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ID1402000300

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    Plenarprotokoll 14/20 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 20. Sitzung Bonn, Dienstag, den 23. Februar 1999 I n h a l t : Erweiterung der Tagesordnung........................ 1383 B Zusatztagesordnungspunkt 1: Abgabe einer Erklärung der Bundes- regierung zu den gewalttätigen Aktionen aus Anlaß der Verhaftung des PKK- Vorsitzenden Abdullah Öcalan ................. 1383 B Otto Schily, Bundesminister BMI.................... 1383 B Erwin Marschewski CDU/CSU ....................... 1387 A Günter Graf (Friesoythe) SPD ..................... 1388 A Ludwig Stiegler SPD ....................................... 1389 B Dr. Guido Westerwelle F.D.P. ......................... 1391 B Cem Özdemir BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.. 1393 A Petra Pau PDS.................................................. 1394 B Uta Zapf SPD................................................... 1395 B Ruprecht Polenz CDU/CSU............................. 1396 D Dr. Ludger Volmer, Staatsminister AA ........... 1398 B Tagesordnungspunkt 1: a) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung eingebrachten Entwurfs eines Geset- zes über die Feststellung des Bundeshaus- haltsplans für das Haushaltsjahr 1999 (Haushaltsgesetz 1999) (Drucksache 14/300) .................................. 1399 D b) Unterrichtung durch die Bundesregierung Bericht über den Stand und die voraus- sichtliche Entwicklung der Finanzwirt- schaft (Drucksache 14/350) ....................... 1399 D Oskar Lafontaine, Bundesminister BMF ......... 1400 A Friedrich Merz CDU/CSU............................... 1409 D Joachim Poß SPD ........................................ 1412 D Volker Kröning SPD.................................... 1414 B Ingrid Matthäus-Maier SPD ............................ 1416 B Dr. Christa Luft PDS ................................... 1420 B Dr. Günter Rexrodt F.D.P................................ 1420 C Ingrid Matthäus-Maier SPD ............ 1421 D, 1437 D Oswald Metzger BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN................................................................. 1424 B Bartholomäus Kalb CDU/CSU.................... 1425 B Hartmut Schauerte CDU/CSU..................... 1428 D Dr. Uwe-Jens Rössel PDS ............................... 1430 D Hans Georg Wagner SPD ................................ 1432 B Jürgen Koppelin F.D.P. .............................. 1433 D Bartholomäus Kalb CDU/CSU........................ 1437 A Dietrich Austermann CDU/CSU ..................... 1437 B Oswald Metzger BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN ............................................................ 1440 B Jörg Tauss SPD............................................ 1442 B Dr. Konstanze Wegner SPD ............................ 1443 A Gerda Hasselfeldt CDU/CSU .......................... 1445 A Dr. Barbara Höll PDS...................................... 1447 A Fritz Schösser SPD .......................................... 1448 A Susanne Jaffke CDU/CSU............................... 1450 C Edelgard Bulmahn, Bundesministerin BMBF . 1451 B Steffen Kampeter CDU/CSU........................... 1454 C II Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 20. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 23. Februar 1999 Dr. Peter Eckart SPD ....................................... 1457 A Jürgen W. Möllemann F.D.P. ......................... 1458 B Matthias Berninger BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN................................................................. 1460 B Jürgen W. Möllemann F.D.P. ..................... 1461 C Maritta Böttcher PDS....................................... 1463 A Jörg Tauss SPD................................................ 1464 B Dr. Gerhard Friedrich (Erlangen) CDU/CSU .. 1467 B Hans-Josef Fell BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 1469 A Thomas Rachel CDU/CSU .............................. 1470 B Jürgen Trittin, Bundesminister BMU............... 1472 A Jochen Borchert CDU/CSU ............................. 1473 B Ulrike Mehl SPD ............................................. 1475 A Jürgen Koppelin F.D.P. ................................... 1476 D Waltraud Lehn SPD..................................... 1478 B Dr. Reinhard Loske BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN................................................................. 1479 A Eva Bulling-Schröter PDS............................... 1480 C Christoph Matschie SPD.................................. 1481 B Dr. Klaus Lippold (Offenbach) CDU/CSU ..... 1482 D Michael Müller (Düsseldorf) SPD................... 1485 A Nächste Sitzung .............................................. 1486 C Berichtigung ................................................... 1486 B Anlage Liste der entschuldigten Abgeordneten .......... 1487 A Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 20. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 23. Februar 1999 1383 (A) (C) (B) (D) 20. Sitzung Bonn, Dienstag, den 23. Februar 1999 Beginn: 9.00 Uhr
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    Berichtigung 19. Sitzung, Seite 1327 A, 3. Absatz. Der Satzanfang ist zu lesen: „Wie das Sein das Bewußtsein verän- dert, ...“ Michael Müller (Düsseldorf) Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 20. Sitzung. Bonn, Dienstag, den 23. Februar 1999 1487 (A) (C) (B) (D) Anlage zum Stenographischen Bericht Anlage Liste der entschuldigten Abgeordneten Abgeordnete(r) entschuldigt biseinschließlich Baumeister, Brigitte CDU/CSU 23.1.99 Brudlewsky, Monika CDU/CSU 23.1.99 Diemers, Renate CDU/CSU 23.1.99 Ehlert, Heidemarie PDS 23.1.99 Erler, Gernot SPD 23.1.99 Fischer (Frankfurt), Joseph BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 23.1.99 Frick, Gisela F.D.P. 23.1.99 Hasenfratz, Klaus SPD 23.1.99 Hempelmann, Rolf SPD 23.1.99 Dr. Luther, Michael CDU/CSU 23.1.99 Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Michels, Meinolf CDU/CSU 23.1.99 Dr. Protzner, Bernd CDU/CSU 23.1.99 Rauber, Helmut CDU/CSU 23.1.99 Roth (Augsburg), Claudia BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 23.1.99 Rupprecht, Marlene SPD 23.1.99 Schindler, Norbert CDU/CSU 23.1.99 Sebastian, Wilhelm-Josef CDU/CSU 23.1.99 Verheugen, Günter SPD 23.1.99 Dr. Waigel, Theodor CDU/CSU 23.1.99 Willner, Gert CDU/CSU 23.1.99 Wissmann, Matthias CDU/CSU 23.1.99 Wohlleben, Verena SPD 23.1.99
  • insert_commentVorherige Rede als Kontext
    Rede von Otto Schily


