter für unsere hohen
Schutzstandards. Es wurden schon alle Stichworte ge-
nannt, zum Beispiel die kommunale Daseinsvorsorge,
der Verbraucher-, Umwelt- und Gesundheitsschutz und
die Landwirtschaft. Ich muss nicht alles wiederholen,
möchte aber ergänzen, dass dazu auch unser gut durch-
dachtes, ausgewogenes und sehr strengen Kriterien un-
terliegendes europäisches Patentsystem gehört, wie der
Präsident des Europäischen Patentamts zu Recht festge-
stellt hat. Dazu sage ich ganz klar: Finger weg!

Gestatten Sie mir noch eine Bemerkung zum Investi-
tionsschutz einschließlich der Beilegung von Investor-
Staat-Streitigkeiten. Hierfür brauchen wir neue Ansätze;
das ist schon angesprochen worden. Eine unvereinbare
Paralleljustiz ist nicht sinnvoll. Wir haben sowohl in der
EU als auch in den USA gut entwickelte, funktionie-
rende und verlässliche Rechtssysteme. Unsere nationale
Gesetzgebung darf im Zuge des Freihandelsabkommens
nicht durch internationale Schiedsgerichte ausgehebelt
werden.


(Beifall des Abg. Klaus Ernst [DIE LINKE])


Unbestreitbar bestehen bei einem solchen Abkommen
über den Atlantik Interessengegensätze sowohl zwischen
als auch innerhalb der Länder. Interessen der Unterneh-
men stehen den Interessen von Bürgerinnen und Bürgern
und Verbrauchern gegenüber. Jedoch bringen uns diese
hoch emotionalen und überhitzten Debatten gar nichts.
Sie schüren nur Ängste. Notwendig sind sachliche und
inhaltlich richtige Diskussionen. Wir brauchen eine ge-
naue Abwägung statt einseitiger Vorurteile und oftmals
auch unhaltbarer Vorwürfe, die Ängste schüren.

Wir sagen Ja zu einem ausgewogenen Abkommen.
Ausgewogen heißt: strikte Prämisse unserer in Europa
hohen Schutzmechanismen, keine Vereinheitlichung auf
den kleinsten Nenner, sondern ein Abstimmen auf un-
sere Traditionen und bewährten Normen. Ausgewogen
heißt auch: absolute Transparenz in den Verhandlungen.





Barbara Lanzinger


(A) (C)



(D)(B)

Allerdings ist dabei ein gewisser Grad an Vertraulichkeit
notwendig.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Wo fängt er an? Wo hört er auf?)


TTIP darf nicht heißen, dass vorrangig die Interessen der
Großunternehmen oder der USA unterstützt werden. Wir
müssen vielmehr deutlich machen, welche Chancen ein
Freihandelsabkommen für unsere heimische Wirtschaft
und unsere Verbraucherinnen und Verbraucher hat.

Es ist erfreulich, dass die EU-Kommission mit der öf-
fentlichen Konsultationsphase beim Investitionsschutz
begonnen hat; dieser Teil ist ausgeklammert. Das ist ein
Schritt in die richtige Richtung. Ein Stopp der Verhand-
lungen, wie ihn die Linke fordert, ist der falsche Weg.
Damit würden wir die Vorteile – Herr Kollege Lämmel
hat bereits darauf hingewiesen –,


(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Herr Lämmel hat doch gar nichts gesagt!)


die ein Freihandelsabkommen bietet, frühzeitig verspie-
len. Die inhaltlichen Verhandlungen haben erst begon-
nen. Wir sollten daher abwarten, welche Ergebnisse in
den nächsten Monaten während der Verhandlungen und
in den öffentlichen Konsultationen gefunden werden,
und zwar unter Beteiligung der nationalen Parlamente.
Die EU-Kommission verhandelt; das stimmt. Aber wir
sollten uns einbringen. Das tun wir auch. Die Bundesre-
gierung vertritt gegenüber der Kommission, dass sowohl
der Bundestag als auch der Bundesrat, sofern die Länder
betroffen sind, die Möglichkeit zur Mitwirkung in Form
eines Ratifizierungsgesetzes erhalten.

Zum Schluss. Das TTIP-Abkommen stellt für uns
alle, vor allem für unseren Mittelstand, eine große
Chance dar. Nur wenn wir gemeinsam daran arbeiten
und offen über die Regeln diskutieren, können wir es
zum Erfolg führen. Das ist aber nicht möglich, wenn
man sich gegenseitig lächerlich macht und die Argu-
mente der anderen Seite überhaupt nicht ernst nimmt.

Danke schön.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803610400

Als nächste Rednerin hat die Kollegin Claudia

Tausend von der SPD-Fraktion das Wort.


(Beifall bei der SPD)



Claudia Tausend (SPD):
Rede ID: ID1803610500

Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Sehr

geehrte Damen und Herren! Ich freue mich außerordent-
lich, dass wir heute Gelegenheit haben, uns mit dem
Freihandels- und Investitionsschutzabkommen auseinan-
derzusetzen; denn das Thema beherrscht die Öffentlich-
keit und die Schlagzeilen. Nicht alles, was wir in der
Presse lesen und was wir auf den Veranstaltungen in un-
seren Wahlkreisen erleben, trifft den Kern der Debatte
richtig.
Liebe Kolleginnen und Kollegen der Linksfraktion
und von Bündnis 90/Die Grünen, noch lieber wäre mir
gewesen, diese Debatte in der nächsten Sitzungswoche
in 14 Tagen zu führen.


(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das glaube ich!)


Das hätte manches entspannt und mit Sicherheit auch
den sachgerechten Umgang mit diesem Thema beför-
dert.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich finde die Debatte zwar sehr lebhaft, interessant und
auch sehr zünftig, wie ich als Bayerin sagen darf. Aber
ich glaube, dass unsere Aufgabe als Mitglieder des Bun-
destages in der Aufklärung sowie der sachgerechten In-
formation und Beratung besteht.

Ich glaube nicht, dass uns die Zeit davongelaufen
wäre. Die Kollegin Lanzinger hat nicht als Einzige be-
tont, dass wir am Anfang der Diskussionen stehen. Wir
werden mehrere Verhandlungsrunden vor uns haben.
Dass in der laufenden Verhandlungsrunde – genauso wie
in den Verhandlungsrunden in den nächsten Monaten –
nicht sehr viel passieren wird, dürfen wir vermuten.
Schließlich findet in wenigen Tagen die Europawahl
statt. Danach muss sich die Kommission neu bilden. Wir
wissen noch nicht, wer neuer zuständiger Kommissar
wird. Gleichzeitig finden in den USA Midterm Elections
statt. Wir stehen also überhaupt nicht unter Zeitdruck,
sondern können uns alle Zeit der Welt lassen, um die
komplexe Materie gründlich zu beleuchten.


(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist denn mit CETA?)


Kollegin Höhn, viele Menschen haben Angst vor
TTIP. Wir nehmen das absolut ernst. Die 480 000 Unter-
schriften von Campact – das ist die Zahl, die mir bekannt
ist – werden wir zu würdigen haben und in unseren
Überlegungen berücksichtigen müssen. Wer in seinem
Wahlkreis unterwegs ist, hört quasi live, wie groß die
Angst ist, wie viele vermeintliche oder tatsächliche Ge-
fahren von TTIP ausgehen.


(Beifall bei der SPD)


Das öffentliche Bewusstsein zeigt: Das Frühwarnsystem
hat funktioniert. Es wurde reagiert, auch von der EU-
Kommission durch das Konsultationsverfahren für das
Investitionsschutzabkommen. Unabhängig davon, wie
man zu diesem Thema steht – der Kollege Tiefensee hat
sich dazu ausführlich geäußert –, begrüße ich, dass auch
die Kommission lernfähig war und erkannt hat, dass
mehr Transparenz zwingend erforderlich ist, um Klarheit
in der Öffentlichkeit zu schaffen und so überhaupt erst
Zustimmung zum weiteren Vorgehen und zum Ergebnis
zu ermöglichen.


(Beifall bei der SPD)


Auch wenn sich schon die Kollegin Lanzinger in diesem
Punkt verdient gemacht hat, möchte ich versuchen, zu er-
klären, worum es bei TTIP eigentlich geht. Es geht wirk-
lich nicht, liebe Kolleginnen und Kollegen der Grünen,





Claudia Tausend


(A) (C)



(D)(B)

um die Einfuhr des Chlorhuhns oder des Chlorhähn-
chens, es geht auch nicht um den Marktzugang für das
Genfood oder für das Hormonfleisch. Sie können es mir
glauben oder nicht, aber in der offiziellen Information
der EU-Kommission ist zu lesen – ich zitiere –:

Fracking, Chlorhühnchen und Genfood sind in der
EU verboten oder streng reguliert. Das wird auch
ein Freihandelsabkommen nicht ändern. Nur Regie-
rungen oder Parlamente können entscheiden, Ge-
setzgebung zu ändern. Die Europäische Union wird
unsere hohen EU-Standards nicht zur Verhandlung
stellen. … Alle EU-Staaten werden weiterhin selbst
regulieren können. Beispiel Hormonfleisch, das in
der EU streng verboten ist …

Ich denke, man sollte weniger Misstrauen walten lassen,
sondern diese Auskünfte der Europäischen Kommission
ernst nehmen.

Worum geht es dann? Es geht auch – das wurde schon
ausführlich dargestellt – um den Abbau von Zollschran-
ken und in zweiter Linie um den Abbau von technischen
Handelshemmnissen, von nichttarifären Handelshemm-
nissen, von Doppeltests, von doppelten Zulassungs- und
Prüfverfahren. Jetzt komme auch ich zum Thema Mittel-
stand. Was will der Mittelstand? Den Mittelstand, Herr
Kollege Ernst, nehmen auch wir in Bayern sehr ernst.
Der will nicht seine Bäckersemmel – das haben Sie mir
vorhin zugeflüstert – exportieren. Es gibt auch Zulieferer
zu exportorientierten Industrieunternehmen, Automobil-
konzernen etc. Ich kenne Umfragen, nach denen etwa
zwischen 60 und 80 Prozent der Mittelständler – ich
hatte gestern ein Gespräch mit unserer IHK – TTIP be-
grüßen, weil sie sich erhoffen, ihre Exportchancen zu
verbessern.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Ich muss zum Schluss kommen.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Schade!)


Ich begrüße ausdrücklich die Initiative des Bundeswirt-
schaftsministers, die Zivilgesellschaft einzubinden.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Gestern hat er einen Beirat gegründet. Dazu gehören der
BDI, der Außenhandelsverband, der DGB, der Deutsche
Städtetag, die Verbraucherzentrale, der Naturschutzring
und der Bund Naturschutz. Das ist der richtige Weg, um
mit den Bedenken der Zivilgesellschaft umzugehen. Die
roten Linien sind ausführlich dargestellt worden. Aber
lassen Sie mich bitte noch einen Punkt herausgreifen. Es
ist mir als langjähriger Kommunalpolitikerin ein beson-
deres Anliegen, die öffentliche Daseinsvorsorge auf
Dauer zu sichern.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wir hatten das Thema Wasser zweimal im Feuer vonsei-
ten der Kommission, einmal mit der Konzessionsricht-
linie und zuvor mit der Dienstleistungsrichtlinie. Ich
schließe mich auch hier komplett der Forderung des
Deutschen Städtetags unter seinem Vorsitzenden Dr. Uli
Maly an: Die öffentliche Daseinsvorsorge muss ohne
Wenn und Aber erhalten bleiben.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE])


Die Wasserversorgung, die Abwasserentsorgung, die so-
zialen Dienstleistungen, der ÖPNV, Abfallwirtschaft,
Kultur und Bildung gehören dazu. Deswegen bin ich
ausdrücklich für eine Positivliste, was bedeutet, dass nur
über die Dinge, die ausdrücklich im Verhandlungsman-
dat stehen, tatsächlich verhandelt wird.


(Beifall bei der SPD)


Ich komme zum Schluss. Es ist mehrfach dargestellt
worden: Die SPD nimmt das Thema Risiken ernst, sieht
aber durchaus auch Chancen. Wir begleiten die Verhand-
lungen kritisch, führen den Dialog mit der Zivilgesell-
schaft und sagen klipp und klar: Ein Freihandelsabkom-
men und Investitionsschutzabkommen um jeden Preis
wird es mit uns nicht geben.

Ich bedanke mich für das Zuhören.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803610600

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer ersten Rede, Frau

Tausend, in dieser lebhaften Debatte.


(Beifall)


Jetzt hat der Kollege Matthias Heider von der CDU/
CSU-Fraktion das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Matthias Heider (CDU):
Rede ID: ID1803610700

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wir sind bereits in der Schlussrunde unserer Debatte, in
der stellenweise sehr emotional vorgetragen wurde. Aber
das scheint mir doch an dem bevorstehenden Wochen-
ende zu liegen. Ich freue mich, dass ich Gelegenheit
habe, auf die wichtigsten Punkte unserer Debatte einzu-
gehen.

Mit der EU und den USA stehen sich heute die beiden
wichtigsten und größten Binnenmärkte dieser Erde ge-
genüber. Die Geschichte, die einst im 16. Jahrhundert
mit dem Import von Baumwolle, von Erdnüssen, von
Kartoffelpflanzen aus Amerika und umgekehrt mit dem
Export von Karotten, Rindern, Hühnern, aber auch von
Werkzeugen und Schiffen nach Amerika begann, geht
auch heute noch, viele Jahrhunderte danach, weiter.
Heute stellen die Vereinigten Staaten und die EU fürei-
nander die wichtigsten Handelspartner dar.

In früheren Jahrhunderten waren es eher Portugal und
Spanien, heute ist es Deutschland innerhalb der EU, das
die meisten Exporte in die USA erreicht. Im Jahr 2012
wurden aus Deutschland Waren im Wert von 87 Milliar-
den Euro nach Amerika ausgeführt. Das entspricht fast
30 Prozent der EU-Exporte in die USA. Wichtigste Ex-
portgüter waren Fahrzeuge und Fahrzeugteile mit 28 Pro-





Dr. Matthias Heider


(A) (C)



(D)(B)

zent. Auf dem zweiten Platz lagen Maschinen mit
17 Prozent, und auf Platz drei pharmazeutische Erzeug-
nisse mit rund 10 Prozent. An diesen Zahlen kann man
die Bedeutung eines Freihandelsabkommens für Deutsch-
land und die Europäische Union erkennen. Das Ziel der
Verhandlungen muss sein, ein innovations- und ein in-
vestitionsfreundliches Klima zu erzeugen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Bei dem geplanten Freihandelsabkommen geht es zu-
nächst um den Abbau von Zöllen und von nichttarifären
Handelshemmnissen. Zwar sind die Zölle bereits relativ
niedrig; jedoch kann jede noch so kleine Senkung des
Zolltarifs Impulse geben. Wenn mehrere Millionen Euro
an Einsparungen zusammenkommen, dann ist das ein
Impuls für den gesamten Handelsraum.

Besonders werden europäische und deutsche Unter-
nehmen von dem Abbau der nichttarifären Handels-
hemmnisse profitieren. Damit meine ich nicht die von
den Linken immer wieder ins Feld geführten Großkon-
zerne; vielmehr werden es vor allem die kleinen und
mittleren Unternehmens sein, die sich keine großen Ex-
portabteilungen und keine teuren Apparate leisten kön-
nen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Diese wagen derzeit den Schritt über den Atlantik des-
halb nicht, weil die unterschiedlichen Standards, Regu-
lierungen und Zulassungsverfahren hohe Hürden im
Handel bedeuten. Der damit verbundene bürokratische
Aufwand ist nicht so einfach zu erledigen.

Doppelte Produktzulassungen, Testverfahren und Kon-
formitätsprüfungen erhöhen bei der Einfuhr in die EU
laut der Studie eines niederländischen Instituts die Zu-
lassungskosten bereits um durchschnittlich 21 Prozent.
Bei Nahrungsmitteln sind es sogar 57 Prozent, bei Kos-
metika 35 Prozent und bei Fahrzeugen 26 Prozent Mehr-
kosten. Durch solch ein Freihandelsabkommen haben
wir die Chance, Standards und Zertifizierungsverfahren
auf ein gleich hohes Schutzniveau zu bringen.

Beispiele für die unterschiedlichen Regelungen sind
heute schon genannt worden. Selbst dem Kollegen Ernst
ist aufgefallen, dass die Fahrzeuge in den USA mit roten
Blinkergläsern fahren müssen, während die in der EU
mit orangefarbenen unterwegs sind. Deutsche Autobauer
müssen Sonderanstrengungen für den amerikanischen
Markt erbringen, obwohl die orangefarbenen Blinkerglä-
ser genauso sicher sind wie diejenigen, die dort verwandt
werden. – Es gibt weitere Beispiele: Nebelschlussleuch-
ten sind in den USA nicht obligatorisch. Seitenspiegel
müssen dort nicht einklappbar sein. Sondersignale von
Einsatzfahrzeugen sind anders. Will man das ändern,
muss man über das Schutzniveau sprechen und ein An-
gleichungsverfahren festlegen. Man darf das aber nicht
in Bausch und Bogen verurteilen, wie Sie es heute in Ih-
ren Reden und mit Ihren Anträgen tun.

Die Beispiele lassen sich fortsetzen; es geht um Medi-
kamente, Kosmetika und chemische Substanzen. Hier
helfen nur der Abgleich in Verhandlungen und das Prin-
zip der gegenseitigen Anerkennung der gelisteten Stoffe.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Wolfgang Tiefensee [SPD])


Mit der Diskussion um die Angleichung von Stan-
dards sind in der Bevölkerung Ängste entstanden, dass,
wie Sie kundtun, Verbraucher- und Umweltstandards,
also geltendes Recht in der Europäischen Union, abge-
senkt würden. Ich kann deshalb die Sorgen der Bürger
gut verstehen. Jedoch basieren diese Sorgen keineswegs
auf guten Informationen; vielmehr haben Sie gezielte
Fehlinformationen unter die Bevölkerung gebracht.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Eine Senkung von Standards durch dieses Freihandels-
abkommen wird es nicht geben; das hat EU-Handels-
kommissar De Gucht in Gesprächen mit diesem Parla-
ment in der vorletzten Woche klipp und klar gesagt.
Insofern bin ich dem Bundeswirtschaftsminister ausge-
sprochen dankbar, dass er in seinem Haus einen Beirat
installiert hat, der die Kommunikation all dieser Infor-
mationen verbessern wird.

Berechtigte Fragen zu dem Abkommen gibt es natür-
lich, zum Beispiel zum Investitionsschutz. Das Thema
muss sehr sorgfältig behandelt werden; denn kein Inves-
titionsabkommen ist wie das andere. Viele Abkommen,
die abgeschlossen worden sind – es sind 120, 130 an der
Zahl, die für Deutschland gelten –, haben eine völlig an-
dere Geschäftsgrundlage. Da muss man etwas differen-
zieren.

Es muss klar sein, dass ein Investitionsschutz nur für
solche Sektoren gelten kann, wo ein besonderes Bedürf-
nis besteht und wo die Verhandlungspartner ein beidsei-
tiges besonderes Interesse daran haben. Auch das brau-
chen wir bei dem Rechtsstandard, der in den USA und in
Deutschland vorherrscht, sicherlich nicht in Zweifel zu
ziehen.

Leider wird in Deutschland über wirklich konstruk-
tive Verbesserungsvorschläge wenig gesprochen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Schon in den Einladungen für Veranstaltungen wird
wahllos auf das Freihandelsabkommen eingedroschen.
Schauen Sie sich diese Einladung hier einmal an: „TTIP:
Angriff auf Demokratie, Löhne, Soziales und Umwelt“.
Da steckt alles drin, was man braucht, um möglichst
große Verunsicherung in der Bevölkerung zu verursa-
chen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Es geht Ihnen gar nicht um Impulse für den Binnen-
markt. Es geht Ihnen mit Ihren Anträgen gar nicht um
Beschäftigung. Es geht Ihnen auch gar nicht um Innova-
tionen.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: TTIP ist das Thema!)


Sie suchen eine Trägerrakete für Ihre gesellschaftspoliti-
schen Botschaften. Das ist Ihr Ziel, das Sie hier im Bun-
destag kurz vor einem Wahlwochenende verfolgen.





Dr. Matthias Heider


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall bei der CDU/CSU)


Sie rühren sich einen Cocktail aus Themen mit hohen
Aufmerksamkeitswerten in der Bevölkerung zusammen
und garnieren das auch noch mit dem Vorwurf der Ge-
heimniskrämerei von Regierungsstellen.


(Beifall der Abg. Barbara Lanzinger [CDU/ CSU])


Sie sind sich auch nicht zu schade, das in einem Atem-
zug mit dem NSA-Skandal, dem Abhören unserer Bun-
deskanzlerin und der Mordserie des NSU in Verbindung
zu bringen. Glauben Sie nicht? Schauen Sie einmal auf
die Website Ihres Kollegen Troost! Da werden Sie fün-
dig werden.

Aufmerksamkeit kriegen, Angst machen, Agitation
betreiben – und das unter der Überschrift „TTIP“, das
hat schon bei der Bundestagswahl nicht funktioniert. Ich
hoffe im Interesse der Bürger dieses Landes, meine Da-
men und Herren, dass das auch bei der Europawahl am
kommenden Wochenende nicht funktionieren wird.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Das hat mit der Wahl nichts zu tun!)


Man kann von Glück sagen, dass diese Botschaften nicht
alle Bürger erreichen. Nach einer Meinungsumfrage ei-
nes Instituts zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Das sind die Richtigen!)


sind 53 Prozent der Amerikaner und der Deutschen der
Auffassung, dass das Abkommen grundsätzlich eine
gute Sache ist. Nur 25 Prozent der Bevölkerung sind
skeptisch. Sie wollen uns heute hier genau das Gegenteil
glauben machen. Das ist eine asymmetrische Mobilisie-
rung. So nennt man das.


(Beifall bei der CDU/CSU – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Das ist ein asymmetrischer Unsinn!)


Lassen Sie mich abschließend auf die positiven
Aspekte des Abkommens zurückkommen. Wir wollen
einen Mehrwert für die Bürger und die Unternehmen ge-
nerieren. Unabhängige Studien haben gezeigt, dass das
Abkommen im europäischen Markt über die Jahre ein
Wirtschaftswachstum im Wert von bis zu 120 Milliarden
Euro erbringen kann. Das ist ein kostenloses Konjunk-
turpaket. Das müssten Sie doch eigentlich gut finden.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Hören Sie doch auf!)


Ich glaube – jedenfalls bei uns ist das so –, unser Finanz-
minister wird das gut finden.

Wir schaffen zahlreiche Arbeitsplätze. Wir erleichtern
dem deutschen Mittelstand, vor allem kleinen und mitt-
leren Unternehmen, den Zugang zum amerikanischen
Markt. Nicht jedes Unternehmen hatte bisher diese
Chance. Wir setzen gemeinsame Standards als große
Binnenmärkte in einer Handelswelt, die immer komple-
xer wird und deren Volumen mehr zu den Schwellenlän-
dern driftet. Ich glaube, Produkte mit der Bezeichnung
„Gemeinsamer EU/US-Standard“ wären ein Vorbild für
diese Länder, und das wäre auch ein Impuls für das glo-
bale Wachstum.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Ich bin davon überzeugt, dass wir am Ende der Ver-
handlungen über ein ausgewogenes Abkommen ab-
stimmen können. Für den Abstimmungsprozess hat der
Kollege Tiefensee gerade schon deutliche Hinweise ge-
geben. Ob es sich um ein gemischtes oder ein anderes
Abkommen handelt, das kann man erst am Ende der Ver-
handlungen bei einem Vertragsdokument feststellen.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Ihr findet es doch jetzt schon gut!)


Bei den meisten Abkommen – die meisten Abkommen
waren auch gemischt – haben hinterher die Mitgliedstaa-
ten in ihren parlamentarischen Verfahren zugestimmt. So
gehört sich das, meine Damen und Herren. Ich glaube,
wir haben keinen Grund, von diesem Verfahren abzu-
weichen. Die CDU/CSU befürwortet das.


(Beifall der Abg. Michael Grosse-Brömer [CDU/ CSU] und Wolfgang Tiefensee [SPD])


Wir als Parlament haben die Möglichkeit, selbst über
das Abkommen zu entscheiden. Die Mehrheit dieses
Hauses wird sich dabei von vernünftigen Argumenten
leiten lassen. Das passt zu einem freiheitlichen Binnen-
markt, zu einem starken Rechtsraum, so wie er in den
USA und in der EU vorliegt. Wenn das Verhandlungser-
gebnis vorliegt, dann werden wir es uns in aller Ruhe an-
sehen und uns unsere endgültige Meinung dazu bilden.
Einige gute Gründe dafür habe ich Ihnen aus Sicht der
CDU heute bereits genannt.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. h.c. Edelgard Bulmahn (SPD):
Rede ID: ID1803610800

Als nächster Redner hat der Kollege Sascha Raabe

von der SPD das Wort.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Sascha Raabe (SPD):
Rede ID: ID1803610900

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen

und Kollegen! Warum verhandeln wir eigentlich ein
Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA,
wenn wir uns im Rahmen der Welthandelsorganisation,
der WTO, doch eigentlich vorgenommen hatten, einen
multilateralen, weltweit gültigen Abschluss zu Fragen
des gerechten und fairen Handels zu erarbeiten?

Leider ist es so, dass die sogenannte Doha-Entwick-
lungsrunde, die sich insbesondere zum Ziel gesetzt hatte,
die Marktzugänge für Entwicklungsländer zu verbes-
sern, an die Wand gefahren wurde, vor allem von der
Europäischen Union und den USA, und gescheitert ist.
Die Frage der Agrarsubventionen ist dort nie richtig an-
gegangen worden. Man hat die Märkte in Afrika und in
vielen Entwicklungsländern durch Dumping zerstört.





Dr. Sascha Raabe


(A) (C)



(D)(B)

Bis heute leisten die USA noch Baumwollsubventionen,
was westafrikanische Bauern schädigt. Jetzt, nachdem
man die WTO-Runde an die Wand gefahren hat, sagt
man: Die WTO taugt nichts. Jetzt müssen wir ein bilate-
rales Abkommen schließen. – Das ist eigentlich sehr
schade. Ich bin allerdings jemand, der sagt: Jetzt müssen
wir schauen, welche Chancen die bilateralen Abkom-
men, die weltweit immer häufiger geschlossen werden,
bieten. Das gilt übrigens sowohl für Entwicklungsländer
als auch für Arbeiter in Deutschland und weltweit.

Eine Chance, die ein bilaterales Abkommen zwischen
der EU und den USA bietet, ist, dass man sich nun mit
der Frage der Sozialstandards und der Kernarbeitsnor-
men beschäftigt. Ich bin in diesem Bereich seit über elf
Jahren tätig und weiß, dass eine Beschäftigung mit die-
sem Thema in der WTO sehr schwer durchsetzbar ist.
Das liegt daran, dass die Regierungen der Entwicklungs-
länder Angst haben, dass es sich dabei um ein Mittel zu
Protektionismus handelt. Ich sage dazu: Wir machen
keine Handelsabkommen für Regierungen und Eliten,
sondern für alle Menschen, die hart arbeiten. Es muss
deshalb in Deutschland und weltweit so sein, dass jeder
Arbeiter von seiner Hände Arbeit leben kann. Ich bitte
Sie deshalb alle um Unterstützung.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Das Abkommen zwischen der EU und den USA ist
deshalb so wichtig und auch weltweit bedeutsam, weil,
wenn wir hier über die Hälfte des weltweiten Bruttoin-
landsprodukts und über ein Drittel des weltweiten Han-
delsvolumens verhandeln, das natürlich Standards setzt,
die dann auch für andere Handelsabkommen, zum Bei-
spiel solche, die die EU derzeit mit Indien und anderen
Entwicklungs- und Schwellenländern verhandelt, von Be-
deutung sind. Wir können den USA daher nicht durchge-
hen lassen, dass sie bisher nur zwei von acht ILO-Kern-
arbeitsnormen ratifiziert haben.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: So ist es!)


Die Kernarbeitsnormen – das sollten diejenigen, die
sich damit nicht im Detail auskennen, wissen – haben
den Charakter von universellen Menschenrechten. Das
sind nicht irgendwelche deutschen Arbeitsrechte, die wir
dort eins zu eins umsetzen wollen. Das sind selbstver-
ständliche Menschenrechte, zu deren Einhaltung sich
fast alle auf der ganzen Welt verpflichtet haben.

Als vor zwei Wochen der EU-Handelskommissar
Karel De Gucht und der US-Handelsbeauftragte Michael
Froman in Berlin waren, habe ich Herrn De Gucht ge-
fragt: Fordert denn die EU von den USA ganz konkret,
dass diese acht ILO-Kernarbeitsnormen umgesetzt wer-
den? Er hat mir geantwortet: Wissen Sie, Herr Raabe,
wir dürfen da als EU gar nicht so mit dem erhobenen
Zeigefinger agieren; denn selbst einige EU-Mitgliedstaa-
ten hätten, so Herr De Gucht, die ILO-Kernarbeitsnor-
men noch nicht ratifiziert. – Das war eine klare Falsch-
aussage vom EU-Handelskommissar.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Sehr gut!)

Denn alle 28 Mitgliedstaaten der EU haben alle acht
ILO-Kernarbeitsnormen unterzeichnet. Es erschüttert mich
schon, dass ein EU-Handelskommissar, der sich mit die-
sem Thema eigentlich auskennen und es leidenschaftlich
verfolgen müsste, nicht weiß, wovon er redet. Das macht
mir schon Angst, und insbesondere auch – Herr Heider,
da muss ich Sie in der Tat korrigieren –, mit welcher Ar-
roganz er mit den Sorgen und Ängsten der Bürger um-
geht.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Klaus Ernst [DIE LINKE])


Auch wenn noch nicht komplett feststeht, wie das Ab-
kommen aussehen wird, muss man es ernst nehmen,
wenn sich Bürgerinnen und Bürger in der Campact-
Kampagne dagegen aussprechen. Es geht nicht an, zu sa-
gen: Das sind die Interessen von 500 000 Menschen, ich
vertrete 500 Millionen EU-Bürger. – Wer hat den De
Gucht denn gewählt? Er vertritt gar niemanden; er ist
überhaupt nicht gewählt worden. Deshalb hoffe ich – da-
rüber würde ich mich freuen –, wenn Martin Schulz als
Kommissionspräsident als Allererstes diesem arroganten
EU-Handelskommissar den Stuhl vor die Tür setzt.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Volker Kauder [CDU/CSU]: Das kann er gar nicht! Das muss man auch wissen, wenn man so daherredet!)


Wir müssen wissen, dass selbst Somalia und Myan-
mar mit drei ratifizierten ILO-Kernarbeitsnormen noch
besser dastehen als die USA. Wenn wir nicht darauf
drängen, dass diese Kernarbeitsnormen umgesetzt wer-
den – das haben auch der Kollege Klaus Barthel und an-
dere gesagt –, führt das bei Wegfall der Zölle dazu, dass
zum Beispiel Opel und andere Autohersteller eventuell
dazu verleitet werden, Teile der Produktion von Rüssels-
heim und anderen deutschen Produktionsstandorten in
die USA zu verlegen. Die werden sich sagen: Wir müs-
sen uns dann nicht mehr mit Gewerkschaften und Be-
triebsräten herumärgern.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: So ist es!)


Das können wir im Interesse der deutschen Arbeitneh-
merinnen und Arbeitnehmer nicht zulassen. Wir wollen
nicht, dass Menschen, die in den Autofabriken hart ar-
beiten, unter Druck geraten. Wir wollen aber auch nicht,
dass uns dann die Inder und andere sagen: Wieso fordert
ihr immer nur von Entwicklungs- und Schwellenländern
die Einhaltung der Kernarbeitsnormen ein, fordert das
aber nicht einmal von den USA ein?


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: So ist es!)


Deswegen sage ich: Menschenrechte sind überall gül-
tig. Sie gelten auch für die USA.


(Klaus Ernst [DIE LINKE]: Sehr gut! – Volker Kauder [CDU/CSU]: Auch für Russland gelten die!)


Wir können nur dann einem Abkommen zustimmen,
wenn diese Kernarbeitsnormen in ihm verbindlich ver-
ankert sind, meine sehr verehrten Damen und Herren!





Dr. Sascha Raabe


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Klaus Ernst [DIE LINKE] und Markus Kurth [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Es reicht auch nicht, wenn es nur in einem Kapitel
„Wolkenkuckucksheim“ bzw. in einer Absichtserklärung
in dem Sinne: „Wir wünschen uns, dass alle Partner das
umsetzen“, enthalten ist. Vielmehr muss das auch im
Zuge eines allgemeinen Streitbeilegungsmechanismus
hinterlegt werden, damit Beschwerden überprüft werden
können. Am Ende sollte auch die Sanktion drohen, solch
ein Abkommen auszusetzen. Dann werden sich auch die
US-Unternehmen genau überlegen, ob sie nicht lieber ei-
nen Betriebsrat zulassen, statt Milliardenverluste zu ha-
ben. Ich glaube, dass das auch fair ist. Die Wirtschaft
wird von diesem Abkommen profitieren. Auch die Ar-
beitnehmer auf beiden Seiten des Atlantik können profi-
tieren – aber eben nur dann, wenn es fair und gerecht ist.
Die SPD wird nicht zur Verfügung stehen, wenn nicht
auch die Arbeitnehmerrechte in den USA auf den ent-
sprechenden internationalen Stand gebracht werden.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte
zum Schluss noch auf ein weiteres Thema zu sprechen
kommen, nämlich auf die Auswirkungen eines solchen
Abkommens auf die Länder, die dort nicht begünstigt
sind. Herr Heider hat hier die Bertelsmann-Studie zitiert.
Darin heißt es leider auch:

Die großen Verlierer einer Eliminierung der Zölle
sind Entwicklungsländer. Diese verlieren … drama-
tisch an Marktanteilen

durch das neue Abkommen. Es trifft besonders die ar-
men Länder. In afrikanischen Ländern können teils Pro-
Kopf-Einkommensverluste von bis zu 4 Prozent drohen.
Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass die Entwick-
lungsländer in der Lage sind, auch ihre Produkte mög-
lichst zoll- und barrierefrei in diesen neuen Markt zu
liefern. Es ist ganz wichtig, dass sie keine Verluste erlei-
den.

Neben dem Abbau der Zölle gehört natürlich dazu
– dies ist für die Weiterentwicklung der Entwicklungs-
länder wichtig –, dass wir den Entwicklungsländern da-
bei helfen, diesen Handel auch betreiben zu können. Im
Augenblick haben die LDCs – die ärmsten Entwick-
lungsländer – zwar zollfreien Zugang, nur können sie
ihn kaum nutzen, weil sie weder Fabriken noch Häfen
oder Straßen haben, um ihre Waren in die EU zu liefern.
Deswegen – meine Kollegen aus der SPD haben das
schon oft gehört – ist es wichtig, dass wir auch unsere in-
ternationalen Verpflichtungen erfüllen und für die Ent-
wicklungshilfe endlich 0,7 Prozent unseres Bruttonatio-
naleinkommens ausgeben,


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Wolfgang Tiefensee [SPD]: Ceterum censeo!)


damit alle Entwicklungsländer die Chance haben, an ei-
nem fairen Handel teilzunehmen, und allen Menschen
auf der Welt, in Deutschland wie auch in Afrika, gedient
ist. In diesem Sinne sage ich im Hinblick auf die nächs-
ten Haushaltsberatungen: Lassen Sie uns die Mittel dafür
kräftig erhöhen, und lassen Sie uns ein faires Handelsab-
kommen zwischen der EU und den USA abschließen.
Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Dr. Heinz Riesenhuber [CDU/CSU] und Klaus Ernst [DIE LINKE])



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803611000

Vielen Dank. – Das war der letzte Redner in dieser

Debatte. Wir kommen jetzt zu einer Reihe von Abstim-
mungen.

Zunächst Tagesordnungspunkte 4 a und 4 c: Inter-
fraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf den
Drucksachen 18/1457 und 18/1093 an die in der Tages-
ordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind
Sie damit einverstanden? – Ich sehe, das ist der Fall.
Dann sind die Überweisungen so beschlossen.

Wir kommen jetzt zum Tagesordnungspunkt 4 b, zum
Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen auf Druck-
sache 18/1458. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
wünscht Abstimmung über ihren Antrag in der Sache.
Die Fraktionen der CDU/CSU und der SPD wünschen
Überweisung, und zwar zur federführenden Beratung an
den Ausschuss für Wirtschaft und Energie und zur Mit-
beratung an den Ausschuss für Recht und Verbraucher-
schutz, an den Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau
und Reaktorsicherheit sowie an den Ausschuss für die
Angelegenheiten der Europäischen Union.

Wir stimmen nach ständiger Übung zunächst über den
Antrag auf Ausschussüberweisung ab. Ich frage deshalb:
Wer stimmt für die beantragte Überweisung? – Wer
stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Dann ist die
Überweisung mit den Stimmen der CDU/CSU und der
SPD gegen die Stimmen von Bündnis 90/Die Grünen
und Die Linke so beschlossen. Damit stimmen wir heute
über den Antrag auf Drucksache 18/1458 nicht in der Sa-
che ab.

Tagesordnungspunkt 4 d: Wir kommen zum Antrag
der Fraktion Die Linke auf Drucksache 18/1455. Die
Fraktion Die Linke wünscht Abstimmung in der Sache.
Die Fraktionen der CDU/CSU und der SPD wünschen
Überweisung an dieselben Ausschüsse wie bei der Vor-
lage auf Drucksache 18/1457.

Wir stimmen nach ständiger Übung zuerst über den
Antrag auf Ausschussüberweisung ab. Ich frage deshalb:
Wer stimmt für die beantragte Überweisung? – Wer
stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Damit ist die
Überweisung mit den Stimmen der CDU/CSU und den
Stimmen der SPD so beschlossen. Deshalb stimmen wir
heute über den Antrag auf Drucksache 18/1455 nicht in
der Sache ab.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 5 auf:

Beratung des Berichts des Petitionsausschusses

Bitten und Beschwerden an den Deutschen
Bundestag – Die Tätigkeit des Petitionsaus-
schusses des Deutschen Bundestages im Jahr
2013

Drucksache 18/1300





Vizepräsidentin Ulla Schmidt


(A) (C)



(D)(B)

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 60 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat die Vorsit-
zende des Petitionsausschusses, die Kollegin Kersten
Steinke.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)



Kersten Naumann (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803611100

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Ich freue mich, dass wir heute fast in der
Kernzeit unseren Jahresbericht vorstellen können – ich
hoffe, das nächste Mal wird die Debatte in der Kernzeit
stattfinden –; deshalb mein herzliches Dankeschön an
die parlamentarischen Geschäftsführer aller Fraktionen!

Das Berichtsjahr 2013 war in mehrfacher Hinsicht
ungewöhnlich.

Zum Ersten ist unser Bericht – bezogen auf die Tätig-
keit der Abgeordneten – eigentlich ein Halbjahresbe-
richt; denn die Sommerpause und die Bundestagswahl
sowie die darauffolgenden Sondierungs- und Koalitions-
gespräche bescherten uns eine unfreiwillige und unge-
wohnt lange Auszeit. Ein knappes halbes Jahr gab es
keine parlamentarische Beratung von Petitionen. Dies
hat sich in einigen Fällen auch auf die Bearbeitungszeit
von Petitionen ausgewirkt. Ich bitte deshalb die vielen
Bürgerinnen und Bürger, die die Weiterführung bzw. den
Abschluss ihres jeweiligen Petitionsverfahren in dieser
Zeit anfragten, um Verständnis.

Zum Zweiten wird die jetzige Debatte weitgehend
von Ausschussmitgliedern bestritten, die im Berichtsjahr
noch gar nicht Mitglied des Bundestages, geschweige
denn Mitglied des Petitionsausschusses waren.

Zum Dritten wurde mit einem Anteil von 45 Prozent
an den Gesamteingaben ein neuer Spitzenwert seit 2005
bei der Eingabe von Petitionen auf elektronischem Weg
erreicht.

Zwei Zahlen prägten die Arbeit des Petitionsschusses
im Jahre 2013 in besonderer Weise. Die erste Zahl ist die
der Gesamteingaben. 14 800 Petitionen wurden im Be-
richtsjahr eingereicht. Die Zahl der Eingaben ist zwar im
Vergleich zu den Vorjahren leicht rückläufig, aber dafür
stieg die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger über
Unterschriften und Mitzeichnungen im Internet, wie man
an der zweiten wichtigen und beeindruckenden Zahl er-
kennen kann: Über 1,6 Millionen Bürgerinnen und Bür-
ger haben sich bis Ende 2013 auf der Internetseite des
Petitionsausschusses angemeldet, um Petitionen auf
elektronischem Weg einzureichen, um öffentliche Peti-
tionen mitzudiskutieren oder mitzuzeichnen. 426 veröf-
fentlichte Petitionen im Jahr 2013 wurden von über
500 000 Bürgerinnen und Bürgern durch ihre Mitzeich-
nung unterstützt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, 2 bis 3 Millionen
Seitenaufrufe pro Monat zeigen das rege Interesse der
Bevölkerung an diesem Angebot des Petitionsausschus-
ses. Unser Internetportal ist damit klarer Spitzenreiter
unter den Internetangeboten des Deutschen Bundes-
tages; und darauf sind wir auch ein bisschen stolz.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


All die genannten Zahlen zeigen: Der Petitionsaus-
schuss hat in der Bevölkerung einen hohen Stellenwert,
und die Bürgerinnen und Bürger haben Vertrauen in un-
sere Arbeit. Genau dieses Vertrauen gilt es jährlich und
täglich aufs Neue zu rechtfertigen.

Wie in den Jahren zuvor, entfiel der größte Teil der
Eingaben, etwa 20 Prozent, also 3 076 Vorgänge, auf das
Ressort Arbeit und Soziales. Hier ging es vorrangig um
Beruf und Einkommen und um gerechte Renten. Der
Themenblock „Grundsicherung für Arbeitsuchende nach
dem SGB II“ war 2013 mit 1 464 Eingaben das Schwer-
gewicht in diesem Bereich. Immer wieder stellt die Ren-
tenanpassung ein großes Thema bei den Petitionen dar,
so auch 2013. Die Bürgerinnen und Bürger kritisieren
dabei die geringe und vor allem die unterschiedliche
Rentenanpassung in den östlichen und westlichen Bun-
desländern.

Auf dem zweiten Platz der Bundesressorts folgt das
Bundesministerium der Justiz mit 1 879 Eingaben bzw.
circa 13 Prozent der Gesamteingaben. Hier ging es unter
anderem um das Sorgerecht für nichteheliche Kinder
oder um Probleme beim Abschluss von Verträgen im In-
ternet und deren Folgen wie missbräuchliche Abmah-
nungen sowie illegale Downloads.

Trotz der kurzen Parlamentszeit hat der Petitionsaus-
schuss im Jahr 2013 16-mal getagt und 18 Berichterstat-
tergespräche mit einzelnen Ministerien geführt, um
Lösungen für schwierige Fälle zu finden. Hier wurden
beispielsweise Visaangelegenheiten, die Sicherheit im
Straßenverkehr und die Auslagerung von Dienstleistun-
gen durch Behörden thematisiert.

Hervorzuheben sind weiterhin die drei öffentlichen
Sitzungen, in denen zehn Petitionen zur Einzelberatung
aufgerufen wurden. Themen waren unter anderem die
Petition zur Verbesserung der Rahmenbedingungen in
der Altenpflege mit 108 146 Unterstützerinnen und Un-
terstützern, die Petition zu bezahlbarem Strom für alle
Verbraucher mit fast 48 000 Unterschriften, die Petition
zur Verpflichtung der Internetanbieter zur Netzneutrali-
tät mit fast 77 000 Unterschriften und die Petition zur
Abschaffung der Luftverkehrsteuer mit fast 150 000 Un-
terstützerinnen und Unterstützern. Die zuletzt genannte
Petition ist übrigens die am häufigsten mitgezeichnete
öffentliche Petition im vergangenen Jahr. Dieser folgt an
zweiter Stelle die Petition zur Abschaffung der Hartz-IV-
Sanktionen mit über 91 000 Mitzeichnungen.


(Beifall der Abg. Cornelia Möhring [DIE LINKE])


Zu folgenden Petitionen führte der Ausschuss drei
Ortstermine durch: Besprochen wurden gemeinsam mit
den Petenten und den Vertretern der zuständigen Verwal-
tungen vor Ort der Schienenlärm und die Strecken-
führung der Bahn in Coswig, Bad Oeynhausen und





Kersten Steinke


(A) (C)



(D)(B)

Hameln sowie die Koordinierung mehrerer Großprojekte
der Infrastruktur und Energieversorgung in der Region
der Gemeinde Birkenwerder und der Stadt Hohen
Neuendorf.

Trotz dieser beeindruckenden Zahlen und Fakten
sieht sich der Ausschuss seit einiger Zeit in einer Kon-
kurrenzsituation: Sogenannte Petitionsplattformen schie-
ßen wie Pilze aus dem Boden. Ich sage hier aber ganz
deutlich: Nicht überall, wo Petition draufsteht, ist Arti-
kel 17 des Grundgesetzes drin. Nur bei uns können sich
die Bürgerinnen und Bürger darauf verlassen, dass ihr
Anliegen gemäß Artikel 17 Grundgesetz behandelt wird,
es also eine Dreifachgarantie gibt: Die Petition wird ent-
gegengenommen, geprüft und beschieden. Ich bin der
festen Überzeugung: Besonders das Instrument der
öffentlichen Petitionen kann helfen, dem scheinbar stei-
genden Desinteresse an Politik entgegenzuwirken.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, bei all den Mög-
lichkeiten, die das Petitionsrecht in Verbindung mit dem
Internet bringt, dürfen wir eines nicht vergessen: die pri-
vaten Sorgen und Nöte des einzelnen Bürgers, quasi das
Kerngeschäft des Petitionsausschusses und damit auch
der Hauptanteil unserer Arbeit. All die persönlichen
Bitten und Beschwerden, etwa wegen einer falsch be-
rechneten Rente, eines nicht finanzierten Rollstuhls oder
eines abgelehnten Besuchervisums, beziehen sich auf
Probleme, die für den Einzelnen, der sich an uns wendet,
existenziell sein können. Die Bearbeitung dieser Einga-
ben eignet sich nicht für Diskussionsforen und öffentli-
che Beratungen. Doch auch diese Beschwerden zeigen,
wo Politik nicht funktioniert, und werden von uns sehr
ernst genommen und gründlich bearbeitet.

Der Petitionsausschuss wird täglich mit vielen Einzel-
schicksalen konfrontiert, bei denen Bürgerinnen und
Bürger zwischen die Mühlsteine der Bürokratie geraten
sind und nicht mehr ohne fremde Hilfe herauskommen.
Hier ein Beispiel: Kürzlich erst hat sich ein ehemaliger
Petent gemeldet und dem Ausschuss nach der positiven
Erledigung seiner Eingabe gedankt. Er hatte sich im
Namen seiner 92-jährigen erblindeten Mutter an uns ge-
wandt, deren Ehemann bei einem Arbeitsunfall bei der
Deutschen Reichsbahn verstarb. In der DDR erhielt sie
eine Hinterbliebenenrente, doch der Bezug endete, da sie
bereits 1988 nach West-Berlin übersiedelte und ihr die
Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt wurde. Anträge
auf eine Unfall-Hinterbliebenenrente wurden daraufhin
trotz eines sehr geringen Einkommens wiederholt abge-
lehnt. Durch die Petition ihres Sohnes stellte die Unfall-
kasse des Bundes ihren Witwenrentenanspruch jedoch
rückwirkend für die letzten vier Jahre fest. Solche Fälle
sind eine große Motivation für uns Abgeordnete im
Petitionsausschuss, zeigen sie doch, dass wir den Bürge-
rinnen und Bürgern helfen können, zu ihrem Recht zu
kommen.


(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Sehr geehrte Damen und Herren, unser Petitionsaus-
schuss wird in diesem Jahr 65. Ich weiß, man sieht es
uns nicht an, aber es ist so.

(Heiterkeit bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Am 14. Oktober 1949 kam er das erste Mal zu seiner
Konstituierung zusammen, um sich, fußend auf Arti-
kel 17 Grundgesetz, künftig der Bitten und Beschwerden
der Bevölkerung anzunehmen. Seitdem gibt es ein de-
mokratisches Petitionsrecht, das im Laufe der Jahre im-
mer wieder Verbesserungen erfuhr.

Doch das war nicht immer so. Es gab auch die Vor-
gängerin der Petition. Bittschriften oder Bittbriefe gab es
schon in der frühen Neuzeit seit dem 13. Jahrhundert,
man nannte sie Supplik. Diese konnte man bis ins
19. Jahrhundert an eine höher gestellte Institution oder
einen Landesherren stellen. Damals mussten die Suppli-
ken mit großem Respekt und vielen Unterwürfigkeitsfor-
meln als alleruntertänigste Bitte aufgesetzt werden. Es
ist gut, dass das heute nicht mehr so ist.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Bürgerinnen und Bürger können sich heute demokra-
tisch und ganz bequem von zu Hause aus politisch ein-
mischen.

Ich bin davon überzeugt: Die Mitglieder des Petiti-
onsausschusses und die Mitarbeiterinnen und Mitarbei-
ter des Ausschussdienstes werden auch weiterhin alles
dafür tun, dass dies so bleibt bzw. immer weiter verbes-
sert wird.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen
und Kollegen, auch in diesem Jahr möchte ich mich be-
sonders bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des
Petitionsausschussdienstes unter Leitung von Herrn
Dr. Schotten recht herzlich bedanken und den Wunsch
und die Hoffnung äußern, dass die Zusammenarbeit wei-
terhin so gut bleibt. Herzlichen Dank!


(Beifall im ganzen Hause)


Ein spezieller Dank geht an unseren Ausschusssekretär,
Herrn Finger, der mich seit 2005 bei meiner Arbeit be-
gleitet und unterstützt. Herzlichen Dank, Herr Finger!


(Beifall im ganzen Hause)


Mein Dank geht auch – das ist nicht ungewöhnlich – an
meinen Stellvertreter, Herrn Storjohann, mit dem ich seit
2005 sehr gut zusammenarbeite. Herzlichen Dank, Herr
Storjohann. Ich glaube, wir sind ein gutes Team.


(Beifall im ganzen Hause)


Verehrte Kolleginnen und Kollegen, für das kom-
mende Jahr erhoffe ich mir von den Mitgliedern unseres
Parlaments, des Petitionsausschusses und des Petitions-
ausschussdienstes weiterhin eine konstruktive Zusam-
menarbeit, um unsere Bemühungen für die Bürgerinnen
und Bürger noch effektiver gestalten zu können. Unseren
neuen Ausschusskolleginnen und -kollegen möchte ich
sagen: Schön, dass Sie sich für den Petitionsausschuss
entschieden haben! Sie werden es nicht bereuen. Denn
eine Lebensweisheit besagt: Der Pessimist sieht in jeder
Aufgabe ein Problem. Der Optimist sieht in jedem Pro-





Kersten Steinke


(A) (C)



(D)(B)

blem eine Aufgabe. – Wir vom Petitionsausschuss sind
Optimisten und sehen in der Lösung der vielen Probleme
unserer Petentinnen und Petenten unsere Aufgabe. Ich
freue mich, diese gemeinsam mit Ihnen lösen zu können.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall im ganzen Hause)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803611200

Vielen Dank. – Nächster Redner in der Debatte ist der

Kollege Günter Baumann, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Günter Baumann (CDU):
Rede ID: ID1803611300

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Eine Petentin aus Thüringen schreibt dem
Petitionsausschuss des Bundestages einen Brief – ich
zitiere –:

… ich bedanke mich für die umfangreiche Antwort
bezüglich meiner Anfrage. Ich möchte Ihnen auch
mitteilen, dass die Berufsgenossenschaft meine
Witwenrente bereits korrigiert und neu berechnet
hat.

Die Petentin hatte sich an unseren Ausschuss gewandt
und hat geklagt, dass bei der Berechnung ihrer Rente, die
sich aus verschiedenen Renten zusammensetzt, eine
Fehlberechnung vorgenommen worden ist. Wir haben
eine aufsichtsrechtliche Prüfung vorgenommen und fest-
stellen müssen: Da ist ein Fehler unterlaufen. Daraufhin
wurde ihre Rente korrigiert. Das Positive ist: Gleich-
zeitig wurden die Berufsgenossenschaften vom Bundes-
versicherungsamt angewiesen, vergleichbare Fälle eben-
falls zu prüfen. Der Nebeneffekt war also, dass eine
Vielzahl von Bürgerinnen und Bürgern ebenfalls einen
Bescheid über eine höhere Rente bekommen haben. Es
wurde also von Amts wegen korrigiert.

Meine Damen und Herren, auch solche Dankschrei-
ben wie das gerade genannte tun den Abgeordneten, die
jeden Tag einen Stoß Ordner auf dem Tisch haben, gut.
Wir haben das freudig zur Kenntnis genommen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir können in
Deutschland auf unser Petitionswesen, das im Grund-
gesetz verankert ist, stolz sein. Das System funktioniert,
und es wird von den Bürgerinnen und Bürgern angenom-
men. Die relativ konstante Zahl an Petitionen – in den
letzten sechs, sieben Jahren waren es zwischen 15 000
und 18 000 Petitionen – zeigt, dass die Bürgerinnen und
Bürger mit ihren Bitten und Beschwerden zu uns kom-
men, und das, obwohl es in unserem Land sowohl bei
den Behörden wie auch in der privaten Wirtschaft stän-
dig mehr Beauftragte und Ombudsmänner gibt. Allein
im Bund haben wir noch 18 Beauftragte – sie haben alle
ihre Aufgaben; wir stehen also nicht in Konkurrenz zuei-
nander –, aber viele Bürgerinnen und Bürger kommen
mit ihren Problemen zu uns, weil sie wissen, dass wir
eine direkte Verbindung zur Gesetzgebung haben. Wir
alle, die wir im Petitionsausschuss arbeiten, sind in min-
destens einem Fachausschuss. Wir können daher viele
Probleme in die Fachausschüsse mitnehmen, was ein ab-
soluter Vorteil ist.

Wir haben seit Jahren – das ist eine wichtige Zahl;
viele Zahlen hat die Vorsitzende bereits genannt, diese
möchte ich aber noch nennen – eine Erfolgsquote von
etwa 40 Prozent. Das heißt, in 40 Prozent der Fälle kön-
nen wir den Bürgern, die eine Petition eingereicht haben,
helfen, egal in welcher Form. Das ist sehr positiv.

An dieser Stelle möchte auch ich mich ganz herzlich
bedanken, zunächst bei den Abgeordneten im Aus-
schuss. Ich denke, wir haben eine sehr kollegiale Zusam-
menarbeit. Das funktioniert ziemlich gut. Im Mittelpunkt
unserer Arbeit sollte das Problem des jeweiligen Bürgers
bzw. der jeweiligen Bürgerin stehen. Wir sollten noch
mehr darauf achten, parteipolitische Zusammenhänge in
die zweite Reihe zu schieben. Es geht hier um die
Probleme. Ich denke, wir sind diesbezüglich auf einem
guten Weg; aber vielleicht können wir manches noch
verbessern.

Ein besonderer Dank geht an den Ausschussdienst;
die Vorsitzende hat diesen Dank schon formuliert. Ohne
die Fachkompetenz der im Ausschussdienst Tätigen wä-
ren wir nicht handlungsfähig. Diese Zuarbeit brauchen
wir einfach. Sie ist ganz wichtig.


(Beifall im ganzen Hause)


Mein Dank gilt auch all denen, die mitgeholfen haben,
dass wir am heutigen Tage relativ zeitig diskutieren dür-
fen. Leider kann ich die Personen nicht genau benennen.
In den letzten Jahren fand diese Debatte in der Regel
ziemlich spät am Abend statt. Deswegen danke ich all
denen, die dabei mitgeholfen haben.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, 45 Prozent der Peti-
tionen werden inzwischen per E-Mail eingereicht. Wir
haben das System der öffentlichen Petitionen. Wenn in
vier Wochen 50 000 Unterschriften eingehen – sie ken-
nen das –, beraten wir eine Petition öffentlich. Im letzten
Jahr haben wir – die Vorsitzende hat es schon gesagt – in
drei Sitzungen zehn Petitionen öffentlich behandelt.

Das Entscheidende ist, dass wir alle Petitionen gleich
behandeln, dass wir keinen Unterschied machen. Die Pe-
titionen von gut vernetzten Gruppen in unserem Land,
die es schaffen, uns in wenigen Tagen Zehntausende
Unterschriften zu präsentieren, dürfen wir nicht anders
behandeln als die Petition der Bürgerin, die mit einem
Anliegen bezüglich ihrer Rente, ihrem Rollstuhl oder ei-
nem anderen Anliegen kommt. Jede Petition muss für
uns eindeutig gleich sein. Ich bitte, dass wir im Aus-
schuss gemeinsam darauf hinwirken. Wir wollen der
Ausschuss für die Bitten und Beschwerden des Bürgers
bzw. der Bürgerin sein, also des kleinen Mannes bzw.
der kleinen Frau. Für die Menschen, die mit ihren
Problemen an verschiedenen anderen Stellen im Land
vielleicht schon gescheitert sind und dann zu uns kom-
men, sind wir eigentlich da.





Günter Baumann


(A) (C)



(D)(B)

Wir sind stolz darauf, dass unser Ausschuss be-
stimmte Rechte hat, die andere Ausschüsse in dieser
Form nicht haben. Ein Recht sind die Berichterstatterge-
spräche. Es ist ganz wichtig, dass wir mit der Arbeits-
ebene eines Ministeriums in Kontakt kommen, dass wir
in Gesprächen über die Petitionen diskutieren und die
Sachlage konkret hinterfragen können. Es ist wichtig,
dass wir Informationen bekommen, die für uns wichtig
sind. So können wir Petitionen oft schneller bearbeiten
und dem Petenten helfen. Ein Beispiel: In einer Petition
hat sich eine Bundespolizistin darüber beschwert, dass
die Kinderbetreuungskosten während eines Lehrgangs,
den sie machen musste, der für einen Laufbahnwechsel
notwendig war, nicht erstattet wurden. Wir haben im Ge-
spräch relativ schnell klären können, dass das ein Fehler
war. Das musste korrigiert werden. So konnten wir der
Frau helfen. Das ist ein positives Beispiel.

Ein zweites Sonderrecht, von dem wir sehr gerne Ge-
brauch machen, sind die Ortstermine. Diese Ortstermine
haben zwei gute Aspekte:

Der eine Aspekt ist, dass wir Werbung für uns ma-
chen. Wenn wir in eine Region kommen, ist die Presse
immer stark vertreten. Die Bürgerinnen und Bürger neh-
men uns zur Kenntnis. Sie sehen, dass es uns gibt. Die
Werbung ist ganz, ganz wichtig.

Der zweite Aspekt ist: Wir können vor Ort direkt mit
den Petenten und allen Beteiligten, die etwas mit dem
Thema zu tun haben, diskutieren und uns das Problem
vor Ort anschauen. Im letzten Jahr hatten wir einen Ter-
min an der Eisenbahnstrecke Dresden–Berlin; es ging
– das ist schon erwähnt worden – um Lärmschutz. Das
war ein sehr guter Termin, weil alle an einem Tisch sa-
ßen: die Bürgerinitiative, Politiker der kommunalen
Ebene, Politiker des Landes und Vertreter der Bahn. Wir
haben uns die Strecke angeschaut und gesagt, dass dort
wirklich etwas getan werden muss. Nach längerer Beratung
haben wir auch einen Beschluss gefasst, in dem wir ganz
konkret festgelegt haben, dass die Bundesregierung dort et-
was tun muss, und zwar bei der Priorisierung der Strecke
im Lärmsanierungsprogramm und bei der Beschleunigung
der Umrüstung der Güterwagen. Außerdem soll an einer
ganz bestimmten Stelle – dort steht ein Krankenhaus – eine
Lärmschutzwand errichtet werden. Das Spannende ist, dass
die Bundesregierung uns ein Jahr nach unserem Beschluss
antworten muss. Im Juli erwarten wir eine Antwort, wie
weit man mit der Umsetzung der einzelnen Maßnahmen
vorangekommen ist. Das ist also ein gutes Beispiel.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ganz kurz zum Schluss noch. Es gibt manchmal sehr
schwierige Fälle, bei denen wir nicht so richtig voran-
kommen. Bei diesen Fällen sind wir im Ausschuss einer
Meinung: Wir wollen etwas tun. Oft wissen wir aber
nicht, wie. In manchen Fällen vertreten auch die Minis-
terien die Auffassung, dass sie da gar nichts tun wollen.
Wir bleiben dann einfach hartnäckig. Ich möchte zwei
Themen nennen, ohne im Detail darauf einzugehen: Das
Thema Fremdrentner ist noch offen, genauso das Thema
DDR-Antennengemeinschaften. Diese Probleme wollen
wir gerne lösen. Wir können manchmal ganz schön hart-
näckig sein und lange an einem Thema dranbleiben, um
im Interesse der Bürgerinnen und Bürger etwas zu errei-
chen. Wir wollen in diesem Sinne weiterhin für unsere
Menschen arbeiten.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall im ganzen Hause)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803611400

Vielen Dank. – Nächste Rednerin ist die Kollegin

Kerstin Kassner, Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Kerstin Kassner (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803611500

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen

und Kollegen! Die Debatte an dieser Stelle ist wichtig.
Im Petitionsausschuss arbeiten wir im Interesse der Bür-
gerinnen und Bürger zusammen. Das wird von jedem
von uns im Petitionsausschuss verlangt. Diesem An-
spruch wollen wir auch gerecht werden.

Ich habe am Zustandekommen dieses Berichtes, wie
unsere Vorsitzende sagte, keinen Anteil. Ich bin eine von
den Neuen. Ich bin mit Optimismus und Elan in diese
Aufgabe gestartet. Denn meine Erfahrungen, die ich in
meiner früheren Tätigkeit als Landrätin gesammelt habe,
haben mir gezeigt, dass es immer gut ist, wenn man sich
um die Sorgen und Nöte der Bürgerinnen und Bürger
kümmert, schnell die Ursache des Unbehagens angeht
und versucht, möglichst unbürokratisch und im Interesse
der Bürgerinnen und Bürger zu helfen. Die Arbeit im Pe-
titionsausschuss habe ich als Möglichkeit gesehen, wei-
terhin auf diese Art und Weise tätig zu sein.

Nach etwa fünf Monaten dort habe ich festgestellt:
Oh, es ist wirklich viel Arbeit. Im Überschwang meiner
Gefühle habe ich einmal meinen Mitarbeiterinnen ge-
sagt, ich würde so lange da bleiben, bis die letzte Peti-
tion abgearbeitet ist, und erst dann wieder nach Rügen
fahren. Da haben sie mich gefragt, ob ich die nächsten
vier Jahre hierbleiben will. Ich habe mir das also dann
noch einmal überlegt.

Wir arbeiten so gut, so schnell, aber auch so beharr-
lich, wie wir können, an den Petitionen. Sie sind sehr
umfangreich und bilden das gesamte Spektrum der Ar-
beit in Behörden, aber auch im ganz normalen Leben ab.
Man bräuchte eigentlich viel öfter die Unterstützung der
Fachpolitiker, die uns helfen, die Beschwerden inhaltlich
richtig zu bearbeiten. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit,
die Fachpolitiker noch mehr einzubeziehen. Denn mitt-
lerweile stellen wir 26 Mitglieder des Petitionsausschus-
ses, davon sechs von der Opposition, die wir ja alle Peti-
tionen bearbeiten müssen, fest: Das ist schon ein hartes
Brot. Da haben wir ganz schön zu tun. Man muss sich
wirklich ins Zeug legen, um das zu schaffen.

Wichtig ist auch, dass man die Bürger mit einbezie-
hen kann. Deshalb möchte ich dem Ältestenrat ganz
herzlich danken, dass wir hier und heute über dieses
Thema sprechen können. Nutzen Sie, liebe Zuhörerinnen
und Zuhörer, diese Möglichkeit, wenn Sie Sorgen und





Kerstin Kassner


(A) (C)



(D)(B)

Probleme haben. Wir sind gern für Sie da. Wir werden
versuchen, in Ihrem Interesse zu handeln, auch wenn
manches nicht gleich erledigt werden kann.

Viele Dinge, die auf unseren Tisch kommen, sind eine
Art Seismograf der Politik. Man erkennt, wo die Sorgen
und Nöte der Menschen in unserem Land sind. Etwa
25 Prozent der Petitionen, die auf unseren Tisch kom-
men, betreffen soziale Probleme. Dadurch merkt man,
dass in unserer Republik noch so manches zu verändern
ist.


(Beifall bei der LINKEN)


Die Petitionen betreffen immer wieder die Probleme,
mit denen wir uns schon beschäftigt haben: Hartz IV, die
Arbeitsverwaltung und die Rentenproblematik. Kollege
Baumann hat einen ganz speziellen Fall erwähnt, aber es
gibt viele Fälle von Ungerechtigkeit bei der Rentenüber-
leitung im Zuge der deutschen Einheit. Hier haben wir
noch sehr viel zu tun, um zu erreichen, dass es wirklich
gerecht zugeht.


(Beifall bei der LINKEN)


Dem wollen wir uns natürlich mit ganzer Kraft widmen.
Ich möchte an dieser Stelle den Dank an unsere Mitar-
beiter und natürlich vor allem an die Mitarbeiter des
Ausschussdienstes erneuern. Es ist wirklich grandios,
was die Kollegen da leisten. Vielen Dank!


(Beifall im ganzen Hause)


Mir haben auch öffentliche Diskussionen sehr gut ge-
fallen; das sollten wir öfter machen. Deshalb rege ich an,
über das Quorum von 50 000 Petenten nachzudenken.
Vielleicht sollte man es doch etwas herabsetzen, weil die
Befassung mit diesen Anliegen uns allen einen Erkennt-
nisgewinn verschafft. Ich würde mir auch wünschen,
dass über Massenpetitionen tatsächlich hier im Parla-
ment diskutiert wird. Sie sind es einfach wert, auf den
Tisch des Hohen Hauses zu kommen.


(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Corinna Rüffer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Liebe Bürgerinnen und Bürger, Sie sollten diese Mög-
lichkeit nutzen, wenn Sie denken, dass Ihnen auf diese
Art und Weise Gerechtigkeit und Hilfe zuteilwerden.

Vielen Dank.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803611600

Vielen Dank. – Nächster Redner ist der Kollege Udo

Schiefner, SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Udo Schiefner (SPD):
Rede ID: ID1803611700

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe

Kolleginnen und Kollegen! Als sich vor der Bundestags-
wahl abzeichnete, dass ich erstmals diesem Parlament
angehören könnte, haben mich erfahrene Kolleginnen
und Kollegen – ich verrate allerdings nicht, wer – vor
dem Petitionsausschuss gewarnt.


(Vereinzelt Heiterkeit – Günter Baumann [CDU/ CSU]: Das ist klar! Namen!)


Eine außergewöhnlich große Arbeitsbelastung und ver-
wirrend viele Themen kämen auf mich zu. Mir wurde
geraten, mich als Parlamentsneuling zunächst einmal auf
einen Fachausschuss zu konzentrieren. Darauf konzen-
triere ich mich – keine Sorge –; aber ich bin richtig froh,
meinem Wunsch entsprechend auch im Petitionsaus-
schuss mitarbeiten zu können. Die ersten Monate in die-
sem Ausschuss belegen, dass dies eine ganz wichtige
Arbeit im Parlament ist. Ich bereue meine Entscheidung
keine Minute.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Jede Bürgerin und jeder Bürger hat das Recht, sich
mit seiner Sorge an den Bundestag zu wenden. Häufig
sind ganz konkrete individuelle Probleme zu lösen. Oft
führen Petitionen aber auch dazu, dass ein Gesetz auf
den Prüfstand gestellt werden muss; das gilt auch für
Durchführungsbestimmungen und Verordnungen. In den
Petitionen geht es immer wieder auch um die Nebenwir-
kungen der Gesetze, die wir hier beschließen, die aber
womöglich erst in der Praxis deutlich werden. Durch die
Petitionen erfahren wir, wo politische Entscheidungen
oder ihre Umsetzung nicht immer rundlaufen und wo es
ganz klar Nachbesserungsbedarf gibt.

Dabei ist es kein Zufall, dass sich ein Fünftel aller Pe-
titionen um den Bereich Arbeit und Soziales dreht. Dort
sind die Menschen hautnah betroffen, und dort ist die
Gesetzeslage am komplexesten. Oft geht es um persönli-
che Belange. Es geht um die falsch berechnete Rente
oder den nicht finanzierten Rollstuhl. Aber ebenso treibt
die Menschen Grundsätzliches um wie Rentenregelun-
gen, Verbraucherschutz oder auch Verkehrsthemen.

Mit eindrucksvollen Zahlen – unsere Ausschussvor-
sitzende, Kollegin Steinke, hat sie gerade genannt – be-
legt der Jahresbericht, wie engagiert die Bürgerinnen
und Bürger in unserem Land sind. Das wird deutlich,
wenn wir auf die Zahl der in 2013 eingereichten Petitio-
nen blicken. Der Petitionsausschuss ist damit für mich
einer der wichtigsten Ausschüsse dieses Hauses.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ich möchte unterstreichen: Die Petition ist zentrales In-
strument unserer lebendigen Demokratie. Darauf können
wir stolz sein. Ich bin dankbar, dass unsere Verfassungs-
mütter und -väter Artikel 17 ins Gesundgesetz geschrie-
ben haben, meine Damen und Herren.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)






Udo Schiefner


(A) (C)



(D)(B)

Neben den Petitionen Einzelner gewinnen öffentliche
Sammelpetitionen eine immer größere Bedeutung; auch
dies wurde schon erwähnt. Ich finde, sie beflügeln die
öffentliche Debatte. Oft – meines Erachtens aber noch
nicht oft genug – werden diese Petitionen in öffentlichen
Anhörungen verhandelt. Im vergangenen Jahr fanden
zehn öffentliche Anhörungen statt. In diesem Jahr konn-
ten wir bereits zwei öffentliche Anhörungen erleben.
Bürgerinnen und Bürger konnten ihre Anliegen persön-
lich vorbringen, auf Nachfragen antworten und wurden
von Regierungsvertretern angehört. Näher dran sein,
finde ich, kann man nicht. Wir brauchen diese Nähe für
unsere Arbeit im Ausschuss, aber auch im Plenum, gerne
auch häufiger als zehnmal im Jahr.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Darum sollten wir die Verfahrensgrundsätze des Peti-
tionsausschusses offen diskutieren, beispielsweise mit
Blick auf die Mitzeichnungsfristen oder das erforderli-
che Quorum für öffentliche Anhörungen. So könnten wir
mehr Petitionen, die auch für die Öffentlichkeit wichtig
sind, Raum bieten und auch ihre Wahrnehmung im par-
lamentarischen Alltag erhöhen.

Ich wiederhole es gerne noch einmal: Petitionen zei-
gen uns auf, wenn Gesetze in der Lebensrealität der
Menschen nicht so funktionieren, wie wir uns das vorge-
stellt haben. Das liegt nicht daran, dass wir im Bundes-
tag uns nicht alle Mühe gäben, das Richtige zu tun. Ob
das richtig Gedachte auch in der Praxis funktioniert, dies
wird erst deutlich durch die vielen Rückmeldungen aus
der Bevölkerung.

Meine Damen und Herren, sehr geehrte Frau Steinke,
liebe Kolleginnen und Kollegen des Petitionsausschus-
ses, zu den erfreulichsten Erfahrungen meiner bisherigen
Arbeit hier im Bundestag gehört – dies kann ich ab-
schließend sagen – die gute und engagierte Atmosphäre
im Petitionsausschuss. Quer durch die Fraktionen bera-
ten wir sachlich und kollegial die Anliegen der Petentin-
nen und Petenten. Doch ohne die umfangreiche Zuarbeit
des Ausschussdienstes – dies wurde schon mehrmals er-
wähnt – hätten wir tatsächlich keine Chance, die Flut
von Petitionen zu bewältigen. Auch darum herzlichen
Dank an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Aus-
schussdienstes!

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall im ganzen Hause)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803611800

Vielen Dank. – Herr Kollege Schiefner, Sie sind nicht

nur das erste Mal in dieses Parlament gewählt worden,
sondern das war auch Ihre erste Rede. Herzlichen Glück-
wunsch dazu!


(Beifall)


Nächste Rednerin ist die Kollegin Corinna Rüffer,
Bündnis 90/Die Grünen.

Corinna Rüffer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803611900

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Als Neuabgeordnete bin auch ich beeindruckt
von der Arbeitsleistung und den Erfolgen des Petitions-
ausschusses. Dafür meinen Respekt und meinen Glück-
wunsch an die Mitglieder der letzten Wahlperiode!

Mehr noch bin ich beeindruckt vom Engagement der
Bürgerinnen und Bürger. Sie haben dafür gesorgt, dass
das Portal des Petitionsausschusses mit mehr als 33 000
Klicks pro Tag und 1,6 Millionen Nutzerinnen und Nut-
zern Spitzenreiter unter den Internetangeboten des Bun-
destages ist und zu den wichtigsten Formen der politi-
schen Aktivität in den neuen Medien zählt.

Meine Vorgänger haben mir die Mitgliedschaft im Pe-
titionsausschuss damit interessant gemacht, dass man
immer mitten im Leben und sehr nah bei den Bürgern
sei. Außerdem sei die Atmosphäre eine ganz besonders
gute, da man – anders als in anderen Ausschüssen – we-
niger an der parteipolitischen Auseinandersetzung als an
der gemeinsamen Lösung von Problemen orientiert sei.
Das stimmt. Nur zu viel Arbeit dürfe man nicht fürchten;
denn der Petitionsausschuss sei traditionell der fleißigste
Ausschuss.


(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)


Das haben auch andere Redner gesagt. Nach zehn Aus-
schusssitzungen kann ich Ihnen sagen: Ich glaube, das
stimmt, und da stimmen alle Ausschussmitglieder zu.

Der Petitionsausschuss ist ein ganz hervorragender
Ausschuss. Es macht mir ebenso wie den Kolleginnen
und Kollegen meiner Fraktion, aber offensichtlich auch
den Kolleginnen und Kollegen der anderen Fraktionen
riesigen Spaß, hier für die Anliegen der Bürgerinnen und
Bürger einzutreten.

Zunächst aber gilt mein ausdrücklicher Dank den Mit-
arbeiterinnen und Mitarbeitern des Ausschussdienstes. Sie
hatten im Berichtszeitraum eine wahre Herkulesaufgabe
zu bewältigen: Nicht nur, dass sie die massenhaften Peti-
tionen wie gewohnt gewissenhaft und kompetent bear-
beitet haben, sie mussten zu Beginn der Wahlperiode
auch ein quasi führerloses Schiff steuern. Denn SPD und
Union haben Monate für die Regierungsbildung benötigt
und so auch die Einsetzung der Fachausschüsse lange
verhindert.

In dieser außergewöhnlichen Situation zeigte sich die
ganze Qualität der hervorragenden Mannschaft im Aus-
schussdienst. Sie, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
dort hinten, haben das Grundrecht in Artikel 17 des Grund-
gesetzes vor dem Schiffbruch bewahrt. Vielen Dank dafür!


(Beifall im ganzen Hause)


Diese bedenkliche Situation, dass das Petitionsrecht
durch die Handlungsunfähigkeit der Regierungskoalition
monatelang blockiert war, darf sich nicht wiederholen.


(Günter Baumann [CDU/CSU]: Gerüchte!)


Darum begrüßt meine Fraktion ausdrücklich den Vor-
schlag, den Petitionsausschuss quasi als ständigen Aus-
schuss nach dem Ende einer Wahlperiode bis zur Neubeset-
zung der Parlamentsausschüsse fortbestehen zu lassen.





Corinna Rüffer


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Max Straubinger [CDU/CSU]: Das geht ja nicht!)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, als ich mich für den
Petitionsausschuss entschieden hatte, bekam ich vielfach
zu hören, der Ausschuss sei in Wahrheit nicht ernst zu
nehmen und nur ein Feigenblatt des Parlamentes, um
Versäumnisse zu verdecken und aufkommenden Protest
zu lähmen. Ich sage: Das Gegenteil ich richtig. Der Peti-
tionsausschuss ist Alarmglocke statt Beruhigungspille.

Das Petitionsrecht ist eines der bedeutendsten Instru-
mente politischer Innovationen, bürgerschaftlichen En-
gagements und demokratischer Mitwirkung. Kein ande-
res Parlamentsgremium ist so nah an den Sorgen und
Nöten der Bürgerinnen und Bürger. Ob Vorratsdaten-
speicherung, Hebammen, Asyl für Edward Snowden,
ALG II oder Hospizversorgung: Es gibt keine Gesetzes-
lücke, die die Menschen stört, kein Thema, das die Öf-
fentlichkeit bewegt, und keine Ungerechtigkeit, die die
Bürgerinnen und Bürger erzürnt, die nicht ihr Echo im
Petitionsausschuss fänden. Spätestens seit der von Rot-
Grün durchgeführten Reform des Petitionsrechtes fühlen
sich auch viele Bürgerinnen und Bürger von dieser Parti-
zipationsmöglichkeit angesprochen,


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Das hat es auch vorher schon gegeben!)


die eine eher kritische und skeptische Grundhaltung ge-
genüber der Politik zeigen.

Mein Fazit lautet darum: Der Petitionsausschuss ist
das Lorbeerblatt und nicht das Feigenblatt des Parlamen-
tes.


(Beifall im ganzen Hause)


Doch wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, der trägt sie
an der falschen Stelle.


(Heiterkeit des Abg. Stefan Schwartze [SPD])


Dem Vertrauen in die Gestaltungskraft von Parlament
und Politik kann der Petitionsausschuss nur gerecht wer-
den, wenn das Parlament selbst den Petitionsausschuss
nicht als Kummerkasten, sondern als Labor und Werk-
statt für Fortschritt und Verbesserung begreift. Darum
müssen wir auch in dieser Wahlperiode mit Nachdruck
an einer Fortentwicklung des Petitionsrechts arbeiten,
damit die Bitten und Beschwerden der Bürgerinnen und
Bürger mehr als bisher in die Entscheidungsfindung des
Parlamentes einfließen.

Grundsätzlich sollten alle Petitionen öffentlich bera-
ten werden, es sei denn, der Petent wünscht das nicht
oder private oder datenschutzrechtliche Belange stehen
dem entgegen. Heute ist es aber Praxis, dass selbst öf-
fentliche Petitionen nichtöffentlich beraten und beschie-
den werden. Das ist vollkommen absurd und nicht ver-
mittelbar.

Mit einer Stärkung des Petitionsrechts könnten wir
auch die repräsentative und die teilnehmende Demokra-
tie auf neuartige Weise kombinieren. Darum sollten wir
das Instrument der öffentlichen Petitionen zu einer wirk-
lich offenen Petition weiterentwickeln: Petitionen sollten
nicht nur, wie bisher, auf dem Portal des Ausschusses
diskutiert und mitgezeichnet, sondern auch gemeinsam
erarbeitet und eingereicht werden können. Diese Bitten
zur Gesetzgebung sollten dann auch in den Fachaus-
schüssen des Parlamentes und hier im Plenum angemes-
sen beraten werden.

Partizipation findet aber nicht nur über das Internet
statt. Deshalb brauchen wir im Petitionsrecht erweiterte
Zugangsformen und Zugangspforten für diejenigen, die
sich nicht im Netz bewegen wollen oder können, zum
Beispiel Menschen mit geringem Einkommen oder nied-
rigem Bildungsniveau oder auch alte Menschen. Wir
sollten zum Beispiel über Bürgerbüros vor Ort und an-
dere Möglichkeiten der Hilfestellung und nichtelektroni-
schen Einreichung von Petitionen nachdenken. Zudem
müssen wir auch die Menschen gewinnen, die sich bis-
her zu wenig eingemischt haben, zum Beispiel Erwerbs-
lose, Frauen sowie Migrantinnen und Migranten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, für mich und meine
Fraktion ist natürlich jede Petition gleich viel wert, ganz
gleich, ob sie von einer Person, von 100 Personen, von
1 000 Personen oder sogar von Hunderttausenden einge-
reicht wird.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Günter Baumann [CDU/CSU]: Der Satz war richtig!)


– Danke, Herr Baumann. – Die Hilfe im Einzelfall, das
Aufdecken und Beseitigen von eklatanten Ungerechtig-
keiten oder Willkür ist nämlich unser Kerngeschäft.

Einer meiner Vorgänger, Josef Winkler, hat es einmal
so formuliert: Im Petitionsausschuss sind wir das
Sprachrohr der Leisen, die Muskeln der Schwachen. –
Doch in Zeiten, in denen nur wenige Oppositionsabge-
ordnete einer großen Mehrheit von Abgeordneten der
Großen Koalition gegenüberstehen, ist es eine besondere
Herausforderung, den Bürgerinnen und Bürgern mit ih-
ren Anliegen zu ihrem Recht zu verhelfen.


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Wieso gibt es da einen Unterschied?)


Schon in den ersten Ausschusssitzungen dieser Wahl-
periode wurde deutlich, dass die Mitglieder der Regie-
rungsmehrheit kein großes Interesse daran hatten, ihre
eigene Regierung zu kritisieren – naturgemäß.


(Günter Baumann [CDU/CSU]: Das ist falsch! Absolut falsch!)


Aber seien Sie versichert, dass wir Sie es spüren lassen
werden, dass wir im Ausschuss zwar wenige, aber dafür
umso besser sind.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN)


Morgen begehen wir in diesem Hause den 65. Ge-
burtstag des Grundgesetzes. Seit über 60 Jahren ist also
auch das Petitionsrecht wertvoller Teil unserer demokra-
tischen Verfasstheit. Der Petitionsausschuss ist seitdem
aus der passiven Rolle des Kummerkastens und Warners
herausgewachsen. Er hat sich bewegt und bewegt da-
durch die Menschen in diesem Land. Er ist durch die





Corinna Rüffer


(A) (C)



(D)(B)

vielen Petitionen wahrscheinlich auch ein bisschen
weise geworden. Doch: „Was nützt mir meine Weisheit,
wenn die Dummheit regiert?“ So heißt es in einem alten
jüdischen Sprichwort. Vielleicht würde heute die Ant-
wort lauten: Schreib doch eine Petition und ändere es. –
In diesem Sinne lassen Sie uns gemeinsam daran arbei-
ten, dass uns die Petitionen schlaumachen und unser
Land weise regiert wird.

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Max Straubinger [CDU/CSU]: Da waren aber nicht viele Gemeinsamkeiten zu erkennen! – Gegenruf der Abg. Corinna Rüffer [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Doch!)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803612000

Vielen Dank. – Nächster Redner ist der Kollege Paul

Lehrieder, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Paul Lehrieder (CSU):
Rede ID: ID1803612100

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen

und Herren! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Ich
darf jetzt im neunten Jahr im Petitionsausschuss des
Deutschen Bundestages mitwirken.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


– Das habe ich nicht deswegen gesagt, um Applaus zu be-
kommen, lieber Kollege Storjohann, aber es tut trotzdem
gut; keine Frage. – Es ist richtig, was viele Redner bereits
ausgeführt haben: Der Petitionsausschuss ist sicher sehr
arbeitsintensiv. Es ist aber der Ausschuss – die Erfahrung
durfte ich die letzten Jahre machen –, in dem man die Sor-
gen und Nöte unserer Mitmenschen, ob groß, ob klein, ob
von Einzelnen oder von Gruppen, tatsächlich aus nächster
Nähe mitbekommt. Ich kenne eine sehr wichtige Partei in
Bayern, die auf ihre Plakate schreibt: „näher am Men-
schen“. Der Petitionsausschuss ist näher am Menschen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ich darf die Gelegenheit nutzen, mich für die CSU
beim Ausschusssekretariat sehr herzlich zu bedanken.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sekretariats
machen einen tollen Job. Sie arbeiten uns die Akten her-
vorragend zu. Wenn man weiß, dass der Petitionsaus-
schuss im Laufe eines Jahres immerhin die stolze Anzahl
von 14 800 Petitionen, mithin 60 Petitionen pro Tag,
werktäglich gerechnet, bearbeiten muss, dann sieht man,
was die Damen und Herren in unserem Sekretariat tat-
sächlich alles leisten müssen. Herzlichen Dank dafür!


(Beifall im ganzen Hause)


Ich darf auch die Gelegenheit nutzen, mich bei unse-
rer Vorsitzenden, Frau Steinke, für die im Wesentlichen
sehr objektive und überparteiliche Leitung des Aus-
schusses sehr herzlich zu bedanken. Frau Steinke, da
müssen Sie jetzt durch, dass Sie von der CSU einmal ge-
lobt werden. Es macht Spaß, mit Ihnen zusammenzuar-
beiten.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Bedanken darf ich mich auch bei den Geschäftsfüh-
rern der Fraktionen, dass es uns heuer gelungen ist, den
Petitionsbericht zu so prominenter Zeit im Plenum de-
battieren zu dürfen. Das war nicht in jedem Jahr so. Lie-
ber Max Straubinger, liebe Geschäftsführer der anderen
Fraktionen, herzlichen Dank dafür! Ich bitte darum, das
weiter so zu handhaben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie der Abg. Kersten Steinke [DIE LINKE])


Das Jahr 2013 war für den Petitionsausschuss des
Deutschen Bundestages – hierauf wurde schon hinge-
wiesen – ein ungewöhnliches Jahr. Die Bundestagswahl
nach der parlamentarischen Sommerpause und die da-
rauf folgenden Sondierungs- und Koalitionsgespräche
brachten für die Abgeordneten des Petitionsausschusses
eine unfreiwillige und ungewohnt lange Pause mit sich.
Zwar haben wir in dieser Zeit dennoch, ebenso wie der
Ausschussdienst, zahlreiche Petitionen bearbeitet. Aller-
dings konnten wir aufgrund der fehlenden Sitzungen
keine Petitionen abschließend beraten. Nichtsdestotrotz
waren wir bemüht, so viele Eingaben wie möglich abzu-
arbeiten, und so war das Jahr 2013 für alle Beteiligten
ein besonders arbeitsreiches Jahr.

Eine Besonderheit des Petitionsrechts ist nämlich,
dass der Petitionsausschuss nicht der sogenannten Dis-
kontinuität unterliegt. Das Diskontinuitätsprinzip des
Deutschen Bundestages bedeutet die sachliche, organisa-
torische und personelle Nichtfortsetzung nach Ablauf ei-
ner Wahlperiode. Jedes Gesetzgebungsverfahren endet
mit der Wahlperiode. Alle Gesetzesvorlagen beispiels-
weise, die vom alten Bundestag nicht beschlossen wur-
den, müssen erneut eingebracht und neu verhandelt wer-
den. Das gilt aber nicht für die Behandlung von
Petitionen. Es ist gut, dass man die Arbeit nicht doppelt
machen muss, sondern da weiterarbeiten kann, wo man
in der letzten Wahlperiode aufgehört hat. Als sich der
Petitionsausschuss mit Beginn der 18. Wahlperiode neu
zusammengesetzt hat, wurden die Anliegen der Bürge-
rinnen und Bürger, die sich an den Petitionsausschuss
gewandt haben, weiter bearbeitet. Das heißt, kein Anlie-
gen eines Bürgers geht verloren; alle Anliegen werden
bearbeitet.

