Protokoll:
16094

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Metadaten
  • date_rangeWahlperiode: 16

  • date_rangeSitzungsnummer: 94

  • date_rangeDatum: 26. April 2007

  • access_timeStartuhrzeit der Sitzung: None Uhr

  • av_timerEnduhrzeit der Sitzung: 21:58 Uhr

  • account_circleMdBs dieser Rede
  • tocInhaltsverzeichnis
    Plenarprotokoll 16/94 geordneten Dr. Reinhard Loske, Cornelia Tagesordnungspunkt 4: a) Abgabe einer Erklärung durch die Bun- desregierung: Klimapolitik der Bundes- regierung nach den Beschlüssen des Europäischen Rates . . . . . . . . . . . . . . . . b) Antrag der Abgeordneten Michael Kauch, Angelika Brunkhorst, Horst Meierhofer, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Solares Unternehmertum in Deutschland – Herausforderungen an- nehmen, Chancen nutzen (Drucksache 16/3355) . . . . . . . . . . . . . . . . c) Antrag der Abgeordneten Michael Kauch, Angelika Brunkhorst, Horst Meierhofer, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Behm, Hans-Josef Fell, weiterer Abgeord- neter und der Fraktion des BÜNDNIS- SES 90/DIE GRÜNEN: Für eine radi- kale und konsequente Klimapolitik (Drucksachen 16/3283, 16/4766) . . . . . . . g) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zu dem Antrag der Ab- geordneten Eva Bulling-Schröter, Lutz Heilmann, Hans-Kurt Hill, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion der LINKEN: Klares Signal für die Kyoto-II-Ver- handlungen auf der UN-Klimakonfe- renz in Nairobi setzen (Drucksachen 16/3026, 16/4767) . . . . . . . 9476 D 9476 D 9477 D 9477 D Deutscher B Stenografisch 94. Sitz Berlin, Donnerstag, d I n h a l Begrüßung des Präsidenten des australischen Parlaments, Herrn David Hawker . . . . . . . . . Glückwünsche zum Geburtstag der Abgeord- neten Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Frank Spieth, Christel Riemann-Hanewinckel und Achim Großmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wahl des Abgeordneten Klaas Hübner als stellvertretendes Mitglied in den Vermitt- lungsausschuss und in den Gemeinsamen Ausschuss nach Art. 53 des Grundgesetzes Wahl des Abgeordneten Peter Hettlich als Mitglied in den Stiftungsrat der Bundesstif- tung Baukultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erweiterung und Abwicklung der Tagesord- nung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Absetzung der Tagesordnungspunkte 27 b und 30 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . d e f 9475 B 9475 B 9475 D 9475 D 9475 D 9476 D der FDP: Internationale und europäi- sche Klimaschutzoffensive 2007 (Drucksache 16/4610) . . . . . . . . . . . . . . . . 9477 A undestag er Bericht ung en 26. April 2007 t : ) Antrag der Abgeordneten Dr. Reinhard Loske, Hans-Josef Fell, Birgitt Bender, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Stromeinsparung voranbringen (Drucksache 16/4760) . . . . . . . . . . . . . . . ) Antrag der Abgeordneten Eva Bulling- Schröter, Dr. Dagmar Enkelmann, Hans- Kurt Hill, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der LINKEN: Nationales Sofortprogramm und verbindliche Ziele für den Klimaschutz festlegen (Drucksache 16/5129) . . . . . . . . . . . . . . . ) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zu dem Antrag der Ab- 9477 A 9477 B h) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Verkehr, Bau und Stadt- entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9477 D II Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 – zu dem Antrag der Abgeordneten Lutz Heilmann, Eva Bulling-Schröter, Dorothée Menzner, weiterer Abgeord- neter und der Fraktion der LINKEN: Trendwende beim Klimaschutz im Verkehr – Nachhaltige Mobilität für alle ermöglichen – zu dem Antrag der Abgeordneten Winfried Hermann, Dr. Reinhard Loske, Peter Hettlich, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion des BÜND- NISSES 90/DIE GRÜNEN: Wirk- same Klimaschutzmaßnahmen im Straßenverkehr ergreifen (Drucksachen 16/4416, 16/4429, 16/5135) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sigmar Gabriel, Bundesminister BMU . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Michael Kauch (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Katherina Reiche (Potsdam) (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . Ulrich Kelber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Renate Künast (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Christian Ruck (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE) . . . . . . . . Marco Bülow (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Reinhard Loske (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Frank Schwabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Andreas Jung (Konstanz) (CDU/CSU) . . . . . Rolf Hempelmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . Gabriele Groneberg (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD) . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 5: a) Antrag der Abgeordneten Dr. Heinrich L. Kolb, Dirk Niebel, Birgit Homburger, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Vorschläge des Sachverständi- genrates aufgreifen – Tarifrecht flexibi- lisieren, auf Mindestlöhne verzichten, Bürgergeld einführen (Drucksache 16/4864) . . . . . . . . . . . . . . . . b) Antrag der Abgeordneten Brigitte Pothmer, Kerstin Andreae, Dr. Thea Dückert, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Schnell handeln für eine umfassende Mindestlohnregelung (Drucksache 16/5102) . . . . . . . . . . . . . . . . D R K H B D D F U M K T a b c d 9477 D 9478 A 9484 A 9486 C 9488 D 9490 C 9492 A 9494 A 9495 C 9496 C 9497 D 9499 B 9600 C 9502 B 9503 A 9504 A 9505 C 9505 D irk Niebel (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . onald Pofalla (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) . . . . . . . . . . . . laus Ernst (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . Dirk Niebel (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ubertus Heil (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . rigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . r. Ralf Brauksiepe (CDU/CSU) . . . . . . . . . . Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) . . . . . . . . . . . . Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . r. Heinrich L. Kolb (FDP) . . . . . . . . . . . . . . Dr. Reinhard Göhner (CDU/CSU) . . . . . . ranz Müntefering, Bundesminister BMAS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . lla Lötzer (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . ax Straubinger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . Dirk Niebel (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Klaus Ernst (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . laus Brandner (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dirk Niebel (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . agesordvnungspunkt 33: ) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Anpassung des Dienst- rechts in der Bundesagentur für Arbeit (Dienstrechtsanpassungsgesetz BA – DRAnpGBA) (Drucksache 16/5050) . . . . . . . . . . . . . . . ) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung eingebrachten Entwurfs eines Ach- ten Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über die Deutsche Bundesbank (Drucksache 16/4971) . . . . . . . . . . . . . . . ) Erste Beratung des von den Abgeordneten Sabine Zimmermann, Werner Dreibus, Ulla Lötzer, weiteren Abgeordneten und der Fraktion der LINKEN eingebrachten Entwurfs eines … Gesetzes zur Ände- rung des Postgesetzes (Drucksache 16/4908) . . . . . . . . . . . . . . . ) Antrag der Abgeordneten Detlef Parr, Daniel Bahr (Münster), Heinz Lanfermann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Kontrollierte Heroinabgabe in die Regelversorgung aufnehmen (Drucksache 16/3840) . . . . . . . . . . . . . . . 9505 D 9507 B 9508 C 9509 B 9510 B 9510 C 9512 B 9515 A 9517 A 9518 B 9519 B 9520 B 9520 D 9521 D 9523 D 9525 B 9525 C 9526 C 9527 B 9527 C 9529 C 9529 C 9529 C 9529 D Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 III e) Unterrichtung durch die Bundesregierung: Erster Erfahrungsbericht der Bundes- regierung über die Durchführung des Stammzellgesetzes (Erster Stammzell- bericht) (Drucksache 15/3639) . . . . . . . . . . . . . . . . Zusatztagesordnungspunkt 2: a) Erste Beratung des von den Abgeordneten Jens Ackermann, Dr. Karl Addicks, Christian Ahrendt und weiteren Abgeord- neten eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Betäu- bungsmittelgesetzes und anderer Vor- schriften (Drucksache 16/4696) . . . . . . . . . . . . . . . . b) Antrag der Abgeordneten Cornelia Behm, Undine Kurth (Quedlinburg), Ulrike Höfken, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Am Walfangmoratorium festhalten und Walschutz auf der IWC stärken (Drucksache 16/5105) . . . . . . . . . . . . . . . . c) Antrag der Abgeordneten Heike Hänsel, Wolfgang Gehrcke, Dr. Lothar Bisky, wei- terer Abgeordneter und der Fraktion der LINKEN: Eintreten für die Beendigung der von den USA auferlegten Wirt- schafts-, Handels- und Finanzblockade gegen Kuba (Drucksache 16/5115) . . . . . . . . . . . . . . . . d) Antrag der Abgeordneten Undine Kurth (Quedlinburg), Volker Beck (Köln), Cornelia Behm, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN: Die Bedrohung der Meeresumwelt durch Unterwasserlärm stoppen (Drucksache 16/5117) . . . . . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 34: Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- schusses für Wirtschaft und Technologie zu der Verordnung der Bundesregierung: Acht- undsiebzigste Verordnung zur Änderung der Außenwirtschaftsverordnung (Drucksachen 16/4309, 16/4496 Nr. 1, 16/4878) Zusatztagesordnungspunkt 3: Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Meinungs- und Demonstrationsfreiheit in Russland in Gefahr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Marieluise Beck (Bremen) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . Dr. Andreas Schockenhoff (CDU/CSU) . . . . . H G W K J G K J H A D T a b c d e f 9529 D 9530 A 9530 A 9530 A 9530 B 9530 C 9530 C 9530 D 9531 C arald Leibrecht (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . ernot Erler, Staatsminister AA . . . . . . . . . . olfgang Gehrcke (DIE LINKE) . . . . . . . . . arl-Theodor Freiherr zu Guttenberg (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ürgen Trittin (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ert Weisskirchen (Wiesloch) (SPD) . . . . . . arl-Georg Wellmann (CDU/CSU) . . . . . . . . ohannes Jung (Karlsruhe) (SPD) . . . . . . . . . olger Haibach (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . xel Schäfer (Bochum) (SPD) . . . . . . . . . . . r. Rolf Mützenich (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . agesordnungspunkt 6: ) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung eingebrachten Entwurfs eines Geset- zes zur Umsetzung aufenthalts- und asylrechtlicher Richtlinien der Europäi- schen Union (Drucksache 16/5065) . . . . . . . . . . . . . . . ) Erste Beratung des von den Abgeordneten Volker Beck (Köln), Josef Philip Winkler, Britta Haßelmann, weiteren Abgeordneten und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines … Gesetzes zur Änderung des Aufenthaltsgesetzes (Drucksache 16/3198) . . . . . . . . . . . . . . . ) Antrag der Abgeordneten Sevim Dağdelen, Petra Pau, Ulla Jelpke, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der LINKEN: Für einen umfassenden Schutz religiös Verfolgter in der Bun- desrepublik Deutschland (Drucksache 16/4487) . . . . . . . . . . . . . . . ) Antrag der Abgeordneten Hartfrid Wolff (Rems-Murr), Dr. Max Stadler, Sibylle Laurischk, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Das Aufenthaltsrecht für Hochqualifizierte und Selbständige ändern – Integration maßgeblich ver- bessern (Drucksache 16/4609) . . . . . . . . . . . . . . . ) Antrag der Abgeordneten Hartfrid Wolff (Rems-Murr), Sabine Leutheusser- Schnarrenberger, Dr. Karl Addicks, weite- rer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Bleiberecht großzügig gestalten – Integration verbessern (Drucksache 16/4739) . . . . . . . . . . . . . . . ) Antrag der Abgeordneten Sevim Dağdelenn, Ulla Jelpke, Katja Kipping, 9532 C 9533 C 9535 A 9536 A 9537 A 9538 A 9538 D 9539 D 9540 D 9541 D 9542 D 9543 C 9543 C 9543 D 9543 D 9544 A IV Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 weiterer Abgeordneter und der Fraktion der LINKEN: Asylsuchende und gedul- dete Flüchtlinge beim Zugang zum Arbeitsmarkt gleichstellen (Drucksache 16/4907) . . . . . . . . . . . . . . . . g) Antrag der Abgeordneten Ulla Jelpke, Petra Pau, Sevim Dağdelen, weiterer Ab- geordneter und der Fraktion der LINKEN: Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft für eine grundlegende Wende der euro- päischen Migrations- und Flüchtlings- politik nutzen (Drucksache 16/5109) . . . . . . . . . . . . . . . . h) Antrag der Abgeordneten Josef Philip Winkler, Volker Beck (Köln), Irmingard Schewe-Gerigk, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN: Für ein integrationsför- derndes, menschenrechtskonformes und humanitär ausgewogenes Zuwan- derungsgesetz (Drucksache 16/5103) . . . . . . . . . . . . . . . . i) Antrag der Abgeordneten Dr. Thea Dückert, Kerstin Andreae, Josef Philip Winkler, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Zuzug von Hochqualifizier- ten erleichtern (Drucksache 16/5116) . . . . . . . . . . . . . . . . j) Beschlussempfehlung und Bericht des In- nenausschusses zu dem Antrag der Abge- ordneten Ulla Jelpke, Sevim Dağdelen, Dr. Hakki Keskin, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der LINKEN: Die Welt zu Gast bei Freunden – Für eine offe- nere Migrations- und Flüchtlingspoli- tik in Deutschland und in der Europäi- schen Union (Drucksachen 16/1199, 16/4039) . . . . . . . in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 4: Antrag der Abgeordneten Ulla Jelpke, Sevim Dağdelen, Petra Pau, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der LINKEN: Für Humani- tät und Menschenrechte statt wirtschaftli- cher „Nützlichkeit“ als Grundprinzipien der Migrationspolitik (Drucksache 16/5108) . . . . . . . . . . . . . . . . . . in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 9: Antrag der Abgeordneten Sevim Dağdelen, Dr. Norman Paech, Hüseyin-Kenan Aydin, w L F ( i Z U M ( D H R U J R S D S V S D T V E ( G M B A M J 9544 A 9544 B 9544 B 9544 C 9544 C 9544 D eiterer Abgeordneter und der Fraktion der INKEN: Abschiebestopp und Schutz für lüchtlinge aus Afghanistan Drucksache 16/5141) . . . . . . . . . . . . . . . . . . n Verbindung mit usatztagesordnungspunkt 10: nterrichtung durch die Bundesregierung: igrationsbericht 2005 Drucksache 16/2000) . . . . . . . . . . . . . . . . . . r. Wolfgang Schäuble, Bundesminister BMI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ulla Jelpke (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . artfrid Wolff (Rems-Murr) (FDP) . . . . . . . . üdiger Veit (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . lla Jelpke (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . osef Philip Winkler (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . einhard Grindel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . ibylle Laurischk (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . r. Michael Bürsch (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . Hartfrid Wolff (Rems-Murr) (FDP) . . . . . . evim Dağdelen (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . Josef Philip Winkler (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . olker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . tephan Mayer (Altötting) (CDU/CSU) . . . . Sevim Dağdelen (DIE LINKE) . . . . . . . . . r. Dieter Wiefelspütz (SPD) . . . . . . . . . . . . Sibylle Laurischk (FDP) . . . . . . . . . . . . . . agesordnungspunkt 7: ereinbarte Debatte: Strategieplanung der U-Kommission 2008 Legislativ- und Arbeitsprogramm) . . . . . . ünter Gloser, Staatsminister für Europa . . . . . . . . . . . . . ichael Link (Heilbronn) (FDP) . . . . . . . . . . ernhard Kaster (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . lexander Ulrich (DIE LINKE) . . . . . . . . . . ichael Roth (Heringen) (SPD) . . . . . . . . . . ürgen Trittin (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9544 D 9545 A 9545 B 9546 B 9548 A 9549 C 9552 A 9552 D 9554 B 9556 A 9557 B 9558 D 9559 C 9560 A 9561 D 9563 B 9564 B 9565 A 9565 D 9567 C 9567 D 9568 D 9569 C 9571 A 9572 B 9573 D Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 V Thomas Silberhorn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . Horst Meierhofer (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 8: Antrag der Abgeordneten Dr. Barbara Höll, Dr. Axel Troost, Dr. Herbert Schui, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der LINKEN: Ermäßigung des Mehrwertsteuersatzes für Produkte und Dienstleistungen für Kinder auf 7 Prozent (Drucksache 16/4485) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Barbara Höll (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . Manfred Kolbe (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . Dr. Barbara Höll (DIE LINKE) . . . . . . . . . Dr. Volker Wissing (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . Lydia Westrich (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Barbara Höll (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . Dr. Volker Wissing (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 9: a) Antrag der Abgeordneten Rita Pawelski, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Laurenz Meyer (Hamm), weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten Siegmund Ehrmann, Martin Dörmann, Monika Griefahn, wei- terer Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Kulturwirtschaft als Motor für Wachstum und Beschäftigung stärken (Drucksache 16/5110) . . . . . . . . . . . . . . . . b) Antrag der Abgeordneten Dr. Günter Krings, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Steffen Kampeter, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten Monika Griefahn, Siegmund Ehrmann, Petra Merkel (Ber- lin), weiterer Abgeordneter und der Frak- tion der SPD: Populäre Musik als wichti- gen Bestandteil des kulturellen Lebens stärken (Drucksache 16/5111) . . . . . . . . . . . . . . . . c) Antrag der Abgeordneten Katrin Göring- Eckardt, Kerstin Andreae, Grietje Bettin, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Die Bedeutung der Kulturwirtschaft anerkennen und ihren Stellenwert auf Bundesebene nachhaltig fördern (Drucksache 16/5104) . . . . . . . . . . . . . . . . in Verbindung mit Z A ( A F Z E ( W H M D U D S R T a b H P A C H H T a 9574 D 9576 A 9576 D 9577 A 9578 A 9578 C 9579 D 9580 D 9582 C 9583 A 9583 B 9583 C 9583 C usatztagesordnungspunkt 5: ntrag der Abgeordneten Hans-Joachim Otto Frankfurt), Christoph Waitz, Jens ckermann, weiterer Abgeordneter und der raktion der FDP: Die Kulturwirtschaft als ukunfts- und Wachstumsbranche in uropa stärken Drucksache 16/5101) . . . . . . . . . . . . . . . . . . olfgang Börnsen (Bönstrup) (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ans-Joachim Otto (Frankfurt) (FDP) . . . . . . Steffen Kampeter (CDU/CSU) . . . . . . . . . artin Dörmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . r. Lothar Bisky (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . ndine Kurth (Quedlinburg) (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . agmar Wöhrl, Parl. Staatssekretärin BMWi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . iegmund Ehrmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . ita Pawelski (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . agesordnungspunkt 10: ) Antrag der Abgeordneten Hans-Josef Fell, Cornelia Behm, Winfried Hermann, wei- terer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Vor- bildlich umsteigen – Strom aus erneuer- baren Energien statt Atomstrom in staatlichen Liegenschaften (Drucksache 16/3961) . . . . . . . . . . . . . . . ) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zu dem Antrag der Ab- geordneten Dr. Reinhard Loske, Hans- Josef Fell, Sylvia Kotting-Uhl, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Nie wieder Tschernobyl – Zukunftssichere Energieversorgung ohne Atomkraft (Drucksachen 16/860, 16/1813) . . . . . . . . ans-Josef Fell (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . hilipp Mißfelder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . ngelika Brunkhorst (FDP) . . . . . . . . . . . . . . hristoph Pries (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . ans-Kurt Hill (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . einz Schmitt (Landau) (SPD) . . . . . . . . . . . agesordnungspunkt 11: ) Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs 9583 D 9584 A 9584 D 9585 C 9586 B 9587 D 9588 C 9589 C 9590 C 9592 A 9593 A 9593 B 9593 C 9594 B 9596 C 9597 D 9598 D 9599 C VI Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 eines Gesetzes zur Einrichtung des Deutschen Ethikrats (Ethikratgesetz – EthRG) (Drucksachen 16/2856, 16/5136) . . . . . . . b) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung – zu dem Antrag der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Einsetzung eines Ethik-Komitees des Deutschen Bundestages – zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Ilja Seifert, Monika Knoche, Hüseyin-Kenan Aydin, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion der LINKEN: Einsetzung eines Ethik- Komitees des Deutschen Bundes- tages – zu dem Antrag der Abgeordneten Michael Kauch, Cornelia Pieper, Uwe Barth, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Einrichtung eines Parlamentarischen Beirates für Bio- und Medizinethik (Drucksachen 16/3199, 16/3277, 16/3289, 16/5136) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . c) Antrag der Abgeordneten Eberhard Gienger, Ilse Aigner, Michael Kretschmer, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten René Röspel, Jörg Tauss, Nicolette Kressl, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Einrichtung eines Parlamenta- rischen Beirates zu Fragen der Ethik insbesondere in den Lebenswissenschaf- ten (Ethikbeirat) (Drucksache 16/5128) . . . . . . . . . . . . . . . . Thomas Rachel, Parl. Staatssekretär BMBF . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . René Röspel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . Dr. Reinhard Loske (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ilse Aigner (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . Jörg Tauss (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 12: a) Antrag der Abgeordneten Birgit Homburger, Martin Zeil, Jens Ackermann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Mehr Anreize beim Bürokra- tieabbau – Für eine Kostenerstattung staatlicher Pflichtdienste (Drucksache 16/4605) . . . . . . . . . . . . . . . . b T E e V t ( T a b T B s u n N P t d ( C D S H U 9601 A 9601 A 9601 B 9601 C 9602 D 9604 C 9605 D 9607 A 9608 B 9610 B ) Antrag der Abgeordneten Dr. Heinrich L. Kolb, Birgit Homburger, Jens Ackermann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Entlastung kleiner und mittle- rer Betriebe durch Abbau bürokrati- scher Regelungen im Sozialrecht (Drucksache 16/3163) . . . . . . . . . . . . . . . agesordnungspunkt 13: rste Beratung des von der Bundesregierung ingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur erbesserung der Durchsetzung von Rech- en des geistigen Eigentums Drucksache 16/5048) . . . . . . . . . . . . . . . . . . agesordnungspunkt 14: ) Antrag der Abgeordneten Dr. Herbert Schui, Dr. Barbara Höll, Werner Dreibus, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der LINKEN: Privatisierungsfolgen seriös bilanzieren – Privatisierungen aussetzen (Drucksache 16/3914) . . . . . . . . . . . . . . . ) Erste Beratung des von den Abgeordneten Lutz Heilmann, Dorothée Menzner, Roland Claus, weiteren Abgeordneten und der Fraktion der LINKEN eingebrachten Entwurfs eines ... Gesetzes zur Ände- rung des Gesetzes über den Bau und die Finanzierung von Bundesfernstraßen durch Private (... Fernstraßenbauprivat- finanzierungsgesetzänderungsgesetz) (Drucksache 16/4658) . . . . . . . . . . . . . . . agesordnungspunkt 15: eschlussempfehlung und Bericht des Aus- chusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit nd Entwicklung zu dem Antrag der Fraktio- en CDU/CSU, SPD, FDP und des BÜND- ISSES 90/DIE GRÜNEN: Diaspora – otenziale von Migrantinnen und Migran- en für die Entwicklung der Herkunftslän- er nutzen Drucksachen 16/4164, 16/5119) . . . . . . . . . . hristel Riemann-Hanewinckel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . r. Karl Addicks (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . ibylle Pfeiffer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . eike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . te Koczy (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9610 C 9610 C 9610 D 9611 A 9611 A 9611 B 9612 D 9614 A 9615 D 9616 D Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 VII Tagesordnungspunkt 16: a) Antrag der Abgeordneten Jürgen Trittin, Kerstin Müller (Köln), Marieluise Beck (Bremen), weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Die neue Einheitsregierung in Palästina unterstützen (Drucksache 16/5106) . . . . . . . . . . . . . . . . b) Antrag der Abgeordneten Wolfgang Gehrcke, Dr. Norman Paech, Paul Schäfer (Köln), weiterer Abgeordneter und der Fraktion der LINKEN: Neue Chancen für einen Friedensdialog im Nahen Osten aufgreifen (Drucksache 16/5112) . . . . . . . . . . . . . . . . Marieluise Beck (Bremen) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . Joachim Hörster (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . Dr. Rainer Stinner (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . Gernot Erler, Staatsminister AA . . . . . . . . . . . Wolfgang Gehrcke (DIE LINKE) . . . . . . . . . Dr. Rolf Mützenich (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 17: Zweite und dritte Beratung des von der Bun- desregierung eingebrachten Entwurfs eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Ersten Gesetzes zur Änderung des Bundesgrenz- schutzgesetzes (Drucksachen 16/4665, 16/4921, 16/4969) . . Tagesordnungspunkt 18: Antrag der Abgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan, Hans-Michael Goldmann, Dr. Edmund Peter Geisen, weiterer Abgeord- neter und der Fraktion der FDP: Energie- getreide als Regelbrennstoff zulassen (Drucksache 16/3048) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 19: Erste Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Einführung eines Alkoholverbots für Fahr- anfänger und Fahranfängerinnen (Drucksache 16/5047) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 20: Antrag der Abgeordneten Jan Korte, Ulla Jelpke, Dr. Lothar Bisky, Dr. Lukrezia Jochimsen und der Fraktion der LINKEN: Rechte für Journalistinnen und Journalis- ten sichern und ausbauen (Drucksache 16/3911) . . . . . . . . . . . . . . . . . . T a b c i Z A B H F f ( T A K g S k W ( T A L n d m u ( 9617 D 9617 D 9618 A 9619 A 9620 A 9620 D 9621 C 9622 C 9623 C 9624 A 9624 B 9624 B agesordnungspunkt 21: ) Erste Beratung des von der Bundesregie- rung eingebrachten Entwurfs eines Ersten Gesetzes zur Änderung des Bundes- naturschutzgesetzes (Drucksache 16/5100) . . . . . . . . . . . . . . . ) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zu dem Antrag der Ab- geordneten Undine Kurth (Quedlinburg), Rainder Steenblock, Cornelia Behm, wei- terer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Ver- stöße gegen FFH-Richtlinie umgehend abstellen (Drucksachen 16/1670, 16/4276) . . . . . . . ) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zu dem Antrag der Ab- geordneten Undine Kurth (Quedlinburg), Cornelia Behm, Ulrike Höfken, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Natio- nale Biodiversitätsstrategie zügig vorle- gen (Drucksachen 16/1497, 16/4277) . . . . . . . n Verbindung mit usatztagesordnungspunkt 6: ntrag der Abgeordneten Angelika runkhorst, Michael Kauch, Birgit omburger, weiterer Abgeordneter und der raktion der FDP: Allgemeine Grundsätze ür den Naturschutz in Deutschland Drucksache 16/3099) . . . . . . . . . . . . . . . . . . agesordnungspunkt 22: ntrag der Abgeordneten Christine Scheel, erstin Andreae, Birgitt Bender, weiterer Ab- eordneter und der Fraktion des BÜNDNIS- ES 90/DIE GRÜNEN: Innovationsfähig- eit des Standortes stärken – agniskapital fördern Drucksache 16/4758) . . . . . . . . . . . . . . . . . . agesordnungspunkt 23: ntrag der Abgeordneten Heike Hänsel, Ulla ötzer, Dr. Diether Dehm, weiterer Abgeord- eter und der Fraktion der LINKEN: Für soli- arische Assoziierungsabkommen der EU it den zentralamerikanischen Staaten nd den Staaten der Andengemeinschaft Drucksache 16/5045) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9624 C 9624 D 9624 D 9625 A 9625 C 9625 D VIII Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Tagesordnungspunkt 24: Antrag der Abgeordneten Priska Hinz (Her- born), Hans-Josef Fell, Ulrike Höfken, weite- rer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Nano- technologie-Bericht vorlegen (Drucksache 16/4757) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tagesordnungspunkt 25: a) Antrag der Abgeordneten Volker Beck (Köln), Marieluise Beck (Bremen), Alexander Bonde, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN: Den neuen Menschen- rechtsrat der Vereinten Nationen effek- tiv gestalten (Drucksache 16/4906) . . . . . . . . . . . . . . . . b) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Menschenrechte und Hu- manitäre Hilfe zu dem Antrag der Abge- ordneten Volker Beck (Köln), Birgitt Bender, Kai Gehring, weiterer Abgeord- neter und der Fraktion des BÜNDNIS- SES 90/DIE GRÜNEN: Weitere Ver- schlechterung der Rechtssituation von Homosexuellen in Nigeria verhindern (Drucksachen 16/4747, 16/5113) . . . . . . . Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . Anlage 2 Mündliche Frage 2 Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE) Qualitätskriterien für die Innovations- kraft und die Ausstrahlkraft von wirt- schaftlichen Clustern für die sie umgeben- den ländlichen Räume, Beispiele aus den ostdeutschen Bundesländern Antwort Hartmut Schauerte, Parl. Staatssekretär BMWi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (93. Sitzung, Drucksache 16/5046, Frage 2) Anlage 3 Zu Protokoll gegebene Rede zur Beratung des Antrags: Ermäßigung des Mehrwertsteuersat- zes für Produkte und Dienstleistungen für Kinder auf 7 Prozent (Tagesordnungspunkt 8) Dr. Gerhard Schick (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . A Z – – – ( U A Z d – – ( P A C B S K A Z d d E N D S W 9626 A 9626 B 9626 B 9626 D 9627 A 9627 B 9627 D nlage 4 u Protokoll gegebene Rede zur Beratung: Entwurfs eines Gesetzes zur Einrichtung des Deutschen Ethikrats (Ethikratgesetz – EthRG) Beschlussempfehlung und Bericht zu den Anträgen: – Einsetzung eines Ethik-Komitees des Deutschen Bundestages – Einrichtung eines Parlamentarischen Beirates für Bio- und Medizinethik Antrag: Einrichtung eines Parlamentari- schen Beirates zu Fragen der Ethik insbe- sondere in den Lebenswissenschaften (Ethikbeirat) Tagesordnungspunkt 11 a bis c) we Barth (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . nlage 5 u Protokoll gegebene Reden zur Beratung er Anträge: Mehr Anreize beim Bürokratieabbau – Für eine Kostenerstattung staatlicher Pflicht- dienste Entlastung kleiner und mittlerer Betriebe durch Abbau bürokratischer Regelungen im Sozialrecht Tagesordnungspunkt 12 a und b) eter Rauen (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . lexander Dobrindt (CDU/CSU) . . . . . . . . . . hristian Lange (Backnang) (SPD) . . . . . . . . irgit Homburger (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . abine Zimmermann (DIE LINKE) . . . . . . . . erstin Andreae (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . nlage 6 u Protokoll gegebene Reden zur Beratung es Entwurfs eines Gesetzes zur Verbesserung er Durchsetzung von Rechten des geistigen igentums (Tagesordnungspunkt 13) orbert Geis (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . irk Manzewski (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . abine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . olfgang Nešković (DIE LINKE) . . . . . . . . . 9628 D 9629 D 9630 D 9631 B 9633 B 9634 A 9634 C 9635 C 9637 B 9638 A 9639 A Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 IX Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Alfred Hartenbach, Parl. Staatssekretär BMJ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anlage 7 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung: – Antrag: Privatisierungsfolgen seriös bilan- zieren – Privatisierungen aussetzen – Entwurf eines ... Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über den Bau und die Finan- zierung von Bundesfernstraßen durch Pri- vate (... Fernstraßenbauprivatfinanzie- rungsgesetzänderungsgesetz) (Tagesordnungspunkt 14 a und b) Georg Brunnhuber (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . Dr. Margrit Wetzel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . Jan Mücke (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Herbert Schui (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . Kerstin Andreae (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anlage 8 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Entwurfs eines Zweiten Gesetzes zur Än- derung des Ersten Gesetzes zur Änderung des Bundesgrenzschutzgesetzes (Tagesordnungs- punkt 17) Günter Baumann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . Wolfgang Gunkel (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . Gisela Piltz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Petra Pau (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . . Silke Stokar von Neuforn (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anlage 9 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Energiegetreide als Regelbrenn- stoff zulassen (Tagesordnungspunkt 18) Dr. Maria Flachsbarth (CDU/CSU) . . . . . . . . Detlef Müller (Chemnitz) (SPD) . . . . . . . . . . . Dr. Christel Happach-Kasan (FDP) . . . . . . . Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE) . . . . . . . Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . A Z d e F G H P D D A Z d J n R J C C J G G A Z – – – – ( t J D A L U S 9640 A 9640 D 9641 C 9642 B 9643 D 9645 A 9645 D 9646 C 9647 D 9648 B 9649 A 9649 C 9650 A 9651 A 9652 B 9653 C 9654 D nlage 10 u Protokoll gegebene Reden zur Beratung es Entwurfs eines Gesetzes zur Einführung ines Alkoholverbots für Fahranfänger und ahranfängerinnen (Tagesordnungspunkt 19) ero Storjohann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . eidi Wright (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . atrick Döring (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . orothée Menzner (DIE LINKE) . . . . . . . . . . r. Anton Hofreiter (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . nlage 11 u Protokoll gegebene Reden zur Beratung es Antrags: Rechte für Journalistinnen und ournalisten sichern und ausbauen (Tagesord- ungspunkt 20) einhard Grindel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . örg Tauss (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . hristoph Pries (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . hristoph Waitz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . an Korte (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . . rietje Bettin (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ert Winkelmeier (fraktionslos) . . . . . . . . . . . nlage 12 u Protokoll gegebene Reden zur Beratung: Entwurf eines Ersten Gesetzes zur Ände- rung des Bundesnaturschutzgesetzes Beschlussempfehlung und Bericht: Ver- stöße gegen FFH-Richtlinie umgehend ab- stellen Beschlussempfehlung und Bericht: Natio- nale Biodiversitätsstrategie zügig vorlegen Antrag: Allgemeine Grundsätze für den Naturschutz in Deutschland Tagesordnungspunkt 21 a bis c und Zusatz- agesordnungspunkt 6) osef Göppel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . irk Becker (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ngelika Brunkhorst (FDP) . . . . . . . . . . . . . . utz Heilmann (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . ndine Kurth (Quedlinburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . igmar Gabriel, Bundesminister BMU . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9655 C 9656 D 9658 B 9659 B 9660 A 9660 C 9662 B 9664 A 9665 B 9666 C 9668 A 9669 A 9669 D 9671 A 9672 A 9672 D 9673 C 9674 C X Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Anlage 13 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Innovationsfähigkeit des Stand- ortes stärken – Wagniskapital fördern (Tages- ordnungspunkt 22) Klaus-Peter Flosbach (CDU/CSU) . . . . . . . . Dr. Heinz Riesenhuber (CDU/CSU) . . . . . . . . Nina Hauer (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ulrike Flach (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Axel Troost (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . Christine Scheel (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Barbara Hendricks, Parl. Staatssekretärin BMF . . . . . . . . . . . . Anlage 14 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Für solidarische Assoziierungs- abkommen der EU mit den zentralamerikani- Anlage 15 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Nanotechnologie-Bericht vorle- gen (Tagesordnungspunkt 24) Johann-Henrich Krummacher (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ulla Burchardt (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Cornelia Pieper (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Petra Sitte (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . Priska Hinz (Herborn) (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anlage 16 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung: – Antrag: Den neuen Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen effektiv gestalten – Beschlussempfehlung und Bericht: Wei- tere Verschlechterung der Rechtssituation von Homosexuellen in Nigeria verhindern (Tagesordnungspunkt 25 a und b) 9675 B 9676 A 9678 C 9679 A 9679 D 9680 B 9681 D 9688 B 9689 A 9690 C 9691 C 9692 C schen Staaten und den Staaten der Andenge- meinschaft (Tagesordnungspunkt 23) Anette Hübinger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . Dr. Sascha Raabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . Dr. Karl Addicks (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . Ute Koczy (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . H H D F M V 9682 D 9684 D 9686 A 9686 D 9687 C artwig Fischer (Göttingen) (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . olger Haibach (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . r. Herta Däubler-Gmelin (SPD) . . . . . . . . . lorian Toncar (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . ichael Leutert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . olker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9693 D 9694 C 9695 B 9696 C 9698 A 9698 C Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9475 (A) ) (B) ) 94. Sitz Berlin, Donnerstag, d Beginn: 9.0
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    Anlage 16 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9627 (A) ) (B) ) LINKE) (93. Sitzung, Drucksache 16/5046, Frage 2): ner Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft gelebt, 173 000 mehr Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten Anlage 2 Antwort des Parl. Staatssekretärs Hartmut Schauerte auf die Frage der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann (DIE s d u s g m D b z g ü D w a n ( l T u s W g M d E n d n A W d D d k A o w D m m r 2 Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Ahrendt, Christian FDP 26.04.2007 Bareiß, Thomas CDU/CSU 26.04.2007 Dr. Bartsch, Dietmar DIE LINKE 26.04.2007 Blumentritt, Volker SPD 26.04.2007 Brüning, Monika CDU/CSU 26.04.2007 Goldmann, Hans- Michael FDP 26.04.2007 Großmann, Achim SPD 26.04.2007 Hasselfeldt, Gerda CDU/CSU 26.04.2007 Hintze, Peter CDU/CSU 26.04.2007 Hoppe, Thilo BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 26.04.2007 Kasparick, Ulrich SPD 26.04.2007 Dr. Krings, Günter CDU/CSU 26.04.2007 Dr. Lauterbach, Karl SPD 26.04.2007 Leutert, Michael DIE LINKE 26.04.2007 Merten, Ulrike SPD 26.04.2007 Dr. Priesmeier, Wilhelm SPD 26.04.2007 Dr. Schavan, Annette CDU/CSU 26.04.2007 Schily, Otto SPD 26.04.2007 Steenblock, Rainder BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 26.04.2007 Teuchner, Jella SPD 26.04.2007 Wellenreuther, Ingo CDU/CSU 26.04.2007 (C (D Anlagen zum Stenografischen Bericht Anhand welcher konkreter Qualitätskriterien misst die Bundesregierung die Innovationskraft und die Ausstrahlkraft von wirtschaftlichen Clustern in die sie umgebenden ländli- chen Räume, und welche Beispiele gibt es hierfür in den ost- deutschen Bundesländern? In einem marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystem sollte ich die öffentliche Hand aus direkten Bestimmungen er Marktentwicklungen weitestgehend heraushalten nd die Strukturbildungen den Akteuren des Marktge- chehens überlassen. Es ist nicht Aufgabe der Bundesre- ierung, deren Innovations- und Ausstrahlungskraft zu essen und Cluster aus dem Nichts entstehen zulassen, ie Bundesregierung beschränkt sich daher auf den Ab- au von Wettbewerbsnachteilen und strukturellen Defi- iten durch die Schaffung günstiger Rahmenbedingun- en für die Entwicklung von Clustern. Dabei darf der brige ländliche Raum nicht ins Hintertreffen geraten. ie Bundesregierung geht jedoch in Anlehnung an die issenschaftliche Literatur davon aus, dass sich Cluster ufgrund der geografischen Konzentrationen von mitei- ander verbundenen Unternehmen und Institutionen insbesondere Forschungseinrichtungen und Hochschu- en) in bestimmten Wirtschaftssegmenten (Branche oder echnologie), die miteinander im Wettbewerb stehen nd gleichzeitig auch kooperieren, durch ein überdurch- chnittliches wirtschaftliches und wissenschaftliches achstum sowie durch eine Ausstrahlkraft in andere Re- ionen auszeichnen – wie beispielsweise im Bereich der ikrosystemtechnik der Chip-Standort Dresden. Ziel er Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für die ntwicklung von Clustern ist es auch, dass sich Cluster ach Möglichkeit in ausreichender regionaler Dichte bil- en können sowie sie darin zu unterstützen, eine natio- ale wie internationale Sichtbarkeit zu erlangen. nlage 3 Zu Protokoll gegebene Rede zur Beratung des Antrags: Ermäßigung des Mehrwertsteuersatzes für Produkte und Dienst- leistungen für Kinder auf 7 Prozent (Tagesord- nungspunkt 8) Dr. Gerhart Schick (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): ir beraten heute einen Antrag der Linksfraktion, in dem iese fordert, den Mehrwertsteuersatz für Produkte und ienstleistungen für Kinder auf 7 Prozent zu senken. Ziel er Initiative: Die Kinderarmut in Deutschland soll be- ämpft werden. Die Linke hat – wie so oft – ein richtiges nliegen mit einem populistischen Antrag auf die Tages- rdnung des Plenums gehoben. In der Analyse stimmen ir sicherlich alle überein: Es gibt zu viele arme Kinder in eutschland, und – was erschreckend ist – es werden im- er mehr, wie eine jüngst veröffentlichte Studie des Bre- er Instituts für Arbeitsmarktforschung und Jugendbe- ufshilfe zeigt. 2006 haben im Jahresdurchschnitt fast Millionen Kinder unter 15 Jahren von Sozialgeld in ei- 9628 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) als im Jahr davor. Das ist fast jedes sechste Kind. An der Spitze des Zuwachses steht mit fast 13 Prozent mein Hei- matbundesland Baden-Württemberg. Hier wird nach dem Motto gehandelt: Wir können alles außer Kinder aus der Armut raushalten. Das alles ist ein Skandal. Diese Ana- lyse der Linksfraktion teilen wir. Nun könnte man steuersystematisch argumentieren. Das ist bei der Mehrwertsteuer allerdings schwierig, denn ihre Erhebung folgt keiner überzeugenden Logik. Sozialpolitische Steuerungsansätze, die Stärke von Lob- bygruppen und EU-rechtliche Bestimmungen haben den Mehrwertsteuerkatalog zu einem unübersichtlichen Re- gelwerk werden lassen. Es gibt absurde Beispiele: Mine- ralwasser wird voll besteuert, Leitungswasser nicht, Hausschweine und Trüffel ermäßigt, Wildschweine und Süßkartoffeln voll – die Liste ließe sich beliebig fortset- zen. Meine Fraktion hat bereits angeregt, die Mehrwert- steuersystematik im Finanzausschuss grundsätzlich zu diskutieren; es ist dringend notwendig. Es stellt sich aber die Frage, ob der Schlüssel zu weni- ger Kinderarmut in Deutschland wirklich bei der Mehr- wertsteuer liegt und nicht bei der Kinderbetreuung. Denn eine Ermäßigung an dieser Stelle bedeutet keines- wegs, dass die Preise sinken. Sie würde der Handel mög- licherweise konstant halten, seine Gewinnmarge würde hingegen steigen. Kinderarmut wird aber nicht verrin- gert, indem man die Gewinne der Anbieter von Kinder- kleidung und Windeln erhöht. Wir setzen die Prioritäten anders. Für uns stehen bes- sere Angebote zur Kinderbetreuung bei der Bekämpfung der Kinderarmut im Vordergrund. Alleinerziehende Müt- ter und Väter und ihre Kinder haben das größte Risiko, in die Armutsfalle zu geraten. Besonders die Union for- dert, sie sollen flexibel dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, auch weite Wege zur Arbeitsstelle in Kauf neh- men. Viele sind dazu bereit – wenn die Kinderbetreuung gesichert wäre. Bessere Kinderbetreuungseinrichtungen können übrigens nicht nur Alleinerziehende gut gebrau- chen. Gäbe es in Deutschland mehr Zweiverdienerfami- lien, würde das Armutsrisiko für Kinder sinken. Denn wenn beide Eltern verdienen, ist das Risiko, im Falle von Arbeitslosigkeit eines Elternteils in Armut zu lan- den, weit geringer, als wenn die ganze Familie von nur einem Verdiener abhängig ist. Besonders in den westdeutschen Flächenländern ist das Betreuungsangebot aber armselig. Hier muss die Bundesregierung in dieser politischen Gemeinschafts- aufgabe von Bund und Ländern dringend handeln; es darf nicht noch mehr Zeit verschwendet werden. Warum an dieser Stelle nicht endlich mal „durchregieren“ und gemeinsam mit den Ländern etwas tun gegen die Kinder- armut in Deutschland? Stattdessen liefern SPD und Union völlig unvereinbare Finanzierungsideen. Die Kon- servativen wollen frisches Geld in die Hand nehmen, die Sozialdemokraten bestehendes umschichten. Ja, was denn nun? Wir Grünen haben schlüssige Finanzierungskonzepte vorgelegt. Allein schon das verfassungskonforme Ab- schmelzen eines Teils des Ehegattensplittings in Höhe von insgesamt 20 Milliarden Euro würde der öffentlichen H b S g s d d A w D t m p w k E i e d b m z d u D d g E b r f m n Z (C (D and genügend Spielraum verschaffen, um die Kinder- etreuung deutlich auszubauen. Stattdessen steckt der taat das Geld bisher lieber in die Förderung möglichst roßer Einkommensunterschiede bei Verheirateten. Un- er Vorschlag der Individualbesteuerung würde 5 Milliar- en Euro bringen. Damit könnte man eine Menge gegen ie Kinderarmut in Deutschland tun. nlage 4 Zu Protokoll gegebene Rede zur Beratung: – Entwurf eines Gesetzes zur Einrichtung des Deutschen Ethikrats (Ethikratgesetz – EthRG) – Beschlussempfehlung und Bericht zu den Anträgen: – Einsetzung eines Ethik-Komitees des Deutschen Bundestages – Einrichtung eines Parlamentarischen Bei- rates für Bio- und Medizinethik – Antrag: Einrichtung eines Parlamentari- schen Beirates zu Fragen der Ethik insbe- sondere in den Lebenswissenschaften (Ethikbeirat) (Tagesordnungspunkt 11 a bis c) Uwe Barth (FDP): Wir schließen heute eine sehr ichtige Debatte ab. Wir entscheiden darüber, ob dem eutschen Bundestag künftig ein unabhängiges und in- erdisziplinär zusammengesetztes Sachverständigengre- ium zur Beratung in Fragen mit starken ethischen As- ekten zur Seite stehen wird. Mit fortschreitenden issenschaftlichen Erkenntnissen werden die Möglich- eiten für menschliche Handlungen, die man auch als ingriffe in die Natur bezeichnen und verstehen kann, mmer größer. Ethische Fragestellungen werden dabei ine zunehmende Rolle spielen. Dies gilt sowohl auf me- izinischem als auch auf naturwissenschaftlichem Ge- iet. Besonders wichtig für die Legitimation des Gre- iums und gleichzeitig grundsätzlicher Unterschied um Vorgängergremium ist die Benennung der Mitglie- er durch das Parlament. Wenn beide Seiten, Legislative nd Administrative je zur Hälfte die Mitglieder des eutschen Ethikrats benennen, wird ein Geburtsfehler es vormaligen Nationalen Ethikrates aus rot-grüner Re- ierungszeit heute so nicht wiederholt. Der Deutsche thikrat hat damit eine demokratische Legitimation. Parlament und Bundesregierung brauchen für ihre Ar- eit und für ihre Entscheidungsfindung unabhängige, be- atende Gremien. Der Ethikrat ist ein Beratungsgremium ür das Parlament. Er ist eben nicht „ein Expertengre- ium, das hinter verschlossenen Türen tagt“, wie es ei- ige Kollegen der Linken, Grünen und SPD vor einiger eit formulierten. Der Ethikrat muss und wird sich in Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9629 (A) ) (B) ) seiner Arbeit durch Transparenz und öffentliche Bericht- erstattung auszeichnen. Ich glaube, dass der Deutsche Ethikrat unabhängig ar- beiten, sich Themen teils selbst setzen sowie Aufträge von Parlament und Regierung entgegennehmen muss. Da wir uns nicht selbst beraten wollen, ist eine ständige Mitarbeit von Abgeordneten und Regierungsmitgliedern im Ethikrat eben nicht notwendig. Ich freue mich, dass meine Hinweise aus der ersten Debatte Aufnahme in den nun vorliegenden Antrag fan- den. So kann der Deutsche Ethikrat ein breites Aufga- benfeld bearbeiten und ist eben nicht auf Lebenswissen- schaften beschränkt. Es können ebenso angrenzende Themen wie „Patientenverfügung“ und „Sterbehilfe“ be- arbeitet und entsprechende Empfehlungen zur ethischen Bewertung abgegeben werden. Mit dem Deutschen Ethik- rat verfügen wir über ein Instrument der modernen Politikberatung. Klar ist aber auch: Der Deutsche Ethikrat wird eine qualifizierte parlamentarische Debatte nicht ersetzen können. Der Ort für politische Debatten ist das Parla- ment. Wir als Abgeordnete müssen diese politische De- batte im Plenum und den Ausschüssen führen. Es dürfen eben nicht, wie bei Rot-Grün verstärkt geschehen, Dis- kussionen um derart grundsätzliche Fragen in Räten, an runden Tischen und in Kommissionen sozusagen ausge- lagert werden. Wir müssen als Parlamentarier weit vorausschauen und dabei auch Entwicklungen beraten, die wir als künf- tig bedeutsam erkennen, die aber heute vielleicht noch nicht unmittelbar Bedeutung haben. Dazu gehört zum Beispiel die Rolle der modernen Medizin vor dem Hin- tergrund einer alternden Gesellschaft und stark belasteter sozialer Sicherungssysteme. Es geht darum, schon heute Entwicklungen zu erkennen, Chancen aufzuzeigen und natürlich diese Prozesse auch ethisch zu bewerten und entsprechend politisch verantwortungsbewusst zu gestal- ten. Ich freue mich deshalb, dass uns heute auch ein An- trag der Koalition zur Einrichtung eines Parlamentari- schen Beirats zu Fragen der Ethik insbesondere in den Lebenswissenschaften, Ethikbeirat, zur Abstimmung vorliegt. Genau an dieser Stelle setzte der Vorschlag der FDP an, einen parlamentarischen Beirat für Bio- und Medizinethik einzurichten. Ich hatte Herrn Tauss in der ersten Plenardebatte ge- beten, seinen Einfluss doch dahin gehend geltend zu ma- chen, die Koalition von der Richtigkeit unseres Vor- schlages überzeugen. Ich freue mich, dass auch Frau Aigner unsere Bitte ernst genommen hat und sich für eine Änderung am Gesetzentwurf eingesetzt und einem parlamentarischen Beirat ihre Zustimmung gegeben hat. Leider ist es nicht zu einem interfraktionellen Antrag ge- kommen. Dem vorgeschlagenen Beirat werden wir aber unsere Zustimmung geben, weil auch dieses Gremium nicht nur auf die Bearbeitung lebenswissenschaftlicher Themen beschränkt ist. Genau das ist nach meiner Lesart durch den geänderten Entwurf der Regierungsfraktionen a d a a a A r M S r l l n d g E A t n d s s W u W r n d B e U t A t z A r s D (C (D uch gegeben. Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, dass iese Lesart tatsächlich nicht in Frage gestellt wird. Der Beirat soll einschlägige Gesetzgebungsprozesse uf nationaler und europäischer Ebene in Zusammen- rbeit mit den parlamentarischen Gremien, also auch mit nderen Ausschüssen, begleiten. Insofern kann er auch ußenstehende zu Beratungen hinzuziehen und Anhö- ungen durchführen; hier unterliegt Kollegin Hinz einem issverständnis. Keine Anhörungen darf der Beirat zu tellungnahmen und Berichten des Ethikrates durchfüh- en; er darf dem Ethikrat aber sehr wohl Aufträge ertei- en und zu eigenen Themen, zu denen noch keine Stel- ungnahmen und Berichte des Ethikrates vorliegen, atürlich auch Anhörungen und inhaltliche Befassungen urchführen. Deshalb stimmen wir dem Antrag der Re- ierungsfraktionen und auch dem Gesetzentwurf zum thikratgesetz zu. nlage 5 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Anträge: – Mehr Anreize beim Bürokratieabbau – Für eine Kostenerstattung staatlicher Pflicht- dienste – Entlastung kleiner und mittlerer Betriebe durch Abbau bürokratischer Regelungen im Sozialrecht (Tagesordnungspunkt 12 a und b) Peter Rauen (CDU/CSU): Keine Frage, unsere Un- ernehmen sind mit zu viel Bürokratie belastet. Das gilt atürlich auch für die Berichts- und Meldepflichten, wie iese in dem Antrag zum Sozialrecht richtig beschrieben ind. Es gilt also generell, Sinnvolles von Nutzlosem zu cheiden. Denn nur der Nutzen beweist den Sinn und die irkung eines Gesetzes. Insofern begrüße ich jeden sinnvollen Vorschlag, der nserer mittelständischen Wirtschaft Hürden aus dem eg räumen will. Und ich freue mich schon jetzt auf an- egende Gespräche im Ausschuss. Wer nämlich Unter- ehmen von sinnlosen Meldepflichten entlasten will, em sollte man in Ruhe zuhören! Gleichwohl gebe ich zu bedenken, dass der von der undesregierung eingesetzte Normenkontrollrat mit ben diesen Aufgaben bereits intensiv beschäftigt ist. nd er kontrolliert nicht nur neue Gesetze auf Bürokra- iekosten, sondern eben auch bereits bestehende – § 4 bs. l Ziffer 6 Normenkontrollratsgesetz –, was im An- rag der FDP allerdings bestritten wird. Dass der Normenkontrollrat damit gut beschäftigt ist, eigt allein schon die Anzahl der Gesetze, die allein zur rbeitslosen-, Renten-, Kranken- und Pflegeversiche- ung in den letzten zehn Jahren erlassenen wurden: Es ind 120! Dazu kommen noch etliche Verordnungen. as ist im Schnitt mehr als ein neues Regelwerk pro 9630 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) Monat. Kurzum: Wir sind für jeden Hinweis dankbar, wenn er denn sinnvoll ist. Nun zu dem konkreten Antrag zum Sozialrecht: Darin wird gefordert, eine oder mehrere Meldepflichten nach § 28 a Abs. 1 SGB 4 zu streichen. Es geht hier konkret um Beginn und Ende der versicherungspflichtigen Be- schäftigung, Beginn und Ende von Altersteilzeit, Auflö- sung von Arbeitsverhältnissen und Verschiedenes mehr, somit um grundsätzliche und wesentliche Daten. Diese noch weiter zu reduzieren – drei wurden ja schon gestri- chen –, halte ich für wenig nützlich. Die über die Hintertür des § 28 a Abs. 3 bei der An- meldung anfallenden Angaben, ob eine lebenspartner- schaftliche Beziehung zum Arbeitgeber besteht oder aber ob die Tätigkeit geschäftsführende Funktionen be- inhaltet, halte ich hingegen für durchaus entbehrlich. Gleichwohl sind seit dem 1. Januar 2006 die Sozialversi- cherungsmeldungen und Beitragsnachweise an die ge- setzlichen Kassen – inklusive Minijobzentrale – generell elektronisch zu übermitteln, und somit wäre der tatsäch- lich wegfallende Aufwand als eher gering einzustufen. Wir reden also von der Bedienung weniger Tasten am Computer. Insofern offenbart sich hier nicht nur der äußerst ge- ringe Effekt der geforderten Maßnahme, sondern zeigt dem Kenner der Materie, dass dieser Antrag offensicht- lich ein wenig eingestaubt ist, da er noch Papier und Stift im Sinne führt. Der zweite Teil des Antrages der FDP ist da schon feingliedriger, aber leider genauso ausgeblichen: Sie lis- ten 28 Gesetzestexte auf, die sich mit den Verdienst- bescheinigungen beschäftigen, die ein Arbeitgeber aus- zufüllen hat. Kern der Problematik ist der wenig einheitliche Verdienstbegriff bei der Einkommensbe- rechnung. Das wiederum ist wirklich ein bürokratischer Brocken, der jeden Unternehmer Zeit und Nerven kostet. Diesen zu beseitigen, wäre verdienstvoll. Allerdings ist in diesem Zusammenhang zu berück- sichtigen, dass den im Antrag aufgezählten Gesetzen jeweils eigene Zielsetzungen bei der jeweiligen Einkom- mensberechnung zugrunde liegen. Das Einkommensteu- ergesetz beispielsweise sorgt für staatliches Einkommen unter der Prämisse wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und bei gleichzeitiger Beachtung des steuerrechtlichen Existenzminimums. Es unterliegt dem sogenannten Zu- flussprinzip. Demgegenüber gewähren die Leistungsge- setze Transferzahlungen, um damit ein verfügbares Ein- kommen in bestimmter Höhe zu garantieren. Diese Gesetze unterliegen dem Entstehungsprinzip. Es treffen somit in der Rechtsprechung hier zwei Prinzipien aufeinander, die schwer miteinander zu ver- einbaren sind: der steuerrechtliche Verdienstbegriff und der sozialrechtliche Verdienstbegriff. Aus ebendieser Spannung heraus ergibt sich der bürokratische Aufwand verschiedener Formulare, unter denen unsere Firmen so zu leiden haben. Die Bemühungen, mit diesem Antrag dieses Problem zu schultern, ehrt die FDP: Doch leider kommt sie mit ihrem Hinweis schlichtweg zu spät. Denn, hätte sie den M z g d b S e E z p b c u s k w d w D e S b s w d m s w d m s r k 2 t s s t S s g g b D a i m v k s s e K t (C (D aßnahmenkatalog des Bundeswirtschaftsministeriums um Ersten Mittelstandsentlastungsgesetz aufmerksam elesen, wäre ihr sicherlich aufgefallen, dass sich mit em Punkt 19 der dort genannten „längerfristigen Vorha- en“ ihr Antrag eigentlich erledigt hat. Ich zitiere: Das Bundesministerium für Arbeit und oziales erhält federführend den Prüfauftrag, eine Ver- inheitlichung der Verdienstbescheinigungen und der ntgeltbegriffe anzustreben, die den Sozialleistungen ugrunde liegen. Dies gilt insbesondere für die Ver- flichtung der Arbeitgeber zur Erstellung einer Voraus- escheinigung nach § 194 SGB VI für die Rentenversi- herung. – Der Prüfauftrag ist derzeitig in vollem Gange, nd wir können, so glaube ich, auf das Ergebnis sehr ge- pannt sein. Zum Abschluss möchte ich noch auf ein Thema len- en, welches in der Begründung zum Antrag angeführt ird. Ich halte dies für außerordentlich wichtig. Es ist er Zusammenhang von Regelungsdichte und Schatten- irtschaft. Nach einer aktuellen Studie des Institutes der eutschen Wirtschaft – „IW-Trends“ Heft 1/2007 – fei- rte im März nicht nur das „Gesetz zur Bekämpfung von chwarzarbeit“ seinen 50. Geburtstag. Bis zu 500 000 Ar- eitsplätze könnten in Deutschland aus der Schattenwirt- chaft in den legalen Arbeitsmarkt überführt werden, enn wir nur eine Regelungsdichte hätten, wie diese in en angelsächsischen Ländern derzeitig existiert. Ich eine, so etwas müsste doch zu schaffen sein, und wir ollten diesen Ansatz gemeinsam weiterverfolgen. Alexander Dobrindt (CDU/CSU): Es ist gut, dass ir diese Debatte zum Bürokratieabbau unter dem Ein- ruck einer sich erfolgreich entwickelnden Wirtschaft it einer positiven Entwicklung am Arbeitsmarkt und teigenden Erwartungen bei den Steuereinnahmen füh- en können. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos onnte gestern die Wachstumsprognose für 2007 auf ,3 Prozent anheben. Unser wirtschaftspolitischer Kurs rägt Früchte. Die Früchte des derzeitigen Auf- chwungs werden jedoch für viele Unternehmer – be- onders die klein- und mittelständischen – durch wei- erhin hohe Bürokratiekosten geschmälert. Nach einer tudie von Ernst & Young sind 80 Prozent der mittel- tändischen Unternehmen 2007 mit den Rahmenbedin- ungen am Standort Deutschland zufrieden. Aber leichzeitig fordern sie einen deutlichen Bürokratieab- au. Der Leidensdruck ist hier immer noch sehr stark. em müssen wir uns weiterhin annehmen. Bürokratie- bbau bleibt auf der Tagesordnung ganz oben. Es gehen mmer noch zu viele produktive Energien durch über- äßige Bürokratien verloren. Das sind Energien, die Arbeitsplätze schaffen, Inno- ationen freilegen und die den Aufschwung vorantreiben önnten. Diese Energien wollen wir freilegen. Darin ieht die CDU/CSU-Fraktion ein gewaltiges Mittel- tandsprogramm. Die Bundesregierung hat beim Thema „Bürokratie“ in konkretes Abbauziel genannt. Die gegenwärtigen ostenbelastungen durch staatliche Informationspflich- en wollen wir bis zum Jahr 2011 um 25 Prozent reduzie- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9631 (A) ) (B) ) ren. Mit der Einführung des Standardkostenmodells ha- ben wir die Grundlage dafür bereits gelegt. Und der frisch eingerichtete Normenkontrollrat wird neu verab- schiedete Gesetze auf ihren „Bürokratiegehalt“ kontrol- lieren. Ein Ergebnis des Normenkontrollrats wird zurzeit – aus meiner Sicht zu Recht – vielerorts strapaziert: die Neuregelung der GWGs im Unternehmensteuergesetz. 180 Millionen Euro Mehrkosten für die Unternehmen, bei 905 Millionen Euro Mehreinnahmen beim Bund. Ich glaube in der Tat, darüber sollte man noch einmal nach- denken. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat festgestellt, dass Bürokratieabbau bis zu 600 000 zusätzliche Ar- beitsplätze in Deutschland bringt und neue Wachstums- impulse setzen kann. Die durchschnittliche jährliche Belastung eines Ar- beitsplatzes in einem klein- und mittelständischen Unter- nehmen liegt bei 4 361 Euro Bürokratiekosten pro Jahr. Deswegen hat der Bundeswirtschaftsminister Glos ein Mittelstandsentlastungsgesetz ins Leben gerufen. Wir beraten inzwischen das zweite Mittelstandsentlas- tungsgesetz. In dem steht zum Beispiel, dass kleine und mittelständische Unternehmen mit weniger als 50 Be- schäftigten zukünftig auf maximal drei Stichprobenerhe- bungen im Jahr begrenzt werden. Das klingt vielleicht nicht allzu ambitioniert; aber in der Praxis zeigt sich, dass sie bei den Gutmütigen immer mehr werden, dass sich bei denen, die auf Anforderungen einen Statistikbogen nach dem anderen ausfüllen und sich nicht dagegen wehren, das Ganze häuft. Deswegen müssen wir dies begrenzen. Existenzgründer werden wir in den ersten drei Jahren ganz von Statistiken befreien. Die Entlastungswirkung des zweiten Mittelstandsent- lastungsgesetzes wird schließlich deutlich höher sein als jetzt beziffert. Außerdem müssen wir immer wieder da- rauf hinweisen, dass in den betroffenen Unternehmen die Entlastungswirkung meistens weit über den reinen finanziellen Aspekt hinausgeht. Man sieht also: Wir sind auf einem guten Weg, Büro- kratie abzubauen. Ich zitiere aus dem FDP-Antrag: „Die Bundesregierung hat einige sinnvolle Schritte unternom- men, bürokratische Hemmnisse zu reduzieren.“ Diesen Weg gehen wir weiter und fordern alle auf, ihn positiv zu begleiten. Christian Lange (Backnang) (SPD): Bürokratieab- bau in Deutschland ist ein Dauerbrenner. Und das ist gut so! Zum letzten Mal haben wir am 2. März 2007 im Ple- num darüber – im Rahmen der ersten Lesung zum Zwei- ten Mittelstandsentlastungsgesetz – gesprochen. Wir sind uns sicher alle einig: Es gibt viel zu tun: Bü- rokratie und Überregulierung insbesondere in kleinen und mittleren Unternehmen und bei Existenzgründern binden und behindern in nicht vertretbarem Ausmaß be- triebliche Ressourcen, wodurch Wachstumsdynamik und Leistungsfähigkeit eingeschnürt und beschnitten wer- den. Immerhin wendet die mittelständische Wirtschaft in D f r u M z f a s g l M G B – i r s h E d t h b S t h s k t t r u u h a h n v i t m d w K k g u g z d f r (C (D eutschland vier bis sechs Prozent ihres Umsatzes allein ür Bürokratie auf. Das Grundanliegen der FDP, die Bü- okratiekosten deutlich senken zu wollen, kann ich nur nterstreichen. Das wollen wir auch. Deswegen haben wir mit dem sogenannten Ersten ittelstandsentlastungsgesetz angefangen, das ein gan- es Maßnahmenbündel für längerfristige mittelstands- reundliche Reformvorhaben zusammenfasst. Es war ber auch klar, dass wir nicht alles in einem einzigen Ge- etz würden stemmen können. Deswegen haben wir zü- ig das Nachfolgegesetz mit ähnlicher Intention, näm- ich weitere bürokratische Hemmnisse abzubauen, im ärz 2007 vorgelegt. Und es werden sicherlich weitere esetze diese Art folgen. Wir werden unsere Politik des ürokratieabbaus konsequent fortsetzen. Denn trotz oder gerade wegen – des Konjunkturaufschwungs, der m Mittelstand seine Wurzeln hat, müssen wir aktiv bü- okratische Pflichten, die der mittelständischen Wirt- chaft auferlegt sind, aufspüren und beseitigen. Hier ste- en wir in der Verpflichtung, die gesamte wirtschaftliche ntwicklung Deutschlands voranzubringen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit daran erinnern, ass das Bundeswirtschaftsministerium lange Jahre un- er der Führung von FDP-Ministern stand. Schon damals ätte die FDP viel Gelegenheit gehabt, die Senkung der ürokratischen Lasten für die Wirtschaft durchzusetzen. tattdessen hat sie mit dazu beigetragen, dass Informa- ions- und Statistikanforderungen an die Wirtschaft er- öht und weitergegeben wurden. Während die FDP eine Menge untauglicher Vor- chläge unterbreitet, hat die Bundesregierung bereits onstruktive Maßnahmen ergriffen. Der Normenkon- rollrat, NKR, wurde installiert, um ebendiese Informa- ionspflichten der Wirtschaft auf ihre kostenmäßigen bü- okratischen Auswirkungen zu prüfen, zu quantifizieren nd außerdem bei Bedarf auch Gegenvorschläge dazu zu nterbreiten. Dabei ist der Normenkontrollrat ein unab- ängiges Kontroll- und Beratungsgremium, der sich mit llen Gesetzen und Rechtsverordnungen – mit den beste- enden und auch mit den neuen – befassen kann. Zur Messung der Bürokratiekosten ist das internatio- al anerkannte sogenannte Standardkostenmodell, SKM, orgesehen. Wie beispielsweise in den Niederlanden und n Großbritannien wird das SKM bürokratische Belas- ungen und Folgekosten gesetzlicher Vorschriften syste- atisch erfassen. Die Bürokratiekosten werden auf Bun- esebene ermittelt. Anschließend wird festgelegt, in elchem Zeitrahmen die Bundesministerien Teile dieser osten abbauen sollen. Die Umsetzung dieses Plans ontrolliert das Bundeskanzleramt. Damit sind wir ein anz großes Stück in Sachen Bürokratiekostenmessung nd letztlich auch -abbau vorangekommen. Die im Antrag der FDP gezogenen Schlussfolgerun- en über den Normenkontrollrat kann ich nicht nachvoll- iehen. Es wird kritisiert, der Normenkontrollrat könne ie Bürokratie nicht einschränken, da er lediglich Emp- ehlungen ausspreche und wenig Anreiz für die Bundes- egierung biete, um Bürokratie wirklich abzubauen. 9632 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) Da die bürokratischen Informations- und Dokumenta- tionspflichten der Unternehmen eine Dienstleistung der Unternehmen gegenüber dem Staat seien, sollten diese die Dienstleistungen auch bezahlen. Damit müssten Pflichtdienste der Wirtschaft vom Staat finanziert wer- den. Ich möchte zunächst etwas Grundsätzliches dazu fest- halten: Die Bundesregierung benötigt keine Anreize zur Senkung der bürokratischen Lasten; denn sie hat sich das selbst ins Stammbuch geschrieben. Mit dem Koalitions- vertrag hat sich die Bundesregierung zum konsequenten Bürokratieabbau verpflichtet. Wir wissen, warum wir das tun wollen und müssen: Die größtmögliche Entlas- tung der mittelständischen Wirtschaft von diesen unpro- duktiven Kosten ist das A und 0. Wir müssen wieder mehr Freiraum für Kreativität, Innovation, ja letztlich Produktivität ermöglichen, wenn wir ernst nehmen wol- len, Wohlstand und Arbeitsplätze in Deutschland zu si- chern und zu erhöhen. Und das nehmen wir sehr ernst! Was die Forderung anbelangt, eine Bürokratiekosten- erstattung für die Wirtschaft einzuführen, kann ich nur den Kopf schütteln: Denn genau genommen bedeutet dieser Ansatz die Einführung einer neuen Subvention der Wirtschaft und steht damit im absoluten Wider- spruch zur Politik der Bundesregierung. Wir wollen Sub- ventionen für die Wirtschaft abbauen, nicht weitere auf- bauen. Damit dürfte sich gleichzeitig auch die Frage nach der Finanzierbarkeit eines solchen Antrags stellen: Wenn die im Antrag genannten Bürokratiekosten der Wirtschaft in Höhe von 46 Milliarden Euro – so wurde dort ausgeführt – selbst nur zum Teil von der Bundesregierung übernom- men werden sollten, dann dürfte sich die Frage nach der Seriosität des Anliegens der FDP von selbst erledigt ha- ben. Zur Finanzierung macht die FDP im Antrag leider keine Angaben. Die Prüfung – wie verlangt –, inwieweit die Steuerberatergebührenverordnung als Anhaltspunkt zur Vergütung der Bürokratiekosten gelten könne, ist hiermit obsolet. Zur Forderung nach der Einführung eines Nettore- duktionsziels für den Bürokratieabbau: Das ist sinnvoll. Da stimme ich mit den Damen und Herren der FDP überein. Allerdings können wir solch ein Nettoreduk- tionsziel erst dann einführen, wenn die Messphase des Normenkontrollrats abgeschlossen ist und mehr Erfah- rungen mit dem Abbauvolumen vorliegen. Dies dürfte nach Meinung von Bernhard Beus, Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Mitte 2008 der Fall sein. Sobald die Bestandsliste aller bürokratischen Infor- mations- und Dokumentationspflichten bewertet worden ist und Erfahrungen mit den angestrebten Verfahren vor- liegen, wollen wir auch die Diskussion über Nettoreduk- tionsziele führen. Jetzt ist allerdings nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Den Wegfall der Ausrichtung der Bürokratiekosten- messung des Normenkontrollrates auf die bürokrati- schen Informationspflichten – wie von der FDP gefor- dert – halte ich in der jetzigen Phase ebenso für nicht sinnvoll. Es gilt allein 10 500 Informationspflichten zu b A B n u g s s b d P G m s w B m w a r s B g t z u t d k d t F l B s D w B m h l t M w ti d E r s w h S l k s (C (D egutachten. Das halte ich für einen wichtigen und guten nfang. Inwieweit später noch andere Bereiche in die ürokratiekostenmessung einzubeziehen sind, wird och zu entscheiden sein. Zum zweiten Antrag der FDP: „Entlastung kleiner nd mittlerer Betriebe durch Abbau bürokratischer Re- elungen im Sozialrecht“. Vorweg: Wenn sich die FDP chon so ausführlich mit dem Normenkontrollrat be- chäftigt, dann sollte sie genau hinschauen, bevor sie un- erechtigte Kritik übt. So etwas macht sich nicht beson- ers gut! Nach Auffassung der FDP gehört zum rüfauftrag des Normenkontrollrates lediglich die neue esetzgebung. Das ist falsch! Der Prüfauftrag des Nor- enkontrollrates umfasst selbstverständlich auch die be- tehende Gesetzgebung. Vielleicht macht das klarer, elche Herausforderung allein mit der Aufstellung und ewertung der Bestandsliste aller bürokratischen Infor- ations- und Dokumentationspflichten zunächst zu be- ältigen ist. In ihrem Antrag fordert die FDP die Bundesregierung uf, einen Gesetzentwurf vorzulegen, damit im Sozial- echt bürokratische Regelungen abgebaut werden. Was ie hier eigentlich will, ist, unter dem Deckmantel des ürokratieabbaus soziale und arbeitsrechtliche Errun- enschaften abzubauen. Die Bundesregierung beschäf- igt sich dagegen mit echtem Bürokratieabbau, nämlich unächst dem Abbau von übermäßigen Informations- nd Dokumentationspflichten. Wir haben das Erste Mit- elstandsentlastungsgesetz auf den Weg gebracht. Mit em Zweiten Mittelstandsentlastungsgesetz stehen wir urz davor. Was wir allerdings nicht betreiben wollen, ist er klammheimliche Abbau der Sozialgesetzgebung un- er dem Scheinargument von Bürokratieabbau. Die FDP führt insbesondere die Vorverlegung des älligkeitstermins von Sozialabgaben, die seit Anfang etzten Jahres in Kraft ist, als ein Beispiel für steigende ürokratiekosten im Sozialrecht an. Dass sie gerade die- es Beispiel herausgreift, verwundert mich dann doch: iese Regelung war zunächst heiß umstritten; aber sie ar im Grunde unausweichlich, um einen drohenden eitragssatzanstieg in der Rentenversicherung zu ver- eiden. Nur aus diesem Grunde haben wir das gemacht. Genau an dieser Stelle konnten wir alle erstmalig se- en, wie erfolgreich Bürokratieabbau sein kann. Erstma- ig wurde nämlich nach dem sogenannten Standardkos- enmodell ermittelt, in welcher Höhe Kosten für den ittelstand entstehen, wenn die Neuregelung zur An- endung kommt. Mit dem neuen Verfahren zur Bürokra- ekostenmessung, dem Standardkostenmodell, konnte in iesem Fall gezeigt werden, dass die Ausgestaltung zur rmittlung der Beitragsfälligkeit von Sozialversiche- ungsbeiträgen in der Tat viel zu hohen Aufwand in be- timmten Branchen verursacht. Das war so nicht ge- ollt! Ein Beratungsunternehmen, die Nord-West-Consult, atte diese Messung im Auftrag der IHK Bonn/Rhein- ieg durchgeführt. Es wurde ermittelt, dass die Mehrbe- astung den Vorteil der Vorverlegung der Beitragsfällig- eit der Sozialversicherungsbeiträge erheblich über- chreitet und von Dauer sein würde. Außerdem wären Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9633 (A) ) (B) ) nicht alle Unternehmen gleichmäßig von der Mehrbelas- tung betroffen. Während knapp die Hälfte der Unterneh- men so gut wie gar nicht betroffen wäre, hätten die andere die gesamte Mehrbelastung getragen. Die Be- rechnungen des Beratungsunternehmens hatten ergeben: Wenn man, wie es das Standardkostenmodell vorsieht, Gemeinkosten von 25 Prozent mit einbezieht, ergeben sich insgesamt administrative Lasten durch die Regelung zur Beitragsfälligkeit der Sozialversicherungsbeiträge von rund 1,03 Milliarden Euro, davon eine administra- tive Mehrbelastung der deutschen Wirtschaft durch In- formationspflichten durch die neue Regelung mit einer Gesamtsumme von knapp 800 Millionen Euro pro Jahr. Wie die FDP in ihrem Antrag hier auf etwa 4 Milliarden Euro bürokratischen Mehraufwand jährlich kommt, ist mir ein Rätsel. Diese Behauptung halte ich für unseriös. Dank des neuen Instrumentariums zur Bürokratiekos- tenmessung konnten die Beschwerden der betroffenen Unternehmen eindeutig mit Zahlen belegt werden. Und es hat auch gewirkt: Ich habe mich sehr gefreut, dass die Bundesregierung – insbesondere Bundesarbeitsminister Müntefering – sofort reagiert hat, als dieses Missverhält- nis bekannt wurde. Durch eine gesetzliche Klarstellung der Regelung wurde erreicht, dass jenen betroffenen Un- ternehmen, dass heißt jenen Arbeitgebern, die durch re- gelmäßige Mitarbeiterwechsel oder durch variable Ent- geltbestandteile dauernd Änderungen berücksichtigen müssen, viel Aufwand erspart wird. In Zahlen ausge- drückt sind das eben jene 800 Millionen Euro, wie durch das Standardkostenmodell errechnet wurde. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich das große Poten- zial, das im Bürokratiekostenabbau steckt. Und lieber gehen wir konsequent Schritt für Schritt gegen Bürokratie und Überregulierung vor, als das Kinde mit dem Bade auszuschütten, wie von der FDP vorgeschlagen, die anstatt einer echten Bürokratieentlas- tung gleich Teile unseres Sozialstaates mit abschaffen will. Das stellen wir uns anders vor! Birgit Homburger (FDP): Frondienste – so bezeich- nete man im Mittelalter die persönlichen Dienstleistun- gen von Bauern für ihre Grundherren, die sie als Gegen- leistung für den Schutz, das Land und die Jurisdiktion der Grundherren leisten mussten. Mit der Bauernbefrei- ung im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Frondienste allmählich abgeschafft. Ein Blick in Unternehmen heute wirft die Frage auf, ob zwischenzeitlich vom Staat eine moderne Form des Frondienstes eingeführt wurde. Der Staat wälzt eine un- überschaubare Zahl administrativer Pflichten auf die Un- ternehmen ab und verpflichtet sie gesetzlich, diese Dienste gratis zu erbringen. Für die FDP lässt sich dieser Missstand nicht durch gutes Zureden lösen. Wenn die Bundesregierung nicht in der Lage ist, die bürokrati- schen Lasten der Wirtschaft zu reduzieren, dann müssen materielle Anreize zum Bürokratieabbau eingeführt wer- den. Der Staat lässt sich jeden Handschlag bezahlen, während er den Unternehmen eine bürokratische Pflicht nach der anderen auferlegt und das Abführen von Steu- ern und Abgaben immer komplizierter macht. Dafür m w G h n t w b z r m d n e t E i a ü K r R d b k K r w d p e k v k g z G e d w R w g u t a r w s e d i B r E (C (D üssen die Unternehmen natürlich selbst aufkommen, as wiederum Mittelständler viel stärker belastet als roßunternehmen. So kann das nicht weitergehen. Da- er soll der Staat künftig für die Arbeit, die er den Unter- ehmen aufbürdet, bezahlen. Trotz guter Konjunkturdaten hemmen diese bürokra- ischen Pflichtdienste der Unternehmen das Wirtschafts- achstum und die Erhaltung und Entstehung von Ar- eitsplätzen in Deutschland. Ein Beispiel dafür ist das uletzt geänderte Meldeverfahren für Sozialversiche- ungsbeiträge durch die Vorverlegung des Fälligkeitster- ins von Sozialabgaben seit dem Jahr 2006. Dies führt azu, dass die Betriebe jetzt regelmäßig zwei Abrech- ungen machen müssen: eine am Ende des Monats und ine am Beginn des nächsten Monats, was zu geschätz- en Kostenbelastungen in Höhe von 3 bis 5 Milliarden uro jährlich für Betriebe und Krankenkassen führt. Das st eine Katastrophe. Im Übrigen hätte dieses Gesetz uch nicht vom neu geschaffenen Normenkontrollrat berprüft werden können, da das Gesetz ihm dafür keine ompetenz zuweist. Gestern jährte sich der Beschluss der Bundesregie- ung zum „Programm Bürokratieabbau und bessere echtsetzung“ zum ersten Mal. Was sind die Ergebnisse es von Bundeskanzlerin Angela Merkel als Chefsache ezeichneten Bürokratieabbaus nach einem Jahr? Es ist ein Geheimnis, dass die Bilanz keinerlei Grund für die oalitionsfraktionen sein kann, sich selbstzufrieden zu- ückzulehnen. Die Einsetzung des Normenkontrollrats ar ein erster Schritt in die richtige Richtung. Doch lei- er muss sich der Normenkontrollrat bei seinen Über- rüfungen auf Informationspflichten beschränken. Dabei ntstehen bei Unternehmen dutzendweise andere Büro- ratiekosten. Das erste Mittelstandsentlastungsgesetz erpuffte ohne sichtbare Wirkung, trotz jährlicher Büro- ratiekosten von 46 Milliarden Euro. Bei der Rechtsbereinigung scheint sich die Bundesre- ierung Helmut Schmidts Worte zu Herzen genommen u haben. Er sagte: „Jeder Politiker, der ein zusätzliches esetz schafft, leistet uns einen Bärendienst. Jeder, der in altes Gesetz vereinfacht oder sogar abschafft, sollte as Bundesverdienstkreuz erhalten.“ Aber hat denn irklich jemand in der Bundesregierung geglaubt, die echtsbereinigungsgesetze, bei denen solch alte Normen ie das „Gesetz betreffend den Schutz des zur Anferti- ung von Reichsbanknoten verwendeten Papiers gegen nbefugte Nachahmung“ abgeschafft worden sind, leis- eten irgendeinen signifikanten Beitrag zum Bürokratie- bbau? Die Bundesregierung hat sich ein 25-prozentiges Bü- okratieabbauziel bis 2011 gesetzt und weigert sich nach ie vor festzulegen, ob es ein Brutto- oder ein Nettoziel ein soll. Dies ist jedoch entscheidend; schließlich kann s nicht nur darum gehen, die angekündigten 25 Prozent er Informationspflichten abzubauen. Vielmehr dürfen n der Zwischenzeit auch keine neuen bürokratischen elastungen beschlossen werden. Das Zwischenzeugnis der Bundesregierung beim Bü- okratieabbau ist ungenügend. Notwendig sind endlich ntlastungen dort, wo die Belastungen entstehen. Dies 9634 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) sind laut Institut für Mittelstandsforschung in Bonn die komplizierten Regelungen in den Bereichen Steuern und Abgaben, Sozialversicherungen, Arbeitsrecht und Um- weltrecht sowie zu viele Statistiken. Es gibt viel zu tun. Die Bundesregierung sollte end- lich damit anfangen. Die Frondienste des Mittelalters wurden erst nach jahrzehntelangem Hin und Her abge- schafft. Das sollte sich die Bundesregierung beim Büro- kratieabbau nicht zum Vorbild nehmen. Sabine Zimmermann (DIE LINKE): Mit den zwei vorliegenden Anträgen macht es sich die FDP mal wie- der ganz einfach: Die angebliche Bürokratielast in Deutschland sei das Wirtschaftshemmnis und der Ar- beitsplatzvernichter schlechthin. Nicht weniger schlimm: Auch die Große Koalition hat sich diese einseitige Sicht zum Teil zu eigen gemacht. Um zunächst klar zustellen: Unser gegenwärtiges Problem in Deutschland ist nicht eine übermäßige Büro- kratiebelastung der Wirtschaft. Unser Problem ist viel- mehr, dass an dem gegenwärtigen wirtschaftlichen Auf- schwung die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht teilhaben und dass der Aufschwung am Arbeits- markt an den Langzeitarbeitslosen weitgehend vorbei- geht. Zurück zur Frage der Bürokratie: Natürlich ist es ver- nünftig, doppelte und veraltete Regelungen abzubauen. Dafür ist die Linke offen. So haben wir jüngst dem zwei- ten Rechtsbereinigungsgesetz für die Bereiche Arbeit und Wirtschaft zugestimmt. Damit wurden 69 Gesetze und Vorschriften aufgehoben oder aktualisiert, die ihren Anwendungsbereich verloren haben. Das macht ebenso Sinn wie die Vorschläge, doppelte Meldepflichten zu vereinheitlichen oder Meldemethoden zu vereinfachen. Aber die FDP kippt das Kind mit dem Bade aus, wenn sie Berichts-, Informations- und Meldepflichten für Un- ternehmen per se als Bürokratiekosten bezeichnet. Die meisten dieser Regelungen sind aus guten Gründen ent- standen und erfüllen einen gesellschaftlichen Zweck. Nehmen wir zum Beispiel die Pflicht von Unternehmen, die Verdienste und Arbeitszeiten ihrer Beschäftigten zu melden. Einzelnen Unternehmen mag dies als Belastung erscheinen. Solche Informationen sind jedoch unabding- bar für eine verantwortungsvolle Politik im Interesse der Mehrheit der Menschen in diesem Land – etwa wenn es darum geht, Armutslöhne zu bekämpfen. Bevor Informations- oder Meldepflichten gestrichen werden, muss auf die gesellschaftlichen Auswirkungen geschaut werden. Das hat die Große Koalition bei ihrem „Gesetz zum Abbau bürokratischer Hemmnisse“ leider vernachlässigt. Das Gesetz befreit Betriebe mit 50 und weniger Be- schäftigten im verarbeitenden Gewerbe von der monatli- chen Berichtspflicht. Warum ist das ein Problem? Der Politik fehlen nun verlässliche Daten über die aktuelle wirtschaftliche Lage der Klein- und Kleinstbetriebe. Ob der gegenwärtige Aufschwung an diesen Unternehmen vorbeigeht, kann damit nicht richtig beantwortet werden. W M s s p s a d g r z V H B f l J t b z T m l g s W B L g G ß r e d d z d a k 2 b E u e P z W d U a K (C (D ieder einmal vergisst die Große Koalition den kleinen ittelstand. Statt einfach Meldepflichten abzubauen, ist danach zu uchen, wie man die Meldungen vereinfacht. Ein fal- cher Weg ist auch, den Unternehmen für ihre Berichts- flichten Geld zu geben oder die Verwaltungskosten ein- eitig auf den Staat oder die Versicherungsträger bzuwälzen. Die FDP fordert das im Großen. Im Kleinen hat dies ie Große Koalition mit ihren Änderungen in der Sozial- esetzgebung beim letzten Bürokratieabbaugesetz be- eits getan. Mit Bürokratieabbau hat dies nicht mehr viel u tun. Das wäre vielmehr ein weiterer Baustein zum orteil der Wirtschaft und zum Nachteil der öffentlichen and. Dafür steht die Linke nicht zur Verfügung. Kerstin Andreae (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): ürokratische, ineffiziente RegElungen und schlecht unktionierende Behörden erzeugen hohe Kosten vor al- em für kleine und mittlere Unternehmen. In den letzten ahren haben sich die Regierungen das Ziel des Bürokra- ieabbaus immer wieder auf die Fahnen geschrieben. Da- ei wurden Erfolge in einer Reihe von Punkte erreicht. Bürokratieabbau braucht starke politische Unterstüt- ung, effiziente Institutionen eine klare Analyse, wo die reiber für Bürokratieaufbau sind. Schlechte Kompro- isse sind ebenso die Ursache für bürokratische Rege- ungen, wie der Versuch, für jeden Einzelfall eine erechte Lösung im Gesetz zu regeln, sowie die Berück- ichtigung auf Klientelinteressen und Lobbygruppen und ahlkampfgeschenke an einzelne Interessengruppen. Die Bundesregierung bezieht ihre Aktivitäten zum ürokratieabbau nur auf einen Ausschnitt bürokratischer asten, nämlich auf die durch Informationsverpflichtun- en gegenüber dem Staat verursachten Kosten. Durch enehmigungsverfahren verursachte Lasten bleiben au- en vor. Die Bundesregierung lässt zwar die Kosten bü- okratischer Verfahren nach dem Standardkostenmodell xakt berechnen, sie legt sich aber nicht auf innerhalb er Wahlperiode erreichbare Ziele fest! Bis 2011 will sie ie informationsbedingten Bürokratiekosten um 25 Pro- ent senken. Das reicht selbst den Wirtschaftspolitikern er Koalition nicht aus. Auch Norbert Röttgen hat noch m Tag vor der Kabinettssitzung gegenüber Reuters er- lärt: „Wir wollen schon in dieser Legislaturperiode bis 009 messbare Reduzierungen erreichen“. Nach der Ka- inettssitzung ist davon nichts mehr zu hören gewesen. Ich fordere Sie auf: Setzen Sie ein Abbauziel bis zum nde der Wahlperiode. Dann können die Bürgerinnen nd Bürger bei der nächsten Wahl sehen, ob Sie Ihr Ziel rreicht haben oder nicht. Wenn Sie tatsächlich von Ihrer olitik überzeugt sind, dann brauchen Sie ja keine Angst u haben. Aber sich ein Ziel für Mitte der nächsten ahlperiode zu setzen, wenn hoffentlich längst eine an- ere Koalition regiert, das ist schon ein bisschen feige. nd es zeigt: Sie wissen selber, dass beim Bürokratie- bbau außer warmen Worten nichts zu holen ist in dieser oalition. Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9635 (A) ) (B) ) Die Bundesregierung hat einen Normenkontrollrat geschaffen, der die bürokratischen Kosten von Gesetz- entwürfen aus dem Kabinett begutachten soll. Der Grundfehler besteht darin, dass der Normenkontrollrat nur ausgewählte Gesetzesvorhaben prüft. Und auswäh- len tut in dem Fall die Regierung. Für die Fälle, wo Sie selbst wissen, dass Sie bürokratische Ungetüme produ- zieren, haben Sie sich nicht einfach nur ein Hintertür- chen geschaffen, sondern gleich ein ganzes Scheunentor. Die Gesetze werden einfach über die Regierungsfraktio- nen eingebracht und so der Bewertung durch den Nor- menkontrollrat entzogen. Das zeigt, wie wenig ernst Sie es mit dem Bürokratieabbau meinen. Mit diesem be- grenzten Ansatz führt die Bundesregierungen die Bürge- rinnen und Bürger hinters Licht. Bürgerorientierung und Effizienz, betriebswirtschaft- liche Steuerungsinstrumente, Wettbewerb, Leistungs- prinzip, Chancen- und Zugangsgerechtigkeit, Koopera- tion mit Privaten und Einsatz neuer Technologien charakterisieren den notwendigen Modernisierungspro- zess der öffentlichen Verwaltung. Wir wollen den Mit- arbeiterinnen und Mitarbeitern der öffentlichen Ver- waltung mehr Entscheidungskompetenzen übertragen und die strikte Trennung, zwischen beruflichen Karrie- ren in der Privatwirtschaft und in der Verwaltung aufhe- ben. Dafür wollen wir das Berufsbeamtentum auf den Kernbereich hoheitlicher Verwaltung konzentrieren. Durch einen Bundestagsauschuss Bürokratieabbau wollen wir ein effizientes Gremium für gute Regierungs- führung schaffen. So wie sich die Abgeordneten im Haushaltsausschuss durch exakte Kontrolle der öffentli- chen Mittel einen Namen machen, sollen sich die Abge- ordneten im Ausschuss für Bürokratieabbau für gute Ge- setzgebung verantwortlich fühlen. Es geht darum, den bestehenden staatlichen Ord- nungsrahmen und Verwaltungsapparat zu modernisieren und in einer Reihe von Fällen zurückzuschneiden, um den Unternehmen, den Bürgerinnen und Bürgern mehr Freiheit zu gewähren. Bündnis 90/Die Grünen haben dazu eine Reihe von Vorschlägen eingebracht. Die Grenze für geringwertige Wirtschaftsgüter, die bereits im Jahr der Anschaffung abgeschrieben werden können, wollen wir anheben. Die Abschreibung zum Beispiel eines PC über drei Jahre ist deutlich aufwendi- ger als die Abschreibung im Jahr der Anschaffung. Die Bundesregierung schlägt im Rahmen der Unternehmens- steuerreform genau das Gegenteil vor. Das unübersichtliche, durch Richterrecht geprägte deutsche Arbeitsrecht muss durch die Vorlage eines ein- heitlichen Arbeitsgesetzbuchs vereinfacht werden. Durch die Vereinfachung sollen die Interessen von Ar- beitnehmerinnen und Arbeitnehmern und Arbeitgeberin- nen und Arbeitgebern in fairer Weise gewahrt werden. Wir wollen außerdem das Teilzeit- und Befristungs- gesetz weiterentwickeln. Nach geltendem Recht kann ein Arbeitnehmer nur dann ohne sachlichen Grund be- fristet eingestellt werden, wenn er vorher noch nie in dem Unternehmen tätig war. Das sogenannte Ersteinstel- lungsgebot bei sachgrundlosen Befristungen muss abge- s b M D d s W f W p B d f g w A i jä d e h w a ü O w V b l c s g s s c r n i d s z d d M r s g n (C (D chafft werden. Die Wartefrist, die zwischen zwei Ar- eitsverhältnissen liegen muss, sollte maximal sechs onate betragen, um Kettenbefristungen zu vermeiden. amit wäre auf unbürokratische Weise sichergestellt, ass kein Missbrauch stattfindet. Mit dem Vorschlag der FDP, Kostenerstattungen für taatlich verursachte Bürokratiekosten gegenüber der irtschaft zu machen, würde neue Bürokratie geschaf- en. Wie sollen diese Kosten exakt berechnet werden? ie soll das effiziente Management von Informations- flichten berechnet werden? Sollen die Bürgerinnen und ürger auch für Informationen entlohnt werden, die sie em Staat geben? All das macht nicht wirklich Sinn. Den Vorschlag, einen einheitlichen Verdienstbegriff ür alle Steuern und Abgaben und öffentlichen Leistun- en zu schaffen, halten wir im Kern für richtig. Er muss eiter geprüft und konkretisiert werden. nlage 6 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Entwurfs eines Gesetzes zur Verbesserung der Durchsetzung von Rechten des geistigen Eigentums (Tagesordnungspunkt 13) Norbert Geis (CDU/CSU): Die Produktpiraterie und nsbesondere die Internetpiraterie verursachen weltweit hrlich den außergewöhnlichen Schaden von 120 Milliar- en Euro. Die Schadenssumme für Deutschland liegt bei twa 25 Milliarden Euro im Jahr. Schätzungsweise ge- en dadurch 70 000 Arbeitsplätze verloren. Allein 2005 urden in Deutschland 412 Millionen Musiktitel illegal us File-Sharing-Systemen heruntergeladen. Demgegen- ber wurden nur 21 Millionen Musiktitel legal über die nline-Plattform verkauft. Das Gleiche gilt für die Film- irtschaft, die ebenfalls von der massenhaften illegalen erbreitung von Filmwerken durch das Internet schwer etroffen ist. Von Januar 2005 bis Juni 2005 wurden al- ein 11 Millionen deutschsprachige oder deutsch-syn- hronisierte Filmwerke illegal heruntergeladen. Ähnlich ind die Zahlen für das Jahr 2006. Es ist deshalb drin- end erforderlich, dass das geistige Eigentum besser ge- chützt wird. Der vorgelegte Gesetzentwurf soll die bessere Durch- etzung von Rechten des geistigen Eigentums ermögli- hen. Mit dem Entwurf wird die EU-Durchsetzungs- ichtlinie umgesetzt. Bislang haben die Rechteinhaber ur unzulängliche rechtliche Mittel, um gegen den Raub hrer geistigen Werke vorgehen zu können. Es ist aller- ings zweifelhaft, ob es der Gesetzentwurf tatsächlich chafft, besser als bisher vor Produktpiraterie zu schüt- en. Im Forum der Inhaber der Rechte jedenfalls wird er Gesetzentwurf als unzulänglich kritisiert. Es besteht ort eine starke Skepsis gegenüber den vorgesehenen aßnahmen. Man hat wenig Hoffnung, dass eine Besse- ung eintritt. Auch wenn der Gesetzgeber sich noch so ehr müht, durch gesetzliche Regelungen das Recht auf eistiges Eigentum zu schützen: Wirklicher Schutz ist ur möglich, wenn das Recht auf geistiges Eigentum 9636 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) weltweit anerkannt und auch weltweit durchgesetzt wer- den kann. Das Internet ist weltumspannend. Die Piraterie nutzt dieses weltumspannende Internet. Deshalb müssen die Gegenmaßnahmen auch weltweit ausgerichtet sein. Daher ist die Initiative der Bundesregierung zum G-8- Gipfel Anfang Juni in Heiligendamm ausdrücklich zu begrüßen. Es soll eine weltweite Zusammenarbeit der Zollbehörden erreicht werden. In jedem Staat muss das Bewusstsein wachsen, das geistige Eigentum gleicher- maßen wie das Eigentum an Geldvermögen, Grundver- mögen und beweglichen Sachen zu bewerten und zu schützen ist. Der vorgelegte Gesetzentwurf will diese Verpflich- tung auf nationaler Ebene erfüllen und besser als bisher geistiges Eigentum schützen. Allerdings kennt die deut- sche Rechtsordnung kein allgemeines Gesetz zum Schutz des geistigen Eigentums. Letztlich ist es wohl aber besser, in den Spezialgesetzen, in denen bestimmte Lebenssachverhalte geregelt werden, dort auch hinsicht- lich der Verletzung geistigen Eigentums Sonderregelun- gen vorzusehen. Ein eigenes Gesetz, durch das der Schutz des geistigen Eigentums gewissermaßen vor die Klammer gezogen würde, wäre notgedrungen unüber- sichtlich. Bei dem Schutz geht es ja nicht nur um die Be- kämpfung der Produktpiraterie, sondern es geht darum, das ganze geistige Eigentum in all seinen verschiedens- ten Erscheinungen entsprechend zu schützen. Ein Ma- mutgesetz ist dafür ungeeignet. Besser sind Einzelfallre- gelungen in Spezialgesetzen. Bei der Frage, wie der beste Schutz möglich ist, ent- scheidet sich der Entwurf für die Verbesserung zivil- rechtlicher Möglichkeiten zur Rechtsverfolgung von Verletzungen des geistigen Eigentums. Ein zivilrechtli- ches Verfahren bringt für den Bürger dann das beste Er- gebnis, wenn er dadurch schnell und unkompliziert die Rechtsverfolgung aufnehmen kann. Deshalb ist in dem Entwurf ein Auskunftsanspruch gegen Dritte vorgese- hen. Häufig hat der Rechteinhaber nämlich nur die Mög- lichkeit, sich an Personen zu wenden, die an der Eigen- tumsverletzung nicht direkt beteiligt sind, die aber Kenntnis über die Identität des Rechtsverletzers haben. Das gilt zum Beispiel für den Spediteur, der zwar die ge- fälschte Ware liefert, der aber mit der Rechtsverletzung selber nichts zu tun hat. Nach dem Entwurf muss künftig der Spediteur als Dritter gegenüber dem Rechteinhaber Auskunft erteilen, von wem er die Ware erhalten hat. Auf diesem Weg kommt der Rechteinhaber besser an den Schädiger heran und kann so schnell und erfolgver- sprechend seinen Unterlassungsanspruch und Schaden- ersatzanspruch geltend machen. In die gleiche Richtung geht die Verbesserung der Be- schlagnahme der Ware an der Grenze. Wird künftig die gefälschte Ware sichergestellt, kann sie dann in einem vereinfachten Verfahren vernichtet werden. Eine gericht- liche Feststellung einer Rechtsverletzung und die ge- richtliche Erlaubnis zur Vernichtung der Ware ist nicht mehr zwingend geboten. Der Rechteinhaber kann so schneller und kostengünstiger sein Recht gegenüber dem Rechtsverletzer durchsetzen. r R f l g s s w h n d N R d K m s s v e a I a l I u h V g k a a z z h r s n b d U i j I E o n v D e u h s i R w r (C (D Im Gesetz soll klargestellt werden, dass bei der Be- echnung des Schadenersatzanspruches sowohl der vom echtsbrecher gemachte Gewinn als auch alternativ eine iktive Lizenzgebühr geltend gemacht werden kann. Allerdings gibt es auch Kritik. Sie richtet sich vor al- em gegen den Richtervorbehalt. Wie bereits oben vor- etragen, ist die Umsetzung des zivilrechtlichen An- pruchs gegen Dritte, die nicht selbst Rechtsverletzer ind, für den Rechteinhaber von zentraler Bedeutung, eil er auf diesem Weg schneller an den Rechtsverletzer erankommt. Dies hat bei Rechtsverletzungen im Inter- et große Bedeutung. Hier kann der Rechteinhaber über ie Inanspruchnahme des ISP herausfinden, welcher utzer zum gegebenen Zeitpunkt die festgestellte echtsverletzung begangen hat. Der Entwurf sieht für iese Fallkonstellation einen Richtervorbehalt vor, weil ommunikationsdaten ins Spiel kommen. Diese Kom- unikationsdaten genießen besonderen Schutz. Deshalb ei, so der Entwurf, der Richtervorbehalt aus verfas- ungsrechtlichen Gründen erforderlich. Dieser Richter- orbehalt erschwert aber die Rechtsverfolgung. Sobald in Urheber entdeckt, dass sein Werk illegal im Internet ngeboten wird, bleibt ihm dann der direkte Weg zum nternet-Provider abgeschnitten. Er muss sich zunächst n das Gericht wenden, um von dort eine richterliche Er- aubnis für die Auskunft des Internet-Providers über die dentität des illegalen Nutzers zu erhalten. Das ist sehr mständlich. Im Übrigen ist diese Argumentation auch nicht stich- altig. Der Urheber will ja gerade nicht Auskunft über erkehrsdaten haben. Diese hat er schon, weil er sonst ar nicht an den Internet-Service-Provider herantreten önnte. Die Verkehrsdaten sind nämlich nichts anderes ls die IP-Adresse, die der Rechteinhaber im Internet usgemacht hat und mit der er später den illegalen Nut- er identifizieren kann. Der Internet-Provider muss aber uvor die Bestandsdaten mitteilen und sagen, wer sich inter der IP-Adresse verbirgt. Es geht daher nicht da- um, festzustellen, wer wann mit wem kommuniziert hat, ondern es geht allein darum, der IP-Adresse, die nur ei- er Person zugeordnet werden kann, ein Gesicht zu ge- en. Damit hat die IP-Adresse keine andere Funktion als ie Nummer eines gewöhnlichen Telefonanschlusses. m aber einen Telefonanschluss ausfindig zu machen, st der Richtervorbehalt nicht nötig, sonst müsste man ede Telefonauskunft unter den Richtervorbehalt stellen. n Österreich ist im Zuge der Umsetzung der fraglichen U-Richtlinie ein entsprechender Auskunftsanspruch hne Richtervorbehalt normiert worden. Der Gesetzentwurf sieht auch vor, dass eine Auskunft ur dann erteilt werden darf, wenn eine Urheberrechts- erletzung im geschäftlichen Verkehr begangen wurde. er Auskunftsanspruch gegen den Dritten kann also nur rteilt werden, wenn der Dritte gewerblich gehandelt nd der Verletzter selbst ebenfalls gewerblich gehandelt at. Dadurch aber wird das Instrument des Auskunftsan- pruchs gegenüber dem Dritten sehr stark beeinträchtigt, m Grunde genommen marginalisiert. Die Vielzahl der echtsverletzungen geht von denen aus, die nicht ge- erbsmäßig illegal geistige Produkte herunterladen. Ge- ade also der Auskunftsanspruch bei nicht gewerblichem Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9637 (A) ) (B) ) Handeln des Verletzers ist deshalb von entscheidender Bedeutung. Das Erfordernis des „gewerblichen Ausmaßes“ auf- seiten der Rechtsverletzer ist daher zu streichen. Wie soll im Übrigen der Rechteinhaber den Nachweis führen, dass der illegale Nutzer gewerblich gehandelt hat? Durch das einfache Aufrufen einer Dateiliste ist ein sol- cher Beweis nicht zu führen. Es gibt nämlich inzwischen Techniken, die eine derartige Dateiaufstellung verhin- dern. Hinzu kommen dynamisch wechselnde IP-Adres- sen, die das Auffinden einer bestimmten Person eben- falls nicht erleichtern. Ein weiteres Problem taucht bei der Deckelung der Rechtsanwaltsgebühren auf. Hat nämlich der Urheber den Rechtsverletzer ausfindig gemacht und will er einen Rechtsanwalt beauftragen, den Unterlassungsanspruch und vielleicht auch den Schadenersatzanspruch geltend zu machen, kann er von den anfallenden Rechtsanwalts- gebühren nur 50 Euro gegenüber dem illegalen Nutzer geltend machen. Den Rest der angefallenen Gebühren muss er selbst tragen. Das ist nicht einzusehen. Dabei hilft es auch nichts, die Debatte emotional auf- zuheizen, etwa: Schülerin S. hat eine einzelne Musikda- tei illegal in eine Internet-Tauschbörse eingestellt. Sie hat kein Geld, um den gegnerischen Anwalt zu bezahlen. Egal ob es sich um eine Schülerin oder einen Minister handelt: Das Verhalten stellt eine glasklare Urheber- rechtsverletzung dar, und der Schädiger hat die Rechts- verfolgungskosten zu tragen, wie dies in unserer Rechts- ordnung ansonsten auch entsprechend vorgesehen ist. Es ist nicht einzusehen, dass von diesem Grundsatz hier eine Ausnahme gemacht werden soll. Dennoch dürfen wir feststellen, dass die Bundesregie- rung einen Gesetzentwurf vorgelegt hat, den es natürlich noch zu diskutieren gilt, der aber alles in allem einen Schritt nach vorne darstellt. Auch meinen wir, dass die Anregungen des Bundesrates zu berücksichtigen sind. Darüber hinaus werden auch durch die Anhörung der Sachverständigen entsprechende Vorschläge gemacht werden, die im Rahmen der parlamentarischen Beratung berücksichtigt werden können. Dirk Manzewski (SPD): Mit dem heute hier ande- battierten Gesetzentwurf zur Verbesserung der Durchset- zung von Rechten des geistigen Eigentums wollen wir die entsprechende europäische Richtlinie umsetzen und damit die Stellung der Rechteinhaber beim Kampf gegen Produktpiraterie stärken. Leider nimmt Produktpiraterie ständig zu und richtet, insbesondere in Ländern wie Deutschland, die auf die Kreativität und das Know-how ihrer Menschen setzen müssen, erhebliche wirtschaftliche Schäden an. Dadurch werden nicht nur Arbeitsplätze vernichtet, gefälschte Produkte stellen auch oftmals ein erhebliches Sicher- heitsrisiko dar. Ein Hauptproblem bei der Verfolgung von Produkt- piraterie liegt bislang darin, dass die Rechteverletzer oft schwer zu identifizieren sind, da die entsprechenden Informationen über deren Identität häufig bei Dritten lie- g b a s d s z I i b v u m n s v k z g g a d s e f W r f n b s s B s m s d g s t z a b o d t r a F s w r m g r b n w (C (D en. Die Rechteinhaber sollen daher künftig unter estimmten Voraussetzungen auch einen Auskunfts- nspruch gegen diese Dritte haben, um ihre Rechte bes- er durchsetzen zu können. Nun wird zum Beispiel vom Bundesrat kritisiert, dass ieser Auskunftsanspruch unter dem Richtervorbehalt tehen und nur dann gelten soll, wenn die Rechtsverlet- ung im geschäftlichen Verkehr begangen worden ist. ch bin hier nicht festgelegt, aber lassen Sie mich hierzu nsoweit zwei Dinge anmerken. Erstens. Der Richtervor- ehalt soll nur bei Auskunft von Verkehrsdaten im Sinne on § 3 Nr. 30 TKG Anwendung finden, und wir sollten ns darüber im Klaren sein, dass wir in diesem Zusam- enhang von äußerst sensiblen Daten reden, die nicht ur wegen ihrer Nähe zu Art. 10 Grundgesetz besonders chutzwürdig sind. Zweitens. So wie ich die Richtlinie erstanden habe, ist dort vorgegeben, dass der Aus- unftsanspruch gegenüber Dritten nur bei Rechtsverlet- ungen im geschäftlichen Verkehr gilt, sodass wir hier ar keinen Spielraum haben dürften. Ich lasse mich aber erne in der wohl anstehenden Sachverständigen- nhörung vom Gegenteil überzeugen. Gut finde ich, dass wir mit dem Gesetz klarstellen, ass nach Wahl des Verletzten neben dem konkret ent- tandenen Schaden auch der Gewinn des Verletzers oder ine angemessene fiktive Lizenzgebühr als Grundlage ür die Berechnung des Schadensersatzes dienen kann. ir sollten hier allerdings den Vorschlag des Bundes- ates, die doppelte Lizenzgebühr als Gewinnvermutung estzulegen, zumindest weiterdiskutieren. Die ableh- ende Gegenäußerung der Bundesregierung hat mich islang noch nicht überzeugt. Dies kann aber noch pas- ieren. Positiv hervorzuheben sind weiterhin die verbes- erten Möglichkeiten der Vorlage und Sicherung von eweismitteln, die Erleichterung des Schutzes geografi- cher Herkunftsangaben sowie die Grenzbeschlagnah- everordnung. Abschließend möchte ich noch ein heikles Thema an- prechen. Leider kommt es auch immer häufiger vor, ass Otto Normalverbraucher Urheberrechtsverletzun- en begeht. Wer Sachen im Internet verkauft, beschränkt ich oft nicht nur auf den Text, sondern nutzt die neuen echnischen Möglichkeiten und platziert als Anlagen um Beispiel Bilder vom Verkaufsgegenstand, ohne zu hnen, dass diese urheberrechtlich geschützt sind. Oder eim Musik downloaden kann es passieren, dass man, hne es zu ahnen, sich in ein System eingeklinkt hat, in em man dann selbst dieses Musikstück unerlaubt anbie- et. Auch die gedankenlose Verwendung von urheber- echtlich geschützten Fotos und Karten aus dem Internet uf der eigenen Homepage kommt nicht selten vor. olge hiervon sind dann Abmahnungen, die sich nicht elten genug im Bereich um 4 000 Euro bewegen. Damit ir uns nicht falsch verstehen. Dies alles ist und bleibt echtswidrig. Dem Bürger soll durchaus deutlich ge- acht werden, dass er sich nicht einfach fremden geisti- en Eigentums bedienen darf. Man muss jedoch attestie- en, dass vielen dieses Unrecht einfach noch nicht ekannt ist und man sich immer mehr des Eindrucks icht erwehren kann, dass es sich bei den Abmahnwellen eniger um Urheberrechtsschutz, sondern allein um Ge- 9638 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) schäftemacherei handelt. Ich halte es daher für richtig, die Kosten für die erste Abmahnung – ich betone dies: für die erste Abmahnung – bei einfach gelagerten Fällen mit einer nur unerheblichen Rechtsverletzung außerhalb des geschäftlichen Verkehrs zu beschränken. Ich meine jedoch, dass der im Gesetzentwurf insoweit gewählte Kostenansatz von 50 Euro wiederum zu niedrig ange- setzt ist und eher dazu führen wird, Urheberrechtsver- stöße aus Kostengründen überhaupt nicht mehr zu ver- folgen. Insgesamt halte ich den vorliegenden Gesetzesent- wurf für gelungen und freue mich schon auf die anste- henden Diskussionen. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP): Heute ist der 26. April. Heute ist der Welttag des geisti- gen Eigentums. Heute ist kein guter Tag für das geistige Eigentum in Deutschland, denn der Regierungsentwurf für die Umsetzung der EU-Richtlinie zur Verbesserung der Durchsetzung von Rechten des geistigen Eigentums ist eine Enttäuschung. Die Bundesregierung hat den Schutz des geistigen Eigentums auf ihrer Agenda zu Recht weit oben platziert. Auch im Rahmen der deut- schen EU-Ratspräsidentschaft betont die Bundesregie- rung die Bedeutung des geistigen Eigentums. Mit die- sem Gesetzentwurf entlarvt die Bundesregierung ihre eigenen Zielsetzungen aber einmal mehr als bloße Lip- penbekenntnisse. Produktfälschungen, Raubkopien oder illegale Down- loads aus dem Internet sind keine Kavaliersdelikte, son- dern eine ernsthafte wirtschaftliche Bedrohung. Durch die Verletzung der gewerblichen Schutzrechte und des Urheberrechts entstehen Jahr für Jahr Schäden in Millio- nenhöhe. Und ich möchte hier ganz bewusst betonen, dass ein erheblicher Teil dieser Schäden auf das Konto von nicht gewerblichen Rechteverletzern geht. Das geis- tige Eigentum bildet heute das Rückgrat wichtiger Teile unserer Volkswirtschaft. Nur wenn die Rechte des geisti- gen Eigentums angemessen geschützt werden, kann eine angemessene Vergütung der Rechteinhaber gewährleis- tet und ein zufriedenstellender Ertrag dieser Investitio- nen in Innovation und Kreativität sichergestellt werden. Auf der Grundlage der europäischen Vorgaben sieht der Gesetzentwurf Neuregelungen in einer Fülle von Ge- setzen zum Schutz des geistigen Eigentums vor, vom Pa- tent- bis zum Sortenschutzrecht. Es ist aber kein Zufall, dass die bisherige Debatte im Wesentlichen um die urhe- berrechtlichen Aspekte des Regierungsentwurfs kreist. Auch die FDP sieht hier die größten Mängel. Im Zen- trum dieser Diskussion steht der Auskunftsanspruch ge- gen Provider. Die digitale Technik eröffnet nicht nur für die Herstellung und die Verwertung geschützter Werke bisher ungeahnte neue Möglichkeiten. Zugleich schafft die Digitaltechnik auch eine völlig neue Dimension der Bedrohung für das geistige Eigentum. Einmal im Inter- net zugänglich gemacht, kann das Werk dem Rechte- inhaber in den Tiefen des digitalen Universums völlig entzogen werden. In ihrer Angst vor einem totalen Kontrollverlust stel- len viele die Regelungskraft des Rechts infrage. Es wäre v e g f d s R a a i D s d d w D w D g l r z d n p h a g d k e n i m A U n d h t t s i h s g G d a F S n f m v (C (D erheerend, wenn der Eindruck entsteht, das Internet sei in rechtsfreier Raum. Es ist unsere Aufgabe als Gesetz- eber, diese Befürchtungen zu zerstreuen. Voraussetzung ür jede effektive Rechtsverfolgung ist die Feststellung er Identität des Rechteverletzers. Das ist eine juristi- che Selbstverständlichkeit. Die Richtlinie sieht bei echtsverletzungen im Internet nun einen Auskunfts- nspruch gegen die Provider vor. Nach dem Regierungsentwurf soll der Auskunfts- nspruch aber auf Rechtsverletzungen begrenzt sein, die m geschäftlichen Verkehr erfolgen. Das ist verfehlt. enn diese durch die Richtlinie nicht vorgegebene Ein- chränkung würde dazu führen, dass der Hauptanwen- ungsfall des Auskunftsanspruchs gegenüber Dritten, ie Verletzung des Urheberrechts im Internet, leerlaufen ürde und die Rechteinhaber schutzlos gestellt würden. er gesamte Bereich der sogenannten Tauschbörsen äre so zum Beispiel ausgenommen. Das geht nicht. as Internet darf keine Blackbox sein, die durch unan- reifbare Anonymität zu einem Paradies für Rechtsver- etzer wird. Eine andere schwierige Frage ist, welche zusätzlichen echtlichen Voraussetzungen an den Auskunftsanspruch u stellen sind. Konkret: Ist ein Richtervorbehalt erfor- erlich oder nicht? Sie wissen, dass der Schutz perso- enbezogener Informationen den Liberalen und mir ganz ersönlich ein Herzensanliegen ist. Ob der Richtervorbe- alt hier wirklich notwendig ist, lässt sich so einfach ber nicht beantworten. Unstreitig unterfällt die Heraus- abe von sogenannten Bestandsdaten jedenfalls nicht em Fernmeldegeheimnis. Dies gilt auch für die Be- anntgabe von Namen und Anschrift der Person, der ine feste, sogenannte statische IP-Adresse vom Inter- et-Service-Provider zugeordnet wurde. Die Problematik, mit der wir es hier zu tun haben, hat hre Ursache darin, dass die Internetserviceprovider nor- alen Internetnutzern bei jeder Einwahl eine neue IP- dresse zuordnen. Das hat allein technische Gründe. m dieser dynamischen IP-Adresse einen Namen zuord- en zu können, ist aber die Kenntnis der Verbindungs- aten erforderlich. Inwieweit sind hier das Fernmeldege- eimnis oder andere Rechtsgüter mit Verfassungsrang angiert? Mit dem neuen Auskunftsanspruch betreten wir juris- isches Neuland. Die Frage lautet: Wie schutzbedürftig ind die Identität und Daten desjenigen, der sich bewusst ns Internet begibt, um dort Rechtsverletzungen zu bege- en? Das ist eine schwierige Frage, die wir noch einmal ehr ausführlich erörtern müssen. Hier darf der Gesetz- eber es sich nicht leicht machen. Lassen Sie mich noch auf einen weiteren Punkt im esetzentwurf hinweisen, der gründlich misslungen ist: ie geplante Begrenzung der erstattungsfähigen Rechts- nwaltskosten bei Abmahnungen in einfach gelagerten ällen mit unerheblichen Urheberrechtsverletzungen. ie ist ein Irrweg. Ich bin sehr dafür, dass wir auf geeig- ete Weise Missbrauch bekämpfen, wo wir Missbrauch eststellen. Dass es auch im Bereich von Abmahnungen issbräuchliches Verhalten gibt, ist bekannt. Aber die on der Bundesregierung vorgesehene Regelung ist pu- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9639 (A) ) (B) ) rer Populismus und in der Sache verfehlt. Eine Begren- zung der Abmahngebühren würde dazu führen, dass der Rechteinhaber die Kosten selbst trägt, soweit die Vergü- tung des Rechtsanwalts höher als 50 Euro ist, und zwar auch dann, wenn die Abmahnung an sich berechtigt war. Damit wird das in Deutschland geltende Prinzip des Schadensersatzes durchbrochen. Das ist nicht akzepta- bel. Und mit Stärkung des geistigen Eigentums hat das Ganze wirklich nichts zu tun. Lassen Sie uns in den kommenden Wochen den Re- gierungsentwurf so ändern, dass wir das Ziel der Richtli- nie auch wirklich erreichen: die Verbesserung der Durchsetzung von Rechten des geistigen Eigentums. Wolfgang Nešković (DIE LINKE): Betrachte ich mir den vorliegenden Gesetzentwurf im Lichte der aktu- ellen Streitereien innerhalb der Koalition, mache ich mir vor allem Gedanken über den Schaden, den ein Lob aus- lösen könnte. Diese etwas kryptische Formel will ich Ihnen gerne auflösen: Zunächst zum Lob und dann zum befürchteten Schaden. Weder ist der Entwurf aus unserer Sicht perfekt, noch bestände etwa kein Diskussionsbedarf. Das Wesentliche aber ist: Der Entwurf trägt tatsächlich einmal eine klar erkennbare sozialdemokratische Handschrift. Wenn man die Grundauffassung teilen will, dass die gewachsenen technischen Möglichkeiten zur Verbrei- tung geistiger Arbeitsergebnisse im Internet einen ge- steigerten Schutz dieser Arbeitsergebnisse notwendig machen – dann sucht der Entwurf einen angemessenen Ausgleich zwischen den gegebenen Interessen. Er sucht einen Ausgleich zwischen dem Interesse der Rechtsinha- ber nach der Verteidigung ihrer Rechte und dem Inte- resse der Verbraucher, vor überzogenen Abmahnungs- kosten wegen etwaiger Rechtsverletzungen geschützt zu werden. Dies ist ein kluges und sozial reflektiertes Anerkennt- nis der veränderten Realität. Eine Realität weltumspannender Kommunikation, in der Unbedarfte ausgesprochen leicht und schnell in Kon- flikt mit dem geistigem Eigentum Anderer gelangen können, weil sie etwa einen Kartenausschnitt oder ein Logo in ihren privaten Webauftritt einbauen, von dem sie gutwillig annahmen, er unterläge keinen rechtlichen Beschränkungen. Eine Realität, in der eine effektive zivile Rechtsver- folgung oft an der Unkenntnis über die Person eines Verletzers scheitert, weil dessen Identifizierung die Klar- legung einer IP-Adresse erforderte, zu der Provider na- türlich nur eingeschränkt bereit sind. Eine zivilrechtliche Klage aber kann nicht gegen Unbekannt erhoben wer- den. IP-Adressen taugen eben nicht für die erforderliche Bezeichnung des Beklagten im Antrag des Klägers. Bis- lang war damit eine effektive Rechtsverfolgung oft nur möglich, wenn der Verletzte sich dazu der Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft und der Strafgerichte in einem vorgeschalteten Strafverfahren bedienen konnte. Man w s d g E z A ü v w c r n s d r e n s t i a f b d k d b r 2 c F F w s S w S g g e g (C (D ird aber anerkennen müssen, dass zivilrechtliche Er- atzansprüche gegen einen Verletzer häufig schon vor er Grenze strafwürdigen Verhaltens bestehen können. Außerdem ist es den Staatsanwaltschaften und Straf- erichten kaum auf Dauer zumutbar, sich als notwendige rfüllungsgehilfen zivilrechtlicher Kompensation bereit- uhalten. Deshalb ist der vom Entwurf vorgesehene uskunftsanspruch des Verletzten gegen den Dritten berlegenswert. Er ist aber nur überlegenswert, weil er im Wege einer orangehenden richterlichen Anordnung durchgesetzt erden soll. Ich erinnere daran: Der Vorbehalt richterli- her Anordnung für sich genommen ist schon keine Ga- antie für Rechtsstaatlichkeit. Fehlt er jedoch ganz, ist icht einmal der Versuch unternommen worden, Rechts- taatlichkeit durch ein formales Verfahren zu sichern. Ich komme darauf gleich zurück. Die vom Entwurf vorgesehenen Erleichterungen für ie Rechtsverfolgung sind also in der Tendenz ebenso ichtig, wie die Begrenzungen der Abmahnungskosten in infach gelagerten Fällen. Diese richtige Tendenz ent- immt der Entwurf natürlich den bestehenden europäi- chen Vorgaben. Das hindert aber gar nicht das Lob. Na- ürlich kann der Gärtner noch gründlich verderben, was hm die Baumschule geliefert hat. Doch nun zum befürchteten Schaden, den das Lob uslösen kann. Es ist nicht etwa so, dass wir uns dafür ürchten, einen Entwurf der Regierung in Teilen zu lo- en, weil uns das unsere Anhänger übel nehmen. Die enken in aller Regel hoch differenziert und werden aum überrascht sein, dass eine Regierung unter sozial- emokratischer Beteiligung auch einmal etwas Brauch- ares produziert. Die Gefahr liegt ganz woanders. Den befürchteten Schaden skizziert uns Frau Ministe- in Zypries in der Presseerklärung ihres Hauses vom 4. Januar diesen Jahres. Ich zitiere: „Ich weiß, dass insbesondere in der CDU im Deut- schen Bundestag die Auffassung vertreten wird, man könne auf den Richtervorbehalt in Teilen ver- zichten. Diese Frage soll im Verfahren erörtert und nach der Anhörung der Sachverständigen entschie- den werden.“ Es gibt eine gewachsene, ganz und gar nicht christli- he Tradition der CDU, die SPD auf dem schwachen uß zu suchen und auch zu erwischen. Der schwache uß war stets der linke. Frau Zypries strauchelt gerade auf dem linken Fuß, enn sie bekannt gibt, die Frage des Richtervorbehaltes ei diskutabel. Ich hoffe, dass es nur ein strategisches traucheln zur Erhaltung der Verhandlungsbereitschaft ar und die Ministerin unser Lob für die gegenwärtige truktur des Entwurfes am Ende nicht aus dem Gleich- ewicht bringt. Hier liegt der Schaden, von dem ich ein- angs meinte, dass ihn unser Lob auslösen kann. Das indeutig Falsche wäre nämlich, das zivile Auskunftsbe- ehren ohne Richtervorbehalt zu verabschieden. Es wäre 9640 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) grundfalsch, weil dies eine Hexenjagd gegen die Ver- braucher auslösen kann. Jeder Verdacht geriete unge- prüft zum Anlass für die vielfache Offendeckung von Identitäten und Adressen, von denen wir überdies ganz und gar nicht annehmen können, dass sie nach Ausräu- mung der Verdachte – insbesondere von den Servern der großen Unternehmer – wieder brav gelöscht werden. Frau Zypries, ich hoffe daher, dass Sie nun – mit un- serem Lob am linken Bein – dennoch standfest bleiben. Die zulässige Grenze zwischen der informationellen Selbstbestimmung und Wirtschaftsinteressen verläuft genau hier. Am Richtervorbehalt entlang. Bleibt der Richter draußen, ist die Grenze in jedem Fall falsch ge- zogen! In diesem Fall dürfen Sie mit unserem energischen Widerstand rechnen. Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Un- sere Rechtsordnung schützt das verfassungsrechtlich verankerte Recht am geistigen Eigentum und verleiht da- durch Kreativen Rechte an ihren Werken. Diese Rechte sind aber nur dann wirksam, wenn sie tatsächlich – auf rechtsstaatlichem Weg – durchsetzbar sind. Moderne Vertriebsformen, insbesondere im Internet, bei denen Rechtsverletzungen vorkommen, erschweren deren Gel- tendmachung. Informationen, die zur Durchsetzung von Rechten am geistigen Eigentum erforderlich sind, liegen möglicherweise bei Dritten. Deshalb ist das Anliegen der sogenannten Enforcement-Richtlinie und des vorlie- genden Umsetzungsgesetzentwurfs, das Dreiecksver- hältnis zwischen Rechtsinhaber, Verletzer und Drittem neu auszugestalten, nachvollziehbar und im Grundsatz richtig. Im Mittelpunkt steht der Auskunftsanspruch gegen Dritte: Künftig soll der Rechtsinhaber von einem Dritten Auskunft über den Verletzer verlangen dürfen – voraus- gesetzt, die Rechtsverletzung ist offensichtlich oder es wurde bereits Klage erhoben. Mit der „offensichtlichen Rechtsverletzung“ geht die Regierung über EU-Vorga- ben hinaus. Ob es ihr gelungen ist, dabei Drittauskunfts- ansprüche ausreichend restriktiv zu gestalten, werden wir im weiteren Verfahren prüfen. Der Dritte muss ferner im gewerblichen Ausmaß, der Verletzer im geschäftlichen Verkehr gehandelt haben. Gegen einen Internetprovider ist ein Auskunftsanspruch somit ausgeschlossen, wenn die Handlung des Verletzers nicht über das hinausgeht, was der Nutzung zum priva- ten Gebrauch entspricht. Diese Begrenzungen entspre- chen dem Wortlaut von Art. 8 und Erwägungsgrund 14 der Richtlinie. Dass auch der Verletzer im geschäftlichen Verkehr gehandelt haben muss, gehört allerdings zur Klarstellung in den Gesetzestext und nicht nur in die Be- gründung. Weitere Formulierungsschwächen sind hier noch auszubügeln. Die Gemüter empören sich lautstark darüber, dass der Drittauskunftsanspruch von einer gerichtlichen Prüfung abhängig sein soll, wenn die Auskunft nur unter Verwen- dung von Verkehrsdaten erteilt werden kann. Eigentlich erstaunlich, denn Art. 8 der Richtlinie sieht dies vor – ü d R g v t l a b A r s d r g d n b l n i ß n W s s c b B T s T n d h w v k A g g i s k M d w A s f b N v (C (D brigens nicht nur begrenzt auf Verkehrsdaten. Es wäre eshalb nicht fernliegend gewesen, einen allgemeinen ichtervorbehalt für jeden Fall des Auskunftsanspruchs egen einen – immerhin stets unbeteiligten – Dritten orzusehen. Die Regierung hat lediglich dort eine rich- erliche Prüfung vorgesehen, wo für die Auskunftsertei- ung Verkehrsdaten verwendet werden. Ich gehe davon us, dass die Koalition die Schutzwürdigkeit personen- ezogener Daten im weiteren Verfahren nicht aus den ugen verliert und im Übrigen der Prüfbitte des Bundes- ats zu weiteren datenschutzrechtlichen Bedenken be- onders im Zusammenhang mit der intendierten Vorrats- atenspeicherung ernsthaft nachkommt. Bereits jetzt werden Forderungen nach der Einfüh- ung eines Strafschadenersatzes bei Verletzungen geisti- er Eigentumsrechte erhoben. Diese Amerikanisierung es Schadensrechts wollen wir nicht. Der Verletzer soll ach geltender Rechtsdogmatik weiterhin verpflichtet leiben, nur den tatsächlichen Schaden – selbstverständ- ich inklusive Gewinn – zu ersetzen. Strafe aber erfolgt ur dort, wo strafwürdiges Unrecht entsteht. Dies regelt n Deutschland bekanntlich allein das Strafrecht. Die Begrenzung der Abmahngebühr ist ein begrü- enswerter Schritt, da Auswüchsen und völlig unverhält- ismäßigen Gebühren Einhalt geboten werden muss. arum die Gebühr nur im Urheberrecht und nicht im ge- amten Recht des geistigen Eigentums begrenzt werden oll, bleibt sachlich unbegründet. Es gibt zu dem Entwurf – trotz unserer grundsätzli- hen Zustimmung – also noch gewichtigen Diskussions- edarf. Alfred Hartenbach, Parl. Staatssekretär bei der undesministerin der Justiz: Heute ist der internationale ag des geistigen Eigentums; Anlass genug, um die be- ondere Leistung von Künstlern und Kreativen, von üftlern und Erfindern zu würdigen. Wir dürfen es aber icht bei Lippenbekenntnissen belassen. Nur wenn wir as hohe Schutzniveau, das wir in Deutschland bereits aben, weiter verbessern und es an die technischen Ent- icklungen anpassen, erhalten und fördern wir die Inno- ationskraft unserer Wirtschaft. Und diese Innovations- raft ist ein ganz wichtiger Motor für die Erhaltung von rbeitsplätzen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Der vorliegende Gesetzentwurf erleichtert den Kampf egen Produktpiraterie und stärkt damit das geistige Ei- entum. Wer von Piraterie und Fälschungen betroffen st, soll leichter an die Hintermänner herankommen und ich besser gegen Rechtsverletzungen zur Wehr setzen önnen. Die Neuerungen sollen das Patentrecht, das arkenrecht und das Urheberrecht erfassen. Deshalb än- ern wir unter anderem die drei entsprechenden Gesetze eitgehend wortgleich. Im Mittelpunkt stehen dabei uskunftsansprüche gegen Dritte, die wir erstmals chaffen. Sehr häufig liegen die Informationen, die er- orderlich sind, um den Rechtsverletzer zu identifizieren, ei Dritten, die selbst gerade nicht Rechtsverletzer sind. ehmen Sie etwa den Spediteur, der regelmäßig Waren om Hamburger Hafen quer durch die Republik trans- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9641 (A) ) (B) ) portiert. Wenn sich herausstellt, dass das alles Plagiate sind, dann ist es für den Rechteinhaber wichtig, von dem Spediteur zu erfahren: Wo sitzen die Auftraggeber und Hintermänner, wo hat man die Waren überall hintrans- portiert? Der Spediteur soll Auskunft geben müssen, und zwar auch dann, wenn er selbst arglos war und gar nicht wusste, dass es sich um Plagiate handelte. Was für den Transport auf der Autobahn gilt, soll im Grundsatz auch für den Datenhighway des Internet gelten. Deshalb kön- nen in Zukunft beispielsweise auch Internet-Service- Provider zur Auskunft verpflichtet werden. Unser Vor- schlag sieht dabei allerdings vor, dass ein Richter über den Auskunftsanspruch entscheidet, wenn bei der Dritt- auskunft Verkehrsdaten betroffen sind. Das können bei- spielsweise Daten über die Nutzung von Tauschbörsen sein. Ich möchte für den gewählten Weg werben. Bei der Auskunft über Verkehrsdaten sind sensible Daten betrof- fen, die wegen ihrer Nähe zu Art. 10 des Grundgesetzes besonders schützenswert sind. Diese sollten daher nur herausgegeben werden, wenn vorher ein Richter den An- spruch geprüft hat. Dabei müssen wir immer im Auge behalten, dass die Dritten zur Auskunft verpflichtet wer- den, obwohl sie selbst keine Rechtsverletzung begangen haben. Sie sind Unbeteiligte. Mit dem Gesetzentwurf haben wir ein anderes Ele- ment verbunden, das nicht durch die Richtlinie vorgege- ben wird: die Deckelung der Abmahnkosten. Es geht da- bei darum, dass einige wenige mit den Abmahnkosten Geschäftemacherei betrieben haben, bei der am Ende die Gerechtigkeit auf der Strecke geblieben ist. Uns hat dazu eine wahre Flut von Bürgerbriefen erreicht, die nach- drücklich zeigen, dass wir hier handeln müssen. Es steht aber außer Frage, dass auch in Zukunft der Rechteinha- ber den Verletzer abmahnen kann, aber bitte mit Augen- maß. Die Kosten für eine erstmalige Abmahnung sollen deshalb unter drei Voraussetzungen begrenzt werden: Es muss sich – erstens – um einen einfach gelagerten Fall handeln. Die Sache muss sich – zweitens – außerhalb des geschäftlichen Verkehrs abspielen, und drittens darf es nur zu einer unerheblichen Rechtsverletzung gekom- men sein. Unter diesen sehr engen Voraussetzungen ist es zu vertreten, die Kosten gegenüber dem Verbraucher zu begrenzen. Wir erschweren damit den Missbrauch von Abmahnungen, aber wir sorgen zugleich dafür, dass dieses Instrument für all jene erhalten bleibt, die sich redlich gegen Verletzungen ihrer Rechte zur Wehr set- zen. Wir verfolgen gemeinsam das Ziel, einen angemesse- nen Schutz des geistigen Eigentums zu erreichen. Mit dem Regierungsentwurf haben wir bei der Vielzahl der beteiligten Interessen eine faire und angemessene Lö- sung vorgelegt. Ich bin überzeugt, dass die verschiede- nen Aspekte bei den weiteren Beratungen noch intensiv diskutiert und der Entwurf an der einen oder anderen Stelle noch nachjustiert werden wird. Ich hoffe, dass am Ende ein Gesetz steht, das sich auf eine breite Mehrheit über die Parteigrenzen hinweg stützen kann. A e d i s b d K c B n v D v A e t C c s t h w p K t l s M d s l b l r d g (C (D nlage 7 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung: – Antrag: Privatisierungsfolgen seriös bilan- zieren – Privatisierungen aussetzen – Entwurf eines … Gesetzes zur Änderung des Gesetzes über den Bau und die Finanzierung von Bundesfernstraßen durch Private (… Fernstraßenbauprivatfinanzierungsgesetzes- änderungsgesetz) (Tagesordnungspunkt 14 a und b) Georg Brunnhuber (CDU/CSU): Wir beraten heute inen Gesetzentwurf der Linken, der die Bereitstellung er finanziellen Mittel für dringend benötigte Verkehrs- nfrastruktur allein aus der Haushaltsfinanzierung sicher- tellen soll. Mit diesem Entwurf nimmt die Linke die Realitäten eim Zustand der Verkehrsinfrastruktur und die Misere er öffentlichen Haushalte in Deutschland nicht zur enntnis. Bund, Länder und Gemeinden stecken in allen Berei- hen der Infrastruktur in einem riesigen Investitionsstau. esonders die Verkehrsinfrastruktur kann zukünftig icht mehr Schritt halten mit den Anforderungen, die ein erschärfter internationaler Wettbewerb an den Standort eutschland stellt, wenn es uns nicht gelingt, diesen In- estitionsstau aufzulösen. Der von der Linken eingebrachte Entwurf gibt keine ntworten auf dieses Problem – im Gegenteil verschärft r die vielfach prekäre Situation der Verkehrsinfrastruk- ur noch – und wird deshalb von der Fraktion der CDU/ SU abgelehnt. Das Fernstraßenbauprivatfinanzierungsgesetz, wel- hes von der Linken jetzt de facto abgeschafft werden oll, eröffnet die Möglichkeiten, zusätzliche Infrastruk- ur zu schaffen, die über den Weg der alleinigen Haus- altsfinanzierung in absehbarer Zeit nicht realisierbar äre. Dies kann nach den Vorstellungen der Koalitions- arteien nur durch die verstärkte Mobilisierung privaten apitals geschehen. Das Instrument der öffentlich-priva- en Partnerschaften, das die Linke nicht nur mit der Vor- age des in Rede stehenden Gesetzentwurfs vom Grund- atz her ablehnt, ist für uns daher ein Baustein zur odernisierung unseres Staates und zur Bereitstellung ringend benötigter öffentlicher Leistungen. Der finanzielle Engpass öffentlicher Haushalte macht ich gerade im Bereich der Verkehrsinfrastruktur in den etzten Jahren zunehmend standortschädigend bemerk- ar. Deshalb ist gerade hier das Instrument der öffent- ich-privaten Partnerschaften als mögliche Finanzie- ungsalternative zu berücksichtigen. Eine ausschließliche Haushaltsfinanzierung, wie von er Linken jetzt gefordert, ist vor diesem Hintergrund eradezu illusorisch. 9642 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) Die positiven Anreize für den Mittelstand, als bedeu- tendster Arbeitgeber Deutschlands, der im Rahmen von ÖPP-Projekten sein hohes Innovationspotenzial einbrin- gen kann, um Arbeitsplätze zu schaffen, bleiben bei den Vorstellungen der Linken ganz und gar unberücksichtigt. Die Koalitionsparteien haben sich darauf verständigt, das Finanzierungsmodell der öffentlich-privaten Partner- schaften in vielen Bereichen weiter voranzutreiben. Mit der Lkw-Maut, der Einrichtung der Verkehrinfrastruk- turfinanzierungsgesellschaft (VIFG) und dem Einsatz von Betreibermodellen sind die ersten Voraussetzungen im Verkehrsinfrastrukturbereich dafür geschaffen wor- den. Dieser Weg muss aber weiter konsequent beschrif- ten werden. Daher haben sich die Koalitionsparteien daauf verständigt, die Aufgabenstellung und Finanzie- rungsinstrumente der VIFG zu erweitern. Hierzu wird auch die Kreditfähigkeit der VIFG geprüft. Konkrete Finanzierungsvorschläge außer der reinen Haushaltsfinanzierung macht die Linke in ihrem Gesetz- entwurf nicht. Selbst wie diese reine Haushaltsfinanzie- rung von Verkehrsinfrastrukturvorhaben organisiert wer- den soll, wo also das Geld konkret herkommen soll, beantwortet sie nicht. Die Union hat schon früh erkannt, welche Chancen das Instrument der ÖPP für den Standort und die Be- schäftigung in Deutschland bietet, und wird mit dem Ko- alitionspartner ÖPP-Projekte zum Wohle unseres Allge- meinwesens weiter vorantreiben. Aus diesem Grund lehnt die Fraktion der CDU/CSU den vorliegenden Entwurf der Linken ab. Dr. Margrit Wetzel (SPD): Privatisierungen und öf- fentlich-private Partnerschaften aussetzen möchte die Fraktion Die Linke, und wer nur den Schafspelz des Wolfes sehen will, mag gute Ansätze daran finden: Selbstverständlich muss jeder Privatisierung eine gründ- liche Nutzen-Kosten-Analyse vorausgehen, selbstver- ständlich müssen möglichst alle Aspekte potenzieller Veränderungen bedacht werden, ebenso selbstverständ- lich ist die Notwendigkeit von Evaluierungen, von Ver- hältnismäßigkeit und Zielgerichtetheit solcher Entschei- dungen. Die von den Linken aufgelisteten Faktoren müssen – je nach konkreter Privatisierungsabsicht – ganz gewiss in der Prüfung der jeweiligen Einzelfallent- scheidung seriös bedacht und geprüft werden. Und ge- rade uns als Sozialdemokraten ist wichtig, dass Stand- orte und Arbeitsplätze sicher und zukunftsfähig sind, dass jeder Arbeitsplatz, der erhalten oder geschaffen werden kann, sorgsam gehütet wird. Wir setzen unsere ganze Kraft dafür ein, ein positives wirtschaftspoliti- sches Klima und starke Arbeitnehmervertretungen zu fördern, für uns ist der Einsatz für soziale Gerechtigkeit und angemessene Löhne eine ständige Herausforderung! Aber: Ihr vorliegender Antrag verlangt eine Bilanzie- rung aller Privatisierungen seit 1995, bei der überhaupt nicht klar wird, was eigentlich der politische Nutzen der Ergebnisse sein soll? Ist das eine Arbeitsbeschaffungs- maßnahme, die ganze Abteilungen im Regierungsappa- rat für längere Zeit lahmlegen soll, bis die circa 23 Leitz- ordner mit Antworten gefüllt wären? Was soll der p s W r F k S e d S z t K a S r s f n z n w d v S f s k d l E c c B d s b g l s d k d K s i F g d d t d R f s (C (D olitische Mehrwert einer solchen Bilanz eigentlich ein? Wollen Sie Preisveränderungen, die mit Markt und ettbewerb zu tun haben, auf Privatisierungen reduzie- en? Wollen Sie feststellen, ob der Anteil von Sonn- und eiertagsarbeit sich in staatlichen oder privaten Kran- enhäusern unterscheidet? Möchten Sie zusätzliche chichtarbeit in modernen Industriebetrieben, die durch ine hervorragende Auftragslage bedingt ist, als Folge er Privatisierung veralteter Staatsbetriebe verteufeln? teckt die platte Dämonisierung, die platte Gleichset- ung von Privatisierung und Entlassung von Arbeitskräf- en hinter Ihrem Antrag? Lässt Stamokap grüßen? Ich habe einen konstruktiven Vorschlag für Ihren raut-und-Rüben-Antrag: Herr Dr. Schui, Sie sind – für lle offensichtlich – erkennbar als Initiator des Antrages. ie haben doch immer noch das Promotionsrecht. Wa- um loben Sie nicht Dissertationsthemen zu den Privati- ierungsfolgen aus? Finden Sie keine Doktoranden da- ür, und nun soll die Bundestagsverwaltung herhalten? Doktoranden könnten dann als eigene Leistung die otwendige Differenzierung, Kategorisierung und Expli- ierung vornehmen, könnten feststellen, dass der von Ih- en in Anspruch genommene DGB-Antrag mit dem Hin- eis auf die Organisationsprivatisierung der Bahn und eren soziale Folgen weitaus legitimer war als der jetzt on Ihnen vorgelegte und würden vor allem die Begriffe trukturwandel und weltweiten Kampf um Technologie- ührerschaft ergänzen. Was in Ihren Überlegungen – oder sollte ich besser agen: Privatisierungsalbträumen – nun gar nicht vor- ommt, ist der Umweltschutz. Keine Frage nach den Re- uzierungen von Schadstoffen und CO2 durch die Still- egung völlig veralteter Industriebetriebe und ihren rsatz durch moderne, technologisch höchst fortschrittli- he Unternehmen! Nein, Sie bleiben uns die Erklärung schuldig, wel- hen politischen Wert die Klärung der Frage hat, ob ahn- oder Postreform sich auf die Frauenquote unter en Beschäftigten ausgewirkt haben, oder wie Unter- chiede zu bewerten sein mögen zwischen der Schichtar- eit bei VW oder im ÖPNV? Also, ich bleibe dabei: Was ut für wissenschaftliche Zuarbeit sein mag, ist noch ange nicht ausreichend als Grundlage für parlamentari- che Entscheidungen! Und wenn Sie, Herr Dr. Schui, ann entsprechende Doktoranden fänden, die Ergebnisse ritischer Dissertationen ließen sicher die Prognose zu, ass die ökonomistische Brutalität des marxistischen eynesianismus noch offenkundiger ist als die herr- chender neoklassischer Lehren. Herzlich Willkommen n der politischen Wirklichkeit! Darüber hinaus wollen Sie dann auch noch das ernstraßenbauprivatfinanzierungsgesetz zu Grabe tra- en und keine weiteren ÖPP-Projekte zulassen. Was ist enn falsch daran, wenn wir versuchen, mehr Effizienz urch die Partnerschaft von öffentlicher Hand und priva- en Unternehmen zu generieren? Was ist falsch daran, ass wir versuchen, privates Kapital für die schnellere ealisierung von Infrastruktur einzuwerben? Ist es alsch, wenn wir mit weniger Steuermitteln mehr und chneller Verkehrsinvestitionen tätigen können? Sie be- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9643 (A) ) (B) ) tonen zwar die „Unterfinanzierung im Verkehrswege- bau“, lehnen aber alternative Finanzierungsmethoden wie ÖPP ab und bezeichnen sie gar als „Irrweg“. Wieso sollte es ein Irrweg sein, mehr privates Kapital in die Fi- nanzierung der Verkehrswege einzubinden? Kennen Sie eigentlich die Prognosen zur Entwicklung des Verkehrsaufkommens? Sind Ihnen die massiven Steigerungen, insbesondere im Güterverkehr, bewusst? Ist Ihnen bewusst, dass die öffentlich-private Partner- schaft in den F-Modellen nicht nur Akquise privaten Ka- pitals ist, sondern auch einen – wenn auch kleinen – Ein- stieg in die Nutzerfinanzierung von Straßen bedeutet? Glauben Sie wirklich, dass mautpflichtige Straßenab- schnitte für Personenfahrzeuge keine Akzeptanz in der Bevölkerung hätten? Bei der Warnowquerung in Ros- tock passieren täglich rund 10 000 Fahrzeuge den Tun- nel. Sind die Interessen von über 10 000 Menschen Ih- nen nicht eine Beachtung wert? Ich will gar nicht be- streiten, dass die Betreiber zu Beginn mit 20 000 täglichen Fahrzeugen wesentlich höhere Erwartungen hatten und ihre Prognosen ändern mussten. Das heißt aber doch, dass man aus diesen Fehlern eines Pilotpro- jektes lernen sollte. Die künftigen Verkehrsprognosen müssen immer aktuell, umfassend sein und kritisch be- leuchtet werden. Mit der Verlängerung der Vertragslauf- zeit wurde bei der Warnowquerung übrigens ein für alle Beteiligten gangbarer Weg entwickelt, der dem Leben- szy-klusansatz der Projekte durchaus entspricht. Außer- dem wurden in diesem Projekt bei einem Investitionsvo- lumen von 219 Millionen Euro insgesamt nur 26 Millionen Euro aus EU Mitteln, vom Land und der Stadt gemeinsam aufgebracht, der Bund wurde gar nicht be- lastet. Auch Ihr zweiter Beleg für ein vermeintliches Schei- tern des Gesetzes, der Lübecker Herrentunnel, ist bei ge- nauerem Hinsehen nicht angebracht. Sie kritisieren, dass der Zuschuss des Bundes dort „sogar 50 Prozent“ betrug. Das ist richtig, aber richtig ist auch: Der Bund hat den Bau zwar finanziell unterstützt, aber: Der Herrentunnel hat die Herrenbrücke im Zuge der Bundesstraße 75 er- setzt, deren Straßenbaulastträger der Bund war. Der schlechte bauliche Zustand hatte den Ersatz der Brücke erforderlich gemacht, der Bund hätte diesen leisten müs- sen. Der Bund hat der Hansestadt Lübeck deshalb in Höhe der ersparten Aufwendungen für den Bau und Be- trieb eines Ersatzbrückenbauwerks in jährlichen Raten nach Baufortschritt einen sogenannten Sockelbetrag in Höhe von 87,8 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das heißt, hier entstand ein mit Blick auf die Hafenwirt- schaft in Lübeck und die Schifffahrt gewünschtes Pro- jekt, das den Bund nicht mehr Geld kostete als eine we- niger leistungsfähige Standardlösung. Das, was sie als komplett gescheiterte Modelle dar- stellen, ist so gescheitert also nicht. Dennoch ist es richtig, dass beim Fernstraßenbau- privatfinanzierungsgesetz Verbesserungsbedarf besteht. Das können Sie übrigens bei uns schon im Koalitions- vertrag nachlesen, der eine Weiterentwicklung und Stär- kung der öffentlich privaten Partnerschaften vorsieht. Und daran arbeiten wir intensiv. Wir wollen und werden Ö N d R d P a d E G g m w z r l w d z d F V a p A g Ö Ö s n s f s d g g p g p b v g E s t r z m R A m (C (D PP weiter voranbringen. Für mich bleibt der größte utzen öffentlich-privater Partnerschaften nach wie vor ie angemessene Risikoverteilung: Jeder Partner soll das isiko übernehmen, das er am besten beherrscht, und für en Part verantwortlich sein, worin er besser als sein artner ist. Ein weiterer Vorteil ist – auch wenn die Linken das bstreiten – die Effizienzsteigerung, die durch viele an- ere nationale, vor allem aber auch durch internationale rfahrungen deutlich belegt wird. Leider sind wir noch nicht so weit wie zum Beispiel roßbritannien. Die Briten haben einen ÖPP-Anteil von ut 15 Prozent bei Ihren Investitionen, also deutlich ehr Erfahrung als wir. Oder nehmen Sie Großprojekte ie den Flughafen in Athen, der auf der Basis einer ein- elgesetzlichen Grundlage – in kürzester Zeit unter Wah- ung der archäologischen Schätze Griechenlands pünkt- ich zur Olympiade fertig gestellt werden konnte. Sollten ir wirklich die Erfahrungen deutscher Unternehmen, ie dabei gewonnen wurden, nicht in unserem Land nut- en? Sollen wir verzichten auf die Erfahrungsfortschritte er beim Verkehrsministerium angesiedelte PPP Task orce? Sollen wir verzichten auf die Kompetenz unserer erkehrsinfrastrukturfinanzierungsgesellschaft anstatt sie uszubauen? Wir müssten mit dem Klammerbeutel ge- udert sein, wenn wir uns nicht bemühten, Standards für usschreibungsverfahren und Wirtschaftlichkeitsver- leiche fortzuentwickeln und an der Verbesserung der PP-spezifischen Rahmenbedingungen zu arbeiten. In Deutschland beträgt das Investitionsvolumen von PP-Projekten mit Vertragsabschluss allein im Hochbau chon 1,4 Milliarden Euro. Und auch Ihr Vorwurf, das Fernstraßenbauprivatfi- anzierungsgesetz würde nicht mehr angewandt, stimmt chlicht nicht. Der Bund lässt die Eignung von Bundes- ernstraßenabschnitten wie zum Beispiel den Albauf- tieg oder die Weserquerung auf ihre Eignung als F-Mo- elle prüfen. Immer wird es sich dabei um Einzelfallentscheidun- en handeln, denn natürlich ist nicht jedes Projekt ÖPP- eeignet. Öffentlich-private Partnerschaften sind nicht er se ein Allheilmittel. Wirtschaftlichkeitsuntersuchun- en, Machbarkeitsstudien und aktualisierte Nachfrage- rognosen müssen die Sinnhaftigkeit von ÖPP-Projekten elegen. Das Interesse der Privaten ist natürlich auch da- on abhängig, ob eine angemessene Rendite für das ein- esetzte Kapital zu erwarten ist. Für die wirtschaftliche ntwicklung sind vorgezogene Investitionen in Infra- truktur nicht falsch, sondern sinnvoll. Wir sind weder bei öffentlich-privaten Partnerschaf- en allgemein noch beim Fernstraßenbauprivatfinanzie- ungsgesetz am Ende des Weges angelangt. Aber stehen u bleiben, wäre verantwortungslos. Deshalb werden wir it allem Nachdruck an der weiteren Verbesserung der ahmenbedingungen für ÖPP in Deutschland arbeiten! Jan Mücke (FDP): Wieder einmal haben wir einen ntrag der Linken vorliegen, der unsinnigen Bürokratis- us nach sich zieht. Diesmal sollen Privatisierungsmaß- 9644 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) nahmen ausgesetzt werden, bis die Folgen scheinbar se- riös bilanziert sind. Aus diesem Antrag wird vor allem ein grundsätzli- ches Unverständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge deutlich, das letztendlich auch zum wirtschaftlichen Nie- dergang der DDR und anderer sozialistischer Staaten ge- führt hat. Da die Linksfraktion daraus anscheinend nichts gelernt hat, will ich es Ihnen nochmals vor Augen führen: Die Bilanz, die Sie fordern, soll den Privatisierungs- erlösen die Vermögensverluste samt den etwaigen Folge- kosten gegenüberstellen. Daran wollen Sie dann unter anderem messen, ob eine Privatisierung sinnvoll ist oder nicht – nach dem Motto: Wenn der Vermögensverlust höher ist als der Privatisierungsgewinn, sollte man nicht privatisieren. Ich frage Sie: Wie wollen Sie denn das Vermögen, das Sie verkaufen, bewerten? Oder anders gefragt: Was ist denn der Unterschied zwischen dem Privatisierungserlös und dem Vermögensverlust? Glauben Sie, die Regierung könnte das Vermögen besser bewerten als der Markt? Sie erhalten reine Buchgewinne oder -verluste auf der Grundlage äußerst fragwürdiger Daten. Eine solche Ge- genüberstellung kann nur eines leisten: Sie kann anhand des dann tatsächlich erzielten Erlöses verdeutlichen, wie genau die Einschätzung vorher war. Dafür noch ein Heer von Bürokraten zu beschäftigen, lohnt wahrlich nicht. Die Linksfraktion vergisst gern die wichtigste Sache, die der Markt für uns bereithält: Information. Genau diese Information von tatsächlichen Werten, echten Marktpreisen, lässt dieses System funktionieren und so- zialistische Systeme eben nicht. Genau deswegen muss auch unser Grundsatz „privat vor Staat“ immer bestehen bleiben, solange keine überzeugenden Gründe dagegen sprechen. Nur originär staatliche Aufgaben sollten in öf- fentlicher Hand bleiben. Übrigens sind Ihre Kollegen von der Linksfraktion auf kommunaler Ebene schon weiter. Sie haben mit mir zusammen der Veräußerung des kommunalen Wohn- eigentums in Dresden zugestimmt. Der tatsächliche Wert war übrigens dann deutlich höher als der anfangs ge- schätzte, sodass Dresden heute nicht nur schuldenfrei ist, sondern unter anderem auch in die Zukunft unserer Kin- der investieren kann. Sie schreiben es ja in Ihrem Antrag selbst: Privatisie- rungsmaßnahmen werden mit erwarteten Effizienzge- winnen begründet. Hier liegen Sie absolut richtig. Pri- vate Unternehmen sind effizienter, da sie einen höheren Anreiz haben, effizienter zu wirtschaften als der Staat. In den Fällen, in denen sich für den Verbraucher durch die Privatisierung Nachteile ergeben, muss der Staat die Rahmenbedingungen ändern, damit kundennaher Ser- vice gewährleistet ist. Sie formulieren in dem vorliegenden Antrag die Sorge, dass durch Privatisierungserlöse vor allem Haus- haltslöcher gestopft werden. Diese Sorge teile ich aus- drücklich. Die laufenden Ausgaben müssen mit den lau- fenden Einnahmen gedeckt werden. Dieser Grundsatz muss immer bestehen bleiben. Dass die Regierenden E s n V a n r d d h z d s a f a t F k r n b d s z s g z M b S d k W z I n g g E w d s n B d d j m z J e u (C (D inmalerlöse gern in den laufenden Haushalt fließen las- en, daran wird aber auch Ihre geforderte Bilanzierung ichts ändern. Wir als Oppositionsführer werden jeden ersuch dazu kritisieren, die Bundesregierung jedoch uch weiterhin dazu auffordern, Privatisierungen vorzu- ehmen und die Staatsquote zu senken. Ein totaler Privatisierungsstopp für die Bundes- epublik bis zu einer nur scheinbar seriösen Bilanzierung er Folgen ist dabei absolut kontraproduktiv. Aus dem gleichen Holz ist auch der Gesetzentwurf er Linken zur Änderung – oder realisitischer: zur Auf- ebung – des Fernstraßenbauprivatfinanzierungsgeset- es geschnitzt. Tatsächlich hat das Gesetz bislang nicht as gebracht, was man sich von ihm versprochen hat. Es tellt aber nach wie vor eine attraktive Möglichkeit dar, usgewählte Strecken, die sich dafür eignen, privat zu inanzieren und das angesichts der Haushaltslage wohl uch erst zu ermöglichen. Die rückwärtsgewandte Poli- ik der Linken ist da absolut fehl am Platz. Statt das inanzierungsmodell zu verteufeln, wären vielmehr kon- rete Vorschläge angebracht gewesen, die eine Steige- ung seiner Attraktivität zum Ziel haben. Dazu ist aber ichts im Gesetzentwurf zu finden. Der Entwurf der Linken geht am eigentlichen Pro- lem vorbei und kann es so auch nicht lösen. Denn nicht ie private Teilfinanzierung der Verkehrsinfrastruktur als olche ist das Problem, vielmehr die Tatsache, dass trotz unehmender Nutzerfinanzierung – ich verweise insbe- ondere auf die Einführung der Lkw-Maut – ein Rück- ang der Investitionen in Bundesfernstraßen zu ver- eichnen ist. Bundesverkehrsminister Tiefensee hat unlängst die ittelfristprognose zur Entwicklung des Güterverkehrs is 2010 vorgestellt. Aus ihr wird deutlich, dass auf der traße bereits im Jahr 2009 ein Transportbedarf vorhan- en sein wird, der bei der Aufstellung des Bundesver- ehrswegeplans erst für das Jahr 2015 erwartet wurde. ir stehen vor einer gewaltigen Herausforderung. Klot- en, nicht kleckern, muss die Devise lauten. Die Realität sieht indessen anders aus. So wurden die nvestitonsmittel für Bundesfernstraßenprojekte in mei- em Heimatland Sachsen im Jahr 2007 um 40 Prozent egenüber dem Vorjahr gekürzt. Von Verstetigung oder ar Erhöhung der Investitionen kann keine Rede sein. rgebnis: Vielerorts muss der Baubeginn verschoben erden, zusätzliche Kosten entstehen, eine Entlastung er Anwohner ist nicht in Sicht. Die Frage nach neuen Finanzierungsquellen stellte ich gar nicht, wenn der Bund seiner Verantwortung achkommen und gegebene Zusagen einhalten würde. ei der Einführung der Lkw-Maut wurde vonseiten der amaligen rot-grünen Bundesregierung zugesichert, mit en zusätzlichen Einnahmen zusätzliche Verkehrspro- ekte zu finanzieren. Doch schon bald zeigte sich, dass it den erzielten Mauterlösen eine proportionale Kür- ung der Haushaltsmittel einherging. Mehr noch: In den ahren 2006 und 2007 wurden und werden acht bzw. lf Prozent weniger in Fernstraßenprojekte investiert als nter Rot-Grün in 2005. Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9645 (A) ) (B) ) Es ist angesichts des rasanten Verkehrswachstums er- schreckend, dass sich der Infrastrukturrahmenplan im- mer mehr zu einer reinen Wunschliste des Ministers ent- wickelt. Der Plan weist für die Realisierung der in ihm aufgeführten Straßenprojekte einen Finanzbedarf in Höhe von 22,4 Milliarden Euro ab 2006 aus. Dem stehen ausweislich der Haushaltspläne 2006, 2007 sowie der Finanzplanung der Bundesregierung bis 2010 jedoch nur 10,42 Milliarden Euro Investitionsmittel für Bedarfs- planmaßnahmen gegenüber. Es klafft somit allein im Be- reich der Bundesfernstraßen eine Finanzierungslücke in Höhe von 11,98 Milliarden Euro. Diese Zahlen belegen, dass wir weit davon entfernt sind, die anstehenden Herausforderungen meistern zu können. Der Investitionsstau nimmt stetig zu und ver- schärft die Lage. Der Gesetzentwurf der Linken ist in diesem Rahmen alles andere als hilfreich. Er beschränkt sich nicht nur auf eine pauschale Herabsetzung der bis- her umgesetzten Projekte, sondern versperrt auch poten- ziellen Investoren endgültig den Weg, sich auf diese Weise beim dringend benötigten Ausbau des Straßennet- zes eigenverantwortlich engagieren zu können. Dr. Herbert Schui (DIE LINKE): Der Leitgedanke des Art. 115 des Grundgesetzes ist, das staatliche Ver- mögen zu erhalten: Die öffentliche Kreditaufnahme soll den Vermögenszuwachs durch Investitionen nicht über- schreiten. Um konjunkturelle Flauten zu überwinden, lässt die Verfassung eine Ausnahme von der Regel zu. Zwar halten sich hier die Zunahme an öffentlichem Ver- mögen und die Kreditaufnahme nicht mehr die Waage, aber die kreditfinanzierten Ausgaben steigern doch die Produktion und damit den Reichtum – wie auch immer verteilt. Privatisierungen verletzten diesen Grundgedanken des Vermögenserhaltes. Ihr Erlös soll dem Ausgleich der öffentlichen Haushalte dienen. Ihre Begründung sind die leeren öffentlichen Kassen. Aber wer hat sie leer ge- macht? Alles beginnt damit, dass die Besteuerung der Unternehmens- und Vermögenseinkommen, der Vermö- gen selbst, der Erbschaften, der Börsenumsätze gesenkt wird. Dem werden dann im nächsten Schritt die Sozial- ausgaben angepasst, der öffentliche Dienst wird dezi- miert. Das verbleibende Defizit soll durch den Verkauf von öffentlichem Vermögen ausgeglichen werden. Ver- kauft an wen? Nicht zuletzt an diejenigen, die von den Steuersenkungen profitieren, liquider sind als vorher und eine Anlage für denjenigen neuen Reichtum suchen, den ihnen der Staat verschafft hat. Diese einfache Wahrheit vernebeln der Bund, die Länder und die Gemeinden bei der Privatisierung. Vor- geschwindelt werden die folgenden Gründe: Private Un- ternehmen arbeiteten wirtschaftlicher als öffentliche, sie kämen den Wünschen der Kunden mehr entgegen. Über- dies seien private Unternehmen finanziell eher in der Lage, die erforderlichen Investitionen vorzunehmen, für technischen Fortschritt zu sorgen. Um Klarheit hierüber zu schaffen, muss ein umfas- sender Privatisierungsbericht her. Er muss über den Be- teiligungsbericht des Bundes weit hinausgehen, und dies i v B a d W r t c H s n v k r Q d z k i g F w d ä t P r f t ö U A A b G d h h D t g G r g d k l r g d S i (C (D n zweifacher Hinsicht: Zu informieren ist über die Pri- atisierungen aller Gebietskörperschaften, das heißt des undes, der Länder und der Gemeinden. Weiterhin sind lle Folgen der Privatisierungen darzustellen. Dies erfor- ert, vor allem die folgenden Fragen zu beantworten: ie hoch sind die Preise vor und nach der Privatisie- ung? Hierbei sind die Erlöse, die Kosten und die Gehäl- er der Geschäftsführung genau zu ermitteln. Die Ursa- hen für allfällige Kostensenkungen sind darzustellen. andelt es sich hierbei um Lohnsenkungen, um techni- chen Fortschritt – der ebenso gut im öffentlichen Unter- ehmen hätte vorgenommen werden können – oder um erringerte Leistungen? Demnach sind genaue Aus- ünfte über die Lohnentwicklung nach der Privatisie- ung, die Arbeitsbedingungen, die Mitbestimmung, die ualität der Leistungen und die Umweltstandards erfor- erlich. Ebenfalls ist darzustellen, ob gegebenenfalls So- ialtarife gestrichen wurden. Weiterhin ist eindeutig zu lären, ob die Anlagen und Betriebssysteme durch Ersatz- nvestitionen in einem technisch einwandfreien Zustand ehalten werden, ob die Möglichkeiten des technischen ortschrittes genutzt worden sind. Des Weiteren muss eingehend darüber informiert erden, wie sich die finanzielle Lage der entsprechen- en Gebietskörperschaften nach der Privatisierung ver- ndert hat. Da vor allem ertragreiche öffentliche Be- riebe privatisiert werden, ist zu vermuten, dass die rivatisierung die öffentlichen Einnahmen erheblich ver- ingert hat. Privatisierung ist im angeforderten Bericht weit zu assen: Neben dem Verkauf von Beteiligungen und sons- igen Vermögenswerten ist auch die Ausgliederung von ffentlichem Vermögen in privatrechtlich organisierte nternehmungen und die Übertragung von öffentlichen ufgaben an private Unternehmen zu beachten. Rechtsgrundlage für den Privatisierungsbereich ist rt. 35 Abs. 1 des Grundgesetzes. Der Bund nutzt hier- ei die rechtlichen Amtshilfeverpflichtungen der Länder, emeinden, Gemeindeverbände und sonstiger Personen es öffentlichen Rechts. Im Rahmen der Informations- ilfe werden diese die erforderlichen Informationen er- eben und weitergeben. Kerstin Andreae (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): ie Fraktion der Linken hat einen Antrag mit zwei zen- ralen Forderungen vorgelegt. Darin wird die Bundesre- ierung aufgefordert, gemeinsam mit den anderen ebietskörperschaften dem Bundestag einen Privatisie- ungsbericht über die Auswirkungen der Privatisierun- en seit 1995 vorzulegen. Darüber hinaus wird die Bun- esregierung aufgefordert, bis zur Vorlage des Berichtes eine weiteren Privatisierungsschritte zu unternehmen. Wenn ich mir vorstelle, was da alles an Empirie zu eisten ist, müssen wir uns wohl auf einen Privatisie- ungsstopp auf unbestimmte Zeit einstellen. Das ist wohl enau das, was die Fraktion Die Linke beabsichtigt. Für ie Linke steht das Ergebnis doch längst fest: Mehr taat, weniger privates Engagement, und schon geht es n diesem Land wieder gerecht zu. 9646 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) So einfach möchte ich es aber Herrn Schui und Frau Höll nicht machen. Damit kein Missverständnis entsteht: Sollte ein solcher Bericht mit einem vertretbaren Auf- wand zu leisten sein, dann kann ich mir so etwas schon vorstellen. Wir werden im Ausschuss ja Gelegenheit ha- ben, uns über Fragestellung und Umfang eines solchen Berichtes genauer Gedanken zu machen. Einen Privati- sierungsstopp damit zu verknüpfen, ist aber polemisch und kontraproduktiv. Der amerikanische Nobelpreisträger und Globalisie- rungskritiker Joseph Stiglitz hat sich in einem Buch grundsätzlich zu der Privatisierung von staatlichen Un- ternehmen geäußert. Er schreibt: Privatisierungen, die von rechtlichen Rahmenvorschriften, der Sanierung der Unternehmen und einer effizienten Corporate Gover- nance begleitet wurden, führen zu mehr Wachstum. – Dies mag pauschal klingen, ist aber nachdenkenswert. Was ist Aufgabe des Staates? Er muss die Vorausset- zungen für nachhaltiges und qualitatives Wachstum schaffen. Er muss eine intakte Infrastruktur zur Verfü- gung stellen, damit Bürgerinnen und Bürger sowie Un- ternehmen Zugang zu Gütern und Leistungen haben, die für wirtschaftliches Handeln notwendig sind. Er ist in der Verantwortung für die zahlreichen Leistungen der öf- fentlichen Daseinsvorsorge, und er ist in der Verantwor- tung, den Schutz der natürlichen Ressourcen und des Klimas durchzusetzen. Kurz: Er setzt die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen. Dafür braucht es einen starken und handlungsfähigen Staat. Das heißt aber nicht, dass der Staat auch in jedem Fall aufgefordert ist, diese Aufgaben in Eigenregie selber zu erbringen. Der Staat ist in der Pflicht, Aufgaben effizient und wirtschaftlich zu gewährleisten. Das heißt konkret, dass ein effizienter Staat Aufgaben dann an Private über- tragen soll, wenn sie diese besser und wirtschaftlicher erfüllen können. Wer dies infrage stellt, so wie dies die Linke tut, trägt nicht zu einer Stärkung des Staates bei, sondern bewirkt letztlich das Gegenteil. Wo liegen die Grenzen der Privatisierung? Wo liegen die Grenzen des Marktes? Ich bin der Meinung, dass so- zial-, umwelt- und gesundheitspolitische Aufgaben, die der Markt nicht befriedigend lösen kann, in der Verantwortung des Staates belassen werden sollten. Bei netzabhängigen Infrastrukturen muss der Staat die Rahmenbedingungen so setzen, dass der Netzzugang diskriminierungsfrei zu ge- währleisten ist. Im Fall der Bahn heißt das für uns bei- spielsweise keine Privatisierung des Schienennetzes. Da- mit stellen wir uns nicht gegen den Markt, sondern im Gegenteil, wir stärken den Markt. Wettbewerb braucht Wettbewerber. Wohin die Mono- polbildung bei netzgebundem Leitungssystem führt, dis- kutieren wir aktuell am Beispiel der Energiewirtschaft. Auf dem Strommarkt verfügen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW über 90 Prozent der Stromerzeugung: Sie be- treiben das gesamte Transportnetz und kontrollieren die grenzübergreifenden Kuppelstellen. Sie haben überzahl- reiche Beteiligungen bei Stadtwerken, einen nicht zu vernachlässigenden Anteil auf der Verteilnetzebene und im Endkundengeschäft, und sie dominieren den Regele- nergiemarkt. Ein Schlüssel zu mehr Wettbewerb, zu ei- n P h t m D A i w a i N S d a m w n d g d t f B d u n r a B v f ü i 2 F n d F z t la h w s f w m (C (D er Energiewende und zu verbraucherfreundlicheren reisen ist der diskriminierungsfreie Netzzugang. Des- alb setzen wir uns für die eigentumsrechtliche Entflech- ung von Netz und Erzeugung aus. Die Energiekonzerne üssen die Kontrolle über das Leitungsnetz verlieren. ies sicherzustellen, ist Aufgabe des Staates. nlage 8 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Entwurfs eines Zweiten Ge- setzes zur Änderung des Ersten Gesetzes zur Änderung des Bundesgrenzschutzgesetze (Ta- gesordnungspunkt 17) Günter Baumann (CDU/CSU): Deutschland liegt m Herzen von Europa. Der Großteil aller Transport- ege von Nord nach Süd und von West nach Ost sowie uch entgegengesetzt gehen durch unser Land. Folglich st Deutschland ein typisches Transitland mit neun achbarstaaten, von denen wir mit sechs Staaten den chengenraum teilen. In absehbarer Zeit werden durch ie EU-Osterweiterung auch Tschechien, Polen sowie uch die Schweiz den Schengenstatus erreichen, und so- it werden auch hier die stationären Grenzkontrollen egfallen. Infolgedessen werden wir zu allen unserer eun Nachbarstaaten offene Grenzen unterhalten. Um as Interesse der Inneren Sicherheit in Deutschland leichsam auch in Europa zu wahren, braucht die Bun- espolizei weiterhin die Befugnis, lageabhängige Kon- rollen auf Einrichtungen der Eisenbahnen und Verkehrs- lughäfen durchführen zu können. In den vergangenen acht Jahren hat sich diese flexible efugnis als sehr effektiv erwiesen. Nicht nur, dass urch diese Kontrollen 60 Prozent aller festgestellten nerlaubten Einreisen an den derzeitigen Schengenbin- engrenzen ohne den nicht mehr stattfindenden stationä- en Grenzkontrollen festgestellt wurden. Dies belegen uch die absoluten Zahlen der Kontrollen, die für die undespolizei erfolgreich im Zeitraum von 1999 bis No- ember 2006 in Zügen, auf Bahnhöfen und Verkehrs- lughäfen durchgeführt wurden. Insgesamt erfolgten ber 2,5 Millionen, genaue Zahl: 2 527 113, Kontrollen n den angesprochenen Bereichen. Dabei kam es zu über 80 000, genaue Zahl: 283 761, polizeilich relevanten eststellungen, bei denen es sich vornehmlich um Perso- en- und Sachfahndungserfolge handelte. Hierbei wur- en knapp 9 000 unerlaubte Einreisen und fast 18 000 älle unerlaubter Aufenthalt festgestellt. Diese Fakten eigen auf, dass bei jeder neunten lageabhängigen Kon- rolle ein Fahndungserfolg erzielt wurde. Wichtige und bedeutende Informationen zu den uner- ubten Einreiseverhalten von ausländischen Staatsange- örigen wurden erbracht, wie zum Beispiel über Reise- ege, Schleusungskriminalität und deren Strukturen owie deren Abholer und Hintermänner, über Urkunden- älschung, Asylbetrug und Reisemittel. Diese Erfahrungs- erte wurden zur Grundlage gezielter Präventivmaßnah- en, wie Schwerpunktkontrollen auf Bahnhöfen, in Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9647 (A) ) (B) ) Zügen und Flughäfen mit grenzüberschreitenden Anbin- dungen. Schon diese Ausführungen beweisen, dass diese 1998 erstmalig erteilte Befugnis durchaus sinnvoll ist und zu einem unverzichtbaren Instrument der Bundespolizei nicht nur in den Grenzregionen geworden ist. Nun, im Jahr 2007, und vor dem Hintergrund des Evaluationsbe- richts, kann man dem Instrument im Kampf gegen Schleusungskriminalität, illegale Einwanderung, organi- sierte Kriminalität ein gutes Zeugnis ausstellen. Es hat sich bewährt in der Verhinderung und Unterbindung der unerlaubten Einreise, Menschenhandel und auch in der Terrorismusbekämpfung. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die hervorragende Arbeit unserer Bun- despolizei, die jene erweiterten Kontrollmöglichkeiten nicht nur erfolgreich und mit hohen Trefferquoten umge- setzt hat, sondern auch in einer Art und Weise, die unter unserer Bevölkerung auf breite Zustimmung und Akzep- tanz gestoßen ist und auch weiterhin stößt. Für diese er- folgreiche Arbeit möchte ich im Namen der CDU/CSU- Bundestagsfraktion allen Beamtinnen und Beamten der Bundespolizei recht herzlich danken. Denn auch weiter- blickend dient diese ausgezeichnete Aufgabenbewälti- gung der Bundespolizei dem Sicherheitsgefühl der An- wohner in den Grenzregionen, der Bürgerinnen und Bürger, die sich deshalb für einen Urlaub in den Grenz- regionen entscheiden. Nicht zuletzt ist das Sicherheits- gefühl entscheidend für ansiedelndes Gewerbe. Anhand dieser Argumente ist völlig eindeutig zu er- kennen, dass die Befugnis der Bundespolizei zu lageab- hängigen Kontrollen weiter bestehen muss. Allein von- seiten der Opposition wird die Frage gestellt: Warum die Befugnis nun gänzlich entfristet werden sollte? Die Sinnhaftigkeit und Effektivität dieser bundespolizeili- chen Kompetenz ist nicht zu leugnen. Jedoch wird diese Kompetenz zunehmend wichtig nach dem Schengenbei- tritt von Tschechien und Polen. Denn dann sind alle un- sere Grenzen zu unseren europäischen Nachbarstaaten Schengenbinnengrenzen, bei denen es zum Wegfall des ersten Filtersystems – namentlich der stationären Grenz- kontrollen – gekommen ist. Somit kommt den lageab- hängigen Kontrollen der verkehrsreichen Punkte wie Bahnhöfen und Verkehrsflughäfen und den Grenzen nachgelagerten stichprobenartigen Kontrollen unum- gänglich eine immense Bedeutung zu. Diese sind zum Schutz Deutschlands vor drohendem Terrorismus, orga- nisierter Kriminalität und illegaler Einreise unverzicht- bar. Dies bestätigen auch nahezu alle europäischen Län- der. Sie verfügen, bis auf die Inselstaaten Großbritannien und Irland, über ähnliche und teilweise weiterführende Kontrollmöglichkeiten. Denn auch durch die zunehmende schnelle Mobilität in und aus den neuen EU-Mitgliedstaaten entwickelt sich eine ganz neue Dimension der Kriminalität, der im Hin- blick auf die offenen Binnengrenzen unter anderen auch mithilfe dieser Kontrollbefugnis begegnet werden kann. Außerdem wird die Gesetzesänderung notwendig, da sich auch die Lage in Deutschland und Europa verändert hat. Die terroristische Bedrohung ist auch in Europa durch beispielsweise die Anschläge in London und Ma- drid und die versuchten Attentate mit Kofferbomben in K k l E r b w d n t E N z r c v B k P a t f g m n l T f s 2 s g B z G d w U s p b l l h z E u b z Z t d V l (C (D oblenz und Dortmund ganz real geworden. Auch zu- ünftig wird die Bedrohung durch organisierte Krimina- ität, Terror und Schleusungskriminalität an den neuen U-Außengrenzen nicht abnehmen. Unser Schengen- aum, der in vielen Jahren durch viel gegenseitig er- rachtes Vertrauen zwischen den Staaten aufgebaut urde, soll durch diese vornehmlich terroristischen Be- rohungen nicht zum leichten Angriffsziel werden. Ge- au deshalb brauchen wir in Deutschland eine unbefris- ete Kontrollbefugnis, um auch die Sicherheit für ganz uropa gewährleisten zu können. Diese Gesetzesänderung sollte uns generell zum achdenken über die zukünftige Rolle der Bundespoli- ei anregen. Man muss die Aufgabenfelder neu definie- en, um sie an die aktuelle und vor allem zukünftige Si- herheitslage anzupassen. Dabei könnte ich mir orstellen, dass es zum Beispiel für eine wirkungsvolle ekämpfung der illegalen Migration sinnvoll sein önnte, die Kontrollbefugnis, die wir heute hier in der lenardebatte diskutieren, eine räumliche Ausdehnung uf Hauptverkehrswege und Bundesautobahnen in Be- racht zu ziehen ist. Des Weiteren wäre es vonnöten, die ür die Aufgabenwahrnehmung des Grenzschutzes fest- elegten 30 Kilometer in die Tiefe des Grenzraums auf indestens 50 wenn nicht sogar 70 Kilometer auszudeh- en. Dies würde nur der erhöhten und schnelleren Mobi- ität aller gerecht werden. Somit hoffe ich, dass die Diskussion der nächsten age zur Reform der Bundespolizei in diese Richtung er- olgt. Wolfgang Gunkel (SPD): Die mit dem Ersten Ge- etz zur Änderung des Bundesgrenzschutzgesetzes vom 5. August 1998 eingeführte Befugnis zur Durchführung ogenannter lageabhängiger Kontrollen auf Einrichtun- en der Eisenbahnen und Verkehrsflughäfen durch den undesgrenzschutz – der heutigen Bundespolizei – war unächst bis zum 31. Dezember 2003 befristet. Mit dem esetz zur Änderung des Ersten Gesetzes zur Änderung es Bundesgrenzschutzgesetzes vom 22. Dezember 2003 urde die Befristung bis zum 30. Juni 2007 verlängert. m die Anwendung der Befugnis auf Dauer sicherzu- tellen, soll die Befristung des § 22 Abs. l a des Bundes- olizeigesetzes aufgehoben werden. Außerdem wurde estimmt, dass die Regelung vor Ablauf der Frist zu eva- uieren ist. Der Erfahrungsbericht der Bundesregierung iegt mit der Ausschussdrucksache 16 (4) 172 vor. Der Bericht zeigt, dass sich diese Regelung bewährt at. Sie hat sich als ein wichtiges Handlungsinstrument ur Verhinderung und Unterbindung der unerlaubten inreise, der Bekämpfung von Schleusungskriminalität nd Menschenhandel und nicht zuletzt zur Terrorismus- ekämpfung erwiesen. Die präventivpolizeilichen Maßnahmen reichen von ielgerechten Schwerpunktkontrollen auf Bahnhöfen, in ügen und auf Flughäfen, grenzüberschreitenden, bina- ionalen Zugstreifen über die Informationssteuerung in as Netzwerk europaweit eingesetzter grenzpolizeilicher erbindungsbeamter bis zum systematischen und zeit- ich begrenzten Einsatz von Dokumentberatern in Visa- 9648 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) stellen an deutschen Botschaften und auf Flughäfen im Ausland. Wichtig ist mir hierbei insbesondere, dass die lageab- hängigen Überprüfungen tatsächlich anlassbezogen sind und keinen Generalverdacht der Bundespolizei gegen- über bestimmten Bevölkerungsgruppen begründen. Inso- weit ist die Rechtsnorm, die der Bundespolizei Kontrol- len zur Verhinderung oder Unterbindung unerlaubter Einreise in eindeutig festgelegten Bereichen und Situa- tionen überhaupt erlaubt, auch hinreichend konkret. Von über 2,5 Millionen lageabhängigen Kontrollen ergab jede neunte eine polizeilich relevante Feststellung. 5,1 Prozent aller festgestellten unerlaubten Einreisen und 10 Prozent aller festgestellten Fälle des unerlaubten Aufenthalts sind auf den im Gesetz verankerten § 22 zu- rückzuführen. An dieser Stelle möchte ich den Kolleginnen und Kollegen der Bundespolizei einmal recht herzlich für ihre gute Arbeit danken. Ohne ihren tatkräftigen Einsatz hätten viele Straftaten nicht verhindert werden können. Gerade nach Wegfall der Grenzkontrollen zu Polen und Tschechien sind lageabhängige Kontrollen unver- zichtbar, denn sie schützen vor grenzüberschreitender Kriminalität und illegaler Migration. Wegen seiner geo- grafischen Lage mit vielen Binnengrenzen ist Deutsch- land besonders anfällig für diese Delikte. Bei sich än- dernden technischen Möglichkeiten für Schleuser und illegal Einreisende müssen auch die Befugnisse der Poli- zei angepasst werden. Und lageabhängige Kontrollen in grenzüberschreitenden Zügen und auf Flughäfen mit grenzüberschreitendem Personenverkehr stellen hierfür eine unverzichtbare Maßnahme dar. Außerdem kann man davon ausgehen, dass bundespolizeiliche Präsenz das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung steigert und ab- schreckende Wirkung auf potenzielle Straftäter hat. Schon mit diesem Erfahrungsbericht wird mithin deutlich, dass die vorliegenden Informationen die prakti- sche Relevanz des Ermittlungsinstruments hinreichend bestätigen. Nicht zuletzt ziehen lageabhängige Kontrollen wohl weniger schwerwiegende Eingriffe nach sich, als so manches zurzeit diskutierte andere Instrument. Sie stel- len vielmehr tatsächlich wirksame staatliche Maßnah- men zur Kriminalitätsbekämpfung dar. Vor diesem Hin- tergrund bitte ich Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, dem Gesetz Ihre Zustimmung zu geben. Gisela Piltz (FDP): Schwarz-Rot will die Befristung sogenannter lageabhängiger Kontrollen auf Einrichtun- gen der Eisenbahnen und Verkehrsflughäfen durch den Bundesgrenzschutz aufheben. Als Nachweis dafür, dass diese Maßnahme erfolgreich gewesen sein soll, verweist Schwarz-Rot auf etwas, das von Schwarz-Rot „Evaluie- rung“ genannt wird. Der vorliegende Bericht ist gera- dezu überschwänglich. Schauen wir uns diese angebli- che Erfolgsstory doch einmal genauer an. Von wem stammt die von Schwarz-Rot so bezeichnete Evaluie- rung? Eine Unterabteilung der Bundespolizei hat den Bericht erarbeitet. Die Bundespolizei prüft also den Er- f n B g Z s l f d S t E h d B l u k e F d E r m a A r P d K E d s s d t k n S g d a U W d B s n m d r t l f b (C (D olg ihrer eigenen Maßnahmen und ihrer eigenen Befug- isse. Und zur allgemeinen Überraschung kommt die undespolizei dabei zu dem Ergebnis, dass sie ihren Job anz hervorragend erledigt hat. Daran haben wir keine weifel. Aber reicht das für eine echte Evaluierung? Eine echte Erfolgsprüfung, eine Evaluierung, die die- en Namen auch verdient und mit der die Rechtsgrund- age für verdachtsunabhängige Überprüfung dauerhaft estgeschrieben werden kann, muss aber aus der Sicht er FDP-Bundestagsfraktion von einer unabhängigeren telle kommen und nicht einfach von einer anderen Un- erabteilung der betroffenen Behörde. Wie sieht denn der gefeierte Erfolg im Einzelnen aus? s gab mehr als zweieinhalb Millionen verdachtsunab- ängige Kontrollen. Der Bericht teilt uns mit, es habe araufhin knapp 140 000 Strafanzeigen gegeben. Der ericht enthält keine Aussage darüber, auf welche De- ikte im Einzelnen sich diese Strafanzeigen beziehen, nd was noch viel schlimmer ist: Der Bericht enthält eine Aussage darüber, ob diese Strafanzeigen auch zu iner Verurteilung oder irgendeiner strafrechtlichen olge geführt haben. Wie viele dieser Verfahren wurden enn eingestellt? Dazu enthält der Bericht kein Wort. Im rgebnis wissen wir also anhand des vorliegenden Be- ichts nicht einmal, ob auch nur in einem einzigen Fall ithilfe der bislang befristeten Befugnis eine Straftat ufgeklärt wurde. Der Bericht enthält aber noch weitere Schwächen. nlassunabhängige Kontrollen sind ein Bruch mit dem echtsstaatlichen Grundprinzip, wonach einer gezielten ersonenkontrolle prinzipiell ein Verdacht gegenüber ieser Person zugrunde liegen muss. Anlassunabhängige ontrollen sind ein Ausdruck des Generalverdachts. Die inführung der anlassunabhängigen Kontrollen sollte em Zweck dienen, Einreisedelikte und grenzüber- chreitende Kriminalität zu bekämpfen. Und nun stellt ich doch die Frage: Sagt uns der Bericht irgendetwas arüber, ob wir Einreisedelikte und grenzüberschrei- ende Kriminalität mit dieser Befugnis effektiver be- ämpfen als ohne die Befugnis? In dem Bericht wird icht aufgeschlüsselt, auf welche Straftaten sich die trafanzeigen beziehen, welche auf die Befugnis zurück- eführt werden. Wir wissen also nicht, ob wir die Ziele es Gesetzes erreicht haben. Das kann unmöglich eine usreichende Evaluierung sein. Der Bericht legt sogar vielmehr nahe, dass in breitem mfang vor allem Kleinkriminalität aufgedeckt wurde. er mit einem riesigen Schleppnetz blind alles abfischt, er wird auch viele zumeist kleine Fische fangen. Die egeisterung des Bundesgrenzschutzes für das Abfi- chen der Kleinkriminalität ist so groß, dass die soge- annte Evaluierung empfiehlt, anlasslose Kontrollen im- er und überall einzuführen. Ich zitiere: Beachtlich ist arüber hinaus die hohe Anzahl an weiteren polizeilich elevanten Feststellungen ohne unmittelbaren oder mit- elbaren Zusammenhang zur unerlaubten Einreise aus al- en Deliktsbereichen der Kriminalität, welche die Er- olge, die mit der Befugnis erzielt werden, ergänzen und estätigen, vor allem aber die Notwendigkeit für anlass- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9649 (A) ) (B) ) und verdachtsunabhängige Kontrollen im gesamtstaatli- chen Sicherheitsinteresse aufzeigen. Der Bundesgrenzschutz berichtet hier frei nach dem Motto: Wenn wir nur alles und jeden kontrollieren kön- nen, dann werden wir auch ständig irgendwelche Krimi- nelle erwischen. Dies ist gerade keine Bestätigung der Erfolge hinsichtlich Einreisekriminalität. Der Bundes- grenzschutz verliert den Zweck der Befugnis offenbar völlig aus den Augen. Auch weitere wichtige Informationen liefert der Be- richt nicht. Nach welchen Kriterien wurden die Personen eigentlich kontrolliert wenn es nicht auf einen konkreten Verdacht ankommt? Etwa ausländisches Aussehen? Hier hätte ich mir eine Auskunft gewünscht. Zu einer brauch- baren Evaluierung gehören neben den Erfolgen auch die Kosten der Maßnahmen; auch hier ist der Bericht eine völlige Fehlanzeige. Ich fordere die Bundesregierung auf, zuerst eine un- abhängige Bewertung des Erfolges anhand des Zwecks der Befugnis vorzunehmen und uns eine ausreichende Grundlage zu liefern, um über die Zukunft der Befugnis entscheiden zu können. Anhand des vorliegenden Be- richts können Sie eine solche Entscheidung unmöglich verantworten. Petra Pau (DIE LINKE): Erstens. Die Bundespolizei, früher der Bundesgrenzschutz, wurde 1998 ermächtigt, sogenannte lageabhängige Kontrollen auf Einrichtungen der Eisenbahnen und auf Flughäfen vorzunehmen. Nach Ablauf einer Fünfjahresfrist wurde dieser Auftrag für 2003 bis 2007 verlängert. Nunmehr soll dieser befristete Passus per Gesetz in einen unbefristeten umgewandelt werden. Dem wird die Fraktion Die Linke nicht zustim- men. Zweitens. Der erste Grund für unser Nein ist inhaltli- cher Natur. Bevor wir etwas auf Dauer fortschreiben, wollen wir zumindest wissen, ob es auch für die Dauer taugt. Diese Prüfung blieb aus. Die Unionsfraktion und die SPD berufen sich zwar auf einen vorliegenden Eva- luierungsbericht. Was wiederum nur zeigt, dass wir un- terschiedliche Maßstäbe an eine Evaluierung, zu Deutsch: Analyse und Bewertung, anlegen. Der vorliegende Bericht ist typisch für nahezu alle Evaluierungen, die aus dem Innenministerium kommen. Das Ministerium bescheinigt sich selbst, dass es gut und prima ist. Wir erleben dasselbe Spiel ja bei den soge- nannten Anti-Terror-Gesetzen. Uns reicht das nicht. Wir wollen geprüft haben und sachlich prüfen können, bevor wir Ja und Amen sagen. Eine normale Tugend, die offen- bar nur noch in der Opposition anzutreffen ist. Drittens. Der zweite Grund für unser Nein ist logi- scher Natur. Die Bundespolizei – um die geht es hier – steht vor einer umfangreichen Umstrukturierung. Das hat Bundesinnenminister Schäuble mehrfach angekün- digt. Worum es im Detail geht, ist unklar. Aber nach dem, was man weiß, geht es um eine Strukturreform und um eine Funktionalreform. Anders gesagt: Die Bundes- polizei von heute existiert nur noch befristet. e K s i v z d G d a u d d n f S n r g b s r d l s l d f M z l d d a ti s B d B 1 w g w n i H o d d s B f (C (D Wenn dem so ist, dann ist es geradezu unlogisch, ihr inen unbefristeten Auftrag zu geben. Natürlich kann die oalition das trotzdem beschließen. Es gibt keine Ge- etze, die den Bundestag zur Logik verpflichten. Aber es st das gute Recht der Linken, den gesunden Menschen- erstand zu achten. Würden wir der Gesetzesänderung ustimmen, dann ohne Vernunft. Also lehnen wir sie aus en genannten zwei Gründen ab. Silke Stokar von Neuforn (BÜNDNIS 90/DIE RÜNEN): Völlig unstrittig ist, dass nach dem Wegfall er Grenzkontrollen Schengenausgleichsmaßnahmen uch im Bahnverkehr erforderlich sind. Eine verdachts- nabhängige Kontrolle oder sogenannten Schleierfahn- ung war aus guten Gründen immer umstritten. Es gilt, ass es für Eingriffe gegen Bürgerinnen und Bürger ei- en begründeten Anlass geben muss. Befristet einge- ührt wurde die „lageabhängige“ Kontrolle von chwarz-Gelb, zeitlich befristet und mit dem Auftrag ei- er Evaluierung versehen. Der unter Rot-Grün von dem BMI vorgelegte „Erfah- ungsbericht“ entsprach in keiner Weise den Anforderun- en, die an eine Evaluation zu stellen sind. Nur zeitlich efristet und mit einem erneuten Evaluierungsauftrag timmte die grüne Bundestagsfraktion einer Verlänge- ung zu. Unsere Forderungen damals: die Dokumentation er Lagebilder, die Anlass für Kontrollen der Bundespo- izei waren, die Auswertung hinsichtlich der Zweckbe- timmung, der Verhältnismäßigkeit und des grenzpolizei- ichen Bezuges. Erneut liegt uns ein „Erfahrungsbericht“ es BMI vor, der noch nicht einmal den Versuch einer dif- erenzierten Auswirkung enthält. Ich sehe hier im Verhalten des BMI eine wiederholte issachtung des Parlamentes. Die Parlamentsbeschlüsse ur Evaluierung von Gesetzen werden ganz offensicht- ich ignoriert. Wir ziehen daraus die Konsequenz, dass er Auftrag zur Evaluierung mit einer konkreten Anfor- erung an die Evaluierung zukünftig direkt in das Gesetz ufgenommen werden muss. Der „Erfahrungsbericht“ des BMI bestätigt unsere kri- sche Haltung zu verdachtsunabhängigen Kontrollen. Ge- etzlicher Zweck der Kontrollen ist nach § 22 Abs. 1 a undespolizeigesetz die „Verhinderung oder Unterbin- ung unerlaubter Einreise“. Laut Zahlen aus dem BMI- ericht wurden bei 2 527 113 Kontrollen gerade mal 7 963 unerlaubte Einreisen festgestellt. Die Norm urde also in 0,72 Prozent der Fälle – an ihrem Zweck emessen – erfolgreich angewendet. Nicht untersucht urden bisher mögliche Verstöße gegen das Diskrimi- ierungsverbot. Es ist diskriminierend, wenn Personen n Zügen allein aufgrund ihres Äußeren oder wegen ihrer autfarbe kontrolliert werden. SPD und Union wollen jetzt diese Eingriffsbefugnis hne Evaluierung entfristen. Wir haben die Befürchtung, ass dies von der Bundespolizei als Freibrief für ver- achtsunabhängige Kontrollen im reinen Polizeiermes- en verstanden wird. Die aktuelle Neuorganisation der undespolizei lässt befürchten, dass hier die Grundlage ür eine umfassende Schleierfahndung durch die mobi- 9650 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) len Kontroll- und Überwachungseinheiten der Bundes- polizei geschaffen werden soll. Wir machen das nicht mit und stimmen gegen Ihren Gesetzentwurf. Sicherheit ja, aber in rechtsstaatlichen Grenzen und normenklar vom Parlament definiert. Anlage 9 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Energiegetreide als Re- gelbrennstoff zulassen (Tagesordnungspunkt 18) Dr. Maria Flachsbarth (CSU/CSU): Die verstärkte Nutzung von Biomasse zur Energieerzeugung ist eines der wesentlichen umwelt- und energiepolitischen Instru- mente der Bundesregierung. So wurde im Koalitionsver- trag zwischen CDU, CSU und SPD vereinbart, den Bio- masseanteil am Primärenergieverbrauch mittelfristig deutlich zu steigern. Die energetische Nutzung von Biomasse zeichnet sich durch einen weitgehend geschlossenen CO2-Kreislauf aus und liefert damit einen wichtigen Beitrag für eine nachhaltige Energiewirtschaft. Durch die Nutzung ein- heimischer Rohstoffe gelingt es zudem, Wertschöpfung in ländlichen Regionen zu belassen und die Abhängig- keit von Energieimporten zu vermindern. Vor allem die Regelungen nach dem Erneuerbare- Energien-Gesetz, der steuerlichen Begünstigung von Kraft- stoffen auf Basis von Biomasse und die Förderung durch das Marktanreizprogramm für erneuerbare Energien ha- ben zu einer deutlichen Verbesserung der Einkommens- situation in der Land- und Forstwirtschaft beigetragen. Getreide ist besonders heizwertreiche Biomasse. Bis- lang werden Getreidekorn und übriges Halmgut mit der Ausnahme von Stroh dennoch nicht als zulässiger Brennstoff nach § 3 der 1. Bundesimmissionsschutzver- ordnung erfasst. Getreide darf daher in kleinen und mitt- leren Feuerungsanlagen mit einer Nennwärmeleistung, die kleiner als 100 kW ist, nur mit einer Ausnahmege- nehmigung eingesetzt werden. Die Erteilung von Aus- nahmegenehmigungen wird in den einzelnen Bundeslän- dern jedoch unterschiedlich gehandhabt und führt damit teilweise zu erheblicher Unsicherheit und Bürokratie. Grundsätzlich gilt, dass der Ausbau der energetischen Nutzung von Getreide einer Abwägung zwischen den strengen Anforderungen des Immissions- und Umwelt- schutzes einerseits und den Vorteilen für den Klimaschutz sowie für die Schonung endlicher Ressourcen anderer- seits bedarf. Hierbei dürfen die Aspekte der Luftreinhal- tung, insbesondere vor dem Hintergrund der Feinstaub- problematik, nicht vernachlässigt werden. Die Staubemissionen moderner Biomasseheizungen bestehen jedoch zum größten Teil aus anorganischen Salzen, die erheblich weniger biologische Reaktivität aufweisen als Feinstäube fossiler Brennstoffe. Im Übrigen unterschreiten speziell für die Verbren- nung von Getreidekörnern entwickelte Kesselanlagen b 1 n g t e w A n M v b L s s G t d E S E t Q s g v d a d N g d b k g G e c i z n s h e w 1 V g a d b B w 1 v w g R (C (D ereits heute die strengen Vorgaben der aktuellen . BlmSchV. Die Getreideverbrennung sollte daher ge- erell in kleinen und mittleren Feuerungsanlagen ener- etisch genutzt werden dürfen. Die Zulassung von Ge- reide als Regelbrennstoff in der 1. BlmSchV würde inen Markt eröffnen, der erforderlich ist, um die not- endigen Impulse für die technische Entwicklung der nlagen im Hinblick auf die Optimierung von Verbren- ungs- und Abgastechnik zu geben. Allerdings sollte der arktumfang zunächst begrenzt und die Verbrennung on Getreide deshalb vorerst nur in landwirtschaftlichen zw. getreideverarbeitenden Betrieben zulässig sein. Die andwirtschaft sieht sich derzeit zum einen hohen Prei- en für fossile Energieträger ausgesetzt; andererseits be- tehen hohe Entsorgungskosten für nicht marktfähiges etreide. Doch Getreide hat einen im Vergleich zu Holz erhöh- en Gehalt an Stickstoff und Chlor. Somit entstehen bei er Verbrennung von Getreide vergleichsweise erhöhte missionswerte für Stickstoffoxide, HCI und andere ubstanzen. Ich denke, dass es deshalb sinnvoll ist, den insatz von Getreide übergangsweise auf solche Be- riebe zu begrenzen, die hinreichendes Wissen über die ualität des zur Verbrennung bestimmten Getreides be- itzen. Ein unbeschränkter Zugang zu dieser nachhalti- en und preisgünstigen Energiequelle auch für alle Pri- athaushalte sollte in einigen Jahren erfolgen, wenn die urch Getreideverbrennung verursachten Emissionen uf das Niveau der energetischen Nutzung von Holz re- uziert werden können. In der Vergangenheit wurden gegen die energetische utzung von Getreide immer wieder ethische Bedenken eltend gemacht. Diese begründen sich hauptsächlich arauf, dass mit der Verbrennung von Getreide ein Le- ensmittel vernichtet werde. Ich möchte diesen Beden- en entgegnen, dass bereits heute Getreide zur Energie- ewinnung genutzt wird. Ob im Rahmen der Mais- und rünroggenvergärung oder auch im Rahmen der Bio- thanolproduktion – der Anbau steht heute sogar in Flä- henkonkurrenz zur Erzeugung von Brotgetreide. Zudem st ein Teil des in Deutschland wachsenden Getreides wie um Beispiel Bruch oder Mindergetreide für den Verzehr icht geeignet. Besonders aufgrund der in Deutschland bestehenden trengen Mykotoxingrenzwerte kann dieses Getreide ab- ängig von der Wetterlage in großem Maße anfallen. Die nergetische Verwertung bietet sich hier als sinnvolle irtschaftliche Alternative an. Deshalb müssen wir die . BlmSchV mit dem Ziel überarbeiten, die energetische erwertung von Getreide, sonstigem Halmgut und übri- er Biomasse in Feuerungsanlagen mit 15 bis 100 kW ls Regelbrennstoff zuzulassen. Gleichzeitig sind auch ie derzeitigen Grenzwerte der 1. BlmSchV zu überar- eiten. Dabei müssen wir das Entwicklungspotenzial der iomassebrenntechnik berücksichtigen und eine stufen- eise Anpassung der Grenzwerte für alle Anlagen über 5 kW im Betrieb vornehmen. Weiterhin müssen wir eranlassen, dass wir die Überprüfung der Emissions- erte von Kesselanlagen für Biomasse mit Kesselanla- en für fossile Brennstoffe gleichstellen. Ferner sind egelungen zu schaffen, die eine missbräuchliche Ver- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9651 (A) ) (B) ) brennung von Abfällen aller Art ausschließen. Schließ- lich müssen wir die Weiterentwicklung zur Technik der energetischen Nutzung von Getreide und Biobrennstof- fen durch Forschungsprojekte wie die Erforschung wirk- samer und preiswerter Filtertechnik unterstützen. Dabei sollten vor allem Luftreinhaltung sowie die Normungs- aktivitäten des DIN-Spiegelausschusses CEN/TC 335 feste Biobrennstoffe Berücksichtigung finden. Ich denke, dass wir mit diesem Ansatz, der die Bio- massenutzung und insbesondere die Getreidenutzung ak- tiv fördert, den Zielen des Koalitionsvertrages am Bes- ten gerecht werden. Wir, die CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, halten die Nutzung von Energie- getreide zur Wärmeerzeugung – unter den genannten Voraussetzungen – für ökologisch, ökonomisch und so- zial sachgerecht. Vor diesem Hintergrund freue ich mich auf eine ausführliche Debatte dieses Antrags und der Vorstellungen der anderen Fraktionen im Ausschuss. Detlef Müller (Chemnitz) (SPD): Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, dass auch in Zukunft eine effiziente, nachhaltige und kostengünstige Energieversorgung, auch vor dem Hintergrund steigender Preise bei fossilen Rohstoffen, sichergestellt ist. Unbestritten ist, dass als Alternative zu herkömmlichen fossilen Rohstoffen die verstärkte Nutzung von Biomasse zur Energieerzeugung eines der wesentlichen umwelt- und energiepolitischen Ziele der Bundesregierung darstellt. Auch die Regie- rungsfraktionen haben sich in ihrem Koalitionsvertrag diesem Ziel verpflichtet. Der Vorteil der energetischen Nutzung von Biomasse zeichnet sich dabei durch einen weitgehend geschlossenen CO2-Kreislauf aus und könnte dadurch einen wichtigen Beitrag für eine nach- haltige Energiewirtschaft leisten. Somit wird auch Ge- treide als Energieträger verstärkt attraktiv. Die FDP-Fraktion fordert deshalb in ihrem Antrag, in Zukunft das Potenzial von Getreide als Energielieferant stärker zu nutzen und setzt sich daher für die Zulassung von Getreide als Regelbrennstoff ein. Aber ehrlich ge- sagt, verstehe ich nicht ganz den Grund des FDP-Antra- ges. Sie wissen doch, dass im Referentenentwurf des BMU zur Novellierung der 1. Bundes-Immissions- schutzverordnung bereits Getreide als Regelbrennstoff zugelassen wird, das ist genau das, was Sie hier in dem Antrag fordern. Eigentlich wäre der Antrag damit schlicht überflüssig. Doch ich werde das Gefühl nicht los, dass Sie mit Ih- rem Antrag noch über das vom BMU angestrebte Ziel, nämlich den Getreideanbau in landwirtschaftlichen und getreideverarbeitenden Betrieben zuzulassen, hinausge- hen wollen, mit dem Ziel, eine unbeschränkte Freigabe, unter anderem auch für Privathaushalte, zu erreichen. Wäre dies die Lösung für einen eventuellen in der Zu- kunft auftretenden Versorgungsengpass? Sollte man ein- fach die „Schleusen“ für einen verstärkten großflächigen Getreideanbau öffnen? Wir sagen: Nein! Diese Frage kann man schon deshalb nicht mit Ja be- antworten, weil man dieses Problem von allen Seiten be- trachten muss. So wird beispielsweise gerne, wenn man das Wort „Biomasse“ hört oder liest, die Betonung oder d i s F I s F e G f n r „ s n 1 – te g b I A v 1 d x i p n u e w v d g z ü a g e s g i h „ W b W e l B m d o u (C (D ie Beachtung auf „Bio“ gelegt – und mit „Bio“ assozi- ert man gut und gesund, das heißt, Biomasse kann nicht chlecht sein. Jetzt frage ich Sie, die Kolleginnen und Kollegen der DP-Fraktion, aber einmal als Umweltpolitiker. Auch hnen müsste doch bekannt sein, dass Getreide ausge- prochen schlecht verbrennt. Das heißt, es werden neben einstäuben auch Stickstoffoxyd, NOX, und Dioxine mittiert. Es muss bei der energetischen Nutzung von etreide deshalb ganz genau zwischen den strengen An- orderungen des Immissions- und Umweltschutzes ei- erseits und der Schonung endlicher Ressourcen ande- erseits abgewogen werden. Fakt ist, dass wir derzeit mit der Getreideverbrennung im großen Stil“ noch große Probleme haben. Die For- chungen und Erfahrungsberichte betreffen nur soge- annte Minianlagen bis zu einer Kapazität von 2 Kilowatt. Wenn Sie in Ihrem Antrag erwähnen, dass, ich zitiere – „Zwischenergebnisse von laufenden Feld- sts mit Biobrennstoffen wie zum Beispiel Getreide zei- en, dass Kleinfeuerungsanlagen beim Betrieb mit Bio- rennstoffen die aktuellen Anforderungen der 1. Bundes- mmissionsschutzverordnung, BImSchV, in Bezug auf die bgasemission grundsätzlich erfüllen können“, dann erschweigen Sie, dass die Grenzwerte in der . BImSchV aus dem Jahre 1988 stammen. Auch vernachlässigen Sie das Dioxinproblem. Über as bei der Verbrennung des Getreides entstehende Dio- in haben Experten noch wenige Erkenntnisse. Deshalb st auch hier äußerste Vorsicht geboten. Wir als Umwelt- olitiker dürfen hier nicht dem Druck der Agrarlobby achgeben, die die „Tore“ möglichst weit öffnen will, m sich eine zusätzliche finanzielle Einnahmequelle zu rschließen. Lassen Sie mich noch auf einen weiteren Punkt hin- eisen. Sie argumentieren für eine verstärkte Nutzung on Getreide zur Energieerzeugung mit dem Hinweis, ass die Weltmarktpreise für fossile Brennstoffe stark estiegen sind. Dies ist in der Tat der Fall. So liegt heute um Beispiel der Weltmarktpreis für 1 Barrel Rohöl bei ber 60 Dollar. Haben Sie aber schon einmal einen Blick uf die Weltmarktpreise für nachwachsende Rohstoffe eworfen? Der Kampf ums Getreide ist bereits richtig ntbrannt, da die Getreidelager derzeit ziemlich leer ind. Die Nachfrage nach dem Produkt ist enorm gestie- en, die Anbauflächen aber sind begrenzt, und die Ernte m vorigen Jahr war nur durchschnittlich. So stellt des- alb das Statistische Bundesamt in seinen aktuellen März-Zahlen“ fest, dass sich der Preis für die Tonne eizen innerhalb weniger Monate von 110 Euro auf 150 is 160 Euro erhöht hat, also um gut circa 30 Prozent. Dazu passt das Beispiel einer Bäckerei aus meinem ahlkreis: Die stark gestiegenen Rohstoffpreise machen s den kleinen und mittelständischen Unternehmen näm- ich zunehmend schwerer. Da die Rohstoffe bei dieser äckerei rund 25 Prozent der Kosten ausmachen und da- it hinter den Löhnen den nächst größeren Kostenblock arstellen, schlägt sich dies auch auf den Preis für Brot der Brötchen nieder. So musste die Bäckerei ihre Preise m knapp vier Prozent erhöhen. 9652 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) Der Preis für Mais hat sich innerhalb eines Jahres so- gar um circa 80 Prozent erhöht. In Mexiko kam es kürz- lich sogar zu Massendemonstrationen, weil Maismehl, der Grundrohstoff der Nationalspeise Tortilla, seit Jah- resbeginn fast doppelt so teuer geworden ist. Diese starken Steigerungsraten zeigen, dass hier be- reits eine erhöhte Nachfrage nach nachwachsenden Roh- stoffen zu beobachten ist, die höchstwahrscheinlich zu weiteren Preissteigerungen im Rohstoffsektor führen wird. Eventuelle Engpässe für die Lebensmittelindustrie und letztendlich bei der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sind vor allem in Entwicklungsländern nicht auszuschließen. Auch dieser Aspekt ist also nicht zu unterschätzen. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie zeichnet in einer Analyse ein düste- res Bild: Der Hunger aufstrebender Schwellenländer wie China und Indien nach dem Rohstoff Getreide ver- knappt das Angebot weltweit und lässt die Preise steigen. In spätestens drei Jahren werden die welt- weiten Lagerbestände aufgebraucht sein und sich Engpässe nicht mehr vermeiden lassen. Die Folge sind sprunghafte Preiserhöhungen. Ich fasse zusammen: Wir lehnen den FDP-Antrag ab, weil die Zulassung von Getreide als Regelbrennstoff für landwirtschaftliche und getreideverarbeitende Betriebe bereits in der Novellierung der Bundes-Immissions- schutzverordnung verankert wird; insofern ist der Antrag überflüssig. Beabsichtigen Sie mit dem Antrag dagegen eine darüber hinaus gehende Öffnung für andere Berei- che, zum Beispiel auch für Privathaushalte, so lehnt dies meine Fraktion ab, weil dies zulasten der Umwelt ginge. Dr. Christel Happach-Kasan (FDP): Energiege- treide soll auch in Deutschland als Regelbrennstoff zu- gelassen werden. Das ist das Ziel des Antrags, den die FDP-Bundestagsfraktion dem Deutschen Bundestag heute vorlegt. Damit dies rechtlich möglich ist, muss die 1. Bundes- immissionsschutzverordnung geändert werden. Sie stammt aus dem Jahr 1988 und ist nach knapp 20 Jahren veraltet. Die Getreideverbrennung wird unter zwei völlig un- terschiedlichen Gesichtspunkten diskutiert: Dürfen wir Getreide verbrennen? Ist dies ethisch vertretbar – ange- sichts des Hungers in der Welt, der Erfahrungen von Hunger vor Jahrzehnten in Deutschland? Das Verbrennen von Getreide, das auch zum Brotba- cken geeignet ist, stößt auf ethische Vorbehalte. Doch gleichzeitig wird Getreide zur Herstellung von Bioetha- nol genutzt. Bioethanol soll Kraftstoffen beigemischt werden, die Verbrennung von Getreide der Wärmepro- duktion dienen. In beiden Fällen wird Getreide energe- tisch genutzt. Es ist nicht glaubwürdig, eine Form der energetischen Nutzung zu gestatten und über den Beimi- schungszwang politisch zu fördern, und die andere abzu- lehnen. Raps und Mais werden ebenfalls sowohl als Nah- rungs- wie auch als Futtermittel genutzt und parallel e a s e g g N d n u e B R e w R t Z b K f s A w a K w g a g s n d D b E s t d f b s h a R u n d D i k t D R b (C (D nergetisch als Kraftstoff und als Grundlage für Biogas- nlagen genutzt. In beiden Fällen werden nachwach- ende Rohstoffe energetisch verwertet, die traditionell benfalls als Futtermittel wie auch als Nahrungsmittel enutzt werden. Die Bereitstellung von Energie ist in leicher Weise lebensnotwendig wie die Erzeugung von ahrungsmitteln. Getreide zu verbrennen, das aufgrund er Belastung zum Beispiel mit Pilzgiften nicht zur Er- ährung oder Verfütterung geeignet ist, ist inzwischen nbestritten. Dies betrifft abhängig von der Witterung twa 1 Million Tonnen pro Jahr. Die andere Frage ist die der Luftreinhaltung. Die undesimmissionsschutzverordnung hat das Ziel der einhaltung der Luft. Es sind in den letzten Jahrzehnten norme Fortschritte bei der Luftreinhaltung gemacht orden. Diese dürfen nicht aufs Spiel gesetzt werden. eine Luft ist Gesundheitsschutz. Die energetische Nutzung bestimmter Getreidefrak- ionen in Kleinfeuerungsanlagen ist technisch möglich. wischenergebnisse von laufenden Feldtests mit Bio- rennstoffen wie zum Beispiel Getreide zeigen, dass leinfeuerungsanlagen beim Betrieb mit Biobrennstof- en die aktuellen Anforderungen der 1. Bundesimmis- ionsschutzverordnung – BlmSchV – in Bezug auf die bgasemission grundsätzlich erfüllen können. Die Aus- ertung der laufenden Forschungs- und Entwicklungs- ktivitäteri – FuE – zum Einsatz von Biobrennstoffen in leinfeuerungsanlagen zeigt deutliche Potenziale zur eiteren Reduktion der Abgasemissionen solcher Anla- en durch den Einsatz neuartiger Feuerungstechniken uf. Während Stroh schon jetzt als Regelbrennstoff zu- elassen ist, obwohl seine Verbrennungseigenschaften chlechter sind als die von Getreide, ist Getreide zurzeit icht als Regelbrennstoff zugelassen. Das wollen wir än- ern. Ergebnisse des Instituts für Luft- und Kältetechnik in resden – ILK – für die Entwicklung eines Elektrofilters ei der Getreideverbrennung zeigen vielversprechende rgebnisse zur Staubabscheidung, insbesondere im Fein- taubbereich auf. Zusätzliche Untersuchungen zur Praxis- auglichkeit der Abscheidetechniken und zur Beurteilung er Wirtschaftlichkeit von Energiegetreideverbrennungs- iltern befinden sich in der Erprobung. Jetzige Getreidesorten sind gezüchtet worden im Hin- lick auf die Verwendung als Nahrungsmittel, zum Bei- piel als Brotgetreide mit besonders hohem Eiweißge- alt. Eine Verwertung als Energiegetreide erfordert ndere Eigenschaften. Die Zulassung von Getreide als egelbrennstoff wird zur Züchtung neuer Sorten führen nd in gleicherweise die Entwicklung von Verbren- ungstechniken stimulieren. Deswegen ist es wichtig, iese Rahmenbedingungen möglichst bald zu schaffen. ie Änderung der Bundesimmissionsschutzverordnung st überfällig. Die Bereitstellung einer effizienten, nachhaltigen und ostengünstigen Energieversorgung hat in einem Indus- rieland wie Deutschland eine herausragende Bedeutung. ie landwirtschaftliche Produktion nachwachsender ohstoffe und deren energetische Nutzung leisten hier- ei derzeit noch einen vergleichsweise geringen Beitrag. Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9653 (A) ) (B) ) Nur 5,3 Prozent des Primärenergieverbrauchs wurden in 2006 durch erneuerbare Energien gedeckt, davon etwa 60 Prozent aus Biomasse. Das Potenzial der energeti- schen Nutzung von Biomasse ist jedoch bedeutend hö- her. Bundeskanzlerin Merkel hat für die EU einen Anteil von 20 Prozent erneuerbare Energien bis 2020 vorge- schlagen. Wenn dieses ehrgeizige Ziel erreicht werden soll, müssen alle Möglichkeiten genutzt und neue durch Forschung geschaffen werden. Der Weltmarktpreis für ein Barrel Rohöl liegt derzeit bei fast 60 Euro. Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass der Ölpreis weiter ansteigen wird. Unter diesen Rahmenbedingungen gewinnt die energetische Nutzung von Biomasse eine besondere Attraktivität. Dies wird weiter begünstigt, weil die energetische Nutzung von Biomasse CO2-neutral ist, denn es besteht ein geschlos- sener CO2-Kreislauf. Das bei der Nutzung frei werdende CO2 ist zuvor von den Energiepflanzen aufgenommen worden. Derzeit kostet ein Liter Heizöl in Deutschland für den Privatver- braucher etwa 60 Euro-Cent. Zwei Kilogramm Indus- triegetreide besitzen den Heizwert eines Liters Heizöl und kosten nur etwa 20 Euro-Cent. Diese Zahlen ma- chen deutlich: Die energetische Verwertung von Ener- giegetreide schafft Wertschöpfung im ländlichen Raum. Es gibt keinen Grund, das weiter hinauszuzögern. Wir wollen: Energiegetreide in Deutschland in einem ersten Schritt unter bestimmten Bedingungen, – zum Beispiel im landwirtschaftlichen Umfeld – zunächst für bestimmte Getreidefraktionen – zum Beispiel mit Pilzen kontaminiertes Getreide, Bruchgetreide als Regelbrenn- stoff im Rahmen eines sinnvollen Abfallmanagements zulassen; zur thermischen Nutzung von Getreide erfor- derlichen Modifikationen der BlmSchV herbeiführen mit dem Ziel, im Rahmen einer „Einlaufkurve“ in den kommenden Jahren Energiegetreide schrittweise auf das Emissionsniveau vergleichbarer biogener Festbrenn- stoffe heranzuführen – das heißt Unterstützung der tech- nischen Entwicklung durch die langsame und vorherseh- bare sukzessive Verschärfung der Grenzwerte –; die Entwicklung von genehmigungsfähigen und sicher betreibbaren Feuerungsanlagen für die Energiegetreide- verbrennung durch ein FuE-Programm, das nur von Forschungseinrichtungen in Zusammenarbeit mit ent- sprechenden Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft – vornehmlich kleiner und mittlerer Unternehmen – in Anspruch genommen werden kann, vorantreiben, damit mittelfristig die zugelassenen Energiegetreidefraktionen sicher und emissionsarm verbrannt werden können; die forcierte Entwicklung von Filtertechniken zur Abschei- dung von Feinstäuben aus den Abgasen vorantreiben, damit die thermische Getreideverbrennung zu keiner Minderung der bestehenden Standards der Luftreinhal- tung führt; Analyse der Möglichkeiten einer weitgehen- den Schließung der Nährstoffkreisläufe anstreben, damit die bei der Verbrennung anfallenden Aschen im Rahmen einer nachhaltigen Bewirtschaftung erneut der Pflanzen- produktion zugeführt werden können – das heißt Verbes- serung der Möglichkeiten einer Ascherückführung auf die landwirtschaftlichen Nutzflächen. g e d i p A g n Z w s d e T s F M w n l p g h v b v L E E q g V a z w p E t R o s P s r a v c r V E b t s d (C (D Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE): Der vorlie- ende Antrag der FDP greift eine Frage auf, die sehr motional diskutiert wird und bei der sehr viele verschie- ene Konsequenzen zu bedenken sind. Leichtfüßigkeit st daher hier noch weniger angebracht als sonst auf dem olitischen Podium. Wir müssen bei diesem Thema eine Reihe wichtiger spekte berücksichtigen. Erstens: ethische Gesichtspunkte. Ich verstehe sehr ut, dass es ein zumindest befremdlicher Gedanke ist, ei- erseits zu wissen, dass das Milleniumziel, bis 2015 die ahl der Hungernden auf der Welt zu halbieren, eher in eitere Ferne rückt, als erreichbar scheint, und anderer- eits in der sogenannten Ersten Welt darüber nachge- acht wird, Getreide energetisch zu verwerten. Diese thische Frage relativiert sich allerdings angesichts der atsache, dass es weltweit ja nicht an Nahrung mangelt, ondern diese ungerecht verteilt ist. Es ist daher eine rage von Arm und Reich, die unter den aktuellen achtverhältnissen in der Welt sogar zugespitzt werden ürde, wenn wir „überschüssiges“ Getreide in die soge- annte Dritte Welt exportieren würden. Wir wissen doch ängst, dass die subventionierten Milch- und Zuckerex- orte aus der EU dazu führen, dass die so wichtigen re- ionalen Märkte zerstört werden. Hungerbekämpfung at also mit Verzicht auf die energetische Verwertung on Getreide nur bedingt etwas zu tun. Wir sollten uns ei dieser Frage allerdings trotzdem auf die Verwertung on Getreide beschränken, das sich ohnehin nicht zur ebensmittelherstellung eignet. Zweitens: Notwendigkeit der Neubewertung von nergieressourcen. Energie muss neu bewertet werden. s geht nicht nur um die Abkehr von fossilen Energie- uellen, sondern um eine wirkliche Energiewende. Es eht also auch um eine Diskussion zur Sicherung der ersorgung, zum Beispiel durch ökologische Energie us erneuerbaren Ressourcen, regionale Energiekon- epte, effizientere und sparsamere Nutzung. Wir müssen eg von dem Denken, dass Energie selbstverständlich er Steckdose zur Verfügung steht. Das heißt aber auch, nergiequellen neu zu bewerten. Drittens: reale Situation der energetischen Verwer- ung von Nutzpflanzen. Eine Reihe landwirtschaftlicher ohstoffe werden längst energetisch verwertet. Nahezu hne Debatte ist die Nutzung von nachwachsenden Roh- toffen zur Biogasgewinnung bzw. die Verwertung von flanzenölen, insbesondere Rapsöl, als Treib- und Heiz- toff in Form von natürlichem Öl und durch die Vereste- ung modifiziert als Biodiesel Realität. Wachsend, wenn uch vor allem ökologisch umstritten, ist die Gewinnung on Bioethanol aus stärke- und zuckerhaltigen pflanzli- hen Rohstoffen wie Kartoffeln, Getreide oder Zucker- üben. Die grundsätzliche Frage der Akzeptanz einer erwendung von lebensmitteltauglichen Pflanzen zur nergiegewinnung ist also eigentlich längst entschieden. Viertens: Flächenkonkurrenz zwischen NawaRos, Le- ens- und Futtermitteln. Auch die Flächen, auf denen ak- uell nachwachsende Rohstoffe – NawaRos – für die toffliche oder energetische Verwertung angebaut wer- en, könnten alternativ zur Lebens- oder Futtermitteler- 9654 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) zeugung genutzt werden. Die Flächenkonkurrenz gibt es also bereits jetzt. Es ist gleichzeitig klar, dass in Deutschland und der EU insgesamt mehr lebensmittel- taugliches Getreide – auch umweltverträglich – erzeugt werden kann, als zur Versorgung in der Region benötigt würde. Im Gegenteil: Wir haben ein Problem überschüs- siger Getreideerzeugung. Die EU-Kommission hat erst- mals seit Jahrzehnten bekannt gegeben, dass die Inter- ventionsbestände an Getreide rückläufig sind und Exportsubventionen nicht mehr gezahlt werden. Das wiederum hat positive Auswirkungen: Länder außerhalb Europas, die durch die Subventionen und Marktabschot- tung der EU in die Krise geraten sind, können durchat- men. Weltweit steigen die Erzeugerpreise für Getreide, Ölsaaten und Eiweißpflanzen. Diese Entwicklung begrü- ßen wir; denn die Landwirtschaft ist weltweit gesehen nach wie vor der größte arbeits- und einkommenssi- chernde Sektor. International hat die Spirale sinkender Erzeugerpreise und landwirtschaftlicher Einkommen so- ziale Katastrophen ausgelöst bzw. löst sie nach wie vor aus. Die Frage einer energetischen Verwertung von nah- rungsmitteltauglichen Pflanzen ist also nicht in erster Li- nie eine der Sicherung der Nahrungsmittelversorgung der Menschen, sondern eher eine der Verteilungsströme an Einkommen und Versorgung. Dabei werden die Nah- rungsmittelerzeugung und die Futterwirtschaft im Ver- gleich auch in Zukunft der stärkste Sektor bleiben, wenn es um die Frage geht, wie die Konkurrenz zur energeti- schen Verwertung aussieht. Über die lange Zeit des Auf- einanderzulaufens der Energiepreise und der Rohstoff- preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse ist heute unter den historischen Höchstpreisen für Energie und den be- sonderen Subventionsbedingungen der Bioenergieerzeu- gung erstmals die Situation einer möglichen Wirtschaft- lichkeit der Verwertung für die Energieerzeugung entstanden. Dabei bleibt die Decke dünn. Steigen die Er- zeugerpreise aus der Nahrungsmittelnachfrage nur rela- tiv geringfügig um weitere 10 bis 20 Prozent an, ist die Konkurrenzfähigkeit der energetischen Nutzung unter heutigen Bedingungen schon dahin. Die ersten Betreiber von Biogasanlagen, der Bioethanolerzeugung und sogar der Biodieselhersteller haben diese Erfahrungen bereits gemacht. Fünftens: Auswirkung der energetischen Verwertung von Getreide. In der aktuellen Diskussion um die Zulas- sung von Getreide als Regelbrennstoff zu Heizzwecken sollte man die Wirkung aber auch nicht überschätzen. Bis- lang sind in Deutschland per Sonder- und Ausnahmege- nehmigung bereits circa 10 000 Anlagen zur Verfeuerung von Getreide zugelassen. Technisch ist die Einhaltung der durch das Bundes-Immissionsschutzgesetz vorgegebenen Grenzwerte für Feinstaub und Schadgase möglich. Wir unterstützen die Feststellung im Antrag der FDP, dass es bei der Zulassung der Verbrennung von Getreide nur um Sortimente und Partien gehen soll, die regulär für die Nahrungs- und Futtermittelnutzung nicht geeignet sind, also Ausputzgetreide oder durch Schimmel und andere Schadorganismen befallene Partien. Die Nutzung als Brennstoff wird damit auch kein Massenmarkt, wie zum Beispiel die Holzpellet-Heizungen, sondern würde sich auf die Landwirtschaftsbetriebe selbst und vielleicht auf landwirtschaftsnahe Verarbeiter an Getreide beschrän- k e e d b s a W d w t Z d n f t r Ö h l v d e P m r u z v n u s G b G a V z b d B a f b w d f e s V l s r b N (C (D en. Aus diesem Grunde erscheint das Risiko einer Fehl- ntwicklung durch die Zulassung als Regelbrennstoff her gering. Selbst wenn sich die Zahl der Anlagen ver- reifachen oder verfünffachen würde, bleibt der Ver- rauch an Getreide als Brennstoff, aber auch die ökologi- che Wirkung überschaubar. Diese Beschränkung würde uch definitiv verhindern, dass in der sogenannten Dritten elt Getreide für die energetische Verwertung in den In- ustrieländern angebaut wird, das als Lebensmittel ver- endet werden könnte. Dieser Aspekt ist für meine Frak- ion ein entscheidendes Argument für oder gegen die ulassung. Ein wichtiger Effekt liegt aus Sicht der Linken darin, ass viele Betriebe, die diese Möglichkeit in Zukunft utzen können und wollen, einen Teil der Wertschöp- ung in der Region darstellen. Allein dadurch, dass be- riebliche Ausgaben für den Einkauf fossiler, aus ande- en Gebieten stammender Heizstoffe wie zum Beispiel l und Gas entfallen, bleibt zusätzliches Einkommen er- alten. Wir bewerten durchaus positiv, dass sich die Pa- ette der energetisch verwerteten Nutzpflanzen etwas erbreitern würde. Sechstens: Effizienz der Nutzungsart. Eine Frage, mit er sich die FDP in ihrem Antrag aber leider nicht aus- inandersetzt, ist die der energetischen Effizienz. Bereits rofessor Isermeyer von der FAL Braunschweig hat ehrfach darauf hingewiesen, dass noch ein großer Klä- ungsbedarf besteht in der Bewertung der ökonomischen nd ökologischen Effizienz der verschiedenen Nut- ungsmöglichkeiten von Biomasse. Es hat wenig Sinn, ergleichsweise ungünstige Verfahren politisch und fi- anziell zu fördern. Die Berücksichtigung der Energie- nd Stoffströme sowie relativer Vor- und Nachteile ver- chiedener Nutzungen müssen Einfluss auf die von der esellschaft akzeptierten und geförderten Verfahren ha- en. So ist im Moment offen, ob eine Verwertung von etreideabfällen oder minderwertigen Partien in Biogas- nlagen nicht vielleicht vorteilhafter ist, als die direkte erfeuerung in Kleinfeuerungsanlagen. Es sollte deshalb um Beispiel eine der dringenden Aufgaben des schon eschlossenen Biomasseforschungszentrums werden, iese Klärung zu betreiben. Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wir ündnisgrüne sprechen uns bereits seit längerem dafür us, die Verbrennung von Stroh und Getreide in Klein- euerungsanlagen neu zu regeln. Auch die Getreidever- rennung kann und sollte einen Beitrag leisten, um die eltweite Abhängigkeit von Erdöl zu verringern. Durch ie dezentrale Energieerzeugung bleibt die Wertschöp- ung im ländlichen Raum. Getreideverbrennung ist auch in Beitrag zum Klimaschutz, vorausgesetzt, es werden trenge Schadstoffgrenzwerte eingehalten. Unter diesen oraussetzungen muss und kann bei der Novelle der . BImSchV die Verbrennung von Energie- und Aus- chussgetreide zugelassen werden. Wir als bündnisgrüne Bundestagsfraktion haben be- eits vor einem Jahr einen entsprechenden Antrag einge- racht. Den haben Große Koalition und FDP abgelehnt. un will die FDP dieses Thema wieder aufgreifen. Im- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9655 (A) ) (B) ) merhin Sie sind aufgewacht, während die Regierungs- parteien wohl so lange schlafen, bis sie vom Qualm der illegalen Getreidefeuer aufgeweckt werden. Der Antrag der FDP ist besser, als ich erwartet hatte. Denn der Titel des Antrags ließ vermuten, dass Sie for- dern würden, die Getreideverbrennung zu den aktuell gültigen Bedingungen für alle zulassen. Ich begrüße sehr, dass auch Sie erkannt haben, dass es sinnvoll ist, die Getreideverbrennung auf Betriebe der Agrarbranche zu beschränken. Denn bei einer Neuregelung geht es da- rum, die entsprechende Feuerungstechnik zunächst ein- mal zu entwickeln und zu etablieren. Dazu brauchen wir einen Einstiegsmarkt. Außerdem soll Getreide prinzipi- ell dort verbrannt werden, wo es anfällt. Es geht nicht um die Versorgung jedweden Privathaushaltes. Auch Ihre Forderung nach einem FuE-Programm zur Entwick- lung von genehmigungsfähigen Getreideverbrennungs- anlagen und für die Entwicklung von Filtertechniken ist sinnvoll. Unklar bleibt, ob Sie neben einer Beschränkung auf Getreideausschuss auch eine Beschränkung auf speziel- les Energiegetreide befürworten. Brotgetreide sollte aus unserer Sicht aber von der Verbrennung ausgeschlossen werden. Das gehört auf den Teller statt in den Ofen. Konkreter werden müssten Sie auch bei der Frage, wie Sie sich bei den Grenzwerten die Einlaufkurve vor- stellen, mit der Sie die Getreideverbrennung schrittweise an das Emissionsniveau vergleichbarer biogener Fest- brennstoffe heranführen wollen. Ich lese Ihren Antrag so, dass die Grenzwerte den Grenzwerten bei der Ver- brennung von naturbelassenem Holz um einige Jahre hinterherhinken sollen. Dies ist bei Kohlenmonoxid nachvollziehbar, da man diese Schadstoffe vor allem durch Feuerungstechnik in den Griff bekommen muss. Hier besteht noch Entwicklungsbedarf. Angesichts der Probleme mit der Einhaltung der Feinstaubgrenzwerte in vielen Städten darf es bei Staub hingegen keine Abstri- che geben. Ich möchte hier an alle Akteure appellieren, für strenge Grenzwerte für die Getreide- und die Holzver- brennung zu sorgen. Entscheidender Hinderungsgrund für die Zulassung der Getreideverbrennung war doch bisher das hohe Schadstoffbildungspotenzial. Wir Grüne wollen Rahmenbedingungen schaffen für technischen Fortschritt, aber auch für eine Akzeptanz neuer Techno- logien. Deshalb brauchen wir für die Verbrennung von Holz, Stroh und Getreide strengere Grenzwerte für Staub und Kohlenmonoxid als bisher. Denn die gesellschaftli- che Zustimmung für die Getreideverbrennung droht bei zu laschen Grenzwerten in Rekordgeschwindigkeit ver- loren zu gehen – das sollten alle Beteiligten von den ver- breiteten Widerständen gegen große Feuerungsanlagen und selbst gegen Biogasanlagen gelernt haben. Auch mit dem Verzicht auf eine schrittweise Übertragung der neuen Grenze auf Altanlagen würden Sie der Akzeptanz der Holz-, Stroh- und Getreidefeuerung einen Bären- dienst erweisen, meine lieben Kollegen von der Union. A i T g V k S t W t f g g H a n s f a P v r S f p a G n F d b A h v s s e k H u g v B ä v A a (C (D nlage 10 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Entwurfs eines Gesetzes zur Einführung eines Alkoholverbots für Fahr- anfänger und Fahranfängerinnen (Tagesord- nungspunkt 19) Gero Storjohann (CDU/CSU): Alkohol am Steuer st eine der Hauptunfallursachen im Straßenverkehr. rotz eines starken Rückgangs der Verkehrsunfallzahlen ingen 2005 in Deutschland immer noch 11 Prozent aller erkehrstoten auf das Konto „Alkohol im Straßenver- ehr“. In absoluten Zahlen bedeutet das: 603 Tote, 8 002 chwerverletzte und fast 20 000 Leichtverletzte. Schon immer nehmen dabei junge Fahranfänger eine raurige Spitzenreiterrolle bei den Alkoholunfällen ein. ährend Frauen zwischen 18 und 50 Jahren nahezu al- ersunabhängig und nur selten – bei jedem neunten Un- all – durch Trunkenheit im Straßenverkehr auffallen, ehört jeder vierte alkoholisierte Beteiligte zur Alters- ruppe der männlichen 18- bis 24-Jährigen. Fast die älfte der Alkoholunfälle geschehen am Sonnabend und m Sonntag; ich spreche hier von den schlimmen soge- annten „Discounfällen“, die uns alle immer wieder er- chüttern. Gerade bei Fahranfängern erhöht das Zusammentref- en von Unerfahrenheit im Straßenverkehr und Alkohol m Steuer das ohnehin schon hohe Unfallrisiko dieser ersonengruppe. Sie sind mit Situationen des Straßen- erkehrs noch nicht so gut vertraut. Fahranfänger reagie- en in Gefahrensituationen häufig falsch. Ihr Anteil an traßenverkehrsunfällen – das zeigt jeder Verkehrsun- allverhütungsbericht der Bundesregierung – ist überpro- ortional hoch. Schon durch die sogenannten Routine- ufgaben wie Halten der Spur, Anpassen der eschwindigkeit an Verkehrslage und Straßenverhält- isse sowie durch die Bedienung des Fahrzeuges werden ahranfänger in hohem Maße beansprucht. Sie müssen ie an sie gestellten Aufgaben des Straßenverkehrs noch ewusst nachvollziehen und sind daher für die negativen lkoholwirkungen besonders anfällig. Wir müssen da- er an die Fahranfänger – und nur um diese geht es im orliegenden Gesetzentwurf – das klare und unmissver- tändliche Signal setzen: Fahren und Trinken schließen ich aus. Meine Fraktion und ich begrüßen deshalb den Gesetz- ntwurf der Bundesregierung zur Einführung eines Al- oholverbots für Fahranfänger und Fahranfängerinnen. ierdurch soll ein absolutes Alkoholverbot für Fahrer nd Fahrerinnen während der Probezeit durch eine Er- änzung des Straßenverkehrsgesetzes, des Güterkraft- erkehrsgesetzes, der Fahrerlaubnis-Verordnung und der ußgeldkatalog-Verordnung eingeführt werden. Was sieht das neue Gesetz konkret vor? Wie schon hnlich bei den Gefahrgut-, Taxi- und Omnibusfahrern orgeschrieben, verbietet die Neuregelung in § 24 c bs. 1 Straßenverkehrsgesetz künftig jeglichen Konsum lkoholischer Getränke für Fahranfänger bzw. Fahran- 9656 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) fängerinnen beim Führen eines Kraftfahrzeugs. Dies gilt während der gesamten Probezeit. Zwar längst nicht in diesem Maße, aber immerhin nachweisbar, lässt sich die Problematik auch auf ältere Fahranfänger übertragen. Auch bei ihnen kommen erhöhtes Unfallrisiko durch Al- kohol und fahranfängerspezifische Probleme zusammen. Die Neuregelung gilt damit auch für ältere Fahranfänger. Die neue Vorschrift stellt einerseits auf den Konsum alkoholischer Getränke bei der Fahrt ab. Besonders her- vorzuheben ist, dass es anders als bei den übrigen Rege- lungen in diesem Bereich keinen besonderen Promille- grenzwert gibt. Wenn also jemand beobachtet – sei es ein Polizist oder ein Zeuge –, wie ein Fahranfänger am Steuer „nur einen Schluck aus der Flasche“ nimmt, ist der Tatbestand erfüllt. Die Regelung nimmt aber die Ein- nahme alkoholhaltiger Lebensmittel oder Medikamente von dem Verbot aus. Die Einnahme von Weinbrandprali- nen und Hustensäften erfüllt daher den Tatbestand nicht. Zum anderen verbietet die neue Vorschrift das Antre- ten der Fahrt unter der Wirkung alkoholischer Getränke. „Unter der Wirkung“ steht ein Betroffener, wenn der aufgenommene Alkohol zu einer Veränderung physi- scher oder psychischer Funktionen führen kann und in einer nicht nur völlig unerheblichen Konzentration im Spurenbereich im Körper vorhanden ist. Auf die Fest- stellung einer konkreten alkoholbedingten Beeinträchti- gung der für das Führen von Kraftfahrzeugen relevanten Leistungsfähigkeit des Betroffenen kommt es dabei nicht an. Durch diese Neuregelung wird bei Fahranfän- gern bewusst von der Konzeption abgerückt, das Verbot auf einen bestimmten Promillewert abzustellen. Dies ist ganz bewusst so gemacht worden, um ein „Sich-Heran- Trinken“ an einen gewissen Promillewert zu unterbin- den. Ziel ist es, ein möglichst umfassendes Verbot für Fahranfänger zu normieren, unter Alkoholeinfluss ein Fahrzeug im Straßenverkehr zu führen. Man sollte daher in diesen Fällen nicht von einer „Null-Promille-Rege- lung“, sondern vom „absoluten Alkoholverbot“ spre- chen. Dennoch bleibt das Signal klar und eindeutig: Für Fahranfänger werden bei einem Verstoß zwei Punkte in Flensburg und eine Geldbuße in Höhe von 125 Euro fäl- lig. Verstöße werden zudem als schwerwiegende Zuwi- derhandlungen eingestuft. Sie fuhren außerdem zur An- ordnung eines Aufbauseminars. Wie Sie wissen, hat sich der Bundesrat mit den vorlie- genden Gesetzentwurf bereits auseinandergesetzt, da es sich um einen Gesetzentwurf der Bundesregierung han- delt, welcher zunächst dem Bundesrat vorzulegen ist. Der Bundesrat hat verschiedene ergänzende Vorschläge unterbreitet. So gibt der Bundesrat zu bedenken, dass im Fall des Erwerbs der Fahrerlaubnis für Krafträder – A1 – im Alter von 16 Jahren die Probezeit und damit das Al- koholverbot im Zeitpunkt des Erwerbs der Pkw-Fahrer- laubnis – B – bereits beendet sei. Die Koppelung des Alkoholverbotes an die Probezeit werde daher mögli- cherweise dazu führen, dass vermehrt 16-Jährige eine Fahrerlaubnis erhalten, um im Alter von 18 Jahren das Alkoholverbot zu umgehen. Gleiches gelte für die Teil- n m s z f e v h g t c l d r d d a F F d s w g k g h V F b E h d b b u v S ü U h a ü d e F c F s d ü w (C (D ehmer des äußerst erfolgreichen und sehr gut angenom- enen „begleiteten Fahrens ab 17“. Der Bundesrat chlägt deshalb vor, das Alkoholverbot neben der Probe- eit auch an eine Altergrenze zu binden und schlägt hier- ür das 21. Lebens-jahr vor. Lassen Sie mich festhalten: Der vorliegende Gesetz- ntwurf regelt einzig und allein ein absolutes Alkohol- erbot für Fahranfängerinnen und Fahranfänger inner- alb der Probezeit. Für alle anderen Verkehrsteilnehmer elten hinsichtlich der Teilnahme am Straßenverkehr un- er Alkoholeinfluss weiterhin die bestehenden gesetzli- hen Regelungen. Es soll durch den Gesetzentwurf also ediglich die Rechtslage für Fahranfänger geändert wer- en. Der vorliegende Gesetzentwurf der Bundesregie- ung leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung er Verkehrssicherheit in Deutschland. Er dient nicht nur em Schutz der Fahranfänger, sondern auch dem Schutz nderer Verkehrsteilnehmer, die durch angetrunkene ahranfänger gefährdet werden können. Die CDU/CSU- raktion begrüßt daher den vorliegenden Gesetzentwurf er Bundesregierung. Darüber hinaus halte ich die Vor- chläge des Bundesrates für diskussionswürdig. Wir erden diese in den nun anstehenden Ausschussberatun- en einer eingehenden Prüfung unterziehen. Heidi Wright (SPD): Am Sonntag hat Bundesver- ehrsminister Wolfgang Tiefensee in Berlin das Startsi- nal für die „Internationale Woche der Verkehrssicher- eit“ der UN gegeben. Gemeinsam mit dem Deutschen erkehrssicherheitsrat hat er mit jungen Fahrerinnen und ahrern über Verkehrssicherheit diskutiert und die neue undesweite Verkehrssicherheitskampagne vorgestellt. in guter Start, eine gute Sache. Da passt es auch gut in die Woche der Verkehrssicher- eit, dass wir heute in erster Lesung den Gesetzentwurf er Bundesregierung zur Einführung eines Alkoholver- ots für Fahranfänger beraten. Auch dieses Alkoholver- ot, das für alle Fahranfängerinnen und Fahranfänger nabhängig vom Alter und für die Dauer ihrer Probezeit on zwei Jahren gelten soll, ist ein gutes und richtiges ignal: Alkohol und Fahren sind absolut nicht vereinbar. Das Alkoholverbot ist konsequent, wenngleich längst berfällig. Ziel ist die Reduzierung alkoholbedingter nfälle. Gerade bei Fahranfängern wird das ohnehin ohe Unfallrisiko durch einen oft verhängnisvollen Mix us mangelnder Erfahrung im Straßenverkehr, Selbst- berschätzung und Alkohol am Steuer noch erhöht. Mit er Gesetzesvorlage wird § 24 c Straßenverkehrsgesetz rgänzt und ein Alkoholverbot für Fahranfänger und ahranfängerinnen während der Probezeit ausgespro- hen. Der Gesetzentwurf macht deutlich, warum auf die estlegung einer Promillegrenze verzichtet wurde: Es ollte verhindert werden, dass sich die Fahranfänger an iese Grenze „herantrinken“ und sie eventuell sogar berschreiten. Die Festlegung einer absoluten Null-Promille-Grenze äre vor allem aus messtechnischen und medizinischen Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9657 (A) ) (B) ) Gründen problematisch, und eine Grenzwertbestimmung einschließlich des erforderlichen Sicherheitszuschlages für die Alkoholmessung müsste im Bereich von 0,1 bis 0,3 Promille liegen. Diese Werte entsprechen einer Emp- fehlung der Alkohol-Kommission der Deutschen Gesell- schaft für Rechtsmedizin sowie einer Empfehlung der Grenzwertekommission, die sich im Auftrag des Bun- desverkehrsministeriums mit Nachweisfragen im Be- reich „Drogen im Straßenverkehr“ beschäftigt. Um die Sache nicht zu verkomplizieren und für jeden Fahrzeugführer nachvollziehbar und verständlich zu ma- chen, nennt der Gesetzgeber gar keine Promillezahl, son- dern untersagt den Alkoholgenuss während des Führens eines Kraftfahrzeuges absolut. Das Alkoholverbot für Fahranfänger während der Probezeit ist angelehnt an entsprechende Regelungen für das im Fahrdienst des öf- fentlichen Linienverkehrs mit Omnibussen eingesetzte Betriebspersonal und für Fahrer von Taxen und Mietwa- gen. Es entspricht weiterhin dem Vorgehen mehrerer Mitgliedstaaten der EU. Ausnahmeberücksichtigung finden alkoholhaltige Me- dikamente – wie Hustensäfte – oder alkoholhaltige Le- bensmittel. Verstöße werden mit Geldbuße bis zu 1 000 Euro sanktioniert, im Regelfall werden wohl 125 Euro verhängt. Ein Fahrverbot ist nicht vorgesehen. Das Gesetz soll bereits im Juni 2007 in Kraft treten. Aber eigentlich ist für jeden verantwortungsbewussten Fahranfänger und jede verantwortungsbewusste Fahran- fängerin auch bereits heute klar, dass Alkoholkonsum und Fahren nicht tolerierbar ist. Gerade als Verkehrssi- cherheitspolitikerin erkenne ich in vielen Gesprächen die absolute Akzeptanz eines solchen Alkoholverbots, und gerade junge Leute und Schulklassen bestärken mich in den Diskussionen. Was die Umsetzung des Gesetzes angeht, so erlaube ich mir eine kritische Überlegung. Die Gewerkschaft der Polizei weist zu Recht darauf hin, dass ein Alkoholverbot nur dann Sinn macht, wenn es ausreichend kontrolliert wird. Das jahrelange personelle Ausbluten der polizeili- chen Verkehrsüberwachung lässt bei den Verantwortli- chen immer wieder Zweifel aufkommen, ob sich der er- wünschte Effekt einer Verringerung der Pkw-Unfälle junger Fahranfänger unter Alkoholeinfluss sehr schnell einstellen wird. Ein neues, wenn auch gutes Gesetz er- setze keineswegs die präventive Abschreckung durch flächendeckende polizeiliche Kontrolle, so die GdP. Die- ser Überlegung schließe ich mich ausdrücklich an. Absolut richtig finde ich, dass jegliche altersmäßige Beschränkung in dem Gesetzentwurf entfällt. Zwar fal- len statistisch im Zusammenhang mit Alkohol besonders junge Fahrer zwischen 18 und 24 Jahren auf. Doch sind auch ältere Fahranfänger nachweislich überdurchschnitt- lich häufig an Alkoholunfällen mit Personenschaden be- teiligt. Immerhin beträgt der Anteil älterer Fahranfänger über 24 Jahre 11,7 Prozent der gesamten Gruppe der Fahranfänger. Für die große Masse der Fahrerinnen und Fahrer gilt jedoch, dass sie sich der besonderen Verant- wortung als Verkehrsteilnehmer bewusst sind und schon i n l h F t n a c r s d d i A w d k m m f d V E c d r m f Ü H D k U p t a d g u V w z U s d V f u s D (C (D mmer, längst vor Erreichen der 0,5-Promille-Grenze icht mehr gefahren sind. Der seit langem beobachtete Rückgang der Unfallzah- en und insbesondere der Unfalltoten im Straßenverkehr at sich auch in 2006 fortgesetzt – trotz verdreifachtem ahrzeugbestand und trotz verdreifachter Jahresfahrleis- ung. Diese positive Entwicklung ist Folge vieler Maß- ahmen der letzten Jahre: Absenkung der Promillegrenze uf 0,5, begleitetes Fahren, Aufklärungs- und Verkehrssi- herheitskampagnen, Einführung umfassender Verkehrs- egelungen, aber auch Optimierung der Rettungsorgani- ationen, straßenbauliche Maßnahmen, Verbesserungen er passiven Sicherheit in Fahrzeugen und vieles mehr. Wenngleich historischer Tiefststand seit Einführung er Unfallstatistik: Jedes Todesopfer im Straßenverkehr st ein Todesopfer zu viel; ganz bedrückend ist die hohe nzahl der verletzten Verkehrsteilnehmer. Deshalb sind eiterreichende Maßnahmen angesagt. Die Entschei- ungen, die wir zur nachhaltigen Verbesserung des Ver- ehrsklimas und der Verkehrssicherheit treffen können, üssen mutiger sein. Ziel der Verkehrssicherheitsarbeit uss sein: Vision zero, null Verkehrstote. Alkoholkonsum ist eine der Hauptursachen des Un- allgeschehens. Die absolute Hauptunfallursache ist je- och unangepasste, also zu hohe Geschwindigkeit. Der erkehrsminister hat diesen Aspekt am Sonntag bei der röffnung der Internationalen Woche der Verkehrssi- herheit selbst in den Vordergrund gestellt. Auch auf em Verkehrsgerichtstag in Goslar haben sich die Refe- ate des mit über 340 Fachleuten stärksten Arbeitskreises it der Bedeutung nicht angepasster Geschwindigkeit ür das Unfallgeschehen befasst – mit einhelligem Fazit: berhöhte, nicht angepasste Geschwindigkeit, ist die auptursache für Unfälle mit Toten und Verletzten. In eutschland ist dieser Ursache etwa ein Drittel aller Ver- ehrstoten zuzurechnen. Auch bei den von jungen Fahranfängern verursachten nfällen steht an der Spitze die überhöhte, nicht ange- asste Geschwindigkeit. Das Statistische Bundesamt lis- et das Unfallgeschehen der 18- bis 24-Jährigen in 2005 uf: Nach Feststellungen der Polizei fuhr fast jeder vierte er 90 313 unfallbeteiligten Pkw-Fahrer dieser Alters- ruppe zu schnell. Mit weitem Abstand folgte die Unfall- rsache „Abstandsfehler“, 11 Prozent, sowie „Vorfahrt-/ orrangfehler“, 10 Prozent der Unfallbeteiligten. Die eiteren Unfallursachen waren „Abbiegefehler“, 6,2 Pro- ent, erst dann folgt Alkoholeinfluss mit 4,7 Prozent der nfallbeteiligten. Hohe Geschwindigkeiten und insbesondere hohe Ge- chwindigkeitsdifferenzen führen auf immer voller wer- enden Autobahnen zu Ängsten und gefährlichen erkehrssituationen. Wer rast und zu dicht auffährt, ge- ährdet nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Rasen nd rowdyhaftes Fahren sind keine Kavaliersdelikte, sie ind Straftaten und als solche streng zu ahnden. Hier gilt: null Toleranz. Darüber sind wir uns einig. enn Straßen sind öffentlicher Raum und als Verkehrs- 9658 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) politiker tragen wir für Bürgerinnen und Bürgern Verant- wortung. Wie groß der Handlungsbedarf angesichts des vor- herrschenden Verkehrsklimas ist, zeigen die Aussagen einer Pressemitteilung des Bundesverkehrsministeriums vom 22. April 2007: „… Vor allem junge männliche Führerschein-Neulinge sind die größte Problemgruppe. Das wird von zwei Dritteln der Verkehrsteilnehmer auch so empfunden, wie eine repräsentative Befragung in un- serem Auftrag ergeben hat. Über 80 Prozent der Ver- kehrsteilnehmer empfinden das Verkehrsklima generell als rücksichtslos und immer rauer. Deshalb müssen wir große Anstrengungen unternehmen, um das Klima auf unseren Straßen zu verbessern und das Miteinander im Straßenverkehr zu stärken.“ Und: „Größe zeigt, wer auch mal den Fuß vom Gas nimmt …“ Angesichts dieser Befragungsergebnisse sprach der Bundesverkehrsminister zu Recht von einem Alarmsi- gnal. Keiner bestreitet, dass wir gute Entwicklungen der Straßenverkehrssicherheit haben. Das ist aber kein Grund, weit unter unseren Möglichkeiten zu deren wei- teren Verbesserung zu bleiben! Vernünftig wäre die Aus- schöpfung aller möglichen Optionen. Deutschland in der Mitte eines vereinigten Europa und als das Transitland Nummer 1 muss mit klaren Re- gelungen im Straßenverkehr aufwarten: Eine davon ist das Alkoholverbot für Fahranfänger, eine weitere wäre ein allgemeines Tempolimit auf Bundesautobahnen, das heute allerdings noch nicht zur Debatte steht. Patrick Döring (FDP): Das Ziel der Bundesregie- rung, die Zahl der Verkehrsunfälle, die auf Alkoholein- fluss zurückzuführen sind, deutlich zu senken, ist zu be- grüßen. Die Begründung des Gesetzentwurfs klingt zunächst überzeugend: Zwei Risiken, zum einen die Un- erfahrenheit des Fahranfängers und zum Zweiten die verminderte Steuerungsfähigkeit aufgrund des Alkohol- konsums, ergeben zusammen ein großes Unfallrisiko für alkoholisierte Fahranfänger. Nehmen wir eine der Ge- fahren weg – das ist ein einfacher Schluss –, kann es zu dieser gefährlichen Verbindung nicht mehr kommen. Ein Alkoholverbot für Fahranfänger könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein. In Österreich hat man gute Erfahrungen mit einer vergleichbaren Rege- lung gemacht. Das Gesetz verdient daher eine wohlwol- lende Prüfung. Allerdings: Das Gesetz mag das Risiko der verminderten Steuerungsfähigkeit durch Alkoholein- fluss verringern. Um die Unfallgefahr nachhaltig zu sen- ken, brauchen wir aber mehr als dieses Verbot. Unser eigentliches Problem sind nicht zu wenige Ver- bote. Alkohol ist und bleibt eine legale Droge, die ab 16 legal konsumiert werden darf. Derzeit erleben wir bei vergleichbaren Diskussionen den politischen Trend, Konsumgesetze für legale Drogen zu erlassen. Aus Sicht der FDP ist es viel notwendiger, den verantwortungsbe- wussten Umgang mit Alkohol in den Vordergrund von Aktionen zu stellen – ob Verbote für Fahranfänger dieses Z w b T r i i z l g a T f a d A W b I d b z F d i d I B t P b s F t k d D d v d d m V a t H r s G g f k D a (C (D iel erreichen helfen, wird die Ausschussberatung er- eisen. Vielmehr haben wir ein Vollzugsproblem: So führen ereits bestehende Regeln derzeit nicht dazu, dass die runkenheitsfahrt – gerade auch bei erfahrenen Autofah- ern – eine Ausnahme darstellt, obwohl sie – jedenfalls n einem Bereich von mehr als 0,5 Promille – verboten st. Das Problem ist, dass die Chance, in eine Kontrolle u geraten, gering ist. Erst Kontrollen, die auch die rea- istische Gefahr für den betrunkenen Fahrer in sich ber- en, erwischt zu werden und unangenehme Sanktionen uferlegt zu bekommen, wirken der hohen Zahl der runkenheitsfahrten entgegen. Davon sind wir weit ent- ernt. Die niedrigsten Schätzungen gehen davon aus, dass uf eine entdeckte Autofahrt unter Alkoholeinfluss min- estens 100 unentdeckte Trunkenheitsfahrten kommen. ndere gehen sogar von 600 unentdeckten Fahrten aus. ie sinnvoll ist es, neue Verbote zu formulieren, wenn estehende Verbote nicht wirksam kontrolliert werden? n Österreich, um noch einmal auf die Erfahrungen mit er Regelung dort zurückzukommen, ist schließlich ein edeutender Teil der positiven Wirkung darauf zurück- uführen, dass verstärkte Kontrollen auch erfahrenere ahrer davon abhalten, Alkohol zu trinken. Wir dürfen außerdem nicht aus den Augen verlieren, ass sich ein wesentlicher Teil der Trunkenheitsfahrten m Bereich 1 Promille und weit darüber abspielt. Auf ieses Problem gibt der Gesetzesentwurf keine Antwort. n Zeiten von „Flatrates“ und Alkoholkonsum bis zur ewusstlosigkeit gilt es zu allererst, einen verantwor- ungsbewussten Umgang mit Alkohol zu erreichen. Das roblem „Alkohol am Steuer“ wird zwei Jahre verscho- en: Denn es ist richtig, wenn die Gesetzesbegründung inngemäß sagt, dass Fehleinschätzungen der eigenen ahrtüchtigkeit bei einem absoluten Verbot, alkoholhal- ige Getränke zu konsumieren, nicht mehr vorkommen önnten. Doch nach Ablauf der zweijährigen Probezeit arf ja wieder getrunken werden. Der einzige Vorteil: er Fahrer hat bereits mehr Erfahrung im Umgang mit em Pkw. Ist aber der 18-jährige Fahranfänger per se erantwortungsloser als ein 20-jähriger Fahrer? Neben der nachdrücklichen Durchsetzung bestehen- er Verbote gibt es eine weitere große Aufgabe, der sich ie Politik stellen muss: Der gesellschaftliche Umgang it Trunkenheitsfahrten muss sich ändern. Was für ein orbild sind erfahrene Autofahrer, die sich betrunken ns Steuer setzen, für junge Fahrer? Manche Fahrer un- erhalten sich über ihre Trunkenheitsfahrten wie über eldentaten. Da müssen wir ansetzen und die Aufklä- ung über die Gefahren von Trunkenheitsfahrten verbes- ern. Bereits im Fahrschulunterricht müsste ein stärkeres ewicht als bisher auf das Problem des Alkoholkonsums elegt werden und die Simulation einer Trunkenheits- ahrt angeboten werden. Auch nach dem Discobesuch önnen freiwillige Alkoholtestangebote die sogenannten iscounfälle verhindern. Ich will ein weiteres Beispiel für aktive Aufklärungs- rbeit geben: Als Modellversuch wurde an niedersächsi- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9659 (A) ) (B) ) schen Schulen eine „Führerschein-AG“ angeboten. Ne- ben den Regeln und Normen waren auch die Themen Alkohol und die sogenannten Discounfälle Gegenstand der schulischen „Führerschein-AG“. Nach einer Evalua- tion der Bundesanstalt für Straßenwesen kam die „Füh- rerschein-AG“ bei Jugendlichen, Lehrern und Fahrleh- rern gut an. Die beteiligten Fahrlehrer stellten generell ein umsichtigeres und rücksichtsvolleres Fahrverhalten fest. Sie sehen, ein Alkoholverbot kann allenfalls ein klei- ner Baustein zur Lösung des Problems sein. Wenn wir die Zahl der alkoholbedingten Unfälle mit teils schwer- wiegenden Folgen insbesondere auch für andere Ver- kehrsteilnehmer drastisch senken wollen, müssen wir mehr tun. Der nachhaltigere Weg besteht aus Aufklä- rung, der Ausweitung von Alkoholtestangeboten und Kontrollen. Daher fordere ich Sie auf: Setzen Sie sich für eine bessere Aufklärung in der Schule und auch im Fahrun- terricht ein! Machen Sie Werbung für eine Ausweitung von Angeboten, den Blutalkoholgehalt nach dem Disco- besuch auf freiwilliger Basis messen zu lassen! Drängen Sie parallel zu diesen Maßnahmen auf eine verstärkte Kontrolle! Dies jedenfalls ist der Weg der FDP-Fraktion. Wir lehnen die Initiative der Bundesregierung nicht ab und werden sie wohlwollend prüfen und hoffen auf eine kon- struktive Ausschussberatung. Aber wir warnen davor, zu hoffen, dass durch das Alkoholverbot für Fahranfänger auf Deutschlands Straßen alles gut werde. Dies wird nicht der Fall sein. Dorothée Menzner (DIE LINKE): Als ich die Be- gründung des Gesetzesentwurfs las, schoss es mir gleich durch den Kopf: ein an und für sich guter Redeentwurf, dem eigentlich nicht mehr viel hinzuzufügen wäre. Ge- statten Sie mir dennoch einige Bemerkungen. Es ist richtig, dass wir Fahranfängerinnen und Fahr- anfänger vom Fahren unter Alkoholeinfluss oder ande- ren berauschenden Mitteln in der Probezeit abhalten wollen. In vielen Gesprächen mit jungen Leuten, die ich im Vorfeld dieser Debatte führte, konnte ich wie selten bei den jungen Menschen eine große Zustimmung zu ei- nem Gesetzesvorhaben erleben. Aber, dieses Gesetz zu verabschieden und sich dann zurückzulehnen, ist nur das halbe Glas, um mal im Bilde zu bleiben. Belassen wir es dabei, könnte in breiten Kreisen der Bevölkerung der Eindruck entstehen, nach zwei Jahren Abstinenz am Steuer, dürfe man jederzeit besoffen ins Auto steigen; denn nach zwei Jahren wird von der Null-Promille- Grenze gleich auf die erlaubten 0,8 Promille durchge- startet. Die eben erwähnten Jugendlichen warfen ein – zu Recht wie ich meine –, dass Führerscheinneulinge nichts trinken sollten, wenn sie sich ins Auto setzen, das gehe klar. Sie fragten aber auch, warum sich ältere Auto- fahrer mit Alkohol im Blut ans Steuer setzen dürfen. Ältere Autofahrer? Das meint hier auch junge Men- schen zwischen 20 und 30 Jahren. Fast die Hälfte der Ju- g d D A v c f w v w t t d F v c M z c R g d f s D n e f w N w r k D r g 5 p k n w e d F h c l f a i J A L d w z (C (D endlichen zwischen 15 und 24 Jahren praktiziert min- estens ein Mal im Monat das sogenannte Binge rinking, was bedeutet, dass mindestens fünf Gläser mit lkohol hintereinander getrunken werden müssen, be- orzugt an Wochenenden. Da sind die 0,8 Promille lo- ker überschritten. Dabei wissen wir, dass schon ein Un- all, der mit 0,3 Promille Alkohol im Blut verursacht ird, erhebliche Folgen für den Verursacher haben kann, on den Opfern mal ganz zu schweigen. Die Diskussion, ie viel Alkohol im Blut wir am Steuer für tolerabel hal- en, muss in Richtung einer Senkung der bisher erlaub- en Alkoholmenge am Lenkrad weitergehen. Damit bin ich beim Stichwort „Disco-Unfälle“. Auch ieses Problem müssen wir betrachten, wenn wir für ahranfängerinnen und Fahranfänger Alkohol am Steuer erbieten. Ich rede hier nicht von den möglichen Ursa- hen, warum Jugendliche sich berauschen, die da sind: angel an Lehrstellen, Perspektivlosigkeit, Gruppen- wang, Arbeitslosigkeit oder Heimweh von Jugendli- hen, die zur Ausbildung in wirtschaftlich erfolgreiche egionen abgewandert sind. Obwohl wir als Linke eini- es zu den gesellschaftlichen Ursachen sagen könnten; afür reicht die Redezeit hier nicht. Lassen Sie mich trotzdem einen Aspekt herausgrei- en: Besonders auf dem flachen Land haben junge Men- chen allzuoft keine andere Möglichkeit, wenn sie zur isco oder zu Feten fahren, als das eigene Auto zu be- utzen – selbst wenn nicht getrunken werden soll – weil s Busse und Bahnen, die zu später Stunde fahren, ein- ach nicht mehr gibt. Im Haushaltsbegleitgesetz 2006 urde eine erhebliche Reduzierung der Gelder für den ahverkehr beschlossen. Da kann – obwohl es notwendig äre – kaum noch eine Kommune den Spätbus finanzie- en. Hinzu kommt: In dem Landkreis, aus dem ich omme, kann man ohne eigenes Rad nicht mal mehr zur isco kommen, weil die letzten Busse gegen 19 Uhr fah- en. Auch wenn es vereinzelt gut gemeinte, zum Teil so- ar erfolgreiche Aktionen, wie den Discobus oder den 0-Prozent-Taxigutschein für die Fahrt vom Tanzschup- en nach Hause gibt, so wird doch deutlich, dass Ver- ehrspolitik und mangelnde Angebote des ÖPNV nicht ur sozial ausgrenzend, sondern allzuoft auch sprich- örtlich lebensgefährlich sind. Die Linke begrüßt den Entwurf eines Gesetztes für in Alkoholverbot für Führerscheinneulinge und stimmt iesem auch zu. Aber das kann nur ein Schritt sein, ahrten unter Alkoholeinfluss zu begrenzen. Wir müssen ier im Hohen Hause demnächst weiter darüber spre- hen, nämlich wie weit die generelle Senkung des er- aubten Blutalkoholwertes gehen sollte, wie ein Angebot ür Discobesucher, das Auto stehen lassen zu können, uch auf dem Land halbwegs flächendeckend möglich st, wie wir die Ursachen des Alkoholmissbrauchs durch ugendliche wirksam bekämpfen wollen und wie wir den usbau des öffentlichen Personennahverkehrs auf dem and auch in den Abendstunden ermöglichen und för- ern können. Sie sehen, der Handlungsbedarf geht viel eiter, als nur das Fahren unter Alkohol in der Probezeit u verbieten. 