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (SPD)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (SPD)

    Herr Präsi-
    dent! Meine Damen und Herren! Ich bitte Sie zunächst
    um Entschuldigung für die Verspätung. Es ist mir etwas
    passiert, was vielleicht auch einigen anderen schon ein-
    mal passiert ist: Ich bin in einen Stau auf der Autobahn

    gekommen. Das kann der eine oder andere mir vielleicht
    nachsehen.

    Angesichts der mit äußerster Brutalität ausgeführ-
    ten gewalttätigen Aktionen fanatisierter Anhänger der
    kurdischen Arbeiterpartei PKK in den letzten Tagen
    appelliert die Bundesregierung an alle in Deutschland
    lebenden Kurden: Tragen Sie Ihre Konflikte nicht in
    Deutschland aus!


    (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Beifall bei der F.D.P.)

    Wie alle rund zwei Millionen türkischen Staatsbür-
    ger, die in Deutschland leben, sind auch die mehre-
    ren hunderttausend Kurden unter ihnen willkom-
    mene Gäste und Mitbürger in Deutschland, die
    unserer Fürsorge sicher sein können. Es gilt aber
    selbstverständlich auch, was in jedem Land der
    Erde zu den Grundregeln der Gastfreundschaft ge-
    hört: Wer sie in Anspruch nimmt, hat Recht und
    Ordnung des Gastlandes zu respektieren. Gesetzes-
    verletzungen und Gewalt in Deutschland, gleich-
    gültig, von welcher Seite und wie auch immer
    motiviert, wird die Bundesregierung nicht hinneh-
    men.