Die besondere Bedeutung des Petitionsausschusses
zeigt sich nicht nur in der verfassungsrechtlichen Veran-
kerung in den Artikeln 17 und 45 c unseres Grundgeset-
zes, sondern auch in der Zahl der Eingaben, die den
Deutschen Bundestag jedes Jahr erreichen. 14 800 Pe-
tenten, 60 Petitionen pro Tag – ich habe schon darauf
hingewiesen –, sind ein stolzes Ergebnis. Das heißt aber
auch, dass die Bürger sich trauen und das Jedermann-
Grundrecht, das jedem unabhängig von der Staatsange-
hörigkeit zusteht, von vielen Menschen in Anspruch ge-
nommen wird.





Paul Lehrieder


(A) (C)



(D)(B)

Auch im Berichtsjahr 2013 lag der Fokus der Einga-
ben auf dem Bereich des Bundesministeriums für Arbeit
und Soziales, für das ich bereits in den letzten Jahren Be-
richt erstatten durfte. Wie schon in den Vorjahren gingen
hierzu die meisten Eingaben ein. Die 3 067 Eingaben
machten rund 20 Prozent und damit den größten Anteil
an der Gesamtzahl aller eingereichten Petitionen aus.
Nicht nur die Eingaben in diesem Bereich waren rekord-
verdächtig: Mit über 41 Millionen Menschen waren
auch noch nie so viele Menschen in Lohn und Brot wie
2013.

Der Großteil der Eingaben im Bereich Arbeit und So-
ziales betraf, wie auch in den Jahren zuvor, die Grund-
sicherung für Arbeitsuchende nach dem SGB II, das so-
genannte Hartz IV, gefolgt vom Bereich der gesetzlichen
Rentenversicherung. Ich gehe davon aus, dass uns auch
in Zukunft die eine oder andere Eingabe dazu erreichen
wird.

Auch im Jahr 2013 erreichten den Petitionsausschuss
zahlreiche Eingaben, die sich mit der Gesellschaft für
musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfäl-
tigungsrechte, GEMA, beschäftigten. Wir haben uns
letztes Jahr – daran darf ich in diesem Zusammenhang
erinnern – auch mit der Petition zur Künstlersozialkasse
befasst.

Ich will abschließend an alle Fraktionen meinen Dank
richten. Am meisten Spaß macht es uns, wenn es uns wie
bei einigen Petitionen gestern Vormittag gelingt, ein-
stimmig eine Empfehlung auf den Weg zu bringen und
wir fraktionsübergreifend sagen: Diesem Mann oder die-
ser Frau muss geholfen werden. Dass wir uns zusam-
menraufen und einen einstimmigen Beschluss fassen,
kommt nicht in jedem Ausschuss in der Häufigkeit vor
wie im Petitionsausschuss. Herzlichen Dank dafür! Ich
wünsche Ihnen alles Gute und uns weiterhin eine gute
Zusammenarbeit.

Danke schön.


(Beifall im ganzen Hause)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803612200

Danke schön. – Das Wort hat jetzt Birgit Wöllert,

Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Birgit Wöllert (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803612300

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Auch ich gehöre zu den neuen Bundestagsabgeordneten.
Es ist natürlich schwierig, die Arbeit von Menschen zu
beurteilen, die vorher hier gearbeitet haben.

Als ich gefragt wurde, ob ich im Petitionsausschuss
mitarbeiten würde, bin ich etwas zusammengezuckt.
Denn ganz überraschend ist es für mich nicht, dass das
viel Arbeit bedeutet. Ich habe fast eine ganze Legislatur-
periode im Petitionsausschuss des Brandenburger Land-
tags gearbeitet und weiß daher auch, dass man in einem
solchen Ausschuss einen guten Überblick über die Pro-
bleme bekommt, die es im Land gibt. Das ist auch eine
gute Qualifikation für die eigene politische Arbeit. Das
ist übrigens auch der Arbeit des Ausschussdienstes zu
verdanken, weil er die Abgeordneten fachlich sehr gut in
die Lage versetzt, sich ein Urteil zu bilden, auch wenn
sie dem Votum dann nicht immer folgen. Also auch von
mir ein herzliches Dankeschön für diese fleißige Arbeit!
Ich beziehe gleich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
unserer Büros und natürlich auch unsere Referentinnen
und Referenten in meinen Dank mit ein.


(Beifall bei der LINKEN und der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Mein Fachgebiet ist die Gesundheitspolitik. Die Ge-
sundheitspolitik nimmt im Ranking der Petitionen des
vergangenen Jahres Platz fünf ein. Das bedeutet: Auch
in diesem Politikbereich gibt es in diesem Land viel zu
tun. Es gibt eine Reihe von Problemen, die ich konkret
ansprechen möchte.

So mutet es zum Beispiel schon fast zynisch an, wenn
Krankenkassen einem Menschen den Zugang zu seinem
Arbeitsplatz im eigenen Haus oder in seinen Garten ver-
weigern, weil sie die Kosten für das geeignete Hilfsmit-
tel zur Überwindung einiger Treppenstufen nicht über-
nehmen. Es geht auch nicht an, dass den Patientinnen
und Patienten, deren Mobilität eingeschränkt ist, die aus
Altersgründen Fachärztinnen und Fachärzte kaum errei-
chen können oder die dafür große Strecken überwinden
müssen, die Fahrtkosten nicht erstattet werden. Wir müs-
sen darüber nachdenken, wie wir ihnen den Weg zu ge-
sundheitlichen Leistungen erleichtern können.


(Beifall bei der LINKEN)


Gerade in meinem Bundesland Brandenburg ist das in
der Fläche ein großes Problem. Dass mein Bundesland
nach Berlin – Berlin liegt ja mitten in Brandenburg –


(Heiterkeit bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


bei der Anzahl der Petitionen im Verhältnis zur Bevölke-
rungszahl auf Platz zwei liegt, hat vielleicht auch damit
zu tun, dass die Menschen dort am meisten ihr demokra-
tisches Recht wahrnehmen und versuchen, auch mithilfe
von Petitionen zu ihrem Recht zu kommen.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf die öffentli-
chen Petitionen verweisen. Ich halte diese Petitionen für
ein sehr gutes Mittel, um die Menschen demokratisch zu
beteiligen. Das zeigt nicht zuletzt die Petition zur Heb-
ammenproblematik. Wir werden am 23. Juni öffentlich
darüber sprechen. Diese Petition hat viele motiviert, sich
mit dieser Problematik auseinanderzusetzen.

Ich freue mich weiterhin auf die Arbeit im Petitions-
ausschuss.

Danke schön.


(Beifall bei der LINKEN und der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)







(A) (C)



(D)(B)


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803612400

Vielen Dank. – Es spricht jetzt Markus Paschke, SPD-

Fraktion.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Markus Paschke (SPD):
Rede ID: ID1803612500

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Der
Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Das ist meine poli-
tische Leitidee. Wie wichtig das ist, wird mir bei meiner
politischen Arbeit im Petitionsausschuss des Deutschen
Bundestages immer wieder deutlich; denn dort wird man
direkt mit den Problemen der Menschen konfrontiert.
Als neuer Abgeordneter habe ich in den vergangenen
Monaten erfahren, welch großes Potenzial ein solches
Petitionssystem besitzt.

Erlauben Sie mir, Ihnen dies an einem Beispiel aus
dem Jahresbericht des Petitionsausschusses deutlich zu
machen. Eine 60-jährige Frau hatte sich an den Peti-
tionsausschuss gewandt. Sie berichtete, dass sie seit dem
16. Lebensjahr ununterbrochen als Krankenschwester
gearbeitet hat. Nach den Berechnungen der Rentenversi-
cherung wird die Rentenhöhe voraussichtlich etwas über
472 Euro betragen, was nicht zuletzt auch auf die nied-
rige Entlohnung von Krankenschwestern zurückzufüh-
ren ist. Diese Frau hat nie über die finanziellen Mittel
verfügt, Rücklagen zu bilden oder private Vorsorge zu
betreiben.

Der Petitionsausschuss sah aufgrund der Schilderun-
gen der Krankenschwester die Notwendigkeit, für Ge-
ringverdienende im Alter etwas zu tun. Er unterstützt
deshalb das grundlegende Anliegen für eine höhere Ren-
tenleistung für Geringverdienende.

Im Koalitionsvertrag, den CDU/CSU und SPD ge-
schlossen haben, wurde die solidarische Lebensleis-
tungsrente vereinbart. Diese Rente soll nach bisherigen
Überlegungen die Lebensleistung derjenigen honorieren,
die bei Erreichen der Regelaltersgrenze 35 Jahre Bei-
träge gezahlt und dennoch im Alter weniger als 30 Ren-
tenentgeltpunkt erreicht haben.

Die Einführung der solidarischen Lebensleistungs-
rente ist noch in dieser Legislaturperiode geplant.


(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Wann denn?)


Die Petition der Krankenschwester hat einen wichtigen
Beitrag zu diesem politischen Beschluss geleistet. Aber
nicht nur dieser von mir erwähnte Fall macht deutlich,
wie wichtig es ist, dass wir immer genau hinschauen,
wenn es darum geht, Beschlüsse im Petitionsausschuss
zu fällen; denn unsere Entscheidungen wirken sich häu-
fig direkt auf das Leben der Menschen aus.

Eine weitere Frage, die wir Abgeordnete uns immer
wieder stellen müssen, lautet: Wie erreichen wir mehr
Bürgerbeteiligung? Meine Erfahrungen nach einem hal-
ben Jahr Zugehörigkeit zum Deutschen Bundestag zei-
gen: Mit dem Petitionsausschuss und dem Petitionsrecht
kann man etwas sichtbar politisch bewegen, ja sogar et-
was verändern. Das beweist auch eindrucksvoll der vor-
liegende Bericht. Deshalb unterstützen wir nicht nur das
Engagement der Bürgerinnen und Bürger, sondern wir
nehmen auch ihre Sorgen und Nöte ernst. An diesem
Anspruch müssen wir uns als Abgeordnete immer wie-
der messen lassen.

Nicht selten werden wir durch die Probleme der Men-
schen, die sich an uns wenden, auf Gesetzeslücken und
Ungerechtigkeiten aufmerksam; denn hinter den meisten
Petitionen verbirgt sich nicht nur ein Einzelschicksal.
Deshalb setzen wir uns als SPD-Bundestagsfraktion
– auch ich persönlich – für ein starkes und bürgerfreund-
liches Petitionsrecht ein, egal ob es um private Probleme
oder um öffentlich-politische Belange geht; denn bei all
unserem politischen Denken und Handeln muss der
Mensch immer im Mittelpunkt stehen.

Jede Petition bedarf der Vorbereitung und der Recher-
che. Wie viele meiner Vorrednerinnen und Vorredner
möchte auch ich mich ganz ausdrücklich bei allen Betei-
ligten in den Petitionsverfahren und ganz besonders bei
den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ausschuss-
dienstes für ihre Arbeit bedanken.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall im ganzen Hause)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803612600

Herzlichen Dank. – Nächste Rednerin ist Antje

Lezius, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Antje Lezius (CDU):
Rede ID: ID1803612700

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen

und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Auch ich
bin eine neue Abgeordnete. Als ich in den Bundestag
einzog, habe ich mir natürlich Gedanken über die Mitar-
beit in den Fachausschüssen gemacht. Ich möchte hier
ganz offen gestehen: Der Petitionsausschuss kam mir da-
bei nicht in den Sinn. Als ich nach einer Mitarbeit in
ebendiesem Gremium gefragt wurde, war ich entspre-
chend überrascht.

Dienstälteste Kollegen lobten mir gegenüber die Viel-
seitigkeit der Arbeit, ganz besonders für die neuen Ab-
geordneten. Der Blick in den Jahresbericht zeigte mir,
dass Vielseitigkeit noch untertrieben ist. Ich möchte fast
sagen: Die Themenvielfalt des Petitionsausschusses ist
allumfassend. Das macht nicht unwesentlich den Reiz
der Mitarbeit in diesem Ausschuss aus. Die Themen rei-
chen von persönlichen Beschwerden über Verwaltungs-
handeln, Umweltschutz, Arbeits- und Sozialrecht bis hin
zu politischen Forderungen und Anregungen zu den un-
terschiedlichsten Bereichen – insgesamt eine gewaltige
Menge an Themen, in denen entsprechendes Fachwissen
gefragt ist. Nicht umsonst ist der Petitionsausschuss der
Ausschuss des Deutschen Bundestages mit den meisten
Mitarbeitern im Ausschussdienst, die die Petitionen be-
treuen, bearbeiten und aufbereiten.

An dieser Stelle möchte ich wie meine Vorredner und
Vorrednerinnen den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen





Antje Lezius


(A) (C)



(D)(B)

des Ausschussdienstes meinen persönlichen Dank und
großes Lob aussprechen. Sie erledigen ihre Arbeit her-
vorragend.


(Beifall im ganzen Hause)


Viele Petitionen können ein guter Anstoß für uns als
Gesetzgeber sein, manche haben einen ernsten persönli-
chen Hintergrund, anderes mutet auf den ersten Blick et-
was skurril an, wie zum Beispiel die Forderung, das Tra-
gen von Jogginghosen in der Öffentlichkeit zu verbieten.
Jedem, der sich Gedanken macht, wie unser Land besser
werden kann, jedem, der sich die Mühe macht, dies auf-
zuschreiben und einzureichen, sei hier einmal gedankt.
Dabei ist es egal, ob wir diesen Gedanken zustimmen
oder nicht. Wichtig ist, dass die Menschen sich beteili-
gen und an der politischen Arbeit aktiv teilhaben; denn
was unserem Land am wenigsten hilft, ist Teilnahmslo-
sigkeit.

Die Politik, der häufiger vorgeworfen wird, sich abge-
hoben in einem Raumschiff abzuspielen, trifft im Peti-
tionsausschuss direkt auf das Volk. Im Rahmen der Öf-
fentlichkeitsarbeit des Petitionsausschusses habe ich
diesen auf einem Stand des Deutschen Bundestages auf
dem Maimarkt in Mannheim vertreten dürfen. Das war
eine sehr gute Erfahrung. Die Menschen kamen mit ih-
ren Fragen und Anliegen zu mir. Die Resonanz war da-
bei äußerst positiv, weil die Leute merkten, dass sie vom
Petitionsausschuss ernst genommen werden. Dafür wol-
len wir als Ausschuss weiter arbeiten.

Mir als neue Abgeordnete im Petitionsausschuss sind
die teilweise sehr langen Bearbeitungszeiten einzelner
Petitionen aufgefallen. Dies liegt zum einen natürlich an
der großen Menge der Eingaben, wie wir eben schon ge-
hört haben; zum anderen erfordert aber auch die gebo-
tene Sorgfalt bei der Bearbeitung ihre Zeit. Dafür haben
wir in der Öffentlichkeit nicht immer mit Verständnis zu
rechnen, aber es ist eben häufig auch nicht vermeidbar.

Meinen Respekt möchte ich gegenüber den Ausschuss-
mitgliedern der Opposition ausdrücken; denn diese ha-
ben schließlich bei viel weniger Abgeordneten das glei-
che Arbeitspensum an Petitionen zu erledigen wie wir
Abgeordneten der Koalition.

Der Begriff Petition ist zurzeit in aller Munde, und es
ist gut so, dass die Bürger und Bürgerinnen sich ihrer
Rechte immer mehr bewusst werden, Hilfe auch ersu-
chen und sich einmischen. Davon lebt unsere demokrati-
sche Gesellschaft.

Leider müssen wir aber auch feststellen, dass nicht je-
dem Betroffenen klar ist, was eine Petition eigentlich ist
und was eben keine ist. Im Internet findet sich mittler-
weile eine Vielzahl von Möglichkeiten, Petitionen einzu-
reichen, die gar keine sind. Mit diesen Onlinepetitionen
vergeuden die Menschen Zeit und Energie, die sie besser
in eine offizielle Petition an die zuständige Stelle inves-
tieren könnten. Die Öffentlichkeitsarbeit des Ausschus-
ses und auch der einzelnen Fraktionen klären hier auf.
Ich wünsche mir, dass dies in Zukunft noch mehr fruch-
tet; schließlich soll der Bürger sein Recht auf Petitionen
auch wahrnehmen können, wenn er dies wünscht. Dafür
werden meine Kolleginnen und Kollegen aus diesem
Ausschuss und ich weiterhin mit Tatkraft, Freude und
natürlich heißen Diskussionen arbeiten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich freue mich auf
die weitere Zusammenarbeit.

Danke schön.


(Beifall im ganzen Hause)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803612800

Vielen Dank. – Das Wort erhält jetzt die Kollegin

Annette Sawade, SPD-Fraktion.


Annette Sawade (SPD):
Rede ID: ID1803612900

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Frau Vor-

sitzende Steinke! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Lie-
ber Kollege Schiefner, noch einmal herzlichen Glück-
wunsch zur ersten Rede! Liebe Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter des Ausschussdienstes! Liebe Bürgerinnen
und Bürger auf den Besuchertribünen! Ich vergesse Sie,
die Bürgerinnen und Bürger auf den Besuchertribünen,
in meiner Anrede nicht; denn es geht heute um den di-
rekten Kontakt der Bürgerinnen und Bürger zu uns Ab-
geordneten.

Kürzlich war ich wieder mit einer Besuchergruppe
aus meinem Wahlkreis auf der Dachterrasse des Reichs-
tagsgebäudes. Wenn man dort oben steht und herunter-
schaut, sieht man ein Kunstwerk, das von außen nicht
sichtbar ist. Viele von uns kennen es; sie haben sich dort
beteiligt. Es ist der Schriftzug „Der Bevölkerung“ von
Hans Haacke, umgeben von Erde aus fast allen Wahl-
kreisen unserer Republik.

Daran denke ich oft, wenn ich das Besondere des Pe-
titionsverfahrens im Deutschen Bundestag erkläre; denn
glücklicherweise reicht „der Bevölkerung“ der reine Be-
such dieses Hauses nicht aus. Nein, sie nimmt ihr Recht
der Petition aktiv wahr. Der Petitionsausschuss steht „der
Bevölkerung“ als Ansprechpartner und Unterstützer ih-
rer Anliegen zur Verfügung.

„2013 war für den Petitionsausschuss ein ungewöhn-
liches Jahr …“ Das sind die ersten Worte des Berichts
über die Tätigkeit des Ausschusses. Es wurde vorhin
schon erwähnt: Mit Beginn der parlamentarischen Som-
merpause 2013 ruhte die Arbeit der Abgeordneten bis
zur ersten Sitzung des Petitionsausschusses am 15. Ja-
nuar dieses Jahres. Die Gründe dafür sind bekannt. Erst
nach Unterzeichnung des Koalitionsvertrages wurden
die Beratungen im Ausschuss mit teilweise neuer Beset-
zung wieder aufgenommen. Aber die uns vorliegenden
Zahlen beweisen es: Die Arbeit der Kolleginnen und
Kollegen des Ausschussdienstes pausierte nicht. Sie ha-
ben im letzten Jahr erneut eine enorme Arbeit geleistet.
An dieser Stelle meinen herzlichen Dank!


(Beifall im ganzen Hause)


Die Vorsitzende und meine Vorredner haben schon ei-
nige Zahlen genannt. Eine möchte ich noch nennen:
14 800 Petitionen wurden allein 2013 eingereicht. Das
sind im Schnitt 41 Petitionen pro Tag. Hinzu kamen öf-
fentliche Anhörungen.





Annette Sawade


(A) (C)



(D)(B)

Das Besondere am Petitionsrecht ist – auch das wurde
schon erwähnt –, dass die Petitionen die Wahlperiode,
die Legislatur, überdauern – manchmal wirklich sehr
lange. Das haben gerade wir, die wir neu in diesen Aus-
schuss eingetreten sind, gemerkt. Im Artikel 17 des
Grundgesetzes findet das Petitionsrecht seine verfas-
sungsrechtliche Grundlage: Jedem ist das Recht gege-
ben, Bitten oder Beschwerden beim Deutschen Bundes-
tag einzureichen.

Doch was heißt „Jedem“? Es sind alle Bürgerinnen
und Bürger gleich welcher Staatsbürgerschaft, Konfes-
sion oder Religion, ebenso Vereine, Bürgerinitiativen
oder Interessengruppen. Auch wenn die Aufzählung
nicht annähernd vollständig ist, macht sie deutlich, dass
wir es mit ganz verschiedenen Anspruchsgruppen oder
auch Einzelpersonen zu tun haben. Welche Form der
politischen Partizipation in unserem Land ist so offen für
alle Menschen mit ihren unterschiedlichsten Anliegen?

Petitionen tragen dazu bei, bestehende Gesetze, Aus-
führungsbestimmungen, Übersehenes und Ungerechtig-
keiten zu überdenken, zu korrigieren und vor allem zu
neuer Qualität zu bringen, ganz im Sinne von Hans
Haacke, dass aus der aus den Wahlkreisen zusammenge-
tragenen Erde etwas Neues wachsen soll. Ja, der Peti-
tionsausschuss dient „der Bevölkerung“.

Wir müssen den Menschen in unserem Land dankbar
sein für ihre Petitionen, weil sie neben den ganz persön-
lichen Anliegen, die auch für uns manchmal sehr bewe-
gend sind, auf Missstände, auf eine vergessene Kultur,
auf falsch umgesetzte Regelungen hinweisen. Aber viele
Menschen empfinden, dass die Sprache der Politik und
der Verwaltung manchmal schwierig und in Teilen nicht
verständlich ist – und sie haben recht. Denn, liebe Kolle-
ginnen und Kollegen, Sprache ist eine, wenn nicht sogar
die Voraussetzung, um Teilhabe in demokratische Ge-
sellschaften zu sichern. Sprache ist die Voraussetzung
dafür, zu verstehen. Ein Recht der Petentinnen und Pe-
tenten ist auch, dies einzufordern. Wir alle im Petitions-
ausschuss stehen deshalb vor der Herausforderung, kom-
plexe Sachverhalte verständlich darzustellen, aber auch
auf die Einzelprobleme einzugehen.

Ich selbst fühle mich dem Petitionsausschuss in be-
sonderem Maße dankbar verbunden, hat er mir nach
meiner Ausreise aus der ehemaligen DDR im Jahr 1982
doch geholfen, in der Bundesrepublik beruflich Fuß fas-
sen zu können. Das ist für mich ein Grund mehr, hier im
Petitionsausschuss mitzuarbeiten. Ich bin sehr froh da-
rüber, dass die SPD das Thema Fremdrenten am Kochen
hält, und ich hoffe, dass wir in absehbarer Zeit hier zu ei-
nem guten Ergebnis kommen können.


(Beifall bei der SPD)


Ich komme zum Schluss. – Sehr geehrte Frau Vorsit-
zende, liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Fraktio-
nen und vom Ausschussdienst, ich bedanke mich für den
guten Einstieg und für die ersten Wochen der guten Zu-
sammenarbeit. Ich freue mich auf die künftigen Beratun-
gen und wünsche mir, dass sich der Ausschuss auch
weiterhin durch seine hohe Kollegialität – das wurde ja
erwähnt – auszeichnet, und zwar zum Wohle unserer Pe-
tentinnen und Petenten.

Herzlichen Dank.


(Beifall im ganzen Hause)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803613000

Vielen Dank. – Nächste Rednerin ist die Kollegin

Christel Voßbeck-Kayser, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Christel Voßbeck-Kayser (CDU):
Rede ID: ID1803613100

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Die aktive Teilhabe an der Gestaltung der gesetzlichen
Rahmenbedingungen ist in Deutschland Realität, und sie
wird auch gelebt. Auch ich als Neuling hier im Parla-
ment habe mich bewusst für den Petitionsausschuss ent-
schieden. In keinem anderen Ausschuss ist man so dicht
an den Sorgen und Nöten der Bürger dran. Gerade als
neue Abgeordnete lernt man sehr gut kennen, welche
Aufgaben welches Ministerium beschäftigen. Man hat
außerdem die Möglichkeit, den Bürgern und Bürgerin-
nen zu helfen.

Dass alle Eingaben, egal ob es Bitten oder Beschwer-
den sind, gelesen und sachgerecht bearbeitet werden, ist
selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist, dass je-
der Bürger auch eine Antwort erhält.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Zahl von
14 800 eingereichten Petitionen im letzten Jahr, 60 pro
Werktag – das wurde schon mehrfach erwähnt –, zeigt,
dass die Bürger von dieser Möglichkeit der direkten De-
mokratie Gebrauch machen. Aber sie zeigt für mich
auch – auf diesen Aspekt möchte ich jetzt etwas näher
eingehen –, wie Bürger sich direkt an politischen Ent-
scheidungsprozessen beteiligen können.

Die Ideen, die Bürger mit ihrer Petition an uns he-
rantragen, werden ernst genommen und aufgenommen.
Beispiel: Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung; umgangs-
sprachlich auch „der gelbe Schein“ genannt. Ein Bür-
ger brachte in seiner Eingabe vor: Warum ist es nicht
möglich, im Zeitalter der elektronischen Lohnsteuer-
karte und des biometrischen Personalausweises die Ar-
beitsunfähigkeitsbescheinigung auf dem elektronischen
Weg vom Hausarzt zur Krankenkasse und zum Arbeitge-
ber versenden zu lassen? Das Bundesgesundheitsminis-
terium antwortete: Grundsätzlich geht das, wenn der
Versicherte einwilligt; das ist aus Datenschutzgründen
erforderlich. – Das Bundesgesundheitsministerium hat
weiter geantwortet, dass die technische Infrastruktur im
Gesundheitswesen dies auch möglich macht. Und was
soll ich Ihnen sagen? Einstimmig, also parteiübergrei-
fend, hat der Petitionsausschuss beschlossen: Wir geben
dieses Anliegen an den Gesundheitsausschuss. – Er
kümmert sich jetzt um die Umsetzung dieser Idee eines
Bürgers.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)






Christel Voßbeck-Kayser


(A) (C)



(D)(B)

Was machen Petitionen deutlich? Petitionen machen
deutlich, wie Bürger an unserer politischen Arbeit auf
Bundesebene teilhaben können, wie sie mit ihren Anlie-
gen, mit ihren Anregungen und auch mit ihren Aufforde-
rungen Denkanstöße in politische Entscheidungspro-
zesse hineingeben und sie somit auch direkt beeinflussen
können. Diese Form der Demokratie ist ein hohes Gut.
Dessen sollten wir uns heute, wo wir über den Jahresbe-
richt sprechen, auch einmal bewusst werden.

Es gibt viele Länder, wo diese Form der Demokratie
alles andere als selbstverständlich ist; wir haben in den
Aktuellen Stunden schon oft darüber gesprochen; ich er-
wähne in diesem Zusammenhang die Ukraine und auch
– das ist heute besonders aktuell – Thailand. Deshalb:
Die konstruktive und bürgernahe politische Arbeit über
Parteigrenzen hinweg ist eine ganz wertvolle Arbeit in
unserem demokratischen System und auch für unser de-
mokratisches System.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Kersten Steinke [DIE LINKE])


Liebe Kolleginnen und Kollegen und liebe Mitarbei-
terinnen und Mitarbeiter des Ausschussdienstes – Sie sit-
zen etwas versteckt da hinten –, ich freue mich auf
unsere weitere, immer sachorientiert geprägte Arbeit in
diesem Ausschuss.

Vielen Dank.


(Beifall im ganzen Hause)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803613200

Vielen Dank. – Nächster Redner ist Stefan Schwartze,

SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Stefan Schwartze (SPD):
Rede ID: ID1803613300

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer! Sehr
geehrte Parlamentarische Staatssekretäre, Sie beschäfti-
gen wir noch viel öfter als die Minister. Liebe Gabriele
Lösekrug-Möller, Sie sind lange Mitstreiterin im Peti-
tionsausschuss gewesen. Der Parlamentarische Staats-
sekretär Ole Schröder – er ist leider schon weg – nimmt
seine Aufgabe für das Innenministerium mit besonderer
Entschlossenheit wahr. Ihnen allen einen herzlichen
Dank!

Das Petitionsjahr 2013 war ein verkürztes Arbeitsjahr.
Die letzte Sitzung fand Anfang September 2013 statt.
Dann kam die Bundestagswahl. Die Konstituierung des
Bundestages brauchte aus gutem Grund etwas länger. Es
waren schließlich fast alle Fraktionen an den Gesprächen
beteiligt. Der Petitionsausschuss tagte von September
bis Januar leider nicht. Für die Petitionsarbeit bedeutete
dieser Zustand, dass Petitionen zwar beim Bundestag
eingingen, aber nicht parlamentarisch geprüft werden
konnten. Die Menschen mussten auf die Bearbeitung ih-
rer Anliegen mehrere Monate warten. So eine lange
Pause entspricht nicht dem Petitionswesen, wie es die
SPD gern hätte.

Wir alle sind gefordert, hier Lösungen zu finden. Es
gibt bereits ein Gremium beim Bundestag, das auch nach
Bundestagswahlen so lange fortbesteht, bis sich ein
neues konstituiert hat. Ich spreche vom Parlamentari-
schen Kontrollgremium. Ich könnte mir eine ähnliche
Lösung auch für den Petitionsausschuss vorstellen, da-
mit das im Grundgesetz verankerte Recht auf Bitte und
Beschwerde wirklich stets ohne Unterbrechung wahrge-
nommen werden kann. Es gäbe noch einen anderen An-
satz: Wir konstituieren den Ausschuss ganz einfach in
der ersten Plenarsitzung nach den Wahlen. Das wäre ein
gutes Zeichen für mehr Bürgernähe und für die Wahrung
der Grundrechte. Ich glaube, darüber können wir reden.


(Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Es ist gut, dass wir dieses Thema auf die Tagesord-
nung der Konferenz der Petitionsausschüsse des Bundes
und der Länder, die im September stattfindet, gesetzt ha-
ben. Ich bin fest überzeugt, dass wir alle hier im Hause
eine gemeinsame Lösung finden werden, die rechtlich
sicher und bürgerfreundlich ist.

Das Besondere an Petitionen an den Bundestag ist,
dass sie den Gesetzgeber direkt erreichen. Über die Aus-
wahl der Themen entscheiden dabei nicht die Abgeord-
neten, sondern die Menschen selbst. Nur Petitionen bie-
ten einen direkten Zugang zum Parlament, der mit dem
Beratungsgebot verbunden ist. Es war zudem richtig und
wichtig, öffentliche Petitionen beim Bundestag einzu-
führen. Die damit neu eingeführten öffentlichen Bera-
tungen des Petitionsausschusses sind gar nicht mehr
wegzudenken. Eine erfolgreiche Petition gelingt übri-
gens nicht nur organisierten Gruppen, sondern auch im-
mer wieder Einzelpersonen.


(Günter Baumann [CDU/CSU]: Sowohl als auch!)


Eines ist sehr wichtig, zu betonen: Es geht um Petitio-
nen beim Deutschen Bundestag. Es existieren inzwi-
schen mehrere privatrechtliche Plattformen, auf denen
ebenfalls Petitionen eingereicht werden können. Diese
Plattformen erwecken den Eindruck, dass auch dort ein-
gereichte Petitionen den Gesetzgeber direkt erreichen
und eine parlamentarische Beratung des Anliegens statt-
findet. Genau das geschieht aber nicht. All diese Platt-
formen sind zwar Mittel der Bürgerbeteiligung. Wer je-
doch erreichen will, dass der Gesetzgeber handelt, muss
sich direkt an den Bundestag wenden. Wir müssen so gut
sein, dass diese privatrechtlichen Portale überflüssig
werden. Wir sind das Original.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Seit 2009 bin ich nun im Petitionsausschuss. Für mich
stand fest: Ich bleibe in diesem Ausschuss. Nirgendwo
sonst gibt es eine solche Vielfalt an Themen, und nir-





Stefan Schwartze


(A) (C)



(D)(B)

gendwo sonst hat man einen solchen direkten Kontakt zu
den Menschen.

Besonders gefreut hat mich eine Entscheidung in ei-
nem Bereich, der uns schon einige Zeit beschäftigt hat.
Wir im neu zusammengesetzten Petitionsausschuss ha-
ben gemeinsam – über alle Fraktionsgrenzen hinweg –
eine Petition unterstützt, nach der die Arbeitssituation
der vom Bundestag ausgegliederten Mitarbeiter verbes-
sert werden soll.


(Beifall im ganzen Hause)


Wir wollen sie zurück ins Haus holen. Lassen Sie uns
alle gemeinsam auch zügig an der Umsetzung arbeiten.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ich wünsche mir auch, dass wir unsere Bürgernähe
noch deutlicher beweisen, indem wir die Zahl der Orts-
termine erhöhen. Das ist – ich weiß das – eine große He-
rausforderung auch für den Ausschussdienst.

Ich möchte den Kolleginnen und Kollegen aller Frak-
tionen aus dem neuen und aus dem alten Petitionsaus-
schuss danken. Danken möchte ich ganz besonders den
Mitarbeiterinnen des Ausschussdienstes, die heute hier
sitzen.


(Beifall im ganzen Hause)


Danken möchte ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbei-
tern in unseren Abgeordnetenbüros. Ohne deren wert-
volle Arbeit ginge das hier gar nicht.


(Beifall im ganzen Hause)


Ganz besonders danken möchte ich den Petentinnen und
Petenten; denn ohne sie wüssten wir oft gar nicht, wo der
Schuh drückt.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall im ganzen Hause)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803613400

Vielen Dank. – Letzter Redner in der Debatte ist der

Kollege Gero Storjohann, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Gero Storjohann (CDU):
Rede ID: ID1803613500

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Selbstverständlich schließe ich mich vorab dem Dank
der Vorredner an; damit habe ich auch das erledigt.

Ich möchte darauf hinweisen, dass ich aus voller
Überzeugung bereits seit zwölf Jahren Mitglied des Peti-
tionsausschusses bin.


(Beifall im ganzen Hause)


Günter Baumann werden wir nie erreichen; er macht das
noch länger.

Ich möchte kurz auf Dinge eingehen, die hier ange-
sprochen worden sind. Kollegin Rüffer hatte die Weiter-
entwicklung des Petitionswesens angesprochen, was ihr
ein besonderes Anliegen ist. Darüber haben wir in der
letzten Legislaturperiode intensiv diskutiert. Es ist im-
mer die Frage, inwieweit wir Einzelanliegen würdigen,
inwieweit wir Kampagnen aufgreifen und wo wir in be-
sonderem Maße unsere Arbeitskraft hineinstecken.

Es ist hier schon gesagt worden, dass gerade die klei-
nen Oppositionsfraktionen durchaus eine starke Arbeits-
belastung haben. Insoweit stellt sich die Frage, wie wir
das alles noch schaffen können. Allein das Ansinnen,
mehr Ortstermine durchzuführen, bedeutet, dass alle
Mitglieder – und nicht nur die der großen Fraktionen –
vor Ort sein müssen. Insofern sollten wir uns auf das,
was wirklich wichtig ist, konzentrieren, und das sollten
wir auch gut machen. Bei Ortsterminen haben wir gute
Ergebnisse erzielt, weil wir gemeinsam gehandelt haben.

Wir nehmen alle Vorschläge auf und prüfen sie. Ich
glaube aber, wir werden nicht so weit kommen, wie Sie
sich das wünschen, weil die damit verbundene Arbeits-
belastung das einfach nicht zulassen wird.

Ich möchte noch darauf hinweisen, dass in erster
Linie die Abgeordnetenbüros, was die Bearbeitung per-
sönlicher Angelegenheiten angeht, die Anlaufstation für
die Bürger sind. Es ist nicht nur der Petitionsausschuss,
es sind nicht nur die Onlineplattformen, sondern auch in
den Abgeordnetenbüros wird eine wertvolle Arbeit ge-
leistet. Das möchte ich in Erinnerung rufen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Kollegin Rüffer, Sie haben gesagt, dass Sie der Mei-
nung sind, dass wir als Petitionsausschuss so etwas wie
eine Beißhemmung gegenüber der Regierung haben
bzw. dass die Mehrheitsfraktionen nicht in der Lage
sind, mit der Regierung kritisch umzugehen. Nun ist der
Kollege Schröder gerade nicht anwesend. Der erzählt
immer etwas anderes, nämlich beispielsweise, dass wir
sehr hartnäckig sind, gerade wenn es um Asylanträge
geht.

Des Weiteren verweise ich auf das, was die Kollegin
Sawade hier zur Fremdrente gesagt hat. Dieses Problem
kenne ich seit 2002. Mein erstes Bürgergespräch bezog
sich auf die Regelung der Fremdrente. Wir als Aus-
schuss bemühen uns – wir sind sozusagen der Stachel im
Fleisch der Regierung –, hier eine Lösung herbeizufüh-
ren. Egal welche Regierung wir hatten, ob es nun eine
schwarz-rote oder eine schwarz-grüne war, – –


(Heiterkeit)


– Entschuldigung!

Egal welche Farbe die Regierung hatte, egal welcher
Staatssekretär uns gegenüber saß, es gab nie eine Lö-
sung. Wir sind uns im Ausschuss einig: Wir drängen
beim Fremdrentengesetz weiter auf eine Lösung. Das er-
warten wir auch.

Ich möchte einen Aspekt herausstellen, den man nor-
malerweise im Parlament nicht so hervorhebt: Das ist
unsere internationale Zusammenarbeit. Der Petitionsaus-





Gero Storjohann


(A) (C)



(D)(B)

schuss ist weltweit so etwas wie ein Unikum. Es gibt
nicht viele Petitionsausschüsse; denn weltweit hat sich
das Ombudsmannsystem durchgesetzt. Wir verstehen
unsere Arbeit auch dahin gehend, dass wir junge Demo-
kratien unterstützen und sie bei kritischen Auseinander-
setzungen mit Regierungshandeln stärken. Aus diesem
Grund haben wir den Kontakt zum IOI und zum EOI,
dem Internationalen und dem Europäischen Ombuds-
mann-Institut, intensiviert. Das Internationale Ombuds-
mann-Institut hat seinen Sitz in Wien. Eine Delegation
des Ausschusses besuchte Wien und Bratislava.

Wir haben auch – oh Wunder! – die Mongolei be-
sucht. Die Eingeweihten wissen, dass die Mongolei eine
Verfassung hat, die sich aus der deutschen Verfassung
ableitet. Im Jahr 2007 hat eine Delegation des dortigen
Parlaments eine Hospitation bei unserem Petitionsaus-
schuss gemacht. Man hat sich angeschaut, wie Petitionen
im Deutschen Bundestag bearbeitet werden. Im Jahr
2012 hat das mongolische Parlament einen Petitionsaus-
schuss eingerichtet. Bei diesen Besuchen wurde immer
wieder deutlich gemacht: Bitte helft uns, wir müssen
mehr Selbstbewusstsein entwickeln, wie wir mit Petitio-
nen umgehen. – Das haben wir gemacht. Wir haben dort
ein kleines Seminar abgehalten.

Als Petitionsausschuss gewähren wir gerne interna-
tional Hilfestellung. Deshalb: Petitionsarbeit macht
Spaß. Für die Bürger ist es eine gute Sache. Im Aus-
schuss macht es Freude, mit vielen Kollegen, die guten
Willens sind, fraktionsübergreifend zu arbeiten. Herzli-
chen Dank für die Zusammenarbeit. Es war wieder ein-
mal ein gutes Arbeitsjahr für den Petitionsausschuss.


(Beifall im ganzen Hause)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803613600

Vielen Dank. – Vielen Dank auch an alle für diese

Debatte. Ich glaube, alle, die Gelegenheit hatten, dieser
Debatte zu folgen, sind davon überzeugt, dass die Sor-
gen und Nöte der Bürgerinnen und Bürger bei Ihnen im
Ausschuss gut aufgehoben sind und dass Sie alle daran
arbeiten, Lösungen für jedes einzelne Problem zu finden.

Ich schließe die Aussprache.

Jetzt kommt eine ganze Reihe von Abstimmungen.
Ich bitte um Konzentration.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 23 a bis 23 c sowie
Zusatzpunkt 3 auf:

a) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Ände-
rung des Rindfleischetikettierungsgesetzes
und des Legehennenbetriebsregistergesetzes

Drucksache 18/1286
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Kirsten Tackmann, Caren Lay, Karin Binder,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE
LINKE
Keine Privatisierung von Ackerland und Wäl-
dern durch die Bodenverwertungs- und -ver-
waltungs GmbH

Drucksache 18/1366
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz,
Bau und Reaktorsicherheit
Haushaltsausschuss

c) Beratung der Unterrichtung durch die Bundes-
regierung

Bericht der Bundesregierung über bislang
geprüfte Optionen zur Steigerung von Attrak-
tivität und Wettbewerbsfähigkeit sowie über
Maßnahmen zur stärkeren Berücksichtigung
von Öffentlich-Privaten Partnerschaften als
Beschaffungsvariante der öffentlichen Hand
Drucksache 17/13749
Überweisungsvorschlag:
Haushaltsausschuss (f)

Innenausschuss
Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Finanzausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Verteidigungsausschuss
Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz,
Bau und Reaktorsicherheit
Ausschuss Digitale Agenda

ZP 3 Beratung des Antrags der Abgeordneten Oliver
Krischer, Jürgen Trittin, Annalena Baerbock,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN

Europäische Energieunion – Unabhängigkeit
durch Effizienz, Einsparung und erneuerbare
Energien schaffen
Drucksache 18/1461
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Energie (f)

Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz,
Bau und Reaktorsicherheit
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

Es handelt sich um Überweisungen im vereinfach-
ten Verfahren ohne Debatte.

Interfraktionell wird vorgeschlagen, die Vorlagen an die
in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse zu überwei-
sen. Sind Sie damit einverstanden? – Ich sehe, das ist der
Fall. Dann sind die Überweisungen so beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 24 a bis 24 k auf.
Es handelt sich um die Beschlussfassung zu Vorlagen,
zu denen keine Aussprache vorgesehen ist.

Tagesordnungspunkt 24 a:

Zweite und dritte Beratung des von der Bundes-
regierung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
zes zur Durchführung der Verordnung (EU)

Nr. 1215/2012 sowie zur Änderung sonstiger
Vorschriften
Drucksache 18/823





Vizepräsidentin Ulla Schmidt


(A) (C)



(D)(B)

Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Recht und Verbraucherschutz

(6. Ausschuss)


Drucksache 18/1492

Der Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf Drucksa-
che 18/1492, den Gesetzentwurf der Bundesregierung
auf Drucksache 18/823 in der Ausschussfassung anzu-
nehmen. Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzentwurf in
der Ausschussfassung zustimmen wollen, um das Hand-
zeichen. – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? –
Der Gesetzentwurf ist damit in zweiter Beratung mit den
Stimmen von CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und
SPD bei Stimmenthaltung der Fraktion Die Linke ange-
nommen.

Dritte Beratung

und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Der Gesetz-
entwurf ist damit bei gleichem Stimmenverhältnis ange-
nommen.

Tagesordnungspunkt 24 b:

Zweite und dritte Beratung des von der Bundes-
regierung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
zes zum Vorschlag für eine Verordnung des
Rates zur Ausdehnung der Anwendung der
Verordnung (EU) Nr. …/2013 über ein Ak-
tionsprogramm in den Bereichen Austausch,
Unterstützung und Ausbildung zum Schutz

(Programm „Pericles 2020“)

Mitgliedstaaten

Drucksache 18/1225

Beschlussempfehlung und Bericht des Finanz-
ausschusses (7. Ausschuss)


Drucksache 18/1473

Der Finanzausschuss empfiehlt in seiner Beschluss-
empfehlung auf Drucksache 18/1473, den Gesetz-
entwurf der Bundesregierung auf Drucksache 18/1225
anzunehmen. Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzent-
wurf zustimmen wollen, um das Handzeichen. – Wer ist
dagegen? – Wer enthält sich? – Der Gesetzentwurf ist
damit in zweiter Beratung bei Enthaltung der Fraktion
Die Linke angenommen.

Dritte Beratung

und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Der Gesetz-
entwurf ist mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und
Bündnis 90/Die Grünen bei Stimmenthaltung der Frak-
tion Die Linke angenommen.

Tagesordnungspunkte 24 c bis 24 k. Wir kommen zu
den Beschlussempfehlungen des Petitionsausschusses.
Tagesordnungspunkt 24 c:
Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)

Sammelübersicht 45 zu Petitionen
Drucksache 18/1350

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Enthal-
tungen? – Die Sammelübersicht 45 ist einstimmig ange-
nommen.

Tagesordnungspunkt 24 d:
Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)

Sammelübersicht 46 zu Petitionen
Drucksache 18/1351

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Die Sammelübersicht 46 ist mit den Stim-
men von CDU/CSU und SPD bei Enthaltung der Frak-
tionen Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke
angenommen.

Tagesordnungspunkt 24 e:
Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)

Sammelübersicht 47 zu Petitionen
Drucksache 18/1352

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Sammelübersicht 47 ist mit den Stimmen
des gesamten Hauses angenommen.

Tagesordnungspunkt 24 f:
Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)

Sammelübersicht 48 zu Petitionen
Drucksache 18/1353

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Die Sammelübersicht 48 ist mit den Stim-
men von CDU/CSU, SPD und Linken gegen die Stim-
men von Bündnis 90/Die Grünen angenommen.

Tagesordnungspunkt 24 g:
Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)

Sammelübersicht 49 zu Petitionen
Drucksache 18/1354

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Die Sammelübersicht 49 ist mit den Stim-
men von CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und SPD
gegen die Stimmen der Fraktion Die Linke angenom-
men.

Tagesordnungspunkt 24 h:
Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)

Sammelübersicht 50 zu Petitionen
Drucksache 18/1355





Vizepräsidentin Ulla Schmidt


(A) (C)



(D)(B)

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Die Sammelübersicht 50 ist gegen die Stim-
men der Fraktion Die Linke angenommen.

Tagesordnungspunkt 24 i:

Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)


Sammelübersicht 51 zu Petitionen

Drucksache 18/1356

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Die Sammelübersicht 51 ist mit den Stim-
men von CDU/CSU und SPD gegen die Stimmen von
Bündnis 90/Die Grünen und Linken angenommen.

Tagesordnungspunkt 24 j:

Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)


Sammelübersicht 52 zu Petitionen

Drucksache 18/1357

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Die Sammelübersicht 52 ist mit den Stim-
men von CDU/CSU und SPD gegen die Stimmen der
Fraktion Die Linke bei Enthaltung von Bündnis 90/Die
Grünen angenommen.

Tagesordnungspunkt 24 k:

Beratung der Beschlussempfehlung des Peti-
tionsausschusses (2. Ausschuss)


Sammelübersicht 53 zu Petitionen

Drucksache 18/1358

Wer stimmt dafür? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
hält sich? – Die Sammelübersicht 53 ist mit den Stim-
men von CDU/CSU und SPD gegen die Stimmen von
Bündnis 90/Die Grünen und der Linken angenommen.

Ich rufe den Zusatzpunkt 4 auf:

Aktuelle Stunde
auf Verlangen der Fraktion DIE LINKE

Rüstungsexportgenehmigungen der Großen
Koalition

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat Inge Höger,
Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Inge Höger-Neuling (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803613700

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich

möchte meinen Beitrag heute mit einer positiven Nach-
richt beginnen. Am Sonntag hat sich die Mehrheit der
Bevölkerung in der Schweiz gegen den Kauf von
Kampfflugzeugen ausgesprochen.


(Beifall bei der LINKEN)


Das ist ein großartiger Sieg über die Rüstungslobby.


(Florian Hahn [CDU/CSU]: Und gegen den Mindestlohn!)

Ich gratuliere insbesondere der „Gruppe für eine
Schweiz ohne Armee“ zu diesem Erfolg.


(Zuruf von der CDU/CSU: Und was ist mit dem Mindestlohn?)


Ich hoffe, dass dieses Beispiel Schule macht und die
todbringenden Geschäfte mit der Waffe der Vergangen-
heit angehören werden, egal ob es sich um Inlandsauf-
träge oder um Importe oder Exporte handelt.


(Beifall bei der LINKEN)


Schließlich geht es bei Rüstungsgeschäften nicht um
eine x-beliebige Handelsware. Das Geschäft mit Waffen
ist das Geschäft mit dem Tod. Es muss umgehend be-
endet werden.


(Beifall bei der LINKEN)


Es ist beschämend, dass Deutschland schon seit eini-
gen Jahren der drittgrößte Rüstungsexporteur der Welt
ist. Rechnet man die Rüstungsexporte aller EU-Staaten
zusammen, dann stellt man fest: Die Friedensnobelpreis-
trägerin EU ist zugleich Rüstungsexportweltmeisterin.

Wie wir wissen, findet jede Waffe ihren Krieg. Trotz-
dem boomt das Geschäft mit dem Tod. Noch im Wahl-
kampf tat die SPD so, als wäre sie zwar nicht generell
gegen Rüstungsexporte, aber zumindest gegen Exporte
in Krisenregionen. Die aktuellen Informationen über
den Umfang der Rüstungsgeschäfte in den ersten vier
Monaten dieses Jahres zeigen, dass Deutschland weiter
in Krisengebiete liefert.

Die Tendenzen, die wir aus den ersten Monaten der
Praxis von Rüstungsexporten der Großen Koalition able-
sen können, sind erschreckend. Zwar hat die deutsche
Rüstungsindustrie weniger in NATO- und EU-Staaten
geliefert – hier hat die Wirtschaftskrise den Spielraum
für militärische Beschaffungen ziemlich eingeschränkt –,
aber die Exporte in Drittstaaten, oft an autoritäre, men-
schenverachtende Regime, haben deutlich zugenommen.
Das kann nur das Ergebnis eindeutiger politischer Vorga-
ben sein.

Inzwischen machen die Waffenexporte in Drittstaaten
weit mehr als die Hälfte aller Exporte aus. Sie sind nicht
mehr die Ausnahme, sie sind ganz offensichtlich die
Regel. Eine solche Zunahme der Waffenlieferungen an
Länder wie Saudi-Arabien, Algerien, Brunei und Singa-
pur ist kein Zufall. Ich nenne das Heuchelei: vorne nach
Frieden rufen und hinten Waffen liefern.

Für diese Politik gibt es Verantwortliche, ganz beson-
ders auch an der Spitze des Wirtschaftsministeriums.
Minister Gabriel ist wenig glaubwürdig, wenn er die
Verantwortung für Entscheidungen, die in seinem Minis-
terium in diesem Jahr getroffen wurden, auf die Vorgän-
gerregierung schiebt. Sollte es die von ihm angeführten
„rechtlich verbindlichen Exportzusagen“ tatsächlich ge-
ben, dann wäre der Genehmigungsvorgang nur noch
eine Farce. Das kann nicht sein. Ich fordere deshalb das
Ministerium auf, dem Bundestag mitzuteilen, welche
dieser verbindlichen Zusagen wann und von wem getrof-
fen wurden.


(Beifall bei der LINKEN)






Inge Höger


(A) (C)



(D)

Als Parlamentarierin drängt sich mir jedoch der
Anschein auf, dass es weder mit der angekündigten re-
striktiven Politik bei den Waffengeschäften noch mit der
versprochenen Transparenz besonders weit her ist. Auf
meine wiederholten Fragen danach, inwieweit der Ex-
port des hochmodernen Gefechtsübungszentrums nach
Russland bereits durchgeführt wurde, erhielt ich jeweils
nur ausweichende Antworten.

Herr Gabriel, im März hat Ihr Ministerium öffentlich
mitteilen lassen, dass Sie in der gegenwärtigen Lage die
Ausfuhr des Zentrums nach Russland für nicht vertretbar
halten. Ich bin der Ansicht, dass die Ausfuhr eines
Übungszentrums, das Armeen auf den Kampf gegen
Menschen in einer Stadt vorbereitet, grundsätzlich nicht
vertretbar ist.

Leider musste ich dann den Medien entnehmen, dass
Ihre späte Einsicht zu spät kam. Laut Geschäftsbericht
von Rheinmetall wurden alle wesentlichen Bestandteile
bereits geliefert. Rheinmetall hat den 100-Millionen-
Auftrag bereits im letzten Jahr nahezu abgeschlossen,
auch das Geld ist inzwischen geflossen. Sie haben mit
viel Tamtam so getan, als versuchten Sie, einen Zug zu
stoppen; dabei war der längst abgefahren. Sie können
sich Ihre Aussagen über eine restriktive Rüstungsexport-
politik also sparen.

Das ständige Versteckspiel um die Rüstungsdeals hat
System. Das Geschäft mit dem Tod funktioniert am bes-
ten im Verborgenen. Der Waffenhandelsexperte Andrew
Feinstein geht davon aus, dass Rüstungsexporte und
Transparenz nicht zusammenpassen. Nach seinen Re-
cherchen entfallen 40 Prozent der weltweiten Korruption
auf Rüstungsgeschäfte. Können wir wirklich davon aus-
gehen, dass der dritte Platz der deutschen Rüstungs-
industrie ohne Korruption zustande kam? Ist der Fall der
zwei gut vernetzten ehemaligen SPD-Abgeordneten, ge-
gen die nun wegen dubioser Beraterhonorare in Millio-
nenhöhe bei Waffengeschäften in Griechenland ermittelt
wird, wirklich eine Ausnahme?

Die Linke fordert ein Verbot aller Rüstungsexporte
und den Ausstieg aus der Waffenproduktion.


(Beifall bei der LINKEN)


Nur so gelingt ein Einstieg in eine wirkliche Friedens-
politik.


(Beifall bei der LINKEN)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803613800

Vielen Dank. – Nächster Redner ist der Kollege

Dr. Joachim Pfeiffer, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Joachim Pfeiffer (CDU):
Rede ID: ID1803613900

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wir debattieren über das Thema Rüstungsexporte inzwi-
schen in fast jeder Sitzungswoche.


(Inge Höger [DIE LINKE]: So lange, bis Sie aufhören! – Weiterer Zuruf von der LINKEN: Zu Recht!)

Ich will noch einmal versuchen, Ihnen zu erläutern, wel-
che Motivation hinter Rüstungsexporten steckt; ich
hoffe, dass es diesbezüglich einen großen Konsens in
diesem Hause gibt. Rüstungsexporte sind kein Selbst-
zweck. Sie finden nicht im luftleeren Raum statt. Ihnen
liegen auch keine wirtschaftlichen Erwägungen zu-
grunde. Wenn Sie sich den vergleichsweise geringen An-
teil der Rüstungsexporte am Gesamtexport vor Augen
führen, wissen Sie, dass sie unter wirtschaftlichen Ge-
sichtspunkten in der Tat zu vernachlässigen sind.


(Inge Höger [DIE LINKE]: Also politische Erwägungen!)


– Ja, genau, es sind politische Erwägungen.

Rüstungsexporte – ich sage das in aller Klarheit und
Deutlichkeit für unsere Fraktion – sind ein legitimes,
sinnvolles, notwendiges Instrument der Außen- und Si-
cherheitspolitik.


(Dr. Frithjof Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hört! Hört! – Zurufe von der LINKEN)


Die Rüstungsexportpolitik dient auch dazu, unsere Kern-
kompetenzen und Fähigkeiten im technologischen Be-
reich zu sichern und zu erhalten. Sie dient dazu, uns
nicht von anderen abhängig zu machen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dr. Frithjof Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist zwar grundgesetzwidrig, aber sonst sehr klar!)


Lassen Sie mich versuchen, das Ganze an zwei, drei
Beispielen zu erläutern. Wenn Sie sagen, dass man nicht
in Krisengebiete liefern soll, dann ist das aus meiner
Sicht scheinheilig, verlogen


(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist ja unlogisch! Wenn es kein Krisengebiet ist, brauchen die keine Waffen!)


und unlogisch. Genau, das ist unlogisch, Herr Trittin.


(Lachen bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wenn ich Minensuchgeräte liefere, dann muss ich sie
dorthin liefern, wo es Minen gibt, wo Minen zu suchen
und zu beseitigen sind, und nicht dorthin, wo es keine
Minen gibt. Also muss ich sie in Krisengebiete oder ehe-
malige Krisengebiete liefern.


(Richard Pitterle [DIE LINKE]: Liefern Sie auch die Waffen, die man dann suchen muss?)


Jetzt kommen wir zu den Kleinwaffen und zu anderen
Dingen. Nehmen wir das Beispiel Mali.


(Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dahin liefern wir aber gar nicht!)


Mali ist mehr oder weniger ein Failed State. Mali ist
nicht einem Bürgerkrieg zum Opfer gefallen, vielmehr
konnte der Staat sein Gewaltmonopol nicht aufrechter-
halten. Die Franzosen haben interveniert, mit mehr oder
weniger offener Unterstützung durch uns. Jetzt sagen
wir: Wir wollen gemeinsam Mali aufbauen; wir wollen,

(B)






Dr. Joachim Pfeiffer


(A) (C)



(D)(B)

dass die Regierung das Gewaltmonopol durchsetzen
kann; wir wollen die malischen Sicherheitskräfte ausbil-
den, damit sie diesem Auftrag nachkommen können.

Dazu muss ich sagen: Wenn man dies international
beschließt, können wir in Deutschland doch nicht sagen,
dass wir die Instrumente, die notwendig sind, damit das
Gewaltmonopol in Mali durchgesetzt werden kann – hier
geht es auch um Kleinwaffen –, nicht liefern. Es ist
scheinheilig und verlogen, wenn man einerseits über
Menschenrechte spricht, andererseits aber, wenn es da-
rum geht, die Menschenrechte international durchzuset-
zen, sagt: Nach mir die Sintflut! Wasch mir den Pelz,
aber mach mich nicht nass! – Das halte ich für unverant-
wortlich. Das ist nicht unsere Außen- und Sicherheits-
politik.


(Beifall bei der CDU/CSU – Jörn Wunderlich [DIE LINKE]: Welche Menschenrechte setzen Sie in Saudi-Arabien durch, Herr Dr. Pfeiffer? – Niema Movassat [DIE LINKE]: Saudi-Arabien!)


– Genau. Jetzt komme ich zu Saudi-Arabien. Da ist es
nicht anders. Wie ist die Situation dort? Saudi-Arabien
ist, ob uns das gefällt oder nicht, seit Jahrzehnten ein
verlässlicher Verbündeter des Westens, ein Stabilitätsan-
ker im Mittleren Osten,


(Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh! – Jörn Wunderlich [DIE LINKE]: Das war Gaddafi auch, als er die Grenzen dicht gemacht hat!)


der dafür sorgt, dass Bürgerkriege wie in Syrien, im Je-
men und im Iran eine gewisse abschreckende Wirkung
haben.


(Lachen beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf von der LINKEN: Widerlich!)


– Das mag Ihnen jetzt gefallen oder nicht. Das ist aber
die Politik, die wir als Bundesrepublik Deutschland in-
ternational vertreten. Das war auch zur Zeit der rot-grü-
nen Regierung so. Sie von der Linken haben Gott sei
Dank nie Regierungsverantwortung getragen und wer-
den sie hoffentlich auch nie tragen.

Wenn wir sagen, dass Saudi-Arabien ein Stabilitätsan-
ker ist, dann müssen wir es auch mit den Instrumenten
ausstatten, die es braucht, um seine Küsten zu schützen.


(Inge Höger [DIE LINKE]: Panzer gegen die eigene Bevölkerung!)


Ich versuche dies einmal anhand eines aktuellen Bei-
spiels zu erläutern, und zwar anhand des Schützenpan-
zers kanadischer Bauart. Dies ist eine multinationale An-
gelegenheit. Heute sind Rüstungsprojekte ja nicht mehr
nur Projekte einzelner Staaten. Die Kanadier wollen ei-
nen Schützenpanzer dorthin liefern, und es gibt deutsche
Zulieferungen zu diesem Panzer. Vor zwei Jahren wur-
den die deutschen Zulieferer ausgewählt, weil sie die
beste Technologie bei optronischen Systemen haben.
Diese Zulieferungen machen nur einen kleinen Anteil
von 5 Prozent aus.
Insgesamt ist dies eine Entscheidung der westlichen
Allianz, der westlichen Verbündeten, der europäischen
Staaten, der Europäischen Union, der USA und auch Ka-
nadas. Was würde passieren, wenn wir die Genehmigung
nicht erteilen? Was wäre dann die Folge? Die Folge wäre
nicht, dass der Panzer nicht nach Saudi-Arabien geliefert
wird. Natürlich würde er geliefert, aber ohne deutsche
Technologie.

Noch viel schlimmer ist: Die deutsche Technologie
würde dann von solchen internationalen Projekten aus-
geschlossen,


(Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist sehr christlich!)


weil die Deutschen keine verlässlichen Verbündeten
mehr wären. „German free“ würde dann dort die Runde
machen. Ich will nicht, dass wir uns aus internationalen
Projekten zurückziehen müssen und wir keine verlässli-
chen Verbündeten mehr sind.


(Inge Höger [DIE LINKE]: Sie reden von Menschenrechten, oder was?)


Deshalb bin ich ganz klar der Meinung, dass wir dazu
stehen und die Instrumente liefern müssen.

Wenn wir dies in diesem Fall nicht machen würden,
wären wir auch bei anderen Projekten nicht mehr dabei.
Dann würden Sie in zehn Jahren beklagen, dass wir in
Deutschland nicht mehr in der Lage sind, unsere Vertei-
digungs- und Sicherheitsfähigkeiten aufrechtzuerhalten.
Wir würden uns dann von anderen abhängig machen.
Wollen wir diese Fähigkeiten dann aus China, aus Russ-
land oder auch aus den USA importieren? Ich will das
nicht. Ich will eine europäische Lösung. Deshalb brau-
chen wir eine europäische Außen- und Sicherheitspoli-
tik. Diese muss selbstverständlich von einheitlichen
Rüstungsexportbedingungen flankiert werden. So wie
wir es im Dual-Use-Bereich bereits geregelt haben, müs-
sen wir es auch im Bereich der Kriegswaffen tun.


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803614000

Herr Kollege Pfeiffer.


Dr. Joachim Pfeiffer (CDU):
Rede ID: ID1803614100

Das ist ein legitimes Instrument. Das müssen wir er-

läutern und vertreten.


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803614200

Herr Kollege Pfeiffer.


Dr. Joachim Pfeiffer (CDU):
Rede ID: ID1803614300

Wir dürfen uns nicht wegducken nach dem Motto:

Das geht uns nichts an. Wenn wir uns nicht beteiligen,
wird alles gut auf der Welt. – Die Welt ist leider kein
Hort des Friedens.


(Zurufe von der LINKEN)


Wir leisten unseren Beitrag dazu, dass sie ein Hort des
Friedens wird. Dazu dienen auch deutsche Rüstungs-
exporte.


(Beifall bei der CDU/CSU – Jörn Wunderlich [DIE LINKE]: Machen Sie weiter so!)







(A) (C)



(D)(B)


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803614400

Vielen Dank. – Ich darf noch einmal daran erinnern,

dass die vereinbarte Redezeit bei Aktuellen Stunden fünf
Minuten beträgt und nicht sechs Minuten, nicht sechs-
einhalb oder fünfeinhalb Minuten. Ich bitte die folgen-
den Rednerinnen und Redner, darauf zu achten.

Die nächste Rednerin ist die Kollegin Agnieszka
Brugger, Bündnis 90/Die Grünen.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Es gibt
kaum einen Bereich in der deutschen Politik, wo das,
was eine Bundesregierung immer wieder beteuert und
erklärt, so sehr von dem abweicht, was sie wirklich tut,
wie bei den Rüstungsexporten.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Ich kann Ihnen von grüner Seite aus eines versprechen:
Wir werden uns nicht von Ihren Sonntagsreden einlullen
lassen, und wir lassen uns auch nicht von der Selbstge-
fälligkeit der Großen Koalition entmutigen, sondern wir
werden Ihnen im Bereich der Rüstungsexporte und Waf-
fengeschäfte sehr gründlich auf die Finger schauen und
immer wieder Licht ins Dunkel bringen.


(Ingo Gädechens [CDU/CSU]: Das ist auch Ihre Pflicht!)


In ihrem Koalitionsvertrag schreiben Union und SPD,
dass sie sich natürlich zu einer restriktiven deutschen
Rüstungsexportpolitik bekennen, dass sie die deutschen
Rüstungsexportrichtlinien als verbindlich und handlungs-
leitend für ihre Entscheidungen betrachten. Es wäre
schön, wenn es so wäre.

Wir können gern einmal ganz konkret einen Blick in
die Rüstungsexportrichtlinien werfen. Dort stehen sehr
gute Formulierungen. Dort steht zum Beispiel bezüglich
Kriegswaffenlieferungen an Drittstaaten, dass Exporte in
Staaten, die nicht Mitglieder der EU oder der NATO
sind, eigentlich nicht genehmigt werden dürfen und nur
genehmigt werden können, wenn besondere außen- und
sicherheitspolitische Gründe dafür sprechen. Weiter steht
in den Richtlinien: „Beschäftigungspolitische Gründe dür-
fen keine ausschlaggebende Rolle spielen.“ Die Men-
schenrechtslage im Empfängerstaat ist als entscheiden-
des Kriterium in den Richtlinien verankert.

Wenn wir jetzt diese guten Grundsätze einmal mit der
Realität und den Zahlen abgleichen, ergibt sich ein ziem-
lich hässliches Bild und zeigt sich eine riesige Lücke.
Die Rüstungsexporte an Drittstaaten haben sich in den
letzten Jahren von der Finanzsumme her fast verdoppelt,
die Tendenz ist steigend. Der aktuellste uns vorliegende
Rüstungsexportbericht aus dem Jahr 2012 besagt, dass
55 Prozent der deutschen Rüstungsexporte an Drittstaa-
ten gegangen sind. Ich kann da nur sagen: Solche Ex-
porte sind offensichtlich nicht mehr die Ausnahme, son-
dern sind zu einer sehr bedenklichen Regel geworden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Meine Damen und Herren, die ersten Zahlen für
2013, die wir bisher gesehen haben, sind noch krasser.
Unter Kanzlerin Merkel hat Schwarz-Gelb eine richtige
Rüstungsexportoffensive gestartet. Aber auch die Große
Koalition ist in ihren ersten Monaten kaum besser. Von
Januar bis April dieses Jahres – das konnten wir jüngst
nachlesen – sind noch mehr Waffen in Länder geliefert
worden, die nicht Mitglied der NATO und nicht Mitglied
der EU sind, als unter Schwarz-Gelb im entsprechenden
Vorjahreszeitraum. Auch das spricht natürlich Bände.

Wirtschaftsminister Gabriel sagt: Das waren alles
meine bösen Vorgänger; das geht auf deren Konto. –
Auch an dieser Stelle schauen wir als Grüne ganz genau
hin. Ich muss Ihnen sagen: Auch das lassen wir Ihnen
nicht durchgehen. Die Bundesregierung vertritt ja neuer-
dings die Position, dass positiv beschiedene Voranfragen
keinerlei Rechtsverbindlichkeit haben; diesen Teil kön-
nen Sie ja dann schon einmal komplett zurücknehmen.
Aber ich muss Ihnen auch sagen: Auch endgültig erteilte
Genehmigungen kann man wiederrufen, und Verträge
kann man kündigen, wenn man das tun möchte.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Das wollen wir aber nicht!)


Wenn Ihr Engagement für Frieden und Sicherheit und
das Engagement von Herrn Gabriel mehr sind als schöne
Pressestatements, dann lassen Sie Ihren Worten doch
einfach Taten folgen, und nehmen Sie einen Großteil
dieser Rüstungsexporte einfach wieder vom Tisch.


(Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Sie haben wohl noch nicht kapiert, dass man sich an Verträge halten muss! Im Übrigen wurden unter Herrn Fischer jede Menge BSR-Beschlüsse gefasst!)


Meine Damen und Herren von der SPD, Ihnen wird
nicht mehr lange die Möglichkeit bleiben, sich hinter
schwarz-gelben Waffengeschäften zu verstecken. Denn
irgendwann müssen auch Sie einmal sagen, was eigent-
lich aus Ihrer Wahlkampfforderung, die Panzerlieferung
nach Saudi-Arabien zu stoppen, geworden ist.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Aber ich will nicht immer nur die SPD kritisieren;
denn bei Ihnen stimmt ja wenigstens die Rhetorik.


(Heiterkeit bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Bei der Union ist es noch schlimmer; Sie haben das hier
sehr klar offenbart. Auch Ihre Kanzlerin ist in diesem
Punkt sehr deutlich bzw. eben nicht deutlich.


(Florian Hahn [CDU/CSU]: Ja was denn jetzt?)


Sie spricht von der Ertüchtigung von Partnerstaaten.
Herr Pfeiffer, ich muss Sie enttäuschen: Sie meint damit
nicht die Lieferung von Minensuchgeräten an Saudi-
Arabien, sondern sie meint Waffenlieferungen an den
Machthaber in einem Land, in dem Menschenrechte mit
Füßen getreten werden,





Agnieszka Brugger


(A) (C)



(D)(B)


(Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Wissen Sie, dass der Herr Fischer das auch gemacht hat?)


das im Nachbarland friedliche Proteste mit Panzern nie-
dergeschlagen hat und das dazu beiträgt, dass der Kon-
flikt in Syrien noch blutiger wird.


(Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: In SaudiArabien braucht man übrigens Gott sei Dank keine Minensuchgeräte!)


Das ist die Wahrheit. Das, was Sie hier erzählt haben
– es würde um Minensuchgeräte gehen –, ist nicht die
Wahrheit.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Auch der Kollege Otte, der verteidigungspolitische
Sprecher der Unionsfraktion, macht keinen Hehl aus sei-
nen Überzeugungen. Er befindet sich dabei im offenen
Widerspruch zu den deutschen Rüstungsexportrichtli-
nien. Er argumentiert mit dem Arbeitsplatzerhalt. Ich
kann Ihnen an dieser Stelle sagen: Für mich kann der
Profit eines einzelnen Unternehmens nicht rechtfertigen,
dass man in einem Land zu Menschenrechtsverletzungen
beiträgt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Meine Damen und Herren, kehren Sie diesen zyni-
schen Trend der letzten Jahre, immer mehr Rüstungsgü-
ter und Waffen an Drittstaaten zu liefern, sehr schnell
um! Es ist einfach brandgefährlich, Waffen an autokrati-
sche Regime zu liefern. Es ist auch sicherheitspolitisch
irrsinnig. Am Ende riskiert man, dass man sich im Fall
des Falles auch an Verbrechen mitschuldig macht.

Ich habe ein zweites Versprechen für Sie – auch hier
wird es in den nächsten Jahren nicht bequem –: Wir
Grüne werden nicht müde werden, weiter für einen radi-
kalen Kurswechsel zu kämpfen:


(Florian Hahn [CDU/CSU]: Den Sie selber eingeleitet haben?)


für eine Rückkehr zu einer wertegeleiteten Außenpolitik
und eine Abkehr von einer Wirtschaftspolitik, die Frie-
den und Sicherheit, Stabilität und Menschenrechte auf
der Welt gefährdet.

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Florian Hahn [CDU/CSU]: Sie haben diesen Kurswechsel eingeleitet?)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803614500

Vielen Dank. – Nächster Redner ist der Kollege

Rainer Arnold, SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)


Rainer Arnold (SPD):
Rede ID: ID1803614600

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Es ist inzwischen schon ein Ritual bei den Linken: vor
jeder Wahl ein vermeintlicher Skandal.


(Christine Buchholz [DIE LINKE]: Sie liefern ja auch genug Anlass!)


Was bietet sich da mehr an, als jedes Mal über Rüstungs-
exporte zu reden? Es ist klar: Das ist für Sie einfach. Sie
wollen keine bündnisfähigen deutschen Streitkräfte,
keine Rüstungswirtschaft und – Überraschung! – logi-
scherweise auch keine Exporte. Eine differenzierte au-
ßenpolitische Debatte mit Ihnen zu führen, ist leider nicht
möglich. Was Sie machen, ist Gedöns und Schwarz-Weiß-
Malerei.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Ich halte es da mit Willy Brandt, den Sie sonst gern
missbräuchlich zitieren. Er sagte zu Recht:

Ich glaube nicht, dass diejenigen Recht haben, die
meinen, Politik besteht darin, zwischen Schwarz
und Weiß zu wählen. Man muss sich auch häufig
zwischen den verschiedenen Schattierungen des
Grau hindurchfinden.


(Jörn Wunderlich [DIE LINKE]: Und Strauß hat gesagt: Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt, dem soll der Arm abfallen! Das war 1954!)


Genau so ist Politik, insbesondere die Außen- und
Sicherheitspolitik. Nur schwarz und weiß zu sehen, ist
einfach. Es gibt selbstverständlich Länder, in die wir ex-
portieren können, weil sie NATO-Staaten oder NATO-
gleichgestellte Länder sind. Es gibt aber auch eine Reihe
von Ländern, bei denen völlig ausgeschlossen ist, dass
wir dorthin exportieren.


(Dr. Frithjof Schmidt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Saudi-Arabien beispielsweise!)


Dazwischen gibt es einen Graubereich. Es ist unsere
Verantwortung, in diesem grauen Bereich genauer zu
schauen, ob die Rüstungsexportrichtlinien stringent ein-
gehalten werden,


(Inge Höger [DIE LINKE]: Tun Sie aber nicht!)


aber auch jeweils zu prüfen: Gibt es nicht auch sicher-
heitspolitische Interessen, die zu einer Entscheidung
führen? Zum Beispiel ist die Lieferung von Booten für
den Küstenschutz anders zu bewerten als die Lieferung
eines Waffensystems, mit dem der Staat die eigene Be-
völkerung direkt unterdrücken könnte. Diese Differen-
zierung muss auch in Zukunft möglich sein.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/ CSU)


Wir haben entsprechende Rüstungsexportrichtlinien
– übrigens unter Rot-Grün – geschaffen, und wir werden
jetzt diese Richtlinien noch einmal weiterentwickeln.
Allein dass die Bundesregierung unmittelbar nach Ent-
scheidungen berichten muss, wird dazu führen, dass die
Einhaltung der Richtlinien auch stringenter erfolgt.





Rainer Arnold


(A) (C)



(D)(B)


(Katja Keul [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hört! Hört!)


Die Bundesregierung ist in der Pflicht, zu berichten, das
heißt auch, zu erklären und zu begründen. Frau Kollegin
Höger, Sie sagen die Unwahrheit, wenn Sie sagen, Rüs-
tungsexporte geschähen im Verborgenen. – Das war schon
bisher nicht im Verborgenen;


(Inge Höger [DIE LINKE]: Ihr tagt doch immer geheim!)


die Information kam nur viel zu spät. Zukünftig wird in-
nerhalb von 14 Tagen informiert – wie es in einer ge-
wachsenen Demokratie mit ihren Regeln für Transpa-
renz angemessen ist.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Katja Keul [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Warum klatscht die Union eigentlich nicht?)


Liebe Kolleginnen und Kollegen von den Grünen, mit
den Forderungen, die Sie erheben, bedienen Sie Ihre
Stammwählerklientel. Das ist aber nur ein kleiner Teil
unserer Gesellschaft. Die Mehrheit in Deutschland will
Streitkräfte, und die Mehrheit in Deutschland will auch,
dass die Streitkräfte gut und vernünftig ausgestattet sind.

In unserem Koalitionsvertrag steht, dass eine strin-
gente Einhaltung der Rüstungsexportrichtlinien für uns
verbindlich ist. Ebenso haben wir aber auch eine Verant-
wortung – aus nationalen Sicherheitsinteressen – für un-
sere Rüstungswirtschaft. Die Ingenieure und die guten
Facharbeiter dort müssen sich nicht entschuldigen oder
rechtfertigen für das, was sie tun; wir brauchen sie. Wir
müssen gemeinsam mit der Wirtschaft auch darüber nach-
denken, wie man auf einer geringeren Basis – sie wird in
Zukunft nicht mehr so hoch sein – die Fähigkeiten bewah-
ren kann. Dabei geht es nicht um einfache Arbeitsplätze,
und es geht auch nicht um ökonomische Interessen – es
geht um nationale Sicherheitsinteressen. Wollen wir wirk-
lich – auch angesichts der aktuellen Debatte über Spio-
nage/NSA – im Bereich von Aufklärungssystemen, im
Bereich von Kommunikationselektronik, auch im Rüs-
tungsbereich am Ende so abhängig werden von den Ver-
einigten Staaten, wie wir es heute im Bereich Internet
sind? Hat das noch etwas mit nationaler Souveränität zu
tun? – Deshalb ist es richtig, dass wir uns unserer Ver-
antwortung für die Rüstungswirtschaft stellen.


(Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Deshalb liefern wir Panzer nach Saudi-Arabien?)


Wir wollen nicht zum Einkäufer von US-Produkten
werden. Konsequent einzuhalten, dass keine Waffensys-
teme, die zur Unterdrückung der eigenen Bevölkerung
genutzt werden können, in dubiose Staaten geliefert wer-
den, gleichzeitig aber in Absprache mit der Rüstungs-
wirtschaft für eine Grundauslastung zu sorgen, dies in
die Balance zu bringen, ist Aufgabe verantwortungsvol-
ler Politik.

Wenn ich einen Strich darunter ziehe – auch an die
Frau Kollegin Brugger gerichtet –, muss ich sagen: Es
wird in den nächsten Jahren häufiger als in den vergan-
genen vier Jahren auch Ablehnungen von beantragten
Exporten geben.


(Jan van Aken [DIE LINKE]: Ha, ha, ha! – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Das hoffe ich nicht! Es wäre sehr schlecht, wenn das so wäre! – Lachen bei der LINKEN)


– Herr Kollege Pfeiffer, wenn Sie jetzt hier diesen Zuruf
machen entgegen dem, was wir im Koalitionsvertrag
formuliert haben – dass die Exportrichtlinien stringent
einzuhalten sind –, dann ist das Ihr Bier und Ihre Ent-
scheidung. Wir lassen uns als Sozialdemokraten von Ih-
rem Zuruf hier nicht mit in Haftung nehmen.


(Beifall bei der SPD – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/ CSU]: Die werden stringent eingehalten!)


Wir werden Wert darauf legen, dass die Rüstungsexport-
richtlinien stringent eingehalten werden; das ist die eine
Seite.


(Florian Hahn [CDU/CSU]: Das bezweifelt gar keiner!)


Die andere Seite ist: Es wird natürlich auch in Zu-
kunft Genehmigungen für Exporte geben. Das Neue
wird sein: Die Bundesregierung kann sich nicht mehr
hinter dem geheim tagenden Bundessicherheitsrat ver-
stecken, sondern muss gegenüber dem Parlament erklä-
ren und begründen, wo die sicherheitspolitischen Inte-
ressen liegen. Damit das hier auch gesagt wird: Das ist
Aufgabe der gesamten Bundesregierung, aller derjeni-
gen, die im Bundessicherheitsrat sind, und das beginnt
bei der Verantwortlichen für den Bundessicherheitsrat,
nämlich bei der Bundeskanzlerin. Alle gemeinsam sind
zukünftig in der Erklärungspflicht.

Recht herzlichen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Sibylle Pfeiffer [CDU/CSU] – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Das hat sie auch bisher schon!)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803614700

Die Kollegin Julia Bartz hat für die CSU/CSU-Frak-

tion das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Julia Bartz (CSU):
Rede ID: ID1803614800

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Der Export ist ein wesentlicher Faktor für un-
seren Wohlstand.


(Inge Höger [DIE LINKE]: Aber nicht der Rüstungsexport!)


Das war aber nicht immer so. Gerade meine Heimat,
Bayern, war nach dem Krieg ein wirtschaftlich schwa-
ches und industriell rückständiges Agrarland. Der wirt-
schaftliche Aufstieg Bayerns war eng mit der Politik von
Franz Josef Strauß und insbesondere auch mit der An-
siedlung von Unternehmen aus dem Bereich der Luft-
und Raumfahrt sowie der Wehrtechnik verknüpft. Mit
Ariane und Airbus ist es gelungen, Hand in Hand mit
dem ehemaligen Erzfeind Frankreich einen Technologie-





Julia Bartz


(A) (C)



(D)(B)

konzern zu schaffen, dessen Flugzeuge mit denen der
Amerikaner in Wettbewerb treten konnten. Dies war
nicht nur ein industriepolitischer, sondern auch ein frie-
denspolitischer Meilenstein in der Geschichte Europas.


(Beifall bei der CDU/CSU – Zuruf des Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Noch gibt es in vielen Regionen Deutschlands solche
Zentren der Hochtechnologie. An ihnen hängen Zigtau-
sende Arbeitsplätze; derzeit sind es 80 000. Ein Ver-
gleich zwischen dem Wegfall dieser Arbeitsplätze und
dem Einzelschicksal der Schlecker-Frauen, nach dem
Motto: „Kann wegfallen, Pech gehabt“, wird weder den
außen- und sicherheitspolitischen noch den lokalen Aus-
wirkungen gerecht.


(Henning Otte [CDU/CSU]: Sehr richtig!)


Zum Export von Rüstungsgütern haben Ihre eigenen
Kollegen im Wolgaster Stadtrat schlüssig erklärt, warum
der – wörtlich – „Mega-Auftrag“ so wichtig ist. Ihre
Kollegen erkennen den Bau von 100 Patrouillenbooten
für Saudi-Arabien als Bereicherung für die Region an.
Der Export bringe – ich zitiere aus der Pressemitteilung
Ihrer Kollegen –

eine Perspektive für viele Familien in Wolgast und
Umgebung. … Auszubildende haben … wieder
eine Zukunft. Es lohnt sich, hierzubleiben.


(Beifall bei der CDU/CSU – Jörn Wunderlich [DIE LINKE]: In orthopädischen Betrieben!)


So viel zur regionalen Auswirkung von Rüstungsexpor-
ten.

Aber auch bei globaler Betrachtung liegt es in unse-
rem Interesse als einer der größten Handelsnationen der
Welt, weiterhin Rüstungsgüter herzustellen und auch zu
exportieren.

Natürlich ist jede Entscheidung über einen Rüstungs-
export eine delikate politische Entscheidung, aber auch
eine wichtige, die sowohl außen- und sicherheitspoliti-
sche als auch industriepolitische Fragen betrifft. Diesen
Fragen sollten wir uns stellen.

Welche Industriepolitik wollen wir im Rüstungsbe-
reich? Bleiben wir bei Saudi-Arabien. Wenn wir dieses
Land in unserer Außenpolitik trotz aller menschenrecht-
lichen Bedenken mit guten Gründen als stabilisierende
Kraft in der Region betrachten,


(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann müssten wir nicht alle Tassen im Schrank haben!)


dann empfiehlt es sich, auch einen guten Kontakt dorthin
zu pflegen. Wenn von dort Wünsche nach bestimmten
Waffensystemen geäußert werden, dann müssen wir
diese in der Gesamtschau unserer Außen- und Sicher-
heitspolitik betrachten, wie dies offensichtlich auch die
ehemalige rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder
mit Außenminister Joschka Fischer getan hat,


(Henning Otte [CDU/CSU]: Aha!)

bevor sie den Export von Tausenden Scharfschützenge-
wehren nach Saudi-Arabien genehmigt hat.


(Henning Otte [CDU/CSU]: Hört! Hört! – Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Ja, sag einmal: Was ist das denn? Das ist ja peinlich! – Gegenruf des Abg. Jörn Wunderlich [DIE LINKE]: Nicht peinlicher als Eure Geschäfte! Ihr tut nur so! Widerlich!)


Lassen Sie uns in dieser Debatte bitte ehrlich bleiben.
Wenn wir keine Rüstungsexporte wollen, dann müssen
wir auch den 80 000 Beschäftigten der Rüstungsbranche
sagen: Verlasst unser Land. – Unsere Partner im Ausland
rollen ihnen den roten Teppich aus; denn dort gibt es we-
niger bis gar keine Bedenken in Bezug auf Rüstungsex-
porte. Unsere Nachbar- und Partnerländer haben sogar
ganz im Gegenteil ein großes Interesse daran, unsere
qualitativ hochwertigen Produkte der deutschen Wehr-
technik zu bekommen.

Wir sollten uns also genau überlegen, was wir außen-
und sicherheitspolitisch, aber auch industriepolitisch
wollen – das sage ich in Richtung des Bundeswirt-
schaftsministeriums –: Wollen wir wirklich einen unwi-
derruflichen Abfluss von Kompetenz und hochqualifi-
zierten Arbeitskräften? Wollen wir uns wieder von der
Lieferung anderer Nationen abhängig machen? Wollen
wir einen Industriezweig, den wir uns mühsam über
Jahrzehnte aufgebaut haben, abschaffen?


(Christine Buchholz [DIE LINKE]: Ja!)


Wollen wir unsere technologische Spitzenstellung in die-
sem sicherheitsrelevanten Bereich aufgeben?


(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Deindustrialisierung Deutschlands!)


Oder wollen wir auch zukünftig in der Lage sein, mo-
dernstes Material und bestes Gerät zum Schutz unserer
Soldatinnen und Soldaten zu entwickeln?

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU – Niema Movassat [DIE LINKE]: Keine Einsätze sind der beste Schutz!)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803614900

Für die Fraktion Die Linke hat der Kollege Jan van

Aken das Wort.


(Beifall bei der LINKEN – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Lügenmärchen! – Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Jetzt kommt der Lügner der Nation!)



Jan van Aken (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803615000

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich

glaube, das Zitat des Tages kommt von Herrn Pfeiffer
von der CDU/CSU. Er hat gerade wörtlich gesagt:

Die Welt ist … kein Hort des Friedens. Wir leisten
unseren Beitrag dazu …

Recht hat er.





Jan van Aken


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: „Sie friedvoller zu machen“, habe ich gesagt! Lügenbaron!)


Wir leisten leider unseren Beitrag dazu: mit den milliar-
denschweren deutschen Rüstungsexporten.

Noch nie hat Deutschland so viele Waffen exportiert
wie unter der Kanzlerin Merkel. Frau Merkel ist die
Waffenkanzlerin.


(Widerspruch bei der CDU/CSU – Zuruf von der CDU/CSU: Der lügt, wenn er den Mund aufmacht!)


Aber sie ist wenigstens ehrlich. Die SPD dagegen ist un-
ehrlich. Herr Arnold hat sich hier gerade hingestellt und
gesagt: Wir haben beschlossen – das haben wir auch –,
dass innerhalb von 14 Tagen über solche Beschlüsse im
Bundessicherheitsrat informiert wird.


(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Sie bekommen gleich eine Antwort!)


Wissen Sie, wann der Bundessicherheitsrat das letzte
Mal getagt hat?


(Katja Keul [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Vor 14 Tagen!)


Vor 15 Tagen. Haben Sie gestern eine Information be-
kommen? Ich habe sie nicht bekommen und Sie auch
nicht.


(Rainer Arnold [SPD]: Der Beschluss kam aber erst am 8. Mai! – Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Das ist Irreführung, was Sie hier machen!)


Sie geben hier zwar immer Versprechen ab, aber Sie hal-
ten sie nie.


(Beifall bei der LINKEN – Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Es ist Ihr Geschäftsmodell, die Menschen zu vergackeiern!)


Das ist seit vier Monaten das Problem mit Herrn Gabriel.


(Dr. Michael Fuchs [CDU/CSU]: Der Lügenbaron der Nation!)


Ich persönlich habe ein halbes Dutzend Mal mit
Herrn Gabriel das Problem gehabt, dass er in der Öffent-
lichkeit irgendetwas sagt und hinterher praktisch genau
das Gegenteil macht. Ich will Ihnen nur einmal drei Bei-
spiele nennen.

Erstes Beispiel. Herr Gabriel hat mir am 30. Januar
2014 in aller Öffentlichkeit versprochen – ich zitiere –:


(Florian Hahn [CDU/CSU]: Er hat Ihnen gar nichts versprochen!)