9660 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) Dr. Anton Hofreiter (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Um es gleich am Anfang klar deutlich zu machen: Wir werden in Bezug auf „Alkohol am Steuer“ nicht auf der Bremse stehen, wie Sie, meine Damen und Herren von der Bundesregierung, das beim Tempolimit tun und da- mit in der Welt fast allein auf der Seite der Uneinsichti- gen stehen. Die Grafik in Drucksache 16/5047 verdeut- licht die Ausmaße der geschwindigkeitsbedingten Unfälle mit Personenschaden. Dieser Gesetzentwurf der Bundesregierung ist ein deutlicher Schritt in die richtige Richtung. Die Statistik betreffend die jungen Fahrerinnen und Fahrer spricht in der Tat eine deutliche Sprache. Doch im Denken schei- nen die jungen Fahrerinnen und Fahrer den Älteren und Erfahrenen weit voraus zu sein: In einer Forschungsstu- die des Deutschen Verkehrssicherheitsrates 2002 spra- chen sich mehr als 80 Prozent der jungen Fahrerinnen und Fahrer für eine Null-Promille-Grenze aus. Sie wol- len das Alkoholverbot für alle Fahranfängerinnen und Fahranfänger während der Probezeit. Das ist richtig. Doch bleiben Sie bei diesem Gesetzentwurf nicht ste- hen. Gehen Sie weiter, und entscheiden Sie sich für ein klares Bekenntnis: Kein Alkohol am Steuer, und das für alle, damit die sogenannten Erwachsenen, die oft mit schlechtem Beispiel vorangehen, nicht weiterhin sich und Unbeteiligte unnötigen Gefahren aussetzen. Laut ei- ner Umfrage sind 20 Prozent der Befragten der Mei- nung, dass ein oder zwei Glas Bier einen guten Autofah- rer nicht beeinträchtigen. Zwei Gläser Bier à 0,3 Liter reichen je Körpergröße und Konstitution unter Umstän- den aus, um nach einer Stunde noch einen Promillewert von 0,2 zu haben. Das reicht, um die Fahrfähigkeit ein- zuschränken. Viele Autofahrerinnen und Autofahrer treiben ein ge- fährliches Spiel, indem sie sich durch Selbstüberschät- zung an einen kritischen Wert „herantrinken“ und ihre physischen und psychischen Umstände, die den Promil- lewert beeinflussen, unbeachtet lassen. Auch der Rest- alkoholgehalt des Blutes am Tag danach wird häufig un- terschätzt. Mit null Promille für alle wären wir dem Ziel von „Vi- sion Zero“, der Vision von null Verkehrstoten, schon wie- der etwas näher gerückt. Hätten wir schon 2005 die Null- Promille-Grenze gehabt, dann hätten – theoretisch – rund 22 000 Unfälle mit Personenschaden und 603 Toten ver- hindert werden können. Bündnis 90/Die Grünen wollen die Zahl der Verkehrs- toten bis 2020 um 70 Prozent reduzieren, um langfristig auf Null zu kommen. Dabei wollen wir die Menschen, die lebenslange Gesundheitseinbußen oder Körperbehin- derungen durch Verkehrsunfälle erleiden, nicht verges- sen. Natürlich brauchen wir auch mehr Kontrollen und wesentlich höhere Bußgelder, die sich an schweizeri- schen und französischen Bußgeldern orientieren, um die Abschreckung zu erhöhen. A n m d a f n f R r n p u g t h p u S n R k u a p s V d v M g J t a i d w Ü d i F h v t J h g m S g g (C (D nlage 11 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Rechte für Journa- listinnen und Journalisten sichern und aus- bauen (Tagesordnungspunkt 20) Reinhard Grindel (CDU/CSU): An den Beginn mei- er Ausführungen möchte ich eine grundsätzliche Be- erkung stellen. Dass ausgerechnet die Nachfolgepartei er SED hier einen Antrag stellt, dass in unserem Land ngeblich die Rechte von Journalisten bedroht sind, inde ich im Kern unerträglich. Sie haben sich bis heute icht vom DDR-Unrechtsregime distanziert, das Presse- reiheit nicht kannte. Sie haben nach wie vor in ihren eihen DDR-Machthaber wie Hans Modrow, die zu ih- er Regierungszeit die Rechte der Journalisten im eige- en Land mit Füßen getreten und die Auslandskorres- ondenten bespitzelt haben. Ihnen fehlt die politische nd vor allem die moralische Legitimation, sich ankla- end zur Frage der Rechte von Journalisten zu äußern. Ihr Antrag enthält gleich im ersten Satz eine Behaup- ung, die mit der Realität in unserem Land nichts zu tun at. Sie schreiben: „Die Pressefreiheit in der Bundesre- ublik Deutschland ist in den vergangenen Jahren mehr nd mehr eingeschränkt worden.“ Das ist grober Unfug! ie stützen ihre Behauptung auf einen Bericht der Orga- isation „Reporter ohne Grenzen“, die jedes Jahr eine angliste aufstellt, anhand der man angeblich ablesen ann, wie die einzelnen Staaten mit der Pressefreiheit mgehen. Danach ist Deutschland ist 2006 von Platz 18 uf Platz 23 zurückgefallen. Womit wird das von „Re- orter ohne Grenzen“ begründet? Nicht etwa mit wissen- chaftlichen Untersuchungen, sondern mit vier einzelnen orgängen: Der Überwachung von zwei Journalisten urch den BND, der Durchsuchung und Beschlagnahme on Redaktionsmaterial beim Magazin „Cicero“, der orddrohung gegen einen Karikaturisten des Tagesspie- els dem Umstand, dass der ungehinderte Zugang von ournalisten zu Daten trotz Verabschiedung des Informa- ionsfreiheitsgesetzes nicht gewährleistet sei. Ich habe ernste Zweifel, ob diese vier Gesichtspunkte usreichen, um eine Verschlechterung der Pressefreiheit n Deutschland zu begründen. Aber in jedem Fall zeigt as, dass die Behauptung der Linken, die Pressefreiheit erde immer mehr eingeschränkt nicht stimmt: Die berwachung der Journalisten durch den BND ist been- et und es wird sie künftig nicht mehr geben. Wir haben m Bundestag festgestellt, dass das rechtswidrig war. Im alle „Cicero“ sind die Ermittlungsverfahren wegen Bei- ilfe zum Geheimnisverrat eingestellt, und das Bundes- erfassungsgericht hat die Durchsuchung der Redak- ionsräume und die Beschlagnahme von Akten bei ournalisten für verfassungswidrig erklärt. Die Morddro- ungen gegen den Karikaturisten wie später ja auch ge- en Journalisten in Zusammenhang mit den Moham- ed-Karikaturen sind von Privatpersonen und nicht vom taat ausgegangen. Und bei der Verweigerung des Zu- angs zu Daten geht es – trotz des lnformationsfreiheits- esetzes – ja wohl auch um den Schutz von Daten Drit- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9661 (A) ) (B) ) ter, sodass dabei immer eine Rechtsgüterabwägung vorzunehmen ist. Insoweit gehe ich davon aus, dass wir bei der nächs- ten Rangliste auf einem Platz für die Champions League stehen werden, weil von der Kritik der „Reporter ohne Grenzen“ nichts übrig geblieben ist. Hinzu kommt, dass die Bundesregierung mit dem Ge- setzentwurf zur Neuregelung verdeckter Ermittlungs- maßnahmen den Schutz von Journalisten erheblich ver- bessert hat. Vor einer Observierung sind sorgfältige Abwägungen der Verhältnismäßigkeit vorzunehmen. Die Anforderungen an eine strafbare Teilnahmehand- lung bei der Verletzung von Dienstgeheimnissen unterlie- gen strengen Anforderungen. Gleichwohl will ich betonen, was ich schon bei ande- rer Gelegenheit hier im Hohen Haus gesagt habe: Die Pressefreiheit ist für unseren freiheitlichen Rechtsstaat schlechthin konstituierend. Alle Verantwortlichen in den Sicherheitsbehörden müssen sich bewusst sein, dass das Grundrecht der Pressefreiheit nicht irgendein Grund- recht ist. Hier gibt es Defizite bis in die frühere Spitze von Bundesministerien. Ich habe nicht vergessen, dass der frühere Bundesinnenminister Otto Schily alle dieje- nigen, die Kritik an seiner Zustimmung zur Durchsu- chung bei „Cicero“ geübt haben, als „Hanseln“ be- schimpft hat. Jetzt haben wir erlebt, dass selbst im Bundesverfassungsgericht zumindest sieben „Hanseln“ sitzen, nämlich die, die diese Durchsuchung für verfas- sungswidrig erklärt haben. Das war nicht nur für die Er- mittlungsbehörden in Brandenburg, sondern gerade für Otto Schily eine schallende Ohrfeige. Es ist völlig klar: Eine Durchsuchung von Redaktionsräumen und die Be- schlagnahme von Material von Informanten sind ein schwerwiegender Eingriff in die Pressefreiheit. Die Geheimhaltung von Informationsquellen und der Schutz der Vertraulichkeit sind für die Presse unentbehr- lich. Es darf nicht sein, dass unter dem Deckmantel einer angeblichen Beihilfehandlung des Journalisten zum Ge- heimnisverrat in dieses Grundrecht eingegriffen wird, um in Wahrheit eine undichte Stelle im Sicherheitsappa- rat aufzudecken. Die Beschlagnahme von Akten, die noch dazu mit dem eigentlichen Fall von Geheimnisver- rat nichts zu tun hatten, entzieht gerade einem freien Journalisten seine wirtschaftliche Grundlage. Die Be- schlagnahmefreiheit von Zufallsfunden muss von Ge- richten stärker beachtet werden. Das Urteil des Bundes- verfassungsgerichts muss sich jeder Staatsanwalt hinter den Spiegel stecken. So ein Fall darf sich nicht wiederho- len. Apropos Spiegel: In seinem berühmten „Spiegel“-Ur- teil vom 5. August 1966 sagt das Bundesverfassungsge- richt allerdings auch, dass es eine Mitverantwortung der Presse für die Staatssicherheit gibt. Es ist so, dass in der Vergangenheit durch Bücher und Zeitungsartikel auch Leib und Leben von Quellen unserer Nachrichtendienste und die Durchführung von Geheimoperationen gefährdet worden sind. Insbesondere wenn es nicht um die Aufde- ckung von Skandalen geht, gebietet es die journalisti- sche Ethik, dass man die Folgen seines Tuns vor einer Veröffentlichung selbstkritisch prüft. d u t n s w d m S n v h r e p m R B d M s w t w e v e r d g a s r d f h s D k g d A d v B s s g d c t k v n v i d (C (D Wenn Die Linke in ihrem Antrag verlangt, die Bun- esregierung solle dafür Sorge tragen, dass Journalisten ngehindert und ohne Überwachung der Berichterstat- ung nachgehen können, dann ist das so apodiktisch icht zu unterstützen. Die Pressefreiheit gilt nicht chrankenlos. Es gibt immer wieder Fälle von Güterab- ägungen, die sich aus anderen Grundrechten – der von er Berichterstattung Betroffenen – oder aus den allge- einen Gesetzen ergeben. Man kann Journalisten von trafverfolgungen wegen eines Geheimnisverrats sicher icht grundsätzlich ausnehmen. Die Veröffentlichung on geheimen Papieren ist allein kein Indiz für eine Bei- ilfehandlung. Wenn ein Journalist aber etwa zur He- ausgabe von Informationen gezielt anstiftet, wenn er sie rpresst oder dafür bezahlt, ist in jedem Einzelfall zu rüfen, ob das noch von der Pressefreiheit umfasst wird. Auch was die Überwachung von Journalisten angeht, uss man differenzieren. Natürlich gibt es Fälle, dass im ahmen von Operationen zur Eigensicherung etwa ND-Mitarbeiter, die man als undichte Stellen in Ver- acht hat, überwacht werden. Wenn diese verdächtigen itarbeiter sich dann tatsächlich mit Journalisten treffen ollten, dann wird das möglicherweise auch von Über- achungskameras aufgenommen. Das wissen investiga- iv arbeitende Journalisten aber. Etwas ganz anderes und, ie wir im Bundestag festgestellt haben, rechtswidrig ist s, wenn diese Überwachungskameras vor Wohnungen on Journalisten stehen, weil man sich über diesen Weg in Aufspüren der undichten Stellen im Sicherheitsappa- at erhofft. Diese rote Linie darf nicht überschritten wer- en: Die nachrichtendienstlichen Mittel dürfen sich nur egen Verräter aus den eigenen Reihen richten, nicht ber gegen Journalisten. Festzuhalten ist im Hinblick auf die „Cicero“-Ent- cheidung aber auch: Wenn das Bundesverfassungsge- icht gesetzgeberischen Handlungsbedarf gesehen hätte, ann wären einzelne Vorschriften zumindest teilweise ür verfassungswidrig erklärt worden, bzw. das Gericht ätte dem Gesetzgeber Hinweise zur gesetzlichen Klar- tellung gegeben. Das ist aber nicht der Fall gewesen. iese Gesetze schützen die Journalisten, sie sind im onkreten Fall von den Ermittlungsbehörden falsch an- ewandt worden. Völlig abwegig wird ihr Antrag, wenn sie als Aus- ruck der Sicherung der Pressefreiheit die Zahlung von bfindungen aufführen, falls der Journalist selbst kün- igt, weil seine Zeitung einen neuen Eigentümer oder In- estor hat oder sich die politische Ausrichtung eines lattes ändert. Da offenbaren sie ein gruseliges Wirt- chaftsverständnis, aber auch ein merkwürdiges Ver- tändnis von Pressefreiheit. Einmal haben in der Vergan- enheit neue Investoren gerade Blätter gerettet und amit Meinungsvielfalt und Arbeitsplätze gesichert. Sol- he Abfindungszahlungen könnten gerade kleineren Zei- ungen wirtschaftlich so schaden, dass Redaktionen ver- leinert und damit die Qualität eines Blattes erschlechtert wird. Es ist Sache der Tarifpartner und icht Aufgabe des Staates, Entgelte und Abfindungen on Arbeitnehmern zu regeln. Ordnungspolitisch sind hre Vorschläge völlig verfehlt. Entscheidend ist doch, ass auch der Verleger, der Eigentümer einer Zeitung, 9662 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) sich auf die Pressefreiheit berufen kann. Es muss doch möglich sein, wenn eine Zeitung Auflage verliert und sich ein Verleger von ihr trennt, dass ein neuer Eigentü- mer mit einer neuen Redaktionsmannschaft antritt, um wieder attraktiver für die Leser zu werden. Wer immer nur das „Neue Deutschland“ liest, dem sind solche Zusammenhänge natürlich völlig fremd. Deshalb haben wir im Arbeitsrecht gerade eingeschränk- ten Kündigungsschutz, weil es sich bei Zeitungen um Tendenzbetriebe handelt. Wie abwegig ihre Überlegun- gen sind, zeigt gerade das Beispiel der „Berliner Zei- tung“, das sie in ihrem Antrag ansprechen. Sie erwähnen den Chefredakteur Uwe Vorkötter. Der ist von der „Ber- liner Zeitung“ unmittelbar zur „Frankfurter Rundschau“ gegangen. Ich kann nicht erkennen, dass dadurch seine Pressefreiheit bedroht ist. Er hat – was im Journalismus üblich ist – auch einige Redakteure von Berlin nach Frankfurt mitgenommen. Sollen die jetzt noch eine Ab- findung oben drauf bekommen? Was sie da vorschlagen ist doch nicht von dieser Welt. Ich habe mich bei der „Berliner Zeitung“ erkundigt. Das, was sich nach dem Einstieg der von ihnen als Heuschrecken bezeichneten Investoren verändert hat, ist ein etwas intensiveres Kos- tenmanagement, was zum Beispiel Reisen angeht. Das machen viele Verlage so, auch alteingesessene Familien- betriebe. Es sind aber jetzt sogar einige Pauschalisten fest angestellt worden. Das bedeutet mehr wirtschaftli- che Sicherheit und damit journalistische Freiheit. Die „Berliner Zeitung“ will eine Sonntagsausgabe auf den Markt bringen, das heißt, ein größeres redaktionelles Angebot. Das Zerrbild, das sie hier von der Entwicklung des Zeitungsmarktes schildern, hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Jörg Tauss (SPD): Wir beraten heute zu später Stunde und in erster Lesung den Antrag der Fraktion Die Linke „Rechte für Journalistinnen und Journalisten si- chern und ausbauen“. Der Antrag beschreibt eine zuneh- mende Einschränkung der nach Art. 5 Grundgesetz zu ge- währleistenden Pressefreiheit in Deutschland. So sei die Bundesrepublik Deutschland im aktuellen Bericht „Re- porter ohne Grenzen“ bei dem weltweiten Ranking von Platz 18 auf Platz 23 zurückgefallen. Als Gründe dafür wird neben verschiedenen Ermittlungserfahren gegen Journalisten wegen Beihilfe zum Geheimnisverrat, der Überwachung von Journalisten im Rahmen der Neurege- lung der Telekommunikationsüberwachung auch die zu- nehmende Einschränkung redaktioneller Freiheit durch ökonomische Zwänge angeführt. Mit dem heute auf der Tagesordnung stehenden Antrag soll die Bundesregierung aufgefordert werden, „dafür Sorge zu tragen, dass Journa- listinnen und Journalisten ungehindert und ohne Überwa- chung ihrem öffentlichen Auftrag der Berichterstattung nachgehen können“. Darüber hinaus fordert der Antrag eine angemessene finanzielle Abfindung bei Kündigung einer Journalistin oder eines Journalisten, wenn diese auf- grund eines Verkaufs eines Verlages, einer Zeitung oder Zeitschrift an einen neuen Investor erfolgt. Letzteres ist erstens Sache der Tarifvertragsparteien, und zweitens gibt es mit der Konzentrationsschutzregelung des § 17 im Manteltarifvertrag Tageszeitung und im Anhang zum M z T d d n f g g V d w d w e d r r a c d S r n f ( B d r b P d w – b t m w d v w ß e S g t d d g S S s d s F r n e (C (D anteltarifvertrag eine solche Regelung bereits im Tages- eitungsbereich, der im Übrigen auch für den Fall des endenzwechsels gilt. Diskutieren müssen wir allerdings in der Tat die Frage er Sicherstellung der Pressefreiheit und der zunehmen- en Einschränkungen der Pressefreiheit in den vergange- en Jahren. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) hat ür die Jahre 1987 bis 2000 165 Fälle von Durchsuchun- en und Beschlagnahmen analysiert und ist zu dem Er- ebnis gekommen, dass nur in einem einzigen Fall eine erhältnismäßigkeitsprüfung vorgenommen wurde. In en Fällen, in denen auch gegen Journalisten ermittelt urde, ist in keinem einzigen Fall Anklage erhoben wor- en. Seit dem Jahr 2000 sind weitere Fälle bekannt ge- orden: In mindestens fünf Fällen ist gegen Journalisten rmittelt worden, davon in fünf Fällen wegen des Ver- achts der Beihilfe bzw. Anstiftung zum Geheimnisver- at(!). Drei dieser Fälle waren zum Zeitpunkt der Anhö- ung im Rechtsausschuss (Oktober 2006) noch nicht bgeschlossen. Zwei dieser Fälle betreffen die Durchsu- hung der Redaktionsräume des Magazins „Cicero“ sowie er Arbeits- und Wohnräume des Journalisten Bruno chirra im September 2005. Der dritte Fall betrifft die He- ausgabe von Telekommunikationsverbindungsdaten ei- es Journalisten der „Dresdner Morgenpost“, um den In- ormanten des Journalisten aufzuspüren. In einem Fall Cicero) wurde Verfassungsbeschwerde eingelegt. Das undesverfassungsgericht hat inzwischen klar entschie- en, dass es sich bei dieser Durchsuchung der Redaktions- äume des Magazins „Cicero“ sowie der Wohn- und Ar- eitsräume um einen verfassungswidrigen Eingriff in die ressefreiheit gehandelt hat. Diese Entscheidung des Bun- esverfassungsgerichtes ist außerordentlich begrüßens- ert. Mit der StPO-Novelle aus dem Jahr 2002 konnte zwar auch aus der Sicht der Medien- und Journalistenver- ände – ein durchaus verbesserter Schutz der Informa- ionsquellen der Journalisten erreicht werden, vor allem it Blick auf das selbstrecherchierte Material. Auch urde in § 97 Abs. 5 StPO ausdrücklich festgehalten, ass die Beschlagnahme bei Personen, die selbst straf- erstrickt sind oder strafverstrickte Gegenstände in Ge- ahrsam haben, nur unter Beachtung des Verhältnismä- igkeitsgrundsatzes und des Subsidiaritätsprinzips rfolgen darf, wenn sie an sich nach § 53 Abs. 1 Nr. 5 tPO zeugnisverweigerungsberechtigt sind. Dennoch ibt es aus Sicht der Medienpolitiker der SPD-Bundes- agsfraktion – wie nicht zuletzt der Fall „Cicero“ und an- ere Durchsuchungen und Beschlagnahmen sowie die urchgängige Rechtsprechung des Bundesverfassungs- erichtes gezeigt haben und zeigen – auch nach der tPO-Novelle aus dem Jahr 2002 weiterhin Lücken des chutzes der Informanten und des Redaktionsgeheimnis- es beim Beschlagnahme- und Durchsuchungsgebot, bei er Telekommunikationsüberwachung und auch im trafrechtlichen Bereich, weswegen die Reichweite der reistellung von Medienangehörigen sowohl von straf- echtlichen als auch von strafprozessualen Maßnahmen achjustiert werden sollte. Nicht zuletzt die aktuelle Diskussion bezüglich einer rneuten Verschärfung der Sicherheitsgesetze – Stich- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9663 (A) ) (B) ) worte hier sind: Onlinedurchsuchung, Vorratsdatenspei- cherung, Onlineabgleich von biometrischen Merkmalen etc. – macht deutlich, dass immer wieder um die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit – und zwar sowohl be- züglich der bürgerlichen Freiheiten wie auch der Medien- freiheiten – gerungen werden muss und dass diese Ba- lance zwischen Freiheit und Sicherheit immer wieder auch infrage gestellt wird. Ich stimme dem Innenminister aus Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, ausdrücklich zu in der Feststellung, dass durch die Ermöglichung von heim- lichen Onlinedurchsuchungen – im Unterschied zur offen durchzuführenden Hausdurchsuchung – nicht nur die In- timsphäre der Bürgerinnen und Bürger massivst verletzt wird, sondern zugleich auch die freie Recherche und Be- richterstattung der Medien infrage gestellt wird. Notwen- dig ist in einer demokratisch verfassten Gesellschaft auch in einer neuen Gefährdungssituation durch organisierte Kriminalität und Terrorismus eine verfassungskonforme Abwägung zwischen den notwendigen Mitteln der Terro- rismusbekämpfung und der Strafverfolgung auf der einen Seite und dem Grundrechteschutz und den Medienfreihei- ten auf der anderen Seite. Im parlamentarischen Verfahren befinden sich bereits ein Gesetzentwurf der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum „Schutz der Journalisten und der Pressefreiheit im Straf- und Strafprozessrecht“ (Bundestagsdrucksache 16/576) sowie ein Gesetzentwurf der Fraktion der FDP „zur Sicherung der Pressefreiheit“ (Bundestagsdrucksache 16/956). Beide Entwürfe sehen Änderungen im Strafrecht und im Strafprozessrecht vor, um die grundgesetzlich geschützte Pressefreiheit besser zu schützen. Zu beiden Gesetzent- würfen hat der federführende Rechtsausschuss im Okto- ber 2006 eine öffentliche Anhörung durchgeführt, welche gegenwärtig ausgewertet wird. Vermutlich bereits in der nächsten Sitzungswoche im Mai wird der Deutsche Bun- destag den Gesetzentwurf der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen in zweiter bzw. dritter Lesung abschließend beraten. Das Bundeskabinett hat in der vergangenen Woche ei- nen Gesetzentwurf beschlossen, der die Telekommuni- kationsüberwachung und andere verdeckte Ermittlungs- maßnahmen im Strafverfahren neu regeln soll. Mit dieser Neuregelung soll – so das Ziel des Gesetzentwur- fes – der Rechtsschutz der Betroffenen verbessert und den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts, das einen gesetzlichen Schutz des Kernbereichs privater Lebens- gestaltung bei Telekommunikationsüberwachungsmaß- nahmen gefordert hat, Rechnung getragen werden. Ent- halten sind in diesem Paket ebenfalls die Regelungen zur Umsetzung aus dem Übereinkommen des Europarats über Computerkriminalität und der europäischen Richtli- nie zur sogenannten Vorratsdatenspeicherung. Für die Medienpolitiker der SPD-Bundestagsfraktion möchte ich in aller Deutlichkeit feststellen, dass wir an diesem Gesetzespaket noch erheblichen Änderungs- und Überarbeitungsbedarf sehen. Dies gilt vor allem für die vorgesehene Neuordnung der Zeugnisverweigerungs- rechte und die damit einhergehende Relativierung der Zeugnisverweigerungsrechte und des Informantenschut- zes für Journalisten und Medienvertreter. In diesem Kontext zu erwähnen ist außerdem das gegenwärtig in d w l s o a w d d F Z d d – te ti n g r A V a n M s z c e s S D s b N f t R s a s a U a i w w s A t o d S e m r w s V h (C (D en Ausschüssen beratene Zollfahndungsdienstgesetz, elches in § 23 a Abs. 5 mit einer wortgleichen Formu- ierung diese Änderung bereits vorwegnimmt. Ange- ichts des nun vorliegenden Gesetzentwurfes zur Neu- rdnung der Telekommunikationsüberwachung und nderer verdeckter Ermittlungsmaßnahmen, der gegen- ärtig im Bundesrat beraten und dem Deutschen Bun- estag vermutlich vor der Sommerpause zugeleitet wer- en wird, bleiben aus Sicht der Medienpolitiker meiner raktion mit Blick auf den Grundrechteschutz erhebliche weifel und massive – auch verfassungsrechtliche – Be- enken bestehen. Hier muss der Gesetzentwurf der Bun- esregierung grundlegend überarbeitet werden. Diskutiert werden muss insgesamt auch noch einmal zunächst unabhängig von den Zeugnisverweigerungsrech- n – die vorgesehenen Neuordnung der Telekommunika- onsüberwachung. Telekommunikationsüberwachungsmaß- ahmen und andere verdeckte Ermittlungsmaßnahmen reifen besonders intensiv in die Grundrechte der Bürge- innen und Bürger wie auch in die Medienfreiheiten ein. us diesem Grund müssen für ihre Zulässigkeit strenge oraussetzungen gelten und der Rechtsschutz wirksam usgestaltet sein. Auch hier bleibt der Gesetzentwurf och viele Antworten schuldig, und auch hier sehen die edienpolitiker meiner Fraktion noch deutlichen Ab- timmungsbedarf. Gleiches gilt hinsichtlich der Umset- ung der Vorgaben der Richtlinie zur Vorratsdatenspei- herung. Zwar ist es richtig, dass sich der Gesetzentwurf ng an die Vorgaben hält, die der Deutsche Bundestag be- chlossen hat. Entsprechend diesen Vorgaben soll die peicherungsfrist auf sechs Monate begrenzt, und dürfen aten, die über den Inhalt einer Kommunikation Auf- chluss geben, nicht gespeichert werden. Dennoch blei- en aber nach wie vor massive Bedenken hinsichtlich der otwendigkeit und Verhältnismäßigkeit einer solchen lächendeckenden Speicherung von Telekommunika- ionsdaten auf Vorrat wie auch bezüglich der gewählten echtsgrundlage bestehen. Der Deutsche Bundestag ollte daher die Verabschiedung des Gesetzes so lange ussetzen, bis die Frage der Rechtmäßigkeit vom Europäi- chen Gerichtshof abschließend geklärt ist. Darüber hin- us hat der Deutsche Bundestag in seinem Beschluss zur msetzung der Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung uch klargestellt, dass bei der Anwendung der Richtlinie nsbesondere auch die Berufsgeheimnisse – beispiels- eise die bereits mehrfach angesprochenen Zeugnisver- eigerungsrechte von Journalistinnen und Journalisten owie der Informantenschutz – gewahrt bleiben müssen. us diesem Grund müssen die Vorgaben zur Vorratsda- enspeicherung auch hier im Zusammenhang mit der Neu- rdnung der Zeugnisverweigerungsrechte diskutiert wer- en. Lassen Sie mich abschließend feststellen, dass wir aus icht unserer Arbeitsgruppe Kultur und Medien noch rheblichen Diskussions- und Korrekturbedarf im parla- entarischen Verfahren zum Gesetzentwurf der Bundes- egierung zur Neuordnung der Telekommunikationsüber- achung und anderer verdeckter Ermittlungsmaßnahmen owie zur Umsetzung der Vorgaben der Richtlinie zur orratsdatenspeicherung – und in diesem Zusammen- ang auch zum Zollfahndungsdienstgesetz, in dem in 9664 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) § 23 a Abs. 5 diese Formulierung wortgleich vorwegge- nommen ist – anmelden. Dieser Beratungsbedarf ergibt sich insbesondere aus der vorgesehenen Neufassung des § 53 b und der sich hieraus ergebenden Relativierung der Zeugnisverweigerungsrechte und des Informantenschut- zes sowie im Zusammenhang mit der Umsetzung der Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung. Notwendig ist darüber hinaus eine Neufassung der §§ 97 und 98 StPO, um diese inhaltlich an die veränderten Gegebenheiten der Medien anzupassen. Die Fraktionen Bündnis 90/Die Grünen und FDP ha- ben in ihren Gesetzentwürfen Regelungen vorgeschla- gen, die einen besseren Schutz der Pressefreiheit sicher- stellen sollen und die durchaus in die richtige Richtung weisen. Es wäre gut, wenn sich die Medienpolitiker über Fraktionsgrenzen hinweg für eine deutliche Verbesse- rung des Schutzes der Journalistinnen und Journalisten, der Pressefreiheit wie auch des Informantenschutzes bei den Beratungen des Gesetzentwurfes zur Neuordnung der Telekommunikationsüberwachung und anderer ver- deckter Ermittlungsmaßnahmen und zur Umsetzung der Vorgaben der Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung so- wie zum Zollfahndungsdienstgesetz stark machen könn- ten! Christoph Pries (SPD): Ich denke, wir alle hier im Hause sind uns einig, dass die in Art. 5 des Grundgeset- zes verankerte Pressefreiheit ein hohes, ein schützens- wertes Gut ist. Die Pressefreiheit wird – betrachtet man ihre histori- sche Entwicklung – als Schutzinstrument gegen staatli- che Eingriffe verstanden und ist somit Wesensmerkmal und gleichwohl konstituierend für unsere Demokratie. Dass es bei der Ausübung der Pressefreiheit gelegent- lich zu Überschneidungen zwischen dem Informations- bedürfnis der Öffentlichkeit auf der einen und dem Inte- resse der staatlichen Organe auf der anderen Seite kommt, liegt auf der Hand. Wenn aufgrund dieses Konfliktpotenzials Deutsch- land im weltweiten Pressefreiheitsranking der „Reporter ohne Grenzen“ im vergangenen Jahr von Platz 18 auf Platz 23 der Liste zurückgefallen ist, so sollte man sich die Gründe auch genau anschauen. Ein Beleg für die Behauptung der Antragsteller, dass – Zitat –: „die Pressefreiheit in der Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen Jahren mehr und mehr eingeschränkt wurde“, lässt sich aber weder aus dem Ranking der „Reporter ohne Grenzen“ und schon gar nicht aus dem hier vorliegendem Antrag der Linksfrak- tion ableiten. Nicht zuletzt das Urteil des Bundesverfassungsge- richts vom 27. Februar im Fall des Magazins „Cicero“, sowie die Tatsache, dass Verstöße gegen die Pressefrei- heit eine breite – auch parlamentarische – Diskussion zur Folge hatten und haben, macht deutlich, dass die Mecha- nismen zum Schutz der Pressefreiheit hierzulande weit- gehend funktionieren. g r li ti L s F L w s E m s m r n F b P d S z p F s l D b k j Ä m l d D b l F E t d n t l D v m B (C (D Im Übrigen habe ich – mit Blick auf die Linksfraktion – ewisse Bedenken, was die Glaubwürdigkeit ihrer Forde- ungen bezüglich einer Ausweitung der Rechte für Journa- stinnen und Journalisten anbelangt: War es doch ihr Frak- onsvorsitzender und Mitunterzeichner des Antrages, Herr afontaine, der seinerzeit eine Änderung des saarländi- chen Presserechts durchsetzte. Diese Änderung hatte zur olge, dass Redaktionen, die in den Augen von Herrn afontaine „Schweinejournalismus“ betrieben, verboten urde, Gegendarstellungen zu kommentieren. Das Bundesverfassungsgericht musste später dafür orgen, dass die Pressefreiheit auch im Saarland wieder inzug hielt. Sicherlich wird jeder hier den Antragstellern zustim- en, dass die Pressefreiheit im politischen und juristi- chen Rahmen verteidigt und gewährleistet werden uss, doch habe ich erhebliche Schwierigkeiten mit ih- er Vorstellung davon, wie die Rechte der Journalistin- en und Journalisten zusätzlich auszubauen seien. Da wird ein wenig in der ausländischen – in diesem all in der französischen – Arbeitsgesetzgebung gestö- ert und flugs auf Grundlage vermeintlich geeigneter assagen ein Antrag formuliert, französisches Recht in eutsches Recht zu übertragen. Ich denke, damit machen ie es sich zu einfach. Dies gilt erst recht vor dem Hintergrund, dass es, ich itiere aus dem von ihnen angeführten Bericht der „Re- orter ohne Grenzen“, in den USA, in Japan und in rankreich zu einer alarmierenden Aushöhlung der Pres- efreiheit gekommen ist. Davon kann hierzulande ja wohl kaum die Rede sein. Die Antragsteller fordern eine Abfindung für Journa- istinnen und Journalisten für quasi jede Gelegenheit. abei übersehen Sie allerdings, dass im deutschen Ar- eitsrecht – bis auf wenige Ausnahmen – grundsätzlich ein Anspruch auf Abfindung vorgesehen ist. Bereits etzt steht es allerdings jedem Journalisten frei, bei einer nderung der politischen Orientierung des Verlages ge- äß § 9 und 10 des Kündigungsschutzgesetzes ein Auf- ösungsurteil des Arbeitsgerichts wegen Unzumutbarkeit er Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses anzustreben. as Gericht kann auf Antrag des Arbeitnehmers das Ar- eitsverhältnis aufzulösen und den Arbeitgeber zur Zah- ung einer angemessenen Abfindung verurteilen. Auch treten Sie dafür ein, dass eine Abfindung in dem all zu zahlen ist, falls eine Kündigung aufgrund einer instellung des Betriebes, eines Verlages oder einer Zei- ung oder der Zeitschrift erfolgt. Seit dem 1. Januar 2004 bedarf die Kündigung durch en Arbeitgeber in Betrieben mit mehr als zehn Arbeit- ehmern eines rechtfertigenden Grundes, da sie ansons- en unwirksam ist. Einen Kündigungsgrund im Hinblick auf die Einstel- ung des Betriebes aufgrund eines Verkaufs gibt es in eutschland nicht. Bei einem Betriebsübergang gehen ielmehr gemäß § 613 a BGB die Arbeitsverhältnisse it allen Rechten und Pflichten auf den Erwerber des etriebes über. Ausdrücklich geregelt ist das Kündi- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9665 (A) ) (B) ) gungsverbot, wonach eine Kündigung wegen Betriebsü- bergangs grundsätzlich unwirksam ist. Wieso, sehr geehrte Damen und Herren von der Frak- tion Die Linke, wünschen Sie eine Abfindungsregelung für einen Kündigungsfall, der nach geltendem Recht in Deutschland gar nicht eintreten kann bzw. von vornhe- rein unwirksam ist? Grundsätzlich obliegt es den Leserinnen und Lesern, eine Neuorientierung des Charakters einer Zeitung zu beurteilen. Die Leserinnen und Leser entscheiden durch Kauf oder Nichtkauf, ob und wie sich neue Besitzver- hältnisse auf die journalistische Qualität einer Zeitung ausgewirkt haben. Ob es uns gefällt oder nicht: Bei einem Verlag handelt es sich nicht um ein öffentliches Gut, sondern um ein Anlageobjekt, welches unter anderem dazu dient, Geld zu verdienen. Sowohl bei der Übernahme der Berliner Zeitung durch Gruner + Jahr 1992, als auch bei der letztendlich untersagten Übernahme des Verlages durch die Verlags- gruppe Holtzbrinck im Jahre 2002 waren unternehmeri- sche und nicht journalistische Beweggründe ausschlag- gebend für das jeweilige Engagement. Warum Sie es erwähnenswert finden, dass auch 2005 bei der Übernahme des Berliner Verlages durch die Fi- nanzgruppe um David Montgomery unstrittig finanzielle Interessen im Vordergrund standen, ist mir ein Rätsel. Im Fall der Berliner Zeitung hat jedoch durch die Über- nahme weder die journalistische Qualität des Blattes noch haben die Arbeitnehmer gelitten. Im Gegenteil: Die Vereinbarungen, die zwischen den neuen Eigentümern auf der einen und den Vertretern von Konzernbetriebsrat, Verdi und DJV, auf der anderen Seite erzielt wurden, können sich sehen lassen. So ist der ausgehandelte Tarifvertrag bundesweit der einzige, der einem Betriebsrat in einem Medienunter- nehmen Informationsrechte in wirtschaftlichen Angele- genheiten und Personalplanung zugesteht. Darüber hi- naus wurden Vereinbarungen zur Altersteilzeit sowie beschäftigungssichernde Regelungen zur Weiterbeschäf- tigung bei Umsetzungen getroffen. Sicherlich müssen wir Engagements von Finanzin- vestoren, gerade wenn sie nicht aus dem Pressebereich kommen, genauestens beobachten. Gerade die beispielhaft angeführten Geschehnisse um den Verkauf des Berliner Verlages zeigen jedoch, dass die von den Antragstellern angestrebte Ausweitung des deutschen Arbeitsrechts nicht nur juristisch zweifelhaft, sondern darüber hinaus unnötig ist. Christoph Waitz (FDP): In der jüngsten Vergangen- heit gab es massive Angriffe auf das Grundrecht der Pressefreiheit in Deutschland. Ich erinnere an die Bespit- zelungen von Journalisten durch den Bundesnachrich- tendienst. Ich erinnere an die Durchsuchung der Redak- tion der Zeitschrift „Cicero“ sowie der Wohnung des recherchierenden Journalisten hier in Berlin. Seit der „Spiegel“-Affäre im Jahr 1962 hat es keine vergleichba- r f L f m „ 2 U r i v m s u t d w n w J n s s e B V k D d (C (D en Angriffe durch Ermittlungsbehörden auf die Presse- reiheit in der Bundesrepublik Deutschland gegeben. Es ist daher auch nicht zu beanstanden, wenn die inksfraktion in ihrem Antrag die Bundesregierung auf- ordert, die Pressefreiheit zu gewährleisten. Das ist nicht ehr als eine Selbstverständlichkeit. Denn in dem Cicero“-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 7. Februar 2007 erklärt das Gericht – ich zitiere das rteil, weil es prägnanter und kürzer nicht zu formulie- en ist –: Die Freiheit der Medien ist konstituierend für die freiheitliche demokratische Grundordnung (vgl. BVerfGE 7, 198 <208>; 77, 65 <74>; stRspr). Eine freie Presse und ein freier Rundfunk sind daher von besonderer Bedeutung für den freiheitlichen Staat (vgl. BVerfGE 20, 162 <174>; 50, 234 <239 f.>; 77, 65 <74>). Dementsprechend gewährleistet Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG den im Bereich von Presse und Rundfunk tätigen Personen und Organisationen Freiheitsrechte und schützt darüber hinaus in seiner objektiv-rechtlichen Bedeutung auch die institutio- nelle Eigenständigkeit der Presse und des Rund- funks (vgl.BVerfGE 10, 118 <121>; 66, 116 <133>; 77, 65 <74 ff.> ). Die Gewährleistungsbereiche der Presse- und Rundfunkfreiheit schließen diejenigen Voraussetzungen und Hilfstätigkeiten mit ein, ohne welche die Medien ihre Funktion nicht in angemes- sener Weise erfüllen können. Geschützt sind na- mentlich die Geheimhaltung der Informationsquel- len und das Vertrauensverhältnis zwischen Presse beziehungsweise Rundfunk und den Informanten (vgl. BVerfGE 100, 313 <365> m. w. N.). Dieser Schutz ist unentbehrlich, weil die Presse auf private Mitteilungen nicht verzichten kann, diese Informa- tionsquelle aber nur dann ergiebig fließt, wenn sich der Informant grundsätzlich auf die Wahrung des Redaktionsgeheimnisses verlassen kann (vgl.BVerfGE 20, 162 <176, 187>; 36, 193 <204>). Dieses Zeugnisverweigerungsrecht von Journalisten st das Rückgrat der journalistischen Arbeit. Informanten ertrauen Journalisten in einer geschützten Sphäre Infor- ationen an, die es den Medien ermöglichen, auf Miss- tände in unserer Gesellschaft hinzuweisen oder Mängel nd Rechtsverletzungen durch Maßnahmen der Exeku- ive aufzudecken. Dieses Zeugnisverweigerungsrecht urch Maßnahmen der Geheimdienste und der Staatsan- altschaft untergraben zu lassen, können wir nicht hin- ehmen, auch dann nicht, wenn sie in bester Absicht, ie zum Beispiel zur Terrorbekämpfung, geschehen. ournalisten müssen weiterhin umfassenden Schutz ge- ießen; das ist essenziell für unsere freiheitliche Gesell- chaft. Wie Sie wissen, hat die FDP-Fraktion daher das Ge- etz zur Sicherung der Pressefreiheit in den Bundestag ingebracht. Auch nach der zitierten Entscheidung des undesverfassungsgerichtes müssen wir schnell zu einer erabschiedung dieses Gesetzes kommen. Wir brauchen lare Regelungen über die Grenzen der Beschlagnahme, urchsuchung, Telekommunikationsüberwachung und er Ermittlung wegen des Verdachts der Beihilfe zum 9666 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) Geheimnisverrat. Das Bundesverfassungsgericht kann nicht die heißen Kohlen für den Gesetzgeber aus dem Feuer holen. Dies ist unsere Aufgabe. Dafür sind wir von den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes gewählt worden. Ich bitte Sie daher um Unterstützung unseres Gesetzentwurfes. Leider formuliert die Linke in ihrem Antrag weitere For- derungen im Zusammenhang mit der Übernahme des Ber- liner Verlages durch den britischen Investor Montgomery. Diese Forderungen gehen an den eigentlichen Proble- men vorbei. In ihrem Antrag prangern sie die Gewinn- maximierungsabsichten des Unternehmenskäufers und Kündigungen nach der strategischen Neuausrichtung des Berliner Verlages an. Der Bezug auf Heuschrecken fehlt in ihrem Antrag natürlich auch nicht. Ich frage Sie: Was hätte es für den Berliner Zeitungs- markt bedeutet, wenn die möglicherweise wichtigsten zwei Tageszeitungen der Hauptstadt in der Hand nur ei- ner Verlagsgruppe verblieben wären? Was wären Ihrer Auffassung nach die Auswirkungen auf die Medienplu- ralität gewesen? Glauben Sie wirklich, dass bei einer Zu- sammenlegung der Redaktionen von „Tagesspiegel“ und „Berliner Zeitung“ keine Kündigungen erfolgt wären? Mit der Veräußerung des Berliner Verlages durch die Holtzbrink-Gruppe an eine Investorengruppe um Herrn Montgomery ist vielmehr die Basis dafür geschaffen worden, eine zusätzliche journalistische Stimme für Ber- lin zu erhalten. Bei einer Neuausrichtung eines Verlags- hauses ist es nicht ungewöhnlich, dass personelle Verän- derungen erfolgen und Chefredakteure ausgetauscht werden. Damit wird die Pressefreiheit in Deutschland nicht aus den Angeln gehoben. Eines hat der neue Eigentümer mit seinem Engage- ment bei der „Berliner Zeitung“, aber auch bei der „Hamburger Morgenpost“ deutlich gemacht: Er plant ein langfristiges Engagement im deutschen Zeitungsmarkt. Eine Filetierung der Verlage oder ein Verkauf beider Verlagshäuser ist nicht in Sicht. Und letzten Endes muss der Eigentümer eines Verlagshauses auch das Recht ha- ben, dieses zu verkaufen, wenn dies im Einklang mit wettbewerbs- und kartellrechtlichen Vorschriften ge- schieht. Alles andere wäre eine grobe Verletzung unseres Grundgesetzes, nämlich des Eigentumsrechts nach Art. 14 GG. Deutschland hat zum Erhalt der Medienvielfalt ein besonders ausgefeiltes System zur Kontrolle der Mei- nungsmacht und Marktdominanz. Diese Regelungen ha- ben im Fall Berliner Verlag, einem Sachverhalt aus dem Printmarkt, gut gegriffen. Ich möchte an dieser Stelle aber noch einmal an die besonderen Probleme der crossmedialen Medienfusion erinnern. Wie sich im Zusammenhang mit den Untersa- gung der geplanten Übernahme von Pro 7/Sat1 durch den Springer-Verlag ergeben hat, ist eine Übernahme im Heimatmarkt für deutsche Medienunternehmen zu ei- nem kaum kalkulierbaren Risiko geworden. Wer deut- sche Beteiligungen im nationalen Medienstandort stär- ken will, der muss deshalb über Klarstellungen der Kriterien „vorherrschende Meinungsmacht und marktbe- h d v b m g a l n r a t k g w d l t l H M R n h t g g v v u a a z I J s D t i i d g d g d h i l t U u u v (C (D errschende Stellung“ nachdenken. Solange Medien aus em Print- und Fernsehbereich zur Berechnung einer orherrschenden Meinungsmacht in nicht nachvollzieh- arer Weise zusammengerechnet werden, darf sich nie- and darüber beschweren, dass bei großen Beteili- ungsverkäufen auf dem deutschen Medienmarkt usländische Unternehmen das Rennen machen. Jan Korte (DIE LINKE): Das Berufsbild des Journa- isten fasziniert nach wie vor viele junge Menschen nicht ur in diesem Lande. Viele engagieren sich bereits wäh- end der Schulzeit bei sogenannten Schülerzeitungen, ndere entscheiden sich bewusst für Praktika in Zei- ungs- oder Hörfunkredaktionen, um einen ersten kon- reten Einblick in den Journalismus zu bekommen. Un- ebrochen ist seit Jahrzehnten der Ansturm auf die enigen Studienplätze in Journalistikstudiengängen an eutschen Universitäten oder Journalistenschulen. Dem Wunsch, Journalist oder Journalistin zu werden, iegt vor allem zu Grunde, gesellschaftliche Verantwor- ung zu übernehmen, sich einzubringen und gesellschaft- iche Verhältnisse abzubilden oder gar zu verändern. ierfür gehen Journalistinnen und Journalisten manches al hohe Risiken ein. Und ohne dieses Eingehen von isiken wären beispielsweise die wahren Bilder des Viet- amkrieges nie nach Europa oder in die USA gedrungen, ätte die Welt nicht miterleben können, wie rechte Mili- aristen und Putschisten um Pinochet die demokratisch ewählte Regierung von Salvador Allende blutig nieder- eschossen haben. Ohne den Einsatz und die Recherchen on Journalisten wäre aber auch eine breite Abbildung on gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland nvorstellbar und der Wert einer Gesellschaft ein ganz nderer. Aus diesen und vielen weiteren Gründen ist deshalb ber auch immer versucht worden, die Pressefreiheit ein- uschränken, die Arbeit von Journalisten zu behindern. n Lateinamerika und Afrika, aber auch in Europa stehen ournalisten auf Todeslisten und fallen gewaltsamen taatlichen oder terroristischen Anschlägen zum Opfer. as letzte prominente Opfer war die russische Journalis- in Politkowskaja. So wundert es denn auch nicht, dass der Journalismus n den westlichen Demokratien auch als vierte Gewalt m Staate bezeichnet wird. Dieser Umstand ergibt sich in er Bundesrepublik Deutschland auch Art. 5 des Grund- esetzes. Dieser stellt die Arbeit von Journalisten und ie Pressefreiheit im Besonderen unter Schutz. Diesen eschützten Raum gilt es zu verteidigen. Doch auch in der Bundesrepublik Deutschland ist in en vergangenen Jahren mehr und mehr die Pressefrei- eit eingeschränkt worden. Zusammenfassend wird dies m aktuellen Bericht der Reporter ohne Grenzen deut- ich. Demnach ist die Bundesrepublik bei dem weltwei- en Ranking von Platz 18 auf Platz 23 zurückgefallen. rsachen hierfür sind die Überwachung von Journalisten nd Redaktionen durch bundesdeutsche Geheimdienste nd die Durchsuchung von Redaktionsräumen oder Pri- atwohnungen von Journalisten. Demnächst wird diese Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9667 (A) ) (B) ) Situation durch die geplante Onlinedurchsuchung oder die Vorratsdatenspeicherung weiter verschärft werden. Die Linke kritisiert nicht nur diese Entwicklungen, sondern stellt sich dieser entschieden entgegen. Unserer Meinung nach muss das hohe Gut der Pressefreiheit nach Art. 5 des Grundgesetzes im politischen und juristischen Rahmen weiter verteidigt und gewährleistet werden. Auch deshalb haben wir heute diesen Antrag zur Debatte ge- stellt. Damit wollen wir erreichen, dass der Bundestag die Bundesregierung auffordert, dafür Sorge zu tragen, dass Journalisten ungehindert und ohne Überwachung ihrem öffentlichen Auftrag, der Berichterstattung, nach- gehen können. Journalistinnen und Journalisten werden aber nicht nur durch staatliche Eingriffe und Gewalt an ihrer Tätigkeit gehindert. Auch wirtschaftlich wird der Journalismus im- mer mehr zu einem Spielball im wirtschaftlichen – auch globalisierten – Wettbewerb. Zwei Beispiele: Erstens. 2005 verkaufte der Holtzbrinck-Verlag den Berliner Verlag an eine Gruppe um den britischen Investor Montgomery. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der „Berliner Zeitung“, des Stadtmagazins „TIP“ und des „Berliner Kuriers“ wehrten sich intern und öffentlich gegen den Verkauf mit der Begründung, dass Montgomery den Ver- lag aus Gewinnmaximierungsgründen und nicht aus journalistischen Beweggründen erwerben wolle. Die Einschätzung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hat sich bewahrheitet. Kritiker des Briten, wie der ehemalige Chefredakteur Uwe Vorkötter, verließen die „Berliner Zeitung“ Zweitens. Im Januar 2007 drückte der Verleger der „Münsterschen Zeitung“ eine komplette Lokalredaktion ins Aus. Erst ließ er sie in ein zugiges Druckhaus umzie- hen, in dem freie Mitarbeiter ihre Artikel in ehemaligen Damenumkleidekabinen schreiben mussten. Kurz darauf wurden die gesamte Lokalredaktion, der Lokalsport und das Redaktionssekretariat vom „Dienst freigestellt“. Der Verleger hatte entschieden, die Erstellung des Lokalteils der Lokalredaktion zu entziehen und diese Aufgabe an eine Firma namens Media Service GmbH & Co. KG weiterzureichen. Ziel der Maßnahme war schlichte Kos- tenersparnis und – so wird gemutmaßt – eine politische „Neuausrichtung“ des Blattes. Verlage, Zeitungen wie Zeitschriften werden in der globalisierten Wirtschaftswelt immer mehr zum Ziel ge- winnmaximierender Interessen von Investoren. Die Heu- schreckendebatte im politischen Raum der Gesellschaft war Ausdruck dieser Analyse. Im Vordergrund des Inter- esses sogenannter Investoren liegen nicht mehr der jour- nalistische Gehalt einer Zeitung oder Zeitschrift, son- dern die Gewinne kapitalkräftiger Anteilseigner. Verlage werden aufgekauft, „saniert“, ausgesaugt, Mitarbeiterin- nen und Mitarbeiter entlassen, Gewinne von bis zu 20 Prozent werden aus dem Unternehmen rausgezogen und der Rest dann wieder auf den Markt geworfen. Da- bei zählen Inhalte und Artikel in Zeitungen und Zeit- schriften immer weniger, Anzeigenkunden indes immer mehr. Hierfür wird die Meinungsvielfalt in vielen Blät- tern aufgegeben, sogenannte Auftragsartikel im Sinne der – neuen – Besitzer, Anzeigenkunden und „stillen“ T L a H l l u e A I F u g u s e g v k n f a s g a d d g Z d o R A K a e n e l m J a t d d (C (D eilhaber veröffentlicht. Der geistige Mehrwert für den eser geht dabei gegen null, der Anspruch an gutem, ufklärerischen und kritischen Journalismus vor die unde. Der Schutz von Journalisten vor derartigen Entwick- ungen in Deutschland ist nach Meinung vieler Journa- isten und Journalistinnen und der Fraktion Die Linke nzureichend und muss ausgebaut werden. In anderen uropäischen Staaten ist der Schutz von journalistischer rbeit vor wirtschaftlichen und gewinnmaximierenden nteressen wesentlich höher. Der EU-Mitgliedstaat rankreich beispielsweise hat diesen Schutz ausgeweitet nd im französischen Arbeitsgesetzbuch für Kündigun- en von Journalisten nach dem Verkauf von Zeitungen nd Zeitschriften vorgesehen, dass Abfindungen, gemes- en an der geleisteten Arbeitszeit, gezahlt werden. In Art. L 761-5 und L 761-7 Arbeitsgesetzbuch heißt s – ich zitiere –: Die Abfindung wird auch im Falle der Kündigung eines Journalisten gezahlt, wenn die Kündigung be- gründet ist mit dem Verkauf der Zeitung oder Zeit- schrift, der Einstellung der Zeitung oder Zeitschrift oder wenn eine erhebliche Veränderung des Cha- rakters oder der Orientierung der Zeitung oder Zeit- schrift derart vorliegt, dass dies die Ehre, den Ruf oder die moralischen Belange des Journalisten be- schädigt. Die Franzosen haben es im Gegensatz zu Deutschland eschafft, den inhaltlichen und moralischen Anspruch on Journalisten zu formulieren und gesetzlich zu veran- ern. Denn die französische Gesellschaft weiß anschei- end sehr genau, was sie an dem hohen Gut der Presse- reiheit und journalistischer Arbeit hat. Und sie weiß uch, dass es dies zu verteidigen gilt und nicht aus- chließlich wirtschaftlichen Interessen zu opfern ist. Diesem Beispiel möchte die Fraktion Die Linke fol- en. Sie fordert die Bundesregierung in ihrem Antrag uf, dafür Sorge zu tragen, dass eine finanzielle Abfin- ung, gemessen an der geleisteten Arbeitszeit, bei Kün- igung eines Journalisten gezahlt wird, wenn diese auf- rund eines Verkaufs eines Verlages, einer Zeitung oder eitschrift an einen neuen Investor oder einer Änderung er politischen Orientierung des Verlages, der Zeitung der der Zeitschrift erfolgt. Außerdem fordern wir die egierung auf, dafür Sorge zu tragen, dass eine finanzielle bfindung, gemessen an der geleisteten Arbeitszeit, bei ündigung eines Journalisten gezahlt wird, wenn diese ufgrund einer Einstellung des Betriebes eines Verlages, iner Zeitung oder Zeitschrift oder durch Verkauf an einen euen Eigentümer oder eine neue Eigentümerin erfolgt. Wir sind der Meinung, dass eine solche Regelung ge- ignet ist, den Schutz der Pressefreiheit und der journa- istischen Tätigkeit auszubauen. Maxim Gorki hat ein- al über Journalisten gesagt: „Der Arzt und der ournalist haben etwas Gemeinsames: Der eine wie der ndere diagnostizieren und charakterisieren Krankhei- en.“ Wenn wir wollen, dass Journalisten auch weiterhin en Finger in Wunden legen können, dann müssen wir ie Pressefreiheit schützen und verhindern, dass sich 9668 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) diese noch mehr den gewinnmaximierenden Interessen von Finanzinvestoren und Börsenfonds unterordnen muss. Ich freue mich auf die Debatte und hoffe auf ihre Zu- stimmung. Grietje Bettin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wir beraten heute in erster Lesung einen Antrag der Fraktion Die Linke zur Stärkung der Pressefreiheit. Die Linke fordert darin nicht nur eine Änderung des Arbeitsrechts, sondern auch den Schutz von Journalistinnen und Jour- nalisten vor Überwachung. Letzteres hat durch den ver- gangene Woche im Kabinett verabschiedeten Gesetzent- wurf zur Vorratsdatenspeicherung an Brisanz gewonnen. Der Schäuble-Katalog und insbesondere der Gesetzent- wurf zur Vorratsdatenspeicherung und Telekommunika- tionsüberwachung betreffen insbesondere Journalistinnen und Journalisten. Durch die geplante Datenerfassung können staatliche Behörden im Bedarfsfall sämtliche Daten der elektronischen Kommunikation von Journalis- ten auswerten. Somit wäre ein zuverlässiger Informan- tenschutz nicht mehr gewährleistet. Journalisten jedoch bauen sich Informantennetzwerke mühsam auf – einem gläsernen Journalisten wäre das nicht mehr möglich. Ich sehe die Pressefreiheit durch die geplanten Schritte deut- lich gefährdet. Wir sollten uns daran erinnern, dass der Weg zur freien Presse in diesem Land schwer und steinig war. Im vergangenen Jahrhundert haben zwei Regime einen Überwachungsstaat installiert. Die Pressefreiheit war er- heblich eingeschränkt, wenn nicht gar abgeschafft. Ich gehöre zur jüngeren Generation, die diese Zeit nicht be- wusst miterlebt hat. Für mich und meine Generation ist es eine Selbstverständlichkeit, dass die Presse frei und ungehindert recherchieren und berichten kann. Ich möchte, dass dies auch so bleibt. Die Pressefreiheit ist ein kostbares und leicht verletzliches Gut, das wir hüten müssen. Die Pläne des Innenministers können dieser fra- gilen Freiheit enormen Schaden zufügen. Die Pressefrei- heit darf nicht vorschnell der Verbrechensbekämpfung geopfert werden. Kritischer Journalismus muss auch weiterhin möglich sein. Ein Klima der Angst in Redaktio- nen erstickt jedoch investigativen Journalismus im Kern. Wir Grünen haben – im Gegensatz zu den sehr vagen Forderung des vorliegenden Antrags – differenzierte Vorschläge unterbreitet, um entgegenzuwirken. Bereits Anfang des vergangenen Jahres haben wir als erste Bun- destagsfraktion einen Gesetzesentwurf zum Schutz von Journalistinnen und Journalisten in den Bundestag ein- gebracht. Journalisten sind immer wieder der Ermitt- lungspraxis von Strafverfolgungsbehörden ausgesetzt, die dazu geeignet sind, die Pressefreiheit zu gefährden. Zwar hat das Bundesverfassungsgericht mit seinem Ur- teil in der „Cicero“-Affäre die Pressefreiheit bereits ge- stärkt, es sind jedoch weitere Schritte erforderlich. Jour- nalisten, die Material von Informanten zugespielt bekommen, dürfen nicht kriminalisiert werden. Redak- teurinnen und Redakteure sollen straflos bleiben, wenn sie brisantes Material veröffentlichen. Mit unserem Ge- setzentwurf hätten wir Journalistinnen und Journalisten vor der erschreckend grundrechtswidrigen Ermittlungs- p s w G k i d D i g f K i G d w B i d w Ü d n S g i V g z t j i b s L v m s H m R w l s Z g a r w d n g A A s n h u s (C (D raxis von Polizei und Staatsanwaltschaft besser ge- chützt. Die Reformbedürftigkeit der Telekommunikationsüber- achung sehen auch wir Grüne, allerdings aus anderen ründen als die Bundesregierung: Die Anzahl der Tele- ommunikationsüberwachungen in Deutschland hat sich n den vergangenen Jahren vervielfacht. Um einen Ein- ruck davon zu bekommen, will ich einige Fakten nennen: ie Zahl der Fälle ist von 2 500 im Jahr 1999 auf 42 000 m vergangenen Jahr gestiegen. Jedes Mal wurde in das eschützte Grundrecht auf freie Telekommunikation, auf reien Telefonverkehr eingegriffen. Bei der gerichtlichen ontrolle der Telekommunikationsüberwachung gibt es n der Praxis gravierende Defizite. Auch mit unserem esetzentwurf zur Telekommunikationsüberwachung, en wir im März ins Parlament eingebracht haben, wollen ir Journalistinnen und Journalisten – wie auch andere erufsgeheimnisträger – umfassend vor Bespitzelung hrer Kommunikation schützen. Wir hoffen, dass die an- eren Fraktionen uns bei der Umsetzung unterstützen erden. Die Linke sieht die Pressefreiheit nicht nur durch berwachung der Journalistinnen und Journalisten, son- ern auch aufgrund materieller Ängste der Journalistin- en und Journalisten gefährdet. Auch wir beobachten die ituation auf dem Pressemarkt nicht ohne Sorge. Die an- espannte wirtschaftliche Lage der vergangenen Jahre st auch an den Medien nicht spurlos vorüber gegangen: erlage wurden übernommen, Redaktionen zusammen- elegt, Magazine gestrichen. Der Antrag der Linken be- ieht sich auf die Problematik bei Verkäufen und Be- riebsübergängen. Die Erfahrung der letzen Jahre zeigt edoch: In Deutschland ergeben sich die Schwierigkeiten n der Neuausrichtung von Zeitungsredaktionen bei blei- enden Eigentümerverhältnissen. Eine dezidierte politi- che Wertorientierung war in den bekannten und von der inken genannten Fällen nicht das Problem. Finanzin- estoren ist die politische Ausrichtung ihrer Unterneh- en oft gleichgültig. Viel gravierender sind die Ein- chnitte in einigen klassischen Verlagsunternehmen. ier sehen wir drastische Einschränkungen, die Zusam- enlegung redaktioneller Bereiche, Schließung lokaler edaktionen. Das hat aber nichts mit Verkäufen zu tun. Die Ausweitung von publizistisch begründeten Ab- ehrrechten vonseiten der Journalistinnen und Journa- isten lehnen wir generell sicherlich nicht ab. Der Vor- chlag der Linken schießt jedoch über das Ziel hinaus. um einen würde eine Abfindungsregelung bei Kündi- ung seitens der Journalistinnen und Journalisten eine rbeitsrechtliche Sonderstellung gegenüber anderen Be- ufsgruppen bedeuten. Gewiss: Medien sind kein Gut ie jedes andere, und Journalisten erfüllen eine beson- ere Aufgabe in unserem demokratischen System. Den- och halte ich einen Anspruch auf eine Art Entschädi- ung bei einer politischen Neuausrichtung des rbeitgebers für schwierig. Das wäre so, als würde eine bgeordnete oder ein Abgeordneter eine finanzielle Ent- chädigung von seiner Partei verlangen, wenn diese icht mehr seine oder ihre politischen Werte vertritt. Ich alte es für sinnvoller, vorzubeugen und die Redaktionen nabhängiger vom Eigentümer zu machen. Qualitäts- tandards in den Redaktionen wären ein guter Weg. Re- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9669 (A) ) (B) ) daktionsstatute können hierfür hilfreich sein. Zwar sind sie für Journalistinnen und Journalisten keine Lebens- versicherung, können aber Schutz vor Tendenzwillkür bieten. Hier sind die Länder aufgerufen, über eine Re- form der Landespressegesetze und einen Medienstaats- vertrag nachzudenken. Langfristig wäre über ein gesetz- geberisches Rahmenwerk nachzudenken, in dem vorhandene Normen und Kodizes aller medienrelevan- ten Branchen zu einem Bestandteil der Medienaufsicht zusammengefasst sind. Ich denke dabei vor allem an die Selbstkontrolle der Medien in Bezug auf publizistische Qualität. Es sollte darüber diskutiert werden, wie die „innere Pressefreiheit“ gestärkt werden kann. Lösungen für diese heikle Frage zu finden, ist nicht einfach. Vor allem als Po- litiker setzt man sich damit unmittelbar dem Vorwurf des Eingriffs in die Pressefreiheit aus. Es gibt jedoch in kei- nem anderen EU-Staat den Tendenzschutz – auch in Frankreich nicht. Und ich kann dort keine Einschrän- kung der Pressefreiheit feststellen. Journalisten müssen die Freiheit haben, sich in ihrer Arbeit allein an journa- listischen und ethischen Standards zu orientieren. Dann ist zumindest die Chance größer, trotz Finanzinvestoren und fusionierten Verlagshäusern vielfältige Meinungen zu erhalten. Die Vorschläge der Linken sind mir zu vage. Weder die Konsequenzen noch die Umsetzbarkeit der Forderungen scheinen bedacht. Wir lehnen den Antrag in der vorliegenden Form ab. Gert Winkelmeier (fraktionslos): „Die Presse muss die Freiheit haben, alles zu sagen, damit gewissen Leuten die Freiheit genommen wird, alles zu tun.“ Dies hat der französische Journalist und Politiker Louis Terrenoire Mitte des vergangenen Jahrhunderts sehr richtig erkannt. Und dies gilt eben auch und ganz besonders für die Politik. Deshalb ist es erschreckend, dass Deutschland im letzten Ranking der Reporter ohne Grenzen beim Kri- terium Pressefreiheit nur noch auf Rang 23 liegt, ge- meinsam mit Staaten wie Benin und Jamaika. In den Erläuterungen beziehen sich die Reporter ohne Grenzen auf die Bespitzelung von Journalisten, Redak- tions- und Hausdurchsuchungen, ein Verfahren wegen Geheimnisverrats und Morddrohungen. Zudem ist der Zugang zu Daten trotz des Informationsfreiheitsgesetzes kaum leichter geworden und kostet oft genug auch Geld. Es waren vornehmlich Journalistinnen und Journalis- ten, die sich vehement dafür eingesetzt haben, dass end- lich auch in Deutschland Informationsfreiheit herrscht. Dafür ist ihnen zu danken. In anderen Ländern ist Infor- mationsfreiheit schon seit Jahrzehnten oder gar Jahrhun- derten üblich. Inzwischen aber stellt sich heraus, dass manche Be- hörden entweder gar nichts von der Existenz dieses Ge- setzes wissen oder aber von seinen zahlreichen Ausnah- men Gebrauch machen. Sollten die gewünschten Informationen dann doch gewährt werden, kosten sie nicht selten richtig Geld. Hohe Gebühren treffen vor allem die vielen freien Journalistinnen und Journalisten, die oft sehr wenig Geld verdienen. Diese verzichten vermutlich dann eher auf d k M s t g v m h k g R R F J n n E d u s g r D 2 S d N h A i d C f j A E (C (D ie Zuarbeit aus den Behörden. Zudem mahlen die büro- ratischen Mühlen bekanntlich langsam, und welcher edienvertreter kann es sich in der schnelllebigen Zeit chon leisten, monatelang auf eine Information zu war- en? Rechte von Journalisten werden oft auch durch Verle- er eingeschränkt. So kritisierte die IG Medien bereits or Jahren, dass der Mittelrhein-Verlag das Unterneh- en Rhein-Zeitung in kleine lokale Betriebe zerschlagen at, um die Arbeit des Betriebsrates massiv behindern zu önnen. Leider musste das Bundesarbeitsgericht bestäti- en, dass die Beschäftigten der Einzelbetriebe kein echt auf einen Gesamtbetriebsrat beim Unternehmen hein-Zeitung haben. Der Verleger, für den sozialer rieden anscheinend ein Fremdwort ist, kann damit ournalisten einschüchtern und Betriebsangehörigen sei- en Willen aufzwingen. Schwer wiegt auch die staatliche Kontrolle, der Jour- alistinnen und Journalisten zunehmend ausgesetzt sind. rschreckend hierbei ist die Selbstverständlichkeit, mit er hochrangige Politiker diese Entwicklung hinnehmen. Wenn Minister Wolfgang Schäuble zu den Vorfällen m BKA und „Focus“ nur einfällt, dass dies vor Beginn einer Amtszeit gewesen sei und es deshalb nicht vorran- ige Aufgabe seines Hauses sei, die Umstände aufzuklä- en, zeugt das nicht gerade von freiheitlichem Denken. Aber es passt in das erschreckende Bild, das „Minister r. Wolfgang Maßlos“ – „Süddeutsche Zeitung“, 3. April 007 – derzeit mit seinen restriktiven Vorstellungen zur icherheitspolitik zeichnet. Ihm fehlt die kluge Einsicht es ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten von ordamerika Thomas Jefferson: „Wo Pressefreiheit errscht und jedermann lesen kann, da ist Sicherheit.“ uf den nahezu schon hysterischen Sicherheitswahn, der n diesem Land seit dem 11. September herrscht, treffen ann doch eher die Worte des französischen Philosophen laude Adrien Helvetius zu, der schon im 18. Jahrhundert ormulierte: „Die Presse wird umso mehr eingeschränkt, e kurzsichtiger die Ansichten des Ministers sind.“ nlage 12 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung: – Entwurf eines Ersten Gesetzes zur Ände- rung des Bundesnaturschutzgesetzes – Beschlussempfehlung und Bericht: Verstöße gegen FFH-Richtlinie umgehend abstellen – Beschlussempfehlung und Bericht: Natio- nale Biodiversitätsstrategie zügig vorlegen – Antrag: Allgemeine Grundsätze für den Naturschutz in Deutschland (Tagesordnungspunkt 21 a bis c und Zusatz- tagesordnungspunkt 6) Josef Göppel (CDU/CSU): Die Mitgliedstaaten der U haben sich bereits auf dem EU-Gipfel in Göteborg 9670 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) (2001) verpflichtet, den weiteren Verlust an biologischer Vielfalt bis zum Jahr 2010 zu stoppen („2010-Ziel“). Die EG-Vogelschutz- (1979) und die Fauna-Flora-Habitat- Richtlinie (1992) wurden von allen Mitgliedstaaten der EG bzw. EU einvernehmlich verabschiedet und sind zentrale, unverzichtbare Bausteine zum Schutz der bio- logischen Vielfalt, zur Umsetzung der Konvention über biologische Vielfalt (CBD, 1992) und zur Erreichung des „2010-Zieles“. Bis 2050 rechnen Fachleute mit einem weiteren Ver- lust der Artenvielfalt um 30 Prozent. Entscheidend ist, dass das Tempo des Artensterbens tausendmal höher ist als der „normale“ evolutionsbedingte Artenaustausch. Wenn wir die Datenbank der Erde weiter in diesem Tempo löschen, wird das auch wirtschaftlich nicht fol- genlos bleiben. Der Umsatz mit aus Pflanzen hergestell- ten Medikamenten liegt bei 500 Milliarden Dollar jähr- lich, die Tourismuseinnahmen bei 700 Milliarden Dollar. Es war daher richtig, dass Umweltminister Gabriel beim G-8-Umweltministertreffen vor einigen Tagen in Potsdam neben dem Klimaschutz den Schutz der Arten- vielfalt ganz oben auf die politische Agenda des deut- schen G-8-Vorsitzes gestellt hat. Sein Vorschlag, der angenommen wurde, analog zum Bericht des Weltbank- ökonomen Stern die Kosten des Artenverlustes weltweit zu beziffern, kann sicher nur ein Anfang sein, wird aber die Grundlage für eine ähnliche Debatte wie nach dem „Stern“-Bericht bieten. In diesem Zusammenhang darf auch darauf hingewie- sen werden, dass die Bundesregierung bei der Übertra- gung des Nationalen Naturerbes – Koalitionsvertrag: 80 000 bis 125 000 Hektar kostenlos an die Länder oder die DBU – jetzt bereits ein gutes Stück vorangekommen ist. Die Flächenkulisse von 100 000 Hektar – plus 25 000 Hektar Reserveflächen – inklusive des Grünen Bandes steht seit Januar 2007 fest, die Verhandlungen zwischen BMU, den Ländern, der DBU und der BIMA sind bereits weit gediehen. Das wird der größte Beitrag zum Schutz der Biodiversität, den je eine Bundesregie- rung erbracht hat! Frau Dr. Merkel hatte es bei ihrer Rede zum 100-jährigen Jubiläum des amtlichen Natur- schutzes vor einigen Monaten auf den Punkt gebracht: „Ein Geschenk in der Größenordnung von etwa zehn Nationalparks, das sich sehen lassen kann.“ Nun zur Umsetzung des FFH-Urteils. Das Bundeska- binett hat am 14. Februar 2007 dem Entwurf des Ersten Gesetzes zur Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes zur Umsetzung des Urteils des Europäischen Gerichts- hofes vom 10. Januar 2006 zugestimmt. In seinem Urteil vom 10. Januar 2006 hat der Europäische Gerichtshof festgestellt, dass die Bundesrepublik Deutschland die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Ge- meinschaft – unter Rot-Grün – nicht in allen Punkten hinreichend in nationales Recht umgesetzt hat. Der Gesetzentwurf beschränkt sich auf eine Eins-zu- eins-Umsetzung des Urteils. Im Wesentlichen umfasst der Gesetzentwurf folgende Regelungsinhalte: Der für die Frage der Erforderlichkeit einer Verträg- lichkeitsprüfung maßgebliche Projektbegriff wird in An- l n b I g s A r l R a c d s r M r j z t w R F A g g r s P B e H s n ö h B t d B e p w p d t d s d d b e (C (D ehnung an das UVP-Recht gefasst. Dabei wird künftig icht mehr zwischen Projekten innerhalb oder außerhalb esonderer Schutzgebiete unterschieden. Die Verträglichkeitsprüfung für nach dem Bundes- mmissionsschutzgesetz genehmigungsbedürftige Anla- en wird nicht mehr von vornherein auf den immissions- chutzrechtlich definierten Einwirkungsbereich der nlagen begrenzt. Damit werden diese Anlagen den üb- igen Projekten gleichgestellt. Im Gesetzesentwurf ist nun auch klar geregelt: Eine and- und forstwirtschaftliche Bodennutzung nach den egeln der guten fachlichen Praxis verstößt nicht gegen rtenschutzrechtliche Vorgaben. Die artenschutzrechtli- hen Verbotstatbestände werden in enger Anlehnung an ie entsprechenden Bestimmungen der FFH- und Vogel- chutzrichtlinie gefasst und eine vom Europäischen Ge- ichthofs gerügte Ausnahmeregelung wird aufgehoben. it den vorgesehenen Änderungen soll insbesondere er- eicht werden, dass entsprechend der FFH-Richtlinie ede Beschädigung oder Vernichtung der Fortpflan- ungs- und Ruhestätten von bestimmten Tierarten verbo- en ist, die im Anhang IV der FFH-Richtlinie aufgeführt erden. Im Hinblick auf die in Anhang IV der FFH- ichtlinie aufgeführten Tierarten wie beispielsweise den eldhamster sowie für europäische Vogelarten soll die usnahme der guten fachlichen Praxis allerdings nur elten, solange sich der Erhaltungszustand der jeweili- en lokalen Population nicht verschlechtert. Diese Spiel- äume erlauben im Bereich der Land- und Forstwirt- chaft eine auf den Erhaltungszustand der lokalen opulation bezogene und nicht rein individuenbezogene ewirtschaftung. Es muss aber auch klar gesagt werden: Das Abholzen ines einzelnen Höhlenbaumes in einem Wald voller öhlenbäume muss auch künftig ohne große wissen- chaftliche Untersuchungen möglich sein. Die traditio- elle Bewirtschaftung hat über Jahrhunderte zu hoher kologischer Qualität der Gebiete geführt. Deswegen alte ich es für wichtig, auch in Zukunft eine nachhaltige ewirtschaftung in der Land- und Forstwirtschaft wei- erzuführen. Zurückhaltend beurteile ich auch die Regelung, nach er die zuständigen Behörden der Länder erforderliche ewirtschaftungsvorgaben für die Land- und Forstwirte rlassen können, wenn diese nicht durch Artenschutz- rogramme oder vertragliche Vereinbarungen erreicht erden können. Ich halte aber den Gesetzentwurf insgesamt für einen ragmatischen Ansatz zur Umsetzung des FFH-Urteils, er beides erreicht: einen besseren Schutz der FFH-Ar- en gegenüber dem Status quo und die Sicherung der tra- itionellen Bewirtschaftung. Die vorliegende „Kleine Novelle“ des Bundesnatur- chutzgesetzes wurde in den letzten Wochen – auch in iesem Hause – leider oft mit grundsätzlichen Fragen es Naturschutzes und der FFH-Richtlinie vermischt. Die allgemeinen Akzeptanzprobleme der Richtlinien zw. des Schutzgebietsnetzes „Natura 2000“ müssen wir rnst nehmen. Sie resultieren vor allem aus mangelhafter Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9671 (A) ) (B) ) Kommunikation mit den Nutzern sowie der unzurei- chenden finanziellen Unterstützung der in den Gebieten erforderlichen Managementmaßnahmen. Viele Bei- spiele zeigen, dass Landnutzer und vor allem der Touris- mus von „Natura 2000“ erheblich profitieren können! Wir brauchen neben behördlichen Auflagen künftig mehr freiwillige Instrumente wie beispielsweise den Vertragsnaturschutz. Ich begrüße daher die Initiative des Umweltministers Dr. Christian von Boetticher, der angekündigt hat, dass „Natura 2000“-Netz in Schleswig-Holstein mit lokalen Bündnissen vor Ort zu sichern. Maßnahmen sind immer dann erfolgreich, wenn der Naturschutz sich vor Ort ständig und kooperativ mit den Landnutzern abstimmt. Die Landesregierung will die Bildung solcher regionalen Zusammenschlüsse aus Eigentümern, Landnutzern, Kommunen und Naturschützern fördern. Den Natur- schutz muss die ortsansässige Bevölkerung maßgeblich mitgestalten und mittragen. Dirk Becker (SPD): Der Naturschutz droht in Zeiten des Klimawandels gleich doppelt unter die Räder zu ge- raten: zum einen wegen der massiven Auswirkungen des Klimawandels auf den Naturhaushalt und im Besonde- ren durch den Verlust der biologischen Vielfalt, zum an- deren weil einige in der Klimadebatte sehr schnell der Versuchung erliegen könnten, diese ausschließlich auf den Schutz der Menschheit oder die ökonomischen Fol- gen zu begrenzen. Umso wichtiger ist ein effektives und wirkungsvolles Naturschutzrecht. Zu diesem Zweck beraten wir heute den Antrag der Bundesregierung zur Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes. Tatsache ist, dass der Europäische Gerichtshof im Ja- nuar des letzten Jahres festgestellt hat, dass das beste- hende Bundesnaturschutzgesetz in der Fassung von 2002 Regelungen der FFH-Richtlinie nicht ausreichend um- setzt. Mitverantwortlich für diese Regelungen waren un- ter anderem auch die Kolleginnen und Kollegen der Grü- nen. Sie sollten diesen Fakt nicht vergessen, wenn Sie nun an uns massive Forderungen richten, die von Ihnen mitzuverantwortenden Verstöße gegen die FFH-Richtli- nie umgehend abzustellen. Die Bundesregierung ist nach Auffassung der SPD- Bundestagsfraktion mit dem nun vorliegenden Entwurf zur Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes ihrer Verpflichtung verantwortungsvoll nachgekommen, in- dem sie das Urteil des Europäischen Gerichtshofes ent- sprechend umsetzt. Sämtliche Verstöße werden behoben und die Richtlinie vollständig und umfassend in nationa- les Recht umgesetzt. So werden der vom Europäischen Gerichtshof kriti- sierte Projektbegriff sowie die artenschutzrechtlichen Verbots- und Ausnahmebestimmungen europarechtskon- form formuliert. Dies ist im Sinne des Naturschutzes, der nun gestärkt aus der Novellierung des Bundesnatur- schutzgesetzes hervorgeht. L g P q F n S w k a t i Z c b d n b G z N z N u B w u w g r e f z n d d s f f B k s B w s s S c (C (D Striktere Regelungen, auch im Bereich der Forst- und andwirtschaft, garantieren den außerordentlich wichti- en Schutz der Artenvielfalt. Die Natur und ihre immense Vielfalt an Tier- und flanzenarten sind für uns Menschen nicht nur Lebens- ualität; auch ihre ökologischen und ökonomischen unktionen sind für uns und unsere nachfolgenden Ge- erationen von großem Wert. Wir nehmen unsere nationale Verantwortung für den chutz der Natur an dieser Stelle verantwortungsvoll ahr und handeln im Sinne eines effektiven und wir- ungsvollen Naturschutzes. Die Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes ist llerdings erst ein kleiner Schritt in die richtige Rich- ung. Weitergehende Regelungen müssen und werden mplementiert werden. Wir befinden uns zu diesem weck in einem intensiven Vorbereitungsprozess. Ziel ist es, mit der Schaffung eines Umweltgesetzbu- hes (UGB) die Grundlage für einen auch weiterhin am- itionierten Naturschutz zu schaffen und Grundsätze mit iesem Anspruch im UGB zu verankern, damit unsere atürlichen Lebensgrundlagen und die Ressourcen der iologischen Vielfalt geschützt und für nachfolgende enerationen erhalten bleiben. Lassen Sie mich an dieser Stelle einige Anmerkungen um Antrag der FDP „Allgemeine Grundsätze für den aturschutz in Deutschland“ machen. Ihre Vorschläge ielen auf eine immense Aufweichung des staatlichen aturschutzes ab. Sie setzen auf freiwillige Regelungen nd Vertragsnaturschutz, ohne Vollzugskompetenzen des undes. Dies findet unseren erklärten Widerstand und ird mit uns nicht zu machen sein. Ein wirkungsvoller Naturschutz bedarf stringenter nd einheitlicher Regelungen, für die wir entsprechend erben und eintreten. Dabei sind aber auch die Länder efordert, ihrer Verantwortung der Natur gegenüber ge- echt zu werden. Sie werden nun beweisen müssen, wie rnst sie es mit dem Naturschutz wirklich meinen. Da kommen bei mir in diesen Tagen allerdings Zwei- el auf, wenn ich mir die Stellungnahme des Bundesrates ur Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes an ei- igen Stellen anschaue. Ich fände es bedauerlich, wenn ie im Rahmen der Föderalismusreform geäußerten Be- enken bezüglich der Kompetenzverlagerung im Natur- chutz hin zu den Ländern so schnell ihre Bestätigung änden und damit Anlass gäben, über Sinn und Unsinn öderaler Kompetenzen oder gar Strukturen in diesem ereich öffentlich zu diskutieren. Änderungsanträge mit dem Ziel, striktere und wir- ungsvollere Regelungen im Naturschutz zu umgehen, prechen jedenfalls nicht für das naturschutzrechtliche ewusstsein einiger Landesregierungen. Umso bedeutsamer ist es, abschließend zu sagen, dass ir mit der nun vorliegenden Novelle des Bundesnatur- chutzgesetzes und der Vorbereitung für ein Umweltge- etzbuch bewusst den Naturschutz stärken, um so zum chutz der Natur und zur Erhaltung der unwiederbringli- hen biologischen Vielfalt beizutragen. 9672 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) Angelika Brunkhorst (FDP): Vier Wochen ist es her, das wir uns hier in einer Aktuellen Stunde schon einmal mit genau demselben Gesetzentwurf auseinander gesetzt haben. Bündnis 90/Die Grünen konnte es nicht abwarten, ihre „besondere Kompetenz“ in Sachen Natur- schutz noch einmal zu verdeutlichen – und für heute schon einmal vorzubauen; denn bereits am 28. März durften wir vernehmen, dass Ihnen, liebe Bündnisgrüne, die Schwäche des Bundesnaturschutzgesetzes von An- fang an bekannt war. Und obwohl Sie zu der Zeit selber in der Regierung saßen, konnten Sie sich nicht gegen den bösen Koalitionspartner durchsetzen. Auch sonst ka- men die Sozialdemokraten in Ihrer Rede nicht gut weg. Wir waren alle Zeugen, dafür hat Sie Staatssekretär Müller dann aber ganz schön abgewatscht. Das sollte reichen! Bezogen auf die Verhältnisse in der Regierungskoali- tion steuern wir aber vielleicht auf einen ähnlichen Zwist zu. Der Bundesrat hat in einer ausführlichen Debatte eine Stellungnahme zum Gesetzentwurf mit verschiede- nen Änderungen beschlossen. Diese Änderungen gehen vor allen Dingen auf unionsgeführte Länder zurück. Wenn die Bundesregierung bzw. das SPD-geführte Um- weltministerium diese Bedenken jetzt einfach beiseite wischt, ist der Knatsch vorprogrammiert. Nach der Föderalismusreform macht die Bundesre- gierung von ihrer abweichungsfesten Regelungskompe- tenz Gebrauch und lehnt die Änderungsanträge der Län- der barsch ab. Dabei weisen die Vorschläge des Bundesrates auf mögliche erneute Verstöße gegen EU- Recht hin. Vielleicht stehen wir dann ja in einem oder zwei Jahren wieder hier, und die einstigen Koalitions- partner beschimpfen sich gegenseitig. Auf eine solche Politik verzichten wir in Deutschland gern! Die FDP ist grundsätzlich den Änderungsformulie- rungen der Länder gegenüber aufgeschlossen. Sind sie es doch auch, die am besten wissen, welche Auswirkun- gen bei der praktischen Umsetzung zu erwarten sind. Am vorliegenden Gesetzesentwurf ist zu kritisieren, dass die Definition des Projektbegriffs nicht eindeutig ist. Anhand der dortigen Ausgestaltung kann nicht bestimmt werden, welche Vorhaben von dem Projektbegriff erfasst werden. Für die Naturschutzbehörden besteht die Gefahr eines ausufernden Verwaltungsaufwandes. Die Einschrän- kungen hinsichtlich der ordnungsgemäßen land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Nutzung scheinen hingegen nicht notwendig zu sein. Die Natur in Deutschland ist als Kulturlandschaft vom Menschen mitgestaltet. Es geht also auch um die Verantwortung für vom Menschen maßgeblich beein- flusste Naturzustände. Der Erhalt der Biodiversität, der Schutz gefährdeter Arten ist ein sehr hohes Ziel, dem auch die FDP alle Aufmerksamkeit widmet. Uns geht es darum, flexiblere und fallgerechtere Be- urteilung von Projekten und Bewirtschaftungen zu er- möglichen. Naturschutz muss mit der Nutzung Hand in Hand gehen, um so eine Verbesserung des Naturzustan- des zu erreichen. Der Naturschutz in Deutschland sollte deshalb zunächst und vordringlich auf freiwillige Maß- n w t z t v z l N B m s b e d w D W A n n m o R d B n u d r G s l m w h t v d w d b t A S 9 2 t I m d (C (D ahmen und auf den Vertragsnaturschutz setzen. Neueste issenschaftliche Studien belegen, dass mit dem Ver- ragsnaturschutz große Erfolge beim Artenschutz zu er- ielen sind. Gleichsam steigt die Akzeptanz für den Na- urschutz. In diesem Sinne unterstützen wir auch Pläne, anstelle on Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen direkte Ersatz- ahlungen zuzulassen. Wir sehen hier deutliche Mög- ichkeiten, gleichzeitig mehr Erfolg für den Schutz der atur zu erzielen sowie ein breiteres Verständnis in der evölkerung zu erreichen. Mit Blick auf den Antrag der Grünen möchte ich an- erken, dass es nicht darum gehen kann, die europäi- chen Vorgaben immer vorauseilend zu erfüllen. In An- etracht der Vielfalt der Landschaft in Deutschland ist ine dezidierte Vorgabe der Bewirtschaftungsregeln urch den Bund eine ungeheure Überregulierung und iderstrebt gleichzeitig dem Prinzip der Subsidiarität. abei gilt es auch, auf der Instrumentenebene einen ettbewerb von Lösungen zuzulassen. Wir lehnen Ihren ntrag zu FFH ab und werden uns Ihren Forderungen ach einer nationalen Biodiversitätsstrategie enthalten. Eine nationale Biodiversitätsstrategie ist nicht nur otwendig, sie wird auch kommen, das hat das BMU ehrfach angekündigt. Allerdings werden wir genau be- bachten, welches Ergebnis nach sechs Monaten EU- atspräsidentschaft vorliegt und wie die Vorbereitungen er Biodiversitätskonferenz verlaufen. Beim Schutz der iodiversität geht es uns vor allem um die Indienst- ahme von Naturnutzung für den Naturschutz und nicht m Verbote. Wir pochen auf eine verbesserte Umweltbil- ung und ein besseres Verständnis für die Natur und de- en Schutz. Lutz Heilmann (DIE LINKE): Mit dem vorliegenden esetzentwurf kommt zum 1. Mal die Abweichungsge- etzgebung zur Anwendung. Diese beschlossen Sie im etzten Jahr. Man könnte sagen: ein historischer Mo- ent. Mal schauen, wie die Reaktionen der Länder sein erden. Gestern wurde im Parlamentarischen Beirat für nach- altige Entwicklung der Indikatorenbericht zur Nachhal- igkeitsstrategie diskutiert. Der Indikator 5 ist „Arten- ielfalt und Landschaftsqualität“. Das Ziel für 2015 ist, en Zustand von 1975 wieder zu erreichen. Davon sind ir meilenweit entfernt. Es hat keine Verbesserung, son- ern eine Verschlechterung bei der Artenvielfalt gege- en. Dass zeigen auch die Roten Listen und die EU-Mit- eilung zum Verlust der biologischen Vielfalt. Besondere Anstrengungen der Bundesregierung im rtenschutz sind nirgends zu erkennen. Das einzige, was ie derzeit vorantreiben, ist die Vorbereitung der . Vertragstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention 008 in Bonn. Dort wollen Sie die nationale Biodiversi- ätsstrategie präsentieren und sich dafür feiern lassen. ch sage Ihnen: So billig lassen wir Sie nicht davonkom- en! Papier ist geduldig. Für die gefährdeten Arten ist Ge- uld aber das falsche Rezept. Hier ist entschlossenes Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9673 (A) ) (B) ) Handeln gefragt. Der zweite Teil des IPCC-Berichts zeigt, dass selbst bei einer Erderwärmung um etwa 2 Grad bis zu 30 Prozent aller Arten vom Aussterben be- droht sind. Derzeit arbeiten Sie angestrengt an einem Umweltge- setzbuch. Darin enthalten ist die große Novelle des Bun- desnaturschutzgesetzes. Ich frage Sie; Wie soll diese aussehen? Wenn ich mir die kleine Novelle ansehe, graut es mir. Ihr Ziel ist es offenbar, den Naturschutz abzuser- vieren. Ob das Umweltgesetzbuch den Umweltschutz voran- treibt, da habe ich erhebliche Zweifel. Sie waren es, die den Landesfürsten die Abweichungsrechte gegeben ha- ben. Machen Sie anspruchsvolle Gesetze, weichen die Länder ab. Deshalb gehen Sie gleich in den Ansprüchen zurück. Genau das zeigt der vorliegende Gesetzentwurf. Obwohl Sie sich über ein Jahr für diese Gesetzesän- derung Zeit ließen, enttäuscht das Ergebnis. Schlimmer noch: In vielen Regelungen versuchen Sie erneut, das EU-Recht auszuhebeln. Ein erneutes Vertragsverlet- zungsverfahren wird kommen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Doch nun einige Punkte, bei denen Sie Probleme mit der EU-Kommission bekommen: Erstens untersagt die FFH-Richtlinie nicht nur eine erhebliche, sondern grundsätzlich jede Störung streng geschützter Arten. Zweitens begrenzen Sie das Verbot der Störung unter anderem auf Fortpflanzungszeiten. Der EuGH hingegen hat schon mehrfach klargestellt, dass regelmäßig ge- nutzte Fortpflanzungsstätten auch dann zu schützen sind, wenn sie gerade nicht genutzt werden. Drittens wird eine erhebliche Störung dadurch defi- niert, dass sich der Erhaltungszustand der lokalen Popu- lation verschlechtert. Dies ist nicht ausreichend, weil es für die Beurteilung von Eingriffen einen Unterschied macht, ob sich eine Art in einem ungünstigen oder in ei- nem günstigen Erhaltungszustand befindet. Viertens wenden Sie sich durch diese Einschränkung des Schutzes der lokalen Population von dem Schutz einzelner Exemplare ab. Dies mag zwar EU-rechtlich zulässig sein, damit werden aber die Beweislast umge- kehrt und der Artenschutz erheblich geschwächt. Behör- den müssen nun nachweisen, dass durch die Tötung ei- nes oder mehrerer Exemplare einer Art eine Gefährdung der lokalen Population entsteht. Fünftens erlauben Sie durch die erneute weitgehende Befreiung für Land- und Forstwirtschaft großzügig die absichtliche Tötung von Tieren oder die Zerstörung von Ruhestätten. Der Verweis auf die gute fachliche Praxis wäre nur dann zulässig, wenn diese so definiert wäre, dass Störungen ausgeschlossen wären. Das ist aber nicht der Fall. Sechstens und letztens definieren Sie den Projektbe- griff viel zu eng. Diese Bestimmung ist nicht abwei- chungsfest. Das zeigt, dass Sie keinen Mut haben, den Ländern strenge und richtlinienkonforme Vorgaben zu m g g d s G r k A 3 s G u N A a s r z V s d f e d t g R w f u v B f d p d g t r r o d v s m v r m N s (C (D achen. Das zeigt, wohin die Reise im Naturschutz eht. Fazit: Diese Novelle entspricht nicht den Anforderun- en des EuGH. Sie ist keine ausreichende Umsetzung er FFH-Richtlinie. Diese Novelle darf so nicht be- chlossen werden. Undine Kurth (Quedlinburg) (BÜNDNIS 90/DIE RÜNEN): Die Artenvielfalt der Erde nimmt ab, wäh- end der Mensch über seine Verhältnisse lebt. Der Welt- limarat IPCC warnte in seinem zweiten Bericht vom pril 2007 vor einem dramatischen Artensterben. Bis zu 0 Prozent der Tier- und Pflanzenarten seien vom Aus- terben bedroht, wenn die Temperaturen um 1,5 bis 2,5 rad stiegen. All das sollte uns endlich für den Natur- nd Artenschutz sensibilisieren. Die Warnsignale aus der atur müssen ernst genommen werden. Die Bundesregierung bekennt sich verbal zu dieser ufgabe, wie aber sieht die politische Realität aus? Die ktuellen Entwicklungen im Bereich Natur- und Arten- chutz sind nicht nur ernüchternd, sondern besorgniser- egend. Von der notwendigen Stärkung des Naturschut- es kann keine Rede sein. Im Gegenteil, mit ihren orschlägen zur Änderung des Naturschutzgesetzes chwächt die Bundesregierung den rechtlichen Schutz er Natur. Ich komme hierauf zurück, möchte aber schon zuvor eststellen, dass diese rechtliche Schlechterstellung zu inem Zeitpunkt erfolgt, an dem sich die Vollzugsorgane es Natur- und Artenschutzes, also die Umweltverwal- ungen, in einem wahrlich prekären Zustand befinden. Das vom Sachverständigenrat Umwelt des BMU vor- elegte Sondergutachten „Umweltverwaltungen unter eformdruck“ hat dargestellt, dass die Naturschutzver- altungen überproportional vom Personalabbau betrof- en sind – von 1998 bis 2004 um 34 Prozent. Prüfungen nd Entscheidungen werden zunehmend nach „unten“ or Ort verlagert, wo die wenigen Bearbeiterinnen und earbeiter aber objektiv nicht in der Lage sind, die viel- ältigen Fachkompetenzen vorzuhalten, um Eingriffe in ie Natur hinsichtlich ihres Gefährdungspotenzials kom- lex zu bewerten. Noch haben sie in dieser Konstellation ie erforderliche Handhabe, mächtigen lokalen oder re- ionalen Nutzer- oder Investoreninteressen entgegenzu- reten. Ein effektiver Vollzug gesetzlicher, insbesondere eu- oparechtlicher Vorgaben, oder ein effektives Monito- ing sind unter diesen Bedingungen kaum noch möglich, bwohl die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft bis an ie Grenze ihrer Belastbarkeit arbeiten. Auf diese verwaltungsseitige Situation treffen nun die orgelegten Änderungen der Bundesregierung am Natur- chutzgesetz. Dass überhaupt etwas geändert werden uss, ist ja nicht der Einsicht der Bundesregierung zu erdanken, sondern dem Urteil des Europäischen Ge- ichtshofes vom Januar 2006. Anstatt aber die dort ge- achten klaren Vorgaben zur Änderung des deutschen aturschutzrechtes eins zu eins umzusetzen – wie in un- erem heute zur Abstimmung stehenden Antrag „Ver- 9674 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) stöße gegen FFH-Richtlinie umgehend abstellen“ gefor- dert –, wird der Versuch unternommen, diese Änderungen mit weiteren sogenannten Erleichterungen zu verbinden. Wir garantieren Ihnen heute schon, dass dieses Ände- rungsgesetz zu einem weiteren Vertragsverletzungsver- fahren der Europäischen Kommission führen wird. Ihr Vorgehen, Herr Minister Gabriel, ist auch insofern bedrückend, als der EuGH ja in seinem Urteil richtung- weisend festgestellt hatte, dass EU-Recht, in diesem Fall die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, geltendes Recht ist und keiner nationalen Auslegung unterliegt. Es ist unein- geschränkt in nationales Recht umzusetzen. Die Mit- gliedstaaten müssen im Rahmen der Richtlinie in beson- derer Weise dafür Sorge tragen, dass ihre der Umsetzung der Richtlinie dienenden Rechtsvorschriften klar und be- stimmt sind. Davon ist Ihr vorgelegter Gesetzentwurf weit entfernt. Die Zeit reicht nicht, um an dieser Stelle ins Detail zu gehen. Aber folgende Kritikpunkte möchte ich zumin- dest benennen: Erstens. Der EuGH hatte Deutschland mit auf den Weg gegeben, auch im Pflanzenschutzgesetz europa- rechtkompatible Änderungen vorzunehmen. Das ist nicht erfolgt. Ich weiß nicht, wie lange Sie sich noch Zeit lassen wollen, hier endlich Rechtsverstöße abzustel- len. Zweitens. Es werden zahlreiche neue, unbestimmte, tatbestandslose Rechtsbegriffe eingeführt, die gegen den Natur- und Artenschutz gerichtete Entscheidungen er- leichtern. Was etwa sind „unzumutbaren Belastungen“? Der räumliche Schutz wird aufgegeben zugunsten eines nur noch zeitlichen Schutzes, geschützte Exemplare werden auch nicht mehr vor Störungen geschützt, son- dern nur noch vor erheblichen Störungen – eine neue Spielwiese für unsere Juristen. Drittens. Obwohl mit der Föderalismusreform dem Bund gerade im Artenschutz eine abweichungsfeste Re- gelungsmöglichkeit zugestanden wurde, überlässt die Bundesregierung ausgerechnet den für den Artenschutz besonders kritischen Bereich von Ausnahmeregelungen für die Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft und den Er- lass von Bewirtschaftungsregelungen den Ländern und sogar nachgeordneten Behörden und privilegiert die Landwirtschaft zudem, indem sie sie von der FFH-Ver- träglichkeitsprüfung „in der Regel“ ausnimmt. Regel kann man hier wohl mit „ausnahmslos“ übersetzen. Viertens. Jeder kann sicherlich auch die Tragweite er- kennen, die darin liegt, dass nunmehr nicht mehr Einzel- exemplare bedrohter Arten geschützt werden sollen, sondern nur noch deren Population. Wie der Sachbear- beiter einer kommunalen Umweltbehörde die Population einer in Deutschland oder gar europaweit geschützten Art einschätzen soll, entzieht sich meiner Vorstellungs- kraft. Der Abgeordnete Göppel von der CSU hat ja dann auch in dankenswerter Klarheit am 28. März in diesem Hohen Hause bekannt, dass es der Bundesregierung da- rum gehe, Eingriffe in die Natur zu erleichtern. Waldbe- sitzer, Verkehrsplaner und Investoren sollen einzelne Exemplare geschützter Arten – wenn sie im wahrsten S – e p N P t G k i d i h i g A e B A w s s z v d l i d d g v R k 7 D g s U w E v d w w b v b w d (C (D inne des Wortes „im Wege“ sind – töten dürfen, oder wie er es euphemistisch nannte – es wird das Recht ingeräumt, einzelne Exemplare im Sinn der Gesamtpo- ulation wegzunehmen. Es ist aber genau diese Denkart, immer wieder beim atur- und Artenschutz zugunsten von Vorhaben und rojekten zurückzustecken, die unser ökologisches Sys- em ins Ungleichgewicht gebracht hat. Deshalb müssen wir leider auch feststellen, dass der esetzentwurf nicht vom Geist des internationalen Ab- ommens zum Schutz der biologischen Vielfalt erfüllt st, für deren neunte Vertragsstaatenkonferenz die Bun- esregierung im Mai 2008 Gastgeberin ist. Beschämend ist es, dass die Bundesregierung noch mmer keine nationale Biodiversitätsstrategie vorgelegt at, obwohl der damalige Umweltminister Trittin bereits m Sommer 2005 einen Entwurf der Öffentlichkeit vor- estellt hatte. Auch wenn Sie unseren diesbezüglichen ntrag heute ablehnen werden, sagen wir Ihnen noch inmal laut und deutlich: Legen Sie zügig eine nationale iodiversitätsstrategie vor. Bis zum Jahre 2010 will die Europäische Union den rtenschwund stoppen. Dieses Ziel kann nicht erreicht erden, wenn Deutschland den Natur- und Artenschutz chwächt, anstatt ihn zu stärken. Sigmar Gabriel, Bundesminister für Umwelt, Natur- chutz und Reaktorsicherheit: Wir beraten heute über wei unterschiedliche Anträge zum Naturschutz und den on der Bundesregierung eingebrachten Entwurf zur Än- erung des Bundesnaturschutzgesetzes. Das gibt mir Ge- egenheit, deutlich zu machen, wo ich den Naturschutz n Deutschland und auch international sehe. Naturschutz steht im Mittelpunkt meiner Politik, und as hat seine guten Gründe: Vor vier Wochen haben wir ie aktuelle Rote Liste der gefährdeten Biotoptypen vor- elegt. Erfreulich ist, dass mittlerweile für eine Reihe on Biotoptypen, die in der Vergangenheit auf dem ückzug waren, eine Stabilisierung erreicht werden onnte. Aber Entwarnung können wir nicht geben: Rund 2 Prozent aller 690 verschiedenen Lebensraumtypen in eutschland gelten nach wie vor als gefährdet oder so- ar als akut von der Vernichtung bedroht. Die Vernichtung der Natur hat nicht nur ökologische, ondern auch erhebliche ökonomische Auswirkungen. m hierüber einmal konkrete Zahlen zu bekommen, erden wir auf meine Initiative hin gemeinsam mit der U eine ökonomische Studie über die Folgen des Natur- erlustes in Auftrag geben. Der Stern-Report hat gezeigt, ass Handeln zur Vermeidung der Klimaveränderungen eitaus günstiger ist als die Bewältigung von deren Aus- irkungen. Das Gleiche gilt auch für den Schwund der iologischen Vielfalt. Wir dürfen die Festplatte Natur, on der wir leben, nicht löschen. Die Anstrengungen zum Schutz der Arten- und Le- ensraumvielfalt müssen auf allen Ebenen fortgeführt erden, um unser Naturerbe dauerhaft zu sichern und as international vereinbarte Ziel zu erreichen, den Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9675 (A) ) (B) ) Rückgang der biologischen Vielfalt bis zum Jahr 2010 aufzuhalten. Die Umweltminister der G-8-Staaten haben hierzu letzten Monat unter meinem Vorsitz in der „Pots- dam Initiative zur biologischen Vielfalt 2010“ ausdrück- lich betont, dass der Erhaltung der biologischen Vielfalt die gleiche globale Bedeutung zukomme wie dem Kli- maschutz. National werde ich mit der Strategie zur biologischen Vielfalt ein umfassendes Zukunftsprogramm für Schutz und nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt vorle- gen. Die Strategie enthält zukunftsorientierte Ziele und Maßnahmenpakete für alle biodiversitätsrelevanten Be- reiche. Der Entwurf wird im Mai in die Länderbeteili- gung und Verbändeanhörung gehen. Als Gastgeber des weltweiten Naturschutzes wollen wir auf der UN-Naturschutzkonferenz im Mai 2008 ef- fektive Maßnahmen durchsetzen, um den Rückgang der biologischen Vielfalt zu stoppen. Dabei denke ich vor al- lem an den Schutz noch vorhandener Urwälder, die Si- cherung der Ausgleichsfunktionen naturnaher Wälder für unser Klima, den Aufbau eines weltweiten Schutzge- bietsnetzes und die Beteiligung der ärmeren Länder an den Vorteilen, die wir aus der Nutzung der biologischen Vielfalt ziehen. Wir nutzen die EU-Ratspräsidentschaft, damit Europa zu diesen Themen eine führende Rolle übernimmt. Jetzt noch ein Wort zur kleinen Novelle des Bundes- naturschutzgesetzes: Das Urteil des EuGH rügt, verehrte Kolleginnen und Kollegen von den Grünen, Mängel des geltenden Bundesnaturschutzgesetzes, das von meinem Vorgänger zu verantworten ist. Ich will ihm das gar nicht vorwerfen; aber ich meine auch, dass die grüne Fraktion in diesem Hause am wenigsten Grund hat, sich zu die- sem Punkt lautstark zu Wort zu melden. Wir haben es jetzt übernommen, die vom Europäischen Gerichtshof gerügten Vorschriften rasch an die Anforderungen des Europarechts anzupassen. Dadurch erreichen wir eine Stärkung des Naturschutzes auch im Bereich der Land- und Forstwirtschaft sowie bei Eingriffsvorhaben. Wir haben dabei großes Augenmerk darauf gelegt, eine prag- matische Handhabung zu ermöglichen, ohne den Schutz der Arten und Lebensräume zu vernachlässigen. Ich hoffe, dass dies auch einmal von denjenigen gewürdigt werden wird, die derzeit noch gegen angeblich überzo- gene Vorgaben zu Felde ziehen. Anlage 13 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Innovationsfähigkeit des Standortes stärken – Wagniskapital fördern (Tagesordnungspunkt 22) Klaus-Peter Flosbach (CDU/CSU): Die Große Koalition hat in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, international attraktive Rahmenbedingungen für Wag- niskapital zu schaffen, also Kapital, das vor allem Hightechgründer und junge Technologieunternehmen benötigen. Dazu werden wir ein Private-Equity-Gesetz v n G d D d c W s U v T d Ü B b n k g v g D b f w f n t l c w H D s f U F s v s s D 1 v D m h e j B (C (D orlegen, als Fortentwicklung des bestehenden Unter- ehmensbeteiligungsgesetzes. Das geplante Gesetz wird die Hightechstrategie der roßen Koalition ergänzen. Die Entwicklung neuer Pro- ukte in jungen Unternehmen soll gefördert werden. azu müssen insbesondere die steuerlichen Rahmenbe- ingungen für Investoren und Unternehmen der Venture- apital- und Private-Equity-Branche verbessert werden. ir wollen Deutschland in einer globalisierten Welt bes- er positionieren. Die Eckpunkte zur Neufassung des nternehmensbeteiligungsgesetzes sollen Mitte Mai orliegen. Wir freuen uns, dass Bündnis 90/Die Grünen dieses hema nach unseren Ankündigungen auch entdeckt und iesen Antrag vorgelegt haben. Wir sehen auch viele bereinstimmungen. Der Grünen-Antrag geht aber fehl hinsichtlich der ewertung der Unternehmensteuerreform. Uns war stets ewusst, dass es durch die Unternehmensteuerreform icht zu Einschränkungen im Private-Equity-Bereich ommen darf. Ganz im Gegenteil: Die Koalition legt roßen Wert darauf, dass die wesentlichen Eckpunkte or Verabschiedung der Unternehmensteuerreform fest- elegt werden. Auch ist der Antrag des Bündnisses 90/ ie Grünen zu eng gefasst, da er sich auf Venturecapital eschränkt und nicht die Frage stellt: Wie kann Kapital ür Investitionen in deutsche Unternehmen mobilisiert erden, insbesondere auch für die Unternehmensnach- olge, für Restrukturierungen und für Sanierungen? Wenn es um Ranglisten der führenden Industrienatio- en in Bezug auf Investorenkapital für die Venturecapi- al- und Private-Equity-Wirtschaft geht, landet Deutsch- and stets im unteren Viertel. Solange es keine verlässli- hen und günstigen steuerlichen Regelungen gibt, erden Investoren andere Länder bevorzugen. Nur die älfte des von Private-Equity-Gesellschaften in eutschland angelegten Geldes wird auch von Gesell- chaften mit Sitz in Deutschland verwaltet. Regelungsbedarf gibt es auf der Ebene der Beteiligungs- onds, der Ebene der Investoren, der Ebene der finanzierten nternehmen sowie auf der Managementebene von onds und Portfoliounternehmen. Auf der Fondsebene ollte die Besteuerung transparent wie bei vermögens- erwaltenden Fonds sein. Steuer sollte nur auf die Aus- chüttungen beim Fondsanleger erhoben werden. Bei der Veräußerungsgewinnbesteuerung sollte man ich an der Besteuerung der Fondsinvestoren orientieren. ie Wesentlichkeitsgrenze des § 17 EStG in Höhe von Prozent sollte für Business-Angels angehoben werden. Auf der Ebene der Portfoliogesellschaften sollten die orhandenen Verluste steuerlich nicht verlorengehen. ies ist heute der Fall, wenn durch Finanzierungsrunden it Mehrheitsübertragungen aufgrund von Kapitalerhö- ungen neue Investoren in die Beteiligungsgesellschaft intreten. Es sollte auch keine Mindestbesteuerung für unge, wachsende Unternehmen geben. Eine klare und strukturell verbesserte Regelung der esteuerung des „Carried Interest“ ist im Hinblick auf 9676 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) das Management von Venturecapital- und Private- Equity-Unternehmen notwendig. Investoren und Beteiligte im Private-Equity-Markt suchen verlässliche Rahmenbedingungen, insbesondere steuerlich verlässliche Rahmenbedingungen. Privates Beteiligungskapital erfüllt eine wichtige ökonomische Funktion. Wir sollten uns diese Chancen für unsere Volkswirtschaft und neue Arbeitsplätze in Deutschland nicht entgehen lassen. Dr. Heinz Riesenhuber (CDU/CSU): In Deutschland hat sich in den letzten Jahren eine starke und lebendige Landschaft von jungen Technologiefirmen entwickelt. So gibt es heute zum Beispiel rund 400 Biotechnologieunter- nehmen, die sich mit neuem Wissen im Markt behaupten, für stetig wachsenden Umsatz in der Branche sorgen und neue anspruchsvolle Arbeitsplätze schaffen. Gründung und Wachstum junger Hightechunterneh- men sind insgesamt wichtig für die deutsche Marktfüh- rerschaft bei Spitzentechnologien und in Zukunftsmärk- ten. Sie sichern unsere Wettbewerbsfähigkeit in der globalisierten Wissensgesellschaft und bereiten den Bo- den für mehr Wachstum und Arbeit. Um ihre Produkte zur Marktreife zu entwickeln und ihr Wachstum zu finanzieren, brauchen Hightechgründer und junge Technologieunternehmen vor allem Wagnis- kapital. Für Bankkredite ist ihr Geschäft in der Regel viel zu riskant: denn oft dauert es Jahre, bis die Ge- schäftsidee zum Markterfolg führt und sich rechnet. Doch die Rahmenbedingungen für Wagniskapital in Deutschland lassen im internationalen Vergleich sehr zu wünschen übrig. Der deutsche Biotechnologie-Report 2007 hat vor einigen Tagen erneut beklagt, dass sich die Wagniskapitalfinanzierung junger Biotechnologieunter- nehmen in Deutschland – im Gegensatz zu anderen euro- päischen Ländern und den USA – weiter verschlechtert hat. Sie lag 2006 bei uns um 35 Prozent niedriger als im Vorjahr. Das behindert nicht nur die Gründung und Ent- wicklung junger Unternehmen, sondern auch den Reife- prozess in der Branche und die Entwicklung neuer Medi- kamente. Die Jahresstatistik des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften, BVK, weist nach, dass die Wagniskapitalinvestitionen in Deutschland im letzten Jahr insgesamt von 1,3 Milliarden Euro auf 1 Milliarde Euro gesunken sind. Gerade im wichtigen Frühphasenbereich, Seed und Start-up, herrscht weiter besondere Kapitalknappheit. Betroffene sind vor allem die Hightechbranchen: Computerfirmen, Biotechnolo- gie- und Pharmaunternehmen. Die European Private Equity and Venture Capital Association, EVCA, hat dem Beteiligungskapitalmarkt in Deutschland im Dezember insgesamt ein schlechtes Zeugnis ausgestellt und sieht uns in seiner neuen Bench- mark-Studie bei den steuerlichen und rechtlichen Rah- menbedingungen für Private Equity und Unternehmer- tum nur noch auf Platz 20 von 25. Dies ist umso bedenklicher, als Europa bei Wagniskapitalinvestitionen i v p t f n d P d W s m r E v E S g i n g l b d k A a f n s z i e s B n n n e g D d s i s u u d E n e s (C (D nsgesamt gegenüber den USA zurückliegt, wo das In- estitionsvolumen mehr als viermal so groß ist. Hauptgründe für die Defizite im deutschen Wagniska- italmarkt sind vor allem fehlende verlässliche und in- ernational wettbewerbsfähige steuerliche Regelungen ür Wagniskapitalinvestitionen, und zwar auf allen Ebe- en: auf der Ebene der Fonds, der Initiatoren von Fonds, es Fondsmanagements, der Business Angels und der ortfoliounternehmen. Wir freuen uns, dass die Bundesregierung bereits in er letzten Legislaturperiode einige Verbesserungen für agniskapitalinvestitionen eingeleitet hat: durch die Be- teuerung der Gewinnbeteiligung des Fondsmanage- ents, Carried interest, nach dem Halbeinkünfteverfah- en, durch das BMF-Schreiben zur steuerlichen instufung von Beteiligungskapitalfonds als vermögens- erwaltend und durch die Einrichtung neuer Fonds – RP/EIF-Fonds, Hightech-Gründerfonds und ERP- tartfonds. All dies reicht noch nicht. Deshalb hat die Bundesre- ierung im Koalitionsvertrag Ende 2005 versprochen, nternational attraktivere Rahmenbedingungen für Wag- iskapital zu schaffen und das Unternehmensbeteili- ungsgesetz zu einem Private-Equity-Gesetz bzw. Betei- igungsfinanzierungsgesetz fortzuentwickeln. Als esonders nachteilig wurden in diesem Zusammenhang ie steuerlichen Verlustverrechnungsbeschränkungen für leine und mittlere Technologieunternehmen und die bsenkung der Wesentlichkeitsgrenze bei Beteiligungen uf 1 Prozent genannt. Hier müssen wir Abhilfe schaf- en. Der Bundesfinanzminister bereitet das Beteiligungsfi- anzierungsgesetz, das zeitgleich mit der Unternehmen- teuerreform zum 1. Januar 2008 in Kraft treten soll, zur- eit vor. Er hat dazu ein Gutachten bei der TU München n Auftrag gegeben, das sehr weitgehende Vorschläge nthält. Diese Vorschläge bestätigen im Wesentlichen die Vor- tellungen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und des undeswirtschaftsministers zur Mobilisierung von Wag- iskapital, über deren Umsetzung wir bereits seit fast ei- em Jahr mit den Finanzpolitikern der SPD verhandeln. Aus unserer Sicht muss das geplante Beteiligungsfi- anzierungsgesetz verschiedene Mindestanforderungen rfüllen: So sollten Beteiligungskapitalfonds wie vermö- ensverwaltende Fonds transparent besteuert werden. as heißt Steuerfreiheit auf der Ebene der Fonds; statt- essen sollen die Anleger so besteuert werden, als hätten ie unmittelbar in die Beteiligungsgesellschaft des Fonds nvestiert. Das schafft eine klare und verlässliche Be- teuerung von Private-Equity und Wagniskapitalfonds nd soll so insbesondere Investitionen im Frühphasen- nd Restrukturierungsbereich verstärken. Bisher wurde ie Frage, ob der einzelne Wagniskapital- oder Private- quity-Fonds als private Vermögensverwaltung und icht als gewerblich einzustufen ist, erst im Nachhinein ntschieden. Auch vor dem Hintergrund der geplanten Zins- chranke im Unternehmensteuerreformgesetzentwurf ist Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9677 (A) ) (B) ) es wichtig, dass Beteiligungsfonds als vermögensver- waltend eingestuft werden, damit sie nicht unter die Re- gelungen der Zinsschranke fallen. Denn diese sieht unter anderem vor, dass maximal 30 Prozent des Gewinnes vor Zinsen und Steuern, Ebit, mit den angefallenen Zin- sen sofort verrechenbar sind. Die vorgesehene Frei- grenze von 1 Million Euro ist bei größeren Investitionen schnell erreicht und wäre bei Wagniskapitalinvestitionen daher nicht hilfreich. Für junge Technologieunternehmen entscheidend ist es, dass ihre Verluste, die durch hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung entstehen und die in der Anfangsphase sehr hoch sein können, ohne dass schon ein entsprechender Gewinn in Aussicht wäre, steuerlich angemessen berücksichtigt werden. Wir müssen junge Biotechnologieunternehmen dabei unterstützen, ihre mit hohen Kosten erarbeitete Forschungssubstanz und ihr Potenzial zukunftsfähiger Arbeitsplätze zu erhalten. Im Rahmen von Wagniskapitalfinanzierungsrunden dürfen Verlustvorträge auch bei Mehrheitsübertragungen nicht verloren gehen, denn kleine innovative Firmen müssen oft in kurzer Zeit durch mehrere Finanzierungsrunden gehen, bei denen Beteiligungswechsel von 50 Prozent keine Seltenheit sind. Die Beteiligungswechsel in diesen Unternehmen sind zu unterscheiden vom sogenannten Mantelkauf, bei dem mehr oder weniger wertlose Unternehmen nur zu dem Zweck aufgekauft werden, steuerliche Verluste geltend machen zu können. Dieser Missbrauch soll zu Recht durch die geplante Unternehmensteuerreform erschwert werden. Kapitalsuche und Wachstum junger For- schungsunternehmen dagegen dürfen durch die geplante Verschärfung der sogenannten Mantelkaufregelung nicht behindert werden. Eine mögliche Lösung wäre deshalb, den Anwendungsbereich des Mantelkaufparagrafen § 8 KStG, so zu modifizieren, das Anteilsverschiebungen auch über 50 Prozent die durch Barkapitalerhöhungen zustande kommen, von der Beschränkung des Verlust- vortrags ausgenommen werden, sofern das Kapital für einen definierten Zeitraum im Unternehmen verbleibt. Wenn wir wirklich die Dynamik junger Unternehmen entfalten wollen, die durch schwierige Entwicklungs- phasen gehen, bis sie dauerhaft stabile Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaft durch innovative Lösungen voranbringen, dann gibt es eine Reihe weiterer Ansätze, die wir in unsere Gesamtstrategie zur Mobilisierung von Wagniskapital einbeziehen müssen. Wir brauchen eine günstigere Veräußerungsgewinnbe- steuerung für private Investoren und Business Angels. Diese sollte sich künftig an der Besteuerung der Fondsin- vestoren orientieren, damit mehr Kapital in ganz junge Unternehmen investiert wird. Beachtenswert ist auch die Empfehlung aus dem Gutachten der TU München, Inves- toren, die in Technologieunternehmen investieren, zum Beispiel in Anlehnung an britische Modelle wie EIS, Enterprise Investment Scheme, oder VCT, Venture Capi- tal Trust, unter bestimmten Voraussetzungen ganz von der Veräußerungsgewinnbesteuerung zu befreien. B u g s W v l r k g g c r u e g e S t R b b a b u V R Z e e s k s ü v w s f d ä h h t G U s Q t d d d (C (D Wir brauchen klarere Strukturen bei der steuerlichen ehandlung der Erfolgsbeteiligung von Private-Equity- nd Venture-Capital-Managern. Wir wollen eine Lockerung der strengen Anlage- renzen, die institutionelle Investoren wie Banken, Ver- icherungen und Pensionsfonds heute oft daran hindern, agniskapital in junge Technologieunternehmen zu in- estieren. Denn wir brauchen sie als zuverlässige Quel- en für neues Beteiligungskapital. Die Regelungen des neuen Beteiligungsfinanzie- ungsgesetzes müssen für in- und ausländische Wagnis- apital- und Beteiligungskapitalfonds gleichermaßen elten. Dafür ist eine klare Abgrenzung von Beteili- ungskapitalfonds gegenüber sogenannten Heuschre- ken, bestimmten Hedge-Fonds, notwendig. Die Einfüh- ung einer Zulassungspflicht für Private-Equitiy-Fonds nd deren Fondsmanager mit Kontrolle auf Bundes- bene, wie sie die Gutachter der TU München vorschla- en, könnte hier hilfreich sein. Wünschenswert sind international vergleichbare steu- rliche Regelungen für Mitarbeiteraktienoptionen bzw. tock options, für die wir seit Jahren kämpfen. Stock op- ions spielen für junge Hightechfirmen oft eine wichtige olle, weil sie ihnen die Chance geben, tüchtige Mitar- eiter zu gewinnen, die sie zwar noch nicht marktgerecht ezahlen können, durch die Option auf die Beteiligung m künftigen Unternehmenserfolg aber dennoch an sich inden. Unser geltendes Steuerrecht führt jedoch bisher nter anderem dazu, dass im Erfolgsfall ein Großteil des ermögenszuwachses aus dieser Option, die im vollen isiko des Mitarbeiters steht, verloren geht. Denn dieser uwachs wird nicht als das Risikokapital besteuert, das s wirklich ist, sondern er wird doppelt so hoch besteu- rt, weil er der vollen Einkommensteuer unterliegt. Die durch die geplante Einführung der Abgeltung- teuer zu erwartende Schlechterstellung von Beteiligungs- apitalfinanzierung gegenüber Fremdkapitalfinanzierung ollte zumindest im Fall von Wagniskapitalinvestitionen berdacht werden. Vor allem inländische Eigenkapitalin- estoren würden dadurch benachteiligt. Denn ihre Ge- innanteile würden mit über 50 Prozent künftig doppelt o hoch besteuert wie Zinserträge. Das erhöht die Ge- ahr, dass Beteiligungskapital aus Deutschland abwan- ert. Die Besteuerung von Dividenden und privaten Ver- ußerungsgewinnen der Anteilseigner nur mit dem alben Steuersatz der Abgeltungsteuer könnte das ver- indern. Die Administrations- und Managementberatungsleis- ungen von Private-Equity-Fonds-Fonds oder separater esellschaften sollten, wie international üblich, von der msatzsteuerpflicht befreit werden. Denn die umfas- ende Beratung von Portfoliounternehmen ist gerade ein ualitätskennzeichen seriöser Beteiligungskapitalinves- oren. Die Wunschliste der Union ist lang und im Rahmen er Großen Koalition womöglich nicht umfassend urchsetzbar. Doch wir werben mit Nachdruck dafür, ass junge Technologieunternehmen bei uns den besten 9678 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) Standort vorfinden, und dafür können alle diese Instru- mente hilfreich sein. Unsere Vorstellungen sind damit viel weitergehender als der Antrag der Grünen, der in die gleiche Richtung zielt. Auch die Grünen wollen die Verlustverrechnungs- möglichkeiten und die Besteuerung der privaten Veräu- ßerungsgewinne von Investoren und der Carried Inte- rests verbessern. Auch sie wollen Wagniskapitalfonds generell als vermögensverwaltend einstufen. Falls sich herausstellen sollte, dass steuerliche Er- leichterungen für den gesamten Bereich Beteiligungska- pital im Finanztableau zum Beteiligungsfinanzierungs- gesetzes nicht in wünschenswertem Maße darstellbar sind, dann müssen zumindest Definitionen gefunden werden, die es ermöglichen, die steuerliche Begünsti- gung auf den strategisch so wichtigen Bereich der Wag- niskapitalfinanzierung einzugrenzen. Wir sehen die hohe Bedeutung von Private Equity im Ganzen, aber es geht uns vor allem um bessere Bedingungen für junge Tech- nologieunternehmen, die mithilfe von Wagniskapital, durch Krisen hindurch, zu starken Firmen im Markt he- ranwachsen sollen. Davon profitiert letztendlich auch der Bundesfinanzminister. Der Antrag der Grünen schlägt dazu vor, dass die steuerliche Förderung nur für die Wagniskapitalinvestitio- nen gelten soll, die in Unternehmen erfolgen, die min- destens 30 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung investieren und nicht von Großunterneh- men beherrscht werden. Diese enge Eingrenzung kann allerdings dazu führen, dass zum Beispiel viele Soft- wareunternehmen, deren Forschungsaufwand – im Ge- gensatz zu Biotechnologieunternehmen – vergleichs- weise gering ist, aus diesem Konzept herausfallen würden. Deshalb sind auch weitere Vorschläge zur Definition von Wagniskapitalinvestitionen zu diskutieren. Die Kunst der klugen Finanzexperten wird darin bestehen, Formulierungen so präzise zu fassen, dass die miss- bräuchliche Nutzung notwendiger Strukturverbesserun- gen im Bereich Beteiligungs- oder Wagniskapitalfinan- zierung vermieden wird. Nach wie vor bin ich jedoch der Meinung, dass ein enges Fördergesetz zu kurz gesprun- gen wäre. Vorrangig ist zunächst, dass der Bundesfinanzminis- ter die Eckpunkte für das geplante Beteiligungsfinanzie- rungsgesetz so schnell wie möglich vorlegt, damit wir eine konkrete Diskussionsgrundlage haben. Bei diesen Eckpunkten sind die zielführenden Empfehlungen der Gutachter der TU München unbedingt einzubeziehen. Dabei sollte die Vorlage der Eckpunkte möglichst nicht erst kurz vor Verabschiedung des Unternehmen- steuerreformgesetzes erfolgen. Denn es muss genügend Zeit sein, um die beiden Gesetze im Zusammenhang zu diskutieren und um, wo nötig, frühzeitig Korrekturen vornehmen zu können. Auf jeden Fall müssen wir bei der Unternehmensteu- erreform sicherstellen, dass das geplante Beteiligungsfi- nanzierungsgesetz nicht von vornherein blockiert wird, insbesondere durch zu rigide Festschreibungen bei ge- p s n B u r g W d d v d d r g c d tr v v w l s d z b d A d I m K n m I m d p U w n s U f d n v f t t f d (C (D lanten Gegenfinanzierungsmaßnahmen wie der Zins- chranke und der Einschränkung der Verlustverrech- ung. Sinnvoll wäre es zudem, Ausnahmeregelungen für eteiligungskapitalinvestitionen in junge Technologie- nternehmen bereits in der Unternehmensteuerreform di- ekt zu berücksichtigen. Im Ziel sind wir uns einig. Wir brauchen nun drin- end auch wirksame Regelungen zur Mobilisierung von agniskapital – für ein innovationsstarkes Deutschland. Nina Hauer (SPD): Als ich den Antrag der Fraktion es Bündnisses 90/Die Grünen gelesen habe, kamen mir ie Vorschläge zur Wagniskapitalförderung so bekannt or. Liebe grüne Kolleginnen und Kollegen, haben Sie ie aus dem Gutachten der TU München, das die Bun- esregierung in Auftrag gegeben hat, abgeschrieben? Glaubt man Ihrem Antrag, ist die Wagniskapitalförde- ung eine einfache Sache: Da wird diese von Ihnen nicht enau definierte Branche von einer ganzen Reihe steuerli- her Vorschriften einfach ausgenommen – zum Beispiel ie Mindestgewinnbesteuerung abgeschafft, Verlustvor- agsmöglichkeiten verbessert und Ausnahmetatbestände on der Abgeltungssteuer eingeführt. Das führt zu immensen Steuermindereinnahmen. Be- or solche Maßnahmen erwogen werden, müssen wir issen, welche Unternehmen wir eigentlich fördern wol- en und welche Maßnahmen im steuerlichen Bereich tat- ächlich den Zugang zu Wagniskapital erleichtern. Han- eln wir hier übereilt und mit einem Kahlschlag ahlreicher steuerlicher Vorschriften, würden wir uns ald mit neuen Steuersparmodellen konfrontiert sehen, ie aber nicht mehr Wagniskapital bringen. Die Förderung von Wagniskapital ist eine wichtige ufgabe, der sich die Große Koalition schon früh durch ie Aufnahme in den Koalitionsvertrag verpflichtet hat. n den letzten Jahren boomte der deutsche Beteiligungs- arkt, in 2006 hatten die im Bundesverband Deutscher apitalbeteiligungsgesellschaften zusammengeschlosse- en Unternehmen rund 23 Milliarden Euro in Unterneh- en investiert. Nur leider profitieren von dieser guten nvestitionsstimmung junge mittelständische Unterneh- en, die neue Technologien entwickeln, nur wenig. Le- iglich l Milliarde Euro fiel im Jahr 2006 den Wagniska- italinvestitionen zu. Dabei sind es gerade diese nternehmen, die zu unserem langfristigen Wirtschafts- achstum entscheidend beitragen, indem sie Innovatio- en an den Markt bringen und Arbeitsplätze mit Zukunft chaffen. Wir können daher nicht akzeptieren, dass diese nternehmen nur schwerlich einen Wagniskapitalgeber inden. Daher freue ich mich, dass das Bundesministerium er Finanzen derzeit ein Gesetz zur Förderung von Wag- iskapital erarbeitet, das den Zugang dieser jungen inno- ativen Unternehmen zu privatem Wagniskapital verein- acht. Das Gesetz soll zum 1. Januar 2008 in Kraft reten. Dabei werden die Koalitionspartner darauf ach- en, dass die Maßnahmen mit der Unternehmensteuerre- orm in Einklang sind, damit deren positive Effekte für ie gesamte Wirtschaft unterstützt werden. Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9679 (A) ) (B) ) Außerdem ist es wichtig, dass wir nicht die Augen vor den möglichen negativen Auswirkungen von Beteili- gungskapital verschließen. Wagniskapital und anderes Beteiligungskapital, das die Wettbewerbsfähigkeit und damit Zukunftsfähigkeit unserer Unternehmen sichern und zum Wirtschaftswachstum beitragen, sind uns hoch willkommen. In manchen Fällen führte die Übernahme durch eine Beteiligungsgesellschaft aber auch zur Ausbeutung und hohen Verschuldung des Unternehmens und gefährdete zahlreiche Arbeitsplätze. Dem wollen wir entgegenwir- ken. Mit dem Wagniskapitalbeteiligungsgesetz wollen wir solche negativen Auswirkungen verhindern. Wichtig für innovative junge Unternehmen sind die gesamtwirtschaftliche Lage und ein gewisser Optimis- mus, was neue Geschäftsideen angeht. Das derzeitige wirtschaftliche Klima stimmt daher sehr zuversichtlich für Unternehmensgründungen. Wie im Koalitionsvertrag vereinbart, arbeiten die Koali- tionspartner daran, durch eine Verbesserung der Standort- bedingungen für Wagniskapital noch bessere Startmög- lichkeiten zu schaffen. Der vorliegende Antrag vermag diesen Anspruch nicht zu erfüllen und wird daher von uns abgelehnt. Ulrike Flach (FDP): Der Hightech-Gründerfonds ist ein guter Ansatz, aber die Beteiligung von bisher sechs Unternehmen ist sehr mager. Die Forschungsprämie ist eine richtige, von uns seit langem geforderte Verbesse- rung. Der vorliegende Antrag der Grünen geht ebenfalls in die richtige Richtung. Ebenso wie wir in unserem kürz- lich eingebrachten Technologieantrag wollen auch Sie die steuerlichen Bedingungen für Hochtechnologiegrün- dungen verbessern. Dazu gehört der Erhalt der Verlust- vorträge bei Übertragung und Verkauf von Anteilen von Kapital. Verluste sollen zeitlich und in der Höhe unbe- schränkt vorgetragen und mit Gewinnen verrechnet wer- den können. Es macht ja keinen Sinn, jungen Unterneh- men, die oftmals in den ersten Jahren Verluste machen und oft nur ein Produkt in der Pipeline haben, durch die Mindestbesteuerung die kargen Gewinne zu schmälern. Venturecapitalfonds, die in Hightechunternehmen in- vestieren, sollten als vermögensverwaltend eingestuft werden, wodurch auf der Fondsebene keine Besteuerung stattfindet. Ob wir ein Hightechunternehmen so definie- ren, wie es die Grünen tun – 30 Prozent des Umsatzes werden für FuE aufgewendet, und Großunternehmen dürfen dort nicht beherrschend engagiert sein – müssen wir sehen. Was ist eine beherrschende Stellung? Oftmals haben gerade KMU aus dem Bereich der Hightech ja am Anfang nur einen Finanzier, solange zum Beispiel ein Medikament noch in der Entwicklungsphase ist. Der Antrag hat aber viele positive Aspekte. Ich hätte mir gewünscht, dass die Bundesregierung einiges aus diesem oder auch aus unserem Technologieförderungs- antrag in die Unternehmensteuerreform aufgenommen hätte. Denn hier werden gerade die forschungsintensiven U n B A n d w w r s l f i z Z a s r i K d d l U d G u n w e u s I I o s e d m t f d v a r R (C (D nternehmen durch die Gegenfinanzierung zur Unter- ehmensteuerreform belastet. Drei Beispiele: Mit der Einführung einer Zinsschranke verstößt die undesregierung gegen das steuerliche Nettoprinzip. ufwendungen, die der Erzielung von Einkünften die- en, müssen immer steuerlich abzugsfähig sein. Zumin- est müssten die Aufwendungen für Forschung und Ent- icklung von der Zinsschranke ausgenommen sein. Die Herabsetzung der Sofortabschreibung für gering- ertige Wirtschaftsgüter von 410 auf 60 Euro ausge- echnet für Großunternehmen ist völlig unsinnig und tellt kleine Gründer schlechter. Auch das Streichen der degressiven Abschreibung be- astet besonders die in Deutschland investierenden und orschenden Unternehmen. Wir werden uns dazu noch m Rahmen der Unternehmensteuerreform auseinander- usetzen haben. Ich stelle nur fest, dass die Bundesregierung zwar das iel, Hightechgründungen zu erleichtern, gebetsmühlen- rtig vor sich her trägt, aber dort, wo sie Gestaltungs- pielraum hat, diesen eben nicht nutzt. Letzter Punkt: Wagniskapital hat etwas mit Risikobe- eitschaft zu tun – Risiko für denjenigen, der den Schritt n die Selbstständigkeit wagt und Risiko für den, der das apital gibt. Wir brauchen von beiden mehr: mehr Grün- er und mehr Finanzinvestoren. Dazu gehört eine Kultur er Selbstständigkeit, des Wollens und Wagens, die wir eider oftmals vermissen. Die Ansätze der Bundesregierung im Rahmen der nternehmensteuerreform werden nicht dazu beitragen, ass diese Kultur eine Chance in Deutschland hat. Im egenteil: Sie verschlechtern die Rahmenbedingungen nd erhöhen den Druck auf forschungsintensive Unter- ehmen. Der vorliegende Antrag versucht, dem entgegenzu- irken. Die FDP kann ihm auf weiten Strecken folgen. Dr. Axel Troost (DIE LINKE): Sie möchten die steu- rlichen Bedingungen für Hochtechnologiegründungen nd für junge innovative Unternehmen attraktiv ausge- taltet wissen – das ist die Stoßrichtung Ihres Antrages. ch sehe im Wesentlichen zwei große Problemfelder bei hrem Antrag. Die will ich heute deutlich machen, noch hne auf Details einzugehen. Dazu wird ja in den Aus- chussberatungen noch Gelegenheit sein. Das erste Problemfeld ist steuerpolitischer Art: Die aktu- lle Unternehmensteuerreform senkt Steuersätze und will ie Bemessungsgrundlage verbreitern. Gerade gestern hat ich die Ausschussanhörung in meinen Bedenken bestä- igt: Während alle sich über die Steuersatzsenkungen reuen, werden die Gegenfinanzierungsmaßnahmen, also ie Ausweitung der Bemessungsgrundlage, zerredet und on Interessenverbänden durchlöchert. Da geht es der ktuellen Steuerreform kaum anders als der Vorgänger- eform, die unter der politischen Verantwortung von ot-Grün beschlossen wurde und zu milliardenschweren 9680 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) Steuerausfällen geführt hat – unter anderem weil ur- sprünglich vorgesehene Gegenfinanzierungsmaßnahmen spätestens im Laufe der parlamentarischen Beratungen aufgeweicht wurden. Dieses Schicksal wird auch dem aktuell vorliegenden Gesetzentwurf zur Unternehmen- steuerreform bevorstehen, und unter anderem deswegen werden die Steuerausfälle weit über denen liegen, die uns im offiziellen Finanztableau angekündigt wurden. Deswegen sage ich: Man muss sehr vorsichtig sein und sehr gute Gründe haben, wenn man sich – wie Sie es jetzt tun – Forderungen zu eigen macht, die zu noch grö- ßeren Steuerausfällen führen werden. Freilich: Die Aus- fälle aufgrund des von Ihnen skizzierten Kreises der zu Begünstigenden mögen relativ bescheiden sein. Aber: Sie machen ein Fass auf, wecken Begehrlichkeiten auch anderswo und können damit ungewollt weitaus größere Ausfälle provozieren. Es müssen also wirklich gute Gründe sein, um das zu fordern. Damit komme ich zu meinem zweiten Gegenargu- ment: Ihre Gründe überzeugen mich nicht. Und ich glaube, Sie überzeugen nicht nur mich nicht, sondern auch einen großen Teil der Wählerinnen und Wähler von Bündnis 90/Die Grünen nicht. Lassen Sie mich das kurz erläutern: Sie wollen mit den geforderten Maßnahmen nach dem Gießkannenprinzip Hochtechnologiegründun- gen und junge innovative Unternehmen fördern. Das heißt aber auch: Sie wollen damit das Startup fördern, das gerade daran arbeitet, gentechnisch manipulierten Reis weiterzuentwickeln oder das Unternehmen, das an einem Puzzleteil zum Bau neuer Atomkraftwerke arbei- tet. Das wollen Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen von Bündnis 90/Die Grünen. Das fordern Sie mit diesem An- trag. Ich will das nicht, das sage ich ganz ehrlich. Ich finde es schade, dass Sie hier jegliche Lenkungsaufgabe der Gesellschaft und der Politik verleugnen. Sie sagen damit ganz klar: Bündnis 90/Die Grünen opfert ökologische Belange für ein blindes Mitmachen im Standort-Rennen, ein Rennen, das blind ist für die ökologischen und sozia- len Folgen von Marktprozessen. Sie vertreten hier eine Politik, die nicht einmal ganz sanft eingreift und ver- sucht, die technologischen Entwicklungen gesellschaft- lich zu steuern. Deswegen bin ich von Ihrem Antrag enttäuscht. Las- sen Sie uns doch lieber gemeinsam Programme entwi- ckeln, mit denen wir gezielt solche jungen innovativen Unternehmen fördern, die am ökologischen und sozialen Umbau dieser Gesellschaft arbeiten. Da gibt es genug zu tun. Dazu lade ich Sie ein. Christine Scheel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die gestrige Sachverständigenanhörung zur geplanten Unternehmensteuerreform hat die Kritik, die wir Grünen von Anfang an am Gesetzentwurf hatten, Punkt für Punkt bestätigt: Die Reform ist eine „High-Tax-Initia- tive“ für im Inland forschende und investierende Unter- nehmen. Während sich Wirtschaftsministerium und Finanzministerium im Hinterzimmer streiten, wer denn nun von dem bereits zugesagten Private-Equity-Gesetz profitieren darf, schafft die Große Koalition mit der Un- t t e t w m W k t c m r d w A d g p o r g I t b ß z s d z a b g w n s w m S D t t e E d S z s u W t f j d m I (C (D ernehmensteuerreform harte Fakten, die den Innova- ionsprozess gefährden und ein Rückschritt für die steu- rliche Attraktivität des Innovationsstandortes sind: Der erste Rückschritt ist die Verschärfung beim Man- elkauf: Verlustvorträge sollen schneller wegfallen, enn der Eigentümer wechselt, und können dann nicht ehr zur Verrechnung mit Gewinnen genutzt werden. as zur Missbrauchsbekämpfung durchaus sinnvoll sein ann, ist für innovative Start-ups ein Desaster. Die Un- ernehmen brauchen Liquidität, um sich schnell entwi- keln zu können. Gerade junge innovative Unternehmen üssen atmen können. Die Gefahr einer Besteuerung ih- er Substanz sollte deshalb absolut ausgeschlossen wer- en. Der zweite Rückschritt ist die Besteuerung des Ge- innpotenzials, wenn „Funktionen“, Abteilungen, ins usland verlagert werden. Diese Besteuerung schadet em Innovationsprozess. Die Probleme mit Verlagerun- en sind zweifellos vorhanden, die Große Koalition ackt sie aber falsch an. Bislang wird hier geforscht und ft im Ausland produziert. Die Entwicklung des Faxge- ätes, des MP3-Players oder des Hybridantriebs sind ein- ängige Beispiele hierfür. Hier muss etwas geschehen. n Zukunft sollten wir es uns nicht mehr leisten, Innova- ionen und damit Märkte, Wachstumsdynamik und Ar- eitsplätze abzugeben. Das aktuelle Vorhaben der Gro- en Koalition geht in die falsche Richtung, denn usätzlich wird so noch zu einer Verlagerung der For- chung und Entwicklung ins Ausland angereizt. Das ist er falsche Weg. Wir dürfen unsere Innovationspoten- iale nicht verlieren, sondern sollten alles tun, diese zu ktivieren und ihnen genug Entfaltungspotenziale zu ieten. Der dritte Rückschritt ist die Ausgestaltung der Ab- eltungsteuer. Nicht die Idee, sondern die Art und Weise, ie die Abgeltungsteuer ausgestaltet ist, wird dem Wag- iskapitalstandort schweren Schaden zufügen. Die für ri- ikoreiche Start-ups typische Eigenkapitalfinanzierung ird gegenüber Fremdkapitalfinanzierungen steuerlich assiv benachteiligt. Auf Zinsen müssen nur 25 Prozent teuern gezahlt werden, auf Dividenden fast 50 Prozent. ie inländischen Finanzierungsquellen von Wagniskapi- al werden systematisch ausgetrocknet. Wenn die Koali- ion ihr Modell der Abgeltungsteuer tatsächlich aufrecht- rhält, dann muss sie die Schlechterstellung von igenkapital vermeiden, der halbe Steuersatz für Divi- enden und Veräußerungsgewinne wäre eine Lösung. Mein Fazit: Die Unternehmensteuerreform ist für tart-ups ein Desaster. Das steht völlig im Widerspruch ur Hightechinitiative der Bundesregierung und wider- pricht dem Koalitionsvertrag, denn dort haben Union nd SPD versprochen, die steuerlichen Bedingungen für agniskapital international attraktiver zu machen. Prak- isch passiert aber soeben das Gegenteil. Wir Grünen ordern, dass die Große Koalition ihren Ankündigungen etzt endlich Taten folgen lässt und die steuerlichen Be- ingungen für junge innovative Unternehmen zeitgleich it der Unternehmensteuerreform verbessert. An die Ausgestaltung dieser guten Bedingungen für nnovationen darf man allerdings nicht allzu erbsenzäh- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9681 (A) ) (B) ) lerisch herangehen. Forschung ist ein Prozess mit offe- nem Ausgang. Nicht jede geniale Erfindung erobert die Welt und zahlt sich in barer Münze für den Erfinder und den Fiskus aus. Der Staat muss hier strategisch denken: Innovationen sind die Triebfedern für nachhaltiges Wachstum und damit für Wertschöpfung und zukunftsfä- hige Arbeitsplätze. Der Standort braucht mehr Unterneh- men, die hierzulande forschen und in die Entwicklung und Vermarktung ihrer Produkte investieren. Entgegen manchem Unkenruf ist Forschung hierzulande durchaus attraktiv: Nach den USA und Japan belegen die Deut- schen einen Spitzenplatz bei der Anmeldung von Paten- ten. Auch die Infrastrukturen für den Technologietrans- fer schneiden international gut ab. Wenn es allerdings um die Finanzierung geht, um diese Forschungsergebnisse zu marktfähigen Produkten und Verfahren weiterzuentwickeln, haben innovative Unternehmen hierzulande häufig Schwierigkeiten. In Kalifornien, in Silicon Valley, wird im Laufe eines Mo- nats mehr Risikokapital in neue Ideen investiert als in der ganzen Bundesrepublik in zwei Jahren. Sogar im eu- ropäischen Vergleich schneidet Deutschland schlecht ab. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt werden nur etwa halb so viele Wagniskapitalfinanzierungen getätigt wie im europäischen Durchschnitt. Hier liegt wertvolles Potenzial brach. Die Grünen wollen Deutschland zum attraktivsten Standort für innovative Unternehmensgründer machen. Das bedeutet, der Anteil von privatem Wagniskapital an der Wirtschaftsleistung muss sich drastisch erhöhen. Diese Dynamik kann nur mit deutlich besseren steuerli- chen Bedingungen entstehen, damit die Geldströme pri- vater Investoren in innovative Unternehmen gelenkt werden und in Unternehmen, die an der Schnittstelle Forschung/Markt agieren und in der Frühphase Finan- zierungen brauchen. Damit wir nicht ins Abseits geraten, brauchen wir Gesetze, die den neuen Unternehmen keine Steine in den Weg legen, sondern ihnen den Weg ebnen und Rechtssicherheit geben. Es geht hier ausdrücklich nicht um die großen Pri- vate-Equity- oder Hedgefonds, die mit gigantischen Ka- pitalsummen von den USA oder Großbritannien aus in- vestieren. Hier geht es um regionale Wagniskapitalgeber. Denn ob ein innovatives Unternehmen in der Frühphase Kapital bekommt, hängt ganz entscheidend davon ab, ob im Umfeld Wagniskapitalfirmen angesiedelt sind. Er- folgreiche Wirtschaftsregionen brauchen ein regionales Kapitalangebot, das die Risiken junger Unternehmen mitträgt. Trotz Internet, Globalisierung und weltweit vernetzten Kapitalmärkten ist die simple Standortnähe ein Schlüssel zum Erfolg. Schon 2004 haben die Grünen das erkannt und in der Schröder-Koalition maßgeblich dafür gesorgt, dass die Initiatoren von Wagnisfonds in- ternational wettbewerbsfähig besteuert werden. Um die Innovationsfähigkeit des Standortes Deutsch- land weiter zu steigern, sind bessere steuerliche Bedingun- gen für Hochtechnologiegründungen, junge innovative Un- ternehmen und diese finanzierende Wagniskapitalgeber vordringlich. Voraussetzung soll deshalb eine Forschungs- und Entwicklungsquote von zunächst 30 Prozent sein. Die- s s S n s m c i t t M v n e m b c w u n m k v n W w v m D t s g i e g s m b d H k n w d d c B z g s D (C (D er klare Fokus sichert, dass keine unerwünschten Steuerge- taltungspielräume entstehen, zugleich werden aber im inne von mehr Innovationen und Arbeitsplätzen dringend otwendige Investitionen ermöglicht. Der Anteil des Um- atzes, der in Forschung und Entwicklung investiert werden uss, soll dann in der Wachstumsphase sinken dürfen. Im Einzelnen fordern die Grünen folgende steuerli- hen Verbesserungen: Bei Übertragung und Verkauf von Anteilen und Neu- nvestition von Kapital sollen Verlustvorträge voll erhal- en bleiben. Die beschränkenden Regelungen beim Man- elkauf sollen nicht greifen. Es liegt hier eindeutig kein issbrauch vor. Bei der Finanzierung junger, innovati- er Unternehmen ist es typisch, dass es zu mehreren Fi- anzierungsrunden kommt, bei denen sich die Anteils- ignerstrukturen verschieben. Die Verlustvorträge üssen über diese Finanzierungsrunden hinweg erhalten leiben. Auch ist es Kern des Geschäftsmodells Venture- apital, dass der Beteiligungskapitalgeber nach einer ge- issen Zeit seine erfolgreichen Investments verkauft, m neu zu investieren. Dabei muss das Geschäft noch icht so weit entwickelt sein, dass bereits Gewinne ge- acht werden. Verluste müssen daher auch beim Ver- auf übertragen werden können. Verluste sollen zeitlich und in der Höhe unbeschränkt orgetragen und mit Gewinnen verrechnet werden kön- en. Die Mindestbesteuerung soll zur Verbesserung der achstumschancen bei Hochtechnologien nicht greifen, eil gerade hier auf fünf oder mehr Jahre verlustreich in- estiert werden muss, bevor ein innovatives Unterneh- en Gewinne macht. Sofern eine Abgeltungsteuer realisiert wird, sollen ividenden und private Veräußerungsgewinne der An- eilseigner mit dem halben Steuersatz der Abgeltung- teuer belegt werden, um eine Benachteiligung der Ei- enkapitalfinanzierung zu verhindern. Venturecapitalfonds, die in die Hightechunternehmen nvestieren, werden generell als vermögensverwaltend ingestuft. Damit wird für diese Fonds Rechtssicherheit eschaffen, dass auf der Fondsebene keine Besteuerung tattfindet. Besteuert werden das finanzierte Unterneh- en und der Anteilseigner. Obwohl es hier schon Ver- esserungen auf der Verwaltungsebene gegeben hat, ist ie weiter bestehende Rechtsunsicherheit eines der aupthindernisse für die Einwerbung von Beteiligungs- apital. Der Carriedinterest der Fondsinitiatoren, die Entloh- ung für die Vermittlung von Beteiligungen, unterliegt eiterhin generell dem Halbeinkünfteverfahren, denn iese international wettbewerbsfähige Besteuerung hat ie steuerliche Attraktivität des Standortes für Venture- apital deutlich verbessert. Dr. Barbara Hendricks, Parl. Staatssekretärin beim undesminister der Finanzen: Mit Interesse nehme ich ur Kenntnis, dass die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen laubt, für die Umsetzung des Koalitionsvertrages zwi- chen CDU/CSU und SPD Sorge tragen zu müssen. och ich kann Sie beruhigen: Diese Sorge ist unnötig. 9682 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) Die Bundesregierung weiß, was im Koalitionsvertrag vereinbart worden ist, und sie hat auch das Ziel der Ver- besserung der Rahmenbedingungen für Wagniskapitalfi- nanzierungen nicht aus den Augen verloren. Eine seriöse Politik setzt jedoch voraus, dass konkre- ten Beschlüssen zur Umsetzung eines als richtig erkann- ten Ziels eine sorgfältige Vorbereitung vorausgeht. Dies erfordert unter anderem eine gründliche Prüfung, welche Maßnahmen zur Erreichung einer Zielsetzung in Be- tracht kommen. Deshalb haben wir uns die Zeit genom- men, den konkreten Handlungsbedarf und Handlungs- optionen zunächst zu analysieren. Hinzu kommt in diesem Fall die Notwendigkeit, die Dinge schlicht in der logisch richtigen Reihenfolge zu tun und in einem Zusammenhang zu sehen. Das heißt, auch wenn man bestimmte steuergesetzliche Regelungen zu Wagniskapitalfinanzierungen für notwendig hält, müssen diese Maßnahmen in ein steuerpolitisches Ge- samtkonzept passen. Konkret bedeutet das: Die vorge- schlagenen Maßnahmen müssen selbstverständlich auch mit der Unternehmensteuerreform korrespondieren. Das eine muss auf das andere abgestimmt sein. Derzeit werden die steuerlichen Rahmenbedingun- gen für die deutschen Unternehmen allgemein verbes- sert. Diese Verbesserungen müssen natürlich berücksich- tigt werden, wenn es um Antworten auf die Frage geht, welche weiteren Maßnahmen im Bereich der Wagnis- kapitalfinanzierungen darüber hinaus noch erforderlich sind. Zugleich ist natürlich auch zu beachten, welche finanziellen Spielräume noch zur Verfügung stehen. Eine übereilte Beschlussfassung über beliebige steu- erliche Entlastungen, ohne näher zu prüfen, wem sie nut- zen und was sie bewirken, ist hingegen reiner Aktionis- mus. Nichts anderes; meine Damen und Herren Kollegen, ist dieser Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Auf die vage Vorstellung hin, für eine be- stimmte Branche etwas Gutes tun zu wollen, sollen be- liebig alle steuerlichen Regelungen geändert werden, von der diese Branche betroffen sein könnte: Abschaf- fung der Mindestgewinnbesteuerung, Verbesserung der Verlustvortragsmöglichkeiten, Ausnahmetatbestände bei der Abgeltungsteuer, Vermeidung der Besteuerung auf der Fondsebene und großzügige Entlastung des Manage- ments durch weitere steuerliche Begünstigung des Carried Interest. Das ist nichts anderes als ein beliebiges Drehen an sämtlichen erreichbaren steuerlichen Stellschrauben, bei dem nur ein Erfolg garantiert ist: gigantische Steuermin- dereinnahmen. Wichtig ist, gezielt dort anzusetzen, wo tatsächlich Handlungsbedarf besteht. Der deutsche Beteiligungs- markt hat sich seit Beginn der 90er-Jahre rasant ent- wickelt. Das Gesamtportfolio der im Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften zusammen- geschlossenen Unternehmen stieg von 1,7 Milliarden Euro im Jahr 1990 auf 23 Milliarden Euro im Jahr 2006. Zum Jahresende 2006 hielten die in Deutschland erfass- ten Beteiligungskapitalgeber Beteiligungen an rund 6 000 Unternehmen. Die Buy-Out-Investitionen, also E e 7 a t 1 g M z s a V z R k z s W e s m s d n w z b b d m w f R g m k n t A W d t a (C (D igentümerwechsel bei bestehenden Unternehmen durch in internes oder externes Management, bilden mit fast 2 Prozent das dominierende Marktsegment und legten n Volumen sogar noch weiter zu. Anders sieht es jedoch bei den Wagniskapitalinvesti- ionen aus. Diese betrugen im Jahr 2006 nur rund Milliarde Euro mit fallender Tendenz. Gerade die jun- en, technologieorientierten Unternehmen des deutschen ittelstands, die ein besonders großes Wachstumspoten- ial aufweisen und zukunftsträchtige Arbeitsplätze chaffen, haben Probleme, Kapitalgeber zu finden. Im bgegrenzten Bereich des Wagniskapitals ist somit ein ersagen des Marktes feststellbar. Im Spannungsfeld wischen hohem Kapitalbedarf auf der einen und hohem isikopotenzial auf der anderen Seite können Wagnis- apitalgeber die entscheidende Rolle spielen. Das Bundesministerium der Finanzen erarbeitet der- eit ein Gesetz, das zum 1. Januar 2008 in Kraft treten oll, mit dem gerade die Bereitstellung von privatem agniskapital für junge – insbesondere technologieori- ntierte – Unternehmen erleichtert werden soll. Um die- es Ziel tatsächlich zu erreichen, bedarf es einer ange- essenen Ausgestaltung der Anlagevorschriften und der teuerlichen Regelungen. Anlagevorschriften sollten le- iglich einen Rahmen vorgeben, innerhalb dessen Wag- iskapitalgesellschaften flexibel agieren können. Zugleich gilt es aber auch, potenziell negative Aus- irkungen von Beteiligungskapital nicht aus dem Auge u verlieren. Beteiligungskapital, das zu Effizienzver- esserungen und Wachstumseffekten führt, ist positiv zu ewerten. Eine Auszehrung gesunder Unternehmen, die ie langfristige Lebensfähigkeit von Portfoliounterneh- en und Arbeitsplätze gefährdet, ist hingegen gesamt- irtschaftlich unerwünscht. Vor diesem Hintergrund be- asst sich das Bundesministerium der Finanzen im ahmen der Erarbeitung eines Wagniskapitalbeteili- ungsgesetzes auch mit der Frage, mit welchen Maßnah- en negativen Entwicklungen entgegengewirkt werden ann. Allzu einseitig ausgerichtete Vorschläge helfen uns icht weiter; hierzu zähle ich auch den Antrag der Frak- ion Bündnis 90/Die Grünen. nlage 14 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Für solidarische Assoziierungsabkommen der EU mit den zen- tralamerikanischen Staaten und den Staaten der Andengemeinschaft (Tagesordnungs- punkt 23) Anette Hübinger (CDU/CSU): In der vergangenen oche fanden verschiedene Treffen zwischen Ministern er Andenstaaten und den zentralamerikanischen Staa- en einerseits und der EU-Kommission andererseits statt, n der von deutscher Seite Außenminister Steinmeier Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9683 (A) ) (B) ) teilnahm. Auf diesem Treffen hat die EU-Kommissarin für Außenbeziehungen und europäische Nachbarschafts- politik, Frau Ferrero-Waldner, ein für den Zeitraum 2007 bis 2013 vorgesehenes Hilfspaket für Lateinamerika mit einem Gesamtvolumen von über 2,6 Milliarden Euro an- gekündigt. Für die Andenregion sind 713 Millionen Euro vorgesehen; die zentralamerikanischen Staaten sol- len 840 Millionen Euro der Finanzhilfe erhalten. Der Grund für diese Ankündigung war die vor knapp einem Jahr auf dem Wiener Gipfel gemeinsam bekundete Absicht, die bilateralen Beziehungen beider Regionen Lateinamerikas und der EU weiter zu vertiefen. Dabei wurde gegenseitig der Wunsch geäußert, baldmöglichst mit den Aushandlungen von bilateralen Assoziierungs- abkommen zu beginnen, die einen verstärkten politi- schen Dialog, die wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Handelsbeziehungen miteinander neu gestalten sol- len. Diese Verhandlungen sollen demnächst aufgenom- men werden. Die angekündigte finanzielle Hilfe der EU-Kommis- sion sollen die Anstrengungen der lateinamerikanischen Verhandlungspartner bereits im Vorfeld der neuen Ab- kommen unterstützen. Denn sie stehen vor der doppelten Herausforderung, die regionale Integration einerseits und den sozialen Zusammenhalt andererseits voranzu- bringen. Die Hilfe wird den Aufbau der regionalen Märkte fördern, Investitionen erleichtern und die vieler- orts immer noch dringend benötigten institutionellen Re- formen beschleunigen. Die EU-Kommission wie auch die Partnerländer der Anden- und der zentralamerikanischen Länder sind sich einig, dass die Assoziierungsabkommen auf der Förde- rung der Menschenrechte, der Demokratie und des ver- antwortlichen Regierens gründen und eine gegenseitige Verpflichtung zum Eintreten für diese gemeinsamen Wertvorstellungen in aller Welt sein werden. Darüber hi- naus werden sie Rahmenbedingungen für die schritt- weise Errichtung einer Freihandelszone zwischen der EU und den beiden Regionen beinhalten und so den Handel innerhalb der Region als auch zwischen den Re- gionen fördern. Die Wirtschaftskraft der einzelnen Länder in diesen beiden Regionen ist zum Teil sehr unterschiedlich ausge- prägt. Die Assoziierungsabkommen werden sensibel die bestehenden Unterschiede und die Wirtschaftsbeziehun- gen innerhalb der Regionen berücksichtigen. Je nach Verlauf des jeweiligen Integrationsprozesses ist eine dif- ferenzierte und flexible Behandlung vorgesehen, um Asymmetrien abzufedern und Wettbewerbschancen auf- zubauen. Diese schrittweise Integration, ähnlich den der- zeitig laufenden Verhandlungen zu den Wirtschafts- partnerschaftsabkommen, wird es den sich noch entwickelnden Industrien ermöglichen, wirtschaftliche Entwicklung und Handel schrittweise dem globalen Wettbewerb anzupassen. Ihr Antrag unterstreicht wieder einmal deutlich, dass Sie, meine Damen und Herren der Fraktion Die Linke, eine Politik verfolgen, die Wirtschaftspolitik, freien Handel und Wettbewerb unterbindet. Dagegen entspricht die Initiative „Alternativa Bolivariana para America L z g p f k L v D S z w w z m S p n o m h A d a v d I t N w d m A g b E K t s c d s A z f k d g v f s s D (C (D atina y Caribe“ – der ALBA-Vertrag, eine Kooperation wischen Kuba, Venezuela, Bolivien und Nicaragua – anz Ihren sozialistischen Vorstellungen. Das Prinzip der ALBA-Kooperation basiert auf Kom- lementarität und Austausch statt auf Wettbewerb und reiem Handel. So beinhaltet zum Beispiel das erste Ab- ommen der ALBA zwischen Venezuela und Kuba die ieferung von Erdöl an Kuba, das durch die Entsendung on kubanischen Ärzten nach Venezuela bezahlt wurde. er ALBA-Vertrag ist eine Kooperation von souveränen taaten. Die angekündigten Assoziationsabkommen wischen den Andenstaaten und Zentralamerika werden eder diese Kooperation gefährden oder ihr entgegen- irken, wie Sie es in ihrem Antrag behaupten. Meine Damen und Herrn der Linken, Sie müssen aber ur Kenntnis nehmen, dass die wichtigsten Export- ärkte der ALBA-Staaten außerhalb der ALBA liegen. chon allein aus diesem Grund, ohne die stark ausge- rägt ideologische Komponente dieser Kooperation äher zu betrachten, ist es sehr fraglich, die ALBA-Ko- peration als eine Alternative wirtschaftlicher Zusam- enarbeit von Staaten zu bezeichnen. Denn der Welt- andel setzt eben nicht auf Komplementarität und ustausch. Nicht nur wir als CDU/CSU-Fraktion stehen ieser Art von Zusammenarbeit sehr kritisch gegenüber, uch viele Länder in Lateinamerika distanzieren sich on dieser Kooperation. Damit wäre ich auch schon bei einem weiteren Punkt, er mir in diesem Antrag wie auch in anderen Anträgen hrer Fraktion immer wieder auffällt. Für Sie scheint La- einamerika nur aus Venezuela, Kuba, Bolivien und icaragua zu bestehen. Diese Länder ziehen Sie immer ieder heran, um ihr sozialistisches Ideengut zu vertei- igen und die Entwicklungen in diesen Ländern als die ustergültige lateinamerikanische Antwort zu preisen. Sie verschließen die Augen vor dem zunehmenden bbau von demokratischen Strukturen, vor dem Anstei- en der Menschenrechtsverletzungen und vor den fort- estehenden sozialen Missständen in diesen Ländern. ben dort verschärfen sich momentan die politischen onflikte zwischen den Regierungen und der Opposi- ion, zwischen den Verfassungsinstitutionen und zwi- chen den sozialen Gruppen. Lassen Sie es mich an einigen Beispielen verdeutli- hen. Der venezolanische Präsident trat am 10. Januar ieses Jahres eine neue Amtszeit als Präsident an. Sie teht unter dem Motto „Vertiefung, Erweiterung und usbau der Revolution auf dem venezolanischen Weg um Sozialismus“. Chavez bemüht sich derzeit, die Ver- assung zu ändern, um so erneut 2013 kandidieren zu önnen. Mittels eines Ermächtigungsgesetzes gab er sich ie Befugnis, nun per Dekret am Parlament vorbei zu re- ieren. Allein im Jahr 2005 hat Chavez rund 36 Prozent des enezolanischen Haushaltes – rund 20 Milliarden Dollar – ür Investitionen und Schenkungen im Ausland be- timmt. Der bolivianische Präsident Morales erhält nach einer gewonnen Wahl einen Scheck über 30 Millionen ollar, oder venezolanische Soldaten werden nach Kuba 9684 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) geschickt, um dort Häuser zu bauen. Im eigenen Land weisen seine Versprechungen im sozialen Bereich, für deren Sozialprogramme er 10 Prozent des Haushaltes verwendet, nur spärlichen Erfolg auf. Das verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass ein Gutteil der Gelder für die Bezahlung von 50 000 kubani- schen Arbeitskräften aufgewendet wurden, wenngleich die eigene Bevölkerung unter der hohen Arbeitslosigkeit leidet. 80 Prozent der Familien haben Schwierigkeiten, ihren Grundbedarf von 690 US-Dollar im Monat zu ver- dienen. Denn der durchschnittlich gezahlte Monatslohn liegt bei 170 US-Dollar. Die Sozialleistungen des Staates von 93 US-Dollar können die Armut der Familien kaum verringern. Genauso wenig wurde die prekäre Situation auf dem Wohnungsmarkt verbessert, und der Standard in den öffentlichen Krankenhäusern oder die Qualität der Schulbildung zeigen keinerlei Fortschritte auf. Der Bru- der des Präsidenten, der als Bildungsminister agiert, ver- kündete kürzlich: „Bildung hat die Aufgabe, Jugendliche zu ideologisieren.“ Während sich andere Ländern der Region bemühen, das Militär zu professionalisieren, wird es in Venezuela immer stärker politisiert und um Volksmilizen erweitert. Chavez verlangte in einer öffentlichen Kundgebung von seinem Militär, sich zu „Vaterland, Sozialismus oder Tod“ zu bekennen, Andersdenkende sollten aus der Ar- mee ausscheiden. In Bolivien sind ähnliche politische Entwicklungen zu beobachten. Erst im Januar dieses Jahres musste Morales dem Druck der Öffentlichkeit nachgeben und seinen Er- ziehungsminister entlassen. Dieser wollte die Vereinheit- lichung des Bildungssystems durchsetzen und private Bildungseinrichtungen verbieten. Bürgerkriegsähnliche Unruhen folgten jüngsten Vorfällen in der verfassung- gebenden Versammlung, als bei Abwesenheit der Oppo- sitionsfraktionen die Regierungspartei MAS kurzerhand Verfassungsänderungen beschloss. Auch münden Kon- frontationen zwischen den Anhängern Morales’ und den oppositionellen Präfekten immer wieder in Streiks, Stra- ßenblockaden und gewaltsamen Ausschreitungen, die Morales mithilfe des Militärs aufzulösen versucht. In Kuba finden bis heute keine freien demokratischen Wah- len statt und stehen Menschenrechtsverletzungen auf der Tagesordnung. Meine Damen und Herren der Fraktion Die Linke, Sie loben die Demokratisierungsprozesse in diesen Ländern und bezeichnen Chavez und Morales als die Vorzeige- kämpfer gegen Ungerechtigkeit und Armut in Latein- amerika. Das ist ein Hohn gegenüber den lateinamerika- nischen Ländern, die um eine soziale Gerechtigkeit ringen, ohne Menschenrechtsverletzungen und ohne bür- gerliche Freiheiten und die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen einzuschränken. Deshalb werden wir Good Governance gerade auch in den Ländern, wo der institutionelle Demokratisierungs- prozess zu hinken scheint, im Rahmen unserer Entwick- lungszusammenarbeit intensivieren und den Dialog über die Bewahrung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit fortsetzen. S f P k r b z s z w u a b t m w f d w b E r m v d d l L k h s s s e C h F r p s R V M u W a S s h m t (C (D Die Andenstaaten und die zentralamerikanischen taaten wollen ihre freie demokratische Entwicklung ortsetzen, die es Ihnen ermöglicht, ihre wirtschaftlichen otenziale zu entwickeln unter der Wahrung von Demo- ratie, Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte. De- en Anstrengungen respektieren wir und werden sie da- ei weiterhin unterstützen. Die Verhandlungen zu den Assoziationsabkommen wischen der EU und den Andenstaaten werden voraus- ichtlich Ende Mai in La Paz aufgenommen werden. Die entralamerikanischen Staaten sind momentan bemüht, eitere Fortschritte bei den institutionellen Reformen nd der Gründung einer Zollunion zu vollziehen, um so uch baldmöglichst die Verhandlungen mit der EU zu eginnen. Ich betone, wie schon öfters, die schrittweise Integra- ion von Entwicklungsländern in die globalen Handels- ärkte ist ein Schlüsselelement für eine nachhaltige irtschaftliche Entwicklung und für die Armutsbekämp- ung. Das, sehr geehrte Damen und Herren der Fraktion er Linken, verkennen, bestreiten und ignorieren Sie ieder einmal durch Ihren Antrag. Es bleibt leider der Eindruck nicht aus, dass es doch ei all Ihren Anträgen nur darum geht, für Ihre hier in uropa gescheiterten sozialistischen Ideologien in ande- en Teilen der Welt neuen Nährboden zu finden. Es ist ehr als bedauerlich, dass Sie es offensichtlich nicht ermögen, aus den bitterlich gemachten Erfahrungen, ie Menschen 40 Jahre lang in einem Teil unseres Lan- es erleiden mussten, zu lernen. Wir als CDU/CSU-Fraktion begrüßen es ausdrück- ich, dass die Zusammenarbeit zwischen der EU und den ändern Lateinamerikas durch neue Assoziationsab- ommen endlich wieder einen neuen Aufschwung er- ält. Ich kann mich hier der Meinung der EU-Kommis- ion anschließen, die unser Verhältnis zu Lateinamerika o formulierte: „Die Verbindungen zu Lateinamerika ind nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern auch ine zwingende Notwendigkeit.“ Den Antrag der Fraktion Die Linke lehnt die CDU/ SU-Fraktion ab. Dr. Sascha Raabe (SPD): Zum zweiten Mal inner- alb weniger Monate bereiste unser Außenminister rank-Walter Steinmeier kürzlich Mittel- und Südame- ika. Nur wenige Wochen vorher besuchte unser Bundes- räsident Horst Köhler drei Länder Lateinamerikas: Bra- ilien, Kolumbien und Paraguay. Obwohl derzeit im ahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft und dem orsitz der G-8-Gruppe der Kontinent Afrika in aller unde ist, zeigen diese Reisen: Lateinamerika rückt für ns nicht in den Hintergrund. Ich selbst war vor einer oche in Zentralamerika. Dort habe ich unter anderem n einer mehrtägigen Konferenz der Friedrich-Ebert- tiftung zum Thema „Assoziierungsabkommen zwi- chen der EU und Zentralamerika“ teilgenommen. Ich atte die hervorragende Gelegenheit, mich direkt vor Ort it zentralamerikanischen Parlamentariern und Vertre- ern der Zivilgesellschaft ausführlich über das Thema Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9685 (A) ) (B) ) auszutauschen. Die Gesprächsteilnehmer teilten mir ihre Sorgen sowie ihre an die Verhandlungen geknüpften Er- wartungen mit. Vor allem eines lernte ich aus den vielfältigen Gesprä- chen: Die Bürgerinnen und Bürger Zentralamerikas su- chen den Kontakt zu uns Europäern und freuen sich über eine noch engere künftige Zusammenarbeit. Insbeson- dere Deutschland genießt große Sympathie und es wird uns ein hohes Vertrauen entgegengebracht. Deshalb set- zen die Menschen in Lateinamerika Hoffnung in unseren Beitrag zu einer fairen und gerechten Ausgestaltung des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Zen- tralamerika. In Costa Rica herrscht zurzeit in weiten Tei- len der Bevölkerung großer Unmut über das Freihan- delsabkommen mit den Vereinigten Staaten, CAFTA, das vom Parlament noch nicht ratifiziert wurde. Jetzt soll ein Referendum darüber entscheiden. Kritikpunkt ist vor allem die Befürchtung, dass ein reines Freihandels- abkommen mit dem mächtigen Partner USA zu ähnli- chen Verwerfungen im ländlichen Raum führen könnte wie beim Freihandelsabkommen zwischen Mexiko und den USA, NAFTA. Hier wurde der traditionelle Maisan- bau Mexikos durch den Wegfall der Schutzzölle und die Überflutung mit hochsubventioniertem US-Mais zerstört und somit die Einnahmequelle vieler Kleinbauern ver- nichtet. Deshalb müssen wir in den laufenden Verhand- lungen beweisen, dass es uns nicht nur um Freihandels- fragen geht, sondern in erster Linie um eine nachhaltige Entwicklung im Sinne der ärmsten Menschen. Ein wich- tiger Aspekt wird dabei sein, die nötige Transparenz bei den Verhandlungen zu bieten. Genauso wichtig ist es, den Parlamentariern in Zentralamerika ein Mitwirkungs- recht bei den Gesprächen zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang möchte ich die Friedrich-Ebert-Stiftung ausdrücklich loben, die in der oben genannten Konfe- renz in Costa Rica eines der wenigen Foren für Parla- mentarier und Vertreter der Zivilgesellschaft geschaffen hat, um über das aktuelle Thema zu diskutieren. Ich möchte an dieser Stelle den zur Debatte vorliegen- den Antrag der Linken aufgreifen. Denn einige Forde- rungen wie diejenige nach möglichst großer Transparenz können wir durchaus teilen. Sie ist allerdings in dem Grundgerüst der Verhandlungsrichtlinien bereits vorge- sehen, das aus drei gleichgewichtigen Säulen besteht: dem politischen Dialog, dem Handelsteil sowie der Ent- wicklungszusammenarbeit. Eines der Hauptziele des Abkommens ist es, die Armut zu bekämpfen und die Einkommensungleichheiten zu reduzieren. Während viele Forderungen des hier zur Debatte ste- henden Antrags bereits im Verhandlungsmandat enthal- ten sind, trifft der Vorwurf der Linksfraktion, dass die Assoziierungsverhandlungen die eigenen zentralameri- kanischen Integrationsbemühungen vor Ort behindern würden, schlichtweg nicht zu. Im Gegenteil: Die EU for- dert die zentralamerikanischen Staaten auf, ihre Integra- tionsbemühungen – unter anderem auf Grundlage des Panama-Abkommens – schneller und effektiver voran- zubringen. Die EU betont auch stets, dass sie „im Block“ verhandeln möchte. Und es ist gerade die Europäische Union, die den lateinamerikanischen Staaten bei ihren Integrationsbestrebungen als Vorbild dient. Gerade das e z d r h Z s D b g A w V m n P z c b E i b r 5 g H „ r g i z q t s d s d b f s b d G m n n l m E i e r m v s (C (D uropäische Sozialmodell mit seinen hohen Arbeits-, So- ial- und Umweltstandards und das Wirtschaftssystem er sozialen Marktwirtschaft wird im Gegensatz zum einen Marktwirtschaftssystem der USA von der Mehr- eit der lateinamerikanischen Menschen bevorzugt. Einen wichtigen integrativen Beitrag in der Region entralamerikas wie auch innerhalb der Andengemein- chaft leistet die deutsche Entwicklungszusammenarbeit. as Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenar- eit und Entwicklung ist an den Assoziierungsverhandlun- en mitbeteiligt und wird die entwicklungspolitischen uswirkungen der Ergebnisse stets im Auge behalten. So irkte das BMZ von Anfang an darauf hin, dass sich die erhandlungen nicht allein auf ein Freihandelsabkom- en beschränken. Ebenso besteht das Entwicklungsmi- isterium darauf, dass keine Reziprozität der ungleichen artner eingefordert. Im Aufbau befindliche Industrie- weige müssen ebenso wie einige für die Ernährungssi- herheit wichtige landwirtschaftliche Sektoren geschützt leiben können; im letzteren Fall insbesondere, solange in uropa noch so hohe Agrarsubventionen fließen. Auch die von der EU geleistete Entwicklungspolitik n der Region ist beträchtlich. Die EU ist der größte Ge- er nicht rückzahlbarer finanzieller Hilfe in Zentralame- ika. Für den Zeitraum 2002 bis 2006 sind mehr als 63,2 Millionen Euro in die zentralamerikanische Re- ion geflossen. Hinzu kamen 300 Millionen Euro für ilfsmaßnahmen nach den Katastrophen des Hurrikans Mitch“ und des Erdbebens in El Salvador. Entwicklungszusammenarbeit kann aber nur erfolg- eich sein, wenn sie in Kohärenz mit den Handelsbedin- ungen erfolgt. Deshalb werden wir uns in dem Assozi- erungsabkommen dafür einsetzen, dass in dem für viele entralamerikanische Staaten wichtigen Agrarsektor ein uoten- und zollfreier Zugang auch für weiterverarbei- ete Produkte in die EU möglich wird. Gleichzeitig müs- en wir nicht nur unsere Agrarexportsubventionen, son- ern alle handelsverzerrenden internen Stützungen chnellstmöglich abschaffen. Letztlich ist die Lösung er Agrarfrage auch die Voraussetzung für einen Durch- ruch bei der festgefahrenen Welthandelsrunde. Ein er- olgreicher Abschluss liegt auch im Interesse der deut- chen Exportwirtschaft. Ebenso werden wir auf die Verankerung von Kernar- eitsnormen, Umwelt- und Sozialstandards achten. Denn ie von einem Wirtschaftsabkommen zu erwartenden ewinne dürfen nicht nur den Unternehmen, sondern üssen vor allem den Arbeitnehmerinnen und Arbeit- ehmern zugute kommen. Mein Besuch in Zentralamerika hat es mir ermöglicht, icht nur tiefe Einblicke in die komplizierte Verhand- ungsmaterie zu gewinnen, sondern insbesondere auch it den Menschen vor Ort zu reden und ihre Sorgen und rwartungen aufzunehmen. Mit dieser Botschaft komme ch nach Europa zurück. Ich werde mich weiterhin dafür insetzen, dass die Verhandlungen über die Assoziie- ungsabkommen mit Zentralamerika und der Andenge- einschaft erfolgreich im Interesse aller Beteiligten und or allem zum Wohle der ärmsten Menschen abge- chlossen werden. 9686 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) Dr. Karl Addicks (FDP): Nachdem der Wiener EU- Lateinamerika-Gipfel im Mai 2006 ohne nennenswerte Ergebnisse geblieben ist, wurde es wieder still um die europäisch-lateinamerikanischen Beziehungen. Vergeblich bemüht sich die Europäische Union um die Abschlüsse von Assoziierungsabkommen mit den regionalen Bünd- nissen in Lateinamerika. Ob nun mit dem Mercosur, der Andengemeinschaft oder Zentralamerik, wirkliche Ergeb- nisse sind nicht zu vermelden. Ein Grund sind die ge- schwächten lateinamerikanischen Regionalbündnisse, die ein Abschließen der Verhandlungen nicht ermöglichen. Ich denke da nur an Venezuela, wo Hugo Chávez mit aller Macht versucht, seine linken populistischen Parolen auf ganz Lateinamerika auszudehnen. Diesen Entwicklungen muss mit den entsprechenden Konzepten entgegenge- wirkt werden. Angesichts dieser desintegrierenden Entwicklungen in Südamerika ist die EU gut beraten, in der Lateinamerika- politik umzusteuern. Das bedeutet, dass die EU mit Mercosur, Andengemeinschaft und Zentralamerika ruhig verhandeln sollte. Aber gleichzeitig sollte sie weitere bilaterale Assoziierungsabkommen anstreben. Schließ- lich hat die EU bereits in der Vergangenheit bilaterale Handelsabkommen mit den Einzelstaaten Mexiko und Chile erfolgreich abgeschlossen. Gerade vor dem Hinter- grund der chinesischen Bestrebungen in Lateinamerika kann es sich die Europäische Union nicht leisten, den An- schluss beim politischen Dialog mit Lateinamerika zu verlieren. Die EU muss also auf drei Ebenen verhandeln: weiterhin versuchen, zu einem Abschluss der Doha-Ver- handlungen zu kommen, Assoziierungsabkommen mit den lateinamerikanischen Regionalbündnissen abzuschließen und drittens die bilateralen Assoziierungsabkommen an- zustreben. Grundsätzlich halten wir es schon für aussichtsreich, mit regionalen Staatenbündnissen Handelspolitik zu be- treiben. Aber wenn das nicht geht, dann heißt es: besser bilaterale Abschlüsse als gar keine! Unser Standpunkt ist, dass Handelsliberalisierungen und Freihandelsab- kommen als Chance für Lateinamerika gesehen werden müssen. Der derzeitige Linksruck in Lateinamerika ist der Weg zurück in Chaos und Verstaatlichung. Chávez ist ein Unglück für sein Land, und für seine Andenpart- ner in Bolivien und Ecuador gilt das Gleiche! An Vene- zuela kann man aber auch sehen, dass Wahlboykott das Dümmste ist, was eine Opposition tun kann. Chávez sitzt inzwischen völlig allein und unkontrolliert an den Schalthebeln der Macht. Und die Linke – unbelehrbar und erfahrungsresistent – unterstützt diesen Weg in die Diktatur! Anders als die Fraktion Die Linke es immer behauptet, hat nicht nur die Europäische Union ein Interesse an einer starken und vielfältigen Zusammenarbeit. Auch Latein- amerika und die Karibikstaaten streben eine partner- schaftliche Zusammenarbeit mit Europa an. Auch von deutscher Seite wird Lateinamerika wieder verstärkt be- achtet. Die Reisen von Bundespräsident Köhler und jüngst vom Bundesaußenminister Steinmeier zeigen dies. Die EU und Lateinamerika teilen, mit Ausnahme von Kuba, gemeinsame westliche Werte wie Menschen- r s n l a h a M U t i E a w s i s f D L s r s k K e w a w S k t k S S B b – d a u b z s l A E h R P r A – p (C (D echte, gemeinsame kulturelle Wurzeln und demokrati- che Grundsätze. Das will die Fraktion Die Linke nur icht wahrhaben. Außer der politischen und wirtschaftlichen Entwick- ung wollen wir mit einer strategischen Partnerschaft vor llem auch diese gemeinsamen Werte, Demokratie, Frei- eit, Bildung und Kultur, entwickeln helfen, damit Latein- merika auch in Zukunft ein lebenswerter Raum für alle enschen wird und bleibt! Wir dürfen nicht vergessen, dass die Europäische nion bei weitem der größte Zahler von finanzieller und echnischer Hilfe in Lateinamerika ist. Seit 1996 wurden m jährlichen Durchschnitt circa 500 Millionen Euro an ntwicklungszusammenarbeit von der EU an Latein- merika zugesagt, nicht eingerechnet die bilaterale Ent- icklungszusammenarbeit der einzelnen EU-Mitglied- taaten. Darüber hinaus erhalten die karibischen Staaten m Rahmen des Europäischen Entwicklungsfonds zu- ätzliche Unterstützung. Wir Liberale sehen in der EU einen wichtigen Partner ür Lateinamerika. Dessen müssen wir uns bewusst sein. ie EU ist nach den USA der wichtigste Handelspartner ateinamerikas. Den nationalistischen und populisti- chen Forderungen einzelner südamerikanischer Regie- ungen, die eine Destabilisierung der lateinamerikani- chen Regionalbündnisse erreichen wollen, muss eine lare Absage erteilt werden. Und auch dem Antrag der olleginnen und Kollegen von der Linken erteilen wir ine klare Absage. Was sie in ihrem Antrag fordern, äre ein schlimmer Rückschritt in den europäisch-latein- merikanischen Beziehungen. Dem können und wollen ir Liberale nicht zustimmen. Heike Hänsel (DIE LINKE): Außenminister teinmeier zeigte sich nach seiner jüngsten Lateinameri- areise enttäuscht über die eigensinnige Haltung der la- einamerikanischen Regierungen: Die Freihandelsab- ommen, die die EU mit mehreren lateinamerikanischen taatengruppen abschließen will, kämen nicht von der telle, klagte er; Regierungen wie die Venezuelas oder oliviens störten das Vorankommen. Steinmeiers Pro- lem: Die lateinamerikanischen Regierungen beginnen gestützt auf die sozialen Bewegungen in ihren Län- ern – eigene politische Vorstellungen zu formulieren, uch in ihren Außenwirtschaftsbeziehungen. Das waren nsere Regierungen bislang nicht von ihnen gewohnt. Die bolivianische Regierung beispielsweise hat ereits im Juli 2006 ihre Vorstellungen von Handelsbe- iehungen mit der EU in einem 17-Punkte-Papier zu- ammengefasst. Wenn ich mir jetzt die Verhand- ungsmandate anschaue, mit denen der Rat für ußenbeziehungen der EU am vergangenen Montag die U-Kommission für die anstehenden Assoziierungsver- andlungen ausgestattet hat, muss ich feststellen: Eine ücksichtnahme auf die Haltung der bolivianischen artner ist nicht zu erkennen. Die EU geht mit einer kla- en neoliberalen Agenda in die Verhandlungen mit den nden- und den zentralamerikanischen Staaten. Sie will wie auch in Verhandlungen mit anderen Staatengrup- en des Südens – das durchsetzen, womit sie in der Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9687 (A) ) (B) ) Welthandelsorganisation bislang nicht durchkam: Har- monisierung des Wettbewerbsrechts, Investitionsschutz- abkommen, Öffnung der Beschaffungsmärkte der öffent- lichen Hand – die berühmten „Singapurthemen“, deren Aufnahme auf die Verhandlungsagenda der Welthan- delsorganisation durch die Entwicklungs- und Schwel- lenländer verhindert werden konnte. Wenn sich die EU in diesen Punkten durchsetzt, wür- den die politischen Handlungsspielräume der lateiname- rikanischen Regierungen massiv eingeschränkt, staatli- che Strukturpolitik würde erschwert, demokratische Entscheidungen zur Ausgestaltung der Daseinsvorsorge und der Versorgungsmärkte würden zugunsten des un- eingeschränkten Marktzugangs für europäische Kon- zerne untergraben. Ich frage deshalb: Wer zeigt mangelhaften Koopera- tionswillen – diejenigen, die in Lateinamerika solidari- sche, gleichberechtigte und entwicklungsförderliche Be- ziehungen zu Europa einfordern, oder diejenigen in der EU, die an neoliberalen Freihandelsdiktaten festhalten? Steinmeier und EU-Außenkommissarin Ferrero-Waldner hatten im Vorfeld der Ratsentscheidung in Lateiname- rika heftig für die Freihandelsabkommen geworben. Dort mussten sie feststellen, dass die Europäische Union in Lateinamerika längst nicht mehr als die freundliche Alternative zum Hegemonialstreben der USA wahrge- nommen wird. Die Menschen in Lateinamerika haben genug von den neoliberalen Wirtschafts- und Handelsre- zepten aus dem Norden, die vor allem den Konzernen des Nordens helfen und in Lateinamerika soziale und wirtschaftliche Flurschäden hinterlassen. Neue, alternative und vor allem solidarische Wege wirtschaftlicher Kooperation werden in Lateinamerika nicht nur ohne die USA, sondern auch ohne die EU aus- probiert bzw. müssen gegen die USA und leider auch ge- gen die EU verteidigt werden. Interessant ist, wie Au- ßenminister Steinmeier und die Regierungsfraktionen diese regionalen Integrationsbestrebungen bewerten, nämlich in erster Linie als Störung der EU-Politik. Wir fordern dagegen, die regionale Integration nicht als Stö- rung, sondern als Chance für Lateinamerika zu begreifen und unsere Politik gegenüber Lateinamerika so zu ge- stalten, dass sie diese Bestrebungen unterstützt und nicht behindert. Handel muss nicht auf Wettbewerb und Verdrängung basieren. Im Abkommen ALBA – Bolivarische Alterna- tive für Amerika – wird vielmehr versucht, einen kom- plementären, am Bedarf der Partner orientierten Aus- tausch und konkrete Maßnahmen solidarischer Hilfe zu organisieren. Davon profitieren viele Menschen bereits jetzt sehr konkret. Immer mehr Länder schließen sich der Initiative an. Das zeigt: Ein anderer Handel ist mög- lich! Deshalb fordern wir von der EU, Maßstäbe für soli- darische Handelsabkommen zu entwickeln. Wir haben dazu in unserem Antrag ganz konkrete Vorschläge gemacht und dabei Forderungen sozialer Be- wegungen und linker Regierungen aufgegriffen: Die Verhandlungen zwischen der EU und der Andengemein- schaft bzw. den zentralamerikanischen Staaten müssen auf gleicher Augenhöhe und mit dem Ziel einer verstärk- t s P s r w d h S F v W v I m h f T r s T V n n s I u s m r e R b p z E h z s h t R d t h s A l m d L L s E r (C (D en Entwicklungspartnerschaft geführt werden. Sie müs- en für die Beteiligung der Zivilgesellschaft und der arlamente geöffnet werden. Sie müssen das Wohl- tandsgefälle zwischen Europa und Lateinamerika be- ücksichtigen und sollten deshalb heterogen ausgestaltet erden. Die sogenannten Singapurthemen müssen von er Verhandlungsagenda genommen werden. Wir beste- en darauf: Soziale, ökologische und arbeitsrechtliche tandards müssen Vorrang vor Konzerninteressen haben. Ute Koczy (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Meine raktion geht bei allen Handelsverhandlungen, die sich or allem an Entwicklungsländer richten – ob in der TO, bei bilateralen oder biregionalen Abkommen – on der Maxime aus: Entwicklungsverträglichkeit first! n der Regel handelt es sich, wie auch bei den Abkom- en mit den Andenländern und Zentralamerika, um Ver- andlungen zwischen sehr ungleichen Partnern. Daraus olgt, dass die Prinzipien des „Special and Differential reatments“ und einer nicht reziproken Marktöffnung espektiert werden müssen. Nur so wird dem unter- chiedlichen Entwicklungsstand Rechnung getragen. ransparenz und zivilgesellschaftliche Begleitung der erhandlungsprozesse müssen gewährleistet sein, ge- auso wie die Respektierung grundlegender internatio- aler Abkommen und Regeln. Ganz besonders relevant ind hier der Schutz der indigenen Völker – siehe die LO-Konvention 169 –, bestehende Umweltabkommen nd selbstverständlich auch die ILO-Kernarbeitsnormen. Dieses vorausgeschickt, möchte ich auf unsere politi- chen Probleme im Antrag der Linken zu sprechen kom- en. Diese Probleme ziehen sich durch alle Lateiname- ikainitiativen der Linksfraktion: Sie wollen den uropäischen Aggressor in Lateinamerika bändigen. Die ealität ist jedoch eine ganz andere. In Wirklichkeit ha- en wir es mit einem stark abnehmenden Interesse Euro- as gegenüber Lateinamerika zu tun. Der ganze Riopro- ess, der sich eine strategische Partnerschaft zwischen uropa und Lateinamerika auf die Fahnen geschrieben at, lahmt vor sich hin. Auch beim EU-Mercosur-Asso- iierungsabkommen, das aufgrund seines ökonomi- chen Gewichtes noch am ehesten politische Zeichen ätte setzen können, geht nichts voran. Sie argumentieren wie in allen Ihren vorherigen An- rägen defensiv: Sie igeln sich in der bolivarianischen evolution ein, wo es doch eigentlich notwendig wäre, ie strategischen Optionen der Andenländer und Zen- ralamerikas zu erweitern. Gerade weil diese Länder bis- er so einseitig und stark auf die USA ausgerichtet sind, treben sie nach einer stärkeren Differenzierung in den ußenbeziehungen. Es gibt aber in Ihrem Antrag keiner- ei konstruktiven Elemente für eine lebendige Zusam- enarbeit zwischen Lateinamerika und Europa. Aus der Sicht meiner Fraktion lohnt es sich sehr, in ie Beziehungen zwischen der Europäischen Union und ateinamerika zu investieren: Die jüngsten Wahlsiege in ateinamerika bringen deutlich den Wunsch der Men- chen nach sozialen Reformen und nach einer stärkeren inbeziehung der bisher rechtlosen indigenen Bevölke- ung zum Ausdruck. 9688 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) Wir fordern die EU auf, die positive politische Konjunktur in Lateinamerika zu nutzen, um eine echte strategische Partnerschaft aufzubauen, für die die Asso- ziierungsabkommen mit der Andengemeinschaft und Zentralamerika wichtige Bausteine sein können. Selbst- verständlich muss eine enge Kooperation dabei auf die Respektierung und die politische und wirtschaftliche Unterstützung der regionalen Integration aufbauen. Große Potenziale liegen für uns vor allem in der umwelt- und energiepolitischen Zusammenarbeit, beim Schutz der Biodiversität, bei der Förderung der demokratischen Konsolidierung und der Menschenrechte. Assoziie- rungsabkommen sollten diese Potenziale fördern. Ganz wichtig ist es uns jedoch, dass die Abkommen dazu beitragen, Staatlichkeit in Lateinamerika zu stärken und nicht zu zerstören. Wir haben es in manchen Län- dern der Region mit privatisierten Staatsapparaten zu tun, die von den Eliten als Selbstbedienungsläden ge- führt werden. Ergebnis ist, dass der Subkontinent die un- gerechteste Region der Welt, diejenige mit den größten Einkommensunterschieden, ist. Die Eliten dieser Länder müssen endlich Verantwortung für Armutsbekämpfung und die Schaffung von mehr sozialer Gerechtigkeit über- nehmen. Dafür sind sie selbst verantwortlich. Abkom- men mit der EU dürfen Anstrengungen in diese Richtung aber nicht unterminieren. Alles was nach Politik des Washingtoner Konsenses, nach „Privatisierung und Frei- handel über alles“ riecht, hat heute in Lateinamerika keine politische Legitimation mehr. Anlage 15 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Nanotechnologie-Be- richt vorlegen (Tagesordnungspunkt 24) Johann-Henrich Krummacher (CDU/CSU): Schön, dass heute auch die Nanotechnologie im Mittel- punkt unserer Aufmerksamkeit steht. Da gehört sie an- gesichts der großen Potenziale nämlich auch hin: von der Hilfe bei der Zahnpflege bis zum Kampf gegen Krebs; von „Nano-Textilien“ mit UV-Schutz bis zu selbstreini- genden Gebäudefassaden; vom „Umweltschutz im Klei- nen“, beispielsweise durch leistungsfähigere Batterien, bis hin zum Umweltschutz im großen Stil, wenn etwa für den Straßenverkehr hocheffiziente Katalysatoren bereit stehen oder wenn auf den großen Schifffahrtslinien – quasi die Lebensadern unseres Wohlstandes – die Frachter durch Spezialbeschichtungen knapp 40 Prozent ihres Treibstoffes sparen. Nichts scheint unmöglich, alles ist drin! Sich diese Möglichkeiten zu vergegenwärtigen, hilft zu verstehen, warum die Nanotechnologie von der Wissenschaft zu Recht als eine der bedeutendsten Zukunftsfelder gesehen wird. Man kann mit Blick auf die Winzigkeit von Nano- partikeln durchaus sagen: weniger ist oft mehr! Um es – bei allem Respekt – sehr deutlich zu sagen: Auch beim v g e w w s s w g t D d 2 d k s z n K W n i d R i h F d A A s g f t a u v a s s – z 7 d E b d n g u (C (D orliegenden Antrag wäre „weniger“ vielleicht „mehr“ ewesen! Denn dieser Antrag fordert von der Bundesregierung inen Bericht zum Schutz der Gesundheit und der Um- elt hinsichtlich nanotechnologischer Produkte und An- endungen, des Weiteren mehr Mittel für die Nanofor- chung in den Bereichen Umwelt- und Klimaschutz owie eventuell den Erlass von Moratorien. Insgesamt ird die Risikoforschung angeregt, auch unter Beteili- ung eines breiten Spektrums von Akteuren und in Rich- ung einer Gesamtstrategie. Der eigentliche Adressat des Antrags von Bündnis 90/ ie Grünen ist natürlich die frühere Bundesregierung, an er der Antragsteller selbst beteiligt war. Schon im Jahre 004 ist ein solcher Antrag – wie gesagt: gerichtet an die amalige Bundesregierung – gestellt worden. Allerdings onnte oder wollte die Vorgängerregierung diesem An- innen bis zum Herbst 2005 nicht nachkommen. Die jet- ige Bundesregierung hingegen hat ihrerseits – aus eige- em Antrieb und in enger Kooperation mit den oalitionsfraktionen im Bundestag – bereits alles in die ege geleitet, um sowohl die Chancen als auch die offe- en Fragen der Nanotechnologie solide zu erfassen. Das st dem Antragsteller eigentlich auch bekannt, aber sei’s rum. Jedenfalls: Bei der Arbeit der Bundesregierung ist die isiko- und Sicherheitsforschung von vornherein voll ntegriert. Darum ist die große Ausgewogenheit auch ervorzuheben. Erstens: Die Bundesregierung hat letztes Jahr unter ederführung von Ministerin Dr. Annette Schavan und es BMBF einen erweiterten, ressourcenübergreifenden ktionsrahmen vorgelegt, nämlich die „Nano-Initiative – ktionsplan 2010“. Darin kommen die Bereiche Erfor- chung, Umsetzung und Verbreitung der Nanotechnolo- ie gebündelt und ausgewogen zum Tragen. Zweitens: Das Bundesumweltministerium wiederum lankiert dies seit Anfang des Jahres mit dem sogenann- en Nanodialog. Auch darin werden sowohl die Chancen ls auch die noch offenen Fragen ausgewogen gestellt nd beantwortet. Drittens: Darüber hinaus soll ein Leitfaden für einen erantwortungsvollen Umgang mit Nanomaterialien er- rbeitet werden. Daran beteiligt sind verschiedene Res- orts, Umwelt- und Verbraucherschutzverbände, Wissen- chaft und Unternehmen. Der Dialog ist auf zwei Jahre also bis 2008 – angelegt. Viertens: Das BMBF fördert verschiedene Projekte ur Sicherheitsforschung – wie etwa NanoCare – mit ,6 Millionen Euro. Insgesamt ist festzuhalten: Die Bundesregierung wird en von der Vorgängerregierung versäumten Bericht nde des Jahres und aus eigenem Antrieb vorlegen. Da- ei werden auch alle Erkenntnisse einfließen, die etwa urch die genannten Gespräche und Initiativen gewon- en werden. Im Übrigen werden wesentliche Forderun- en des Antrags mit eben diesen Maßnahmen bereits mgesetzt. Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9689 (A) ) (B) ) Man kann also mit dem Satz aus der Bibel vom Predi- ger Salomo Vers 3 Satz 1 ruhig sagen: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles unter dem Himmel hat seine Stunde“! Und an die Adresse der Grünen: Manche ver- schlafen sie auch. Ulla Burchardt (SPD): „Aufbruch in den Nano-Kos- mos – Chancen nutzen, Risiken abschätzen“ – das war der Titel eines Antrags, mit dem der Bundestag in der letzten Wahlperiode seine Nanostrategie abgesteckt hat. Über zwei Jahre ist das jetzt her – in der Welt der Winz- linge sind das fast schon Lichtjahre. Sicher ist vieles, woran Forscher heute arbeiten, im- mer noch Theorie und Vision und so manches hat den Hauch von Science-Fiction. Aber das meiste wird abseh- bar kommen, und längst schon haben nanotechnologi- sche Verfahren und Produkte die Labors der Grundla- genforschung verlassen und ganz unauffällig Einzug in unseren Alltag gefunden. Die Zwerge werden erwachsen, das lässt sich auch an der Marktentwicklung ablesen: In ganzen Industriezwei- gen wären Produkte ohne die Nanotechnologie längst nicht mehr konkurrenzfähig. Beeindruckend ist auch die Zahl von mittlerweile 120 Großunternehmen und 480 kleinen und mittleren Unternehmen, die nanotechnologi- sche Produkte entwickeln, anwenden und vertreiben. Und die 50 000 Industriearbeitsplätze, die direkt oder in- direkt davon abhängen, sind alles andere als „nano“. Das Bild vom Nano-Kosmos ist treffend: Die potenziel- len Beiträge der Nanotechnologie zur Lösung globaler Zukunftsfragen reichen fast ins Unendliche, jedenfalls weit über das hinaus, was wir heute schon kennen. So ist die Versorgung mit sicherer und sauberer Energie eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, der jüngste Bericht des Weltklimarats sollte jetzt auch den Letzten aufgeweckt haben. Dafür ist auch weiterhin noch Grundlagenforschung nötig: sei es für Solarzellen, Leichtbaumaterialien, Ener- giespeicher in Brennstoffzellen oder für Komponenten aus neuen, supraleitenden Materialien, die verlustfreien Stromtransport oder Transformation erlauben. Wenn es durch Forschung gelingt, die zugrunde liegenden Me- chanismen, die großen Zusammenhänge zu begreifen, dann ist der Nutzen ein globaler: Dann rückt die ökologi- sche Effizienzrevolution in greifbare Nähe. Heute nun debattieren wir über einen Antrag, der in doppelter und – ich betone das ausdrücklich – auch guter Kontinuität steht. Erstens zum Nanotechnologiebericht des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deut- schen Bundestag aus dem Jahr 2003. Von uns For- schungspolitikern beauftragt, hat das TAB damals eine erste umfassende und systematische Bestandsaufnahme vorgelegt über das, was Nanotechnologie ist, kann und möglich machen könnte – im Guten wie im Schlechten. Das TAB identifizierte auch den weiteren politischen Handlungsbedarf, und damit komme ich zur zweiten Traditionslinie: dem bereits erwähnten Antrag der SPD- geführten Regierungskoalition, den ich damals für meine Fraktion federführend erarbeitet habe. In diesem Antrag h a l b a u F V d v s n f s k r d g f d n r U h f A u f C H V M W d f d u r D w n s I u p p t G d z s d (C (D aben wir die Empfehlungen des TAB in allen Teilen ufgegriffen und ein umfassendes politisches Hand- ungsprogramm für die Nanotechnologie formuliert. Weil es diese Kontinuitätslinien gibt, die im Übrigen is zu einzelnen Formulierungen reichen, halte ich vieles us dem bündnisgrünen Antrag für durchaus berechtigt nd unterstützenswert. An erster Stelle sicherlich die orderung, dass die Bundesregierung den Bericht zum eränderungsbedarf des für nanotechnologische Anwen- ungen relevanten Rechtsrahmens nun unverzüglich orlegen soll. Wir alle wollen eine menschen-, gesell- chafts- und umweltverträgliche Nutzung der Nanotech- ologie und dafür ist eine solche systematische Überprü- ung unabdingbar. Dass die Bundesregierung einen solchen Bericht jetzt chnellstmöglich vorlegt, sollte auch im Sinne eines onstruktiven Miteinanders von Parlament und Regie- ung selbstverständlich sein – immerhin hatte der Bun- estag ursprünglich um Zuleitung bis September 2005 ebeten. Im Forschungsministerium hat man das jetzt of- ensichtlich verstanden, was ich sehr begrüße. Berechtigt ist es sicherlich auch, wenn gefordert wird, ie Begleitforschung weiter auszubauen und ein konti- uierliches und standardisiertes Untersuchungs-, Be- ichts- und Veröffentlichungsverfahren zu etablieren. nerwünschte Folgen der Nanotechnologie für Gesund- eit und Umwelt sind möglich, aber erst ansatzweise er- orscht. Deshalb macht es Sinn, sich neben den Chancen und nwendungspotenzialen auch frühzeitig mit Risiken und nerwünschten Nebenfolgen der Nanotechnologie zu be- assen. Nur auf der Basis einer rationalen Bewertung der hancen und Risiken, jenseits von Horrorszenarien und eilsversprechen, entsteht Technikakzeptanz, und die ist oraussetzung für nanotechnologische Innovation im egamaßstab. Wieder verweise ich auf unseren Antrag aus der letzten ahlperiode: Schon damals hatten wir darauf gedrungen, ass 5 Prozent der Nanofördermittel im Bundeshaushalt ür die integrale Begleitforschung ausgegeben werden. Ob ieses 5-Prozent-Ziel für eine menschen-, gesellschafts- nd umweltverträgliche Nanotechnologie schon als er- eicht gelten kann, ist aber wie so oft auch eine Frage der efinition. So zählt das Forschungsministerium dazu auch Auf- endungen etwa für die Kompetenznetze oder die Natio- ale Kontaktstelle Nanotechnologie für das 7. EU-For- chungsrahmenprogramm, was einer durchaus weiten nterpretation gleichkommt. Richtschnur sollte auch hier nser Bundestagsbeschluss sein, mit dem wir die 5 Prozent räzise für eine ökologische, ethische, soziale, friedens- olitische und verbraucher- und gesundheitsschutzorien- ierte Begleitforschung einfordert haben. Kontinuität schützt vor Auslassung nicht. In seiner esamtschau greift der bündnisgrüne Antrag dann doch eutlich zu kurz. Erstens werden der internationale Spit- enplatz Deutschlands und wichtige Fragen der For- chungsförderung komplett ausgespart. Dabei sprechen ie Kennzahlen eine eindeutige Sprache: Rang vier bei 9690 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) den Publikationen, Rang drei bei den Patentanmeldun- gen und in Europa mit großem Abstand der Champion! Die Forschungsleistung ist exzellent, nicht zuletzt dank einer Förderpolitik, die schon unter der SPD-ge- führten Regierungskoalition die Weichen gestellt hat: Seit 1998 hat sich das Fördervolumen von Verbundpro- jekten des Bundesforschungsministeriums mehr als ver- vierfacht. Bereits 1998 und damit zwei Jahre vor den USA wurde der strategische Aufbau von Infrastruktur begonnen, Stichwort Nanokompetenzzentren. Seit 2002 gibt es den Nanonachwuchswettbewerb, der exzellenten jungen Forschern aus dem In- und Ausland das eigen- ständige Forschen ermöglicht. Doch bei allen Erfolgen gilt: Wer in der Welt der Nano- teilchen sein Ziel auch nur um Haaresbreite verfehlt, liegt meilenweit daneben. So brauchen junge Nano- unternehmen und generell der Mittelstand noch leichteren Zugang zur Forschungsförderung: durch zentrale An- laufstellen, bessere Beratungsangebote, mehr Transpa- renz und deutlich weniger Verwaltungsaufwand. Daran arbeiten wir. Die von der Bundesforschungsministerin im Rahmen der Hightechstrategie vorgestellte Nanoini- tiative 2010 wird auch in dieser Hinsicht ein wichtiger Schritt sein. Zweitens lassen die Antragsteller das Thema Bildung und Qualifizierung fast völlig unter den Tisch fallen. Ex- zellente Forschungsergebnisse aber verpuffen, wenn es nicht genug Menschen gibt, die Innovationen in die be- triebliche Praxis, neue Produkte und Verfahren umsetzen können. Schon bald werden die Unternehmen in Schlüs- seltechnologien händeringend nach qualifiziertem Nach- wuchs suchen. Auch deshalb ist es so wichtig, jungen Menschen eine Brücke zu bauen in die faszinierende Welt des Aller- kleinsten. So braucht es für die weitere Erschließung des Nanokosmos eine neue Wissenschaftlergeneration – praxis- nah und interdisziplinär ausgebildet. Benötigt werden aber auch qualifizierte Fachkräfte, die Anlagen und Ge- räte bauen, bedienen und in Stand halten können. Des- halb muss die Berufsausbildung fit gemacht werden für das Nanozeitalter. Mehr noch: Eine breit angelegte Nanoweiterbildungs- offensive ist – auch angesichts der demografischen Ent- wicklung – ein Muss. Nur mit Mitarbeitern, die up to date sind, wird sich die industrielle Nanotechnologie er- folgreich und dauerhaft in Deutschland etablieren kön- nen. Diese Liste ließe sich fortsetzen: Was ist mit der mili- tärischen Nutzung der Nanotechnolgie? Oder mit ethi- schen Konsequenzen nanotechnologischer Anwendun- gen in der Medizin? Wo bleibt die Frühphasen- und Gründungsfinanzierung für die jungen, innovativen Un- ternehmen und akademischen Spin-Offs? Wo die Nor- mung und Standardisierung als Türöffner in globale Märkte? Alles Themen, die zu einem umfassenden poli- tischen Handlungsprogramm für die Nanotechnologie gehören. Hinreichend für die gewaltige nanotechnologische Herausforderung ist der bündnisgrüne Antrag deshalb n d a C f g e h v k l g e w i N d d ü B i i t n d K u k m n s S d U A k B n s V L h a D g B n d n N g E (C (D icht. Der Aufbruch in den Nanokosmos war erfolgreich, er Orbit ist erreicht. Lassen Sie uns also die Nanoreise uf der bewährten Bahn fortsetzen: Visionen wagen, hancen nutzen und Risiken abschätzen. Cornelia Pieper (FDP): Die Nanotechnologie gilt ür die FDP wegen ihres hohen Potenzials zur grundle- enden Durchdringung ganzer Technologiefelder als ine der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts. Sie at maßgeblichen Einfluss auf die Weiterentwicklung on Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft und wird ünftig alle Lebensbereiche beeinflussen. Nanotechno- ogie ist eine der wichtigsten Zukunftstechnologien mit roßen Potenzialen für zukunftssichere Arbeitsplätze, in nachhaltiges Ressourcen schonendes Wachstum so- ie eine bessere Gesundheitsvorsorge und -versorgung. Zwischen 50 000 und 100 000 Arbeitsplätze hängen n Deutschland schon heute direkt oder indirekt von der anotechnologie ab. Als Querschnitttechnologie wird ie Nanotechnologie in den verschiedensten Anwen- ungsbereichen, von der Medizin, Chemie, Raumfahrt ber die Optik bis hin zur Sensorik ihren Einzug halten. ereits im Jahr 2015 wird es kaum noch einen Bereich n unserem Leben mehr geben, in dem nicht Materialien n Nanogröße eine Rolle spielen. Nanomaterialien werden künftig zu einer verbesser- en und verträglichen Individualmedizin und somit zu ei- er verbesserten Diagnose und Therapie führen. Sie wer- en Wirkstoffe von Medikamenten im menschlichen örper zielgenau zum Ort der Erkrankung transportieren nd eine optimale Dauermedikation ermöglichen. In der linischen Forschung sind bereits Nanomaterialien mit agnetischen Eigenschaften bekannt, die der gezielten icht invasiven Tumorbekämpfung dienen. Nanotechnologie bringt aber nicht nur ökonomische, ondern auch ökologische Vorteile – das zeigt die dritte tudie „Nachhaltigkeitseffekte der Nanotechnologie“ es Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung der niversität Bremen. Die Ökobilanzen verschiedener nwendungsbeispiele zeigten positive Nachhaltig- eitseffekte durch den Einsatz der Nanotechnologie. eeindruckende Ergebnisse zeigen Lacke mit nanotech- ologischen Komponenten, deren Energie- und Schad- toffbilanz wesentlich besser als bei herkömmlichen erfahren ist. Ein weiteres Beispiel ist die Licht emittierende Diode, ED. Sie ist schon heute energetisch günstiger als die erkömmliche Glühbirne, in den Labors wird daran ge- rbeitet, ihre Lichtausbeute noch erheblich zu steigern. ann ist ihre Energiebilanz noch günstiger als bei Ener- iesparlampen. Auch in neue Berufsbilder und der Novellierung von erufsausbildungs- und Studienordnungen wird die Na- otechnologie ihren Einzug halten. Nur mit entsprechen- er Fachkompetenz und einem gut ausgebildeten Berufs- achwuchs sind die Vorsprünge Deutschlands in der anotechnologie zu halten. Das schließt ein, dass zu- leich die Lehreraus- und Lehrerweiterbildung auf diese ntwicklung reagieren muss, um die junge Generation in Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9691 (A) ) (B) ) die Lage zu versetzen, wieder mehr nach den Chancen neuer Technologien zu fragen ohne dabei den kritischen Blick für die Risiken zu verstellen. Der Standort Deutschland hat in der Nanotechnologie ein hohes Niveau erreicht. Deutschland nimmt in der Forschung zur Nanotechnologie weltweit den zweiten Platz nach den USA ein. In der Umsetzung in marktfä- hige Produkte und Anwendungen liegt es allerdings hin- ter den USA und Japan. Es besteht jedoch die Gefahr, dass – wie bei vielen anderen Technologien, die in Deutschland entwickelt wurden – die herausragenden Forschungsergebnisse aus der Grundlagenforschung und der anwendungsorientier- ten Forschung bei uns nicht im erforderlichen Umfang in neue innovative Produkte einfließen. Das würde wie- derum nach sich ziehen, dass die Wertschöpfung und die Schaffung von Arbeitsplätzen wieder einmal mehr im Ausland stattfinden. Die Chemikerin Marie Curie sagte einmal: „Man braucht nichts im Leben zu fürchten, man muss nur alles verstehen.“ Diesem Denkansatz müssen wir uns ver- pflichtet fühlen. Ja, wir müssen unseren Erkenntnisge- winn auch nutzen, um die Wirkzusammenhänge besser zu verstehen und Gefahren frühzeitig zu erkennen. Nur so können wir Vorbehalte und Ängste überwinden. Sicher- lich wurden in der Vergangenheit große Fehler gemacht. Eine unkritische Technikgläubigkeit ging oft mit Leicht- sinn einher. Das Ergebnis: Die Angst scheint sich wie Mehltau über unsere Gesellschaft zu legen. Vielfach wird zuerst nach den Risiken gefragt. Die Frage nach den Chancen steht oft erst an zweiter Stelle. Wir beraten heute den Antrag von Bündnis 90/Die Grünen, die die Vorlage eines Nanotechnologie-Berichts fordern. Auf den ersten Blick scheint die Forderung durchaus berechtigt. Doch bei genauerer Betrachtung lese ich heraus: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren grünen Abgeordneten oder die grüne Partei.“ Der von den Grünen geforderte Bericht stellt einerseits nano- technologische Produkte und Verfahren unter General- verdacht und fordert eine Vielzahl von Moratorien zu er- lassen. Andererseits wird, und das hat mit einem Bericht sehr wenig zu tun, der Aufwuchs von Haushaltsmitteln für 2008 gefordert, mit denen problemorientierte Nano- forschung in den Bereichen Umwelt, Klimaschutztech- nologien mit erneuerbaren Energien und Energieeinspa- rung, Materialeffizienz und Nanobionik verstärkt gefördert werden sollen. Das ist sehr kurz gesprungen! Eine wirkliche ressortübergreifende, konsistente Ge- samtforschungsstrategie zur Nanotechnologie ist auch aus unserer Sicht notwendig. Sie kann die Forschungsziele im Bericht des Bildungs- und Forschungsausschusses des Deutschen Bundestages, Drucksache 15/2713, zum Tech- nikfolgenabschätzungsprojekt Nanotechnologie aufgrei- fen und somit einen wirksamen Beitrag zur Risikoab- schätzung und Begleitforschung leisten. Hierzu gehört eben auch die Forschung zu Auswirkungen auf Gesund- heit und Umwelt und nicht zuletzt die Information der Öffentlichkeit! b ü h z i d Z e d w l m O t d s s n e c i s e d t s s W d a A E n F ü e e v l l f B V d u i s M w s k (C (D Wir werden unseren Kindern sicherlich eine viel sau- erere Natur, sauberere Flüsse und gesündere Wälder bergeben, als wir sie von unseren Eltern übernommen aben. Wir dürfen aber nicht vergessen, ihnen die Werk- euge zu übergeben, die sie einst in die Lage versetzen, hr Leben selbst zu gestalten. Dr. Petra Sitte (DIE LINKE): Nanotechnologie hat as Potenzial für Innovationsschübe in vielen Branchen. wischenzeitlich jedoch gehen Experten nicht mehr von inem technologischen Paradigmenwechsel über alle In- ustrien und Anwendungsfelder hinweg aus. Dennoch erden ständig neue Anwendungsbereiche bzw. -mög- ichkeiten bekannt. Schon heute befinden sich weltweit ehr als 300 Produkte der Nanotechnologie im Handel. Bedeutung wird der Nanotechnologie vor allem bei ptimierung und Ergänzung von vorhandenen Produk- en und Verfahren zugemessen. Für die Linke sind je- och nicht allein wirtschaftliche Wirkungen interessant, ondern auch Chancen für Umwelt, Medizin und Ge- undheitsschutz, um nur einige zu nennen. Die Verklei- erung von Material auf Nanopartikelgröße bringt ganz rstaunliche Effekte. Wir reden hier über Größenberei- he zwischen 1 und 100 Nanometer. Und ein Nanometer st der millionste Teil eines Millimeters. Zur Veran- chaulichung: Es handelt sich um das Größenverhältnis ines Fußballs zur Erde. Die Materialien als Nanopartikel verhalten sich an- ers und unterscheiden sich damit von den Eigenschaf- en, die sie als Festkörper in größeren Dimensionen be- itzen. Sie reagieren stärker oder sogar gegenteilig und ind ausgesprochen mobil. Das macht sie in gewisser eise auch unberechenbar. Aus diesem Grund haben auch von Anfang an – und as ist neu – Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler uf mögliche Gefährdungen hingewiesen. Es wird der ufbau einer internationalen Risikoforschung von den ntwicklern der Nanotechnologie selbst gefordert. Na- opartikel werden von ihnen als eine neue Klasse von einstäuben beschrieben. Diese können beispielsweise ber die Lunge tief in den menschlichen Organismus indringen. Daher müssen die speziellen Eigenschaften ines jeden Nanowerkstoffs untersucht werden. Was passiert, wenn Nanopartikel sich lösen? Wohin erschwinden sie? Neu ist nicht nur, dass Wissenschaft- erinnen und Wissenschaftler in ganz frühen Entwick- ungsphasen bereits auf die Notwendigkeit von Risiko- orschung hingewiesen haben. Neu ist auch, dass egleitforschung nicht mehr reicht. Statt dessen muss orraussetzungs- bzw. Vorlaufforschung betrieben wer- en. Diese hat Anwendungsbedingungen zu untersuchen nd zu beschreiben. Die Ergebnisse müssen schließlich n entsprechenden Regelwerken bzw. Anwendungsvor- chriften festgelegt werden. Das alles wäre vor der arkteinführung entsprechender Produkte zu leisten. So ie es auch in anderen europäischen Ländern üblich ist. Aspekte des Gesundheits-, Lebensmittel-, Arbeits- chutzes, der Arzneimittelzulassung aber auch der Wir- ungen auf Kommunikations- und Informationstechno- 9692 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) logien greift der Antrag von Bündnis 90/Die Grünen auf. Das ist richtig und wird von uns unterstützt. Ich will aber auch deutlich sagen, dass die Debatte selbst nicht neu ist. Man hätte schon vor Jahren vonsei- ten der Vorgängerregierung konsequenter handeln kön- nen und müssen. In einem Antrag von SPD und Grünen vom Mai 2004 war zu lesen, dass es notwendig sei, ,,… die derzeitige frühe Phase der Nanotechnologieentwicklung als Zeit der Weichenstellung in Richtung möglichst nachhaltiger Entwicklungspfade zu nutzen und die Forschung zu den gesellschaftlichen und ethischen Aspekten der Entwick- lung und verbreiteten Anwendung der Nanotechnologie zu intensivieren. Hierzu gehören vor allem Fragen des Datenschutzes und des Schutzes der Privatsphäre. … Für die ökologische, ethische, soziale, friedenspolitische und Verbraucher- und gesundheitsschutzorientierte Begleit- forschung sollten 5 Prozent der zur Verfügung stehenden Forschungsmittel für Nanotechnologie im Bundeshaus- halt eingesetzt werden. Wir erwarten, dass die Bundesre- gierung auch auf EU-Ebene bei der Entwicklung des 7. Forschungsrahmenprogramms auf eine ähnlich starke Beachtung der Begleitforschung drängt.“ Eine gute Absicht. Wie aber sieht die Realität aus? Laut Auskunft der Bundesregierung sind 2006 für die Bearbeitung von Chancen und Risiken beispielsweise für NanoCare, INOS und ITA-Studien 1,582 Millionen Euro vorgesehen. Dem steht eine Gesamtfördersumme für Nanotechnologie in Höhe circa 640 Millionen für den Zeitraum 2006 bis 2009 gegenüber – also rund 160 Millionen Euro pro Jahr. Die anvisierte 5-Prozent-Marke liegt demnach bei 8 Millionen Euro pro Jahr. Ein Defizit von nahezu 6,5 Millionen Euro. Neben dieser Fehlstelle, Frau Schavan, ist auch kein kontinuierlicher Planungsprozess mit Blick auf Begleit- forschung und Bürgerbeteiligung zu erkennen. Im Som- mer 2006 wurde auf Bundesebene eine Forschungs- strategie „Gesundheits- und Umweltrisiken von Nanopartikeln“ entworfen. Diese wurde endlich im November vorgestellt und mit Vertreterinnen und Vertre- tern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verbänden disku- tiert. Trotz Ergänzungsbedarf wurde dieser Entwurf breit unterstützt. Allerdings kritisierten Beteiligte die man- gelnde Verbindlichkeit des Papiers bezüglich weiterer Schritte und behördlicher Zuständigkeiten bei Umset- zung der Strategie. Seit dieser Diskussion ist kein weite- rer Handlungsfortschritt erkennbar. Wohl gibt es eine neue Nanokommission, die im März auch ein erstes Treffen gehabt haben soll. Wer neben Herrn Catenhusen Mitglied ist, worin Aufgabe und erste Ergebnisse beste- hen, bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Auch über den sogenannten Nanodialog beim Um- weltminister lässt sich nichts lesen oder hören. Da soll zudem ein Rechtsgutachten beim Bundesministerium für Umwelt abgeschlossen worden sein. Aber auch dessen Ergebnisse bekommt die Welt nicht zu Gesicht. Überall lassen sich nur Hinweise auf noch zu aktuali- sierende Websites und Konzepte finden. Und letztlich g s t s k N g r S I I d A G e n a t t z d b E l d h n g E w m s s v s n V i I s r e w n U d n d s (C (D eben auch die Seiten des BMBF nichts zur Risikofor- chung preis. Frau Minister, ich kann nur sagen, Ihren angekündig- en Initiativen in Sachen Risikoforschung geht es ein bis- el wie den Nanopartikeln selbst: Man kann sie nicht er- ennen. Priska Hinz (Herborn) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- EN): Die Chancen, die die Nutzung der Nanotechnolo- ie eröffnet, sind groß. Dies haben wir schon zu Regie- ungszeiten erkannt und die Forschung im Bereich dieser chlüsseltechnologie deswegen umfassend gefördert. mmer stärker zeigt sich nun, dass nicht nur Medizin und nformations- und Telekommunikationstechnologie, son- ern auch der Umweltbereich von der Forschung und nwendung der Nanotechnologie profitieren werden. rößte Potenziale sehen wir bei Ressourceneffizienz, in rneuerbaren Energien und Materialforschung. Die na- otechnologische Forschung und Anwendung werden bsehbar zu einer nachhaltigen Umwelt- und Klimapoli- ik beitragen können. Immer mehr Forschungsergebnisse haben in den letz- en Jahren schon zu umsetzbaren Erkenntnissen geführt, um Beispiel bei der Oberflächengestaltung von Gebäu- en und Gegenständen, der Haltbarmachung von Ge- rauchsgegenständen und der Effizienzsteigerung bei nergiegewinnung und Rohstoffnutzung. Wir sehen aber neben all den Chancen und Potenzia- en auch die ernst zu nehmenden Hinweise darauf, dass ie winzigen Nanopartikel Risiken bergen. Deswegen aben wir von Beginn an die Forschung zu Risiken der euen Technologie gleichermaßen mit gefördert. Die leichzeitige Erforschung aller möglichen Folgen des insatzes von Nanopartikeln für Gesundheit und Um- elt, vor allem mit Blick auf Bioethik und Datenschutz, uss auch weiterhin zwingend bleiben. Aus den For- chungsergebnissen müssen dann die notwendigen Kon- equenzen gezogen werden, um Mensch und Umwelt or eventuellen Risiken rechtzeitig und umfassend zu chützen. Nur wenn diese Risikoperspektive ernst ge- ommen wird, kann die Gesellschaft das notwendige ertrauen in die Nanotechnologie entwickeln. Die Risikoforschung ist aber nur dann sinnvoll, wenn hre Ergebnisse auch beachtet und umgesetzt werden. hre Erkenntnisse machen deutlich, wo durch die Erfor- chung und Nutzung von Nanotechnologie Regulie- ungsbedarf entsteht. Deswegen müssen die Forschungs- rgebnisse zunächst zentral gesammelt und ausgewertet erden. Dann kann der Gesetzgeber handeln und die otwendigen Regelungen zum Schutz von Mensch und mwelt treffen. Schon in der letzten Legislaturperiode haben wir die amalige Bundesregierung deswegen aufgefordert, ei- en Bericht vorzulegen, der den Regelungsbedarf nennt, er durch die Nutzung von Nanotechnologie in den ver- chiedensten Bereichen entsteht. Zu diesem Bericht ist Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9693 (A) ) (B) ) es aufgrund des Regierungswechsels nicht mehr gekom- men. Die schwarz-rote Bundesregierung weigert sich nun aber, diesen Bericht vorzulegen. Stattdessen verwies sie in ihrer Antwort auf unsere Kleine Anfrage im Sommer 2006, dass es keinen Bedarf – weder für einen Bericht noch für eine Regelung gebe (Bundestagsdrucksache 16/ 2322). Wir fordern die Bundesregierung nun mit diesem Antrag auf, bis zum Sommer 2007 endlich diesen drin- gend notwendigen Bericht vorzulegen. Warum dies, anders als die Bundesregierung es ein- schätzt, so dringend nötig ist, zeigen zwei Beispiele: So ist die Wirtschaft durch bestehende Gesetzeslücken bis- her nicht gezwungen, Nanopartikel in Produkten zu de- klarieren. Wenn Verbraucherinnen und Verbraucher nun beispielsweise beim Hersteller von Lebensmitteln nach- fragen, wird ihnen mitgeteilt, dass Nanopartikel nach dem Gesetz nicht als Zusatzstoffe deklariert werden müssen, deswegen werden sie verschwiegen. Umgekehrt kann der Begriff „nano“ ungeprüft von Herstellern für die bessere Vermarktung ihrer Produkte benutzt werden, wo sie das für wirksam halten, ohne dass es Konsequen- zen hätte, wenn gar keine Nanobestandteile enthalten sind. Beides zeigt: Wir brauchen Regulierung bei der Herstellung, Verwendung und Vermarktung von Nano- partikeln. In der Antwort auf die Kleine Anfrage der Linken (Bundestagsdrucksache 16/3981) verweist die Bundesre- gierung darauf, dass ein freiwilliges Meldeverfahren der Wirtschaft die beste Lösung zur Erfassung potenzieller Risiken sei. Wir halten dieses Vorgehen für fahrlässig. Gerade die Lebensmittelwirtschaft hat uns in den letzten Jahren keinen Anlass geboten, ihr einen derartigen Ver- trauensvorschuss zu geben. Deswegen fordern wir ein Moratorium. Solch offensichtliche Regelungslücken wie die fehlende Kennzeichnungspflicht bei Lebensmitteln müssen bei ernsthaften Anzeichen für eine Gefährdung für Mensch und Umwelt durch ein Verbot bis zur Klä- rung der Lage geschlossen werden. Grundsätzlich fordern wir von der Bundesregierung, Verbraucherbedenken und Risiken von nanotechnolo- gisch veränderten Produkten ernst zu nehmen. Sie sollte unsere Forderungen hinsichtlich eines Moratoriums für Lebensmittel umsetzen. Gerade in Bereichen, wo der er- wartbare Mehrwert der Nutzung von Nanotechnologie sehr gering ist wie bei Lebensmitteln und Kosmetik, die Anwendung aber besonders nah am menschlichen Orga- nismus, müssen potenzielle Risiken höher gewichtet werden als die wenig bedeutsamen Potenziale. Im Haushalt für 2008 sollten die Finanzmittel für risi- koorientierte Forschung erhöht werden. Dabei muss die Entwicklung von aussagekräftigen und standardisierba- ren Test- und Messmethoden vorangebracht werden. Auch im internationalen Vergleich fällt auf, dass viele Regierungen wie zum Beispiel die Großbritanniens Risi- k n a b s z l l z g H 2 C w m R g d s P n s f b V s A n G s A s c d h s h f S b B (C (D oforschung zur Entwicklung und Anwendung von Na- opartikeln bisher als unzureichend ansehen. Es reicht ber nicht aus, wenn die Bundesregierung sich aufgrund egonnener Initiativen als besonders aktiv im europäi- chen Vergleich lobt. Deutschland muss einen Beitrag ur internationalen Nanotechforschung leisten. Vor al- em der Prozess innerhalb der EU lahmt, wenn Deutsch- and nichts beiträgt. Die angekündigten Internetportale ur Information über nanotechnologische Forschungser- ebnisse, NanoCare und Inos, sind bisher inhaltslose üllen. Das eine schläft beispielsweise seit Februar 006 den Dornröschenschlaf. Frau Schavan, wecken Sie „nanotox“ auf! Wenn die hancen der Nanotechnologie genutzt werden sollen, enn das Verbrauchervertrauen gestärkt werden soll, üssen wir uns unserer Verantwortung stellen und die isiken klären. Tragen Sie endlich das Ihre dazu bei! Le- en Sie den Bericht vor, bevor die Haushalte verabschie- et sind. Es muss genügend Geld für die Risikofor- chung bereitgestellt werden. Die ressortübergreifende roblemorientierung muss gestärkt werden. Es reicht icht aus, wenn nur das BMU handelt, die anderen Res- orts müssen mitmachen. In ihren Entscheidungen dür- en die Ministerien dabei nicht nur die Wirtschaftsver- ände anhören, sondern müssen die Beteiligung der erbraucherverbände und kritischer Fachleute sicher- tellen. nlage 16 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung: – Antrag: Den neuen Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen effektiv gestalten – Beschlussempfehlung und Bericht: Weitere Verschlechterung der Rechtssituation von Homosexuellen in Nigeria verhindern (Tagesordnungspunkt 25 a und b) Hartwig Fischer (Göttingen) (CDU/CSU): Die nigeria- ische Regierung hat im Jahre 2005 einen umfassenden esetzentwurf gegen gleichgeschlechtliche Partner- chaften verabschiedet. Nach diesem soll nicht nur die nerkennung solcher Partnerschaften ausgeschlossen ein, nein, sogar die Eingehung einer gleichgeschlechtli- hen Partnerschaft, Vorbereitungshandlungen hierzu und ie Mitwirkung daran sollen mit bis zu fünf Jahren Frei- eitsentzug bewehrt werden. Gleiches soll danach für die Werbung für und die Dar- tellung solcher Partnerschaften sowie die Eintragung omosexueller Vereine und Clubs gelten. Die 1999 in den nördlichen Bundesstaaten einge- ührte Scharia-Strafgesetzgebung sieht noch härtere trafen für Homosexualität vor, die dort als „Sodomie“ ezeichnet wird. So stellt zum Beispiel der nördliche undesstaat Zamfara den gleichgeschlechtlichen Kon- 9694 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) takt von zwei Frauen aufgrund der Scharia mit bis zu 50 Stockschlägen unter Strafe. Ich möchte hier nur eine bekannte Verurteilung an- führen: Anfang 2002 wurde ein Mann im Bundesstaat Zamfara wegen Sodomie zu hundert Stockschlägen und einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Die geringe Zahl an bekannten Verurteilungen erklärt sich dadurch, dass die Betroffenen Schutzgelder zahlen oder in den Süden des Landes fliehen und überhaupt sehr vorsichtig agieren, um sich nicht „erwischen“ zu lassen, und dass zudem sehr wenige Informationen nach außen dringen. Durch Berichte von amnesty-international ist bekannt, dass viele Homosexuelle ein Doppelleben führen. Auf der einen Seite führen sie eine heterosexuelle Bezie- hung, aber nur damit sie damit ihre homosexuelle Bezie- hung vor dem Staat verdecken können. Am 14. Februar gab es zu dem Gesetzesvorschlag der nigerianischen Regierung eine öffentliche Anhörung im Repräsentantenhaus mit NROs, an der – nach anfängli- chen Schwierigkeiten – auch Vertreter von Interessen- gruppen der Homosexuellenverbände teilnehmen konn- ten. Am 22. Februar wurde der Senat mit dem Gesetzesvorschlag befasst. Nach Einschätzungen von Beobachtern vor Ort gibt es im Repräsentantenhaus Un- terstützung für das Gesetz, während der Senat gespalten scheint. Vor einer möglichen Verabschiedung wird der Entwurf nun im Ausschuss für Justiz, Menschenrechte und Rechtsangelegenheiten des Senats behandelt. Die nigerianischen Zeitungen berichten allerdings offen über das Thema. Ist das, was sich gerade in Nigeria abspielt, ein Ein- zelfall? Mit Verlaub, nein! In den meisten afrikanischen Ländern werden Schwule und Lesben verfolgt. In Sim- babwe verglich Staatschef Mugabe Schwule mit Schwei- nen und Hunden. In Namibia hat die Polizei Anweisung, Homosexuelle festzunehmen und des Landes zu verweisen. Auch in Kenia ist Homosexualität unter Männern gesetz- lich verboten. Aber es gibt auch andere afrikanische Länder, die mit diesem Thema weit offener umgehen. Ich möchte dabei noch mal das Augenmerk auf Südafrika lenken. Südafrika hat als erstes afrikanisches Land die Homo- Ehe seit dem 30. November 2006 legalisiert. Es ist nicht zu verschweigen, dass dies auch in Südafrika ein steini- ger Weg war und die Abstimmung im Parlament sehr knapp war. Dieser positive Ansatz muss ein Signal an alle anderen afrikanischen Staaten sein. Denn Südafrika zeigt damit, dass es gegen jede Art von Diskriminierung und Vorurteilen ist. Diese Offenheit Südafrikas und die Achtung der Menschenrechte müssen unterstützt werden. Wie kann die Bundesrepublik Deutschland nun aber den Menschen in Nigeria helfen? Im Zusammenhang mit der Verabschiedung des Gesetzentwurfes zur gleichge- schlechtlichen Partnerschaft gab es sowohl eine EU- Troika als auch Demarchen aller EU-Missionschefs bei verschiedenen nigerianischen Dienststellen. Dazu gehören unter anderem der nigerianische Menschenrechtsbeauf- tragte, der Justizminister sowie der Rechtsausschuss von Senat und Repräsentantenhaus. Bei diesen Demarchen w z t D 2 s g d s d s z E i n s t L s c e d s k s N a b m v W d w g d s Z d d r L r b M d d e N S s G V w (C (D urde deutlich gemacht, dass das vorgesehene Gesetz in ahlreichen Bestimmungen im Widerspruch zu interna- ionalen Verträgen steht, deren Partei auch Nigeria ist. ie EU-Missionsleiter haben die Angelegenheit seit 006 aufmerksam verfolgt und sie auch mit den Organi- ationen der nigerianischen Zivilgesellschaft erörtert, die egen den Gesetzentwurf ins Feld ziehen. Die EU hat abei hervorgehoben, dass dieses Gesetz, falls es verab- chiedet wird, gegen universelle Menschenrechtsstan- ards verstößt. Neben den Bemühungen der EU-Mis- ionsleiter hat der nigerianische Senator, der dem uständigen Ausschuss vorsteht, eine Überarbeitung des ntwurfs zugesagt und will sicherstellen, dass dieser auf nternationaler Ebene akzeptabel ist und mit der nigeria- ischen Verfassung im Einklang steht. Wir müssen allen Staaten, die mit Deutschland zu- ammenarbeiten wollen, deutlich machen, dass eine ver- rauensvolle Zusammenarbeit nur möglich ist, wenn das and die Menschenrechte achtet und einhält. Wir müs- en Nigeria deutlich machen, dass sie sich mit einem sol- hen Gesetz von der sich bisher positiven Entwicklung ntfernen und in alte Zeiten zurückfallen. Nigeria muss eutlich gemacht werden, dass die Einhaltung der Men- chenrechte ein Grundbaustein einer lebendigen Demo- ratie ist und der vorliegende Gesetzesentwurf ein Ein- chnitt in die Menschenrechte von Homosexuellen in igeria ist und von den europäischen Ländern nicht zu kzeptieren ist. Holger Haibach (CDU/CSU): Auf Antrag der Grünen eschäftigt sich der Deutsche Bundestag heute erneut it dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen. Der orliegende Antrag beschreibt aus meiner Sicht im esentlichen die Situation, wie sie sich augenblicklich arstellt: Nach den ersten Sitzungen des Rates gibt es positive ie negative Signale. Darüber hinaus ist noch nicht end- ültig abzusehen, welche institutionelle Ausgestaltung ie Arbeit des Rates endgültig haben wird. Das gilt owohl für die Arbeit der Sonderberichterstatter, die ukunft der sogenannten Länderresolutionen als auch ie Form des „Universal Periodic Review“, also des von er Hochkommissarin für Menschenrechte vorzulegenden egelmäßigen Berichts über die menschenrechtliche age in den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Der Antrag weist auch von seiner Intention in die ichtige Richtung. Gefordert werden eine intensive und reite Diskussion über die oben genannten Fragen in den itgliedstaaten des Rates, eine ebenso intensive Einbin- ung von Nichtregierungsorganisationen in die Arbeit es Rates, das Einwirken auf die USA im Hinblick auf ine Kandidatur für einen Sitz im Rat und schließlich die utzung der besonderen Rolle Deutschlands als des taates, der im ersten Halbjahr 2007 die EU-Ratspräsident- chaft innehat. All dies und noch einiges mehr war allerdings bereits egenstand des Antrags „Der Menschenrechtsrat der ereinten Nationen – Wirksamkeit sichern und Glaub- ürdigkeit schaffen“, den die Koalition im Oktober des Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9695 (A) ) (B) ) letzten Jahres vorgelegt und der dankenswerterweise die Stimmen des gesamten Hauses hat. Aus zwei Gründen tun wir uns schwer mit dem Antrag der Grünen, der eben im Wesentlichen noch einmal das aufgreift, was wir bereits im Oktober 2006 beschlossen haben. Ich verstehe den Antrag als nochmalige Bekräfti- gung unserer Erwartungen an die Bundesregierung und den Rat im Vorfeld einer nun endgültigen Entscheidung über die Arbeitsweise des Rates. Aber: Sosehr ich diese Intention verstehe, so sehr komme ich nicht umhin zu bemerken, dass es – wie be- reits erwähnt – zwei Gründe gibt, die eine Zustimmung zu diesem Antrag ausschließen. Abgesehen davon, dass man schon überlegen sollte, ob der Antrag zum jetzigen Zeitpunkt wirklich sinnvoll ist, wenn er nichts Neues bringt, fehlt mir, wenn wir schon bereits Beschlossenes bekräftigen wollen, der Hinweis auf den Deutschen G-8- Vorsitz. Gerade vor dem Hintergrund des demnächst stattfindenden Gipfels in Heiligendamm wäre es doch auch eine Forderung wert gewesen, diese Institution zu nutzen, um Menschenrechtsfragen über den europäi- schen Rahmen hinaus anzusprechen und eine Zusam- menarbeit jenseits von sogenannten Blöcken oder Gren- zen von Kontinenten anzumahnen. Das führt mich zu dem zweiten Punkt, der mir bei Ihrem Antrag fehlt. Es wird von entscheidender Bedeutung sein, die schon von der alten Menschenrechtskommission bekannte und auch jetzt im Rat wieder zu beobachtende Blockbildung und die Abstimmung nach Staatengruppen und nicht nach sachlichen Kriterien zu unterbinden. Diese Blockbildung führt zu einer Blockadenhaltung und schließlich zur Arbeitsunfähigkeit eines Gremiums, bevor prozedurale Fragen auch nur geklärt werden können. Die Bundesregierung hat bei der Verabschiedung einer Dafurresolution hier vorbildliche Arbeit geleistet und Europäer, Afrikaner und andere zusammengeführt. Diesen Weg gilt es fortzusetzen. Da ich diesen zentralen Punkt vermisse, und da insofern der Antrag keinen tatsächlichen Mehrwert bietet, komme ich leider dazu, diesen Antrag ablehnen zu müssen. Dr. Herta Däubler-Gmelin (SPD): Wir beschäftigen uns heute erneut mit einem Gesetzesvorhaben des nigeria- nischen Parlaments, das die Absicht verfolgt, gleichge- schlechtlich orientierte Menschen nicht nur in übler Weise zu diskriminieren, sondern auch strafrechtlich zu verfolgen. Wie wichtig dieses Anliegen von der Sache her ist, habe ich bereits in der ersten Lesung des Antrags deutlich gemacht. Auch heute betone ich, dass ein sol- ches Gesetzesvorhaben dem Grundgedanken der Men- schenrechte widerspricht. Wir sind deshalb der Bundes- regierung und auch der Europäischen Union, deren Präsidentschaft die Bundesrepublik Deutschland inne- hat, dankbar, dass sie sehr genau beobachtet, was dort geschieht und notfalls, wie sie das zugesagt hat, auch die geeigneten Schritte unternimmt. Allerdings ist der Zeitpunkt, hier im Bundestag über den Antrag der Grünen abzustimmen denkbar ungünstig. Am letzten Wochenende haben ja bekanntlich Präsident- s D t k W M W O l a t i s Y d k t P z d v s k A e r d m f g b s s L d d g t s b d w s w J s n G D l D n i a z b n s (C (D chafts- und Parlamentswahlen in Nigeria stattgefunden. eren Verlauf – das wissen Sie alle – ist zum Ärger wei- er Kreise der Bevölkerung Nigerias weit hinter demo- ratischen Standards zurückgeblieben. Die anwesenden ahlbeobachter der Europäischen Union, aber auch die itglieder der größten Organisation der nigerianischen ahlbeobachter (TMG), haben Schlamperei, schlechte rganisation, Wahlbetrug und Wahlfälschungen an vie- en Orten angeprangert und die Wahl insgesamt als nicht kzeptabel bezeichnet. Auch ist die Forderung aufge- aucht, die Wahl ganz zu annullieren. Wie es weiter geht, st im Augenblick nicht absehbar. Zwar hat die nigeriani- che Wahlkommission am Montag Umaru Musa ar’Adua zum Sieger der Präsidentschaftswahl erklärt, och weigert sich die Opposition, das Ergebnis anzuer- ennen. Ob und wann das neue Parlament zusammentre- en kann, steht ebenfalls noch nicht fest. Zwar ist das alte arlament im Augenblick noch nicht am Ende seiner Sit- ungsperiode angelangt, es ist jedoch nicht abzusehen, ass oder wann das Gesetzesvorhaben beraten oder gar erabschiedet würde, mit dem der Antrag der Grünen ich beschäftigt. Aus diesem Grunde wäre es nicht nur lug, sondern eigentlich selbstverständlich gewesen, den ntrag zunächst nicht weiter zu behandeln, sondern ihn rst dann wieder aufzurufen, wenn sich zu einem späte- en Zeitpunkt herausstellen sollte, dass, was wir aller- ings nicht hoffen, auch ein neues nigerianisches Parla- ent die Beratungen zu diesem schändlichen Vorhaben ortsetzen sollte. Gerade die Abgeordneten der SPD haben den Kolle- en diesen Behandlungsverschlag immer wieder unter- reitet, der zusätzlich deshalb sinnvoll ist, weil der Deut- che Bundestag sich nicht mit vagen Überlegungen, ondern mit realen Problemen auseinandersetzen sollte. eider haben die Grünen dennoch deutlich gemacht, ass sie heute auf der Abstimmung bestehen. Wenn sie abei bleiben, werden wir aus den genannten Überlegun- en heraus den Antrag ablehnen. Der Deutsche Bundes- ag ist, wie gesagt, nicht der Ort und das Gremium, um ich mit vagen Möglichkeiten zu beschäftigen. Dafür ha- en wir zu viel zu tun. Die Grünen haben einen zweiten Antrag vorgelegt, er auf ihren Antrag hin ebenfalls sofort abgestimmt erden soll. Er beschäftigt sich mit der Arbeit des Men- chenrechtsrats der Vereinten Nationen und sollte schon egen dieses Gegenstandes ausführlich beraten werden. etzt wird er sofort zur Abstimmung gestellt. Auch die- em Verfahren können wir nicht folgen, in diesem Fall icht nur aus formalen, sondern auch aus inhaltlichen ründen. Dieser Antrag ist nämlich – das wird beim urchlesen leicht erkennbar – eine nicht besonders ge- ungene Kopie des Antrags, der vor Monaten schon dem eutschen Bundestag vorgelegen hat. Neue Fragen immt er nicht auf. Das ist schade; deshalb lehnen wir hn ab. Wir erinnern uns: Schon vor einigen Monaten haben lle Fraktionen dieses Hauses in wiederholten Debatten u unseren Anträgen auf die Chancen, aber auch die Pro- leme hingewiesen, die sich im Zusammenhang mit der euen Konzeption und Zusammensetzung des Men- chenrechtsrates der Vereinten Nationen ergeben. Da- 9696 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) mals hat der Deutsche Bundestag – ebenfalls als Aus- druck der Meinung aller Fraktionen dieses Hauses – die deutsche Präsidentschaft der EU aufgefordert, die nöti- gen Schritte zu ergreifen, um die Menschenrechtshaltung der Europäischen Union auch unter den grundlegend neuen Bedingungen im Menschenrechtsrat deutlicher zur Geltung kommen zu lassen. Wir sehen mit großer Zufriedenheit, dass der Bundesaußenminister, die Men- schenrechtsabteilung des Auswärtigen Amts, aber insbe- sondere auch Botschafter Steiner und sein Team in Genf wichtige Arbeit leisten und dabei auch, so mühsam das ist, vorankommen. Dafür gebührt ihnen der klare Dank des Deutschen Bundestages – und den will ich hier aus- drücklich aussprechen. Nach der Beendigung der 4. Sitzungsrunde des Men- schenrechtsrates Ende März geht es in den kommenden Wochen jetzt darum, in ständigen Verhandlungen bis zum Juni sowohl das in der Resolution 60/251 vorgese- hene menschenrechtliche universelle Prüfungsverfahren, den UPRM, so auszugestalten, dass ein hoher Men- schenrechtsstandard in den einzelnen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen, aber auch auf globaler Ebene befördert wird. Desgleichen muss – ebenfalls in mühe- vollen Verhandlungen – sichergestellt werden, dass die bewährten menschenrechtlichen Instrumente der Län- der- und Sonderberichte durch unabhängige Experten als Berichterstatter auf Dauer beibehalten und die Einbezie- hung unabhängiger NGOs und Informationen im Men- schenrechtsbereich sichergestellt werden. Auch das legt Resolution 60/251 der Generalversammlung ausdrück- lich und aus gutem Grund fest. Da Mitte Mai die 2. Runde der Wahlen von Mitglie- dern zum Menschenrechtsrat ansteht, muss des Weiteren dafür geworben werden, dass trotz regionaler Quoten die Wahlmöglichkeit durch die Generalversammlung erhal- ten bleibt. Es geht also nicht an, immer nur so viele Kan- didaten zu präsentieren – „clean slate“ –, wie Sitze zu vergeben sind. Vielmehr müssen die Mitglieder der Ge- neralversammlung auch die Möglichkeit zur Auswahl haben; auch hierfür legt die erwähnte Resolution die Grundlage. Alle diese Fragen sind von der Bundesregie- rung erkannt und wir, der Deutsche Bundestag, ermuti- gen die Bundesregierung deshalb ausdrücklich, ihre her- vorragende Arbeit gerade auch in diesem Bereich weiter zu verfolgen. Auch der Ausschuss für Menschenrechte und Huma- nitäre Hilfe wird seinen parlamentarischen Beitrag dazu leisten, die Stimmen der Europäischen Union und ihrer Mitgliedstaaten im Menschenrechtsrat der Vereinten Na- tionen deutlicher zugunsten der Menschenrechte hörbar zu machen. Dem wird die Gründung des europäischen parlamentarischen Netzwerks zur Förderung der Men- schenrechte dienen, die am 15. Juni 2007 in einer ersten gemeinsamen Sitzung der Menschenrechtsausschüsse der Mitgliedstaaten der EU und des Europäischen Parla- ments zusammen mit den Menschenrechtsbeauftragten von EU und Europarat hier in Berlin erfolgen wird. Über diese Fragen, Planungen und Vorhaben enthält der An- trag der Grünen nichts. Er nimmt die anstehenden neuen und aktuellen Fragen nicht auf. Deshalb lehnen wir ihn ab. t s z m i z g v s M b s s r d r h c g n g d d w s S f g e u f T e B s h G O w m v i R f T m g s h E C D i Z S (C (D Florian Toncar (FDP): Wir beraten heute zwei An- räge der Grünen. Einen Antrag, der sich mit der Ausge- taltung des UN-Menschenrechtsrates befasst. Der weite Antrag widmet sich Nigeria. Da dieses Land mo- entan aufgrund der Wahlen vom letzten Wochenende nternational Aufmerksamkeit findet, möchte ich hierauf uerst eingehen. Der Antrag, der hier zur Debatte steht, weist auf einen eplanten massiven staatlichen Eingriff in die Rechte on Homosexuellen in Nigeria hin. Wie so oft bei Men- chenrechtsverletzungen werden auch in diesem Fall enschen nur deswegen diskriminiert, weil ihnen ein estimmtes Merkmal zu eigen ist, dessen Ausprägung ich die Betroffenen nicht aussuchen können. Egal, ob es ich um die staatliche Verfolgung von Menschen mit ande- er Hautfarbe, anderer ethnischer Herkunft oder, wie in iesem Falle, mit einer bestimmten sexuellen Orientie- ung handelt: Staatliche Diskriminierung von Minder- eiten widerspricht den grundlegenden Anliegen jegli- her Normen, die für den Schutz der Menschenrechte efasst worden sind. Und wie so oft sind es fadenschei- ige Argumente, mit denen derartige Diskriminierungen erechtfertigt werden sollen. Im vorliegenden Fall soll etwa unter dem Vorwand, ie Ausbreitung von HIV/Aids eindämmen zu wollen, urch den momentan in Nigeria diskutierten Gesetzent- urf jedwede gleichgeschlechtliche Aktivität hart be- traft werden. So sieht der Gesetzentwurf eines „Same ex Marriage Prohibition Bill“ fünf Jahre Freiheitsstrafe ür jeden vor, der eine Beziehung mit einer Person des leichen Geschlechts führt. Gleiches droht jedem, der ine gleichgeschlechtliche Heirat durchführt, bezeugt nd begünstigt. Menschenrechtsvertreter, welche sich ür Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen und ransgender-Personen einsetzen, können ebenfalls mit iner Gefängnisstrafe belegt werden. Ferner sollen der etrieb von homosexuellen Clubs, Vereinen und Organi- ationen sowie der Besitz oder Konsum von Medien mit omosexuellen Inhalten strafbar sein. Diese drakonischen Maßnahmen schränken die rundrechte von Menschen aufgrund ihrer sexuellen rientierung gleich in mehrfacher Hinsicht ein; denn enn dieses Gesetz zustande kommt, werden den Ho- osexuellen, Bisexuellen, Transgendern und den Akti- isten, die sich in Nigeria für deren Interessen einsetzen, hre Vereinigungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit, das echt auf freie Meinungsäußerung und die Rezipienten- reiheit genommen. Ganz offensichtlich sollen diese eile der nigerianischen Bevölkerung unsichtbar und undtot gemacht werden. Dabei verstößt dieses Gesetzesvorhaben nicht nur ge- en den Internationalen Pakt über bürgerliche und politi- che Rechte, dem Nigeria im Jahre 1993 ohne Vorbe- alte beigetreten ist, sondern auch gegen die Allgemeine rklärung der Menschenrechte sowie die Afrikanische harta der Menschenrechte und der Rechte der Völker. iese Charta – auch Banjul-Charta genannt – hat Nigeria m Jahre 1982 ebenfalls unterzeichnet. Offenbar sind die ugehörigkeit Nigerias zu diesen Bündnissen zum chutz der Menschenrechte jedoch nur Lippenbekennt- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9697 (A) ) (B) ) nisse, denn Nigeria ist im Hinblick auf die Menschen- rechtssituation im Land alles andere als ein Vorbild. Dass Nigeria erst seit wenigen Jahren seinen Weg hin zur Demokratie sucht, kann nicht als Entschuldigung hierfür dienen. Denn die Erfüllbarkeit von menschen- rechtlichen Mindeststandards ist nicht an die bestimmte Entwicklungsstufe eines Landes gebunden. Deshalb darf auch der Gesetzentwurf der „Same Sex Marriage Prohi- bition Bill“ international nicht unkommentiert bleiben. Denn wenn wir solche Maßnahmen, die Menschenrechte derart massiv einschränken, nicht lautstark kritisieren, verlören Menschenrechtsschutzabkommen dauerhaft an Substanz. Ich sage dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass nigerianische Menschenrechtsaktivisten und Vertreter von Homosexuellenverbänden im Gesetzgebungsprozess der „Same Sex Marriage Prohibition Bill“ eine Strategie des Schweigens gewählt haben. Sie blieben stumm in der Hoffnung, dass dieser Gesetzentwurf keine Aufmerk- samkeit in den nationalen und internationalen Medien erlangt und die Abgeordneten des Parlamentes in Nigeria angesichts des Wahlkampfes für die Wahlen am letzten Wochenende das Interesse daran verlieren. Dies zeugt von einem Klima der Angst, dem sich Homosexuelle und Menschenrechtsaktivisten in Nigeria ausgesetzt sehen. Daher war es richtig, dass der britische Schwulenaktivist Peter Tatchell den Gesetzentwurf in seinem internationalen Appell vom 19. Januar 2006 zur Sprache brachte, auch wenn dies bei den nigerianischen Verbänden Unmut er- regte. Denn nur mit internationalem Druck kann auf die Staatsführung Nigerias eingewirkt werden. Neben der Kriminalisierung von Homosexuellen und ihres gesamten Umfeldes würde mit dem Inkrafttreten des Gesetzes überdies ein weiteres drängendes Problem Nigerias verschärft: das Problem der Bekämpfung von HIV und Aids. Wenn – wie nach dem Gesetzentwurf – jede Unterstützung von Homosexuellen verboten würde, bestünde die Gefahr, dass jede Person oder Organisation, die sich um die Aufklärung über die Folgen von HIV/ Aids und deren Prävention bemüht, in Verdacht gerät. Träte dieser Fall ein, hätte dies für das Land unabsehbare Folgen. Nach Aussagen des UNAIDS-Koordinierungs- programmes liegt die HIV-Rate bei den 15- bis 49-Jährigen bereits heute bei 3,9 Prozent. Folglich sind in Nigeria schätzungsweise 2,9 Millionen Menschen mit dem töd- lichen Virus infiziert. Damit leben nur in Indien und Südafrika zahlenmäßig mehr Menschen, die HIV-positiv sind. Hierbei wird deutlich, dass das angebliche Ziel des geplanten Gesetzes, nämlich die Bekämpfung von HIV und Aids, mit dem gewählten Weg der Kriminalisierung der Homosexuellen keinesfalls erreicht werden kann. Denn HIV und Aids sind zwar in stärkerem Maße, aber nicht ausschließlich ein Problem von gleichgeschlechtli- chen Partnern. Dies zeigt sich schon allein daran, dass in Nigeria bei ungefähr 4,4 Prozent der Frauen, die im Jahr 2005 eine Schwangerschaftsvorsorgeklinik aufsuchten, eine HIV-Infektion festgestellt wurde. Vielmehr ist zu befürchten, dass diese geplante Diskriminierung von Homosexuellen sogar zu einer weiteren Ausbreitung der HIV-Infektion in der gesamten Bevölkerung Nigerias f g s f l w m z b M s u G z d h s M A r n B L M v m v d c s v i n r k D m h i g s h S z d l h e w r m S s s im ti z z (C (D ührt, da die Präventionsarbeit erschwert, wenn nicht gar änzlich unmöglich gemacht würde. Diese Aspekte und, wie dargelegt, die weitere Be- chneidung der Rechte von Homosexuellen in Nigeria sind ür die FDP nicht hinnehmbar. Daher werden wir dem vor- iegenden Antrag zustimmen. Darüber hinaus fordern ir die Bundesregierung auf, von ihren Einwirkungs- öglichkeiten auf die nigerianische Regierung Gebrauch u machen, damit der vorliegende Gesetzentwurf nicht eschlossen wird. Hierzu muss sie insbesondere auch die öglichkeiten nutzen, die ihr aus der EU-Ratspräsident- chaft erwachsen, um der nigerianischen Regierung nmissverständlich deutlich zu machen, dass dieses esetz nicht hinnehmbar ist. Zum ebenfalls von den Grünen eingebrachten Antrag ur effektiven Ausgestaltung des UN-Menschenrechtsrates, er gemeinsam debattiert wird, möchte ich zuerst fest- alten, dass die FDP diesen Antrag gleichermaßen unter- tützt. Der Menschenrechtsrat wurde geschaffen, um die enschenrechtskommission abzulösen, da diese ihrer ufgabe, die weltweite Durchsetzung der Menschen- echte zu überwachen, nicht im gewünschten Maße achgekommen ist. So wurden in den letzten Jahren des estehens der Menschenrechtskommission fast keine änderresolutionen mehr verabschiedet. Staaten, die enschenrechte zum Teil systematisch und massiv erletzen, aber selbst Mitglied der Menschenrechtskom- ission waren, haben es durch geschicktes Taktieren erstanden, eine eigene Verurteilung zu verhindern. Ziel er Gründung des UN-Menschenrechtsrates war es, sol- hes Verhalten nicht mehr zu ermöglichen und ein In- trument zu schaffen, das sich aktiver um die Einhaltung on Menschenrechten kümmern kann und kümmert als hre Vorgängerin. Bislang hat sich diese Hoffnung leider icht erfüllt. Die bisherige Arbeit des Menschenrechts- ates setzt sich bislang – gemessen an den Ergebnissen – aum von jener der Menschenrechtskommission ab. ies hat zwei Gründe. Zum einen sitzen in diesem Gre- ium wieder auch Länder, in denen Menschenrechte äufig – und oft massiv – verletzt werden. Zum anderen st der Menschenrechtsrat momentan noch damit befasst, eeignete Verfahren für seine Arbeit zu finden, obwohl er chon seit fast einem Jahr seine Tätigkeit aufgenommen at. Man befindet sich also gewissermaßen auf einem chiff in voller Fahrt, muss aber noch die Seekarten eichnen und den Kompass fertigen. Dabei wird deutlich, ass die Passagiere an Bord ganz unterschiedliche Vorstel- ungen davon haben, wie Karte und Kompass auszuse- en haben und wohin die Reise eigentlich gehen soll. Wenn, wie jetzt zum Teil überlegt wird, ausgerechnet inige jener sinnvollen Sondermechanismen abgeschafft erden sollen, die noch aus der Zeit der Menschen- echtskommission stammen, fiele die internationale Ge- einschaft noch hinter diese Zeit zurück. So ist es auch aus icht der FDP unabdingbar, an den länder- oder themen- pezifischen Sonderberichterstattern festzuhalten. Genauso innvoll und auch nur folgerichtig ist es, für die Arbeit Menschenrechtsrat und insbesondere an Länderresolu- onen mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen usammenzuarbeiten. Denn gerade diese Gruppen, die um Teil unter schwierigsten Bedingungen vor Ort tätig 9698 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 (A) ) (B) ) sind, sind oftmals eine wichtige Quelle für Informationen über die Menschenrechtslage in dem Land, in dem sie sich engagieren. Wenig einleuchtend ist auch, warum es Überlegungen gibt, das mit der Schaffung des Menschenrechtsrates eingeführte Verfahren der Universal Periodic Review, demgemäß jedes Land der Erde regelmäßig im Hinblick auf seine Menschenrechtssituation überprüft werden soll, wieder abzuschaffen. Die Absicht der Länder, die dies fordern, ist natürlich einsichtig: Sie wollen sich un- bequemen Nachfragen entziehen, die menschenrechtliche Missstände und fehlende Aktivitäten zur Verbesserung der Menschenrechte im eigenen Land offenbaren würden. Die Liste der Versuche, dem Menschenrechtsrat Instru- mente für seine Arbeit zu entziehen bzw. deren Wirk- samkeit begrenzen zu wollen, ließe sich fortsetzen. Deutschland muss die Zeit bis zum 18. Juni daher nutzen, um sich diesen Versuchen entschieden entgegenzustellen. Hierfür ist aus Sicht der FDP ein geschlossenes Auftre- ten aller politischen Kräfte im Deutschen Bundestag vonnöten, um ein deutliches Signal auszusenden, dass der UN-Menschenrechtsrat mit weitreichenden Kompe- tenzen ausgestattet werden muss, um seinem Auftrag wirkungsvoll nachgehen zu können. Dieses Ziel und die dafür notwendigen Maßnahmen sind im vorliegenden Antrag so dargelegt, dass die FDP ihn unterstützen kann. Michael Leutert (DIE LINKE): Ich habe schon in meiner letzten Rede darauf hingewiesen, dass in Bezug auf Homosexualität die geltende Rechtsprechung in gro- ßen Teilen Nigerias aus dem vorletzten Jahrhundert stammt und auf dem britischen Common Law beruht, eine Erbschaft aus der Kolonialzeit eben. Hier zeigt sich europäische Verantwortung für die Geschichte, die für Afrika überwiegend Ausbeutung und Unterdrückung bedeutete. Sie weist Europa damit auch eine Verantwor- tung für die Zukunft dieser Länder zu. 14 Jahre Haft ist gegenwärtig das Strafmaß für homo- sexuelle Handlungen in Nigeria, ausgenommen die zwölf Bundesstaaten, in denen die Scharia gilt und Stei- nigung erfolgt. Stellt der Gesetzesentwurf dann nicht etwa eine Verbesserung für verfolgte Homosexuelle dar? Sieht er doch eine Haftstrafe von 5 Jahren vor. Nein, na- türlich nicht. Zum einen bleibt es völlig inakzeptabel, dass Homosexualität ein Straftatbestand ist. Zum ande- ren wird der Umfang der Strafbarkeit erheblich ausge- weitet und erstreckt sich auf viele gesellschaftliche Be- reiche, wie öffentliche Darstellung, Meinungsbildung, Berichterstattung und zivilgesellschaftliches Engage- ment. Darüber hinaus droht das Gesetz, Wasser auf die Mühlen wirkungsmächtiger gesellschaftlicher Gruppen wie Christian Association of Nigeria und National Mus- lim Centre, die das Vorhaben ausdrücklich unterstützen, zu gießen. Das bedeutet nichts anderes als eine wach- sende Bedrohung von Menschen, die homosexuell leben oder auch nur darüber aufklären. Es gibt daher keinen Grund, den vorliegenden Antrag nicht zu unterstützen. Es liegt ein weiterer Antrag zu diesem Tagesordnungs- punkt vor. Die Thematik ist freilich eine andere. Es geht um den UN-Menschenrechtsrat. Aber Nigeria spielt auch h N m g l d d ti F G m H r s g d P D G „ v S u v t f h D v b p g s V e M w z h N z G z R K R s n s m d r f d g (C (D ier eine Rolle. Denn eines der 13 Mitglieder Afrikas ist igeria. Das zeigt exemplarisch die Schwierigkeiten, it denen dieses Gremium zu kämpfen hat. Tatsächlich ibt es einige Länder, die von der UN-Generalversamm- ung in den UN-Menschenrechtsrat gewählt wurden und enen die VN-Charta und die Menschenrechtskonvention er Vereinten Nationen nur bedingt Richtschnur ihres poli- schem Handelns sind. Insofern ist dem Antrag von der raktion des Bündnisses 90/Die Grünen im Großen und anzen zuzustimmen. Dennoch seien mir folgende Be- erkungen erlaubt. Menschenrechtspolitik scheint in diesem hohen ause ausschließlich auswärtige Politik. Menschen- echte werden nur im Ausland verletzt. Aber ein kriti- cher Blick nach innen auf die Gefährdungen von Bür- er- und Freiheitsrechten in unserem Land zum Beispiel urch Überwachungsbestrebungen und Eingriffe in die rivatsphäre würde dem Streiten der Bundesrepublik eutschland für Menschenrechte in der Welt mehr laubwürdigkeit verleihen. Der stete Fingerzeig auf die Anderen“ verweist eher auf eine Anmaßung, nämlich, orzugsweise zusammen mit anderen westeuropäischen taaten, letzter Gralshüter der Menschenrechte zu sein, nd auch letzter Richter. So ist es nicht zufällig, dass der orliegende Antrag vom UN-Menschenrechtsrat „objek- ive“ Resolutionen verlangt. Wer aber Objektivität ein- ordert, weiß offenbar, was objektiv ist. Von diesem ho- en Ross sollte schnellstens abgestiegen werden. Volker Beck (Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): er neue Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen hat or einem Jahr seine Arbeit aufgenommen, es aber leider isher nicht geschafft, differenzierte, objektive und über- arteiliche Resolutionen zu verabschieden. Viele Mit- liedstaaten des Menschenrechtsrates richten ihre Ent- cheidungen nicht ausreichend an den Maßstäben der N-Charta und der Menschenrechtskonvention der Ver- inten Nationen aus. Die Arbeit der Vorgängerin des enschenrechtsrates, der Menschenrechtskommission, ar durch selektive und einseitige Resolutionen gekenn- eichnet. Der Menschenrechtsrat hat dieses Muster bis- er noch nicht durchbrechen können. Unabhängig von den Menschenrechtsverletzungen im ahen Osten durch alle Konfliktparteien kann es nicht ufriedenstellen, dass der Menschenrechtsrat seit seiner ründung vor einem Jahr zu insgesamt vier Sondersit- ungen zu Israel zusammengekommen ist, aber die erste esolution zur humanitären und menschenrechtlichen atastrophe im Sudan erst im November 2006 zu einer esolution und erst im Dezember 2006 zu einer Sonder- itzung führte. Bis heute hat sich der Menschenrechtsrat icht mit der Situation der Menschenrechte im Irak be- chäftigt. Der Menschenrechtsrat muss ein effektives Instru- ent der internationalen Menschenrechtspolitik wer- en. Deutschland hat hier als Mitglied des Menschen- echtsrates eine besondere Verantwortung und wir ordern mit unserem Antrag die Bundesregierung auf, ieser Verantwortung gerecht zu werden. Die von eini- en Staaten betriebene Blockbildung im Rat muss aufge- Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9699 (A) (C) (B) ) löst werden. Es darf nicht sein, dass die kritischen Stim- men zur Gründung des Menschenrechtsrates letztendlich Recht behalten und der Menschenrechtsrat die Fehler der Menschenrechtskommission wiederholt. Die institutionelle Ausgestaltung des Menschen- rechtsrates ist Gegenstand intensiver Debatten im Men- schenrechtsrat und in der Zivilgesellschaft. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat den Menschenrechtsrat bei seiner Arbeit zu Objektivität verpflichtet. Deshalb ist es unverzichtbar, dass er auf die Informationen von unabhängigen Experten und Nichtre- gierungsorganisationen zurückgreift und diese entspre- chend an der Arbeit des Rates beteiligt werden. Länder- spezifische Resolutionen müssen auch in Zukunft in regulären Sitzungen des Rates möglich sein. Auch die Möglichkeit, Sonderberichterstatter für länderspezifi- sche Untersuchungen einzusetzen, darf auf keinen Fall abgeschafft werden. Dabei muss jede Anstrengung un- ternommen werden, dass die betroffenen Länder auch mit diesen Sonderberichterstattern kooperieren. Ein neues Merkmal des Menschenrechtsrates ist der Sollte der Gesetzesentwurf in der aktuellen Form in Kraft treten, so wäre dies eine weltweit einmalige, ge- setzlich verankerte, massive Verletzung der Menschen- rechte von Homosexuellen. Es wäre ein Verstoß gegen die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, gegen den von Nigeria ratifizierten Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte und gegen die afrika- nische Charta der Menschenrechte. Man sollte meinen, dass es keiner großen Diskussionen bedarf, um eine Ver- urteilung dieses Gesetzentwurfs im Deutschen Bundes- tag zu erreichen, insbesondere auch vor dem Hinter- grund der sich durch dieses Gesetz ergebende massive Verschlechterung bis zur Verhinderung der Arbeit vom Menschenrechtsorganisationen in Nigeria. Ich finde es schlicht gesagt erbärmlich, dass es nicht gelungen ist, hierzu eine gemeinsame Entschließung al- ler Fraktionen des Bundestages zu erreichen. Die von CDU und SPD vorgeschobene Begründung zur Ableh- nung des Antrages, aufgrund der chaotischen Wahlen in Nigeria sei in naher Zukunft nicht mit einer Verabschie- dung des Gesetzentwurfes zu rechnen, ist schlichtweg sogenannte Univeral Periodic Review. Seiner derzeit diskutierten Ausgestaltung kommt eine wichtige Bedeu- tung zu. Der Reformprozess des Rates insgesamt ist ge- fährdet, falls es bis Juni nicht gelingt, den UPR so auszu- gestalten, dass unabhängige Experten und NGOs am gesamten UPR-Prozess beteiligt sind. Der Menschen- rechtsrat ist eine wichtige Säule im VN-System. Wir for- dern die Bundesregierung auf, alles zu tun, damit er auch zu einer tragenden Säule wird. Ich komme nun zu unserem Antrag, der sich gegen die geplante Verschlechterung der Rechtssituation von Homosexuellen in Nigeria ausspricht. In bisher nicht ge- kannter Form will die nigerianische Regierung mit ei- nem Gesetzesentwurf Homosexuelle verfolgen. Sie will bereits jede Diskussion über Homosexualität tabuisieren. Die Verletzung des Tabus soll mit fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. f i h J d u a e t C t R d r D (D alsch. Unabhängig vom chaotischen Verlauf der Wahlen n Nigeria werden das bisherige Parlament und die bis- erige Regierung in Nigeria noch bis zum 2. Juni dieses ahres ihre Arbeit fortführen. Auch gibt es keinerlei In- izien dafür, dass das neu zusammengesetzte Parlament nd die neue Regierung in Nigeria in dieser Frage eine ndere Auffassung vertreten. Umso wichtiger wäre jetzt in klares Signal des Deutschen Bundestages zur Verur- eilung dieses Gesetzesentwurfes gewesen. Diese hance vertut die Koalition, wenn sie heute diesen An- rag wie angekündigt ablehnt. Das Europäische Parlament hat in einer gemeinsamen esolution – die übrigens auf eine Initiative der Christ- emokraten zurückging – den Gesetzesentwurf in Nige- ia verurteilt. Es ist mir unbegreiflich, warum dies im eutschen Bundestag nicht möglich ist. 94. Sitzung Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Inhalt: Redetext Anlagen zum Stenografischen Bericht Anlage 1 Anlage 2 Anlage 3 Anlage 4 Anlage 5 Anlage 6 Anlage 7 Anlage 8 Anlage 9 Anlage 10 Anlage 11 Anlage 12 Anlage 13 Anlage 14 Anlage 15 Anlage 16
Gesamtes Protokol
Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609400000