    (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)

    Sosehr wir uns weltweit für den Schutz von Men-
    schen- und Minderheitenrechten einsetzen, genauso
    entschieden lehnen wir die gewalttätige Auseinan-
    dersetzung hierüber in unserem Lande ab. Wer das
    Gastrecht in Deutschland mißbraucht und straffällig
    wird, muß mit der vollen Härte unserer Gesetze,
    mit einem Strafverfahren und mit Ausweisung und
    Abschiebung rechnen. Dabei wird selbstverständ-
    lich in jedem Einzelfall geprüft werden, ob dem
    Betroffenen Todesstrafe, Folter oder sonstige
    rechtsstaatswidrige Behandlung drohen. Deutsch-
    land ist und bleibt ein Rechtsstaat. Darauf sind wir
    stolz.

    (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)







    (B)



    (A) (C)



    (D)


    – Diese Sätze haben seinerzeit in der Debatte des Deut-
    schen Bundestages am 13. April 1994 den Beifall des
    ganzen Hauses gefunden.


    (Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Hört! Hört!)


    Sie sind wortgleich der Rede des damaligen Bundes-
    außenministers Klaus Kinkel entnommen.


    (Beifall bei der SPD und der F.D.P.)

    Ihre Gültigkeit haben sie bis heute nicht verloren. Ich
    finde es eigentlich bedauerlich, daß die CDU/CSU die-
    ser Aussage heute nicht Beifall gezollt hat.


    (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Daß diese Sätze heute wiederholt werden müssen, be-
    weist, daß die Gewaltbereitschaft der straff organisierten
    terroristischen PKK nach wie vor ein großes Bedro-
    hungspotential für Deutschland wie für viele andere
    Mitgliedsländer der Europäischen Union darstellt.

    Die Ereignisse der jüngsten Tage sind vergleichbar
    mit den Gewalttaten in den Jahren 1993 und 1994. Im
    November 1993 bilanzierte der damalige Innenminister
    Kanther die Vorfälle wie folgt:

    Mit den Anschlägen am 4. November sind 25 Ban-
    ken, 17 Reisebüros, 5 Konsulate und 12 weitere
    türkische Objekte getroffen worden. An den über-
    fallartigen Angriffen von kurdischen Kommandos
    waren vielfältig bewaffnete Personen beteiligt. Bü-
    roeinrichtungen sind demoliert, Brandsätze gewor-
    fen, Gebäude beschädigt worden. Viele Menschen
    sind zu Schaden gekommen, und ein Mensch ist
    getötet worden. Dies steht in einer Reihe mit An-
    schlägen, die in München im Juni schon einmal
    einen schlimmen und bis dahin ungewohnten Gip-
    fel erreicht haben. Es ist kein Zweifel, daß die Aus-
    einandersetzungen, die Kurden, geführt von der
    PKK, gegen Türken in unserem Lande betreiben,
    an Brutalität und Gewalttätigkeit zugenommen
    haben.

    Die Bilanz dieser Tage fällt ähnlich aus: Am 16. Fe-
    bruar kam es zu insgesamt 10 Aktionen gegen diploma-
    tische Vertretungen Griechenlands und Kenias. Bei der
    Erstürmung des israelischen Generalkonsulats in Ber-
    lin am 17. Februar wurden drei Kurden getötet. 27 Poli-
    zeibeamte wurden bei dem Versuch, die PKK-Anhänger
    aufzuhalten, verletzt. Insgesamt gab es in Deutschland
    46 Demonstrationen. 40 Veranstaltungen verliefen er-
    freulicherweise friedlich. Es kam zu Besetzungen von
    Parteibüros und Geiselnahmen. Die Polizei nahm in den
    vergangenen Tagen zirka 2 300 Gewalttäter vorläufig in
    Gewahrsam. Gegen 135 Personen wurden Haftbefehle
    erlassen. Im gleichen Zeitraum kam es auch in einer
    Reihe anderer europäischer Staaten zu gewaltsamen
    Aktionen.