Sie, Herr van Aken, bekommen „jede Information, die
zu erteilen ich bei der geltenden Rechtslage in der Lage
bin“. Was passiert? Gar nichts! Drei Monate lang gab es
keine Informationen über Rüstungsexporte. Wir mussten
erst mit einer Klage drohen. Herr Lammert – vielen
Dank noch einmal an ihn – hat ihn schriftlich darauf hin-
gewiesen, dass das, was er tut, verfassungswidrig ist.
Erst nach drei langen Monaten und viel Druck hat er die
Zahlen endlich herausgerückt. Sein Versprechen hier
war alles nur Gerede.


(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Unsinn!)


Zweites Beispiel. Im Wahlkampf hat er gesagt: Rüs-
tungsexporte in Länder, in denen Menschenrechte mas-
siv verletzt werden, lehnen wir ab. – Das können Sie
auch heute noch bei abgeordetenwatch.de nachlesen.
Was macht er, gerade Minister geworden, am 21. Januar
2014? Er genehmigt eine Bürgschaft in Höhe von
1,4 Milliarden Euro für über 100 Patrouillenboote und
andere Schiffe für Saudi-Arabien. Was ist denn das, bitte
sehr? Das ist doch ein Rüstungsexport, wie er gesagt hat,
in ein Land, das Menschenrechte massiv verletzt. Im
Wahlkampf das eine sagen und dann, sobald er Minister
ist, genau das Gegenteil tun, das ist eine Sauerei.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Rainer Arnold [SPD]: Das ist sicherheitspolitisch erklärbar!)


Drittes Beispiel. In der Bild-Zeitung vom Sonntag
war ein Interview mit Gabriel zu lesen. Da sagt er wört-
lich: „Deutschland muss seine Waffenexporte sehr res-
triktiv handhaben …“ – Richtig! Was lese ich am glei-
chen Tag, also am letzten Sonntag, im Spiegel? Unter
Sigmar Gabriel wurden in den ersten vier Monaten die-
ses Jahres bereits Rüstungsexporte für 1,1 Milliarden
Euro genehmigt. – Das ist nicht restriktiv, das ist aus-
ufernd. Gerade den Export von Waffen in Drittländer hat
er sogar gesteigert. Gabriel hat mehr Rüstungsexporte in
Drittländer genehmigt als die Vorgängerregierung.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Quatsch! Weniger als im Vorjahr!)


Es ist so peinlich, wenn Sie jetzt hier behaupten, das
seien alles noch Entscheidungen der Vorgängerregie-
rung. Frau Brugger hat gesagt: Lesen Sie § 7 Absatz 1
des Kriegswaffenkontrollgesetzes. Da steht ausdrücklich
– ich zitiere –: „Die Genehmigung kann jederzeit wider-
rufen werden.“ – Herr Gabriel hätte das also tun können,
er hat sich aber nicht getraut. Es war seine Entscheidung.
Es spricht auch Bände, dass er heute nicht hier sitzt,


(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Weil er krank ist, Sie unverschämter Lümmel! Der Mann ist krank!)


weil er genau weiß, dass er in der Öffentlichkeit immer
das Gegenteil von dem sagt, was er macht.


(Beifall bei der LINKEN – Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Nehmen Sie das zurück! Das ist unverschämt!)


Ich muss ehrlich sagen: Ich vermute, niemand hier im
Bundestag, außer Herrn Pfeiffer, vermisst die FDP, ich
ganz besonders nicht. Aber ich finde es ganz unlauter
von Herrn Gabriel, dass er jetzt die Verantwortung für
seine eigenen Rüstungsexportentscheidungen Herrn
Rösler in die Schuhe schiebt. So funktioniert das nicht.





Jan van Aken


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Mein Eindruck von der SPD und von Herrn Gabriel
ist: Immer, wenn irgendwo eine Fernsehkamera in der
Nähe ist, ist er der totale Kritiker von allen Waffenexpor-
ten. Kaum ist die Kamera aus, winkt er alle Rüstungsex-
porte durch, auch nach Saudi-Arabien, auch an Men-
schenrechtsverletzer. Dafür sind Sie mitverantwortlich.


(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Sie sind perfide! – Dr. Joachim Pfeiffer [CDU/CSU]: Er ist ein Lügner!)


Ich wünsche mir ganz ernsthaft, dass ich mich irre.
Sie haben dazwischengerufen: Das ist perfide! Das ist
eine Unterstellung! – Ich lasse mich gern überzeugen,
dass Sie die Exporte von Kleinwaffen tatsächlich verbie-
ten lassen wollen.


(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Hören Sie gleich mal zu!)


Ich lasse mich gern davon überzeugen, dass Sie wirklich
keine Waffenfabriken mehr exportieren wollen. Aber
dann tun Sie es endlich. Das ist überaus notwendig; denn
unter dieser Kanzlerin, mit der Sie gerade koalieren,
wurden im letzten Jahr zum Beispiel Kleinwaffen für
135 Millionen Euro in alle Welt exportiert. 135 Millio-
nen Euro! Wenn ich mir vorstelle, dass jetzt in dieser
Minute irgendwo in Syrien, in Libyen oder Mali ein
Mensch mit einer deutschen Waffe erschossen wird,
dann finde ich das grauenvoll.


(Beifall bei der LINKEN)


Das ist wahrscheinlich der Moment, wo die Damen
und Herren von der CDU/CSU wieder aufstöhnen und
einfordern, man möge doch diese Debatte nicht so emo-
tional führen.


(Henning Otte [CDU/CSU]: Behaupten Sie nicht einfach Dinge, die nicht stimmen!)


Doch, ich finde, sie muss emotional geführt werden. Es
geht hier nicht um Kühlschränke. Es geht hier auch nicht
um Nähmaschinen. Es geht um Waffen! Es geht um Tod,
um Vergewaltigung, um Vertreibung und um Krieg und
um nichts anderes! Eine solche Debatte führe ich emo-
tional.


(Beifall bei der LINKEN)


Ich kann nicht kalt bleiben, wenn ich mir vorstelle, wie
viele Tausende und Zehntausende Menschen in den
nächsten Jahren von den Waffen getötet werden, die Sie
heute exportieren. Ich finde es beschämend, dass solche
Pfeiffer wie Sie von der CDU überhaupt keine Emotio-
nen mehr zeigen, wenn mit Ihren Exporten gemordet
wird.

Ich danke Ihnen.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803615100

Der Kollege Hubertus Heil hat für die SPD-Fraktion

das Wort.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Hubertus Heil (SPD):
Rede ID: ID1803615200

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und

Herren! Ich finde, das Thema Rüstungsexporte verdient
weder Naivität noch Zynismus, und ich sage das hier in
unterschiedliche Richtungen. Sie sollten sich die Fähig-
keit aneignen, in einer Demokratie zu differenzieren,
Herr van Aken. Ich habe mich so echauffiert, weil Sie
Herrn Gabriel angegriffen haben, weil er heute nicht an-
wesend ist. Er ist krank.


(Jan van Aken [DIE LINKE]: Gute Besserung! – Inge Höger [DIE LINKE]: Woher sollen wir das wissen? – Gegenruf des Abg. Dr. Rolf Mützenich [SPD]: Das wusste die Fraktionsführung!)


Das passiert schon einmal im Leben. Das zu skandalisie-
ren, sagt auch etwas über Ihren Charakter, finde ich.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Aber dabei bleibt es nicht stehen. Es geht nicht nur
um die Frage: fehlende Differenzierung oder Naivität?
Vor allem geht es nicht an, mit Desinformation oder Irre-
führung zu arbeiten.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Das will ich anhand von ein paar Punkten belegen, Herr
van Aken.

Tatsache ist: Deutschland ist ein Standort für Wehr-
und Sicherheitstechnik. Tatsache ist auch: 80 000 Men-
schen – das ist schon erwähnt worden – arbeiten in die-
ser Industrie, die sehr stark exportabhängig ist.


(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Fachkräftemangel!)


– Hören Sie einfach einen Moment zu, bevor Sie sich so
ausgiebig ausbrüllen!

Es ist uns aber nicht egal, wohin Kriegswaffen expor-
tiert werden. Das ist der Unterschied. Sie fordern auf
Wahlplakaten – das ist Ihre Position und an Schlichtheit
nicht zu überbieten –: „Rüstungs-Exporte verbieten! Die
Linke.“


(Jan van Aken [DIE LINKE]: Sie unverschämter Lümmel, Sie!)


– Das habe ich gerufen, weil ich es unverschämt finde,
wie Sie mit der Krankheit eines Ministers umgehen. Sie
sollten sich schämen, solche Reden zu halten.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Ihnen ist die kurzfristige Pointe wichtiger als die Wahr-
heit, Herr van Aken. Sie sagen – das sind sachliche Un-
terschiede –, Sie wollen Exporte verbieten. Wir sagen:
Wir wollen Exporte nicht verbieten, sondern wir wollen,
dass restriktiv entschieden wird, wohin exportiert wird.





Hubertus Heil (Peine)



(A) (C)



(D)(B)


(Inge Höger [DIE LINKE]: Das vermissen wir aber!)


Die neue Bundesregierung liefert ein Instrument, das
der deutschen Öffentlichkeit und diesem Parlament hel-
fen wird, eine restriktivere Rüstungsexportpolitik zu be-
treiben.


(Inge Höger [DIE LINKE]: Davon merken wir aber nichts!)


Das sage ich, weil Sie an dieser Stelle die Tatsachen be-
wusst verdreht haben, Herr van Aken. Es ist jemandem,
der schließlich nicht ganz blöd ist, aus meiner Sicht nicht
als Naivität anzurechnen, sondern es ist tatsächlich per-
fide, wenn Sie so tun, als würden wir uns nicht an das
halten, was wir als Bundestag beschlossen haben.

Der Deutsche Bundestag hat am 8. Mai einen Be-
schluss gefasst. Das heißt, die 14-Tage-Frist läuft noch.
Sie wissen, dass für die erstmalige Anwendung der
Transparenzregeln die Geschäftsordnung des Bundessi-
cherheitsrates geändert wird. Das passiert gerade. Wir
werden also in den nächsten Tagen das bekommen, was
wir gefordert und durchgesetzt haben, nämlich dass statt
Geheimdokumenten und Geheimniskrämerei dieses Par-
laments nach Rüstungsexportentscheidungen eine Doku-
mentation erfolgt.

Danach kann man ernsthafte Debatten darüber führen,
ob Rüstungsexportrichtlinien eingehalten oder verletzt
wurden. Ihnen geht es aber nicht darum, ob Rüstungs-
exportrichtlinien eingehalten oder verletzt werden. Ihr
Geschäftsmodell ist die Skandalisierung. Mit unserer
Transparenz werden wir das kaputtmachen. Vielleicht
sind Sie deshalb so sauer.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich will auf die Frage eingehen, die Sie in den Raum
gestellt haben: Ja, es ist richtig, dass Rüstungsexporte
stattgefunden haben, und zwar aufgrund von völker-
rechtlichen Verträgen, die die Vorgängerregierung abge-
schlossen hat. Um einen Posten zu nennen, den Sie auch
kennen: Der größte Posten, um den es geht, sind Export-
genehmigungen mit einem Volumen von über 191 Mil-
lionen Euro für Exporte nach Singapur. Dabei handelt es
sich um eine Bundeswehrabgabe. Das sind völkerrechtli-
che Verträge, aus denen man nicht einfach aussteigen
kann.

Aber ich sage auch – Kollege Arnold hat das ange-
deutet; darin unterscheiden wir uns, Herr Pfeiffer, falls
es Ihnen nicht passt –: Für uns ist Rüstungsexportpolitik
keine Wirtschaftspolitik, sondern Sicherheitspolitik.
Deshalb werden wir in puncto Transparenz den Druck
auf Entscheidungsträger, wer auch immer eine Bundes-
regierung stellen wird, für eine restriktive Exportpolitik
verstärken. Das wird mutmaßlich dazu führen, dass die-
ses Land weniger exportieren wird als in den letzten Jah-
ren.

Sie können das anhand von Zahlen nachvollziehen. In
den ersten Monaten dieses Jahres – auch das verschwei-
gen Sie wider besseres Wissens, Herr van Aken – haben
weniger Rüstungsexporte als im Vorjahr stattgefunden.
Das werden Ihnen die Berichte deutlich machen.


(Jan van Aken [DIE LINKE]: Und die Drittländer?)


– Ja, wir werden über die Drittländer differenziert reden
müssen. Es gibt welche, in die Exporte nicht möglich
sind, und andere, in die exportiert werden kann, weil es
dort ein stabiles System gibt und die Menschenrechte
nicht verletzt werden.


(Jan van Aken [DIE LINKE]: Saudi-Arabien ist doch dabei!)


Es gibt zudem sicherheitspolitische Interessen. Ich sage
Ihnen an dieser Stelle: Es ist schon ein Unterschied, ob
Sie Panzer oder Patrouillenboote in ein Land exportie-
ren. Panzer lassen sich möglicherweise gegen die Bevöl-
kerung einsetzen. Deshalb haben wir das bei der Vorgän-
gerregierung zu Recht kritisiert. Bei Patrouillenbooten
geht es zum Beispiel um den Schutz von Küsten und
Bohrinseln.

Sie geben die Fähigkeit zur Differenzierung auf, nur
weil Sie sich davon billige Vorteile im Wahlkampf ver-
sprechen. Ihnen geht diese Fähigkeit ab. Das ist nicht gut
für die Demokratie. Deshalb sind Sie nicht politikfähig.
Mit den Grünen streite ich mich gerne darüber, ob die
Richtlinien, die wir gemeinsam erarbeitet haben, einge-
halten werden oder nicht. Darüber können wir dem-
nächst auf der Basis von Fakten und mehr Transparenz
in diesem Haus strittig diskutieren. Aber ich habe eine
Differenzierung bei den Grünen festgestellt. Sie sind
nicht für ein Verbot von Rüstungsexporten. Jedenfalls
habe ich nichts Entsprechendes gelesen. Aber Sie spre-
chen sich für ein solches Verbot aus. Eine Differenzie-
rung ist Ihnen völlig egal. Sie versuchen, Sozialdemo-
kraten in Regierungsverantwortung als Feindbild zu
kultivieren. Aber das wird Ihnen nicht gelingen.

Es geht um die Verantwortung für die Sicherheit nicht
nur in diesem Land, sondern auf der ganzen Welt. Dazu
trägt auch die restriktive Handhabung unserer Richtli-
nien bei. Wir werden mit noch nie da gewesener Trans-
parenz dafür sorgen, dass wir nicht in Länder exportie-
ren werden, in denen die Bevölkerung unterdrückt wird.
Hier geht es um Leben und Tod. Als Wirtschaftspolitiker
sage ich ganz bewusst: Das ist nicht eine rein ökonomi-
sche, sondern eine ethische Frage. Die Fähigkeit zur Dif-
ferenzierung wünsche ich Ihnen und allen anderen in
diesem Haus. Das ist in einer tatsächlich schwierigen Si-
tuation angemessen. Ich bin froh, dass der Kollege
Arnold darauf hingewiesen hat, dass das Leben nicht nur
schwarz oder weiß, sondern manchmal auch grau ist.
Das werden wir mit mehr Transparenz ausleuchten.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803615300

Die Kollegin Katja Keul hat für die Fraktion Bünd-

nis 90/Die Grünen das Wort.






(A) (C)



(D)(B)


Katja Keul (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803615400

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Zunächst einmal zum aktuellen Anlass für
diese Debatte. Nach eigenen Angaben hat Wirtschafts-
minister Gabriel seit dem 1. Januar 2014 für über 1 Mil-
liarde Euro Rüstungsexporte genehmigt. Über 50 Pro-
zent dieser Genehmigungen wurden für Exporte an
Staaten außerhalb von NATO und EU erteilt, an soge-
nannte Drittstaaten, an die nach den Grundsätzen der
Bundesregierung eigentlich gar nicht geliefert werden
dürfte. Diesen Trend haben wir seit Jahren gemeinsam
mit der SPD-Fraktion immer wieder kritisiert, während
die Union es einfach geleugnet hat.

Jetzt beruft sich Herr Gabriel darauf, dass er wegen
rechtlich verbindlicher Exportzusagen aus den vorange-
gangenen Jahren nicht anders konnte. Was genau meint
er damit eigentlich? Die von uns vermuteten Vorbe-
scheide sollen es angeblich nicht sein; denn diese seien
ja so unverbindlich, dass man das Parlament darüber gar
nicht informieren müsse, so jedenfalls die Verteidi-
gungslinie der Bundesregierung vor dem Bundesverfas-
sungsgericht, wo die Kollegen Ströbele und Roth mit
mir ihre parlamentarischen Auskunftsrechte einklagen.
In Karlsruhe ließ diese Regierung verlauten, Vorbe-
scheide seien unbedingt geheim zu halten, weil die Wil-
lensbildung der Regierung damit gar nicht abgeschlos-
sen sei. Aha! Das dürfte gerade die Industrievertreter
ziemlich überrascht haben, die sich seit jeher auf die
Vorbescheide verlassen und noch nie enttäuscht wurden.
Aber darum soll es jetzt angeblich nicht gehen. Stattdes-
sen soll es sich um Bestätigungen von Genehmigungen
aus früheren Jahren handeln. Also bitte! Ein bisschen
ernster könnten Sie die Opposition schon nehmen. Was
wir hier machen, unterliegt zwar dem Diskontinuitäts-
prinzip. Aber nur weil Bundestagswahlen waren, brau-
chen nicht alle Exportgenehmigungen neu bestätigt zu
werden.

Könnte es eventuell sein, dass es hier um das zeitliche
Auseinanderklaffen von Genehmigungen nach dem
Kriegswaffenkontrollgesetz und dem Außenwirtschafts-
gesetz geht? Das wiederum hieße, dass Sie uns seit Jah-
ren die abschließenden Genehmigungen nach dem
Kriegswaffenkontrollgesetz in den Exportberichten un-
terschlagen hätten und die Berichte also noch weniger
aussagekräftig waren, als wir es ohnehin beklagt haben.


(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hört! Hört!)


Ich wundere mich schon die ganze Zeit, wo die
1,8 Milliarden Euro für die Leopard-Panzer an Katar
geblieben sind, die Anfang letzten Jahres genehmigt
wurden. Diese tauchen in Ihren Antworten zu 2013 ko-
mischerweise gar nicht auf. Wenn ich mir die Erklä-
rungsversuche von Herrn Gabriel in der Presse dazu an-
sehe, dann habe ich den Eindruck: Der Minister selbst
hat es noch nicht so richtig durchdrungen. Das ist dann
wirklich der Gipfel der Intransparenz, wenn der Minister
selbst nicht mehr durchblickt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Wir zählen also eins und eins zusammen und stellen
fest: Die Regierung entscheidet verbindlich über einen
Waffenexport, indem sie eine Kriegswaffenkontrollge-
nehmigung erteilt. Wann sie aber diese Genehmigung
veröffentlicht, kann sie selbst steuern, indem sie die Ge-
nehmigung nach dem Außenwirtschaftsgesetz, die letzt-
lich reine Formsache ist, willkürlich in andere Jahres-
zeiträume legt. Mit Transparenz hat das nun wirklich gar
nichts mehr zu tun.

Wenn mich aber nicht alles täuscht, dann ist heute ein
historischer Tag; denn heute sind 14 Tage seit der ersten
Sitzung des Bundessicherheitsrates vergangen, und wir
erwarten die groß versprochene und angekündigte Mit-
teilung über die in dieser Sitzung erteilten Genehmigun-
gen. Von irgendwelchen Differenzierungen zwischen
diversen Genehmigungsgrundlagen war bei Ihrem groß-
artigen Beschluss aus der letzten Sitzungswoche nicht
die Rede. Ich lese Ihnen diesen vor, in dem die Bundes-
regierung aufgefordert wird – Zitat –: „den Deutschen
Bundestag über abschließende Genehmigungsentschei-
dungen des Bundessicherheitsrates unverzüglich …,
spätestens zwei Wochen nach Tagung des Bundessicher-
heitsrates zu unterrichten“.


(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Kommt ja auch!)


Jede abschließende Genehmigungsentscheidung!


(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Vorbereitender Ausschuss!)


– Wir nehmen Sie beim Wort, Herr Heil.

Wo wir schon bei Ihren Ankündigungen sind: Die
Ausfuhrkontrolle in Bezug auf Überwachungstechnolo-
gie ist in der Tat überfällig. Nachdem die Vorgängerre-
gierung nicht nur unsere grünen Anträge hier im Bun-
destag, sondern auch die Initiativen im Europäischen
Parlament ausgebremst hatte, haben sich nun zahlreiche
Staaten im Rahmen des Wassenaar-Abkommens auf die
Aufnahme dieser Technologie in die entsprechende Ver-
botsliste geeinigt. Mit anderen Worten: Deutschland
kommt ohnehin nicht umhin, hier tätig zu werden. Der
Versuch, sich als Vorreiter zu zelebrieren, ist auch hier
nicht wirklich gelungen.

Manchmal läuft es auch wirklich doof, Herr Heil. Ge-
rade jetzt, da Sie zwangsweise Exportgenehmigungen
von über 1 Milliarde Euro bestätigen müssen, kommt
auch noch heraus, dass zwei ehemalige SPD-Abgeord-
nete 5 Millionen Euro vom deutschen Panzerhersteller
Krauss-Maffei Wegmann erhalten haben, weil sie sich so
gut in Südosteuropa auskennen.


(Rainer Arnold [SPD]: Ich kenne die beiden überhaupt nicht! – Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Können Sie meine ganze Partei dafür in Verantwortung nehmen?)


Die haben das mit der parlamentarischen Kontrolle of-
fensichtlich etwas missverstanden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Finden Sie es fair, mir das persönlich zuzurechnen?)






Katja Keul


(A) (C)



(D)(B)

– Nein, ich hatte Sie nur angesprochen, weil Sie gerade
in ein Gespräch vertieft waren, und ich wollte nicht, dass
Sie die Pointe verpassen.


(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Ich kann mehrfach hören!)


Was nützt es, Griechenland wegen Korruption anzu-
prangern, wenn genau diese Korruption von deutschen
Waffenherstellern genutzt wurde und Griechenland noch
2010 neben Portugal größter Abnehmer deutscher Rüs-
tungsgüter gewesen ist?


(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Da haben Sie recht!)


Das war zu einem Zeitpunkt, als wir hier im Bundestag
schon über erste Rettungspakete diskutiert haben. Das
macht die deutschen Ratgeber in Europa nicht glaubwür-
diger.

Ich sage Ihnen, was gegen Korruption wirklich hilft:
Transparenz, und zwar hier und in Griechenland. Haben
Sie endlich den Mut, Ihre Entscheidungen auf den Tisch
zu legen und uns gegenüber zu begründen. Dann haben
wir endlich die Gelegenheit, Sie davon zu überzeugen,
dass Ihre Begründung nicht trägt. Am Ende werden wir
uns dann hoffentlich doch noch einig: Deutsche Kriegs-
waffen haben in Drittstaaten nichts zu suchen.

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803615500

Das Wort hat der Kollege Helmut Nowak für die

CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Helmut Nowak (CDU):
Rede ID: ID1803615600

Frau Präsidentin! Sehr verehrte Kolleginnen und Kol-

legen! Der Export von Sicherheits- und Verteidigungs-
dingen


(Inge Höger [DIE LINKE]: Waffen sind das!)


– auch – ist in Deutschland nicht verboten, er ist aber
streng reglementiert. Beides ist absolut richtig.

Im Vergleich zu anderen Ländern, auch und gerade im
transatlantischen Bündnis, haben wir uns für klar defi-
nierte Hürden bei der Genehmigung und bei der Kon-
trolle von Rüstungsexporten ausgesprochen. Dazu
wurde heute schon sehr viel erzählt; seit vielen Wochen
geht das so. Klar ist aber auch, dass die Existenz einer
wirksamen Landesverteidigung essenziell für die natio-
nale Souveränität eines Staates ist.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Hierzu gehören auch das Vorhalten und die Weiterent-
wicklung technologischer Fähigkeiten. Wo die Fähigkei-
ten und das Potenzial zu wirksamer Verteidigung fehlen,
entwickelt sich schnell ein machtpolitisches Vakuum,
und das könnte durchaus Begehrlichkeiten wecken. Das
tut es offenbar auch. Wer vor dieser Tatsache die Augen
verschließt, dem sei gerade in diesen Tagen dringend an-
geraten, einmal einen Blick auf unsere Freunde und
Nachbarn in Osteuropa zu richten.

Aber einmal angenommen, wir würden uns dem An-
sinnen der Linken tatsächlich anschließen und sämtliche
Rüstungsexporte verbieten: Was würde das bringen? Ich
bin mir sicher: Es würde kein Krieg dadurch verhindert
werden. Möglicherweise gäbe es eher mehr Kriege. Die
Folge wäre lediglich, dass unsere Exporte dann von an-
deren Ländern übernommen würden, deren Kontrollen
möglicherweise geringer sind als bei uns. Deutsche Rüs-
tungsexporte, insbesondere in Drittländer, unterliegen
der restriktivsten Genehmigungspraxis, die bis hin zum
letztendlichen Verbleib der Rüstungsgüter, also die Zeit
nach der Nutzung, alles penibel und transparent regelt.
Ein generelles Exportverbot würde lediglich einen riesi-
gen Verlust an wirksamer Kontrolle mit sich bringen,
aber unsere Sicherheit ganz klar nicht erhöhen.

Bis vor wenigen Wochen hatten wir hier in Mitteleu-
ropa eine bewaffnete Auseinandersetzung unter Nachbarn
in unserer Nähe noch für kaum denkbar gehalten. Wir
wurden eines Besseren – oder besser: eines Schlechteren –
belehrt. Kann man also Ländern, insbesondere NATO-
Mitgliedern, verwehren, ihre Landesgrenzen auch mit
deutscher Technologie zu sichern und das Leben und das
Hab und Gut der eigenen Bevölkerung zu schützen? Ist es
darüber hinaus redlich, beispielsweise Soldaten anderer
Nationen auszubilden, ihnen unsere Werte zu vermitteln,
wenn man sich anschließend aber weigert, sie mit den
Waffen auszurüsten, die sie brauchen, um sich entspre-
chend zu verhalten? Ich denke da an Afghanistan und an
Afrika, wo wir mittlerweile sehr engagiert sind.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die negativen Folgen
eines generellen Verbotes von Rüstungsexporten träfen
– darüber sollten wir uns, glaube ich, im Klaren sein – uns
in erster Linie selbst. Zum einen haben wir als Deutsche
ein vitales Interesse daran, dass beispielsweise die für uns
so wichtigen internationalen See- und Handelswege gesi-
chert und geschützt werden. Wir haben natürlich auch ein
Interesse daran, dass der Terrorismus bekämpft wird. Das
heißt, dass wir Staaten, die sich zur Terrorismusbekämp-
fung bekennen, dazu aus eigener Kraft aber nicht in der
Lage sind, mit Waffen beliefern müssen. Zum anderen be-
nötigen wir den Export von Rüstungsgütern, um unsere
eigene Rüstungs- und Verteidigungsindustrie, die nach
wie vor zu den leistungsfähigsten der Welt gehört, auf die-
sem Niveau zu halten. Auch das ist letztendlich ein Aus-
druck der von mir erwähnten Souveränität.

Ein generelles Ausfuhrverbot deutscher Sicherheits-
produkte würde in vielen Fällen das Ende von Entwick-
lung und Produktion von Sicherheitsgütern in Deutsch-
land bedeuten. Als Ergebnis stünde der Verlust von
Zehntausenden von Arbeitsplätzen fest, wie hier heute
schon mehrfach gesagt wurde. Viel bedeutender aller-
dings wäre, dass unser Land damit vollständig abhängig
von Importen wird und dass wir damit die Kontrolle über
unsere eigene nationale Sicherheit verlieren würden. Das
kann nicht das Ziel einer verantwortungsvollen Außen-





Helmut Nowak


(A) (C)



(D)(B)

und Sicherheitspolitik sein. Es ist jedenfalls nicht das
Ziel der Großen Koalition.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die deutsche Rüstungsexportpolitik war immer eine
Politik der Selbstbeschränkung. Diese Standards europa-
weit, bündnisweit und letztendlich international durch-
zusetzen, das sollte das Ziel unserer Politik sein, aber
doch nicht ein Verbot von Exporten, welches unsere auf
Transparenz und Nachvollziehbarkeit aufbauende Poli-
tik konterkarieren, ganze Industriebereiche und deren
Arbeitsplätze vernichten würde und am Ende uns selbst
in eine fatale Abhängigkeit brächte. Daher ein klares Ja
zu der klugen und verantwortungsvollen Rüstungsex-
portpolitik aller Bundesregierungen seit Bestehen der
Republik und ein klares Nein zu dem Ansinnen der Lin-
ken.

Ich danke Ihnen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803615700

Kollege Nowak, das war Ihre erste Rede im Deut-

schen Bundestag. Ich denke, ich spreche im Namen des
gesamten Hauses, wenn ich Ihnen alles Gute für die wei-
tere Arbeit hier im Bundestag wünsche.


(Beifall)


Das Wort hat der Kollege Klaus Barthel für die SPD-
Fraktion.


Klaus Barthel (SPD):
Rede ID: ID1803615800

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe

Kolleginnen und Kollegen! In einem Teil der Medien,
aber auch in dieser Debatte gibt es die Tendenz, Politik
dadurch schlechtzumachen, dass man alles mit allem ver-
mischt, dass man versucht, Glaubwürdigkeit systematisch
zu untergraben, Unterschiede zu nivellieren und damit so
zu tun, als wären alle gleich, nach dem Motto „Hau drauf!
Am besten geht man nicht zur Wahl“. Ihnen von den Lin-
ken sage ich: Von dieser Art von Politik werden auch Sie
nicht profitieren. Denn das, was Sie als Alternative anbie-
ten – einen sofortigen Waffenexportstopp –, lässt sich
nicht von heute auf morgen umsetzen; das weiß jedes
Kind. Hören Sie deswegen auf, hier auf diese Art und
Weise zu diskutieren.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/ CSU)


Wir lesen – Ähnliches hörten wir auch in dieser De-
batte –: „SPD-Politiker kassierten bei Panzer-Deal“, „Und
dann hat die SPD noch ihren ganz eigenen Rüstungsskan-
dal …“ – Das wird sowohl in den Reden der Linken als
auch in den Zeitungen vermischt – das muss man sich ein-
mal vorstellen – mit der Debatte über mehr Transparenz
bei Rüstungsexporten heute und mit dem, was Sigmar
Gabriel als Vizekanzler und Wirtschaftsminister an Um-
steuerung in Rüstungsfragen durchzuführen versucht. Es
ist unglaublich, was hier passiert. Man muss sich einmal
überlegen, worum es da geht. Ich bin der Letzte, der ir-
gendwelche Machenschaften rechtfertigt. Es ist so: Die
beiden, um die es geht, haben diesem Haus bis 1990 bzw.
1994 angehört. Das ist 20 Jahre und mehr her. Es heißt im-
mer „SPD-Politiker“. Ab diesem Zeitpunkt waren sie
keine SPD-Politiker mehr, sondern höchstens Ex-SPD-
Politiker.


(Beifall bei der SPD)


Ihre Geschäfte haben drei Jahre, vier Jahre, fünf Jahre
später angefangen, und die Kohle haben sie noch später
gekriegt. Das heißt, sie hatten zu dem Zeitpunkt kein
Mandat von dieser Partei, kein Mandat im Deutschen
Bundestag. Ich frage mich: Was hat das, verdammt noch
mal, mit dieser Diskussion über Rüstungsexporte heute
zu tun?


(Beifall bei der SPD – Wolfgang Hellmich [SPD]: Reine Agitation!)


Allein schon dass Sie heute diese Aktuelle Stunde
machen können, beruht doch darauf,


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Dass wir im Parlament sind und eine beantragen können!)


dass sich etwas geändert hat. Wann hatten wir es denn
schon einmal, dass eine Bundesregierung vier Monate
nach ihrer Amtsaufnahme Beschlüsse über mehr Trans-
parenz in diesem Bereich gefasst hat und Sie solche Ant-
worten bekommen, auf denen Sie Ihre Debatte über-
haupt erst aufbauen können? Das konnten Sie bisher
noch nie.


(Zuruf des Abg. Jan van Aken [DIE LINKE])


Allein das ist schon Ausdruck von Veränderung.

Zeitnahe Unterrichtung, mehr Transparenz: Der erste
Rüstungsexportbericht kommt im Juni und nicht erst im
nächsten Jahr. Es wird Halbjahresberichte geben usw.
usf. Wir können heute darüber diskutieren, dass wir in
den nächsten Tagen sehen werden, was wirklich passiert.

Alle, die sich mit Rüstungsexporten beschäftigen,
wissen ganz genau, welche Vorläufe und Nachläufe es
gibt und dass man nicht nach vier Monaten beurteilen
kann, ob sich in der Rüstungsexportpolitik einer Bundes-
regierung etwas geändert hat; das ist doch absolut lä-
cherlich.


(Beifall bei der SPD)


Wie oft haben wir uns denn, liebe Kollegen von den
Grünen, von den Schwarz-Gelben anhören müssen, dass
die Exporte noch auf Schröder und die Grünen zurück-
gehen? So kann man hier nicht diskutieren. Man muss
dafür kämpfen, dass die Rüstungsexportrichtlinien wirk-
lich eingehalten werden.

Dass wir dazu zurückkehren, sie ernst nehmen, hat
der Bundeswirtschaftsminister zugesagt. Dass das nicht
Teil der Wirtschaftspolitik ist, hat der Bundeswirt-
schaftsminister zugesagt. Insofern, liebe Kollegin Bartz,
argumentieren Sie hier an der Sache und an den Grund-
lagen der Entscheidung vorbei, auf die wir uns gemein-
sam beziehen. Er hat gesagt: Die Spähsoftware, die
Überwachungstechnologie muss einbezogen werden
– lange eine gemeinsame Forderung –, und wir wollen
das bei den Kleinwaffen und Gewehren in Zukunft viel





Klaus Barthel


(A) (C)



(D)(B)

genauer und restriktiver handhaben. Ich sage dazu: Wir
müssen auch bei dem Thema Endverbleibskontrolle et-
was tun; das ist klar; wir nehmen das sehr ernst.

Ich zitiere wieder die Presse: Gabriel blockiert Rüs-
tungsexporte. Die Kollegen Fuchs und Hahn warnen vor
Nachteilen für die deutschen Unternehmen. Die Kolle-
gen Pfeiffer und Uhl sehen keine Notwendigkeit, die
Rüstungsexporte noch sanfter anzufassen. Frau Bartz hat
dann noch mit Franz Josef Strauß angefangen. Es hieß,
Saudi-Arabien sei ein Stabilitätsanker und zu beliefern.
Vom verteidigungspolitischen Sprecher der CDU/CSU
hören wir, es gehe darum, linke Strömungen in der SPD
zu beruhigen; das sei ein Riesenschaden für die Außen-
politik. Wenn Sie – bei diesen Äußerungen! – so tun, als
hätte sich in der neuen Koalition nichts geändert und als
würde sich nichts ändern, dann leben Sie nicht auf dieser
Welt.


(Beifall bei der SPD)


Also: Wir folgen nicht irgendwelchen linken Strö-
mungen, sondern der Mehrheit der Bevölkerung, die we-
niger Rüstungsexporte will. Die Korrektur ist da. Die
Diskussion ist heute ganz anders möglich als früher. Sie
können sicher sein, dass wir Sozialdemokraten in dieser
Debatte für mehr Hellgrau sorgen werden.


(Beifall bei der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803615900

Der Kollege Henning Otte hat für die CDU/CSU-

Fraktion das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Henning Otte (CDU):
Rede ID: ID1803616000

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Man muss bei
dieser Debatte leider wirklich sagen: Man muss bei der
Fraktion Die Linke offensichtlich mal wieder bei Adam
und Eva anfangen: „Rüstung“ kommt von „Ausrüstung“.
So wie ein Handwerker einen Hammer und einen Nagel
braucht, so brauchen Soldaten und Polizisten Waffen,
um sich schützen bzw. wehren zu können, wenn sie an-
gegriffen werden. Wenn Sie ihnen diese verweigern wol-
len, dann müssen Sie das sagen. Aber wer sich von
Brandanschlägen linksextremistischer Kräfte gegen
Bundeswehreinrichtungen nicht distanziert, von dem
kann man in dieser Hinsicht nichts erwarten. Sie offen-
baren sich hier, meine Damen und Herren.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Anlässlich der Internationalen Luft- und Raumfahrt-
ausstellung gab es gestern einen Empfang, bei dem der
brandenburgische Ministerpräsident, Herr Dr. Woidke,
dargestellt hat, dass Deutschland ohne Bundeswehr und
ohne NATO heute nicht so gut dastehen würde. Wenn
man sich einmal anschaut, welche Hochtechnologiepro-
dukte dort ausgestellt werden, dann stellt man fest, dass
diese ein Beweis für Know-how und Kompetenz auf
Spitzenniveau sind. Bundeswehr, NATO, Frieden in Eu-
ropa und Spitzentechnologie haben etwas miteinander zu
tun. Das alles wollen wir als Union nicht aufgeben. Des-
wegen sagen wir: Wir müssen ermöglichen, dass Solda-
ten auch die notwendige Ausrüstung bekommen, weil
das Ausdruck von Stabilität und Sicherheit ist.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Mittlerweile ist es doch schon so, dass mittelständi-
sche Betriebe ihre Optik- und Aufklärungsprodukte
nicht mehr einbauen können. Dadurch sind 85 000 Ar-
beitsplätze gefährdet, unmittelbar sogar noch einmal
200 000. Deswegen ist es gut, dass unsere Technologien
auch in der Welt gefragt sind. Das ist ein Ausdruck von
Kompetenz.

Viel wichtiger, liebe Kolleginnen und Kollegen, aber
ist es, dass wir diese Ausrüstungskompetenz auch erhal-
ten, um sie weiterhin unseren Sicherheitskräften zur Ver-
fügung zu stellen. Ja, wir haben eine stabile Lage in Eu-
ropa, und wir reduzieren die Streitkräfte. Dadurch
werden weniger Rüstungsgüter abgenommen. Um aber
eine Grundauslastung zu erhalten, müssen wir es den
Unternehmen ermöglichen, sich andere Märkte zu er-
schließen. Das ist doch Ausdruck von sozialer Markt-
wirtschaft. Sie wollen dort Planwirtschaft an der Realität
vorbei. Ich sage als verteidigungspolitischer Sprecher:
Wir brauchen eine Rüstungstechnologie, weil sie Aus-
druck einer nationalen Sicherheitsvorsorge zum Schutz
unseres Landes, unserer Soldatinnen und Soldaten und
auch unserer Polizisten ist.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Wenn wir jetzt Anfragen aus den baltischen Staaten
oder aus Polen bekommen, weil man sich dort Sorgen
um die Sicherheit macht, dann sind wir in einer Partner-
schaft offen dafür und sagen: Wenn wir Güter haben, die
euch helfen, dann stellen wir diese auch zur
Verfügung. – Lassen Sie mich noch einmal sagen, dass
in Artikel 26 Absatz 2 des Grundgesetzes ganz klar gere-
gelt ist, dass Waffen „nur mit Genehmigung der Bundes-
regierung hergestellt, befördert oder in Verkehr gebracht
werden“ dürfen. Diesbezüglich wenden wir die unter
Rot-Grün 2005 eingeführten Richtlinien an. Der Rüs-
tungsexportbericht erscheint jetzt mindestens zweimal
jährlich. Handfeuerwaffen werden jetzt mit einer unaus-
löschbaren Kennzeichnung versehen.

Ich sage auch – da gebe ich dem Kollegen Arnold
recht –: Wir brauchen eine eigene wehrtechnische Indus-
trie. Wir haben schon bei den Browsern und bei der Soft-
wareentwicklung den Anschluss verloren, die jetzt in
den USA bzw. in Asien entwickelt werden. Wohin das
führen kann, sehen wir beim Thema NSA: dass nämlich
andere Systeme sich aufschalten, womöglich sogar un-
sere Systeme lahmlegen. Ich sage noch einmal: Wir
brauchen auch aus einem nationalen Sicherheitsbewusst-
sein eine eigene Ausrüstungsindustrie. Dafür stehen wir.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Rainer Arnold [SPD])


Export sichert auch Einflussmöglichkeiten, um mitzu-
bestimmen, wo etwas wie geregelt wird. Ich sage auch
einmal: Der Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren und
der Wegfall des Eisernen Vorhangs waren erst einmal
Ausdruck einer zivilen, friedlichen Bewegung der Men-





Henning Otte


(A) (C)



(D)(B)

schen. Das Ganze ist aber auch deswegen möglich gewe-
sen, weil sich zwei Systeme gegenüberstanden, die sich
nicht angegriffen hätten, weil es ein ausgewogenes Si-
cherheits- und Kräfteverhältnis gab.

Ich stelle fest, dass die Fraktion Die Linke hier wieder
einmal einen Tanz vollzieht, dass Menschen beunruhigt
und verängstigt werden, dass man versucht, Sicherheits-
lagen zu destabilisieren – und das nur aus einem Grund:
Sie wollen sich die Existenz einer gewissen Wählerkli-
entel erhalten, um Ihre Existenz zu sichern. Das ist be-
schämend! Das ist peinlich! Das hat sich heute wieder
einmal offenbart!

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803616100

Das Wort hat die Parlamentarische Staatssekretärin

Iris Gleicke.

I
Iris Gleicke (SPD):
Rede ID: ID1803616200


Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und
Kollegen! Lassen Sie mich gleich zu Beginn festhalten:
Rüstungsexporte sind kein Mittel der Wirtschaftspolitik.
Sie sind Instrument der Sicherheitspolitik. In einem de-
mokratischen Land dürfen sie nicht mit dem Schleier der
Geheimhaltung verdeckt werden.


(Beifall bei der SPD)


Tatsache ist erstens: Noch nie hat eine Bundesregie-
rung so transparent und offen Auskunft über den Export
von Rüstungsgütern gegeben wie diese.

Tatsache ist zweitens: Diese Bundesregierung legt bei
Rüstungsexporten an sogenannte Drittstaaten – also
Staaten außerhalb von EU und NATO sowie gleichge-
stellte Staaten – sehr strenge Maßstäbe an. Der Export
von Kriegswaffen wird nicht genehmigt, es sei denn,
dass im Einzelfall besondere außen- oder sicherheits-
politische Interessen für eine Genehmigung sprechen.
Ein Anspruch auf Genehmigung besteht nicht.

Es gelten die strengen, im Jahr 2000 von Rot-Grün
eingeführten politischen Grundsätze für den Export von
Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern. Das heißt,
wir werden auch dann keine Genehmigungen für zwei-
felhafte Geschäfte erteilen, wenn damit der Verlust von
Arbeitsplätzen verbunden sein könnte; denn bei Rüs-
tungsexporten geht es um Leben und Tod.

Tatsache ist drittens: Erstmalig legt eine Bundesregie-
rung strenge Maßstäbe auch für den Export von Überwa-
chungstechnologie an; denn im Internetzeitalter werden
Menschen nicht nur mit Gewehren und Panzern unter-
drückt. Dafür hat Bundesminister Gabriel – national und
auf europäischer Ebene – Vorschläge gemacht.

Meine Damen und Herren, wir meinen es ernst mit
der Transparenz. Wir legen Entscheidungen des Bundes-
sicherheitsrates und seines vorbereitenden Ausschusses
der Staatssekretäre offen. Dieses Parlament wird von uns
über abschließende Genehmigungsentscheidungen zeit-
nah unterrichtet.


(Beifall bei der SPD)


Derzeit ändert das Bundeskanzleramt dazu die Ge-
schäftsordnung des Bundessicherheitsrates, um den
Bundestag innerhalb von zwei Wochen zu informieren.

Ferner wird der Rüstungsexportbericht bereits vor der
Sommerpause erscheinen. Wir werden diesen Bericht
voraussichtlich am 11. Juni vorlegen. Darüber hinaus
werden wir zusätzlich zu dem Jahresbericht bereits im
laufenden Jahr – in der zweiten Jahreshälfte – über die
Zahlen des ersten Halbjahres berichten.

Im Übrigen nimmt die Bundesregierung zu zahlrei-
chen aktuellen Fragen der Rüstungsexportkontrolle, die
aus dem parlamentarischen Raum kommen, regelmäßig
sehr präzise und umfassend Stellung. Ein solches Maß
an Transparenz, meine Damen und Herren, ist ein
Novum in der Geschichte dieses Landes.


(Beifall bei der SPD)


Wir legen alles offen, was wir genehmigt haben; aber
wir können mit Rücksicht auf die legitimen Interessen
der betroffenen Firmen auch in Zukunft nicht darüber
reden, was wir abgelehnt haben. Wir müssen damit
leben, dass es auch in Zukunft nur die Schlagzeile
„Gabriel genehmigt“ geben wird – und nie die Schlag-
zeile „Gabriel lehnt ab“. Weiter müssen wir damit leben,
dass die Opposition immer wieder versuchen wird, das
auszuschlachten.

Ich will hier aber etwas klarstellen. In den ersten vier
Monaten des Jahres 2014 hat Deutschland im Vergleich
zum Vorjahr ein Viertel weniger Rüstungsgüter expor-
tiert. Insbesondere die Exporte in Entwicklungsländer
sind stark zurückgegangen. Weiter wissen Sie so gut wie
ich, dass der ganz überwiegende Teil der erteilten Ge-
nehmigungen für die Ausfuhr in die aufgeführten Dritt-
länder auf Entscheidungen früherer Bundesregierungen
aus den vergangenen Jahren zurückgeht. Eine neue Bun-
desregierung findet deshalb zum Teil rechtlich bindende
Entscheidungen vor.

Ein ganz wesentlicher Anteil der gesamten Ausfuhr-
summe der ersten Monate in 2014 in Drittstaaten
– 300 Millionen Euro – war schon 2013 rechtlich
bindend beschlossen. Der weitaus größte Einzelposten
betrifft eine Genehmigung für den Export von Panzern
nach Singapur. Egal wie man in der Sache über dieses
Projekt denkt, eines haben wir zur Kenntnis zu nehmen:
Es handelt sich dabei um eine Bundeswehrabgabe. Hier-
für wurde vor Jahren zwischen Deutschland und Singa-
pur ein völkerrechtlich bindender Vertrag geschlossen.

Weitere Beispiele für eine bereits existierende Rechts-
verbindlichkeit sind die im November 2013 erteilte und
bis zum Oktober 2014 gültige Genehmigung nach dem
Kriegswaffenkontrollgesetz zur Ausfuhr eines Patrouil-
lenbootes nach Brunei mit einem Genehmigungswert
von circa 96 Millionen Euro und die im November 2012
erteilte und bis Ende 2015 gültige Genehmigung zur
Ausfuhr von Lenkflugkörpern nach Saudi-Arabien mit
einem Genehmigungswert von circa 21 Millionen Euro.





Parl. Staatssekretärin Iris Gleicke


(A) (C)



(D)(B)

In beiden Fällen lag eine bindende Genehmigung nach
dem Kriegswaffenkontrollgesetz vor.


(Jan van Aken [DIE LINKE]: Falsch!)


Das heißt, Exporte von über 300 Millionen Euro waren
rechtlich zwingend.


(Jan van Aken [DIE LINKE]: Nein!)


Voranfragen zählen hierzu ausdrücklich nicht. Zur
Frage, ob positiv beschiedene Voranfragen rechtlich bin-
den, hat sich die Bundesregierung im verfassungsrechtli-
chen Verfahren zum Auskunftsrecht von Abgeordneten
ausführlich geäußert. Ein einklagbarer Rechtsanspruch
auf Erteilung einer Genehmigung nach einer positiv
beschiedenen Voranfrage besteht in der Tat nicht. Aber
natürlich kann eine neue Bundesregierung positiv be-
schiedene Voranfragen nicht einfach ignorieren. Es gibt
eine politische Bindung und es gibt rechtliche Vorausset-
zungen, die erfüllt sein müssen, um von einer Voranfrage
absehen zu können.

Damit ist der weitaus überwiegende Teil des Volu-
mens bereits verbindlich von der alten Bundesregierung
zugesagt worden, nämlich Exporte in Drittstaaten im
Wert von 460 Millionen Euro von 650 Millionen Euro.
Das sind über zwei Drittel.

Meine Damen und Herren, Sigmar Gabriel hat im-
mer wieder deutlich gemacht, dass Waffenhandel kein
Mittel der Wirtschaftspolitik ist. Bei allen neuen Ent-
scheidungen, die der Minister zu verantworten hat,
wird er dafür sorgen, dass Deutschland damit deutlich
vorsichtiger umgeht. Die Entscheidungen der letzten
Jahre kann er aber nicht rückgängig machen. Deshalb
wird es in diesem und auch im nächsten Jahr noch Ex-
porte geben. Nicht jede Lieferung von Rüstungsgütern
ist politisch abzulehnen. Ein international vertrauens-
würdiges Deutschland steht zu seiner Verantwortung
für die internationale Sicherheit. Es wird auch in Zu-
kunft Einzelfallentscheidungen geben. Insgesamt aber
gilt: Wir steigern die Transparenz, und wir handeln res-
triktiver. Das sind die Tatsachen. Wenn Sie diese Tatsa-
chen auch in Zukunft ignorieren wollen, kann ich Ihnen
auch nicht helfen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803616300

Das Wort hat der Kollege Andreas Lämmel für die

CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Andreas G. Lämmel (CDU):
Rede ID: ID1803616400

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren!

Frau Gleicke, den Linken ging es überhaupt nicht darum,
sich das anzuhören. Die Linken hatten überhaupt gar
kein Interesse an sachlicher Aufklärung. Es geht darum,
diese Themen ständig zu skandalisieren, um sie einer be-
stimmten Klientel immer sachgerecht zu liefern.

Herr van Aken, ich habe es Ihnen schon fünfmal er-
klärt.

(Ralph Lenkert [DIE LINKE]: Es wird nicht besser, wenn Sie es sechsmal tun!)


Sehen Sie sich einmal die Geschichte Ihrer Partei an. Mit
den Waffen, die die SED bis vor 25 Jahren über die Welt
verstreut hat – ohne Rüstungskontrollbericht, ohne Par-
lament, ohne jegliche Kontrolle –, werden heute noch
Leute getötet. Das sollten Sie in Ihrer Partei aufarbeiten
und dazu Stellung nehmen. Ich habe noch in der Schule
gelernt, dass es gerechte und ungerechte Kriege gibt und
wir die gerechten Kriege unterstützen müssen. Ihnen
geht es nicht um sachliche Aufklärung und sachliche
Diskussion, sondern es geht Ihnen nur darum, eine be-
stimmte Klientel an Wählern zu befriedigen. Das ist die
Ideologie Ihrer Partei. Sie wissen ganz genau, dass die
Themen „Verbot von Exporten“ oder „Auslaufen der
Produktion“ völliger Unfug sind. Man könnte fast ver-
muten, Sie seien der verlängerte Arm von Putin oder von
anderen und


(Zurufe von der LINKEN: Hört! Hört!)


wollten sozusagen die deutsche Wehrindustrie stilllegen,
um die russische Wehrindustrie zu stärken. Es ist eine
Illusion, zu glauben, dass das Volumen der in der Welt
gehandelten Rüstungsgüter geringer würde, wenn wir in
Deutschland nicht mehr produzieren würden und keine
Rüstungsexporte genehmigen würden. Es würden nur
andere die Geschäfte übernehmen. Sie glauben doch
nicht, dass Putin in Russland Rüstungskontrollberichte
abgibt! Sie glauben doch nicht, dass in China Rüstungs-
kontrollberichte abgegeben werden! Sie glauben doch
nicht, dass die Parlamente in anderen Ländern so aus-
führlich wie in Deutschland über das unterrichtet wer-
den, was die Regierung tut! Ihre Scheinheiligkeit dreht
einem wirklich den Magen um. Außerdem gehen Ihre
Behauptungen immer knapp an der Lüge vorbei.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Meine Damen und Herren, ich komme zu einem letz-
ten Punkt. Wir haben gestern im Wirtschaftsausschuss
die Änderung der Außenwirtschaftsverordnung behan-
delt. Die Verordnung zeigt ganz deutlich, wie genau in
Deutschland gearbeitet wird, wenn es um Rüstungs-
exporte geht. Ich weiß schon, wie groß das Geschrei in
einem halben Jahr sein wird, wenn die Bundesregierung
wieder die Zahlen veröffentlicht und dann plötzlich
Rüstungsexporte zum Beispiel in die Zentralafrikanische
Republik oder nach Somalia auf der Liste stehen. Damit
Sie einmal sehen, dass es, wie der Kollege Arnold sagte,
nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern auch grau
– Sie haben sich das nicht angeschaut, Herr van Aken,
weil es Ihnen zu mühselig ist, solche Verordnungen
durchzulesen –,


(Lachen des Abg. Jan van Aken [DIE LINKE])


möchte ich einmal sagen, worum es im Falle Somalias
geht:

… Güter, die ausschließlich zur Unterstützung der
Mission der Afrikanischen Union in Somalia …
oder zur Nutzung durch diese bestimmt sind,





Andreas G. Lämmel


(A) (C)



(D)(B)

… Güter, die ausschließlich zur Nutzung durch
Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen oder inter-
nationale, regionale und subregionale Organisatio-
nen bestimmt sind,

… Schutzkleidung, einschließlich Körperschutz-
westen und Militärhelme, die vom Personal der
Vereinten Nationen, von Medienvertretern und hu-
manitären Helfern und Entwicklungshelfern … zur
eigenen Verwendung … ausgeführt wird …

Jetzt kommt das Thema Kleinwaffen, das hier immer
eine ganz besondere Rolle spielt. Im Falle der Zentral-
afrikanischen Republik geht es um

… Kleinwaffen und dazugehörige Güter, die aus-
schließlich zur Verwendung durch internationale
Patrouillen bestimmt sind, die in dem Dreistaaten-
Schutzgebiet Sangha-Fluss für Sicherheit sorgen,
um gegen Wilderei, den Elfenbein- und Waffen-
schmuggel … vorzugehen …

Wissen Sie, genau diese Dinge werden natürlich im
Rüstungskontrollbericht auftauchen. Insofern ist es nur
Teil der Ideologie, die Sie hier verbreiten, dass all die
Güter, deren Export Deutschland genehmigt, Rüstungs-
güter sind, deren Export man verbieten müsste. Sie müs-
sen schon etwas genauer argumentieren und hinschauen,
wenn es darum geht, die Rüstungsexporte Deutschlands
zu beurteilen. Aber das kann man von Ihnen nicht erwar-
ten; das erwarte ich von Ihnen auch in der nächsten Zeit
nicht. Die Transparenz, die jetzt hergestellt wird, werden
Sie vielfach für Debatten hier im Deutschen Bundestag
nutzen, die immer den gleichen Tenor haben werden.
Dann können wir uns wieder darüber austauschen.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803616500

Die Aktuelle Stunde ist damit beendet.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 6 auf:

– Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-

(3. Ausschuss)


Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter
deutscher Streitkräfte an der EU-geführten
Operation Atalanta zur Bekämpfung der Pi-
raterie vor der Küste Somalias auf Grundlage
des Seerechtsübereinkommens der Vereinten
Nationen (VN) von 1982 und der Resolutio-
nen 1814 (2008) vom 15. Mai 2008, 1816

(2008) vom 2. Juni 2008, 1838 (2008) vom

7. Oktober 2008, 1846 (2008) vom 2. Dezem-
ber 2008, 1851 (2008) vom 16. Dezember
2008, 1897 (2009) vom 30. November 2009,
1950 (2010) vom 23. November 2010, 2020

(2011) vom 22. November 2011, 2077 (2012)

vom 21. November 2012, 2125 (2013) vom
18. November 2013 und nachfolgender Reso-
lutionen des Sicherheitsrates der VN in Ver-
bindung mit der Gemeinsamen Aktion 2008/
851/GASP des Rates der Europäischen Union

(EU) vom 10. November 2008, dem Beschluss

2009/907/GASP des Rates der EU vom 8. De-
zember 2009, dem Beschluss 2010/437/GASP
des Rates der EU vom 30. Juli 2010, dem Be-
schluss 2010/766/GASP des Rates der EU vom
7. Dezember 2010 und dem Beschluss 2012/
174/GASP des Rates der EU vom 23. März
2012

Drucksachen 18/1282, 18/1486

– Bericht des Haushaltsausschusses (8. Ausschuss)

gemäß § 96 der Geschäftsordnung

Drucksache 18/1487

Hierzu liegt ein Entschließungsantrag der Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen vor. Über die Beschlussempfeh-
lung werden wir später namentlich abstimmen.

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 38 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Der Kollege Niels Annen
hat für die SPD-Fraktion das Wort.


(Beifall bei der SPD)



Niels Annen (SPD):
Rede ID: ID1803616600

Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Meine verehrten

Kolleginnen und Kollegen! Ich bitte Sie, dem Mandat,
über das wir jetzt reden, zuzustimmen.

In vielen Regionen der Welt sind wir heute mit anhal-
tender Instabilität konfrontiert. Somalia ist dabei – man
muss es wahrscheinlich so formulieren – zu einem trau-
rigen Synonym für Staatszerfall, für das Scheitern von
Staaten geworden. Die internationale Gemeinschaft,
liebe Kolleginnen und Kollegen, stellt das vor enorme
Herausforderungen, auch deshalb, weil sie gefordert ist,
Teile staatlicher Aufgaben quasi treuhänderisch zu über-
nehmen.

Was in unserer Diskussion abstrakt klingt, ist dage-
gen für die betroffenen Menschen sehr konkret, und es
ist mit dramatischen Folgen verbunden. Denn ohne
staatliche Strukturen und ein staatliches Gewaltmono-
pol gibt es keine Sicherheit und keine Entwicklung. An
deren Stelle tritt die Herrschaft von Clans, von organi-
sierter Kriminalität und, wie wir alle leider wissen,
auch von immer mehr terroristischen Organisationen,
von gut organisierten extremistischen politischen Kräf-
ten. Für die Grundversorgung der Bevölkerung fühlt sich
dann schnell niemand mehr verantwortlich. Das können
wir in Somalia seit vielen Jahren beobachten. Zudem:
Die Folgen eines Staatszerfalls bleiben nicht auf das je-
weilige Land beschränkt. Somalia ist auch ein Symbol
dafür, dass sich die Unregierbarkeit einiger Landstriche
auf die gesamte Region ausweiten kann. Die internatio-
nale Gemeinschaft ist dann natürlich noch stärker gefor-
dert. Deswegen engagieren wir uns seit Ende 2008 unter
Beteiligung der Bundeswehr in der Operation Atalanta.

Ich will die Dimension deutlich machen, um die es
hier geht. Auch heute noch sind über 2,5 Millionen Men-
schen in Somalia auf akute Nothilfe durch die internatio-
nale Gemeinschaft angewiesen. Diese Hilfe erfolgt über-





Niels Annen


(A) (C)



(D)(B)

wiegend auf dem Seeweg. Die Operation Atalanta gilt
primär dem Schutz der Nahrungsmittelversorgung für
Somalia, die mit Schiffen des Welternährungspro-
gramms durchgeführt wird.

Ja, Atalanta hat auch noch eine andere Funktion: Sie
schützt auch die zivile Schifffahrt; denn durch das See-
gebiet vor Somalia, das ist allgemein bekannt, geht eine
der wichtigsten internationalen Handelsrouten. Sie ver-
bindet Europa, die arabische Halbinsel und Asien. Diese
Route ist für unsere Wirtschaft von zentraler Bedeutung.
Auch deswegen ist die Fortsetzung von Atalanta in unse-
rem eigenen nationalen Interesse.

Für die somalische Bevölkerung ist die Versorgung
mit Lebensmitteln keine Frage des Interesses, sondern
eine existenzielle Frage. Deswegen ist es eine gute
Nachricht, dass seit dem Beginn der Operation Atalanta
alle Schiffe des Welternährungsprogramms der UN si-
cher nach Somalia eskortiert wurden. Wurde im Jahr
2009 noch von 117 Piratenangriffen berichtet und wur-
den 46 Entführungen von Handelsschiffen registriert, so
ist die Zahl der Angriffe im Jahre 2013 auf drei gesun-
ken. Glücklicherweise können wir berichten: Entführun-
gen haben nicht mehr stattgefunden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es gibt aber noch ei-
nen weiteren Aspekt, den wir trotz dieser guten Zahlen
vom Horn von Afrika nicht vergessen dürfen. Weiterhin
befinden sich Seeleute in der Gewalt von Piraten, die
Lösegelder erpressen wollen, und zwar – wir wissen das
aus Medienberichten – unter inakzeptablen humanitären
Bedingungen. Das ist ein Fall für die internationale
Strafverfolgung.

Die Anzahl der Piratenangriffe ist auf einen Tiefstand
gesunken. Der Golf von Aden ist durch die Operation
Atalanta erheblich sicherer geworden. Zu diesem Ergeb-
nis haben nicht zuletzt der bessere Schutz der Handels-
schiffe sowie eine bessere Koordinierung beigetragen.
Ich möchte trotzdem offen sagen: Natürlich ist das Pro-
blem Piraterie damit nicht beseitigt. Wir sind uns auch
bewusst, dass der Erfolg an der einen Stelle zu Verdrän-
gungen hin zu einer anderen Stelle führt und dass wir in-
zwischen weitere Piraterieschwerpunkte haben: am Golf
von Guinea, am Golf von Bengalen oder an der Straße
von Malakka. Das bereitet uns große Sorge. Auch terro-
ristische Angriffe, wie wir sie im Suezkanal erlebt ha-
ben, verdienen unsere Aufmerksamkeit.

Ich denke, uns allen hier ist klar, dass wir trotz der Er-
folge von Atalanta noch weit von einer Stabilisierung
von ganz Somalia entfernt sind. Auch deswegen enga-
gieren wir uns mit der Trainingsmission für die somali-
sche Armee und in der europäischen Initiative zur Stär-
kung regionaler maritimer Fähigkeiten. Ich finde es
richtig, dass darüber und auch über die Frage, ob wir die
unterschiedlichen Instrumente noch besser verzahnen
können, auf europäischer Ebene eine Debatte geführt
wird, die zu einem neuen Mandat führen soll. Meine
Fraktion jedenfalls wird sich an dieser Debatte beteiligen
und die Diskussion aufmerksam verfolgen.

Lassen Sie mich zum Schluss eines sagen: Trotz aller
Schwierigkeiten gibt es auch hoffnungsvolle Zeichen in
Somalia; denn in einigen Teilen des Landes haben sich
durchaus funktionsfähige staatsähnliche Einheiten gebil-
det, zum Teil geschah das sogar unter Anwendung de-
mokratischer Prinzipien. Diese Entwicklung sollten wir
weiterhin unterstützen. Die Operation Atalanta wird
nicht alle Probleme lösen, aber sie trägt dazu bei, dass
ein Umfeld geschaffen wird, in dem sich Somalia in Zu-
kunft hoffentlich demokratisch entwickeln kann.

Ich danke für die Aufmerksamkeit und bitte um Zu-
stimmung.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803616700

Der Kollege Jan van Aken hat für die Fraktion Die

Linke das Wort.


(Beifall bei der LINKEN – Henning Otte [CDU/CSU]: Der schon wieder!)



Jan van Aken (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803616800

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Seit

sechs Jahren schon setzen Sie auf eine militärische Be-
kämpfung der Piraterie. Jetzt wollen Sie den Marineein-
satz Atalanta noch einmal verlängern. Sie bieten hier
zwei Argumente an – auch für Sie, Herr Annen –: Ers-
tens, Atalanta sei ein Erfolg gewesen, zweitens, Atalanta
sei Teil eines vernetzten Ansatzes, mit dem Sie zur Sta-
bilisierung in Somalia beitragen. Das höre ich seit Jah-
ren, und das ist seit Jahren falsch.


(Beifall bei der LINKEN)


Ob die Zahl der Piratenangriffe steigt oder sinkt, jedes
Mal verkünden Sie Erfolg. Aber Sie wissen genauso gut
wie ich, dass Atalanta nichts zur Bekämpfung der Ursa-
chen der Piraterie beiträgt. Jetzt sagen Sie, in den letzten
zwei Jahren ist die Zahl der Piratenangriffe am Horn von
Afrika massiv gesunken. Das ist aber nicht das Verdienst
von Atalanta; das wissen Sie ganz genau. Das liegt vor
allem daran, dass jetzt immer mehr private Sicherheits-
kräfte auf den Schiffen mitfahren. Mittlerweile sind auf
jedem dritten Schiff, auf 35 Prozent der Schiffe, die
durch das Operationsgebiet von Atalanta fahren, private
Sicherheitskräfte. Wenn Sie mir die Zahl nicht glauben:
Wir haben sie direkt von der Pressestelle von NAVFOR,
also von Atalanta selbst.

Der Krieg gegen die Piraten wird längst privat ge-
führt, von Unternehmen, die sich auf das Geschäft mit
dem Krieg zur See spezialisiert haben und damit mittler-
weile jedes Jahr Hunderte von Millionen Euro verdie-
nen. Das Schlimme ist, dass diese Firmen in einem völ-
lig rechtsfreien Raum agieren. Wie brutal die Realität ist,
bekommen wir kaum mit. Es gibt aber ein Video, das mit
der Helmkamera von einem dieser bewaffneten Söldner
auf einem der Schiffe aufgenommen wurde.


(Rainer Arnold [SPD]: Also brauchen wir mehr Soldaten!)


Das müssen Sie sich mal anschauen. Da wird minuten-
lang auf ein Schiff geballert, das für ein Piratenschiff ge-
halten wird. Noch lange, nachdem es abgedreht ist, wird
gezielt auf Menschen geschossen. Das ist der Versuch,





Jan van Aken


(A) (C)



(D)(B)

gezielt zu töten, ohne jede Kontrolle, in einem völlig
rechtsfreien Raum.


(Charles M. Huber [CDU/CSU]: Was hat das eine mit dem anderen zu tun?)


Das ist im Moment die Realität.

Damit es hier keine Missverständnisse gibt: Das ist
kein Grund, mehr Kriegsschiffe in die Region zu schi-
cken; denn mit Kriegsschiffen können die Piraten schon
mal gar nicht bekämpft werden. Das haben Sie schon
lange erkannt.


(Beifall bei der LINKEN – Charles M. Huber [CDU/CSU]: Wir reden von Atalanta! – Rainer Arnold [SPD]: Nur gute Worte!)


Keine noch so große Kriegsflotte kann die Piraterie
nachhaltig bekämpfen; das sagen Sie ja selbst. Piraterie
ist nur ein Symptom, ein Ausdruck von Armut und
Rechtlosigkeit, den sich skrupellose Geschäftemacher
zunutze machen: auf der einen Seite die Drahtzieher der
Piraterie, auf der anderen Seite die privaten Sicherheits-
firmen. Den Letzteren haben Sie sogar hier im Bundes-
tag einen Freibrief dafür gegeben, indem Sie die Zulas-
sung privater maritimer Sicherheitskräfte erleichtert
haben.

Zum zweiten Punkt, zu Ihrer vernetzten Sicherheit.
Sie reden immer davon, dass sich die Situation in Soma-
lia verbessert habe. Aber Sie wissen, dass genau das Ge-
genteil der Fall ist. Weder politisch noch ökonomisch hat
sich in Somalia in den letzten Jahren irgendetwas ver-
bessert. Die sogenannte Regierung von Somalia hat in
den letzten Monaten sogar die Kontrolle über große
Teile der Hauptstadt verloren. Schwere Anschläge sind
in Mogadischu an der Tagesordnung. Jetzt droht auch
noch eine katastrophale Hungersnot, und Sie reden von
einer „Verbesserung der Situation“.

Das, was jetzt helfen würde, was seit Jahren helfen
würde, wären Verhandlungen zwischen den Konfliktpar-
teien. Aber genau das versuchen Sie zu verhindern. Sie
heizen den Konflikt dadurch an, dass Sie eine der beiden
Bürgerkriegsparteien, die sogenannte Regierung, durch
die Ausbildung von Soldaten militärisch unterstützen.
Diese Regierung ist nur eine sogenannte Regierung – das
wissen Sie auch –; denn sie ist nicht demokratisch legiti-
miert. Sie hat überhaupt keine Kontrolle mehr und übt
überhaupt keine staatlichen Funktionen mehr aus. Das
ist einfach nur eine Bürgerkriegspartei. Sie setzen da-
rauf, dass sie die andere Bürgerkriegspartei militärisch
besiegt. Das klappt aber nicht. Das funktioniert nicht.
Das wissen wir spätestens seit Afghanistan. Einen Kon-
flikt lösen Sie nicht militärisch, sondern nur durch Ver-
handlungen. Doch das verhindern Sie.


(Beifall bei der LINKEN)


Seit dem Jahr 2006 haben Sie hier, hat die Bundesre-
gierung mit ihrer militärischen Logik dazu beigetragen,
dass der Konflikt immer weiter eskaliert ist – und das
gemeinsam mit den USA. Ich möchte daran erinnern,
dass die USA auch in Somalia einen völkerrechtswidri-
gen Drohnenkrieg führen, gesteuert von Basen hier in
Deutschland. Das unterstützen Sie. Sie müssen endlich
aufhören, die gezielten Tötungen der Amerikaner von
deutschem Boden aus zu unterstützen.


(Beifall bei der LINKEN)


Ich möchte kurz auf die Debatte von eben eingehen,
weil Herr Lämmel die Waffenlieferungen nach Somalia
erwähnt hat. Es ist ein riesiger Fehler gewesen, das Waf-
fenembargo gegen Somalia zu lockern. Denn Sie wissen,
wenn Sie sich informiert haben, genauso gut wie ich,
dass auch die sogenannte Regierung in Somalia in den il-
legalen Waffenhandel innerhalb Somalias involviert ist.
Wir wissen – die UNO hat es dokumentiert –, dass Waf-
fen, die jetzt dorthin gehen, direkt von der sogenannten
Regierung in Somalia weitergegeben werden, auch an
die Al-Schabab-Milizen. Das passiert mit den Waffen,
die jetzt dorthin geliefert werden. Deswegen sagen wir:
Das Waffenembargo muss sofort wiederhergestellt wer-
den.


(Beifall bei der LINKEN)


Ihre einzige Antwort auf die Gewalt in Somalia und
vor Somalia ist eine Politik der Waffengewalt. Das wer-
den wir nicht mittragen. Auch dieses Atalanta-Mandat
werden wir ablehnen. Wir werden ferner die Privatisie-
rung der Pirateriebekämpfung ablehnen. Im Übrigen bin
ich der Meinung, dass es nicht nur nicht nach Somalia,
sondern nirgendwohin noch Waffenexporte geben darf.

Ich danke Ihnen.


(Beifall bei der LINKEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803616900

Für die CDU/CSU-Fraktion spricht der Kollege

Roderich Kiesewetter.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Roderich Kiesewetter (CDU):
Rede ID: ID1803617000

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich glaube,
Herr Kollege van Aken, wir befinden uns in völlig unter-
schiedlichen Veranstaltungen. Sie reden hier über Dinge,
die eigentlich durch das verhindert werden, worüber wir
heute sprechen: Atalanta. Gerade Atalanta verhindert es
ja, dass wir in Somalia dieses Debakel bekommen, über
das Sie gerade sprechen. Wir haben ja diesen vernetzten
Ansatz. Wenn Sie uns hier vorwerfen, dass wir zu einer
militärischen Eskalation beitragen, möchte ich Ihnen ein
paar Fakten entgegenhalten.

Vom Jahr 2010 bis zum Jahr 2012 sind leider über
250 000 Menschen in Somalia verhungert. Daher sind
die Maßnahmen des Welternährungsprogramms absolut
notwendig. Im Jahr 2008 gab es 42 Entführungen von
Schiffen. Deshalb war es richtig, dass sich die Europäi-
sche Union im Jahr 2008 entschieden hat, die Operation
Atalanta zum Schutz des Welternährungsprogramms
durchzuführen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Seit dem Jahr 2009 sind über 270 Schiffe des Welt-
ernährungsprogramms sicher in ihren Zielhäfen ange-





Roderich Kiesewetter


(A) (C)



(D)(B)

kommen. Im ersten Quartal dieses Jahres gab es gerade
noch fünf versuchte Überfälle auf Schiffe, die alle abge-
wehrt werden konnten. Das sind die Fakten.


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803617100

Kollege Kiesewetter, gestatten Sie eine Frage oder

Bemerkung der Kollegin Hänsel?


Roderich Kiesewetter (CDU):
Rede ID: ID1803617200

Ja, klar. Ich bin untersuchungsausschusserprobt.

Gerne.


Heike Hänsel (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803617300

Danke schön, Frau Präsidentin. – Herr Kiesewetter,

ich habe eine Nachfrage. Sie haben hier das Jahr 2008
und den Schutz für die Schiffe des World Food Pro-
gramme erwähnt. Wir haben im Entwicklungsausschuss
noch einmal nachgefragt. Von der Marine haben wir die
Information bekommen, dass es im Jahr 2008 genau ei-
nen Angriff auf ein Schiff des World Food Programme
gab. Können Sie das bestätigen? Sie haben ja argumen-
tiert, dass Sie das Mandat in allererster Linie deswegen
brauchen, weil Sie das World Food Programme schützen
müssen.


Roderich Kiesewetter (CDU):
Rede ID: ID1803617400

Sie sehen das etwas eingeschränkt, Frau Hänsel. Ich

versuche, Ihnen da Zusatzinformationen zu geben. Es
gab 42 Überfälle auf Schiffe, unter anderem des World
Food Programme. Allerdings kommt noch etwas hinzu:
Dort verläuft eine der wichtigsten Seefahrtsrouten der
Welt, eine Route, die für die Europäische Union und für
uns Deutsche von zwingender Notwendigkeit ist mit
Blick auf die Verbindungen nach Asien und auf die Ara-
bische Halbinsel. Im Jahr 2008 gab es 42 Entführungen.
Das möchte ich hier festhalten. In diesem Jahr und auch
im letzten Jahr gab es keine Entführung. Es gab nur eine
Reihe versuchter Entführungen. Das ist der Erfolg von
Atalanta. Das muss man festhalten.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Ich glaube, wir sind uns einig: Eine militärische Lö-
sung allein kann nicht funktionieren. Aber gerade dieser
Sachverhalt zeigt, wie wichtig die militärische Beglei-
tung und Absicherung im vernetzten Handeln ist.

Im Übrigen hat Deutschland seit April auch die mili-
tärische Führung der Operation Atalanta inne. Der deut-
sche Truppenkommandeur führt die Operation. Auch ei-
nige unserer Schiffe begleiten die Mission. Zurzeit sind
23 EU-Mitgliedstaaten mit rund 930 Soldaten an der
Mission beteiligt. Ich möchte auch festhalten, welche
Anstrengungen die Europäische Union leistet. Ferner
unterstützt die Europäische Union mit der Mission zur
Stärkung der Fähigkeiten im Küstenschutz und in der
Küstenüberwachung – diese trägt den historischen Na-
men Nestor – den Aufbau von Fähigkeiten der somali-
schen Küstensicherung und der Marine.

Des Weiteren bestreitet Deutschland nicht nur 20 Pro-
zent sämtlicher humanitärer EU-Ausgaben, sondern hat
im Rahmen der Not- und Übergangshilfe seit 2008 auch
erhebliche Summen aufgebracht, insbesondere, Herr van
Aken, für Ernährung und sauberes Trinkwasser. Ich
glaube, das alles sind hervorragende Beispiele, die zei-
gen, wie notwendig vernetztes Handeln ist und wie not-
wendig die Begleitung dieser zivilen Mission durch mili-
tärische Absicherung ist. Meine Fraktion jedenfalls wird
der Fortsetzung dieses Mandats eindeutig zustimmen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ich möchte mich bewusst auch an die Fraktion der
Grünen wenden. Sie verfolgen einen bemerkenswerten
Ansatz und fordern stärkeres vernetztes Handeln. Ich
glaube, wir haben dieses vernetzte Handeln in sehr breit
ausgeprägten Grundzügen; die beiden Missionen der EU
habe ich angesprochen. Wir haben die NATO-Mission
zum Schutz der Ozeane, die Operation Ocean Shield,
AMISOM und UNOSOM. All diese Missionen – hinzu
kommen weitere, teilweise bilaterale Abkommen – kön-
nen natürlich besser koordiniert werden. Aber dafür,
dass Sie diesen Antrag deswegen ablehnen, weil es noch
keine bessere Vernetzung gibt, möchte ich nachher eine
Erklärung von Ihnen hören.

Des Weiteren wird von der Opposition als Kritikpunkt
angeführt, dass die Ausweitung der Mission Atalanta an
Land zu einer Eskalation beitragen könne. Meine sehr
verehrten Damen und Herren, auch hier Fakten: Im Jahr
2012 gab es im Rahmen von Atalanta einen einzigen
Einsatz an Land, seither keinen mehr. Es ist also eindeu-
tig festzustellen, dass von Atalanta eine abschreckende
Wirkung ausgeht. Ich glaube, die Ausweitung auf den
Küstenschutz bzw. den Küstenrand im Jahr 2012 war
richtig und notwendig. Es war gut, dass wir diese Ent-
scheidung im Bundestag getroffen haben.


(Beifall bei der CDU/CSU – Henning Otte [CDU/ CSU]: Und gehalten haben!)


Lassen Sie mich abschließend noch etwas zum ver-
netzten Ansatz und zum ganzheitlichen Vorgehen sagen.
Die Bundesregierung entwickelt gerade unter starker
Abstützung auf den Bundestag eine Afrikastrategie. In
Afrika gibt es eine Reihe von Staaten, die zu stürzen dro-
hen, die nicht unseren Maßstäben entsprechen. Ich
glaube, dass wir Teilstrategien brauchen, die sich auf
einzelne Länder beziehen. Auch die Erfahrungen, über
die wir verfügen – in den Stiftungen, im Rahmen der Po-
litikberatung, aber auch die persönlichen Erfahrungen
vieler Abgeordneter –, sind für die Entwicklung einer
neuen Afrikastrategie von Bedeutung; das möchte ich
sehr deutlich sagen.

Wenn sich die Bundesrepublik Deutschland stärker
engagieren will, wie Verteidigungsministerin von der
Leyen und Außenminister Steinmeier es auf der Münch-
ner Sicherheitskonferenz angekündigt haben, dann be-
darf es einer stärkeren strategischen Ausrichtung. Ich bin
sehr froh, dass wir im Bundestag angesichts der Heraus-
forderungen, die sich uns in der Ukraine, in Syrien und
seit Jahrzehnten insbesondere in Afrika stellen, nunmehr
bereit sind, uns strategisch stärker aufzustellen. Ich bin
darüber sehr froh, weil ich glaube, dass wir als Parla-
mentarier deutlich machen können, dass sich die Exeku-





Roderich Kiesewetter


(A) (C)



(D)(B)

tive auf den Bundestag stützen kann, was strategische
Expertise, aber auch kritisches Nachfragen angeht.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, damit Ata-
lanta weiterhin zum Erfolg beiträgt und Vorschläge für
die weitere Ausgestaltung der Afrikastrategie entwickelt
werden können, bitte ich Sie um Zustimmung zur Fort-
setzung des Mandats.

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803617500

Die Kollegin Doris Wagner hat nun für die Fraktion

Bündnis 90/Die Grünen das Wort.


Doris Wagner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803617600

Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen!

Ich will es gar nicht bestreiten, Kollege Kiesewetter: Die
Mission Atalanta ist sehr erfolgreich. Und: Ja, unsere Sol-
datinnen und Soldaten leisten dort hervorragende Arbeit.
Trotzdem wird sich meine Fraktion bei der Abstimmung
nachher enthalten. Das klingt paradox,


(Niels Annen [SPD]: Ist es auch!)


aber das ist es nicht. Denn mit diesem Mandatstext stellt
sich die Bundesregierung gegen den Geist des Parla-
mentsbeteiligungsgesetzes. Damit wird sie ihrer Verant-
wortung gegenüber unseren Soldatinnen und Soldaten
nicht gerecht. Es scheint doch mehr als fraglich, ob wir
mit diesem Mandat wirklich zur nachhaltigen Bekämp-
fung der Piraterie vor Somalia beitragen.

Ich möchte Sie daran erinnern, dass der Sinn des Par-
lamentsbeteiligungsgesetzes darin besteht, sicherzustel-
len, dass der Bundestag verantwortungsvoll darüber ent-
scheidet, wo und wie die Bundeswehr zum Einsatz
kommt. Deshalb verpflichtet das Gesetz die Regierung,
klar zu benennen, mit welchem Auftrag und mit welchen
Mitteln deutsche Streitkräfte in Konflikte eingreifen sol-
len. Nur auf dieser Grundlage lässt sich wirklich abwä-
gen, ob die Erfolgsaussichten rechtfertigen, dass unsere
Soldatinnen und Soldaten ihr Leben aufs Spiel setzen.
Im Falle der Mission Atalanta befindet die Bundesregie-
rung dies alles nicht mehr für notwendig. Statt klar zu
umreißen, was die deutsche Marine am Horn von Afrika
eigentlich machen soll, speist uns die Bundesregierung
mit dem Verweis ab, man werde einfach weitermachen
wie bisher. Ich möchte Ihnen klar sagen: Diese Nachläs-
sigkeit ist in meinen Augen eine krasse Missachtung
nicht nur des Deutschen Bundestages, sondern auch un-
serer Soldatinnen und Soldaten.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Warum insbesondere den Sozialdemokraten an dieser
Intransparenz gelegen ist, hat mein Kollege Omid
Nouripour bereits in der ersten Lesung erörtert: Die SPD
will auf diese Weise verschleiern, dass sie genau dieses
Atalanta-Mandat letztes Jahr noch abgelehnt hat.

Doch auch der Union kommt diese Verschleierungs-
taktik gelegen; denn genau das ist es ja, was Sie mit der
Kommission zur Überprüfung des Parlamentsbeteili-
gungsgesetzes eigentlich beabsichtigen: Der Bundestag
soll eben nicht mehr jedes Jahr genau hinsehen und ent-
scheiden können, ob ein bestimmter Bundeswehreinsatz
im Ausland zu verantworten ist oder nicht. Was Sie hier
eigentlich betreiben, ist die schleichende Einführung von
Dauermandaten, die wir einfach durchwinken sollen,
ohne näher nachzufragen und nachzudenken. Aber da
machen wir Grüne nicht mit, meine Damen und Herren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Ingo Gädechens [CDU/CSU]: Dann müssen Sie den Antrag ablehnen! Enthalten geht dann nicht!)


Die mangelnde Klarheit des Mandatstextes ist jedoch
nur ein Grund, warum meine Fraktion sich bei dieser
Abstimmung enthalten wird. Der andere Grund liegt da-
rin, dass das Mandat die Bundeswehr nach wie vor dazu
ermächtigt, bis zu einer Tiefe von 2 Kilometern auf das
somalische Festland vorzudringen, um dort, wie es heißt,
gegen logistische Einrichtungen der Piraten vorzugehen.
Die Bundesregierung nimmt billigend in Kauf – das
glaube ich wirklich, Kollege Kiesewetter –, dass die
Bundeswehr durch Operationen an Land auch noch zur
militärischen Eskalation in Somalia beitragen könnte.
Das ist doch nun wirklich das Letzte, was eine verant-
wortungsvolle Außenpolitik machen sollte.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN)


Meine Fraktion hat bereits bei der Debatte über die
deutsche Beteiligung an der EU-Ausbildungsmission
EUTM Somalia immer wieder darauf hingewiesen, dass
wir den Einsatz militärischer Mittel in Somalia für ge-
fährlich und vor allem für kontraproduktiv halten, weil
er genau das Gegenteil von dem bewirkt, was wir eigent-
lich erreichen wollen. Offenbar hat sich diese Erkennt-
nis, zumindest was die Mission Atalanta anbetrifft, auch
in EU-Regierungskreisen durchgesetzt; denn die betei-
ligten EU-Staaten haben im ganzen vergangenen Jahr
nicht ein einziges Mal tatsächlich Gebrauch gemacht
von der Möglichkeit, Soldaten am Strand von Somalia
gegen Piraterieinfrastruktur vorgehen zu lassen. Diese
Passage des Mandats ist offenbar vollkommen überflüs-
sig.

Verehrte Kolleginnen und Kollegen, es sollte doch ei-
gentlich unser aller Bestreben sein, eine größtmögliche
Legitimation für Auslandseinsätze herzustellen.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN)


Nach einer Streichung dieser möglichen Landeinsätze
hätten auch wir Grüne dem Einsatz der Bundeswehr vor
der Küste Somalias wieder zustimmen können. Meine
Damen und Herren auf der Regierungsbank, wir fordern
Sie noch einmal ausdrücklich auf: Setzen Sie sich bei
den Verhandlungen über die Verlängerung des EU-Man-
dats im Herbst dafür ein, dass die Strandoption aus dem
Mandatstext wieder verschwindet, und sorgen Sie bitte
dafür, dass all die richtigen und wichtigen zivilen Maß-
nahmen, die die EU bzw. die Bundesregierung in den





Doris Wagner


(A) (C)



(D)(B)

vielen strategischen Papieren in jüngster Zeit angekün-
digt hat, verstärkt auch umgesetzt werden!

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Ingo Gädechens [CDU/CSU])



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803617700

Für die CDU/CSU-Fraktion hat die Kollegin Julia

Bartz das Wort.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Julia Bartz (CSU):
Rede ID: ID1803617800

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Somalia hat sich innerhalb der vergangenen
25 Jahre zu einem akuten Krisenherd entwickelt, der
weit in die Region ausstrahlt. Terrorismus, Piraterie und
Flüchtlingsströme gefährden die Stabilität am Horn von
Afrika. Seit dem endgültigen Staatsverfall 1991 befindet
sich das Land in einem Ausnahmezustand. Terror und
Gewalt gegen die Zivilbevölkerung sind an der Tages-
ordnung. Mit der Al-Schabab-Miliz ist der internationale
Terrorismus in das Land eingezogen und trägt insbeson-
dere zur Instabilität im gesamten ostafrikanischen Gebiet
bei. Immer wieder werden Anschläge in und um Somalia
herum verübt.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, trotz der
Ukraine-Krise und des Syrien-Konflikts müssen wir
weiter auf Afrika schauen. Der Bürgerkrieg in Somalia
ist in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit weit in den
Hintergrund geraten. Wir dürfen uns von der scheinbar
ruhigen Lage am Horn von Afrika aber nicht täuschen
lassen. Von den subversiven Kräften in Somalia geht
nach wie vor eine große Gefahr aus.

Die Bemühungen unserer Partner der Afrikanischen
Union, Sicherheit und Stabilität zu schaffen, sind nur
teilweise von Erfolg gekrönt. Die Binnenflüchtlinge und
die mangelnde Versorgung der Bevölkerung führen letzt-
endlich dazu, dass sich das Land in einer andauernden
humanitären Katastrophe befindet.

In Somalia haben wir es mit einer brisanten Gemen-
gelage zu tun: im Wiederaufbau befindliche staatliche
Strukturen, Terroristen und Clans, Warlords und Pirate-
rie. All das wird begleitet von Hunger und Leid, die den
Alltag der meisten Menschen in Somalia bestimmen.
Die Auswirkungen davon spüren wir weltweit.

2008 wurden 42 Schiffe entführt; einige davon hatten
dringend benötigte Nahrungsmittel für die somalische
Bevölkerung an Bord. Das „maritime Kidnapping“ und
die Überfälle und Angriffe auf Handelsschiffe wurden
eine immer ernstere Bedrohung für die somalische Be-
völkerung selbst, aber auch für die internationale Han-
delsmarine.