Die Sitzung ist eröffnet.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich begrüße Sie alle
herzlich und wünsche Ihnen einen guten Morgen und ei-
nen erfolgreichen Tag.

Zum heutigen Girls’ Day gratuliere ich allen Kolle-
ginnen besonders herzlich, natürlich auch den auf den
Zuschauertribünen und auf der Pressetribüne anwesen-
den Damen. Ich wünsche Ihnen nicht nur heute die be-
vorzugt freundliche Behandlung, die Sie ohnehin verdie-
nen und die Sie in diesem Hause auch meistens erhalten.

Ich habe die große Freude, auf der Ehrentribüne eine
Delegation des australischen Parlaments mit dem
Parlamentspräsidenten, Herrn David Hawker, an ih-
rer Spitze begrüßen zu dürfen. Herzlich willkommen im
Deutschen Bundestag!


(Beifall)


Wir freuen uns über Ihren Besuch. Wir hatten bei unse-
rem Gespräch am vergangenen Dienstag bereits Gele-
genheit, unser gemeinsames Interesse an einer weiteren
Vertiefung der freundschaftlichen Beziehungen zwi-
schen unseren Ländern festzuhalten. Ich habe keinen
Zweifel daran, dass Ihr Besuch dazu beitragen wird. Für

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Redet
Ihren Aufenthalt und Ihr weiteres parlamentarisches
Wirken begleiten Sie unsere besten Wünsche.

Da wir gerade bei guten Wünschen und Gratulationen
sind: Der Kollege Wolfgang Börnsen feiert heute seinen
65. Geburtstag.


(Beifall)


Dazu gratuliere ich ihm im Namen des ganzen Hauses
herzlich. Es gibt eigentlich keine angemessenere Mög-
lichkeit, diesen Geburtstag zu feiern, als dass alle Mit-
glieder des Deutschen Bundestages zu einem solchen
Anlass zusammentreten.


(Beifall des Abg. Wolfgang Bö [Bönstrup] [CDU/CSU] – Dr. Westerwelle [FDP]: Na, na! Da bin ic nicht so sicher!)

(C


(D ung en 26. April 2007 0 Uhr Es hat seit unserer letzten Sitzung eine Reihe weiterer under Geburtstage gegeben: Ihren 60. Geburtstag feieren der Kollege Frank Spieth am 4. April, (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der FDP)


ie Kollegin Christel Riemann-Hanewinckel am
. April und der Kollege Achim Großmann am
7. April. Auch Ihnen nachträglich herzliche Gratulation
nd alle guten Wünsche!


(Beifall)


Die SPD-Fraktion hat mitgeteilt, dass der Kollege
tephan Hilsberg als stellvertretendes Mitglied aus dem
ermittlungsausschuss und aus dem Gemeinsamen
usschuss nach Art. 53 a des Grundgesetzes aus-

cheidet. Als Nachfolger wird der Kollege Klaas
übner vorgeschlagen. Sind Sie damit einverstanden? –
as ist offensichtlich der Fall. Ich höre keinen Wider-

pruch. Dann ist der Kollege Hübner zum stellvertreten-
en Mitglied des Vermittlungsausschusses und des Ge-
einsamen Ausschusses gewählt.

Die Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen teilt mit,
ass die Kollegin Undine Kurth auf die Mitgliedschaft

Stiftungsrat der Bundesstiftung Baukultur ver-
ichtet. Als Nachfolger wird der Kollege Peter Hettlich

ext
vorgeschlagen. Sind Sie auch damit einverstanden? –
Das scheint der Fall zu sein. Dann ist der Kollege
Hettlich hiermit zum Mitglied des Stiftungsrates der
Bundesstiftung Baukultur gewählt.

Zum Ablauf der heutigen Sitzung teile ich Ihnen mit,
dass interfraktionell vereinbart wurde, die verbundene
Tagesordnung um die in der Zusatzpunktliste aufge-
führten Punkte zu erweitern:

ZP 1 Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion der LINKEN:
Haltung der Bundesregierung zu den Absichten des Bun-
desministers des Innern, Dr. Wolfgang Schäuble, im Zu-
sammenhang mit dem sogenannten Kampf gegen den Ter-
rorismus (siehe 93. Sitzung)



(Eru TOP 33)


Beratung des von den Abgeordneten Jens
mann, Dr. Karl Addicks, Christian Ahrendt und
rnsen
Guido
h mir

ZP 2 Weitere Ü
gänzung z
a) Erste

Acker

9476 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Präsident Dr. Norbert Lammert
weiteren Abgeordneten eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Änderung des Betäubungsmittelgesetzes
und anderer Vorschriften

– Drucksache 16/4696 –

Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Gesundheit (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Cornelia Behm,
Undine Kurth (Quedlinburg), Ulrike Höfken, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN

Am Walfangmoratorium festhalten und Walschutz
auf der IWC stärken

– Drucksache 16/5105 –

Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz (f)

Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und
Reaktorsicherheit
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung

c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Heike Hänsel,
Wolfgang Gehrcke, Dr. Lothar Bisky, weiterer Abgeord-
neter und der Fraktion der LINKEN

Eintreten für die Beendigung der von den USA aufer-
legten Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade ge-
gen Kuba

– Drucksache 16/5115 –

Überweisungsvorschlag:
Auswärtiger Ausschuss (f)

Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen
Union

d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Undine Kurth

(Quedlinburg), Volker Beck (Köln), Cornelia Behm, wei-

terer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN

Die Bedrohung der Meeresumwelt durch Unterwas-
serlärm stoppen

– Drucksache 16/5117 –

Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicher-
heit (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Verteidigungsausschuss
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung
Ausschuss für die Angelegenheiten der
Europäischen Union

ZP 3 Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN:

Meinungs- und Demonstrationsfreiheit in Russland in
Gefahr

ZP 4 Beratung des Antrags der Abgeordneten Ulla Jelpke, Sevim
Dağdelen, Petra Pau, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der LINKEN

Für Humanität und Menschenrechte statt wirtschaftlicher
„Nützlichkeit“ als Grundprinzipien der Migrationspolitik

– Drucksache 16/5108 –

Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Auswärtiger Ausschuss

w

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D
s

b

(C (D Rechtsausschuss Ausschuss für Arbeit und Soziales Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union ZP 5 Beratung des Antrags der Abgeordneten Hans-Joachim Otto geordneter und der Fraktion der FDP Die Kulturwirtschaft als Zukunftsund Wachstumsbranche in Europa stärken – Drucksache 16/5101 – Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Kultur und Medien Finanzausschuss ZP 6 Beratung des Antrags der Abgeordneten Angelika Brunkhorst, Michael Kauch, Birgit Homburger, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP Allgemeine Grundsätze für den Naturschutz in Deutschland – Drucksache 16/3099 – Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Ausschuss für Wirtschaft und Technologie Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ZP 7 Beratung des Antrags der Abgeordneten Detlef Parr, Daniel Bahr und der Fraktion der FDP Nichtraucherschutz praktikabel und mit Augenmaß umsetzen – Drucksache 16/5118 – Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Gesundheit Ausschuss für Wirtschaft und Technologie Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Ausschuss für Arbeit und Soziales ZP 8 Beratung des Antrags der Abgeordneten Ina Lenke, CarlLudwig Thiele, Sibylle Laurischk, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP Sofortprogramm für mehr Kinderbetreuung – Drucksache 16/5114 – Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Innenausschuss Finanzausschuss Von der Frist für den Beginn der Beratungen soll, soeit erforderlich, abgewichen werden. Die Tagesordnungspunkte 27 b und 30 werden abgeetzt. Können wir auch hierzu Einvernehmen feststellen? – as sieht so aus. Ich bedanke mich. Dann ist das so be chlossen. Nun kommen wir zu den Tagesordnungspunkten 4 a is 4 h: a)


(Frankfurt), Christoph Waitz, Jens Ackermann, weiterer Ab-


Klimapolitik der Bundesregierung nach den
Beschlüssen des Europäischen Rates

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Michael
Kauch, Angelika Brunkhorst, Horst Meierhofer,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9477


(A) )



(B) )


Präsident Dr. Norbert Lammert
Solares Unternehmertum in Deutschland –
Herausforderungen annehmen, Chancen nut-
zen

– Drucksache 16/3355 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)

Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Michael
Kauch, Angelika Brunkhorst, Horst Meierhofer,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP

Internationale und europäische Klima-
schutzoffensive 2007

– Drucksache 16/4610 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (f)

Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

d) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Reinhard Loske, Hans-Josef Fell, Birgitt
Bender, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Stromeinsparung voranbringen

– Drucksache 16/4760 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)

Finanzausschuss
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Haushaltsausschuss

e) Beratung des Antrags der Abgeordneten Eva
Bulling-Schröter, Dr. Dagmar Enkelmann, Hans-
Kurt Hill, weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion der LINKEN

Nationales Sofortprogramm und verbindliche
Ziele für den Klimaschutz festlegen

– Drucksache 16/5129 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (f)

Finanzausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Haushaltsausschuss

A
9
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(C (D f)

richts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit (16. Ausschuss) zu dem
Antrag der Abgeordneten Dr. Reinhard Loske,
Cornelia Behm, Hans-Josef Fell, weiterer Abge-
ordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN

Für eine radikale und konsequente Klimapolitik

– Drucksachen 16/3283, 16/4766 –

Berichterstattung:
Abgeordnete Andreas Jung (Konstanz)

Frank Schwabe
Michael Kauch
Eva Bulling-Schröter
Dr. Reinhard Loske

g) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit (16. Ausschuss) zu dem
Antrag der Abgeordneten Eva Bulling-Schröter,
Lutz Heilmann, Hans-Kurt Hill, weiterer Abge-
ordneter und der Fraktion der LINKEN

Klares Signal für die Kyoto-II-Verhandlungen
auf der UN-Klimakonferenz in Nairobi setzen

– Drucksachen 16/3026, 16/4767 –

Berichterstattung:
Abgeordnete Andreas Jung (Konstanz)

Frank Schwabe
Michael Kauch
Eva Bulling-Schröter
Dr. Reinhard Loske

h) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Verkehr, Bau und
Stadtentwicklung (15. Ausschuss)


– zu dem Antrag der Abgeordneten Lutz
Heilmann, Eva Bulling-Schröter, Dorothée
Menzner, weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion der LINKEN

Trendwende beim Klimaschutz im Verkehr –
Nachhaltige Mobilität für alle ermöglichen

– zu dem Antrag der Abgeordneten Winfried
Hermann, Dr. Reinhard Loske, Peter Hettlich,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Wirksame Klimaschutzmaßnahmen im
Straßenverkehr ergreifen

– Drucksachen 16/4416, 16/4429, 16/5135 –

Berichterstattung:
Abgeordneter Dr. Andreas Scheuer

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung soll die
ussprache im Anschluss an die Regierungserklärung
0 Minuten dauern. – Auch dazu höre ich keinen Wider-
pruch.

9478 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Präsident Dr. Norbert Lammert
Das Wort zur Abgabe einer Regierungserklärung er-
hält nun der Bundesminister für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit, Sigmar Gabriel.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Sigmar Gabriel, Bundesminister für Umwelt, Natur-
schutz und Reaktorsicherheit:

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Über-
schrift der heutigen Regierungserklärung der Bundesre-
gierung lautet: Klimaagenda 2020.

Tatsächlich bedeutet die Umsetzung der europäischen
Klimaschutzziele nichts weniger als den grundlegenden
Umbau der Industriegesellschaft. Wenn wir für eine
von 6,5 Milliarden Menschen auf über 9 Milliarden
Menschen wachsende Weltbevölkerung bis zur Mitte
dieses Jahrhunderts Güter und Dienstleistungen mit der
halben Menge an Treibhausgasemissionen bereitstellen
wollen, dann erfordert das einen Quantensprung in der
Entwicklung der Industriegesellschaft. Wir müssen zum
Beispiel die Energieeffizienz unserer Volkswirtschaft in
Zukunft statt wie bisher um 1 Prozent jährlich um 3 Pro-
zent pro Jahr steigern. Nur mit einer ambitionierten
Steigerung der Energieeffizienz und einem massiven
Ausbau der erneuerbaren Energien können wir die Kli-
maschutzziele erreichen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Damit wird aber auch deutlich, dass es nicht um eine
defensive Strategie oder gar um eine Verzichtsmoral ge-
hen kann. Große Teile der Weltbevölkerung leben in Ar-
mut. Ihnen eine Verzichtsethik der Reichen im Norden
zu empfehlen, würde dort als eine neue Form des Kolo-
nialismus verstanden.


(Beifall der Abg. Eva Bulling-Schröter [DIE LINKE])


Wir müssen Forschung und Entwicklung vielmehr of-
fensiver voranbringen, unsere Produktionsprozesse auf
den Prüfstand stellen, neue Produkte und Dienstleistun-
gen entwickeln und innovative Verkehrskonzepte erar-
beiten. Hier sind wir in den letzten Jahren im internatio-
nalen Vergleich deutlich zurückgefallen. Während Japan
heute pro Kopf über 30 Dollar für die Energieforschung
einsetzt, liegen wir in Deutschland bei mageren
6,20 Dollar. Das muss sich ändern. Deshalb wird die
Bundesregierung den Schwerpunkt Energieforschung
weiter verstärken. Sie erwartet vor allen Dingen auch
von der Wirtschaft ein vergleichbares Engagement.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ich freue mich daher, dass die Kollegin Ministerin
Schavan hier neue Schwerpunkte setzt und zudem ein
breit angelegtes Klimaforschungsprogramm auflegt.
Dafür stehen in den kommenden drei Jahren im Haushalt
des BMBF 255 Millionen Euro zur Verfügung.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


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(C (D Zu den neuen Schwerpunkten gehören insbesondere ie Abscheidung und Speicherung von CO2 bei Kohleraftwerken. Nur so hat die Stromerzeugung aus Kohle n Deutschland, in China und weltweit langfristig eine hance. Für diese Innovationsstrategien müssen wir uch die Idee des technischen Fortschritts neu entdeken, durch den nicht blind, sondern orientiert am Leitild der nachhaltigen Entwicklung ein entscheidender eitrag geleistet werden kann. Dieses Konzept ist also as Gegenteil von „Weiter so!“. Es verkörpert den Wind f Change, den unser Land zum Erreichen der Klimachutzziele braucht. Für diesen Umbau der Industriegesellschaft brauchen ir vor allem die Menschen in unserem Land. Hier eine ich vor allem die jungen Menschen. Sie müssen ir wirklich begeistern. Auf ihre Talente, ihre Kreativi ät und ihr Engagement – das Engagement der jungen eneration in Deutschland – müssen wir setzen. Unsere ufforderung muss deshalb lauten: Entwickelt neue deen, Konzepte, Technologien, Produkte und Verfahren, tudiert Ingenieurwissenschaften, beteiligt euch an dieem Wettbewerb; denn euch gehört die Zukunft! (Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Dr. Guido Westerwelle [FDP])


Meine Damen und Herren, die Staats- und Regierungs-
hefs haben unter Führung der Bundeskanzlerin einen
irklich historischen Beschluss der EU über die zu-
ünftige Klimapolitik gefasst. Mit diesem historischen
eschluss wird mit der Integration von Energie- und Kli-
apolitik erstmals Ernst gemacht und werden ambitio-

ierte Klimaschutzziele mit weitreichenden Maßnahmen
erknüpft.

Danach ist die Europäische Union bereit, die Treib-
ausgasemissionen bis 2020 im Vergleich zum Basisjahr
990 um 30 Prozent zu vermindern, sofern andere Indus-
rieländer zu vergleichbaren Minderungen bereit sind.
m Vorgriff auf internationale Verhandlungen verpflich-
et sich die Europäische Union schon jetzt, die Emissio-
en um mindestens 20 Prozent zu senken. In dem Be-
chluss der EU werden neben diesen beiden Zielen auch
ie beiden wichtigsten Maßnahmen genannt: Bis 2020
oll die Energieeffizienz um 20 Prozent gesteigert wer-
en, und der Anteil der erneuerbaren Energien am Pri-
ärenergieverbrauch soll bis zu diesem Zeitpunkt auf

0 Prozent gesteigert werden. Das ist ein anspruchsvol-
es und rundes Paket, das weltweit seinesgleichen sucht.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Guido Westerwelle [FDP])


Das ist die Messlatte, die die Europäische Union an-
elegt hat und an der auch wir in Deutschland uns mes-
en lassen müssen. Die harten Fakten zeigen, wie weit
ir noch von diesen anspruchsvollen Zielen entfernt

ind. Wir liegen heute in der Klimabilanz im Bereich der
reibhausgase gegenüber dem Basisjahr 1990 bei einem
inus von 18 Prozent. Keine Frage, das ist beachtlich.
ein anderes westliches Industrieland kann eine ähnlich
ositive Bilanz vorweisen. Zur Wahrheit gehört aber

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auch, dass wir im letzten Jahr um 0,7 Prozent zurückge-
fallen sind, statt uns weiter auf unser 21-Prozent-Ziel für
das Jahr 2012 zuzubewegen. Wir sind heute noch
3 Prozent von unserem Klimaschutzziel für die Periode
2008 bis 2012 entfernt. Es fehlen uns etwa 37 Millionen
Tonnen an eingesparten Treibhausgasen, um unseren
Beitrag zum Kiotoprotokoll zu erbringen.

Die Ursachen liegen klar auf der Hand. Weder hat die
deutsche Wirtschaft ihre Zusagen zum Ausbau der
Kraft-Wärme-Kopplung erfüllt, noch war der Emis-
sionshandel erfolgreich. Im Gegenteil: In der ersten
Handelsperiode wurden zu viele Emissionsrechte an
Energiewirtschaft und Industrie kostenlos verteilt, so-
dass der Zertifikatspreis heute bei ganzen 61 Cent liegt.
Von einem solchen Preis gehen wahrlich keine Impulse
zur Modernisierung der Stromversorgung und der indus-
triellen Produktion aus.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Eva Bulling-Schröter [DIE LINKE])


Nun allerdings müssen wir mit unseren Beschlüssen
Ernst machen; denn die neuen Ziele des Europäischen
Rates weisen bereits weit über die Ziele des Kiotoproto-
kolls und das Jahr 2012 hinaus. Wenn die EU die Treib-
hausgase um 30 Prozent mindern will, muss Deutsch-
land mehr erbringen. So steht es auch in der
Koalitionsvereinbarung von SPD und CDU/CSU. Der
Deutsche Bundestag hat deshalb zu Recht in seinem Be-
schluss vom November 2006 auf die Ergebnisse der En-
quete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmo-
sphäre“ verwiesen. Danach müsste Deutschland seine
Treibhausgasemissionen im Vergleich zum Basis-
jahr 1990 bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent senken. Das
bedeutet: Bisher ging es um eine Minderung von
21 Prozent in 22 Jahren, nämlich von 1990 bis 2012. An-
schließend geht es um eine Reduktion um weitere
19 Prozent in acht Jahren bis 2020. Da liegt die Latte, da
müssen wir hin.

Die Bundesregierung wird noch in diesem Jahr mit ei-
nem neuen Klimaschutzprogramm das Maßnahmenpa-
ket auf den Weg bringen, mit dem die Beschlüsse der
Europäischen Union umgesetzt werden sollen. Um bis
2020 eine 30-prozentige Reduktion der Treibhausgase
zu erreichen, müssen die Emissionen im Vergleich zu
heute um 147 Millionen Tonnen reduziert werden. Das
reicht aber nicht. Eine Reduktion um 40 Prozent bedeu-
tet dagegen eine Senkung des Ausstoßes von Treibhaus-
gasen um 270 Millionen Tonnen gegenüber dem Niveau
von 2006.

Erste Ergebnisse von Studien im Auftrag der Bundes-
regierung zeigen, dass das machbar ist. Die 270 Millio-
nen Tonnen könnten danach bis 2020 in acht Maßnah-
menbereichen erbracht werden: erstens Reduktion des
Stromverbrauchs um 11 Prozent durch massive Steige-
rung der Energieeffizienz, das bringt eine Einsparung
von 40 Millionen Tonnen; zweitens Erneuerung des
Kraftwerkparks durch effiziente Kraftwerke: 30 Millio-
nen Tonnen; drittens Steigerung des Anteils der Stromer-
zeugung durch erneuerbare Energien auf über 27 Pro-

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(C (D ent: 55 Millionen Tonnen; viertens Verdopplung der ffizienten Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung auf 5 Prozent: 20 Millionen Tonnen; fünftens Reduktion es Energieverbrauchs durch Gebäudesanierung, effiiente Heizungsanlagen und Produktionsprozesse: 1 Millionen Tonnen; sechstens Steigerung des Anteils er erneuerbaren Energien im Wärmesektor auf 4 Prozent: 14 Millionen Tonnen; siebtens Steigerung er Effizienz im Verkehr und Steigerung des Anteils der iokraftstoffe auf einen Anteil von 17 Prozent: 0 Millionen Tonnen, und achtens Reduktion der Emision von anderen Treibhausgasen, wie zum Beispiel Mehan: 40 Millionen Tonnen. Kein Zweifel: Dieses Maßnahmenpaket ist außerorentlich ehrgeizig, aber es ist machbar. Zum ersten Mal ird es bei der Umsetzung der Klimaschutzziele wirk ich ernst. Meine Damen und Herren, wir müssen uns ntscheiden! (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Heute ist der Jahrestag der Reaktorkatastrophe in
schernobyl. Sicher wird Ihnen nicht entgangen sein,
ass die Atomenergie in der Aufzählung der Maßnah-
enpakete fehlt. Jeder weiß, dass es in der Koalition und

uch in der Bevölkerung unterschiedliche Auffassungen
um Thema Kernenergie gibt. Ich bin mir aber mit EU-
ommissar Piebalgs, der im Gegensatz zu mir ein Be-

ürworter der Kernenergie ist, einig, dass die zentralen
andlungsfelder für Versorgungssicherheit und Klima-

chutz Energieeffizienz und erneuerbare Energien sind.
iebalgs erklärte dazu:

Atomkraft ist nicht die Antwort auf alle Fragen
etwa zum Schutz der Erdatmosphäre.
Wichtiger
sind verstärkte Anstrengungen, Energie einzuspa-
ren und erneuerbare Energien auszubauen.

Ich kann Herrn Piebalgs nur recht geben: Die Kern-
nergie zum archimedischen Punkt der Energiepolitik
nd des Klimaschutzes zu machen, hat mit der Realität
ichts zu tun.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN)


atürlich werden wir darüber auch weiterhin lustvoll
treiten. Aber weit mehr als 90 Prozent dessen, was wir
ur Lösung der Probleme tun müssen, liegt jenseits der
itunter recht lauten Pro-und-Kontra-Debatte zur Kern-

nergie.

Lassen Sie mich einen anderen neutralen Beobachter
er Szene, Horst Köhler, unseren Bundespräsidenten, zi-
ieren:

Mir sind
keine ernstzunehmenden Stimmen be-
kannt, die ihr Eintreten für die Atomkraft damit be-
gründen, darin liege das allumfassende Patentrezept
zur langfristigen Lösung des Klimaproblems. Aus
meiner Sicht brauchen wir einen ausgewogenen
Energiemix, und dazu brauchen wir vor allem eine
Strategie zum weiteren Ausbau der erneuerbaren
Energien und der massiven Verbesserung der Ener-

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gie-Effizienz. Und nicht zuletzt: Wir müssen spar-
samer mit der vorhandenen Energie umgehen.

Meine Damen und Herren, wenn wir uns in Zukunft
in diesem Bewusstsein konstruktiv über Energie und
Klima streiten, dann sind wir in unserem Land schon ei-
nen riesigen Schritt vorangekommen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Eines sind die Maßnahmen jedenfalls nicht: zu teuer.
Im Gegenteil: Dieses Programm ist gut für Wirtschaft,
Umwelt und Beschäftigung. Es werden Jobs in den Zu-
kunftsbranchen geschaffen. Unsere Wirtschaft wird für
den internationalen Wettbewerb um knappe Ressourcen
fit gemacht. Schon heute finden 214 000 Menschen Ar-
beit und Einkommen in der Branche der erneuerbaren
Energien. Vor wenigen Monaten haben wir mit dieser
Branche die Schaffung von 5 000 zusätzlichen Ausbil-
dungsplätzen in den kommenden zwei Jahren vereinbart.
Das ist eine echte deutsche Erfolgsstory.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Natürlich kostet der Klimaschutz Geld. Aber auch für
den Klimaschutz gilt: Die Investitionen von heute sind
die Arbeitsplätze von morgen. Vor allem aber bedeutet
Investition in den Klimaschutz Sicherheit vor den Zer-
störungen des ungebremsten Klimawandels. Das Deut-
sche Institut für Wirtschaftsforschung errechnete die
wirtschaftlichen Folgeschäden eines ungebremsten Kli-
mawandels in Deutschland: Sie belaufen sich auf
137 Milliarden Euro bis zur Mitte dieses Jahrhunderts.
Demgegenüber schätzt das BMU die Mehrkosten im
Bundeshaushalt für diese Klimaschutzinvestitionen bis
zum Jahre 2010 auf rund 3 Milliarden Euro. Ich finde,
das ist vergleichsweise preiswert.

Ich kann und will den Entscheidungen zum Haushalt
nicht vorgreifen; aber sie müssen in diesem Jahr fallen.
So muss die Nutzung der Wärme aus erneuerbaren Ener-
gien massiv aufgestockt werden.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Eines ist klar: Wir stehen auch hier vor weitreichenden
Entscheidungen, wenn wir es mit dem Klimaschutz
wirklich ernst nehmen. So werden wir das Ordnungs-
recht konsequent für den Klimaschutz einsetzen. Das
gilt beispielsweise für die Anforderungen an die Ener-
gieeffizienz von Gebäuden.


(Beifall des Abg. Hans-Kurt Hill [DIE LINKE])


Das Ordnungsrecht stößt aber auch an Grenzen, etwa bei
der Sanierung von Altbauten, lieber Kollege, zum Bei-
spiel bei Menschen, die nicht sehr viel Geld in der Ta-
sche haben.

Deshalb brauchen wir sicher zusätzliche Haushalts-
mittel. Allerdings gibt es auch Vorschläge zur Gegenfi-
nanzierung: Ist es eigentlich sinnvoll und gerecht, dass

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(C (D ach Recherchen der Deutschen Umwelthilfe inzwichen drei von vier der großen Geländefahrzeuge mit ehr hohem Spritverbrauch als Dienstkraftfahrzeuge om Steuerzahler subventioniert werden? So viele Reierförster und Landwirte wird es unter den Käufern dieer CO2-Schleudern wohl kaum geben. (Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN und der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Zurufe von der LINKEN)


ir haben uns darauf verständigt, dass wir diese Frage
n der Regierung prüfen wollen.


(Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Ist das eine Regierungserklärung?)


Ich lese das vor, was wir in der Regierung vereinbart
aben, Herr Kollege. So ist das.


(Beifall bei der SPD – Lachen und Beifall bei der FDP)


Der Schlüssel für einen erfolgreichen Klimaschutz
iegt in der Energiewirtschaft. Dafür nutzen wir den eu-
opäischen Emissionshandel. Der Emissionshandel ist
in marktwirtschaftliches Instrument. Er gibt der Über-
utzung der Umwelt einen Preis. Bislang werden die Ge-
inne aus dieser Übernutzung und Zerstörung privati-

iert, die Kosten für die Beseitigung der Folgen von
türmen, Verwüstung und Überflutungen dagegen sozia-

isiert. Nun hat das Emissionszertifikat seinen Preis und
eht in die betriebswirtschaftliche Kalkulation ein.

Der Anteil der Energiewirtschaft an den gesamten
reibhausgasemissionen in Deutschland beträgt 40 Pro-
ent. Seit 1999 haben die Emissionen in diesem Sektor
m über 30 Millionen Tonnen zugenommen. Daran sieht
an, dass die bisher in diesem Sektor getroffenen Maß-

ahmen nicht ausreichend wirksam waren. So hat der
rste Allokationsplan lediglich eine Senkung von 2 Mil-
ionen Tonnen CO2 zum Ziel gehabt.

Die Bundesregierung hat hier grundlegend umgesteu-
rt. Mit dem vergangene Woche im Bundeskabinett be-
chlossenen Zuteilungsgesetz 2012 wird die verfügbare
missionsmenge der Kraftwerke drastisch um 57 Millio-
en Tonnen abgesenkt. Dabei räume ich freimütig ein,
ass wir auf diesem Weg in der Auseinandersetzung mit
er Europäischen Union gemeinsam eine gewaltige
ernkurve hinter uns gebracht haben. Ich glaube, das gilt

ür alle, die an diesem Prozess beteiligt sind.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wir werden dabei nicht stehen bleiben. Nach 2012
ird Europa die Emissionsmenge weiter absenken, um
ie gesteckten Ziele auch wirklich zu erreichen. Um
indfall-Profits zu vermeiden, ist aber die Versteige-

ung der Emissionszertifikate das einzig Vernünftige. Ob
nd wie weit wir bereits ab dem kommenden Jahr
0 Prozent versteigern werden, muss der Deutsche Bun-
estag im Rahmen seiner Debatte um das Zuteilungs-
esetz 2012 entscheiden. Gründe dafür gibt es viele;

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noch viel größer ist der Finanzierungsbedarf im Klima-
schutz.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Nun muss es darum gehen, den europäischen Emis-
sionshandel zu einem wirklich europäischen Instrument
zu machen. Wir brauchen mehr Transparenz über die
Verfahren und die Festlegung der Emissionsbudgets. Die
Allokationsregeln müssen in den 27 Mitgliedstaaten har-
monisiert werden, und der Flugverkehr soll in wettbe-
werbsneutraler Weise in den EU-Emissionshandel einbe-
zogen werden.

Bei der Stromerzeugung ist der massive Ausbau der
Kraft-Wärme-Kopplung die wichtigste Maßnahme.
Die kombinierte Erzeugung von Strom, Wärme und viel-
fach auch Kälte nutzt Energieträger am effizientesten.
Entscheidend kommt es darauf an, über Nah- und Fern-
wärmenetze anfallende Wärme zu nutzen. Deshalb müs-
sen wir den Ausbau der Nah- und Fernwärmenetze stär-
ker fördern. Unser Ziel ist es, den KWK-Anteil von
heute rund 10 Prozent bis 2020 in etwa zu verdoppeln.
Wenn wir die bisherige Förderung der Bestandsanlagen
auf neue und hocheffiziente Anlagen umschichten, errei-
chen wir dadurch bis 2020 eine Verminderung der CO2-
Emissionen um rund 20 Millionen Tonnen.


(Beifall des Abg. Ulrich Kelber [SPD])


Aber machen wir uns nichts vor: Wir können bis auf
Weiteres nicht auf den Einsatz von Kohle für die Strom-
erzeugung verzichten. Bis Dezember 2012 werden drei
große Braunkohlekraftwerke, sechs Steinkohlekraft-
werke und sieben Gaskraftwerke mit einer Gesamtleis-
tung von 12 000 Megawatt gebaut. Der Ersatz der ineffi-
zienten Anlagen bringt eine massive Entlastung für den
Klimaschutz. Die neuen Kraftwerke haben einen so viel
höheren Wirkungsgrad, dass der Atmosphäre bis zu
42 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr erspart wer-
den können.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Wer hier allein auf Gas setzt, fährt im Übrigen eine
Risikostrategie. Gas nutzen wir heute nur zu 10 Prozent
für die Stromerzeugung; Braunkohle und Steinkohle ma-
chen 50 Prozent unseres Strommarktes aus. Wollte man
Kohle durch Gas ersetzen – was gelegentlich auch hier
im Hause gefordert wird –, müsste der Gaseinsatz unge-
fähr verfünffacht werden. Das sind drei Viertel des ge-
samten Erdgaseinsatzes in Deutschland und entspricht
– um einen plakativen Vergleich zu wählen – dem Gas-
verbrauch eines Jahres von Italien.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


So viel Gas ist am Markt nicht verfügbar, und es hätte
zudem erhebliche Auswirkungen auf den Strompreis.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Genauso klar sage ich aber auch, dass es unter den
Bedingungen des Emissionshandels für die Verstromung
von Braunkohle und Steinkohle klare Grenzen gibt. Dies
ergibt sich aus der fortschreitenden Verknappung der Emis-

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(C (D ionsrechte. Das Horrorgemälde von 29 oder 40 neuen ohlekraftwerken entbehrt jeder Grundlage. (Beifall der Abg. Marie-Luise Dött [CDU/ CSU])


Um die europäischen Klimaschutzziele zu erreichen,
erden wir in der dritten Handelsperiode – also zwi-

chen 2012 und 2020 – das Emissionsbudget für die
nergiewirtschaft gegenüber dem jetzigen Emissions-
udget nochmals deutlich absenken. Nach 2012 gibt es
ür die neuen Kohlekraftwerke nur drei Alternativen:
ntweder wird CO2 abgeschieden und gespeichert – das
lanen RWE und Vattenfall –, oder die EVU kaufen an
er Börse die benötigten CO2-Zertifikate, oder es wer-
en über Klimaschutzprojekte im Ausland Emissions-
echte erworben.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Entsprechend dem Beschluss des Europäischen Rates
ind die drastische Steigerung der Energieeffizienz und
er massive Ausbau der erneuerbaren Energien die rich-
ige Doppelstrategie. Auf diesem Weg machen wir in
eutschland schon jetzt Fortschritte. In wenigen Jahren
aben wir den Anteil der erneuerbaren Energien in der
tromerzeugung verdoppelt. Schon heute erzeugen sie in
eutschland so viel Strom wie der Energieversorger
nBW. In zehn Jahren werden sie Eon überrunden. Das

st der Siegeszug der erneuerbaren Energien, der auch
icht aufgehalten wird.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Das Ziel der Europäischen Union, bis 2020 den Anteil
er erneuerbaren Energien an der eingesetzten Primär-
nergie auf 20 Prozent zu steigern, bedeutet für Deutsch-
and, dass wir den Anteil der erneuerbaren Energien
ervielfachen müssen. Das bisherige Ausbauziel Deutsch-
ands unter der Vorgängerregierung lag übrigens bei
0 Prozent. Nun müsste auf Basis europäischer und
eutscher Gutachten der deutsche Anteil auf 16 Prozent
teigen, um den verabredeten durchschnittlichen Anteil
on 20 Prozent am Primärenergiebedarf Europas errei-
hen zu können.

Was heißt das für den Strombereich? Wir werden den
nteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeu-
ung von heute 12 Prozent deutlich steigern. Die Leit-
tudie des BMU zeigt, dass wir bis 2020 einen Anteil
on 27 Prozent erreichen können. Bislang lag das Ziel
m Stromsektor bei nur 20 Prozent.

Der schlafende Riese der erneuerbaren Energien ist
er Wärmemarkt. Hier besteht der größte Nachholbe-
arf. Unser Ziel ist es, den Anteil der erneuerbaren Ener-
ien an der Erzeugung von Wärme und Kälte von heute
Prozent bis 2020 mindestens zu verdoppeln.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


n einem Wärmegesetz werden wir festlegen, dass bei
eubauten und der grundlegenden Sanierung von Alt-
auten ein bestimmter Anteil des Wärmebedarfs aus er-

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Bundesminister Sigmar Gabriel
neuerbaren Energien erzeugt werden muss. Eine Geset-
zesinitiative des Landes Baden-Württemberg verfolgt
einen vergleichbaren Weg und schlägt einen Anteil von
20 Prozent am Wärmebedarf aus erneuerbaren Energien
vor. Wir wollen dabei eine intelligente und kostengüns-
tige Verknüpfung mit Maßnahmen zur Energieeffizienz
schaffen. Ferner brauchen wir für Altbauten eine mas-
sive und langfristig verlässliche Aufstockung der För-
dermittel. Dazu wird die Bundesregierung noch 2007 die
notwendigen Entscheidungen treffen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Mit der Klimaschutzstrategie der Bundesregierung
verbinden sich für unser Land enorme wirtschaftliche
Chancen, die viele leider noch gar nicht wahrnehmen.
Wir sollten uns das Ziel setzen, Deutschland zur energie-
effizientesten Volkswirtschaft der Welt zu machen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


In Zukunft wird die Energieproduktivität eines Lan-
des ganz maßgeblich die internationale Wettbewerbs-
fähigkeit bestimmen. Modernste Steuer-, Mess- und Re-
geltechniken, die die Energieeffizienz von Kraftwerken,
Maschinen, Heizungen und Autos steigern, bieten lang-
fristig Beschäftigungsmöglichkeiten für Ingenieure und
Facharbeiter. Es liegt an uns, dass wir den Ordnungsrah-
men und die wirtschaftlichen Anreize so setzen, dass die
mit einem aktiven Klimaschutz verbundenen wirtschaft-
lichen Chancen genutzt werden. Deutschland hat die
Chance, auf den Leitmärkten der Zukunft die führende
Rolle zu spielen. Wir wollen diese Chance nutzen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Damit sich die Leitmärkte in diese Richtung entwi-
ckeln, brauchen wir klare Rahmenbedingungen. In ei-
nem funktionierenden europäischen Binnenmarkt ist es
die Aufgabe der Europäischen Union, anspruchsvolle
Standards zur Energieeffizienz zu setzen und Vorga-
ben dafür zu machen – bei den Elektrogeräten im Haus-
halt, bei elektrischen Antrieben in der Industrie und bei
der öffentlichen Straßenbeleuchtung ebenso wie im Au-
tomobilverkehr. Schon die Senkung des Stromver-
brauchs um 11 Prozent durch effizientere Geräte sorgt
für Minderungen der CO2-Emissionen in Höhe von
40 Millionen Tonnen in unserem Land.

Die Bundesregierung wird sich in der Europäischen
Union dafür einsetzen, dass die Entscheidungsverfahren
beschleunigt werden und für alle Produktgruppen ver-
bindliche Effizienzstandards zügig festgelegt werden.
Diese Standards müssen sich an den besten der am
Markt befindlichen Produkte orientieren. Aber auch
Bund, Länder und Gemeinden haben hier eine zentrale
Aufgabe. Die öffentliche Hand fragt jährlich Güter und
Dienstleistungen in Höhe von 250 Milliarden Euro nach.
Das sind 13 Prozent des Bruttosozialprodukts. Die Bun-
desregierung wird deshalb mit gutem Beispiel vorange-
hen und die Anforderungen an die Beschaffung energie-
effizienter Produkte neu gestalten. Damit soll neben den

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(C (D nschaffungskosten der Energieverbrauch stärker beücksichtigt werden. Trotz des heutigen Stands der Technik sind die meisen Gebäude energetisch gesehen löchrig wie ein chweizer Käse. Mit gut sanierten Gebäuden und moerner Heiztechnik können die Bundesbürger ihre Heizosten im Durchschnitt mehr als halbieren. Wir wollen ie jährliche Sanierungsrate der Gebäude auf der Basis nspruchsvoller Energieeffizienzstandards verdoppeln. ie Bundesregierung wird mit der Änderung der Enerieeinsparverordnung die Anforderungen an die Enerieeffizienz von neuen und sanierten Gebäuden um urchschnittlich 30 Prozent verschärfen. In einer zweien Stufe werden die Anforderungen nochmals in der leichen Größenordnung angehoben. Rund ein Viertel des Energieverbrauchs entfällt auf en Verkehr. Die höchsten Zuwachsraten hat der Flugerkehr. Die Bundesregierung unterstützt deshalb die ettbewerbsneutrale Einbeziehung des Flugverkehrs in en europäischen Emissionshandel. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die Senkung des Kraftstoffverbrauchs bei den Kraft-
ahrzeugen steht für die Bundesregierung ganz oben auf
er Tagesordnung.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das haben wir gemerkt!)


Ja, Frau Kollegin, das haben Sie hoffentlich gemerkt,
enn Sie gelesen haben, was wir beschlossen haben. Sie

ollten nicht nur das, was Sie selber immer vorlesen,
iederholen. Die Kfz-Steuer soll so geändert werden,
ass in Zukunft nicht der Hubraum, sondern die CO2-
missionen der Maßstab für die Steuern sind. Die
chadstoffabhängigkeit bleibt im Übrigen erhalten.

Nun zu Frau Kollegin Künast und ihrem Zwischen-
uf: Auf europäischer Ebene betreibt die Bundesregie-
ung aktiv die Diskussion um Obergrenzen für die
O2-Emissionen von Kraftfahrzeugen voran.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das habe ich ja gemerkt! Das haben alle gemerkt!)


ir stehen zu dem Ziel der Kommission, Frau Kollegin,
is zum Jahr 2012 im Durchschnitt der europäischen Kfz
ur noch 120 Gramm CO2 pro Kilometer zuzulassen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


as Nichterreichen der Selbstverpflichtung der europäi-
chen Autoindustrie darf nicht folgenlos bleiben. Den
roßteil dieser CO2-Verringerung wollen wir durch
ahrzeug- und Motorentechnik erreichen, einen kleine-
en Anteil von bis zu 10 Gramm allerdings zusätzlich
urch die Verpflichtung, den Kraftstoffen Biokraftstoffe
eizumischen. Das, Frau Kollegin, dient vor allem dazu,
inen marktwirtschaftlichen Anreiz für Investitionen der
utomobilindustrie und der Mineralölindustrie in Bio-

affinerien für synthetische Kraftstoffe zu schaffen. Nur
iese synthetischen Kraftstoffe werden uns langfristig

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Bundesminister Sigmar Gabriel
wirklich weg vom Öl bringen, ohne dass wir dadurch in
Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau treten würden.
Ihre Strategie, Frau Kollegin, liefe darauf hinaus, dass
das alles der Bundeshaushalt bezahlen soll. Das werden
wir nicht können. Wenn wir die Bioraffinerien durchset-
zen wollen, brauchen wir einen marktwirtschaftlichen
Anreiz, und den schaffen wir mit dieser Strategie der Be-
grenzung auf 120 Gramm.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die Bahn hat von allen Verkehrsträgern die beste Kli-
mabilanz. Wer von Berlin nach München reist, verur-
sacht mit einer Bahnfahrt 33 Kilogramm CO2, mit dem
Auto das Dreifache; mit dem Flugzeug entfachen wir auf
dieser Strecke eine Klimawirkung von fast dem Fünffa-
chen. So stellt sich vor diesem Hintergrund natürlich
auch die Frage, wie wir die Wettbewerbsfähigkeit der
Bahn zu den anderen Verkehrsträgern unter Klimage-
sichtspunkten verbessern können. Die Bekämpfung des
Klimawandels und der damit verbundene notwendige
Umbau der Industriegesellschaft können nur gelingen,
wenn die Bundesregierung insgesamt, aber auch Länder
und Kommunen sowie die Akteure in Wirtschaft und
Gesellschaft dafür ihren Teil der Verantwortung über-
nehmen.

Aber auch die Bürgerinnen und Bürger können mit ih-
rem Verhalten ganz maßgeblich zum Klimaschutz beitra-
gen. Energiesparen ist so einfach und lohnt sich. Wenn
wir kurz und kräftig die Wohnung lüften, sparen wir
Heizenergie. Ziehen wir nachts den Stecker eines Gerä-
tes, das nur eine Stand-by-Schaltung hat, sparen wir
Strom. Ganz entscheidend können wir den Stromver-
brauch senken, wenn wir beim Kauf von Elektrogeräten
auf den Energieverbrauch achten.

Meine Damen und Herren, Deutschland ist das größte
Industrieland in Europa. Im Ausland wird genau ver-
folgt, inwieweit es uns gelingt, einen ambitionierten Kli-
maschutz mit wirtschaftlichem Wachstum und wirt-
schaftlicher Entwicklung zu verknüpfen. Deshalb sollten
wir bei diesem Prozess Schrittmacher und Innovations-
treiber sein.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Kein Industrie- und erst recht kein Schwellenland wird
bei einem neuen Klimaschutzabkommen mitmachen,
wenn dies Wohlstandsverzicht bedeuten würde. Umge-
kehrt: Wenn wir erfolgreich sind, bedeutet dies den ma-
ximalen Schub für die internationalen Verhandlungen
zum Klimaschutz. Dieser ist auch dringend notwendig.
Bei der Klimakonferenz im Dezember in Bali muss der
offizielle Startschuss für die umfassenden Verhandlun-
gen erfolgen. Nur wenn diese Verhandlungen rechtzeitig
bis 2009 abgeschlossen werden können, kann das Folge-
abkommen zum Kiotoprotokoll 2013 in Kraft treten.

Dafür kommt es entscheidend darauf an, dass die USA
und die anderen Industrieländer, aber auch die Schwel-
lenländer mitmachen. Wenn es gelingt, die Blockade
zwischen den USA und einigen Industrieländern einer-
seits und den Schwellenländern andererseits aufzubre-

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(C (D hen, stehen die Chancen dafür nicht schlecht. Ich bin ehr optimistisch. Schon heute verlassen viele Millionen Menschen ihre eimat auf der Suche nach Wasser und Weideland. Beaffnete Konflikte um den Zugang zu Energie und Was er bedrohen deshalb in nie da gewesener Weise den eltfrieden. Wir brauchen aus diesem Grund eine welteite Sicherheitspartnerschaft, wie sie der deutsche undesaußenminister Frank-Walter Steinmeier auf der ünchener Sicherheitskonferenz gefordert hat. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Lachen der Abg. Eva Bulling-Schröter [DIE LINKE])


ie Folge einer solchen Partnerschaft wird die Erhaltung
er natürlichen Lebensgrundlagen für die Kinder und
nkelkinder aller heute auf der Welt lebenden Menschen
ein. Für viele Länder, die schon heute unter Trockenheit
nd Wassermangel zu leiden haben oder vom Anstieg
es Meeresspiegels bedroht sind, geht es um die nackte
xistenz. Wenn wir den Entwicklungsländern bei der
npassung an den Klimawandel wirksam helfen, verhin-
ern wir übrigens auch, dass Millionen Menschen auf
er Suche nach Wasser und Brot ganze Regionen desta-
ilisieren. In diesem Zusammenhang werden wir inno-
ative Finanzierungsinstrumente, wie sie in Frank-
eich, Großbritannien und den Niederlanden bereits
xistieren, prüfen. Die Einnahmen können und müssen
ann für Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungslän-
ern verwendet werden.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die Bundesregierung hat für den bevorstehenden
-8-Gipfel in Heiligendamm, zu dem auch die großen
chwellenländer eingeladen sind, Klima und Energie zu
inem wichtigen Schwerpunkt gemacht. Lassen Sie
ich an dieser Stelle der Bundeskanzlerin ganz herzlich

afür danken, dass sie es geschafft hat, das Thema Kli-
aschutz auf die internationale politische Agenda ganz
eit vorne zu platzieren.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Unsere gemeinsame Aufgabe – bei allem Streit über
as eine oder andere Instrument – wird es sein, sich die-
er historischen Dimension der globalen Menschheitshe-
ausforderung des Klimawandels bewusst zu sein und
etzt konsequent zu handeln. Noch nie waren die Zeiten
ür eine konsequente Klimaschutzpolitik so günstig wie
eute. Noch nie war die internationale Staatengemein-
chaft so entschlossen und geschlossen für entschiedenes
andeln. Noch nie waren die Menschen so bereit, mitzu-
achen; denn sie sehen die Vorteile für ihr Budget und

hre Lebensqualität und haben Sorge um ihre Kinder und
nkelkinder. Noch nie waren die wirtschaftlichen Chan-
en so günstig für eine exportorientierte Industrienation
ie Deutschland, deren Unternehmen auf den mit Kli-
aschutz orientierten Märkten bestens aufgestellt sind.

Diesen Schwung, diese Stimmung sollten wir nutzen
m Interesse unseres Landes und der Menschen, die hier
eben und arbeiten.

9484 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



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Bundesminister Sigmar Gabriel

(Anhaltender Beifall bei der SPD – Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609400100

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort erhält zunächst

der Kollege Michael Kauch für die FDP-Fraktion.


(Beifall bei der FDP)



Michael Kauch (FDP):
Rede ID: ID1609400200

Herr Minister, ich danke Ihnen sehr herzlich für das

sehr textsichere Verlesen der Regierungserklärung. Ich
finde es schon sehr bemerkenswert, dass Sie an keinem
Punkt von Ihrem Redemanuskript abgewichen sind, des-
sen Inhalt offensichtlich in mühsamer Kleinarbeit von
den Beamten der Regierung abgestimmt wurde. Das
zeigt, wie gering die Einigkeit in der Koalition in dieser
Frage ist.


(Beifall bei der FDP – Ulrich Kelber [SPD]: Vier Buchstaben: Gähn!)


Auch ansonsten bin ich etwas enttäuscht von dem,
was Sie hier vorgetragen haben. Es wurde angekündigt,
dass eine Roadmap für neue Maßnahmen von der Re-
gierung vorgelegt würde. Das war ganz geheim; man
konnte von Ihrem Ministerium vorher keine Informatio-
nen dazu bekommen. Nach der Regierungserklärung
frage ich mich, was Sie hier eigentlich vorgetragen ha-
ben. Sie haben keine Maßnahmen, sondern nur Ziele er-
wähnt.


(Beifall des Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Keine einzige der in der Koalition strittigen Fragen
wurde an dieser Stelle beantwortet. Nichts Neues in die-
sem Bereich.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ich nehme einmal das Beispiel Energieeffizienz. Sie
haben uns gesagt, Deutschland müsse das energieeffi-
zienteste Land der Welt werden. Das steht schon im In-
dikatorenbericht zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie,
den Ihre Staatssekretärin uns gestern erklärt hat. Daraus
geht zum Beispiel hervor, dass wir im Bereich der Ener-
gieeffizienz so weit von den Zielen der Nachhaltigkeits-
strategie entfernt sind wie in keinem anderen Bereich.
Dazu kann ich nur sagen: Seit 1998 regiert die SPD mit
in diesem Land. Sie haben diese Politik offensichtlich
mit zu verantworten.


(Beifall bei der FDP)


Es ist schon bemerkenswert, welche Punkte noch
nicht geklärt worden sind. Sie haben gesagt, Sie wollen
die KWK ausbauen und damit – ich glaube, Sie habe
diese Zahl genannt – 25 Millionen Tonnen CO2 jedes
Jahr einsparen. Wo ist denn der Entwurf der Koalition
für eine Anschlussregelung bei der Kraft-Wärme-Kopp-
lung? Dazu haben Sie heute nichts gesagt. Für den Be-
reich der erneuerbaren Energie haben Sie Ziele genannt.
Aber was ist denn das Konzept der Koalition in diesem

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(C (D ereich? Auch dazu Fehlanzeige in dieser Regierungserlärung. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


ch will auf die Kernenergie an dieser Stelle nicht detail-
iert eingehen. Wir wissen, dass Sie in diesem Punkt
icht einig sind.

All das würde uns als Opposition im Zweifel er-
reuen, wenn es nur um die Koalition ginge. In dieser
rage geht es aber um unser Land und unsere Erde. An
ieser Stelle muss die Koalition in einer Regierungser-
lärung schon mehr vorlegen als Überschriften für Ziele.


(Beifall bei der FDP – Ulrich Kelber [SPD]: Dann wollen wir einmal FDP-Vorschläge hören!)


Dennoch bin ich froh, dass wir heute hier ausgiebig
ber dieses Thema diskutieren werden; denn nach den
erichten des IPCC haben wir eine Medienwelle erlebt,

n deren Rahmen sich manche Kollegen mit populisti-
chen und völlig unsystematischen Vorschlägen gera-
ezu überboten haben. Hier die Glühbirne, dort der Ur-
aubsflug nach Mallorca – jeden Tag hat man eine neue
limasau durchs Dorf gejagt und einen neuen Wettbe-
erb um neue Verbotsvorschläge eröffnet.

Meine Damen und Herren, wenn wir so Politik betrei-
en, wecken wir bei den Bürgern tatsächlich Zweifel an
er Problemlösungskompetenz der Politik.


(Beifall bei der FDP)


Um keinen Zweifel zu lassen: Die FDP ist der Mei-
ung, dass die sehr schnelle globale Erwärmung eine
edrohung für die Natur und für die Wirtschaft darstellt.
eshalb muss jetzt gehandelt werden. Wir wollen mehr
limaschutz. Wir wollen ihn aber nicht vorrangig mit
erboten, sondern mit Anreizen schaffen, und zwar
icht durch die nationale Brille, sondern im globalen
ontext. Die FDP steht für eine Klimapolitik, die auf
echnologie und Innovation setzt und nicht auf nationale
erzichtsideologien.


(Beifall bei der FDP – Ulrich Kelber [SPD]: Das sind doch nur Schlagworte!)


Die einseitige Verpflichtung der Europäischen Union,
is 2020 mindestens 20 Prozent CO2 einzusparen, war
in Zwischenschritt. Das war kein historischer Be-
chluss, Herr Minister. Es ist aber ein wichtiger Zwi-
chenschritt auf dem richtigen Weg.

Die eigentliche Bewährungsprobe für die Bundes-
anzlerin kommt noch, nämlich auf dem G-8-Gipfel in
eiligendamm. Nur wenn es gelingt, die USA, Indien
nd China tatsächlich in Konzepte für den globalen Kli-
aschutz einzubinden, werden wir reale Fortschritte im
ampf gegen den Klimawandel erreichen können.


(Beifall bei der FDP)


Meine Damen und Herren, wir Liberale wollen einen
lobalen Kohlenstoffmarkt in allen Ländern und in al-
en Sektoren. Das ist die Vision, auf die wir hinarbeiten.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9485


(A) )



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Michael Kauch
Herzblut und Betroffenheit reichen in der Klimade-
batte nicht mehr aus. Wir müssen endlich mehr wirt-
schaftlichen Sachverstand in die Debatte bringen. Pro
eingesetzten Euro muss so viel Treibhausgas wie mög-
lich vermieden werden.

Wir sollten die Emissionshandelssysteme, die derzeit
in den USA entstehen, mit unserem europäischen Emis-
sionshandel verbinden.

Ich fordere die Bundesregierung auf, endlich mehr für
Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern zu tun. Die
Vorbehalte vieler Politiker – auch im Umweltausschuss –
gegen sogenannte CDM-Projekte müssen ein Ende ha-
ben.

Auch die vergleichsweise kostengünstige Auffors-
tung, die zur Bindung von CO2 in den Wäldern führt,
muss endlich zu einer Priorität der deutschen Klimapoli-
tik werden.

Ich finde es höchst bedauerlich, dass die Koalition in
diesem Zusammenhang zwar schöne Worte für die
Forstwirtschaft findet, den Antrag der FDP, den deut-
schen Wald für den Klimaschutz zu nutzen, aber ohne
Alternativen ablehnt. Dasselbe geschah gestern im Zu-
sammenhang mit dem internationalen Emissionshandel
im Bereich des Luftverkehrs. So können Sie Politik nicht
gestalten.


(Beifall bei der FDP)


Meine Damen und Herren, wir brauchen eine Innova-
tionsoffensive in Deutschland und auf G-8-Ebene. Wir
müssen erneuerbare Energien vorantreiben. Wir müssen
Energieeffizienz vorantreiben. Wir brauchen aber auch
ökologisch und ökonomisch tragfähige Übergangstech-
nologien.

Deshalb muss die Bundesregierung endlich ein Kon-
zept vorlegen und darf sich nicht darauf beschränken,
hier anzukündigen, wie sie denn beispielsweise die
CO2-Abscheidung für Kohlekraftwerke tatsächlich vo-
ranbringen will.

Auf keine einzige Anfrage der FDP-Fraktion gibt es
hier eine Antwort. Vor dem Hintergrund, dass in China
alle zehn Tage ein Kohlekraftwerk gebaut wird, wäre es
aber fahrlässig, in Deutschland die Entwicklung moder-
ner Technologien zu verschlafen; denn die Kohle, die in
Chinas Erde liegt, wird verbrannt werden. Die Frage ist,
mit welcher Technologie das geschehen wird. Ich
möchte, dass es mit deutscher Technologie geschieht,
damit wir an dieser Stelle zu sauberen Ergebnissen kom-
men.


(Beifall bei der FDP)


Meine Damen und Herren, auch in einem weiteren
Punkt brauchen wir Realismus. Langfristig ist der Aus-
stieg aus der Kernenergie möglich. Mittelfristig scha-
det ein solcher Ausstieg dem Klima. Eine Laufzeitver-
längerung für die Atomkraftwerke wäre deshalb sinnvoll.
Wir brauchen die Kernenergie so lange, wie erneuerbare
Energien oder CO2-freie Kohlekraftwerke eben nicht in
ausreichendem Maße zur Verfügung stehen.

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(C (D (Beifall bei der FDP – Ulrich Kelber [SPD]: Monopolisten weiter stärken! Superidee!)


Meine Damen und Herren, es stellt sich auch immer
ieder die Frage, inwieweit die Bundesregierung eigent-

ich die Ziele, die sie uns hier vorträgt, ernst nimmt.
ehmen wir uns einmal das Thema Emissionshandel
or. Hierzu hat der Minister gesagt: Ja, im Rahmen des
ationalen Allokationsplans I hatten wir zu viele Zertifi-
ate ausgegeben, und deshalb liegt der Preis für diese
etzt im Centbereich. Herr Minister, Sie mögen ja ver-
leichsweise neu im Amt sein, aber es ist doch auch hier
or dem Hintergrund, dass die SPD seit 1998 regiert, zu-
ächst zusammen mit den Grünen, die Frage zu stellen,
er denn dafür verantwortlich ist, dass der Nationale Al-

okationsplan in dieser Art und Weise aufgelegt wurde.
er hat denn zu verantworten, dass der Markt am

chluss zusammengebrochen ist?


(Ulrich Kelber [SPD]: Ihr wolltet doch noch mehr Zertifikate!)


s ist Ihre Partei gewesen, die hierfür die Verantwortung
rägt.


(Beifall bei der FDP – Ulrich Kelber [SPD]: Sie haben behauptet, es wären zu wenige! Eine 180°-Wende!)


Wenn man sich vor Augen führt, was die Bundesre-
ierung mit dem aktuellen Emissionshandelsplan vor-
atte, dann kann man nur sagen: Gut, dass es die Euro-
äische Kommission gibt. Sie hat nämlich verhindert,
ass wir dieses Spiel mit zu vielen Zertifikaten noch ein
eiteres Mal erleben. Nur die Europäische Kommission
at hier eine Veränderung bewirkt, nicht die Bundesre-
ierung.


(Beifall bei der FDP)


Angesichts dessen, dass der Minister es jetzt als gro-
en Erfolg feiert, dass er sich gegen den Wirtschaftsmi-
ister durchgesetzt habe und es keine Sonderbenchmark
ür die Braunkohlekraftwerke gibt, sollte man sich auch
inmal das Kleingedruckte anschauen. Sie haben eine
intertür vorgesehen: Über die Stundenzahl, die für die
raftwerke angerechnet wird, werden den Braunkohle-
raftwerken weiterhin mehr Emissionszertifikate ge-
chenkt als den Steinkohlekraftwerken.


(Ulrich Kelber [SPD]: Schmarrn!)


ie legen uns hier eine Mogelpackung vor. Genauso ist
s eine Mogelpackung, wenn Sie uns einen Plan vorle-
en, nach dem Kohlekraftwerke mehr als die doppelte
nzahl an Zertifikaten als Gaskraftwerke geschenkt be-
ommen. Das hat nichts mit Markt und freiem Handel zu
un, sondern ausschließlich mit Lobbyarbeit, die bei der
PD in dieser Frage ganz besonders erfolgreich war.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Lachen bei Abgeordneten der SPD)


Ich finde es erfreulich, aber auch bemerkenswert,
enn der Minister, der uns in diesem Parlament noch vor
enigen Monaten auf unsere penetranten Nachfragen er-
lärte, eine Versteigerung von 10 Prozent der Zertifi-

9486 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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(B) )


Michael Kauch
kate sei schlecht für die Verbraucher und auch sonst von
Übel, und uns demzufolge auch einen Allokationsplan
vorlegte, in dem wiederum keine Versteigerung vorgese-
hen war, heute aber kurz vor der Debatte in der „Zeit“
verlautbaren lässt: Er hofft auf die Parlamentarier der
Koalition, dass sie jetzt die Versteigerungsmöglichkeit
durchsetzen. Herr Minister, warum können Sie sich denn
nicht im Kabinett durchsetzen, wenn Sie das inzwischen
für richtig halten? Das zeugt doch von einer ziemlich
schwachen politischen Position.


(Beifall bei der FDP)


Der Ball liegt jetzt bei Ihnen, liebe Abgeordnete von der
Koalition. Sie haben es in der Hand. Sie können jetzt
eine Teilversteigerung der Zertifikate beschließen. Ich
hoffe, dass Sie das auch tun werden und dass Sie den Er-
lös für die Senkung der Stromsteuer verwenden und da-
mit nicht, wie es der Minister gerade andeutete, neue
Einnahmen für Herrn Steinbrück generieren.


(Beifall bei Abgeordneten der FDP)


Meine Damen und Herren, wir haben in dieser De-
batte auch noch eine Reihe von Anträgen zu beraten, auf
die ich hier jetzt nur kursorisch eingehen kann. Ich
möchte es aber doch an einer Stelle tun. Am Samstag
startet bundesweit die „Woche der Sonne“. Die FDP hat
schon vor vielen Monaten, also nicht erst zu dieser Ak-
tionswoche, einen Antrag zum solaren Unternehmertum
in Deutschland vorgelegt, den wir heute hier auch debat-
tieren. Damit wollen wir deutlich machen, welche Poten-
ziale für die Solarindustrie in Deutschland bestehen
und in welchen Bereichen wir eine Technologieführer-
schaft besitzen. Wir fokussieren die Förderung, die es
hierfür gibt, seit Jahren auf in Deutschland erzeugten
Strom aus Solarenergie, wohl wissend, dass das Kosten-
Nutzen-Verhältnis bei einem Einsatz in anderen Ländern
viel besser wäre. Deshalb fordern wir, endlich die Aus-
landsmärkte in den Blick zu nehmen. Nur so können wir
die Technologieführerschaft in der Solarenergie behalten
und zugleich noch etwas für den Klimaschutz tun.


(Beifall bei der FDP – Ulrich Kelber [SPD]: Zum Glück lehnen die Solarunternehmen Ihre Vorschläge ab!)


– Die Solarunternehmen wurden in die Erarbeitung die-
ses Antrags einbezogen.

Wenn man sich anschaut, was die Bundesregierung
beispielsweise im Bereich der Exportförderung für diese
Branche unternimmt, dann stellt man fest, dass hier
nichts abgestimmt ist und kein Konzept vorhanden ist. In
der Wüste in Afrika laufen Dieselgeneratoren, während
wir schöne Programme für Deutschland auflegen.


(Ulrich Kelber [SPD]: Seitdem ist die Exportquote gestiegen! Zurück zu den Fakten!)


Das ist keine rationale Umweltpolitik. Wir wollen hier
die Alternative aufzeigen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der FDP – Ulrich Kelber [SPD]: Zurück zu den Fakten!)


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(C (D Nächste Rednerin ist die Kollegin Katherina Reiche ür die CDU/CSU-Fraktion. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)

Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609400300


Katherina Reiche (CDU):
Rede ID: ID1609400400

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

err Kauch, Ihre Rede klang schon fast ein bisschen be-
eidigt.


(Beifall des Abg. Marco Bülow [SPD])


ass die Bundeskanzlerin so vehement für den Klima-
chutz kämpft, national und international, zeugt von
berzeugungskraft und Führungskraft – das Gegenteil
essen, was Sie gerade präsentiert haben.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Marco Bülow [SPD] – Dr. Guido Westerwelle [FDP]: Deshalb wird Herr Kauch nicht Bundeskanzler!)


In der vergangenen Woche fand mit der Hannover-
esse eine der weltweit wichtigsten Technologiemessen

tatt. In diesem Jahr war der Klimaschutz das Thema auf
er Hannover-Messe. Die „Wirtschaftswoche“ schrieb
ierzu: „Industrie entdeckt Klimaschutz für sich“. Die
Financial Times Deutschland“ titelte: „Klimaschutz als
erkaufshilfe“.

Die Hannover-Messe gibt ein gutes Bild über die Dis-
ussion zum Klimawandel. Sie macht vor allem drei
inge deutlich:

Zum Ersten. Der Klimawandel ist eine Herausforde-
ung, der wir uns jetzt stellen müssen. Es drohen welt-
eit erhebliche Veränderungen, nicht nur der Umwelt;

s drohen auch soziale und ökonomische Verwerfungen.
ie meisten Unternehmen haben das längst erkannt.

Zum Zweiten. Das Klimaproblem ist lösbar; denn wir
erfügen über verschiedene Technologien, mit denen der
usstoß von Treibhausgasen deutlich reduziert werden
ann. Durch Forschung und Entwicklung werden diese
echnologien in Bezug auf ihre Wirkung und auf die
osten verbessert.