    Die deutsche Justiz hat rasch gehandelt. In Stuttgart
    wurde ein Gewalttäter zu einer Freiheitsstrafe von acht
    Monaten ohne Bewährung verurteilt. Weitere Verfahren
    stehen bevor. Das zeigt, daß die Härte des Gesetzes, die

    in einer solchen Situation allen deutlich bewußt werden
    muß, keine leeren Worte sind.

    Inzwischen hat sich die Lage zwar beruhigt. Gleich-
    wohl bleibt ein Gefährdungspotential bestehen, das
    schwer zu kalkulieren ist. Die Länderinnenminister und
    der Bundesinnenminister wissen sich jedenfalls darin
    einig, daß nach wie vor Wachsamkeit geboten ist.

    Die generalstabsmäßig ausgeführten Gewalttaten der
    kurdischen Organisation PKK sind für die Bundesregie-
    rung der unwiderlegliche Beweis dafür, daß das von der
    früheren Bundesregierung verhängte Verbot der PKK
    richtig war und daß die Entscheidung der neuen Bundes-
    regierung, das PKK-Verbot aufrechtzuerhalten, eben-
    falls richtig ist.


    (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)


    Ein Organisationsverbot löst nicht das Problem von
    Gewaltbereitschaft konspirativ arbeitender Grup-
    pen, noch dazu von sehr engem Zusammenschluß.
    Wir wollen deshalb auch unseren Mitbürgern nichts
    vormachen. Niemand kann ausschließen, daß diese
    Gruppe oder andere wieder zu Mitteln der Gewalt
    greifen, um in unserem Land ihre Auseinanderset-
    zungen auszutragen. Aber wir werden nicht zögern,
    alles zu tun, was rechtlich möglich ist, um diesem
    Unwesen ein Ende zu bereiten.

    Diese Sätze stammen aus einer Rede des Bundesinnen-
    ministers Kanther vom 10. November 1993 vor dem
    Deutschen Bundestag. Sie sind nach wie vor richtig.

    Nach meiner Überzeugung müssen wir allerdings un-
    sere Bemühungen verstärken, die Logistik der PKK zu
    zerschlagen und die Voraufklärung zu verbessern, damit
    wir nicht, wie in den Jahren 1993 und 1994, jetzt wieder,
    im Jahre 1999, von den Ereignissen überrascht werden.
    Insbesondere gilt es, die Informationsgewinnung und
    -verwertung im internationalen Rahmen auszuweiten,
    zu intensivieren und zu optimieren. Ich habe eine genaue
    und sorgfältige Prüfung in diese Richtung angeordnet.

    Entgegen manchem vorschnellen Urteil hat jedoch
    die Zusammenarbeit zwischen den Innenministerien der
    Länder und dem Bundesministerium des Innern gut
    funktioniert. Ich habe Anlaß, meinen Innenministerkol-
    legen aus den Ländern für die gute Zusammenarbeit zu
    danken. In diesen Dank schließe ich ausdrücklich die
    Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesinnenmini-
    steriums und die der ihm zugeordneten Bundesbehörden
    für ihren sehr engagierten Einsatz ein.


    (Beifall bei der SPD sowie des Abg. Cem Özdemir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


    Die aktuellen Ereignisse sind im übrigen ein Beleg
    dafür, daß die Entscheidung der Bundesregierung, im
    vergangenen Jahr nicht die Auslieferung Öcalans nach
    Deutschland zu verlangen, richtig war.


    (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Wir sind uns bewußt, daß es sich um eine heikle Ent-
    scheidung gehandelt hat. Nach Abwägung aller recht-

    Bundesminister Otto Schily






    (A) (C)



    (B) (D)


    lichen, politischen und moralischen Aspekte hat sich die
    Bundesregierung zwischen dem Anspruch auf Strafver-
    folgung einerseits und den übergeordneten Interessen
    des Rechtsfriedens der Bürgerinnen und Bürger unseres
    Staates andererseits dafür entschieden, keinen Ausliefe-
    rungsantrag an Italien zu stellen.

