Rede von
Kerstin
Andreae
- Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede:
(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
- Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es
ist ja richtig, was Sie da schreiben: Dass wir den Meis-
terbrief als Gütesiegel wertschätzen sollten. Aber was
ich so verblüffend finde und was mich auch ein bisschen
irritiert, ist, dass wir in dieser wertvollen Kernzeit einen
Antrag diskutieren, der wirklich dünn ist, weil er die ent-
scheidenden Fragen offenlässt, weil er Lücken lässt.
Es ist per Copy-and-paste erstellt worden. Es handelt
sich um die ZDH-Position. Wenn Sie schon beantragen,
dass hier zur Kernzeit so eine wichtige Debatte geführt
wird, dann hätte ich mir echt gewünscht, dass Sie uns ei-
nen Antrag mit ein bisschen mehr Substanz vorgelegt
hätten.
Ja, es ist richtig: 2004 haben wir die Handwerksord-
nung novelliert. Liebe SPD, macht euch mal nicht so arg
vom Acker! 2004 gab es hochverkrustete Strukturen,
hohe Arbeitslosigkeit; an vielen Stellen ist überlegt wor-
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den: Wie können wir dazu beitragen, dass wieder mehr
Leute einen Job haben? Wie Marktzugangsbeschränkun-
gen beseitigen, wie den Wettbewerb beleben? Dann hat
es die Novelle gegeben, und man hat sich dafür entschie-
den, dass Berufe, die dem Gefahrenrisiko nicht unterlie-
gen – wie der Uhrmacher, der Goldschmied, der Schuh-
macher, der Buchbinder oder auch der Fliesenleger –,
herausgenommen werden. Es kann ja sein, dass an der
einen oder anderen Stelle tatsächlich über das Ziel hi-
nausgeschossen wurde. Was haben wir deswegen gesagt,
und was fordern wir hier Jahr für Jahr? Evaluiert mal,
damit wir wissen, wie die Novelle gewirkt hat und wor-
über wir eigentlich reden müssen! Das ist doch das, was
hier zunächst einmal kommen müsste.
Man muss doch schauen: Was ist aus den Betrieben
geworden? Ja, es gibt die Zahl von 60 Prozent Insolven-
zen bei Existenzgründern. Vergleichbare Zahlen bekom-
men Sie aber überall; denn der Gang in die Selbststän-
digkeit ist tatsächlich ein risikobehafteter.
Wie ist die Situation am Ausbildungsmarkt? Ja, die
Zahl der ausbildenden Betriebe sinkt. 2012 bildeten nur
noch 21,3 Prozent der Betriebe überhaupt aus. Aber den
direkten Zusammenhang zu der Novelle ziehen Sie mir
hier ein bisschen zu en passant. Da müssen Sie doch ein-
mal genau hinschauen: Was ist passiert? Und auf der an-
deren Seite müssen Sie sich auch anschauen: Welche
Herausforderungen sind 2014 zu bewältigen, damit mehr
ausgebildet wird? Denn dass wir mehr ausbilden müs-
sen, ist doch gar keine Frage.
Über 250 000 Jugendliche sind heute in der Warte-
schleife, weil sie keinen Ausbildungsplatz gefunden ha-
ben –
es kostet uns übrigens jedes Jahr 4 Milliarden Euro, dass
wir keine Lösung für diese Jugendlichen finden –, und
1,5 Millionen unter 35-Jährige sind ohne Ausbildung.
Deswegen müssen wir einen Paradigmenwechsel hinbe-
kommen.. Wir müssen eine Ausbildungsoffensive star-
ten – diese haben Sie im Koalitionsvertrag groß ange-
kündigt –, für gute Ausbildung sorgen und letztlich eine
Ausbildungsplatzgarantie auf den Weg bringen, so wie
es Österreich macht.
Das betrifft vor allem Jugendliche mit Einwande-
rungshintergrund. Der Name ist eine Hürde. Das ist zwar
dramatisch und beklagenswert; da kann man nur an die
Unternehmen appellieren, dies nicht zuzulassen. Aber:
Wir wissen es. Als die Kanzlerin letzte Woche sehr me-
dienwirksam Betriebe besucht hat, wurde auch ihr sehr
deutlich gesagt: Der Name ist eine Hürde. – Bildungs-
chancen in Deutschland sind ungerecht verteilt. Bil-
dungsgerechtigkeit und Inklusion sind für viele Kinder
und Jugendliche nicht gegeben. Es gibt also ganz viele
Baustellen, und wir müssen viele Antworten geben. Eine
davon ist DualPlus.