Seit 2008 sichern nun gemeinsam mit unseren Part-
nern deutsche Soldatinnen und Soldaten das Seegebiet
am Horn von Afrika. Schon bei einem ihrer ersten Ein-
sätze haben sie mithilfe eines Kampfhubschraubers die
Kaperung eines ägyptischen Frachters verhindert. Un-
sere Truppe hat sich im Verlauf der Mission als eine
schlagkräftige und verlässliche Einheit erwiesen, und ich
bin stolz auf unsere Männer und Frauen, die ihren Dienst
am Horn von Afrika leisten.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Die Vielzahl der Angriffe zeigt, wie zwingend not-
wendig unser Eingreifen war. Freie Seewege am Horn
von Afrika sind für Deutschland als Handelsnation abso-
lut unerlässlich.


(Zuruf von der LINKEN: Das ist ein Schulaufsatz!)


Außerdem ist Atalanta unabdingbar, um den Korridor
für Hilfslieferungen nach Somalia offenzuhalten.

Durch unseren Einsatz versiegen auch die Einnahme-
quellen inländischer Terroristen. Jede verhinderte
Schiffsentführung blockiert eine Modernisierung und
Professionalisierung der Piraten und damit auch deren
niederträchtiges Geschäftsmodell. Die jetzt ausbleiben-
den Millionen, die nun nicht mehr als Lösegeld erpresst
werden, können auch nicht in Waffen und Munition in-
vestiert werden.

Die Zahl der Angriffe auf Handelsschiffe hat in den
letzten Jahren deutlich abgenommen: 2010 gab es noch
47 Entführungen und insgesamt 174 Angriffe, 2013 wa-
ren es nur noch sieben Angriffe und keine einzige erfolg-
reiche Entführung. Das ist der Erfolg von Atalanta!

Natürlich wissen wir, dass alleine mit Atalanta kein
Frieden nach Somalia gebracht werden kann und dass
militärische Einsätze alleine nicht reichen, um Armut
und Hungersnöte zu verhindern. Aber wir wissen auch,
dass die Methode „Hans Guck-in-die-Luft“ den Men-
schen in Somalia nicht helfen wird.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Meine sehr verehrten Damen und Herren, militärische
Operationen sollten immer mit einem zivilen Ansatz ver-
bunden werden und stets Ultima Ratio sein. Atalanta
bettet sich deshalb in einen vernetzten Ansatz ein. Im
Zusammenspiel ressortübergreifender Operationen wol-
len wir die Lage in Somalia und am Horn von Afrika
langfristig stabilisieren.

Im Rahmen von EUTM Somalia legen wir den Grund-
stein für eine staatliche Sicherheitsstruktur. Mit EUCAP
Nestor bereiten wir den Weg für einen selbstständigen
Küstenschutz. Mit über 300 Millionen Euro beteiligen wir
uns an der humanitären Hilfe in Somalia. Die GIZ ist ak-
tiv, um die Lage der Binnenflüchtlinge zu verbessern, und
nicht zuletzt verzeichnen wir durch unseren erfolgreichen
Beitrag an Atalanta einen stetigen Rückgang von Piraten-
angriffen.

So kann erfolgreiche Sicherheitspolitik aussehen. Ich
bitte Sie deshalb um Ihre Zustimmung.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)







(A) (C)



(D)(B)


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803617900

Für die SPD-Fraktion hat nun die Kollegin Gabi

Weber das Wort.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Gabi Weber (SPD):
Rede ID: ID1803618000

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kollegen

und Kolleginnen! Die SPD-Fraktion unterstützt die Ver-
längerung des Atalanta-Einsatzes und wird dem vorlie-
genden Mandat zustimmen. Mit Ausnahme der beiden
letzten Male tun wir das seit Beginn des Einsatzes 2008.
Bei den beiden vergangenen Verlängerungen hat die
SPD gegen die damalige Ausweitung des Mandates
gestimmt. Befürchtet wurden damals unerwünschte
Verwicklungen in einen Bürgerkrieg an Land. Unsere
Befürchtungen sind jedoch nicht eingetreten. Unsere da-
malige parlamentarische Zurückhaltung hat sicher im
Sinne einer Kontrolle der damaligen Bundesregierung
gewirkt und dazu beigetragen, Strandeinsätze auf ein
Minimum zu begrenzen. Echte politische Auseinander-
setzungen leben von überzeugenden Argumenten. Wir
sind an dieser Stelle überzeugt worden. So viel zum Vor-
wurf von vorhin, wir würden unsere Position von damals
verschleiern. Das tun wir nicht.


(Beifall bei der SPD)


Der Atalanta-Einsatz ist allerdings im regionalen
Kontext zu sehen. Im strategischen Rahmen der EU für
das Horn von Afrika engagiert sich Deutschland auf
vielfältige Weise, manche würden sogar sagen: ganzheit-
lich. Die zivile Mission EUCAP NESTOR unterstützt
mehrere Länder der Küstenregion Ostafrikas beim Auf-
bau von eigenen maritimen Kapazitäten im Bereich der
Küstenwache und des Küstenschutzes. Im Rahmen der
Trainingsmission EUTM Somalia bildet die Bundeswehr
seit diesem Jahr auch wieder in Mogadischu somalische
Sicherheitskräfte aus. Heute verlängern wir das Mandat
für EU NAVFOR Somalia – Operation Atalanta, das die
genannten Bemühungen von Seeseite unterstützt und für
sichere See- und Handelswege am Horn von Afrika
sorgt. In diesem Zusammenhang danke ich den deut-
schen Soldatinnen und Soldaten der Marine für ihren
Einsatz, die leider noch allzu oft sehr lange Abwesen-
heitszeiten von zu Hause hinnehmen müssen, um ihren
Auftrag zu erfüllen.

Um aber tatsächlich von einem ganzheitlichen Ansatz
sprechen zu können, sind weitere Entwicklungsmaßnah-
men im Landesinneren notwendig. Hier können und
müssen wir mehr machen als bisher.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Roderich Kiesewetter [CDU/CSU])


Piraterie fällt nicht vom Himmel. Meist stecken die
Menschen in einer Notsituation, und kriminelle und ter-
roristische Gruppen wie die Schabab-Milizen machen
sich dies zunutze und schicken wehrlose Fischer auf
hochgefährliche Missionen auf See. Die durch Schiffs-
kaperungen erzielten Einnahmen wiederum führen dazu,
das Land weiter zu destabilisieren. Das ist nicht hin-
nehmbar.

(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Wir übernehmen die Verantwortung, für stabile und si-
chere Verhältnisse zu sorgen.

Der beste Schutz der Handelswege wäre eine Verbes-
serung der Bedingungen für die Menschen im Land und
an der ostafrikanischen Küste. Ganz richtig: Im Rahmen
von Atalanta können wir nur die Symptome der fragilen
Situation in Somalia bekämpfen. Gegen die Ursachen
hingegen engagieren wir uns entwicklungspolitisch. Das
sollte man allerdings nicht in einem integrierten Mandat
vermischen. Beide Maßnahmen, militärische und ent-
wicklungspolitische, müssen parallel erfolgen. In den
letzten fünf Jahren betrug der deutsche Anteil an der
humanitären Hilfe der EU-Kommission für Somalia
313 Millionen Euro. Sie sind unter anderem an das Rote
Kreuz, den Roten Halbmond und – ganz wichtig –
humanitäre NGOs geflossen. Auch Nahrungsmittelhilfe
finanzieren wir in nicht unerheblichem Maße: alleine
25 Millionen Euro für kenianische Flüchtlingslager.

Wirklich tiefgreifend kann dieses Engagement nur
sein, wenn somalische zivilgesellschaftliche und staatli-
che Strukturen gestärkt und wirtschaftliche Perspektiven
für die Menschen geschaffen werden. Der sogenannte
New Deal Compact, der vergangenen September zwi-
schen der somalischen Regierung und internationalen
Geldgebern in Brüssel verabschiedet wurde, verfolgt da-
her fünf Ziele: erstens, alle Seiten einzubinden, zweitens
Sicherheit und, damit verbunden, drittens Rechtssicher-
heit für die Bevölkerung herzustellen, viertens Grund-
lage für ökonomisches Wachstum durch den Ausbau der
Infrastruktur und fünftens – das ist für die Menschen
ganz wichtig – Ausbau von staatlichen Dienstleistungen.
Daran beteiligt sich Deutschland bis 2016 mit 90 Millio-
nen Euro. An dieser Stelle wird deutlich, wie Entwick-
lungshilfe parallel zu dem, was wir militärisch tun, sinn-
voll eingesetzt wird. Damit können wir diesem Staat
wirklich helfen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Verehrte Kolleginnen und Kollegen, ein umfassender
Ansatz ist der einzige Weg zu einer Lösung, um langfris-
tig Frieden im Land zu erreichen und Somalia effektiv
zu helfen. Diesen Weg wollen wir gehen. Aus diesem
Grund stimmen wir diesem Mandat heute zu.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803618100

Das Wort hat der Kollege Ingo Gädechens für die

CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bitte Sie um die
notwendige Aufmerksamkeit für den letzten Redebeitrag
in dieser Debatte.


Ingo Gädechens (CDU):
Rede ID: ID1803618200

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Hätten wir nicht so ein wunderschönes warmes Wetter,
wären wir in einer anderen Jahreszeit, könnten wir





Ingo Gädechens


(A) (C)



(D)(B)

singen: „Alle Jahre wieder“. Es geht erneut um die Ver-
längerung eines aus meiner Sicht überaus erfolgreichen
Mandats. Es geht um die Fortführung der Mission
Atalanta. Da wir in relativ kurzen Abständen, Jahr für
Jahr, über diese Fortsetzung beraten, ist in der Vergan-
genheit und auch in der heutigen Debatte sehr viel Rich-
tiges und Wichtiges, aber seitens der Opposition auch er-
neut viel Falsches gesagt worden. Ich will an dieser
Stelle weder auf Herrn van Aken noch auf Frau Wagner
eingehen; denn der Saal füllt sich, und wir alle wollen
der namentlichen Abstimmung entgegenschreiten.

Der Antrag der Grünen – Sie fordern mehr Evaluie-
rung und die Bekämpfung der Ursachen; das wollen wir
auch – ist eher plakativ. Denn neben dem Schutz der
Schiffe des World Food Programme – es wurde bereits
gesagt: 170 Schiffe haben den Hafen sicher erreicht – ist
das Engagement Deutschlands im Rahmen der EU zur
Unterstützung der Sicherheitsinstitutionen in Somalia
umfassend eingebettet, um auch die zivilgesellschaftli-
chen und staatlichen Strukturen in Somalia zu stärken,
wo immer es nur geht. Die Bundesregierung fördert seit
Jahren in großem Umfang Maßnahmen der humanitären
Hilfe. Sie beliefen sich in den Jahren 2008 bis 2013 auf
über 313 Millionen Euro. Darüber hinaus wurden
35 Millionen für Hilfsorganisationen – auch sie sind in
der Debatte schon erwähnt worden – und andere NGOs
zur Verfügung gestellt. Deutschland wird damit seiner
Verantwortung in der Welt und erkennbar auch in dieser
notleidenden Region gerecht.


(Beifall bei der CDU/CSU)


In einigen Reden wurde den Soldatinnen und Solda-
ten Dank ausgesprochen. Ich weise in diesem Zusam-
menhang darauf hin, dass die Deutsche Marine aber der-
zeit lediglich über elf Fregatten und fünf Korvetten
verfügt, die für den Einsatz am Horn von Afrika geeig-
net sind. Auch in dieser Debatte möchte ich die überaus
schwierige Situation in der Marine ansprechen. Dabei
geht es nicht nur um Personal, sondern auch um das vor-
handene Material, also um die Schiffe, die in den ständi-
gen NATO-Einsatzverbänden in ungeplanten Einsätzen
wie zum Beispiel zum Schutz der „Cape Ray“, aber ganz
besonders im Einsatz UNIFIL und im Atalanta-Mandat
über Gebühr strapaziert werden. Darüber hinaus sorgen
in gewissen Zeiträumen unsere Marineflieger mit den
Seefernaufklärern für ein besseres Lagebild in diesem
sehr groß dimensionierten Seegebiet. Das alles erfordert
Logistik, technische Wartung und auch Betreuung der
Kräfte an Land.

Viele der Außen- und Verteidigungspolitiker haben
die Soldatinnen und Soldaten am Horn von Afrika im
Versorgungshafen Dschibuti besucht. Auch dieser Staat
Dschibuti mit der gleichnamigen Hafenstadt war und ist
ein zunehmend wackeliger afrikanischer Staat. Ich
denke, flankierend haben die Besuche und vor allem die
Gespräche mit den Regierungsvertretern vor Ort gehol-
fen, den Weg für geordnetere Strukturen zu ebnen. Dank
deutscher Hilfe ist es zum Beispiel gelungen, nicht nur
ein flächendeckendes Funknetz, sondern auch eine Orga-
nisationsstruktur in die bis dahin relativ verwahrloste
örtliche Polizei zu bringen. Es sind manchmal die klei-
nen Gesten, Handreichungen und anpackenden Hilfen,
die einem Staat Zuversicht und Selbstbewusstsein ge-
ben.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


All das sind gute Synergieeffekte am Rande der Mission
Atalanta, die positiv wirken.

Die Bundesverteidigungsministerin Frau von der
Leyen hat es mehrfach ausgeführt, und auch der Außen-
minister hat es vorgestern in der Ausschusssitzung ge-
sagt: Die Forderungen vieler Staaten der Welt und die
Appelle an die Bundesrepublik Deutschland sind vielfäl-
tig und gehen zumeist über das hinaus, was unser Land
zu leisten in der Lage ist. Es gilt immer wieder in ehrli-
cher Selbstbestimmung und kritischer Abwägung festzu-
legen, wo, mit welchen Mitteln, in welchem Umfang
und wie wir in der friedlichen Staatengemeinschaft unse-
ren ganz eigenen Beitrag leisten wollen, ja leisten müs-
sen. Die Staatengemeinschaft erwartet von uns, dass sich
die Bundesrepublik Deutschland weiterhin am Atalanta-
Mandat beteiligt.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803618300

Ich schließe die Aussprache.

Wir kommen zur Beschlussempfehlung des Auswärti-
gen Ausschusses zu dem Antrag der Bundesregierung
auf Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher
Streitkräfte an der EU-geführten Operation Atalanta zur
Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Somalias. Der
Ausschuss empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf
Drucksache 18/1486, den Antrag der Bundesregierung
auf Drucksache 18/1282 anzunehmen.

Mir liegen inzwischen sechs Erklärungen nach § 31
unserer Geschäftsordnung vor. Diese nehmen wir ent-
sprechend unseren Regeln zu Protokoll.1)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, an dieser Stelle
möchte ich darauf hinweisen, dass wir im Anschluss an
diese namentliche Abstimmung die geheime Wahl des
Präsidenten des Bundesrechnungshofes vornehmen wer-
den. Des Weiteren werden wir danach noch drei nament-
liche Abstimmungen durchführen, eine namentliche
Abstimmung zum Tagesordnungspunkt 8 und zwei na-
mentliche Abstimmungen zum Tagesordnungspunkt 9.
Diese namentlichen Abstimmungen finden in circa zwei
bzw. drei Stunden statt.

Wir stimmen nun über die Beschlussempfehlung na-
mentlich ab. Ich bitte die Schriftführerinnen und Schrift-
führer, die vorgesehenen Plätze einzunehmen und die
Abstimmungsurnen an die entsprechenden Plätze zu
bringen.

1) Anlagen 2 und 3





Vizepräsidentin Petra Pau


(A) (C)



(D)(B)

Sind alle Schriftführerinnen und Schriftführer an ih-
rem Platz? – Das ist der Fall. Ich eröffne die Abstim-
mung über die Beschlussempfehlung.

Ich bitte die Kolleginnen und Kollegen, die schon ab-
gestimmt haben, Platz zu nehmen. – Nach dieser na-
mentlichen Abstimmung kommen wir zu einer weiteren
Abstimmung. Erst danach kommen wir zu einer Wahl
mit Wahlscheinen. Wer seinen Wahlausweis übrigens
noch nicht hat, kann sich diesen für den nächsten Tages-
ordnungspunkt schon einmal aus seinem Abstimmungs-
fach besorgen.

In jedem Fall werde ich die weitere Abstimmung und
auch die Wahl nicht aufrufen, bevor wir nicht von hier
vorne die Abstimmungsergebnisse bei einfachen Ab-
stimmungen zweifelsfrei feststellen können. Dazu ist es
notwendig, dass Sie sich bitte wieder hinsetzen und uns
den Blick frei machen.

Gibt es noch ein Mitglied des Hauses, das seine
Stimme nicht abgeben konnte? – Das ist nicht der Fall.
Ich schließe die Abstimmung und bitte die Schriftführe-
rinnen und Schriftführer, mit der Auszählung zu begin-
nen.

Ich bitte die Kolleginnen und Kollegen, die im Mo-
ment hier vorne keine Aufgabe haben, uns den Blick in
die Fraktionen frei zu machen, damit ich mit der Abstim-
mung fortfahren kann.

Ich bitte, beim nächsten Mal etwas aufmerksamer zu
sein. Es könnte im Übrigen helfen, wenn der Geräusch-
pegel insgesamt etwas heruntergeschraubt würde, damit
alle Kolleginnen und Kollegen mitbekommen, dass sie
zur Abstimmung gerufen sind.

Wir kommen zur Abstimmung über den Entschlie-
ßungsantrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen auf
Drucksache 18/1491. Wer stimmt für diesen Entschlie-
ßungsantrag? – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält
sich? – Der Entschließungsantrag ist gegen die Stimmen
der antragstellenden Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
durch die übrigen Fraktionen abgelehnt, wobei ich be-
merke: Wir sind uns hier vorne einig, dass die Hände,
die die Gegenstimmen anzeigten, in der Mehrzahl waren
gegenüber den Händen, die aus der Fraktion Bündnis 90/
Die Grünen erhoben wurden. Wir konnten hier aber kei-
nen einheitlichen Willen von Fraktionen in der Abstim-
mung feststellen. Ich bitte also darum, die notwendige
Aufmerksamkeit für die folgenden Tagesordnungs-
punkte aufzubringen. Das gilt wiederum für alle Fraktio-
nen des Hauses.

Ich rufe den Zusatzpunkt 5 auf:

Wahl des Präsidenten des Bundesrechnungs-
hofes

Nach § 5 Absatz 1 des Gesetzes über den Bundes-
rechnungshof wählen der Deutsche Bundestag und der
Bundesrat jeweils ohne Aussprache auf Vorschlag der
Bundesregierung den Präsidenten des Bundesrechnungs-
hofes.
Die Bundesregierung schlägt mit Schreiben vom
16. Mai 2014 vor, Herrn Kay Scheller zum Präsidenten
des Bundesrechnungshofes zu wählen. Herr Scheller hat
auf der Ehrentribüne Platz genommen. Herr Scheller, ich
grüße Sie hiermit herzlich.


(Beifall)


Nun bitte ich um Ihre Aufmerksamkeit für einige
Hinweise zum Wahlverfahren. Die Wahl ist geheim. Zur
Wahl sind die Stimmen der Mehrheit der Mitglieder des
Bundestages, das heißt mindestens 316 Stimmen, erfor-
derlich.

Sie benötigen Ihren Wahlausweis sowie einen Stimm-
zettel mit Wahlumschlag. Den Stimmzettel mit Um-
schlag erhalten Sie an den Ausgabetischen neben den
Wahlkabinen. Den Wahlausweis entnehmen Sie bitte, so-
weit das noch nicht geschehen ist, Ihrem Stimmkarten-
fach.

Da die Wahl geheim ist, dürfen Sie Ihren Stimmzettel
nur in einer der Wahlkabinen ankreuzen und in den Wahl-
umschlag legen. Die Schriftführerinnen und Schriftführer
sind verpflichtet, jeden zurückzuweisen, der seinen
Stimmzettel außerhalb der Wahlkabine angekreuzt und in
den Umschlag gelegt hat. Die Wahl kann in diesem Falle
vorschriftsmäßig wiederholt werden.

Gültig sind Stimmzettel mit einem Kreuz bei „Ja“,
„Nein“ oder „Enthalte mich“. Ungültig sind Stimmen
auf nichtamtlichen Stimmzetteln sowie Stimmzettel, die
mehr als ein Kreuz, andere Namen oder Zusätze enthal-
ten.

Bevor Sie den Stimmzettel in eine der aufgestellten
Wahlurnen werfen, übergeben Sie bitte Ihren Wahlaus-
weis einem der Schriftführer an der Wahlurne. Ich weise
darauf hin, dass der Nachweis der Teilnahme an der
Wahl nur durch die Abgabe des Wahlausweises erbracht
wird.

Ich bitte nun die Schriftführerinnen und Schriftführer,
die vorgesehenen Plätze einzunehmen. – Sind die Plätze
an den Urnen besetzt? – Das ist der Fall. Ich eröffne die
Wahl.

Haben alle Kolleginnen und Kollegen des Hauses
Ihre Stimme abgegeben?


(Zurufe: Nein!)


Haben jetzt alle Kolleginnen und Kollegen Ihre
Stimme abgegeben? – Ich sehe, das ist der Fall. Ich
schließe damit die Wahl und bitte die Schriftführerinnen
und Schriftführer, mit der Auszählung zu beginnen. Das
Ergebnis der Wahl wird Ihnen später bekannt gegeben.1)

Ich gebe Ihnen jetzt das von den Schriftführerinnen
und Schriftführern ermittelte Ergebnis der namentli-
chen Abstimmung zur Fortsetzung der Beteiligung be-
waffneter deutscher Streitkräfte an der EU-geführten
Operation Atalanta bekannt: abgegebene Stimmen 582.
Mit Ja haben gestimmt 461, mit Nein haben gestimmt 70,
Enthaltungen 51. Die Beschlussempfehlung ist damit an-
genommen.

1) Ergebnis Seite 3092 B





Vizepräsidentin Petra Pau


(A) (C)



(D)(B)

Endgültiges Ergebnis
Abgegebene Stimmen: 579;
davon

ja: 458
nein: 70
enthalten: 51

Ja

CDU/CSU

Stephan Albani
Katrin Albsteiger
Peter Altmaier
Artur Auernhammer
Thomas Bareiß
Norbert Barthle
Julia Bartz
Günter Baumann
Maik Beermann
Manfred Behrens (Börde)

Veronika Bellmann
Sybille Benning
Dr. André Berghegger
Dr. Christoph Bergner
Ute Bertram
Peter Beyer
Steffen Bilger
Clemens Binninger
Peter Bleser
Dr. Maria Böhmer
Wolfgang Bosbach
Norbert Brackmann
Klaus Brähmig
Michael Brand
Dr. Reinhard Brandl
Helmut Brandt
Dr. Ralf Brauksiepe
Dr. Helge Braun
Heike Brehmer
Ralph Brinkhaus
Cajus Caesar
Gitta Connemann
Alexandra Dinges-Dierig
Michael Donth
Thomas Dörflinger
Marie-Luise Dött
Hansjörg Durz
Jutta Eckenbach
Hermann Färber
Uwe Feiler
Dr. Thomas Feist
Enak Ferlemann
Ingrid Fischbach
Dirk Fischer (Hamburg)


(Karlsruhe Land)

Dr. Maria Flachsbarth
Klaus-Peter Flosbach
Thorsten Frei
Dr. Astrid Freudenstein
Dr. Hans-Peter Friedrich


(Hof)

Michael Frieser
Dr. Michael Fuchs
Hans-Joachim Fuchtel
Alexander Funk
Ingo Gädechens
Dr. Peter Gauweiler
Dr. Thomas Gebhart
Alois Gerig
Eberhard Gienger
Cemile Giousouf
Josef Göppel
Reinhard Grindel
Ursula Groden-Kranich
Hermann Gröhe
Klaus-Dieter Gröhler
Michael Grosse-Brömer
Astrid Grotelüschen
Markus Grübel
Manfred Grund
Monika Grütters
Dr. Herlind Gundelach
Fritz Güntzler
Olav Gutting
Christian Haase
Florian Hahn
Dr. Stephan Harbarth
Jürgen Hardt
Gerda Hasselfeldt
Matthias Hauer
Mark Hauptmann
Dr. Stefan Heck
Dr. Matthias Heider
Helmut Heiderich
Mechthild Heil
Frank Heinrich (Chemnitz)

Mark Helfrich
Uda Heller
Jörg Hellmuth
Rudolf Henke
Ansgar Heveling
Peter Hintze
Christian Hirte
Dr. Heribert Hirte
Robert Hochbaum
Alexander Hoffmann
Karl Holmeier
Franz-Josef Holzenkamp
Dr. Hendrik Hoppenstedt
Margaret Horb
Bettina Hornhues
Charles M. Huber
Anette Hübinger
Erich Irlstorfer
Thomas Jarzombek
Sylvia Jörrißen
Andreas Jung
Dr. Franz Josef Jung
Xaver Jung
Dr. Egon Jüttner
Bartholomäus Kalb
Hans-Werner Kammer
Steffen Kanitz
Alois Karl
Anja Karliczek
Bernhard Kaster
Volker Kauder
Dr. Stefan Kaufmann
Roderich Kiesewetter
Dr. Georg Kippels
Volkmar Klein
Jürgen Klimke
Axel Knoerig
Jens Koeppen
Markus Koob
Carsten Körber
Hartmut Koschyk
Kordula Kovac
Michael Kretschmer
Gunther Krichbaum
Dr. Günter Krings
Rüdiger Kruse
Dr. Roy Kühne
Günter Lach
Uwe Lagosky
Andreas G. Lämmel
Dr. Norbert Lammert
Katharina Landgraf
Ulrich Lange
Barbara Lanzinger
Dr. Silke Launert
Paul Lehrieder
Dr. Katja Leikert
Dr. Philipp Lengsfeld
Dr. Andreas Lenz
Philipp Graf Lerchenfeld
Dr. Ursula von der Leyen
Antje Lezius
Ingbert Liebing
Matthias Lietz
Andrea Lindholz
Dr. Carsten Linnemann
Patricia Lips
Wilfried Lorenz
Dr. Claudia Lücking-Michel
Daniela Ludwig
Karin Maag
Yvonne Magwas
Thomas Mahlberg
Dr. Thomas de Maizière
Gisela Manderla
Matern von Marschall
Hans-Georg von der Marwitz
Andreas Mattfeldt
Stephan Mayer (Altötting)

Reiner Meier
Dr. Michael Meister
Jan Metzler
Maria Michalk
Dr. h. c. Hans Michelbach
Dr. Mathias Middelberg
Philipp Mißfelder
Dietrich Monstadt
Karsten Möring
Marlene Mortler
Elisabeth Motschmann
Dr. Gerd Müller
Carsten Müller


(Braunschweig)

Stefan Müller (Erlangen)

Dr. Philipp Murmann
Dr. Andreas Nick
Michaela Noll
Helmut Nowak
Dr. Georg Nüßlein
Wilfried Oellers
Florian Oßner
Dr. Tim Ostermann
Henning Otte
Ingrid Pahlmann
Sylvia Pantel
Martin Patzelt
Dr. Martin Pätzold
Ulrich Petzold
Dr. Joachim Pfeiffer
Sibylle Pfeiffer
Ronald Pofalla
Eckhard Pols
Thomas Rachel
Kerstin Radomski
Alexander Radwan
Dr. Peter Ramsauer
Eckhardt Rehberg
Katherina Reiche (Potsdam)

Lothar Riebsamen
Josef Rief
Dr. Heinz Riesenhuber
Johannes Röring
Dr. Norbert Röttgen
Erwin Rüddel
Albert Rupprecht
Anita Schäfer (Saalstadt)

Dr. Wolfgang Schäuble
Karl Schiewerling
Jana Schimke
Norbert Schindler
Tankred Schipanski
Heiko Schmelzle
Christian Schmidt (Fürth)

Gabriele Schmidt (Ühlingen)

Patrick Schnieder
Nadine Schön (St. Wendel)

Dr. Ole Schröder
Bernhard Schulte-Drüggelte
Dr. Klaus-Peter Schulze
Uwe Schummer

(Weil am Rhein)

Christina Schwarzer
Detlef Seif
Johannes Selle
Reinhold Sendker
Dr. Patrick Sensburg
Bernd Siebert
Johannes Singhammer
Tino Sorge
Carola Stauche
Dr. Frank Steffel
Dr. Wolfgang Stefinger
Albert Stegemann
Peter Stein
Erika Steinbach
Sebastian Steineke
Johannes Steiniger
Christian Freiherr von Stetten
Dieter Stier
Rita Stockhofe
Gero Storjohann
Stephan Stracke
Max Straubinger
Matthäus Strebl
Karin Strenz
Thomas Stritzl
Thomas Strobl (Heilbronn)

Lena Strothmann
Michael Stübgen
Dr. Sabine Sütterlin-Waack
Dr. Peter Tauber
Antje Tillmann
Astrid Timmermann-Fechter





Vizepräsidentin Petra Pau


(A) (C)



(D)(B)

Dr. Hans-Peter Uhl
Dr. Volker Ullrich
Arnold Vaatz
Oswin Veith
Thomas Viesehon
Michael Vietz
Volkmar Vogel (Kleinsaara)

Sven Volmering
Christel Voßbeck-Kayser
Kees de Vries
Dr. Johann Wadephul
Marco Wanderwitz
Nina Warken
Kai Wegner
Albert Weiler
Marcus Weinberg (Hamburg)

Dr. Anja Weisgerber
Peter Weiß (Emmendingen)

Sabine Weiss (Wesel I)

Ingo Wellenreuther
Karl-Georg Wellmann
Marian Wendt
Kai Whittaker
Peter Wichtel
Annette Widmann-Mauz
Heinz Wiese (Ehingen)

Klaus-Peter Willsch
Elisabeth Winkelmeier-

Becker
Oliver Wittke
Dagmar G. Wöhrl
Barbara Woltmann
Tobias Zech
Heinrich Zertik
Emmi Zeulner
Dr. Matthias Zimmer
Gudrun Zollner

SPD

Niels Annen
Ingrid Arndt-Brauer
Rainer Arnold
Heike Baehrens
Ulrike Bahr
Heinz-Joachim Barchmann
Dr. Katarina Barley
Dr. Hans-Peter Bartels
Dr. Matthias Bartke
Sören Bartol
Bärbel Bas
Dirk Becker
Lothar Binding (Heidelberg)

Burkhard Blienert
Willi Brase
Dr. Karl-Heinz Brunner
Martin Burkert
Dr. Lars Castellucci
Petra Crone
Bernhard Daldrup
Dr. Daniela De Ridder
Dr. Karamba Diaby
Sabine Dittmar
Martin Dörmann
Elvira Drobinski-Weiß
Siegmund Ehrmann
Michaela Engelmeier-Heite
Dr. h. c. Gernot Erler
Petra Ernstberger
Saskia Esken
Karin Evers-Meyer
Dr. Johannes Fechner
Dr. Fritz Felgentreu
Elke Ferner
Christian Flisek
Gabriele Fograscher
Dr. Edgar Franke
Dagmar Freitag
Michael Gerdes
Martin Gerster
Iris Gleicke
Ulrike Gottschalck
Kerstin Griese
Gabriele Groneberg
Uli Grötsch
Wolfgang Gunkel
Bettina Hagedorn
Rita Hagl-Kehl
Metin Hakverdi
Ulrich Hampel
Sebastian Hartmann
Michael Hartmann


(Wackernheim)

Dirk Heidenblut
Hubertus Heil (Peine)

Gabriela Heinrich
Marcus Held
Wolfgang Hellmich
Dr. Barbara Hendricks
Heidtrud Henn
Gustav Herzog
Gabriele Hiller-Ohm
Thomas Hitschler
Dr. Eva Högl
Christina Jantz
Frank Junge
Josip Juratovic
Thomas Jurk
Oliver Kaczmarek
Johannes Kahrs
Christina Kampmann
Ralf Kapschack
Gabriele Katzmarek
Ulrich Kelber
Marina Kermer
Arno Klare
Lars Klingbeil
Dr. Bärbel Kofler
Daniela Kolbe
Birgit Kömpel
Anette Kramme
Dr. Hans-Ulrich Krüger
Helga Kühn-Mengel
Christine Lambrecht
Christian Lange (Backnang)

Dr. Karl Lauterbach
Steffen-Claudio Lemme
Burkhard Lischka
Gabriele Lösekrug-Möller
Hiltrud Lotze
Kirsten Lühmann
Dr. Birgit Malecha-Nissen
Caren Marks
Katja Mast
Dr. Matthias Miersch
Klaus Mindrup
Susanne Mittag
Bettina Müller
Michelle Müntefering
Dr. Rolf Mützenich
Dietmar Nietan
Ulli Nissen
Mahmut Özdemir (Duisburg)

Aydan Özoğuz
Markus Paschke
Christian Petry
Detlev Pilger
Sabine Poschmann
Joachim Poß
Florian Post
Achim Post (Minden)

Dr. Wilhelm Priesmeier
Dr. Sascha Raabe
Dr. Simone Raatz
Martin Rabanus
Mechthild Rawert
Stefan Rebmann
Gerold Reichenbach
Dr. Carola Reimann
Andreas Rimkus
Sönke Rix
Dennis Rohde
Dr. Martin Rosemann
Dr. Ernst Dieter Rossmann
Michael Roth (Heringen)

Susann Rüthrich
Bernd Rützel
Johann Saathoff
Annette Sawade
Dr. Hans-Joachim

Schabedoth
Axel Schäfer (Bochum)

Dr. Nina Scheer
Marianne Schieder
Udo Schiefner
Dr. Dorothee Schlegel
Ulla Schmidt (Aachen)

Matthias Schmidt (Berlin)

Dagmar Schmidt (Wetzlar)

Carsten Schneider (Erfurt)

Ursula Schulte
Stefan Schwartze
Rita Schwarzelühr-Sutter
Dr. Carsten Sieling
Rainer Spiering
Norbert Spinrath
Svenja Stadler
Martina Stamm-Fibich
Sonja Steffen
Peer Steinbrück
Dr. Frank-Walter Steinmeier
Christoph Strässer
Kerstin Tack
Claudia Tausend
Michael Thews
Wolfgang Tiefensee
Carsten Träger
Rüdiger Veit
Ute Vogt
Dirk Vöpel
Gabi Weber
Bernd Westphal
Andrea Wicklein
Dirk Wiese
Gülistan Yüksel
Stefan Zierke
Dr. Jens Zimmermann

Nein

SPD

Klaus Barthel
Marco Bülow
Petra Hinz (Essen)

Cansel Kiziltepe
Hilde Mattheis
René Röspel
Swen Schulz (Spandau)

Waltraud Wolff


(Wolmirstedt)


DIE LINKE

Jan van Aken
Dr. Dietmar Bartsch
Herbert Behrens
Karin Binder
Matthias W. Birkwald
Heidrun Bluhm
Christine Buchholz
Eva Bulling-Schröter
Roland Claus
Dr. Diether Dehm
Klaus Ernst
Diana Golze
Annette Groth
Dr. Gregor Gysi
Dr. André Hahn
Heike Hänsel
Inge Höger
Andrej Hunko
Sigrid Hupach
Ulla Jelpke
Susanna Karawanskij
Kerstin Kassner
Katja Kipping
Jan Korte
Caren Lay
Sabine Leidig
Ralph Lenkert
Michael Leutert
Stefan Liebich
Dr. Gesine Lötzsch
Thomas Lutze
Cornelia Möhring
Niema Movassat
Dr. Alexander S. Neu
Thomas Nord
Petra Pau
Harald Petzold (Havelland)

Richard Pitterle
Martina Renner
Michael Schlecht
Dr. Petra Sitte
Kersten Steinke
Dr. Kirsten Tackmann
Frank Tempel
Dr. Axel Troost
Alexander Ulrich
Halina Wawzyniak
Harald Weinberg
Katrin Werner
Birgit Wöllert





Vizepräsidentin Petra Pau


(A) (C)



(B)

Jörn Wunderlich
Hubertus Zdebel
Pia Zimmermann
Sabine Zimmermann


(Zwickau)


BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN

Sylvia Kotting-Uhl
Christian Kühn (Tübingen)

Monika Lazar
Peter Meiwald
Beate Müller-Gemmeke
Lisa Paus
Corinna Rüffer
Hans-Christian Ströbele
Enthalten

SPD

Edelgard Bulmahn

BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN

Luise Amtsberg
Kerstin Andreae
Annalena Baerbock
Dr. Franziska Brantner
Agnieszka Brugger
Ekin Deligöz
Katja Dörner
Katharina Dröge
Harald Ebner
Dr. Thomas Gambke
Matthias Gastel
Kai Gehring
Anja Hajduk
Britta Haßelmann
Dr. Anton Hofreiter
Bärbel Höhn
Dieter Janecek
Uwe Kekeritz
Katja Keul
Sven-Christian Kindler
Maria Klein-Schmeink
Tom Koenigs
Oliver Krischer
Stephan Kühn (Dresden)

Renate Künast
Markus Kurth
Steffi Lemke
Dr. Tobias Lindner
Nicole Maisch
Irene Mihalic
Özcan Mutlu
Dr. Konstantin von Notz
Omid Nouripour
Friedrich Ostendorff
Cem Özdemir
Brigitte Pothmer
Tabea Rößner
Claudia Roth (Augsburg)

Manuel Sarrazin
Elisabeth Scharfenberg
Ulle Schauws
Dr. Gerhard Schick
Dr. Frithjof Schmidt
Kordula Schulz-Asche
Dr. Wolfgang Strengmann-

Kuhn
Markus Tressel
Jürgen Trittin
Dr. Julia Verlinden
Doris Wagner
Dr. Valerie Wilms

(D)

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 7 a und 7 b auf:

a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Caren
Lay, Dr. Dietmar Bartsch, Herbert Behrens, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE

Begrenzung und Vereinheitlichung der Zins-
sätze für Dispo- und Überziehungskredite

Drucksache 18/807
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz (f)

Finanzausschuss

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Nicole
Maisch, Renate Künast, Luise Amtsberg, weite-
rer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN

Begrenzung von Dispositions- und Überzie-
hungszinsen

Drucksache 18/1342
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz (f)

Finanzausschuss

Ich bitte Sie, dazu Platz zu nehmen. – Danke schön.

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 38 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat Caren Lay,
Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Caren Lay (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803618400

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Knietief im Dispo ist nicht nur der bekannte Ti-
tel des Comeback-Albums der Band Fehlfarben,


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Was für ein Album?)

sondern es ist auch traurige Realität für viele Verbrau-
cherinnen und Verbraucher.

Jeder fünfte Deutsche hat sein Konto schon einmal
überzogen. Viele Menschen, die davon betroffen sind,
haben keine Möglichkeit, aus dieser Überschuldungs-
falle herauszukommen. Deswegen fordern wir als Linke
zum fünften Mal in diesem Hohen Haus: Eine Begren-
zung der Dispozinsen muss endlich her.


(Beifall bei der LINKEN)


Wer im Dispo steckt, dem kommt es ganz schön teuer
zu stehen. Die Banken verlangen im Schnitt über 11 Pro-
zent, wenn Bürgerinnen und Bürger im Dispo stecken.
Aber ich frage mich zugleich: Was machen eigentlich
die Banken, wenn sie frisches Geld brauchen? Die Ban-
ken machen es sich einfach. Die Banken gehen zur Euro-
päischen Zentralbank und bekommen dort ihr frisches
Geld zu einem Schnäppchenpreis. Der Leitzins der Eu-
ropäischen Zentralbank liegt derzeit bei dem histori-
schen Tief von 0,25 Prozent. Zu diesem Prozentsatz be-
kommen die Banken ihr Geld.

Schauen wir uns dies einmal näher an. Auf der einen
Seite haben wir 0,25 Prozent Zinssatz für die Banken,
und auf der anderen Seite fast 11,3 Prozent für die Ver-
braucherinnen und Verbraucher. Das ist eine Gewinn-
marge von über 11 Prozent. Man könnte auch sagen: Es
ist Abzocke auf Kosten der Verbraucherinnen und Ver-
braucher. Wir Linke sagen: Diese Bereicherung der Ban-
ken auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger muss end-
lich beendet werden.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wir sprechen hier nur von den Durchschnittswerten.
Sehen wir uns die Höchstwerte an, dann wird es nur
noch schlimmer. Bei der Volksbank Feldatal liegen die
Dispozinsen beispielsweise bei 15 Prozent. Oder neh-
men wir die Überziehungszinsen: Da liegt der Durch-
schnittswert bei 16 Prozent, und es gibt Höchstwerte von
22 bis 23 Prozent. Das kann wirklich nicht sein.





Caren Lay


(A) (C)



(D)(B)

Meine Damen und Herren, ich habe es bereits er-
wähnt: Die hohen Zinsen treffen die Schwächsten, vor
allen Dingen diejenigen Verbraucherinnen und Verbrau-
cher, die keine Chance haben, einen anderen Kredit zu
bekommen. Das sind diejenigen, die vielleicht auf den
letzten Drücker den Strom, die Miete bezahlen müssen,
damit sie nicht aus ihren Wohnungen fliegen. Auch des-
wegen verstehe ich nicht, dass die Politik es weiterhin
sehenden Auges zulässt, dass die Banken hier Milliar-
dengewinne machen; denn an jedem einzelnen Prozent-
punkt des Dispo verdienen die Banken 400 Millionen
Euro jährlich. Da kommt ganz schön was zusammen.
Das kann so einfach nicht sein.


(Beifall bei der LINKEN)


Das alles hätte längst vermieden werden können. Vor
fünf Jahren hat die Fraktion Die Linke hier zum ersten
Mal einen Antrag zur Deckelung der Dispozinsen einge-
bracht. Wir haben hier inzwischen vier Initiativen vorge-
legt, über die abgestimmt wurde; sie sind allesamt abge-
lehnt worden, und es ist einfach nichts passiert.

Wir hatten in der letzten Legislatur eine Verbraucher-
ministerin, die immer gesagt hat, dass sie das nicht gut
findet. Dann hat sie die Banken zum Kamingespräch
eingeladen. Da wurde ein bisschen geschimpft, und am
Ende kam eine lasche Selbstverpflichtung heraus, aus
der nichts geworden ist.

Dann gab es einen neuen Hoffnungsträger: Peer
Steinbrück von der SPD. Er hat sich unserer Forderung
im Grunde angeschlossen; das fanden wir sehr gut, das
haben wir begrüßt. Da war vor einem Jahr von „Wucher“
die Rede; es hieß, das müsse gestoppt werden, die Zins-
sätze müssten gedeckelt werden. Da war gerade wieder
Wahlkampfzeit. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! –
Liebe Kolleginnen und Kollegen von der SPD, die Sie
diese Forderung in der letzten Legislatur unterstützt ha-
ben, ich frage mich ehrlich gesagt, wer für Sie eigentlich
den Koalitionsvertrag verhandelt hat.


(Dr. Carsten Sieling [SPD]: Wir haben einen eigenen Vorschlag gemacht, einen handhabbaren!)


Es scheint mir so, als habe sich hier die CDU/CSU, die
das schon immer durchweg blockiert hat, komplett
durchgesetzt. Dazu heißt im Koalitionsvertrag ganz lapi-
dar, dass der Dispokredit „nicht zu einer übermäßigen
Belastung“ führen solle, dass es „einen Warnhinweis“
auf dem Kontoauszug gebe solle – einen solchen Warn-
hinweis gibt es schon heute: Ein fettes Minus ist ja wohl
Warnhinweis genug – und dass dann eine „Beratung“ an-
geboten werden solle.


(Dr. Carsten Sieling [SPD]: Jetzt wird gehandelt!)


Meine Damen und Herren, das kann doch wirklich nicht
sein. Das ist doch eine lasche Formulierung. Beratung
statt Problemlösung – das ist Unsinn. Ein engagierter
Schutz von Verbraucherinnen und Verbrauchern sieht
nun wirklich anders aus.
Immerhin hat sich die Forderung, die wir von der
Fraktion Die Linke aufgestellt haben, nach und nach
durchgesetzt. Ich freue mich sehr, dass die Verbraucher-
schutzministerkonferenz in der letzten Woche einen ent-
sprechenden Beschluss gefasst und die Bundesregierung
aufgefordert hat, einen gesetzlichen Deckel einzuziehen.
Es handelte sich übrigens um einen Antrag des rot-rot re-
gierten Landes Brandenburg. Darüber freuen wir Linke
uns natürlich ganz besonders.


(Beifall bei der LINKEN)


Ich freue mich auch, dass dieser Antrag im Bundesrat
eine Mehrheit gefunden hat.

Die Union hat ja hier, wenn die Einführung eines ge-
setzlichen Deckels für den Dispo wieder einmal ausge-
sessen und verhindert wurde, vor allen Dingen immer ar-
gumentiert: Na ja, es gibt eine Wahlfreiheit der
Verbraucher; sie sind mündig und können einfach mal
ihr Konto wechseln. – Abgesehen davon, dass es immer
noch kein Recht auf ein Girokonto gibt, ist es sinnvoll,
sich mit den Fakten vor Ort zu beschäftigen. Ich habe bei
mir im Wahlkreis den Versuch gemacht; ich kann Sie nur
auffordern, das auch selbst einmal zu tun. Man findet
vielleicht eine Internetbank, die einen Dispo von etwa
8,5 Prozent gewährt. Aber da muss ich fragen: Für wel-
che Rentnerin ist das denn wirklich eine Lösung? Wer
eine Filialbank haben möchte, wer es gewohnt ist, buch-
stäblich zur Kasse zu gehen, wer eine direkte Beratung
in Anspruch nehmen will, der kommt auch in meinem
Wahlkreis Bautzen nicht mit Dispozinsen unter
10,95 Prozent davon. Deswegen sage ich: Der Bundes-
tag, der Gesetzgeber muss hier endlich handeln.


(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Nicole Maisch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Meine Damen und Herren, die Sie diese Debatte ver-
folgen: Wenn Sie im Saarland wohnen, haben Sie noch
eine andere Chance. Hier hat nämlich der Landesver-
band der Linken Unterschriften für ein Bürgerbegehren
gesammelt, damit wenigstens im Saarland endlich die
Dispozinsen gedeckelt werden. Bis zum 22. September
haben Sie noch Zeit, Ihre Unterschrift zu leisten. Darum
möchte ich Sie, liebe Saarländerinnen, liebe Saarländer,
ganz herzlich bitten. Und Sie, liebe Kolleginnen und
Kollegen, bitte ich: Stimmen Sie heute endlich für unse-
ren Antrag!


(Beifall bei der LINKEN)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803618500

Vielen Dank. – Nächste Rednerin ist Mechthild Heil,

CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Mechthild Heil (CDU):
Rede ID: ID1803618600

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Liebe Frau Lay, Unsinn wird trotz ständiger
Wiederholung nicht zur Wahrheit.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)






Mechthild Heil


(A) (C)



(D)(B)

Das, liebe Kolleginnen und Kollegen der Opposition,
gilt auch für Ihre altbekannte Forderung nach einer De-
ckelung der Dispo- und Überziehungszinsen.


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Was ist denn daran Unsinn?)


Sie wiederholen diese Forderungen immer und immer
wieder.


(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Weil sie richtig sind!)


Sie haben es ja eben gesagt: schon fünfmal. Glauben Sie
wirklich, so ließe sich guter Verbraucherschutz machen?

Ihren Baukasten für Verbraucherschutzkonzepte ken-
nen wir allmählich ganz genau: Sie haben Deckel, Sie
haben Ampeln, Sie haben Bremsen. Medienwirksam
sind diese Schlagworte, das gebe ich zu; aber sie lösen
keines der uns bekannten Probleme.

Ihre Problemanalyse ist genauso vereinfachend und
wirklich mager: Die Leitzinsen sind niedrig, trotzdem
müssen die Kunden Wucherzinsen zahlen.


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: So ist es ja auch!)


Dann der Ruf der Linken nach dem Staat – wir kennen
das –: Der Staat muss deckeln. – Es interessiert Sie nicht,
dass die Höhe der Dispozinsen nur bedingt mit dem Re-
finanzierungszinssatz für die Banken zu tun hat. Auch
Verwaltungskosten und das Ausfallrisiko spielen für Sie
überhaupt keine Rolle.


(Zuruf von der LINKEN: Was? – Caren Lay [DIE LINKE]: Doch, 5 Prozent mehr!)


Aber – das müssen Sie einfach zur Kenntnis nehmen –:
Nicht alle Banken sind gleich. Es gibt verschiedene
Bankmodelle, die unterschiedliche Konstruktionen ha-
ben – Sie haben es selbst gesagt –: Eine Direktbank hat
im Gegensatz zu einer Bank mit großem Filialnetz viel-
leicht ganz andere Möglichkeiten, zu finanzieren; denn
sie hat weniger Miet- und Personalkosten. Aber das alles
interessiert Sie nicht!


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803618700

Frau Kollegin Heil, gestatten Sie eine Zwischenfrage

der Abgeordneten Lay?


Mechthild Heil (CDU):
Rede ID: ID1803618800

Aber gerne.


Caren Lay (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803618900

Vielen lieben Dank, Frau Kollegin, dass Sie die Zwi-

schenfrage gestatten. – Die Zuhörerinnen und Zuhörer
mussten fast den Eindruck gewinnen – so befürchte ich –,
als wollten wir Linke, dass für die Kunden das Gleiche
wie für die Banken gelten muss, nämlich der Leitzins der
Europäischen Zentralbank, der derzeit bei 0,25 Prozent
liegt. Deswegen ist meine Frage: Haben Sie zur Kennt-
nis genommen, dass wir als Linke nicht fordern, diesen
eins zu eins umzusetzen, sondern vielmehr gefordert ha-
ben, dass der Dispozinssatz maximal 5 Prozentpunkte
über diesem Leitzinssatz liegt? Bei diesem Vorschlag der
Linken müsste doch immer noch genügend Geld für die
Verwaltungstätigkeit und auch ein bisschen Geld für die
Gewinne der Banken übrig bleiben. Haben Sie also zur
Kenntnis genommen, dass wir einen durchaus modera-
ten Vorschlag machen?


Mechthild Heil (CDU):
Rede ID: ID1803619000

Vielen Dank für die Frage. – Sie wiederholen das,

was Sie eben schon einmal gesagt haben: Sie wollen,
dass der Dispozinssatz 5 Prozent über dem Leitzinssatz
liegt. Das ist für mich ein fester Deckel. Sie haben selber
darauf hingewiesen, dass Sie das hier im Bundestag
schon fünfmal gefordert haben, aber deswegen wird es
nicht besser: Es bleibt ein fester Deckel. Zu beweglichen
Lösungen fällt Ihnen nichts ein. Wirkliche Antworten
auf die Probleme geben Sie nicht. – Die Frage ist damit
beantwortet; ich sage Ihnen aber gleich gerne noch etwas
zur Höhe der Zinssätze in meinem Wahlkreis.


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Wie schwach! Wie schwach!)


Sie interessieren sich nicht für die wirklichen Pro-
bleme. Mit einer Obergrenze scheren Sie alle Banken
über einen Kamm. Das ist – ganz klar – Ihre Meinung.
Das ist sozialistische Politik, das kennt man; aber mit so-
zialer Marktwirtschaft hat das nichts zu tun. Denn es gibt
auch unter den Banken Wettbewerb, der den Verbrau-
chern am Ende nutzt. Es gibt zum Beispiel Banken, die
einen sehr günstigen Zinssatz anbieten. Der niedrigste
Dispozinssatz, den ich gefunden habe, beträgt aktuell
4,2 Prozent und liegt somit weit unter dem Deckel, den
Sie hier fordern. Würden wir dem also folgen, was Sie
hier fordern, würden genau die Banken, die jetzt günsti-
ger sind, ihren Dispozinssatz nach oben, an die von Ih-
nen geforderte Grenze, anpassen.


(Dr. Carsten Sieling [SPD]: Marktwirtschaft funktioniert anders!)


Der Deckel schadet also den Verbrauchern. Er nützt ih-
nen nichts. Der Deckel ist weder zielführend noch ver-
braucherfreundlich.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Genau!)


Was Sie vorlegen, ist einfach nicht durchdacht.

Unser Ansatz ist ein komplett anderer. Wir haben und
wir werden die Banken auch in Zukunft nicht aus ihrer
Verantwortung entlassen. Die Banken müssen sehr ge-
nau prüfen, ob ihre Zinsen angemessen oder notwendig
sind. Und sie müssen ihre Preise und Zinssätze nicht nur
transparent machen, sondern auch für jeden Kunden
deutlich sichtbar aushängen. Das haben wir schon in der
vergangenen Wahlperiode angeschoben, und es hat Wir-
kung gezeigt. Einige Banken haben ihre Zinssätze ge-
senkt, einige haben den höheren Zinssatz für die gedul-
dete Überziehung, die über das eingeräumte Limit
hinausgeht, an den niedrigeren Dispozinssatz angepasst.
Der politische und auch der öffentliche Druck hat also
Bewegung in die Branche gebracht. So macht man das,
und nicht mit einem Deckel, wie Sie das wollen.





Mechthild Heil


(A) (C)



(D)(B)

Seien Sie doch einmal ehrlich – auch das muss hier
einmal gesagt werden –: Kein einziger Fall von Über-
schuldung wird gelöst oder auch nur entschärft, indem
wir die Dispozinsen deckeln. Deshalb haben ja auch die
Schuldnerberater aufgeschrien, als einige Banken ange-
kündigt haben, den höheren Zinssatz für die geduldete
Überziehung abzuschaffen; denn damit würde ja auch
eine Schwelle auf dem Weg zur weiteren Überschuldung
abgeschafft.

Genau an dem Punkt müssen wir doch ansetzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir brauchen
eine gute Schuldnerberatung, und wir brauchen gute Be-
ratung hinsichtlich der Umschuldungsmöglichkeiten,
wenn ein Verbraucher über längere Zeit im Dispo steckt.
Außerdem wollen wir einen Warnhinweis beim Übertritt
in den Dispo einführen.

Am Ende geht es doch nicht um Verbote oder um ei-
nen Deckel. Wir wollen den Verbraucher befähigen,
seine Finanzen selbst in die Hand zu nehmen, vielleicht
sogar die Bank zu wechseln, wenn eine andere Bank ein
besseres Angebot macht. Der Kunde, der Verbraucher
kann die Bank zwingen, bessere Angebote zu machen.
Diese Marktmacht, die der Kunde hat, müssen die Ver-
braucher nutzen. Deshalb setze ich mich auch in dieser
Legislaturperiode besonders für die Stärkung der
Finanzkompetenz ein.

Lassen Sie uns gemeinsam an Lösungen für die wirk-
lichen Ursachen des Problems der Überschuldung arbei-
ten, anstatt hier Symptomkosmetik zu betreiben.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803619100

Vielen Dank, Frau Kollegin. – Bevor ich die nächste

Rednerin aufrufe, gebe ich Ihnen das von den Schriftfüh-
rerinnen und Schriftführern ermittelte Ergebnis der
Wahl des Präsidenten des Bundesrechnungshofes be-
kannt: abgegebene Stimmen 579. Mit Ja haben gestimmt
538, mit Nein haben gestimmt 25, Enthaltungen 16.1)
Herr Kay Scheller hat damit die erforderliche absolute
Mehrheit erreicht.

Ich spreche Herrn Kay Scheller zu seiner Wahl durch
den Deutschen Bundestag die Glückwünsche des Hauses
aus. Ich werde das Ergebnis der Wahl der Frau Bundes-
kanzlerin und dem Herrn Präsidenten des Bundesrates
mitteilen.


(Beifall)


Die nächste Rednerin in der Debatte ist Frau Nicole
Maisch, Bündnis 90/Die Grünen.


Nicole Maisch (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803619200

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wir brauchen endlich ein Gesetz mit einer Ober-
grenze für Dispo-Zinsen.

1) Anlage 13


Nie war Geld für die Banken so billig. Aber die
Kunden … müssen für ihren Dispo-Kredit im
Durchschnitt über zehn Prozent zahlen. Das ist Ab-
zocke!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Es wundert mich, dass die SPD an dieser Stelle nicht
klatscht; denn das waren nicht meine Worte, sondern die
Worte ihres Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel, die er
der Bild-Zeitung zu Protokoll gegeben hat.


(Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh! – Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Das hätten Sie vorher sagen müssen!)


Auch Ihrem Kanzlerkandidaten, Herrn Steinbrück,
konnten im Bundestagswahlkampf die Worte gar nicht
markig genug sein. Er forderte in Interviews eine Decke-
lung der Zinsen, um den Wucher der Banken zu begren-
zen.


(Dr. Carsten Sieling [SPD]: Richtig! Alles richtig!)


Legal sollte nur noch ein Aufschlag von maximal 8 Pro-
zentpunkten möglich sein. Das hat er im Wahlkampf
2013 den Journalistinnen und den Journalisten in die Fe-
der diktiert.

Auch der heutige Verbraucherschutzminister Maas
stellte sich als stellvertretender Ministerpräsident des
Saarlandes selbstverständlich hinter eine gesetzliche Be-
grenzung der Dispozinsen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Dr. Carsten Sieling [SPD]: Bravo!)


Abzocke, Wucher, gesetzliche Begrenzung – dazu
kann ich nur sagen: gut gebrüllt, rote Löwen! Aber nach
sechs Monaten Großer Koalition sind von den Löwen
nur noch sozialdemokratische Kätzchen übrig geblieben.


(Zurufe von der SPD: Oh!)


Von der Forderung nach einem gesetzlichen Deckel für
Dispozinsen hat sich die SPD still und leise verabschie-
det und schleicht jetzt schnurrend der Union und den
Banken um die Beine.


(Heiterkeit beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Statt klare Kante gegen Marktversagen und Abzocke zu
zeigen, speist Justizminister Maas die Bankkunden mit
Placebos ab. Wir finden es ja schön, wenn in Zukunft auf
dem Überweisungsträger oder den Kontoauszügen steht:
„knietief im Dispo“, aber mal ehrlich: Das wird den
Bankkundinnen und -kunden nicht helfen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Die Situation der Bankkunden hat sich nämlich in der
Vergangenheit nicht wesentlich verbessert. Durch-
schnittlich zahlt man über 11 Prozent Dispozins – meine
Vorrednerin von der Linken hat es angesprochen – und
bis zu 22,5 Prozent für die geduldete Überziehung. Das





Nicole Maisch


(A) (C)



(D)(B)

ist wirklich Abzocke. Das ist wirklich Wucher. Ich habe
mich gewundert, dass Frau Heil nicht ein bisschen mehr
Mitgefühl mit den Leuten, die im Dispo stecken, aufge-
bracht hat. Schließlich kommt sie aus der Selbstständig-
keit und sollte wissen, dass auch Selbstständige in den
Dispo rutschen, wenn zum Beispiel ihre Auftraggeber
am Ende des Monats noch nicht gezahlt haben. Der
Dispo ist keineswegs nur ein Kredit für die, die mit ihren
Finanzgeschäften zu Hause nicht zurechtkommen, son-
dern betrifft auch viele Selbstständige. Da ist es beson-
ders übel, wenn die Zinsen so hoch sind.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)


Tagesgeldkonto oder Sparbuch bringen kaum noch
Zinsen, aber beim Dispo wird hingelangt, als befänden
wir uns in historischen Hochzinszeiten. Damit sollte
Schluss sein. Das meinen auch die Verbraucherschutz-
ministerinnen und -minister der Länder. Wir fordern Sie
auf: Folgen Sie dem Beschluss der VSMK vom 16. Mai!
Legen Sie einen Gesetzentwurf vor, um Dispozinsen ge-
setzlich zu begrenzen! Die Vorschläge liegen auf dem
Tisch. Wir fordern Herrn Maas auf, ein entsprechendes
Konzept vorzulegen, so wie er es im Wahlkampf ver-
sprochen hat. Es gibt Vorschläge der Linken, und es gibt
Vorschläge der SPD aus der letzten Legislatur.

Wir möchten Ihnen zwei weitere Vorschläge machen:
Sie könnten die bestehende Wuchergrenze in § 138 BGB
präzisieren. Das ist nichts Sozialistisches, Exotisches
oder Ungewöhnliches, sondern ein solches Verfahren ist
der deutschen Rechtsordnung durchaus bekannt. Sie
könnten auch den Verzugszins nach § 288 BGB als Mo-
dell für einen gesetzlichen Deckel für Dispositions- und
Überziehungskredite heranziehen.

Ich finde, wir sollten jetzt in ein parlamentarisches
Verfahren einsteigen, das die Verbraucherinteressen auf
der einen Seite und die Risikokosten, die Verwaltungs-
kosten der Banken auf der anderen Seite in einen fairen
Ausgleich bringt. In ein solches Verfahren können wir
einsteigen. Dann müssen die Löwen auch nicht mehr als
Bettvorleger liegen bleiben.

Herzlichen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803619300

Vielen Dank. – Nächster Redner für die SPD ist der

Kollege Dr. Johannes Fechner.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Johannes Fechner (SPD):
Rede ID: ID1803619400

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Nach Auskunft der Schufa sind in Deutschland 6,7 Mil-
lionen Menschen überschuldet. Auch wenn diese Zahl in
den letzten beiden Jahren erfreulicherweise zurückge-
gangen ist, haben wir hier als Politiker erheblichen
Handlungsbedarf und müssen uns um die Menschen
kümmern, die in die Schuldenspirale geraten sind.

Die Große Koalition handelt hier. Schon im Koali-
tionsvertrag haben wir vereinbart, diesen Menschen zu
helfen. Wir haben dort ausdrücklich geregelt – ich
möchte es zitieren –:

Die Inanspruchnahme des Dispositionskredits soll
nicht zu einer übermäßigen Belastung eines Bank-
kunden führen. Daher sollen die Banken verpflich-
tet werden, beim Übertritt in den Dispositionskredit
einen Warnhinweis zu geben; bei dauerhafter und
erheblicher Inanspruchnahme sollen sie dem
Kunden eine Beratung über mögliche kostengünsti-
gere Alternativen zum Dispositionskredit anbieten
müssen.

Sie sehen, wir nehmen die Probleme ernst. Wir handeln.
Das sage ich an die Kollegen von der Opposition gerich-
tet.


(Beifall bei der SPD)


Es ist wichtig, dass die Menschen gewarnt werden
und frühzeitig erkennen, dass sie ihren Kreditrahmen
überschreiten. Schon heute gibt es in der Tat die Pflicht,
auf dem Kontoauszug hierüber zu informieren. Aber wir
wollen noch weitergehen, und zwar auf einem Feld, das
für mich ganz wichtig ist, nämlich auf dem Feld der
Beratung. Denn die Betroffenen sind oft geschäftsuner-
fahren und haben alle möglichen Probleme, zum Bei-
spiel Arbeitslosigkeit oder Krankheit. Diese Menschen
brauchen Hilfe, weil sie alleine nicht aus der Schulden-
spirale herauskommen. Deswegen ist es unser Ziel, die
Banken gesetzlich zu verpflichten, mit ihren Kunden in
eine Beratung einzutreten. Wir wollen detailliert regeln,
dass es eine Beratung hinsichtlich der Finanzsituation
der Kunden gibt, dass ihre Leistungsfähigkeit analysiert
wird und – das ist ganz wichtig – dass es eine Pflicht der
Banken gibt, eine kostengünstigere Alternative zu der
jetzigen Kreditsituation anzubieten. Das sind ganz kon-
krete Maßnahmen. Wir handeln.


(Beifall bei der SPD)


Es gibt teilweise von einigen Banken die Kritik, dass
diese Beratung mit einem hohen Aufwand und mit
hohen Kosten verbunden wäre. Ich meine, man sollte
sich anschauen, wie günstig sich Banken Geld leihen
können und wie viel Geld sie mit diesem Geschäfts-
modell verdienen. Da wird sich Geld für die Beratung
finden lassen. Im Übrigen gibt es schon jetzt viele Ban-
ken, die von den Dispozinsen absehen, etwa die Sparda-
Bank in Baden-Württemberg und die ING-DiBa, die
größte europäische Direktbank.

Fazit: Sie sehen, dass wir dieses wichtige Thema be-
arbeiten. Wir handeln, um die Situation der Betroffenen
zu verbessern. An dieser Stelle möchte ich dem Justiz-
minister für sein großes Engagement bei diesem Thema
ausdrücklich danken. Ich erinnere nur an seinen Mei-
nungsaustausch – ich möchte es einmal so nennen – mit
dem Chef der Deutschen Bank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)






Dr. Johannes Fechner


(A) (C)



(D)(B)

Mit guten Gründen ist die SPD nach wie vor der Mei-
nung – die SPD hat keinen Grund, hier frühere Positio-
nen aufzugeben –, dass wir eine gesetzliche Deckelung
des Dispozinses brauchen. Von einer Kapitulation der
SPD in den Koalitionsverhandlungen, wie ich es hier ge-
hört habe, kann überhaupt keine Rede sein. Wir haben
gar keine Regelung dieser Frage im Koalitionsvertrag.
Nicht zuletzt die Verbraucherschutzministerkonferenz
hat ja letzte Woche beschlossen, dass eine gesetzliche
Dispobremse in Deutschland eingeführt werden soll, üb-
rigens auch mit den Stimmen der unionsgeführten Län-
der. Da, Frau Heil, möchte ich Ihnen ausdrücklich wider-
sprechen. Die Dispobremse ist kein Unsinn, sondern sie
kann neben der Beratung ein wichtiger Baustein sein,
um die Situation der verschuldeten Menschen zu verbes-
sern. Das möchte ich hier ausdrücklich sagen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ihre Anträge werden wir trotzdem ablehnen. Dafür
gibt es gute Gründe: Ihre Handlungsaufforderung – Sie
fordern die Bundesregierung ja zum Handeln auf – ist
schlicht nicht notwendig.


(Lachen bei Abgeordneten der LINKEN)


Wir haben einen Justizminister und eine Große Koali-
tion, die vorangehen und die Dinge, die ich genannt
habe, auf den Weg bringen. Es geht aber auch um das In-
haltliche: Sie von der Linken sagen überhaupt keinen
Ton zur Beratung. Das ist aber ein ganz wichtiges Feld.

Den Antrag der Grünen halte ich für viel zu unbe-
stimmt. Wenn Sie eine gesetzlich festgelegte Dispo-
grenze wollen, dann müssen Sie auch sagen, bei wie viel
Prozent sie liegen soll. Dazu sagen Sie aber überhaupt
nichts. Das ist zu schwammig. Dem kann ich deshalb
nicht zustimmen.

Zum Schluss will ich festhalten: Die SPD handelt,
weil wir ganz konkrete Verbesserungen für die über-
schuldeten Menschen erreichen wollen. Die geplanten
gesetzlichen Beratungspflichten für die Banken sind ein
ganz wichtiger Baustein, um die Situation der verschul-
deten Menschen zu verbessern.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803619500

Vielen Dank. – Für die CDU/CSU-Fraktion spricht

jetzt Dr. Volker Ullrich.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Volker Ullrich (CSU):
Rede ID: ID1803619600

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Hohe Dispo-
und Überziehungszinsen sind in der Tat ein Problem und
ein Ärgernis. Es ist den Verbrauchern manchmal nur
schwerlich zu vermitteln, weshalb sich Banken bei der
Zentralbank zu weniger als 1 Prozent refinanzieren kön-
nen, die Verbraucher aber Dispo- und Überziehungs-
zinsen im zweistelligen Bereich zahlen müssen. Aber es
darf nicht der Fehler gemacht werden, davon auszuge-
hen, die Differenz sei der Gewinn, den die Banken ein-
streichen. Vielmehr sei daran erinnert, dass der Zins
auch der Preis für das Risiko und das Entgelt für ein
Filialstruktursystem ist und dass er letzten Endes auch
die Verwaltungskosten der Banken abdeckt, die den Ver-
brauchern durch Dispositionskredite sehr unbürokratisch
und schnell zu Liquidität verhelfen. Deswegen ist dieses
Thema sehr differenziert, aber, wie ich meine, trotzdem
besonnen zu behandeln.

Es ist für die Verbraucher nicht ganz unproblema-
tisch, wenn sie hohe Dispozinsen zahlen müssen. Denn
gerade für die Menschen in unserer Gesellschaft, die
verschuldet sind und versuchen, sich mithilfe von
Schuldnerberatungen ihrer Verschuldungssituation zu
entledigen, stellt die Höhe dieser Zinsen ein Problem
dar, das es ihnen eher erschwert als erleichtert, aus dieser
Situation herauszukommen. Deswegen meinen wir, dass
hier auch die Banken gefragt sind, einen Beitrag zu leis-
ten, damit das Problem hoher Dispozinsen bei den Ver-
brauchern nicht überhandnimmt.


(Dr. Carsten Sieling [SPD]: So ist es!)


Es sei hier angesprochen, dass unser Staat die Bank-
wirtschaft in Deutschland in den letzten fünf Jahren,
ohne pauschalisierend wirken zu wollen, nicht unbedingt
sehr stiefmütterlich behandelt hat. Deswegen meine ich,
dass wir von den Banken auch im Rahmen einer Selbst-
verpflichtung einfordern können,


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Das machen Sie aber nicht!)


bei den Dispozinsen Augenmaß zu bewahren und die
Gesamtsituation der Verbraucher im Auge zu behalten.
Wir meinen, es ist der richtige Weg, dass sich die Ban-
ken selbst verpflichten, transparenter zu arbeiten, Auf-
klärungshinweise zu geben und im Falle der dauerhaften
Inanspruchnahme eines Überziehungskredits Alternati-
ven aufzuzeigen. Ich glaube, in einer Marktwirtschaft
wäre eine solche Selbstverpflichtung, die ohne gesetzli-
chen Deckel auskommt, ein erster guter Schritt, um den
Verbrauchern einen Weg aus der Schuldenfalle aufzuzei-
gen und gleichzeitig das System der Marktwirtschaft
aufrechtzuerhalten.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ja, ich meine, die Banken haben die Verpflichtung,
die Dispositionszinsen in einem vertretbaren Rahmen zu
ihren Refinanzierungskosten zu halten. Ich glaube, dass
die Banken den Millionen von Verbrauchern gegenüber,
die diese Kredite in Anspruch nehmen – oder in
Anspruch nehmen müssen –, auch eine Verpflichtung
haben, so zu handeln, dass diese Kredite nicht in eine
Abwärts-, in eine Schuldenspirale führen.

Machen wir uns gemeinsam auf den Weg. Lassen Sie
uns die Ergebnisse dieser Selbstverpflichtung abwarten.
Lassen Sie die Banken getreu dem Motto „Mehr Trans-
parenz und Aufklärung“ handeln. Wenn sich keine
Ergebnisse einstellen sollten – was ich persönlich be-





Dr. Volker Ullrich


(A) (C)



(D)(B)

zweifle –, durch die die Dispositionskreditzinsen lang-
fristig dauerhaft sinken, dann sei es diesem Hause unbe-
nommen, über andere Möglichkeiten nachzudenken.
Aber ich meine, wir sollten die im Koalitionsvertrag an-
gesprochenen guten Regelungen jetzt umsetzen, sie jetzt
ausprobieren und damit insgesamt ein Zeichen setzen,
dass die Balance zwischen den Banken – die die Kredite
vergeben – und dem mündigen Verbraucher – der aus
unserer Sicht die Möglichkeit hat, zwischen Banken zu
wechseln und seine finanziellen Angelegenheiten selbst
in Ordnung zu bringen – mit unserem Vorschlag gut ge-
wahrt ist. Das wird dazu führen, dass die Zinsen für
Dispo- und Überziehungskredite mittelfristig sinken.
Davon haben die Verbraucher etwas. Lassen Sie uns ge-
meinsam auf diesem Weg weitermachen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803619700

Vielen Dank. – Dennis Rohde ist jetzt der nächste

Redner für die SPD.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dennis Rohde (SPD):
Rede ID: ID1803619800

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Wir haben heute schon viel über die Folgen von
überhöhten Dispozinsen gehört. Ich glaube allerdings,
dass wir mehr und intensiv auch über die Kernproblema-
tik dahinter sprechen sollten; denn zur Wahrheit gehört:
Es gibt nicht den einen Grund, warum jemand unter die
Dispolinie fällt. Da gibt es die einen, die am Ende des
Monats für zwei bis drei Tage in die roten Zahlen rut-
schen, und dann gibt es diejenigen, die ein strukturelles
Problem haben, diejenigen, die sich in einer Schulden-
spirale befinden, diejenigen, bei denen rote Zahlen nicht
nur ein kurzzeitiges Phänomen sind, sondern wie selbst-
verständlich zum Leben dazugehören, diejenigen, bei
denen der Schuldenturm immer höher und der Berg an
Verbindlichkeiten immer erdrückender wird, diejenigen,
die nicht nur verschuldet, sondern überschuldet sind.

Wenn man sich die einschlägigen Statistiken ansieht
– ich weiß das aus meiner Tätigkeit in einer Schuldner-
beratungsstelle –, erkennt man: Am Anfang dieser Spi-
rale stehen oft Schicksalsschläge, Dinge, auf die man
wenig Einfluss hat. Da ist zum Beispiel der Verlust des
Arbeitsplatzes, der gestern noch sicher schien, insbeson-
dere im Niedriglohnsektor, wo man sich keine Reserven
aufbauen konnte. Da ist der unerwartete Tod des
Lebenspartners, der keine Lebensversicherung hatte, und
plötzlich steht man ohne sein Einkommen da. Da ist der
Ausbruch einer Krankheit, die einem die Existenzgrund-
lage entzieht. Aber da sind auch falsche Finanzprodukte,
die im Endeffekt nicht halten, was im Vorfeld verspro-
chen wurde.

Wenn sich die Menschen dann – oftmals nach Jahren
in der Schuldenfalle – in eine Beratung begeben, hört
man zu Beginn des Gespräches fast immer dieselben
Sätze: Das war ein unheimlich schwerer Schritt für
mich. Ich habe lange mit mir gerungen. Oder: Ich
schäme mich. – Obwohl das Gros der Menschen wenig
dafür kann, dass sie in die Schuldenfalle geraten sind,
findet in unserer Gesellschaft oftmals eine starke Stig-
matisierung statt: Überschuldung wird gleichgesetzt mit
Schuld daran haben. Gerade dieses gesellschaftliche
Problem darf in dieser Debatte nicht unerwähnt bleiben.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wir müssen also gerade diejenigen schützen, bei denen
aus Verschuldung schnell Überschuldung wird. Gerade
ihnen müssen wir die Gelegenheit geben, ihren Lebens-
unterhalt ohne Rückgriff auf riskante Kredite zu bestrei-
ten, die ihnen schaden, anstatt ihnen zu helfen.

Teure Kredite werden überdies häufig von Menschen
genutzt, die über ein unzureichendes Maß an finanzieller
Bildung verfügen. Der Begriff „Informationslücke“ er-
scheint mir in diesem Zusammenhang reichlich vernied-
lichend.


(Beifall des Abg. Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Die Wahrheit ist doch: Viele Produkte im Kredit- und
Bankensystem sind so unübersichtlich geworden, dass
die Verbraucherinnen und Verbraucher sie selbst kaum
verstehen, geschweige denn das Risiko kalkulieren kön-
nen. Ein Beispiel aus den Vertragsbedingungen einer
Bank für einen Ratenkredit:

Die Bank ist verpflichtet, auf Verlangen des Kun-
den den zuletzt fällig werdenden Teil der abgetrete-
nen Ansprüche insoweit auf ihn zu übertragen, als
der Umfang der abgetretenen Ansprüche die Höhe
der bestehenden Forderung der Bank um mehr als
20 % übersteigt und sich die Forderung um mindes-
tens 20 % seit Vertragsabschluss bzw. seit der letz-
ten teilweisen Rückübertragung verringert hat.

Ich frage, ob Sie alles verstanden haben.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Dr. Carsten Sieling [SPD]: Wunderbar! Alles klar!)


Ja, so etwas unterschreiben wir alle, zum Beispiel,
wenn wir per Ratenzahlung einen neuen Fernseher, eine
Couch oder ein Fahrrad kaufen – ganz normale Dinge,
die dank attraktiver Finanzierungsangebote immer öfter
finanziert statt bar bezahlt werden. Wir in der SPD-Bun-
destagsfraktion sind der Ansicht, dass hier dringend et-
was passieren muss, wenn wir es mit dem Schutz vor
Überschuldung ernst meinen.


(Beifall bei der SPD)


In Zukunft soll niemand mehr die Risiken eines für
ihn falschen Finanzproduktes gutgläubig in Kauf neh-
men müssen. Es muss verhindert werden, dass der Stru-
del aus ständiger Disponutzung und hohen anfallenden
Zinsen überhaupt erst beginnt. Im Laufe der Legislatur
werden wir deshalb klug durchdachte Lösungen in den
parlamentarischen Prozess einbringen, um faire Bedin-
gungen für Finanzprodukte zu schaffen und sie für alle





Dennis Rohde


(A) (C)



(D)(B)

Beteiligten so auszugestalten, dass das geliehene Geld
eine echte Hilfe und nicht der Beginn eines finanziellen
und privaten Desasters ist. Den Rahmen dafür haben die
Bundesminister Maas und Schäuble heute vorgestellt.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803619900

Vielen Dank. – Nächster Redner ist Olav Gutting,

CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Olav Gutting (CDU):
Rede ID: ID1803620000

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Die Höhe von Dispozinsen und Überziehungskrediten:
Was für ein Thema für die Politik! Das eignet sich her-
vorragend für Politiker, um hier zu punkten.


(Nicole Maisch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, machen Sie mal!)


Auf der einen Seite sind raffgierige Banken, auf der an-
deren Seite sind die armen, unwissenden Verbraucher,
die natürlich schutzwürdig sind. Hier muss sich die Poli-
tik ja dazwischenwerfen und schützend vor die Verbrau-
cher stellen.


(Friedrich Ostendorff [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, das stimmt!)


Das ist feinster Populismus, meine Damen und Herren.


(Friedrich Ostendorff [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein!)


Ich halte nichts von einer staatlich verordneten Zins-
deckelung. Natürlich müssen wir Missbrauch aufdecken;
Missbrauch muss bekämpft werden. Es gibt ja auch be-
reits den § 138 im BGB, der Wuchergeschäfte als nichtig
betrachtet, und § 291 im Strafgesetzbuch, der Wucher in
schweren Fällen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zehn
Jahren bestraft. Es ist also nicht so, dass hier jeder freie
Bahn hätte.


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803620100

Herr Kollege Gutting, gestatten Sie eine Zwischen-

frage der Kollegin Maisch?


Olav Gutting (CDU):
Rede ID: ID1803620200

Ja, bitte.


Nicole Maisch (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803620300

Herr Kollege Gutting, danke, dass Sie meine Zwi-

schenfrage zulassen. – Sie sagen: Wer einen Deckel auf
die Dispozinsen fordert, betreibt Populismus. Würden
Sie Populismus auch den Verbraucherschutzministerin-
nen und -ministern vorwerfen, die ja zu einem Gutteil
auch aus unionsmitregierten Bundesländern kommen?
Sind das also auch Populisten und Populistinnen?


(Beifall bei der LINKEN – Dr. Diether Dehm [DIE LINKE]: Selbstverständlich will er das!)


Olav Gutting (CDU):
Rede ID: ID1803620400

Wenn Sie mich so fragen, dann sage ich Ja.


(Nicole Maisch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Okay! Interessant! – Zurufe von der LINKEN: Oh!)


Ich meine, einen Rest Eigenverantwortung müssen
wir den Bürgerinnen und Bürgern schon noch zugeste-
hen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ein Rest Eigenverantwortung ist auch aus Respekt vor
den Menschen notwendig.


(Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Die ohne Not in Schulden kommen! Was hat denn das mit Eigenverantwortung zu tun?)


– Ihr nehmt ja alle Leute an die Hand, als wären es
kleine Kinder, die durch die Welt geführt werden müs-
sen. So ist es aber nicht. Es geht auch um Menschen-
würde, und dazu gehört, dass man Respekt vor ihren ei-
genen Entscheidungen hat. Diese Eigenverantwortung
ist uns wichtig.


(Beifall bei der CDU/CSU – Alexander Ulrich [DIE LINKE]: Sie haben keine eigene Entscheidung!)


Wir verfolgen in der Koalition den richtigen Ansatz:
Die Banken sind verpflichtet, bei Übertritt in den Dispo-
kredit einen Warnhinweis zu geben. Das ist gut und
wichtig; denn manche Leute merken das gar nicht. Bei
dauerhafter und erheblicher Inanspruchnahme von ent-
sprechenden Krediten muss eine Beratung über eine kos-
tengünstigere Alternative stattfinden. – Das setzen wir
um; das ist richtig, aber auch ausreichend.

Es gehört zur Ehrlichkeit in dieser Debatte, zu sagen,
dass es der mündige Verbraucher durchaus in der Hand
hat, welche Zinsen in welcher Höhe er bezahlt. Es gibt
zinsgünstige Angebote am Markt. Kollegin Heil hat das
vorhin schon gesagt, und Namen von Banken wurden
bereits genannt. Namhafte Anbieter verzichten bereits
auf die Erhebung eines Zusatzzinses bei der geduldeten
Überziehung eines Dispositionskredites.

Hier muss man einfach sagen: Der Verbraucher ist
aufgerufen, sich zu informieren und den Wettbewerb
zwischen den Banken, den wir in Deutschland Gott sei
Dank haben, zu seinem Vorteil zu nutzen.

Es gilt aber auch: Wenn Banken für Dispokredite
mehr verlangen als für reguläre Darlehen, dann ist das
völlig in Ordnung. Es geht jetzt nicht darum, die Banken
in Schutz zu nehmen,


(Dr. Diether Dehm [DIE LINKE]: Nein!)


aber Unsinn muss man schon richtigstellen. Es ist eben
ein Unterschied, ob man einen Dispokredit oder ein re-
guläres Darlehen vergibt. Ein Dispokredit ist kurzfristig
nutzbar, flexibel und ohne Bürokratie zu erhalten. Die-
sen Nutzungsspielraum für den Verbraucher muss man
sich eben mit einem höheren Zinssatz erkaufen. Es gibt
keine Prüfung der Bonität, keine Bearbeitungszeit. Der
Dispokredit kann sofort in Anspruch genommen werden.





Olav Gutting


(A) (C)



(D)(B)

Die Risiken dafür müssen von den Banken abgefedert
werden; das ist doch völlig logisch.


(Lachen des Abg. Alexander Ulrich [DIE LINKE])


All das muss man doch einmal zusammen sehen. Auch
die Risikokosten für die Limitüberwachung, das Mahn-
wesen, das Inkasso, das Vorhalten und die Überwa-
chung, all das ist aufwendig.

Die Rechnung, die Sie hier aufmachen, und die Ge-
winnspannen, von denen Sie reden, sind – Entschuldi-
gung – einfach Unsinn. Es stimmt einfach nicht, wenn
Sie sagen: 0,25 Prozent Refinanzierungskosten für die
Banken bei 11 Prozent Zinsen für die Bankkunden erge-
ben 11 Prozent Gewinn. – So funktioniert das nicht.


(Uwe Kekeritz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das hat niemand behauptet!)


Es ist unredlich – das will ich abschließend betonen –,
wenn hier immer wieder der Zinssatz der EZB, der Ba-
siszinssatz, in Verbindung mit den Dispokrediten ge-
bracht wird. Es ist doch so, dass sich vor allem Genos-
senschaftsbanken und Sparkassen nicht in erster Linie
über die EZB refinanzieren; vielmehr refinanzieren sie
sich über ihr Kundengeschäft, nicht über die Notenbank.

Wenn ein Großteil dieser Kundeneinlagen wegen ver-
einbarter Fristigkeiten überhaupt nicht an den aktuellen
Märkten hängt, dann verbilligen sich auch nicht die Re-
finanzierungsmittel für die Bank, wenn die EZB die Zin-
sen senkt; sie verbilligen sich maximal mit einer erhebli-
chen Zeitverzögerung.

Deswegen ist es unredlich, hier einen Zusammenhang
zwischen der Höhe des Leitzinses der EZB und dem Dis-
pozinssatz herzustellen. Auch deswegen werden wir Ih-
ren Antrag heute ablehnen.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803620500

Vielen Dank. – Letzter Redner in der Debatte ist der

Kollege Dr. Carsten Sieling, SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Carsten Sieling (SPD):
Rede ID: ID1803620600

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wenn der
EZB-Zins bei 0,25 Prozent liegt und der Dispozins im
Durchschnitt bei über 11 Prozent liegt – da gibt es noch
weitere Extreme –, dann muss man leider davon reden,
dass der Markt hier nicht mehr funktioniert.


(Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Das ist Marktversagen, gegen das wir vorgehen müssen.

Diese Situation hat es in der Marktwirtschaft in
Deutschland nicht immer gegeben, sondern sie ist nach
2008 entstanden. 2008/2009 hat es die Entwicklung ge-
geben, dass die Dispozinsen extrem gestiegen, nach
oben geschossen sind, wodurch diese Entkopplung ent-
standen ist. In den Jahren vorher war das nicht so: Da
gab es eine vernünftige Spannbreite mit einer Differenz
zwischen 5 und 6 Prozent. Das kann man als Risikoprä-
mie und Kostenanteil werten. Das ist eine vernünftige
Höhe.


(Beifall des Abg. Thomas Lutze [DIE LINKE])


Da müssen wir wieder hinkommen. Es ist unsere Auf-
gabe, politisch darauf hinzuwirken.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Thomas Lutze [DIE LINKE])


Es gibt einen Unterschied zur letzten Legislaturpe-
riode. In der letzten Legislaturperiode haben wir alle ge-
meinsam in diesem Haus mühsam versucht, uns die
Situation zu vergegenwärtigen und sie sich uns klarzu-
machen. Einige hatten mit Blick auf die Banken schon
Vorschläge gemacht, aber wir waren immer noch in der
Situation, dass wir an die Wirtschaft nur appelliert ha-
ben. Ich sage noch einmal: 2008 hat das Ganze angefan-
gen. Wir appellieren seit langem an die Wirtschaft, und
es ist leider nichts passiert.

Jetzt ist die Situation eine andere; denn diese Große
Koalition hat erstmalig in den Koalitionsvertrag hinein-
geschrieben: Wir schauen nicht mehr zu, sondern wir
wollen handeln. – Wir handeln mit den Maßnahmen, die
dargestellt worden sind: Es wird Warnhinweise geben, es
wird eine Verpflichtung geben, anders zu beraten, und
viele andere Dinge mehr. Das ist eine gute politische
Leistung. Ich finde, darüber könnte sich das ganze Haus
freuen. Auch die Opposition könnte sagen: Diese Maß-
nahmen schützen die Verbraucherinnen und Verbrau-
cher. – Gut, dass wir das in der Großen Koalition so ma-
chen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich will an dieser Stelle auch deutlich sagen, dass wir
uns das ansehen werden. Wir haben hier die verschiede-
nen Aspekte gehört. Wir werden überprüfen müssen, ob
diese Maßnahmen greifen. Wir haben im Koalitionsver-
trag klar festgelegt: Wir sehen das Problem und wollen
es lösen. Dafür schlagen wir entsprechende Wege vor.
Wenn diese Wege nicht zu dem gewünschten Ergebnis
führen und auch unsere verstärkten Appelle nichts brin-
gen – wir sehen sehr wohl, dass verschiedene Banken
auf diese Appelle reagieren –, wenn das alles nicht
fruchtet, dann werden wir über weitere Maßnahmen
nachdenken müssen. Wir haben uns vorgenommen, eine
Koalition zu sein, die den Markt wieder funktionsfähig
macht, die dazu beiträgt, dass die Wirtschaft funktio-
niert.