    Eingedenk der jüngsten Ereignisse kann sich jeder
    vorstellen, mit welcher Eskalation der Gewalt wir zu
    rechnen hätten, wenn ein jahrelanger Prozeß gegen
    Öcalan auf deutschem Boden stattfinden würde. Wir ha-
    ben allerdings gleichzeitig sehr intensive Verhandlungen
    aufgenommen, um Öcalan aus internationaler Verant-
    wortung in einem dafür geeigneten Land vor Gericht zu
    stellen.


    (Lachen bei der CDU/CSU)

    Dieses Vorhaben ist jetzt in der Tat obsolet geworden.

    Die Entscheidung, die Auslieferung Öcalans nicht zu
    verlangen, wurde von – ich betone – sachkundigen Ver-
    tretern aus den Reihen der CDU/CSU ausdrücklich un-
    terstützt.


    (Beifall bei der SPD)

    Der bayerische Innenminister Günther Beckstein hat das
    in diesen Tagen fairerweise wieder bestätigt.

    Ich erinnere aber auch an die Äußerungen des außen-
    politischen Sprechers der CDU/CSU-Fraktion, Karl
    Lamers, der für sein abgewogenes Urteil bekannt ist.


    (Beifall der Abg. Uta Zapf [SPD] – Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Keine Beleidigung!)


    Er verneinte ausdrücklich die Frage, ob er dafür sei, daß
    Bonn die Auslieferung Öcalans nach Deutschland offen-
    siv betreibe und erklärte dazu:

    Man muß in dieser Frage den Nutzen einer Straf-
    verfolgung gründlich mit dem Schaden abwägen,
    der damit verbunden wäre. Dieser Schaden bestün-
    de in einer Gefährdung der inneren Sicherheit in
    unserem Lande, in dem Aufkommen neuer Strafta-
    ten, die in Deutschland in der Konsequenz eine
    Strafverfolgung aller Voraussicht nach erfolgen
    würden.

    Herr Lamers hatte recht.

    (Beifall bei Abgeordneten der SPD)


    Wir können selbstverständlich, obwohl sich die Si-
    tuation vorläufig beruhigt zu haben scheint, nicht ein-
    fach zur Tagesordnung übergehen. Wir müssen gemein-
    sam prüfen, welche Konsequenzen notwendig sind. Ich
    schließe keine Frage aus der Prüfung aus. Selbstver-
    ständlich ist es nicht nur erlaubt, sondern sogar erfor-
    derlich, darüber nachzudenken, ob eine Straffung im
    Ausländerrecht dem Staat eine bessere Möglichkeit
    verleiht, Gewalttäter außer Landes zu bringen.

    Ich warne aber davor, sich in dieser Hinsicht illusio-
    nären Erwartungen hinzugeben. Nach meinem Eindruck
    besteht die Schwierigkeit nicht darin, Ausweisungsver-
    fügungen zu erlassen, sondern im Vollzug, das heißt im
    Bereich der Abschiebung. Bei der Abschiebung haben

    wir als Rechtsstaat bestimmte Grenzen, die uns die Eu-
    ropäische Menschenrechtskonvention und unsere Ver-
    fassung setzen, zu respektieren. Wir dürfen daher nicht
    und – ich betone – wir wollen auch nicht, Menschen in
    ein Land abschieben, in dem ihnen Folter und die To-
    desstrafe drohen. Alles andere wäre eines Rechtsstaates
    nicht würdig.


    (Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN und der F.D.P.)