Zum Dritten ist Klimaschutz ein wichtiger Wirt-
chaftsfaktor. Weltweit wächst der Markt für Klima-
chutztechnologien rasant.

Die Folgen des Klimawandels und die Konsequenzen
ür den Fall, dass nicht gehandelt wird, liegen auf dem
isch – ebenso wie die Chancen für Wachstum und Inno-
ation, die in seiner Bewältigung liegen. Der Stern-Re-
ort, die Klimaberichte der Vereinten Nationen, aber
uch verschiedene wissenschaftliche Studien von natio-
alen Instituten und Unternehmen haben dies immer
ieder eindrucksvoll dargestellt.

Der Klimawandel ist also eine globale Aufgabe. Des-
alb brauchen wir auch eine globale Lösung. Deutsch-
and und die Europäische Union werden den Klimawan-
el nicht allein bewältigen können. Wir haben einen
nteil von 15 Prozent an den weltweiten CO2-Emisso-

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9487


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Katherina Reiche (Potsdam)

nen. Dennoch müssen wir eine Vorreiterrolle überneh-
men, wenn es um Klimaschutz geht; denn uns kommt
eine Schlüsselrolle im Klimaschutz zu.

Viele Länder, vor allem die Entwicklungsländer und
die Schwellenländer, schauen auf uns. Sie achten genau
darauf, was wir im Klimaschutz tun, wo wir investieren
und welche Erfolge wir damit erreichen. Deshalb be-
grüße ich es ausdrücklich, dass die Staats- und Regie-
rungschefs auf ihrem Gipfel im März unter der Präsident-
schaft von Angela Merkel die Vorreiterrolle Europas
im Klimaschutz gestärkt haben. Durch die Festlegung
verbindlicher Klimaziele – dreimal 20; der Umweltmi-
nister hat sie bereits genannt – haben wir in Europa deut-
lich gemacht, dass wir im Klimaschutz weiter voran-
schreiten werden.

Ein Blick in die Vereinigten Staaten zeigt, dass wir
uns durchaus auf einem guten Weg befinden. Dort drän-
gen Unternehmen wie General Electric oder auch
DuPont die Regierung dazu, verbindliche Vorgaben für
den Klimaschutz festzulegen. Das zeigt, wie wichtig der
Klimaschutz für Innovationsfähigkeit und Wettbewerbs-
fähigkeit auch der dortigen Unternehmen ist.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Auch bei den politischen Entscheidungsträgern in den
USA setzt sich das Bewusstsein für den Klimaschutz im-
mer mehr durch. Am vergangenen Wochenende hat der
Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg, ei-
nen sehr ambitionierten Umweltplan vorgelegt.

Vom G-8-Gipfel, bei dem der Klimaschutz ganz oben
auf der Agenda steht, muss ein wichtiges Signal für die
Klimakonferenz der Vereinten Nationen in diesem Jahr
in Indonesien ausgehen. Dort müssen dringend die Wei-
chen für ein Kiotonachfolgeabkommen gestellt werden.
Wenn die führenden Industrieländer der Welt zeigen,
dass es ihnen mit dem Klimaschutz ernst ist, werden
auch die Entwicklungs- und Schwellenländer folgen.

Herr Kauch, offenbar haben Sie das Gesetz nicht rich-
tig gelesen. CDM und JI werden einen Anteil von
20 Prozent erreichen. Das Projekt-Mechanismen-Gesetz
wurde verbessert, indem Bürokratielasten gesenkt wur-
den, um es Unternehmen einfacher zu machen, hier zu
investieren.

Mit den Klimaschutzzielen der Europäischen Union
ist nun der Rahmen gesetzt, und wir müssen diesen aus-
füllen. Wir haben eine Leitfunktion übernommen, auch
innerhalb Europas. Wir haben wichtige politische und
technologische Impulse gesetzt; deutsche Unternehmen
sind führend in der Klimatechnologie.

Der Bundestag hat bereits im November des vergan-
genen Jahres beschlossen, diese Vorreiterrolle auch in
Zukunft einzunehmen. Die Treibhausgasemissionen sol-
len bis zum Jahr 2020 um 30 Prozent gesenkt werden.
Sollte sich die Europäische Union auf 30 Prozent festle-
gen, will Deutschland sogar noch mehr leisten.

Eines der wichtigsten Instrumente hierbei ist natürlich
der CO2-Handel. In den kommenden Wochen werden
wir in Deutschland mit dem Entwurf eines Zuteilungs-

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(C (D esetzes in die parlamentarischen Beratungen gehen. ie Bundesregierung hat hierzu einen Gesetzentwurf orgelegt. Aus Sicht der Unionsfraktion gibt es in zwei unkten Diskussionsbedarf. Erstens: die Mitnahmeeffekte bei den Stromversorern durch die kostenlose Zuteilung der Zertifikate, die ogenannten Windfall-Profits. Die Europäische Union ibt uns die Möglichkeit, 10 Prozent zu versteigern, um iese Windfall-Profits teilweise abzuschöpfen. Ich eine, wir sollten von dieser Möglichkeit Gebrauch ma hen; denn eine Versteigerung entspricht den marktwirtchaftlichen Prinzipien, die dem Emissionshandel zurunde liegen. Zweitens. Es geht um die Ausstattung moderner und ffizienter Braunkohlekraftwerke mit CO2-Zertifikaten. eder Energieträger in diesem Land – das ist klar – muss einen Beitrag dazu leisten, dass wir uns dem Klimaandel stellen können. Genauso richtig ist aber, dass un er Energiemix eine sehr breite Grundlage hat. Dazu geört auch die Braunkohle. Deshalb ist es wichtig, dass ie Chance fortbesteht, Braunkohle zu fördern. Neben dem Emissionshandel müssen wir weitere Maßahmen ergreifen, die alle Politikbereiche umfassen. Wir önnen dabei auf die Unterstützung der Menschen zählen. 0 Prozent der Deutschen – das zeigen Umfragen – sehen en Klimaschutz als eine wichtige Aufgabe. 58 Prozent er Deutschen sind der Meinung, dass die Bundesregieung hier noch mehr tun muss. Für uns als Unionsfraktion sind Energiesparen, Enerieeffizienz und der Ausbau erneuerbarer Energien zenrale Säulen einer Klimaschutzstrategie. Dazu haben wir m Dienstag in unserer Bundestagsfraktion ein sehr amitioniertes Positionspapier verabschiedet. Durch Eneriesparen und eine Verbesserung der Energieeffizienz önnte Deutschland die Treibhausgasemissionen deutlich eduzieren. Schon heute könnten hier jährlich 40 Milliaren Kilowattstunden Strom eingespart werden. Das entpricht dem Verbrauch von ganz Hessen. Deshalb schlaen wir vor, eine Effizienzinitiative Deutschland zu tarten, um die Energieeinsparpotenziale in der Industrie, n den privaten Haushalten, in öffentlichen Gebäuden und uch bei Elektrogeräten zügig zu erschließen. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wir wollen hier drei Schwerpunkte setzen:

Erstens. Wir wollen das erfolgreiche CO2-Gebäudesa-
ierungsprogramm über 2009 hinaus fortführen und wei-
erentwickeln, um den Gebäudebestand in Deutschland
u modernisieren. Das hilft dem Klima und dem Geld-
eutel der Mieter.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Zweitens. Wir wollen die Effizienzanforderungen für
eubauten und für größere Sanierungsvorhaben verbes-

ern. Das muss sich am aktuellen Stand der Technik
rientieren.

9488 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Katherina Reiche (Potsdam)

Drittens: Wir wollen die Kennzeichnung von Haus-
haltsgeräten verbessern. Wenn im Regal zwei Wasserko-
cher nebeneinanderstehen und der Verbraucher sieht,
welcher weniger Strom verbraucht, dann bedarf es kei-
ner umfangreichen Gesetze, um jemanden davon zu
überzeugen, dass es besser ist, den energiesparenden zu
nehmen.

Wir wollen nicht nur die Energieeffizienz verbessern,
darüber hinaus wollen wir den Anteil der erneuerbaren
Energien deutlich erhöhen. Wir streben an, den Anteil
der erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch
bis zum Jahr 2020 auf 16 bis 20 Prozent zu erhöhen.

Um diese Ziele zu erreichen, muss das Erneuerbare-
Energien-Gesetz wirtschaftlicher gestaltet werden. Die
Innovationsanreize sind zu verbessern. Deswegen plä-
diere ich dafür, das Gesetz noch in diesem Jahr zu novel-
lieren.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Wir müssen darauf setzen, alte Anlagen durch neue zu
ersetzen, durch die Kraftwerke der zweiten Generation,
aber auch durch die Kombination verschiedener Ener-
gieträger wie Biomasse und Wind, um so Synergiepoten-
ziale zu erschließen.

Sigmar Gabriel sprach den Bereich der regenerativen
Wärme an. Den Anteil der erneuerbaren Energien an
der Wärme- und Kältebereitstellung müssen wir deutlich
erhöhen. Hierzu wollen wir das Marktanreizprogramm
verstetigen und über das Jahr 2009 hinaus fortführen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Wir haben hier ein sehr erfolgreiches Instrument: Für
jeden von uns ausgegebenen Fördereuro können wir
10 Euro an Investitionen einwerben. Darauf sollten wir
aufbauen. Für Neubauten, bei umfassenden Sanierungs-
maßnahmen, aber auch beim Ersatz von Heizungsanla-
gen sollten wir die Einführung einer Nutzungspflicht
prüfen. Das Land Baden-Württemberg hat hierzu Vor-
schläge entwickelt.

Eine wichtige Rolle, insbesondere bei der Erzeugung
von Wärme aus regenerativen Energien, spielt die Bio-
masse. Hier wollen wir mehr erreichen, und hier stehen
wir gleichzeitig vor großen Herausforderungen; denn die
Pflanzen, die wir brauchen, um bei der Wärmegewin-
nung aus Biomasse voranzukommen, werden anders,
leistungsfähiger als die Pflanzen sein müssen, die wir
jetzt haben. Vor allem sind die Pflanzen dem Klimawan-
del ausgesetzt, den wir gerade erleben. Vor einigen Ta-
gen hat der Deutsche Wetterdienst darauf hingewiesen,
dass Deutschland stärker von Hitzewellen und Unwetter
betroffen sein wird. Wir erleben gerade in Brandenburg
eine Trockenperiode. Eine große deutsche Zeitung bringt
heute auf ihrer Titelseite ein Bild, das zeigt, dass die
Elbe schon jetzt fast trocken ist. Die Pflanzen der Zu-
kunft werden sich den klimatischen Bedingungen anpas-
sen müssen. Sie werden anders sein. Deshalb können wir
auf die grüne Bio- und Gentechnologie nicht verzichten.
Wir müssen vorankommen und Blockaden beseitigen,

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(C (D ie die Entwicklung dieser wichtigen Technologie beindern. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Wir haben uns darüber hinaus zum Ziel gesetzt, dass
ir in Deutschland bis zum Jahr 2020 den effizientesten
raftwerkspark der Welt haben. Dazu bedarf es des Aus-
aus der Kraft-Wärme-Kopplung sowie des Neubaus
oderner, klimafreundlicher Kraftwerke. Wir sind der
berzeugung, dass in einem solchen Energiemix auch

uf den Beitrag der Kernenergie nicht verzichtet wer-
en kann. Es ist darauf hingewiesen worden, dass es
ierzu in der Koalition unterschiedliche Auffassungen
ibt. Aber eine CO2-Reduktion von bis zu 30 Prozent ist
hne den Einsatz von Kernenergie schlichtweg nicht
arstellbar.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Ein letzter Punkt zur Forschung. Die Bundesregie-
ung wird 255 Millionen Euro in die Klimaforschung in-
estieren. Darüber hinaus werden die Mittel für die
nergieforschung deutlich angehoben. Als Beispiele
eien die Abtrennung und Speicherung von CO2 in Koh-
ekraftwerken, wo wir uns tatsächlich noch im For-
chungsstadium befinden, aber auch die Weiterentwick-
ung der Brennstoffzelle oder die Fusionsforschung
enannt. Hier muss es weitergehen.

In den kommenden Monaten wird es darauf ankom-
en, die Ziele im Klimaschutz in konkrete Maßnahmen

nd Initiativen umzusetzen. Dabei werden wir neue
ege einschlagen müssen. Der frühere Bundesumwelt-
inister Töpfer hat vor kurzem in einem Interview ge-

agt: „Gewinner gibt es beim Klimawandel nicht, son-
ern nur Verlierer.“ Wir müssen dies als Aufforderung
egreifen, zu handeln, hier und jetzt.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609400500

Nächster Redner ist der Vorsitzende der Fraktion

ie Linke, Gregor Gysi.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609400600

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und

erren! Spät, aber immerhin: Die Menschheit wacht auf.
eltweit wird über die Klimakatastrophe bzw. die mög-

iche Klimakatastrophe diskutiert. Die Diskussion hat
elbst die USA erreicht. Das klingt zuerst einmal, zumin-
est vom Zeitgeist her, nach einem Fortschritt. Wenn
an sich aber den CO2-Ausstoß ansieht, der uns so be-

chäftigt, dann muss man zu Beginn erst einmal eine
rundsätzliche Feststellung machen: Diese ganze Kata-
trophe liegt nicht an den Entwicklungsländern, sondern
usschließlich an den Industriegesellschaften.


(Beifall bei der LINKEN)


enn pro Einwohner werden in einem Entwicklungsland
m Durchschnitt etwa 2 Tonnen CO2 im Jahr ausgesto-

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9489


(A) )



(B) )


Dr. Gregor Gysi
ßen, in den USA sind es pro Einwohner im Jahr
20 Tonnen, und in Deutschland sind es pro Einwohner
im Jahr 10 Tonnen. Damit liegt Deutschland – auch das
muss man sagen – immer noch über dem Durchschnitt in
Europa. Allerdings ist es wahr, dass es von 1990 bis
1993 eine ungeheure Senkung des CO2-Ausstoßes gab.
Das lag aber ausschließlich an der Deindustrialisierung
des Ostens. Es soll mir keiner heute erklären, dass das
aus ökologischen Gründen geschah. Ich glaube, das ge-
schah aus reinen Profitgründen und hatte mit Unterneh-
men in den alten Bundesländern zu tun, zumindest zum
Teil.


(Beifall bei der LINKEN)


Aber jetzt steigt der CO2-Ausstoß wieder an. Das
sollte uns nachdenklich machen. Oft wird gesagt – auch
der Kollege von der FDP hat es getan –: Das gefährde
die Erde bzw. das zerstöre die Natur. – Ich glaube, beides
ist falsch. Frankreich hat weltweit einige Inselchen. Die
nutzt Frankreich, um unter Wasser Atomwaffenversu-
che durchzuführen, wie bekannt ist. Ich habe einen Do-
kumentarfilm gesehen, den ich sehr interessant fand. Da
wurde gezeigt, dass Dokumentarfilmer zu solchen Inseln
gereist und mit entsprechenden Anzügen bekleidet unter
Wasser gegangen sind, um zu prüfen, ob es da noch
Pflanzen und Tiere gibt. Sie selber konnten aus ihren
Anzügen nicht heraus; denn dann wären sie sofort tot ge-
wesen. Interessant ist, dass es all die Tiere und Pflanzen,
die es früher dort einmal gab, nicht mehr gibt. Aber es
gibt dort massenhaft Pflanzen und Tiere, die kontami-
niert sind. Das macht ihnen bloß nichts aus. Was kommt
dabei heraus? Wir können die Natur nicht wirklich zer-
stören, genauso wenig die Erde. Aber unsere Lebens-
grundlage können wir zerstören. Dann wird es die Men-
schen auf der Erde nicht mehr geben. Das ist der
entscheidende Punkt.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Allen voran leisten die Industriegesellschaften, vor al-
lem die USA, ihren Beitrag dazu.

Was bedeutet eigentlich Erderwärmung? Erderwär-
mung bedeutet, dass wir ein Drittel weniger Nieder-
schläge hätten, wenn es so weiterginge. Erderwärmung
bedeutet, dass der Meeresspiegel enorm steigt. Man
müsste Mauern bauen, um zu verhindern, dass alles
überschwemmt wird. Ich glaube, niemand hat das Geld
und die Kraft, Indien und Bangladesch solche Schutz-
maßnahmen zu bezahlen.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen!)


– Erzählen Sie doch nicht einen solchen Unsinn! Dieses
Thema ist nicht zum Witze machen geeignet. Sie können
Indien und Bangladesch auf diese Art und Weise nicht
retten. Sie bezahlen es erst recht nicht.

Klimaerwärmung bedeutet, dass das Trinkwasser
knapper wird und dass Landwirtschaft zum Teil unmög-
lich wird. Es wird dann einen Kampf um Wasser und um
fossile Energierohstoffe wie Erdöl geben. Die heutigen

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(C (D riege im Irak und in Afghanistan haben schon sehr viel it dem Kampf um fossile Energierohstoffe zu tun. Das st das Problem. brigens, Frau Künast, weil Sie gelegentlich für Kriege ind: Dort fliegen besonders viele Flugzeuge mit hohem O2-Ausstoß. (Fritz Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Gregor, der billige Jakob!)


(Beifall bei der LINKEN)


avon abgesehen gibt es im Tschad und in Nigeria auch
nnere Auseinandersetzungen wegen des Erdöls. Das
eißt, der Kampf der Menschen um diese Rohstoffe wird
unehmen. Das ist gar nicht gut.

Wie kann man das verhindern? Welchen anderen An-
atz braucht man? Wir brauchen wieder ein Primat der
olitik über die Wirtschaft. Der Neoliberalismus spricht
enau dagegen. Mit dem Primat der Politik über die
irtschaft hat die FDP Schwierigkeiten, genauso wie

ie Union, die Grünen und die SPD. Das ist das Pro-
lem. Wir müssen darum kämpfen, dass die Politik wie-
er entscheidet. Sonst können wir ökologische Belange
icht durchsetzen, erst recht nicht gegen Profitinteressen
n der Wirtschaft.


(Beifall bei der LINKEN)


Es gibt übrigens ein schönes Zitat von Professor
lrich Beck aus der „taz“ vom 3. April 2007:

In seinem Aufsehen erregenden Klimareport
bezeichnet der ehemalige Weltbank-Ökonom
Nicholas Stern die globale Klimaveränderung als
das größte Marktversagen in der Geschichte. Wenn
wir weiter auf die Mechanismen des Marktes ver-
trauen, werden wir die Klimakrise nicht lösen

Auch die Grünen müssen ihr marktwirtschaftliches
Kleindenken überprüfen


ir scheint da etwas dran zu sein. Wenn wir über den
apitalismus nicht hinausdenken, werden wir die Fragen
ach der Verhinderung einer Klimakatastrophe nicht lö-
en können.


(Beifall bei der LINKEN)


Nun gibt es viele Ansätze. Wir sind uns einig: Wir
rauchen die Förderung der erneuerbaren Energien. Hier
st in Deutschland einiges geleistet worden. Wir brau-
hen des Weiteren Energieeinsparungen; darüber hat der
inister schon gesprochen. Wir müssen aber auch über

en Verkehr neu nachdenken. Ich nenne Ihnen ein Bei-
piel: Sie haben die Bahn privatisiert. Das ist wieder
ine Maßnahme, die dazu dient, das Primat der Politik zu
erhindern. Nun muss sich die Bahn rechnen. Deshalb
aben wir das Problem, dass die Gütertransporte mit der
ahn teurer sind als auf der Straße und dass der CO2-
usstoß viel höher ist, weil ständig Lkws fahren und
eil wir die Bahn diesbezüglich nicht attraktiv machen
önnen; das ist das Problem. Wir waren gegen die Priva-
sierung der Bahn, damit wir – auch hier im Bundestag –
ie Hoheit über solche Fragen behalten.

9490 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Dr. Gregor Gysi

(Beifall bei der LINKEN – Jörg van Essen [FDP]: Das ist doch eine abstruse Argumentation!)


Dann wird über Autos, Flüge und Tourismus geredet.
Die Grünen neigen dazu, diese Fragen durch soziale
Ausgrenzung zu lösen. Ich erinnere Sie an Ihren Be-
schluss, 5 DM pro Liter Benzin zu verlangen. Was hätte
das denn bedeutet? Das hätte bedeutet, dass Besserver-
diener wie wir weiterhin hätten Auto fahren können,
während wir die Normalbürgerinnen und Normalbürger
sowie die ärmeren Schichten von der Straße verdrängt
hätten. Ähnlich denken Sie, wenn es um Flüge und Tou-
rismus geht. Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in
der nur die obersten Zehntausend in den Genuss des
Tourismus kommen können. Diese Art der Ökologie leh-
nen wir ab.


(Beifall bei der LINKEN)

Wir wollen in sozialer Gerechtigkeit ökologische Struk-
turen schaffen. Das heißt – darin stimmen wir überein –,
dass wir andere Techniken fördern müssen. Das gilt
beim Flugzeug genauso wie beim Auto und bei anderen
Verkehrsmitteln.

Lassen Sie mich noch etwas zu Ihrem Emissionshan-
del, zu den Zertifikaten sagen. Das ist schon ein starkes
Stück.


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609400700

Sie wissen, Herr Kollege, dass Sie sich ein bisschen

beeilen müssen.


Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609400800

Ich will das deshalb an dieser Stelle erwähnen: In al-

len Ländern werden Zertifikate versteigert.

(Dr. Uwe Küster [SPD]: Sie nehmen Ihrer Kollegin nur Redezeit weg!)

In Deutschland haben SPD und Grüne den Konzernen
die Zertifikate kostenlos übergeben, als Geschenk. Dann
bekamen die Zertifikate einen Wert, und die Konzerne
haben diesen Wert genutzt, indem sie ihn auf den Ener-
giepreis aufgeschlagen haben. Sie haben also kostenlos
einen Riesengewinn gemacht.

Die Regierung hat darüber hinaus Zertifikate mit ei-
nem Volumen ausgegeben, das 7 Prozent über dem CO2-
Ausstoß in Deutschland lag. Im Ergebnis ist der Wert der
Zertifikate enorm gefallen. Vor allem aber musste nie-
mand Zertifikate zukaufen. Null ökologische Wirkung
ist dadurch eingetreten.


(Beifall bei der LINKEN)

Herr Bundesminister Gabriel, Sie haben einen Vor-

schlag gemacht, wie es in einer Wohnung wärmer wer-
den kann, wie man am effizientesten lüftet. Sie haben
recht: Wenn man näher zusammenrückt, wird es wärmer.

Das Entscheidende ist, dass wir die Umstellung brau-
chen. Diese Frage ist unter friedenspolitischen, entwick-
lungspolitischen und sozialen Gesichtspunkten so we-
sentlich, dass daraus eine Menschheitsfrage geworden
ist.

Danke schön.

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(C (D Ich erteile das Wort dem Kollegen Ulrich Kelber, PD-Fraktion. Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her en! Wir sprechen heute wahrlich nicht zum ersten Mal ber das Thema Klimaschutz im Deutschen Bundestag. llerdings ist Sigmar Gabriel der erste Bundesumweltinister, der einen konkreten Maßnahmenplan vor tellt, wie Deutschland 40 Prozent der Treibhausgasmissionen einsparen kann. (Jörg van Essen [FDP]: Wann denn? – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo denn?)


(Beifall bei der LINKEN)

Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609400900

(Beifall bei der SPD)

Ulrich Kelber (SPD):
Rede ID: ID1609401000

Ab heute kann sich in Deutschland niemand mehr in
inen Wettbewerb um die besten Lippenbekenntnisse
um Klimaschutz flüchten, sondern es hat ein Ideen- und
msetzungswettbewerb um konkrete Klimaschutzin-

trumente begonnen. Wer eines dieser Instrumente ab-
ehnt, muss einen Vorschlag machen, wie er die gleiche

enge an Einsparungen auf eine andere Art und Weise
insparen kann.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Das ist eine neue Qualität der Diskussionen über den
limaschutz. Das ist gut für den Klimaschutz in
eutschland und der Europäischen Union. Ich erinnere

n eines: Die Vorgänger im Amt des Bundesinnenminis-
ers haben solche konkreten Klimaschutzmaßnahmen
icht vorgelegt.


(Beifall des Abg. Dr. Christian Ruck [CDU/ CSU])


as gilt für die Zeit der Regierung Kohl, wo es immer
as Ziel gab, 25 Prozent der CO2-Emissionen einzuspa-
en. Das ist uns zwar ritualisiert jedes Jahr vorgestellt
orden, aber es hat nie ein Maßnahmenpaket dafür ge-
eben.

Zum letzten Umweltminister, dem Grünen, Jürgen
rittin.


(Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich wusste, dass der Zwischenruf, das sei alles nur die
PD in Rot-Grün gewesen, kommt. Der Deutsche Bun-
estag hat Jürgen Trittin mit den Stimmen von Rot-Grün
en Auftrag erteilt, ein konkretes Klimaschutzprogramm
ur Einsparung von 40 Prozent der CO2-Emissionen vor-
ustellen. Er hat noch nicht einmal ein Eckpunktepapier
n die Ressortabstimmung gegeben. Er hat sich gewei-
ert, ein konkretes Klimaschutzprogramm vorzulegen.
as ist der entscheidende Unterschied zwischen diesem

hemaligen Minister und Sigmar Gabriel. Ich erwähne
as hier, damit die grüne Kritik an dem Bundesumwelt-
inister von allen in diesem Land auf ihre Ehrlichkeit

berprüft werden kann.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9491


(A) )



(B) )


Ulrich Kelber

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das werden wir gleich machen!)


Das klare Signal ist: Es geht mit dem Klimaschutz in
Deutschland nicht nur weiter, sondern er gewinnt an
Konsequenz und Geschwindigkeit.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was? Rückwärts!)


Es ist äußerst klug, mit dem Klimaschutz nicht auf die
langsamsten Staaten dieser Welt zu warten. Es ist klug,
vorausschauend, fair und solidarisch, Vorreiter zu sein.

Es ist klug, weil wir, wenn wir mit dem Klimaschutz
anfangen, auch als Erste die für den Klimaschutz not-
wendigen Technologien liefern können. Dass allein im
Bereich der erneuerbarer Energien jetzt schon über
200 000 Menschen arbeiten, ist an dieser Stelle schon er-
wähnt worden.

Es ist vorausschauend, weil ein ungebremster Klima-
wandel die Lebensqualität und den wirtschaftlichen
Wohlstand überall auf dieser Erde bedrohen würde. Wir
müssen für den Klimaschutz sehr viel weniger in die
Hand nehmen als für die Reparatur von Schäden, die
durch einen ungebremsten Klimawandel verursacht wür-
den; von der Vermeidung von Konflikten – Stichworte:
Ressourcenknappheit und Umweltflüchtlinge – ganz zu
schweigen.

Es ist fair, weil wir der nächsten Generation nicht
noch eine zusätzliche Last aufbürden dürfen. Was ant-
worten wir denn, wenn unsere Kinder und Enkel fragen:
„Ihr hattet doch die Technologien zur Vermeidung der
Treibhausgasemissionen. Warum habt ihr sie nicht kon-
sequent eingesetzt?“ Ich glaube, wir sind uns einig, dass
die Antwort: „Bequemlichkeit!“, eine verdammt
schlechte Antwort auf diese Frage wäre.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Es ist zuletzt solidarisch, weil der Klimawandel vor
allem die Ärmsten treffen wird, die ärmsten Staaten und
die Ärmeren in einer Gesellschaft.

Ja, es stimmt: Ein US-Amerikaner hat eine doppelt so
schlechte Klimabilanz wie ein Deutscher. Aber ein Deut-
scher ist für viermal so viel Treibhausgasausstoß verant-
wortlich wie ein Chinese, für zehnmal so viel wie ein In-
der. Die 80 Millionen Deutschen emittieren so viel
Treibhausgas wie bald 1 Milliarde Afrikaner zusammen.
Das ist die Quelle, aus der unsere Verantwortung resul-
tiert, im Klimaschutz als Vorreiter voranzugehen.

Klimaschutz ist dabei keine Last, keine Gefährdung
unserer Wirtschaft. Im Gegenteil, er bietet die riesige
Chance zur Modernisierung unserer Industriegesell-
schaft, für neue Arbeitsplätze und innovative Technolo-
gien. Wir wollen in Produkte und in Köpfe investieren
anstatt in Brennstoffe. Wir wollen das Land sein, das die
Technologien für den Klimaschutz in die ganze Welt lie-
fert und damit Lebensqualität und Wohlstand aller Men-
schen verbessert.


(Beifall bei der SPD)


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(C (D Dazu gehört aber eine Sache: Wir müssen aufhören, alsche Schutzzäune um unsere eigene Industrie zu erichten. (Beifall der Abg. Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


as hat es denn gebracht, die deutschen Automobil-
auer vor notwendigen Umweltauflagen zu bewahren?
ar nichts.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Warum habt ihr es dann gemacht?)


nsere Automobilindustrie ist dadurch technologisch
ogar zurückgefallen: beim Katalysator, beim Rußparti-
elfilter, beim Hybridantrieb, und vermutlich werden
ir im nächsten Jahr erleben, wie französische, italieni-

che und japanische Hersteller in unserem Land Fle-
ible-Fuel-Autos verkaufen, während unsere Konzerne
ie nur im Ausland anbieten und in Deutschland behaup-
en, dass man so etwas nicht herstellen könne. Das hat

an davon, wenn man Schutzzäune einzieht. Nein, wir
ollen Vorreiter sein, wir wollen die neuen Technolo-
ien zuerst anbieten. Das ist eine Antwort auf Klima-
chutz und Globalisierung gleichermaßen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Gott sei Dank haben wir eines erreicht: Die Klima-
chutzziele der Parteien im Deutschen Bundestag haben
ich in den letzten Monaten, zumindest auf dem Papier,
ngenähert. Man konnte ja fast im Wochenrhythmus be-
bachten, dass, wenn jemand einen konkreten Vorschlag
emacht hat, welchen Anteil die erneuerbaren Energien
n der Stromerzeugung im Jahr 2020 haben sollen, sich
mmer ein Nächster gefunden hat, der 5 Prozentpunkte
raufgeschlagen hat. So kletterte dieser Anteil von 25,
0, 35 auf 40 Prozent. Ich habe darauf gewartet, dass ir-
endwann noch einer 45 Prozent bietet. Aber anschei-
end hat der 40-Prozent-Vorschlag den Zuschlag bekom-
en. Ich glaube, dass wir jetzt einen Schritt weiter gehen
üssen: Wir müssen von dem Wettkampf um die Ziele

azu übergehen, tatsächlich Beschlüsse zu fassen. Wir
üssen die notwendigen Klimaschutzinstrumente

echtzeitig beschließen,


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo leben Sie eigentlich?)


m die Klimaschutzziele im Jahr 2020 auch zu errei-
hen.

Wir haben in den letzten Wochen und Monaten und in
en anderthalb Jahren seit Gründung dieser Koalition zu
iner Reihe von Instrumenten konkrete Vorschläge ge-
acht, Eckpunkte und Gesetzentwürfe vorgelegt. Ich

enne dafür drei Beispiele: ein Fördergesetz für die Kraft-
ärme-Kopplung, ein Erneuerbare-Energien-Wärme-
esetz und ein Toprunner-Programm in der Energieeffi-

ienz.

Es ist doch nichts sinnvoller, als Öl, Gas und Kohle
urch Kraft-Wärme-Kopplung doppelt zu nutzen, anstatt

9492 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Ulrich Kelber
die Wärme einfach an die Atmosphäre abzugeben. Wer
einmal erlebt hat, wie wunderbar es ist, mit erneuerbaren
Energien den Wärmebedarf zu decken, der kann sich gar
nicht mehr vorstellen, wie es vorher war. Zur letzten
Idee: Wir müssen unsere Ingenieure darauf ansetzen, in
einem dynamischen Wettlauf die Energieeffizienz von
Produkten zu verbessern.

Das wären drei Ansätze. Ich hoffe, dass auch unser
Koalitionspartner nach Abschluss seiner internen Debat-
ten bereit ist, mit uns diese Instrumente kurzfristig zu be-
schließen. Schließlich muss man ins Gelingen verliebt
sein und nicht ins Scheitern. Das gilt vor allem für den
Klimaschutz.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609401100

Nachdem nun endlich passend zum Girls’ Day die

ersten Anregungen kommen, in was man alles verliebt
sein könnte, erhält nun die Kollegin Renate Künast für
die Fraktion Die Grünen das Wort.


Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609401200

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Sehr ge-

ehrter Herr Kelber, ich weiß ja nicht, in welcher Koali-
tion Sie sich bewegen. Ich weiß natürlich, dass es, wenn
man selber als Person keine Funktion innehatte – das gilt
für Sie und das gilt für Herrn Gabriel –, immer beson-
ders schön ist, zu fragen: Was hat denn die Vorgänger-
regierung gemacht? – Aber ich sage Ihnen eines ganz
klar: Wir Grünen treten mit jedem in der ganzen Repub-
lik gerne in einen Wettbewerb ein, was man hätte noch
besser machen können – aber nicht mit Ihnen von der
SPD. Denn wir wären in diesem Land bedeutend weiter,
wenn Ihr Autokanzler, wenn Ihre Wirtschaftsminister
unsere Vorschläge nicht für putzig gehalten und uns
nicht ständig blockiert hätten.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Deshalb ist das, was Sie hier sagen, Geschichtsklitte-
rung.


(Ulrich Kelber [SPD]: Herr Trittin hat nicht einmal einen Plan vorgelegt!)


– Ja, schön, Sie hätten den Vorgängerumweltminister
vielleicht gerne mit einem Plan beschäftigt, um ihn und
andere davon abzuhalten, zum Beispiel ein Erneuerbare-
Energien-Gesetz durchzusetzen.


(Ulrich Kelber [SPD]: Das hat das Parlament beschlossen!)


Sie hätten lieber die Macht der Konzerne mit Ihrem Per-
sonal, das Sie von hier dorthin transportieren, bewahrt.


(Ulrich Kelber [SPD]: Nein!)


Das ist die Wahrheit der SPD.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Ulrich Kelber [SPD]: Das Erneuerbare-Ener – d s d b S s a B D s – w – – a n r n A s K h H e n R n S D (C (D gien-Gesetz ist vom Parlament eingebracht worden! Nicht vom Minister!)


Ja, das ist vom Parlament eingebracht worden, aber
eshalb, weil diese SPD mit ihren Wirtschaftsministern
ozusagen selbst die Handbremse in Ketten gelegt hat,
amit sie keiner losmachen kann.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Peter Ramsauer [CDU/CSU]: Das ist Ihr früherer Koalitionspartner!)


Ich war dabei, Herr Kelber. Ich habe in Neuharden-
erg gesehen, wie sich Ihre Minister schmunzelnd in die
essel legten, wenn man sagte: Wir brauchen Biokraft-
toffe. Sie fragten nur: Was soll das denn sein? Wäre das
nders gewesen, wäre dieses Land heute weiter.


(Ulrich Kelber [SPD]: Ja, ja!)


Ich kann Ihnen nur eine Hausaufgabe geben:


(Dr. Peter Ramsauer [CDU/CSU]: Sie sind doch keine Lehrerin! Sie tun nur so!)


efreien Sie sich endlich von Ihrer alten Industriepolitik.
ann kriegen Sie in der SPD vielleicht wieder eine Ba-

is; sie fehlt Ihnen ja.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Ulrich Kelber [SPD]: Es ist interessant, wie Sie einen Auftrag des Bundestages kleinreden! Ein bisschen mehr Respekt vor dem Parlament!)


Ich bin eine frei gewählte Abgeordnete, Herr Kelber,
ie auch Sie ein frei gewählter Abgeordneter sind.


(Ulrich Kelber [SPD]: Sie haben den Auftrag mit beschlossen!)


Sie können ihn ja jetzt umsetzen, Herr Kelber.


(Ulrich Kelber [SPD]: Ja! Das ist heute vorgestellt worden!)


Ich sage Ihnen eines: Der Trick ist vielleicht ganz gut,
ber das, was heute vorgestellt wurde, ist es noch lange
icht, Herr Kelber. Wenn Sie sagen, dass Sie eine Füh-
ungsrolle in dieser Republik oder sogar weltweit über-
ehmen wollen, dann müssen Sie auch Führung zeigen.
ber die Regierung hat sich, obwohl sie immer sehr

chöne Zahlen genannt hat, am Ende sogar noch von der
ommission treiben lassen müssen. Nur so konnte über-
aupt etwas bewegt werden. Ich habe noch im Ohr, dass
err Beck zur Bundeskanzlerin sagte: Dann klagen wir

ben gegen die Brüsseler Vorschläge. – Ist Ihnen das
icht peinlich, Herr Kelber?


(Ulrich Kelber [SPD]: Und? Was ist gemacht worden?)


aubt Ihnen das nicht nachts den Schlaf?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)


Wir werden auf diesem Gebiet sogar von Großbritan-
ien überholt. Selbst China bewegt sich. Arnold
chwarzenegger schickt mittlerweile Leute nach
eutschland, um von uns zu lernen, wie man den Emis-

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9493


(A) )



(B) )


Renate Künast
sionshandel nicht betreiben sollte, Herr Kelber. Wir
könnten wirklich weiter sein. Selbst die Mitglieder des
zuständigen Ausschusses des Repräsentantenhauses rei-
sen nach Deutschland, um von uns zu lernen, wie man
den Emissionshandel nicht organisieren sollte. Die Neu-
englandstaaten, zehn Bundesstaaten der USA, werden ab
Januar 2009 einen Emissionshandel durchführen. Die
Emissionsrechte werden zu 100 Prozent versteigert.

Vor diesem Hintergrund loben Sie eine Bundesregie-
rung, deren Umweltminister sich hier hinstellt und sagt:
Wir waren zu feige und haben uns – in den Worten Karl
Valentins – nicht dürfen getraut; wir bitten das Parla-
ment, die 10-Prozent-Versteigerung in die Hand zu neh-
men. Ich sage Ihnen: Dabei werden wir Ihnen gerne hel-
fen, der Regierung und auch Ihnen, Herr Kelber.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Es kann doch wohl nicht sein, dass Sie das Parlament
noch bitten müssen, wenn es um die Versteigerung geht.

Darüber hinaus wurde von Ihnen gesagt, Klimaschutz
würde nicht wehtun. Was ist das eigentlich für eine Bot-
schaft? Niemand will den Verbrauchern wehtun. Heute
tun den Verbrauchern die hohen Nebenkosten für Strom
und Wärme weh, die zu einer Art Nebenmiete geworden
sind. An dieser Stelle ist der Klimaschutz eine Lösung
des Problems. In diesem Zusammenhang muss man
nicht von Schmerzen reden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Herr Gabriel, wenn Sie so tun, als müsste man den
Verbrauchern an dieser Stelle wehtun, ist das eine fal-
sche Botschaft. Wir können und dürfen weder der Wirt-
schaft noch den Verbrauchern suggerieren, dass es mög-
lich ist, genauso weiterzumachen wie bisher. Wir
müssen den Transport anders organisieren. Wir müssen
anders wohnen. Wir müssen unsere Lebensmittel anders
herstellen. Wir müssen ganz anders produzieren, auch
die Produkte, die wir exportieren. Das heißt nicht, dass
das wehtun muss. Das bedeutet, dass wir endlich lernen
müssen, ganz anders zu denken und die alten Lobbyin-
teressen fallen zu lassen. Das gilt auch dann, wenn Sie
Ihr Personal in den Vorständen haben, liebe Kollegen
von der SPD.

Das betrifft auch die Kohleprivilegien. Lernen wir
endlich, neu zu denken und alles anders zu organisieren.
Hier liegt die Lösung, nicht etwa in kleinen Zwischen-
zielen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Ulrich Kelber [SPD]: Wer hat die Kohleprivilegien denn im ersten Emissionshandelsplan ausgehandelt?)


– Dazu sage ich gleich noch etwas.


(Ulrich Kelber [SPD]: Alles Originalvorschläge Trittin!)


Herr Kelber, sehen wir uns doch einmal an, was Sie
vorgelegt haben. Der Nationale Allokationsplan ist ein
Trauerspiel. Hier sind Sie kein Vorreiter. Das, was von
Ihnen vorgeschlagen wurde – einige haben das schon an-
gesprochen –, bedeutet letztlich ein neues Privileg für

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(C (D ie Kohle. Warum bekommen Gas und Kohle eigentlich icht gleiche Rechte? Das ist ein Trauerspiel. Es nützt ichts, wenn Sie an dieser Stelle nur allgemeine Ziele nd Prozentzahlen nennen. Packen Sie endlich die Maßahmen an. Sie machen lauter Trippelschritte. Herr Kelber, wir aben damals das marktwirtschaftliche Instrument des missionshandels eingeführt. Jetzt muss man den nächs en Schritt tun. Deutschland muss als großes Mitgliedsand der EU zeigen, dass es die 10-Prozent-Regelung msetzt und dass es kein weiteres Privileg für die Kohle chafft. Dann können Sie sich in Brüssel glaubwürdig afür einsetzen, dass 100 Prozent der Emissionsrechte ersteigert werden. o macht man das und nicht, indem man uns hier mit irendwelchen Prozentzahlen einlullt. Taten und nicht orte zählen. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Michael Kauch [FDP] – Ulrich Kelber [SPD]: Genau so ist es!)


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


(Ulrich Kelber [SPD]: Ja, so ist es!)


Sie müssen dann aber auch einmal loslegen, sich hier
instellen und sagen: Wir lernen, CO2-frei zu denken.
ann brauchen Sie auch nicht mit einem 40-Prozent-Ziel

u kommen, das sich die Regierung gar nicht als Ziel
ufgeschrieben hat und das Sie nicht realisieren werden.


(Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU)


An Ihrem Lachen sehe ich, wie wenige Texte Sie le-
en; denn der Begriff „CO2-frei zu denken“ bzw. „in
O2-freien Lösungen zu denken“ ist durchaus üblich.

Wir wollen, dass endlich Taten folgen, und wir sagen
hnen eines: Wir werden an Ihre Regeln zum Emissions-
andel herangehen. Wir wollen ein Moratorium für
ohlekraftwerke; denn wir wollen nicht, dass das Geld

etzt an dieser Stelle investiert und der Klimaschutz über
ahrzehnte blockiert wird, weil kein Geld mehr vorhan-
en ist.


(Ulrich Kelber [SPD]: Auf Ihrem eigenen Parteitag haben Sie das noch abgelehnt!)


Dann schauen Sie sich den Beschluss einmal an. – Wir
ollen die Kraft-Wärme-Kopplung nutzen, und wir
rauchen an dieser Stelle ein Wärmegesetz. Vor allem
rauchen wir aber nicht den Wettbewerb der Zahlen,
ondern den Wettbewerb der Maßnahmen. Weg mit den
lten Lobbyinteressen!


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609401300

Frau Kollegin!


Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609401400

Sie lösen die Probleme nicht mit der Denkweise von

estern, Herr Kelber.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Ulrich Kelber [SPD]: Das Moratorium haben Sie auf Ihrem Parteitag selbst noch abgelehnt!)


9494 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609401500

Nächster Redner ist der Kollege Dr. Christian Ruck,

CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Christian Ruck (CSU):
Rede ID: ID1609401600

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Nach die-

sem bemerkenswerten Schlagabtausch ehemaliger Ko-
alitionäre möchte ich zum Ausgangspunkt unserer De-
batte zurückkommen.


(Ulrich Kelber [SPD]: Da sehen Sie einmal, wie koalitionstreu wir sind!)


Der von Menschenhand verursachte Klimawandel er-
zeugt auf dieser Erde etwas, was alle bisherigen ge-
schichtlichen Dimensionen sprengt. Die Kosten und Ge-
fahren sind gewaltig. Allein für Deutschland werden bis
2050 Schäden in Höhe von 800 Milliarden Euro ge-
schätzt. Die sozialen und wirtschaftlichen Risiken auf
dem gesamten Erdball sind völlig unkalkulierbar.

Aus unserer Sicht ist die Antwort der Staatengemein-
schaft auf dieses gewaltige Risiko für Milliarden von
Menschen – auch für unsere Kinder und Enkel – bisher
völlig unzureichend. Allein von den weltweit größten
zehn CO2-Emittenten sind derzeit nur vier vom Kioto-
protokoll erfasst. Entscheidende Länder sind bisher
überhaupt keine wirksame Verpflichtung eingegangen.
Dieses oft kleinkarierte internationale Geschachere um
Vorteile in den Klimaschutzverhandlungen ist dem Ernst
der Lage in keiner Weise angemessen. Im Gegenteil: Es
ist manchmal zynisch und menschenverachtend.

Ein Lichtblick ist in der Tat das, was sich Deutschland
und Europa vorgenommen haben. Auch hier sind noch
viele Hausaufgaben zu machen, aber es gibt ehrgeizige
Ziele, große Anstrengungen und auch große Erfolge.
Auch die Erfolge, die in den letzten Jahren in Deutsch-
land erzielt worden sind, machen Mut. Das, was Bundes-
kanzlerin Merkel auf EU-Ebene in diesem ersten Viertel-
jahr des Vorsitzes hier erreicht hat, ist wirklich ein
historisches Ereignis. Dafür möchten wir noch einmal
unsere ausdrückliche Anerkennung ausdrücken.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Ich glaube, mit diesem Beschluss haben wir auch die
Grundlage dafür geschaffen, dass Deutsche und Euro-
päer eine Chance haben, die Klimapolitik weltweit zu
beeinflussen. Dazu sind aber zwei Voraussetzungen nö-
tig:

Erstens. Die europäische Klimapolitik muss ein at-
traktives Vorbild und kein sinnloses Opfer sein.

Zweitens. Wir müssen ärmere Länder in die Lage ver-
setzen, ihren Schutzbeitrag zu leisten.

Wann sind wir nun ein attraktives Vorbild? Ich gebe
dem Kollegen Kelber Recht: Wir sind dann ein attrakti-
ves Vorbild, wenn wir das Erreichen unserer ambitio-
nierten Klimaschutzziele mit Versorgungssicherheit und
bezahlbaren Energiepreisen verbinden, sprich, wenn wir

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(C (D limaschutz mit ökonomischer Effizienz und technichem Fortschritt verbinden. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Das ist genau das, was die Union seit Jahren vertritt
nd was auch die Bundesregierung jetzt durchsetzen
öchte.

Auch ich bin der Meinung, dass ein europäisches
missionshandelssystem eine richtige und effiziente
weil marktkonforme – Option ist, um das zu erreichen.
s ist aber nur dann eine Option, wenn es richtig ge-
acht wird. Wann wird es richtig gemacht? Es darf nicht

urch Ausnahmen total verwässert werden. Es muss die
atsächlichen Hauptemittenten erfassen, und zwar inklu-
ive des Luftverkehrs. Es muss möglichst am Anfang der
ertschöpfungskette ansetzen, und die Emissionsober-

renzen müssen die politischen Ziele der Europäischen
nion glaubhaft widerspiegeln. Ein funktionierender
missionshandel setzt – zum Beispiel auf dem europäi-
chen Strommarkt – auch einen funktionierenden Wett-
ewerb voraus. Nur bei einem angemessenen CO2-Preis
nd bei funktionierendem Wettbewerb können größere
oziale Verwerfungen vermieden werden und gibt es
uch den notwendigen Anreiz für technologische Inno-
ationen.

An dieser Stelle möchte ich unserem Wirtschaftsmi-
ister Michael Glos danken, dass er die Einbeziehung
ieses Wettbewerbsgesichtspunkts auf europäischer
bene zu einem seiner Hauptanliegen gemacht hat. Wir
rauchen in der europäischen Energiepolitik eine stär-
ere Abstimmung. Das gilt auch für die Förderung rege-
erativer Energien. Auch sie müssen Teil eines funktio-
ierenden europäischen Wettbewerbs sein. Richtig ist für
ich auch, Emissionszertifikate in zunehmendem Maße

u versteigern,


(Beifall bei der CDU/CSU)


nd zwar nicht zuletzt, weil unerlässliche Klimaschutz-
rojekte im Bereich von Forschung und Entwicklung
viele davon wurden schon genannt –, zum Beispiel be-

reffend den Waldschutz, nicht umsonst zu haben sind.
enn uns große Energieunternehmen vor erhöhten

trompreisen für die Endverbraucher warnen, so müssen
ie sich fragen lassen, ob sie diese Erhöhungen nicht
chon längst im Vorgriff auf eine mögliche Versteige-
ung eingepreist haben. Jedenfalls ist eines klar: Nichts
u tun und zu warten oder zu wenig zu tun, wird für den
ndverbraucher schon in kurzer Zeit viel teurer als das,
as uns jetzt als Hirngespinst an die Wand gemalt wird.

Wir von der CDU/CSU setzen zum Beispiel auf die
eiterentwicklung der Energieeinsparungen im Gebäu-

ebereich, auf den Durchbruch bei der Kraft-Wärme-
opplung, auf die Entwicklung einer zweiten Genera-

ion der Biomassetechnologie hin zu noch sparsameren
ntriebsmethoden und auf moderne Kraftwerkstechnik.
it einem solchen Paket an Wettbewerbsvorteilen durch

in europäisches Modell erhoffen wir uns – ich glaube:
u Recht – eine Sogwirkung. So müssen sich zum Bei-
piel andere Hauptemittenten wie die Amerikaner uns
chon aus Wettbewerbsgründen anschließen. Mit einem

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9495


(A) )



(B) )


Dr. Christian Ruck
solchen Modell erhoffen wir uns auch die notwendige
Technologie und die Finanzmittel dafür, auch den ärme-
ren Ländern – den Entwicklungs- und Schwellenländern –
gezielt zu helfen, ebenfalls ihren Beitrag zum Klima-
schutz zu erbringen. Ein Beispiel hierfür ist die Kohlen-
stoffspeicherungstechnologie. Ich glaube, dass die Ein-
beziehung der Entwicklungs- und Schwellenländer in
den Klimaschutz von ganz entscheidender Bedeutung
sein wird, und zwar nicht nur wegen der gewaltigen Ver-
werfungen und Risiken, die vor allem diesen Ländern
durch die Folgen der Klimaveränderung drohen. Die
Einbeziehung dieser Länder ist auch von Bedeutung,
weil der Schlüssel für den Klimaschutz teilweise tatsäch-
lich im Süden liegt.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Dort sind Gelder für Klimaschutzmaßnahmen am ef-
fizientesten angelegt. Dort brauchen wir zum Beispiel in
den Bereichen Technologie und Beratung eine verstärkte
Zusammenarbeit. Es ist ein Durchbruch, dass wir für
China eine Art Einspeiseverordnung mit beraten und
durchgesetzt haben. Das ist auch für die Zukunft Chinas
ungeheuer viel wert. Schließlich müssen wir versuchen,
den Schutz der Wälder auch in den Entwicklungsländern
viel stärker durchzusetzen. Allein hier gibt es ein Ein-
sparungspotenzial von 20 Prozent, das mit relativ gerin-
gen Mitteln erzielt werden kann.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Ich bin der Meinung, dass der ganze CDM-Prozess
immer noch viel zu kompliziert ist. Auch hier gibt es
viele Hausaufgaben.

Kurz gesagt, der Schutz von Klima und Schöpfung ist
meiner Ansicht nach mit die größte Herausforderung der
Politik in den nächsten Jahren und vielleicht in den
nächsten Jahrzehnten. Hier ist mit Ideologie und Feig-
heit nichts zu erreichen; vielmehr müssen wir gemein-
sam pragmatisch und entschlossen vorgehen. Insofern
hat unsere Bundeskanzlerin für den G-8-Gipfel unsere
geballte Rückendeckung.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609401700

Die Kollegin Eva Bulling-Schröter ist die nächste

Rednerin für die Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Eva-Maria Bulling-Schröter (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609401800

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die

Bilanz der deutschen Klimapolitik misst sich an den
Fakten, und zwar an den tatsächlichen Einsparungen an
Treibhausgasen; dazu hat Gregor Gysi vorhin das We-
sentliche gesagt. Kurz gefasst, wir liegen bei den CO2-
Emissionen über dem Niveau von 1999. Noch einmal:
Ohne den Osteffekt würden wir international schön
dumm dastehen.

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(C (D Diese ernüchternde Bilanz ist – das können wir Ihnen icht ersparen – auch eine Bilanz der rot-grünen Vorgänerregierung. Ich finde, wer 7 Prozent mehr Emissionsechte verteilt, als von den Unternehmen zwischen 2000 nd 2002 überhaupt CO2 ausgestoßen wurde, wer zudem angfristige Privilegien für die Kohle festschreibt und ann auch noch die Zertifikate vollständig verschenkt, raucht sich über dieses Ergebnis nicht zu wundern. Wir aben hier erlebt, dass Sie sich gegenseitig die Schuld uschieben. Das nützt uns gar nichts. Wir müssen das esser machen – Sie waren damals in der Verantwortung – nd daraus die Konsequenzen ziehen. Jetzt zum ungebremsten Wachstum des Straßenüterverkehrs und des Flugverkehrs. Da wird offenichtlich, dass in den letzten Jahren in Sachen Klimaolitik einiges schiefgelaufen ist. Das Statistische undesamt sagt, es habe im letzten Jahr 6,5 Prozent ehr Flugverkehr gegeben. Was tun Sie? Sie weisen eitere Flughäfen aus. Diese werden staatlich finanziert. ier muss ein Umdenken erfolgen. Wenn wir das wirk ich wollen, müssen die Finanzströme anders fließen, um Beispiel auch im Zusammenhang mit dem Ausbau es Münchener Flughafens. Natürlich erkennen wir an, dass es durch das EEG eien gewaltigen Zuwachs an Strom aus Wind, Wasser, iomasse und Fotovoltaik gegeben hat. Diese Politik üssen wir ausbauen; diese Politik unterstützen wir wei er. Doch allein über das EEG ist eine Energiewende nicht inzubekommen. Man muss sich mit den Konzernen ort anlegen, wo es richtig wehtut. Genau um das geht s. in anspruchsvoller Emissionshandel wäre so etwas – der auch eine wirksame Begrenzung des Flugoder des chwerlastverkehrs. Da muss man eben ran. Aktuell geht es aber vor allem darum, zu verhindern, ass in Deutschland 44 neue Kohlekraftwerke – ich iederhole: 44 – gebaut werden. Diese geplanten Krafterksneubauten würden bis 2020 einen Anstieg über das O2-Niveau von 1990 bedeuten. Bis zur Mitte des Jahrunderts würde dieser Kraftwerkspark Jahr für Jahr gut 00 Millionen Tonnen mehr CO2 in die Atmosphäre blaen, als laut dem Reduktionsziel der Bundesregierung rlaubt ist. Würden diese Kraftwerke gebaut, dann wären ie Weichen der deutschen Klimapolitik für ein halbes ahrhundert gestellt; denn sie laufen dann 40, 50 oder 0 Jahre. Das wissen Sie, meine Damen und Herren. Mich interessiert an dieser Stelle: Wie kommt es eientlich zu diesen Planungen? Herr Gabriel sagt, wir beänden uns auf dem richtigen Pfad. Wenn das so ist, dann ürden die Energieversorger doch gar nicht auf solche deen kommen. Oder ist es so, dass der Emissionshandel iese überhaupt nicht interessiert? Den Energieversorern wird es total leicht gemacht; denn sonst wären solhe Planungen gar nicht möglich. 9496 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Eva Bulling-Schröter Zum Glück hat die EU-Kommission kürzlich zumindest die größten Fehler des deutschen Zuteilungsplans für die nächste Handelsperiode beseitigt. Die Gesamtobergrenze, das Cap, ist deutlich gesenkt worden. Es ist verboten worden, die Kohlemeiler 14 Jahre lang zu privilegieren. Wir begrüßen das sehr und haben das unterstützt. Aber nun will die Bundesregierung wiederum der Braunkohle einen Bonus zuschanzen. Wir haben über die CO2-Bilanz gesprochen. Bedenken Sie, was Sie da tun! Bedenken Sie, was Sie damit anrichten! Anscheinend hat diese Bundesregierung keine Lust auf ernsthafte Konflikte mit den EVUs. In anderen Sektoren gäbe es eine Vielzahl von Minderungsoptionen. Die müssten jetzt einfach angegangen werden. Dazu liegen Anträge vor; da muss gehandelt werden. Zum Teil ist das – das sage ich an die Haushälter gewandt – nicht einmal mit Kosten verbunden. Wir meinen, dass in diesem Bereich etwas getan werden muss, und haben ein Sofortprogramm vorgelegt, über das wir abstimmen können. Wir halten für die Zukunft eine energetische Schwerpunktsetzung auf Sonne, Wind, Biomasse und Wasser für notwendig, die auch der Volkswirtschaft nutzen wird. Das wissen wir nicht erst seit Nicholas Stern. Auch vor dem letzten IPCC-Bericht war schon bekannt, dass wir eine Abkehr von fossilen Energien brauchen. Die internationalen Konflikte wurden schon angesprochen. Es gilt, das Ruder herumzureißen. Wir müssen das gemeinsam tun, aber das muss in einer Weise erfolgen, dass die Bürgerinnen und Bürger in diesem Land den Prozess unterstützen. Dann muss auch damit Schluss sein, dass in einkommensschwachen Haushalten im nächsten Winter, der vielleicht sehr kalt wird, Energiearmut herrscht oder dass es sich Kinder nicht mehr leisten können, mit dem Bus zu ihrem Sportverein zu fahren. Es geht nicht an, dass Energiekonzerne Zusatzgewinne in Milliardenhöhe aus dem Emissionshandel erzielen, wenn gleichzeitig dieses Geld an anderer Stelle dringend gebraucht wird. Ich erteile das Wort dem Kollegen Marco Bülow, SPD-Fraktion. Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Sehr ge ehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich beginne mit einem Zitat: Gerade unter den Nationen, die sich für die zivilisiertesten halten und die sich der großartigsten Fortschritte in der Wissenschaft rühmen, finden wir die größte Apathie und die größte Ruchlosigkeit, was das ständige Verschmutzen der wichtigsten aller Lebensnotwendigkeiten angeht. Das ist kein neues Zitat. Es ist eine Feststellung von Alfred Russel Wallace von 1903. Leider haben ihn genau d r b f w k u L g P d d n K d h s w i m d e d d t k S m d s b r n z e n g d w E r a s s w s a w w (C (D ie Nationen, die hier angesprochen wurden, in den daauf folgenden Jahrzehnten nicht Lügen gestraft. Wir haen erlebt, dass die Wälder abgeholzt, die Meere überischt wurden und unsere Umwelt verschmutzt wurde, obei wir lange Zeit nicht eingegriffen haben. Seit 30 Jahren gibt es Gott sei Dank eine andere Disussionsgrundlage: Man spricht über den Umweltschutz nd entsprechende Maßnahmen. Gerade auch in diesem and wurden viele wichtige Maßnahmen auf den Weg ebracht, um dieses Vorgehen und die damit verbundene olitik zu ändern. Allerdings müssen wir auch resümieren, dass wir für en Klimaschutz in den letzten 30 Jahren nicht besoners viel getan haben, obwohl die Erkenntnisse zugeommen haben und wir immer besser wissen, was der limawandel anrichtet. Er wird viel mehr anrichten als as, was in den letzten Jahrzehnten oder im letzten Jahrundert passiert ist. Deswegen ist Handeln – und zwar vor allem gemeinam – das oberste Gebot. Es nützt nichts, Frau Künast, enn wir uns jetzt zerfleischen und darüber reden, was n den letzten Jahren falsch gemacht worden ist. Wir üssen vor allem darüber reden, was wir gemeinsam in er nächsten Zeit richtig machen müssen. (Beifall bei der SPD – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Der Satz hätte mit „Kelber“ anfangen müssen: Es nützt nichts, Herr Kelber!)


(Beifall bei der LINKEN)


(Beifall bei der LINKEN)


(Beifall bei der LINKEN)


(A) )


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(Beifall bei der LINKEN)

Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609401900

(Beifall bei der SPD)

Marco Bülow (SPD):
Rede ID: ID1609402000

Ich freue mich über jeden, der bis vor kurzem noch
ine andere Politik betrieben hat und für den Klimawan-
el und Umweltschutz kein Thema war, der aber heute
arüber redet und es ernst meint. Ich weiß, dass das viele
un, und zwar in allen Fraktionen. So müssen wir die Zu-
unft gestalten.

Wir müssen mit Fingerspielen im Sinne von „Wer hat
chuld?“ oder „Wer macht mehr?“ aufhören, aber auch
it dem Motto: Die anderen emittieren viel mehr CO2;

eswegen müssen wir am Anfang nichts tun. Oder: Die
ind noch viel schlimmer als wir; die Amerikaner ver-
rauchen noch viel mehr. – Ich denke, jetzt geht es da-
um, wer mutig ist und vorangeht.

Wir müssen vor allen Dingen lernen, wie die immer
och Ewiggestrigen und die Zauderer und Zögerer über-
eugt werden können, das Richtige zu tun. Ich will auf
inige Punkte eingehen. Es gibt zum Beispiel immer
och das Argument, Erderwärmung habe es immer ge-
eben und es werde sie auch in Zukunft geben; wie viel
er Mensch dazu beitrage, sei nicht so wichtig. Erder-
ärmung hat es in der Tat immer gegeben. Es gab schon
iszeiten, als es noch keine Menschen gab. Das ist alles

ichtig. Erderwärmung wird es auch in Zukunft geben,
uch ohne Menschen. Denn die Natur wird nicht zer-
tört. Wir zerstören nur die Lebensgrundlagen der Men-
chen. Das heißt, Klimaschutz bedeutet in erster Linie
eder Umweltschutz noch Naturschutz, sondern Men-

chenschutz. Ich denke, wir haben die egoistische Ver-
ntwortung, dafür zu sorgen, dass die Menschen auch
eiterhin auf diesem Planeten leben können. Die Natur
ird immer einen Weg finden, auch ohne uns und trotz

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9497


(A) )



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Marco Bülow
Klimawandels. Deswegen müssen wir vor allen Dingen
dafür sorgen, dass wir unsere Lebensgrundlagen schüt-
zen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Ein weiterer Punkt. Es wird gesagt, wärmere Tempe-
raturen seien doch ganz gut, dann könne man sich drau-
ßen hinsetzen, auch schon im April. Wir erleben das ge-
rade. Außerdem sei es schön, wenn wir hier irgendwann
Rotwein, Cabernet Sauvignon, usw. anbauen können.
Das alles sind schöne Phrasen. Wenn ich das heute in
Zeitungen wie „Welt“ und „FAZ“ lese, dann muss ich sa-
gen: Die Leute haben nichts dazugelernt.

Denn ich weiß nicht, ob es den Menschen gefällt – ich
lebe im Ruhrgebiet, also in einer Gegend, in der ganz
viele Menschen zusammenleben –, dass ein Sommer wie
der im Jahr 2003 in 20 Jahren ein Durchschnittssommer
sein wird. Der Sommer 2003 bereitete vor allen Dingen
älteren Menschen und kleinen Kindern große Probleme,
weil er so heiß war. Wenn das ein Durchschnittssommer
wird, glaube ich, müssen wir dazulernen. Wir werden
merken, dass es nicht unbedingt so schön ist, draußen zu
sitzen. Auf Rotwein können wir verzichten. Den kann
man aus anderen Ländern importieren. Außerdem hat
Deutschland sehr guten Weißwein und teilweise auch
Rotwein.


(Fritz Kuhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Badischen!)


Deswegen, glaube ich, sind das die falschen Argumente
in dieser Debatte.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Ein weiterer Punkt, den ich auch nicht mehr hören
kann, ist folgender: China verbraucht seine Kohlereser-
ven sowieso, dann sollten sie es lieber mit unserer Tech-
nologie tun. Ja, es ist mit unserer Technologie ein biss-
chen besser. Aber wenn China seine Kohlereserven
verbraucht – egal mit welcher Technologie –, wird diese
Erde nicht mehr zu retten sein. Wir müssen mit anderen
Technologien vorangehen. Bis dahin müssen wir mit der
vorhandenen Technologie arbeiten, zum Beispiel mit
Kraft-Wärme-Kopplung. Gleichzeitig müssen wir an-
dere Technologien wie die erneuerbaren Energien und
solche zur Effizienzsteigerung voranbringen, sodass die
Chinesen irgendwann aufhören, ihre Kohle komplett zu
verbrennen. Ansonsten brauchen wir die Diskussion
über Klimawandel und Klimaschutz nicht mehr zu füh-
ren.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Zum Schluss lassen Sie mich bezüglich Klimaschutz
und Atomkraft auf Folgendes hinweisen – ich will dazu
nur ein Argument nennen –: Wenn wir in diesem Jahr ei-
nen Sommer wie 2003 erleben – vieles deutet darauf hin;
vielleicht wird er sogar noch ein bisschen heißer –, dann
möchte ich vor allen Dingen in Frankreich die Diskus-
sion erleben, wenn zum einen das Wasser knapp wird
und zum anderen das wenige Wasser, das vorhanden ist,
stark erwärmt ist. Dann wird es eine Diskussion darüber

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(C (D eben, die Kraftwerke abzuschalten. Dann wird der so illige Atomstrom auf einmal schweineteuer. Das wird u erheblichen Engpässen führen. Ich bin froh, dass wir chon jetzt nur noch einen Anteil des Atomstroms von 5 Prozent haben. Je weniger wir haben, desto weniger robleme werden wir in den zukünftigen Sommern haen. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Wallace hatte 1903 zwar recht, aber wir müssen dafür
orgen, dass wir in 20, 30 Jahren sagen können: Die so-
enannte zivilisierte Welt insgesamt und die Länder mit
em größten Fortschritt sind vorangegangen und haben
ersucht, ihre Fehler gutzumachen, und zwar gemein-
am.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609402100

Nächster Redner ist der Kollege Dr. Reinhard Loske,

raktion Bündnis 90/Die Grünen.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜEN)

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
arco Bülow hat natürlich recht: Man sollte den Blick

icht zu sehr nach hinten richten und darüber lamentie-
en, wer früher was gesagt hat. Aber wenn jetzt bei-
pielsweise Herr Kauch sagt, es sei schön, dass die EU-
ommission die Emissionsrechte weiter kürzt, erinnert
an sich schon daran, wie Frau Homburger hier früher

arüber geklagt hat, dass der Emissionshandel die deut-
che Industrie in die Knie zwingt. Man muss schon bei
er Wahrheit bleiben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


enn sich Frau Reiche – ich weiß nicht, ob sie noch an-
esend ist – jetzt als die Freundin der erneuerbaren
nergien hinstellt, erinnert man sich an die Diskussion

n der letzten Legislaturperiode, als dieses Gesetz in
rund und Boden geredet wurde. Wenn es dieses Gesetz
icht gegeben hätte, hätte es diesen starken Aufwuchs
icht gegeben. Dieses Auseinanderklaffen von Worten
nd Taten ist schon enorm.

Kollege Kelber, Sie wissen, dass ich Sie schätze, aber
ie Position, die Sie hier zu beziehen versuchen – die
ozialdemokratie sei in Wahrheit die Treiberin beim Kli-
aschutz gewesen, und die Grünen hätten das leider

icht mitgemacht –, verkennt die fundamentale Tatsa-
he, dass es vor allen Dingen Ihre Minister waren, die
ns beim Klimaschutz einen Knüppel nach dem anderen
wischen die Beine geworfen haben. Bei dieser Wahrheit
uss man schon bleiben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich will, weil die Redezeit knapp bemessen ist, jetzt
or allem auf die Regierungserklärung des Umwelt-

9498 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Dr. Reinhard Loske
ministers eingehen. Sie war interessant und hat viele
richtige Elemente enthalten. Gerade das, was der Minis-
ter zu den Zielen und zur internationalen Kooperation
gesagt hat, können wir ausdrücklich unterstützen.

Einen Punkt finde ich allerdings falsch. Sie stellen in
Ihrer Argumentation die Technik gegen den Lebensstil-
wandel. Das ist völliger Quatsch. Wir brauchen natür-
lich beides. Wir brauchen technische Innovationen auf
allen Ebenen: erneuerbare Energien, Effizienzsteige-
rung, Einsparungen, Kraft-Wärme-Kopplung etc. pp.
Aber wir brauchen auch Veränderungen im Lebensstil.
Ich möchte Sie bitten, diese Punkte nicht so scharf von-
einander abzugrenzen, nach dem Motto: Hier sind die
Verzichtsapostel, da sind die Technikfreunde. Die Wahr-
heit ist: Wir brauchen Lebensstilveränderung und techni-
sche Innovation. Wir finden, dass das gut zusammen-
passt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Man hat heutzutage manchmal den Eindruck: Es gibt
in Deutschland keine Parteien mehr; es gibt nur noch
Klimaschützer. Wenn es so wäre, wäre das auch gut;
darüber gäbe es gar nichts zu klagen. Aber ich will
schon noch einmal auf die einzelnen Punkte eingehen,
die die Regierung in den letzten Monaten vorangetrieben
hat.

Beim Klimaschutz im Automobilsektor, der CO2-
Emissionsgrenze für Autos, beispielsweise haben Sie in
Brüssel ganz massiv auf der Bremse gestanden und das
Gegenteil von dem getan, was Sie hier gesagt haben. Das
war nicht glaubwürdig; das muss man ganz klar sagen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Beim Emissionshandel mussten Sie auf der einen
Seite von der Kommission zum Jagen getragen werden,
und auf der anderen Seite versuchen Sie jetzt durch die
Hintertür, heimlich Braunkohleprivilegien einzuführen.
Auch das ist nicht glaubwürdig, finden wir.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Oder nehmen wir den Energiepass für Gebäude, der
gestern im Kabinett verabschiedet worden ist. Die voll-
kommen richtige tragende Idee dabei ist, dass die CO2-
Werte bzw. die energetischen Qualitäten eines Gebäudes
sich auch im Immobilienwert und in den Mieten wider-
spiegeln können. Aber was Sie gestern mit dem Energie-
pass verabschiedet haben, ist nichts Halbes und nichts
Ganzes. Die Leute wissen am Ende gar nicht, ob ein Ge-
bäude energetisch gut oder schlecht ist. Auch das muss
noch geändert werden, wie wir finden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ein weiteres Thema ist das Tempolimit; das ist heute
noch gar nicht zur Sprache gekommen.


(Jörg van Essen [FDP]: Gott sei Dank!)


Ich finde es nicht gut, wenn Sie – der Herr Kollege
Tiefensee ist nicht da; das gilt aber auch für Sie, Herr
Minister Gabriel – die Klimaschutzwirkungen des Tem-
polimits immer wieder herunterspielen. Das ist falsch.
Es gibt zwei starke Argumente. Das erste Argument ist:

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(C (D enn wir ein Tempolimit von 120 Stundenkilometern uf Deutschlands Autobahnen einführen würden, würde ich das bezüglich der CO2-Emissionen mit einer Senung um 9 Prozent auswirken. Da können Sie nicht saen, das sei nur Symbolpolitik. Es wundert mich wirkich, dass Sie als Umweltminister das behaupten. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Jörg van Essen [FDP]: 90 Prozent der Autobahnen haben doch schon Geschwindigkeitsbegrenzungen!)


Das zweite Argument ist noch viel wichtiger: Wenn
ir ein Tempolimit hätten – als einziges Industrieland
er Welt haben wir heute keines, das muss man sich
inmal vorstellen; wir haben da wirklich den zivilisato-
ischen Fortschrittszug verpasst –, dann würden auch Au-
mobile anders gebaut; wenn sie auf Spitzengeschwin-

igkeiten von 150 und nicht von 250 Stundenkilometern
usgelegt würden, würden sich die Konstruktionsprinzi-
ien ändern. Dann bräuchte man weniger Material, wir
ätten weniger Energieverbrauch, und wir könnten mehr
ür den Klimaschutz tun. Das heißt, der Sekundäreffekt
ines Tempolimits ist riesengroß. Geben Sie da endlich
hre Blockadehaltung auf; denn sie ist falsch!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Ulrich Kelber [SPD]: Er unterstützt längst das Tempolimit!)


Zur Atomenergie. Ich kann das jetzt hier nicht im
inzelnen ausführen; aber ich rege zu folgendem ge-
anklichen Experiment an. Die Kollegen von der Union
nd von der FDP tun immer so, als sei die Atomenergie
er „CO2-Helfer“. Denken Sie einmal genau anders he-
um! Die Wahrheit ist nämlich: Wenn wir jetzt wieder
ie Schleusen für die Atomenergie aufmachen, ist das
ichts anderes als eine Barriere, eine regelrechte Mauer
n Bezug auf Neuinvestitionen in erneuerbare Energien
nd Energieeffizienz. All die, die jetzt in den Startlö-
hern sitzen – bezüglich der Investitionen in erneuerbare
nergien, Energieeffizienz, Kraft-Wärme-Kopplung,
lockheizkraftwerke, Brennstoffzellen –, würden da-
urch ein ganz schlechtes Signal bekommen; man würde
hnen einen Knüppel zwischen die Beine werfen. Also
assen Sie das bitte sein!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Ulrich Kelber [SPD])


Mir fehlt die Zeit, um meinen letzten Punkt – CCS,
ie Kohlenstoffabscheidungstechnologie – in aller
reite auszuführen. Das ist für uns vor allen Dingen ein
orschungsthema und kein energiepolitisches Thema. In
en nächsten 15 Jahren, wenn der Löwenanteil an Inves-
itionen im Kraftwerksbereich vorgenommen wird, steht
iese CCS-Technologie, also Kohlenstoffabscheidung in
ohlekraftwerken und dessen Endlagerung, nicht zur
erfügung. Deswegen ist das im Moment mehr ein Ab-

enkungsmanöver als reale Klimapolitik. Darauf lassen
ir uns auf gar keinen Fall ein.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Deshalb möchte ich abschließend sagen: Die Regie-
ungserklärung war insofern gut, als sie klare Ziele for-

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9499


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Dr. Reinhard Loske
muliert hat. Aber dass sie schon mit klaren Maßnahmen
unterlegt worden wäre, wie Sie sagen, Herr Kollege
Kelber, ist nicht der Fall. Vieles bleibt im Vagen, im Dif-
fusen. Nach wie vor klaffen Worte und Taten bei Ihnen
ziemlich deutlich auseinander. Das werden wir als
Opposition genau beobachten und auch beim Namen
nennen. Wir werden vor allen Dingen eigene Vorschläge
machen, wie wir das bisher auch bei allen anderen mög-
lichen Bereichen schon getan haben.

Danke schön.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1609402200

Das Wort erhält nun der Kollege Frank Schwabe,

SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Frank Schwabe (SPD):
Rede ID: ID1609402300

Sehr geehrter Herr Präsident! Geehrte Damen und

Herren! Die Zeit läuft. Beim Umgang mit dem Klima-
wandel handelt es sich in der Tat um eine historische
Aufgabe. Das ist heute schon deutlich geworden. Durch
die Veröffentlichungen des Weltklimarates in den letzten
Wochen sind drei Dinge ganz deutlich geworden:

Erstens. Das Zeitfenster für den notwendigen grund-
legenden Umbau unseres Energiesystems ist klein. Es ist
unsere Aufgabe, heute für Veränderungen zu sorgen.

Zweitens. Der Umgang mit dem Klimawandel kostet
schon jetzt; er wird weiter kosten – so oder so. Es ist
aber viel teurer und möglicherweise nicht mehr vernünf-
tig zu steuern, wenn wir nichts oder nur sehr wenig tun.
Das hat spätestens der Stern-Bericht deutlich gemacht.

Drittens. Es ist richtig: Die Schwellen- und Entwick-
lungsländer werden die Industrieländer in den nächsten
Jahren beim Ausstoß von Treibhausgasen überholen.
Deutschland ist „nur“ für 3 Prozent verantwortlich. Aber
wir haben es in der Hand – es ist wie beim Dominoeffekt –:
Wir müssen deutlich machen, dass Wohlstand, ein hoher
Lebensstandard und eine klimafreundliche Lebensweise
zusammenpassen. Die Zahlen über den Pro-Kopf-Aus-
stoß in China, Amerika und Deutschland sind schon ge-
nannt worden. Wir sollten uns angesichts dieser Zahlen
nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Wir haben noch
unsere Hausaufgaben vor Ort zu machen.

Deshalb ist es richtig, dass sich Deutschland zu einer
Senkung der Treibhausgasemissionen bis 2020 um
40 Prozent verpflichtet. Frau Künast, warum loben Sie
das eigentlich nicht? Herr Kauch, warum sagen Sie dazu
eigentlich nichts? Kann es sein, dass die FDP ein solches
Ziel nicht vertritt? Sie haben viel geredet, aber es wäre
ganz gut, wenn Sie einmal sagen würden, mit welchen
Positionen man in die internationalen Verhandlungen ge-
hen sollte. Wir sind vielleicht gemeinsam auf der Welt-
klimakonferenz in Nusa Dua, Indonesien. Es wäre ganz
gut, wenn sich die FDP zu diesen Zielen bekennen
würde.

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(C (D (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Sigmar Gabriel als zuständiger sozialdemokratischer
mweltminister hat sich nicht nur heute, sondern bereits

chon auf der Weltklimakonferenz Ende des letzten Jah-
es in Nairobi dazu bekannt und damit – die dort anwe-
end waren, haben es mitbekommen – begeisterte Reak-
ionen im Saal ausgelöst, und zwar deshalb, weil damit
eutlich wurde und wird: Wir wollen, dass alle mitma-
hen, und es müssen alle mitmachen. Aber Deutschland
rkennt seine Verantwortung als großer Industriestaat an.
eutschland erkennt auch die ökonomischen, vor allem
ie sozialen und ökologischen Chancen, die mit einer
onsequenten Bekämpfung des Klimawandels verbun-
en sind. Wir beenden das Schwarze-Peter-Spiel des
Geh du voran – wir warten ab“. Das ist die große Ver-
ntwortung, die wir gemeinsam im Hause tragen.

Das deutsche Bekenntnis zu den 40 Prozent ist das
fand dazu, dass die Bundeskanzlerin und der Bun-
esumweltminister in der Lage sind, die internationale
limadebatte auf dem G-8-Gipfel und dann bei der
eltklimakonferenz in Indonesien in Gang zu bringen.

Zu den einzelnen Maßnahmen, die heute vorgestellt
urden – ich denke, das ist in sehr umfassender Weise
eschehen –, will ich im Einzelnen nichts sagen. Ich
öchte nur erwähnen, dass wir national entsprechend

andeln müssen, wenn wir mit unseren Reduktionszielen
laubwürdig sein wollen. Deshalb begrüße ich es aus-
rücklich, dass Minister Gabriel heute ein Acht-Punkte-
aket vorgelegt hat. Damit ist eine Senkung um
70 Millionen Tonnen im Bereich der Treibhausgase
erbunden. Wir werden als Sozialdemokraten auf eine
chnelle Umsetzung drängen.


(Vorsitz: Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms)


Ein Mittel dazu ist der Emissionshandel mit CO2-
erschmutzungsrechten. Es ist schon eingestanden wor-
en, dass er bisher – man kann lange darüber streiten,
oran das liegt – nicht sehr effektiv war. Lobbyinteres-

en haben sich durchgesetzt. Aber wir haben hinzuge-
ernt, sicherlich auch mithilfe von klaren Hinweisen aus
rüssel, die im Übrigen für fast alle Staaten Europas gal-

en.

Das Signal des jetzigen Plans an die Investoren, an
ie Wirtschaft und an die Börsen ist klar: Die Anzahl der
erschmutzungsrechte geht massiv nach unten. Stellt
uch also ab 2008 darauf ein, dass es weniger Ver-
chmutzungsrechte gibt! Seid euch im Klaren, dass es ab
013 noch massiver nach unten gehen wird! Das ist poli-
isch geboten und ökonomisch machbar und löst im Üb-
igen weitere Innovationen aus. Wer sich frühzeitig da-
auf einstellt, wird Vorteile haben.


(Beifall bei der SPD)


Ich bin mir sicher: Neben dieser Verknappung der
ertifikate brauchen wir noch ein weiteres Signal, das
ir im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens geben
üssen. Das CO2 braucht einen Preis, und es braucht ei-

9500 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Frank Schwabe
nen funktionstüchtigen Mechanismus, mit dem der Preis
gebildet werden kann. Alle mit dem Thema befassten
Umweltökonomen – mittlerweile auch viele gesell-
schaftlichen Gruppen wie zuletzt Vertreterinnen und
Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche –
haben sich dafür ausgesprochen. Ich begrüße es daher
– es wäre gut, wenn dies noch andere begrüßen würden,
statt nur herumzulamentieren –, dass sich der Bun-
desumweltminister nicht nur in Interviews in den letzten
Tagen, sondern auch heute in der Regierungserklärung
klar für die Versteigerung von Zertifikaten ausgespro-
chen hat. Ich habe den Eindruck, die Opposition, die das
gerne zum Hauptthema in den nächsten Wochen ge-
macht hätte, ist auf dem falschen Fuß erwischt worden.
So sind diese relativ emotionalen Reaktionen zu erklä-
ren.

Die Krokodilstränen gerade der Energieversorger sind
an vielen Stellen, aber besonders an dieser Stelle fehl am
Platze. Mit einem Versteigerungsanteil von 10 Prozent
machen wir nichts anderes, als 10 Prozent der ungerecht-
fertigten Zusatzprofite der letzten Jahre abzuschöpfen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Es ist völlig klar: Im Rahmen der Versteigerung kann
Deutschland seine wahre europäische Vorreiterrolle be-
weisen. Kollege Gysi hat vorhin behauptet, in Europa
würden alle in vorbildlicher Weise vorangehen. Das ist
mitnichten so. Warum können in Europa höchstens
10 Prozent versteigert werden? Es gab ja eine Richtlinie.
Einige Minister haben sich in ihrem Verantwortungsbe-
reich – ich will das nicht näher ausführen – nicht durch-
setzen können, sodass nicht mehr versteigert werden
konnte.

Für die europäische Debatte ist es meines Erachtens
sehr wichtig, dieses Signal jetzt zu setzen. Wir als
Deutschland müssen mutig vorangehen. Wer eine umfas-
sende Versteigerung nach 2012 für richtig hält, muss
jetzt dafür sorgen, dass es hier in Deutschland den Ein-
stieg gibt. Das Parlament hat in diesem Zusammenhang
in den nächsten Wochen eine besondere Verantwortung;
dessen sollten wir uns bewusst sein.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609402400

Als nächster Redner hat der Kollege Andreas Jung

von der CDU/CSU-Fraktion das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Andreas Jung (CDU):
Rede ID: ID1609402500

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bis

vor einiger Zeit war Klimawandel ein Thema, das vor-
nehmlich lokale Agenda-Gruppen bei ihren mehr oder
weniger gut besuchten monatlichen Treffen beschäftigte.


(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Mich hat das immer beschäftigt!)


In der letzten Woche hat sich der Sicherheitsrat der Ver-
einten Nationen zum ersten Mal mit dem Weltklima be-

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(C (D asst. Diese Gegenüberstellung zeigt, welche Dramatik ie Debatte um Klimaschutz erreicht hat, und zwar zu echt, wie ich finde; denn wir erkennen die ökologische imension in viel größerer Tragweite als noch vor einien Jahren. Heute wissen wir: Der Klimawandel findet tatt. Er hat uns erreicht. Er beschleunigt sich. Am Ende ird es nur Verlierer geben. Hinzu kommt, dass wir spätestens seit Nicholas Stern issen, dass es auch eine wirtschaftliche, eine ökonomi che Seite gibt. Seine Botschaft ist klar und deutlich: icht zu handeln, wird uns teuer zu stehen kommen – eit teurer, als jetzt entschieden und konsequent zu haneln. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Ein dritter Aspekt rückt jetzt in den Mittelpunkt der
ebatte, auch durch ein von ehemaligen amerikanischen
enerälen und Admirälen vorgelegtes Gutachten. Sie
achen deutlich, dass Klimawandel einen sicherheits-
olitischen Aspekt hat. Sie befürchten weltweite Span-
ungen, Konflikte und Flüchtlingsströme. Sie sagen:
limawandel wird zu einer ernsten Bedrohung für die
icherheit der Vereinigten Staaten.


(Lutz Heilmann [DIE LINKE]: Das ist doch nicht neu! Das hat die NATO doch schon in den 80er-Jahren gesagt!)


ie behaupten, dies könne Extremismus und Terrorismus
ördern.

Das alles in seiner ganzen Tragweite sagt uns meines
rachtens, dass Klimawandel die globale Herausforde-

ung im 21. Jahrhundert ist.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie des Abg. Dr. Reinhard Loske [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])


ch finde, dass wir diese Erkenntnis all denjenigen unse-
er Partner vermitteln müssen, die sich bisher dem
iotoprozess verschließen und nicht im internationalen
limaschutz mitarbeiten.

Auch den Amerikanern müssen wir das immer wieder
agen. Wir müssen ihnen sagen: Kein Staat dieser Welt
ann heute eine globale Führungsrolle beanspruchen,
er sich beim Klimaschutz verweigert.


(Beifall bei der CDU/CSU)


eshalb müssen wir die Vereinigten Staaten in diesen
rozess hineinholen. Ich nenne sie als Erstes, weil sie
ls weltweit größter Emittent natürlich eine Schlüssel-
olle spielen; denn heute lehnen sich viele zurück und
agen: Wenn diejenigen, die am meisten zur Ver-
chmutzung beitragen, nichts machen, müssen wir erst
echt nichts tun.

Natürlich brauchen wir aber auch China und Indien.
ir brauchen die Schwellenländer und die Entwick-

ungsländer. Es gibt Berechnungen, nach denen die
ntwicklungsländer ab dem Jahr 2020 mehr CO2 emit-

ieren werden als die Industrieländer.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9501


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Andreas Jung (Konstanz)

Das muss man erkennen und daraus den Schluss zie-
hen, dass auf diese globale Frage natürlich nur eine
globale Antwort gegeben werden kann.

Trotzdem entlastet uns das nicht von unserer Verant-
wortung. Wir als Industrieländer tragen den Hauptteil der
Verantwortung.

Deshalb ist es richtig, dass die Bundeskanzlerin, die
Bundesregierung und die Große Koalition sich zu unserer
Vorreiterrolle bekennen, die wir als Europäische Union
haben und die wir mit dem ganz konkreten Ziel verfolgen,
dass sich die Industrieländer verpflichten sollen, ihren
Treibhausgasausstoß um 30 Prozent zu reduzieren.

Dazu haben wir, die CDU/CSU und die SPD, uns in
unserem Nairobiantrag bekannt. Darin haben wir mit aller
Deutlichkeit gesagt: Um das Ziel einer Reduzierung um
30 Prozent zu erreichen, sind wir bereit, mehr zu machen.
Wir haben uns auf die Enquete-Kommission des Deut-
schen Bundestages berufen und uns dazu bereit erklärt,
unsere CO2-Emissionen bis 2020 um bis zu 40 Prozent zu
reduzieren.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Ich finde das Bekenntnis zu dieser Vorreiterrolle rich-
tig. Gleichzeitig weiß ich, dass der eine oder andere in
der Wirtschaft Bedenken hat und ein 40-Prozent-Ziel
als Bedrohung empfindet. Ich bin der Überzeugung: Das
Gegenteil ist richtig. Ein 40-Prozent-Ziel und damit ein
engagierter Klimaschutz stellt keine Bedrohung dar, son-
dern bietet eine Chance für effizientes Wirtschaften und
auch eine Chance für Arbeitsplätze in Deutschland durch
neue Technologien.

Ich will das an einem Paradebeispiel belegen: an dem
CO2-Gebäudesanierungsprogramm der Bundesregie-
rung. Die Bundesregierung hat nach ihrem Amtsantritt
die Mittel für dieses Programm von früher 300 000 Euro
mehr als vervierfacht und auf 1,4 Milliarden Euro im
Jahr bzw. über 5 Milliarden Euro insgesamt in dieser Le-
gislaturperiode aufgestockt. Damit wird unglaublich viel
im Bereich der Reduktion von CO2-Emissionen erreicht.
Gleichzeitig profitiert aber auch der kleine Handwerks-
betrieb vor Ort. Wir erleben hier regelrecht einen Auf-
schwung. Die Handwerksbetriebe können sich vor Auf-
trägen, die aus diesem Programm resultieren, kaum
retten. Schließlich sinken auch die Heizkosten. Davon
profitieren alle Bürger, sowohl Mieter als auch Selbst-
nutzer. Ich finde, das ist ein Paradebeispiel dafür, dass
Ökonomie und Ökologie keine Gegensätze sind und Kli-
maschutz auch als Chance begriffen werden kann.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie des Abg. Dr. Reinhard Loske [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])


Dasselbe gilt für den Bereich der regenerativen Ener-
gien, in dem wir führend sind in der Welt. Ich erinnere
mich an ein Gespräch mit Achim Steiner in Nairobi. Er
kam gerade zurück aus China und sagte, dass man dort
bei allem Widerwillen, der bezüglich einer Beteiligung
an internationalen Klimaschutzprogrammen herrscht,
die ökonomische Seite des Einsatzes dieser Energien er-
kannt habe und gerade ein milliardenschweres Pro-

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(C (D ramm zur Förderung regenerativer Energien auflegen ürde. Wir müssen, wie ich finde, an uns den Anspruch tellen, auch zukünftig in diesem Bereich an der Spitze u stehen und Hauptexporteur dieser Technologien in er Welt zu bleiben. Deshalb werden wir auch in Zuunft die Förderung in diesem Bereich fortführen und och verbessern. Das gilt für den Bereich der regeneratien Energien insgesamt, in besonderer Weise – das ist chon angesprochen worden – für den Bereich der regeerativen Wärme. Jetzt habe ich zwei Bereiche angesprochen, das Geäudesanierungsprogramm und die erneuerbaren Enerien. Hier machen wir nicht nur genauso viel wie Rotrün, indem wir alle Programme, die bisher aufgelegt urden, fortführen, sondern auch noch vieles darüber hiaus. Deshalb finde ich es schon verwunderlich – ich omme jetzt zum Thema Emissionshandel –, wenn jetzt er Nationale Allokationsplan der Bundesregierung voneiten der Grünen angegriffen wird. Frau Künast hat vorin gesagt, sie wolle sich gerne auf einen Wettbewerb inlassen, nur nicht mit der SPD, weil die in ihrer damaigen Koalition der Bremser gewesen wäre. Aber anonsten würde sie anbieten, in einen solchen Wettbewerb inzutreten. Ich finde, wir als CDU/CSU haben allen rund, diesen Wettbewerb anzunehmen. Frau Künast uss sich dabei aber schon gefallen lassen, nicht an dem emessen zu werden, was sie jetzt aus der Opposition eraus fordert, sondern an dem, was die rot-grüne Bunesregierung getan hat. u ihren Ausführungen, Arnold Schwarzenegger würde eute nach Deutschland schicken, um zu schauen, wie an den Emissionshandel nicht aufziehen sollte, kann ch nur sagen: Es gibt bisher nur eine einzige Form des missionshandels, einen einzigen Nationalen Allokationslan, und diesen hat der Kollege Trittin zu verantworten. (Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg. Gabriele Groneberg [SPD])


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


(Beifall bei der CDU/CSU)


Abschließend noch eine Bemerkung hierzu. Die
ahrheit ist am Ende immer konkret. Minister Gabriel

at die Fakten genannt: Der damalige Minister Trittin
at CO2-Zertifikate im Umfang von 510 Millionen Ton-
en verteilt, wir aber werden erheblich weniger ausge-
en und damit immerhin bedeutend mehr für Klima-
chutz als die rot-grüne Bundesregierung machen. Ich
inde, auf diesem Weg sollten Sie uns zwar kritisch, aber
onstruktiv begleiten und unsere Leistung dann auch an-
rkennen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Auch ich bin der Meinung, dass noch die eine oder
ndere Diskussion zu führen ist. So wird ja darüber dis-
utiert, ob eine Versteigerung von Emissionszertifikaten
n dem Umfang, wie ihn die Europäische Union vorsieht,
ichtig ist. Ich persönlich bin dafür. Es gibt viele Befür-
orter in den Reihen der Koalitionsfraktionen und auch

n den Reihen von CDU und CSU. Es gibt aber die eine
der andere offene Frage. Diese Fragen werden wir im

9502 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Andreas Jung (Konstanz)

Gesetzgebungsverfahren diskutieren. Ich glaube, das ist
der richtige Weg, und ich bin sicher, wir werden am
Ende gemeinsam zu einem guten Ergebnis kommen.

Ich möchte noch eine letzte Bemerkung zur Verkehrs-
politik machen: Es ist ja unbestritten, dass auch der Ver-
kehrssektor in den Klimaschutzprozess einbezogen wer-
den muss. Genau dies geschieht auch im Bereich des
Pkw-Verkehrs mit der Umstellung der Bemessungsgrund-
lage für die Kraftfahrzeugsteuer auf den CO2-Ausstoß und
im Bereich des Flugverkehrs, indem er auf europäischer
Ebene in den Emissionshandel einbezogen werden soll.

Ich glaube, dass man sagen kann, dass hier unglaub-
lich viel in Bewegung ist. Die Bundesregierung wird ih-
rer Verantwortung gerecht. Sie wird dabei von der CDU/
CSU-Bundestagsfraktion mit Nachdruck unterstützt,
auch deshalb, weil „Klima schützen“ für uns als CDU
und CSU immer auch „Schöpfung bewahren“ heißt.
Deshalb stehen wir an der Seite der Bundeskanzlerin, die
das Thema Klimaschutz zum Topthema in Europa und in
der ganzen Welt gemacht hat.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609402600

Das Wort hat jetzt der Kollege Rolf Hempelmann von

der SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Rolf Hempelmann (SPD):
Rede ID: ID1609402700

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen!

Klimaschutz steht ganz oben auf der politischen Agenda
– das zeigt auch die heutige Regierungserklärung zum
Klimaschutz –, und das ist gut so. Das sage ich auch als
Wirtschaftspolitiker. Bei der SPD steht das nicht erst seit
dem Stern-Review, dem IPCC-Report und der jetzt so
großen Medienöffentlichkeit weit oben.

Wir sollten uns zwischen Rot und Grün da nicht
schlechterreden, als wir waren oder sind. Zugegeben:
Der Emissionshandel hat nicht so funktioniert, wie wir
uns das vielleicht erhofft haben. Aber wir haben in den
Jahren der rot-grünen Koalition auch andere Markenzei-
chen wie Erneuerbare-Energien-Gesetz, Ökosteuer oder
Kraft-Wärme-Kopplung gesetzt. Wir haben in der Gro-
ßen Koalition daran mitgewirkt, dass es ein CO2-Gebäu-
desanierungsprogramm, den Gebäudeenergieausweis
oder zum Beispiel auch eine Biokraftstoffstrategie gibt.


(Beifall bei der SPD)


Klar ist heute aber auch geworden: Das alles reicht
noch nicht. Wir brauchen ein Aktionsprogramm Kli-
maschutz – das ist in den Eckpunkten von Sigmar
Gabriel heute vorgestellt worden und von uns zu unter-
stützen –, das noch viel ambitionierter und wesentlich
konsequenter als alles ist, was wir bisher getan haben. Es
ist ebenfalls deutlich geworden: Wir brauchen es vor al-
lem zur Sicherung der Bewohnbarkeit unseres Planeten
für die kommenden Generationen.

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(C (D Diese Aufgabe, Klimaschutz, ist für sich genommen chon schwierig genug. Politik wird allerdings zur Kunst man sollte das in solchen Debatten gar nicht verchweigen –, wenn es darum geht, Klimaschutz mit ökoomischen und sozialen Zielen zu verbinden. Manches äuft da ganz automatisch, aber man muss schon sehr uch auf die Einzelheiten achten. Es geht also um nicht weniger als um Sicherung der ewohnbarkeit des Planeten, aber eben auch um Siche ung unseres Wohlstands und um Gewährleistung unseer Versorgung mit sicherer, aber auch bezahlbarer Enerie. Es geht ebenfalls um Arbeitsplätze, Arbeitsplätze im ereich der Zukunftsenergien, im Bereich von Effizienzchnologien, aber durchaus auch – das ist im Vortrag des undesumweltministers ebenfalls deutlich geworden – konventionellen Kraftwerkssektor. Eines werden und dürfen wir nicht zulassen: eine eueinteilung der Welt in Gut und Böse nach dem otto: Gut sind die, die sich um die erneuerbaren Ener ien kümmern, und böse sind die anderen, die über Moernisierung und Arbeitsplätze etwa in konventionellen ereichen sprechen. – Ich glaube, wir haben heute ge ernt, dass wir auf Sicht beides benötigen. Deutschland als Industrieland und als Land mit einem urch den Einsatz fossiler Brennstoffe geprägten Krafterkspark kommt im internationalen Klimaschutz eine twas andere Aufgabe zu als einem Land wie Frankeich, das im Wesentlichen von Kernenergie lebt und ach wie vor stark agrarisch geprägt ist. Wir haben geeigt, dass wir zu Hause erneuerbare Energien entwikeln und verstromen können und dass wir diese Techologien exportieren können. Das ist eine Erfolgsstory, ie wir fortsetzen wollen. Wir werden zeigen, dass wir zu Hause weitere Techiken zur umweltfreundlichen und klimaverträglichen erstromung fossiler Energien entwickeln können. enn uns das gelingt und wenn wir Länder wie China der Indien davon überzeugen, nicht nur, wie bisher, indkraftanlagen von Deutschland zu importieren, son ern zum Beispiel auch umweltfreundliche Autos, tromsparende Elektrogeräte und konventionelle Krafterkstechnologien, dann werden wir ökologischen Fort chritt und wirtschaftlichen Erfolg miteinander verbunen haben. Nicht weniger erwarten die Menschen von ns. Vielen Dank. Das Wort hat jetzt die Kollegin Gabriele Groneberg on der SPD-Fraktion. Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! eine sehr geehrten Damen und Herren! Ich bin unse em Umweltminister Sigmar Gabriel wirklich dafür Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9503 Gabriele Groneberg dankbar, dass er so deutlich ausgeführt hat, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Entwicklungsländer hat. Insofern freue ich mich doppelt – mir steht wenig Zeit zur Verfügung –, dass ich jetzt auf die konkreten Maßnahmen eingehen kann, die wir hier in Deutschland auf den Weg gebracht haben, um auf den Klimawandel in den Entwicklungsländern zu reagieren und um diesen Ländern zu helfen. Sigmar Gabriel hat neben der politischen und der zeitlichen zu Recht die moralische Dimension betont, die wir ausfüllen müssen. Daraus resultiert, dass in den Industrieund Entwicklungsländern ein zweigleisiger Ansatz verfolgt werden muss: Die Bekämpfung der Ursachen und die Anpassung an die bereits eingetretenen Folgen müssen einander ergänzen. – Das ist keine neue Erkenntnis. Wir haben dies in den vergangenen Jahren nicht nur in etlichen Anträgen deutlich gemacht; wir sind vielmehr vor allen Dingen im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklung bereits aktiv Handelnde. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit räumt dem Ausbau erneuerbarer Energien und der Verbesserung der Energieeffizienz einen Vorrang ein. Unser vielfältiges Engagement auf diesem Gebiet dient dazu, den Zugang zu sauberer Energie zu verbessern, klimaund umweltschädliche Folgen zu reduzieren und zugleich die Armut zu mindern. Bereits 2004 wurde im Zusammenhang mit der Internationalen Konferenz für Erneuerbare Energien in Bonn durch Bundeskanzler Gerhard Schröder und Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul die Sonderfazilität für erneuerbare Energien und Energieeffizienz – das ist ganz wichtig – auf den Weg gebracht. Wegen der starken Nachfrage dieses erfolgreichen Instruments hat diese Große Koalition die Zuschussmittel für 2007 bereits auf 50 Millionen Euro verdoppelt und das ursprünglich auf fünf Jahre angelegte Programm damit dauerhaft eingerichtet. Ich bedauere sehr, dass Frau Künast ausgerechnet jetzt nicht da ist; denn das sollte sie sich einmal anhören. (Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)

Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
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(Beifall bei der SPD)

Gabriele Groneberg (SPD):
Rede ID: ID1609402900

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Auch bei der Anpassung an den Klimawandel un-
terstützt die deutsche Entwicklungszusammenarbeit die
Entwicklungsländer, insbesondere in den Bereichen In-
frastruktur, Wasserwirtschaft, Landwirtschaft und Ge-
sundheitswesen. Darüber hinaus unterstützten wir den
Klimafonds „Global Environment Facility“ zur Anpas-
sung an den Klimawandel in den ärmsten Ländern in
diesem Jahr mit einem Finanzierungsbetrag von
25 Millionen Euro.

Außerdem ist es uns wichtig, den in Nairobi beschlos-
senen Anpassungsfonds auf den Weg zu bringen, damit
er auf der nächsten Weltklimakonferenz in Bali verab-
schiedet werden kann. Dieses innovative internationale
Finanzierungsinstrument ist ein Schritt in die richtige
Richtung. Mithilfe der durch den projektbezogenen
Emissionshandel erzielten Abgaben könnten in Zukunft
Milliarden von Dollar in den Anpassungsfonds einge-

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(C (D peist werden. Es ist zwingend notwendig, dass die Enticklungsländer, insbesondere die in Afrika, an dem im ahmen des Kiotoprotokolls vereinbarten Instrument es Clean-Development-Mechanism – es ist heute chon mehrfach erwähnt worden – stärker partizipieen. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass wir die Fianzierung dieser emissionsmindernden Maßnahmen n Entwicklungsländern ausweiten, indem wir zur Veresserung der Rahmenbedingungen für Investitionen eitragen. Darin sind wir uns mit den Wirtschaftspolitiern einig. Ich möchte einfach einmal eine Zahl nennen. Wir haen zurzeit 45 Partnerländer, in denen wir im Energiebeeich und im Klimabereich tätig sind. Dafür haben wir in Volumen von 1,6 Milliarden Euro zur Verfügung getellt. Allein bei fünf Projekten haben wir 3,4 Millionen enschen den Anschluss an zuverlässige und moderne nergieversorgung ermöglicht. Es wäre natürlich angeracht, hierfür konkrete Beispiele zu nennen. Dafür fehlt eider die Zeit. Wichtig ist, dass sich immer mehr Regieungen in den Entwicklungsländern aufmachen, sich vor llen Dingen im Klimabereich ganz ehrgeizige Ziele zu etzen. Sie tun das aus Überzeugung; denn sie wissen, ass es für ihre eigene positive Entwicklung zwingend otwendig ist. Darin wollen wir sie unterstützen. (Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Ich möchte noch etwas zu unserem eigenen Verhalten
agen. Eine Diskussion über das, was, vorsichtig um-
chrieben, als „innovative Finanzierungsinstrumente“
ezeichnet wird, ist bei uns in Deutschland überfällig.
ch erwähne bewusst die Reizwörter „Ticketabgabe“ und
Kerosinsteuer“. Herr Kauch, Ihr Antrag leistet leider
einen positiven Beitrag dazu; denn seine Ausrichtung
eht an vielem vorbei, was wir auf den Weg bringen
üssen.

Ich frage mich, warum wir hier in Deutschland eine
ffene Diskussion scheuen. Andere EU-Länder sind
chon längst auf diesem Feld unterwegs. Wir beklagen
en massiven CO2-Ausstoß, gleichzeitig behandeln wir
ahn und Flugzeug mit ihren unterschiedlichen Emis-

ionen sehr ungerecht. Wir müssen da aktiv werden.

Also wende ich mich einfach einmal an die mutlosen
ollegen hier: Die Behauptung, es sei für unsere Luft-
erkehrsgesellschaften nicht zu finanzieren, halte ich für
ine faule Ausrede; das muss ich jetzt einmal sagen.
ettbewerb kann und muss man international organisie-

en. Wenn wir da auch mit der FDP auf einen Nenner
ommen, dann können wir das zusammen erreichen.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609403000

Als letzte Rednerin zu diesem Tagesordnungspunkt

rteile ich das Wort der Kollegin Rita Schwarzelühr-
utter von der SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)


9504 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD):
Rede ID: ID1609403100

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Die unbequeme Wahrheit ist bei uns ange-
kommen. Klimapolitik ist mehr als nur ein Lippenbe-
kenntnis. Heute ist der Auftakt, um die Maßnahmen zum
Klimaschutz zu beschleunigen.

Wir verfolgen im Verkehrsbereich ein breit gefä-
chertes Maßnahmenpaket, das aus preispolitischen, tech-
nischen, ordnungsrechtlichen sowie Aufklärungs- und
Informationsmaßnahmen besteht und den Aspekt der
Wettbewerbsneutralität und der sozialen Verträglichkeit
beachtet. Wir brauchen verbindliche CO2-Obergrenzen
in der EU, nachdem die Selbstverpflichtung der Auto-
mobilindustrie aller Voraussicht nach nicht erfüllt wird.
Das Ziel, den CO2-Ausstoß bis 2012 auf 120 Gramm pro
Kilometer zu senken, muss durch innovative Antriebs-
technik und die Biokraftstoffstrategie erreicht werden.
Deshalb muss auch die ACEA-Zusage der Automobilin-
dustrie zur Reduzierung der spezifischen CO2-Emissio-
nen von Neufahrzeugen weiterentwickelt werden. Die
Potenziale und technologischen Innovationen zur Errei-
chung der Minderungsziele sind vorhanden. Jetzt geht es
darum, sie endlich zu nutzen.

Die Autoindustrie in Deutschland muss ernsthaft um-
denken und dafür sorgen, dass effizientere Motoren den
Markt durchdringen und neue Antriebstechnologien
schnellstmöglich auf den Markt kommen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Die Automobilindustrie muss die Chancen der Techno-
logieführerschaft nutzen, um wettbewerbsfähig zu blei-
ben. Dass der designierte VDA-Präsident auch Mitglied
beim BUND ist, wird hoffentlich dazu führen, dass der
Automobilverband mit einer konsequenten Klimastrate-
gie nachhaltig zur CO2-Minderung beitragen wird.


(Beifall bei der SPD – Dr. Uwe Küster [SPD]: Sehr gute Idee!)


Nun ist der Mensch, insbesondere der Autofahrer und
die Autofahrerin, eine träge Spezies. Die Warnungen vor
den Auswirkungen des Klimawandels alleine reichen
zum Umsteigen nicht aus. Anreize zum Kauf von klima-
freundlichen Autos müssen verstärkt über den Geldbeu-
tel erfolgen. Die Umstellung auf die CO2-basierte Kfz-
Steuer ist in der Ressortabstimmung und soll zum
1. Januar 2008 in Kraft treten. Käufer CO2-armer Neu-
wagen werden dann mit weniger Kfz-Steuer belastet als
diejenigen, die sich für klimaschädliche Modelle ent-
scheiden. Meiner Meinung nach sollte jedes Gramm
CO2 mehr einen deutlichen Unterschied machen.

Damit der Autofahrer gleich beim Kauf eines neuen
Autos die CO2-Bilanz erkennen kann, soll ihm der Kli-
mapass helfen. Noch in diesem Jahr wird er vom Bun-
desverkehrsministerium eingeführt.

Ich begrüße auch, dass unser Umweltminister heute
angekündigt hat, dass die steuerlichen Privilegien für
spritfressende Dienstfahrzeuge auf den Prüfstand sollen.

Mit der richtigen Fahrweise lassen sich leicht bis zu
25 Prozent Kraftstoff sparen, ohne auf Fahrkomfort,
Fahrspaß und zügiges Fortkommen verzichten zu müs-

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(C (D en. Deshalb investiert das Verkehrsministerium in die chulung der Fahrlehrer in spritsparender Fahrweise. pritsparend Fahren heißt auch, mit angemessenem empo zu fahren. Herr Dr. Loske, wir sind offen für ein empolimit, aber wir setzen erst einmal auf die Maßnahen, mit denen man bei der CO2-Einsparung nicht kle kert, sondern wirklich klotzen kann. (Undine Kurth [Quedlinburg] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Nur nichts tun!)


Um eine Tonne CO2 zu erzeugen, braucht ein Flug-
eug nur 3 000 Kilometer, ein Pkw 7 000 Kilometer und
in Zug 17 000 Kilometer pro Person. Fliegen kostet
ennoch immer weniger. Die Prognosen gehen von einer
erdoppelung der Passagierzahlen im Luftverkehr in
en nächsten 20 Jahren aus. Unter den Flugzeugen gibt
s erhebliche Unterschiede. Wir haben ein Vorzeigemo-
ell, den A380, das 3-Liter-Fahrzeug unter den Flugzeu-
en. Deshalb ist die Einführung emissionsabhängiger
andegebühren wichtig. Ich bin froh, dass München und
rankfurt am Main ab dem 1. Januar 2008 diesbezüglich
ine dreijährige Testphase starten. Das wird sich sicher-
ich auf die Flotte der Luftverkehrsgesellschaften aus-
irken.

Ein ganz wichtiges Instrument zur Förderung der Ener-
ieeffizienz im Luftverkehr ist es, den Luftverkehr in den
missionshandel einzubeziehen. Deutschland ist hierbei
otor. Wir müssen darauf achten, dass wir in der EU

ine Einigung erzielen, damit auch die ICAO dies im
erbst aufgreift, dies global umgesetzt wird und damit

uch der Luftverkehr seinen Beitrag zum Klimaschutz
eistet.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609403200

Frau Kollegin, kommen Sie bitte zum Schluss.


Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD):
Rede ID: ID1609403300

Sofort.

Mit der gestern vom Bundeskabinett verabschiedeten
egelung zur Energieeinsparverordnung schaffen wir
ine wesentliche Voraussetzung für mehr Transparenz
uf dem Wohnungs- und Immobilienmarkt. Der Ener-
ieausweis ist wirklich ein Fortschritt. Aber wir dürfen
icht stehen bleiben. Wir brauchen in Zukunft für Neu-
auten das Passivhaus als Standard. Für Altbauten muss
as Niedrigenergiehaus 40 zum Standard werden.

Das Gebäudesanierungsprogramm wurde schon oft
ngesprochen.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609403400

Frau Kollegin, Ihre Zeit ist lange abgelaufen. Ich

itte, zum Schluss zu kommen.


Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD):
Rede ID: ID1609403500

Wir brauchen eine Verlängerung des CO2-Gebäudesa-

ierungsprogramms über 2009 hinaus.

Das Klima ist kein träges Faultier, sondern eine wilde
estie, sagt Wallace Broecker. Deshalb lassen Sie uns

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9505


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Rita Schwarzelühr-Sutter
auch keine Faultiere sein, sondern den Klimaschutz an-
gehen, und zwar aktiv, nachhaltig und mutig.

Danke.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Andreas Jung [Konstanz] [CDU/CSU])



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609403600

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 16/3355, 16/4610, 16/4760 und 16/5129
an die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vor-
geschlagen, wobei die Vorlagen auf den Druck-
sachen 16/3355 und 16/4760 federführend beim Aus-
schuss für Wirtschaft und Technologie beraten werden
sollen. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall.
Dann sind die Überweisungen so beschlossen.

Wir kommen zur Abstimmung über die Beschluss-
empfehlung des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit zu dem Antrag der Fraktion des
Bündnisses 90/Die Grünen mit dem Titel „Für eine radi-
kale und konsequente Klimapolitik“. Der Ausschuss
empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf Druck-
sache 16/4766, den Antrag der Fraktion des Bünd-
nisses 90/Die Grünen auf Drucksache 16/3283 abzuleh-
nen. Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? –
Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Die Beschlussemp-
fehlung ist mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen
und der FDP-Fraktion gegen die Stimmen der Fraktio-
nen Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen angenom-
men.

Wir kommen zur Abstimmung über die Beschluss-
empfehlung des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit zu dem Antrag der Fraktion
Die Linke mit dem Titel „Klares Signal für die Kyoto-II-
Verhandlungen auf der UN-Klimakonferenz in Nairobi
setzen“. Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschluss-
empfehlung auf Drucksache 16/4767, den Antrag der
Fraktion Die Linke auf Drucksache 16/3026 abzulehnen.
Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Gegen-
stimmen? – Enthaltungen? – Die Beschlussempfehlung
ist mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen und der
FDP-Fraktion bei Gegenstimmen der Fraktionen
Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen angenommen.

Wir kommen zur Abstimmung über die Beschluss-
empfehlung des Ausschusses für Verkehr, Bau und
Stadtentwicklung zu dem Antrag der Fraktion Die Linke
mit dem Titel „Trendwende beim Klimaschutz im Ver-
kehr – Nachhaltige Mobilität für alle ermöglichen“. Der
Ausschuss empfiehlt unter Nr. 1 seiner Beschlussemp-
fehlung auf Drucksache 16/5135, den Antrag der Frak-
tion Die Linke auf Drucksache 16/4416 abzulehnen. Wer
stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Gegenstim-
men? – Enthaltungen? – Auch diese Beschlussempfeh-
lung ist mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen und
der FDP-Fraktion bei Gegenstimmen der Fraktionen
Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen angenommen.

Unter Nr. 2 seiner Beschlussempfehlung auf Druck-
sache 16/5135 empfiehlt der Ausschuss die Ablehnung

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(C (D es Antrags der Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen uf Drucksache 16/4429 mit dem Titel „Wirksame Kliaschutzmaßnahmen im Straßenverkehr ergreifen“. Wer timmt für diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt daegen? – Enthaltungen? – Die Beschlussempfehlung ist it den Stimmen der Koalitionsfraktionen und der FDPraktion bei Gegenstimmen der Fraktionen Die Linke nd Bündnis 90/Die Grünen angenommen. Ich rufe die Tagesordnungspunkte 5 a und 5 b auf: a)

Dr. Heinrich L. Kolb, Dirk Niebel, Birgit
Homburger, weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion der FDP

Vorschläge des Sachverständigenrates aufgrei-
fen – Tarifrecht flexibilisieren, auf Mindest-
löhne verzichten, Bürgergeld einführen

– Drucksache 16/4864 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)

Rechtsausschuss
Finanzausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Brigitte
Pothmer, Kerstin Andreae, Dr. Thea Dückert,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Schnell handeln für eine umfassende Mindest-
lohnregelung

– Drucksache 16/5102 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
ie Aussprache anderthalb Stunden vorgesehen. Gibt es
iderspruch? – Das ist nicht der Fall. Dann ist so be-

chlossen.

Ich eröffne die Aussprache und erteile als erstem Red-
er dem Kollegen Dirk Niebel von der FDP-Fraktion das
ort.


(Beifall bei der FDP)



Dr. h.c. Dirk Niebel (FDP):
Rede ID: ID1609403700

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und

erren! Die „Süddeutsche Zeitung“ überschreibt ihren
eutigen Kommentar mit „Koalition der Qual“.


(Hubertus Heil [SPD]: Für Sie vielleicht!)


eit fast zwei Jahren vergraben und verschanzen sich die
chwarzen und die Roten in ihren ideologischen Schüt-
engräben.


(Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: Gut, dass ihr so pragmatisch bei diesem Thema seid!)


en Medien können wir entnehmen, dass es jetzt zum
usbruch offener Kampfhandlungen gekommen ist.


(Klaus Brandner [SPD]: Ist das jetzt Ihr Antrag?)


9506 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Dirk Niebel
Die Situation in der Bundesregierung ist desolat. Das
sieht man nicht nur an den öffentlichen Diskussionen,
sondern auch an dem Klima, das in der Koalition
herrscht. Die Folge davon ist, dass die Lösung der Pro-
bleme der Menschen in den Hintergrund und Symbolpo-
litik in den Vordergrund tritt.


(Beifall bei der FDP)


Diese Symbolpolitik wird von den Schwarzen und
den Roten immer wieder am Thema Mindestlöhne fest-
gemacht. Hierüber wird gestritten wie die Kesselflicker,
und man versucht, die Menschen glauben zu machen,
dass man ihre Lebenssituation verbessern könnte. Im Er-
gebnis wird die Situation der Menschen aber immer
schlechter, weil Sie nicht verstehen, dass es in diesem
Land gar nicht um Mindestlöhne, sondern um Min-
desteinkünfte geht.


(Beifall bei der FDP)


Die Mindesteinkünfte der Menschen in Deutschland
werden immer dann niedriger, wenn sie durch Steuern
und Abgaben stärker belastet werden;


(Beifall bei der FDP – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: So ist es! Mehrwertsteuer!)


denn ein Mindestlohn, der vom Arbeitgeber gezahlt wer-
den muss, kommt beim Arbeitnehmer in aller Regel nicht
an. Diese Regierung hat, seit sie im Amt ist, dreist in die
Taschen der Bürgerinnen und Bürger gegriffen und kräf-
tig abkassiert. Sie hat das zur Verfügung stehende Netto-
einkommen immer weiter geschmälert. Durch ihr Han-
deln kommt sie immer weiter weg von der notwendigen
Erhöhung der Mindesteinkünfte der Menschen in diesem
Land.


(Beifall bei der FDP)


Mindestlöhne wirken nicht, wenn sie zu niedrig sind,
und wenn sie zu hoch sind, führen sie gerade bei Gering-
qualifizierten zum Verlust von Arbeitsplätzen, und zwar
im Inland und in der legalen Wirtschaft. Wenn ein Min-
destlohn zu hoch ist, wenn also der Preis, den ein Arbeit-
nehmer für seine Leistung bekommt, nicht mit der Leis-
tung in Einklang steht, dann wird diese Arbeitsleistung
in der legalen Wirtschaft nicht mehr nachgefragt. Das
verbessert die Chance nicht, sondern vernichtet Chan-
cen, insbesondere für Geringqualifizierte.

Es nützt gar nichts, wenn die Union ein wenig zappelt
und im Endeffekt vielleicht nur das Entsendegesetz aus-
weitet; denn auch das sind Mindestlöhne. Wir müssen
dafür sorgen, dass die Menschen die Chance erhalten,
entsprechend ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit am
Erwerbsprozess teilzunehmen. Wenn das Geld, das sie
damit erwirtschaften können, nicht ausreicht, müssen
wir dafür sorgen, dass sie einen Zuschuss aus einem
Steuer- und Transfersystem aus einem Guss erhalten:


(Beifall bei der FDP)


ein Bürgergeld, das dafür sorgt, dass Erwerbstätigkeit
auch für Geringqualifizierte möglich ist. Wir brauchen in
Deutschland einen geordneten Niedriglohnsektor, der
mit dem Steuersystem kombiniert wird. Diese Bundesre-

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(C (D ierung hat auf diesem Gebiet aber nicht einmal den auch von Lösungswillen gezeigt. Das Konzept, das der thüringische Ministerpräsident onseiten der Union vorgelegt hat, ist nicht einmal durch ie Parteigremien gegangen. Es würde im Übrigen auch icht zum Ziel führen; denn wir brauchen ein bedarfsorintiertes Bürgergeld und kein bedingungsloses Bürgereld. Wir brauchen ein Bürgergeld, das diejenigen untertützt, die sich nicht allein helfen können, die die Hilfe er Allgemeinheit brauchen. Wir brauchen kein Bürgereld, das jeder bekommt, auch wenn er Millionär ist oder icht bereit ist, zu arbeiten. Bedingungslosigkeit ist leisungsfeindlich! Wir brauchen ein Steuerund Transfersystem aus eiem Guss, kombiniert mit einer Öffnung der Tarife, dait in Deutschland wieder die Arbeit angeboten werden ann, die heute nicht mehr angeboten wird, weil sie einach zu teuer ist. Dann hätten viele Menschen wieder ine Chance zur Teilhabe. Ich weiß, dass der Kollege Generalsekretär der SPD achher noch reden wird. Deswegen möchte ich etwas nführen, was er kritisiert hat: das Faktotum. Das Fakotum ist laut „wissen.de“ eine „vielseitige, aufgrund angjähriger Dienste unentbehrliche Hilfskraft“. Das ist lso ein durchaus positiv besetzter Begriff. (Hubertus Heil [SPD]: Ist das eine Berufsbezeichnung für Generalsekretäre?)