Die Spaltung der Zinssätze zeigt ein Marktversagen.
Dagegen müssen wir vorgehen. Notfalls werden wir das
gesetzlich machen müssen – aber nicht jetzt. Vielmehr
müssen wir schauen, ob unsere guten Hinweise und un-
sere gute Politik ausreichen. Deshalb sage ich zu den
Verbraucherschutzministern: Es ist richtig, dass Sie da-





Dr. Carsten Sieling


(A) (C)



(D)(B)

rauf hinweisen. Ich freue mich, dass auch die unionsge-
führten Verbraucherministerien den Weg in diese Rich-
tung eingeschlagen haben. Das ist doch ein guter
Anfang. Aber erst einmal machen wir das, was wir in der
Koalition vereinbart haben, und dann werden wir sehen,
ob wir auch gesetzlich handeln müssen. Wenn es sein
muss, tun wir das.

Minister Maas und Minister Schäuble haben, finde
ich, heute gute Eckpunkte zur Verbraucherpolitik vorge-
legt, die genau in diese Richtung gehen, meine Damen
und Herren. So etwas ging in der letzten Legislatur-
periode nicht. Da konnte auch der Bundesfinanzminister
eine solche Politik nicht angehen, weil wir hier noch
eine Fraktion mehr hatten. Die Wählerinnen und Wähler
haben den Bundestag konsolidiert.


(Heiterkeit bei der SPD)


Das stärkt auch den Verbraucherschutz, meine Damen
und Herren.

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803620700

Vielen Dank. – Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 18/807 und 18/1342 an die in der Ta-
gesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann
sind die Überweisungen so beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 8 a bis 8 c auf:

a) – Zweite und dritte Beratung des von den Frak-
tionen der CDU/CSU und SPD eingebrach-
ten Entwurfs eines Gesetzes zur Umsetzung
der Entscheidung des Bundesverfassungs-
gerichts zur Sukzessivadoption durch Le-
benspartner
Drucksache 18/841

– Zweite und dritte Beratung des von der Bun-
desregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Umsetzung der Entscheidung
des Bundesverfassungsgerichts zur Suk-
zessivadoption durch Lebenspartner
Drucksache 18/1285

Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Recht und Verbraucherschutz

(6. Ausschuss)


Drucksache 18/1488
b) Zweite und dritte Beratung des von den Abge-

ordneten Volker Beck (Köln), Monika Lazar,
Ulle Schauws, weiteren Abgeordneten und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN einge-
brachten Entwurfs eines Gesetzes zur Ergän-
zung des Lebenspartnerschaftsgesetzes und
anderer Gesetze im Bereich des Adoptions-
rechts
Drucksache 18/577 (neu)

Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Recht und Verbraucherschutz

(6. Ausschuss)


Drucksache 18/1488

c) Zweite und dritte Beratung des von den Abge-
ordneten Volker Beck (Köln), Luise Amtsberg,
Katja Keul, weiteren Abgeordneten und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN einge-
brachten Entwurfs eines Gesetzes zum Euro-
päischen Übereinkommen über die Adoption
von Kindern (revidiert)


Drucksache 18/842

Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Recht und Verbraucherschutz

(6. Ausschuss)


Drucksache 18/1488

Zu dem Gesetzentwurf der Fraktionen der CDU/CSU
und SPD bzw. der Bundesregierung liegt ein Änderungs-
antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vor, über
den wir später namentlich abstimmen werden.

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 38 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Parla-
mentarische Staatssekretär Christian Lange für die Bun-
desregierung.

C
Christian Lange (SPD):
Rede ID: ID1803620800


Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur
Verfassungswidrigkeit des Verbots der Sukzessivadop-
tion durch Lebenspartner ist bekannt. Das Urteil muss
bis zum 30. Juni dieses Jahres umgesetzt werden. Des-
halb haben wir uns mit dem Gesetzentwurf beeilt.

Bei aller Eile müssen wir aber auch ein ordentliches
Verfahren einhalten. Wir haben mit einer Paralleleinbrin-
gung dem Bundesrat die Gelegenheit gegeben, im ersten
Durchgang ebenfalls Stellung zu nehmen. Obwohl es
schon mehrere Anhörungen zur Adoption durch Le-
benspartner im Bundestag gegeben hat und auch das
Bundesverfassungsgericht sich in seinem Verfahren
durch Sachverständige hat informieren lassen, haben wir
im Rechtsausschuss nochmals Sachverständige ange-
hört. Das hat zu wichtigen Erkenntnissen geführt.

Die Beschlussempfehlung des Ausschusses für Recht
und Verbraucherschutz nach der Anhörung lautet: Der
Gesetzentwurf der Koalitionsfraktionen soll unverändert
beschlossen werden. Dieser Gesetzentwurf ist eine Eins-
zu-eins-Umsetzung der Entscheidung des Bundesverfas-
sungsgerichts. Das heißt: Die vom Gericht getroffene
Übergangsregelung, wonach die Adoption des angenom-
menen Kindes des Lebenspartners möglich ist, wird in
das Gesetz aufgenommen.

Eine Sachverständigenanhörung führt nur selten zu
einem einhelligen Ergebnis. Auch bei der Sukzessiv-





Parl. Staatssekretär Christian Lange


(A) (C)



(D)(B)

adoption waren sich die Sachverständigen nicht einig.
Für mich ist das wichtigste Ergebnis der Anhörung: Der
Entwurf ist verfassungsgemäß. Das sehen die Sachver-
ständigen in ihrer ganz überwiegenden Mehrheit so; nur
eine Sachverständige ist anderer Auffassung gewesen.
Sie hat mich nicht überzeugen können. Folgte man der
Auffassung dieser Sachverständigen, so wäre auch die
vom Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil gefun-
dene Übergangslösung verfassungswidrig. Das halten
wir für abwegig.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Zwar haben die vier angehörten Praktikerinnen, die
die Lebenswirklichkeit von Adoptionen kennen, über-
wiegend eine weitergehende Umsetzung des Urteils für
sinnvoll gehalten. Die Praktikerinnen plädieren mit einer
Ausnahme für die Zulassung der gemeinsamen Adoption
durch Lebenspartner. Die Praktikerinnen unterscheiden
sich darin von den beiden angehörten Staatsrechtlern,
aber auch sie befürworten die Regelungsvorschläge der
Koalitionsfraktionen jedenfalls als zutreffende Umset-
zung des verfassungsgerichtlichen Urteils. Auch dies
war unstrittig.

Ich sehe mich deshalb darin bestätigt, dass der Ent-
wurf der Koalitionsfraktionen eine richtige und wichtige
Lösung vorgibt. Vor allem aber hat sie eine gesell-
schaftspolitische Dimension, die nicht zu unterschätzen
ist.

Lebenspartnerschaften sind längst in der Mitte der
Gesellschaft angekommen. Das hat die Anhörung noch
einmal bestätigt. Und es entspricht schon lange der Rea-
lität, dass Kinder von gleichgeschlechtlichen Paaren
großgezogen werden, was ihnen im Übrigen – darüber
besteht Einigkeit – keinesfalls schadet.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Das ist in der Sachverständigenanhörung noch einmal
eindrucksvoll bestätigt worden. Vielmehr ist davon aus-
zugehen, dass die behüteten Verhältnisse einer Le-
benspartnerschaft das Aufwachsen von Kindern ebenso
fördern können wie die einer Ehe. Maßgeblich sind im-
mer die Verhältnisse im Einzelfall, die von Jugendamt
und Gericht sorgfältig geprüft werden.

Der Koalitionsentwurf zur Zulassung der Sukzessiv-
adoption ist also ein wichtiger Schritt. Das Kind erhält,
wenn auch nacheinander, zwei Eltern und dadurch die
Gewissheit, dass ihm zwei Elternteile zur Seite stehen
und im Fall des Verlusts eines Elternteils der andere El-
ternteil bleibt. Weil das Verhältnis zwischen dem Kind
und dem bislang allein sozialen Elternteil rechtlich aner-
kannt wird, wird nicht nur deren Verhältnis, sondern die
ganze Familie gestärkt, gerade auch im Hinblick auf ihre
gesellschaftliche Akzeptanz. Die gesellschaftliche Ak-
zeptanz von Familien, in denen die Eltern gleichen Ge-
schlechts sind, ist sehr wichtig für die Entwicklung und
das Wohlbefinden der Kinder, die in solchen Familien
aufwachsen. Noch immer erleben viele von ihnen Dis-
kriminierung oder Stigmatisierung. Die Sachverständi-
gen schilderten in der Anhörung Beispiele. Das zu
beschließende Gesetz wird dazu beitragen, Stigmatisie-
rungen dieser Kinder entgegenzuwirken.

Mit dem Gesetz sorgen wir dafür, dass auch die be-
treffenden Kinder das bekommen, was alle Kinder brau-
chen und verdienen, nämlich Eltern.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803620900

Vielen Dank. – Nächster Redner ist der Kollege

Harald Petzold, Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Harald Petzold (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803621000

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Herr Staatssekretär, Sie setzen die Widersprüch-
lichkeit der Argumentation, die durch Herrn Minister
Maas bereits in der ersten Lesung vorgetragen wurde,
leider fort. Ich kann seitens meiner Fraktion nur sagen:
Das, was uns hier vorgelegt wurde, ist eine einzige Ent-
täuschung vor allen Dingen für die Betroffenen.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Das betrifft sowohl das Verfahren, das hier angewendet
wurde, als auch den Umgang mit der Anhörung und das
Ergebnis, das uns zur Abstimmung vorliegt.

Sie haben das Verfahren richtig beschrieben. In der
Anhörung, die Sie durchgeführt haben, haben fünf von
sieben Sachverständigen darauf hingewiesen, dass Kin-
der in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften ge-
nauso gut aufwachsen wie in „normalen“ Familien und
dass damit kein Grund gegeben ist, einer Volladoption
den Weg nicht zu ebnen.


(Beifall bei der LINKEN)


Trotzdem legen Sie uns heute diesen Gesetzentwurf zur
Abstimmung vor.

Sie haben des Weiteren ein Verfahren gewählt, in dem
die Ausschüsse, ohne dass die Ergebnisse der Anhörung
tatsächlich nachvollziehbar vorgelegen haben, schon be-
raten und entschieden haben. Sie haben die mitberaten-
den Ausschüsse erst dann beraten lassen, als der feder-
führende Ausschuss schon entschieden hatte. Das kann
ich seitens meiner Fraktion nur als eine Farce betrachten.


(Beifall bei der LINKEN)


Zur Anhörung selbst. Sie haben uns mit den Professo-
ren Grzeszick und Uhle zwei Herren als Sachverständige
vorgesetzt, die allen Ernstes versucht haben, uns einzu-
reden, dass eine Adoption von Kindern in gleichge-
schlechtlichen Lebenspartnerschaften nicht dem Kindes-
wohl dient, weil deren Eltern, also Lesben und Schwule,
in der Gesellschaft noch diskriminiert werden. – Wenn
mir mehr Redezeit zur Verfügung stünde, würde ich
diese Aussage längere Zeit wirken lassen. Denn wenn
Sie das zu Ende denken, dann kommen Sie zu dem
Schluss, dass niemand, der in dieser Gesellschaft noch





Harald Petzold (Havelland)



(A) (C)



(D)(B)

diskriminiert wird – das sind leider einige –, das Adop-
tionsrecht wahrnehmen dürfte. Wo leben wir denn,
meine Damen und Herren von der CDU/CSU?


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Von dieser kruden Argumentation ist es wirklich nur ein
ganz kleiner Schritt hin zu dem Vorschlag des russischen
Präsidenten, Lesben und Schwulen die Kinder gleich
wegzunehmen.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Geht’s Ihnen nicht gut?)


– Das kann ich Sie zurückfragen.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Kann man hier jedes Zeug behaupten?)


Solche Sachverständigen sind eine Peinlichkeit für
eine Partei, die mit dem Hinweis plakatiert, dass sie an-
geblich gleiche Chancen für alle in Europa möchte. Ich
kann nur hoffen, dass die Wählerinnen und Wähler das
am Wochenende entsprechend quittieren werden.


(Beifall bei der LINKEN – Volker Kauder [CDU/CSU]: „Wer nicht meiner Meinung ist, dem sollte man den Mund verbieten!“ Das ist eine Peinlichkeit! Was bilden Sie sich eigentlich ein? – Widerspruch bei der LINKEN)


– Herr Fraktionsvorsitzender, es kann ja sein, dass Sie
meinen Argumenten keinen Wert beimessen.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Nein! Ich sage nur: Es ist eine Unverschämtheit, zu sagen: „Wer nicht meiner Meinung ist, ist eine Peinlichkeit“! – Gegenruf des Abg. Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt wird es richtig peinlich, Herr Kauder! – Widerspruch bei der LINKEN)


– Herr Kauder, hören Sie doch einmal zu! Vergessen Sie
das Atmen nicht! Sie können sich in einer ruhigen Mi-
nute noch einmal die Vorlage Ihrer eigenen Bundesregie-
rung vornehmen. Dort, Herr Kauder, ist die Stellung-
nahme des Bundesrates angefügt. In der Stellungnahme
steht:

b) Der Bundesrat stellt … fest, dass die vorgese-
hene Gesetzesänderung dem Ziel der völligen
rechtlichen Gleichstellung der eingetragenen Le-
benspartnerschaften … nicht hinreichend Rechnung
trägt, …

c) Der Bundesrat bittet daher, im weiteren Gesetz-
gebungsverfahren zu prüfen, inwieweit eine weiter-
gehende Gleichbehandlung von eingetragenen Le-
benspartnerschaften im Adoptionsrecht erreicht
werden kann.

Ich kann Ihnen nur empfehlen, diese Bitte des Bun-
desrates tatsächlich ernst zu nehmen und endlich umzu-
setzen.


(Beifall bei der LINKEN)

Am vergangenen Dienstagabend lief im Fernsehen
ein bemerkenswerter Film, er ist Oscar-prämiert: The
Kids Are All Right. Ich kann allen empfehlen, sich diesen
Film anzuschauen. Er handelt von einer Regenbogenfa-
milie. In dem Film ist deutlich zu sehen, dass die Kinder
in dieser Familie aufwachsen wie in allen normalen Fa-
milien auch, dass sie vor allen Dingen weder lesbisch
noch schwul werden, dadurch dass sie in einer lesbi-
schen Partnerschaft aufwachsen, und dass dies dem Kin-
deswohl kein bisschen schadet.

Es mag sein, dass Sie von der Koalition glauben, mit
dem uns heute vorgelegten Gesetz noch einmal Zeit ge-
wonnen zu haben und an alten Zöpfen weiterflechten zu
können. Ich sage Ihnen: Sie halten uns sowieso nicht auf.
We are unstoppable – das ist nicht erst seit letztem Wo-
chenende ein geflügelter Satz geworden. Er wird den
Weg in die Gesellschaft antreten. Ich kann Sie nur auf-
fordern: Sorgen Sie endlich für Gleichstellung, und stel-
len Sie sich der gesellschaftlichen Realität!

Vielen Dank.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803621100

Nächste Rednerin ist Frau Dr. Sabine Sütterlin-

Waack, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Sabine Sütterlin-Waack (CDU):
Rede ID: ID1803621200

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wir beschäftigen uns heute in abschließender Beratung
mit dem Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Umset-
zung der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts
zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner sowie mit
dem Gesetzentwurf von Bündnis 90/Die Grünen, der die
gemeinschaftliche Volladoption durch gleichgeschlecht-
liche Partnerschaften festschreiben will.

Um drei Dinge gleich vorwegzunehmen: Erstens. Wir
sollten dieses Thema, bei dem es um die schwächsten
Mitglieder unserer Gesellschaft geht, nicht als Vehikel
– das ist eben schon wieder geschehen – für eine Grund-
satzdiskussion über die Gleichstellung homosexueller
Paare missbrauchen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Zweitens. Wir sollten nicht im Rahmen der jetzt an-
stehenden Entscheidung eine Diskussion über das Recht
auf ein Kind führen. Dieses Recht gibt es nämlich nicht,
für keinen, und zwar unabhängig von seiner sexuellen
Identität.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Das Adoptionsrecht ist ein Recht für die Kinder, die aus
unterschiedlichen Gründen nicht bei ihren leiblichen El-
tern leben können. Für sie wird eine geeignete Ersatzfa-
milie gesucht, in der sie möglichst unbeschwert auf-
wachsen können. Nur für sie müssen wir das Gesetz
ändern.





Dr. Sabine Sütterlin-Waack


(A) (C)



(D)(B)

Drittens. Wir werden den Gesetzentwürfen von Bünd-
nis 90/Die Grünen nicht zustimmen, und zwar aus fol-
genden Gründen: Auch nach der geltenden Rechtslage
können Kinder schon heute bei gleichgeschlechtlichen
Eltern aufwachsen. Allerdings besitzt nur ein Elternteil
die Elternrechte. Das wollen wir mit dem vorliegenden
Gesetzentwurf ändern. Die Zahl der Kinder, für die wir
diese Regelung beschließen, ist gering. Ich halte es trotz-
dem für richtig, dass wir für diese Kinder die bestmögli-
che rechtliche Situation schaffen. Bei der überwiegenden
Zahl der Adoptionen in homosexuellen Partnerschaften
handelt es sich im Übrigen um Stiefkindadoptionen, also
um die Annahme des leiblichen Kindes des Partners.

Die entscheidenden beiden Fragen, die in diesem Zu-
sammenhang immer wieder gestellt werden, sind fol-
gende: Warum lassen Sie eigentlich die Sukzessivadop-
tion für Gleichgeschlechtliche zu, die gemeinschaftliche
Volladoption aber nicht? Und: Wachsen die Kinder in ei-
ner homosexuellen Beziehung genauso gut auf wie in ei-
ner heterosexuellen?


(Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Warum sollten sie das nicht?)


Zunächst zur ersten Frage. Die Sukzessivadoption ist
ein Sonderfall im Rahmen der Adoptionen. Sie ist auch
nicht das, was uns die Opposition immer wieder berich-
tet, nämlich eine verkappte Volladoption, da sie ja in
zwei Schritten dicht aufeinanderfolgend durchgeführt
werden kann. Ja, diese Möglichkeit gibt es. Sie ist aber
nicht die Regel. Jedenfalls liegt sie nicht der Entschei-
dung des Bundesverfassungsgerichts zugrunde. Dort
handelt es sich im ersten Fall um ein im Jahr 2000 gebo-
renes Kind, das im November 2002 das erste Mal adop-
tiert wurde. Nach Begründung der eingetragenen Le-
benspartnerschaft im Dezember 2002 wollte der
Lebenspartner des Adoptivvaters das Kind adoptieren.

Der zweite Fall betrifft ein 1999 geborenes Kind, das
im Juli 2004, also fünf Jahre später, erstmals adoptiert
wurde und irgendwann nach der im Oktober 2005 be-
gründeten eingetragenen Lebenspartnerschaft von der
Partnerin der Adoptivmutter angenommen werden
sollte. Das Gericht hatte – das ist sehr wichtig – also nur
über zwei echte Sukzessivadoptionen zu entscheiden.

Schon aus dem zeitlichen Ablauf wird der Unter-
schied zur Volladoption deutlich. Die betroffenen Kinder
hatten schon vor der zweiten gewünschten Adoption
eine soziale und rechtliche Bindung zum Adoptivvater
bzw. zur Adoptivmutter; denn sie lebten schon eine Zeit
lang mit dem ersten Adoptivelternteil zusammen. Sie be-
kommen durch die Sukzessivadoption einen zweiten El-
ternteil mit allen Rechten und Pflichten hinzu. Sie geben
allerdings keine Rechte auf. Sie haben nach der Sukzes-
sivadoption mehr Rechte als vorher, nämlich insbeson-
dere Erb- und Unterhaltsrechte, und – auch das ist wich-
tig – sie fühlen sich mit anderen Kindern gleichwertig.
Sie haben nun ebenfalls zwei rechtliche Elternteile.

Ganz anders ist es hingegen bei der Volladoption.
Dort werden durch die Adoption die bestehenden
Rechtsbeziehungen zu den leiblichen Eltern gekappt.
Die Kinder kommen in eine neue Familie, und zwar be-
lastet mit der Trennung von den leiblichen Eltern.

Jetzt kommen wir zur zweiten Frage. Diese Kinder
müssen Diskriminierungen, die es unstreitig immer noch
gibt, aushalten, Diskriminierungen wegen der von vielen
Menschen immer noch als besonders empfundenen Si-
tuation in den sogenannten Regenbogenfamilien. Wir
müssen uns nun fragen, ob diese Diskriminierungen so
schwer wiegen, dass es uns unsere staatliche Wächter-
funktion hinsichtlich des Kindeswohls verbietet, Kinder
in eine für sie unbekannte homosexuelle Partnerschaft zu
geben.


(Unruhe bei der SPD – Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE]: Das ist absurd!)


Denn, meine Damen und Herren, wir müssen uns immer
vor Augen halten, dass die Adoption generell ein staatli-
cher Hoheitsakt ist, der Grundrechtseingriffe beinhaltet.

Jetzt komme ich zu der oft zitierten Studie der Uni-
versität Bamberg aus dem Jahr 2009. Genau diese ist bei
Fachleuten umstritten, auch in einer der Stellungnah-
men, die das Bundesverfassungsgericht für seine Ent-
scheidung einholte. Der Studie fehlt es an allgemeingül-
tigen Aussagen über männliche gleichgeschlechtliche
Partnerschaften. Sie machten nur 7 Prozent der befragten
Paare aus. Diese Studie hat darüber hinaus weitere empi-
rische Schwächen. Sie lässt keine Entwicklungsaussagen
zu. Kindeswohlaspekte werden nicht aussagefähig unter-
sucht. Sie setzt sich nicht mit kritischen Stimmen ausei-
nander.


(Ulle Schauws [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann geben Sie doch eine Studie in Auftrag!)


– Dazu kommen wir gleich. – Kurz, diese Studie ist zur
Beantwortung unserer Frage einfach nicht ausreichend
geeignet.


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Sehr richtig!)


Genau das wurde auch in der öffentlichen Anhörung
durch zwei Sachverständige bestätigt.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dass es dafür noch Studien braucht! Ich meine, die Lebensrealität reicht doch aus!)


Sie kritisierten, dass die Frage, welche Folgen das Auf-
wachsen von Kindern in gleichgeschlechtlichen Le-
benspartnerschaften langfristig hat, nicht ausreichend
wissenschaftlich untersucht worden sei. Die Sachver-
ständigen vermissten in der Studie vor allem Aussagen
zu möglichen Diskriminierungs- und Stigmatisierungs-
erfahrungen der Kinder.


(Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE]: Ja, zwei Sachverständige von sieben!)


– Ja, zwei.

Auch wenn die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Le-
benspartnerschaften in unserer Gesellschaft zunimmt,
reagieren Teile der Gesellschaft immer noch mit Vorur-
teilen, Ausgrenzungen und Benachteiligungen gegen-
über eingetragenen Lebenspartnerschaften. Nach dieser





Dr. Sabine Sütterlin-Waack


(A) (C)



(D)(B)

Studie sind circa 45 bis 50 Prozent der befragten Kinder
von derartigen Diskriminierungen betroffen. Sie sind
dieser Situation oft relativ schutzlos ausgeliefert.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Oft durch so subtile Formen wie Ihre Reden!)


Ich möchte noch einen weiteren Aspekt erwähnen.
Das Gericht befasst sich in seiner Entscheidung aus-
schließlich mit der Sukzessivadoption und verpflichtet
den Gesetzgeber nicht, die gemeinschaftliche Volladop-
tion zuzulassen. Die beiden bereits erwähnten Hoch-
schullehrer, beides übrigens Verfassungsrechtler, haben
während der Anhörung ausdrücklich erwähnt, dass der
Gesetzgeber in dieser Sache Entscheidungsspielraum
hat.


(Ulle Schauws [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Genau!)


Weiterhin muss bei der Gesamtbeurteilung berück-
sichtigt werden, dass es Richtlinien zur Adoption gibt,
die Kriterien festlegen, nach denen Eltern auszuwählen
sind, bei denen möglichst wenig weitere Belastungen zu
erwarten sind. Denn im Großen und Ganzen geht es ein-
zig und allein darum, dem Kind eine problemlose Ent-
wicklung zu ermöglichen, die nur durch den Ausschluss
aller denkbaren Risikofaktoren erreicht werden kann.

Meine Damen und Herren, wir müssen uns vor Augen
halten, dass die staatliche Gemeinschaft in Form von
Adoptionsbehörden und Familiengerichten über einen
wesentlichen Teil der Zukunft der betroffenen Kinder ent-
scheidet. Wir haben mit der Neuregelung der entsprechen-
den Normen eine große Verantwortung. Diese nehmen wir
wahr. Ich bitte darum – auch die verehrten Kolleginnen
und Kollegen der Opposition –, auch diejenigen, die mit
diesem Thema die vielzitierten Bauchschmerzen haben,
ernst zu nehmen, ihnen ihr Verantwortungsbewusstsein
abzunehmen und sie nicht als Ewiggestrige zu verdam-
men.

Bedenken muss man auch, dass uns das Bundesver-
fassungsgericht eine sehr enge zeitliche Vorgabe gesetzt
hat, bei der nicht alle dargestellten Aspekte berücksich-
tigt werden konnten. Wir haben also noch nicht die not-
wendige Sicherheit, um der Volladoption zuzustimmen.
Die Empfehlung aus der Sachverständigenanhörung,
eine neue, aussagekräftigere wissenschaftliche Studie als
Entscheidungsgrundlage hinzuzuziehen, werden wir
weiter erörtern.

Danke schön.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803621300

Vielen Dank. – Nächste Rednerin ist Ulle Schauws,

Bündnis 90/Die Grünen.


(Beifall des Abg. Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE])



Ulle Schauws (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803621400

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

In der Anhörung des Rechtsausschusses am 5. Mai wa-
ren die Sachverständigen einhellig der Meinung, dass al-
lein das Kindeswohl Maßstab der Adoption sein darf.
Ich glaube, darüber sind auch wir uns hier alle einig,
liebe Kolleginnen und Kollegen.

Die Mehrheit der von Ihnen, von Union und SPD,
eingeladenen Sachverständigen hat im Rechtsausschuss
aber auch klar gesagt, die sexuelle Orientierung der El-
tern sei für die Entwicklung eines Kindes unbedeutend;
entscheidend sei vielmehr die Qualität und Festigkeit ei-
ner Partnerschaft.

Und auch das Bundesverfassungsgericht hat in seiner
Entscheidung vom 19. Februar bejaht, dass Lebenspart-
ner gute Eltern sind. Es wies unmissverständlich Beden-
ken zurück, dass Kindern das Aufwachsen mit gleichge-
schlechtlichen Eltern schaden könnte. Es ist vielmehr
– ich zitiere – „davon auszugehen, dass die behüteten
Verhältnisse einer eingetragenen Lebenspartnerschaft
das Aufwachsen von Kindern ebenso fördern können
wie in einer Ehe“.

Wenn also nach der überwiegenden Auffassung das
Kindeswohl bei einer Adoption durch gleichgeschlecht-
liche Partner nicht gefährdet ist, frage ich mich, warum
nach Ihrem Gesetzentwurf im Ergebnis Ehegatten nur
gemeinschaftlich, aber nicht einzeln, Lebenspartner da-
gegen nur einzeln, aber nicht gemeinschaftlich ein Kind
adoptieren dürfen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)


Das ist nicht nur völlig absurd und widerspricht dem ge-
sunden Menschenverstand; Sie verstoßen mit Ihrem Ge-
setzentwurf meines Erachtens und unseres Erachtens
sehr wohl auch gegen die Verfassung, und zwar doppelt:


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Erstens verstoßen Sie gegen Artikel 3 des Grundgesetzes.
Sie benachteiligen adoptierte Kinder in einer Lebenspart-
nerschaft und die Lebenspartnerinnen und -partner durch
Verweigerung der gemeinschaftlichen Adoption. Zwei-
tens verstoßen Sie gegen Artikel 6 des Grundgesetzes;
denn Sie benachteiligen bei der Ausgestaltung der Suk-
zessivadoption Ehepaare gegenüber Lebenspartnerschaf-
ten, weil Ehegatten anders als Lebenspartner ein Kind
nicht alleine adoptieren dürfen.

Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, zeigt doch ei-
nes ganz klar: Der Diskriminierungswille der Union ge-
genüber Lesben und Schwulen geht so weit, dass Sie für
die Benachteiligung der Lebenspartner an anderer Stelle
Ehen gegenüber Lebenspartnerschaften benachteiligen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Meine Damen und Herren, das ist eine Bankrotterklä-
rung der großkoalitionären Rechtspolitik, und der Herr
Bundesjustizminister macht das klaglos mit.

Was bewegt Sie also, diesen mutlosen und nach mei-
ner Auffassung zudem verfassungswidrigen Gesetzent-
wurf vorzulegen? Wie groß ist die Abneigung bei Ihnen
gegenüber Lesben und Schwulen, dass Sie mit Händen





Ulle Schauws


(A) (C)



(D)(B)

und Füßen jegliche Form von rechtlicher Gleichstellung
immer wieder abwehren, dass Sie das Bundesverfas-
sungsgericht, das ausdrücklich keinen Unterschied zwi-
schen Ehen und eingetragenen Lebenspartnerschaften in
Bezug auf die Adoption macht, immer wieder ignorieren
und dass Sie die mehrheitlich befürwortende Meinung in
unserer Gesellschaft für gleiche Rechte für Lesben und
Schwule ausblenden?

Ich nenne es mal beim Namen: Es geht hier um Ihre
Angst. Es geht um Ihre Angst, dass Menschen, die ganz
normal lesbisch und schwul lieben und leben und ganz
selbstverständlich Verantwortung für Kinder tragen,


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Ich habe kein Problem damit!)


mit Ehegatten in der traditionellen Ehe auf Augenhöhe
kommen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Es geht hier schlicht um Homophobie. Es geht um die
Fortsetzung von Diskriminierung, und die hat in einem
Gesetz nichts zu suchen. Ihr Gesetzentwurf ist gerade
jetzt, wo homophobe Strömungen in ganz Europa Zulauf
haben, durchaus auch politisch brisant. Denn sie halten
damit Türen offen für Vorurteile gegenüber Lesben und
Schwulen.

Ich finde, es ist jetzt an der Zeit, Gleichbehandlung
aktiv zu fördern und ein klares Bekenntnis zu Toleranz
und demokratischen Grundwerten abzugeben. Aber was
tun Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen von der SPD?
Von Ihrem Versprechen „100 Prozent Gleichstellung nur
mit uns“ sind heute genau 0 Prozent geblieben.


(Burkhard Lischka [SPD]: Das ist Unsinn! – Dr. Eva Högl [SPD]: Das stimmt ja nun nicht!)


Wie glaubwürdig sind Ihre Lippenbekenntnisse vom In-
ternationalen Tag gegen Homophobie? Was wollen Sie
beim nächsten CSD denn zu diesem Gesetzentwurf sa-
gen?

Darum appelliere ich an Sie alle: Entscheiden Sie sich
für das Kindeswohl. Entscheiden Sie sich für unser
Grundgesetz und für die dort verankerte Gleichheit aller
Menschen. Sprechen Sie heute Lesben, Schwulen und
ihren Kindern den Respekt aus, den sie verdienen, und
stimmen Sie unserem grünen Gesetzentwurf zu.

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803621500

Vielen Dank. – Das Wort hat jetzt Dr. Karl-Heinz

Brunner, SPD.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Dr. Karl-Heinz Brunner (SPD):
Rede ID: ID1803621600

Verehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kol-

legen! Das Positive zuerst: Wir, die Koalition von SPD
und Union, werden die bestehenden Diskriminierungen
von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften, auch
wenn Sie das nicht glauben, beenden. Wir werden die Re-
gelungen, die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaf-
ten schlechterstellen, ebenfalls beseitigen. – So steht es im
Koalitionsvertrag. Das bleibt für uns Sozialdemokraten
das Ziel. Glauben Sie uns: Es war nicht leicht, das zu ver-
einbaren. Insofern danke ich den Kolleginnen und Kolle-
gen der Union, die dies ermöglicht haben. Ich sage das be-
wusst auch an die Adresse der Kolleginnen und Kollegen
der CSU, denen das besonders schwergefallen ist.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Damit steht die Agenda fest: rechtliche Gleichstel-
lung für alle Menschen, egal ob hetero, schwul, bi oder
lesbisch. Niemanden zu diskriminieren oder ungleich zu
behandeln – eine Selbstverständlichkeit im 21. Jahrhun-
dert, über die wir eigentlich nicht diskutieren müssten.
Dies, so sage ich, bringen wir auf den Weg und werden
wir auf der Agenda halten.

Gestatten Sie mir, verehrte Kolleginnen und Kollegen
der Union, Folgendes zu sagen: Bis es so weit kommt,
werden Sie uns dazu schon noch etwas liefern müssen.
Wir wollten bereits zum jetzigen Zeitpunkt eine einfache
Regelung schaffen und das Wort „Ehe“ durch „Le-
benspartnerschaft“ ersetzen, um die Volladoption zu er-
möglichen. Ich glaube aber, wir kommen noch auf einen
guten Weg, wenn wir uns vernünftig austauschen.

Darum und um die Gleichstellung von Schwulen und
Lesben, von Bi- und Gendermenschen in unserer Gesell-
schaft geht es heute jedoch nicht. Heute geht es, auch
wenn die Sachverständigen der Anhörung uns überwie-
gend eine große Lösung vorgeschlagen haben, nur um
die Kinder, nur um die Adoption, genauer um die Suk-
zessivadoption. Den Kindern – das hat die Anhörung
zweifelsfrei geklärt; das ist der Unterschied zum Gesetz-
entwurf von Bündnis 90/Die Grünen – ist es herzlich
egal, ob sie ein oder zwei Mütter oder Väter haben. Für
sie zählt allein die Liebe, die Geborgenheit, egal ob von
leiblichen Eltern, Pflegeeltern oder Adoptiveltern.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und der CDU/CSU)


Glauben Sie mir, Kolleginnen und Kollegen, Felix
und Lena – nennen wir sie einmal so – machen keinen
Unterschied, von wem sie Trost bekommen, wenn das
Knie aufgeschürft ist. Genau das – Verantwortung, Für-
sorge und stabile Familienverhältnisse zugunsten des
Kindeswohls – verlangt unser Bundesverfassungsgericht
zu Recht, bis zum 30. Juni dieses Jahres gesetzlich zu re-
geln. Das setzen wir jetzt um – nicht weniger, aber leider
auch nicht mehr.

Meine Kolleginnen und Kollegen, der Gesetzentwurf
der Grünen unterstellt gleichzeitig, dass der Gesetzent-
wurf der Bundesregierung und der Koalition in zwei Fäl-
len verfassungswidrig sei. Ich sage ganz offen: Dem
kann man in keinem Falle zustimmen; denn das Bundes-





Dr. Karl-Heinz Brunner


(A) (C)



(D)(B)

verfassungsgericht selbst kann nicht das, was es im Ur-
teil gefordert hat, für verfassungswidrig erklären. Wir
befassen uns nicht mit der Verfassungswidrigkeit im
Verhalten der Menschen in dieser Gesellschaft, sondern
wir befassen uns nur mit der Sukzessivadoption.

Lassen Sie uns doch alle miteinander den Weg gehen,
die Ungleichbehandlung zu beseitigen – nicht vor Ge-
richten, sondern hier im Hohen Hause. Wir Sozialdemo-
kraten stehen dazu. Wir wollen die Gleichstellung ohne
Wenn und Aber. Wir werden dabei nicht lockerlassen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803621700

Nächster Redner ist Dr. Volker Ullrich, CDU/CSU-

Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Volker Ullrich (CSU):
Rede ID: ID1803621800

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es sei noch
einmal daran erinnert, dass es bei der heutigen Debatte
um die Verwirklichung von Kindeswohl geht und dass
einzig und allein das Schicksal der Kinder im Mittel-
punkt der Debatte zu stehen hat. Natürlich können wir
auch eine Debatte über Toleranz und Gleichstellung füh-
ren. Wenn wir aber über Toleranz reden, ist es – das
muss ich ehrlicherweise sagen – schon unerträglich, dass
Sie Toleranz zwar einfordern, dann aber die Gutachten
zweier renommierter Wissenschaftler als peinlich be-
zeichnen. Das hat mit Toleranz nichts zu tun!


(Beifall bei der CDU/CSU)


Mit Toleranz hat es auch nichts zu tun, werte Kollegin
Schauws, dass Sie der Union hier Diskriminierungswil-
len unterstellen. Wir haben keinen Diskriminierungswil-
len. Wir haben den Willen, die Rechte von Kindern zu
verbessern und die Eingliederung von Kindern in Fami-
lien zu stärken. Das ist unser Wille! Wenn Sie uns Dis-
kriminierungswillen unterstellen, spielen Sie mit der
Angst. Sie verwenden Zitate, die Sie hier besser nicht
vorgetragen hätten.


(Beifall bei der CDU/CSU – Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist keine Unterstellung! Das ist eine richtige Diagnose! „Homophobie ist heilbar“!)


In gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften wer-
den Werte gelebt, die für den Zusammenhalt dieser Ge-
sellschaft wichtig sind. Sie geben uns Stabilität. Die ge-
lebte Solidarität ist wichtig und entspricht auch dem
christlichen Menschenbild. Die Frage der Gleichstellung
von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften eig-
net sich aber nicht, um über die Adoption zu sprechen;
denn bei der Adoption sind immer auch Dritte, nämlich
Kinder, im Spiel. Es gibt kein Recht auf ein Kind, um
Gleichstellung zu erzwingen, sondern es gibt nur das
Recht des Kindes, in Familien aufzuwachsen, in denen
die Kinder betreut werden.

(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie müssen das Kind gleichstellen, wenn Sie das Kindeswohl ernst nehmen!)


Sie dürfen deswegen auch nicht den Fehler machen
– er erschließt sich leicht auch schon bei oberflächlicher
Betrachtung des Urteils des Bundesverfassungsgerichts –,
dass Sie die Volladoption mit der Sukzessivadoption
gleichsetzen. Das ist nämlich dem Wesen und der Ab-
folge nach etwas völlig anderes. Bei der Sukzessivadop-
tion hat ein Lebenspartner schon eine rechtliche und
emotionale Beziehung zu dem Kind, die sich verfestigt
hat und tatsächlich gelebt wird. Durch die anschließende
Adoption bekommt das Kind ein Mehr an Rechten und
Möglichkeiten, sich gegen widrigste Lebenslagen abzusi-
chern. Es bekommt Erb- und Unterhaltsrechte sowie das
Recht auf Besuch und Umgang. Wir stärken damit also
ausschließlich die Rechte von Kindern. Deswegen ist es
– da will ich widersprechen – der CSU nicht schwergefal-
len, dem zuzustimmen. Überall dort, wo die Rechte von
Kindern verbessert werden, fällt es der CSU leicht, zuzu-
stimmen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh!)


Nur: Die Frage der Volladoption ist davon zu trennen.
Bei der Volladoption besteht nämlich kein rechtliches
und emotionales Band zwischen dem zu adoptierenden
Kind und dem Lebenspartner, sondern diese rechtlichen
und tatsächlichen Bindungen werden neu geknüpft. Des-
wegen ist das ein völlig neuer juristischer Ansatz.


(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt wird es abenteuerlich!)


Es ist dem Gesetzgeber unbenommen, dass er dort,
wo Ansatzpunkte für eine Differenzierung bestehen,
auch seinen gesetzgeberischen Spielraum wahrnimmt.
Deswegen, meine Damen und Herren, ist es eine richtige
gesetzgeberische Grundsatzentscheidung, zu sagen: Wir
setzen das Urteil des Bundesverfassungsgerichts getreu
den Vorgaben um. Weiterhin ist uns im Rahmen unseres
Ermessensspielraums unbenommen, zu sagen: Die Ver-
gleichbarkeit zwischen Volladoption und Sukzessivad-
option ist eben nicht gegeben. Deswegen kann der Ge-
setzgeber hier mit Fug und Recht eine Differenzierung
vornehmen.

Ich appelliere an Sie: Stimmen Sie dem Gesetzent-
wurf der Bundesregierung zu, weil er ein Mehr für die
Rechte der Kinder bedeutet. Ich bitte Sie, dem Gesetz-
entwurf zuzustimmen, weil es der richtige Weg ist, die
Sukzessivadoption zuzulassen. Ich bitte Sie auch, alles
andere jetzt nicht zu entscheiden, weil dafür die Grund-
lage fehlt, weil die Expertise fehlt und weil es im Augen-
blick nicht notwendig ist. Lassen Sie uns diesem Gesetz-
entwurf zum Wohle der Kinder zustimmen. Lassen Sie
uns in diesem Sinne tolerant sein und für die Rechte der
Kinder eine gute und tragfähige Lösung schaffen.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU)







(A) (C)



(D)(B)


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803621900

Vielen Dank. – Letzter Redner in der Debatte ist der

Kollege Johannes Kahrs, SPD.


(Beifall bei der SPD)



Johannes Kahrs (SPD):
Rede ID: ID1803622000

Geschätzte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Frau Kollegin Sütterlin-Waack, Herr Kollege
Ullrich, wir sprechen hier über Gleichstellung. Kinder
sind kein Vehikel zur Gleichstellung, sondern entweder
man ist gleich oder man ist es nicht. Sie haben vollkom-
men recht: Es gibt kein Recht auf ein Kind – logischer-
weise. Es geht uns nur darum, dass man gleichbehandelt
wird, dass man sich wie jeder andere um eine Adoption
bewerben kann. Fachlich entscheidet das sowieso das
Jugendamt.


(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Helmut Heiderich [CDU/CSU])


Es geht hier nur darum, sich wie jeder andere bewerben
zu dürfen. Also geht es bei dieser Frage um Gleichstel-
lung.

In dem diesbezüglichen Urteil des Bundesverfas-
sungsgerichtes steht:

Unterschiede zwischen Ehe und eingetragener Le-
benspartnerschaft, welche die ungleiche Ausgestal-
tung der Adoptionsmöglichkeiten rechtfertigen
könnten, bestehen nicht …


(Beifall des Abg. Harald Petzold [Havelland] [DIE LINKE])


Ich finde, das kann man sich auf der Zunge zergehen las-
sen. Das ist eine klare Ansage.

Ich persönlich werde heute dem Gesetzentwurf zu-
stimmen, weil er ein Mehr an Rechten ermöglicht.
Gleichzeitig werde ich dem Änderungsantrag der Grü-
nen zustimmen, weil der Antrag Gleichstellung fordert.
Ich möchte aber darauf hinweisen: Über die Begründung
wird nicht abgestimmt. Denn die Begründung ist latent
grenzwertig.

In der Sache ist es richtig, dass wir alle für Gleichstel-
lung streiten. Meine Freundinnen und Freunde der SPD
werden dem Änderungsantrag nicht zustimmen – einige
werden sich enthalten –, weil wir einen Koalitionsver-
trag mit der CDU/CSU abgeschlossen haben. An Ver-
träge hält man sich. In diesem Koalitionsvertrag stehen
Dinge, die wir sehr gut finden. Es gibt aber auch Dinge,
die die CDU/CSU gut findet. In diesem Fall bitte ich
mich zu entschuldigen.

Wenn man sich die Gesetzentwürfe ansieht, dann
stellt man fest: Wir Sozialdemokraten stehen für die
Gleichstellung von Lesben und Schwulen. Wir glauben,
dass es eine Gleichstellung bei der Ehe und auch in der
Frage der Adoption geben muss – Artikel 3 Grundge-
setz. Ich persönlich habe seit 1998 zusammen mit vielen
Freunden in der SPD und bei den Grünen die Gleichstel-
lung vorangetrieben, und das Bundesverfassungsgericht
hat in unserem Sinne entschieden.
Auch bei der letzten Großen Koalition haben wir et-
was erreicht. Im Kern ist es so, dass es mit der CDU/
CSU nur schrittweise vorangeht. Herr Kauder, als Koali-
tionspartner ein guter Tipp von mir: Auch in Ihren eige-
nen Reihen bröckelt es. Räumen Sie das Thema doch
einfach ab!


(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die Gesellschaft hat Sie überholt. Es ist anders. Sie wis-
sen es; Ihre Wähler wissen es. In der Sache wäre es für
alle Beteiligten einfacher. Ich könnte Sie jetzt fragen,
wann Sie sich entschieden haben, heterosexuell zu sein.
Ich habe mich nie entschieden, homosexuell zu sein.
Aber ich bin es, und ich möchte gleichberechtigt sein.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803622100

Vielen Dank. – Ich schließe die Aussprache.

Wir kommen zur Abstimmung über die von den Frak-
tionen der CDU/CSU und SPD sowie von der Bundes-
regierung eingebrachten Entwürfe eines Gesetzes zur
Umsetzung der Entscheidung des Bundesverfassungsge-
richts zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner.

Zu diesen Abstimmungen liegen zahlreiche Erklärun-
gen nach § 31 Absatz 1 der Geschäftsordnung vor.1)

Der Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz emp-
fiehlt unter Buchstabe a seiner Beschlussempfehlung auf
Drucksache 18/1488, den Gesetzentwurf der Fraktionen
der CDU/CSU und SPD auf Drucksache 18/841 sowie
den Gesetzentwurf der Bundesregierung auf Druck-
sache 18/1285 zusammenzuführen und anzunehmen.

Hierzu liegt ein Änderungsantrag der Fraktion Bünd-
nis 90/Die Grünen auf Drucksache 18/1494 vor, über
den wir zuerst abstimmen. Wir stimmen nun über den
Änderungsantrag auf Verlangen der Fraktion Bünd-
nis 90/Die Grünen namentlich ab.

Ich bitte die Schriftführerinnen und Schriftführer, die
vorgesehenen Plätze einzunehmen. – Sind die Plätze an
den Urnen besetzt? – Oben rechts fehlt noch ein Schrift-
führer oder eine Schriftführerin. – Sind jetzt alle Plätze
besetzt? – Ich eröffne die Abstimmung.

Ist ein Mitglied des Hauses anwesend, das seine
Stimme noch nicht abgegeben hat? – Haben alle anwe-
senden Mitglieder des Bundestages ihre Stimme abgege-
ben?2) – Das ist der Fall. Ich schließe die Abstimmung
und bitte die Schriftführerinnen und Schriftführer, mit
der Auszählung zu beginnen. Bis zum Vorliegen des Er-
gebnisses der namentlichen Abstimmung unterbreche
ich die Sitzung.


(Unterbrechung von 18.40 bis 18.47 Uhr)


1) Anlagen 4, 5 und 6
2) Ergebnis Seite 3106 C






(C)



(B)


Ulla Schmidt (SPD):
Rede ID: ID1803622200

Die unterbrochene Sitzung wird wieder eröffnet. Ich

bitte Sie alle, Platz zu nehmen.

Ich gebe Ihnen das von den Schriftführerinnen und
Schriftführern ermittelte Ergebnis der namentlichen
Abstimmung über den Änderungsantrag der Abgeord-
neten Volker Beck, Ulle Schauws, Luise Amtsberg, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion Bündnis 90/Die
Grünen zu der zweiten Beratung des Gesetzentwurfs der
Bundesregierung – Entwurf eines Gesetzes zur Umset-
zung der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts
zur Sukzessivadoption durch Lebenspartner – bekannt:
abgegebene Stimmen 563. Mit Ja haben gestimmt 111,
mit Nein haben gestimmt 432, Enthaltungen 20. Der Än-
derungsantrag ist damit abgelehnt.

(D)

Endgültiges Ergebnis
Abgegebene Stimmen: 563;
davon

ja: 111
nein: 432
enthalten: 20

Ja

CDU/CSU

Cajus Caesar

SPD

Johannes Kahrs
Hilde Mattheis
Frank Schwabe
Christoph Strässer

DIE LINKE

Jan van Aken
Dr. Dietmar Bartsch
Herbert Behrens
Karin Binder
Matthias W. Birkwald
Heidrun Bluhm
Eva Bulling-Schröter
Roland Claus
Dr. Diether Dehm
Klaus Ernst
Diana Golze
Annette Groth
Dr. Gregor Gysi
Dr. André Hahn
Heike Hänsel
Inge Höger
Andrej Hunko
Sigrid Hupach
Ulla Jelpke
Susanna Karawanskij
Katja Kipping
Jan Korte
Caren Lay
Sabine Leidig
Ralph Lenkert
Michael Leutert
Stefan Liebich
Dr. Gesine Lötzsch
Thomas Lutze
Cornelia Möhring
Niema Movassat
Dr. Alexander S. Neu
Thomas Nord
Petra Pau
Harald Petzold (Havelland)

Richard Pitterle
Martina Renner
Michael Schlecht
Dr. Petra Sitte
Kersten Steinke
Dr. Kirsten Tackmann
Frank Tempel
Dr. Axel Troost
Alexander Ulrich
Halina Wawzyniak
Harald Weinberg
Katrin Werner
Birgit Wöllert
Jörn Wunderlich
Hubertus Zdebel
Pia Zimmermann
Sabine Zimmermann


(Zwickau)


BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN

Luise Amtsberg
Kerstin Andreae
Annalena Baerbock
Agnieszka Brugger
Katja Dörner
Katharina Dröge
Harald Ebner
Dr. Thomas Gambke
Matthias Gastel
Kai Gehring
Anja Hajduk
Britta Haßelmann
Dr. Anton Hofreiter
Bärbel Höhn
Dieter Janecek
Uwe Kekeritz
Sven-Christian Kindler
Maria Klein-Schmeink
Tom Koenigs
Sylvia Kotting-Uhl
Oliver Krischer
Stephan Kühn (Dresden)

Christian Kühn (Tübingen)

Markus Kurth
Monika Lazar
Steffi Lemke
Dr. Tobias Lindner
Nicole Maisch
Peter Meiwald
Irene Mihalic
Beate Müller-Gemmeke
Özcan Mutlu
Dr. Konstantin von Notz
Omid Nouripour
Friedrich Ostendorff
Cem Özdemir
Lisa Paus
Brigitte Pothmer
Tabea Rößner
Claudia Roth (Augsburg)

Corinna Rüffer
Manuel Sarrazin
Elisabeth Scharfenberg
Ulle Schauws
Dr. Gerhard Schick
Dr. Frithjof Schmidt
Kordula Schulz-Asche
Dr. Wolfgang Strengmann-

Kuhn
Hans-Christian Ströbele
Markus Tressel
Jürgen Trittin
Dr. Julia Verlinden
Doris Wagner
Dr. Valerie Wilms

Nein

CDU/CSU

Stephan Albani
Katrin Albsteiger
Artur Auernhammer
Thomas Bareiß
Norbert Barthle
Julia Bartz
Günter Baumann
Maik Beermann
Manfred Behrens (Börde)

Veronika Bellmann
Sybille Benning
Dr. André Berghegger
Dr. Christoph Bergner
Ute Bertram
Peter Beyer
Steffen Bilger
Clemens Binninger
Peter Bleser
Dr. Maria Böhmer
Wolfgang Bosbach
Norbert Brackmann
Klaus Brähmig
Dr. Reinhard Brandl
Helmut Brandt
Dr. Ralf Brauksiepe
Dr. Helge Braun
Heike Brehmer
Ralph Brinkhaus
Gitta Connemann
Alexandra Dinges-Dierig
Michael Donth
Thomas Dörflinger
Marie-Luise Dött
Hansjörg Durz
Jutta Eckenbach
Hermann Färber
Uwe Feiler
Dr. Thomas Feist
Enak Ferlemann
Ingrid Fischbach
Dirk Fischer (Hamburg)


(Karlsruhe Land)

Dr. Maria Flachsbarth
Klaus-Peter Flosbach
Thorsten Frei
Dr. Astrid Freudenstein
Dr. Hans-Peter Friedrich


(Hof)

Michael Frieser
Dr. Michael Fuchs
Hans-Joachim Fuchtel
Alexander Funk
Ingo Gädechens
Dr. Peter Gauweiler
Dr. Thomas Gebhart
Alois Gerig
Eberhard Gienger
Cemile Giousouf
Josef Göppel
Reinhard Grindel
Ursula Groden-Kranich
Hermann Gröhe
Klaus-Dieter Gröhler
Michael Grosse-Brömer
Astrid Grotelüschen
Markus Grübel
Manfred Grund
Oliver Grundmann
Monika Grütters
Dr. Herlind Gundelach
Fritz Güntzler
Olav Gutting
Christian Haase
Florian Hahn
Dr. Stephan Harbarth
Jürgen Hardt
Gerda Hasselfeldt
Matthias Hauer
Mark Hauptmann
Dr. Stefan Heck
Dr. Matthias Heider
Helmut Heiderich

(A)






Vizepräsidentin Ulla Schmidt


(A) (C)



(D)(B)

Mechthild Heil
Frank Heinrich (Chemnitz)

Mark Helfrich
Uda Heller
Jörg Hellmuth
Ansgar Heveling
Peter Hintze
Christian Hirte
Dr. Heribert Hirte
Robert Hochbaum
Alexander Hoffmann
Karl Holmeier
Franz-Josef Holzenkamp
Dr. Hendrik Hoppenstedt
Margaret Horb
Bettina Hornhues
Charles M. Huber
Anette Hübinger
Erich Irlstorfer
Thomas Jarzombek
Sylvia Jörrißen
Andreas Jung
Dr. Franz Josef Jung
Xaver Jung
Dr. Egon Jüttner
Bartholomäus Kalb
Hans-Werner Kammer
Alois Karl
Anja Karliczek
Bernhard Kaster
Volker Kauder
Roderich Kiesewetter
Dr. Georg Kippels
Volkmar Klein
Jürgen Klimke
Axel Knoerig
Jens Koeppen
Markus Koob
Carsten Körber
Hartmut Koschyk
Kordula Kovac
Michael Kretschmer
Gunther Krichbaum
Dr. Günter Krings
Rüdiger Kruse
Dr. Roy Kühne
Günter Lach
Uwe Lagosky
Andreas G. Lämmel
Dr. Norbert Lammert
Katharina Landgraf
Ulrich Lange
Barbara Lanzinger
Dr. Silke Launert
Paul Lehrieder
Dr. Katja Leikert
Dr. Andreas Lenz
Philipp Graf Lerchenfeld
Dr. Ursula von der Leyen
Antje Lezius
Ingbert Liebing
Matthias Lietz
Andrea Lindholz
Dr. Carsten Linnemann
Patricia Lips
Wilfried Lorenz
Dr. Claudia Lücking-Michel
Daniela Ludwig
Karin Maag
Yvonne Magwas
Thomas Mahlberg
Gisela Manderla
Matern von Marschall
Hans-Georg von der Marwitz
Andreas Mattfeldt
Stephan Mayer (Altötting)

Reiner Meier
Dr. Michael Meister
Jan Metzler
Maria Michalk
Dr. h. c. Hans Michelbach
Dr. Mathias Middelberg
Philipp Mißfelder
Dietrich Monstadt
Karsten Möring
Marlene Mortler
Dr. Gerd Müller
Carsten Müller


(Braunschweig)

Stefan Müller (Erlangen)

Dr. Philipp Murmann
Dr. Andreas Nick
Michaela Noll
Helmut Nowak
Dr. Georg Nüßlein
Wilfried Oellers
Florian Oßner
Dr. Tim Ostermann
Henning Otte
Ingrid Pahlmann
Sylvia Pantel
Martin Patzelt
Ulrich Petzold
Dr. Joachim Pfeiffer
Sibylle Pfeiffer
Ronald Pofalla
Eckhard Pols
Thomas Rachel
Kerstin Radomski
Alexander Radwan
Alois Rainer
Dr. Peter Ramsauer
Eckhardt Rehberg
Lothar Riebsamen
Josef Rief
Dr. Heinz Riesenhuber
Johannes Röring
Dr. Norbert Röttgen
Erwin Rüddel
Albert Rupprecht
Anita Schäfer (Saalstadt)

Dr. Wolfgang Schäuble
Karl Schiewerling
Norbert Schindler
Tankred Schipanski
Heiko Schmelzle
Christian Schmidt (Fürth)

Gabriele Schmidt (Ühlingen)

Patrick Schnieder
Nadine Schön (St. Wendel)

Dr. Ole Schröder
Bernhard Schulte-Drüggelte
Dr. Klaus-Peter Schulze
Uwe Schummer

(Weil am Rhein)

Christina Schwarzer
Detlef Seif
Johannes Selle
Reinhold Sendker
Dr. Patrick Sensburg
Bernd Siebert
Johannes Singhammer
Tino Sorge
Jens Spahn
Carola Stauche
Dr. Frank Steffel
Dr. Wolfgang Stefinger
Albert Stegemann
Peter Stein
Erika Steinbach
Sebastian Steineke
Johannes Steiniger
Christian Freiherr von Stetten
Dieter Stier
Rita Stockhofe
Gero Storjohann
Stephan Stracke
Max Straubinger
Matthäus Strebl
Karin Strenz
Thomas Stritzl
Thomas Strobl (Heilbronn)

Lena Strothmann
Michael Stübgen
Dr. Sabine Sütterlin-Waack
Dr. Peter Tauber
Antje Tillmann
Astrid Timmermann-Fechter
Dr. Hans-Peter Uhl
Dr. Volker Ullrich
Arnold Vaatz
Oswin Veith
Thomas Viesehon
Michael Vietz
Volkmar Vogel (Kleinsaara)

Sven Volmering
Christel Voßbeck-Kayser
Kees de Vries
Dr. Johann Wadephul
Marco Wanderwitz
Nina Warken
Albert Weiler
Marcus Weinberg (Hamburg)

Dr. Anja Weisgerber
Peter Weiß (Emmendingen)

Sabine Weiss (Wesel I)

Ingo Wellenreuther
Karl-Georg Wellmann
Marian Wendt
Kai Whittaker
Peter Wichtel
Annette Widmann-Mauz
Heinz Wiese (Ehingen)

Klaus-Peter Willsch
Elisabeth Winkelmeier-

Becker
Oliver Wittke
Dagmar G. Wöhrl
Barbara Woltmann
Tobias Zech
Heinrich Zertik
Emmi Zeulner
Dr. Matthias Zimmer
Gudrun Zollner

SPD

Niels Annen
Ingrid Arndt-Brauer
Rainer Arnold
Heike Baehrens
Ulrike Bahr
Dr. Katarina Barley
Dr. Hans-Peter Bartels
Klaus Barthel
Dr. Matthias Bartke
Sören Bartol
Bärbel Bas
Dirk Becker
Lothar Binding (Heidelberg)

Burkhard Blienert
Willi Brase
Dr. Karl-Heinz Brunner
Edelgard Bulmahn
Marco Bülow
Martin Burkert
Dr. Lars Castellucci
Petra Crone
Bernhard Daldrup
Dr. Karamba Diaby
Sabine Dittmar
Elvira Drobinski-Weiß
Siegmund Ehrmann
Michaela Engelmeier-Heite
Dr. h. c. Gernot Erler
Petra Ernstberger
Saskia Esken
Karin Evers-Meyer
Dr. Johannes Fechner
Dr. Fritz Felgentreu
Elke Ferner
Christian Flisek
Gabriele Fograscher
Dr. Edgar Franke
Michael Gerdes
Martin Gerster
Iris Gleicke
Ulrike Gottschalck
Kerstin Griese
Gabriele Groneberg
Uli Grötsch
Wolfgang Gunkel
Bettina Hagedorn
Rita Hagl-Kehl
Metin Hakverdi
Ulrich Hampel
Sebastian Hartmann
Michael Hartmann


(Wackernheim)

Hubertus Heil (Peine)

Gabriela Heinrich
Marcus Held
Wolfgang Hellmich
Dr. Barbara Hendricks
Heidtrud Henn
Gustav Herzog
Thomas Hitschler
Dr. Eva Högl
Christina Jantz
Frank Junge
Josip Juratovic
Thomas Jurk





Vizepräsidentin Ulla Schmidt


(A) (C)



(B)

Oliver Kaczmarek
Christina Kampmann
Ralf Kapschack
Gabriele Katzmarek
Ulrich Kelber
Marina Kermer
Arno Klare
Lars Klingbeil
Daniela Kolbe
Birgit Kömpel
Anette Kramme
Dr. Hans-Ulrich Krüger
Helga Kühn-Mengel
Christine Lambrecht
Christian Lange (Backnang)

Dr. Karl Lauterbach
Steffen-Claudio Lemme
Burkhard Lischka
Hiltrud Lotze
Kirsten Lühmann
Dr. Birgit Malecha-Nissen
Caren Marks
Katja Mast
Dr. Matthias Miersch
Klaus Mindrup
Susanne Mittag
Bettina Müller
Michelle Müntefering
Dr. Rolf Mützenich
Dietmar Nietan
Ulli Nissen
Mahmut Özdemir (Duisburg)

Aydan Özoğuz
Markus Paschke
Sabine Poschmann
Joachim Poß
Florian Post
Achim Post (Minden)

Dr. Wilhelm Priesmeier
Dr. Sascha Raabe
Dr. Simone Raatz
Martin Rabanus
Gerold Reichenbach
Dr. Carola Reimann
Sönke Rix
Dennis Rohde
Dr. Martin Rosemann
René Röspel
Michael Roth (Heringen)

Bernd Rützel
Johann Saathoff
Annette Sawade
Dr. Hans-Joachim

Schabedoth
Axel Schäfer (Bochum)

Dr. Nina Scheer
Marianne Schieder
Udo Schiefner
Dr. Dorothee Schlegel
Ulla Schmidt (Aachen)

Matthias Schmidt (Berlin)

Dagmar Schmidt (Wetzlar)

Carsten Schneider (Erfurt)

Ursula Schulte
Swen Schulz (Spandau)

Ewald Schurer
Stefan Schwartze
Rita Schwarzelühr-Sutter
Dr. Carsten Sieling
Rainer Spiering
Norbert Spinrath
Svenja Stadler
Martina Stamm-Fibich
Peer Steinbrück
Kerstin Tack
Claudia Tausend
Michael Thews
Wolfgang Tiefensee
Carsten Träger
Rüdiger Veit
Ute Vogt
Dirk Vöpel
Bernd Westphal
Dirk Wiese
Gülistan Yüksel
Dr. Jens Zimmermann
Enthalten

CDU/CSU

Dr. Stefan Kaufmann
Dr. Philipp Lengsfeld

SPD

Heinz-Joachim Barchmann
Dr. Daniela De Ridder
Dagmar Freitag
Dirk Heidenblut
Gabriele Hiller-Ohm
Petra Hinz (Essen)

Cansel Kiziltepe
Dr. Bärbel Kofler
Detlev Pilger
Mechthild Rawert
Stefan Rebmann
Andreas Rimkus
Dr. Ernst Dieter Rossmann
Susann Rüthrich
Gabi Weber
Andrea Wicklein
Waltraud Wolff


(Wolmirstedt)

Stefan Zierke

(D)

Ich bitte nun diejenigen, die dem Gesetzentwurf zu-
stimmen wollen, um das Handzeichen. – Wer ist dage-
gen? – Wer enthält sich? – Der Gesetzentwurf ist damit
in zweiter Beratung mit den Stimmen von CDU/CSU
und SPD gegen die Stimmen von Bündnis 90/Die Grü-
nen und der Linken angenommen.

Dritte Beratung

und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Der Gesetz-
entwurf ist mit dem gleichen Stimmenverhältnis ange-
nommen.

Tagesordnungspunkt 8 b. Abstimmung über den Ent-
wurf eines Gesetzes der Fraktion Bündnis 90/Die Grü-
nen zur Ergänzung des Lebenspartnerschaftsgesetzes
und anderer Gesetze im Bereich des Adoptionsrechts.
Der Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz emp-
fiehlt unter Buchstabe b seiner Beschlussempfehlung auf
Drucksache 18/1488, den Gesetzentwurf der Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen auf Drucksache 18/577 (neu)

abzulehnen. Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzentwurf
zustimmen wollen, um das Handzeichen. – Wer stimmt
dagegen? – Wer enthält sich? – Der Gesetzentwurf ist in
zweiter Beratung mit den Stimmen von CDU/CSU und
SPD gegen die Stimmen der Fraktionen Die Linke und
Bündnis 90/Die Grünen abgelehnt. Damit entfällt nach
unserer Geschäftsordnung die weitere Beratung.

Tagesordnungspunkt 8 c. Abstimmung über den Ent-
wurf eines Gesetzes der Fraktion Bündnis 90/Die Grü-
nen zum Europäischen Übereinkommen über die Adop-
tion von Kindern. Der Ausschuss für Recht und
Verbraucherschutz empfiehlt unter Buchstabe c seiner
Beschlussempfehlung auf Drucksache 18/1488, den Ge-
setzentwurf der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen auf
Drucksache 18/842 abzulehnen. Ich bitte diejenigen, die
dem Gesetzentwurf zustimmen wollen, um das Handzei-
chen. – Wer stimmt dagegen? – Enthaltungen? – Der Ge-
setzentwurf ist in zweiter Beratung mit den Stimmen der
SPD und CDU/CSU gegen die Stimmen von Bündnis 90/
Die Grünen und der Linken abgelehnt. Damit entfällt
nach unserer Geschäftsordnung die weitere Beratung.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 9 sowie Zusatz-
punkt 6 auf:

9 Beratung des Antrags der Abgeordneten Harald
Ebner, Bärbel Höhn, Steffi Lemke, weiterer Ab-
geordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN sowie der Abgeordneten Dr. Kirsten
Tackmann, Caren Lay, Dr. Dietmar Bartsch, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE

zu dem Vorschlag für eine Verordnung des
Europäischen Parlaments und des Rates zur
Änderung der Richtlinie 2001/18/EG betref-
fend die den Mitgliedstaaten eingeräumte
Möglichkeit, den Anbau von GVO auf ihrem
Hoheitsgebiet zu beschränken oder zu unter-
sagen
KOM(2010) 375 endg.; Ratsdok. 12371/10
Add. 1

hier: Stellungnahme gegenüber der Bundes-
regierung gemäß Artikel 23 Absatz 3 des
Grundgesetzes





Vizepräsidentin Ulla Schmidt


(A) (C)



(D)(B)

Vorbehalte der Bevölkerung gegenüber der
Agro-Gentechnik anerkennen – Gentechnik-
freiheit im Pflanzenbau dauerhaft sichern

Drucksache 18/1453

ZP 6 Beratung des Antrags der Fraktionen der CDU/
CSU und SPD

Grüne Gentechnik – Sorgen und Vorbehalte
der Menschen ernst nehmen, Selbstbestim-
mung stärken, Wahlfreiheit ermöglichen

Drucksache 18/1450

Über beide Anträge werden wir später namentlich ab-
stimmen.

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 38 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich bitte die Kollegen, jetzt entweder Platz zu nehmen
oder den Saal zu verlassen, wenn sie zu anderen Sitzun-
gen müssen.

Ich eröffne die Aussprache. Erster Redner ist der Kol-
lege Harald Ebner, Bündnis 90/Die Grünen.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN und der LINKEN)



Harald Ebner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803622300

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen

und Kollegen! Gestern früh wurden dem Deutschen
Bundestag von den Ökoverbänden über 100 000 Unter-
schriften übergeben, verbunden mit dem Aufruf, Gen-
technikfreiheit in Deutschland und Europa zu sichern.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie der Abg. Ute Vogt [SPD])


Es gibt einen klaren Auftrag der Bevölkerung an die
Politik, die Gentechnikfreiheit zu sichern, das heißt, da-
für zu sorgen, dass in Deutschland und möglichst auch in
Europa keine gentechnisch veränderten Pflanzen wach-
sen.


(Zuruf des Abg. Volker Kauder [CDU/CSU])


Was muss man tun, um dieses Ziel zu erreichen? Man
muss, Herr Kauder, an den Zulassungsverfahren anset-
zen. Wir müssen die sozioökonomischen Risiken prüfen.
Wir müssen die langfristigen Risiken prüfen, und wir
müssen eine unabhängige Risikoprüfung sicherstellen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Solange das nicht erledigt ist, dürfen keine neuen Gen-
technikpflanzen zugelassen werden und so lange brau-
chen wir uns auch nicht über die nächsten notwendigen
Schritte zu unterhalten.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


All das haben der EU-Umweltministerrat 2008, das
Europaparlament 2011, der Bundesrat im April dieses
Jahres und gestern mit der Übergabe der Unterschriften
noch ein Haufen Menschen in diesem Land gefordert.
Mit entsprechenden Maßnahmen soll das Einfallstor für
die Gentechnik pollenfest verschlossen werden. Genau
das sind die Forderungen, die in unserem gemeinsamen
Antrag mit den Linken gestellt werden. Jetzt versuchen
Sie, die Menschen im Land mit einem dreisten Täu-
schungsmanöver in die Irre zu führen. Was Sie von der
Großen Koalition in Ihrem Antrag heute fordern, führt
zu mehr Anbauzulassungen und damit zu mehr Gentech-
nik in Europa und Deutschland.


(Ute Vogt [SPD]: Quatsch! Doch nicht in Deutschland!)


Sie reißen für die Gentechnikkonzerne durch Ihre Unter-
stützung der Zulassung von Merkel-Mais die Tür zur EU
weit auf, und Sie schaffen die Kennzeichnung von Gen-
honig ab. Das ist das Gegenteil von Transparenz und
Wahlfreiheit, die Sie in Ihrem Antrag versprechen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Landwirtschaftsminister Schmidt und die Umweltmi-
nisterin fordern seit Monaten die Unterstützung des
Vorschlags der griechischen Ratspräsidentschaft zu na-
tionalen Anbauverboten. Verschwiegen wird dabei aber
das Ziel dieses Vorschlags. Nach einer Weisung der
Regierung Merkel an den Umweltrat von 2012 lautet es
nämlich: Die nationalen Anbauverbote sollen den Zulas-
sungsstau für gentechnisch veränderte Pflanzen in Eu-
ropa beseitigen. – Nach dem Stau kommt die Flut, liebe
Kolleginnen und Kollegen.


(Alois Gerig [CDU/CSU]: Ach, das ist doch Asbach Uralt!)


Dieser Vorschlag von Dalli war schon 2010 falsch, er
war 2011 falsch, und er ist es heute noch.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Was steht darin? Die EU-Mitgliedstaaten müssen als
Bittsteller bei der Industrie auftreten, wenn sie in ihrem
Land keinen Anbau von Genpflanzen haben wollen. Im
neuesten Vorschlag der griechischen Ratspräsidentschaft
ist diese Verknüpfung nach wie vor enthalten: Erst muss
man bei den Herstellern antreten, dann bekommt man
eventuell ein Anbauverbot. Der Block zu den Verhand-
lungen mit Monsanto und BASF & Co. ist das einzig
Fassbare an diesem Vorschlag. Die Anbauverbote bezüg-
lich Phase II sind so schwammig formuliert und so
widersprüchlich, dass alle von uns befragten Juristen in-
klusive des Wissenschaftlichen Dienstes große Fragezei-
chen hinter die Rechtssicherheit setzen. Was Sie wollen,
ist also erstens eine Kungelei mit der Industrie und
zweitens ein Geflecht juristischer Fallstricke, bei denen
niemand vorhersagen kann, liebe Kollegin, ob das In-
strument überhaupt funktioniert.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Elvira Drobinski-Weiß [SPD]: Ach, das ist doch gar nicht wahr! Du solltest mal unseren Antrag lesen! Das wäre von Vorteil!)






Harald Ebner


(A) (C)



(D)(B)

An die eigentlichen Punkte, die Zulassungsverfahren,
gehen Sie gar nicht heran. Sie holen uns den Trojaner ins
Haus. Das heißt, wenn Sie etwas gegen Einbrüche tun
wollen, machen Sie erst einmal die Haustür bzw. die
Wohnungstür auf,


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Na klar! Dann wird bestimmt nicht eingebrochen!)


und dann befestigen Sie an der Zimmertür einen Zettel,
auf dem steht: Bitte nicht einbrechen.


(Heiterkeit bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN)


Dafür wollen Sie sich jetzt feiern lassen?

In Ihrem Antrag stehen Dinge, die bei der Industrie
die Sektkorken knallen lassen; das kann man klar bele-
gen. Ich habe hier nämlich ein Strategiepapier der euro-
päischen Gentechniklobby vom September 2012. Es ist
ein minutiöses Drehbuch, wie der Gentechnik in Europa
endgültig zum Durchbruch verholfen werden soll. Darin
steht jeder Akt dieses Marionettentheaters, das wir ge-
rade erleben:

Akt eins. Um Druck aufzubauen, soll die Kommis-
sion eine Anbauzulassung auf den Weg bringen, damit
die Mitgliedstaaten einem Opt-out zustimmen und kom-
promissbereiter werden. – Mit dem Merkel-Mais ist das
bereits erfolgt.

Akt zwei. Anbauverbote sollen nur möglich sein,
wenn vorher mit der Industrie verhandelt wurde. – Das
ist erledigt; das steht in Phase I.


(Ute Vogt [SPD]: Quatsch!)


Akt drei. Die Mitgliedstaaten sollen nur dann die
Möglichkeit für Anbauverbote bekommen, wenn sie
nicht gegen weitere EU-Anbauzulassungen stimmen.


(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist ja ungeheuerlich!)


Und: Um die Bundesregierung für Opt-out zu gewinnen
– das steht darin –, sollte die Abschaffung der Kenn-
zeichnungspflicht für Honig mit Gentechnikbestandtei-
len zügig abgeschlossen werden. – Das ist am 8. Mai
dieses Jahres erfolgt, mit aktiver Unterstützung der Bun-
desregierung.

Die Große Koalition arbeitet das Drehbuch also brav
ab, und das wollen Sie uns als Ausstieg aus der Gentech-
nik verkaufen. Ich sehe das eher als eine sozialdemo-
kratische Interpretation von Pinocchio und nicht als die
Interpretation des Koalitionsvertrages. Tun Sie endlich
etwas. Tun Sie endlich etwas Konkretes für die Gentech-
nikfreiheit. Gehen Sie die lückenhaften EU-Zulassungs-
verfahren an. Hören Sie auf, die Menschen im Land hin-
ter den Merkel-Mais zu führen. Machen Sie Schluss mit
dem Verwirrspiel. Steigen Sie aus. Stimmen Sie mit uns
für die Gentechnikfreiheit in Deutschland und Europa,
lieber Kollege Gerig. Jetzt kommt es darauf an.

Danke schön.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Alois Gerig [CDU/CSU]: Solche Reden muss man halten, wenn die Felle weggeschwommen sind, mein Lieber! Mein Gott!)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803622400

Das Wort hat der Bundesminister Christian Schmidt.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Christian Schmidt, Bundesminister für Ernährung
und Landwirtschaft:

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Es bleibt dabei: Europa ist dem Recht ver-
pflichtet – nicht dem appellativen, sondern dem, was
man an Verfahren entwickelt. Deswegen, lieber Kollege
Ebner, bei allem Respekt: Weder Pinocchio noch sonst
jemand ist hier unterwegs, es geht hier um eine ziemlich
ernsthafte Sache: um die Frage, wie wir die Meinungen
der Bürgerinnen und Bürger, die Interessen, die Sie se-
hen, in Einklang bringen mit dem Recht in Europa.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Der Einsatz grüner Gentechnik ist in unserem Land
ein Thema, das die Menschen umtreibt, übrigens sehr
viel mehr als der Einsatz von Gentechnik beispielsweise
bei der Herstellung von Medikamenten. Ich danke des-
wegen den Koalitionsfraktionen – und auch den Bundes-
ländern – dafür, dass sie das Thema mit ihrem konstruk-
tiven Antrag begleiten und der Regierung damit ein
klarer Auftrag gegeben wird.

Wir müssen die Sorgen vieler Bürgerinnen und Bür-
ger ernst nehmen.


(Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Dann tun Sie es!)


Sie verbinden mit dem Einsatz dieser modernsten Tech-
nik Ungewissheiten für Natur und Umwelt. Die Große
Koalition ist fest entschlossen, in dieser Hinsicht keine
Unklarheiten entstehen zu lassen. Das Meinungsbild in
der Öffentlichkeit ist – Sie haben darauf hingewiesen –
eindeutig geprägt. Wir hören den Menschen zu. Es ist
der Bundesregierung bewusst, dass es weder in der Ge-
sellschaft noch in der Politik eine Mehrheit für den Ein-
satz grüner Gentechnik in unserem Lande gibt. Vor al-
lem sorgt die Menschen eines: Sie wollen sicher sein,
dass der genetische Bauplan der bei uns reifenden Pflan-
zen nicht so umgebaut wird, dass die Statik des Neubaus
nicht trägt.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Nun findet in Deutschland durch unsere schon jetzt
strenge gesetzliche Regelung zurzeit kein Anbau von
gentechnisch veränderten Pflanzen in der Landwirtschaft
statt. Das Gesetz, das damals von Ministerin Künast in
den Bundestag eingebracht worden ist, wurde von Horst
Seehofer sehr verschärft.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)






Bundesminister Christian Schmidt


(A) (C)



(D)(B)

Seit dieser Zeit, seit Horst Seehofer, gibt es keinen Ein-
satz von grüner Gentechnik in Deutschland.


(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was reden Sie denn da? Ihr habt doch MON 810 zugelassen!)


– Kollegin Höhn, ich möchte einfach einmal sagen, dass
wir Vorsorge getroffen haben. Die Rechtslage in
Deutschland ist im Vergleich zu anderen Ländern am
klarsten, es ist klar geregelt, was denjenigen, die gen-
technisch veränderte Pflanzen anbauen, durch die ver-
schuldensunabhängige Haftung an Verantwortung aufer-
legt wird.

Was gehört für mich zu verlässlichen Rahmenbedin-
gungen, die von Dauer sind, die über das, was wir bisher
haben, hinausgehen?

Erstens. Wir brauchen Rechtssicherheit.

Zweitens. Wir brauchen Transparenz für die Verbrau-
cher.

Und drittens. Wir brauchen Perspektiven für eine
Landwirtschaft auf ethischem Fundament.


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja!)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, am Sonntag stehen
die Wahlen zum Europäischen Parlament an. Die meis-
ten von uns sind deshalb viel im Land unterwegs und
werben für die Wertegemeinschaft Europa. Dabei be-
kommen wir immer wieder zu hören, dass Brüssel ein-
heitliche Vorgaben für alle mache und dass es ab und zu
notwendig sei, davon abzuweichen. Das war in einem
ersten Versuch im Hinblick auf die Schaffung einer Re-
gelung zu den Anbaubedingungen für gentechnisch ver-
änderte Pflanzen nicht anders. Aber jetzt hat sich das
Blatt gewendet: Was jetzt an Vorschlägen aus Brüssel
vorliegt, stärkt das Selbstbestimmungsrecht der Mit-
gliedstaaten. Ich sage das, obwohl ich den endgültigen
Vorschlag der griechischen Ratspräsidentschaft noch
nicht kenne; er ist gegenwärtig ja noch in Arbeit. Ich be-
grüße die Möglichkeit zum sogenannten Opt-out, das
heißt, zur nationalen Regelung, ausdrücklich. Ich be-
grüße auch ausdrücklich, dass wir davon ausgehen kön-
nen, dass Koch und Kellner auf der richtigen Seite blei-
ben, das heißt, dass nicht der Staat, der von der Opt-out-
Regelung Gebrauch machen will, mit dem Unterneh-
men, das einen Antrag stellen will, etwa Verhandlungen
führen muss. Das geht so nicht.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD sowie der Abg. Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE])


Es geht eigentlich schlicht um den Ansatz, dem
Grundsatz der Subsidiarität hier neue Geltung zu ver-
schaffen. Lassen Sie uns in aller Klarheit festhalten, dass
wir uns hiermit auf bestehende Vorstellungen und Be-
findlichkeiten zubewegen.


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803622500

Kollege Schmidt, gestatten Sie eine Bemerkung oder

Frage des Kollegen Ebner?
Christian Schmidt, Bundesminister für Ernährung
und Landwirtschaft:

Kollege Ebner, bitte.


(Ute Vogt [SPD]: Jetzt aber nicht weinen!)



Harald Ebner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803622600

Herr Minister, Sie haben soeben die richtige Frage an-

gesprochen, wer Koch und wer Kellner ist. Das haben
Sie auch schon gestern im Ausschuss gemacht und ge-
sagt, Sie tragen es auf keinen Fall mit, dass die Staaten
als Bittsteller auftreten müssen.

Liegt Ihnen denn der neue Vorschlag der griechischen
Ratspräsidentschaft vor? Gestern lag er ja wohl noch
nicht vor. Ich habe jetzt ein inoffizielles Exemplar, das
ich Ihnen gerne zukommen lasse. Liegt Ihnen dieser
Text vor, in dem genau dieser Fall noch immer steht?

Christian Schmidt, Bundesminister für Ernährung
und Landwirtschaft:

Welche Exemplare Ihnen vorliegen, lieber Kollege,
weiß ich nicht. Ich kann nur sagen, dass ich über die Ver-
handlungen, die im Augenblick stattfinden, das eine oder
andere weiß.


(Heiterkeit der Abg. Ute Vogt Die Forderung (Zuruf von der LINKEN: Da spricht der Kellner!)


– nein, hier spricht der Koch –,


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


dass sich der Koch und der Kellner unterscheiden, muss
darin aufgenommen werden. Wer das in Europa noch
nicht geschrieben hat, der kann heute ja auch zuhören
und erfahren, welche Meinung die Bundesregierung zu
diesem Thema hat. Ich denke, Herr Kollege Ebner, wir
sind hier genau der gleichen Meinung.

Im Übrigen bin ich der Meinung, wir sollten uns auf
das Wesentliche konzentrieren.

Ich habe Ihren Antrag gelesen, in dem Sie sehr um-
fangreiche Ausführungen zur gentechnisch veränderten
Maislinie 1507 gemacht haben. Sie und ich wissen, dass
diese Maislinie in diesem Jahr aus Praktikabilitätsgrün-
den gar nicht mehr angebaut werden kann.

Hinsichtlich der Frage, ob wir im nächsten Jahr Arti-
kel 23 der EU-Freisetzungsrichtlinie, die Schutzklausel,
anwenden sollten: Bei diesem Punkt hätte ich lieber
mehr Rechtssicherheit durch eine nationale gesetzliche
Regelung; denn wir wissen auch aus anderen Ländern,
dass mit der Anwendung der Schutzklausel durchaus
rechtliche Schwierigkeiten verbunden sind. Man möge
nur die französische Rechtsprechung zum Thema
MON810 in den letzten Wochen verfolgen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)






Bundesminister Christian Schmidt


(A) (C)



(D)(B)

Deswegen: Wir begeben uns nicht auf Nebenkriegs-
schauplätze, sondern Sie können davon ausgehen, dass
wir eine klare Zielvorgabe haben.

Transparenz für den Verbraucher ist das Weitere, was
wir brauchen. Das „Ohne-Gentechnik“-Siegel haben wir
bereits eingeführt. Daneben müssen wir die Wahlfreiheit
der Kunden sicherstellen. Ich glaube, das ist ein wichti-
ger Punkt: Der Verbraucher muss wissen, dass er auf in
Deutschland erzeugte Produkte und auf den Pflanzen-
schutz in Deutschland, aber auch darauf vertrauen kann,
dass er ein Stück Wahlfreiheit behält. – Ich gebe keine
Glaubensbekenntnisse zu dieser Frage ab; die gebe ich
im Gottesdienst in der Kirche ab.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Ich bin hier Pragmatiker und stelle fest, dass ich die
Wahlfreiheit in Deutschland nur dann für jeden Einzel-
nen aufrechterhalten kann, wenn ich sicherstelle, dass
bei uns gentechnisch veränderte Organismen nicht ange-
baut werden. Das ist die zweite Stufe dieser Regelung,
und um dies und nichts anderes geht es.

Es mag sein, dass wir nicht auf den Einsatz der Grü-
nen Gentechnik angewiesen sind. Bezogen auf die Gen-
technik mit ihren Risiken und Chancen ist ein Schwarz-
Weiß-Denken ziemlich kompliziert. Die Vereinten Na-
tionen – also keine NGO und keine Pro-Gentechnik-
Gruppe – weisen darauf hin, dass die Weltbevölkerung
bis zum Jahr 2050 auf bis zu 9 Milliarden Menschen
steigen wird. Wir werden 70 Prozent mehr Nahrungsmit-
tel produzieren müssen. Ich bemühe mich gerade ge-
meinsam mit meinem Kollegen Gerd Müller, Afrikakon-
zepte zu entwickeln und die Erreichung dieses Ziels mit
Grünen Zentren zu unterstützen.

Wir in Deutschland haben gute Böden, ein gutes
Klima und gutes Saatgut. Eine leistungsstarke und nach-
haltige Landwirtschaft sichert ertragreiche Ernten – Jahr
für Jahr. Können wir das auch für Afrika sagen? Wir
müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir zwar für
unser Land Entscheidungen treffen können, dass wir uns
aber nicht anmaßen sollten, anderen Ländern, weder in
Europa noch in der Welt, genau zu sagen, was für sie
richtig ist.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Ich will schon sagen, dass wir darauf achten müssen,
in Forschung und Entwicklung nicht den Anschluss zu
verlieren. Wir verfügen über eine ausgezeichnete For-
schungslandschaft, wenngleich ich den Eindruck habe,
dass die meisten deutschen Wissenschaftler im Bereich
der Gentechnik ihren Wohnsitz schon längst in den USA
oder in anderen Ländern dieser Welt, etwa in Brasilien,
genommen haben.


(Max Straubinger [CDU/CSU]: So ist es leider!)


Wir müssen aber die wissenschaftliche Kompetenz – das
ist das einzig Nachhaltige bei uns – erhalten und pflegen,
wenn wir die internationale Entwicklung eigenständig
zum Wohle des Verbraucherschutzes und des Natur-
schutzes beeinflussen wollen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Ablehnung Grü-
ner Gentechnik für Deutschland ergibt sich für mich aus
diesen pragmatischen Überlegungen. Wenn sich die Eu-
ropäische Union, der Ministerrat und die anderen euro-
päischen Institutionen zu einer Opt-out-Regelung ent-
schließen, dann werden wir diese Option wahrnehmen
und dann zügig über die Frage einer Übertragung auf
Deutschland reden.

Ich will hier klar sagen: Um den Anbau von gentech-
nisch veränderten Pflanzen in Deutschland nicht zuzu-
lassen, sehe ich keinen anderen Weg, als ihn in einer na-
tionalen Gesetzgebung zu untersagen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Das ist unser Ziel und nichts anderes.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803622700

Die Kollegin Dr. Kirsten Tackmann hat nun für die

Fraktion Die Linke das Wort.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803622800

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Liebe Gäste auf den Tribünen! Wir diskutieren über die
Agrogentechnik schon sehr lange und sehr kontrovers.
Ich finde, dieser demokratische Streit hat sich gelohnt,
weil sich Mehrheiten verändert haben. Inzwischen leh-
nen 80 Prozent der Bevölkerung diese Risikotechnologie
ab. Viele NGOs haben sich sehr darum bemüht und ar-
beiten weiterhin sehr intensiv daran, dass die Öffentlich-
keit über die Gefahren dieser Risikotechnologie aufge-
klärt wird, aber auch über die Strategie der Konzerne,
die dahinterstehen und über die der Kollege Ebner schon
gesprochen hat. Ich finde, es ist heute an der Zeit, den
NGOs dafür zu danken.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Heute geht es in dieser Debatte um einen Aspekt von
vielen, nämlich um die Frage, ob es EU-Mitgliedstaaten
erlaubt sein soll, zugelassene gentechnisch veränderte
Pflanzen auf ihrem Hoheitsgebiet nicht anbauen zu las-
sen. Bisher ist das – zugegebenermaßen – sehr restriktiv
und rechtsunsicher geregelt. Die Linke will ein gentech-
nikfreies Europa. Deswegen ist für uns das nationale An-
bauverbot nur die zweitbeste Lösung.