    Ich werde jedoch sehr sorgfältig untersuchen lassen,
    ob in Anknüpfung an den Briefwechsel, den seinerzeit
    mein Amtsvorgänger Kanther mit der Türkei geführt
    hat, durch ein bilaterales Abkommen ein sicheres Ver-
    fahren vereinbart werden kann, das die Einhaltung des
    Folterverbots und anderer rechtsstaatlicher Garantien in
    dem Land, in das abgeschoben wird, sicherstellt. Die Er-
    fahrungen, die auf der Grundlage des soeben erwähnten
    Schriftwechsels zwischen dem türkischen Innenminister
    und dem damaligen Innenminister Kanther gemacht
    worden sind, begründen jedoch nicht allzu große Er-
    wartungen, daß wir auf diesem Wege weiterkommen.
    Man muß sich nur einmal die Zahl der Abschiebungen
    anschauen, die auf Grund dieses Briefwechsels vorge-
    nommen worden sind.

    Alle Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stel-
    len, werden Thema der Konferenz der Innen- und Ju-
    stizminister der Länder und des Bundes am kommen-
    den Donnerstag sein. Ich hoffe sehr, daß wir zu einver-
    nehmlichen Lösungen kommen können. In Zeiten, in
    denen die Sicherheit bedroht wird, ist es angebracht, daß
    wir zu gemeinsamen Lösungen kommen und auch Mög-
    lichkeiten zu verbesserter Informationsgewinnung und
    Beratung schaffen.

    Natürlich sind diese Fragen nicht nur im nationalen
    Rahmen zu lösen, sondern es kommt auch darauf an, daß
    wir die Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen
    Union und auch mit Nachbarländern der Europäischen
    Union verbessern. Deshalb habe ich für diesen Tag die
    zuständigen Minister aus Ländern der Europäischen
    Union, die hauptsächlich von diesen Vorgängen betrof-
    fen sind, zu einer informellen Konferenz eingeladen, bei
    der wir uns über eine verbesserte Zusammenarbeit un-
    terhalten und die Fragen einer verbesserten Kooperation
    klären werden.

    Meine Damen und Herren, im Deutschen Bundestag
    bestand stets Einigkeit darüber, daß wir gewalttätigen
    Aktionen von PKK-Anhängern mit aller Entschlossen-
    heit entgegentreten, gleichzeitig aber den friedliebenden
    Kurden die Unterstützung ihrer legitimen Interessen zu-
    sichern.


    (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Die Bundesregierung begrüßt daher nachhaltig die ge-
    stern einstimmig verabschiedete Erklärung des Euro-
    päischen Rates. Ich darf daraus zitieren:

    Die Europäische Union bekräftigt ihre Verurteilung
    jeder Art von Terrorismus. Der legitime Kampf ge-
    gen den Terrorismus muß in vollem Respekt für
    Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und demo-

    Bundesminister Otto Schily






    (B)



    (A) (C)



    (D)


    kratischen Normen geführt werden. Legitime Inter-
    essen müssen auf politische Weise und nicht mit
    Gewalt durchgesetzt werden. Die Europäische Uni-
    on bedauert ausdrücklich, daß die Verhaftung von
    Abdullah Öcalan massive Unruhen und Gewalttaten
    ausgelöst hat, die zu Tod, Geiselnahme, Einschüch-
    terung und umfangreichen Zerstörungen geführt
    haben. Sie bekräftigt ihre Haltung, daß derartige
    Gewalttaten inakzeptabel und unter keinen Um-
    ständen hinnehmbar sind.
    Die EU nimmt die Zusicherung der türkischen Re-
    gierung zur Kenntnis, daß Abdullah Öcalan einen
    fairen Prozeß haben wird. Sie erwartet, daß dies ei-
    ne faire und korrekte Behandlung sowie einen öf-
    fentlichen Prozeß, Rechtsstaatlichkeit, ein unab-
    hängiges Gericht mit Zugang zu Rechtsbeistand
    seiner Wahl und zum Prozeß zugelassenen interna-
    tionalen Beobachtern bedeutet.

    (Wolfgang Gehrcke [PDS]: Das glaubt ihr doch selber nicht!)

    Sie unterstreicht nochmals ihre strikte Ablehnung
    der Todesstrafe. Die Europäische Union hält in
    vollem Umfang an der territorialen Integrität der
    Türkei fest. Gleichzeitig erwartet sie von der Tür-
    kei, daß diese ihr Problem mit politischen Mitteln
    löst – unter voller Respektierung der Menschen-
    rechte, der Rechtsstaatlichkeit und weiterer Grund-
    sätze.