– Doch, das hat etwas mit dem Antrag zu tun. Denn es
geht darum, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen
einer geringeren Zahl von Ausbildungsplätzen, dem
Meisterbrief und der Frage: Welche Lösungen gibt es,
um mehr Ausbildungsplätze zu schaffen? Wir müssen
uns fragen: Wie können wir kleinen Handwerksbetrie-
ben helfen, damit sie sagen: „Ja, wir bilden wieder aus“?
Wenn man überbetriebliche Ausbildungsstätten schafft
und einzelne Module herausnimmt, dann sagt vielleicht
der eine oder andere Handwerksbetrieb: Okay, unter die-
sen Voraussetzungen bilde ich wieder aus. – Deswegen
hat das definitiv etwas mit dem Antrag zu tun. Das steht
sogar in seiner Überschrift.
– Das ist ja ganz besonders niedlich. Also ehrlich, Leute!
Unter II.5 wird gefordert,
die Attraktivität der beruflichen Aus- und Weiter-
bildung zur Sicherung des Fachkräfte- und Unter-
nehmernachwuchses weiter zu steigern –
– so weit, so gut, dass Sie dies wollen; aber dann geht es
nach dem Bindestrich so weiter –
dies insbesondere auch im Hinblick auf Menschen
mit Migrationshintergrund oder Behinderung und
Frauen …
Das treibt einem doch Tränen in die Augen!
Ihr braucht doch einen Paradigmenwechsel! Frauen sind
nicht behindert, sie werden behindert!
Meine Güte, geht das endlich mal in eure Köpfe?
Frauen sind keine Belastung, sondern eine Bereicherung.
Es ist etwas völlig anderes, ob man Inklusion betreibt
und sich darum kümmert, dass Jugendliche mit Migra-
tionshintergrund einen Ausbildungsplatz bekommen,
oder ob man sich darum kümmert, dass Frauen echte
Chancen am Arbeitsmarkt haben, Führungskräfte wer-
den können.
Wenn Sie schon beim ZDH abschreiben, dann hätten
Sie auch diese Zahlen übernehmen können: Fast ein
Drittel aller neuen Auszubildenden im Handwerk sind
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weiblich. Mehr als 20 Prozent aller Meisterprüfungen
werden von Frauen abgelegt. Der Anteil von Frauen mit
Meistertitel hat sich in den vergangenen Jahren fast ver-
doppelt. – Trotzdem haben es Frauen unheimlich
schwer: Das Kapital fehlt, die Unterstützung fehlt, und
sie müssen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in
den Griff bekommen.
Im Ergebnis sind die Frauen am Ende nicht diejenigen,
die ein Unternehmen bzw. einen Handwerksbetrieb füh-
ren. Das ist ein Problem, dem Sie sich endlich einmal
stellen müssen, auch vom Kopf und von der Haltung her.
Der ZDH hat die richtigen Analysen betrieben. Auch wir
bekennen uns zum Meisterbrief als Garant für gute und
sichere Arbeit. Dazu bekennen wir uns.
Von den Regierungsfraktionen hätte ich aber wirklich
mehr als Copy-and-paste erwartet. Wo sind die Konzepte
für stabiles Handwerk, für die Integration von ausländi-
schen Auszubildenden, für die Bekämpfung der Jugend-
arbeitslosigkeit, gegen den Fachkräftemangel? Über die
Rente mit 63 kann ich jetzt leider nicht mehr sprechen.
Wie wollen Sie die jungen Frauen ermutigen, in die
handwerklichen Berufe einzusteigen und Führungsver-
antwortung zu übernehmen? Da sind Sie blank. Dazu sa-
gen Sie in diesem Antrag überhaupt nichts. Das ist ein
Wohlfühlantrag mit ganz vielen Unterschriften, und Sie
werden jetzt alle durch Ihre Wahlkreise gehen und sa-
gen: Wunderbar! Schaut mal, was wir gemacht haben! –
Aber ein bisschen mehr im Bereich der Handwerkspoli-
tik können wir von Ihnen schon erwarten.
Vielen Dank.