In Brüssel wird seit langem über diese Option, das so-
genannte Opt-out, diskutiert. Deshalb ist die Debatte zu
den Regeln, nach denen dieses Opt-out gewährt werden
soll, extrem wichtig; denn wo Opt-out draufsteht, ist oft
ein vergiftetes Angebot drin. Ich nenne hier als Beispiel
den aktuellen Entwurf der griechischen Ratspräsident-
schaft. Mit diesem Entwurf werden Mitgliedstaaten zu
Bittstellern bei den Konzernen gemacht, so wie das der





Dr. Kirsten Tackmann


(A) (C)



(D)(B)

Minister gestern im Ausschuss auch schon formuliert
hat. Das ist für uns Linke absolut indiskutabel.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Uns ist völlig egal, ob die Gespräche direkt abgehal-
ten werden sollen oder ob das Ganze über die EU-Kom-
mission laufen soll. Das wäre ein politischer Kniefall vor
handfesten wirtschaftlichen Interessen. Das kann man in
einer Demokratie nicht zulassen.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Außerdem sind in diesem Vorschlag die Hürden für
einen Ausstieg aus dem Anbau gentechnisch veränderter
Pflanzen so hoch, dass ich dazu nur sagen kann: Das ist
ein Scheinangebot. Es ist also nicht nur vergiftet, son-
dern gar kein richtiges Angebot. Auch das ist aus unserer
Sicht nicht verhandelbar.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Die Bundesregierung wollte bisher gar kein nationa-
les Anbauverbot haben; die Gründe dafür standen im
Gegensatz zu denen der Linken. Sie wollte und will den
Anbau dieser Pflanzen, zumindest in der Union ist das
klar. Aber der öffentliche Proteststurm gegen die Enthal-
tung der Bundesregierung bei der Abstimmung über die
Anbauzulassung der Maislinie 1507 in Brüssel hat Wir-
kung gezeigt. Das zeigt übrigens, dass es sich lohnt, sich
zusammenzutun, einig zu sein und sich zu Wort zu mel-
den.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Aber statt nun konsequent zu handeln, versucht die
Kanzlerin einen Trick. Kollege Ebner hat es schon erläu-
tert. Sie erklärt sich diese Woche bereit, in Brüssel für
ein nationales Anbauverbot zu stimmen. Sie meint aber
das vergiftete Scheinangebot der griechischen Ratspräsi-
dentschaft. Sie tut also aus meiner Sicht nur so, als ob sie
auf die kritischen Stimmen hören würde. Und weil ei-
nige Fachleute – aus allen Fraktionen übrigens – das
schon geahnt haben, haben wir uns bereits am 25. April
mit einer gemeinsamen Initiative an alle Kolleginnen
und Kollegen gewandt. Ich danke übrigens allen Kolle-
ginnen und Kollegen, die in dieser Gruppe sehr vertrau-
ensvoll zusammengearbeitet haben.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Unsere Forderungen lauten in Kurzfassung: die grie-
chische Opt-out-Variante ablehnen, Zulassungsverfahren
deutlich verbessern und sozial-ökonomische Risiken be-
rücksichtigen. Erreicht haben wir damit immerhin, dass
heute dieser Antrag der Koalition vorliegt und wir uns
darüber verständigen können. Man muss auch zugeben:
Der Antrag nimmt einige Gedanken der überfraktionel-
len Gruppe auf.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Das will ich als Linke gerne zugestehen.
Aber wichtiger für die Bewertung des Antrags ist,
was nicht darin enthalten ist. Es fehlt nämlich zum Bei-
spiel der Ausschluss einer Bittstellerfunktion der Mit-
gliedstaaten gegenüber den Konzernen. Ich frage mich,
warum Sie das nicht in den Antrag aufgenommen haben.
Für uns Linke ist das nämlich ein absolutes No-Go.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Zweitens fehlt die Forderung nach der kritischen
Überarbeitung des Zulassungsverfahrens. Aber nur da-
mit können wir verhindern, dass in Europa gefährliche
Pflanzen zugelassen werden. Deswegen ist es so wichtig,
dass wir auch das angehen, und deshalb müsste es auch
im Antrag gefordert werden.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Drittens fehlt der Auftrag an die Bundesregierung, in
Brüssel gegen sämtliche Zulassungen gentechnisch ver-
änderter Pflanzen zu stimmen, zumindest solange das
Zulassungsverfahren nicht deutlich verbessert worden
ist.

Dass die SPD trotzdem versucht, diesen Antrag, der
aus meiner Sicht ein Minikompromiss ist, als großen
Wurf und als Durchbruch zu feiern, finde ich sehr bedau-
erlich. Ich hätte mir eine etwas kritischere Sicht auf die
eigene Rolle gewünscht. Aber ich finde trotzdem: Es ist
ein wichtiger Schritt. Das ist anerkannt. Ich freue mich
und bedanke mich auch noch einmal bei den Grünen,
dass eine gemeinsame Positionierung der Opposition
möglich war.

Allen Kolleginnen und Kollegen aus den Koalitions-
fraktionen biete ich heute noch einmal ausdrücklich an,
gemeinsam für unser Ziel weiterzustreiten, nämlich für
ein gentechnikfreies Europa.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803622900

Die Kollegin Elvira Drobinski-Weiß hat für die SPD-

Fraktion das Wort.


(Beifall bei der SPD)



Elvira Drobinski-Weiß (SPD):
Rede ID: ID1803623000

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Herr Minister, es wurde schon angesprochen: Gestern
haben wir Unterschriften von über 100 000 Bürgerinnen
und Bürgern überreicht bekommen, die uns aufgefordert
haben, den Gentechnikanbau zu verhindern.


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Was ist das gegen die 79 Millionen?)


Täglich gehen bei uns allen Bürgerbriefe mit der glei-
chen Aufforderung ein.

Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ha-
ben dazu eine klare Position: Wir lehnen den Anbau von
gentechnisch veränderten Pflanzen ab;





Elvira Drobinski-Weiß


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE])


denn die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger will sol-
che Pflanzen weder auf dem Acker noch auf dem Teller.

Deshalb bin ich froh darüber, dass wir heute zusam-
men mit den Kollegen von der CDU/CSU einen Antrag
einbringen können,


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Der leider nicht hilft!)


mit dem wir die nationalen Möglichkeiten zum Ausstieg
aus dem GVO-Anbau entscheidend verbessern wollen.
Unser Koalitionspartner hat dafür einen weiten Weg ge-
hen müssen. Aber auch wir haben Abstriche machen
müssen. Das Ergebnis kann sich dennoch sehen lassen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Ich bitte Sie und euch, liebe Kolleginnen und Kolle-
gen, sich vorurteilsfrei mit diesem Antrag zu befassen,
statt in die übliche Grabenkampfrhetorik zu verfallen.
Anders als manche behaupten, enthält unser Antrag
nämlich keine grundsätzliche Zustimmung zum griechi-
schen Vorschlag. Er ist eine Diskussionsgrundlage, und
wir stellen Bedingungen an seine Ausgestaltung.

Die wichtigsten Punkte dabei sind die Rechtssicher-
heit bei den Ausstiegsmöglichkeiten und die Erweite-
rung der Ausstiegsmöglichkeiten in Phase II, das heißt
nach der EU-Zulassung des entsprechenden GVO. Der
Ausstieg soll nämlich jederzeit möglich sein – ich be-
tone: jederzeit –, und es müssen dafür keine neuen For-
schungsergebnisse bzw. objektiven Gründe vorgelegt
werden. Das heißt, jederzeit müssen die Mitgliedstaaten
die Möglichkeiten haben, etwa nach einem Regierungs-
wechsel, aus dem Anbau auszusteigen. Bisher wird näm-
lich nur der jederzeitige Anbaueinstieg offengehalten.
Die Befreiung der Mitgliedstaaten von der Vorlage neuer
Forschungsergebnisse zur Begründung ihres Ausstiegs
aus dem GVO-Anbau soll gewährleisten, dass die Opt-
out-Regelung wirklich eine Erleichterung gegenüber
dem derzeitigen Recht darstellt; denn bereits jetzt kön-
nen die Mitgliedstaaten gemäß der sogenannten Schutz-
klausel – wohlgemerkt: in einem sehr schwierigen Ver-
fahren – nach Vorlage neuer Studien aus dem Anbau
aussteigen, wie etwa bei MON 810. Eine Neuregelung
muss also einen Mehrwert bringen. Ich sage ganz deut-
lich: Das sind die für eine Zustimmung unverzichtbaren
Bedingungen.

Der aktuelle griechische Vorschlag verpflichtet – da-
rauf wurde schon verschiedentlich hingewiesen – die
Mitgliedstaaten, die keinen GVO-Anbau wollen, dazu,
bei den Unternehmen um Ausnahme zu bitten. Man
muss sich das einmal vorstellen: Staaten sollen sich auf
die Ebene von Unternehmen begeben müssen. Ich
denke, das kann keiner von uns wollen; denn dann wäre
die Souveränität eines Staates eindeutig beschädigt.
Dass die EU-Kommission als Verhandler zwischenge-
schaltet werden soll, ist nur die zweitbeste Lösung.

Wir wollen eine Regelung, die den Einfluss der Un-
ternehmen einschränkt. Das möchte ich insbesondere an
die Adresse meines Kollegen Ebner sagen.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Wir setzen uns mit unserem Antrag erneut dafür ein,
dass die Mitgliedstaaten in der sogenannten Phase II,
also nach der Zulassung, ohne die Einwilligung von Un-
ternehmen den GVO-Anbau untersagen können. Damit
wäre der für uns Bürgerinnen und Bürger sowie für viele
Umwelt- und Verbraucherverbände kritischste Punkt,
nämlich der gestiegene Einfluss der Unternehmen, ent-
scheidend entschärft und die Souveränität der Mitglied-
staaten gewährleistet.

Einen weiteren für die Verbraucherinnen und Ver-
braucher wichtigen Punkt – der Minister hat ihn in seiner
Rede schon erwähnt – möchte ich kurz ansprechen. Ich
finde nach wie vor, dass die Kennzeichnungspflicht für
Produkte von Tieren, die mit gentechnisch veränderten
Pflanzen gefüttert wurden, wichtig ist.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Wir haben uns im Koalitionsvertrag darauf geeinigt
– das möchte ich in Richtung des Koalitionspartners
ganz deutlich formulieren –, uns in Brüssel genau dafür
starkzumachen. Diese Vereinbarung soll nun endlich
umgesetzt werden. Das ist dringend nötig; denn dann
wäre dem, was Sie gesagt haben, Herr Minister, nämlich
dem Recht der Verbraucherinnen und Verbraucher auf
Transparenz und Wahlfreiheit, endlich Rechnung getra-
gen. Bitte lassen Sie uns daran arbeiten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803623100

Der Kollege Kees de Vries hat für die Fraktion der

CDU/CSU das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Kees de Vries (CDU):
Rede ID: ID1803623200

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Kolleginnen

und Kollegen! Wir stimmen heute über zwei Anträge ab.
Beide betreffen die Grüne Gentechnik. Fangen wir mit
dem Antrag der Grünen und der Linken an. Dieser ver-
wendet sehr viele Worte darauf, dass letztendlich Gen-
technik inklusive Forschung in Europa verhindert wer-
den soll.


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist gut so!)


Damit koppeln wir uns von einer weltweiten Entwick-
lung ab


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein!)


und begeben uns für die Zukunft in Abhängigkeit von
anderen Ländern, die etwas mehr Mut zeigen. Es ist ein-
fach unsere Pflicht, einen solchen Antrag abzulehnen.





Kees de Vries


(A) (C)



(D)(B)


(Beifall bei der CDU/CSU – Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Mut zum Risiko, Herr Kollege!)


Kommen wir nun zum Antrag der Fraktionen der
CDU/CSU und SPD. Diesem ist ein langer und intensi-
ver Diskussionsprozess von der fraktionsoffenen Sitzung
bis zur heutigen Vorlage vorausgegangen. Tatsächlich,
wenn ich mir diesen Antrag anschaue, kann auch ich sa-
gen: Es hat sich gelohnt. Es wird aber niemanden ver-
wundern, wenn ich von diesem Kompromiss nicht be-
geistert bin. Dennoch kann und werde ich ihn voll und
ganz unterstützen, und zwar deshalb, weil dieser Antrag
das Ergebnis eines demokratischen Prozesses ist. Ich bin
froh, in einem Land leben zu dürfen, in dem eine solche
Entscheidung auf so einem Weg zustande kommen kann
und in diesem Fall auch zustande gekommen ist.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Dennoch sollten wir die Augen nicht davor verschlie-
ßen, dass diese Diskussion viel zu sehr auf emotionaler
Basis geführt wurde.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Sechs auch von Deutschland teuer bezahlte EFSA-Stu-
dien, die in dem letzten hier diskutierten Fall der Zulas-
sung der Maislinie 1507 eine höchstmögliche Sicherheit
für Gesundheit und Umwelt bewiesen haben, werden
einfach infrage gestellt.


(Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Die ist auch sehr neutral, die EFSA!)


Hier wurde eine Stellungnahme auf der Grundlage eines
wissenschaftlichen Gutachtens eines für Fragen der Gen-
technik zuständigen Expertengremiums abgegeben. Die-
ses Gremium setzt sich aus unabhängigen wissenschaft-
lichen Sachverständigen zusammen,


(Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Na ja! Daran gibt es durchaus Zweifel!)


die von spezialisierten Arbeitsgruppen unterschiedlicher
Fachgebiete, zum Beispiel der Allergologie, Ökologie
oder Toxikologie, unterstützt werden. Wenn von diesen
unabhängigen Wissenschaftlern in mehreren Nachprü-
fungen festgestellt wird, dass es keine nachteilige Wir-
kung für Mensch, Tier und Umwelt gibt, dann sollten
wir eigentlich gegenüber diesen Gremien ein gewisses
Maß an Respekt aufbringen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wieso haben Sie das bei Mais 1507 nicht gemacht? – Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Wenn das Verfahren falsch ist, ist auch das Ergebnis falsch!)


Aber ich weiß natürlich auch, dass es politische
Kreise gibt, die kein Interesse haben, in diesem Sinne
aufzuklären. Ich bin beeindruckt, dass es diesen Kreisen
gelungen ist, die Angst vor dem Unbekannten so zu
schüren, dass sogar Teile dieses Hauses dadurch beein-
flusst worden sind.


(Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Oh mein Gott!)


Ich meine, es wird auf Dauer nicht gut gehen, wenn
Angst der Ratgeber ist.


(Beifall bei der CDU/CSU – Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie sollten nicht Angst mit Vorsorge verwechseln!)


– Genau, Herr Ebner, das haben Sie richtig erkannt.


(Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Dann hat das Europäische Parlament auch unrecht!)


Wahlfreiheit und Kennzeichnung sind für mich die
entscheidenden Punkte in diesem Antrag. Ich bin der
Meinung, dass das Ziel eine lückenlose und praktikable
Kennzeichnung von allen – ich betone: von allen – GVO
sein soll.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Der einfache Satz „Mithilfe von Gentechnik produziert“
ist da völlig ausreichend. Das würde zu Klarheit und
Wahrheit beitragen. Ich habe gute Hoffnung, dass auch
unsere Kollegen der Grünen wenigstens diese Transpa-
renzregelung mittragen.

Wir bestätigen mit dem Antrag nicht nur die Aussage
im Koalitionsvertrag, dass wir die Sorgen der Bevölke-
rung und ihre Vorbehalte ernst nehmen und berücksichti-
gen, nein, wir sichern zudem im Interesse einer sachlich
und wissenschaftlich fundierten Politik für das Wohl des
Landes und der Menschen die Forschungsfreiheit. Das
ist der entscheidende Unterschied zum Antrag der Grü-
nen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Das ist übrigens auch ein Antrag der Linken!)


Ich spreche mich deshalb so deutlich für Forschungs-
freiheit aus, weil ich sicher bin, dass die Forschung in
Deutschland und Europa unabhängig und von sehr hoher
Qualität ist und darum hier erhalten werden muss,


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


und weil ich hoffe, dass wir mithilfe dieser Forschung
und einer praktikablen Kennzeichnung die unbegründe-
ten Ängste der Bürgerinnen und Bürger abbauen können.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg. Ulla Schmidt [Aachen] [SPD] – Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Ein Gespenst geht um!)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803623300

Für die SPD-Fraktion hat der Kollege Dr. Matthias

Miersch das Wort.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)







(C)



(D)(B)


Dr. Matthias Miersch (SPD):
Rede ID: ID1803623400

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Herr Kollege de Vries, ich will mit Ihnen auch heute
nicht in der Sache diskutieren;


(Max Straubinger [CDU/CSU]: Das ist ja klar!)


wir haben da sicherlich ganz unterschiedliche Auffas-
sungen. Aber ich möchte mich bei Ihnen ausdrücklich
dafür bedanken, dass wir trotz der Unterschiede in der
Sache diesen Antrag heute hier gemeinsam verabschie-
den können.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Es ist erst ein paar Wochen her, dass ich, ebenfalls an
dieser Stelle, gesagt habe, dass ich es nicht für akzepta-
bel halte, dass sich eine Bundesregierung bei der Frage,
ob eine gentechnisch veränderte Sorte auf der EU-Ebene
zugelassen wird, enthält. Ich bin nach wie vor dieser
Auffassung.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Umso besser ist, dass wir als Parlamentarier unsere
Verantwortung in den letzten Wochen wahrgenommen
haben. Jetzt, in einer Phase, in der es um eine sehr zen-
trale weitere Frage auf europäischer Ebene geht – wie
kann eine nationale Ausstiegsklausel formuliert werden? –,
zeigen wir in diesem Parlament klar Flagge und geben
der Bundesregierung Handreichungen mit auf den Weg.
Das ist ein entscheidendes Signal dieses Parlaments.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Liebe Kolleginnen und Kollegen der Grünen, ich
möchte hier eine Sache wirklich sehr deutlich klarstel-
len. Was ich meine, trifft jeden. Harald Ebner, man sollte
damit sehr vorsichtig umgehen. Von einem Täuschungs-
manöver zu sprechen, ist eine Ungeheuerlichkeit für je-
den, der sich mit diesem Antrag auseinandergesetzt hat.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Dahinter steht natürlich, dass Sie überhaupt nicht da-
mit gerechnet haben, dass diese Große Koalition zu die-
sem Antrag fähig ist.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Sie schreiben ja selbst in dem von Ihnen gestellten An-
trag, eine nationale Opt-out-Klausel werde diese Bun-
desregierung wahrscheinlich nie verfolgen. Wir sind
weiter. Wir haben die Sprachlosigkeit dieser Bundesre-
gierung durch diesen Antrag beendet, indem wir gesagt
haben: Wir wollen eine nationale Ausstiegsklausel, und
wir wollen sie gerade nicht so wie die griechische Rats-
präsidentschaft; vielmehr wollen wir die Souveränitäts-
rechte des Parlamentes sichern.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Das muss man schon zur Kenntnis nehmen. Auch
Umweltverbände sagen: Ja, das, was hier gemacht wird,
ist die zweitbeste Lösung. Denn sie wissen, zumindest
wir würden es begrüßen, wenn auf europäischer Ebene
nichts mehr stattfände. – Ich erinnere die Grünen daran,
dass auch Frau Künast die Erfahrung machen musste,
dass das alles auf europäischer Ebene nicht so einfach
ist.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich musste als Anwalt Rechtsgutachten über die Frage
der Verfassungsgemäßheit von gentechnikfreien Regio-
nen auf kommunaler Ebene schreiben. Wir reden jetzt
nicht über gentechnikfreie Regionen auf kommunaler
Ebene, sondern wir reden über nationale Ausstiegsklau-
seln. Ich finde, das ist viel besser.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Herr Schmidt, ich bin für Ihre Äußerungen sehr dank-
bar. Dieser Antrag soll Sie und Barbara Hendricks bei
Ihren Beratungen in Brüssel unterstützen; schließlich
wird in den Schlussverhandlungen dort sicherlich noch
das eine oder andere verhandelt werden müssen. Ich
sage ganz eindeutig: Der Satz, dass ein nationales Parla-
ment jederzeit von einer Ausstiegsklausel Gebrauch ma-
chen können muss, ist sehr zentral.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Es darf eben nicht so sein, dass ein Unternehmen einem
Staat vorschreiben kann, wie er mit dem Thema Grüne
Gentechnik umzugehen hat. Das ist ein sehr zentraler
Punkt. Ich bin dankbar dafür, dass Sie das heute hier so
betont haben.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803623500

Kollege Miersch, gestatten Sie eine Frage oder Be-

merkung des Kollegen Ebner?


Dr. Matthias Miersch (SPD):
Rede ID: ID1803623600

Bitte.


(Waltraud Wolff [Wolmirstedt] [SPD]: Da kannst du jetzt noch was klarstellen!)



Harald Ebner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803623700

Kollege Miersch, würden Sie bestreiten, dass es mit

einer Opt-out-Klausel europaweit zu mehr Zulassungen
kommt, wie es in dem von mir eben zitierten Lobbypa-
pier von vielen Spezialisten, auch von den Anbauver-
bänden und den Umweltverbänden, prognostiziert wird?


Dr. Matthias Miersch (SPD):
Rede ID: ID1803623800

Vielen Dank für diese Frage, Herr Kollege Ebner,

weil Sie mir so Gelegenheit geben, bei der knappen Re-
dezeit diesen Zusammenhang doch noch einmal aufzu-
zeigen.

(A)






Dr. Matthias Miersch


(A) (C)



(B)

Ich glaube, Sie haben völlig verkannt, dass wir hier
heute über eine Thematik reden, die gerade in den nächs-
ten Wochen in Brüssel zur Debatte steht. Es geht darum,
ob ein nationales Recht besteht, trotz Zulassung von ei-
ner gentechnisch veränderten Sorte im eigenen Land ab-
zusehen. Das ist ein zentrales Moment und ein zentraler
Fortschritt. Das hat mit der Zulassungsfrage an dieser
Stelle überhaupt nichts zu tun, sondern mit der Autono-
mie des Mitgliedstaats.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was nutzt das an der holländischen Grenze, am Niederrhein?)


Das hätte etwas damit zu tun, wenn es eine Koopera-
tion mit den antragstellenden Unternehmen gäbe, was
Sie zu Recht kritisiert haben. Aber genau das will das
Parlament nicht. Wir wollen, dass das Souveränitätsrecht
jederzeit gewahrt ist. Deswegen ist das ein zentraler
Punkt, liebe Kolleginnen und Kollegen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wir als Große Koalition gehen hier heute einen ersten
Schritt zusammen, leider nicht mit Ihnen. Ich bin nach
wie vor der Auffassung, dass das Thema Grüne Gen-
technik eines ist, was an ethische Grundsätze geht. Wir
haben heute gerade die erste Sitzung der Endlagersuch-
kommission gehabt, die wir alle zusammen eingesetzt
haben. Ich wünsche mir, dass es irgendwann dazu
kommt, dass wir auch eine gemeinsame Entscheidung
zum Thema Grüne Gentechnik treffen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Ich glaube, dass jetzt jedenfalls die Blockade inner-
halb der Bundesregierung aufgelöst ist und dass es,
wenn man den Duktus des Antrags ernst nimmt, bei den
nächsten Zulassungsfragen nicht mehr zu Enthaltungen
kommen wird, sondern zu einem klaren Votum im Sinne
dieses Antrags,


(Beifall bei der SPD)


nämlich zur Ablehnung der Zulassung. Insofern ist das
ein deutliches Signal.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Anhaltender Beifall bei der SPD – Beifall bei der CDU/CSU – Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Abstimmung! Ich habe noch ein paar Termine!)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803623900

Ich schließe die Aussprache.

Wir kommen nun zu zwei namentlichen Abstimmun-
gen.

Tagesordnungspunkt 9. Abstimmung über den ge-
meinsamen Antrag der Fraktionen Bündnis 90/Die Grü-
nen und Die Linke auf Drucksache 18/1453 mit dem Ti-
tel „Vorbehalte der Bevölkerung gegenüber der Agro-
Gentechnik anerkennen – Gentechnikfreiheit im Pflan-
zenbau dauerhaft sichern“. Wir stimmen über den An-
trag auf Verlangen der Fraktionen Bündnis 90/Die Grü-
nen und Die Linke namentlich ab.

Während die Schriftführerinnen und Schriftführer die
vorgesehenen Plätze einnehmen, mache ich Sie darauf
aufmerksam, dass mir mehrere Erklärungen nach § 31
unserer Geschäftsordnung vorliegen. Wir nehmen sie
entsprechend unseren Regeln zu Protokoll.1)

Sind alle Schriftführerinnen und Schriftführer am
vorgesehenen Platz? – Das ist der Fall. Ich eröffne die
erste namentliche Abstimmung.

Gibt es noch ein Mitglied des Hauses, das seine
Stimme nicht abgegeben hat? – Das ist nicht der Fall. Ich
schließe die Abstimmung und bitte die Schriftführerin-
nen und Schriftführer, mit der Auszählung zu beginnen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bitte um Auf-
merksamkeit. Zusatzpunkt 6. Wir kommen nun zur Ab-
stimmung über den Antrag der Fraktionen der CDU/
CSU und der SPD auf der Drucksache 18/1450 mit dem
Titel „Grüne Gentechnik – Sorgen und Vorbehalte der
Menschen ernst nehmen, Selbstbestimmung stärken,
Wahlfreiheit ermöglichen“. Wir stimmen jetzt über den
Antrag auf Verlangen der Fraktionen der CDU/CSU und
der SPD namentlich ab.

Sind alle Schriftführerinnen und Schriftführer am
vorgesehenen Platz? – Das ist der Fall. Ich eröffne die
zweite namentliche Abstimmung.

Gibt es noch ein Mitglied des Hauses, welches seine
Stimme nicht abgegeben hat? – Das ist nicht der Fall.

Ich schließe die Abstimmung und bitte die Schriftfüh-
rerinnen und Schriftführer, mit der Auszählung zu begin-
nen. Die Ergebnisse der beiden Abstimmungen werden
Ihnen später bekannt gegeben.2)

Ich rufe Tagesordnungspunkt 10 auf:

Beratung des Antrags der Bundesregierung

Fortsetzung der deutschen Beteiligung an der
internationalen Sicherheitspräsenz in Kosovo
auf der Grundlage der Resolution 1244 (1999)

des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen
vom 10. Juni 1999 und des Militärisch-Tech-
nischen Abkommens zwischen der internatio-
nalen Sicherheitspräsenz (KFOR) und den
Regierungen der Bundesrepublik Jugosla-
wien (jetzt: Republik Serbien) und der Repu-
blik Serbien vom 9. Juni 1999

Drucksache 18/1415
Überweisungsvorschlag:
Auswärtiger Ausschuss (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Verteidigungsausschuss
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Haushaltsausschuss gemäß § 96 der GO

1) Anlagen 8, 9, 10
2) Ergebnisse Seiten 3119 D, 3122 A

(D)






Vizepräsidentin Petra Pau


(A) (C)



(D)(B)

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 38 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat Staatsminis-
ter Michael Roth.


Michael Roth (SPD):
Rede ID: ID1803624000

Guten Abend, Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen

und Kollegen! Die Expertinnen und Experten hier im
Hohen Hause wissen, dass KFOR seit 15 Jahren im Ko-
sovo präsent ist. Da wir in jedem Jahr hier im Bundestag
darüber diskutieren, ob wir das Mandat verlängern, ist
nach einer so langen Zeit sicherlich kritisch zu fragen:
Ist dieser Einsatz noch nötig? Und wenn ja, in welchem
Umfang?

Bevor ich auf die aktuelle Lage im Kosovo zu spre-
chen komme und den Antrag der Bundesregierung be-
gründe, möchte ich eine kurze Vorbemerkung machen.
Im Kontext der Ukraine-Krise wird der Kosovo immer
wieder als Vergleichsfolie für die völkerrechtswidrige
Annexion der Krim herangezogen. Oftmals geschieht
dies allerdings auf der Basis völlig falscher Fakten und
zweifelhafter Argumente.

Es ist schon sehr verräterisch, dass gerade diejenigen,
die das Eingreifen der internationalen Gemeinschaft im
Kosovo-Krieg und die spätere Unabhängigkeitserklä-
rung des kleinsten Balkanstaates bislang immer abge-
lehnt haben, beides nun plötzlich zum Präzedenzfall für
ihr eigenes Vorgehen erklären wollen. Ich will daher auf
diese hinkenden Vergleiche gar nicht im Detail einge-
hen, denn sie verstellen den Blick auf eine ganz andere
Realität auf dem südlichen Balkan.

Die Krim ist eben nicht der Kosovo; denn dort ist es
durch geduldige und hartnäckige Verhandlungsarbeit ge-
lungen, Schritt für Schritt eine weitreichende Annähe-
rung und Verständigung zwischen dem Kosovo und Ser-
bien herbeizuführen. Deshalb sollte uns gerade das
Beispiel des Kosovo bei anderen internationalen Krisen-
herden, in denen sich Deutschland und die Europäische
Union derzeit engagieren, Mut machen. Denn die hoff-
nungsvollen Fortschritte der vergangenen Monate zeigen
uns: Auch in einer Region, die seit Jahrzehnten von tie-
fen ethnischen, religiösen und politischen Gegensätzen
und massiven Auseinandersetzungen geprägt ist, ist eine
friedliche Konfliktlösung möglich. Ein solcher Weg des
politischen Dialogs – das wissen wir alle – ist selten ein-
fach und vor Rückschlägen nicht gefeit. Aber er bietet
doch die realistische Chance, die Spirale der eskalieren-
den Gewalt dauerhaft zu durchbrechen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, als wir in diesem
Haus vor einem Jahr das letzte Mal über die Zukunft von
KFOR beraten haben, prägte noch sehr vorsichtiger und
abwartender Optimismus unsere Haltung. Damals war
die Tinte unter der Normalisierungsvereinbarung zwi-
schen Serbien und dem Kosovo gerade erst ein paar Wo-
chen trocken. In dieser Phase war nicht mit Sicherheit
abzusehen, ob die praktische Umsetzung dieses doch
sehr ambitionierten Übereinkommens tatsächlich gelin-
gen würde. Heute, ein Jahr später, besteht dagegen kein
Zweifel mehr: Das Abkommen, das im April 2013 ge-
schlossen wurde, war ein echter Durchbruch im Annähe-
rungsprozess. In beiden Ländern wird dieser Weg hin zu
normalen nachbarschaftlichen Beziehungen inzwischen
von einer immer breiteren politischen, vor allem aber
auch von einer gesellschaftlichen Mehrheit getragen.
Die konkreten Fortschritte, die im vergangenen Jahr er-
zielt wurden, stimmen mich durchaus optimistisch. Das
gilt insbesondere für den Abbau der illegalen Parallel-
strukturen im mehrheitlich serbisch bewohnten Nordko-
sovo und deren Eingliederung in die kosovarische
Staatsverwaltung. Beispielhaft hervorheben möchte ich
die weitgehend abgeschlossene Polizeiintegration.
Knapp 300 vormals beim serbischen Innenministerium
beschäftigte, illegal im Nordkosovo tätige Polizisten ge-
hören mittlerweile zur kosovarischen Polizei. Sie bezie-
hen ihr Gehalt aus Pristina. Über den kosovarisch-serbi-
schen Regionalkommandeur für den Norden sind sie fest
in die Befehlskette der kosovarischen Polizei eingebun-
den. Ein ebenso großer Fortschritt ist der freie Zugang
des kosovo-albanischen Grenzpersonals zu den Grenz-
posten im Norden. Was so selbstverständlich klingt, war
lange Zeit völlig undenkbar. Bis zum Dezember 2013
konnten Zöllner und Grenzpolizisten ihre Einsatzorte
ausschließlich in Begleitung der EU-Rechtsstaatlich-
keitsmission, EULEX Kosovo, oder nur auf dem Luft-
weg erreichen.

Positiv ist auch, dass im Winter 2013 im Kosovo erst-
mals landesweit Kommunalwahlen nach kosovarischem
Recht stattfinden konnten. Anders als in den Jahren zu-
vor machten dabei erstmals auch sehr viele Kosovoser-
ben im Norden des Landes von der Möglichkeit Ge-
brauch, legitime Bürgermeister und Gemeinderäte zu
wählen. Nur in sehr wenigen Wahllokalen gab es Pro-
bleme. Dort wurde die Wahl zwei Wochen später ohne
weitere Zwischenfälle wiederholt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, diese ersten Er-
folgsmeldungen verdanken wir vor allem dem Mut und
der Entschlossenheit der Regierungen in Belgrad und
Pristina, endlich die schwierige Lage im Nordkosovo in
den Griff zu bekommen. Die serbischen Bürgerinnen
und Bürger haben den außenpolitischen Kurs ihrer Re-
gierung bei den jüngsten Parlamentswahlen klar bestä-
tigt. Es bleibt aber abzuwarten, ob auch die kosovari-
schen Wählerinnen und Wähler ihrer Regierung bei den
Neuwahlen Anfang Juni 2014 ein starkes Mandat für
weitere Schritte der Annäherung und der Versöhnung ge-
ben werden. Eines, liebe Kolleginnen und Kollegen,
sollten wir nicht aus dem Blick verlieren: Die Fort-
schritte der vergangenen Monate sind vor allem auch ein
klarer Erfolg für die Gemeinsame Außen- und Sicher-
heitspolitik der Europäischen Union. Ohne die unermüd-
liche Vermittlungsleistung von Catherine Ashton, unse-
rer EU-Außenministerin, wäre dieser Durchbruch
überhaupt nicht möglich gewesen. Die EU bleibt auch
weiterhin in der Verantwortung, den politischen Dialog
zwischen Serbien und dem Kosovo zu begleiten;


(Beifall bei der SPD)


denn unser langfristiges Ziel bleibt ein dauerhaft befrie-
deter, europäisch eingebundener westlicher Balkan.





Staatsminister Michael Roth


(A) (C)



(D)(B)

In diesem Sinne war es eine kluge Entscheidung, dass
wir die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit
Serbien immer auch an konkrete Fortschritte im ser-
bisch-kosovarischen Dialog geknüpft haben. Wir sind
sehr gut beraten, wenn wir diese Konditionalität auch im
weiteren Verlauf der Beitrittsgespräche beibehalten.
Denn eine Reihe von Fragen ist immer noch ungelöst:
Für das Gerichtswesen im Norden müssen zügig prakti-
kable Lösungen gefunden werden. Die serbischen Zivil-
schutzkräfte im Norden müssen in kosovarische Struktu-
ren aufgenommen werden. Auch die Gründung des
Verbands kosovo-serbischer Gemeinden steht noch aus.

Ebenso muss die kosovarische Regierung weiter hart
daran arbeiten, im eigenen Land für eine gute Regie-
rungsführung zu sorgen. Hier ist noch eine lange Weg-
strecke zurückzulegen. Korruption, organisierte Krimi-
nalität, unzureichende Rechtsstaatlichkeit müssen noch
entschlossener bekämpft werden als bislang. Ebenso gilt
es, die Demokratie nachhaltig zu stärken. Daher ist es
gut, dass die EU-Staaten hier ebenfalls unter deutscher
Beteiligung Flagge zeigen und im Rahmen der Rechts-
staatlichkeitsmission EULEX Kosovo den Aufbau von
Polizei, Justiz und Verwaltung im Kosovo aktiv unter-
stützen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, trotz der
genannten Bewährungsproben haben wir heute, 15 Jahre
nach dem Ende des Kosovo-Kriegs, erfreulicherweise
ein hohes Maß an Stabilität und Sicherheit erreicht. Das
liegt nicht zuletzt am Einsatz der NATO-geführten Ope-
ration KFOR, an der sich Deutschland von Beginn an
beteiligt hat. Seit Juni 1999 waren nunmehr bereits über
100 000 deutsche Soldatinnen und Soldaten im Kosovo
stationiert. Ihnen danke ich im Namen der Bundesregie-
rung für ihren Beitrag zu einem friedlichen, demokrati-
schen, rechtsstaatlichen und vor allem auch multiethni-
schen Kosovo.

Ihr Einsatzgebiet war dabei nicht immer so ruhig und
stabil wie heute. In den vergangenen Jahren ist es uns
gelungen, die KFOR mehr und mehr auf eine Rolle als
Ultima Ratio zu beschränken. Viele Sicherheitsaufga-
ben, beispielsweise der Schutz von serbischen Denkmä-
lern oder serbisch-orthodoxen Klöstern, werden inzwi-
schen eigenständig von der kosovarischen Polizei
übernommen.


(Dr. Alexander S. Neu [DIE LINKE]: Weil KFOR es nicht konnte!)


Die KFOR steht als letzte von insgesamt drei Sicher-
heitsreihen nur noch für den Fall bereit, dass erneut ge-
walttätige Auseinandersetzungen zwischen den Bevöl-
kerungsgruppen ausbrechen sollten. Gerade im Norden
des Landes kommt es vereinzelt leider immer wieder zu
Zwischenfällen, wie zuletzt im Verlauf der Kommunal-
wahlen im November 2013 in der Stadt Mitrovica. In
diesen Situationen zeigt sich, dass die enge Zusammen-
arbeit zwischen kosovarischer Polizei, EULEX-Mission
und KFOR-Kräften im Notfall gut funktioniert.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, solange die Umset-
zung des Normalisierungsprozesses andauert und noch
nicht unumkehrbar abgesichert ist, wäre es voreilig, die
aktuelle internationale Sicherheitsarchitektur im Kosovo
auszudünnen. Die kosovarische Regierung und die loka-
len Sicherheitskräfte sind noch nicht in allen Bereichen
voll handlungsfähig. Deshalb wollen wir diesen Stabili-
sierungseinsatz fortsetzen und mit unserer Beteiligung
an der KFOR-Schutztruppe und der EULEX-Mission
weiterhin Präsenz im Kosovo zeigen. Nur so können wir
den politischen Dialog zwischen Serbien und Kosovo
militärisch absichern und notfalls rasch vor Ort auf ver-
änderte Sicherheitslagen reagieren.

Sollte die Umsetzung der Normalisierungsvereinba-
rung nachhaltige und belastbare Erfolge zeigen und die
Sicherheitslage weiter stabil bleiben, ist mittelfristig
auch eine weitere deutliche Reduzierung der Truppen-
stärke denkbar. Die Chance, dass dies gelingt, ist gegen-
wärtig so groß wie noch nie. Durch die fortgesetzte Betei-
ligung an KFOR will Deutschland seinen eingegangenen
Verpflichtungen und seiner hervorgehobenen Rolle bei
der Konfliktlösung im Kosovo auch in Zukunft gerecht
werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere Ziele blei-
ben unverändert: Kosovo stabil halten, den Frieden in
der Region sichern. Der Kosovo gehört zu Europa, und
er hat eine Perspektive, Mitglied der Europäischen
Union zu werden. Ich bitte Sie daher im Namen der Bun-
desregierung um Ihre Unterstützung für die Fortsetzung
des laufenden Mandats.

Vielen herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803624100

Bevor wir in der Debatte fortfahren, gebe ich Ihnen

die von den Schriftführerinnen und Schriftführern ermit-
telten Ergebnisse der namentlichen Abstimmungen
bekannt.

Dem Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen und
der Fraktion Die Linke „Vorbehalte der Bevölkerung ge-
genüber der Agro-Gentechnik anerkennen – Gentechnik-
freiheit im Pflanzenbau dauerhaft sichern“ haben bei 568
abgegebenen Stimmen 107 Kolleginnen und Kollegen
zugestimmt, 458 Kolleginnen und Kollegen haben mit
Nein gestimmt, 3 haben sich enthalten. Der Antrag ist
damit abgelehnt.





Vizepräsidentin Petra Pau


(A) (C)



(D)(B)

Endgültiges Ergebnis
Abgegebene Stimmen: 567;
davon

ja: 107
nein: 457
enthalten: 3

Ja

SPD

Ralf Kapschack

DIE LINKE

Jan van Aken
Dr. Dietmar Bartsch
Herbert Behrens
Karin Binder
Matthias W. Birkwald
Heidrun Bluhm
Eva Bulling-Schröter
Roland Claus
Dr. Diether Dehm
Klaus Ernst
Wolfgang Gehrcke
Diana Golze
Annette Groth
Dr. André Hahn
Heike Hänsel
Inge Höger
Andrej Hunko
Sigrid Hupach
Ulla Jelpke
Susanna Karawanskij
Katja Kipping
Jan Korte
Caren Lay
Sabine Leidig
Ralph Lenkert
Michael Leutert
Stefan Liebich
Dr. Gesine Lötzsch
Thomas Lutze
Cornelia Möhring
Niema Movassat
Dr. Alexander S. Neu
Thomas Nord
Petra Pau
Harald Petzold (Havelland)

Richard Pitterle
Martina Renner
Michael Schlecht
Dr. Petra Sitte
Kersten Steinke
Dr. Kirsten Tackmann
Frank Tempel
Dr. Axel Troost
Alexander Ulrich
Kathrin Vogler
Halina Wawzyniak
Harald Weinberg
Birgit Wöllert
Jörn Wunderlich
Hubertus Zdebel
Pia Zimmermann
Sabine Zimmermann


(Zwickau)

BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN

Luise Amtsberg
Kerstin Andreae
Annalena Baerbock
Dr. Franziska Brantner
Agnieszka Brugger
Katja Dörner
Katharina Dröge
Harald Ebner
Dr. Thomas Gambke
Matthias Gastel
Kai Gehring
Anja Hajduk
Britta Haßelmann
Dr. Anton Hofreiter
Bärbel Höhn
Dieter Janecek
Uwe Kekeritz
Sven-Christian Kindler
Maria Klein-Schmeink
Tom Koenigs
Sylvia Kotting-Uhl
Oliver Krischer
Stephan Kühn (Dresden)

Christian Kühn (Tübingen)

Markus Kurth
Monika Lazar
Steffi Lemke
Dr. Tobias Lindner
Nicole Maisch
Peter Meiwald
Irene Mihalic
Beate Müller-Gemmeke
Özcan Mutlu
Dr. Konstantin von Notz
Omid Nouripour
Friedrich Ostendorff
Cem Özdemir
Lisa Paus
Brigitte Pothmer
Tabea Rößner
Claudia Roth (Augsburg)

Corinna Rüffer
Manuel Sarrazin
Elisabeth Scharfenberg
Ulle Schauws
Dr. Gerhard Schick
Dr. Frithjof Schmidt
Kordula Schulz-Asche
Dr. Wolfgang Strengmann-

Kuhn
Hans-Christian Ströbele
Dr. Harald Terpe
Markus Tressel
Dr. Julia Verlinden
Doris Wagner

Nein

CDU/CSU

Stephan Albani
Katrin Albsteiger
Artur Auernhammer
Thomas Bareiß
Norbert Barthle
Julia Bartz
Günter Baumann
Maik Beermann
Manfred Behrens (Börde)

Veronika Bellmann
Sybille Benning
Dr. André Berghegger
Dr. Christoph Bergner
Ute Bertram
Peter Beyer
Steffen Bilger
Clemens Binninger
Peter Bleser
Dr. Maria Böhmer
Wolfgang Bosbach
Norbert Brackmann
Klaus Brähmig
Michael Brand
Dr. Reinhard Brandl
Helmut Brandt
Dr. Ralf Brauksiepe
Heike Brehmer
Ralph Brinkhaus
Cajus Caesar
Gitta Connemann
Alexandra Dinges-Dierig
Michael Donth
Thomas Dörflinger
Marie-Luise Dött
Hansjörg Durz
Jutta Eckenbach
Hermann Färber
Uwe Feiler
Dr. Thomas Feist
Enak Ferlemann
Ingrid Fischbach
Dirk Fischer (Hamburg)


(Karlsruhe Land)

Dr. Maria Flachsbarth
Klaus-Peter Flosbach
Thorsten Frei
Dr. Astrid Freudenstein
Dr. Hans-Peter Friedrich


(Hof)

Dr. Michael Fuchs
Hans-Joachim Fuchtel
Alexander Funk
Ingo Gädechens
Dr. Thomas Gebhart
Alois Gerig
Eberhard Gienger
Cemile Giousouf
Reinhard Grindel
Ursula Groden-Kranich
Hermann Gröhe
Klaus-Dieter Gröhler
Michael Grosse-Brömer
Astrid Grotelüschen
Markus Grübel
Manfred Grund
Oliver Grundmann
Monika Grütters
Dr. Herlind Gundelach
Fritz Güntzler
Olav Gutting
Christian Haase
Florian Hahn
Dr. Stephan Harbarth
Jürgen Hardt
Matthias Hauer
Mark Hauptmann
Dr. Stefan Heck
Dr. Matthias Heider
Helmut Heiderich
Mechthild Heil
Frank Heinrich (Chemnitz)

Mark Helfrich
Uda Heller
Jörg Hellmuth
Rudolf Henke
Ansgar Heveling
Peter Hintze
Christian Hirte
Dr. Heribert Hirte
Robert Hochbaum
Alexander Hoffmann
Karl Holmeier
Franz-Josef Holzenkamp
Dr. Hendrik Hoppenstedt
Margaret Horb
Bettina Hornhues
Anette Hübinger
Hubert Hüppe
Erich Irlstorfer
Thomas Jarzombek
Sylvia Jörrißen
Andreas Jung
Dr. Franz Josef Jung
Xaver Jung
Dr. Egon Jüttner
Bartholomäus Kalb
Hans-Werner Kammer
Steffen Kanitz
Alois Karl
Anja Karliczek
Bernhard Kaster
Dr. Stefan Kaufmann
Roderich Kiesewetter
Dr. Georg Kippels
Volkmar Klein
Jürgen Klimke
Axel Knoerig
Jens Koeppen
Markus Koob
Carsten Körber
Hartmut Koschyk
Kordula Kovac
Michael Kretschmer
Gunther Krichbaum
Dr. Günter Krings
Rüdiger Kruse
Dr. Roy Kühne
Uwe Lagosky
Andreas G. Lämmel
Dr. Norbert Lammert
Katharina Landgraf
Ulrich Lange
Barbara Lanzinger
Dr. Silke Launert
Paul Lehrieder
Dr. Katja Leikert
Dr. Philipp Lengsfeld
Dr. Andreas Lenz
Philipp Graf Lerchenfeld
Dr. Ursula von der Leyen
Antje Lezius





Vizepräsidentin Petra Pau


(A) (C)



(D)(B)

Ingbert Liebing
Matthias Lietz
Andrea Lindholz
Dr. Carsten Linnemann
Patricia Lips
Wilfried Lorenz
Dr. Claudia Lücking-Michel
Dr. Jan-Marco Luczak
Daniela Ludwig
Karin Maag
Yvonne Magwas
Thomas Mahlberg
Dr. Thomas de Maizière
Gisela Manderla
Matern von Marschall
Hans-Georg von der Marwitz
Andreas Mattfeldt
Stephan Mayer (Altötting)

Reiner Meier
Dr. Michael Meister
Jan Metzler
Maria Michalk
Dr. h. c. Hans Michelbach
Dr. Mathias Middelberg
Philipp Mißfelder
Dietrich Monstadt
Karsten Möring
Marlene Mortler
Elisabeth Motschmann
Dr. Gerd Müller
Carsten Müller


(Braunschweig)

Stefan Müller (Erlangen)

Dr. Philipp Murmann
Dr. Andreas Nick
Michaela Noll
Helmut Nowak
Dr. Georg Nüßlein
Wilfried Oellers
Florian Oßner
Dr. Tim Ostermann
Henning Otte
Ingrid Pahlmann
Sylvia Pantel
Martin Patzelt
Dr. Martin Pätzold
Ulrich Petzold
Dr. Joachim Pfeiffer
Sibylle Pfeiffer
Ronald Pofalla
Eckhard Pols
Thomas Rachel
Kerstin Radomski
Alexander Radwan
Alois Rainer
Dr. Peter Ramsauer
Eckhardt Rehberg
Lothar Riebsamen
Josef Rief
Dr. Heinz Riesenhuber
Johannes Röring
Dr. Norbert Röttgen
Erwin Rüddel
Albert Rupprecht
Anita Schäfer (Saalstadt)

Dr. Wolfgang Schäuble
Karl Schiewerling
Norbert Schindler
Tankred Schipanski
Heiko Schmelzle
Christian Schmidt (Fürth)

Gabriele Schmidt (Ühlingen)

Patrick Schnieder
Nadine Schön (St. Wendel)

Dr. Ole Schröder
Bernhard Schulte-Drüggelte
Dr. Klaus-Peter Schulze
Uwe Schummer

(Weil am Rhein)

Christina Schwarzer
Detlef Seif
Johannes Selle
Reinhold Sendker
Dr. Patrick Sensburg
Bernd Siebert
Johannes Singhammer
Tino Sorge
Jens Spahn
Carola Stauche
Dr. Frank Steffel
Dr. Wolfgang Stefinger
Albert Stegemann
Peter Stein
Erika Steinbach
Sebastian Steineke
Johannes Steiniger
Christian Freiherr von Stetten
Dieter Stier
Rita Stockhofe
Gero Storjohann
Stephan Stracke
Max Straubinger
Matthäus Strebl
Karin Strenz
Thomas Stritzl
Thomas Strobl (Heilbronn)

Lena Strothmann
Michael Stübgen
Dr. Sabine Sütterlin-Waack
Dr. Peter Tauber
Antje Tillmann
Astrid Timmermann-Fechter
Dr. Hans-Peter Uhl
Dr. Volker Ullrich
Arnold Vaatz
Oswin Veith
Thomas Viesehon
Michael Vietz
Volkmar Vogel (Kleinsaara)

Sven Volmering
Christel Voßbeck-Kayser
Kees de Vries
Dr. Johann Wadephul
Marco Wanderwitz
Nina Warken
Kai Wegner
Albert Weiler
Marcus Weinberg (Hamburg)

Dr. Anja Weisgerber
Peter Weiß (Emmendingen)

Sabine Weiss (Wesel I)

Ingo Wellenreuther
Karl-Georg Wellmann
Marian Wendt
Kai Whittaker
Peter Wichtel
Annette Widmann-Mauz
Heinz Wiese (Ehingen)

Klaus-Peter Willsch
Elisabeth Winkelmeier-

Becker
Oliver Wittke
Dagmar G. Wöhrl
Barbara Woltmann
Tobias Zech
Heinrich Zertik
Emmi Zeulner
Dr. Matthias Zimmer
Gudrun Zollner

SPD

Niels Annen
Ingrid Arndt-Brauer
Rainer Arnold
Heike Baehrens
Ulrike Bahr
Heinz-Joachim Barchmann
Dr. Katarina Barley
Dr. Hans-Peter Bartels
Klaus Barthel
Dr. Matthias Bartke
Sören Bartol
Bärbel Bas
Dirk Becker
Lothar Binding (Heidelberg)

Burkhard Blienert
Willi Brase
Edelgard Bulmahn
Martin Burkert
Dr. Lars Castellucci
Petra Crone
Bernhard Daldrup
Dr. Daniela De Ridder
Dr. Karamba Diaby
Sabine Dittmar
Elvira Drobinski-Weiß
Siegmund Ehrmann
Michaela Engelmeier-Heite
Dr. h. c. Gernot Erler
Petra Ernstberger
Saskia Esken
Karin Evers-Meyer
Dr. Johannes Fechner
Dr. Fritz Felgentreu
Elke Ferner
Christian Flisek
Gabriele Fograscher
Dr. Edgar Franke
Dagmar Freitag
Michael Gerdes
Martin Gerster
Iris Gleicke
Ulrike Gottschalck
Kerstin Griese
Gabriele Groneberg
Uli Grötsch
Wolfgang Gunkel
Bettina Hagedorn
Rita Hagl-Kehl
Metin Hakverdi
Ulrich Hampel
Sebastian Hartmann
Michael Hartmann

(Wackernheim)


Dirk Heidenblut
Hubertus Heil (Peine)

Gabriela Heinrich
Marcus Held
Wolfgang Hellmich
Dr. Barbara Hendricks
Heidtrud Henn
Gustav Herzog
Gabriele Hiller-Ohm
Petra Hinz (Essen)

Thomas Hitschler
Dr. Eva Högl
Christina Jantz
Frank Junge
Josip Juratovic
Thomas Jurk
Oliver Kaczmarek
Johannes Kahrs
Christina Kampmann
Gabriele Katzmarek
Ulrich Kelber
Marina Kermer
Cansel Kiziltepe
Arno Klare
Lars Klingbeil
Dr. Bärbel Kofler
Daniela Kolbe
Birgit Kömpel
Anette Kramme
Dr. Hans-Ulrich Krüger
Helga Kühn-Mengel
Christine Lambrecht
Christian Lange (Backnang)

Dr. Karl Lauterbach
Steffen-Claudio Lemme
Burkhard Lischka
Gabriele Lösekrug-Möller
Hiltrud Lotze
Kirsten Lühmann
Dr. Birgit Malecha-Nissen
Caren Marks
Katja Mast
Hilde Mattheis
Dr. Matthias Miersch
Klaus Mindrup
Susanne Mittag
Bettina Müller
Michelle Müntefering
Dr. Rolf Mützenich
Dietmar Nietan
Ulli Nissen
Mahmut Özdemir (Duisburg)

Aydan Özoğuz
Markus Paschke
Christian Petry
Detlev Pilger
Sabine Poschmann
Joachim Poß
Florian Post
Achim Post (Minden)

Dr. Wilhelm Priesmeier
Dr. Sascha Raabe
Dr. Simone Raatz
Martin Rabanus
Mechthild Rawert
Stefan Rebmann





Vizepräsidentin Petra Pau


(A) (C)



(B)

Gerold Reichenbach
Dr. Carola Reimann
Andreas Rimkus
Sönke Rix
Dennis Rohde
Dr. Martin Rosemann
René Röspel
Dr. Ernst Dieter Rossmann
Michael Roth (Heringen)

Susann Rüthrich
Bernd Rützel
Johann Saathoff
Annette Sawade
Dr. Hans-Joachim

Schabedoth
Axel Schäfer (Bochum)

Dr. Nina Scheer
Marianne Schieder
Udo Schiefner
Dr. Dorothee Schlegel
Ulla Schmidt (Aachen)

Matthias Schmidt (Berlin)

Dagmar Schmidt (Wetzlar)

Ursula Schulte
Swen Schulz (Spandau)

Ewald Schurer
Stefan Schwartze
Rita Schwarzelühr-Sutter
Dr. Carsten Sieling
Rainer Spiering
Norbert Spinrath
Svenja Stadler
Martina Stamm-Fibich
Sonja Steffen
Peer Steinbrück
Dr. Frank-Walter Steinmeier
Christoph Strässer
Kerstin Tack
Claudia Tausend
Michael Thews
Wolfgang Tiefensee
Carsten Träger
Rüdiger Veit
Ute Vogt
Dirk Vöpel
Gabi Weber
Bernd Westphal
Andrea Wicklein
Dirk Wiese
Waltraud Wolff


(Wolmirstedt)

Gülistan Yüksel
Stefan Zierke
Dr. Jens Zimmermann

Enthalten

CDU/CSU

Josef Göppel
Charles M. Huber

SPD

Marco Bülow

(Dr. Tobias Lindner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Oh! – Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Schade eigentlich!)


Zum Ergebnis der zweiten namentlichen Abstimmung
über den Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und der
SPD „Grüne Gentechnik – Sorgen und Vorbehalte der
Menschen ernst nehmen, Selbstbestimmung stärken,
Wahlfreiheit ermöglichen“. Hier haben 564 Kolleginnen
und Kollegen ihre Stimme abgegeben. Mit Ja haben
458 Kolleginnen und Kollegen gestimmt, mit Nein 106,
Enthaltungen gab es keine. Der Antrag ist damit ange-
nommen.

(D)

Endgültiges Ergebnis
Abgegebene Stimmen: 565;
davon

ja: 459
nein: 106

Ja

CDU/CSU

Stephan Albani
Katrin Albsteiger
Artur Auernhammer
Thomas Bareiß
Norbert Barthle
Julia Bartz
Günter Baumann
Maik Beermann
Manfred Behrens (Börde)

Veronika Bellmann
Sybille Benning
Dr. André Berghegger
Dr. Christoph Bergner
Ute Bertram
Peter Beyer
Steffen Bilger
Clemens Binninger
Peter Bleser
Dr. Maria Böhmer
Wolfgang Bosbach
Norbert Brackmann
Klaus Brähmig
Michael Brand
Dr. Reinhard Brandl
Helmut Brandt
Dr. Ralf Brauksiepe
Heike Brehmer
Ralph Brinkhaus
Cajus Caesar
Gitta Connemann
Alexandra Dinges-Dierig
Michael Donth
Thomas Dörflinger
Marie-Luise Dött
Hansjörg Durz
Jutta Eckenbach
Hermann Färber
Uwe Feiler
Dr. Thomas Feist
Enak Ferlemann
Ingrid Fischbach
Dirk Fischer (Hamburg)


(Karlsruhe Land)

Dr. Maria Flachsbarth
Klaus-Peter Flosbach
Thorsten Frei
Dr. Astrid Freudenstein
Dr. Hans-Peter Friedrich


(Hof)

Hans-Joachim Fuchtel
Alexander Funk
Ingo Gädechens
Dr. Peter Gauweiler
Dr. Thomas Gebhart
Alois Gerig
Eberhard Gienger
Cemile Giousouf
Josef Göppel
Reinhard Grindel
Ursula Groden-Kranich
Hermann Gröhe
Klaus-Dieter Gröhler
Michael Grosse-Brömer
Astrid Grotelüschen
Markus Grübel
Manfred Grund
Oliver Grundmann
Monika Grütters
Dr. Herlind Gundelach
Fritz Güntzler
Olav Gutting
Christian Haase
Florian Hahn
Dr. Stephan Harbarth
Jürgen Hardt
Matthias Hauer
Mark Hauptmann
Dr. Stefan Heck
Dr. Matthias Heider
Helmut Heiderich
Mechthild Heil
Frank Heinrich (Chemnitz)

Mark Helfrich
Uda Heller
Jörg Hellmuth
Rudolf Henke
Ansgar Heveling
Peter Hintze
Christian Hirte
Dr. Heribert Hirte
Robert Hochbaum
Alexander Hoffmann
Karl Holmeier
Franz-Josef Holzenkamp
Dr. Hendrik Hoppenstedt
Margaret Horb
Bettina Hornhues
Charles M. Huber
Anette Hübinger
Hubert Hüppe
Erich Irlstorfer
Thomas Jarzombek
Sylvia Jörrißen
Andreas Jung
Dr. Franz Josef Jung
Xaver Jung
Dr. Egon Jüttner
Bartholomäus Kalb
Hans-Werner Kammer
Steffen Kanitz
Alois Karl
Anja Karliczek
Bernhard Kaster
Dr. Stefan Kaufmann
Roderich Kiesewetter
Dr. Georg Kippels
Volkmar Klein
Jürgen Klimke
Axel Knoerig
Jens Koeppen
Markus Koob
Carsten Körber
Hartmut Koschyk
Kordula Kovac
Michael Kretschmer
Gunther Krichbaum
Dr. Günter Krings
Rüdiger Kruse
Dr. Roy Kühne
Uwe Lagosky
Andreas G. Lämmel
Dr. Norbert Lammert
Katharina Landgraf
Ulrich Lange
Barbara Lanzinger
Dr. Silke Launert
Paul Lehrieder
Dr. Katja Leikert
Dr. Philipp Lengsfeld
Dr. Andreas Lenz





Vizepräsidentin Petra Pau


(A) (C)



(D)(B)

Philipp Graf Lerchenfeld
Dr. Ursula von der Leyen
Antje Lezius
Ingbert Liebing
Matthias Lietz
Andrea Lindholz
Dr. Carsten Linnemann
Patricia Lips
Wilfried Lorenz
Dr. Claudia Lücking-Michel
Dr. Jan-Marco Luczak
Daniela Ludwig
Karin Maag
Yvonne Magwas
Thomas Mahlberg
Dr. Thomas de Maizière
Gisela Manderla
Matern von Marschall
Hans-Georg von der Marwitz
Andreas Mattfeldt
Stephan Mayer (Altötting)

Reiner Meier
Dr. Michael Meister
Jan Metzler
Maria Michalk
Dr. h. c. Hans Michelbach
Dr. Mathias Middelberg
Philipp Mißfelder
Dietrich Monstadt
Karsten Möring
Marlene Mortler
Elisabeth Motschmann
Dr. Gerd Müller
Carsten Müller


(Braunschweig)

Stefan Müller (Erlangen)

Dr. Philipp Murmann
Dr. Andreas Nick
Michaela Noll
Helmut Nowak
Dr. Georg Nüßlein
Wilfried Oellers
Florian Oßner
Dr. Tim Ostermann
Henning Otte
Ingrid Pahlmann
Sylvia Pantel
Martin Patzelt
Dr. Martin Pätzold
Ulrich Petzold
Dr. Joachim Pfeiffer
Sibylle Pfeiffer
Ronald Pofalla
Eckhard Pols
Thomas Rachel
Kerstin Radomski
Alexander Radwan
Alois Rainer
Dr. Peter Ramsauer
Eckhardt Rehberg
Lothar Riebsamen
Josef Rief
Dr. Heinz Riesenhuber
Johannes Röring
Dr. Norbert Röttgen
Erwin Rüddel
Albert Rupprecht
Anita Schäfer (Saalstadt)

Dr. Wolfgang Schäuble
Karl Schiewerling
Norbert Schindler
Tankred Schipanski
Heiko Schmelzle
Christian Schmidt (Fürth)

Gabriele Schmidt (Ühlingen)

Patrick Schnieder
Nadine Schön (St. Wendel)

Dr. Ole Schröder
Bernhard Schulte-Drüggelte
Dr. Klaus-Peter Schulze
Uwe Schummer

(Weil am Rhein)

Christina Schwarzer
Detlef Seif
Johannes Selle
Reinhold Sendker
Dr. Patrick Sensburg
Bernd Siebert
Johannes Singhammer
Tino Sorge
Jens Spahn
Carola Stauche
Dr. Frank Steffel
Dr. Wolfgang Stefinger
Albert Stegemann
Peter Stein
Erika Steinbach
Sebastian Steineke
Johannes Steiniger
Christian Freiherr von Stetten
Dieter Stier
Rita Stockhofe
Gero Storjohann
Stephan Stracke
Max Straubinger
Matthäus Strebl
Karin Strenz
Thomas Stritzl
Thomas Strobl (Heilbronn)

Lena Strothmann
Michael Stübgen
Dr. Sabine Sütterlin-Waack
Dr. Peter Tauber
Antje Tillmann
Astrid Timmermann-Fechter
Dr. Hans-Peter Uhl
Dr. Volker Ullrich
Arnold Vaatz
Oswin Veith
Thomas Viesehon
Michael Vietz
Volkmar Vogel (Kleinsaara)

Sven Volmering
Christel Voßbeck-Kayser
Kees de Vries
Dr. Johann Wadephul
Marco Wanderwitz
Nina Warken
Kai Wegner
Albert Weiler
Marcus Weinberg (Hamburg)

Dr. Anja Weisgerber
Peter Weiß (Emmendingen)

Sabine Weiss (Wesel I)

Ingo Wellenreuther
Karl-Georg Wellmann
Marian Wendt
Kai Whittaker
Peter Wichtel
Annette Widmann-Mauz
Heinz Wiese (Ehingen)

Klaus-Peter Willsch
Elisabeth Winkelmeier-

Becker
Oliver Wittke
Dagmar G. Wöhrl
Barbara Woltmann
Tobias Zech
Heinrich Zertik
Emmi Zeulner
Dr. Matthias Zimmer
Gudrun Zollner

SPD

Niels Annen
Ingrid Arndt-Brauer
Rainer Arnold
Heike Baehrens
Ulrike Bahr
Heinz-Joachim Barchmann
Dr. Katarina Barley
Dr. Hans-Peter Bartels
Klaus Barthel
Dr. Matthias Bartke
Sören Bartol
Bärbel Bas
Dirk Becker
Lothar Binding (Heidelberg)

Burkhard Blienert
Willi Brase
Edelgard Bulmahn
Marco Bülow
Martin Burkert
Dr. Lars Castellucci
Petra Crone
Bernhard Daldrup
Dr. Daniela De Ridder
Dr. Karamba Diaby
Sabine Dittmar
Elvira Drobinski-Weiß
Siegmund Ehrmann
Michaela Engelmeier-Heite
Dr. h. c. Gernot Erler
Petra Ernstberger
Saskia Esken
Karin Evers-Meyer
Dr. Johannes Fechner
Dr. Fritz Felgentreu
Elke Ferner
Christian Flisek
Gabriele Fograscher
Dr. Edgar Franke
Dagmar Freitag
Michael Gerdes
Martin Gerster
Iris Gleicke
Ulrike Gottschalck
Kerstin Griese
Gabriele Groneberg
Uli Grötsch
Wolfgang Gunkel
Bettina Hagedorn
Rita Hagl-Kehl
Metin Hakverdi
Ulrich Hampel
Sebastian Hartmann
Dirk Heidenblut
Hubertus Heil (Peine)

Gabriela Heinrich
Marcus Held
Wolfgang Hellmich
Dr. Barbara Hendricks
Heidtrud Henn
Gustav Herzog
Gabriele Hiller-Ohm
Petra Hinz (Essen)

Thomas Hitschler
Christina Jantz
Frank Junge
Josip Juratovic
Thomas Jurk
Oliver Kaczmarek
Johannes Kahrs
Christina Kampmann
Ralf Kapschack
Gabriele Katzmarek
Ulrich Kelber
Marina Kermer
Cansel Kiziltepe
Arno Klare
Lars Klingbeil
Dr. Bärbel Kofler
Daniela Kolbe
Birgit Kömpel
Anette Kramme
Dr. Hans-Ulrich Krüger
Helga Kühn-Mengel
Christine Lambrecht
Christian Lange (Backnang)

Dr. Karl Lauterbach
Steffen-Claudio Lemme
Burkhard Lischka
Gabriele Lösekrug-Möller
Hiltrud Lotze
Kirsten Lühmann
Dr. Birgit Malecha-Nissen
Caren Marks
Katja Mast
Hilde Mattheis
Dr. Matthias Miersch
Klaus Mindrup
Susanne Mittag
Bettina Müller
Michelle Müntefering
Dr. Rolf Mützenich
Dietmar Nietan
Ulli Nissen
Mahmut Özdemir (Duisburg)

Aydan Özoğuz
Markus Paschke
Christian Petry
Detlev Pilger
Sabine Poschmann
Joachim Poß
Florian Post
Achim Post (Minden)

Dr. Wilhelm Priesmeier
Dr. Sascha Raabe
Dr. Simone Raatz
Martin Rabanus
Mechthild Rawert





Vizepräsidentin Petra Pau


(A) (C)



(D)(B)

Stefan Rebmann
Gerold Reichenbach
Dr. Carola Reimann
Andreas Rimkus
Sönke Rix
Dennis Rohde
Dr. Martin Rosemann
René Röspel
Dr. Ernst Dieter Rossmann
Michael Roth (Heringen)

Susann Rüthrich
Bernd Rützel
Johann Saathoff
Annette Sawade
Dr. Hans-Joachim

Schabedoth
Axel Schäfer (Bochum)

Dr. Nina Scheer
Marianne Schieder
Udo Schiefner
Dr. Dorothee Schlegel
Ulla Schmidt (Aachen)

Matthias Schmidt (Berlin)

Dagmar Schmidt (Wetzlar)

Ursula Schulte
Swen Schulz (Spandau)

Ewald Schurer
Frank Schwabe
Stefan Schwartze
Rita Schwarzelühr-Sutter
Dr. Carsten Sieling
Rainer Spiering
Norbert Spinrath
Svenja Stadler
Martina Stamm-Fibich
Peer Steinbrück
Dr. Frank-Walter Steinmeier
Christoph Strässer
Kerstin Tack
Claudia Tausend
Michael Thews
Wolfgang Tiefensee
Carsten Träger
Rüdiger Veit
Ute Vogt
Dirk Vöpel
Gabi Weber
Bernd Westphal
Andrea Wicklein
Dirk Wiese
Waltraud Wolff


(Wolmirstedt)

Gülistan Yüksel
Stefan Zierke
Dr. Jens Zimmermann

Nein

DIE LINKE

Jan van Aken
Dr. Dietmar Bartsch
Herbert Behrens
Karin Binder
Matthias W. Birkwald
Heidrun Bluhm
Eva Bulling-Schröter
Roland Claus
Dr. Diether Dehm
Klaus Ernst
Wolfgang Gehrcke
Diana Golze
Annette Groth
Dr. Gregor Gysi
Dr. André Hahn
Heike Hänsel
Inge Höger
Andrej Hunko
Sigrid Hupach
Ulla Jelpke
Susanna Karawanskij
Katja Kipping
Jan Korte
Caren Lay
Sabine Leidig
Ralph Lenkert
Michael Leutert
Stefan Liebich
Dr. Gesine Lötzsch
Thomas Lutze
Cornelia Möhring
Niema Movassat
Thomas Nord
Petra Pau
Harald Petzold (Havelland)

Richard Pitterle
Martina Renner
Michael Schlecht
Dr. Petra Sitte
Kersten Steinke
Dr. Kirsten Tackmann
Frank Tempel
Dr. Axel Troost
Alexander Ulrich
Kathrin Vogler
Halina Wawzyniak
Harald Weinberg
Birgit Wöllert
Jörn Wunderlich
Hubertus Zdebel
Pia Zimmermann
Sabine Zimmermann


(Zwickau)


BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN

Luise Amtsberg
Kerstin Andreae
Annalena Baerbock
Dr. Franziska Brantner
Agnieszka Brugger
Katja Dörner
Katharina Dröge
Harald Ebner
Dr. Thomas Gambke
Matthias Gastel
Kai Gehring
Anja Hajduk
Britta Haßelmann
Dr. Anton Hofreiter
Bärbel Höhn
Dieter Janecek
Uwe Kekeritz
Sven-Christian Kindler
Maria Klein-Schmeink
Tom Koenigs
Sylvia Kotting-Uhl
Oliver Krischer
Stephan Kühn (Dresden)

Christian Kühn (Tübingen)

Markus Kurth
Monika Lazar
Steffi Lemke
Dr. Tobias Lindner
Nicole Maisch
Peter Meiwald
Irene Mihalic
Beate Müller-Gemmeke
Özcan Mutlu
Dr. Konstantin von Notz
Omid Nouripour
Friedrich Ostendorff
Cem Özdemir
Lisa Paus
Brigitte Pothmer
Tabea Rößner
Claudia Roth (Augsburg)

Corinna Rüffer
Manuel Sarrazin
Elisabeth Scharfenberg
Ulle Schauws
Dr. Gerhard Schick
Dr. Frithjof Schmidt
Kordula Schulz-Asche
Dr. Wolfgang Strengmann-

Kuhn
Hans-Christian Ströbele
Dr. Harald Terpe
Markus Tressel
Dr. Julia Verlinden
Doris Wagner
Wir fahren fort in der Redeliste zum Tagesordnungs-
punkt 10. Das Wort hat der Kollege Dr. Alexander Neu
für die Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN – Niels Annen [SPD]: Lasst die Spiele beginnen!)



Dr. Alexander S. Neu (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803624200

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen

und Herren! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!
Die Linke lehnt wie jedes Jahr den KFOR-Einsatz und
auch die Beteiligung der Bundeswehr ab. Warum? Es ist
unsere Überzeugung, dass der Einsatz militärischer Mit-
tel in der internationalen Politik inakzeptabel ist.


(Beifall bei der LINKEN – Henning Otte [CDU/CSU]: Das können Sie gar nicht begründen!)

Es gibt auch noch einen materiellen Grund, warum
wir die sogenannte Friedenstruppe KFOR ablehnen: Sie
ist nämlich faktisch eine Besatzungsarmee.


(Widerspruch bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Sie sah seit Juni, seitdem sie einmarschiert ist, bei der
Flucht und Vertreibung von über 230 000 Serbinnen und
Serben, Roma und anderen Volksgruppen zu. Selbst die
Grünen haben sich darüber nicht beschwert, obwohl sie
doch sonst immer den Mund aufreißen, wenn es um Ver-
treibung geht.


(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hallo? – Omid Nouripour [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Haben Sie das Friedensgutachten gelesen? Im Friedensgutachten steht: Das ist ein Riesenerfolg! Sie sollten Dr. Alexander S. Neu nicht nur Ihre eigenen Texte lesen, sondern auch einmal die Augen aufmachen!)





(A) (C)


(D)(B)


Bis heute gibt es keine signifikante Zahl über die
Rückkehr der Vertriebenen. Noch immer leben mehrere
Zehntausend Menschen in Zentralserbien in Notbehau-
sungen. Das interessiert die Grünen auch nicht.

Die NATO hat die ethnischen Säuberungen im Ko-
sovo nach Juni 1999 nicht nur geduldet, sondern auch
akzeptiert.


(Michael Brand [CDU/CSU]: Geschichtsklitterung!)


Damit hat die NATO ihren Schutzauftrag gemäß Resolu-
tion 1244 verletzt.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Gabi Weber [SPD]: Ideologische Verblendung! – Henning Otte [CDU/CSU]: Das ist Ihre schlimmste Rede überhaupt!)


Der tatsächliche, der unterschwellige Auftrag der KFOR
war nämlich ein ganz anderer: nicht die Umsetzung der
UN-Sicherheitsratsresolution 1244, sondern die militäri-
sche Absicherung einer zukünftig geplanten Unabhän-
gigkeit des Kosovo. Folgerichtig ist die serbische Pro-
vinz des Kosovo seit 15 Jahren von der NATO und
NATO-nahen Staaten besetzt.


(Dr. Tobias Lindner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Gleich kommen die Illuminaten!)


Wie kann das sein? Es existiert zwar eine Resolution
des UN-Sicherheitsrats, aber wir erinnern uns, was 1998/
1999 passiert ist:


(Michael Brand [CDU/CSU]: Sie erinnern sich nicht! Garantiert nicht!)


Die NATO hat sich auf die Seite der Kosovo-Albaner ge-
stellt, sie war also nicht nur Konflikt-, sondern auch
Kriegspartei.


(Jürgen Hardt [CDU/CSU]: Originalton SED!)


Sie hat den UCK-Separatismus unterstützt und drei Mo-
nate Belgrad und Serbien bombardiert, bis Serbien im
Juni 1999 kapitulierte.


(Michael Brand [CDU/CSU]: Reden Sie mal über Milosevic! Der kommt gar nicht vor in der Geschichtsklitterung!)


Belgrad hatte nun die Wahl zwischen einer schlechten
und einer schlechteren Option, nämlich die Akzeptanz
der Besetzung des südlichen Teils Serbiens pur oder zu-
mindest unter Kontrolle der Vereinten Nationen.


(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist unverschämt!)


Belgrad entschied sich seinerzeit für die letztere Variante
in der Hoffnung, dass die Vereinten Nationen irgendwie
das Treiben der NATO unter Kontrolle bringen könnten,
was aber nicht passiert ist. So mutierte die Kriegspartei
NATO über Nacht zur Friedenstruppe KFOR mit UN-
Mandat.


(Gabi Weber [SPD]: Schade, dass die UN so „doof“ sind!)

Anders ausgedrückt: Der Bock wurde zum Gärtner ge-
macht. Die Friedenstruppe KFOR kann seitdem im Män-
telchen der UN Realitäten vor Ort schaffen, und sie hat
es auch gemacht: Wir haben die Unabhängigkeit des Ko-
sovo.


(Michael Brand [CDU/CSU]: Das hat nicht die NATO entschieden, sondern die Bevölkerung Kosovos!)


Parallel hintertrieben die OSZE und die UNMIK vor
Ort, vom Westen dominiert, von Anfang an, durch die
Resolution 1244, die territoriale Integrität Serbiens und
haben stattdessen den Pseudostaat Kosovo kreiert.

Ich habe zwei Jahre dort gearbeitet, 2000, 2002 sowie
2004. Ich konnte tagtäglich erleben, wie die serbischen
Staatsstrukturen im Kosovo abgeschafft wurden


(Lachen des Abg. Michael Brand [CDU/CSU])


und durch eigenstaatliche Strukturen ersetzt wurden:
zum Beispiel Einführung der D-Mark, später der Einfüh-
rung des Euro, eigene Identitätspapiere, neue Gesetze,
Nummernschilder – all das, um einen neuen Staat Ko-
sovo als Realität aufzubauen.

Auch heute geht es bei der Verlängerung des KFOR-
Mandats nicht um die Sicherheit der Menschen vor Ort,
nein, es geht darum, die militärische Absicherung dieses
illegalen Möchtegern-Staatsgebildes fortzusetzen.

Wir erleben aktuell ein ähnliches Szenario in der
Ukraine, nur mit umgekehrten Vorzeichen; Herr Roth ist
schon darauf eingegangen.


(Michael Brand [CDU/CSU]: Er ist nicht darauf eingegangen, er hat Ihnen widersprochen!)


Separatisten wollen die Unabhängigkeit des Ostens der
Ukraine wie seinerzeit separatistische Kosovo-Albaner,
Slowenen, Kroaten und Bosnier die Unabhängigkeit von
Jugoslawien.


(Michael Brand [CDU/CSU]: Das ist die Rhetorik von Milosevic, die Sie da führen!)


Seinerzeit waren das in den Augen des Westens Helden,
Freiheitskämpfer und Demokraten. Die Separatisten im
Osten der Ukraine gelten aber als Ganoven und Terroris-
ten, die man auch militärisch bekämpfen darf, wie ich
gestern von Außenminister Steinmeier gelernt habe.


(Michael Brand [CDU/CSU]: Das hat er nicht gesagt! Unverschämtheit!)


– Sie haben halt ein anderes Hörvermögen.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Michael Brand [CDU/CSU]: Das ist glatt gelogen, was Sie sagen!)


Ihnen fällt Ihre eigene Doppelzüngigkeit, wenn es um
die Frage des Völkerrechts geht, nicht einmal mehr auf.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Die Frage der Souveränität und des Selbstbestimmungs-
rechts legen Sie jeweils instrumentell aus. Der Punkt ist





Dr. Alexander S. Neu


(A) (C)



(D)(B)

aber, dass internationales Recht entweder für alle glei-
chermaßen gilt oder für keinen. Alles andere ist Willkür.


(Beifall bei der LINKEN)


Stoppen Sie die Willkür, akzeptieren Sie das internatio-
nale Recht, und leben Sie danach! Die Wiederentde-
ckung des internationalen Rechts im Kontext der
Ukraine-Krise hat – so nehme ich das zumindest wahr –
nur einen instrumentellen Charakter. Plötzlich redet man
von Souveränität und von territorialer Integrität, von all
dem, was für Sie im Fall Jugoslawien nie eine Rolle ge-
spielt hat. Daher ist das ein rein instrumenteller Ansatz.
Eine innere Läuterung Ihrerseits kann ich nicht erken-
nen.


(Niels Annen [SPD]: „Läuterung“?)


Ihre Äußerungen folgen lediglich geopolitischen und
geoökonomischen Erwägungen im Kampf um Einfluss-
zonen. Sie wissen, dass das so ist, und die Linke weiß,
dass Sie es wissen.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Lachen bei der SPD – Zuruf von der SPD: Unfug! – Michael Brand [CDU/CSU]: Was wir denken, das überlassen Sie mal uns!)


Ihre Kanzlerin hat vor Wochen im Rahmen der
Ukraine-Krise Folgendes gesagt:

Das Recht des Stärkeren wird gegen die Stärke des
Rechts gestellt.

Ändern Sie das, meine Damen und Herren von der Re-
gierung, indem Sie endlich damit anfangen, das Völker-
recht umfassend zu respektieren und nicht zu brechen.


(Florian Hahn [CDU/CSU]: Das sagen Sie einmal den Russen, bitte!)


Europa braucht keine militärischen Besetzungen. Europa
braucht keine Annexionen, keine Sezessionen, keine
Ausgrenzungen, keine Aufrüstungen und keine geopoli-
tischen Sandkastenspielchen.


(Michael Brand [CDU/CSU]: Ich empfehle Ihnen eine Reise nach Moskau!)


Was Europa braucht, ist eine europäische Sicherheitsar-
chitektur im Sinne eines Systems gegenseitiger, kollekti-
ver Sicherheit unter Einschluss Russlands.


(Beifall bei der LINKEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803624300

Kollege Neu, Sie müssen bitte zum Schluss kommen.


Dr. Alexander S. Neu (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803624400

Ich komme zum Ende. – Der KFOR-Einsatz steht

dem aber diametral entgegen. Das ist der Grund, warum
die Linke diese Verlängerung ablehnt.

Danke.


(Beifall bei der LINKEN)


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803624500

Das Wort hat der Kollege Philipp Mißfelder für die

CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Philipp Mißfelder (CDU):
Rede ID: ID1803624600

Frau Präsidentin! Verehrte Damen und Herren! Liebe

Kolleginnen und Kollegen! Herr Neu, Sie haben an der
Reaktion unserer Fraktion gemerkt, wie viel Unver-
ständnis bei uns für Ihre Einlassungen herrscht.


(Niels Annen [SPD]: Nicht nur in Ihrer Fraktion!)


Die Alternative, es mit dem Völkerrecht an der einen
oder anderen Stelle vielleicht nicht so ernst zu nehmen,
die Sie dazu vorschlagen, stößt wirklich auf Unverständ-
nis. Für die Bundesrepublik Deutschland nehme ich übri-
gens in Anspruch, dass sie das Völkerrecht in den vergan-
genen Jahrzehnten durchgehend sehr ernst genommen hat,
was nicht für alle NATO-Partner gilt. Aber zu sagen, dass
man das Völkerrecht entweder komplett durchhalten muss
oder es gleich abschaffen kann, halte ich nun wirklich für
vollkommen grotesk. Wenn das in Sachen Konfliktlösung
Ihre politische Antwort ist, dann könnten wir nach Ihrer
Logik ja gleich die UNO abschaffen.

Das, was Sie gesagt haben, war geprägt von Ver-
schwörungstheorien. Kein einziges Mal kam in Ihrer
Rede der Name Milosevic vor. Doch das gehört zur his-
torischen Wahrheit im Kosovo dazu. Kofi Annan hat da-
mals von der dunklen Wolke des Völkermords, die he-
raufzieht, gesprochen. Daher ging es nicht nur um die
Frage der territorialen Integrität und nicht nur um die
Frage des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Es ging
vor allem um die Abwendung eines Völkermords. Vor
dem Hintergrund war der KFOR-Einsatz gerechtfertigt,
und heute wird er ja unter einem UNO-Mandat geführt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803624700

Kollege Mißfelder, gestatten Sie eine Bemerkung

oder Frage des Kollegen Neu? – Bitte.


(Florian Hahn [CDU/CSU]: Jetzt kommt wieder die Propaganda!)



Dr. Alexander S. Neu (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803624800

Kollege Mißfelder, Sie versuchen wieder einmal, von

Völkermord zu reden. Ich habe mich da noch einmal
schlau gemacht.


(Florian Hahn [CDU/CSU]: „Schlau gemacht“!)


Ich habe mir die Urteile einiger Verwaltungsgerichte
vom Anfang 1999 zur Asylfrage angeschaut.


(Michael Brand [CDU/CSU]: Er hat Kofi Annan zitiert!)


Ich zitiere:

„Eine explizit an die albanische Volkszugehörigkeit
anknüpfende politische Verfolgung ist auch im Ko-





Dr. Alexander S. Neu


(A) (C)



(D)(B)

sovo nicht festzustellen. Der Osten des Kosovo ist
von den bewaffneten Konflikten bislang nicht er-
faßt, das öffentliche Leben in Städten wie Pristina,
Urosevac, Gnjilane usw. verlief im gesamten Kon-
fliktzeitraum in relativ normalen Bahnen.“ Das
„Vorgehen der Sicherheitskräfte

– der jugoslawischen –


(war) nicht gegen Kosovo-Albaner als ethnisch de-

finierte Gruppe gerichtet, sondern gegen den militä-
rischen Gegner und dessen tatsächliche oder ver-
mutete Unterstützer.“

Das war ein Zitat aus der Auskunft des Auswärtigen
Amtes vom 12. Januar 1999 an das Verwaltungsgericht
Trier.

Weiter, Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster
auf der Grundlage einer Lageanalyse des Auswärtigen
Amtes vom 24. Februar 1999:

Wenn im übrigen der (jugoslawische) Staat auf die
Separatismusbestrebungen mit konsequenter und
harter Durchführung der Gesetze sowie mit antise-
paratistischen Maßnahmen reagiert, denen sich ein
Teil der Betroffenen ins Ausland entzieht, ist dies
kein vom (jugoslawischen) Staat programmatisch
gesteuerter Vorgang, der auf die Ausgrenzung und
Vertreibung der Minderheit abzielt, sondern im Ge-
genteil auf ein Sicheinfügen dieses Volkes in den
Staatsverband.

Auch die Ereignisse seit Februar/März 1998 lassen
ein Verfolgungsprogramm wegen albanischer
Volkszugehörigkeit nicht erkennen. Die Maßnah-
men der bewaffneten serbischen Kräfte sind in ers-
ter Linie auf die Bekämpfung der UCK und deren
vermutete Anhänger und Unterstützer gerichtet.

Das sind die Aussagen des Auswärtigen Amtes von 1998
und 1999, worauf sich wiederum zum Teil deutsche Ge-
richte in ihren Urteilen bezogen haben.

Also, Völkermord – ja oder nein?


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)



Philipp Mißfelder (CDU):
Rede ID: ID1803624900

Herr Neu, ich beantworte Ihre Frage ganz kurz. Ich

glaube, es sprach schon für sich selbst. Sie haben ja auch
an den Reaktionen hier gemerkt, wie grotesk das ist und
wie wahrgenommen wird, was Sie vortragen. Wo waren
Sie zu der Zeit, als in Jugoslawien systematisch Vertrei-
bung und auch Mord stattgefunden haben?

Politiker sind ja gehalten, Gerichte generell nicht zu
kritisieren. Ich weiß, wie hoch Richter in Deutschland
angesehen sind. Ich will auch nicht darüber sprechen, in
welcher geistigen Umnachtung derjenige, der das Urteil
geschrieben hat, zu dem Zeitpunkt gelebt haben muss.


(Zuruf von der LINKEN: Ah!)


Ich muss Ihnen wirklich sagen: Das hier als politisches
Instrument zu missbrauchen, ist falsch. Ich bleibe dabei.
Kofi Annan hat von der heraufziehenden Wolke des Völ-
kermords gesprochen. Diese Einschätzung teilen wir.
Deshalb war es richtig, wenn auch umstritten, an dieser
Stelle militärisch einzugreifen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Es war ja insbesondere für die damalige Koalition
eine ganz schwierige Entscheidung. Wenn man zurück-
blickt, merkt man: Es war ein Paradigmenwechsel in der
Nachkriegsgeschichte. Ich bin deshalb auch froh, dass
wir den Parlamentsvorbehalt haben. Dadurch beraten
wir jedes Jahr zu Recht darüber, ob der Einsatz sinnvoll
ist und unter welchen Gegebenheiten dieses Mandat fort-

Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1803625000

Die Chance, jetzt die politische Lösung weiter voranzu-
treiben, ist riesig groß. Diese Chance sollten wir mit al-
len Möglichkeiten, die wir haben, nutzen.

Dabei spielt Europa die zentrale Rolle. Das war übri-
gens damals bedauerlicherweise nicht der Fall. Wir ha-
ben damals nicht die zentrale Rolle gespielt, sondern die
Amerikaner. Sie haben eigentlich das gemacht, wofür
die Europäische Union zuständig ist, nämlich in ihrer
Nachbarschaft selbst für Frieden, Freiheit und Gerech-
tigkeit zu sorgen. Das hat die Europäische Union damals
wirklich auf die miserabelste Art und Weise nicht ge-
schafft.