    (Ulla Jelpke [PDS]: Welche Worthülsen!)

    Soweit Auszüge aus der Erklärung des Europäischen
    Rates.

    Wir sollten alle gemeinsam dafür eintreten, daß der
    Weg zu einer friedlichen Lösung der Kurdenfrage unter
    Berücksichtigung aller kulturellen, wirtschaftlichen und
    sozialen Aspekte gefunden wird, ohne daß – ich wieder-
    hole diesen Teil aus der Erklärung des Europäischen
    Rates – die Integrität des türkischen Staates angetastet
    wird. Die Türkei sollte sich als Mitglied der NATO und
    der europäischen Familie ihrer Verantwortung stärker
    bewußt werden, als das bisher der Fall zu sein scheint.

    Abschließend will ich noch auf folgendes hinweisen.
    Die neuerlichen Ausschreitungen kurdischer Extremi-
    sten werden von einigen in einen Zusammenhang mit
    der von der Bundesregierung geplanten Reform des
    Staatsangehörigkeitsrechtes gebracht.


    (Zuruf von der CDU/CSU: Zu Recht!)

    Wer einen solchen Zusammenhang herstellt oder auch
    nur andeutet, handelt infam und verantwortungslos.


    (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der PDS und des Abg. Dirk Niebel [F.D.P.] – Widerspruch bei der CDU/CSU)


    Er bringt die Hunderttausende türkischer Staatsangehö-
    riger, die bei uns auf Dauer leben und unter denen Hun-
    derttausende kurdischer Abstammung sind, in einen Ge-
    neralverdacht und stempelt sie zu potentiellen Gewalt-

    verbrechern. Dieses Vorgehen ist eines zivilisierten
    Landes nicht würdig.


    (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der PDS)


    Wer so handelt und spricht, vergiftet den sozialen Frie-
    den und schadet der inneren Sicherheit. Wer behauptet,
    ein neues Staatsbürgerschaftsrecht importiere Gewalttä-
    ter, versucht, in demagogischer Absicht die Öffentlich-
    keit irrezuführen.


    (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der PDS)


    Jedermann weiß, daß es ein solches Gewaltpotential
    leider seit Jahren und unter Geltung des veralteten
    Staatsangehörigkeitsrechtes in Deutschland gibt. Das
    von uns geplante Staatsbürgerschaftsrecht verschärft die
    Bedingungen für den Zugang zur deutschen Staatsbür-
    gerschaft


    (Lachen bei der CDU/CSU)

    und verhindert, daß Extremisten und Gewalttäter deut-
    sche Staatsbürger werden können.


    (Zuruf von der CDU/CSU: Otto Schilys Märchenstunde!)


    Was aber noch viel wichtiger ist: Das neue Staatsbür-
    gerschaftsrecht, zu dessen Gestaltung ich Sie alle aus-
    drücklich einlade, beendet eine Situation, in der Hun-
    derttausende friedliebender Menschen, die zu unserem
    wirtschaftlichen Wohlstand beitragen, die Steuern und
    Sozialversicherungsbeiträge zahlen und die als Unter-
    nehmer Arbeitsplätze schaffen, als Außenseiter behan-
    delt werden. Wir wollen sie aber zu gleichberechtigten
    Bürgerinnen und Bürgern machen. Damit dienen wir
    dem inneren Frieden.


    (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


    Ich hoffe sehr, daß sich die Debatte um dieses wichti-
    ge Vorhaben versachlicht. Ich bedanke mich ausdrück-
    lich bei der F.D.P. und auch bei anderen, die ungeachtet
    der Meinungsunterschiede in der Lage sind, eine sachli-
    che Debatte zu führen.


    (Zurufe von der CDU/CSU: Oh!)

    Es gibt durchaus Abgeordnete in den Reihen der
    CDU/CSU-Fraktion, die zu einer sachlichen Debatte fä-
    hig sind. Auch Sie lade ich sehr herzlich zu dieser De-
    batte ein. Entziehen Sie sich ihr nicht! Diese Debatte
    wird verdeutlichen, daß die Abwehr von Extremisten
    und Gewalttätern eine Bewährungsprobe für den Zu-
    sammenhalt der Demokraten ist. Zu diesem Zusammen-
    halt rufe ich ausdrücklich auf.


    (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Ich halte es zum Abschluß meiner Rede für geboten,
    allen Polizeibeamten der Länder und des Bundes, ein-
    schließlich der Angehörigen des Bundesgrenzschutzes,

    Bundesminister Otto Schily






    (A) (C)



    (B) (D)


    für ihren besonnenen, tatkräftigen und schweren Einsatz
    in diesen Tagen sehr herzlich zu danken.


    (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der F.D.P. – Ingrid MatthäusMaier [SPD]: Schwacher Beifall von der CDU/CSU-Fraktion!)




Rede von Dr. h.c. Wolfgang Thierse
  • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (SPD)
  • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (SPD)
Das Wort für die
CDU/CSU-Fraktion hat der Kollege Erwin Mar-
schewski.


  • insert_commentNächste Rede als Kontext
    Rede von Erwin Marschewski


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (CDU)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)

    Herr Präsident!
    Meine sehr verehrten Damen und Herren! „Wer unser
    Gastrecht mißbraucht, für den gibt es nur eins: Er muß
    raus, und zwar schnell.“


    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Angelika Beer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sachliche Debatte!)


    Sie von der Koalition müssen klatschen, denn das hat
    der Bundeskanzler vor der Bundestagswahl gesagt. Ich
    hoffe, daß Sie mir zumindest jetzt Beifall spenden.

    Denn sonst sind meine Sorgen berechtigt. Es darf
    nicht so sein wie in der Vergangenheit. Da hat Herr
    Scharping ähnliches gesagt, damals noch in höheren
    Würden. Er hat damals gesagt, wir müßten die Gesetze
    verschärfen. Als die Union dies wollte, nach den Kra-
    wallen in Dortmund, als wir gesagt haben, wir wollen
    Leute ausweisen, die zu einem Jahr Freiheitsstrafe ver-
    urteilt werden, und wir wollen Leute ausweisen, die
    Landfriedensbruch begangen haben, wenn der Sach-
    verhalt klar ist, auch ohne Strafurteil, da sind Sie, meine
    Damen und Herren von der SPD und insbesondere Sie
    von den Grünen, diesen Weg gar nicht oder nur sehr be-
    grenzt mitgegangen.


    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Herr Kollege Schily, ich sage dies nicht demago-

    gisch, sondern ganz in Ruhe: Wenn wir jetzt keinen
    Stopp für den Doppelpaß erreicht hätten, wenn Sie Ihre
    Pläne zur Einführung der generellen doppelten Staats-
    bürgerschaft durchgesetzt hätten, was durch unsere
    Aktion zum Glück verhindert worden ist, wäre eine Ab-
    schiebung von Straftätern der PKK offensichtlich nicht
    möglich, weil sie Deutsche wären und weil das Auslän-
    derrecht keine Anwendung fände.


    (Beifall bei der CDU/CSU)

    Dabei ist die Haltung der Union klar. Der Rechts-

    bruch, auch der zur Erreichung eines anderen Zieles,
    fordert die Demokratie und den Staat, der sie schützt,
    zentral heraus. Wenn der demokratische Staat, dem Ver-
    fassung und Gesetze das Gewaltmonopol in die Hand
    gegeben haben, Gewalt gegen ihn hinnimmt, verliert er
    einen Teil seiner Legitimation.

    Deswegen müssen wir diejenigen bestrafen, die Men-
    schen verletzen und die Sachen beschädigen, die Geiseln
    nehmen und die Gewalt gegen Polizeibeamte ausüben.
    Wir müssen sie abschieben, auch im Interesse der
    500 000 hier friedlich lebenden Kurden.