Heute haben wir die Chance, mit einer gemäßigteren
Regierung in Serbien, auf politische Kräfte in nahezu al-
len Ländern des früheren Jugoslawiens zuzugehen. Wir
können durch große Gesten das, was geschehen ist, zwar
nicht vergessen machen, aber zumindest können wir ver-
suchen, es politisch zu heilen. Vor dem Hintergrund
glaube ich, dass man die Situation nutzen muss, die sich
gerade ergibt. Wenn KFOR einen Stabilisierungsbeitrag
leistet, ist das gut. Ich freue mich, zu hören, dass es bei
einem Militäreinsatz nicht tagtäglich zu Feuergefechten
kommt, dass nicht tagtäglich Personen schwer verwun-
det werden, dass es sich vielmehr um die letzte von drei
Verteidigungslinien handelt. Vor dem Hintergrund
glaube ich, dass das ein erfolgreiches Mandat ist.

Ich habe mich auch sehr darüber gefreut, zu hören,
dass man mit Blick auf die Zeit nach Ablauf des jetzt an-
stehenden Mandats – es ist erneut auf zwölf Monate an-
gelegt – über eine Absenkung der Truppenhöchstgrenze
nachdenkt und intensiv darüber diskutiert. Wir begrüßen
es im Zweifel immer, wenn Soldaten wieder abgezogen
werden, zumal es sich hier um die 15. Einbringung die-
ses Mandats handelt. Aus unserer Sicht besteht also die
Chance, den politischen Prozess im früheren Jugosla-
wien weiter zu begleiten. Wir sind mit allen Vertretern
im Gespräch, so schwierig es auch im Einzelfall ist.

Jeder weiß um die Schwierigkeiten auf dem Balkan,
sei es nun in Albanien oder in Serbien selbst; jeder weiß,
wie schwierig es ist, dort staatliche Strukturen zu imple-
mentieren. Ich glaube, dass es trotzdem eine große
Chance gibt. Man kann auch eine mögliche Mitglied-
schaft zur Europäischen Union als Mittel nutzen. Man
kann die Perspektive dazu als Vehikel einsetzen, um
diese Länder auf den richtigen Weg zu führen. Das sage
ich sicherlich nicht im Namen aller in meiner Fraktion,
aber ich spreche zumindest für den Großteil der Außen-





Philipp Mißfelder


(A) (C)



(D)(B)

politiker und der Europapolitiker in meiner Fraktion, die
ganz bewusst die Beitrittsperspektiven für alle Länder
des früheren Jugoslawiens offenhalten wollen. Aus mei-
ner Sicht ist das der sinnvollste politische Weg, um für
dauerhafte Stabilität und für Frieden in der Region zu
sorgen.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803625100

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat der Kol-

lege Dr. Tobias Lindner das Wort.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir diskutie-
ren heute erneut über eine Verlängerung des KFOR-
Mandats. Bei einem Mandat, das schon so lange Zeit
läuft, könnte man das Gefühl haben, die Verlängerung
sei eine Gewohnheitsübung, das sei Routine, da werde
sich nichts ändern. Wenn jemand, der sich in so einer
Welt bewegt, seine fünf Minuten Redezeit wie der
Kollege von der Linken für Ausführungen zur völker-
rechtlichen Situation nutzt – Ausführungen, die ich, wie
ich sagen will, absolut nicht teile –, könnte ich das noch
verstehen.

Ich will meine fünf Minuten hier nutzen, um darüber
zu sprechen, was sich im Kosovo verändert hat und wo
Chancen liegen. Wenn wir, liebe Kolleginnen und Kolle-
gen, erneut über die Verlängerung dieses Mandats disku-
tieren, müssen wir sehen, dass KFOR statt wie anfangs
50 000 Soldatinnen und Soldaten heute nur noch 5 000
Soldatinnen und Soldaten umfasst, dass KFOR nicht
mehr im Mittelpunkt steht, sondern – der Staatsminister
hat von einer dritten Linie gesprochen – einen Rahmen
bietet, der es eines Tages hoffentlich möglich machen
wird, auf diese Mission zu verzichten. Das, liebe Kolle-
ginnen und Kollegen, ist doch nach so langer Zeit ein er-
freuliches Zeichen und ein Fortschritt.


(Beifall der Abg. Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Wir haben gehört, dass Diplomatie, Entwicklungszu-
sammenarbeit und nicht zuletzt die EULEX-Mission in
den letzten Jahren zu Fortschritten geführt haben. Wir
haben darüber gesprochen, dass wir die Entwicklung
von Strukturen beobachten können, die einen Rahmen
schaffen, der sich selbst tragen kann und der einen er-
neuten Ausbruch von massiver Gewalt unmöglich
macht. Wir müssen aber genauso, liebe Kolleginnen und
Kollegen, zur Kenntnis nehmen, dass Angehörige von
EULEX immer wieder, gerade im Norden Kosovos, un-
ter Beschuss geraten. Wir müssen zur Kenntnis nehmen,
dass im Spätjahr 2013 ein litauischer EULEX-Zöllner
bei seinem Einsatz ums Leben gekommen ist. Wir müs-
sen, liebe Kolleginnen und Kollegen, auch zur Kenntnis
nehmen, dass es bei Kommunalwahlen, die in Summe
erfolgreich und gut verlaufen sind, auch zu Gewaltaus-
brüchen gekommen ist. Wenn wir dies alles zur Kenntnis
nehmen, dann müssen wir heute zu dem Ergebnis kom-
men, dass nach wie vor, auch im nächsten Jahr, ein
KFOR-Einsatz notwendig sein wird. Für diesen Einsatz,
weil er eben den Rahmen bietet für eine Perspektive in
Richtung Europa, haben Sie die überwiegende Zustim-
mung meiner Fraktion, meine sehr geehrten Damen und
Herren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich will noch auf einen anderen Punkt eingehen – der
Kollege Mißfelder hat das schon anklingen lassen –: Wir
führen heute nicht die Diskussion, ob Serbien eines
Tages Vollmitglied der Europäischen Union sein wird.
Wir führen heute auch nicht die Debatte darüber, ob
Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen der
Europäischen Union mit dem Kosovo zum Erfolg führen
werden. Aber wir führen meiner Meinung nach sehr
wohl die Diskussion darüber, dass man diesen beiden
Staaten eine Perspektive bieten und einen Weg aufzeigen
muss: Wenn ihr bereit seid, weitere Schritte in Richtung
EU zu gehen, wenn ihr bereit seid, eure Beziehungen zu
normalisieren, wenn ihr bereit seid, sowohl ganz prakti-
sche Schritte der täglichen Zusammenarbeit zu gehen als
auch über grundlegende Fragen zu reden, dann wird
euch eines Tages die Tür zur Europäischen Union offen-
stehen, dann gibt es einen Weg, dann gibt es ein Angebot
der Europäischen Gemeinschaft unter dem gemeinsamen
Dach Europa.

Ich will für mich ausdrücklich bekräftigen: Diese
offene Tür, dieser Weg ist eine Riesenchance für eine
Zukunft des Kosovos, für eine Zukunft der gesamten
Region von Serbien und Kosovo, für eine friedvolle
Zukunft ohne die KFOR eines Tages. Deswegen unter-
stützen wir, dass diese Tür offengehalten wird.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD – Jörn Wunderlich [DIE LINKE]: Ein bisschen mehr Elan hätte ich jetzt von Ihnen erwartet! – Gegenruf des Abg. Michael Brand [CDU/CSU]: Von ihm? – Weiterer Gegenruf des Abg. Florian Hahn [CDU/CSU]: So wie Sie in Ihrem Sitz hängen?)


– Ich will, wenn hier über Elan gesprochen wird, zum
Abschluss doch noch eines sagen – auch wenn heute auf
den Tribünen keine Soldatinnen und Soldaten der Bun-
deswehr sitzen –: Es gab in diesen 15 Jahren, in denen
wir jetzt über Serbien, das Kosovo und KFOR reden,


(Herbert Behrens [DIE LINKE]: 10 Jahren!)


viele Debatten, in denen es sich Kolleginnen und Kolle-
gen meiner Fraktion und anderer Fraktionen nicht ein-
fach gemacht haben.


(Dr. Alexander S. Neu [DIE LINKE]: Ach Gottchen!)


– Herr Kollege Neu, ich finde es etwas fehl am Platz,
dass Sie, wenn ich davon spreche, dass Menschen hier
^





Dr. Tobias Lindner


(A) (C)



(D)(B)

Gewissensentscheidungen treffen, das mit „Ach Gott-
chen“ kommentieren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD)


Wir als Abgeordnete sind in letzter Konsequenz unserem
Gewissen verantwortlich – gleich, wie wir entscheiden.
Für mich als Parlamentarier ist das das schönste und
höchste Gut, das ich in diesem Amt habe.

Zum Abschluss will ich sagen: Die Soldatinnen und
Soldaten der Bundeswehr haben es, ganz gleich, wie sich
die Kolleginnen und Kollegen hier in diesem Hause ent-
scheiden – auch die Kollegen der Linken –, verdient,
nicht als Besatzungsarmee bezeichnet zu werden;


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD)


denn das, Herr Kollege Neu, wird dem Auftrag, der Mis-
sion und auch den Gefahren, denen sich unsere Soldatin-
nen und Soldaten aussetzen, nicht gerecht.

In diesem Sinne: Mit der Unterstützung unserer Frak-
tion für diesen Antrag der Bundesregierung gehen wir in
die Ausschussberatungen, und ich kann Ihnen unsere
Zustimmung versichern.

Ich danke Ihnen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803625200

Das Wort hat der Kollege Florian Hahn für die CDU/

CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Florian Hahn (CSU):
Rede ID: ID1803625300

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und

Kollegen! KFOR dient weiterhin der militärischen Absi-
cherung der Friedensregelungen für Kosovo. Im Kosovo
unterstützt die Bundeswehr EULEX, die Rechtsstaats-
mission der EU im Kosovo, die Entwicklung eines
hoffentlich irgendwann stabilen, demokratischen und
multiethnischen Kosovo und den Aufbau der geplanten
kosovarischen Sicherheitskräfte.

Der Deutsche Bundestag hat diesem Mandat 1999 das
erste Mal zugestimmt. Seitdem haben wir es 14-mal
verlängert. Etwa 120 000 Soldaten waren seitdem im
Einsatz. Wir müssen auch 26 Tote beklagen.

Im Rahmen des aktuellen Mandats können bis zu
1 850 Soldatinnen und Soldaten eingesetzt werden. In ei-
ner besonders kritischen Situation – wir erinnern uns an
die Jahre 2011 und 2012; es war während des Einsatzes
der operativen Reserve – waren circa 1 250 deutsche
Soldatinnen und Soldaten nötig, um dort wieder Ruhe zu
erreichen. Mit Beruhigung der Situation Anfang 2013
wurde das deutsche Kontingent wieder reduziert, und es
beträgt heute knapp über 700 Soldatinnen und Soldaten.
Dies ist im Übrigen die zweitgrößte Mission unserer
Bundeswehr.
Deutschland stellt zurzeit mit der Einsatzkompanie
KFOR, dem Einsatzlazarett und Teilen der schnell ver-
legbaren operativen Reserve bedeutsame Fähigkeiten für
diese Mission. Ich finde es gut, dass wir Parlamentarier
uns regelmäßig mit den Mandaten insgesamt befassen,
und es ist richtig, sich zu fragen, ob dieses Mandat nach
so langer Zeit wirklich noch erforderlich ist und auch in
Bezug auf den Personalumfang noch den Anforderungen
vor Ort entspricht. Auch die 15. Verlängerung eines
Mandats darf nicht zur Routine werden; sie verlangt un-
sere volle Aufmerksamkeit.

Man sieht: Im Kosovo hat sich gerade auch im letzten
Jahr viel getan. Die gesamte Entwicklung im Kosovo ist
ein Beispiel dafür, dass die angestrebte Annäherung an
die Europäische Union ein starkes Druckmittel darstellt
und positive Wirkungen erzeugen kann. Ohne die
Aussicht, Verhandlungen über einen Beitritt – im Falle
Serbiens – oder eine Assoziierung – im Falle Kosovos –
aufzunehmen, wäre es nie zu Fortschritten in den Ge-
sprächen zwischen Serbien und dem Kosovo gekom-
men.

Serbien muss sich jetzt als frischer EU-Beitrittskandi-
dat erst recht an den angestrebten Zielen messen lassen
und alles in seiner Macht Stehende tun, um eine nachhal-
tige Stabilisierung im Nordkosovo zu unterstützen. Das
muss auch in den Beitrittsverhandlungen immer wieder
deutlich gemacht werden;


(Beifall bei der CDU/CSU)


denn eine Stabilisierung gibt es im Kosovo noch nicht.


(Herbert Behrens [DIE LINKE]: Seit zehn Jahren nicht!)


Positiv ist unter anderem zu werten, dass das kosova-
rische Parlament im April der Verlängerung von EULEX
zugestimmt und für die Bildung eines Kriegsverbrecher-
tribunals votiert hat. Allerdings werden wir auch hier ge-
nau schauen müssen, wie es in der Praxis arbeiten wird
und ob wir das, was dort passiert, anerkennen können.


(Michael Brand [CDU/CSU]: Wie wahr!)


Insgesamt gibt es noch viel zu tun. Es gibt zwar eine
prinzipielle Einigung auf Grundzüge der Justizstrukturen
im Norden, dies wurde aber noch nicht endgültig besie-
gelt. Eine effektive Justiz ist aber Voraussetzung, damit
organisierte Kriminalität und Korruption endlich wirk-
sam bekämpft werden können.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Es fehlt auch an der Etablierung des kosovo-
serbischen Gemeindeverbandes aus mehrheitlich serbi-
schen Gemeinden. Auch die geplante Umwandlung der
kosovarischen Sicherheitskräfte in reguläre, defensiv
ausgerichtete Streitkräfte musste mit Blick auf die Parla-
mentsauflösung verschoben werden.

Fazit: Zurzeit ist Kosovo in einer noch immer fragilen
Übergangssituation, in der beides möglich erscheint: der
Weg zum Besseren und eine echte Normalisierung oder
ein erneuter Rückfall in Blockade und Eskalation. Wir
hoffen das Beste, aber bleiben auf das Schlimmste vor-
bereitet.





Florian Hahn


(A) (C)



(D)(B)

Es ist wichtig, alle Möglichkeiten der Reaktion zu be-
halten. Zu Recht ist im Antrag dargelegt, dass jetzt noch
nicht der Moment ist, Kräfte abzubauen und die Perso-
nalobergrenze abzusenken. Wir müssen auf Lageände-
rungen flexibel und angemessen reagieren können. Im
Sinne des Konzepts der drei Sicherheitslinien bleibt die
internationale Truppenpräsenz von KFOR so lange nö-
tig, bis die Sicherheitsorgane Kosovos, gegebenenfalls
unterstützt durch die EU-Mission EULEX, ein sicheres
und stabiles Umfeld aufrechterhalten können.

Lassen Sie mich zum Schluss ein Wort zum Kollegen
Neu sagen: Das, was Sie hier abgeliefert haben, ist wirk-
lich ein Hohn für alle Opfer von Unterdrückung und
Verfolgung im Kosovo Ende der 80er- und Anfang der
90er-Jahre.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Sie haben nicht einmal den Namen des Kriegsverbre-
chers Slobodan Milosevic genannt. Sie sind nicht darauf
eingegangen, dass Albaner im Rahmen eines Apartheid-
regimes systematisch aus ihren Berufen, aus Universitä-
ten, aus Krankenhäusern gedrängt worden sind, dass
Schulen geschlossen wurden, dass Menschen von den
Verbrecherbanden Milosevics verfolgt wurden und es zu
Massakern und gewaltsamen Entführungen kam.

Hören Sie endlich mit der nationalistischen Propa-
ganda eines alten Serbien auf. Das hat das heutige Ser-
bien nicht verdient.

Danke schön.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803625400

Der Kollege Michael Brand hat für die Unionsfrak-

tion das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Michael Brand (CDU):
Rede ID: ID1803625500

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wenn wir heute das KFOR-Mandat verlängern, dann tun
wir das, weil uns alle vernünftigen Beobachter innerhalb
und außerhalb des Kosovos mahnen: Die KFOR ist und
bleibt noch auf absehbare Dauer der wichtigste Stabili-
tätsanker im noch instabilen Kosovo.


(Inge Höger [DIE LINKE]: „Auf Dauer“? Wie lange noch?)


Die Gespräche mit der Verteidigungsministerin Ende
letzter Woche im Kosovo bei Bundeswehr, KFOR und
auch EULEX haben eines bestätigt: Wir sind dort noch
lange nicht durch.

Ich will einige kritische Anmerkungen zur Entwick-
lung im Kosovo machen. Als jemand, der die Entwick-
lung dort seit langem intensiv beobachtet, aber auch
begleitet, muss ich feststellen: Weder Stabilität noch
Rechtsstaat noch stabile staatliche Strukturen, die euro-
päischen Standards entsprechen, sind bisher in einem zu-
friedenstellenden Ausmaß geschaffen worden.

Wir müssen uns schon kritisch die Frage stellen: Wie
kann es eigentlich sein, dass die mit Abstand größte
Mission, die die EU je auf den Weg gebracht hat, in ei-
nem der kleinsten Länder der Welt bis heute so wenig
Wirkung und Erfolge zeigt?


(Herbert Behrens [DIE LINKE]: Allerdings! Das ist die richtige Frage!)


Die mangelhaften Erfolge, die ich angesprochen
habe, nicht nur der EULEX, sondern auch vieler anderer
internationaler Organisationen, sind zu einem wesentli-
chen Teil der erkennbaren Weigerung der kosovarischen
Regierung zuzurechnen, ernsthaft gegen Kriminalität
und Korruption vorzugehen. Auch müssen wir uns
eingestehen, dass zu spät erkannt wurde, dass dieses Pro-
blem die staatlichen Strukturen erfasst hat und zu durch-
dringen droht. Das ist keine Banalität. Die einfache Be-
völkerung in den Städten und Dörfern trägt schwer an
dieser Entwicklung. Es sind gerade diese Menschen, die
auf KFOR setzen – als Anker für Recht und Gesetz.

Als wir vergangenen Donnerstag mit der Ministerin in
Pristina waren, zeigte die Titelseite der wohl einzigen
unabhängigen kosovarischen Tageszeitung Koha Ditore
eine Grafik aus NATO-Quellen mit der Schlagzeile:
„Die Mafia in der Politik Kosovas“. Diese Grafik aus
– ich betone das – NATO-Quellen zeigte Mitglieder der
Regierung einschließlich des amtierenden Ministerpräsi-
denten. Für uns mag das schockierend erscheinen – für
die Bevölkerung im Kosovo ist es traurige Erkenntnis
seit Jahren.

Liebe Kolleginnen und Kollegen von den Linken, was
Ihre Zwischenrufe angeht: Man kann negative und
schlimme Entwicklungen im Kosovo an der Spitze der
Regierung kritisch ansprechen, ohne einseitig Partei zu
ergreifen,


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


ohne undifferenziert zu argumentieren und ohne die
Unabhängigkeit dieses Landes infrage zu stellen, und im
Übrigen auch ohne Propaganda. Lieber Herr Neu, das,
was Sie geboten haben, war wirklich die Rhetorik Milo-
sevics. Das hat Serbien heute nicht verdient.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dr. Alexander S. Neu [DIE LINKE]: Das weise ich zurück! Wir haben das Völkerrecht verteidigt!)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Staaten des
westlichen Balkans behalten die europäische Perspek-
tive, und sie brauchen sie auch. Aber es bleibt bei unse-
rer Linie. Deswegen sind die kritischen Anmerkungen
notwendig: Europa ist eine Wertegemeinschaft. Die EU
ist nicht zum Nulltarif zu haben. Es gibt Kriterien, an die
sich alle halten müssen, die den Weg in die Europäische
Union suchen. Es darf und es wird hierbei keine politi-
schen Rabatte geben.





Michael Brand


(A) (C)



(D)(B)

Die deutsche Position ist glasklar: Wer für Korruption
und Verbrechen steht, dem steht die Tür nach Europa
nicht offen. Wer Korruption unterstützt, der kann nicht
auf unsere Unterstützung setzen. Für EU und NATO gilt
auch: Wer die weitere Ausweitung krimineller Struktu-
ren stoppen will, der muss einen klaren Kurs fahren. Wir
müssen und werden uns und andere vor dem politischen
Krebsgeschwür der Korruption und der Kriminalität
schützen. Für das KFOR-Mandat bedeutet dies: Wer die-
jenigen schützen und stärken will, die auf einen echten
Rechtsstaat hinarbeiten, der tritt für die Verlängerung
dieses Mandates ein.


(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, bei aller Kritik an
den Zuständen in vielen Ländern des westlichen Balkans
darf uns eines nicht passieren: Wir dürfen nicht verges-
sen, dass die Ursache für all diese Verwerfungen in den
Angriffskriegen des Regimes von Slobodan Milosevic
und Aggressionen gegenüber den Nachbarländern zu su-
chen sind. – Sie müssen nicht den Kopf schütteln, Herr
Neu. Sie haben ihn nicht einmal erwähnt. Dass Sie ihn
komplett ignorieren, ist unglaublich.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Inge Höger [DIE LINKE]: Das ist Geschichtsklitterung, was Sie da machen!)


Wahr ist auch, dass wir auf dem Weg vom Krieg bis
heute vieles erreicht haben und dies auch stabilisieren
können. Manches ist allerdings nicht konsequent genug
angepackt worden.


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803625600

Kollege Brand, gestatten Sie eine Bemerkung oder

Frage des Kollegen Neu?


Michael Brand (CDU):
Rede ID: ID1803625700

Ich glaube, das nützt nichts mehr. Die Zeit will ich

den anderen Kollegen ersparen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wenn ich davon spreche, was nicht konsequent genug
angepackt worden ist, dann meine ich zum Beispiel ak-
tuelle Probleme im Norden wie die Frage der Struktur
mit den serbischen Gemeindeverbänden, die Bewe-
gungsfreiheit von EULEX und die Unabhängigkeit der
Justiz. Auch ein Mangel an Konsequenz hat zu der ak-
tuellen problematischen Lage der inneren und äußeren
Sicherheit auf dem Balkan beigetragen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir stehen wieder
vor Wahlen. In der Republik Kosovo finden in wenigen
Tagen, am 8. Juni, vorgezogene Neuwahlen statt. Das
Ergebnis und die Auswirkungen auf Rechtsstaat, Zusam-
menarbeit und eine reale europäische Perspektive wer-
den abzuwarten sein. Wer Europa sagt, der muss Europa
auch umsetzen. Dazu zählen Rechtsstaat, Demokratie,
gute Nachbarschaft, Schutz von Minderheiten und an-
dere Kernelemente. Dazu zählt im Übrigen auch, dass
die Regierung für das Volk da ist und nicht dafür, die ei-
genen Taschen zu füllen.


(Beifall des Abg. Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE])


Die neue Regierung in Serbien will einen neuen Kurs
einschlagen. Wir setzen darauf, dass dies trotz der neuen
Nähe Serbiens zu Russland – dabei geht es auch um die
Frage der Sanktionen im Zusammenhang mit der
Ukraine – ein Kurs in Richtung EU bleiben wird.

Eines bleibt mit Blick auf Serbien wie auf Kosovo
klar: Wir dürfen die KFOR-Truppen so lange von dort
nicht abziehen, wie wir nicht die sichere Überzeugung
haben, dass wir nach einem Abzug nicht rasch wieder
zurückmüssen, weil die nächste Krise ausbricht. Die
KFOR bleibt Stabilitätsanker nicht nur für den Kosovo,
sondern auch für die Stabilität auf dem Westbalkan. Dass
KFOR dies nicht alleine leisten kann, liegt auf der Hand.
Die Politik ist gefragt. Für die Zukunft brauchen wir für
den Kosovo ein besseres, kohärentes Konzept aus Si-
cherheitspolitik, wirtschaftlicher Entwicklung und einer
Perspektive in Richtung Europa. Nur so kann der noch
weite Weg gelingen, diese Region, die mehrfach Aus-
gangspunkt schwerer europäischer Krisen und Kriege
war, dauerhaft zu stabilisieren.

Ich danke der Bundesregierung, insbesondere unserer
Verteidigungsministerin, und vor allem den Soldatinnen
und Soldaten dafür, dass sie einen viel wichtigeren
Dienst tun, als es den allermeisten vielleicht bewusst ist.

Ich sehe, Frau Präsidentin, dass meine Redezeit abge-
laufen ist. Zum Schluss will ich noch eines loswerden:
Wenn man über den Balkan spricht, dann will ich die
akute große Flutkatastrophe dort nicht unerwähnt lassen.
Die Schäden in Serbien werden auf über 1 Milliarde
Euro, die in Bosnien-Herzegowina auf über 3 Milliarden
Euro geschätzt. Ich habe heute Gespräche mit Vertretern
von Luftfahrt ohne Grenzen und der Aktion Deutschland
Hilft geführt. Wir brauchen viele Spender und viel Un-
terstützung, vor allem jetzt bei der Nothilfe.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Auch beim Räumen der gefährlichen Landminen, die in
die Städte und Dörfer geschwemmt worden sind, sollten
wir rasch und massiv helfen. Wir erkennen, dass die
Helfer und die Bürokratie dort mit dem Ausmaß der Ka-
tastrophe völlig überfordert sind. Vieles findet nicht den
Einzug in unsere Nachrichtensendungen und Zeitungen.
Umso mehr sollten wir rasch unterstützen, und zwar in
technischer, organisatorischer und finanzieller Hinsicht.
Wir haben die Kenntnisse, und wir wären auch herzlich
willkommen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] – Dr. Alexander S. Neu [DIE LINKE]: Das ist mal ein Wort!)







(A) (C)



(D)(B)


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803625800

So wichtig der letzte Abschnitt auch war, der offen-

sichtlich auf Zustimmung bei allen Fraktionen des Hau-
ses gestoßen ist,


(Beifall bei der LINKEN)


bitte ich trotz alledem, in Zukunft zu berücksichtigen,
dass die Ankündigung des Schlusses einer Rede nicht
den Schlusspunkt ersetzt.

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird die Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 18/1415 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
verstanden? – Das ist der Fall. Dann ist die Überweisung
so beschlossen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 11 auf:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Susanna
Karawanskij, Kerstin Kassner, Klaus Ernst, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE

Gemeindewirtschaftsteuer einführen – Kom-
munalfinanzen stärken

Drucksache 18/1094
Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)

Innenausschuss

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 25 Minuten vorgesehen. – Ich höre
keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat die Kolle-
gin Susanna Karawanskij für die Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Susanna Karawanskij (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803625900

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kollegin-

nen und Kollegen! Liebe Gäste! Die finanzielle Situation
vieler Kommunen ist katastrophal. Das hohe Niveau der
Aufnahme kurzfristiger Kredite, also von Kassenkredi-
ten, das derzeit bei 48 Milliarden Euro liegt und nur der
Deckung laufender Kosten, aber nicht der Finanzierung
von Investitionen dient, spiegelt die Situation vieler
Kommunen treffend wider. Es besteht dringender
Handlungsbedarf. Das KfW-Kommunalpanel, das vor
wenigen Tagen erschienen ist, zeigt auf, dass der Investi-
tionsstau noch immer riesig ist.

Während manche strukturstarke Kommunen zuletzt
tatsächlich mehr Steuern eingenommen haben, befinden
sich finanzschwache Kommunen in einem Teufelskreis.
Darüber können auch die aktuellen Steuerschätzungen
nicht hinwegtäuschen. Die Kommunen werden in einem
allgemeinen Kürzungswahn gezwungen, immer weiter
ihre Schulden abzubauen, wodurch jedoch die Investitio-
nen komplett brachliegen und die öffentliche Infrastruk-
tur Schritt für Schritt verrottet. Dadurch wird in den
Kommunen jegliches Wirtschaftswachstum abgewürgt.
Höhere Steuereinnahmen bleiben dann aus, und die Ver-
schuldung kann ebenfalls nicht abgebaut werden. Ein
Übriges leistet dann noch die unsägliche Schulden-
bremse. Das alles führt zu einem stärkeren Auseinander-
driften von reichen und armen Kommunen, die an der
Wand stehen. Genau das muss ein Ende haben.


(Beifall bei der LINKEN)


Wir brauchen eine Stärkung der Kommunalfinanzen,
damit nicht nur die Pflichtaufgaben, sondern auch die
freiwilligen Aufgaben der Kommunen erfüllt werden
können. Neben einer Soforthilfe für Kommunen, die wir
als kommunale Investitionspauschale in Höhe von über
3 Milliarden Euro fordern, brauchen die Kommunen
mittelfristig und langfristig stabile und höhere Einnah-
men. Zur Stärkung dieser haben wir einen Antrag vorge-
legt, der die Weiterentwicklung der Gewerbesteuer zu ei-
ner Gemeindewirtschaftsteuer vorsieht. Wir wollen die
Gewerbesteuerumlage an den Bund als Sofortmaßnahme
umgehend einstellen und dann sukzessive den Anteil an
die Länder bis Ende 2019 abschaffen. Damit würde die
Gemeindewirtschaftsteuer vollständig zu einer reinen
Kommunalsteuer. Das ist gut für die kommunalen Haus-
halte, und das sind wir unseren Kommunen, in denen wir
alle schließlich leben, auch schuldig.


(Beifall bei der LINKEN)


Gehen wir ins Detail. Drei Aspekte sind uns bei der
Gemeindewirtschaftsteuer wichtig. Zum einen wird die
Last der Gewerbesteuer auf mehr Schultern verteilt;
denn alle unternehmerisch Tätigen mit der Absicht, Ge-
winn zu erzielen, sollen einbezogen werden. Das betrifft
beispielsweise die Freiberufler. Des Weiteren wollen wir
die Bemessungsgrundlage verbreitern. Dabei berück-
sichtigen wir auch die Belange von Kleinunternehmerin-
nen und Kleinunternehmern und Existenzgründern, was
bedeutet, dass die Schuldzinsen von nun an dazugerech-
net werden. Mieten und Pachten sind gleichfalls in voller
Höhe zu berücksichtigen. Gewinne und Verluste müss-
ten dann in der Entstehungsperiode zeitnah geltend ge-
macht werden, damit eine Kleinrechnung von Gewinnen
unterbunden wird; denn wir Linke wollen die Steuer-
schlupflöcher für Unternehmen nicht öffnen, sondern
schließen.


(Beifall bei der LINKEN)


Schließlich wollen wir angemessene Freibeträge für
Kleinunternehmerinnen und Kleinunternehmer und
Existenzgründer, um die Steuerbelastung zu mindern
und um vor allen Dingen eine Substanzbesteuerung zu
vermeiden.

Wir brauchen solide Finanzen für die Kommunen.
Ein erster wichtiger Schritt dahin ist die Gemeinde-
wirtschaftsteuer. Geschlossene Büchereien, verrottende
Theater oder auch Schwimmbäder, Straßen als Buckel-
pisten – das geht alle Bürgerinnen und Bürger an. Wer
sich für die Kommunen einsetzen will, wer sich für die
Menschen in den Kommunen einsetzen will, muss unse-
rem Antrag zustimmen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der LINKEN)







(A) (C)



(D)(B)


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803626000

Das Wort hat der Kollege Matthias Hauer für die

CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Matthias Hauer (CDU):
Rede ID: ID1803626100

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Mit Ihrem Antrag haben Sie von der Linksfrak-
tion ganz tief in die politische Mottenkiste gegriffen.


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Niemals!)


Sie präsentieren uns heute einen veralteten Antrag.


(Susanna Karawanskij [DIE LINKE]: Er ist immer noch richtig!)


Er ist vier Jahre alt, wurde damals nahezu wortgleich ge-
stellt und aus guten Gründen schon 2010 vom 17. Deut-
schen Bundestag abgelehnt. Ich sage Ihnen schon einmal
eines voraus: Auch die Neuauflage heute wird scheitern;
denn Ihr Antrag bedeutet nichts anderes als eine massive
Steuererhöhung für den Mittelstand, und das wird es mit
dieser Bundesregierung nicht geben.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Carsten Sieling [SPD])


Sie wollen, dass Freiberufler Ihre Gemeindewirt-
schaftsteuer zahlen; Sie wollen also eine neue Steuer zu-
lasten von Freiberuflern. Sie wollen, dass der Mittel-
stand durch eine veränderte Bemessungsgrundlage
stärker belastet wird. Sie wollen also höhere Steuern
auch für andere Selbstständige. Ich sage Ihnen sehr deut-
lich: Wir wollen das nicht. Ihre Pläne führen zu einer
existenzgefährdenden Substanzbesteuerung. Wenn Sie
dem Mittelstand die Luft zum Atmen nehmen, dann
treiben Sie Unternehmen in die Pleite. Sinkende Steuer-
einnahmen, steigende Arbeitslosigkeit – das ist die Kon-
sequenz Ihres Antrags.

Ihr Antrag ist aber nicht nur inhaltlich falsch, er ist
auch handwerklich schlecht. Sie fordern die Abschaf-
fung der Gewerbesteuerumlage. Davon würden jedoch
die Kommunen profitieren, die ohnehin schon ein hohes
Gewerbesteueraufkommen haben. Gerade den finanz-
schwachen Kommunen, denen wir alle helfen wollen,
würden Sie mit dieser Maßnahme nicht helfen. Die in
Ihrem Antrag beklagte Ungleichentwicklung zwischen
armen und reichen Kommunen würde sich dadurch so-
gar noch verstärken.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Der Bund hat in den vergangenen Jahren massive
Anstrengungen unternommen, um die Finanzkraft aller
Kommunen zu stärken. Die schwarz-gelbe Bundesregie-
rung hat mit der Übernahme der Kosten der Grundsiche-
rung die größte Kommunalentlastung in der Geschichte
der Bundesrepublik Deutschland umgesetzt. Allein im
Zeitraum 2012 bis 2016 ist das eine Entlastung von
knapp 20 Milliarden Euro. Von dieser Übernahme profi-
tieren insbesondere die finanzschwachen Kommunen.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Diesen Weg der konsequenten Kommunalentlastung
geht die Große Koalition weiter. Beispielsweise wird der
Bund die Kommunen mit dem Bundesteilhabegesetz um
5 Milliarden Euro jährlich entlasten. Bereits vor der Ver-
abschiedung des Gesetzes wird mit einer Entlastung von
jährlich 1 Milliarde Euro begonnen. Insgesamt profitie-
ren die Kommunen allein im Jahr 2014 direkt oder indi-
rekt von den Entlastungen durch den Bund in einer Höhe
von 22,3 Milliarden Euro. Zumindest das hätten Sie von
der Linksfraktion in Ihrem Antrag berücksichtigen müs-
sen.

Wir dürfen eines nicht übersehen: Die Finanzlage der
Kommunen in Deutschland ist sehr unterschiedlich.
Während im letzten Jahr die Kommunen insgesamt
einen positiven Finanzierungssaldo von etwa 1,1 Mil-
liarden Euro aufweisen konnten, stehen einige Kommu-
nen buchstäblich mit dem Rücken zur Wand.

In den Städten Nordrhein-Westfalens ist die Lage be-
sonders dramatisch. Ich betone das; denn ich komme aus
Nordrhein-Westfalen. Die sechs Städte mit der höchsten
Gesamtverschuldung in Deutschland liegen allesamt in
Nordrhein-Westfalen. Fast die Hälfte aller Gemeinden in
Nordrhein-Westfalen, genauer gesagt: 177 von 396 Ge-
meinden, befindet sich in einer Haushaltsnotlage, Ten-
denz steigend. Beispielsweise drohte meiner Heimat-
stadt noch vor einigen Jahren der vollständige Verzehr
des Eigenkapitals. Auch wenn ein breites Parteienbünd-
nis vor Ort mit klugen Entscheidungen dafür gesorgt hat,
dass Essen heute erstmals seit 1982 keine neuen Schul-
den mehr macht, belasten uns die Altschulden weiterhin
massiv.

Vor allem der zunehmende Anteil der Kassenkredite,
also sozusagen der Dispokredit der Kommunen – Frau
Karawanskij, das haben Sie schon erwähnt –, bereitet mir
große Sorgen. Ein Problem ist, dass diese Kassenkredite
eben nicht an Investitionsausgaben geknüpft sind und dass
eine mögliche Erhöhung der Zinssätze wie ein Damokles-
schwert über den Kommunen schwebt. Die Kommunen in
Nordrhein-Westfalen haben – das sei noch erwähnt –
mehr Kassenkredite aufgenommen als alle anderen Kom-
munen in allen anderen Bundesländern zusammen.

Es ist auch kein Zufall, dass vor allem Kommunen in
Nordrhein-Westfalen betroffen sind. NRW hat den
höchsten Kommunalisierungsgrad in ganz Deutschland.
Das heißt, nirgendwo anders werden so viele Aufgaben
und damit auch so viele Ausgaben vom Land auf die
Kommunen übertragen. Diesem hohen Kommunalisie-
rungsgrad steht gerade in Nordrhein-Westfalen leider ein
völlig unzureichender kommunaler Finanzausgleich
durch das Land gegenüber. Hier muss das Land endlich
seiner Verantwortung gerecht werden; denn es ist Auf-
gabe des jeweiligen Bundeslandes, für eine angemessene
finanzielle Ausstattung der Kommunen zu sorgen. So
könnte den notleidenden Kommunen tatsächlich gehol-
fen werden.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ich komme nun zum Schluss. Der Bund leistet trotz
der klaren Länderzuständigkeit einen wichtigen Beitrag
zur finanziellen Stärkung der Kommunen. Diesen Weg





Matthias Hauer


(A) (C)



(D)(B)

muss der Bund weiterhin gehen. Der Antrag der Links-
fraktion nutzt den finanzschwachen Kommunen hinge-
gen überhaupt nichts. Er führt stattdessen zur Belastung
des Bundeshaushalts. Er gängelt den Mittelstand mit hö-
heren Steuern. Deshalb gehört dieser Antrag dahin, wo
er herkommt: in die politische Mottenkiste, verbunden
mit der Hoffnung, dass Sie uns diesen Antrag in vier
Jahren nicht erneut vorlegen.


(Zuruf von der LINKEN: Vorher schon!)


Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803626200

Kollege Hauer, das war Ihre erste Rede im Deutschen

Bundestag. Ich wünsche Ihnen im Namen des gesamten
Hauses viel Erfolg für Ihre Arbeit.


(Beifall)


Das Wort hat die Kollegin Britta Haßelmann für die
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.


Britta Haßelmann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803626300

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und

Herren Besucherinnen und Besucher! Liebe Kolleginnen
und Kollegen! Es ist gut, wenn wir im Deutschen Bun-
destag Gelegenheiten finden, uns mit dem Thema Kom-
munalfinanzen zu befassen. Herr Hauer, viele machen es
sich ein bisschen zu einfach, insbesondere Sie. Ich habe
Ihnen während Ihrer Rede keine Zwischenfrage gestellt,
und ich habe auch nicht dazwischengerufen; denn es war
Ihre erste Rede. Herzlichen Glückwunsch! Aber zu sa-
gen, das sei alles Ländersache, ist ein bisschen zu ein-
fach. Da machen Sie sich einen schlanken Fuß.

Wir, der Bund, haben eine Verantwortung für die
Kommunen. Es gibt viele Bundesleistungsgesetze, für
die der Bund nicht ausreichend finanzielle Verantwor-
tung trägt, was sich in den Kommunen widerspiegelt.
Wir müssten in diesem Parlament längst eine Debatte
darüber führen. Ihre Analyse greift wirklich zu kurz.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Stichwort „Eingliederungshilfe“: Ein Bundesleis-
tungsgesetz mit einem Bundesteilhabegeld müsste auf
den Weg gebracht werden. Für die Eingliederungshilfe
werden im Moment bundesweit rund 13 Milliarden Euro
ausgegeben. Diese Hilfe wird zum Beispiel in Nord-
rhein-Westfalen zu 100 Prozent von den Kommunen fi-
nanziert. Auch in vielen anderen Bundesländern ist das
eine kommunale Leistung. Daran sehen wir doch ganz
eindeutig, dass für die in dem entsprechenden Bundesge-
setz verankerten Leistungen, die jedem Menschen mit
einer Behinderung zustehen, nicht die Kommunen die fi-
nanzielle Verantwortung übernehmen sollten; hier ist
vielmehr der Bund in der Pflicht. Ich finde es ziemlich
abenteuerlich und eigentlich auch ein Stück weit erbärm-
lich, dass Schwarz-Rot gesagt hat: Ab 2018 entlastet der
Bund die Kommunen um 5 Milliarden Euro. Das war im
Fiskalpakt mit den Ländern anders vereinbart. Allein an
diesem einen Bundesleistungsgesetz zeigt sich ganz
deutlich, wie wichtig die Frage der Verantwortung des
Bundes für die Kommunen ist. Daran gibt es nichts he-
rumzureden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Ein zweiter Punkt. Gerade in Bezug auf Nordrhein-
Westfalen wollen wir daran denken, dass wir mehrere
Verfassungsgerichtsurteile haben, die die schwarz-gelbe
Landesregierung leider ausgelöst hat.


(Ralph Brinkhaus [CDU/CSU]: Frau Haßelmann, Sie haben die Verfassung gebrochen! Verfassungsbrecher!)


Wir haben allein in den letzten drei Jahren in Nordrhein-
Westfalen – um da einmal für Klarheit zu sorgen – über
300 Millionen Euro zusätzlich an die Kommunen gege-
ben. Die hatten Sie den Kommunen entzogen. So sieht es
auch republikweit aus.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Linken, es
geht heute um Ihren Antrag. Deshalb will ich zum
Thema Gewerbesteuer auch noch etwas sagen. In der
Tat, auch wir glauben, dass die Weiterentwicklung der
Gewerbesteuer zu einer kommunalen Wirtschaftssteuer
sinnvoll und richtig ist. Es geht hier um die Frage: Wie
können wir Bemessungsgrundlagen verbreitern? Wie
können wir die Einnahmen verstetigen? Richtig und
wichtig ist, darüber zu diskutieren. Das werden wir im
Folgenden im Fachausschuss tun.

Ich glaube, dass der Ansatz mit der Gewerbesteuer-
umlage ziemlich kompliziert ist. Den teilen wir in der
Sache so nicht. Bei dem Verteilungsmechanismus zwi-
schen Bund, Ländern und Kommunen müssten wir dann
natürlich sehr schnell auch über die Einkommensteuer
reden. Deshalb müssen wir mit sehr großer Vorsicht dar-
angehen.

Insbesondere in Bezug auf die Kommunen mit Kassen-
krediten und die notleidenden Kommunen muss man Fol-
gendes sehen: Die Disparität der Kommunen – Herr
Hauer, da hatten Sie recht – ist sehr groß. Es gibt arme
Kommunen, es gibt reiche Kommunen. Es gibt einen
Überschuss von 1,7 Milliarden Euro, der sich aber sehr
ungleichmäßig verteilt. Zeitgleich gibt es eine Steigerung
der Kassenkredite. Das zeigt schon, wie schwierig und
wie unterschiedlich die Lage der Kommunen ist. Ich
glaube, ein Schlüssel bei der Frage der Entlastung der
Kommunen ist das Thema „soziale Kosten“, und zwar
viel eher als das Thema „Weiterentwicklung der Gewer-
besteuer“. Darauf müssen wir jetzt auch als Bund den Fo-
kus legen. Wir sind dazu bereit. Wir sind gespannt, wann
Sie endlich bereit sind, die Zusagen an die Kommunen
einzulösen, die Sie in Ihrem Koalitionsvertrag gemacht
haben.

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)







(A) (C)



(D)(B)


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803626400

Das Wort hat der Kollege Bernhard Daldrup für die

SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Bernhard Daldrup (SPD):
Rede ID: ID1803626500

Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und Kol-

legen! Frau Karawanskij, Sie haben gesagt: Wer etwas
für die Menschen tun will, muss unserem Antrag zustim-
men. – Das ist nicht gerade bescheiden. Wir wollen et-
was für die Menschen tun. Deswegen werden wir Ihrem
Antrag nicht zustimmen. Ich werde Ihnen auch sagen,
warum das so ist.

Wir haben zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Reihe
von Befunden und Analysen, die die dramatische Situa-
tion vieler Kommunen in Deutschland darstellen und be-
weisen.


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Was tun Sie?)


Sie haben das KfW-Kommunalpanel genannt. Wir haben
die Kommunalfinanzberichte der Spitzenverbände. Wir
haben Kommunalstudien von Ernst & Young, von
Bertelsmann. Kurzum: Es ist durchaus interessant, kurz
vor den Kommunalwahlen in neun Bundesländern das
Thema hier noch einmal aufzugreifen; wir haben jeden-
falls nichts dagegen.

Die rasant gestiegenen Sozialausgaben – in 2014 bei-
spielsweise werden es etwa 50 Milliarden Euro sein – set-
zen die Kommunen unter enormen Druck; das ist zutref-
fend. Die massive Ausweitung von Kassenkrediten – Frau
Haßelmann hat das angesprochen; Herr Hauer, Sie haben
es auch erwähnt –, nämlich 48 Milliarden Euro zum ge-
genwärtigen Zeitpunkt zur Finanzierung laufender Ausga-
ben, ist in der Tat ein Problem, das viele Kommunen in
eine sogenannte Vergeblichkeitsfalle führt. Damit ist ge-
meint: wachsende Verschuldung trotz größter kommuna-
ler Sparanstrengungen, kein Spielraum für Investitionen.
Das alles ist hier dargestellt worden. Der Investitionsstau
– Sie haben gesehen: er wird etwas geringer – ist mit 128
Milliarden Euro schon noch dramatisch. Dort, wo er ab-
gebaut wird, handelt es sich um einzelne Kommunen,
deren Finanzlage besser ist.

Ich komme damit zu einem Kernproblem der Kom-
munalfinanzen in der Bundesrepublik Deutschland: Die
Schere zwischen den vermeintlich reichen Kommunen
– es fällt mir immer noch schwer, von „reichen Kommu-
nen“ zu reden – und den tatsächlich armen Kommunen
in der Bundesrepublik Deutschland geht immer weiter
auseinander – in sehr unterschiedlichen Bundesländern
im Übrigen; ich komme auch gern noch auf Nordrhein-
Westfalen zu sprechen. Dieser Sachverhalt muss uns
wichtig sein, weil das nicht nur den verfassungsrechtli-
chen Grundsatz der Gleichwertigkeit von Lebensverhält-
nissen verletzt, weil das nicht nur ein Problem für die in-
stitutionelle Garantie der kommunalen Selbstverwaltung
im Grundgesetz ist, sondern – jetzt wende ich mich auch
an andere Fachpolitiker, an Wirtschaftspolitiker bei-
spielsweise – weil das auch für den Wirtschaftsstandort
insgesamt bedrohlich ist.

(Beifall bei der SPD)


Denn es ist nicht nur eine Frage der Nähe zu den Absatz-
märkten, sondern auch der technischen, sozialen und
kulturellen Infrastruktur, die heutzutage als Standortfak-
tor von elementrarer Bedeutung ist. Vor dem Hinter-
grund, dass die freiwilligen Leistungen immer weiter zu-
sammengestrichen werden und die Attraktivität immer
weiter nachlässt, kann ich Ihnen sagen: Trostlosigkeit in
einer Stadt ist kein Standortfaktor. Insofern sind wir alle
gefordert, uns mit dieser Fragestellung zu befassen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Hier wird dann oft über die Verantwortung der Länder
gesprochen. Dem Grunde nach haben wir da wahr-
scheinlich keinen Dissens. Ich komme auch aus Nord-
rhein-Westfalen. Herr Hauer, Sie sind nicht so ganz auf
der Höhe der Zeit mit Ihrer Darstellung, was die Fragen
der Wirkungen des Stärkungspaktes angeht. Ich will ja
im Einzelnen gar keine NRW-Debatte führen; aber ich
kann mich noch gut daran erinnern, als die Regierung
den Kommunen beispielsweise die Beteiligung an der
Grunderwerbsteuer komplett gestrichen hat. Das machte
pro Jahr ungefähr 160 Millionen Euro aus. Die Kommu-
nen wurden zur Sanierung des Landeshaushaltes heran-
gezogen. Das machte jährlich ungefähr 140 Millionen
Euro aus. Es gab eine verfassungswidrige Abrechnung
der Einheitslasten. Das machte ungefähr 800 Millionen
Euro aus. Die finanziellen Probleme vieler Kommunen
in Nordrhein-Westfalen haben sich in dieser Zeit drama-
tisch verschlechtert. Dieser Weg, den seinerzeit die Re-
gierung von Jürgen Rüttgers eingeschlagen hat, ist unter
der Regierung von Hannelore Kraft deutlich verlassen
worden.


(Beifall bei der SPD – Widerspruch des Abg. Ralph Brinkhaus [CDU/CSU])


– Herr Brinkhaus, das ist doch die Wahrheit. Meine
Güte, ich will doch gar nicht opponieren.


(Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Die CDU freut sich! Das freut uns!)


Aber die kommunale Finanzlage ist in vielen Städten
immer noch dramatisch. Ich hatte in der letzten kommu-
nalpolitischen Debatte auf eine Reihe anderer Städte aus
Hessen und anderen Ländern hingewiesen. Aber warum
sage ich das eigentlich? Liebe Kolleginnen und Kolle-
gen, wenn mittlerweile acht Bundesländer – acht Bun-
desländer – kommunale Rettungsschirme aufspannen,
Stärkungspakte beschließen, Entschuldungsfonds ein-
richten, dann sollten wir uns meines Erachtens dem Pro-
blem zuwenden.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Ich finde, diese Koalition wendet sich dem Problem zu.
Das will ich erläutern.

Erster Punkt. Die Investitionskraft wird gestärkt mit
700 Millionen Euro für die Städtebauförderung und In-
vestitionen in Verkehrsinfrastruktur, Kitas, Bildung,





Bernhard Daldrup


(A) (C)



(D)(B)

Hochschulen im Umfang von 11 Milliarden Euro. Das
hilft auch den Kommunen.

Zweiter Punkt. Die Kosten der Grundsicherung im
Alter werden vollständig übernommen. Das ist ein Er-
gebnis der Verhandlungen im Bundesrat und eine Ge-
meinschaftsleistung, durch die die Kommunen massiv
von einem großen Teil der Soziallasten befreit werden –
eine wichtige Geschichte.


(Beifall bei der SPD)


Dritter Punkt. Durch jeweils 1 Milliarde Euro in 2015
und 2016, die wir zielgerichtet am besten in der Erhö-
hung des Bundesanteils an den Kosten der Unterkunft
eingesetzt sehen, werden auch die Kommunen weiter
entlastet. Das parlamentarische Verfahren im Unteraus-
schuss Kommunales – Herr Liebing hat darauf hinge-
wiesen – steht ja noch bevor.

Vierter Punkt. Ein modernes Bundesleistungsgesetz,
Frau Haßelmann, das auch die Kommunen um 5 Milliar-
den Euro jährlich entlasten soll, ist ein entscheidender
Schritt. Unser Ziel bleibt es, diese Entlastung auch noch
in 2017 wirksam werden zu lassen.


(Beifall bei der SPD)


Diese Vereinbarungen des Koalitionsvertrages sind
Fortschritte für die Städte und Gemeinden, weil konzep-
tionell – das unterscheidet uns – die Entlastung der
Kommunen mit den ständig steigenden Sozialausgaben
verknüpft wird. Es geht nicht einfach nur um mehr Geld,
sondern auch um die Fragestellung: Wie kann man
Kommunen entlasten und gleichzeitig das Problem
wachsender Sozialausgaben thematisieren? Das ist ein,
glaube ich, wichtiger und entscheidender Unterschied,
den ich hier ansprechen will. Ich empfehle übrigens die
aktuelle Studie von Hans Eichel und anderen zur Neu-
ordnung der Bund-Länder-Finanzbeziehungen, die ge-
nau an diese Fragestellung anknüpft. Damit werden wir
uns aber in der Zukunft befassen.

Jetzt will ich noch ein paar Bemerkungen machen, die
Ihren Antrag zur Gewerbesteuer betreffen, Frau
Karawanskij.

Erstens. Die Koalition stellt die Gewerbesteuer nicht
zur Disposition. Das ist eine ganz wichtige Feststellung.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Ingbert Liebing [CDU/CSU])


Zweitens. Sie plädieren in Ihrem Antrag im Kern für
das Kommunalmodell des Städtetages; Herr Hauer hat
darauf hingewiesen. Wir müssen für ein solches Modell,
glaube ich, noch ziemlich viel Überzeugungsarbeit leis-
ten – Sie übrigens auch. Ich bin gestern bei der Anhö-
rung im Tourismusausschuss gewesen. Da ging es um
die gewerbesteuerrechtliche Hinzurechnung für den Ho-
teleinkauf. Mit Ihrem Antrag wollen Sie diese Möglich-
keit sogar noch erweitern. Ich hatte nicht den Eindruck,
dass Ihre Position dort fragend oder fordernd einge-
bracht worden wäre; ganz im Gegenteil. Erkundigen Sie
sich einmal! Eine Debatte und eine Klärung, die Sie
selbst bei sich herbeiführen müssen, scheint mir da
wichtig zu sein.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Drittens. Die Gewerbesteuerumlage ist in den 60er-
Jahren eingeführt worden mit der Zielsetzung – ohne es
mit Blick auf die Zeit hier im Detail darzustellen –: Ver-
stetigung der Einnahmen und weniger Konjunkturanfäl-
ligkeit. Das waren die Ziele bei der Einführung der Ge-
werbesteuerumlage. Diese Ziele waren und sind richtig.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie der Abg. Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Deswegen ist es völlig falsch, die Gewerbesteuerumlage
abzuschaffen; denn wenn man sie abschafft – das will
ich an dieser Stelle sagen –, schafft man ein flexibles In-
strument des Finanzausgleichs zwischen Bund, Ländern
und Kommunen ab, beschädigt damit das Gleichgewicht
des Finanzausgleichs und gefährdet das Interesse von
Bund und Ländern am Erhalt der Gewerbesteuer. Das
sollten Sie nicht voranbringen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/ CSU)


Weiter potenziert man die Abhängigkeit der Kommunen
von einzelnen starken Gewerbesteuerzahlern.

Besonders problematisch an Ihrem Antrag ist, dass
die Vorteilsnehmer Ihres Vorschlags die reicheren Kom-
munen wären und nicht die ärmeren. Das heißt mit ande-
ren Worten: Das ist ein Aufruf zum interkommunalen
Gewerbesteuerdumping. Das können Sie nicht wollen!


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Mit anderen Worten: Ihr Antrag geht eigentlich an der
Sache bzw. an dem Ziel, das Sie damit erreichen wollen,
vorbei. Deswegen lehnen wir ihn auch ab.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803626600

Danke, Herr Kollege. – Ich darf Sie recht herzlich be-

grüßen und Ihnen einen schönen Abend wünschen. Jetzt
kommt die letzte Runde. Schauen wir mal!


(Zurufe von der CDU/CSU)


– Ja, die letzten zweieinhalb bis fünf Stunden heute
Abend und meine letzte Runde.

Wir sind also noch lange nicht fertig und haben noch
sehr viel spannende Themen auf der Tagesordnung.
Diese Runde wird von Ingbert Liebing von der CDU/
CSU-Fraktion abgeschlossen.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Ingbert Liebing (CDU):
Rede ID: ID1803626700

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Das Thema der Gewerbesteuer oder einer Gemeindewirt-
schaftsteuer ist – darauf hat der Kollege Hauer zu Recht
hingewiesen – überhaupt kein neues Thema. Darüber wird
schon seit über zehn Jahren diskutiert.





Ingbert Liebing


(A) (C)



(D)(B)


(Susanna Karawanskij [DIE LINKE]: Deswegen ist es immer wieder wichtig!)


Auch in der vergangenen Wahlperiode haben wir die
Problematik einer hohen Konjunkturanfälligkeit der Ge-
werbesteuer diskutiert und andere Alternativen in die
Diskussion geworfen, wie wir mehr Stabilität und Konti-
nuität in die Steuereinnahmen der Kommunen hineinbe-
kommen können.

Wir haben aber feststellen müssen, dass die Vor-
schläge auch in der kommunalen Familie untereinander
schwer konsensfähig sind. Und wir sind auch schon in
der vergangenen Wahlperiode dem Grundsatz gefolgt,
dass wir bei der Gewerbesteuer keine Veränderungen ge-
gen die Kommunen vornehmen. So ist es bei der Gewer-
besteuer geblieben, und damit verbunden auch bei der
Problematik einer hohen Konjunkturanfälligkeit.

Wenn wir uns aber die Entwicklung der Einnahmen
aus der Gewerbesteuer anschauen, müssen wir heute im
Ergebnis feststellen, dass sie Höchststände erreicht. In-
nerhalb der vergangenen zehn Jahre gab es eine Verdop-
pelung der kommunalen Steuereinnahmen durch die Ge-
werbesteuer. Dies ist eine gute Entwicklung.


(Dr. Carsten Sieling [SPD]: Ja!)


Die Tiefststände hatten wir – Frau Haßelmann, daran
darf ich Sie wegen Ihres Rundumschlages von vorhin er-
innern – im Übrigen vor zehn Jahren, als Rot-Grün re-
gierte. Das waren Zeiten, als Sie mit in der Regierung
gewesen sind und die Verantwortung dafür getragen ha-
ben, dass ein Gesetz über die Grundsicherung im Alter
eingeführt wurde, für dessen Bezahlung Sie die Rech-
nung an die Kommunen geschickt haben, während Sie
sich quer durch die Republik dafür haben feiern lassen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Mit dieser Politik haben wir in der vergangenen Wahlpe-
riode aufgeräumt. Wir haben seitens des Bundes diese
Aufgabe übernommen und die Kommunen in der Grö-
ßenordnung von 5 Milliarden Euro entlastet. Das war
gute Politik für die Kommunen, die in genauem Gegen-
satz zu der steht, die Sie zu verantworten haben.


(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Carsten Sieling [SPD]: Das war ein doppelter Rittberger!)


Da wir bei der Gewerbesteuer eine Entwicklung hin
zu Höchstständen haben – im vergangenen Jahr hatten
die kommunalen Kassen über 32 Milliarden Euro Ein-
nahmen aus der Gewerbesteuer –, verbietet es sich gera-
dezu, eine Diskussion über weitere Erhöhungen bei die-
ser Steuer zu führen. Nichts anderes ist das, was Sie,
Frau Karawanskij, im Antrag Ihrer Fraktion hier vorge-
legt haben.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Das ist durch die gerade vorgetragenen Erläuterungen des
Kollegen Hauer deutlich geworden. Sie wollen die Be-
messungsgrundlage verbreitern und neue Steuerpflichtige
einbeziehen. Das ist nichts anderes als Steuererhöhung.


(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Wir senken den Steuersatz!)

Wes Geistes Kind Sie sind, macht Ihr Antrag deutlich,
in dem es heißt, dass der auf den Kommunen lastende
Kürzungsdruck erhöht werde und das den Spielraum ein-
enge, sich zu verschulden.


(Susanna Karawanskij [DIE LINKE]: Nicht zu verschulden! Zu investieren!)


Sie beklagen also, dass der Spielraum, sich zu verschul-
den, enger wird. Des Weiteren haben Sie von der „un-
säglichen Schuldenbremse“ gesprochen. Sie reden über
die Schuldenbremse, als sei sie ein Problem.


(Susanna Karawanskij [DIE LINKE]: Natürlich!)


Dabei ist nicht die Schuldenbremse das Problem, son-
dern das Problem ist, dass Sie über Jahrzehnte hinweg
eine falsche Politik und viele andere in der Republik und
auch wir alle miteinander auf Bundesebene eine Politik
der Verschuldung betrieben haben. Aber die Schulden-
bremse ist nicht das Problem, sondern Teil der Lösung
dieses Problems. Wir müssen mit der Verschuldungs-
politik Schluss machen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Wes Geistes Kind Ihr Antrag ist, zeigt sich also daran,
dass Sie an der Politik der Verschuldung festhalten und
Ihnen für die Lösung der Probleme nichts anderes ein-
fällt, als über Schulden zu reden und für höhere Steuern
zu werben. Beides sind die falschen Rezepte zur Lösung
der Probleme, vor denen wir stehen. Nehmen wir das
Beispiel der gestiegenen Gewerbesteuereinnahmen: Die
höheren Steuereinnahmen bei den Kommunen sind doch
nicht durch Steuererhöhungen zustande gekommen, son-
dern dadurch, dass wir mit kluger Politik wirtschaftliche
Dynamik ausgelöst haben, dass wir eine Konjunktur un-
ter Dampf haben. Dadurch kommen mehr Steuern in die
Kassen. Davon profitieren wir auf Bundesebene, davon
profitieren wir in den Ländern, und davon profitieren
auch die Kommunen.


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Ihr seid einfach toll!)


Nichts ist so gut für unsere Kommunen wie eine
solide Wirtschaftspolitik, eine stabile Politik, die für
Wachstum und Beschäftigung sorgt und dadurch wieder
für steigende Steuereinnahmen in den Kommunen. Diese
Politik wollen wir fortsetzen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Bernhard Daldrup [SPD])


Dem widerspricht Ihr Antrag. Deswegen werden wir Ih-
ren Antrag im Ausschuss und in der abschließenden Be-
ratung nicht mittragen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803626800

Vielen Dank, Herr Kollege.





Vizepräsidentin Claudia Roth


(A) (C)



(D)(B)

Damit schließe ich die Aussprache zu diesem Tages-
ordnungspunkt.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 18/1094 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
verstanden? – Das ist offensichtlich der Fall. Dann ist
die Überweisung so beschlossen.

Ich bitte diejenigen, die den nächsten Tagesordnungs-
punkt nicht mit bestreiten wollen, die Plätze zu wech-
seln.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 12 auf:

Zweite und dritte Beratung des von der Bundes-
regierung eingebrachten Entwurfs eines Geset-
zes zur Durchführung der Direktzahlungen
an Inhaber landwirtschaftlicher Betriebe im
Rahmen von Stützungsregelungen der Ge-

(DirektzahlungenDurchführungsgesetz – DirektZahlDurchfG)


Drucksachen 18/908, 18/1418

Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Ernährung und Landwirtschaft

(10. Ausschuss)


Drucksache 18/1493

Hierzu liegen drei Änderungsanträge der Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen sowie je ein Entschließungsan-
trag der Fraktion Die Linke und der Fraktion Bünd-
nis 90/Die Grünen vor.

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 25 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache und gebe das Wort an
Marlene Mortler für die CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Marlene Mortler (CSU):
Rede ID: ID1803626900

Grüß Gott, Frau Präsidentin!


Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803627000

Grüß Gott, Frau Mortler!


Marlene Mortler (CSU):
Rede ID: ID1803627100

Sie haben mich ganz schön überrascht; denn ich

dachte, ich bin wieder die letzte Rednerin. Jetzt bin ich
die erste Rednerin in dieser Debatte.


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die Letzten werden die Ersten sein, heißt es!)


Aber, ich glaube, wir kriegen es hin.

Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Es gibt leichte
Geburten, es gibt normale Geburten, und es gibt schwere
Geburten.


(Dr. Wilhelm Priesmeier [SPD]: Aber Hauptsache, das Kind ist gesund! – Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Und es gibt Totgeburten!)


Der Abschluss des Direktzahlungen-Durchführungsge-
setzes im Rahmen der GAP, der Gemeinsamen Agrar-
politik, gehört für mich in die Kategorie „Schwergeburt
plus zwei Nachgeburten“.


(Heiterkeit bei der CDU/CSU)


Aber wir haben es geschafft. Deshalb herzlichen Dank
an alle Geburtshelfer. Dazu gehört unser Minister im
Hintergrund. Dazu gehören alle Kolleginnen und Kolle-
gen der Arbeitsgruppe Agrar, eingeschlossen Franz Josef
Jung als unser Vizefraktionsvorsitzender. Dazu gehören
natürlich auch, lieber Wilhelm, die Kolleginnen und
Kollegen der SPD. Liebe Frau Vogt, jetzt sind wir wie-
der gut.


(Willi Brase [SPD]: Überlegen Sie sich gut, was Sie sagen!)


Wir Koalitionäre sind uns einig, dass es anstehende
Gesetze leichter haben sollen. Warum? Es ging und geht
um nichts anderes als das Greening. Dabei war uns allen
von Anfang an klar: Grünland muss Grünland bleiben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Über die Details reden diejenigen, die mehr Redezeit ha-
ben als ich.


(Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Noch mehr? Ihr habt schon so viel!)


Tatsache ist erstens: Wir wollten, dass es in den soge-
nannten umweltsensiblen Gebieten, sprich FFH-Gebie-
ten, Fauna-Flora-Habitat-Gebieten, keinen Grünlandum-
bruch geben darf, und den wird es auch nicht geben, das
heißt: null Prozent.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD – Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Aha!)


Außerhalb der FFH-Gebiete darf Grasland nur dann um-
gebrochen werden, so haben wir beschlossen, wenn
gleichzeitig ein Hektar an der gleichen Stelle oder an-
derswo durch einen anderen Hektar ersetzt, sprich: ange-
sät wird. Liebe Kolleginnen und Kollegen, deshalb noch
einmal: Unter dem Strich muss und wird die Grünland-
fläche immer gleich groß bleiben.

Zweitens: ökologische Vorrangflächen. Ich freue
mich sehr über den Kompromiss, den wir auch hier er-
zielt haben. Warum? Weil wir wollten, dass das Gree-
ning nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Pra-
xis funktioniert.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Was spricht gegen die Verwendung von Wirtschaftsdün-
ger bei Zwischenfrüchten? Nichts. Was spricht gegen die
Düngung von Eiweißpflanzen und einen Pflanzenschutz
nach guter fachlicher Praxis? Nichts.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: „Nichts“? Was? – Friedrich Ostendorff Marlene Mortler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Schon mal was von Naturschutz gehört?)





(A) (C)


(D)(B)


Denn wenn der Bauer sät, dann will er nicht nur ernten;
er weiß auch, dass Eiweißpflanzen Stickstoff binden,
dass sie die einheimische Eiweißversorgung verbessern,
dass sie zusätzlich Bienenweiden bilden. Wir werden
also mit der Annahme des heute vorliegenden Gesetzent-
wurfs einen Mehrwert für Ökologie und Praxis beschlie-
ßen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Mit diesem Gesetz, liebe Kolleginnen und Kollegen,
werden außerdem kleinere Betriebe und Junglandwirte
besser gefördert; auch das muss man im Gesamtzusam-
menhang sehen. Wir verstehen Umweltschutz in und mit
diesem Gesetz nicht als Gegensatz, sondern als festen
Bestandteil einer zukunftsfähigen Landwirtschaft.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Das heißt, wir erreichen Umweltschutz und Biodiversität
im gelebten landwirtschaftlichen Alltag.


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Oh! Ganz pathetisch!)


In diesem Sinne freue ich mich über unseren gemein-
samen Abschluss.


(Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da lachen Sie doch selber!)


Es können neue Taten folgen, liebe Kolleginnen und
Kollegen. Abschließend ein herzliches Dankeschön. –
Ich weiß nicht, ob es an Ihnen liegt, sehr geehrte Frau
Präsidentin, aber ich bin schon wieder vor Ende meiner
Redezeit fertig.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803627200

Ja, aber so viel früher nicht. Nächstes Mal kriegen Sie

dann 11 Sekunden mehr Redezeit. Vielen Dank, Frau
Mortler.

Nächste Rednerin in der Debatte ist Dr. Kirsten
Tackmann für die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803627300

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Liebe Gäste auf den Tribünen! Bis 2020 werden EU-
Gelder in Höhe von 5 Milliarden Euro unseren Agrarbe-
trieben zur Verfügung gestellt. Das ist sehr viel Geld.
Der Entscheidungsrahmen ist bereits in Brüssel festge-
legt worden. Am Anfang dieser Debatten schien es tat-
sächlich so, als ob ein Paradigmenwechsel gelänge,
nämlich eine Förderung nach dem Prinzip: öffentliches
Geld für öffentliche Leistungen.


(Marlene Mortler [CDU/CSU]: Aber so ist es doch auch!)


Aber letzten Endes ist es sozusagen im Rohr krepiert.
Es war erstens gewollt, dass über die Förderung so-
ziale Ziele erreicht werden,


(Marlene Mortler [CDU/CSU]: Wir machen Agrarpolitik und nicht Sozialpolitik!)


nämlich Beschäftigungsförderung, gute Bezahlung und
gute Arbeitsbedingungen. Zweitens sollte eine naturver-
träglichere Flächenbewirtschaftung erreicht werden. Am
Ende steht nun ein weicher Kompromiss, der zwar in die
richtige Richtung geht, aber nicht weit genug.

Heute geht es um die Gestaltungsspielräume, die
Brüssel Deutschland gelassen hat. Leider hat sich die
Koalition die vielen guten Ansätze aus Brüssel entweder
nicht zunutze gemacht oder sogar ihre Umsetzung verei-
telt. Ich will das anhand von drei Punkten konkret nach-
weisen:

Nach den EU-Vorgaben können die Mitgliedstaaten
Betriebe mit vielen Beschäftigten unterstützen; das war
eine zentrale Forderung der Linken. Es geht dabei nicht
um ein Rundum-sorglos-Paket für ineffiziente Betriebe,
sondern darum, dass zum Beispiel Betriebe mit Tierhal-
tung mehr Leute beschäftigen als Ackerbaubetriebe. Als
Tierärztin will ich, dass Tierhaltungen durch ausreichend
gut bezahltes und gut qualifiziertes Personal betreut wer-
den; denn auch das trägt zur Tiergesundheit bei.


(Marlene Mortler [CDU/CSU]: Für uns selbstverständlich!)


Mehr Personal ist zwar schlecht für die Betriebskosten,
aber gut für die ländlichen Räume und für die Finanz-
etats in Bund, Ländern und Kommunen. Wir alle wollen
doch keine Betriebe, deren Geschäftsführer einmal in
der Woche vorbeischaut, um zu prüfen, ob der Lohn-
unternehmer seine Arbeit geleistet hat.

Die Kritik an solchen Großbetrieben ist völlig nach-
vollziehbar. Aber gerade deshalb wäre die Berücksichti-
gung der Personalkosten bei den Fördermitteln so wich-
tig gewesen. Das hätte großen Agrargesellschaften mit
wenigen und schlecht bezahlten Beschäftigten zwar sehr
weh getan, aber Genossenschaften mit vielen Beschäf-
tigten und Tierhaltung zumindest nicht geschadet. Statt-
dessen werden jetzt die ersten 46 Hektar höher gefördert.

Ich gönne den kleinen Betrieben jede Unterstützung,
keine Frage, aber Studien zeigen, dass dieses Geld eher
eine Sterbehilfe ist; denn die Probleme der kleinen Be-
triebe werden dadurch nicht gelöst. Dafür werden aber
9 Prozent der Fördermittel von Ostdeutschland nach
Südwestdeutschland umverteilt. Das finde ich falsch,
und das nehme ich als Brandenburgerin auch persönlich.


(Beifall bei der LINKEN – Willi Brase [SPD]: Oh!)


Zweites Beispiel für Fehlentscheidungen: Weidetier-
halter, insbesondere von Schafen und Ziegen, bekom-
men am Markt schon lange keine kostendeckenden
Preise mehr. Immer mehr Betriebe müssen deshalb auf-
geben, obwohl doch gerade sie dem Bild, das die
Menschen von guter Landwirtschaft haben, am besten
entsprechen. Außerdem sind Schafe und Ziegen die bes-
ten Grünlandnutzer, die besten Landschaftspfleger und





Dr. Kirsten Tackmann


(A) (C)



(D)(B)

die besten Deichbefestiger; wir brauchen sie also. Aber
dafür, damit sie weiterexistieren können, brauchen die
Schäfereien auch ihre Mutterschafprämie zurück. Ja, das
wäre eine Abweichung vom Prinzip der Flächenförde-
rung, aber an der Stelle wäre diese Ausnahme gerecht-
fertigt. Wir sollten das unbedingt so regeln.


(Beifall bei der LINKEN)


Drittes Beispiel für Fehlentscheidungen: Ich habe nie
verstanden, warum ökologische Vorrangflächen nicht als
Chance verstanden wurden.


(Marlene Mortler [CDU/CSU]: Wir haben diese Chance genutzt! Ein Blick in das Gesetz genügt!)


Auf diesen 5 Prozent der Betriebsfläche kann man viel
Gutes tun, was auch die Akzeptanz in der Gesellschaft
erhöht: zum Beispiel Hecken anlegen oder Pufferstreifen
an Wäldern, Feldern und Gewässern wild-, bienen- und
insektenfreundlich gestalten.


(Franz-Josef Holzenkamp [CDU/CSU]: Das geht alles! Steht alles im Gesetz!)


Natürlich soll das Erntegut auch als Tierfutter oder für
Biogasanlagen genutzt werden können. Aber die
Konservativen haben das erst ganz blockiert und dann
die Regelungen so aufgeweicht, dass ein ökologischer
Vorrang mehr als fraglich erscheint.


(Marlene Mortler [CDU/CSU]: Das sollten Sie einmal nachlesen!)


Mein Fazit ist deshalb: ein paar Schritte in die richtige
Richtung, aber viele vergebene Chancen. Deshalb ist
Enthaltung der Linken bei der Abstimmung eigentlich
schon zu viel des Lobes.

Vielen Dank.


(Beifall bei der LINKEN – Willi Brase [SPD]: Oh! Da geht es ja nur um 5 Milliarden Euro! Ihr seid inkonsequent!)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803627400

Vielen Dank, Frau Kollegin Tackmann. – Nächster

Redner in der Debatte ist für die SPD Dr. Wilhelm
Priesmeier.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Wilhelm Priesmeier (SPD):
Rede ID: ID1803627500

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Kolle-
gin Mortler, ich als Tierarzt weiß mit schweren Geburten
umzugehen. Insofern stelle ich fest: Das, was da „gebo-
ren“ worden ist, ist gesund, kräftig und lebensfähig. Da-
rüber freue ich mich. So soll das sein.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Ich erinnere auch daran, dass wir Sozialdemokraten
am 11. Juni letzten Jahres einen Antrag mit dem Titel
„Grünland effektiv schützen“ eingebracht haben. Gefor-
dert haben wir darin, „ein striktes nationales Grün-
landumbruchverbot als Greening-Anforderung durch-
zusetzen“. Ich betone in diesem Zusammenhang:
Sozialdemokraten reden nicht nur und bringen schlaue
Anträge ein, sondern sie liefern auch, und das ist uns ge-
lungen.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Gitta Connemann [CDU/CSU] – Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Mit dem „Liefern“ würde ich vorsichtig sein! Biomasse ist ein ganz schwieriger Punkt! – Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wir haben damit einen ganz wesentlichen Beitrag zum
Klima- und Umweltschutz geleistet.

Auf die Rolle, die Grünland spielt, und seine Wichtig-
keit braucht man nicht in allen Einzelheiten einzugehen.
Wir wissen ja um die CO2-Bindung in solchen Flächen.
Wir wissen auch um den Artenreichtum des Grünlandes.
Keine Fläche ist so artenreich wie das Grünland. Das
kann man mit Ackerland nicht erreichen. Demzufolge ist
uns das Grünland natürlich besonders wichtig. Wir wis-
sen auch um die Bedeutung von Grünland als Produk-
tionsfaktor für die Milchviehhaltung. Aus diesem
Grunde muss man bestimmten Regionen wie etwa sol-
chen, in denen Vogelschutzgebiete etabliert sind und die
dadurch ein Problem mit der Milchviehhaltung bekom-
men hätten, kleinere Zugeständnisse machen und dafür
sorgen, dass das Grünland auch in Zukunft dort als Fut-
tergrundlage für die dort ansässigen Betriebe seine
Funktion erfüllen kann. Das haben wir gewährleistet.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Ich verweise darauf, dass dort in Zukunft jeglicher Um-
bruch bzw. jegliche Umwandlung ausgeschlossen ist.

Wenn aus betrieblichen Gründen an anderen Stellen
die eine oder andere Fläche umgelegt wird, dann erfolgt
ein entsprechender Ausgleich dafür. Ich erinnere aber
auch an die absolut geschützten Grünlandbereiche.
700 000 Hektar in den FFH-Gebieten, den Fauna-Flora-
Habitat-Gebieten – dabei handelt es sich um ganz beson-
ders schützenswerte Pflanzengesellschaften auf diesen
Grünlandflächen –, werden richtigerweise vollständig
unter Umbruchverbot gestellt. Wir folgen da den Vorga-
ben der EU. Das ist nach meiner Einschätzung eine auch
für die Zukunft taugliche Kulisse.

Man muss aber auch berücksichtigen, dass wir in den
letzten 20 Jahren 650 000 Hektar Grünland verloren ha-
ben.


(Marlene Mortler [CDU/CSU]: Das liegt aber nicht an der Landwirtschaft!)


Zum Vergleich: Das entspricht fast der landwirtschaftli-
chen Nutzfläche von Rheinland-Pfalz. Diese Fläche ist
in irgendeiner Form verloren gegangen.


(Franz-Josef Holzenkamp [CDU/CSU]: Straßen, Häuser! – Marlene Mortler [CDU/CSU]: Stromleitungen!)


Das ist unbestritten so. Dieser Verlust kam schleichend,
nicht über Nacht. Insofern verdeutlicht dieses Gesche-
hen den Handlungsdruck, der hier gegeben war.


(Beifall des Abg. Willi Brase [SPD])






Dr. Wilhelm Priesmeier


(A) (C)



(D)(B)

Ich glaube, dass wir in diesem Zusammenhang zu-
mindest einen weiteren Schritt in die richtige Richtung
unternommen haben. Ich fordere schon seit vielen Jah-
ren Maßnahmen nach dem Prinzip „öffentliches Geld für
öffentliche Güter“. Insofern habe ich das Copyright auf
diese Formulierung. Ich stelle es Ihnen aber gerne zur
Verfügung.


(Beifall des Abg. Willi Brase [SPD] – Friedrich Ostendorff [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sehr schön! Was hast du umgesetzt? – Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Das haben hier viele schon gesagt!)


Jährlich schichten wir nun 4,5 Prozent der Direktzahlun-
gen aus der ersten in die zweite Säule um. Auch das ist
wichtig. Das war ein Kompromiss, um den auf der Son-
derkonferenz der Agrarminister im November hart ge-
rungen werden musste.


(Friedrich Ostendorff [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Der sah aber anders aus, der Kompromiss! Du weißt doch, dass da noch mehr drin gewesen ist! Er war ein bisschen umfangreicher!)


– Wenn da noch ein bisschen mehr drin gewesen wäre,
hätte ich mich gefreut. Manchmal ist der Spatz in der
Hand aber besser als die dicke, fette Taube bei Friedrich
Ostendorff auf dem Dach.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Auch für ihn ist es schwierig, sie einzufangen. Das dau-
ert zumindest. Insofern habe ich das erst einmal so ange-
nommen. Wir müssen ja sehen, dass dieses Gesetzes-
werk für die Überprüfung eine Frist bis etwa 2017
vorsieht. Wir wissen ja alle, dass auf der europäischen
Ebene fast immer Folgendes gilt: Nach der Reform
kommt erst einmal die Halbzeitbetrachtung und dann
wieder eine neue Reform. – Ich bin deshalb hoffungs-
froh, dass wir mittels der gebotenen Maßnahmen 2017
das eine oder andere korrigieren können.

Es ist aber, wie ich glaube, schon wichtig, dass etwa
230 Millionen Euro jährlich, also insgesamt über
1,1 Milliarden Euro, die in die zweite Säule verbracht
werden, für die Betriebe zur Verfügung stehen, die in be-
sonderer Weise richtungsweisend sind, sich also etwa an
Tierschutzstandards oder ökologischen Standards orien-
tieren bzw. für bestimmte Strukturen, die wir fördern
wollen, von besonderer Wichtigkeit sind. Die Umschich-
tung eröffnet solche Möglichkeiten. Das ist im Übrigen
nicht kofinanziert. Das entlastet die Bundesländer. Wir
wissen alle, wie es um manche Bundesländer bestellt ist.
Daher ist es, glaube ich, ganz wichtig, dass wir das so
machen.

Dem System der Direktzahlungen, wie wir es kennen,
ist nach meiner Einschätzung – hoffentlich – keine allzu
lange Zukunft mehr beschieden. Ich glaube, dieses
System ist mehr als nur reformbedürftig. Denn die Ziel-
setzung dieses Systems müssen wir im Verhältnis zu den
eingesetzten finanziellen Ressourcen sehen; alle euro-
päischen Steuerzahler, die deutschen im Besonderen,
müssen natürlich die Grundlage für die Transferleistun-
gen, die aus den Brüsseler Kassen wieder zurückkom-
men, zunächst in Form von Steuerzahlungen aufbringen.
Da muss man natürlich auch nach Nachhaltigkeit fragen;
da muss man sich ernsthaft fragen, ob Anspruch und
Wirklichkeit deckungsgleich sind. Ich glaube, das ist
nicht so.


(Beifall des Abg. Willi Brase [SPD] – Friedrich Ostendorff [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ein bisschen widersprüchlich!)


Wir müssen uns über die Strukturen Gedanken ma-
chen. Wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie
wir mit den Strukturen im ländlichen Raum umgehen
wollen. Das Fazit kann nur lauten: Wenn wir in Europa
und vor allen Dingen in Deutschland mittlerweile eine
sehr wettbewerbsfähige Landwirtschaft haben, dann
muss man nicht große, wettbewerbsfähige und ertrags-
starke Betriebe unter dem Gesichtspunkt der Einkom-
mensstützung mit erheblichen Prämien zusätzlich för-
dern. Das gilt – das ist meine Einschätzung – vor allen
Dingen für bestimmte Ackerbaustandorte. Vielmehr
muss man schauen: Welche Strukturen will ich, und was
ist vor Ort angemessen? Ein Betrieb in Bayern ist anders
strukturiert als woanders, und bei Grenzertragsstandor-
ten in bestimmten Regionen werden wir auf Unterstüt-
zung nicht verzichten können.

Im Grundsatz muss aber diese Gießkannenpolitik, wie
wir sie aus den letzten Jahrzehnten kennen, ein Ende
haben. Dafür wollen wir und will ich als Sozialdemokrat
eintreten. Das wird auch die Option für die nächsten vier
Jahre sein. Ich werde immer wieder einmal den Finger in
die Wunde legen, damit wir die Orientierung nicht
verlieren. Das Ziel werden wir in dieser Koalition nicht
erreichen können, aber ich glaube, nach dieser Koalition
kommt mit Sicherheit eine andere Koalition, und viel-
leicht sind dort bessere Chancen für die Erreichung die-
ses Zieles gegeben.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Gitta Connemann [CDU/ CSU]: Wilhelm!)


In dem Sinne: Vielen Dank für das Zuhören und noch
einmal vielen Dank für die Kooperationsbereitschaft.
Vor allen Dingen danke ich dem Kollegen Holzenkamp.
Manche Sachen waren nicht immer ganz einfach, aber
ich glaube, das bekommen wir alles wieder auf die
Reihe.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803627600

Danke, Herr Kollege. – Nächster Redner Friedrich

Ostendorff für Bündnis 90/Die Grünen.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Mit wel-
cher gesellschaftlichen Legitimation kann die Politik in
Zukunft weiterhin jährlich rund 5 Milliarden Euro an die
deutsche Landwirtschaft ausschütten? Unter dieser





Friedrich Ostendorff


(A) (C)



(D)(B)

Überschrift haben wir seit 2009 über die Zukunft der
Gemeinsamen Agrarpolitik diskutiert. Die Antwort war
eindeutig: öffentliches Geld nur noch für öffentliche
Leistungen.

300 Euro pauschal pro Hektar, das heißt: Wer schon
viel hat, dem wird noch mehr gegeben, und zwar ohne
Gegenleistung. Das kann es nicht mehr sein!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Stattdessen muss den Zahlungen ein Mehrwert an Öko-
logie, Verbraucher- und Tierschutz gegenüberstehen.
Diese Forderung der Zivilgesellschaft ist in keiner Weise
unanständig, sondern eine schlichte Selbstverständlich-
keit. EU-Agrarkommissar Ciolos hat daraus einen
Reformansatz entwickelt, den wir Grüne weithin teilen:
das sogenannte Greening. Agrarstaatssekretär Bleser hat
noch am Montag überheblich das Greening als den
Geburtsfehler der Reform bezeichnet. Das Greening,
meine Damen und Herren, ist doch kein Geburtsfehler
der Reform, sondern ein kluges Angebot der Gesell-
schaft an die Landwirtschaft gewesen, die 5 Milliarden
Euro im Jahr für die Zukunft festzuschreiben.

Der Bauernverband und seine Truppen in den Parla-
menten haben das Greening von Anfang an so bekämpft,
verwässert und durchlöchert, bis feststand, dass die
5 Milliarden Euro weiter als bedingungslose Subvention
gezahlt werden.


(Marlene Mortler [CDU/CSU]: Schämen Sie sich für solche Aussagen!)


Das Ergebnis liegt uns heute vor. CDU/CSU und SPD
schlagen als Flächennutzung im Umweltinteresse allen
Ernstes vor: Der Landwirt baut Mais mit Untersaat an,
düngt diese Untersaat, die sogenannte ökologische Vor-
rangfläche – Frau Mortler hat es uns gerade vorgetragen –
nach der Maisernte mit Gülle, spritzt die Untersaat im
Frühjahr mit dem Totalherbizid Roundup tot


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das soll Ökologie sein?)


und baut dann wieder Mais an. Dafür soll der Landwirt
weiterhin 300 Euro pro Hektar von der Gesellschaft be-
kommen! Was glauben Sie denn, wie lange das noch
gutgeht?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Für wie dumm, meine Damen und Herren von der Gro-
ßen Koalition, halten Sie denn die Bürgerinnen und Bür-
ger? Warum sollte die Gesellschaft bereit sein, dafür
Steuergelder zu zahlen? Das erklären Sie uns bitte heute
ausdrücklich.

All das wird auch noch von der SPD mitgetragen,
einer SPD, die noch 2010 die Neuqualifikation aller
Agrarzahlungen besonders durch Wilhelm Priesmeier
immer wieder gefordert hat. Nichts davon, Wilhelm
Priesmeier, habt ihr umgesetzt! Nichts, liebe Sozial-
demokraten!


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: So sind die!)


Jetzt vergießt ihr Sozialdemokraten Krokodilstränen, als
wärt ihr gar nicht Teil der Großen Koalition, als wärt ihr
gar nicht dabei gewesen, als hättet ihr dieses Gesetz
nicht mit verhandelt. Das ist die Botschaft, die wir heute
wieder empfangen haben.

Dieser Gesetzentwurf ist so schlecht, dass ihn sogar
der Deutsche Jagdverband, dem ja niemand unterstellen
würde, der grünen Politik sehr nahe zu stehen, scharf
ablehnt. Scheinbar einzig der Intervention vernunft-
begabter SPD-Umweltpolitiker ist es zu verdanken, dass
nicht auch noch der Grünlandschutz geopfert wurde und
2014 zum Jahr des Grünlandumbruchs würde.


(Widerspruch der Abg. Marlene Mortler [CDU/CSU])


Dieser positive Aspekt kann jedoch nicht darüber hin-
wegtäuschen, liebe Freundinnen und Freunde, dass die-
ser Gesetzentwurf nur ein Ziel verfolgt: Er soll verhin-
dern, dass auch nur ein einziger Acker in Deutschland
pestizidfrei wird. Das ist Ihnen vollumfänglich gelun-
gen, meine Damen und Herren. Die großen Ackerbaube-
triebe im Osten und die Pestizidindustrie werden es Ih-
nen danken. Verlierer sind nicht nur die Biodiversität
– welch Pikanterie: ausgerechnet heute, am Internationa-
len Tag der biologischen Vielfalt, beschließen wir das –,
sondern auch die vielen bäuerlichen Betriebe, insbeson-
dere die Betriebe in Bayern.

Meine Damen und Herren, Sie haben eine historische
Chance für die Gemeinsame Agrarpolitik vertan. Es gab
wie noch bei keiner Reform – ich glaube, dass ich das
nach Jahrzehnten in der Szene gut beurteilen kann – die
Bereitschaft der Gesellschaft, eine reformierte Gemein-
same Agrarpolitik nach dem Prinzip „Öffentliche Gelder
für öffentliche Leistungen“ mitzutragen. Die Öffentlich-
keit hatte ihre Hand ausgestreckt – Sie haben diese Hand
ausgeschlagen. Ich weiß nicht, ob es diese Bereitschaft
2020 wieder geben wird.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803627700

Danke, Herr Kollege Ostendorff. – Der letzte Redner

in dieser Debatte: Franz-Josef Holzenkamp für die CDU/
CSU.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Franz-Josef Holzenkamp (CDU):
Rede ID: ID1803627800

Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kolle-

gen! Wir verabschieden heute das Direktzahlungen-
Durchführungsgesetz und schaffen endlich Verlässlich-
keit und Planungssicherheit für die Bauern, und zwar
von jetzt bis 2020.

Wir haben ein gutes Ergebnis erzielt, und zwar für die
Landwirtschaft, aber, meine Damen und Herren von den
Grünen, auch für den Naturschutz. Wir machen es uns
nicht so einfach, in Form von rückwärtsgewandter Poli-
tik wieder auf Flächenstilllegungen zu verfallen.


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wer spricht denn von Flächenstilllegungen, Herr Kollege? Niemand!)






Franz-Josef Holzenkamp


(A) (C)



(D)(B)

Nein, wir schaffen intelligente Lösungen nach dem
Motto „Schützen durch Nützen“. Das ist vernünftige
Politik – alles andere ist vollkommener Unsinn.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Wilhelm Priesmeier [SPD] – Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Schützen durch Spritzen!)


Wir wollen eine praxisnahe Gestaltung der Umsetzung;
das ist jetzt gewährleistet. Wir wollen möglichst wenig
Gängelung. Ich sage noch einmal: Das ist wahrschein-
lich der Unterschied, meine Damen und Herren der Grü-
nen, zwischen Ihnen und uns.


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein! Eben nicht!)


Da wird auch ein bisschen die unterschiedliche Geistes-
haltung deutlich: Sie predigen nur von Verboten, von
Bevormundung. Schon vor Jahren sprachen Sie von
Feldspionen. Wir haben Zutrauen zu den Menschen und
bringen Menschen in Verantwortung. Ich denke, das ist
die richtige Politik.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Deshalb gestalten wir die Umsetzung praxisnah ohne
Gängelung.


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Geld ohne ökologische Leistung!)


Und wir kommen einer ethischen Verantwortung
nach, nämlich der ethischen Verantwortung Deutsch-
lands, als Gunstregion in der Welt auch der Ernährung
der Menschen in der Welt nachzukommen, und das ist
richtig.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Um was geht es konkret? Wilhelm Priesmeier hat auf
den Beschluss der Agrarministerkonferenz vom Novem-
ber letzten Jahres hingewiesen, dass wir umschichten,
4,5 Prozent; das sind jährlich 230 Millionen Euro mehr
für den ländlichen Raum und für Umweltschutz. Das
muss man, Herr Ostendorff, auch dazusagen, wenn man
alles in Bausch und Bogen kritisiert. Wir machen eine
Angleichung der Prämien zu einer Basisprämie. Wir füh-
ren einen bundeseinheitlichen Zuschlag ein, ganz be-
wusst für kleinere Betriebe. Wir wollen, dass kleinere
Betriebe – Betriebe bis 46 Hektar – bessergestellt wer-
den.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Das war ein großer gemeinschaftlicher Konsens, und da-
rüber können wir uns glücklich schätzen.

Des Weiteren geht es – das wurde schon ein paarmal
angesprochen – um das Greening, um den Grünlander-
halt. Was vorhin behauptet wurde, ist schlichtweg die
Unwahrheit.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Eines, Wilhelm, war uns gemeinsam immer klar: Vor-
handenes Grünland muss erhalten bleiben. Aber wir
wollen es so gestalten, dass man auch wirtschaften kann,


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


dass Bauern auch Futterqualitäten mit ihrem Grünland
erreichen können. Deshalb haben wir die Grünlandku-
lisse für die Definition des sensiblen Grünlandes redu-
ziert von den gesamten Natura-2000-Gebieten auf die
FFH-Gebiete. Hätten wir das so gelassen, dürften – man
muss sich das einmal vorstellen! – 1,2 Millionen Hektar
in Deutschland nicht einmal gepflügt werden, nur um
wieder Gras anzusäen. Dann wäre keine vernünftige Fut-
terqualität mehr gewährleistet gewesen. Deshalb haben
wir an dieser Stelle genau das Richtige gemacht.


(Beifall bei der CDU/CSU – Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist ein Widerspruch in sich, Herr Kollege!)


Für die Grünlandflächen, die darüber hinausgehen, gilt
ein einzelbetriebliches Autorisierungsverfahren, das
heißt, Umwandlung nur gegen Neuanlage von Grünland.
Das Ergebnis ist, wie meine Vorrednerin Marlene
Mortler schon sagte: Bei uns bleibt Grünland Grünland. –
Das ist richtig und gut so.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD – Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Warum wollen Sie es dann umpflügen? Schützen durch Spritzen!)


Zu den ökologischen Vorrangflächen: Es gibt einen
Maßnahmenkatalog; Sie haben entsprechende Beispiele
angeführt. All diese Maßnahmen können wir nutzen. Es
ist nicht richtig, das infrage zu stellen.

Die Entscheidung für Zwischenfrüchte war gut. Wir
machen hier zusätzliche Auflagen: keine Pflanzenschutz-
mittel, kein mineralischer Stickstoffdünger, keine Klär-
schlammausbringung, spätester Aussaattermin 1. Okto-
ber und mindestens zwei Kulturpflanzenarten. Das sind
hohe Auflagen. Außerdem sehen wir einen Anrechnungs-
faktor von 0,3 vor; das heißt, wir verdreifachen sozusagen
die ökologischen Vorrangflächen. Ist das denn keine öko-
logische Leistung? Das ist eine!


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD – Harald Ebner [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Sie führen doch die Leute in die Irre!)


Im Zusammenhang mit den Leguminosen wird von
Pestiziden geredet. Man benutzt immer sehr bewusst ein
solches Vokabular.


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist ein normaler wissenschaftlicher Begriff!)


Ich spreche lieber von Pflanzenschutz; wir wollen keine
Pest verbreiten.

Wir sind uns eigentlich darin einig, mehr Eiweiß-
pflanzen in Deutschland haben zu wollen. Warum haben
wir sie nicht? Weil die Wettbewerbsfähigkeit nicht ge-
währleistet ist! Wir haben jetzt zwar die notwendigen





Franz-Josef Holzenkamp


(A) (C)



(D)(B)

ökologischen Vorrangflächen und könnten sie für Legu-
minosen nutzen; aber wenn dort zur Ernte ein Mähdre-
scher durchfahren soll, dann brauchen wir etwas Pflan-
zenschutz. Ansonsten funktioniert das nicht; sonst käme
nur noch ein Häcksler da durch, und das kann ja wohl
keine Lösung sein. Deshalb entspricht dieses Vorgehen
auch unserer Eiweißpflanzenstrategie, und es bringt uns
ökologisch einen großen Schritt weiter.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Meine lieben Kolleginnen und Kollegen der Linken,
ich bin sehr angetan, dass Sie sich enthalten. Damit hätte
ich gar nicht gerechnet.


(Lachen beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wir haben eben einfach einen guten Gesetzentwurf vor-
gelegt, bei dem man sich zumindest enthalten kann, aber
eigentlich zustimmen muss. Wir haben bei diesem Ge-
setzentwurf nur Gewinner: den Naturschutz und die
Bauern.


(Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Den Naturschutz ganz bestimmt nicht! Schützen durch Spritzen!)


Ich bedanke mich bei allen, die geholfen haben, und
werbe um Ihre Zustimmung.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803627900

Vielen Dank, Herr Kollege.

Ich schließe die Aussprache.

Wir kommen jetzt zur Abstimmung über den von der
Bundesregierung eingebrachten Gesetzentwurf zur
Durchführung der Direktzahlungen an Inhaber landwirt-
schaftlicher Betriebe im Rahmen von Stützungsregelun-
gen der Gemeinsamen Agrarpolitik.

Der Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft
empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf Drucksa-
che 18/1493, den Gesetzentwurf der Bundesregierung
auf Drucksachen 18/908 und 18/1418 in der Ausschuss-
fassung anzunehmen.

Hierzu liegen drei Änderungsanträge der Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen vor, über die wir jetzt zuerst ab-
stimmen.

Änderungsantrag auf Drucksache 18/1502. Wer stimmt
für diesen Änderungsantrag? – Wer stimmt dagegen? –
Wer enthält sich? – Der Änderungsantrag ist bei Zustim-
mung von Bündnis 90/Die Grünen, Ablehnung von CDU/
CSU und SPD und Enthaltung der Linkspartei abgelehnt.

Änderungsantrag auf Drucksache 18/1503. Wer
stimmt für diesen Änderungsantrag? – Wer stimmt dage-
gen? – Enthaltungen? – Damit ist der Änderungsantrag
abgelehnt. Zugestimmt haben Bündnis 90/Die Grünen
und die Linke, abgelehnt haben CDU/CSU und SPD.

Änderungsantrag auf Drucksache 18/1504. Wer
stimmt für diesen Änderungsantrag? – Wer stimmt dage-
gen? – Wer enthält sich? – Der Änderungsantrag ist bei
Zustimmung von Bündnis 90/Die Grünen, Ablehnung
von CDU/CSU und SPD und Enthaltung der Linkspartei
abgelehnt.


(Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Fraktion!)


Ich bitte nun diejenigen, die dem Gesetzentwurf in
der Ausschussfassung zustimmen wollen, um das Hand-
zeichen. – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? –
Der Gesetzentwurf ist damit in zweiter Beratung ange-
nommen. Zugestimmt haben CDU/CSU und SPD, abge-
lehnt hat Bündnis 90/Die Grünen, und enthalten hat sich
die Linkspartei.

Dritte Beratung

und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben.
– Wer stimmt dagegen? – Enthaltungen? – Der Gesetz-
entwurf ist angenommen mit den Stimmen von CDU/
CSU- und SPD-Fraktion, Ablehnung von Bündnis 90/
Die Grünen, Enthaltung der Linkspartei.

Wir kommen jetzt zur Abstimmung über die Ent-
schließungsanträge. Entschließungsantrag der Fraktion
Die Linke auf Drucksache 18/1499. Wer stimmt für die-
sen Entschließungsantrag? – Gegenprobe! – Enthaltun-
gen? – Zugestimmt haben die Fraktion Die Linke und
Bündnis 90/Die Grünen, abgelehnt haben CDU/CSU
und SPD. Damit ist der Entschließungsantrag abgelehnt.

Entschließungsantrag der Fraktion Bündnis 90/Die
Grünen auf Drucksache 18/1505. Wer stimmt für diesen
Entschließungsantrag? – Wer stimmt dagegen? – Enthal-
tungen? – Der Entschließungsantrag ist abgelehnt. Zu-
stimmung von Bündnis 90/Die Grünen, Ablehnung von
CDU/CSU, SPD und der Linken.

Jetzt mache ich eine Ankündigung für die Kollegin-
nen und Kollegen und die Gäste hier im Hohen Hause
darüber, was wir heute noch debattieren. Debattiert wer-
den jetzt noch der Zusatzpunkt 7 – darin geht es um die
Einsetzung eines Untersuchungsausschusses – und der
Tagesordnungspunkt 17: Einsetzung einer Kommission
zur sprachlichen Bereinigung des Strafrechts von NS-
Normen. Die anderen Punkte werden zu Protokoll gege-
ben bzw. sind abgesetzt worden. Ich glaube, das wurde
nicht allen vermittelt.

Ich rufe den Zusatzpunkt 7 auf:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Irene
Mihalic, Dr. Konstantin von Notz, Luise
Amtsberg, Volker Beck (Köln), Frank Tempel,
Jan Korte, Ulla Jelpke, Martina Renner und wei-
terer Abgeordneter

Einsetzung eines Untersuchungsausschusses

Drucksache 18/1475
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und
Geschäftsordnung

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 25 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.





Vizepräsidentin Claudia Roth


(A) (C)



(D)(B)

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat Irene
Mihalic für Bündnis 90/Die Grünen.


Dr. Irene Mihalic (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803628000

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen!

Liebe Kollegen! Drei Monate und vier Sondersitzungen
im Innenausschuss haben leider weder Transparenz noch
Aufklärung in dieser Sache gebracht. Das Gegenteil ist
der Fall: Die Umstände der langwierigen Bearbeitung im
BKA von kinderpornografischen Daten aus Kanada und
die Informationsweitergaben zu den Ermittlungen sind
immer undurchsichtiger geworden. Sie, liebe Kollegin-
nen und Kollegen der Koalition – das ist für mich, das
muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, eine sehr herbe Ent-
täuschung –, handeln leider nach der Devise: Obstruk-
tion statt Aufklärung.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Frank Tempel [DIE LINKE])


Einzig der Vorsitzende des Innenausschusses war bei
Ihnen wirklich die große Ausnahme. Aber da, wo er sei-
nen Aufklärungswillen offensiv bekundet hat, haben Sie
sogar versucht, ihn auf Linie zu bringen.


(Stephan Mayer [Altötting] [CDU/CSU]: Quatsch!)


Diese Haltung lässt mich ernsthaft an Ihrem Parlaments-
verständnis zweifeln.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Aber das ist dieselbe Haltung, die Sie nach der letzten
Sondersitzung vor die Kameras hat treten lassen, wo Sie
trotz massiver Ungereimtheiten und vieler offener Fra-
gen sinngemäß sagten: Alles ist gut, alles ist aufgeklärt.
Wir können zur Tagesordnung übergehen, alles gar kein
Problem.

Damit sagen Sie im Grunde, dass Sie kein Problem
darin sehen, falls bestimmte Informationen möglicher-
weise da angekommen sind, wo sie nicht hingehören und
wo sie Schaden anrichten können. Dabei ist doch mehr
als deutlich geworden, dass nicht nur die berechtigten
Geheimnisträger von diesen Vorgängen gewusst haben.
Die Informationen zu den Ermittlungen gegen Sebastian
Edathy waren quasi Streuwissen in der damaligen Bun-
desregierung und bei den Koalitionsverhandlungen.
Trotzdem scheint es Ihnen völlig egal zu sein, ob und
von wem Sebastian Edathy möglicherweise vor diesen
Ermittlungen gewarnt wurde.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, so geht es nicht.
Hier geht es nicht mehr nur um Geheimnisverrat; hier
steht Strafvereitelung im Raum, und das muss aufgeklärt
werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Mit Ihrer Haltung sagen Sie auch, dass Sie kein Problem
bei der damaligen Bundesregierung sehen, und das, ob-
wohl vieles darauf hindeutet, dass die Rolle des Innen-
ministeriums gerade in Bezug auf den BKA-Beamten,
der auch auf der Kundenliste stand, zumindest unglück-
lich gewesen ist.

Offenbar haben Sie auch kein Problem damit, dass
kinderpornografisches Material über zwei Jahre in BKA-
Computern lagert, bevor erkennbar etwas passiert und
strafrechtliche Schritte eingeleitet werden. Sieben ge-
schlagene Monate lang sind die Dateien überhaupt nicht
angerührt worden. Angesichts der damit verbundenen
schwerwiegenden Straftaten ist das ein skandalöser Vor-
gang.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Frank Tempel [DIE LINKE])


Da muss man sich doch fragen: Wo sind die organisa-
torischen Mängel? Ist das Personal richtig eingesetzt?
Wie sind die Abläufe? Was muss sich konkret ändern?

Nein, liebe Kolleginnen und Kollegen, das können
wir so nicht einfach hinnehmen. Wir wollen, nein wir
müssen das aufklären. Wir hatten von Anfang an das
Ziel, diese ganze Angelegenheit so schnell und so gründ-
lich wie irgend möglich aufzuklären, um das Vertrauen
ins BKA, in die Politik und nicht zuletzt in den Rechts-
staat wiederherzustellen. Wir haben das im Innenaus-
schuss wirklich versucht.

Man kann uns weiß Gott nicht vorwerfen, dass wir
uns nicht bemüht hätten, diesen ganzen Vorgang so
schnell und so gründlich wie möglich im Innenausschuss
aufzuklären. Aber es hat sich gezeigt, dass der Innenaus-
schuss nicht das richtige Gremium ist, um in dieser
Frage Klarheit zu schaffen. Es gab weder die Möglich-
keit, Einzelbefragungen durchzuführen, noch konnten
Unterlagen beigezogen werden.

Deshalb brauchen wir jetzt diesen Untersuchungs-
ausschuss, in dem wir aber auch nach genau derselben
Devise vorgehen wollen, die wir von Anfang an hatten:
schnell und gründlich aufklären. Daher bitte ich Sie noch
einmal, genau zu prüfen, ob Sie die parlamentarische
Untersuchung in dieser Sache weiter ablehnen.

Unser Antrag liegt vor. Grüne und Linke können den
Untersuchungsausschuss aufgrund der Minderheiten-
rechte gemeinsam durchsetzen, und das werden wir auch
tun.

Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen von der Koali-
tion, es wäre gut, wenn auch Sie – das ist meine ganz
herzliche Bitte an Sie – endlich in den Aufklärungs-
modus umschalten und konstruktiv mitarbeiten würden.


(Mahmut Özdemir [Duisburg] [SPD]: Was haben wir denn monatelang im Innenausschuss gemacht?)


Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803628100

Vielen Dank, Irene Mihalic. – Nächster Redner für

die CDU/CSU-Fraktion ist Armin Schuster.


(Beifall bei der CDU/CSU)







(A) (C)



(D)(B)


Armin Schuster (CDU):
Rede ID: ID1803628200

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Frau Mihalic,
über Sie als ehemalige Polizeibeamtin – wir sind Berufs-
kollegen – bin ich manchmal verwundert. Wie Sie es fer-
tigbringen, Tatsachen seit Monaten zu verdrehen, ist
wirklich einzigartig. Dass Sie aber jetzt auch noch damit
werben, Sie würden beim BKA versuchen, Vertrauen
herzustellen, stellt die Dinge nun wirklich auf den Kopf.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Vertrauen ins BKA!)


Sie tun genau das Gegenteil, Entschuldigung.

Meine Damen und Herren, ich will gleich zur Beruhi-
gung beitragen. Ihren Wunsch auf Einsetzung eines Un-
tersuchungsausschusses zum Fall Edathy – mich stört
schon Ihre Formulierung – kann man nachvollziehen
– wenn auch vielleicht nicht verstehen –, aber nur so
lange, bis man Ihren Antrag gelesen hat. Er ist nicht nur
inhaltlich tendenziell verengt auf das BKA, sondern
auch in Teilen juristisch nicht einwandfrei formuliert
und, was den fehlenden Untersuchungszeitraum oder die
nicht zulässige Zahl der vorgeschlagenen Untersu-
chungsausschussmitglieder angeht, auch formell nicht
ordnungsgemäß.

Der Antrag ist alles in allem eigentlich gar nicht be-
handlungsfähig. Aber die gute Nachricht vorweg: Auch
wenn Sie es nicht gut zu Papier bringen können, respek-
tieren wir natürlich Ihre parlamentarischen Rechte. Wir
spüren, was Sie denken,


(Lachen beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Wie gütig!)


und werden nicht gegen die Einsetzung eines Untersu-
chungsausschusses stimmen. Wir erwarten allerdings in
den Beratungen im Ausschuss einige Korrekturen und
Ergänzungen im Untersuchungsauftrag. Wir debattieren
nicht über einen Untersuchungsausschuss zum Fall BKA
oder eines BKA-Beamten; wir diskutieren über die Ein-
setzung eines Untersuchungsausschusses im Fall Edathy.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Im Innenausschuss hat das BKA mit den unmittelbar
involvierten Mitarbeitern bereits die meisten der in Ih-
rem Antrag gestellten Fragen erschöpfend beantwortet.
Selbst wenn es noch Restfragen gibt – ich denke dabei
auch an den Beamten aus den eigenen Reihen des BKA –,
rechtfertigt das alleine aber nicht die Einsetzung eines
Untersuchungsausschusses. Wir hätten das im Innenaus-
schuss wunderbar weiter klären können.


(Dr. André Hahn [DIE LINKE]: Sie wollten doch nicht!)


Meine Fraktion und ich hegen an den Darstellungen
von BKA-Chef Ziercke und seinen Mitarbeitern im Ge-
gensatz zu Ihnen nicht die geringsten Zweifel.


(Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Welche denn? Es gab vier!)

Um langwierigen Wiederholungen im Untersuchungs-
ausschuss vorzubeugen, wollen wir Ihnen ein paar
Punkte in den Untersuchungsauftrag hineinschreiben,
die Sie ursprünglich angekündigt hatten und die nun
merkwürdigerweise keine Erwähnung mehr finden oder
nur noch sehr zaghaft auftauchen.

Ein Beispiel. In Ihrem Antrag heißt es, der Untersu-
chungsausschuss solle „den Gang und die Gründe für die
lange Dauer des Verfahrens“ – das ist übrigens eine Wer-
tung – „in Deutschland beim Bundeskriminalamt, auch
im Zusammenwirken mit Stellen der Länder“ aufklären.
Die zuständigen Strafverfolgungsbehörden in diesem
Land sind die Staatsanwaltschaften in den Ländern, und
es ist nicht das BKA. Das Zitat zeigt, dass Sie im Prinzip
alles verdreht haben.

Die für den Fall Edathy zuständige niedersächsische
Staatsanwaltschaft wird in Ihrem Antrag doch allzu
künstlich ausgespart. Finden Sie nicht auch?


(Beifall bei der CDU/CSU)


Wenn in diesem Fall über die Dauer von Ermittlungen
gesprochen werden soll, dann spielt Niedersachsen eine
zentrale, wenn nicht die zentrale Rolle. Wir sollten uns
also angesichts dieses Falles ganz allgemein mit Fragen
der Informationspolitik und Öffentlichkeitsarbeit von
Staatsanwaltschaften auseinandersetzen. So hatte der
Beschuldigte in dem zu untersuchenden Fall angeblich
zu einem sehr frühen Zeitpunkt Kenntnis von den
Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, genauso wie die
Medien.

Mit der Formulierung „lange Dauer“ nehmen Sie in
Ihrem Antrag eine unzulässige Wertung vor. Aber ich
finde es trotzdem gut, dass wir uns damit befassen. Das
gibt den Sicherheitsbehörden im Untersuchungsaus-
schuss endlich die Chance, öffentlich darzulegen, wie
stark schwankend Kinderpornografiefälle auftreten, wel-
ches Ausmaß solche Fälle annehmen, wie viele Fälle
wann gleichzeitig bearbeitet werden und – das finde ich
ganz besonders interessant; das werden wir aufklären –
welchen Einfluss fehlende Mindestspeicherfristen auf
Prioritätensetzungen haben, wenn mehrere Fälle anste-
hen. Ich bin sehr gespannt auf die Expertenmeinungen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Wir haben auch ein großes Interesse daran – das fällt
in Ihrem Antrag quasi aus –, zu klären, wie unterschied-
lich Ermittlungsbehörden bei nicht eindeutig strafbaren
kinderpornografischen Bildern vorgehen. Ich darf daran
erinnern, dass es bei der Einschätzung solcher Bilder
eine Grauzone gibt. Ich bin nicht sicher, ob wir in
Deutschland eine einheitliche Anwendung geltenden
Rechts, also die Funktionsfähigkeit der Justiz, auf einem
garantierten Standard überhaupt gewährleisten können.
Das zu hinterfragen und von Experten belegen zu lassen,
finde ich sehr spannend.

Ich habe Ihnen alle Fehler erspart. Ich könnte noch
unendlich fortfahren.


Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803628300

Nein.






(A) (C)



(D)(B)


Armin Schuster (CDU):
Rede ID: ID1803628400

Ich weiß, Frau Präsidentin. Ich komme zum Ende.

Wir werden zusammen mit Ihnen etwas Gutes aus
Ihrem Antrag machen; da bin ich mir ganz sicher. Des-
halb hat die Union auch nicht die Vorstellung, dass die-
ser Untersuchungsausschuss seinen Untersuchungsauf-
trag in fünf bis zehn Sitzungen erfüllen kann. Das ist ein
Trugschluss. Ich weiß nicht, was Sie sich dabei gedacht
haben. Wenn wir schon einen Untersuchungsausschuss
einsetzen, dann machen wir es richtig. Sie können sich
auf eine intensive Zusammenarbeit mit uns freuen.

Danke schön.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803628500

Vielen Dank, Herr Kollege Schuster. – Nach Frau

Mihalic und Herrn Schuster kommt jetzt mit Frank
Tempel für die Linke der dritte ehemalige Polizeibe-
amte, und es kommen noch weitere. Das ist sicherlich
eine wichtige Information für die Gäste.

Frank Tempel für die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Frank Tempel (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803628600

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen

und Herren! Ebenso wie die Grünen fordert die Linke ei-
nen Untersuchungsausschuss zur Klärung von Fragen,
die sich in den Bereichen des Innenministeriums, des
Parlaments und des Bundeskriminalamts rund um ein
mögliches Strafverfahren gegen den ehemaligen Abge-
ordneten Sebastian Edathy ergeben haben. Auch als
Nachhilfe für Herrn Schuster finde ich es wichtig, noch
einmal klarzustellen, worum es grundsätzlich geht. Eines
der wichtigsten Prinzipien in unserem Rechtsstaat ist das
Prinzip der Gewaltenteilung. Exekutive, Legislative und
Judikative wurden ganz klare Aufgaben zugeteilt. Ich
bin ein strenger Verfechter der Aufgabentrennung. Das
heißt, ob ein Herr Edathy oder ein ehemaliger Minister
Friedrich strafrechtlich verurteilt werden müssen, ist Sa-
che der Gerichte und nicht unsere Sache.

Es geht in dem vorliegenden Antrag nicht um Herrn
Edathy oder Herrn Friedrich – es handelt sich nicht um
einen Edathy-Untersuchungsausschuss –, sondern um
bestimmte Aufgaben. Es ist die Aufgabe der Legislative,
also die von uns Parlamentariern, die Exekutive, zum
Beispiel das Bundeskriminalamt, zu kontrollieren. Diese
Kontrolle ist eine Pflicht und hat ganz sicher nichts mit
Misstrauen oder Vertrauen zu tun. Es ist vielmehr eine
Pflichtaufgabe des Parlaments, die Exekutive zu kontrol-
lieren; das wissen Sie.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wenn bei uns selbst oder in der Öffentlichkeit der
Eindruck entsteht, dass es Fehler in der Exekutive gab,
haben wir die Pflicht, diesen Fehlern nachzugehen, ganz
gleich, ob es um menschliche Fehler ging oder um struk-
turelle Fehler. Wenn also konkret der Eindruck entstan-
den ist, dass im Zusammenhang mit den strafrechtlichen
Ermittlungen gegen einen namhaften Politiker oder
gegen einen höheren BKA-Beamten etwas falsch lief,
besteht ein hohes öffentliches Interesse an der Aufklä-
rung. Transparenz ist wichtig, damit der Bürger Ver-
trauen in staatliche Institutionen hat. Deswegen haben
wir, wie gesagt, in bereits vier Innenausschusssitzungen
versucht, den wichtigsten Fragen nachzugehen,


(Armin Schuster [Weil am Rhein] [CDU/ CSU]: Das haben wir auch geschafft!)


zum Beispiel: Warum informiert ein Innenminister
Unbefugte über staatsanwaltschaftliche Ermittlungen,
obwohl er das nach der Regelung über Geheimnisverrat
eben nicht darf? Welchen Weg haben diese Informatio-
nen durch die SPD-Reihen genommen? Ist Herr Edathy
nun vorher informiert worden oder nicht? Das sind
Fragen, die in der Öffentlichkeit stehen. Man braucht
bloß die Zeitungen aufzuschlagen. Da wird das gefragt.
Ich unterstelle der SPD das nicht, aber diese Frage steht
in der Öffentlichkeit, und wir haben die Aufgabe, dem
nachzugehen. Dafür bekommen wir sehr hohe Diäten,
und wir sollten uns ein bisschen anstrengen.


(Beifall bei der LINKEN)


Es wurden aber in diesen Sitzungen immer neue Fra-
gen aufgeworfen, wesentlich mehr neue Fragen, als wir
Antworten bekommen haben. Wir haben einen BKA-
Chef erlebt, der sich permanent von Anfang an in eine
Verteidigungshaltung begeben hat und beispielsweise
auf die Frage des Ausschussvorsitzenden in der dritten
und vierten Sitzung – bei einem völlig neuen Fakt –,
warum er das nicht schon in der ersten Sitzung gesagt
habe, geantwortet hat: weil er das nicht gefragt worden
sei. Aktive und transparente Mitarbeit sieht völlig anders
aus.

Ich als Kriminalist kenne das Verhalten von Beschul-
digten, die immer nur das zugeben, was gerade sowieso
offensichtlich ist.


(Zuruf des Abg. Armin Schuster [Weil am Rhein] [CDU/CSU])


– Hören Sie doch einfach zu! – Der BKA-Chef ist eben
nicht als Beschuldigter in den Innenausschuss eingela-
den worden, sondern als Behördenleiter. Darauf ist er
mehrfach, von Dr. Notz zum Beispiel, hingewiesen wor-
den. Er hat es aber nie verstanden. Er hat sich immer in
der Verteidigerposition gesehen, und Sie haben sich in
jeder Innenausschusssitzung als sein Anwalt aufgespielt.
Das ist der Unterschied zum Aufklärungswillen, und das
hat die Kollegin von den Grünen angesprochen.

Der Untersuchungsausschuss soll Fehler aufzeigen,
menschliche und strukturelle, und er soll aufzeigen,
welche Lösungsansätze wir haben, um solche Fehler in
Zukunft zu vermeiden. Wenn alles richtig war, Herr
Schuster, dann kann der Untersuchungsausschuss auch
zu diesem Schluss kommen. Das haben wir nie in
Abrede gestellt. Wir wollen fair und transparent zur Auf-
klärung beitragen. Auch dass alles richtig war, ist letzt-
endlich möglich. Wenn dem so ist, muss auch das geklärt
werden, damit die Zweifel in der Öffentlichkeit wirklich
ausgeräumt werden.





Frank Tempel


(A) (C)



(D)(B)

Wenn Sie zu diesem Sachverhalt die Medienbericht-
erstattung verfolgen und die Zeitung aufschlagen, dann
werden Sie feststellen, dass die Fragen eben nicht beant-
wortet sind. Deshalb fordern auch wir den Untersu-
chungsausschuss. Wir werden diesen Untersuchungsaus-
schuss sehr fair betreiben, aber uns auf die Aufgaben
konzentrieren, für die wir zuständig sind. Für die Staats-
anwaltschaft ist das Landesparlament zuständig, nicht
wir. Auch in dieser Hinsicht sollten Sie Nachhilfeunter-
richt nehmen.

Danke schön.


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803628700

Vielen Dank, Herr Kollege Tempel. – Nächster

Redner in der Debatte ist Uli Grötsch, auch ehemaliger
Polizeibeamter, für die SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Uli Grötsch (SPD):
Rede ID: ID1803628800

Der vierte Polizeibeamte in der Reihe. – Frau

Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kollegin-
nen und Kollegen! Ich freue mich, dass nun nach mona-
telanger Ankündigung gestern der Antrag der Opposi-
tion zur Einsetzung eines Untersuchungsausschusses im
Zusammenhang mit der Operation „Selm“ des Bundes-
kriminalamtes eingebracht worden ist. Wie schon mehr-
fach betont, ist aus unserer Sicht ein Untersuchungsaus-
schuss in diesem Fall das falsche Mittel zur
Sachverhaltsaufklärung.

Wir haben uns im Innenausschuss in vier Sitzungen
eingehend, ausführlich, umfassend und nach meiner
Meinung in wirklich erschöpfender Art und Weise mit
den relevanten Fragen beschäftigt und dafür zahlreiche
Personen aus Bundes- und Landesbehörden und sogar
Mitglieder der Bundesregierung angehört. Inwieweit das
in dieser Art und Weise notwendig war und ob nicht ein-
zelne Mitglieder des Innenausschusses sogar über das
Ziel hinausgeschossen sind, darüber gehen die Meinun-
gen wohl auseinander.

Offenbar gehen sie auch darüber auseinander, lieber
Kollege Tempel, welche Rolle der Präsident des Bundes-
kriminalamts bei den Befragungen im Innenausschuss
gespielt hat. Wir haben ihn völlig anders wahrgenom-
men als Sie. Wir haben klare Antworten auf unsere Fra-
gen bekommen. Wir haben keinen Zweifel an der Dar-
stellung des Präsidenten des Bundeskriminalamtes.

Sofern Detailfragen offengeblieben sein sollten, hät-
ten wir sie, wie eingangs schon erwähnt, zeitnah und
erschöpfend in einer oder zwei weiteren Sitzungen des
Innenausschusses klären können. Stattdessen setzt die
Opposition auf das eher schwerfällige und vor allem
langwierige Instrument eines parlamentarischen Unter-
suchungsausschusses. Das Problem dabei ist, dass man
nicht einfach auf den Erkenntnissen des Innenausschus-
ses aufbauen kann, sondern dass wir in einem solchen
Untersuchungsausschuss mit der förmlichen Beweiser-
hebung ganz von vorn anfangen müssen. Ob das Parla-
ment seine Ressourcen hier effektiv und sinnvoll ein-
setzt, halte ich für fraglich.

Wie Kollege Schuster schon angedeutet hat, halte ich
es für sehr optimistisch, dass der Ausschuss in den von
den Initiatoren anvisierten vier oder fünf Sitzungen seine
Arbeit abschließen kann. Welches politische Ziel mit
diesem Ausschuss verfolgt werden soll, bleibt für mich
und wohl auch für Teile der Opposition ebenfalls nach
wie vor ein Rätsel.

Ich möchte an dieser Stelle ganz deutlich sagen: Wir
sind keine Ermittlungsbehörde. Ich glaube nicht, dass es
Aufgabe des Deutschen Bundestages und seiner Mitglie-
der ist, staatliches Handeln permanent zu kontrollieren.


Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803628900

Herr Grötsch, erlauben Sie eine Zwischenfrage oder

eine Zwischenbemerkung des Kollegen Tempel?


Uli Grötsch (SPD):
Rede ID: ID1803629000

Selbstverständlich.


Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803629100

Bitte, Herr Tempel.


Frank Tempel (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803629200

Danke schön. – Wir haben im Innenausschuss regel-

mäßig recht aktiv Kommunikation betrieben und eine
recht angenehme Zusammenarbeit gepflegt. Dabei ha-
ben wir immer wieder das Signal bekommen, dass die
Regierungskoalition eher auf einen sehr straffen, sehr
kurz geführten Untersuchungsausschuss setzt, wenn er
schon kommen muss.

Jetzt wird uns hier von beiden Regierungsfraktionen
gesagt, dass eine solche kurze Dauer völlig unrealistisch
ist. Sollen wir die Redebeiträge der beiden Vertreter der
Regierungsfraktionen, insbesondere Ihren, also so ver-
stehen, dass wir den Untersuchungsauftrag wesentlich
gründlicher und intensiver ausüben sollen? Das können
wir bei den Fragestellungen sehr gerne berücksichtigen.
Kann ich Ihre Aussage so verstehen, dass die Untersu-
chungen noch gründlicher und intensiver, also nicht bloß
in vier bis sechs Sitzungen, erfolgen sollen? Das nähmen
wir gerne auf. Ich möchte das mit Blick auf das Proto-
koll hier bloß klargestellt wissen.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Herbert Behrens [DIE LINKE])



Uli Grötsch (SPD):
Rede ID: ID1803629300

Herr Kollege, ich habe gerade schon darauf hingewie-

sen, dass ich in Zweifel ziehe, dass die Ressourcen des
Parlaments und seiner Mitglieder in diesem Untersu-
chungsausschuss sinnvoll angelegt sind. Genauso wie
Herr Schuster glaube ich, dass sich im Zuge der Sitzun-
gen des Untersuchungsausschusses noch viele offene
Fragen ergeben werden und dass dieser Untersuchungs-
ausschuss eine ganz eigene Dynamik entwickeln kann.





Uli Grötsch


(A) (C)



(D)(B)

Ganz ohne Frage ist auch uns daran gelegen, dass wir
die Untersuchungsausschusssitzungen kurz, möglichst
schmerzlos und sehr effektiv gestalten. Aber ich kann
mir durchaus vorstellen, dass sich im Zuge der Tätigkeit
des Ausschusses noch Fragen ergeben, die in diesem
Ausschuss geklärt werden müssen.


(Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann ist ja gut, dass wir es machen!)


– Ja, das ist absolut in unserem Interesse; keine Angst.


(Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Komisch, dass Sie sagen, dass alles klar ist!)


Wie gesagt, welches politische Ziel mit diesem Aus-
schuss verfolgt werden soll, erschließt sich uns zunächst
nicht. Gerade wurde schon darauf hingewiesen, dass
man durchaus die Frage stellen darf, ob die Ressourcen
beim Bundeskriminalamt richtig eingesetzt sind. Ich
glaube schon, dass das so ist; daran habe ich überhaupt
keinen Zweifel.

Eine Frage, die man in diesem Zusammenhang aber
auch stellen darf, ist, ob dort genug Personal vorhanden
ist oder ob manches nicht schlichtweg daran scheitert,
dass dort einfach zu wenig Personal vorhanden ist, um
bestimmte Fälle schneller zu bearbeiten, als dies im Fall
der Operation „Selm“ geschehen ist.


(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Seit Monaten fragen wir das!)


Sie, die Oppositionsfraktionen, haben lange über der
Formulierung des Antrags auf Einsetzung eines Untersu-
chungsausschusses gebrütet. Gebracht hat es offenbar
nicht viel. Wir debattieren heute einen Antrag, der – der
Kollege von der Union hat schon darauf hingewiesen –
einige handwerkliche Schwächen hat. Das sind keine
Lappalien; denn die Verfassungsmäßigkeit eines solchen
Antrages liegt in der Gesamtverantwortung des Parla-
ments.


(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann stimmen Sie dagegen!)


Aber, wie ebenfalls schon erwähnt, die handwerkli-
chen Fehler können behoben werden, wenn die Opposi-
tion bereit ist, in einigen Punkten nachzubessern. Daran
haben wir keinen Zweifel. Deshalb beantragen wir heute
die Überweisung dieses Antrags in den Geschäfts-
ordnungsausschuss.

Lassen Sie mich ein paar Aspekte benennen, die mir
besonders wichtig sind:

Bereits die von der Opposition beantragte Größe des
Ausschusses von sechs Mitgliedern lässt sich kaum mit
dem verfassungsrechtlichen Grundsatz der Spiegelbild-
lichkeit der Ausschussgröße vereinbaren. Die Opposi-
tion würde bei dieser Ausschussgröße ein Drittel der
Mitglieder des Ausschusses stellen, obwohl sie im Ple-
num nur über etwa ein Viertel der Sitze verfügt. Das geht
unserer Meinung nach so nicht.

Darüber hinaus ist insbesondere der Teil des Untersu-
chungsauftrags problematisch, mit dem ein Disziplinar-
und Strafverfahren gegen einen einzelnen BKA-Beam-
ten zum zentralen Untersuchungsgegenstand werden
soll. Ich habe große Zweifel, ob hier überhaupt ein be-
sonderes öffentliches Interesse an der Aufklärung dieses
bereits abgeschlossenen Einzelfalls besteht.

Aber entscheidend ist ein grundsätzlicher Gedanke:
Wollen wir uns als Parlament wirklich zum Oberkontrol-
leur einzelner disziplinarischer oder strafrechtlicher
Entscheidungen aufschwingen? Es dürfte auch für die
Öffentlichkeit kaum nachvollziehbar sein, warum hier
eine öffentliche parlamentarische Befassung in einem
Untersuchungsausschuss erforderlich ist. Hier steht zu-
dem ein möglicher Eingriff in den verfassungsrechtli-
chen Grundsatz der Unabhängigkeit der Richter im
Raum, wenn die richterliche Entscheidung zum Strafbe-
fehl gegen einen Beamten Gegenstand der Untersuchung
werden soll.

Meine Bauchschmerzen nehmen noch mehr zu, wenn
ich an die Persönlichkeitsrechte des schon genannten
Beamten denke. Wir vermissen eine besondere Rechtfer-
tigung dafür, warum wir einen einzelnen Beamten einer
solch intensiven parlamentarischen Kontrolle und media-
len Aufmerksamkeit unterwerfen wollen. Es war ja eine
private Verfehlung und keine dienstliche Verfehlung,
und der Beamte war kein Staatssekretär oder Minister,


(Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt wird es spannend!)


sondern ein Beamter einer Bundesbehörde. Wollen wir
wirklich die privaten Verfehlungen eines einzelnen
Beamten zum öffentlichen Spektakel machen, liebe Kol-
leginnen und Kollegen?


(Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das sagt ein Beamter?)


Wohin soll ein solches Vorgehen führen? Wenn über-
haupt, dann müssen wir diesen Untersuchungsabschnitt
klar begrenzen auf die mögliche Beteiligung der politi-
schen Leitungsebene beim Umgang mit diesem Vorgang.

Weiterhin beinhaltet der Antragstext eine Vielzahl
von Behauptungen und Wertungen, wie schon erwähnt
wurde, obwohl erst untersucht werden soll, ob das
wirklich so war, wie Sie das in Ihrem Antrag darstellen.
Einige der Formulierungen verstoßen eindeutig gegen
das sogenannte Antizipationsverbot. Auch diese Pro-
bleme müssen im Geschäftsordnungsausschuss erst noch
geklärt werden.

Schließlich lässt mich der Antragstext mit zu vielen
Fragen zurück, weil er an vielen Stellen einfach unbe-
stimmt und unklar ist. Ein Untersuchungsauftrag muss
schon aus rechtsstaatlichen Gründen inhaltlich bestimmt
sein. Er darf nicht von vornherein Fragen über den
Umfang des Untersuchungsgegenstandes aufwerfen.

Ich hoffe, dass wir diese Fragen im Geschäftsord-
nungsausschuss sachorientiert und zügig klären können,
sodass einer baldigen Einsetzung des Untersuchungsaus-
schusses dann nichts mehr im Weg steht. Auch wenn wir
diesen Untersuchungsausschuss für das falsche Instru-
ment halten, so soll er doch auf der Basis eines rechtssi-
cheren Einsetzungsbeschlusses seine Arbeit aufnehmen.





Uli Grötsch


(A) (C)



(D)(B)

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803629400

Danke schön, Herr Kollege. – Nächster Redner in die-

ser Debatte: Dr. Stephan Harbarth für die CDU/CSU-
Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Stephan Harbarth (CDU):
Rede ID: ID1803629500

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Kolleginnen

und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Das Grundgesetz sieht nicht vor, dass 127 Abgeordnete
des Deutschen Bundestags einen Untersuchungsaus-
schuss einrichten können. Diese Möglichkeit besteht,
weil die Regierungskoalition aus CDU/CSU und Sozial-
demokraten die institutionellen Voraussetzungen dafür
geschaffen hat.


(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sonst hätten wir geklagt, Herr Kollege!)


Da muss ich Ihnen schon sehr klar sagen: Wenn Sie von
den Grünen sich heute hier so aufführen


(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sonst hätten wir geklagt!)


und erklären, es sei eine Regierungskoalition, die – Zitat
– Obstruktion statt Aufklärung betreibe,


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


wenn Sie hier erklären – Zitat –, Sie hätten Zweifel an
unserem Parlamentsverständnis, dann stellt das die
Dinge auf den Kopf.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Ich habe Verständnis dafür, dass man, wenn man als
zwei Fraktionen 16 Prozent der Bevölkerung hinter sich
weiß, versucht, hier einen starken Auftritt zu machen.
Aber nach dem, was wir Ihnen an Minderheitenrechten
eingeräumt haben, ist es ungehörig,


(Widerspruch des Abg. Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


uns ein eingeschränktes Parlamentsverständnis vorzu-
werfen. Das gehört sich nicht.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – Christian Kühn [Tübingen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Wir wären dafür nach Karlsruhe gegangen! – Weitere Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich habe auch mit Interesse zur Kenntnis genommen,
dass es Ihnen darum geht, das Vertrauen in polizeiliche
Strukturen wiederherzustellen. Das Vertrauen in polizei-
liche Strukturen herzustellen, war nicht immer Kernpro-
grammatik grüner Politik.


(Heiterkeit bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich habe das deshalb mit großem Interesse zur Kenntnis
genommen, und wir werden Sie daran messen. Wir wer-
den schauen, ob es Ihnen tatsächlich um Aufklärung
geht oder ob es Ihnen darum geht, Polizisten zu diffa-
mieren und zu diskreditieren.


(Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist eine Unterstellung! Unglaublich!)


Für Letzteres stehen wir mit Sicherheit nicht zur Verfü-
gung.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – Zuruf der Abg. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Wir sind der festen Überzeugung, dass der Untersu-
chungsgegenstand grundsätzlich zulässig ist. Es gibt
aber in der konkreten Ausgestaltung eine Reihe von
Punkten, bei denen wir Diskussionsbedarf im Geschäfts-
ordnungsausschuss sehen. Das gilt zunächst für die
Frage – das ist vorhin angeklungen –, wie groß eigent-
lich der Untersuchungsausschuss sein soll. In der Ge-
schäftsordnung des Deutschen Bundestages ist geregelt,
dass 8 oder 16 Mitglieder möglich sind. Für einen Unter-
suchungsausschuss aus 6 Mitgliedern stehen wir nicht
zur Verfügung, auch deshalb nicht, weil es nicht sein
kann, dass zwei Fraktionen mit 127 Abgeordneten in
diesem Untersuchungsausschuss genauso viele Mitglie-
der stellen wie eine Fraktion mit 311 Abgeordneten. Das
spiegelt die parlamentarische Zusammensetzung nicht
wider. Deshalb werden wir das so auch nicht mitmachen.

Wir haben noch eine Reihe von Zweifeln hinsichtlich
der Bestimmtheit einzelner Punkte des Untersuchungs-
auftrags. Wir haben an einigen Stellen noch Zweifel, ob
die Grundrechte betroffener Personen hinreichend ge-
wahrt sind. Wir werden aber nach meiner Überzeugung
das alles im Geschäftsordnungsausschuss einer vernünf-
tigen Lösung zuführen können.

Das gilt auch für die Frage, wie wir diesen Untersu-
chungsausschuss im Spannungsverhältnis von Parlament
und Rechtsprechung ausgestalten. Die Vorgänge, um die
es hier geht, sind zugleich Gegenstand staatsanwalt-
schaftlicher, möglicherweise auch gerichtlicher und
disziplinarischer Untersuchungen. Dieses schwierige
Spannungsverhältnis, das sich hier zwischen verschiede-
nen Staatsgewalten auftut, werden wir im Einzelnen
noch auszutarieren haben.

Ich sage Ihnen klar: Sie können diesen Untersu-
chungsausschuss haben. Wir werden allerdings sicher-
stellen, dass sich der Untersuchungsausschuss des The-
mas dann in der ganzen Breite annimmt. Wenn Sie
glauben, Vorgänge auf Länderebene, wie die im rot-grün
regierten Niedersachsen, hier ausklammern zu können,
indem Sie sie in Ihrem Untersuchungsauftrag bestenfalls
ganz marginal ansprechen, dann werden Sie erleben,
dass das mit uns nicht geht. Wenn wir uns die Dinge an-
schauen, dann werden wir sie uns gesamthaft anschauen,
dann werden wir uns auch die Dinge im rot-grün regier-
ten Niedersachsen anschauen und fragen: Was ist dort
auf Verwaltungsebene möglicherweise schiefgelaufen?
Was ist dort auf Regierungsebene möglicherweise
schiefgelaufen? Dass man einen Teil skandalisiert und





Dr. Stephan Harbarth


(A) (C)



(D)(B)

versucht, über den anderen Teil den Mantel des Schwei-
gens zu legen, wird mit uns nicht funktionieren.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ich kann Ihnen schon jetzt sagen: Die Menschen ha-
ben an diesem Untersuchungsgegenstand vielleicht ein
Interesse. Aber in einem bin ich mir ganz sicher: Die
Menschen haben ein viel größeres Interesse daran, das
dahinterliegende Sachproblem zu lösen, nämlich den
Umgang mit Kinderpornografie. Ich wünsche mir auch
von den Fraktionen der Antragsteller, dass sie dann,
wenn es darum geht, in diesem Haus taugliche Instru-
mente zu entwickeln, die gleiche Begeisterung und den
gleichen Einsatz zeigen, den sie hier im Hinblick auf den
Untersuchungsgegenstand erkennen lassen. Damit ist
diesem Land möglicherweise noch mehr gedient als al-
lein mit diesem Untersuchungsausschuss.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD – Christian Kühn [Tübingen] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ganz schlechtes Ende!)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803629600

Danke, Herr Kollege. – Ich glaube, dass das ganze

Haus Interesse an der Verfolgung von Kinderpornografie
hat. Daran braucht man, glaube ich, keine Zweifel zu
hegen.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 18/1475 an den Ausschuss für Wahlprüfung,
Immunität und Geschäftsordnung vorgeschlagen. Das
wird eine lebendige Auseinandersetzung im Ausschuss.
Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann
ist die Überweisung so beschlossen.

Ich rufe jetzt den Tagesordnungspunkt 18 auf:

Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung
und Technikfolgenabschätzung (18. Ausschuss)

gemäß § 56a GO-BT

Technikfolgenabschätzung (TA)


Postdienste und moderne Informations- und
Kommunikationstechnologien

Drucksache 18/582
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Energie (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Verteidigungsausschuss
Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz,
Bau und Reaktorsicherheit
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung
Ausschuss Digitale Agenda

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sollen die
Reden zu Protokoll gehen.1) – Ich höre keinen Wider-
spruch. Dann ist das so beschlossen.

1) Anlage 12
Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage an die
in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorge-
schlagen. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der
Fall. Dann ist die Überweisung so beschlossen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 15 auf:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Karin
Binder, Caren Lay, Jan Korte, weiterer Abgeord-
neter und der Fraktion DIE LINKE

Schutz von Kindern vor Schadstoffen in
Spielzeugen wirksam durchsetzen

Drucksache 18/1367
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Energie (f)

Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft (f)

Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit
Federführung strittig

Auch hier sollen nach einer interfraktionellen Verein-
barung die Reden der Kolleginnen und Kollegen zu Pro-
tokoll gegeben werden.2) – Ich höre keinen Widerspruch.
Dann ist das so beschlossen.

Interfraktionell wird die Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 18/1367 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Die Federführung ist
allerdings strittig. Die Fraktionen der CDU/CSU und der
SPD wünschen die Federführung beim Ausschuss für
Wirtschaft und Energie. Die Fraktion Die Linke wünscht
die Federführung beim Ausschuss für Ernährung und
Landwirtschaft.

Ich lasse zuerst abstimmen über den Überweisungsvor-
schlag der Fraktion Die Linke, Federführung beim Aus-
schusses für Ernährung und Landwirtschaft. Wer stimmt
für diesen Überweisungsvorschlag? – Wer stimmt dage-
gen? – Wer enthält sich? – Damit ist der Überweisungs-
vorschlag bei Zustimmung von der Linken und vom
Bündnis 90/Die Grünen und Gegenstimmen der CDU/
CSU- und der SPD-Fraktion abgelehnt.

Ich lasse nun abstimmen über den Überweisungsvor-
schlag der Fraktionen der CDU/CSU und der SPD, Fe-
derführung beim Ausschuss für Wirtschaft und Energie.
Wer stimmt für diesen Überweisungsvorschlag? – Wer
stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Dieser Überwei-
sungsvorschlag ist angenommen. CDU/CSU und die
SPD haben dafür gestimmt, Bündnis 90/Die Grünen hat
dagegen gestimmt. Die Linke hat sich enthalten. Damit
ist der Ausschuss für Wirtschaft und Energie federfüh-
rend.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich teile Ihnen mit,
dass sich die Fraktionen verständigt haben, den Tages-
ordnungspunkt 13 – es handelt sich hierbei um die Bera-
tung des Antrags der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
mit dem Titel „Mehr Anerkennung für Peacekeeper in
internationalen Friedenseinsätzen“ – von der Tagesord-
nung abzusetzen. Sind Sie mit dieser Vereinbarung ein-

2) Anlage 11





Vizepräsidentin Claudia Roth


(A) (C)



(D)(B)

verstanden? – Das ist der Fall. Dann ist das so beschlos-
sen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 17 auf:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Halina
Wawzyniak, Jan Korte, Ulla Jelpke, weiterer Ab-
geordneter und der Fraktion DIE LINKE

Einsetzung einer Unabhängigen Kommission
zur sprachlichen Bereinigung des Strafrechts
von NS-Normen, insbesondere von Gesin-
nungsmerkmalen

Drucksache 18/865
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz (f)

Innenausschuss
Ausschuss für Kultur und Medien

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache 25 Minuten vorgesehen. – Ich höre kei-
nen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache und gebe das Wort Halina
Wawzyniak von der Linken.


(Beifall bei der LINKEN)



Halina Wawzyniak (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1803629700

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und

Herren! Wir debattieren den Antrag der Linken auf Ein-
setzung einer Unabhängigen Kommission zur sprachli-
chen Bereinigung des Strafrechts von NS-Normen, ins-
besondere von Gesinnungsmerkmalen. Unseren Antrag
verstehen wir als Ergänzung und – aufgepasst! – damit
als Unterstützung des Vorhabens des Bundesministers
für Justiz und Verbraucherschutz, eine Expertenrunde
zur Vorbereitung der Strafrechtsreform der Paragrafen
zu Mord und Totschlag einzurichten. Wir finden es aus-
gesprochen richtig und gut, dass der Bundesminister hier
die Initiative der schleswig-holsteinischen Ministerin für
Justiz, Kultur und Europa aufgegriffen hat.


(Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der SPD: Das finden wir auch gut!)


– Richtig, da kann auch die SPD klatschen.

Aus der Antwort auf mehrere schriftliche Anfragen
wissen wir, dass die Expertengruppe noch vor der Som-
merpause ihre Arbeit aufnehmen soll und gesetzgeberi-
sche Schritte noch in dieser Legislaturperiode ergriffen
werden sollen.


(Ansgar Heveling [CDU/CSU]: Ist doch schon eingesetzt!)


Auch das finden wir richtig und auch begrüßenswert.


(Beifall bei der LINKEN)


Wir wissen auch, dass in der Expertenrunde Vertrete-
rinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Praxis der
Fachdisziplinen ausgewählt wurden, die bei der komple-
xen Regelungsmaterie berücksichtigt werden sollen. Wir
wissen ebenfalls, dass diese Expertinnen und Experten
aus der Rechtswissenschaft und der Rechtsanwendung –
und hier insbesondere aus der Kriminologie und Foren-
sik – kommen sollen. Wir wissen aber nicht, ob Histori-
kerinnen und Historiker mitarbeiten und ob die Mitarbeit
der Länder gesichert ist. Wir sehen in unserem Antrag
explizit vor, dass auch Historikerinnen und Historiker an
der Kommission beteiligt werden sollen. Vielleicht kön-
nen Sie sich auch noch für diese Idee erwärmen.

Worin liegt eigentlich das Problem? Das Problem
liegt darin, dass insbesondere die Mordmerkmale „nied-
rige Beweggründe“, aber auch „Heimtücke“ Gesin-
nungsmerkmale sind, die aus der NS-Zeit stammen und
seitdem so im Strafgesetzbuch stehen. Die geltende Fas-
sung des Mordparagrafen geht auf das Jahr 1941 zurück.

Nicht nur Heimtücke und niedrige Beweggründe stel-
len das in Deutschland geltende Tatstrafrecht infrage. Es
handelt sich mindestens bei ihnen um Tatbestandsformu-
lierungen, die tätertypische Verhaltensweisen unter
Strafe stellen und nicht die Tatbegehung an sich. Es han-
delt sich um mit Wertungen versehene Tatbestandsmerk-
male. Das sorgt dafür, dass die sittlich-moralische Wer-
tung von Richterinnen und Richtern zur Grundlage einer
Verurteilung gemacht wird. Solche Gesinnungsmerk-
male, wie wir sie nicht nur bei Mord finden, werfen auch
prozessuale Probleme auf. Ich verweise auf das Recht zu
schweigen nach § 136 StPO.

Das alles ist in der juristischen Wissenschaft seit lan-
gem weitgehend unumstritten. Für eine Reformierung
der Straftatbestände Mord und Totschlag ist es höchste
Zeit. Wir glauben aber, dass, wenn schon eine solche Ex-
pertenrunde eingerichtet wird, nicht bei Mord und Tot-
schlag stehen geblieben werden sollte. Auch in anderen
Straftatbeständen finden sich Gesinnungsmerkmale. Ich
weise auf die Verwerflichkeitsklausel bei der Nötigung
hin:

Rechtswidrig ist die Tat, wenn die Anwendung der
Gewalt oder die Androhung des Übels zu dem an-
gestrebten Zweck als verwerflich anzusehen ist.

Auch hier entscheidet die sittlich-moralische Wertung
von Richterinnen und Richtern über die Strafbarkeit.

Gesinnungsmerkmale finden wir aber auch beim
Straftatbestand der „Misshandlung Schutzbefohlener“
mit den Merkmalen „roh“ und „böswillig“ oder bei der
schweren Körperverletzung mit dem Merkmal „hinter-
listig“. Wir sind der Überzeugung: Wenn eine Experten-
kommission eingerichtet wird, sollte sie sich auch dieser
Straftatbestände annehmen. Ich weiß, der härteste Bro-
cken ist die Frage von Mord und Totschlag, auch weil es
Folgefragen gibt, wie zum Beispiel die Frage nach der
lebenslangen Freiheitsstrafe.

Wir wünschen der Expertengruppe viel Erfolg und
bitten Sie dennoch, zu überlegen, ob man die Experten-
gruppe so, wie wir es vorgeschlagen haben, erweitern
kann.


(Beifall bei der LINKEN)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803629800

Vielen Dank, Frau Kollegin. – Nächster Redner für

die CDU/CSU-Fraktion ist Ansgar Heveling.


(Beifall bei der CDU/CSU)







(A) (C)



(D)(B)


Ansgar Heveling (CDU):
Rede ID: ID1803629900

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Die Uhrzeit, zu der wir heute den Antrag der Fraktion
Die Linke mit dem Titel „Einsetzung einer Unabhängi-
gen Kommission zur sprachlichen Bereinigung des
Strafrechts von NS-Normen, insbesondere von Gesin-
nungsmerkmalen“ beraten, ist geradezu sinnfällig. Es ist
gleichsam eine Mondscheindebatte. Zuallererst ist sie
das, weil der Bundesminister der Justiz und für Verbrau-
cherschutz gerade in dieser Woche eine eigenständige
Kommission eingesetzt hat, die sich für ihn mit der
Frage der Notwendigkeit einer Überarbeitung der Tö-
tungsdelikte im Strafrecht befassen soll.

Bei der Einsetzung dieser Kommission hat Bundes-
minister Maas dezidiert darauf abgestellt, dass die Rege-
lung von Mord und Totschlag zur Zeit des Nationalso-
zialismus Eingang in das Strafgesetzbuch gefunden hat.
Diese Regelung soll besonders im Fokus der Arbeit der
Kommission stehen.


(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Das ist auch gut so!)


Mithin haben wir eine Kommission, die, so hat es Bun-
desjustizminister Maas gegenüber der Presse artikuliert,
die Aufgabe haben soll, eine fundierte Grundlage für die
parlamentarische Diskussion zu schaffen. Einer weiteren
Kommission bedarf es also nicht; einer Ergänzung
ebenso wenig.


(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Doch! Genau das!)


Das Ansinnen der Fraktion Die Linke ist damit in der
Sache ziemlich überflüssig;


(Beifall bei der CDU/CSU)


es sei denn, es geht den Linken einzig und allein darum,
die Unabhängigkeit der von Bundesminister Maas einge-
setzten Kommission infrage stellen zu wollen. Wenn die
Linke von Unabhängigkeit spricht, scheint immer Vor-
sicht geboten zu sein; denn meistens geht es dann gera-
dezu um unverhohlene Lenkung an demokratisch legiti-
mierten Institutionen vorbei. Aber vermutlich ist das
jene Form von Dialektik, die ich niemals verstehen
werde. Auch das lässt sich der Maas-Kommission nicht
ernsthaft unterstellen. So sind beispielsweise Wissen-
schaftler und Vertreter der Richterschaft Mitglieder der
Kommission. Es sind mithin Persönlichkeiten, deren Ar-
beit sogar grundgesetzlich als frei und unabhängig ge-
schützt ist.


(Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Von was sind die eigentlich unabhängig?)


In der Sache, meine lieben Kolleginnen und Kolle-
gen, macht der vorliegende Antrag damit auf ganzer Li-
nie keinen Sinn, zumal es nur Camouflage ist, wenn da-
rin von „sprachlicher Bereinigung“ gesprochen wird.
Darum geht es – das zeigt schon der Rest des Antragsti-
tels – überhaupt nicht. Denn es geht bei dem Antrag na-
türlich um die inhaltliche Veränderung von Strafrechts-
normen und nicht nur um semantische Bereinigungen.
Darüber aber, meine lieben Kolleginnen und Kollegen,
müssen wir sehr viel breiter diskutieren, als wir das
heute Abend nach 22 Uhr tun können.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Die Erkenntnisse der jetzt vom Bundesjustizminister
eingesetzten Kommission können dafür sicherlich eine
gute Grundlage sein.

Wir müssen uns aber gleichzeitig auch die Frage stel-
len, ob eine Reform des Strafgesetzbuches und insbeson-
dere des Bereichs der Tötungsdelikte wirklich so vor-
dringlich ist. Zunächst einmal ist es sicherlich richtig,
dass eine Reihe von Merkmalen des § 211 StGB ihre
Grundlage in einer Strafrechtslehre haben, die nicht un-
serem heutigen Strafrechtsverständnis des Tatstrafrechts
entspricht. Zutreffend ist auch, dass die heutige Fassung
der §§ 211 und 212 im Wesentlichen auf einem Gesetz
aus dem Jahr 1941 beruht, sodass es sich in zeitlicher
Hinsicht tatsächlich um eine Vorschrift aus der Zeit des
Nationalsozialismus handelt.

Die zugrundeliegende Strafrechtslehre ist indessen
viel älter und in Europa andernorts durchaus sogar bis
heute verbreitet. Die Konzeption der Mordmerkmale be-
ruht auf Überlegungen des Schweizer Rechtswissen-
schaftlers Carl Stooss, und die Merkmale stammen im
Wesentlichen vom Ende des 19. Jahrhunderts. Bis heute
begegnen sie einem im Übrigen im französischen Code
pénal.


(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Sie wissen, dass das widerlegt ist!)


Das, meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen,
zeigt jedenfalls, dass das Ziel einer Bereinigung von
Formulierungen aus der NS-Zeit als Begründung für
eine Reform allein wohl nicht ausreichen kann.

Es stellt sich aber im Weiteren auch die Frage, ob eine
Änderung der Strafvorschriften wirklich erforderlich ist.
Denn bei aller rechtswissenschaftlichen Diskussion im
Einzelnen müssen wir auch feststellen, dass die Recht-
sprechung unter der Geltung des Grundgesetzes zu aus-
gewogenen Ergebnissen kommt und die Gerichte für
sämtliche Rechtsprobleme akzeptable Lösungen erarbei-
tet haben.


(Beifall bei der CDU/CSU)


So ist beispielsweise bei Mordfällen, in denen das Täter-
verschulden so viel geringer ist, dass die Verhängung der
lebenslangen Freiheitsstrafe das verfassungsrechtliche
Gebot schuldangemessenen Strafens missachten würde,
anerkannt, dass von lebenslanger Freiheitsstrafe abgese-
hen und auf eine zeitige Freiheitsstrafe erkannt werden
kann; das ist die sogenannte Rechtsfolgenlösung. Das
heißt, der Einzelfallgerechtigkeit wird Genüge getan.

Jede in Erwägung zu ziehende Reform wird sich also
daran messen lassen müssen, ob sie bessere Ergebnisse
liefern kann als die heutige Praxis der Rechtsprechung.


(Dr. Stephan Harbarth [CDU/CSU]: So ist es!)


Für uns als CDU/CSU ist bei jedweder Überlegung klar,
dass ein Festhalten an der lebenslangen Freiheitsstrafe





Ansgar Heveling


(A) (C)



(D)(B)

und der Unverjährbarkeit von Mord auf jeden Fall essen-
ziell ist.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg. Bärbel Bas [SPD])



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803630000

Danke, Herr Kollege. – Nächster Redner in der De-

batte ist Hans-Christian Ströbele für Bündnis 90/Die
Grünen.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Gute Nacht, Frau Präsidentin!


(Heiterkeit)


Wir sind wirklich spät dran, und zwar in jeder Hinsicht;
denn fast 70 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus ist
es eigentlich an der Zeit, das Strafgesetzbuch daraufhin
zu überprüfen, wo es noch Überbleibsel aus der NS-Zeit
gibt und warum.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Dafür gibt es sicherlich viele Gründe. Dabei geht es
nicht nur um den Mordparagrafen,


(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Richtig!)


sondern da gibt es noch ein paar andere.

Es ist schon darauf hingewiesen worden: Beim
Straftatbestand der Nötigung hat sich die Rechtspre-
chung jahrzehntelang darum gekümmert, wie man es
neu definieren, wie man den Begriff „verwerflich“ ausle-
gen kann. Sie kam dabei eigentlich immer wieder zu
sehr seltsamen Ergebnissen. Das hat vielleicht auch den
Grund, dass § 240 Absatz 2 StGB ursprünglich bei den
Nazis die Formulierung „das gesunde Volksempfinden“
enthielt; anstatt „verwerflich“ stand da „das gesunde
Volksempfinden“. Wissen Sie, wann das geändert wor-
den ist? 1953. Da gab es die Bundesrepublik Deutsch-
land schon seit vier Jahren, und da hat man dazu gefun-
den, das zu ändern.

Ich verhehle nicht, dass ich mich angesichts der De-
batte, die wir nicht nur heute Abend führen und die vom
neuen Justizminister in Gang gesetzt worden ist – damit
beschäftigen sich jetzt schon der Strafverteidigertag und
der Deutsche Anwaltverein auf seiner Tagung; all das ist
gut und richtig –, schon frage: Warum hat das so lange
gedauert?

Ich sehe die Schuld auch bei mir. Seit über 45 Jahren
bin ich mit diesem Strafgesetzbuch in der Hand als
Anwalt tätig und bin bis zu dem Zeitpunkt, an dem diese
Diskussion aufkam, nie auf die Idee gekommen – das
muss ich gestehen –, wenn wir uns mit dem Mordpara-
grafen herumgeärgert haben, zu überlegen, woher bei-
spielsweise der Begriff „Heimtücke“ kommt oder wann
er eingeführt worden ist.


(Dr. Jan-Marco Luczak [CDU/CSU]: Wir wollen Sie auch nicht überfordern!)

Es wurde nie die Initiative ergriffen – leider auch nicht
unter Rot-Grün –, das zu ändern.

Ganze Generationen von Juristen sind damit groß ge-
worden. Sie alle haben gewusst, woher das alles kommt,
aber sie haben es nie geändert. Deshalb ist es gut und
richtig, dass wir die Änderung angehen. Wir unterstüt-
zen sowohl den Justizminister als auch die Initiative von
den Linken, die fordert, nicht nur den Mordparagrafen
zu ändern, sondern auch das ganze Strafgesetzbuch zu
überprüfen und die entsprechenden Änderungen herbei-
zuführen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Ich finde, das ist nicht nur eine Sache für eine Exper-
tenkommission. Das ist mir viel zu wenig. Letztlich ist
es die Aufgabe dieses Deutschen Bundestages. Natürlich
sollten wir uns beraten und gute Vorschläge vorlegen
lassen. Vor allen Dingen müssen wir uns überlegen, wel-
che Konsequenzen das nach sich zieht. Wir müssen uns
fragen: Was hat es zur Folge, wenn wir dieses oder jenes
ändern? Wer wird in Zukunft bestraft? Derjenige, der
derzeit nicht bestraft wird? Und wer wird in Zukunft
nicht bestraft? Derjenige, der derzeit vielleicht bestraft
wird? Das alles muss man berücksichtigen.

Wir brauchen viel Sachverstand. Wir brauchen Rich-
ter, auch Richter vom Bundesgerichtshof, die sich nicht
nur mit § 240 – Nötigung –, sondern auch mit § 211
viele Jahrzehnte herumgeärgert haben und in einer sehr
freien, fast verfassungswidrigen Auslegung ganz neue
Tatbestände für den § 211 geschaffen haben. Wir müssen
uns beraten lassen, damit vernünftige Änderungen auf
den Weg gebracht werden können.

Wir arbeiten gerne mit. Bei uns in der Fraktion hat die
Diskussion angefangen. Wir haben auch schon erste ei-
gene Vorschläge. Ich bin gespannt, wann die Vorschläge
nicht nur vom Justizministerium, sondern auch von den
anderen Fraktionen kommen. Lassen Sie uns die Ände-
rungen dann im Konsens vollenden. So kommen wir zu
einem vernünftigen Ergebnis.

Der Maßstab jetzt sollte sein, die Tatbestandsmerk-
male objektiv zu formulieren, also ohne die Gesinnung
in den Tatbestand einfließen zu lassen. Natürlich ist die
Gesinnung bei der Schuldzumessung für die Tat im
subjektiven Teil von erheblicher Bedeutung, aber in den
objektiven Tatbestand gehört sie nicht hinein.

Lassen Sie uns neue Ansätze finden; wir sind gerne
dabei. Wir übernehmen auch den Vorschlag, dass sich
die Bereinigung nicht nur auf § 211 – Mord – konzen-
trieren sollte.

Es lohnt sich, über dieses Thema zu dieser späten
Abendstunde zu diskutieren. Ein bisschen haben wir
dazu beigetragen, dass das Thema angegangen wird. Wir
arbeiten hoffentlich gemeinsam daran weiter und können
vielleicht noch in diesem Jahr, zumindest in dieser
Legislaturperiode, die dringend notwendige Änderung
beschließen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)







(A) (C)



(D)(B)


Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803630100

Vielen Dank, Christian Ströbele. – Nächster Redner in

der Debatte Dirk Wiese für die SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dirk Wiese (SPD):
Rede ID: ID1803630200

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Die Aufarbeitung der NS-Zeit in Justiz und Justiz-
verwaltung ist der Bundesregierung und allen Parteien
hier im Plenum ein großes Anliegen. Sie ist viel zu lange
liegen geblieben, und es erfüllt uns heute mit Scham,
dass NS-Juristen nach 1945 weiter richten, lehren oder
gar Gesetzestexte verfassen durften.

Zur Aufklärung und Aufarbeitung dieser Vergangen-
heit hat die Bundesregierung deshalb in der letzten
Wahlperiode eine unabhängige wissenschaftliche Kom-
mission beim Bundesministerium der Justiz eingesetzt,
die unsere volle Unterstützung hat.

Gegenstand der Untersuchung des Rosenburg-Projek-
tes ist vor allem der Umgang des BMJ mit der NS-Ver-
gangenheit in den 50er- und 60er-Jahren. Dem Namen
„Rosenburg-Projekt“ liegt der damalige Amtssitz des
Ministeriums auf der Bonner Rosenburg zugrunde. Als
Vorbild dieser Aufarbeitung dienen die Untersuchungen
der NS-Geschichte des Auswärtigen Amtes.

Bundesminister Heiko Maas hat an diesem Dienstag
eine weitere wichtige unabhängige Kommission einge-
setzt, die das Ziel hat, die Tötungsdelikte im Strafgesetz-
buch zu reformieren. Diese Reform ist aus meiner Sicht
längst überfällig.


(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Sie wurde bereits seit vielen Jahren angemahnt. Wir
brauchen aus meiner Sicht eine breite Diskussion da-
rüber. Grund für den Reformbedarf sind historische wie
auch praktische Gründe bei der Anwendung der
Tötungsdelikte, die ich kurz erläutern möchte. Mord und
Totschlag entsprechen so, wie sie in den §§ 211 und 212
des Strafgesetzbuchs definiert sind, nicht der grund-
legenden Systematik des StGB; denn diese Delikte sind
täterbezogen und nicht tatbezogen. Konkret heißt das,
dass der geltende Mordparagraf nicht beschreibt, wann
eine Tat ein Mord ist, sondern er beschreibt durch die
Formulierung einen Menschentypus, der aufgrund von
moralisch aufgeladenen Gesinnungsmerkmalen wie dem
der niedrigen Beweggründe oder dem der Heimtücke ein
Mörder ist.

Diese täterbezogene Systematik entspringt dem Ge-
dankengut der Nationalsozialisten. So verwundert es
auch nicht, dass einer der furchtbarsten NS-Juristen
jener Zeit, Roland Freisler, berüchtigt als Präsident des
sogenannten Volksgerichtshofs, in seiner davorliegenden
Zeit als Staatssekretär im Reichsjustizministerium an der
Gesetzgebung maßgeblich beteiligt war. Seiner Feder
entstammt die Struktur des § 211 StGB mit der einleiten-
den Formulierung: „Mörder ist …“, sowie das Tat-
bestandsmerkmal der niedrigen Beweggründe.
Nach Vorstellung der Nationalsozialisten hatte die
Strafe – damals Tod durch Erhängen statt der heutigen
lebenslangen Freiheitsstrafe – auch den Zweck – ich zi-
tiere –, „durch Ausmerzung ungeeigneter Elemente die
rassenmäßige Zusammensetzung des Volkes zu ändern“
– Zitate Ende. Nach der Auffassung von Freisler und der
Nationalsozialisten war die Aufgabe des Richters im
Verfahren, nur noch zu bestimmen, welcher Tätertyp
„den Strang verdient“. Das verdeutlicht: Hier zeigt sich
die Willkür, die den damaligen Gerichtsverfahren anhaf-
tete, ja die damals geradezu gewollt war.

Neben diesen rechtshistorischen und systematischen
Gründen gibt es aber auch eine Vielzahl von Problemen
in der Anwendung der Tötungsdelikte. Lassen Sie mich
dies vielleicht an zwei Beispielen verdeutlichen, die in
der Praxis aus meiner Sicht sehr viele Probleme bereiten:

Erstens, das sogenannte Haustyrannendilemma. Ein
Ehemann, der seine Frau regelmäßig verprügelt und ei-
nes Tages sogar totschlägt, kommt bisher womöglich mit
Totschlag davon, also mit einer mehrjährigen Freiheits-
strafe, wenn er bei Begehung der Tat kein Mordmerkmal
verwirklicht hat. Die Ehefrau, die jahrelang unter der
ehelichen Gewalt gelitten hat und eines Tages die stän-
dige Prügelei und die Demütigungen durch ihren Mann
nicht mehr aushält und ihn im Schlaf umbringt, be-
kommt automatisch lebenslänglich, da die Tötung eines
Schlafenden als heimtückisch gilt und damit immer als
Mord geahndet werden muss. Dass die körperlich unter-
legene Ehefrau gegen den viel stärkeren Ehemann viel-
leicht keine andere Chance hatte, als ihn im Schlaf zu tö-
ten, dass Heimtücke also die einzige Möglichkeit der
schwächeren Person sein kann, bleibt in diesem Sinne
juristisch völlig unberücksichtigt.

Um diese Ungerechtigkeit zu beseitigen, hat ein
Landgericht – das war eine mutige Entscheidung – in ge-
nau einem solchen Fall die Strafe der Frau wegen außer-
gewöhnlicher Umstände gemildert. Das entspricht zwar
dem allgemeinen Gerechtigkeitsempfinden, ist aber ein
Milderungsgrund, der so nirgendwo im Gesetz zu finden
ist und nur auf richterlicher Rechtsfortbildung basiert.

Als zweites Beispiel für praktische Probleme in der
Anwendung der Tötungsdelikte sei hier der Fall genannt,
dass ein Mann seine Ehefrau tötet, weil sie ihn verlassen
hat, und sich nun die rechtliche Frage stellt, ob das
Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe in diesem
Fall erfüllt ist oder vielleicht nicht. Die Rechtsprechung
differenziert hier danach, ob aus Verzweiflung oder Wut
getötet wurde, und hält die Wut im Gegensatz zur reinen
Verzweiflung für einen niederen Beweggrund. Unabhän-
gig davon, ob diese Differenzierung tauglich ist, bleibt
festzustellen, dass auch diese Abgrenzung so nicht dem
Gesetzestext zu entnehmen ist und ebenfalls auf richter-
licher Rechtsfortbildung basiert. Aber gerade bei den
höchsten Rechtsgütern, die hier betroffen sind, muss das
Recht in den Gesetzestexten aus meiner Sicht präzise
normiert sein.


(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)






Dirk Wiese


(A) (C)



(D)(B)

Kurzum: Es ist aus meiner Sicht die Aufgabe des Ge-
setzgebers, die Grenzen strafbaren Verhaltens scharf zu
bestimmen, und die Aufgabe der Justiz, die Gesetze
einzelfallgerecht anzuwenden. Deshalb sind wir der
Auffassung, dass hier der Gesetzgeber handeln sollte,
um die Konstruktionsfehler endlich zu beseitigen und
Rechtsklarheit zu schaffen, damit keine juristischen Ver-
renkungen an der Grenze der richterlichen Rechtsfortbil-
dung mehr nötig sind, um zu Ergebnissen zu kommen,
die auch dem Gerechtigkeitsbedürfnis der Allgemeinheit
entsprechen.

Unser Ziel ist es deshalb, die Tötungsdelikte im Straf-
gesetzbuch noch in dieser Legislaturperiode zu reformie-
ren. Der Bundesminister der Justiz hat deshalb eine
Expertenkommission eingesetzt, um eine fundierte Dis-
kussionsgrundlage für die parlamentarische Diskussion
zu schaffen. Die Gruppe hat diesen Dienstag ihre Arbeit
aufgenommen und besteht aus Fachleuten des Ministe-
riums sowie aus Praktikern und Wissenschaftlern, aber
auch aus Vertretern der Polizei. Ich bin mir sicher, dass
wir in diesem Hause bald einen gelungenen Entwurf
beraten werden, und ich freue mich auf die fraktions-
übergreifende parlamentarische Diskussion hierzu.

Was den Antrag der Kolleginnen und Kollegen von
der Linken angeht, kann ich nur eines sagen: Wir teilen
das Ziel der Bereinigung des Strafgesetzbuchs im Hin-
blick auf Vorschriften aus der NS-Vergangenheit; keine
Frage. Nur, in der konkreten Vorgehensweise wählen wir
an dieser Stelle einen anderen Weg. Denn wir wollen
jetzt erst einmal die zwei bereits eingesetzten Kommis-
sionen ihre Arbeit machen lassen. Die Neugestaltung der
Tötungsdelikte muss in Ruhe angegangen werden, sie
muss gut durchdacht sein. Momentan sollten diese bei-
den Kommissionen erst einmal ihre Arbeit machen, dann
kann man möglicherweise über Weiteres nachdenken.
Aber jetzt sind wir erst einmal an dem Punkt, dass diese
beiden Kommissionen ihre Arbeit erledigen müssen. Ich
glaube, da sind wir auf einem guten Weg. Das hat die
Einsetzung am Dienstag gezeigt.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803630300

Vielen Dank, Herr Kollege Wiese. – Letzter Redner in

der Debatte Alexander Hoffmann für die CDU/CSU-
Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Alexander Hoffmann (CSU):
Rede ID: ID1803630400

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geschätzte Kollegin-

nen und Kollegen! Lassen Sie mich zu vorgerückter
Stunde drei Gesichtspunkte der heutigen Debatte noch-
mals zusammenfassen. Der erste ist schon angeklungen:
Justizminister Maas hat bereits eine Expertenkommis-
sion eingesetzt, die sich mit dem Reformbedarf der
Tötungsdelikte beschäftigen soll.

(Halina Wawzyniak [DIE LINKE]: Der Antrag ist von März!)


– Ganz kurz, Frau Wawzyniak. – Sie setzt sich aus
Strafrechtsprofessoren, aus Experten der forensischen
Psychiatrie und aus Praktikern aus Justiz, Polizei und der
Anwaltschaft zusammen. In einem Jahr sollen erste Er-
gebnisse vorliegen. Am 20. Mai, also in dieser Woche,
hat die Kommission zum ersten Mal getagt.

Nun hat diese Kommission natürlich vornehmlich die
Tötungsdelikte im Fokus. Insoweit geht der vorliegende
Antrag über diese Zielsetzung hinaus, als er auf Gesin-
nungsmerkmale auch in anderen Straftatbeständen aus-
geweitet ist. Dennoch erachte ich diese Vorgehensweise
nicht als zielführend. Denn dringender Reformbedarf
wird, wie wir wissen, von Experten in erster Linie bei
den Tötungsdelikten angemahnt. Nur wenn es hier ge-
lingt, zu einem praxisgerechten und neuen Ansatz zu
kommen, können wir nach diesem ersten Schritt den
zweiten machen.

Warum ist diese Überlegung angezeigt? Damit
möchte ich zu meinem zweiten Gesichtspunkt kommen.
Wenn man sich mit der Idee der Reform der Tötungs-
delikte beschäftigt, stößt man schnell darauf, dass Pro-
fessor Albin Eser schon 1980 auf dem Deutschen Juris-
tentag einen Vortrag dazu gehalten und dringenden
Handlungsbedarf angemahnt hat.


(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Stimmt!)


Die Argumente, die damals vorgebracht wurden, sind
dieselben wie heute. Sie wurden heute bereits dargestellt
und sind uns allesamt bekannt.

Die Kernfrage ist doch: Wie könnte denn überhaupt
eine praxisgerechte Neuregelung aussehen? Genau das
ist der Grund, warum es bis heute zu keiner tragfähigen
Reform gekommen ist. Ich darf deshalb an dieser Stelle
vor einer Reform nur der Reform wegen warnen. Bereits
das Bundesverfassungsgericht hat im 45. Band seiner
Entscheidungssammlung formuliert – ich zitiere wört-
lich –:

Eine allseits befriedigende Neuregelung zu finden,
wird angesichts der Vielfalt der Probleme eine
schwierige Aufgabe für den Gesetzgeber sein.

Obwohl es bis heute weit über ein Dutzend Reform-
vorschläge gibt, konnte noch keiner überzeugen.

Hier nur eine kleine Auswahl an Fragen, die wir,
wenn wir uns auf den Weg zur Reform begeben, beant-
worten müssen, etwa: Wollen wir die absolute Strafan-
drohung „lebenslang“ für Fälle des Mordes tatsächlich
zur Disposition stellen? Dieselbe Frage betrifft die Ver-
jährung. Erzeugen wir nicht in jedem Fall einfach nur
eine Scheinlösung? Ich will Ihnen sagen, warum das so
ist. Zur Konkretisierung der Tat müsste man statt heute
auf der Tatbestandsseite zukünftig ähnliche Kriterien auf
der Rechtsfolgenseite bei der Strafzumessung formulie-
ren. Die Schwierigkeiten, die die Rechtsprechung heute
bei der Frage der Bestimmtheit, bei der Frage der Kon-
kretisierung hat, wären genau dieselben. Die für mich
wichtigste Frage bei so gewichtigen Rechtsgütern lautet:





Alexander Hoffmann


(A) (C)



(D)(B)

Sind wir tatsächlich bereit, die nach einer Reform
zwangsläufig auftretende Unsicherheit in Kauf zu neh-
men?

Ich komme zum dritten und letzten Gesichtspunkt. Im
vorliegenden Antrag klingt an einer Stelle durchaus die
Kritik durch, dass sich gerade bezüglich der Gesin-
nungsmerkmale in den letzten Jahrzehnten Richterrecht
entwickelt hat. Das kann ich und das möchte ich – auch
im Interesse der deutschen Justiz – so heute nicht stehen
lassen; denn die Rechtsprechung der letzten Jahrzehnte
vermochte durchaus die Ecken und Kanten des § 211
StGB auf vorbildliche Art und Weise auszuschleifen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Die Rechtsprechung hat – das belegen zahlreiche Grund-
satzentscheidungen – Wege gefunden, dem Gerechtig-
keitsbedürfnis des Einzelfalls gerecht zu werden; denken
Sie nur – das ist heute schon zitiert worden – an den be-
rühmten Haustyrannenmord. In ihrem Umgang mit frü-
herem Nazistrafrecht steht die Rechtsprechung für mich,
liebe Kolleginnen und Kollegen, symbolisch für unseren
Umgang mit der NS-Vergangenheit: Ohne dass wir es
uns leicht gemacht haben, haben wir gelernt, damit um-
zugehen, haben gelernt, sensibel zu sein. Es ist uns vor
allem gelungen, dem Rechtsstaat und der Demokratie
damit zu voller Blüte zu verhelfen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1803630500

Vielen Dank, Herr Kollege Hoffmann.

Als Nichtjuristin möchte ich mich wirklich von Her-
zen bei allen Kolleginnen und Kollegen bedanken. Das
war eine sehr spannende Debatte. Es war mucksmäus-
chenstill. Ich habe sehr viel gelernt, und ich wünsche Ih-
nen allen viel Erfolg bei diesem sehr wichtigen Anlie-
gen. Vielen herzlichen Dank! Ich habe selten um diese
Uhrzeit eine so spannende Diskussion erlebt.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 18/865 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
verstanden? – Das ist der Fall.

Damit sind wir am Schluss unserer heutigen Tages-
ordnung. Ich berufe die nächste Sitzung des Deutschen
Bundestages auf morgen, Freitag, den 23. Mai 2014, ein.

Ich möchte Sie explizit auf unsere Sitzung um 9 Uhr
hinweisen – sie hat vielleicht auch etwas mit der Diskus-
sion heute Abend im Mondschein zu tun –: Morgen um
9 Uhr findet hier im Plenarsaal, wie Sie wissen, die Son-
derveranstaltung zu 65 Jahre Grundgesetz statt. Ich
würde Sie einladen und bitten, dass Sie zu dieser Son-
derveranstaltung kommen. Ich möchte Sie auch anregen,
sich eine ganz besondere Ausstellung zum Thema
„65 Jahre Grundgesetz“ anzuschauen: Im Forum vor
dem Paul-Löbe-Haus ist heute Abend die Interpretation
der Grundrechte von Markus Lüpertz eröffnet worden.
Ich kann diese sehr spannende Ausstellung nur empfeh-
len.

Die Plenarsitzung fängt morgen um 10.30 Uhr an.

Ich wünsche Ihnen noch einen sehr schönen Abend.
In Bayern würde man jetzt in den Biergarten gehen. Ge-
nießen Sie den schönen Abend. Aber bitte um 9 Uhr
morgen wieder da sein!


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Die Sitzung ist geschlossen.