(Beifall bei der FDP)


in Faktotum gab es früher in fast jedem mittleren Be-
rieb.


(Hubertus Heil [SPD]: Sogar bei der FDP!)


as waren Menschen, die Dienste gemacht haben, die
infache Tätigkeiten ausgeführt haben, die Möbel von A
ach B getragen haben, die den Hof gereinigt haben, die
inmal etwas repariert haben und die für die innerbe-
riebliche Kommunikation bestimmt weit wichtiger wa-
en als jedes moderne Serversystem. Ein solches Fakto-
um als Beispiel für jemanden, der einfache Tätigkeiten
usführt, gibt es heute nicht mehr, weil sich ein Betrieb
o einen Arbeitnehmer, wenn er ihn entsprechend der
nteren Tariflohngruppen der meisten Branchen bezah-
en müsste, schlichtweg nicht leisten könnte.

Wären Sie in der Lage, einen solchen Menschen ent-
prechend seiner Produktivität zu bezahlen, hätte er zwar
in geringes eigenes Einkommen, aber Sie hätten viele
ositive Effekte: Dieser Mensch hätte mehr Selbstwert-
efühl. Denn erwachsene Menschen kümmern sich in al-
er Regel lieber selbst um ihr Einkommen, als dass sie
aschengeld von der Allgemeinheit empfangen.


(Beifall bei der FDP)


ieser Mensch hätte geringere Schwierigkeiten, was die
sychosozialen Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit an-
etrifft. Denn Arbeitslosigkeit macht krank. Wenn man
uch nur für ein bisschen, für ein geringes Entgelt arbei-
en kann,


(Hubertus Heil [SPD]: Almosen, sonst nichts!)


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9507


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Dirk Niebel
dann hat man bessere Chancen, gesund zu bleiben, und
man fühlt sich wohler.


(Beifall bei der FDP)


Außerdem hätte dieser Mensch zumindest während der
Arbeitszeit nicht mehr die Möglichkeit, schwarzzuarbei-
ten. Auch das ist ein Gesichtspunkt, den man durchaus
berücksichtigen müsste.

Damit aber jemand, der arbeitet, mehr hat als jemand,
der nicht arbeitet, brauchen Sie einen Ausgleichsmecha-
nismus, der möglichst wenige Verwerfungen am Ar-
beitsmarkt mit sich bringt. Mindestlöhne vernichten sol-
che Arbeitsplätze. Kombilöhne führen zu Lohndumping,
weil ein Arbeitgeber oder ein Arbeitsplatz subventioniert
wird. Ein Steuer- und Transfersystem aus einem Guss, in
Form eines Steuerzuschusses im Einkommensteuersys-
tem, wie wir es vorschlagen, minimiert diese negativen
Effekte und führt dazu, dass Menschen mit geringen
Qualifikationen ein existenzsicherndes Einkommen be-
kommen, führt dazu, dass Arbeitsplätze entstehen, die es
heute in der legalen Wirtschaft nicht mehr gibt. Dadurch
steigen auch die Möglichkeiten für Konsum und Steuer-
einnahmen in diesem Land. Denn jemand, der arbeitet
und mehr verdient als jemand, der nicht arbeitet, kann
auch mehr konsumieren, und der Staat hat auch mehr
Einnahmen.

Kommen Sie raus aus Ihren Schützengräben, aber
nicht um sich gegenseitig im offenen Gefecht zu begeg-
nen, sondern um die Probleme der Menschen in diesem
Land zu lösen. Das ist Ihre Aufgabe, dafür werden Sie
Große Koalition genannt – nicht etwa dafür, dass hier so
viele von Ihnen sitzen.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der FDP – Hubertus Heil [SPD]: Das war ja gar nichts! – Dr. Uwe Küster [SPD]: Heißluftballon!)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609403800

Das Wort hat jetzt der Kollege Ronald Pofalla von der

CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Ronald Pofalla (CDU):
Rede ID: ID1609403900

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! In

fünf Tagen ist der 1. Mai.


(Beifall des Abg. Hubertus Heil [SPD])


Wir werden am 1. Mai einen Überbietungswettbewerb in
Sachen Mindestlohn haben. 7,50 Euro Mindestlohn for-
dern die Gewerkschaften, 8,50 Euro fordert die Links-
partei,


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


und bei den Grünen weiß man nicht so richtig. Vielleicht
kommen die noch auf die Idee, einen Mindestlohn von
10 Euro zu fordern. Ich kann nur sagen: Willkommen in
Fantasia! Alle diese Forderungen gehen an der Realität
und der Situation der Bundesrepublik Deutschland vor-
bei.

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(C (D Dann gibt es da einen Herrn Bsirske, der am 1. Mai ieder öffentlich einen Mindestlohn von 7,50 Euro forern wird. r will danach – so habe ich es der Presse entnommen – ogar auf „Mindestlohntour“ gehen. Derselbe Herr Bsirske at als Vorsitzender von Verdi in Thüringen einen Tarifbschluss unterzeichnet, der einen tariflichen, für allgeeinverbindlich erklärten Höchstlohn – ich wiederhole: öchstlohn – von 4,45 Euro vorsieht. Und so einer forert einen Mindestlohn von 7,50 Euro. Das passt nicht usammen, und darauf muss man hinweisen. (Beifall bei der CDU/CSU – Dirk Niebel [FDP]: Pharisäer!)


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


(Zuruf von der LINKEN: Bravo!)


Das ist übrigens kein Einzelfall. Verdi hat reihenweise
arifverträge abgeschlossen, in denen festgelegt ist, dass
ie unterste Lohngruppe zwischen 4 und 5 Euro pro
tunde liegt. So viel zur Ehrlichkeit bei der Forderung
ach einem Mindestlohn für alle.

Um jedes Missverständnis auszuräumen, will ich hier
ür die Union klar und deutlich sagen: Die Union akzep-
iert kein Lohndumping, das zu menschenunwürdigen
edingungen in Deutschland führt.


(Beifall bei der CDU/CSU – Widerspruch bei der LINKEN)


DU und CSU akzeptieren keinen sittenwidrigen Lohn.


(Hüseyin-Kenan Aydin [DIE LINKE]: Doch, tun Sie!)


ir sind gegen sittenwidrige Löhne in Deutschland und
erden auf so etwas entsprechend reagieren.


(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Wann denn?)


Die Verletzung von Arbeitnehmerrechten ist für uns
n diesem Zusammenhang nicht hinnehmbar. Sittenwid-
ige Löhne sind in Deutschland nach unserer Auffas-
ung gesetzlich zu verbieten. Hier reicht die Anwendung
es Richterrechts nicht aus. Wir brauchen, und zwar zum
rsten Mal in Deutschland, ein unmissverständliches
erbot des Gesetzgebers. Wir sind dazu bereit, sitten-
idrige Löhne in Deutschland gesetzlich zu verbieten.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Wissen Sie eigentlich, worüber Sie reden? Was heißt heute sittenwidrig?)


Die Frage des angemessenen Lohns muss geklärt
erden. Damit aber überhaupt ein angemessener Lohn
ezahlt werden kann, müssen zunächst Arbeitsplätze
ntstehen. Über diesen Punkt müssen wir reden. Das Ziel
er Union lautet – das ist glasklar –: Wir wollen Arbeit
ür alle, und wir wollen die Arbeitslosigkeit in Deutsch-
and weiter substanziell senken, vor allem in der Gruppe
er Geringqualifizierten.


(Beifall bei der CDU/CSU)


9508 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Ronald Pofalla
Wer die Bedeutung dieses Ziels angesichts von 4 Mil-
lionen Arbeitslosen nicht erkennt, der lebt an der Wirk-
lichkeit in Deutschland vorbei. Annähernd 1,8 Millionen
der derzeit mehr als 4 Millionen Arbeitslosen sind ge-
ring qualifiziert. Für sie müssen wir auf dem Arbeits-
markt die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie die
Möglichkeit erhalten, eine Arbeit zu finden und aus der
Arbeitslosigkeit herauszukommen. Mit uns ist alles
machbar, was in Deutschland Arbeit für alle schafft.
Aber der Jobkiller des einheitlichen gesetzlichen Min-
destlohns für ganz Deutschland ist mit uns nicht zu ma-
chen, und er wird mit uns nie zu machen sein.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dirk Niebel [FDP]: Wissen das auch die Sozialausschüsse?)


– Herr Niebel, alle, die dies wollen, werden sich – darauf
können Sie sich verlassen – an der Christlich Demokrati-
schen Union und an der Christlich-Sozialen Union die
Zähne ausbeißen. Einen einheitlichen gesetzlichen Min-
destlohn für ganz Deutschland wird es mit der Union
nicht geben.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dirk Niebel [FDP]: Was ist denn mit dem Entsendegesetz?)


Unsere Devise lautet: Leistung muss sich lohnen. Wer
arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet.
Deshalb sind wir für einen Kombilohn.


(Dirk Niebel [FDP]: Das lassen wir Ihnen aber nicht durchgehen!)


An dieser Stelle möchte ich auf die Situation der so-
genannten Aufstocker hinweisen. Sie werden in vielen
Fällen keineswegs geknechtet, wie oft behauptet wird.
An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die Wirklichkeit;
ich rate Ihnen allen, sich die Zahlen genau anzusehen.
Da arbeiten beispielsweise Alleinerziehende halbtags
und erhalten zusätzliche staatliche Hilfen, und da arbei-
ten ältere Menschen in Teilzeit, um nicht tatenlos auf
ALG II angewiesen zu sein. Diese Bürger leisten etwas
und engagieren sich. Diese Menschen wollen arbeiten,
können aber aufgrund ihrer persönlichen Situation nicht
Vollzeit bzw. nur teilweise arbeiten. Aber sie haben ein
Anrecht darauf, als Aufstocker ein menschenwürdiges
Einkommen in Deutschland zu bekommen, indem auf
ihre Arbeitsleistung eine Transferleistung obendrauf ge-
legt wird. Deshalb ist dieses Instrument richtig


(Frank Spieth [DIE LINKE]: Aber das wollen Sie doch kürzen!)


und nicht etwa ein Beweis dafür, dass wir in Deutsch-
land einen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn brau-
chen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609404000

Herr Kollege Pofalla, erlauben Sie eine Zwischen-

frage der Kollegin Pothmer vom Bündnis 90/Die Grü-
nen?

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(C (D Ja, bitte. Bitte schön. Herr Pofalla, ist Ihnen bekannt, dass die Aufstocker icht nur Teilzeitbeschäftigte sind, sondern dass unter hnen gut eine halbe Million Menschen sind, die in Volleit arbeiten, aber trotzdem ergänzend ALG II erhalten, eil ihr Lohn zu gering ist? Ist Ihnen ferner bekannt, ass Sie die Ergebnisse der von Ihnen gerade positiv bechriebenen Situation durch die Verschlechterung der uverdienstmöglichkeiten wieder zunichtemachen? Mir ist bekannt, dass es auch Vollzeitkräfte gibt, die ufstocker sind und gefördert werden. Ich will Ihnen ntworten, indem ich ein persönliches Beispiel anführe. ein Vater, der der Kriegsgeneration angehörte, hat als acharbeiter 20 Jahre lang in der Holzindustrie gearbeiet. Als er aufgrund der damaligen Strukturkrise arbeitsos wurde, hat er sich zu Beginn der 70er-Jahre – aus seier Sicht: leider; er hat es aber getan – dafür entscheiden üssen, die letzten 15 Jahre seines Arbeitslebens im Beachungsgewerbe zu arbeiten. Ich habe mit ihm immer ieder darüber gesprochen, welchen Lohn er bekommen at. Wenn Sie ihn auf heute hochrechnen, dann würde ieser Lohn als außerordentlich gering gelten. Was hat er getan? Er hatte eine fünfköpfige Familie u ernähren und stand vor der Frage, ob er als Geringualifizierter für den Rest seiner beruflichen Laufbahn rbeitslos bleibt oder in den Arbeitsmarkt zurückkommt. r hat sich dafür entschieden, in den Arbeitsmarkt zu ückzugehen. Bei einem geringen Lohn hat er seine fünföpfige Familie durch eine erhöhte Stundenzahl, die er rbracht hat, sowie über Wochenendschichten, die er geahren hat, ernähren können. Ich bin stolz auf ihn. Ich sage Ihnen: Wenn wir einen einheitlichen gesetzlihen Mindestlohn in Deutschland einführen, vernichten ir Hunderttausende Arbeitsplätze. iese Menschen hätten keine Chance mehr, auf dem Areitsmarkt einen Arbeitsplatz zu finden. Deshalb sagen ir: Dieses Aufstockerinstrument ist richtig, es ist aber ein Beweis dafür, dass man in Deutschland einen geetzlichen Mindestlohn fordern muss. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dirk Niebel [FDP]: Die Gemeinsamkeit ist aufgebraucht!)

Ronald Pofalla (CDU):
Rede ID: ID1609404100
Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609404200
Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609404300
Ronald Pofalla (CDU):
Rede ID: ID1609404400

(Widerspruch bei der SPD)


Meine sehr verehrten Damen und Herren, der einheit-
iche gesetzliche Mindestlohn ist süßes Gift. Opfer wä-
en vor allem ostdeutsche Beschäftigte, Berufseinsteiger
nd Halbtagskräfte. Insgesamt würden Hunderttausende
rbeitsplätze auf dem Spiel stehen, wenn aus Berlin per
esetz ein Stundenlohn von 7,50 Euro verordnet würde.
in gesetzlicher Mindestlohn in dieser Höhe wäre ein-
eutig zutiefst unsozial; denn davon würden nicht alle

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9509


(A) )



(B) )


Ronald Pofalla
gleich betroffen. Vor allem einfache Jobs für Langzeitar-
beitslose und Geringqualifizierte würden dadurch ver-
nichtet.

Wir müssen die Sorgen hinsichtlich Jobverlagerungen
ins Ausland und Schwarzarbeit ernst nehmen. Experten
haben errechnet, dass wir bei einem einheitlichen gesetz-
lichen Mindestlohn von 7,50 Euro einen enormen Zu-
wachs der Schwarzarbeit um 7 Prozent – das sind 25 Mil-
liarden Euro – zu erwarten hätten.

Durch einen solchen gesetzlichen Mindestlohn, wie
ihn auch der Gewerkschaftsrat der SPD beschlossen hat,
würde die Tarifautonomie eingeschränkt werden, und
die Gewerkschaften würden sich selbst infrage stellen.


(Andrea Nahles [SPD]: Da kommen mir die Tränen!)


Ich will hier einen von mir sehr anerkannten Gewerk-
schaftsvorsitzenden aus der heutigen Presse zitieren.
Hubertus Schmoldt sagte in der Oldenburger „Nordwest-
Zeitung“, es gebe in keinem der vielen anderen Beispiel-
länder ein Tarifsystem wie in Deutschland. Wörtlich sagt
er:

Ich befürchte, wenn wir dieses System der Politik
überlassen, dann werden sich die Politiker der
Frage spätestens in Wahlkämpfen bemächtigen. Die
Tarifautonomie würde so nach und nach ausge-
höhlt.

Wo er recht hat, hat er recht.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Deshalb ist der gesetzliche Mindestlohn ein Anschlag
auf die Tarifautonomie in Deutschland. Angefangen bei
Landtagswahlkämpfen bis hin zu Bundestagswahlkämp-
fen würde es in Deutschland permanent einen Überbie-
tungswettbewerb hinsichtlich der Frage geben, wer nun
den gerechten Mindestlohn in welcher Höhe fordert.


(Gitta Connemann [CDU/CSU]: Das ist die Gefahr!)


In unserer Wirtschaftsordnung ist die Tarifautonomie der
Tarifparteien vorgesehen, und die Tarifparteien haben
die Chance, diese Regelungen zu treffen. Sie müssen
diese Aufgabe stärker als bisher wahrnehmen.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609404500

Herr Kollege Pofalla, erlauben Sie eine weitere Zwi-

schenfrage des Kollegen Heinrich Kolb von der FDP-
Fraktion?


Ronald Pofalla (CDU):
Rede ID: ID1609404600

Bitte.


Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):
Rede ID: ID1609404700

Herr Kollege Pofalla, einen Überbietungswettbewerb

gibt es ja auch bei den Unterschriftenaktionen. Ich
habe mir einmal die Mühe gemacht, die Unterschriftak-
tionen der SPD und auch der CDA zu studieren.


(Andrea Nahles [SPD]: Bravo!)


Ich stelle jetzt fest, dass Sie gegen gesetzliche Min-
destlöhne und erst recht gegen solche in Höhe von

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(C (D ,50 Euro sind. Können Sie mir denn eine Interpretaionshilfe leisten, wenn die CDA – das ist die Christlichemokratische Arbeitnehmerschaft Deutschlands – Folendes schreibt: Eine Erleichterung der AVE also der Allgemeinverbindlichkeitserklärung – und eine Ausweitung des Entsendegesetzes sind dringend notwendig, reichen aber für eine umfassende Bekämpfung von Armutslöhnen nicht aus. Deshalb muss der Gesetzgeber also wohl durch ein Gesetz – zusätzlich eine absolute Lohnuntergrenze oberhalb der Armutsgrenze festlegen; Können Sie mir kurz erläutern, wie das dann konkret eschehen soll und wie man sich das vorstellen muss? Ich finde, es gibt zwei entscheidende Unterschiede wischen den Unterschriftenaktionen. Zum ersten Unterchied: Die SPD hat ihre Unterschriftenaktion – dafür ist ie selber verantwortlich – im Parteivorstand beschlosen. Unterschriftenaktionen – so verstehe ich solche Akionen – sind normalerweise Instrumente der Opposition. as zeigt, dass sich die SPD wenigstens in dieser Frage ach wie vor nicht entschieden hat, ob sie konstruktiv reieren oder opponieren will. Der zweite Unterschied ist der: In der CDA-Unterchriftenaktion werden Sie die Forderung nach einem inheitlichen gesetzlichen Mindestlohn nicht finden. Die DA fordert in ihrer Unterschriftenaktion, das Instruent der Allgemeinverbindlichkeit stärker zu nutzen, m in diesem Bereich Untergrenzen einzuziehen. Ich möchte noch etwas zum Ausland sagen, das häuig zitiert wird, um in Deutschland Forderungen aufzutellen. Es wird Großbritannien genannt. Zum einen ist ie Arbeitslosigkeit in Großbritannien ungleich geringer ls bei uns. Zum anderen sind in Großbritannien schon 00 000 Vollzeitbeschäftigte aus Osteuropa in den Areitsmarkt integriert. In Großbritannien gibt es nicht wie ei uns 4 Millionen Arbeitslose, davon 1,8 Millionen geing qualifizierte Arbeitslose. Deshalb gibt es hier Unterchiede. Auch die USA werden angeführt. Diejenigen, die auf ie USA verweisen, müssen sich entscheiden. Auf der inen Seite werden die USA für einen außerordentlich lexiblen Arbeitsmarkt kritisiert, auf der anderen Seite erden sie für den gesetzlichen Mindestlohn gerühmt, en sie haben. Diejenigen, die einen solchen Mindestohn fordern, müssen sich nun entscheiden. (Gitta Connemann [CDU/CSU]: Sehr richtig! Das ist genau der Punkt!)


(Beifall bei der LINKEN)

Ronald Pofalla (CDU):
Rede ID: ID1609404800

(Lachen bei der SPD)


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


9510 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Ronald Pofalla
Wollen wir die Arbeitsmarktbedingungen der USA
und damit den Mindestlohn, oder wollen wir auf unseren
zubetonierten Arbeitsmarkt mit der existierenden Über-
regulierung noch einen gesetzlichen Mindestlohn set-
zen? Letzteres wird von uns eindeutig abgelehnt.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: In welcher Rolle sprechen Sie?)


Ich nenne Frankreich als ein letztes Beispiel. In
Frankreich erleben Sie gerade eine Debatte über die Sen-
kung des gesetzlichen Mindestlohns im Bereich der Ju-
gendlichen. In Frankreich ist Folgendes passiert: Der zu
hoch angesetzte Mindestlohn für Jugendliche hat dort zu
einem exorbitanten Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit
beigetragen. Dies hatte zum Ergebnis, dass die Jugendar-
beitslosigkeit in Frankreich doppelt so hoch ist wie bei
uns. Ich finde, das ist ein gutes Beispiel dafür, wie zu
hoch angesetzte Mindestlöhne verheerend auf dem Ar-
beitsmarkt wirken.

Wir sind dafür, Sittenwidrigkeit von Löhnen in
Deutschland zu definieren.


(Zuruf von der LINKEN: Was heißt das?)


Wir sind dafür, Kombilöhne anzubieten. Wir sind da-
für, über das Instrument der Allgemeinverbindlichkeit
und über branchenübliche Mindestlöhne zu reden. Hier
befinden wir uns bereits in Gesprächen. Mehr wird es
von der Union nicht geben.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU – Dirk Niebel [FDP]: Schade, ich hätte eine Zwischenfrage gehabt!)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609404900

Das Wort hat jetzt der Kollege Klaus Ernst von der

Fraktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Klaus Ernst (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609405000

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Fangen wir doch gleich mit der Sittenwidrig-
keit an. Sittenwidrig sind momentan Löhne, die
30 Prozent unter den ortsüblichen Löhnen liegen.


(Dirk Niebel [FDP]: Oder den tariflichen!)


– Oder den tariflichen. – Wenn die CDU/CSU nun sagt,
sie möchte sittenwidrige Löhne verhindern, obwohl sie
weiß, dass wir inzwischen in der Fläche in bestimmten
Regionen Löhne von 3 Euro haben, akzeptiert sie diese
und plädiert für Löhne von 2,10 Euro. Das ist nicht mehr
zumutbar, was Sie hier treiben.


(Beifall bei der LINKEN – Dirk Niebel [FDP]: Die sind aber tariflich!)


– Ja, Herr Niebel, zu Ihnen komme ich auch noch. Sie
können sich gleich weiter aufregen. Zu Ihnen möchte ich
sagen, dass der von Ihnen gestellte Antrag ein einziges
Ziel verfolgt. Er verfolgt das Ziel, dass die Löhne in die-
sem Land schlichtweg weiter sinken sollen.

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(C (D (Abg. Dirk Niebel [FDP] meldet sich zu einer Zwischenfrage)


Wollen Sie jetzt schon dazwischenreden? Ich habe
och noch gar nichts gesagt. Bitte, ich freue mich immer,
enn Sie etwas sagen.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609405100

Herr Kollege Ernst, das Wort erteilt immer noch der

mtierende Präsident. Ich sehe aber, dass Sie eine Zwi-
chenfrage zulassen wollen.

Bitte, Herr Niebel.


Dr. h.c. Dirk Niebel (FDP):
Rede ID: ID1609405200

Herr Kollege Ernst, Sie haben schon angesprochen,

ass es Löhne zwischen 3 Euro und 3,80 Euro gibt. Sind
ie bereit, mir zuzugestehen, dass das tarifvertraglich
ereinbarte Löhne sind, die unter anderem von Ihren Ge-
erkschaftskollegen und von den Arbeitgebervertretern

usgehandelt worden sind? Sind Sie weiterhin bereit, zu-
ugestehen, dass die entscheidende Frage ist, wie viel
eld die Menschen hinterher in der Tasche haben? Sind
ie bereit, zuzugestehen, dass unser Ansatz, nicht über
indestlöhne, sondern über Mindesteinkünfte zu spre-

hen, insgesamt dazu führt, dass die Leute mehr ausge-
en können?


Klaus Ernst (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609405300

Zur Frage der von den Gewerkschaften vereinbarten

öhne: Es stimmt, die Löhne, die von Verdi vereinbart
urden, sind äußerst niedrig. Sie sollten sich einmal Ge-
anken darüber machen, ob Sie nicht mit Ihrem Antrag
azu beitragen, die Gewerkschaften weiter zu schwä-
hen.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos] – Lachen bei der FDP)


einen Sie etwa, es hat Verdi bzw. Herrn Bsirske Spaß
emacht, solche Tarifverträge zu unterschreiben?

Inzwischen haben wir in diesem Lande die Situation,
ass die Gewerkschaften auch durch die Hartz-Gesetze,
ie die Sozialdemokraten mit zu verantworten haben, so
eschwächt sind, dass sie Löhnen von 2 oder 3 Euro pro
tunde zustimmen, um noch niedrigere Löhne zu verhin-
ern. Das ist das Ergebnis Ihrer Politik. Mit dem Antrag,
en Sie, Herr Niebel, stellen, wollen Sie die Auflocke-
ung des Tarifrechts vorantreiben, um letztendlich noch
iedrigere Löhne zu erreichen. Das ist die Wahrheit.


(Beifall bei der LINKEN – Abg. Dirk Niebel [FDP] nimmt wieder Platz)


Herr Niebel, ich bin noch nicht ganz fertig mit der Be-
ntwortung Ihrer Frage.

Zu Ihrer zweiten Frage, ob es nicht wichtiger ist, das
u betrachten, was die Menschen insgesamt bekommen,
ls das, was sie verdienen. Das ist keinesfalls so. Lohn
at etwas mit Leistung zu tun.


(Dirk Niebel [FDP]: Das habe ich vorhin gesagt!)


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9511


(A) )



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Klaus Ernst
Wenn man für seine Arbeit nicht mehr so entlohnt wird,
dass die Leistung, die man in seine Arbeit einbringt, in
irgendeiner Form im Lohn deutlich wird, dann machen
Sie die Arbeit letztendlich so billig wie Dreck. Ich sage
Ihnen: Das Ergebnis wird sein, dass das Wertesystem
dieser Republik auseinanderfällt. Das Wertesystem die-
ser Republik basiert nämlich darauf, dass derjenige, der
arbeitet, von dem Arbeitslohn, den er erhält, leben und
existieren kann. Wer arbeitet, bringt es zu etwas. Sie be-
treiben die Politik: Wer arbeitet, bleibt arm. Um das ganz
deutlich zu sagen: Das ist eine Katastrophe, Herr Niebel.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Jetzt zu Ihrem Antrag. Sie wollen – dieses Ziel ist ein-
deutig erkennbar –, dass die Löhne weiter sinken. Die
erste Frage ist: Macht das denn Sinn? Wir hatten in der
Bundesrepublik von 1995 bis 2004 bei der Lohnentwick-
lung ein Minus von 0,9 Prozent. In Großbritannien war
ein Plus von 25 Prozent, in den USA von 19 Prozent und
in Frankreich von 8 Prozent zu verzeichnen. Wir haben
es also gar nicht nötig, darüber nachzudenken, ob die
Löhne zu hoch sind.


(Dirk Niebel [FDP]: Das habe ich auch gar nicht behauptet!)


Laut Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung
sind die Arbeitnehmerentgelte im Jahre 2006 um 1,3 Pro-
zent gestiegen. Der Zuwachs ist damit niedriger als die
Inflationsrate. Bei den Unternehmereinkommen und den
Vermögenseinkommen gab es ein Plus von 6,9 Prozent.
Es ist also nicht notwendig, darüber zu streiten, ob die
Löhne sinken sollen. Es ist notwendig, über steigende
Löhne zu reden.


(Beifall bei der LINKEN)


Deshalb unterstützen wir die Forderung der IG Metall
nach einer vernünftigen Teilhabe an dem, was die Ar-
beitnehmer erwirtschaften.


(Gitta Connemann [CDU/CSU]: Die brauchen gerade Ihre Unterstützung!)


Ich sage Ihnen, was der Sinn Ihres Antrags ist, Herr
Niebel: Ihre Klientel bekommt den Hals nicht mehr voll.
Das ist das Problem in diesem Land.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – Dirk Niebel [FDP]: Wissen Sie eigentlich, wie viele Arbeitslose es mittlerweile gibt?)


Ihre Klientel sind nicht die Arbeitslosen. Ihre Klientel
sind auch nicht die Arbeitenden. Ihre Klientel sind dieje-
nigen, die ihr Geld aus Unternehmertätigkeit und Ver-
mögen beziehen. All das, was in Ihrem Antrag steht
– bis auf das Bürgergeld –, ist von der Bundesvereini-
gung der Deutschen Arbeitgeberverbände bereits vorge-
schrieben. So ist die Realität.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Eine weitere Frage lautet: Brauchen wir eine größere
Lohnspreizung? Auch dies steht in Ihrem Antrag. Die
Lohnspreizung erstreckt sich von 3 Euro in der Stunde

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(C (D ür den Friseur – noch ist dies so; denn wir haben den ittenwidrigen Lohn in der Form, wie Sie ihn gerne häten, noch nicht vereinbart, obwohl er eigentlich schon ilt – bis zu 8,4 Millionen Euro im Jahr für Herrn ckermann. Das ist die Spreizung des Lohns. Wissen Sie, über was wir in diesem Lande nachdenen müssen? Darüber, ob die Einkommen der Unterneher noch im Hinblick auf das, was sie leisten, gerecht ind, ob die Einkommen der Vorstandsmitglieder – das st Ihre Klientel – noch stimmen. Stellen Sie doch einen ntrag, diese Einkommen zu begrenzen. Das macht inn. Man sollte nicht immer an die Kleinen, sondern uch einmal an die Großen herangehen. Das wäre wirkich mutig, Herr Niebel. (Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos] – Dirk Niebel [FDP]: Seien Sie doch einmal so, wie Sie heißen! Seien Sie doch einmal ernst!)


Wie weit wollen Sie denn eigentlich beim Lohn nach
nten gehen? Ich habe Ihnen diese Frage schon öfter ge-
tellt. Wollen Sie, wenn Sie keinen Mindestlohn vorse-
en, tatsächlich bei einem Lohn von 3 Euro die Stunde
leiben? Wollen Sie wie zum Beispiel die CDU/CSU bei
inem sittenwidrigen Lohn von 2,50 bzw. 2 Euro pro
tunde landen? Wo ist Ihre Grenze nach unten? Sie ha-
en keine. Sie muten den Menschen letztendlich zu, zu
rbeiten, ohne entlohnt zu werden. Das ist das Ergebnis
hrer Politik. Ein Niedriglohn nützt uns nichts.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Ihr Argument, ein Mindestlohn führe zum Abbau
on Arbeitsplätzen, ist wirklich sehr abwegig. Herr
iebel, glauben Sie denn wirklich, dass die Friseure ab-
andern, wenn es bei uns einen Mindestlohn gibt?


(Dirk Niebel [FDP]: Nein! Die werden schwarz schneiden!)


der glauben Sie, dass die Fassaden nicht mehr gerei-
igt werden, weil es einen Mindestlohn gibt? Glauben
ie tatsächlich, dass die Postboten, die mehr und mehr in
rivaten Unternehmen arbeiten und unter ein bestimmtes
ohnniveau gedrückt werden, die Post nicht mehr aus-

ragen, sondern nach China gehen? Ihr Argument ist Un-
ug.


(Beifall bei der LINKEN)


Wissen Sie, was die anderen vergleichbaren Länder
uropas machen? Die diskutieren nicht über die Frage,
b es einen Mindestlohn geben soll oder nicht. Sie dis-
utieren darüber, um wie viel der Mindestlohn erhöht
ird. Sie wissen, wie es in Europa ausschaut. In Luxem-
urg beträgt der Mindestlohn inzwischen 9 Euro, in
rland 8,30 Euro und in Frankreich 8,27 Euro. Das ist die
ealität. Wir sind das einzige Industrieland in Europa,
as es sich erlaubt, Löhne, die letztendlich in die Armut
ühren, durchgehen zu lassen. Das ist aus meiner Sicht
ine pure Katastrophe.


(Gitta Connemann [CDU/CSU]: Sie vergleichen Äpfel mit Birnen!)


9512 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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(B) )


Klaus Ernst
Sie wollen auch noch das Tarifrecht zerschlagen und
das Streikrecht verschärfen. Ist das wirklich sinnvoll?
Es würde Sinn machen, wenn es in der Bundesrepublik
streikwütige Gewerkschaften gäbe. Es gibt aber nur zwei
andere Länder, die eine geringere Zahl von Streiktagen
haben als die Bundesrepublik, nämlich die Schweiz und
den Vatikanstaat. Wollen Sie uns noch unter dieses
Niveau drücken?

Hinter diesem Vorschlag steckt etwas anderes: Sie
wollen den Arbeitnehmern unzumutbare Löhne zumuten
und dazu beitragen, dass sie sich nicht wehren dürfen
und das akzeptieren. Wenn das liberale Politik ist, dann
würden sich frühere Liberale im Grab umdrehen, Herr
Niebel.


(Beifall bei der LINKEN)


Was Sie erreichen wollen – die Lockerung des Streik-
rechts und die Beeinflussung oder gar Zerschlagung von
Gewerkschaften –, macht Siemens auf andere Art und
Weise. Siemens macht es illegal. Man hat inzwischen
den Eindruck, dass es sich beim Siemens-Vorstand um
eine kriminelle Vereinigung handelt.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Sie machen dasselbe legal mit anderen Mitteln. Aber es
ist genauso verwerflich. Deshalb werden wir Ihre Vor-
schläge ablehnen.


(Beifall bei der LINKEN)


Weil ich zum Schluss kommen muss, will ich nur
noch anmerken, was Herr Blüm dazu gesagt hat.


(Lachen bei der FDP)


– Ihr könnt ruhig lachen. Er war schließlich in eurer Re-
gierungskoalition Minister. Er hat gesagt, wer den Min-
destlohn ablehnt, der fordert letztendlich mehr Staat.


(Dirk Niebel [FDP]: Das ist die Rache von Karl Marx am Bürgertum! Ich habe es gelesen!)


Zitat: „Die Privatisierer der Tarifverträge, die Verächter
der Allgemeinverbindlichkeit haben nichts Besseres ver-
dient als den Mindestlohn. Kluge Arbeitgeberrepräsen-
tanten wissen das, dumme lernen es nie.“ Ich glaube, mit
Letzteren hat er Sie gemeint.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der LINKEN – Dirk Niebel [FDP]: Er hat auch gesagt, die Neoliberalen seien die Rache von Karl Marx am Bürgertum! Und „Die Rente ist sicher“ hat er auch gesagt!)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609405400

Das Wort hat jetzt der Kollege Hubertus Heil von der

SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Hubertus Heil (SPD):
Rede ID: ID1609405500

Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kolle-

gen! Ich will daran erinnern – weil es auch Gegenstand
unserer heutigen Diskussion ist –, dass meine Partei, die

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(C (D PD, bereits vor Eintritt in die Verhandlungen zur Groen Koalition auf drei zentralen Punkten beharrt hat, die ir dann auch im Koalitionsvertrag durchgesetzt haben nd die für uns Bedingungen für unsere Beteiligung an er Großen Koalition waren. Das waren erstens der Eralt und die Sicherung der Tarifautonomie in Deutschand. Wir wissen – das unterscheidet uns offenbar von en Kolleginnen und Kollegen, die der wirtschaftsradialen Fraktion angehören –, dass die meisten Rechte von rbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nicht im Gesetzuch verankert sind, sondern in Tarifauseinandersetzunen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften erstriten werden müssen. Herr Kollege Niebel, Sie reden immer viel über Flexiilität. Die gibt es unter dem Dach des Flächentarifverrags bereits. Sie wollen etwas ganz anderes. Sie wollen en Gewerkschaften in Deutschland das Kreuz brechen. ber das wird mit uns nicht zu machen sein. (Beifall bei der SPD – Dirk Niebel [FDP]: Das haben wir so nicht beantragt! – Gegenruf von der SPD: Sie geben das nicht offen zu!)


Zweitens. Wenn Sie von den Menschen in Deutsch-
and reden, die für sich und ihre Familien hart arbeiten,
ozialversicherungsabgaben und Steuern zahlen, Kinder
rziehen und sich an die Regeln halten – das ist die Mitte
er Gesellschaft, von der Sie offensichtlich keine Ah-
ung haben –, und sich auch immer wieder verächtlich
ber Mitbestimmung äußern, dann will ich Ihnen Fol-
endes entgegenhalten: In meinem Wahlkreis – das wird
n Ihrem nicht anders sein – kommen manchmal Unter-
ehmen in schwierige Situationen. In diesem Fall sind es
ft die Betriebsräte, die Verantwortung übernehmen
nd in Verhandlungen mit der Geschäftsleitung versu-
hen, möglichst viel für ihre Kolleginnen und Kollegen
erauszuholen.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Es war eine sozialliberale Koalition, die dieses Gesetz gemacht hat!)


eistens geht es um die Sicherung von Arbeitnehmer-
echten und Arbeitsplätzen. Manchmal müssen sie
chwierige Kompromisse eingehen. Der Kollege Ernst
eiß das. Sie verantworten übrigens anschließend die
ompromisse gegenüber der Belegschaft.


(Dirk Niebel [FDP]: Wie bei VW!)


Ich möchte es anders sagen: Ich kenne kein Unterneh-
en in Deutschland, das an einem sturen Betriebsrat ge-

cheitert ist. Ich kenne aber leider Gottes einige Unter-
ehmen in Deutschland, die an einem unfähigen
anagement gescheitert sind.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Drittens. Wir haben in dieser Koalition auch beim
ündigungsschutz Linie gehalten. Wir wissen, dass
ündigungsschutz die Menschen nicht wirklich vor be-

riebsbedingten Kündigungen schützen kann. Es ist nicht
ie beim Rostschutz, der vor Rost schützt, oder beim
rostschutz, der vor Frost schützen soll. Aber Kündi-
ungsschutz schützt Menschen vor willkürlicher Kündi-

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9513


(A) )



(B) )


Hubertus Heil
gung. Das ist mindestens so wichtig. Wir wollen keine
Gesellschaft, in der Menschen um ihren Job fürchten
müssen, nur weil sie einmal nicht über den schlechten
Witz ihres Chefs gelacht haben. Deshalb bleibt es beim
Kündigungsschutz.


(Beifall bei der SPD – Dirk Niebel [FDP]: Wie wäre es mit einem Witzeverbot? – Zurufe von der CDU/CSU und der FDP: Oh!)


Es bleibt auch dabei, dass die Feiertags- und Nacht-
zuschläge nicht stärker besteuert werden. Ich kann mich
an die Diskussion im Bundestagswahlkampf erinnern.
Wir haben da Linie gehalten.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Wir befinden uns jetzt in Deutschland in der Situa-
tion, dass der Aufschwung da ist. Die Wirtschaft wächst
– im letzten Jahr waren es 2,7 Prozent –, und zwar mit
Effekten, die sich Gott sei Dank auch auf dem Arbeits-
markt zeigen. Ich will deutlich sagen, dass dieser Auf-
schwung drei Ursachen hat. Eine der Ursachen ist, dass
die Tarifparteien – oftmals unter schwierigen Bedingun-
gen – ihren Beitrag geleistet haben. Die zweite Ursache
ist, dass die Weltwirtschaft und die Konjunktur helfen;
wer will das bestreiten. Aber vor allen Dingen – das ist
die dritte Ursache – hat es damit zu tun, dass wir jetzt ei-
nen nachhaltigen Aufschwung haben und kein konjunk-
turelles Strohfeuer, weil wir den Mut zu Veränderungen,
zu nachhaltigen Reformen in diesem Land hatten, den
andere früher nicht hatten.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Deshalb sage ich: Es ist richtig, dass diese Große
Koalition den Kurs der sozialen Erneuerung fortsetzt,
um dafür zu sorgen, dass wir in den sozialen Sicherungs-
systemen – auch hinsichtlich der Strukturen – eine Situa-
tion herbeiführen, in der dieser Aufschwung nicht ein
Aufschwung für wenige wird, sondern ein Aufschwung
für alle Menschen in Deutschland werden kann. Das,
liebe Genossinnen und Genossen aus der eigenen Frak-
tion, müssen wir uns sagen. Aber das müssen wir auch
anderen sagen. Wir können stolz auf die Erneuerungen
und Veränderungen sein, die wir begonnen haben.


(Dirk Niebel [FDP]: Eine sehr linkszentrierte Rede! Müssen die Reihen geschlossen werden?)


Wir müssen das fortsetzen.

Ich sage Ihnen, Herr Niebel: Der Unterschied zwi-
schen Ihnen und uns ist, dass Sie Aufschwung für we-
nige wollen. Wir wollen Aufschwung für alle Menschen
in Deutschland.


(Beifall bei der SPD – Dirk Niebel [FDP]: So ein Unsinn!)


Es darf deshalb nicht sein, dass das, was jetzt an Produk-
tivitätsfortschritten und an Gewinnen vorhanden ist, in
den Taschen von nur wenigen landet. Es ist richtig, dass
bei den anstehenden Tarifverhandlungen anständige
Löhne herauskommen.

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(C (D (Beifall des Abg. Dr. Carl-Christian Dressel [SPD])


as heißt, dass es eine Teilhabe der Arbeitnehmerinnen
nd Arbeitnehmer am Haben und am Sagen, am gemein-
am Erarbeiteten in den Unternehmen geben kann. Das
st übrigens auch volkswirtschaftlich sinnvoll.

Wir müssen feststellen, dass in diesem Zusammen-
ang die Tarifautonomie, die wir verteidigen und zu der
ir – im Gegensatz zu anderen – stehen, in vielen Berei-

hen nicht mehr kraftvoll genug ist,


(Dirk Niebel [FDP]: Aha! Deswegen wird sie mit Mindestlöhnen eingeschränkt!)


m dafür zu sorgen, dass Menschen, die hart und in Voll-
eit für sich und ihre Familien arbeiten, davon leben
önnen. Zu diesem Punkt ist vorhin viel gesagt worden.

Kollege Pofalla, ich habe eine Frage, über die wir ein-
al sprechen müssen: Warum hat eigentlich bis dato die
DU/CSU mit uns zusammen für einzelne Branchen,
eispielsweise für Gebäudereiniger, insgesamt für
00 000 Menschen Mindestlöhne verankert und will
enschen in anderen Branchen Mindestlöhne vorenthal-

en? Das ist, wenn ich das einmal offen sagen darf, nicht
anz logisch.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Zuruf von der CDU/CSU: Das steht bei uns im Koalitionsvertrag! Entsendegesetz!)


Ich glaube, dass wir als Koalition eine Chance haben,
n diesem Bereich voranzukommen. Wir werden darüber
eden. Es gibt Meinungsunterschiede. Aber ich glaube,
ass die Koalition in diesem Bereich etwas für die Men-
chen in diesem Land leisten wird. Ich sage ganz offen:
ch habe Vertrauen dazu, dass die anderen großen Volks-
arteien, CDU und CSU, mit denen wir koalieren, so-
ohl die Augen langfristig nicht verschließen können


(Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Für wen reden Sie jetzt, für die Koalition?)


or einer Entwicklung, die ein gesellschaftlicher Skan-
al ist – Menschen können von ihrer Arbeit nicht mehr
eben, obwohl sie von morgens bis abends schuften –, als
uch zur Kenntnis nehmen, dass es mittlerweile viele
rbeitgeber gibt, die zu uns kommen und sagen: Wir
ollen dieses Dumping, diesen Schmutzwettbewerb
icht. Wir als Unternehmerinnen und Unternehmer sind
ür Wettbewerb, aber wir wollen fairen Wettbewerb und
ollen unsere Leute auch anständig bezahlen. Deshalb
rauchen wir Mindestlöhne. Das sagen uns Unterneh-
er, beispielsweise in der Zeitarbeitsbranche.


(Beifall bei der SPD)


Deshalb kämpfen wir für Mindestlöhne. Wir haben es
it dem Entsendegesetz und der Allgemeinverbind-

ichkeit im Bauhandwerk geschafft, diese durchzuset-
en. Wir haben es jetzt für die Gebäudereiniger ge-
chafft.

9514 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Hubertus Heil

(Dirk Niebel [FDP]: Mit den mit christlichen Gewerkschaften abgeschlossenen Tarifverträgen!)


Wir wollen in diesem Bereich nach vorne gehen, weil es
nach wie vor so ist, dass es in vielen Branchen tatsäch-
lich solche Entwicklungen gibt, wie sie zitiert wurden.

Zum Vorwurf an die Gewerkschaften, dass sie nicht
mehr stark genug sind: Es mag Sie hämisch erfreuen,
dass sie sich in einigen Bereichen nicht mehr durchset-
zen können. Aber es nutzt den Leuten nicht, sich hä-
misch über Gewerkschaften lustig zu machen. Das muss
man ganz deutlich sagen.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Klaus Ernst [DIE LINKE])


Ich gebe zu, dass die Gewerkschaften lange ge-
braucht haben – alle Gewerkschaften, auch meine IG
Metall –, sich dazu zu bekennen, dass wir Mindestlöhne
brauchen. Denn früher sind wir immer davon ausgegan-
gen, dass die Tarifautonomie ausreicht. Ich sage Ihnen,
wer die Diskussion nach Deutschland geholt hat – ich
bin stolz darauf –: Das waren nicht in erster Linie die
Gewerkschaften, sondern es war Franz Müntefering da-
mals als SPD-Vorsitzender.


(Beifall bei der SPD)


Gott sei Dank war es so, dass wir es dann geschafft ha-
ben, mit dem Gewerkschaftsrat der SPD und mit allen
Einzelgewerkschaften ein Konzept zu erarbeiten, das wir
umsetzen wollen, weil wir davon überzeugt sind, mit
diesen Schritten voranzukommen: Vorrang für tarifver-
tragliche Lösungen, Nutzung der Möglichkeiten des Ent-
sendegesetzes und der Allgemeinverbindlichkeit. Dabei
wollen wir aber auch deutlich machen: Wenn das nicht
ausreicht – und es gibt Hinweise, dass es nicht ausreicht –,
müssen wir zu gesetzlichen Regelungen für Mindest-
löhne in Deutschland kommen.

Wir wollen das und werden da weiter Druck machen,
weil wir wissen, dass die Menschen Regelungen brau-
chen. Ich glaube, dass man in diesem Zusammenhang
die CDA nicht als Opposition schmähen darf. Ich finde
es gut – das sage ich ganz offen –, dass es auch in der
Union Leute gibt, unter anderem den saarländischen Mi-
nisterpräsidenten Müller, die da nicht einfach die Augen
verschließen. Ich glaube, dass wir auf diese Weise zu gu-
ten Lösungen kommen können.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU])


Es ist nicht möglich, in der kurzen Zeit auf all das ein-
zugehen, was in den Anträgen steht. Aber eins fällt mir
in diesem Haus immer wieder auf, zuletzt bei der Aus-
einandersetzung zwischen meinen Vorrednern Herrn
Niebel und Herrn Ernst: Es gibt in diesem Haus zwei
exaltierte Positionen, die geografisch gesehen auf der ei-
nen und auf der anderen Seite des Hauses sitzen. Das
Kredo der FDP gestaltet sich, egal wie sie es variiert, im-
mer nach dem Motto: Der Markt kann alles viel besser;
der Staat soll sich zurückziehen.

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(C (D (Dirk Niebel [FDP]: So ein Unsinn! Dann würden wir kein Bürgergeld fordern!)


s läuft nach dem Guido-Westerwelle-Motto: Wenn je-
er an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.


(Dirk Niebel [FDP]: Die alte Leier!)


ie Position der anderen Seite ist: Der Staat kann alles
inbekommen; der Markt ist das Problem. – Beide Par-
eien, wie immer sie sich nennen mögen, machen densel-
en Fehler, obwohl sie – das gebe ich zu – sehr unter-
chiedlich sind: Sie spielen soziale Gerechtigkeit gegen
irtschaftliche Dynamik aus. Wir Sozialdemokraten

agen: Das bedingt sich wechselseitig. Es gibt Länder in
uropa, die wirtschaftlich noch ein bisschen erfolgrei-
her als wir sind, und zwar nicht obwohl sie gute Sozial-
taaten sind, sondern weil sie gute Sozialstaaten sind,
eil sie den Menschen eine stärkere Teilhabe ermögli-

hen.


(Beifall bei der SPD)


ber das sind Länder, deren Sozialstaatsverständnis
as eines modernen Sozialstaates ist, der die Qualität
on Sozialstaatlichkeit nicht in erster Linie an der Höhe
er sozialen Transfers bemisst, sondern daran, ob er
enschen wirklich Teilhabemöglichkeiten und Lebens-

hancen eröffnet. Die großen Lebensrisiken müssen in
nserer Gesellschaft für alle Arbeitnehmerinnen und Ar-
eitnehmer solidarisch abgesichert bleiben. Aber der So-
ialstaat muss mehr tun: Er muss etwas für die Lebens-
hancen der Menschen tun, für gerechte Teilhabe. Das
etrifft Arbeit, Bildungschancen und die Chance auf ein
esundes Leben.

Wenn wir die sozialen Fragen dieser Zeit erkennen
ollen, dann werden wir keinen verhungerten Staat à la
DP brauchen können,


(Dirk Niebel [FDP]: Oh!)


ber auch keine strukturkonservative Sozialstaatlichkeit
la PDS. Wir brauchen einen Sozialstaat, der Teilhabe
rmöglicht, einen stärker vorsorgenden Sozialstaat.
as betrifft nicht zuletzt die Löhne.

Ich sage noch einmal: Der Weg der sozialen Erneue-
ung, mit allen Schwierigkeiten und Auseinandersetzun-
en, die meine Partei dabei erlebt hat, den wir in dieser
roßen Koalition fortgesetzt haben, lohnt sich. Wir ha-
en gesät; jetzt wird geerntet, und wir dürfen nicht ver-
essen, wieder neu zu säen. In einer Großen Koalition
auert es manchmal etwas länger, weil wir intensiv mit-
inander reden müssen. Aber ich bin der festen Überzeu-
ung: Diese Große Koalition wird die Kraft haben, die
oziale Erneuerung des Landes voranzubringen. Ich füge
inzu: Sie muss es auch.

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Max Straubinger [CDU/CSU])



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609405600

Das Wort hat jetzt die Kollegin Brigitte Pothmer von

ündnis 90/Die Grünen.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9515


(A) )


)

Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609405700

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr Heil,

die FDP ist für Sie doch ein Geschenk des Himmels. Für
Sie ist es doch weitaus angenehmer, immer mit dem Fin-
ger auf Herrn Niebel zeigen und wie ein Rohrspatz
schimpfen zu können,


(Dirk Niebel [FDP]: Das wäre aber gar nicht nötig!)


als wenn Sie mit dem Finger auf Herrn Pofalla zeigen
müssten, der die identischen Positionen vertritt.


(Dirk Niebel [FDP]: Diesen Vorwurf weise ich mit Abscheu zurück!)


Das wäre für das Klima in der Koalition nicht so ange-
nehm. Insofern sollten Sie Herrn Niebel einmal einen
ausgeben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Herr Pofalla, es ist leider so, dass man in diesem Par-
lament kein Recht darauf hat, auf eine Frage auch eine
entsprechende Antwort zu bekommen. Ihre Antwort auf
meine Frage jedenfalls war – ich will es einmal so zu-
sammenfassen – ein leidenschaftliches Plädoyer dafür,
dass Menschen viel und hart arbeiten müssen, aber trotz-
dem kein Anrecht darauf haben, dafür ein anständiges
Gehalt zu bekommen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Ronald Pofalla [CDU/CSU]: Das zeigt, dass Sie das nicht verstanden haben!)


Ich sage Ihnen, Herr Pofalla, dass wir das nicht wollen.

Es ist schon einiges zum Antrag der FDP gesagt wor-
den; ich will es deswegen kurz machen. Mir ist aber
wichtig, auf einen Punkt hinzuweisen. In Wirklichkeit
wollen Sie, Herr Niebel, mit Ihrem Antrag Tempo ma-
chen in eine bestimmte Richtung. Sie wollen nämlich,
dass sehr viele Menschen sehr wenig verdienen, und Sie
wollen, dass wenige Menschen noch mehr verdienen.


(Dirk Niebel [FDP]: So ein Quatsch!)


Sie wollen die Lohnspreizung in diesem Land noch
weiter verstärken.


(Dirk Niebel [FDP]: So ein völliger Unsinn ist hier schon lange nicht mehr gesagt worden!)


Ich frage mich: Wissen Sie eigentlich nicht, dass wir in
Sachen Lohnspreizung inzwischen auf dem Niveau von
Großbritannien sind? Großbritannien ist in Westeuropa
Spitzenreiter, was die Lohnspreizung angeht. Mit Ihrem
Ehrgeiz setzen Sie an der völlig falschen Stelle an.

Lassen Sie mich noch ein Wort zu dem von Ihnen vor-
geschlagenen Bürgergeld sagen. Herr Kolb kritisiert
hier Plenarsitzung für Plenarsitzung wortreich die Kos-
ten für das SGB II.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Richtig!)


Mit Ihrem Bürgergeld schaffen Sie einen Kombilohn XXL.


(Dirk Niebel [FDP]: Überhaupt nicht! Sie haben es nicht verstanden!)


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(C (D ie Kosten für die Aufstockungen im SGB II sind Peauts im Vergleich zu den Kosten, die sich ergeben, wenn ir Ihren Vorschlägen folgen. Ich verspreche Ihnen aber, ass wir das nicht tun werden. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Dirk Niebel [FDP]: Sie sind der Beweis für PISA! Sie haben es nicht gelesen!)


Was Sie wollen, ist kein Wettbewerb der Unterneh-
er, sondern eine Schmutzkonkurrenz auf Kosten der
teuerzahler. Diese Vorschläge kommen ausgerechnet
on einer Partei, die immer sagt, die Steuern müssten
erunter. Aber gleichzeitig tritt sie dafür ein, dass die
öhne aus Steuern finanziert werden. Das mag verste-
en, wer will.


(Dirk Niebel [FDP]: Ich erkläre es Ihnen!)


uch wenn man in Finnland zur Schule gegangen ist:
as kann man wirklich nicht verstehen.


(Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: Diesen Witz hat auch keiner verstanden!)


Herr Pofalla, Sie haben gefragt, was eigentlich die
rünen wollen. Wir wollen eine verbindliche Mindest-

ohnregelung, die die Marktmechanismen nach unten be-
renzt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Losung des
eutschen Gewerkschaftsbundes für den diesjährigen
aifeiertag lautet: „Du hast mehr verdient!“ Stimmt ge-

au, kann ich da nur sagen.


(Dirk Niebel [FDP]: Das gilt für uns bei Ihrer Rede auch!)


rst recht gilt dies, wenn mit dieser Aussage die Niedrig-
hnempfänger gemeint sind, die übrigens zu 60 Prozent

ine gute Qualifikation aufweisen. Das wollte ich noch
um Thema Leistungsfähigkeit der Menschen in diesem
ereich sagen.

Ich finde aber auch, dass diese Menschen mehr ver-
ient haben als das, was die Große Koalition ihnen zu
ieten hat.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


inige Fakten, die ich jetzt vortragen werde, werden Ih-
en, Herr Müntefering, und den Kollegen aus der SPD-
raktion vielleicht bekannt vorkommen.

Das sind die Fakten: Die Einkommensschere geht
eiter auseinander. Während Spitzengehälter zunehmen,

tagnieren die Löhne für viele Beschäftigte. Mehr als
,5 Millionen Vollzeitbeschäftigte arbeiten in Deutsch-
and für Armutslöhne, die weniger als 50 Prozent des
urchschnittlohns betragen. Die Tarifbindung nimmt ab.
ur noch 68 Prozent der Beschäftigten in Westdeutsch-

and und 53 Prozent in Ostdeutschland erhalten tariflich
ereinbarte Löhne. Armutslöhne gibt es nicht nur bei ta-
ifungebundenen Arbeitgebern. Auch viele Tariflöhne
iegen inzwischen bei 3 Euro und weniger. Das sind die
akten.

(B)


9516 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Brigitte Pothmer
Diese Fakten haben Sie, Herr Müntefering, in einem
Flugblatt aufgeschrieben, mit dem Sie sich als Erstunter-
zeichner selbst auffordern, zu handeln und dafür zu sor-
gen, dass es in Deutschland gerechte Löhne gibt. Diese
Fakten stimmen leider.

Was aber nicht stimmt, ist die Art und Weise, wie die
Regierung mit diesen Fakten umgeht. Sie haben uns im
März 2006 – das ist nun bald 15 Monate her – verspro-
chen, dass Sie gesetzgeberisch gegen diese Form des
Lohndumpings vorgehen und dass Sie existenzsichernde
Löhne gewährleisten wollen. Aber nichts ist passiert. Ich
habe den Eindruck, dass nach der gestrigen Nacht die
Aussichten eher düsterer geworden sind.


(Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: Zum Glück waren Sie nicht dabei! – Gegenruf des Abg. Dirk Niebel [FDP]: Das ist aber uncharmant!)


– Herr Brauksiepe, ich kann schon verstehen, dass man
nach solch langen und unergiebigen Diskussionen in der
Nacht am nächsten Morgen unausgeschlafen ist.


(Dirk Niebel [FDP]: Er hat sich an die schönste Nacht zwischen Ulla Schmidt und Horst Seehofer erinnert!)


Ruhen Sie sich ein bisschen aus, und halten Sie sich mit
Zwischenrufen zurück!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zurufe von der CDU/CSU: Oh!)


Herr Müntefering, auf das von Ihnen Versprochene
warten die Betroffenen leider immer noch. Statt hier Ihre
Ziele zu verfolgen, spielen Sie aber Feierabend-APO
und starten eine Unterschriftenkampagne, die Sie selbst
zum Handeln auffordern soll. Das empfinde ich als eine
Form von Volksverdummung. Nach meinem Eindruck
brauchen wir inzwischen nicht nur Regelungen gegen
Lohndumping, sondern auch Regelungen gegen Poli-
tikdumping.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Diese Koalition hält keine Mindeststandards für Regie-
rungshandeln ein. Diese Standards sollten wir einklagen,
finde ich. Bei 50 Prozent Union und 50 Prozent SPD
kommen für die Arbeitslosen und diejenigen, die zu ge-
ringen Löhnen arbeiten, 0 Prozent heraus.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf von der SPD: Das ist aber eine Rechnung!)


Sie feilschen hier nur noch um Geländegewinne für die
jeweils eigene Partei. Das ist einfach zu wenig. Ich finde
das schäbig.

Herr Pofalla, kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit Ih-
rem Gesetz gegen sittenwidrige Löhne. Sie selbst ha-
ben Ihren Freund Hubertus Schmoldt als Kronzeugen
angeführt. Sie hätten das entsprechende Interview ein-
mal zu Ende lesen sollen. Herr Schmoldt spricht sich da-
rin dezidiert gegen ein Gesetz gegen sittenwidrige Löhne
aus.

Herr Pofalla, er rechnet Ihnen auch noch einmal vor,
welche Auswirkungen ein solches Gesetz haben würde.
Damit könnten nämlich Löhne wie zum Beispiel der

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(C (D ohn der Friseurin in Sachsen von 3,82 Euro legal noch inmal um 30 Prozent – in diesem Fall um 1,14 Euro – nterschritten werden. Das wollen Sie jetzt auch noch esetzlich legitimieren! Verabschieden Sie sich von dieer Idee. Sie bringt wirklich niemanden voran. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Zuruf von der CDU/CSU: Keine Ahnung!)


Herr Pofalla, mit unserem Entschließungsantrag ha-
en wir Ihnen einen Vorschlag gemacht, dem auch Sie
ustimmen können müssten.

Erstens. In unserer Mindestlohn-Kommission nach
ritischem Vorbild wollen wir Vorschläge erarbeiten las-
en, die regional- und branchenspezifisch differenziert
erden. Diese Empfehlungen sollen dann durch den
undesarbeitsminister für verbindlich erklärt werden.

Zweitens. Wir wollen, dass das Arbeitnehmer-Ent-
endegesetz auf alle Branchen ausgeweitet wird. Für die
ranchen, die das Ganze nicht selbst in Tarifverträgen

egeln können, wollen wir bis Ende 2008 die von der
ben genannten Kommission erarbeiteten Mindestlöhne
ür verbindlich erklären.

Drittens wollen wir das Tarifvertragsgesetz so refor-
ieren, dass die Vetomöglichkeiten der Spitzenverbände

ingegrenzt werden.


(Zuruf von der CDU/CSU: Was ist für Sie die Koalitionsfreiheit?)


Mit diesem Konzept verhindern wir die negativen Be-
chäftigungseffekte, die Sie hier an die Wand gemalt ha-
en, Herr Pofalla.


(Dr. Reinhard Göhner [CDU/CSU]: Dann sind die 3,82 Euro aber immer noch gültig!)


eswegen machen wir Ihnen einen Vorschlag, den Sie
igentlich gar nicht ablehnen können.

Herr Müntefering, ich wende mich jetzt noch einmal
irekt an Sie. Eigentlich wissen Sie doch ganz genau,
ass es in diesem Hause eine parlamentarische Mehr-
eit für einen Mindestlohn gibt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


eil es in diesem Hause eine solche parlamentarische
ehrheit für einen Mindestlohn gibt, versuchen Sie sich

icht als Feierabend-Straßenkämpfer, sondern


(Zuruf von der SPD: Da kennen Sie sich besser aus! – Zuruf von der FDP: Dafür ist doch eigentlich Joseph Fischer zuständig!)


erben Sie hier in diesem Bundestag für Ihr Projekt.
ier gibt es für den Vorschlag, den wir Ihnen vorgelegt
aben, eine Mehrheit bis tief in die CDU hinein.

Herr Pofalla hat heute ausgeführt, dass er keinen ein-
eitlichen gesetzlichen Mindestlohn will. Er hat gesagt,
r wolle Lohndumping verhindern. Wir haben Ihnen
azu einen Vorschlag gemacht, den Sie gar nicht ableh-
en können.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9517


(A) )



(B) )


Brigitte Pothmer
Herr Müntefering, ich würde mir wünschen, dass Sie
in diesem Hause dann auch für die entsprechenden
Mehrheiten kämpften.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Wir fordern Sie auf: Setzen Sie im Vorfeld des 1. Mai
nicht Ihre schwarz-roten Passionsspiele in der Arbeits-
marktpolitik fort. Am Tag der Arbeit geht es um die Inte-
ressen der Beschäftigten und nicht um die Probleme der
Großen Koalition. – Ich danke Ihnen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf von der SPD: Die Realität hat euch mittlerweile doch verlassen!)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609405800

Das Wort hat jetzt der Kollege Dr. Ralf Brauksiepe

von der CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Ralf Brauksiepe (CDU):
Rede ID: ID1609405900

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! An-

lass dieser Debatte sind zwei Anträge der Opposition,
wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.


(Dirk Niebel [FDP]: Ganz klar: Einer ist gut, und einer ist schlecht!)


Sie malen die Situation in diesem Land in schwarz bzw.
in weiß.


(Dirk Niebel [FDP]: Wir malen sie in blaugelb!)


Beide werden der Situation in diesem Land nicht ge-
recht. Mir ist, als ich diese Anträge gelesen habe, der
Tag nach der letzten Bundestagswahl in Erinnerung ge-
kommen. Erinnern wir uns: Rot-Grün war abgewählt
und hat am nächsten Tag der FDP angeboten, doch in die
rot-grüne Koalition einzutreten.


(Dirk Niebel [FDP]: Und wir haben Nein gesagt!)


– Sie haben Nein gesagt. – Frau Pothmer, vergleichen
Sie einmal Ihren Antrag mit dem von der FDP. Ange-
sichts der Unterschiede habe ich ein gutes Gewissen,
wenn wir in der Großen Koalition manchmal ein biss-
chen brauchen, bis wir zu Ergebnissen kommen. Sie ha-
ben sieben Jahre lang dieses Land heruntergewirtschaf-
tet,


(Widerspruch bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Sie haben jahrelang keine Initiative ergriffen, um das
umzusetzen, was Sie hier fordern, und wollten noch mit
denen, die das genaue Gegenteil wollen, eine Koalition
bilden. Das zeigt, wie ernst Sie Ihre eigenen Programm-
punkte nehmen, nämlich überhaupt nicht ernst.


(Beifall bei der CDU/CSU – Dirk Niebel [FDP]: Wir haben Nein gesagt! Ich bitte das zu bedenken!)


– Sie haben Nein gesagt. Das ist wahr.

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(C (D Ich möchte aber auch noch an etwas anderes erinnern, ieber Kollege Niebel. Das, was in Ihrem Antrag steht, äuft auf einen lohnpolitischen Häuserkampf hinaus und edeutet das Ende für kollektive Vereinbarungen. Die on Ihnen geforderte Abschaffung der Allgemeinverindlichkeit im Tarifvertragsgesetz war nie Politik der egierung Kohl und wird auch niemals eine Politik sein, ie wir gemeinsam mit Ihnen machen. Um es ganz deutich zu sagen: Sie sind weit von dem entfernt, was wir rüher einmal gemeinsam gemacht haben. (Dirk Niebel [FDP]: Erst einmal ganz locker bleiben und abwarten!)


Liebe Kolleginnen und Kollegen, inhaltlich stehen
eide Anträge krass gegeneinander.


(Dirk Niebel [FDP]: Das sage ich dem Althaus!)


ie haben aber ein gemeinsames Ziel: Beide unterneh-
en den völlig untauglichen Versuch, etwas zu bewei-

en, was von den Betroffenen überhaupt niemand be-
treitet, nämlich dass es in der Großen Koalition
nterschiedliche Auffassungen zu diesem Thema gibt.
ir brauchen keine Anträge von Ihnen, um das festzu-

tellen. Deswegen möchte ich noch einmal in Erinne-
ung rufen: Diese Koalition ist nicht deswegen gebildet
orden, weil zwischen den Parteien, die sie bilden, ein
aximum an inhaltlicher Übereinstimmung herrscht,

ondern diese Große Koalition ist gebildet worden, um
ieses Land wieder voranzubringen, nachdem die alte
oalition keine Mehrheit mehr hatte.


(Hubertus Heil [SPD]: Schwarz-Gelb auch nicht!)


ie jetzige Konstellation hat sich also auf der Basis einer
bereinkunft gebildet, um dieses Land wirtschaftlich,

ozial und arbeitsmarktpolitisch wieder voranzubringen.
iese Verantwortung haben wir wahrgenommen. Ich

inde, man darf auch heute noch einmal sagen: Fast
Million Arbeitslose weniger als vor einem Jahr und
eit über 0,5 Millionen sozialversicherungspflichtige
eschäftigungsverhältnisse mehr als vor einem Jahr zei-
en bei allen Unterschieden, dass wir in dieser Großen
oalition gemeinsam etwas erreicht haben, worauf wir

uch gemeinsam stolz sein können.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Lassen Sie mich im Rahmen dieser schwierigen Min-
estlohndebatte auf ein paar Dinge hinweisen, die unter-
chiedlichen Teilen dieses Hauses nicht gefallen, die
ber alle miteinander wahr sind. Bevor man sich in ei-
em volkswirtschaftlichen Studium im Detail mit Wirt-
chaftstheorie beschäftigt, braucht man ein paar Kennt-
isse, die mit Grundrechenarten zu tun haben und
elbstverständlich sind. Dazu gehört, dass nur das Ein-
ommen verteilt werden kann, das vorher auch erwirt-
chaftet worden ist.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


as heißt, dass es beispielsweise nicht gut gehen kann,
enn ein Arbeitnehmer, der eine Wertschöpfung von

9518 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Dr. Ralf Brauksiepe
5 Euro erwirtschaftet, auf Dauer von seinem Arbeitgeber
6 Euro bekommen soll. Das kann auf Dauer nicht gut ge-
hen. Das hat nichts mit Wirtschaftstheorie zu tun, son-
dern das hat etwas mit simpelsten Zusammenhängen zu
tun, nämlich wie Einkommen in einer Volkswirtschaft
entsteht und verwendet wird. Ein Verstoß dagegen kann
auf Dauer nicht gut gehen.

Es ist auch wahr, nicht jedem steht seine Produktivität
auf die Stirn geschrieben.


(Hubertus Heil [SPD]: Vor allem nicht Abgeordneten!)


Natürlich gibt es Menschen, die mehr bzw. weniger be-
kommen, als es ihrer Produktivität entsprechen würde.
Es gibt aber niemanden, der die Wertschöpfung und da-
mit die Produktivität eines Menschen besser beurteilen
kann als die Tarifvertragsparteien. Die Politik sollte
sich nicht anmaßen, an deren Stelle treten zu wollen.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609406000

Herr Kollege Brauksiepe, erlauben Sie eine Zwi-

schenfrage des Kollegen Heinrich Kolb?


Dr. Ralf Brauksiepe (CDU):
Rede ID: ID1609406100

Er ist zwar noch dran, aber wenn er mit seiner Rede-

zeit nicht auskommt, gerne.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609406200

Herr Kolb, bitte schön.


Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):
Rede ID: ID1609406300

Ich bedanke mich, Herr Kollege Brauksiepe. – Ich

habe ja mit Interesse festgestellt, dass Sie nicht zu den
Unterzeichnern der CDA-Unterschriftenaktion gehören.
Nach dem, was Sie jetzt gesagt haben, ist mir das ein
Stück klarer geworden. Die Grundzusammenhänge der
Lohnfindung und Lohnsetzung haben Sie immerhin ver-
standen.

Können Sie mir denn, nachdem es der Kollege Pofalla
nicht geschafft hat, folgenden Satz in der CDA-Unter-
schriftenaktion, der ja wohl der Beweggrund für Sie ge-
wesen sein muss, nicht zu unterschreiben, noch einmal
erläutern? Ich zitiere:

Deshalb muss der Gesetzgeber zusätzlich eine ab-
solute Lohnuntergrenze oberhalb der Armutsgrenze
festlegen;


Ist das ein gesetzlicher Mindestlohn, ja oder nein? Ist das
der Grund dafür, dass Sie nicht unterschrieben haben?


(Hubertus Heil [SPD]: Es heißt nur anders! Es ist schon Mindestlohn!)



Dr. Ralf Brauksiepe (CDU):
Rede ID: ID1609406400

Herr Kollege Kolb, Ihre Pöbeleien habe ich zur

Kenntnis genommen.


(Widerspruch bei der FDP)


Das muss jeder für sich entscheiden.

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(C (D Ich muss keine Appelle an mich selber richten. Ich in an den Gesprächen beteiligt, die die Große Koalition u diesem Thema führt. Es ist völlig in Ordnung, wenn n einer Volkspartei, die breit aufgestellt ist, die Meinunen zu diesem Thema zum Ausdruck gebracht werden. ch werde Ihnen zu der Frage, auf die Sie gekommen ind, inhaltlich gleich noch etwas sagen. – Erst einmal önnen Sie wieder Platz nehmen. Ich war an dem Punkt stehen geblieben, dass ein Areitgeber auf Dauer nicht mehr bezahlen kann, als der ertschöpfung des Arbeitnehmers entspricht. Genauso ehört zur Wahrheit aber auch, dass wir auf dem Arbeitsarkt, auch im zusammenwachsenden Europa, mittlereile eine Situation haben, der viele alte Theorien nicht erecht werden. Wenn jemand aus einem Land, wo die indestlöhne im Eurocentbereich liegen – es gibt meh ere Länder in der Europäischen Union mit gesetzlichen indestlöhnen im Centbereich –, in ein Land wie eutschland kommt, eine Wertschöpfung von 5 Euro erringt, dafür aber nur 2 oder 3 Euro, das heißt nur einen ruchteil seiner Wertschöpfung, erhält und der Arbeitgeer den Rest einbehält, weil er sich sagt, der Arbeitneher habe ja immer noch mehr, als er in seinem Heimat and hätte, dann ist das eine Situation, die wir nicht innehmen können. Das ist eine Situation, die für deutche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die hier leen und hier ihre Familie mit ihrer Hände Arbeit ernähen wollen, nicht hinnehmbar ist. Die sind dann nicht onkurrenzfähig. Politik kann nicht so tun, als hätte das twas mit Marktgesetzen zu tun und ginge uns nichts an. a müssen wir handeln, und da müssen wir die Men chen vor solcher Konkurrenz schützen. Deswegen geben wir Antworten. Auch als CDU/CSU aben wir klare Vorstellungen zu diesem Thema entwikelt. Wir meinen: Eine Ausweitung des Entsendegesetes ist nicht der Königsweg. Auch Herr Bofinger, Liebingsökonom der Sozialdemokraten, sagt ausdrücklich: orsicht bei einer weiteren Ausweitung des Entsendegeetzes; protektionistisches Instrument usw. – Es geht lso nicht darum, die Nutzung irgendeines Instruments um Königsweg zu erklären, sondern es geht darum, zu rüfen, was denn die Alternativen sind. Eine Alternative zur Ausweitung des Entsendegesetes wäre Nichtstun. Angesichts der Probleme, die wir in anchen Bereichen haben, halte ich Nichtstun für un erantwortlich. Eine weitere Alternative wäre, dass sich der Staat an ie Stelle der Tarifvertragsparteien setzt. Dazu sage ch noch einmal: Ich glaube nicht, dass der Staat bessere ntworten als die Tarifvertragsparteien hat. Uns geht es icht darum, als Politik vorzugeben, wer ins Entsendegeetz kommt, sondern wir sagen: Wo die Arbeitgeberund rbeitnehmervertreter selbst die sozialen Verwerfungen ehen und erklären: „Wir wollen deswegen ins Entsenegesetz aufgenommen werden“, sind wir bereit, diesen eg mitzugehen. Wir sagen also nicht: Wir wissen es als olitik besser. Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9519 Dr. Ralf Brauksiepe Ich will zu dem Protektionismusargument deutlich erklären: Es gibt aus guten Gründen Minderheitenschutz. Aber die Aufnahme ins Entsendegesetz bedeutet nicht, dass jemandem, der keiner Tarifvertragspartei angehört, alles diktiert werden muss. Tarifverträge regeln, wie man wissen sollte oder auch weiß, Herr Kollege Niebel, sehr viel mehr als nur einen Mindestlohn. Es geht aber nur darum, diesen für allgemeinverbindlich zu erklären. Es kann nicht sein, dass nur Minderheiten, die keiner Tarifvertragspartei angehören, ihre Rechte haben; auch die Mehrheiten müssen Rechte haben. Wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die in einer Branche die Mehrheit repräsentieren, einen Tarifvertrag abschließen und sich darauf verständigen, dass für anständige Arbeit ein anständiger Lohn gezahlt werden soll, dann müssen sie auch die Möglichkeit haben, das durchzusetzen, und dürfen nicht durch Konkurrenz, durch Lohndrückerei daran gehindert werden. Auch das gehört zur Ordnungspolitik und zur Tarifautonomie dazu. Herr Kollege Brauksiepe, erlauben Sie eine weitere Zwischenfrage, und zwar der Kollegin Pothmer vom Bündnis 90/Die Grünen? Aber gern. Bitte schön, Frau Pothmer. Herr Brauksiepe, Sie haben gerade erklärt, dass Sie da, wo sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam auf bestimmte Löhne verständigt haben und den Anspruch erheben, ins Entsendegesetz aufgenommen zu werden, dem auch Folge leisten werden. Ist das eine definitive Aussage dahin gehend, dass die Zeitarbeitsbranche, die die Kriterien, die Sie gerade genannt haben, erfüllt, (Dirk Niebel [FDP]: Die erfüllt das überhaupt nicht, nur die Großen, Randstad, Adecco und so, die Kleinen nicht!)


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


(A) )


(B) )


(Beifall bei der CDU/CSU)

Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609406500
Dr. Ralf Brauksiepe (CDU):
Rede ID: ID1609406600
Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609406700
Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609406800

unmittelbar ins Entsendegesetz aufgenommen wird?


Dr. Ralf Brauksiepe (CDU):
Rede ID: ID1609406900

Frau Pothmer, Sie müssten eigentlich wissen, dass die

Voraussetzungen, die Sie in Ihrer Frage genannt haben,
in der Realität nicht gegeben sind. In der Zeitarbeits-
branche haben wir es mit konkurrierenden Tarifverträ-
gen zu tun. Es ist eine besondere Situation, mit der wir
uns auch zu beschäftigen haben werden. Wenn es ent-
sprechende Anträge gibt, wird man sich diese Verträge
anschauen und überlegen müssen, wie man damit um-
geht. Sie wissen, dass das eine Sondersituation ist und
dass die Bedingungen, die ich genannt habe, und auch
die, die Sie genannt haben, als solche nicht erfüllt sind.

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(C (D Ich will auf den Ausgangspunkt zurückkommen. Wir aben eindeutig erklärt, dass wir bereit sind, da eine ufnahme in das Entsendegesetz vorzunehmen, wo sol he sozialen Verwerfungen von den Arbeitgeberund rbeitnehmervertretern selbst gesehen werden. Jeder eiß: Eine solche Aufnahme ist kein Allheilmittel und ird nicht dazu führen, dass die gesamte deutsche olkswirtschaft unter das Entsendegesetz fällt. Wir sagen klipp und klar: Wir wollen und müssen verindern, dass dort, wo es aufgrund tariflicher Vereinbaungen nicht zu einer Aufnahme ins Entsendegesetz ommt, sittenwidrige Löhne gezahlt werden. Das ist ine klare Aussage. Wir lehnen sittenwidrige Löhne ab nd sind bereit, das entsprechend zu kodifizieren. Das Richterrecht ist an dieser Stelle uneinheitlich. aher gilt: Wenn man gesetzlich festlegt, dass Löhne ein rittel unter Tarif sittenwidrig sind, dann ist das mehr ls die pure Wiedergabe des Richterrechts. Das ist etwas nderes. Das ist gewissermaßen das Kondensat der Ureile, die es dazu bisher gab. Es ist schon ein Fortschritt, er auch mehr Rechtssicherheit schafft. Wir sagen ganz deutlich – Kollege Kolb, damit sind ir bei dem Punkt, den auch die CDA in ihrem Flugblatt öllig zu Recht angesprochen hat – : Wenn man fordert, ass Löhne ein Drittel unter Tarif möglich sind, dann uss man in der Tat unterscheiden, ob im Tarifvertrag öhne von 12 Euro oder von 3,50 Euro oder 3,18 Euro estgelegt sind. Wir wollen nicht, dass Menschen für Euro oder weniger – ich verweise auf den Erwerbsgar enbau – beschäftigt werden. Ich wiederhole: Das wollen ir nicht. Genau das wird mit unserer Position zum Ausruck gebracht. in Drittel weniger als 12 Euro oder ein Drittel weniger ls 3,80 Euro, das ist ein Unterschied. Ich sage genauso klar: Der Staat verhebt sich, wenn er ersucht, beispielsweise über einen Mindestlohn – man ann es auch anders nennen – gesetzlich festzulegen, ass Löhne doppelt so hoch wie tarifvertraglich vereinarte Löhne sein sollen, etwa nach dem Motto: Wenn in en Tarifverträgen etwa ein Lohn von 3 Euro vereinbart urde, dann legen wir fest, dass das Doppelte zu zahlen st. Auch ich bin fassungslos, wenn ich sehe, was in anchen Tarifverträgen steht. Aber wir sollten zur enntnis nehmen: Der Staat verhebt sich, wenn er meint, r könne festlegen, dass das Doppelte gezahlt wird. Geauso klar ist: Tarifvertraglich festgelegte Niedrigstöhne von etwas mehr als 3 Euro dürfen nicht noch um in Drittel unterschritten werden. Deswegen ist diese Poition der CDA völlig sachgerecht. (Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist widersprüchlich!)


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


(Beifall bei der CDU/CSU)


Nach meiner Überzeugung schreit dieses Thema ge-
adezu nach ideologischer Abrüstung.

9520 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Dr. Ralf Brauksiepe

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Andrea Nahles [SPD]: Na, dann fangen Sie doch an!)


Ich finde, wir müssen deutlich machen, was die Ziele
und was die Mittel sind. Deswegen sage ich noch ein-
mal: Unser Ziel ist und bleibt, dass Menschen in diesem
Land nicht ausgebeutet werden, dass Menschen für eine
anständige Arbeit auch einen anständigen Lohn bekom-
men. Um dieses Ziel geht es.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Ziel kann nicht sein, alle Branchen oder keine Bran-
chen ins Entsendegesetz aufzunehmen.


(Andrea Nahles [SPD]: Doch, das kann sehr wohl das Ziel sein! Alle Branchen ins Entsendegesetz aufzunehmen, ist nämlich unser Ziel!)


Ziel muss vielmehr sein, dass in diesem Land für anstän-
dige Arbeit ein anständiger Lohn gezahlt wird. Es geht
darum, dass es keine Lohndrückerei gibt. Der gerechte
Lohn und die Frage, wie man dazu kommt, sind ein ur-
christliches Thema. Das ist ein Thema der Christlichen
Demokraten und der Christlich-Sozialen. Dafür stehen
wir, und darum ringen wir. Wir wollen in dieser Großen
Koalition gemeinsam Lösungen für diese Probleme fin-
den.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609407000

Das Wort hat jetzt der Kollege Dr. Heinrich Kolb von

der FDP-Fraktion.


(Beifall bei der FDP)



Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):
Rede ID: ID1609407100

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! De-

batten wie die heutige sind auch dazu da, die Positionen
der Fraktionen in diesem Hause deutlich zu machen.
Was die FDP will, ist deutlich geworden: Wir wollen die
Voraussetzungen dafür schaffen, dass mehr Arbeits-
plätze in diesem Lande entstehen. Ein Arbeitsplatz ist
nämlich das höchste soziale Gut, das wir einem Men-
schen in diesem Lande zur Verfügung stellen.


(Beifall bei der FDP – Andrea Nahles [SPD]: Man muss aber davon leben können!)


Herr Kollege Pofalla und Herr Kollege Brauksiepe,
was die Union will, ist mir nach Ihren Beiträgen aller-
dings nicht ganz klar. Herr Brauksiepe, es gab Zeiten, da
hatte die Union eine klare marktwirtschaftliche Position,
da hatte die Union ein klares ordnungspolitisches Profil.
Aber was wir heute von Ihnen gehört haben, war ein biss-
chen Symbolpolitik nach dem Motto: So ganz können
wir uns diesem Thema nicht verweigern; sprechen wir
also zur Sittenwidrigkeit. Ansonsten war von Ihnen ein
klares „Nein, aber
“ zu hören. Dazu muss ich sagen:
Ich freue mich, heute Morgen in den Zeitungen gelesen

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(C (D u haben, dass Ludwig Erhard nie Mitglied der Christich Demokratischen Union gewesen ist. Anderenfalls üsste er posthum seinen Austritt erklären. Er würde ich im Grabe herumdrehen, wenn er dieses Geeiere eute Morgen erlebt hätte. Es gibt an dieser Stelle nur eine klare Position: Lohnetzung ist kein Handlungsfeld der Sozialpolitik. Das uss unmissverständlich klar sein. Ich denke, man hätte on dem Kollegen der Union erwarten dürfen, das hier lar und unmissverständlich zu sagen. (Gitta Connemann [CDU/CSU]: Also, klarer ging’s nicht!)


(Beifall bei der FDP)


Herr Kollege Brauksiepe, das war eben keine Pöbelei.
enn Sie das so empfunden haben sollten, dann bitte ich

ie ausdrücklich um Entschuldigung.


(Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: Ist in Ordnung!)


ch bin doch froh, dass Sie Einsicht in einen sehr grund-
egenden Sachverhalt gezeigt haben.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609407200

Herr Kollege Kolb, erlauben Sie eine Zwischenfrage

es Kollegen Göhner?


Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):
Rede ID: ID1609407300

Sehr gerne.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609407400

Bitte schön, Herr Göhner.


Dr. Reinhard Göhner (CDU):
Rede ID: ID1609407500

Herr Kollege Kolb, da Sie sich Sorgen um die post-

ume Mitgliedschaft von Ludwig Erhard machen, darf
ch Sie fragen, ob Ihnen bekannt ist, dass die Grundlagen
ür das Mindestlohngesetz von 1952 und für die gesetzli-
hen Regelungen des Tarifvertragsgesetzes in der heuti-
en Form zu Ludwig Erhards Zeiten geschaffen wurden,
as Entsendegesetz jedoch zu der Zeit, als die FDP an
er Regierung war?


Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):
Rede ID: ID1609407600

Wir als FDP haben beispielsweise auch die betriebli-

he Mitbestimmung mit aus der Taufe gehoben, weil wir
ns als liberale Partei durchaus auch den Arbeitneh-
erinteressen verpflichtet fühlen.


(Beifall bei der FDP)


ch gehe davon aus, dass Ludwig Erhard an diesen Maß-
ahmen unter dem Bundeskanzler Konrad Adenauer
itgewirkt hat und dass ein Bundeskanzler Ludwig
rhard so etwas nicht getan hätte.


(Gitta Connemann [CDU/CSU]: Das war schwach!)


eswegen glaube ich, bei der Beurteilung, die ich hier
bgegeben habe, sehr wohl bleiben zu können.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9521


(A) )



(B) )


Dr. Heinrich L. Kolb

(Klaus Brandner [SPD]: Er hat Sie aber ganz schön aus dem Konzept gebracht!)


Ich möchte feststellen, dass Herr Kollege Brauksiepe
hier einen wichtigen und grundlegenden Sachverhalt
deutlich gemacht hat: Auf Dauer kann kein Unterneh-
men einen Lohn zahlen, der die Wertschöpfung, die mit
der erbrachten Leistung korrespondiert, deutlich über-
steigt.


(Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: Das hätten Sie mir gar nicht zugetraut!)


– Das finde ich sehr bemerkenswert, Herr Kollege
Brauksiepe. Aber daran muss sich konkretes Handeln
anschließen. – Also, der Lohn kann nur so hoch sein wie
der Wert der produzierten Güter und Dienstleistungen
nach Abzug der Kosten für Material, Energie usw. Der
größte Einzelposten ist in der Regel der Lohn.

Nun ist interessant, dass Forderungen nach Mindest-
löhnen nur für ortsgebundene Branchen erhoben wer-
den. Es käme keiner auf die Idee, in einer Branche, die
sehr stark exportorientiert ist, die Forderung nach Min-
destlöhnen zu erheben, weil vollkommen klar ist, dass
der Absatz der Güter und Dienstleistungen erschwert
würde. Die Preiserhöhungen, die den Lohnerhöhungen
notwendig folgen müssten, sind nämlich nicht durchsetz-
bar, und deswegen sind exportorientierte Branchen in der
Regel außen vor. Interessanterweise sind auch Import-
branchen außen vor. Ich jedenfalls kenne keine Forde-
rung, Einfuhrzölle in bestimmten Branchen zu erheben,
wenn Produkte nach Deutschland eingeführt werden, die
zu deutlich niedrigeren Lohnkosten erzeugt werden, als
das in Deutschland der Fall ist.

Die Forderung kommt also insbesondere dann, wenn
in bestimmten Branchen unbedingt in Deutschland orts-
gebunden produziert werden muss oder Dienstleistungen
erbracht werden müssen, also im Einzelhandel, im Ho-
tel- und Gaststättengewerbe, in der Land- und Forstwirt-
schaft, im Erwerbsgartenbau, im Friseurhandwerk, bei
Postdienstleistungen, in der Floristik und in vielen ande-
ren Branchen mehr. Man kann das schön im Antrag der
Grünen nachlesen. Nur muss ich hier klar sagen, dass
das auch in diesen Fällen nicht ohne Risiken und Neben-
wirkungen ist. Der Sachverständigenrat hat in seinem
aktuellen Jahresgutachten sehr deutlich gemacht, dass
auch in diesem Fall absolute Wohlstandsverluste die
Folge von Mindestlöhnen sind und wir alle, also auch
Arbeitnehmer in anderen Branchen, die Zeche zahlen,
die mit der Einführung von Mindestlöhnen in solchen
ortsgebundenen Branchen verbunden wäre. Deswegen
sind Mindestlöhne Gift, und zwar ohne Wenn und Aber,


(Beifall bei der FDP)


sowohl gesetzliche als auch tarifliche oder solche, die im
Wege des Entsendegesetzes für allgemeinverbindlich er-
klärt werden. Wir sollten die Finger davon lassen. Die
Väter des Grundgesetzes haben die Tarifautonomie aus
gutem Grund in das Gesetz geschrieben, weil sie sehr
wohl gesehen haben, was geschieht, wenn sich die Politik
in die Lohnfindung einmischt. Frau Kollegin Pothmer,
ich möchte mir keinen Wahlkampf vorstellen, in dem
nach dem Motto „Wer bietet mehr?“ nicht nur 7,50 Euro,

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(C (D ondern 8,10 Euro oder 9,20 Euro in politischen Prorammen gefordert werden. Die Folge wäre ein massiver erlust von Arbeitsplätzen in unserem Lande gerade bei en Geringqualifizierten. Das können und dürfen wir icht wollen. Es bleibt noch ein Punkt. Es wird gesagt: Anständier Lohn für anständige Arbeit. Wer Vollzeit arbeitet, uss auch von seiner Arbeit leben können. – Was heißt as eigentlich, Herr Müntefering? Wer alleine lebt, kann it einem Bruttostundenlohn von 6,50 Euro oder 7 Euro larkommen, aber für jemanden, der verheiratet ist und inder hat, bedeutet vom Verdienst leben zu können, eien Bruttostundenlohn von 12 Euro oder 12,50 Euro erielen zu müssen, wenn ich das richtig gerechnet habe. as heißt doch, dass sich eine künftige Lohnfindung an en persönlichen Verhältnissen des Arbeitnehmers ausichten müsste, wenn man diesen Gedanken zu Ende enken würde. Das kann nicht sein. Auch hier gilt: Das egenteil von gut ist gut gemeint. Ich unterstelle, dass ie alle beste Absichten haben. Aber im Ergebnis führt ine solche Politik in die Irre. Deswegen kann ich nur och einmal sagen: Hände weg vom Mindestlohn! Der Weg, den die FDP in ihrem Antrag aufzeigt, ist er richtige. Wir sollten nicht über Mindestlöhne reden, ondern über Mindesteinkommen. Wer von seinem inkommen nicht leben kann, wem durch seine Arbeit etto nicht genügend verbleibt, um seinen Bedarf zu deken, hat Anspruch auf einen Transfer, den ihm die Geeinschaft der Steuerzahler gewähren muss. Das ist icht ehrenrührig. Das entspricht vielmehr den Grundrinzipien unseres Sozialsystems, die wir in anderen Beeichen nicht nur akzeptieren, sondern regelmäßig hochreisen. Unterstützen Sie den Antrag der FDP! Schaffen Sie ie Voraussetzungen für mehr Lohnspreizung, mehr Mitirkung in den Betrieben und mehr Arbeitsplätze! Soren Sie zusammen mit uns dafür, dass in Deutschland in Bürgergeld eingeführt wird, das den Transfer erringt, durch den die Menschen das haben, was sie brauhen. Das ist eine Sozialpolitik mit Augenmaß. Dafür reten wir ein. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei der FDP – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Lohndrücker!)


(Beifall bei der FDP)


(Beifall bei der FDP)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609407700

Das Wort hat jetzt der Bundesminister Franz
üntefering.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Franz Müntefering, Bundesminister für Arbeit und
oziales:

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
edanke mich bei den Antragstellern für die Möglich-
eit, hier über das Thema zu diskutieren. Das passt ge-
ade gut; denn der Stand der Dinge ist so, dass eine gute

9522 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Bundesminister Franz Müntefering
Information nützlich ist. Deshalb hätten Sie aber nicht so
viel Unsinn in Ihren Antrag hineinschreiben müssen,
Herr Kolb. Das wäre auch anders möglich gewesen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ihren einfältigen Hinweis darauf, dass Stundenlöhne
nicht davon abhängen, ob jemand verheiratet ist oder
nicht, Kinder hat oder nicht – das wusste ich auch vorher
schon.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Da bin ich mir nicht so sicher!)


Also, die Frage zum Schluss war wahrscheinlich doch
nicht so ganz ernst gemeint.

Wir haben in langen Diskussionen zwei Probleme im
Niedriglohnbereich in Deutschland herausgearbeitet, die
auch unbestritten sind. Die Lohnspreizung ist groß. Es
gibt zunehmend Menschen, die einen so niedrigen Lohn
haben, dass sie davon nicht leben können. Deshalb zahlt
der Staat zunehmend Löhne indirekt. Für Verheiratete
und Arbeitnehmer mit Kindern gibt es – darauf haben
Sie abgehoben – immer Sozialtransfers; das ist völlig
unbestritten. Aber immer mehr ist es so, dass, so zum
Beispiel bei Postdiensten, die zu Billigstbedingungen
Post verteilen – Stichwort „billige Briefmarken“ –, der
Staat mit seinem Sozialtransfers die Löhne ersatzweise
zahlt. Das ist auch unter dem Gesichtspunkt der Verbrau-
cherpolitik nicht vernünftig. Dort, wo Löhne und Preise
– beispielsweise beim Friseur – so niedrig werden, dass
anschließend die Gemeinschaft aller aus der Steuerkasse
den Rest der Löhne zahlen muss, ist das ein Verstoß ge-
gen „normale“ Ordnungspolitik. Das hat mit sozialer
Marktwirtschaft und vernünftiger Ordnungspolitik über-
haupt nichts zu tun.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Allen, die sagen, der Staat müsse zuzahlen, sage ich:
Leute, überlegt es euch noch einmal genau! Diese
Staatslohnphilosophie führt in die Irre. Wenn man Ih-
ren Antrag genau liest, stellt man fest: Sie sagen im
Grunde nichts. Wenn die Löhne nun einmal so niedrig
sind, wie sie sind, dann muss nach Ihrer Vorstellung ein
Bürgergeld – ein schöner Name – aus der Staatskasse ge-
zahlt werden. Woher denn eigentlich sonst? Aber das
kann nicht sein. Eine soziale Marktwirtschaft muss den
Anspruch an sich selbst haben, dass die Produktivität der
Menschen so hoch ist, dass sie so viel verdienen, dass sie
davon auch leben können. Das muss das Ziel einer ver-
nünftigen sozialen Marktwirtschaft sein.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Inzwischen gibt es in Deutschland etwa 2,5 Millionen
Menschen – Tendenz steigend –, die nicht arbeitslos
sind, also Arbeitslosengeld II bekommen. Seit Einfüh-
rung dieses Instruments sind es 800 000 mehr geworden.
Ursprünglich waren es 1,7 Millionen. Die Zahl derjeni-
gen, die arbeitslos sind und Arbeitslosengeld II bekom-
men, sinkt dagegen. Die Belebung auf dem Arbeitsmarkt

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(C (D irkt. Aber es gibt zunehmend mehr Menschen, die bechäftigt sind und trotzdem ergänzend Arbeitsloseneld II bekommen. Darunter sind etwa 500 000 Volleschäftigte, eine Reihe von Teilzeitbeschäftigten, 0 000 Selbstständige und die Aufstocker, bei denen das rbeitslosengeld I nicht hoch genug ist. Damit müssen ir uns auseinandersetzen. Die Diskussion darüber, ob ir 21,4 Milliarden oder 25 Milliarden Euro für passive eistungen im Rahmen des Arbeitslosengeldes II ausgeen, hat damit zu tun. Wie viel muss denn eigentlich gezahlt werden? Und er zahlt diese Löhne nicht so hoch, wie sie eigentlich ein müssten? Darüber haben wir diskutiert. Wir haben ünf Lösungsansätze, die ich in aller Kürze beschreiben öchte: Erster Lösungsansatz: Angebot an alle Branchen, in as Arbeitnehmer-Entsendegesetz zu kommen. Wir önnen keinen dazu zwingen; das wollen wir auch nicht. as Angebot gilt aber für alle. Sie müssen versuchen, ie dafür erforderlichen Strukturen herzustellen. Ich öchte, dass wir Anfang des nächsten Jahres dann in ei em großen Gesetz möglichst viele Branchen in das Areitnehmer-Entsendegesetz aufnehmen können und es o in Bezug auf die Dienstleistungsrichtlinie, die 2009 ommen wird, sichern können. Wir werden sehen, welche Branchen die Aufnahme eantragen werden. Einige kenne ich schon; die haben ich schon bei mir gemeldet. Es melden sich übrigens icht nur Arbeitnehmer, sondern auch Arbeitgeber. Das weite Problem, das ich vorhin nicht angesprochen habe, st nämlich, dass es ganz viele Arbeitgeber gibt, die eien ordentlichen, fairen Lohn zahlen und sagen: Es kann och nicht sein, dass irgendeiner mit Lohndumping mich ls Unternehmer untergräbt. – Da kamen Arbeitgeber us der Wachdienstbranche zu mir und sagten: Wir wolen unseren Leuten anständige Löhne, 7 Euro, zahlen. as sollen wir aber machen, wenn ein anderes Unterehmen die Arbeit für 2,50 Euro macht? – Arbeitgeber nd Arbeitnehmer wollen also in das Arbeitnehmer-Entendegesetz aufgenommen werden. Unser Angebot gilt für alle Branchen: Sie sollen im erlauf dieses Jahres klären, ob sie in das Arbeitnehmerntsendegesetz aufgenommen werden wollen; dann üssen sie die strukturellen Voraussetzungen dafür chaffen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen Verräge schließen. Wir beeinflussen die Tarife überhaupt icht. Das läuft wie bei den Gebäudereinigern. Arbeitgeer und Arbeitnehmer dieser Branche sind zu uns geommen und haben gesagt: Macht den Tarif von ,87 Euro im Westen und 6,36 Euro im Osten allgemeinerbindlich. Das haben wir dann gemacht. So läuft das b. Instrument Nr. 1 ist also, ein tariflicher Mindestohn, wie ich es immer genannt habe. Instrument Nr. 2: Kombilöhne. Ja, es gibt Menschen, ie aus verschiedenen Gründen nicht produktiv genug ind. Da sagen wir: Wir zahlen dazu. Bei schwervermitelbaren Jugendlichen unter 25 Jahren sagen wir: Arbeitehmer, stell den Jugendlichen ein, wir zahlen zwei Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9523 Bundesminister Franz Müntefering Jahre lang einen sogenannten Qualifizierungskombi. Bei den Älteren gibt es die Initiative „50 plus“: Wir zahlen dir, Arbeitgeber, einen Zuschuss; nimm ihn. Stichwort sozialer Arbeitsmarkt: Es gibt Hunderttausende von Schwervermittelbaren. Wir sagen den Städten und Sozialverbänden diesbezüglich: Nehmt sie, wir zahlen euch etwas dazu. – Das ist eine Frage der Produktivität. Dann stimmt das auch wieder. Instrument Nr. 3: Wir versuchen, zu erreichen, dass möglichst wenig Menschen in die Hilfebedürftigkeit rutschen. Das betrifft die Frage nach dem Zuverdienst. Was ist mit denen, die 700 Euro, 800 Euro, 900 Euro, 1 000 Euro oder 1 200 Euro haben und die zur Arge kommen und sagen: Ich muss noch Geld dazu haben? Denen sagen wir: Bleibt weg, bleibt aus der Hilfebedürftigkeit raus! Wir geben euch einen Erwerbstätigenzuschuss. – Bei einem Lohn von 800 Euro Lohn beträgt er 20 Prozent. Der Zuschuss sinkt degressiv ab. So können sie aus der Hilfebedürftigkeit rausbleiben. Das ist die Idee, die beim Kinderzuschlag schon dagewesen ist. Wir wollen mit dieser Maßnahme erreichen, dass möglichst viele Familien oder solche, die in die Nähe der Hilfebedürftigkeit rutschen, draußen bleiben können. Das wird noch zu präzisieren sein. Darüber reden wir noch im Einzelnen. Aber der Gedanke ist doch nicht falsch, zunächst einmal den Menschen zu helfen, gar nicht in die Hilfsbedürftigkeit zu rutschen, auch keine Vermögen nachweisen zu müssen, auch keine Schonvermögenproblematik zu haben, sondern die Leute draußen zu halten. Der Kinderzuschlag muss hierbei eine ganz besondere Rolle spielen. Punkt 4: Sittenwidrigkeit. Dazu gibt es eine Rechtsprechung in Deutschland. In der Tat gibt es dabei ein Problem. Bei der Beurteilung der Sittenwidrigkeit eines Lohns wird nicht geschaut, wie hoch oder niedrig ein Lohn ist, sondern nur, in welchem Verhältnis er zu dem steht, was vereinbart war bzw. zu dem, was ortsüblich ist. Da gibt es große Schwankungen. Der Spitzenkoch, der einen Anspruch auf einen Lohn von 50 Euro in der Stunde hat, kann sagen: Mein Lohn, der bei 30 Euro liegt, ist sittenwidrig. Die Friseuse, die für 3,20 Euro arbeitet, kann sagen: Solange mein Lohn nicht unter 2,20 Euro rutscht, ist er nicht sittenwidrig. Da sagen wir alle: Das kann so nicht sein. Ich bin dafür, dass man definiert, was unangemessen niedrige Löhne sind. Wir müssen deutlich darüber sprechen, wie hoch der Lohn wenigstens sein muss, unter welche Schwelle der Lohn nicht rutschen darf. Damit komme ich zum Punkt Nr. 5: die Mindestlöhne. Wir sagen: Wenn man das Konzept des Arbeitnehmer-Entsendegesetzes hat – so, wie ich es eben beschrieben habe –, wird es Lücken geben. Die Größe dieser Lücken kann man heute noch nicht abschätzen. Werden 10 Prozent der Branchen darunter fallen oder werden es 90 Prozent sein? Ich weiß es nicht. Und dann werden wir einen Auffangmindestlohn machen, der diese Lücken schließt. – a d n a t k s s l s w t d d l m m m d s a d n L j d d n b d g F l w e m t n F 2 3 u 7 t (C (D (Dirk Niebel [FDP]: Wer ist „wir“? Die Regierung oder die SPD?)


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(Beifall bei der SPD)


Ich werbe hier dafür. – Dieser Mindestlohn muss sich
n den Eckpunkten des Einkommens eines alleinstehen-
en, kinderlosen Arbeitslosengeld-II-Empfängers, von
etto auf brutto gerechnet, orientieren. Da derjenige, der
rbeitet, mehr haben muss als derjenige, der nicht arbei-
et, kommt ein Plus von x Prozent oben drauf. Dann
ommen wir auf einen Auffangmindestlohn, der dafür
orgt, dass die im System bestehenden Lücken geschlos-
en werden.

Da gibt es noch viele Fragezeichen; man bräuchte
änger, um das im Einzelnen zu erklären; ich wollte ver-
uchen, Ihnen den Gesamtzusammenhang darzustellen,
ie wir das sehen und wie wir das vorantreiben möch-

en. Man wird in den nächsten Monaten sehen, worauf
as hinausläuft. Ich glaube, dass die lange Diskussion,
ie wir darüber geführt haben, sich gelohnt hat und noch
ohnt. Man hat viel dazugelernt. Das ist auch gut, dass

an dann in ein Stadium kommt, in dem man das, was
an vereinbart hat, was gemeinsam in der Koalition
öglich ist, auch zu einem guten Ergebnis führt. Ich bin

a zuversichtlich. Denn über die Ziele, die ich eben be-
chrieben habe, sind wir uns in diesem Haus eigentlich
lle einig: Es kann nicht sein, dass – jenseits aller Fragen
er Produktivität – manche Löhne in Deutschland so
iedrig sind, dass derjenige, der für einen niedrigen
ohn arbeitet, sich fragen muss, weshalb er überhaupt

eden Morgen um halb sechs aufsteht, während andere in
er Nachbarschaft liegen bleiben können. Außerdem
ürfen die Unternehmen, die ordentliche Löhne zahlen,
icht die Dummen sein. Deswegen sind Formen des Ar-
eitnehmer-Entsendegesetzes und eines Auffangmin-
estlohnes vernünftige Ansätze, um dieses Problem ins-
esamt sinnvoll zu regeln.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1609407800

Das Wort hat jetzt die Kollegin Ulla Lötzer von der

raktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Ursula Lötzer (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609407900

Herr Präsident! Kolleginnen und Kollegen! Der tarif-

iche Stundenlohn eines Zimmermädchens im Hotelge-
erbe würde etwa 7 bis 8 Euro betragen. Trotzdem gibt

s viele Zimmermädchen, zum Beispiel in Köln, die
it 3 bis 4 Euro die Stunde abgespeist werden. Die Ho-

elketten haben mehr als die Hälfte des Reinigungsperso-
als ausgegliedert und vergeben die Reinigung jetzt an
irmen. Die Beschäftigten erhalten real 1,78 Euro bis
,50 Euro pro Zimmer. Für ein Zimmer brauchen sie
0 bis 40 Minuten. Bei zehn bis zwölf Stunden am Tag
nd sieben Tagen in der Woche bringen sie demnach
00 Euro brutto im Monat nach Hause. Das ist die Reali-
ät. Wir sagen: Das ist ein Skandal, dem mit einem ge-

9524 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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(B) )


Ulla Lötzer
setzlichen Mindestlohn Abhilfe geschaffen werden
muss.


(Vorsitz: Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner)


Ihre Aussage, Herr Niebel, wir bräuchten dringend
Lohnspreizung, bzw. Ihre Forderung nach einem funk-
tionsfähigen Niedriglohnsektor in Deutschland ist ge-
nauso ein Skandal wie der Lohn des Zimmermädchens.


(Beifall bei der LINKEN)


Herr Kolb, Sie haben mit dem Sachverständigenrat
gesagt, Konsequenz eines Mindestlohns seien Wohl-
fahrtseinbußen.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: So ist es!)


Ich frage Sie: Welche Wohlfahrtseinbußen hätte denn
dieses Zimmermädchen, wenn ein gesetzlicher Mindest-
lohn eingeführt würde?


(Beifall bei der LINKEN – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Ich habe von Wohlfahrtsverlusten der Arbeitnehmer in den anderen Branchen gesprochen, Frau Kollegin!)


Welche „Wohlfahrt“ hat dieses Zimmermädchen bei
700 Euro brutto im Monat? Das ist ein Hungerleben und
keine Teilhabe an Wohlfahrt.


(Beifall bei der LINKEN)


Erst mit einem gesetzlichen Mindestlohn würde ihr ein
Leben in Würde ermöglicht. Das gilt für das Zimmer-
mädchen, das gilt für die Friseuse in Sachsen, das gilt für
viele Frauen. Denn Frauen sind bereits jetzt die Haupt-
verlierer dieser Niedriglohnpolitik: Ihr Anteil an der
Gruppe derer, die Armutslöhne beziehen, beträgt
70 Prozent.

Sie behaupten auch jetzt wieder, ein Mindestlohn ver-
nichte Arbeitsplätze.


(Zuruf von der FDP: Stimmt!)


Dabei können Hotels nicht abwandern, genauso wenig
wie Friseure. Viele Bereiche, in denen Armutslöhne ge-
zahlt werden, sind vom Binnenmarkt abhängig.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Aber es gibt Schwarzarbeit, Frau Kollegin Lötzer!)


Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Ein gesetzlicher Min-
destlohn würde Unternehmen vor Schmutzkonkurrenz
schützen, die Wettbewerb nicht über Qualität und Inno-
vation führen will, sondern darüber, wer die niedrigsten
Löhne zahlt.


(Beifall bei der LINKEN)


Und – auch das ist Realität, Herr Pofalla –: Deutsch-
land ist jetzt schon das Lohndumpingland in Europa.
Deshalb verzeichnet Deutschland Monat für Monat,
auch im Jahre 2007, wachsende Exportüberschüsse und
setzt die anderen westeuropäischen Länder dadurch un-
ter Druck.

Die Deutsche Bundesbank hat kürzlich davor ge-
warnt, dass erneut ein europaweiter Lohnsenkungswett-

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(C (D auf zu erwarten sei, da Italien, Frankreich und Spanien ieser Entwicklung nicht länger nur zusehen würden. tatt dem entgegenzuwirken, wollen Sie dafür sorgen, ass Deutschland für die Unternehmen in Europa zum umpingparadies wird. ieser Dumpingwettlauf könnte durch die Einführung ines gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland berenzt werden. Das wäre im Hinblick auf die EU-Ratsräsidentschaft Deutschlands verantwortungsvoll und ürde im Interesse der Menschen in Deutschland liegen. Kollege Heil, nun komme ich zu Ihnen. Über Ihre Beenntnisse zur Mitbestimmung und zur Tarifautonomie reuen wir uns. Wir stimmen Ihnen zu. Aber Sie nennen eine Maßnahmen, mit denen Sie diese Rechte stärken zw. ihnen zur Durchsetzung verhelfen wollen. Wo leibt die Einführung eines Verbandsklagerechts für Geerkschaften, das dazu beitragen könnte, dass sie wieder ampffähig werden, um sich für Tariflöhne oberhalb von bis 4 Euro einzusetzen? o bleiben Maßnahmen gegen Massenentlassungen rotz großer Profite, in deren Rahmen Sie zum Beispiel ie Mitbestimmungsmöglichkeiten der Beschäftigten tärken könnten? Wo bleiben Maßnahmen, durch die die oziale Verantwortung der Unternehmen wiederhergetellt wird? Bei Bekenntnissen dürfen wir nicht stehen leiben. Wenn man die Mitbestimmungsrechte ernst immt, ist Handeln gefragt. Genauso verhält es sich mit dem gesetzlichen Minestlohn. Der SPD-Bürgermeister von Bremen kündigt ffentlich eine Bundesratsinitiative zur Einführung eines indestlohns in Höhe von 7,50 Euro an; das macht sich m Wahlkampf natürlich gut. Sie führen eine Unterchriftensammlung durch, obwohl aus allen Umfragen eutlich hervorgeht, dass die Mehrheit der Bundesbürger ie Einführung eines Mindestlohns befürwortet. Damit as kein Wahlkampfgeklingel bleibt – das hätten die beroffenen Menschen nämlich nicht verdient –, sind allerings Maßnahmen notwendig. Ich habe Ihnen sehr aufmerksam zugehört, Herr Kolege Müntefering. Aber von einem existenzsichernden indestlohn habe ich in Ihrer Rede nichts gehört. (Andrea Nahles [SPD]: Dann haben Sie wohl doch nicht so genau zugehört! – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Von einem Auffanglohn war da die Rede!)


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


(Beifall bei der LINKEN)


(Beifall bei der LINKEN)


(Beifall bei der LINKEN)


as Entsendegesetz ersetzt ihn nicht. Sie sprachen von
inem Auffanglohn. Das klingt sehr stark nach einem
rmutslohn bzw. nach sittenwidrigen Löhnen, nicht aber
ach einem existenzsichernden Mindestlohn. Hier wäre
ine Klarstellung im Hinblick auf die Höhe des Mindest-
ohns notwendig.


(Beifall bei der LINKEN)


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9525


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Ulla Lötzer
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir werden Ihnen
morgen die Chance geben, über den Text Ihrer Unter-
schriftensammlung abzustimmen und deutlich zu ma-
chen, dass Sie zu Ihrer Forderung stehen. Nehmen Sie
diese Chance wahr.


Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609408000

Frau Kollegin.


Ursula Lötzer (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609408100

Ich bin sofort am Ende.


Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609408200

Bitte.


Ursula Lötzer (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609408300

Sie werden doch wohl nicht an die Menschen appel-

lieren, eine Forderung zu unterschreiben, zu der Sie
selbst im Parlament nicht stehen. Wir können zum dies-
jährigen 1. Mai ein gutes Signal geben –


Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609408400

Frau Kollegin, schauen Sie bitte auf die Uhr. Sie ha-

ben Ihre Redezeit deutlich überzogen. Ich bitte Sie, zum
Ende zu kommen.


Ursula Lötzer (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609408500

– und 2,5 Millionen Menschen und ihren Familien ein

Leben in Würde ermöglichen.

Danke.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609408600

Das Wort hat der Kollege Max Straubinger, CDU/

CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Max Straubinger (CSU):
Rede ID: ID1609408700

Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen!

Wir führen heute wieder eine Debatte über die Einfüh-
rung von Mindestlöhnen, über die Ablehnung von Min-
destlöhnen, über die Einführung eines Bürgergeldes,
über existenzsichernde Löhne und dergleichen mehr.
Darüber haben wir in diesem Hohen Hause schon sehr
häufig diskutiert. Wir führen diese Debatte auch deshalb,
weil es in verschiedenen Bereichen Fehlentwicklungen
gegeben hat, zum Beispiel im Hinblick auf die Einkom-
men der Bürgerinnen und Bürger. In unserer Gesell-
schaft haben problematische Entwicklungen stattgefun-
den, die dieses Thema befördert haben.

Wir alle sind uns in diesem Hause einig, dass die
Menschen durch eigener Hände Arbeit ein Einkommen
erzielen müssen, das es ihnen ermöglicht, ein gutes Le-
ben zu führen. Dies ist aber nicht allen Menschen in un-
serem Lande möglich. Deshalb haben wir in den ver-
schiedensten Bereichen ein sehr ausgefeiltes soziales
Sicherungsnetz geschaffen. Dieses soziale Sicherungs-
netz fängt die Menschen auf, sodass sie ein gutes Leben

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(C (D ühren können. Die Lohnpolitik kann nie die Sozialpoliik ersetzen. ies sollte man zu bedenken geben und in Diskussionen uch berücksichtigen. In unserem Land haben wir 2,5 Millionen ALG-IIezieher. Der Bundesminister hat das bereits aufgeführt. or der Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitsloenhilfe, also vor den Hartz-Reformen, hatten wir ,7 Millionen Bezieher. Man kann also festellen, dass ie Zahl der Bezieher gestiegen ist. Möglicherweise liegt as daran, dass der soziokulturelle Mindestbedarf angeoben wurde und deshalb mehr Menschen in die Hilfeedürftigkeit geraten sind. Herr Kollege, jetzt muss ich Sie trotzdem fragen, ob ie eine Zwischenfrage des Kollegen Niebel zulassen. Ja. Vielen Dank. – Herr Kollege Straubinger, Sie haben a eben sehr anschaulich dargestellt, wie Lohnfindung nd Sozialpolitik in Deutschland aufgestellt sind. Der undesminister hat in seiner Rede vor Ihnen sein Konept eines Auffangmindestlohnes erklärt. Können Sie mir vor dem Hintergrund dessen, was Sie öllig richtig definiert haben, erklären, worin der Unterchied zwischen einem gesetzlich festgelegten Auffangindestlohn und einem gesetzlich festgelegten Mindest ohn besteht? Außer im Hinblick auf den Wortanfang Auffang“ ist mir eigentlich nicht wirklich erklärbar, orin der Unterschied bestehen soll. Ich bin nicht für die Definitionen dessen zuständig, as der Herr Minister gesagt hat. Es wäre besser, den errn Minister dazu zu fragen. (Dirk Niebel [FDP]: Das hätte ich ja gerne getan, aber er wollte ja nicht!)


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609408800
Max Straubinger (CSU):
Rede ID: ID1609408900
Dr. h.c. Dirk Niebel (FDP):
Rede ID: ID1609409000
Max Straubinger (CSU):
Rede ID: ID1609409100

Ich glaube aber, dass wir mit gesetzlichen Mindest-
öhnen letztendlich keine gute Basis schaffen.

Der Kollege Heil hat sich hier für die Tarifautono-
ie ausgesprochen, die wir alle schätzen. Ich glaube,

ass Deutschland mit der Tarifautonomie sehr gut gefah-
en ist. Auch die Bürgerinnen und Bürger sowie die Ar-
eitnehmerinnen und Arbeitnehmer konnten aufgrund
er Tarifautonomie von dem Produktivitätszuwachs pro-
itieren, und ich bin davon überzeugt, dass dies bei den
ktuellen Tarifverhandlungen zusätzlich zum Ausdruck
ebracht werden wird. Deshalb bin ich der Meinung,
ass es der gesetzlichen Definition eines Mindestlohnes
icht bedarf.


(Dirk Niebel [FDP]: Danke schön!)


Bitte schön.

9526 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Max Straubinger

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie des Abg. Dirk Niebel [FDP])


Ich bin davon überzeugt, dass wir eine vernünftige
Sozialpolitik letztendlich nicht über einen Mindestlohn
absichern können und sollten und dass wir manchen
Dingen hier in den Debatten eine zu große Aufmerksam-
keit widmen. In unserem Land gibt es fast 40 Millionen
Erwerbstätige. Ganze 150 000 davon – das ist für den
Einzelnen sicherlich bedauerlich – erhalten einen Stun-
denlohn von unter 4,50 Euro. Ganze 600 000 haben ei-
nen Stundenlohn von unter 6 Euro. Dieser Betrag kommt
dem nahe, was der Herr Bundesminister zum Schluss
ausgeführt hat.

Hier ist meines Erachtens die Sozialpolitik letztend-
lich das Auffangnetz. Aufgrund der einzelnen Mechanis-
men, die wir entwickelt haben, werden entsprechende
Zuschüsse gegeben, weil die Produktivität des Einzelnen
– vielleicht aufgrund seiner familiären Situation – nicht
steigen kann. Manch einer hat vielleicht aus anderen
Gründen nicht die Möglichkeit, einen gut bezahlten Job
auszuüben. Vielleicht hatte er nicht die Gelegenheit, ei-
nen Beruf zu erlernen. Das ist eben oft so. Die natürli-
chen Anlagen sind unterschiedlich.

Dann ist aber die Sozialpolitik gefordert. Wir können
das nicht durch die Lohnpolitik zum Ausgleich bringen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Deshalb glaube ich, dass es unter sachlichen Ge-
sichtspunkten durchaus vernünftig ist, gesetzlichen Min-
destlöhnen eine Absage zu erteilen.

Ich sage aber auch ganz deutlich, worauf die Kollegen
Brauksiepe und Pofalla sowie viele andere Vorredner
schon hingewiesen haben: Es darf keine sittenwidrigen
Löhne geben. Es darf auch keine zu niedrigen Löhne ge-
ben. Verehrte Kolleginnen und Kollegen, es ist aber Auf-
trag der Tarifparteien, dafür zu sorgen, dass Niedrigst-
löhne, die wohlgemerkt Tarifabschlüsse sind und die wir
heute beklagt haben, in Ordnung gebracht werden. Hier
können wir nur die Tarifpartner auffordern, eine untere
Auffanglinie einzuführen bzw. mit zu erarbeiten. Ich
glaube, dass dies ein vernünftiger und auch gangbarer
Weg ist. Ich glaube nicht, dass gesetzliche Regelungen
der Weg sind, den sich manche in diesem Hohen Hause
vorstellen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Hubertus Heil [SPD]: Sehr viele!)


Bei allen Regelungen, die wir treffen könnten, ist
meines Erachtens für die Bürgerinnen und Bürger ent-
scheidend, dass die Rahmenbedingungen der Wirt-
schaft zusätzlich verbessert werden. Wir haben heute be-
reits darauf hingewiesen, dass wir in diesem Land mehr
als 1 Million Arbeitslose weniger zu verzeichnen haben.
Es besteht die berechtigte Aussicht, dass wir in diesem
Jahr zusätzlich 400 000 sozialversicherungspflichtige
Beschäftigungsverhältnisse haben werden und dass der
Abbau der Arbeitslosigkeit weiter voranschreitet. Das ist
ein großer Erfolg der ergriffenen Maßnahmen dieser
Bundesregierung.

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(C (D Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des ollegen Ernst? Ja. Herr Straubinger, ich habe mit Freude zur Kenntnis enommen, dass Sie der Auffassung sind, dass die Tarifertragsparteien die aus Ihrer und aus meiner Sicht zu ering geratenen Tariflöhne zu korrigieren haben. Diese arifabschlüsse sind auch Ausdruck der gegenwärtigen räfteverhältnisse zwischen den Tarifvertragsparteien, ie offensichtlich zuungunsten der Gewerkschaften sind. önnen wir von Ihnen nun ein Gesetz erwarten, das die ampffähigkeit und die Durchsetzungsfähigkeit der Geerkschaften wieder stärkt, um ihrem Ziel näher zu ommen? Herr Ernst, ich glaube, die Kampffähigkeit und die urchsetzungsfähigkeit der Gewerkschaften sind sehr tark. (Lachen bei der LINKEN – Sabine Zimmermann [DIE LINKE]: Das sieht man!)

Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609409200
Max Straubinger (CSU):
Rede ID: ID1609409300
Klaus Ernst (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609409400
Max Straubinger (CSU):
Rede ID: ID1609409500

Es gilt, die Mittel entsprechend einzusetzen. Ich bin
avon überzeugt, dass in verschiedenen Bereichen Tarif-
erträge unter dem Gesichtspunkt der regionalen Wett-
ewerbsfähigkeit abgeschlossen worden sind. Was nützt
in zu hoher Tarifabschluss, wenn letztlich die Arbeits-
lätze verloren gehen und den Menschen die Chance,
rbeit zu finden, vollständig verbaut wird? Das ergibt
och keinen Sinn.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ich glaube, wir tun gut daran, bei Tarifabschlüssen
erade im Osten Deutschlands mit Blick auf die Wettbe-
erbsfähigkeit dieses Raums die regionalspezifischen
elange zu berücksichtigen. Ich bin davon überzeugt,
ass dies in sehr verantwortlicher Art und Weise in den
änden der Tarifpartner, der Arbeitgeber sowie der Ar-
eitnehmerinnen und Arbeitnehmer, liegt.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Klaus Ernst [DIE LINKE]: Mit anderen Worten: Nein!)


Ich sehe keinen Anlass, dem hier eine neue gesetzliche
orm zu geben.

Ich glaube, dass wir in den Bereichen, über die wir in
er Großen Koalition in Zukunft zu diskutieren haben,
usätzliche Chancen für die Menschen in unserem Land
röffnen werden. Der Herr Bundesminister hat darauf
ingewiesen. Ein Stichwort ist hier „Jugendliche mit
eringer Ausbildungsqualifikation“, für die vielleicht
och andere Vermittlungshemmnisse bestehen. Diesen
ugendlichen wollen wir als Große Koalition eine beson-
ere Präferenz geben, um ihnen neue Chancen auf dem
rsten Arbeitsmarkt zu eröffnen. Ich glaube, dies ist für
ie Bürgerinnen und Bürger und insbesondere für die

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9527


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(B) )


Max Straubinger
langzeitarbeitslosen Jugendlichen wichtig. Diese Große
Koalition wird ihrer Aufgabe und ihrer Verantwortung in
jedem Fall gerecht werden.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wir haben den älteren Arbeitnehmerinnen und Ar-
beitnehmern bereits neue Chancen eröffnet. Das Stich-
wort lautet hier „50 plus“. Dieses Programm haben wir
in diesem Hause schon beschlossen. Die Flankierung des
normalen Abbaus der Arbeitslosigkeit durch diese Ar-
beitsmarktmaßnahme bedeutet, dass Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer, wenn sie in höherem Alter in Ar-
beitslosigkeit geraten sind, Chancen haben, wieder eine
Arbeitsstelle zu finden.

Ich bin überzeugt, dass durch das Entsendegesetz,
das auf der einen Seite zum Teil kritisiert wird, auf der
anderen Seite aber von vielen, die es heute kritisieren,
gesetzlich herbeigeführt worden ist, Verwerfungen auf
dem Arbeitsmarkt in den verschiedensten Bereichen ver-
hindert werden können. Dies müssen aber die Tarifpar-
teien für sich selbst erklären und erarbeiten. Hier gilt das
Gebot der Freiwilligkeit, wenn diese die Tarifpartner für
sich selbst erklärt haben. Hier gibt es sicherlich manche
Ansprüche aus dem Baubereich, aus vorgeschalteten Be-
reichen und auch von Handwerkern, die sagen: Manche
Allgemeinverbindlichkeit war in den vergangenen Jah-
ren vielleicht nicht schlecht. Darüber gilt es nachzuden-
ken. Ich bin davon überzeugt, dass die Große Koalition
die Kraft haben wird, solche zukunftsfähigen Maßnah-
men in die Tat umzusetzen. Im Sinne der Zukunftsfähig-
keit unseres Landes und der Zukunftschancen der Bürge-
rinnen und Bürger hat die Große Koalition bisher eine
gute Arbeit geleistet.

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609409600

Letzter Redner in dieser Debatte ist der Kollege Klaus

Brandner, SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Klaus Brandner (SPD):
Rede ID: ID1609409700

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine lieben Kolle-

ginnen und Kollegen! Meine Vorredner aus der SPD ha-
ben bereits eindeutig klargestellt, dass wir einen Min-
destlohn wollen. Wir können die Verwerfungen am
Arbeitsmarkt in diesem Land nicht einfach hinnehmen.
Wir freuen uns, dass zum Beispiel auch die Grünen sich
dieser Überlegung angeschlossen haben. Wir freuen uns,
dass die Linke einen Antrag eingebracht hat – er steht
morgen auf der Tagesordnung –, in dem auch sie sich
dieser Überlegung anschließt. Aber klar ist – um es hier
von vornherein ganz deutlich zu sagen –: Wir werden
dieses Projekt mit unserem Partner in der Großen Koali-
tion auf einem vernünftigen Weg durchbringen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


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(C (D Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des ollegen Niebel? Ja, bitte. Vielen Dank, Herr Kollege. – Sie haben Ihre persönli he Meinung klar geäußert; das ist anerkennenswert. ollege Straubinger konnte mir vorhin eine Frage nicht eantworten, die der Ihrer Partei angehörende Bundesareitsminister aufgeworfen hat. Vielleicht können Sie mir elfen, zu verstehen, was der Unterschied zwischen eiem gesetzlich definierten Auffangmindestlohn und eiem gesetzlichen Mindestlohn ist. Herr Niebel, Sie haben in Ihrem Antrag von vornhe ein jede Form der Sicherung abgelehnt. Ich glaube aum, dass Sie ein ernsthaftes Interesse daran haben, rklärt zu bekommen, dass wir in diesem Land eine Minestauffanglinie brauchen, damit die Lohndrift nicht eiter zunimmt, damit das, was wir ernsthaft wollen, ämlich einen gerechten Lohn für gute Arbeit und dass iejenigen, die Vollzeit arbeiten, von ihrem Lohn auch eben können, erreicht wird. (Dirk Niebel [FDP]: Ich möchte nur den Unterschied verstehen!)

Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609409800
Klaus Brandner (SPD):
Rede ID: ID1609409900
Dr. h.c. Dirk Niebel (FDP):
Rede ID: ID1609410000
Klaus Brandner (SPD):
Rede ID: ID1609410100

(Dirk Niebel [FDP]: Doch!)


nsofern definiert sich diese Größenordnung völlig klar
on selbst. Wir befinden uns hier ja nicht in Tarifver-
andlungen, sondern wollen im Hinblick auf den Lohn
ine Größenordnung festlegen, die es ermöglicht, dass
iejenigen, die Vollzeit arbeiten, nicht noch zusätzlich
rbeitslosengeld II beanspruchen müssen. Unsere Aus-
angsposition ist: Fairer Lohn für faire Arbeit!


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dirk Niebel [FDP]: Das habe ich verstanden! Das war nicht die Frage! Ich habe nach dem Unterschied gefragt!)


Der Grundsatz „Gerechter Lohn für gute Arbeit“ trifft
atürlich auch für die Friseurin in Thüringen mit einem
tundenlohn von 3,18 Euro zu. Das trifft für Menschen

m Bewachungsgewerbe, in der Fleischindustrie, in der
astronomie und bei der Post zu. Es gibt viele Bereiche,
o Lohndumping verhindert und bekämpft werden
uss. Deshalb müssen wir mit gesetzlichen Maßnahmen

ingreifen.

Heute ist gesagt worden, ein gesetzlicher Mindestlohn
ei ein Eingriff in die Tarifautonomie. Dies teile ich
usdrücklich nicht. Im Gegenteil: Wo Partner im Tarif-
ertragsgeschäft fehlen, wo überhaupt keine Partner vor-
anden sind, da muss gerade der Staat helfend einsprin-
en, damit die Tarifautonomie insgesamt gesehen
esichert bleibt.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


9528 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Klaus Brandner
Es ist angesprochen worden, dass es gefährlich wäre,
Mindestlöhne einzuführen, weil das ein Wahlkampf-
thema sei und die Parteien sich gegenseitig hochschau-
keln könnten. Ich glaube, gerade meine Fraktion hat
dazu immer wieder deutlich gemacht, dass wir eine un-
abhängige Kommission mit Vertretern der Wissen-
schaft, Gewerkschaften und Arbeitgeber wollen, die ei-
nen Vorschlag zur Höhe eines gesetzlichen Mindestlohns
erarbeitet, damit die richtige Entscheidung getroffen
werden kann. Solche Themen sind auch in anderen Län-
dern aus dem Wahlkampf herausgehalten worden. Inso-
fern gibt es darauf eine klare, sachliche Antwort.


(Beifall bei der SPD)


Die Einführung eines Mindestlohns sei nicht möglich,
wurde gesagt, weil die Arbeitslosigkeit in unserem
Land zu hoch sei. In anderen Ländern der EU wurden
gerade erst Mindestlöhne eingeführt. 20 der 27 Mitglied-
staaten der EU haben inzwischen einen gesetzlichen
Mindestlohn; in fünf Ländern gibt es flächendeckende
tarifliche Mindestlohnregelungen. Das heißt, wir sind
auf diesem Gebiet zwar kein Niemandsland, aber ein
Entwicklungsland. Es ist dringend notwendig, dass wir
Änderungen vornehmen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie der Abg. Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Wir haben keinen überregulierten Arbeitsmarkt; viel-
mehr ist es aus ordnungspolitischer Sicht notwendig,
dass der Staat in diesem Punkt eingreift.

Ich will in diesem Zusammenhang auf den Vorwurf
eingehen, dass wir wegen einer zu starken Überregulie-
rung arbeitsmarktpolitisch nicht sehr erfolgreich sind.
Welches Land in Europa hat im Nachkriegsvergleich ei-
nen so starken Beschäftigungszuwachs und einen so
hohen Rückgang der Arbeitslosigkeit erreicht, wie wir es
mit unserer Arbeitsrechtsgesetzgebung im letzten Jahr
geschafft haben? Das ist eine hervorragende Bilanz, die
gerade dafür spricht, dass wir soziale Schutzrechte und
Arbeitnehmerrechte brauchen. Sie sind eine Ursache da-
für, dass wir ein wettbewerbsfähiges Land sind. Darauf
sollten wir stolz sein.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Des Weiteren war die Rede davon, dass sittenwidrige
Löhne verboten werden sollten. Sittenwidrige Löhne
sind verboten; sie sind rechtswidrig. Man darf auf die-
sem Gebiet nicht rechtsunklar werden. Wir haben nichts
dagegen, dass das in einem Gesetz noch präziser defi-
niert wird. Das ist aber kein Ersatz für das, worüber wir
diskutieren müssen. Das muss deutlich werden.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Insofern will ich in der heutigen Mindestlohndebatte
noch etwas ausführlicher auf den Antrag der FDP einge-
hen. Ich sage klar: Wir sind sehr für Wettbewerb; aber
wir wollen keinen Wettbewerb bei Dumping- oder Bil-
liglöhnen, sondern zu fairen Bedingungen. Ich glaube,
das ist klargeworden. Wir wollen nicht, dass die Be-
schäftigten am Ende die Zeche alleine zahlen. Mich är-

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(C (D ert dabei die Widersprüchlichkeit vieler Mindestlohnegner. Wir alle wollen nämlich eine hohe Qualität bei en Dienstleistungen des täglichen Bedarfs. Wir alle ollen einen qualitativ hohen Service. Dann sind wir ber auch verpflichtet, den Menschen, die diese Diensteistungen erbringen, einen anständigen Lohn zu zahlen. (Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


eshalb trifft das DGB-Motto zum 1. Mai ausdrücklich
u: „Du hast mehr verdient!“. Den Kern dieses Anlie-
ens teilen und unterstützen wir voll.

Man sollte sich die Mühe machen, in diesem Zusam-
enhang den FDP-Antrag genauer zu lesen. Er zeigt,
it welcher Motivation und inneren Einstellung man an

en Mindestlohn herangeht. Der Mindestlohn wird als
infuhrzoll auf den ausländischen Faktor Arbeit be-
eichnet.


(Dirk Niebel [FDP]: Das hat der Sachverständigenrat gesagt! Das ist ein Zitat! Das muss man klarstellen!)


es Weiteren heißt es in dem Antrag, Menschen würden
urch Mindestlöhne zu Opfern. Tarifverträge werden
um Sündenbock für die Arbeitslosigkeit erklärt.

Beim Lesen Ihres Antrags fällt einem – das sage ich
eutlich – die Brille von der Nase. Wo bleiben bei Ihnen
ie Menschen? Wo bleiben die Menschen, die eine Voll-
eitbeschäftigung haben, aber von ihrem Einkommen
icht einmal sich selbst, geschweige denn eine Familie
rnähren können? Menschen werden auf Waren und Ar-
eitnehmer auf Kostenstellen reduziert. Das ist das
ahre Gesicht einer reinen Marktwirtschaftspartei FDP.


(Beifall bei der SPD)


Die Realität in den Betrieben ist eine völlig andere.
ort sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in erster Li-
ie Ressourcen. Dass man Ressourcen pflegen und wei-
erentwickeln muss, dürfte auch bei der FDP bekannt
ein. Dies geschieht aber nicht, indem man ihnen die
undamentalen Rechte nimmt, wie Sie es jetzt vorschla-
en.


(Dirk Niebel [FDP]: So ein Quatsch!)


„Made in Germany“ ist nicht „Made in Billigland“.
ohe Qualität bedeutet hoher Innovationsgrad. Diesen

ordern wir durch gut ausgebildete und hoch motivierte
itarbeiterinnen und Mitarbeiter ein. Das Prinzip der

ozialen Partnerschaft hat den Standort Deutschland erst
u dem gemacht, was er heute ist, nämlich zu einem der
ettbewerbsfähigsten in der Welt. Sozialpartnerschaft
eißt, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam
ach Lösungen suchen. Das ist ein Erfolgsrezept in un-
erem Land. Mit diesem Erfolgsrezept sind wir wettbe-
erbsfähig, und darauf können wir gemeinsam stolz

ein. Wer das Prinzip der Sozialpartnerschaft auflösen
ill, wer Arbeitnehmer nur als Kostenfaktor sieht, wer
ie Gewerkschaften schwächen will, der schadet dem
tandort Deutschland.


(Beifall bei der SPD)


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Klaus Brandner
Um es konkret zu machen: Das Prinzip der fairen So-
zialpartnerschaft gilt auch bei der Telekom. Deshalb se-
hen wir es sehr kritisch, wenn bestehende Verträge ein-
seitig aufgekündigt und den Partnern Ultimaten gestellt
werden. Das ist keine vertrauensvolle und konstruktive
Gesprächsebene.


(Beifall der Abg. Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])


Managementfehler dürfen nicht allein auf dem Rücken
der Arbeitnehmer ausgetragen werden.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Verträge und erst recht Tarifverträge sind dafür da, dass
sie eingehalten werden. Für uns ist es jedenfalls keine
nachhaltige Erfolgsstrategie, durch Auslagerung einzel-
ner Unternehmensteile die Tarifbindungen zu umgehen.
Tarifabschlüsse sind verbindlich, und zwar für beide Sei-
ten.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Verlässlichkeit ist eine Grundvoraussetzung für das
Miteinander von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Ge-
nau an dieser Stelle setzt die FDP mit ihren Forderungen
noch eins drauf; ein Blick in den Antrag genügt. Sie stel-
len das komplette Tarifrecht schlichtweg infrage. Ich
sage ganz deutlich: Das ist schon ein Hammer!


(Dirk Niebel [FDP]: Sie können offenkundig nicht lesen, Herr Kollege!)


Sie fordern die Änderung des Günstigkeitsprinzips, die
Auflösung der Flächentarifverträge, die Einschränkung
der Nachwirkung von Tarifverträgen und die Abschaf-
fung der Allgemeinverbindlichkeit. Tarifverträge sollen
nur noch ein unverbindlicher Rahmen sein.

Ob Tarifverträge eingehalten werden oder nicht, soll
künftig der Arbeitgeber mit dem Betriebsrat ausmachen.
Man will mehr Entscheidungskompetenz in die Betriebe
verlagern. Das ist prima, könnte man meinen. Mehr Mit-
sprache beutet mehr Mitbestimmung. Kann man dage-
gen etwas haben? Gleichzeitig werden aber die Mitbe-
stimmungsrechte abgebaut, werden die Tarifrechte
beschnitten und wird das Betriebsverfassungsgesetz als
bürokratisches Monster angesehen. Nicht mit uns! Um
es klar zu sagen: Es ist gut, dass die FDP in der Opposi-
tion ist und diese Forderungen nicht umsetzen kann.


(Beifall bei der SPD)


Es ist gut, dass die SPD in der Regierung ist. Denn – das
will ich hier deutlich sagen – auf uns können sich die Ar-
beitnehmer in diesem Land verlassen.


(Beifall bei der SPD)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609410200

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 16/4864 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Die Vorlage auf
Drucksache 16/5102 soll überwiesen werden zur feder-

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(C (D ührenden Beratung an den Ausschuss für Arbeit und oziales und zur Mitberatung an den Ausschuss für irtschaft und Technologie. Sind Sie damit einverstan en? – Das ist der Fall. Dann ist die Überweisung so bechlossen. Ich rufe die Tagesordnungspunkte 33 a bis 33 e sowie ie Zusatzpunkte 2 a bis 2 d auf: 33 a)

gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Anpas-
sung des Dienstrechts in der Bundesagentur für

(Dienstrechtsanpassungsgesetz BA – DRAnpGBA)


– Drucksache 16/5050 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)

Innenausschuss

b) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Achten Gesetzes zur
Änderung des Gesetzes über die Deutsche
Bundesbank

– Drucksache 16/4971 –
Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie

c) Erste Beratung des von den Abgeordneten Sabine
Zimmermann, Werner Dreibus, Ulla Lötzer, wei-
teren Abgeordneten und der Fraktion der LIN-
KEN eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes
zur Änderung des Postgesetzes

– Drucksache 16/4908 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)

Ausschuss für Arbeit und Soziales

d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Detlef
Parr, Daniel Bahr (Münster), Heinz Lanfermann,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP

Kontrollierte Heroinabgabe in die Regelver-
sorgung aufnehmen

– Drucksache 16/3840 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Gesundheit (f)

Innenausschuss
Rechtsausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

e) Beratung der Unterrichtung durch die Bundesre-
gierung

Erster Erfahrungsbericht der Bundesregierung
über die Durchführung des Stammzellgesetzes

(Erster Stammzellbericht)


– Drucksache 15/3639 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Gesundheit (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung

9530 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner
ZP 2 a)Erste Beratung des von den Abgeordneten Jens
Ackermann, Dr. Karl Addicks, Christian Ahrendt
und weiteren Abgeordneten eingebrachten Ent-
wurfs eines Gesetzes zur Änderung des Betäu-
bungsmittelgesetzes und anderer Vorschriften
– Drucksache 16/4696 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Gesundheit (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Cornelia
Behm, Undine Kurth (Quedlinburg), Ulrike
Höfken, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Am Walfangmoratorium festhalten und Wal-
schutz auf der IWC stärken
– Drucksache 16/5105 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz (f)

Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung

c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Heike
Hänsel, Wolfgang Gehrcke, Dr. Lothar Bisky,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der LIN-
KEN

Eintreten für die Beendigung der von den USA
auferlegten Wirtschafts-, Handels- und Fi-
nanzblockade gegen Kuba
– Drucksache 16/5115 –
Überweisungsvorschlag:
Auswärtiger Ausschuss (f)

Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Undine
Kurth (Quedlinburg), Volker Beck (Köln),
Cornelia Behm, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Die Bedrohung der Meeresumwelt durch Un-
terwasserlärm stoppen
– Drucksache 16/5117 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Verteidigungsausschuss
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

Es handelt sich um Überweisungen im vereinfach-
ten Verfahren ohne Debatte.

Interfraktionell wird vorgeschlagen, die Vorlagen an
die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse zu
überweisen. Die Vorlage auf Drucksache 16/5105 zu Zu-
satzpunkt 2 b soll abweichend von der Tagesordnung fe-
derführend beim Ausschuss für Umwelt, Naturschutz

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(C (D nd Reaktorsicherheit beraten werden. Sind Sie damit inverstanden? – Das ist der Fall. Dann ist das so bechlossen. Ich rufe den Tagesordnungspunkt 34 auf: Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Wirtschaft und Technologie Bundesregierung Achtundsiebzigste Verordnung zur Änderung der Außenwirtschaftsverordnung – Drucksachen 16/4309, 16/4496 Nr. 1, 16/4878 – Berichterstattung: Abgeordnete Ulla Lötzer Es handelt sich um die Beschlussfassung zu einer orlage, zu der keine Aussprache vorgesehen ist. Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschlussempfehung auf Drucksache 16/4878, die Aufhebung der Verrdnung auf Drucksache 16/4309 nicht zu verlangen. er stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Wer timmt dagegen? – Enthaltungen? – Die Beschlussempehlung ist mit den Stimmen des ganzen Hauses angeommen. Ich rufe den Zusatzpunkt 3 auf: Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN Meinungsund Demonstrationsfreiheit in Russland in Gefahr Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat die Kollein Marieluise Beck, Bündnis 90/Die Grünen. Marieluise Beck RÜNEN)

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

nser Respekt vor dem Tod von Präsident Jelzin gebie-
et es, noch einmal an ihn zu erinnern. Ich möchte es mit
em Zitat eines sehr klugen Satzes von ihm tun: Liebe
andsleute, ich bitte um Vergebung dafür, dass es mir
icht gelungen ist, die Hoffnungen jener Mitbürger zu
rfüllen, die da glaubten, wir könnten mit einem einzi-
en Sprung aus unserer grauen, erstarrten, totalitären
ergangenheit in eine helle, reiche, zivilisierte Zukunft
elangen.

Ich weiß, dass Präsident Jelzin in der russischen Be-
ölkerung durchaus mit gemischten Gefühlen bewertet
ird. Wir wissen, dass der erste Tschetschenienkrieg in

einer Amtszeit geführt wurde. Dennoch hat er Russland
en Weg zu Demokratie und einer Öffnung nach Westen
ebahnt, auch wenn es etliche Rückschläge gegeben hat.

Damit bin ich bei seinem Amtsnachfolger Wladimir
utin. Bezeichnend ist sein politisches Selbstverständ-
is. Auch hier wieder ein Zitat: Je stärker der Staat, desto
reier der Einzelne.


(Lachen des Abg. Jerzy Montag [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9531


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Marieluise Beck (Bremen)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, der Sachverhalt ist
bekannt: Das Niederknüppeln der Demonstranten in
Moskau und Sankt Petersburg durch die gefürchteten
Sondereinheiten der OMON hat den Westen aufge-
schreckt. Die Bündnispartner von Kasparow sind nicht
alle appetitlich; das wissen wir. Aber das rechtfertigt
nicht ein solches brutales Vorgehen. Dabei sind auch
viele andere getroffen worden, zum Beispiel Olga
Tsepilowa, eine Biologin und stellvertretende Vorsit-
zende der Partei „Grünes Russland“ in Sankt Petersburg.
Sie liegt mit gebrochenem Kiefer und Nasenbein in der
Klinik. Auch das Schicksal unserer Presseleute kennen
wir.

Die Entwicklung der letzten Monate: die Ermordung
von Anna Politkowskaja, der ominöse Tod des Ex-KGB-
lers Litwinenko, der vorgebliche Selbstmord des Journa-
listen Iwan Safronow, der für seinen vermeintlichen
Selbstmord erst noch in den dritten Stock hinaufgeklet-
tert ist, die geradezu dreist angelegte neue Prozessrunde
gegen Michail Chodorkowski, der offensichtlich für den
Rest seines Lebens im Gulag verschwinden soll und
durch dessen Prozess interessierte Kreise Zugriff auf das
restliche Yukos-Vermögen bekommen werden. Der
staatliche Konzern Gasprom kauft die Medien auf. Prak-
tischerweise sitzt dessen Aufsichtsratsvorsitzender
Medwedjew gleich selbst im Kreml. Selbiges gilt für den
Aufsichtsratsvorsitzenden von Rosneft, Herrn Setschin –
alles ehemalige KGB-Kollegen von Präsident Putin; sie
sitzen im Präsidialamt.

Putin steht für Stabilität. Das macht ihn im Land, aber
durchaus auch für den Westen attraktiv. Aber wir müssen
klarsehen: Nicht der Einzelne gewinnt Freiheit unter
Putin, sondern der Staat wird immer stärker. Demokrati-
sche Rechte werden zunehmend abgebaut; Versamm-
lungsfreiheit und Pressefreiheit, Unabhängigkeit der Jus-
tiz und auch die Rechtssicherheit nehmen kontinuierlich
ab.

Wir sollten uns klarmachen, dass Putin ein Mann des
Geheimdienstes ist. Auch wenn er zum 50. Geburtstag
der Europäischen Union, zum 50. Jahrestag der Unter-
zeichnung der Römischen Verträge, in allen großen eu-
ropäischen Zeitungen einen Artikel hat verbreiten las-
sen, in dem er seine große Nähe zu den Werten der
Europäischen Union bekräftigt hat, sollten wir genauer
hinschauen. Unter Putin haben seine alten Genossen des
FSB den Kreml zunehmend durchdrungen. Dabei geht
es um die Verteilung von Macht und auch um sehr viel
Geld. Auch das Vermögen dieses Landes wird unterei-
nander aufgeteilt.

Dazu passt dann, dass Putin – wie jetzt in seiner Rede
an die Nation – an eine alte Idee anknüpft, die wir aus
Zeiten des Kommunismus kennen. Er fordert nämlich
die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten
Russlands. Das bedeutet aber, dass das Mitglied des Eu-
roparates und der OSZE, Russland, sich verbittet, dass
über Demokratie in eigener Sache gesprochen wird. Den
Gefallen dürfen und können wir Putin nicht tun.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)


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(C (D Wir werden uns in diesem Haus noch häufig darüber ustauschen müssen, wie wir mit diesem wichtigen achbarn, unserem Gegenüber, den wir aus vielerlei ründen auch brauchen, umgehen wollen und müssen. ines aber ist klar: Wir brauchen eine klare Sprache, wir rauchen einen geraden Rücken, und wir müssen in Fraen von Menschenrechten und Demokratie konfliktbeeit sein. Von manchen ist schon das Schlagwort Schweigen für Gas und Öl“ genannt worden. Das darf ine Wertegemeinschaft wie die Europäische Union icht zulassen. Bei aller notwendigen Auseinandersetzung und dem treben nach Partnerschaft ist Russland derzeit eher ein egenüber, mit dem ein schwieriger Dialog zu führen st, als ein Partner, der reklamieren könnte, mit unseren erten wirklich übereinzustimmen. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609410300

Nächster Redner ist der Kollege Dr. Andreas

chockenhoff, CDU/CSU-Fraktion.


Dr. Andreas Schockenhoff (CDU):
Rede ID: ID1609410400

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

ch sage für die CDU/CSU in aller Offenheit: Die Rück-
chläge bei Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschen-
echten und Meinungsfreiheit bereiten uns sehr große
orgen. Das wiederholte gewalttätige Vorgehen der Si-
herheitskräfte gegen friedliche Demonstranten hat dem
nsehen Russlands sehr geschadet. Die Staatsmacht hat
icht, wie behauptet wird, angemessen, sondern in gro-
er Überzahl massiv und unverhältnismäßig reagiert.

Mit diesem Vorgehen wird nicht Stärke gezeigt, son-
ern Schwäche, nämlich die Schwäche, sich mit poli-
isch Andersdenkenden nicht demokratisch auseinander-
usetzen. Ein solches Verhalten widerspricht allen
nternationalen Verpflichtungen, die Russland insbeson-
ere beim Europarat und in der OSZE eingegangen ist.
s widerspricht auch europäischen Werten.

Dieses Vorgehen ist leider ein neuer Höhepunkt in ei-
er langen Liste von Rückschlägen. So hat es erhebliche
nregelmäßigkeiten bei den jüngsten Regionalwahlen
egeben. Eine wirksame demokratische Opposition ist
ei den gegebenen Machtverhältnissen nicht möglich.
eider gelingt es der liberalen und demokratischen
pposition aber auch nicht, genügend Wähler an sich zu
inden, obwohl es möglich wäre.

Die Liste politischer Morde wird immer länger, so-
ass sich die Frage aufdrängt, wie weit die russische
xekutive noch die politischen Gewalten im Lande kon-

rolliert. Die staatliche Kontrolle über die Medien hat in
er Zwischenzeit auch die Printmedien erreicht. Richtig
st leider auch, dass es bisher in der breiten russischen
evölkerung nur ein geringes Interesse an freien Medien
ibt. Das alles sind Entwicklungen, die in die falsche
ichtung gehen und die vor allem Russland selbst scha-
en.

9532 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Dr. Andreas Schockenhoff
Aber was heißt das nun für uns? Kritik üben, protes-
tieren und ansonsten uns zurücklehnen und abwarten,
was in Russland passiert? Das wäre der falsche Weg,
weil wir damit die vielen Menschen im Stich lassen wür-
den, die sich für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und
Pressefreiheit einsetzen und die gerade jetzt unsere Un-
terstützung brauchen. Nein, wir müssen uns einmischen,
wir müssen uns engagieren.

Russland ist Mitglied in der G 8, im Europarat und in
der OSZE und bald auch in der WTO. Es gibt eine ver-
tiefte Zusammenarbeit zwischen der EU und Russland.
Wir haben deshalb nicht nur das Recht, sondern auch die
Verpflichtung, von Russland die Einhaltung der Werte
dieser Institutionen einzufordern. Dass Einfluss möglich
ist – so schwierig das auch sein mag –, hat sich wieder-
holt am Beispiel des Europarates gezeigt.

Russland wird sich bald entscheiden müssen, ob es
vor allem ein Rohstoffexporteur sein will oder ob es eine
moderne Wirtschaftsmacht werden will. Wenn aber
Russland den Wandel zu einem modernen, wettbewerbs-
fähigen Staat vollziehen will, muss es das Potenzial der
Fähigkeiten seiner Bürger vollständig nutzen. Ohne eine
starke und unabhängige Zivilgesellschaft wird es keine
Modernisierung geben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Deswegen müssen wir genau beobachten, wie das NGO-
Gesetz angewendet wird, und notfalls erneut auf Korrek-
turen drängen.

Ein Staat, der sich modernisieren will, braucht mehr
– nicht weniger – unabhängige Medien, damit er sein
ganzes Entwicklungspotenzial ausschöpfen kann. Des-
halb müssen wir immer wieder die Bedeutung der Mei-
nungs- und Pressefreiheit für die innere Entwicklung
Russlands hervorheben.

Russland hat keine demokratische Tradition. Erst mit
Glasnost und Perestroika begann Russland seinen Weg
in die Demokratie; es ist ein langer und steiniger Weg,
für den wir viel Geduld brauchen. Wir sollten aber die
Chancen nicht unterschätzen, die beispielsweise im Ge-
nerationenwechsel liegen. Viele junge Russen hinterfra-
gen immer mehr, warum nicht auch ihr Land ein moder-
ner Staat sein kann.

Die vielen Kontakte auf allen Ebenen der Gesell-
schaft bewirken Veränderungen. Deswegen brauchen
wir noch mehr, nicht weniger, Kontakt zu Russland, zum
Beispiel durch einen möglichst großen Jugendaustausch.
Jeder junge Russe, der eine Zeit in Deutschland ver-
bringt, und jeder junge Deutsche, der eine Zeit in Russ-
land verbringt, ist ein Hoffnungsträger im Hinblick auf
eine künftige Wertepartnerschaft.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)


Auch die Begegnungen in Kultur, Bildung und For-
schung sollten ausgeweitet werden.

Es wäre der falsche Weg, unsere Beziehungen auf
eine reine Interessenzusammenarbeit zu reduzieren. Wir
könnten dann nicht die Chancen auf eine gemeinsame

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(C (D ukunft nutzen, die in der geistigen und kulturellen Verandtschaft liegen. Es wäre auch deshalb der falsche eg, weil Europäer und Russen im 21. Jahrhundert noch tärker aufeinander angewiesen sein werden, als das früer der Fall war. In der heutigen Ausgabe der „Zeit“ erscheint ein nterview mit dem russischen Oppositionspolitiker ladimir Ryschkow. Ich will mit den Worten abschlieen, mit denen er sein Interview zu autoritären Tendenen in Russland abschließt: Ich hoffe, dies wird vorübergehen. Ich bin ein Optimist und glaube fest, dass Russland frei und demokratisch werden wird. Vielen Dank. (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609410500

Nächster Redner ist der Kollege Harald Leibrecht,

DP-Fraktion.


(Beifall bei der FDP)



Harald Leibrecht (FDP):
Rede ID: ID1609410600

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
ir alle haben die hässlichen Bilder von russischen Si-

herheitskräften vor Augen, die in Moskau und
ankt Petersburg friedliche Demonstranten und Journa-

isten brutal niederknüppeln. Da fragt man sich doch zu
echt: Was ist los in Russland? Warum tut sich Putin so

chwer mit der Demokratie? Wovor hat die russische
ührung solche Angst, dass sie ein paar hundert friedli-
he Demonstranten dieser letzten Möglichkeit zur Er-
reifung des freien Wortes beraubt?

Der Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow und der
erade zitierte Wladimir Ryschkow, einer der wenigen
erbliebenen unabhängigen Abgeordneten des russi-
chen Parlaments, waren unter diesen Demonstranten.
iele hier im Hause kennen beide. Sie sind nicht gewalt-

ätig. Beide sind keine Feinde der Demokratie.


(Zuruf von der FDP: Im Gegenteil!)


ie wollten mit diesen Demonstrationen einen Mangel
n demokratischen Freiheiten unter der Regierung des
räsidenten Putin anprangern.

Die Knüppel der Sicherheitskräfte bei diesen De-
onstrationen waren für uns alle gut sichtbar; doch es

ibt in Russland noch viele andere Knüppel der Staats-
acht, die man nicht sofort sieht. Nur dank couragierter
änner und Frauen, die sich dort in den wenigen noch

erbliebenen Menschenrechtsorganisationen engagieren,
rfahren wir von Übergriffen und Repressionen des Staa-
es.

Zwar sind Meinungs- und Pressefreiheit in der russi-
chen Verfassung verankert, doch dies scheinen sowohl
räsident Putin als auch seine gesamte Führungsmann-
chaft völlig zu ignorieren. Offensichtlich passen weder
egimekritische Demonstrationen noch Menschenrecht-

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9533


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Harald Leibrecht
ler in Putins Bild von einer – wie er selber sagt – gelenk-
ten Demokratie.

Jede Opposition muss parlamentarisch wie außerpar-
lamentarisch Möglichkeiten haben, sich als politische
Alternative darzustellen. Der Rechtsstaat ist dazu da,
Rechte zu garantieren, nicht dazu, diese zu beschneiden.


(Beifall bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wer jedoch – quasi aus Prinzip – in der politischen Op-
position eine Gefahr für den Staat sieht, anstatt sich mit
ihr politisch auseinanderzusetzen, hat ein falsches Ver-
ständnis von Demokratie. Ein Staat, der seine kritischen
Bürger niederknüppelt, der solche brutalen Übergriffe
weder strafrechtlich aufklärt noch juristisch verfolgt,
verabschiedet sich von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.

Bei meinen Gesprächen im russischen Parlament vor
wenigen Tagen habe ich – wie auch andere Kollegen aus
diesem Hohen Haus – meine Bedenken und Sorgen deut-
lich angesprochen. Was wir derzeit in Russland sehen,
wie der Staat mit seinen Bürgern umgeht, erinnert mich
fast schon wieder an alte Sowjetzeiten.

Wir Liberalen erwarten, dass die Bundesregierung
bezüglich dieser Vorfälle klare Worte finden wird. Der
G-8-Gipfel in Heiligendamm ist hierfür in der Tat ein
geeigneter Rahmen. Wir dürfen die G 8 nicht nur als ei-
nen losen Bund großer Industriestaaten sehen; denn er ist
eben auch ein Bund starker Demokratien mit zumindest
ähnlichen Wertvorstellungen. Russland wurde ja in einer
Zeit in die G 8 aufgenommen, in der das Land auf dem
richtigen Weg hin zu einer starken Demokratie war. Jetzt
aber, im letzten Jahr der Putin-Präsidentschaft, zeigt sich
Russland in vielen Aspekten der Demokratie abgewandt.

Die Ermordung von Anna Politkowskaja und anderer
Journalisten zeigt, wie gefährlich Regimekritiker heute
in Russland leben. Anna Politkowskaja fühlte sich über
lange Zeit bedroht; das hat sie mir selbst bei einem meiner
Besuche gesagt. Leider hielt es jedoch ihr eigener Staat
nicht für nötig, sie zu beschützen. Bei Schauprozessen
wie gegen den Yukos-Oligarchen Chodorkowski zeigt
die russische Justiz hingegen gnadenlose Härte. Man stellt
sich doch die Frage, ob auf Justitias Waage in Russland
Menschenrechte überhaupt noch von Gewicht sind.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist gut,
dass wir uns heute hier im Deutschen Bundestag mit den
Vorgängen in Russland und den dortigen Menschen- und
Demonstrationsrechten befassen. Mir wäre es allerdings
noch sehr viel lieber, wenn sich endlich die Duma, das
russische Parlament, vorbehaltlos mit diesem Thema
auseinandersetzen würde.

Ich danke Ihnen.


(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609410700

Nächster Redner ist der Staatsminister Gernot Erler.

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(C (D Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die reignisse vom 14./15. April in Moskau und Sankt Petersurg haben wir alle mit großer Sorge beobachtet. Die achrichten und die Bilder von den gejagten Demonstrann haben die Frage aufgeworfen, ob die Meinungsund ersammlungsfreiheit in Russland noch gewährleistet st. Auf diese Frage zu antworten, ist nicht leicht. Man uss differenzieren. Ich möchte zunächst einige Worte zur Situation der enschenrechte in Russland sagen. Russland garantiert in er Tat in seiner Verfassung alle Menschenrechte und bürerlichen Freiheiten. Präsident Putin und die russische egierung bekennen sich immer wieder zur Einhaltung on Menschenrechten. Russland ist zahlreichen internaionalen Menschenrechtskonventionen beigetreten. All ies ist angesichts der sowjetischen und der russischen eschichte nicht gering einzuschätzen. Dennoch kommt s immer wieder zu Verstößen gegen die von Russland elbst anerkannten Regeln. Die Ursachen hierfür sind ielfältig. Ein wichtiger Grund etwa ist das Fehlen rechtstaatlicher und demokratischer Traditionen. Darauf wurde ben schon hingewiesen. Die bestehenden Defizite und Probleme werden urchaus auch offiziell angesprochen, etwa von dem enschenrechtsbeauftragten Wladimir Lukin, zuweilen uch von Präsident Putin selbst. Allerdings hat das bisher u keiner durchgreifenden Änderung der Verhaltensweise er Exekutive geführt, was diese hochrangige Problemaisierung erst überzeugend machen würde. Rechtsschutz vor russischen Gerichten gegen Menchenrechtsverletzungen ist nur schwer zu erhalten. Daer nimmt die Zahl der Klagen russischer Bürgerinnen nd Bürger vor dem Gerichtshof für Menschenrechte in traßburg zu – häufig mit Erfolg. Mit besonderer Sorge beobachten wir seit einiger Zeit uch die Tendenz, die Pressefreiheit durch zunehmende taatliche Kontrolle einzuschränken. Das sukzessive erschwinden kritischer Diskussionssendungen aus landeseit ausgestrahlten TV-Programmen illustriert den fort chreitenden Bedeutungsverlust der elektronischen Masenmedien für die politische Meinungsbildung. Ähnlich stellt sich die Situation im Hörfunkbereich ar. Die landesweiten Sender Radio Rossija und Radio ajak sind staatlich. Ausnahme ist Echo Moskwy, das war Gasprom gehört, jedoch immer noch unabhängig erichtet. Die Reichweite des Senders ist allerdings auf oskau, Sankt Petersburg und einige regionale Zentren egrenzt. Mit Erwerb der Mehrheitsbeteiligung an der Tageseitung „Iswestija“ durch den staatlich kontrollierten onzern Gasprom-Media und der Übernahme der Tages eitung „Kommersant“ durch Gasprom und Metallinvest eitet sich der bei den elektronischen Medien begonene und weit fortgeschrittene Trend zu mehr Kontrolle uch auf den Printbereich aus. Gleichwohl werden Themen und Sachverhalte von ationaler Bedeutung von wichtigen Printmedien und em Radiosender Echo Moskwy nach wie vor prominent 9534 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Staatsminister Gernot Erler aufgegriffen sowie offen und kontrovers diskutiert. Gerade nach den jüngsten Demonstrationen vom 14. und 15. April in Moskau und Sankt Petersburg war die Berichterstattung einiger Zeitungen durchaus kritisch. „Kommersant“ beobachtete – ich zitiere – „Hackfleisch aus Nichteinverstandenen“. „Moskowskij Komsomolez“ titelte: Alle Macht – dem OMON. „Nowye Iswestija“ sprach von belagerter Festung und präzedenzloser Härte. Allerdings gab es auch eine Berichterstattung, die die Ereignisse herunterzuspielen versuchte. Die Pressefreiheit in Russland leidet jedoch nicht nur unter Ausweitung staatlichen Einflusses. Ein weiteres irritierendes Problem – auch das wurde bereits angesprochen – besteht in der Gefährdung kritischer Journalisten. Das hat die Ermordung der engagierten Journalistin Anna Politkowskaja am 7. Oktober 2006 in dramatischer Weise belegt. Die Bundesregierung und die EU haben mehrfach die Erwartung zum Ausdruck gebracht, dass Täter und Drahtzieher dieses Verbrechens schnell ermittelt und bestraft werden. Die Ermittlungen laufen noch. „Nowaja Gazeta“, die Zeitung, für die Anna Politkowskaja arbeitete, hat die Zusammenarbeit mit der Generalstaatsanwaltschaft bei der Aufklärung bisher als gut bezeichnet. Ich stelle aber hier erneut fest: Die Frage der raschen und überzeugenden Aufklärung dieses feigen und abscheulichen Mordes wird ganz wesentlich über das internationale Prestige Russlands entscheiden. (Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Dr. h.c. Gernot Erler (SPD):
Rede ID: ID1609410800

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(B) )


Was die Demonstrations- und Versammlungsfreiheit
anbelangt, so garantiert die russische Verfassung das
Recht russischer Bürger, sich friedlich und ohne Waffen
zu versammeln, Kundgebungen und Demonstrationen,
Umzüge und Mahnwachen durchzuführen. Die Art und
Weise, wie die russischen Behörden am 14. und 15. April
gegen friedliche Demonstranten vorgegangen sind, verletzt
diese verfassungsgemäßen Rechte, auch wenn die Demon-
strationen behördlich nicht genehmigt waren – übrigens mit
fadenscheinigen Begründungen. Zur Unangemessenheit
der Reaktionen gehören auch die Übergriffe auf russische
und ausländische Journalisten einschließlich deutscher
Medienvertreter.

Während einige russische Regierungsstellen das Vor-
gehen verteidigten, hat zum Beispiel der Menschenrechts-
beauftragte Lukin eingeräumt, dass die Polizei in beträcht-
lichem Maße ihre Befugnisse überschritten habe. Die
Gouverneurin von Sankt Petersburg, Matwijenko, hat
angeordnet, dass alle Beschwerden zu Übergriffen der
russischen Polizeieinheiten untersucht werden sollen.
Gleiches forderte Sergeij Jastrschemskij, der Berater des
russischen Präsidenten in EU-Fragen. Ella Pamfilowa,
die Vorsitzende des „Rats zur Förderung von Instituten
in der Zivilgesellschaft“ hat darauf hingewiesen, das
Vorgehen der Miliz habe das weltweite Ansehen Russ-
lands beschädigt.

Die Bundesregierung hat, auch in ihrer Eigenschaft als
EU-Ratsvorsitzende, auf diese Vorgänge rasch reagiert
und am 16. April in einer international stark beachteten

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(C (D U-Präsidentschaftserklärung ihre Sorge öffentlich zum usdruck gebracht. Vizeregierungssprecher Thomas teg sprach am selben Tag von exzessiver Gewaltanwenung, die Besorgnis errege, und von inakzeptablem Vorgeen gegen Journalisten. Die Bundesregierung erwartet von er russischen Seite weiter eine lückenlose Aufklärung ieser Vorgänge. (Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP)


Die Deutsche Botschaft in Moskau hat nach den Vor-
ällen in Moskau und Sankt Petersburg umgehend auf
oher Ebene demarchiert und ebenfalls eine umgehende
nd lückenlose Aufklärung gefordert.

Die Lage der Meinungs- und Versammlungsfreiheit wird
uch am 3. Mai bei den Menschenrechtskonsultationen
wischen der EU und Russland gegenüber der russischen
eite mit Nachdruck angesprochen werden.

Wir werden unser großes Nachbarland im Osten weiter
aran erinnern, welche Verpflichtungen es im Sinne der
eachtung von Grundrechten als Mitglied der Vereinten
ationen, der OSZE und des Europarates übernommen
at. Dies wird sich sicher verstärken, je näher die russi-
chen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen rücken.
iese notwendigen kritischen Nachfragen sollten aber so
orgetragen werden, dass sie von den mutigen Vertretern
er russischen Zivilgesellschaft, deren Proteste gegen
ie jüngsten Vorfälle ich gerade zitiert habe, als Unter-
tützung wahrgenommen werden.

Es gibt in Russland alles: Es gibt die Kräfte der Vergan-
enheit, gewohnt an autoritäre Strukturen. Es gibt ein
eues, schnell reich gewordenes Establishment, das Demo-
ratie und Meinungsfreiheit als potenzielle Besitzstandsge-
ährdung wahrnimmt. Ein Teil der politischen Klasse in
ussland fordert Russlands neue Weltgeltung lautstark
in, hat zugleich aber Angst vor einer Zukunft ohne den
ertrauten Präsidenten Putin. Es gibt in Russland aber
uch viele Menschen, die entschlossen auf eine Demokra-
sierung und Modernisierung der russischen Gesellschaft
etzen und die Partnerschaft mit der EU und speziell mit
eutschland dabei als unverzichtbar ansehen. Außerdem
ibt es Vertreter der engagierten Zivilgesellschaft, Ver-
reter von Menschenrechtsorganisationen und von Oppo-
itionsgruppierungen, die sich nicht einschüchtern lassen
nd unseren vollen Respekt verdienen.


(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Klare Signale an die russische Politik sind notwendig;
a stimme ich dem zuvor Gesagten zu. Diese Debatte im
eutschen Bundestag gehört übrigens dazu. Wir alle
üssen uns dabei aber auch darum bemühen, die Wege

n eine gemeinsame gute Zukunft Russlands in seiner
artnerschaft mit Europa offenzuhalten. Die Bundes-
egierung bringt ihre Sorgen über die genannten Vorfälle
wir sprechen hier darüber – klar zum Ausdruck; zugleich
rklärt sie aber auch ihre Bereitschaft, in partnerschaftlicher
ooperation mit Russland an dieser gemeinsamen Zukunft
eiterzuarbeiten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9535


(A) )



(B) )


Staatsminister Gernot Erler

(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609410900

Das Wort hat der Kollege Wolfgang Gehrcke, Frak-

tion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Wolfgang Gehrcke (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609411000

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Kein Zweifel aus meiner Sicht: Nicht nur Gedankenfrei-
heit, sondern auch Meinungsfreiheit und Versammlungs-
freiheit – dazu gehört Demonstrationsfreiheit – sind
Kernelemente einer Demokratie. Wenn sie bedroht sind,
dann sind öffentliche Kritik und Protest angesagt. Das
Vorgehen der russischen Sicherheitsorgane war gegen
Meinungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit und Versamm-
lungsfreiheit gerichtet und muss deswegen – auch öffent-
lich – kritisiert werden. Ich finde, es ist eine Selbstverständ-
lichkeit und eine Notwendigkeit, das auszusprechen.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN und der SPD)


Dazu gehört auch, dafür einzutreten, dass der Druck
auf Journalistinnen und Journalisten nicht weiter ausge-
übt, dass die bisherigen Morde an Journalistinnen und
Journalisten aufgeklärt und dass geplante Morde verhin-
dert werden.


(Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Bisher ist kein einziger Mord aufgeklärt worden!)


– Ich weiß das.

Ich habe einen großen Respekt vor denjenigen Frauen
und Männern in Russland – es waren vor allen Dingen
Frauen –, die sich, obwohl sie mit den Demonstranten
nicht einer Meinung waren, zwischen die Demonstranten
und die Sicherheitsorgane gestellt haben, um Übergriffe
der Sicherheitsorgane zu blockieren. Auch das hat es ge-
geben.

Ich will unterstreichen: Diese Aktuelle Stunde ist aus
meiner Sicht keine Aktuelle Stunde, die sich gegen
Russland richtet, sondern es ist eine Aktuelle Stunde für
Demokratie. Auch das muss man den russischen Partne-
rinnen und Partnern in aller Deutlichkeit sagen.

Meine Gesprächskollegen in Russland haben mir immer
wieder gesagt: Was regst Du Dich so auf? Das ist doch
überall so. – Ich halte dieses Argument nicht für legitim.
Wenn es überall so ist: a) macht das eine Sache nicht
besser, und b) ist dieses Argument aus meiner Sicht
überhaupt nicht überzeugend. Aber ich gebe zu, dass
dieses Argument bei mir schon wie ein Widerhaken ge-
wirkt hat.


(Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Das mit dem Widerhaken wundert uns nicht wirklich!)


Ich möchte uns alle gemeinsam hier zu einer gewissen
Nachdenklichkeit aufrufen. Ich fand das Vorgehen von
Herrn Sarkozy gegen die Rebellion in den französischen

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(C (D orstädten – die Bilder haben es gezeigt – nicht sehr viel esser. Ich habe mich gefragt, warum ich nicht zu der Auffasung gekommen bin, eine Aktuelle Stunde zum Thema Demokratie in Frankreich“ zu beantragen. (Eckart von Klaeden [CDU/CSU]: Der Vergleich hinkt!)


(Beifall bei der LINKEN)


enn wir ehrlich sind, so müssen wir zugeben, dass
anche Bilder von den Demonstrationen gegen die
astortransporte oder von anderen Demonstrationen, für
ie wir Verantwortung tragen,


(Zuruf von der CDU/CSU): Völlig abwegig!)


on der Form her – nicht vom Inhalt her – manchmal
urchaus vergleichbar sind. Ich hoffe, dass uns anläss-
ich des G-8-Gipfels Bilder von einem solchen Vorgehen
rspart bleiben.


(Beifall bei der LINKEN)


Ich denke auch, dass wir Anlass haben, in differen-
ierter Art und Weise, gerade wenn wir mit Russland
rnsthaft ins Gespräch kommen wollen, über eigene Pro-
leme zu reden. Wir müssen uns nicht nur Sorgen über
ie Pressefreiheit in Russland machen – dort ist ganz
roße Sorge angesagt –, sondern wir müssen auch über
ie Pressefreiheit in westlichen Demokratien und auch in
nserem Land nachdenken.


(Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und in Kuba!)


ch habe gerade noch einmal eine Rede nachgelesen, die
er große konservative Publizist Paul Sethe 1965 gehal-
en hat. Paul Sethe stammt ja mehr aus Ihren Reihen. Er
at gesagt, dass Pressefreiheit die Freiheit von
00 reichen Menschen sei, ihre Meinung zu veröffentli-
hen. Seit 1965 ist es nicht besser geworden.


(Eckart von Klaeden [CDU/CSU]: Es sind weniger geworden!)


Es sind weniger geworden. Ich weiß, dass das aus Ihrer
icht besser ist.

Das ist qualitativ natürlich überhaupt nicht mit der öf-
entlichen Diffamierung und mit der Bedrohung ver-
leichbar, die wir in Russland erleben. Wer aber nicht
ereit ist, über die Probleme im eigenen Land nachzu-
enken, ist bei der Auseinandersetzung mit der russi-
chen Politik nicht glaubwürdig. Ich möchte gerne, dass
ir glaubwürdig auftreten und sagen können, dass wir

m eigenen Land, wo immer notwendig, für Meinungs-
reiheit, Gedankenfreiheit und Demonstrationsfreiheit
intreten.


(Beifall bei der LINKEN)


ir treten in Europa dafür ein, und wir treten auch ge-
enüber Russland dafür ein, weil wir möchten, dass
iese Freiheiten in Russland bestimmend werden. Wer
ich im eigenen Land souverän bewegt, kann auch sou-
erän Kritik aussprechen.

9536 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Wolfgang Gehrcke
Im Zusammenhang mit der Demonstrationsfreiheit
muss man auch sagen, dass Demokratie Demokraten
braucht. Ich trete nicht für die Demonstrationsfreiheit
der NPD ein. Ich bin auch nicht dafür, dass in Russland
solche Kräfte, die sich Nationalbolschewisten nennen,
aber eigentlich eine andere Bezeichnung verdienen, in
diesem Land Einfluss gewinnen können. Auch das ge-
hört dazu, wenn man über Demonstrations- und Ver-
sammlungsfreiheit redet.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der LINKEN – Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wer entscheidet denn das?)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609411100

Das Wort hat der Kollege Dr. Karl-Theodor Freiherr

zu Guttenberg.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Frhr. Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU):
Rede ID: ID1609411200

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Kurz bevor wir diese Debatte begonnen haben,
hat der russische Präsident Putin seine Rede zur Lage der
Nation gehalten. Ich kann nur sagen, dass die Punkte, die
wir aus dieser Rede vernehmen dürfen, erneut mehr als
nur Anlass zur Sorge geben. Er hat sich zum einen – da-
rauf wurde hingewiesen – bereits eine Einmischung in
innere Angelegenheiten verbeten. Das ist nun nichts
Neues, es ist für uns aber Anlass, zu sagen, dass wir uns
umso mehr verpflichtet fühlen sollten, uns gerade in die
Dinge einzumischen, über die wir heute debattieren.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Zum anderen – dieser Punkt ist noch nicht über die
Ticker gegangen, aber auf der Homepage der „NZZ“ zu
lesen – hat Wladimir Putin darauf hingewiesen, dass die
demokratische Ideologie als Vorwand benutzt werde.
Diesen Satz sollte man sich auf der Zunge zergehen las-
sen, weil durch diesen Satz alle unsere Diskussionen
über Demokratie und alles das, was wir in ernsthaften
Gesprächen mit unseren russischen Kollegen zu debat-
tieren versuchen, konterkariert werden. Mit Aufmerk-
samkeit und Sorge alleine werden wir da wahrscheinlich
nicht weiterkommen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)


Die massiven Übergriffe zeigen, dass entscheidende
Stellen des russischen Staates offenbar nicht mehr wil-
lens und/oder fähig sind, differenziert und angemessen
vorzugehen. Ich kann nur sagen, dass von unserer Seite
die Aktionen der russischen Sonderpolizei deshalb mit
dem gebotenen Nachdruck zu verurteilen sind. Ich
möchte das Wort „verurteilen“ unterstreichen. Mit Sorge
allein ist es hier in meinen Augen nicht getan. Sorge
reicht nicht.


(Beifall bei der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)


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(C (D aher bin ich dankbar, dass zumindest das Kanzleramt as Wort „inakzeptabel“ in seine Erwägungen einbezoen hat. Ich glaube, hier bedarf es einer deutlichen Sprahe. Wenn wir außerhalb des Parlaments deutlich mahen, dass dies unser gemeinsamer Ansatz ist, dann ist amit möglicherweise schon einiges gewonnen. Mit Blick auf die Übergriffe geht es nicht darum, sich it allen Gruppen zu solidarisieren, die an den Demon trationen in Russland teilgenommen haben. Darunter aren schon ein paar bemerkenswerte Grüppchen an den eweiligen Rändern, die alles andere als unseren Wertorstellungen entsprechen. Allerdings dürfen wir die orzeichen in diesem Kontext nicht umkehren. Allein er Umstand, dass friedlich demonstrierende Bürger von en Polizeikräften ihres eigenen Staates, der wohlgeerkt Mitglied des Europarates und der OSZE ist – da auf wurde bereits hingewiesen –, in dieser Weise behanelt werden, kann und darf uns nicht teilnahmslos erden lassen. (Beifall bei der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)


Insgesamt wird durch die paranoide Reaktion und die
bergriffe der Behörden ein bezeichnendes Licht auf die

echtsstaatliche Ordnung in Russland geworfen. Der
ollege Hoyer hat mit seinem Einwurf recht: Auch die
lauäugigsten und romantisch verklärtesten Apologeten
oskaus, was einige Dinge anbelangt, die wir in den

etzten Jahren bereits kritisiert haben, müssen nun wohl
rkennen, dass die besagten Ereignisse nicht isoliert be-
rachtet werden können, sondern durchaus Ausdruck ei-
er besorgniserregenden Machtkonzentration in Russ-
and sind. Angesichts dessen, was wir beobachten
önnen, angesichts der Bedrohung von kritischen Jour-
alisten, ausländischen wie inländischen, der faktischen
bschaffung der föderalistischen Strukturen in Russland
darüber wird kaum noch diskutiert – und aller anderen
unkte, die heute schon genannt wurden, kann man nicht
ehr von einer lupenreinen Demokratie sprechen. Das

at sich als Illusion erwiesen. Lupenrein ist allenfalls das
ild eines schwindenden Rechtsstaates.


(Beifall bei der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)


Der Herr Kollege Schockenhoff hat das Argument be-
üht, dass wir differenziert und vorsichtig herangehen
üssten, weil wir es bei Russland mit einem Land zu tun

ätten, das in einer nichtdemokratischen Tradition stehe.
ieses Argument ist wichtig. Aber wir sollten darauf

chten, wo und wie wir es verwenden. Andreas
chockenhoff hat es im richtigen Zusammenhang ange-
ührt. Allerdings müssen wir aufpassen, dass wir eines
icht unterschlagen: Russland hat eine große Tradition
n der Geistesgeschichte. In Russland hat sich zudem in
en vergangenen zwanzig Jahren durchaus eine mutige
ivilgesellschaft entwickelt; darauf wurde bereits hinge-
iesen. Diese Zivilgesellschaft stärkt man nicht durch
ichteinmischung.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9537


(A) )



(B) )


Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg

(Beifall bei der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)


Auch bei uns sind Demokratie, Rechtsstaatlichkeit
und Menschenrechte nicht vom Himmel gefallen; das
wissen wir. Deshalb sollten wir nicht mit Hochmut auf
die große Kulturnation Russland schauen; das verbietet
sich. Was sich allerdings nicht verbietet, ist der klare und
unmissverständliche Hinweis darauf, dass es mittler-
weile universell geltende Rechts- und Menschenrechts-
strukturen gibt. Das sollte die Botschaft dieses Parla-
ments sein. Daran sollten wir mit aller Kraft weiter
arbeiten.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609411300

Das Wort hat der Kollege Jürgen Trittin, Bündnis 90/

Die Grünen.


Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609411400

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr zu

Guttenberg, ich bin Ihnen für die deutlichen Worte ei-
gentlich dankbar. Sie stehen im Gegensatz zu manchen
Äußerungen, die in letzter Zeit aus und über Russland
gekommen sind. In einem Zeitungsartikel ist unter der
Überschrift „Wer ist besser für uns: Russen oder Ameri-
kaner?“ zu lesen: Allerdings lief die Entwicklung in den
letzten Jahren in Russland konträr. Bei aller Kritik an ei-
nem starken Putin, bis heute hat Russland einen Quan-
tensprung in Sachen Öffnung, Freiheit und Demokratie
zurückgelegt, was man vom langen Weg von Ronald
Reagan zu Bush so nicht sagen kann. – Das hat nicht
Herr Gehrcke gesagt, sondern Peter Gauweiler gegen-
über dem „Münchner Merkur“.


(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Hätte ich auch nie gesagt!)


– Das weiß ich, Wolfgang.

Dahinter steht die Vorstellung, dass Russland nach
dem Bruch mit dem Kommunismus auf dem Weg zu ei-
ner Demokratie unserer Vorstellung ist. Vielleicht sollten
wir uns bei einer solchen Aktuellen Stunde einmal der
Überlegung stellen, ob diese Einschätzung wirklich eine
zutreffende ist. Ich formuliere das bewusst als offene
Frage.


(Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Genau!)


In Russland sagt nun die herrschende Nomenklatura
– um diesen Begriff zu bemühen; man könnte auch sa-
gen: technokratische Elite –: Wir haben begriffen, dass
die Einparteienherrschaft früher nicht funktioniert hat.
Das hat zu einer bürokratischen Erstarrung geführt. Also
schaffen wir uns zwei Parteien, eine mehr konservative
und eine eher sozial ausgerichtete. Wir regeln über ein
Parteiensystem, dass alle anderen Wettbewerber – so ist
es bei den Provinzwahlen gewesen – keine Chance ha-
ben. Dadurch ist sichergestellt, dass, egal welche der

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(C (D eiden Parteien die Wahl gewinnt, die technokratische lite immer in der Regierung bleibt. Das scheint die Vorstellung zu sein. Das ist der Kern essen, was unter „gelenkter Demokratie“ verstanden ird. Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, habe ich edacht: Wer versucht denn da, Russland zu diffamieen? Doch das ist die Selbsteinschätzung: gelenkte Deokratie. Da lenken also andere die Herrschaft des Vol es. Nichts anderes heißt das. Wenn gegen ein solches ystem aufgestanden und demonstriert wird, dann ist das ach allen Standards, die wir aus der Rechtsstaatlichkeit, us der Universalität der Menschenrechte ableiten, geechtfertigt. Was ist nach unserem Verständnis die Aufgabe des taates in einer solchen Situation? Aufgabe des Staates st es, die Demonstranten zu schützen – auch und gerade, enn sie eine Meinung vertreten, die dem Staat viel eicht nicht passt – und die Demonstrationsfreiheit zu geährleisten. Nach unserem Verständnis haben die Men chen nicht nur das Recht, zu demonstrieren. Es ntspricht vielmehr dem grundlegenden Verständnis von echtsstaatlichkeit und Demokratie, dass es Aufgabe es Staates ist, die Demonstrationsfreiheit aktiv zu chützen. In Russland ist das Gegenteil eingetreten. In Russland ind friedliche, auch ältere Menschen Opfer brutaler Poizeigewalt geworden. Herr Staatsminister, es ist richtig wie Sie es gesagt haben –, dass der Menschenrechtsbeuftragte das benannt hat. Es hat auch in Russland Kritik egeben. Es hat aber noch etwas anderes gegeben: Diees unverhältnismäßige, dieses rechtsstaatswidrige, diees unakzeptable Verhalten ist nicht etwa getadelt woren, sondern Präsident Putin hat diese Beamten, die igentlich suspendiert und vor Gericht gestellt werden üssten, in ihren vorläufigen Ämtern bestätigt und so elobigt. Das ist die Situation in Russland, und das ist icht akzeptabel. Ich trete sehr dafür ein – darüber führe ich auch in einer Fraktion Diskussionen –, dass wir Russland als inen Nachbarn sehen, mit dem wir eine Partnerschaft ntwickeln müssen. Ich weiß sehr wohl, dass Sicherheit nd Entwicklung in Europa nur mit und nicht in einer euen Frontstellung zu Russland möglich sind. Wenn die inschätzung richtig ist, dass sich dieses System nicht in ichtung Demokratie entwickelt, sondern dieses Land in ukunft durch eine technokratische Elite mehr oder weiger autoritär regiert wird, dann müssen wir mit dem otenziellen Partner Russland anders umgehen, als wir it einem Staat umgehen würden, von dem wir über eugt sind, dass er auf dem Weg zur Demokratie ist. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


(Beifall im ganzen Hause)


Dann müssen wir bei aller Notwendigkeit der Partner-
chaft Klartext reden. Dann müssen wir nicht nur im
ahmen des Menschenrechtsdialogs, der richtig und
ichtig ist, sondern auch bei Veranstaltungen wie dem
-8-Gipfel oder bei anderen sich bietenden Möglichkei-

en diese Frage ansprechen; denn auch mit Blick auf

9538 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Jürgen Trittin
Russland gilt: Stabilität, wirtschaftliche Zusammenar-
beit, Sicherheit und Frieden funktionieren langfristig
nicht, wenn man im Innern mit den Menschenrechten
Fußball spielt, wie es an diesem Wochenende der Fall
war.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Detlef Dzembritzki [SPD] und Dr. Werner Hoyer [FDP])



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609411500

Nächster Redner ist der Kollege Gert Weisskirchen,

SPD-Fraktion.


Gert Weisskirchen (SPD):
Rede ID: ID1609411600

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ja, man kann durchaus Sorgen haben angesichts dessen,
was sich in Russland zeigt und was man symbolhaft an
diesen hässlichen Bildern erkennen konnte. Und man
kann die Sorge haben, dass das Konzept der gelenkten
Demokratie eines ist, das sich in der Substanz von der
Demokratie abkehren könnte.


(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Eine gelenkte Demokratie ist keine!)


– „Eine gelenkte Demokratie ist keine“, sagen Sie, Herr
Trittin. Ich glaube, man muss etwas genauer hinschauen.
Ich habe in Moskau gegenüber Jastrschembski und auch
gegenüber Gryslow sehr offen und sehr hart gesprochen
und genau auf die Gefahren hingewiesen, über die wir
hier auch gesprochen haben. Deshalb wissen diejenigen,
die in Moskau dabei waren, dass es keine Ausflucht ist,
wenn ich zu bedenken gebe, dass Russland erst 1991
eine Demokratie geworden ist. Eine Demokratie, die ge-
rade einmal 16 Jahre alt ist, hat ihre Kinderkrankheiten.
Diese Demokratie leidet auch darunter, dass die Expo-
nenten dieser Demokratie und viele Menschen, die in
Russland leben, noch von der massiven, harten, brutalen
Diktatur geprägt sind. Das konnte man selbst an Boris
Jelzin, der den Mut gehabt hat, sich zu lösen und sein
Land von der sowjetischen Diktatur und vom imperialen
Denken zu befreien, sehen: In seinem eigenen Verhalten
war er doch bis ins Innerste geprägt davon. Diese Mi-
schung, dass die Leute geprägt sind von der Last dessen,
was die Sowjetunion moralisch an Zerstörung hinterlas-
sen hat, und von dem Aufbegehren dagegen, von dem
Bemühen, den Weg zu einer Demokratie zu gehen, wird,
fürchte ich, noch eine Weile andauern.

Wir erleben gerade eine Seitwärtsbewegung, hoffent-
lich keine Rückwärtsbewegung.


(Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Derzeit geht es eher rückwärts!)


Diese Seitwärtsbewegung offenbart, dass auf diesem
Weg, den Russland beschreitet, all die diktatorischen Er-
scheinungsformen, die zu überwinden wir geglaubt ha-
ben, immer wieder neu entstehen können; Volker Beck
hat ja persönlich darunter leiden müssen. OMON und
der Einsatz prügelnder Polizisten sind für mich geradezu
die Wiederkehr von so etwas. Deswegen ist es richtig

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(C (D nd notwendig, dass wir sagen: Dies ist nicht hinnehmar. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


s ist eher ein Zeichen von innerer Schwäche und ein
eichen von Unsicherheit, wenn der Staat seine Gewalt-
ittel so einsetzt, wie die OMON eingesetzt worden ist.
ie Kolleginnen und Kollegen, die in Moskau dabei wa-

en und mit Gryslow persönlich gesprochen haben, ha-
en doch die Unsicherheit in seinen Gesichtszügen gese-
en, haben gesehen, wie nervös er war, wie ängstlich
eradezu, als wir ihm gegenüber argumentiert haben. Ich
ill damit sagen: Wir werden, fürchte ich, noch einige

chwierige Situationen vor uns haben.

Dabei muss für uns klar sein – ich bin dankbar, dass
ernot Erler das so deutlich ausgesprochen hat –: Es
ibt ein anderes Russland als das, was sich in diesen Mo-
enten zeigt. Es gibt Memorial und es gibt diejenigen,

ie mit Jelzin gemeinsam für die Demokratie und gegen
inen Rückfall in eine Diktatur gekämpft haben. Dieses
ndere Russland – die Demokraten in Sankt Petersburg,
n Moskau und überall im Land – zu unterstützen, das
uss der Maßstab unseres politischen Handelns sein. Ich
ünsche mir, dass uns diese Debatte nicht allein dazu
ient, Kritik an staatlichem Handeln zu üben – das ist al-
erdings nötig –, sondern dass wir auch im Auge haben,
ie Demokratie in Russland zu stärken und den Men-
chen zu helfen, die für ein anderes, ein neues Russland
ämpfen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP – Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das tun wir doch!)


Weiß ich.


Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609411700

Das Wort hat der Kollege Karl-Georg Wellmann,

DU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Karl-Georg Wellmann (CDU):
Rede ID: ID1609411800

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wir sind

ns in diesem Hause einig: Das Vorgehen der Sicher-
eitskräfte in Russland war indiskutabel. Das gilt sowohl
insichtlich des Vorgehens gegenüber den friedlichen
emonstranten – zum Teil waren es Kinder, zum Teil äl-

ere Leute – als auch gegenüber den Journalisten. Russ-
and hat sich mit diesem Vorgehen – auch das wurde
chon gesagt – in der internationalen Öffentlichkeit
chwer geschadet.

In der vergangenen Woche war eine Delegation der
eutsch-Russischen Parlamentariergruppe in Moskau.
err Kollege Weisskirchen, wir haben unsere Kritik sehr
ffen vorgetragen, sowohl gegenüber Boris Gryslow,
em Parlamentspräsidenten, als auch gegenüber Sergej
astrschembski, dem Berater von Putin. Keiner von ih-
en, auch nicht unsere Abgeordnetenkollegen, mit denen

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9539


(A) )



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Karl-Georg Wellmann
wir sprachen, hat das Vorgehen der Miliz und der
OMON verteidigt. Unter vier Augen haben sie uns an-
schließend beim Essen gesagt, dass es Konsequenzen
und auch Disziplinarverfahren geben wird. Wir werden
sehr genau darauf achten, ob das der Fall ist und ob sich
hier etwas tut.

Übrigens war es der Wunsch unserer russischen Par-
lamentskollegen, mit uns über das schlechte Russland-
bild in der deutschen Öffentlichkeit und in unseren Me-
dien zu diskutieren. Für uns war es relativ einfach, ihnen
deutlich zu machen, dass man die Begeisterung unserer
Medien für Russland nicht dadurch befördert, dass man
Fernsehteams verprügelt und sie anschließend sogar
festnimmt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)


Bei aller Empörung, die sich hier äußert, stellt sich
die Frage: Wie reagieren wir insgesamt? Lassen Sie
mich dazu eine Vorbemerkung machen. Die Demonstra-
tionen in Russland wurden von den sogenannten Natio-
nalbolschewiken mitorganisiert. Sie sind nichts anderes
als Neonazis.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Sie nehmen an den Demonstrationen in den Moskauer
und Petersburger Straßen teil und zeigen den Hitlergruß.
Ihre Parteiflagge ist der Hakenkreuzflagge der Nazis
nachgebildet.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Das sage ich nur, damit allen klar ist, worüber wir reden.

Um das klar zu sagen: Das macht das Vorgehen der
Polizei nicht besser. Allerdings handelte es sich nicht um
Demokraten. Ihnen konnte man übrigens keinen größe-
ren Gefallen tun, als solche Gewaltorgien zu veranstal-
ten. Denn das war die einzige Chance für sie, auf die ers-
ten Seiten der internationalen Presse zu kommen.

Wir sollten und müssen unsere Kritik deutlich vor-
bringen. Das haben wir getan. Wir haben uns nichts vor-
zuwerfen. Aber wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade
ausschütten. Manch ein deutscher Zeitungsleser hatte
den Eindruck, in Russland herrsche Bürgerkrieg, und es
sei viel zu gefährlich für uns, dorthin zu fahren. Hinzu
kamen einige – Herr Erler, ich sage das ganz vorsichtig –
wenig kluge Äußerungen aus dem Bereich der Europäi-
schen Kommission, die besagen, durch diese Demon-
strationen sei der Tiefpunkt der europäisch-russischen
Beziehungen erreicht. Das halte ich für nicht hilfreich.
Es bringt überhaupt nichts, eine Krise herbeizureden.
Wir alle – in Deutschland und in der EU – wollen, dass
sich Russland demokratisch entwickelt. Aber wir müs-
sen sehen: Russland hat seine eigene Geschichte und ei-
gene Traditionen.

Hier beziehe ich mich gerne auf Egon Bahr, der ge-
sagt hat, Russland muss sich auf der Basis eigener Tradi-
tionen entwickeln können. Demokratie gehört bisher lei-
der nicht zu den russischen Traditionen. Was können wir
tun, außer in diesem schönen Saal unsere Empörung re-

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(C (D ativ wohlfeil zum Ausdruck zu bringen? Das Falscheste äre, Russland zu isolieren oder gar zu boykottieren. (Beifall des Abg. Dr. Andreas Schockenhoff [CDU/CSU] sowie des Abg. Detlef Dzembritzki [SPD])


Vergessen wir bitte nicht: In Russland findet zurzeit
in Wahlkampf statt, und ein personeller Umbruch steht
evor. Deshalb hat manches, was wir dort momentan be-
bachten müssen, vor allem innenpolitische Bedeutung,
ie wir als solche erkennen müssen. Behalten wir bitte
uch im Blick, dass die Beziehungen zwischen Deutsch-
and und Russland bzw. zwischen der EU und Russland
n vielen Bereichen sehr gut sind. Das gilt für die Wirt-
chaft, für internationale Kooperationen, zum Beispiel
m Hinblick auf den Atomkonflikt mit dem Iran, die Ter-
orbekämpfung oder den Energiesektor.

Es gibt keinen anderen Weg, als den Dialog mit Russ-
and beharrlich fortzuführen. Das tut die Bundesregie-
ung. Das tun auch wir Parlamentarier nach Kräften. Wir
ollen diesen Dialog ausbauen, wie es der Vorsitzende
es Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz, mit sei-
em Gegenüber, Herrn Kosatschow, verabredet hat. Wir
ollen jetzt regelmäßige Treffen beider Ausschüsse – ein-
al in Deutschland und einmal in Russland – stattfinden

assen.

Wir haben schlichtweg nicht die Wahl einer anderen
olitik gegenüber Russland, als die politische und wirt-
chaftliche Annäherung und Verflechtung voranzutrei-
en. Ich rufe jeden auf – auch uns alle –: Lassen wir uns
ei aller Kritik nicht von jedem Rückschlag bei der Ent-
icklung Russlands entmutigen!

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609411900

Ich gebe das Wort dem Kollegen Johannes Jung,

PD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Johannes Jung (SPD):
Rede ID: ID1609412000

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und

erren! Ganz sicher – das kommt hier ja durch die Bank
um Ausdruck – beunruhigt uns alle die Lage in Russ-
and. Leider wird uns regelmäßig vor Augen geführt,
ass es um die Themen der heutigen Aktuellen Stunde
Meinungs- und Demonstrationsfreiheit – schlecht be-
tellt ist. Diese elementaren Freiheitsrechte unterliegen
inschränkungen und Bedrohungen. Schlimm ist – das
uss man ehrlicherweise dazusagen – vor allem die Ten-

enz, die wir in den letzten Jahren zu beobachten hatten.
s wird nämlich nicht besser, sondern schlimmer.


(Beifall der Abg. Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Russland ist in der Regierungszeit von Wladimir
utin gewiss stabiler, aber eben nicht freier geworden.
s drängt sich der Eindruck auf, dass von den politi-
chen Eliten Freiheit als Gefahr für Stabilität betrachtet

9540 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Johannes Jung (Karlsruhe)

wird. Dieses Verständnis von Stabilität und Freiheit als
Gegensatz ist grundsätzlich falsch, und es ist auch im
Falle Russlands falsch.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN])


Solange diese Sichtweise aber vorherrscht, wird
Russland weiterhin massive Schwierigkeiten haben, den
Weg der Demokratisierung erfolgreich zu bewältigen.
Dennoch ist es falsch, so wie auch in dieser Debatte teil-
weise geschehen, rhetorisch Analogien zur Sowjetzeit zu
ziehen. Das Russland des 21. Jahrhunderts ist eben nicht
leninistisch. Ich danke Gernot Erler deshalb ausdrück-
lich für seine differenzierte Darstellung.


(Beifall bei der SPD)


Wir befassen uns in den verschiedensten Ausschüssen
des Bundestages mit der Energiemacht Russland, mit der
Nuklearmacht Russland, mit der Kulturmacht Russland
und mit der Weltmacht Russland. Russland ist aber eben
auch Dauerthema im Ausschuss für Menschenrechte und
Humanitäre Hilfe. Leider füllen die Berichte über Men-
schenrechtsverletzungen mit und ohne Krieg in Tsche-
tschenien ganze Bibliotheken. Einschränkungen der
Pressefreiheit, zunehmende Gewalt gegen Menschen aus
dem Kaukasus, die katastrophalen Zustände in den russi-
schen Gefängnissen und in der Armee sind nur einige
Beispiele.

Die Analysen der Forschungsinstitute und der Nicht-
regierungsorganisationen sind eindeutig. Freedom
House etwa stuft Russland als nicht frei ein. Freedom
House bewertet die Verwirklichung politischer Rechte
und Freiheiten und erteilt Russland seit mehreren Jahren
wieder konstant schlechte Noten. Eine Verbesserung der
Lage ist in absehbarer Zeit nicht in Sicht. Von demokra-
tischer Konsolidierung – darum geht es bei einer jungen
Demokratie; sie besteht seit 1991 – kann keine Rede
sein, ganz im Gegenteil. Es ist gewiss auch ein Verdienst
des gerade verstorbenen ehemaligen Staatspräsidenten
Boris Jelzin, dass es eine Phase gab, in der es besser lief.

Die Bertelsmann-Stiftung stellt mit ihrem Transfor-
mationsindex seit einigen Jahren keinerlei Fortschritte
auf dem Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft fest.
Untersuchungen von Transparency International zeigen,
dass die Korruption wieder unerträgliche Ausmaße ange-
nommen hat. Im Gesundheitswesen ist die Lage sehr
schlecht, mit dem dramatischen Resultat – dazu gehört
auch noch ein gewisses Problem bei der Lebensführung –,
dass die Lebenserwartung sinkt und derzeit bei knapp
über 65 Jahren liegt.

Meine Damen und Herren, die politischen und sozia-
len Lebensbedingungen in Russland haben sich in den
letzten Jahren in der Breite und für die Mehrheit der
Menschen durchaus verschlechtert. Dass daraus Span-
nungen entstehen und diese gesellschaftlichen Probleme
ein Nährboden für Proteste sind, ist offenkundig. Aller-
dings müssen wir auch die Demonstranten näher unter
die Lupe nehmen. Bei Weitem nicht jeder Demonstrant
ist Demokrat. Es lohnt sich, darauf sehr entschieden und
auch häufiger, als heute geschehen, hinzuweisen. Die

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(C (D ahlergebnisse – ob manipuliert oder nicht – beweisen mmer wieder, dass eben auch eine Mehrheit des Volkes utoritarismus und Nationalismus durchaus schätzt; enn nicht nur weite Teile der Eliten unterliegen dem Irrum, Freiheit bedeute Unsicherheit. Für die mutigen Demokratinnen und Demokraten ist as eine fatale Lage. Die Reaktionen der staatlichen tellen auf friedliche Proteste offenbaren – wie gerade ben – ein dramatisches Unvermögen im Umgang mit en eigenen Bürgerinnen und Bürgern. Die Einschränungen und Gefährdungen der Meinungsund Demontrationsfreiheit sind eben leider klare Bestandteile der ogenannten gelenkten Demokratie Umso wichtiger ist, ass endlich auch die politischen Morde aufgeklärt weren, damit für die Bevölkerung und für die nach wie vor eils unabhängigen Medien in Russland Klarheit und Siherheit bestehen. Vor diesem Hintergrund haben Deutschland und die U ein fundamentales Interesse daran, Russland bei seier Entwicklung zu einem stabilen und demokratischen taat zu unterstützen und an Europa zu binden. Es ist unere Pflicht, hier und dort auf die Defizite hinzuweisen nd dennoch einen partnerschaftlichen Umgang miteiander zu pflegen und nicht von oben herab auf Russand zu schimpfen. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Wer tut denn das?)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609412100

Der nächste Redner ist der Kollege Holger Haibach

on der CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Holger Haibach (CDU):
Rede ID: ID1609412200

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und

erren! In der Debatte ist schon von fast allen Rednern
arauf hingewiesen worden, dass die Übergriffe der Si-
herheitsbehörden auf die Demonstranten in Moskau im
usammenhang mit vielen Ereignissen der letzten Jahre
u sehen sind. So sehr ich auch für die Äußerungen von
rofessor Weisskirchen Sympathien habe, dass es in jün-
eren Demokratien noch mehr Kinderkrankheiten geben
ag, so gilt das für mich nur dann, wenn man insgesamt

ine positive Entwicklung feststellen kann. Ich glaube,
er Kollege Jung hat zu Recht darauf hingewiesen, dass
ir im Fall Russland – zumindest bei Betrachtung der
enschenrechte – in den letzten Jahren nicht unbedingt

on einer positiven Entwicklung reden können. Deswe-
en sehe ich einige Dinge, die besorgt machen können.
s sind Dinge, die wir ansprechen müssen, die wir auch
nseren russischen Partnern gegenüber klar und deutlich
nsprechen müssen. Ich bin dankbar dafür, dass die Par-
amentariergruppe dies in der entsprechenden Art und

eise getan hat.

Wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahre an-
chaut, dann stellt man fest, dass es viele Dinge, die für
en Aufbau einer Zivilgesellschaft entscheidend sind, in

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9541


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Holger Haibach
Russland sehr schwer haben. In diesem Zusammenhang
fällt mir das jüngste Beispiel der Einschränkungen durch
die neuen Parteiengesetze ein. Es sind aber auch die Ge-
setze zu den Nichtregierungsorganisationen zu nennen.
Diese betreffen nicht nur russische Nichtregierungsorga-
nisationen, obwohl diese in ganz speziellem Maße be-
troffen waren. Ich erinnere an das, was in Moskau mit
der Naumann-Stiftung passiert ist und welche Schwie-
rigkeiten es an dieser Stelle gab. Ich glaube, wir haben es
hier leider mit einer Situation zu tun, die sich eher zum
Schlechten als zum Guten wendet. Das ist bedauerlich
und macht es sehr schwierig.

Auf der anderen Seite will ich nicht verhehlen, dass es
auch ermutigende Signale gibt. Sogar eine so regie-
rungsnahe Zeitung wie die „Komsomolskaja Prawda“
hat die Übergriffe als eine Aktion ohne jede Logik be-
zeichnet. Insofern kann man schon sagen, dass es auch in
der russischen Demokratie und Presselandschaft durch-
aus noch so etwas wie politische Hygiene gibt. Ich
möchte dem Kollegen Gehrcke ausdrücklich widerspre-
chen: Die Pressefreiheit betrifft nicht nur 200 Menschen.
Das Medium des 21. Jahrhunderts wird das Internet sein
und ist das Internet bereits. Wenn man sich anschaut, wie
Russland in den entsprechenden Listen der Nichtregie-
rungsorganisationen in Bezug auf die Überwachung und
Einschränkung des Internets geführt wird, dann muss
man auch hier große Sorge haben. Hier geht es nicht um
200, 20 000 oder 200 000 Menschen, sondern es geht um
Millionen von Menschen. Das ist eine Sache, die unserer
besonderen Aufmerksamkeit bedarf.

Wenn wir uns darüber unterhalten, welche Möglich-
keiten wir haben, dann sehe ich, dass die internationalen
Organisationen, in denen wir mit Russland zusammenar-
beiten, auch ihre Schwierigkeiten haben. Ich denke hier
zum Beispiel an den Europarat. Das Aushängeschild des
Europarats ist nicht umsonst der Menschenrechtsge-
richtshof. Hier haben wir mit unseren Freunden aus
Russland gleich zwei Baustellen. Die eine Baustelle ist,
dass Russland im Jahr 2004 mit 7 843 Fällen einer der
größten Beklagten innerhalb des Gebiets des Europarats
war. Die zweite Baustelle: Russland ist das einzige Land
des Europarats, das das 14. Zusatzprotokoll zu der Kon-
vention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfrei-
heiten noch nicht unterzeichnet hat. Dieses Zusatzproto-
koll könnte dem Menschenrechtsgerichtshof wieder
einen Teil seiner Leistungsfähigkeit zurückgeben. Ich
bin der Bundesregierung an dieser Stelle ausgesprochen
dankbar, dass sie dies angesprochen hat und auch wieder
ansprechen wird; denn das ist sicherlich eine sehr wich-
tige Angelegenheit.

Da wir schon bei internationalen Organisationen sind,
will ich auf eines hinweisen, was in der letzten Sitzungs-
woche der Parlamentarischen Versammlung des Europa-
rates deutlich geworden ist. Wir haben über alles Mögli-
che gesprochen, interessanterweise aber nicht über die
Dinge, die sich in Russland ereignet haben. Auch das ist
aus meiner Sicht ein Zeichen, das uns besorgt machen
muss. Wenn ich mir die Entwicklung in der OSZE an-
sehe, stelle ich Ähnliches fest.

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(C (D Nichtsdestoweniger ist Russland ein wichtiger Parter für uns – nicht nur, wenn es um die Energiefrage eht. Es ist dankenswerterweise darauf hingewiesen orden, dass Russland eine sehr konstruktive Rolle pielt, wenn es um solche Fragen geht, wie wir mit dem ran und Nordkorea umgehen. Auch das müssen wir ins alkül ziehen, wenn wir über diese Ereignisse sprechen. Das bedeutet aber nicht – das will ich ganz ausdrückich sagen –, dass es bei Menschenrechten einen Rabatt eben darf. Das bedeutet nur, dass wir uns mit diesen ingen vernünftig auseinandersetzen müssen. Ich öchte zum Schluss mit Erlaubnis der Präsidentin den ommentar von Manfred Quiring in der „Welt“ vom 8. April 2007 zitieren: Die Russen haben mehr Achtung verdient. Sie sollten in den Beziehungen nicht von oben herab als nur bedingt mündig betrachtet werden, sondern an den Ansprüchen gemessen werden, die sie sich selbst in ihre Verfassung geschrieben haben. Ich glaube, das ist es dann auch. Es geht nicht um estlichen Kulturoder Werteimperialismus, sondern arum, dass die Russische Föderation das tut, was in iher Verfassung steht, nämlich dass sie die Einhaltung der enschenrechte beachtet. Herzlichen Dank. (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609412300

Das Wort hat der Kollege Axel Schäfer, SPD-Frak-

ion.


(Beifall bei der SPD)



Axel Schäfer (SPD):
Rede ID: ID1609412400

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

ch glaube, das Wichtigste an der heutigen Debatte ist,
ass wir in diesem Hause in unserer Einschätzung und
er Kritik, die zu Recht geäußert worden ist, eine grund-
ätzliche Übereinstimmung haben. Ich weiß, es gibt Nu-
ncen, und wir sind uns sicherlich nicht hundertprozen-
ig einig; das ist auch gar nicht notwendig. Aber diese
rundsätzliche Übereinstimmung, die wir in einer sehr
ensiblen Frage in Bezug auf einen sehr wichtigen Nach-
arn und Partner von uns haben, sollte hier als eine
tärke unserer freiheitlich-parlamentarischen Demokra-

ie wahrgenommen werden. Das sollten wir uns gegen-
eitig so sagen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Wenn wir zu Recht Kritik üben, ist auch manchmal
elbstkritik notwendig, vor allen Dingen dann, wenn
iejenigen, die in diesem Hause 40, 50, 60 oder mehr
ahre alt sind, an die Entwicklung der Bundesrepublik
eutschland alt und an bestimmte historische Erfahrun-
en zurückdenken. Ich erinnere mich sehr genau: 1968
ar mein Jahr der Politisierung als Schüler.


(Jörg Tauss [SPD]: Oh!)


9542 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Axel Schäfer (Bochum)

– Jawohl. Dazu stehe ich.


(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD])


Wir haben sowohl gegen den Vietnamkrieg der USA
als auch gegen die militärische Intervention der Sowjet-
union in Prag demonstriert. In der damaligen Debatte in
diesem Land wurde auf der einen Seite gefragt: Dürfen
wir unsere Freunde, die Amerikaner, für diese Regie-
rungspolitik und das Schlimme, was in Vietnam passiert,
kritisieren? Auf der anderen Seite haben wir gehört: Kri-
tik an der Sowjetunion ist a priori unzulässig, weil das
eine Einmischung in innere Angelegenheiten ist.

Heute ist es anders. Russland ist Gott sei Dank ein mit
uns befreundetes Land. Wir bestehen darauf, dass jegli-
che Kritik, die wir als Abgeordnete in diesem Hause
üben, keine Einmischung in innere Angelegenheiten sein
kann. Es ist vielmehr unser Selbstverständnis, dass Men-
schenrechte überall und immer unteilbar sind.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Nach Erfahrungen, die auch ich anlässlich von Besu-
chen in Russland gemacht habe, weiß ich – ich brauche
nicht alles zu wiederholen, was schon gesagt worden ist,
da wir uns in vielem einig sind –: Schwierig ist die
Schwäche der Zivilgesellschaft. Die Entwicklungen der
90er-Jahre haben sich nicht fortgesetzt – das ist von vie-
len zu Recht kritisiert worden –; es geht vielmehr wieder
zurück. Das heißt ganz praktisch: Es gibt sehr viele
Menschen, die den Staat nicht als einen Garanten für die
persönliche Freiheit sehen,


(Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Dazu gehöre ich auch!)


sondern einem obrigkeitsstaatlichen Handeln noch so
verhaftet sind, dass sie zum Beispiel glauben, dass freie
und kritische Medien etwas Gefährliches seien und dem
Staat und dem Gemeinwesen eher schaden würden.
Auch das ist eine reale Schwierigkeit, mit der wir zu
kämpfen haben. Wenn wir das in Delegationen und auch
in unseren Fraktionen gemeinsam angehen wollen, dann
muss das auf einer bestimmten Grundlage erfolgen. Die
Grundlage ist immer die Hinwendung zu Russland; es
geht nicht um eine erneute Abwendung von Russland.
Darauf wird es, glaube ich, ankommen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Dafür gibt es gerade in Europa praktische Möglich-
keiten. Wir haben viele Partnerschaften, darunter auch
Städtepartnerschaften. Es gibt eine große Bandbreite von
anstehenden Themen, mit denen man sich befassen
muss. Es gibt einen intensiven Wissenschaftsaustausch,
der meines Erachtens ebenfalls gepflegt werden muss.
Zudem haben wir Stiftungen jeder Couleur, die in Russ-
land tätig sind und auf europäischer und auf bilateraler
Ebene eine sehr wichtige Aufgabe wahrnehmen.

Einen weiteren Punkt sollte man in diesem Haus an-
sprechen – insofern bin ich für die langjährige Arbeit
von Gernot Erler und einigen anderen Kolleginnen und
Kollegen sehr dankbar –: Immer, wenn wir in Russland
sind, nutzen wir unsere Möglichkeiten nicht nur für „of-
fizielle“ Gespräche, sondern auch dafür, um mit einer

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(C (D eihe von Gruppen der Zivilgesellschaft zu reden und ie damit auch öffentlich zu stärken, damit sie ernst geommen werden und ihre notwendige und unverzichtare Arbeit fortsetzen können. (Beifall bei der SPD sowie der Abg. Katharina Landgraf [CDU/CSU])


Russland ist ein Teil Europas. Wir als Teil der Euro-
äischen Union haben besonders während der deutschen
atspräsidentschaft eine herausgehobene Verpflichtung.
erade bei der künftigen Situation nicht nur der Bürge-

innen und Bürger, sondern auch der Journalistinnen und
ournalisten hinsichtlich der Medien – das ist bereits an-
esprochen worden – spielt das Internet eine Rolle.
vetlana Šemjak, eine Redakteurin von NTC Spider
roup, hat kürzlich gesagt:

Außer der Freiheit gibt es keine andere Wahl. Des-
halb werden wir früher oder später unseren Weg zur
Demokratie fortsetzen. Schade, dass wir ihn heute
erneut gehen müssen.

Das verdient unser aller Unterstützung.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609412500

Letzter Redner in dieser Aktuellen Stunde ist der Kol-

ege Dr. Rolf Mützenich, SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Dr. Rolf Mützenich (SPD):
Rede ID: ID1609412600

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

as Vorgehen gegen Demonstranten, Menschenrechtler
nd Medienvertreter konnte nicht unkommentiert blei-
en. Ich bin dankbar für die Aktuelle Stunde. Aber ich
enke, wir haben als Bundestagsabgeordnete sehr früh-
eitig auf die Vorkommnisse in Russland reagiert und
rotestiert.

Ich danke auch der Bundesregierung, dass sie so
chnell reagiert und es geschafft hat, dass es innerhalb
er Europäischen Union zu einem gemeinsamen Protest
ekommen ist.


(Beifall bei der SPD)


s war nicht nur ein Handeln von deutscher Seite, son-
ern innerhalb der Europäischen Union. Das war vorteil-
aft sowohl gegenüber den neuen Mitgliedstaaten als
uch für Russland, das die Institution der Europäischen
nion nicht nur ernst nehmen soll, wenn es um ein Ko-
perationsabkommen geht, sondern auch dann, wenn es
m Demokratie und Menschenrechte geht. Deswegen
ar es klug, so schnell zu handeln.

Ich denke, es steht außer Frage, dass es auch weiter-
in autoritäre Strukturen in Russland gibt. Man kann
ielleicht sogar von zaristischen Strukturen sprechen. Es
tellt sich auch die Frage nach der historischen Herlei-
ung an dieser Stelle. Ich bin wie alle Rednerinnen und
edner der festen Überzeugung, dass die Bürgerrechte
nterentwickelt sind. Sie müssen weiterentwickelt wer-

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9543


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Dr. Rolf Mützenich
den, wenn Russland eine Zukunft haben will. Auch da-
von bin ich fest überzeugt.

Deswegen ist Kritik keine unerlaubte Einmischung,
sondern die Bestätigung unseres Interesses an einem de-
mokratischen und friedlichen Russland. Aber ich denke,
wir tun gut daran, nicht rechthaberisch aufzutreten, um
nicht falsche Maßstäbe zu setzen. Wir sollten auch über
unsere eigene Geschichte – die deutsche wie auch die
europäische – nachdenken und uns daran erinnern, wie
schwer es gewesen ist, Demonstrationsfreiheit und Mei-
nungsfreiheit zu verwirklichen.

Man muss aber aufpassen, dass man keine Zerrbilder
schafft, also sozusagen historische Potemkin’sche Dörfer
baut. Alles, was vor Putin gewesen ist, war auch keine
lupenreine Demokratie.

Deswegen ist es, wenn man Einfluss nehmen will,
gut, Russland zu verstehen als ein Land im Wandel und
ein Land der Widersprüche. Die Widersprüche sind of-
fensichtlich. Die Wirtschaft expandiert. Sie ist aber ge-
tragen von staatlichen Unternehmen und im Grunde ge-
nommen auf die Rohstoffausfuhr begrenzt. Ich glaube,
Russland täte gut daran, wenn es eine Wirtschaftsstruk-
tur aufbaut, die auch von anderen Elementen getragen
wird. Wir sollten an dieser Stelle mit ausländischen
Direktinvestitionen klug helfen.

Ich denke, wir sollten feststellen: Es gibt eine Frei-
heit, aber es ist die Freiheit, zu wirtschaften und zu kon-
sumieren. Außerdem grassiert Korruption. Demokratie
ist, wie wir gesehen haben, begrenzt. Auf der anderen
Seite gibt es politische Instanzen und Wahlen – auch
wenn diese nicht unseren Maßstäben entsprechen. Es
gibt auch Scheindemokratie. Wir haben von den ver-
schiedenen Parteigründungen gehört. Auch das gehört
zu einem Land im Wandel und in Widersprüchen.

Russland hat sich aus seiner unmittelbaren Nachbar-
schaft zurückgezogen, nimmt aber dennoch Einfluss.
Diese Einflussnahme ist heute offensichtlich nicht nur
mit militärischer Gewalt zu handhaben, sondern auch
mit marktwirtschaftlichen Prinzipien und mit einer kapi-
talistischen Herangehensweise.


(Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Das ist noch vornehm ausgedrückt!)


Man muss aufpassen, dass man da nicht die Maßstäbe
verliert.

Deswegen, denke ich, muss man an Putin appellieren
und ihm sagen, dass das Handeln staatlicher Organe
nicht rechtsstaatlich und nicht demokratisch gewesen ist.

Man muss allerdings aufmerksam beobachten, was in
diesem Land passiert. Deswegen wäre es gut, wenn wir
Russland fordern und fördern. Fördern bedeutet an die-
ser Stelle, den Mut Einzelner zu unterstützen, sie einzu-
laden und mit ihnen zu reden. Man sollte auch den Ju-
gendaustausch – darauf ist hingewiesen worden –
fördern und das Land mit Respekt behandeln. Auch das
gehört dazu. Wir müssen fordern: die Akzeptanz von
Bürgerrechten. Russland soll uns bei der Lösung interna-
tionaler Krisen helfen und dabei, eine gemeinsame Si-

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(C (D herheit in Europa zu schaffen. Wenn wir über das Rakeenabwehrprogramm diskutieren, ist das ganz wichtig. ch bin der festen Überzeugung: Russlands Bürger wolen Partizipation, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. ir sollten sie darin unterstützen. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609412700

Die Aktuelle Stunde ist beendet.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 6 a bis 6 j sowie
usatztagesordnungspunkt 4 auf:

6 a) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Umset-
zung aufenthalts- und asylrechtlicher Richtli-
nien der Europäischen Union

– Drucksache 16/5065 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Auswärtiger Ausschuss
Rechtsausschuss
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

b) Erste Beratung des von den Abgeordneten Volker
Beck (Köln), Josef Philip Winkler, Britta
Haßelmann, weiteren Abgeordneten und der
Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur
Änderung des Aufenthaltsgesetzes

– Drucksache 16/3198 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe

c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Sevim
Dağdelen, Petra Pau, Ulla Jelpke, weiterer Abge-
ordneter und der Fraktion der LINKEN

Für einen umfassenden Schutz religiös Ver-
folgter in der Bundesrepublik Deutschland

– Drucksache 16/4487 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe

d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Hartfrid
Wolff (Rems-Murr), Dr. Max Stadler, Sibylle
Laurischk, weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion der FDP

Das Aufenthaltsrecht für Hochqualifizierte
und Selbständige ändern – Integration maß-
geblich verbessern

– Drucksache 16/4609 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie

9544 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung

e) Beratung des Antrags der Abgeordneten Hartfrid
Wolff (Rems-Murr), Sabine Leutheusser-
Schnarrenberger, Dr. Karl Addicks, weiterer Ab-
geordneter und der Fraktion der FDP

Bleiberecht großzügig gestalten – Integration
verbessern

– Drucksache 16/4739 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Ausschuss für Wirtschaft und
Technologie
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung

f) Beratung des Antrags der Abgeordneten Sevim
Dağdelen, Ulla Jelpke, Katja Kipping, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der LINKEN

Asylsuchende und geduldete Flüchtlinge beim
Zugang zum Arbeitsmarkt gleichstellen

– Drucksache 16/4907 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe

g) Beratung des Antrags der Abgeordneten Ulla
Jelpke, Petra Pau, Sevim Dağdelen, weiterer Ab-
geordneter und der Fraktion der LINKEN

Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft für eine
grundlegende Wende der europäischen Migra-
tions- und Flüchtlingspolitik nutzen

– Drucksache 16/5109 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Auswärtiger Ausschuss
Rechtsausschuss
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

h) Beratung des Antrags der Abgeordneten Josef
Philip Winkler, Volker Beck (Köln), Irmingard
Schewe-Gerigk, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Für ein integrationsförderndes, menschen-
rechtskonformes und humanitär ausgewoge-
nes Zuwanderungsgesetz

– Drucksache 16/5103 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

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(C (D Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union i)

Dückert, Kerstin Andreae, Josef Philip Winkler,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Zuzug von Hochqualifizierten erleichtern

– Drucksache 16/5116 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Wirtschaft und
Technologie
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung

j) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Innenausschusses (4. Ausschuss) zu
dem Antrag der Abgeordneten Ulla Jelpke,
Sevim Dağdelen, Dr. Hakki Keskin, weiterer Ab-
geordneter und der Fraktion der LINKEN

Die Welt zu Gast bei Freunden – Für eine offe-
nere Migrations- und Flüchtlingspolitik in
Deutschland und in der Europäischen Union

– Drucksachen 16/1199, 16/4039 –

Berichterstattung:
Abgeordnete Rüdiger Veit
Reinhard Grindel
Hartfrid Wolff (Rems-Murr)

Ulla Jelpke
Silke Stokar von Neuforn

P 4 Beratung des Antrags der Abgeordneten Ulla
Jelpke, Sevim Dağdelen, Petra Pau, weiterer Ab-
geordneter und der Fraktion der LINKEN

Für Humanität und Menschenrechte statt
wirtschaftlicher „Nützlichkeit“ als Grund-
prinzipien der Migrationspolitik

– Drucksache 16/5108 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Auswärtiger Ausschuss
Rechtsausschuss
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

Außerdem ist interfraktionell vereinbart, die heutige
agesordnung um die Beratung des Antrags der Fraktion
ie Linke auf Drucksache 16/5141 zu einem Abschie-
estopp und Schutz für Flüchtlinge aus Afghanistan so-
ie um die Beratung des Migrationsberichts 2005 der
undesregierung auf Drucksache 16/2000 zu erweitern
nd als Zusatzpunkte 9 und 10 mit diesem Tagesord-
ungspunkt zu beraten. – Ich sehe, Sie sind damit einver-
tanden. Dann ist das so beschlossen, und ich kann diese
ufrufen:

P 9 Beratung des Antrags der Abgeordneten Sevim
Dağdelen, Dr. Norman Paech, Hüseyin-Kenan

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9545


(A) )



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Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner
Aydin, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der LINKEN.

Abschiebestopp und Schutz für Flüchtlinge
aus Afghanistan

– Drucksache 16/5141 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe

ZP 10 Beratung der Unterrichtung durch die Bundes-
regierung

Migrationsbericht 2005

– Drucksache 16/2000 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Auswärtiger Ausschuss
Rechtsausschuss
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Ausschuss für Kultur und Medien

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die Aussprache eineinhalb Stunden vorgesehen. – Ich
höre keinen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Bundes-
innenminister Dr. Wolfgang Schäuble.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister des In-
nern:

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf werden elf
Richtlinien der Europäischen Union umgesetzt, die das
deutsche Ausländer- und Asylrecht in zahlreichen Punk-
ten erheblich umgestalten. Wir brauchen das, weil wir in
Zeiten der Globalisierung angesichts weltweiter Mobili-
tät und wachsender weltweiter Migrationsströme auf ge-
meinsame europäische Lösungen dringend angewiesen
sind, zumal in einer Zeit, in der wir an Binnengrenzen in
Europa immer weniger kontrollieren. Wir werden auch
das Schengensystem immer weiter ausweiten. Deswegen
ist das ein wichtiger Schritt.

Darüber hinaus fördern wir mit den Vorschlägen, die
in diesem Gesetzentwurf enthalten sind, in vielfältiger
Weise die Integration von Menschen, die selbst oder de-
ren Eltern oder Großeltern aus anderen Ländern und
Kontinenten zu uns nach Deutschland gekommen sind.
Wir fördern die Integration nach dem Prinzip „Fördern
und Fordern“; denn Integration wird umso besser gelin-
gen, wenn sie nicht als Einbahnstraße verstanden wird,
sondern als Verhältnis von Geben und Nehmen, wobei
sich die aufnehmende Bevölkerung genauso integra-
tionsbereit zeigen muss, wie der hinzukommende Teil
bereit sein muss, sich in das Land zu integrieren.

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(C (D Wir versuchen, Missbrauchsmöglichkeiten einzudämen, etwa indem wir gegen Scheinehen vorgehen und wangsehen durch die Einführung eines Mindestalters nd ähnliche Tatbestände erfolgreicher bekämpfen. Wir ollen die Integrationsfähigkeit fördern, indem wir auch ür nachziehende Ehegatten den Nachweis einfacher eutscher Sprachkenntnisse zur Voraussetzung machen; enn dadurch werden die Chancen auf Kommunikation nd damit auf gelingende Integration, auf ein Miteinaner und ein Heimischwerden wesentlich erhöht. Hinsichtlich der Sicherheitslage ziehen wir mit dem esetzentwurf ausländerrechtliche Konsequenzen aus rkenntnissen im Zusammenhang mit den Kofferbomenfunden, indem wir Verbesserungen bei Identitätsfesttellungen und Überprüfungen von Gewährspersonen ornehmen. Wir setzen, soweit das bundesgesetzlich erorderlich ist, Beschlussfassungen zum Staatsangehörigeitsrecht um, die die Innenministerkonferenz im Somer vergangenen Jahres beschlossen hat. Außerdem aben wir uns – im Übrigen mit intensiven Beratungen – em Problem der Menschen zugewandt, die seit vielen ahren ohne eine gesetzliche Aufenthaltsberechtigung in nserem Lande leben. (Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Das haben Sie sehr gut gemacht, Herr Schäuble!)


Wir haben die Regelungen, Herr Kollege Wiefelspütz
entgegen manchem Getöse, das in den letzten Wochen
berflüssigerweise veranstaltet wurde; aber darüber ha-
en wir gestern diskutiert –, in einer sehr intensiven Zu-
ammenarbeit zwischen den Partnern der Koalition, aber
uch zwischen Bund und Ländern auf einen guten Weg
ebracht. Das Gesetzgebungsvorhaben ist kompliziert
nd umfassend. Die Reduzierung des Diskurses nur auf
ie gesetzliche Altfallregelung ist daher eine ziemliche
erkürzung dessen, was anliegt.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD])


eswegen habe ich auch Wert darauf gelegt, den Inhalt
nsgesamt kurz darzulegen.

Eine Bemerkung zum Thema der Bleiberechtsrege-
ung will ich machen, damit wir den Zusammenhang
icht aus dem Auge verlieren. Wir haben es da mit zwei
ich ein Stück weit widersprechenden Prinzipien zu tun.
uf der einen Seite müssen wir darauf bestehen, dass die
icht erlaubte Einreise in unser Land oder auch die Er-
aubnis zu vorübergehendem Aufenthalt in unserem
and nicht gewissermaßen automatisch zu einem Dauer-
ufenthaltsrecht führt. Wir führen diese Debatte – auch
eute Abend wieder in Straßburg – auch auf europäi-
cher Ebene.

Die Bundesrepublik Deutschland hat beispielsweise
n den 90er-Jahren mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge
us dem ehemaligen Jugoslawien aufgenommen. Das
ar eine große Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölke-

ung, für die wir dankbar und auf die wir auch stolz sein
önnen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


9546 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble
Damals war klar, dass diese Flüchtlinge so lange bleiben
können, wie in ihren Ländern Bürgerkrieg ist, und dann
wieder dorthin zurückgehen. Manche Flüchtlinge sind
auch unter anderen Umständen gekommen. Dann sind
sie jahrelang hier; Kinder werden geboren und wachsen
hier auf. Aus diesen und jenen Gründen sind die Länder
nicht in der Lage, die Flüchtlinge, obwohl sie keine ge-
setzliche Berechtigung für ihren Aufenthalt haben, außer
Landes zu bringen. Irgendwann kommt der Punkt, wo
man eine Lösung finden muss.

Das sind die zwei Prinzipien. Wir werden die Aufnah-
mebereitschaft und Hilfsbereitschaft unserer Bevölke-
rung nicht erhalten können, wenn wir nicht auch in der
Zukunft darauf achten, dass die Frage, wer auf Dauer in
Deutschland leben kann, grundsätzlich aufgrund von
Recht und Gesetz durch die zuständigen Behörden in
diesem Lande entschieden wird und dass nicht eine Ge-
setzesverletzung umstandslos zur Daueraufenthaltsge-
währung führt.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609412800

Herr Minister, gestatten Sie eine Zwischenfrage der

Kollegin Jelpke?

Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister des In-
nern:

Bitte sehr, Frau Jelpke.


Ulla Jelpke (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609412900

Herr Minister, Sie haben im letzten Herbst den Men-

schen, denen in Deutschland ein Bleiberecht zusteht,
versprochen, dass sie dieses Bleiberecht auch bekom-
men. Sie wissen, dass diese Menschen kein Arbeitsrecht
haben, dass sie einem Arbeitsverbot unterliegen. Jetzt
haben wir im Grunde genommen eine Altfallregelung.
Von den rund 180 000 betroffenen Menschen werden
nach Berechnungen von Flüchtlingsorganisationen
höchstens 15 000 bis 20 000 überhaupt ein Bleiberecht
hier bekommen.

Wie passt das zu Ihrem Versprechen, dass vor allem
Familien mit Kindern, die möglicherweise schon inte-
griert sind, hier bleiben dürfen? Jetzt besteht die Gefahr,
dass diese Familien aufgrund der gesetzlichen Regelun-
gen möglicherweise auseinandergerissen bzw. abgescho-
ben werden.

Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister des In-
nern:

Frau Kollegin Jelpke, ich war gerade dabei, dieses
Thema anzusprechen. Ihre Zwischenfrage war zwar gut
vorbereitet, aber ein bisschen voreilig, wenn ich mir
diese Bemerkung erlauben darf. Ich will ja die schwie-
rige Abwägung, die man bei solchen Entscheidungen
treffen muss, ein wenig erläutern. Denn nur wenn man
vom Grundsätzlichen ausgeht, kann man diese Thematik
im Detail verstehen.

Im Übrigen – das wird im parlamentarischen Verfah-
ren noch deutlich werden – stimmen die Zahlenangaben

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(C (D icht. Die Anzahl von Menschen mit Kindern, die minestens sechs Jahre hier leben, und von Menschen ohne inder, die wenigstens acht Jahre in diesem Land leben, iegt nach einer Schätzung in einer Größenordnung darüber kann man streiten – von ungefähr 100 000. enn sie die zusätzlichen Voraussetzungen erfüllen auch darüber kann man streiten –, können sie bleiben. Hinsichtlich des Zugangs zum Arbeitsmarkt gibt es benfalls einen schwierigen Abwägungsprozess. Wir haen größere Fortschritte auf dem Arbeitsmarkt erzielt, ls alle Experten erwartet haben. Diese Bundesregierung st außergewöhnlich erfolgreich. (Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD])


rotzdem besteht nach wie vor eine erhebliche Arbeits-
osigkeit. Deswegen ist die Frage nach dem Zugang zum
rbeitsmarkt nicht leicht zu beantworten. Der Arbeits-
inister und der Innenminister sowie alle zuständigen
ollegen mussten eine Lösung finden, die insgesamt
ertretbar ist. Ich sage aber: Wir schaffen damit auch
roße Verbesserungen.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Entscheidende Verbesserungen!)


Dieser Gesetzentwurf enthält die Regelung, dass
enschen, die vier Jahre ohne Aufenthaltserlaubnis also

ur geduldet in diesem Lande leben, in Zukunft ohne
orrangprüfung Zugang zum Arbeitsmarkt haben.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Das ist überragend wichtig!)


ür alle diejenigen, die unter die gesetzliche Altfallrege-
ung fallen, schaffen wir Möglichkeiten, dass das volle
nstrumentarium der Integration in den Arbeitsmarkt auf
ie angewandt werden kann. Und dennoch haben wir
ine Lösung gefunden – auch diesen Punkt musste man
eachten –, die einen Zuzug in die Sozialversicherungs-
ysteme ausschließt.

Im Zeitalter der Globalisierung und damit großer
igrationsströme – um eine Größenordnung zu nennen:
ie Vereinten Nationen gehen davon aus, dass weltweit

und 190 Millionen Migranten unterwegs sind, davon
ngefähr die Hälfte in Europa – müssen wir angesichts
er ganz unterschiedlichen Arbeitsmarkt- und Sozialsys-
eme in den einzelnen Teilen der Welt und auch inner-
alb Europas darauf achten, dass wir nicht Sogeffekte
uslösen, die diesen Prozess am Ende nicht mehr steuer-
ar machen. Das ist ein wenig kompliziert; deswegen
aben wir darüber lange und auch streitig diskutiert. Wir
aben Lösungen gefunden, die wir im Rahmen der parla-
entarischen Beratung sehr genau prüfen werden. Wir

ind überzeugt, dass wir eine sehr gute und abgewogene
egelung gefunden haben.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Ich will eine zweite Bemerkung hinzufügen. Dieser
esetzentwurf wird die Integration von Menschen, die
it Migrationshintergrund in unserem Lande leben, för-

ern. Er schafft eine Fülle von zusätzlichen Möglichkei-

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9547


(A) )



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Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble
ten, mit denen die Integration gefördert wird. Aber es
wird auch deutlich gemacht, dass die Menschen mit
Migrationshintergrund, die auf Dauer bei uns leben
wollen, selbst ihren Beitrag leisten müssen. Das heißt,
dass man Deutsch lernen muss, dass auch Eltern Deutsch
sprechen müssen, damit ihre Kinder eine faire Chance in
Deutschland haben. Das Prinzip „Fordern und Fördern“
gilt auch an dieser Stelle.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


Das heißt, dass man sich integrieren muss; dass es
besser ist, zu arbeiten und notfalls eine geringer bezahlte
Arbeit anzunehmen, als Sozialleistungen zu beziehen.
Das heißt, dass man in diesem Lande heimisch werden
wollen muss. Man darf nicht so tun, als wolle man mit
der gesellschaftlichen Situation in unserem Lande nichts
zu tun haben. Die Wirklichkeit unseres Landes muss ei-
nem nicht unbedingt gefallen; aber wenn man auf Dauer
hier leben will, muss man sie irgendwo akzeptieren. Wer
sich abschottet und wer mit der gesellschaftlichen Wirk-
lichkeit unseres Landes gar nichts zu tun haben will
– und die modernen Kommunikationsmöglichkeiten bie-
ten dazu vielfältige Chancen –, der wird auf Dauer nicht
zu integrieren sein. Das ist nicht im Interesse eines fried-
lichen und toleranten Zusammenlebens von Menschen
ganz unterschiedlicher Herkunft in diesem Land mit sei-
ner freiheitlichen und toleranten Gesellschaftsordnung.

Auch diese Punkte sind im Gesetzentwurf sehr sorg-
fältig bedacht. Ich glaube, dass es eine sehr gute Rege-
lung ist.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist keine neue Erkenntnis gewesen!)


– Nein, aber durch den Gesetzentwurf erfolgt eine
schrittweise Umsetzung.

Ich will noch an folgenden Punkt erinnern. Nächste
Woche gibt es wieder eine öffentliche Veranstaltung im
Rahmen der Islamkonferenz. Die Vorsitzende Ihrer Frak-
tion hat vor einigen Monaten von diesem Pult aus ge-
sagt: Das hätten auch wir schon machen können. Sie ha-
ben es aber leider nicht getan. Das gehört auch zum
Thema Integration.

Bei der Integration handelt es sich um einen zweiglei-
sigen Prozess. Wenn man wirklich Integration erreichen
will – wir wollen sie fördern –, dann muss man den Mi-
grantinnen und Migranten, die auf Dauer hier leben kön-
nen, faire Chancen bieten. Man muss sie fördern, aber
ihnen auch klarmachen, dass sie einen eigenen Beitrag
zur Integration leisten müssen;


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Anders geht es nicht!)


der Staat kann ihnen das nicht abnehmen.

Gleichzeitig muss man die Ängste der Mehrheitsge-
sellschaft abbauen. Man muss zum Beispiel klarmachen,
dass die Zuwanderung nach Deutschland auch in Zu-
kunft gesteuert wird, dass Missbrauch und die Nichtein-
haltung von Gesetzen nicht zu einer Privilegierung füh-

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(C (D en, sondern dass der Rechtsstaat bei all seiner Offenheit nd Toleranz auch darauf achtet, dass die Gesetze – so roßzügig sie sind – eingehalten werden. Sonst schürt an Ängste und Misstrauen und erzeugt eine Abwehr altung. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was wir rreichen wollen. (Vorsitz: Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse)


Wir müssen in aller Offenheit über ein sehr streitiges
hema reden – es gibt keinen Grund, das nicht zu tun –:
ie Mehrheit der Länder vertritt den Standpunkt, man
ache solche Bleiberechtsregelungen im Grunde flexib-

er durch Beschlussfassungen der Innenministerkonfe-
enz, denen der Bundesinnenminister zustimmen muss.
afür gibt es sehr gute Argumente. Es ist nach meiner
berzeugung richtig, dass wir uns in diesem Fall für

ine gesetzliche Regelung entschieden haben, mit der
ir den Arbeitsmarkt stärker öffnen, den Zugang von
eduldeten zum Arbeitsmarkt verbessern und auch die
hancen derer, die jetzt als Altfälle anerkannt werden
nd ein Bleiberecht erhalten, wenn sie entsprechend in-
egriert sind. Es ist im Sinne der demokratischen Offen-
eit und Diskussionskultur, die Argumente dafür und da-
egen abzuwägen.

Das Zusammenwirken von Bund und Ländern mit
em Ziel eines Gelingens der Integration wie auch in
ragen des Aufenthaltsrechts und der Asylgewährung
leibt auch in Zukunft wichtig. Die föderale Ordnung
nseres Grundgesetzes bewährt sich im Zusammenwir-
en von Bund und Ländern. Gelegentlich werden dabei
nterschiedliche Meinungen vertreten; das gehört zur
emokratie. Man muss dann zu gemeinsamen Lösungen

inden.

Ich bin ganz sicher, dass wir eine breite Zustimmung
es Bundestages und des Bundesrates zu diesem Gesetz-
ntwurf erreichen werden. Wir werden im Bundestag
lle Details des Entwurfs gründlich beraten. Ich bitte
leichwohl, ihn zügig zu beraten. Der Entwurf bringt
ine Menge von Verbesserungen. Ich bin mir sicher, dass
ir auf der Grundlage dieses Gesetzentwurfs fähig sein
erden, die großen Herausforderungen im Zusammen-
ang mit der weltweiten Migration in Europa gemein-
am zu bewältigen und den inneren Frieden in unserem
ande weiter zu stabilisieren. Wir werden die Integration
erjenigen, die integrationswillig und integrationsfähig
ind, fördern und zugleich dafür sorgen, dass die Men-
chen in diesem Land sicher sein können, dass die
echtsordnung dieses Landes für alle gilt. Das Gesetz
röffnet uns viele Möglichkeiten, die Sicherheit zu wah-
en und das Klima der Toleranz zu verbessern.

Ich möchte mich bei all denjenigen bedanken, die bei
er Vorbereitung dieses Gesetzentwurfs mitgewirkt ha-
en. Es gab intensive Beratungs- und Abstimmungspro-
esse. Jetzt beginnt die parlamentarische Beratung. Ich
nterstütze die Einbringung in dem Bewusstsein, dass es
in guter Gesetzentwurf ist. Ich bitte um zügige Bera-
ung. Ich werbe dafür, dass wir alle uns unserer Verant-
ortung bewusst bleiben. Integration, Toleranz, Offen-
eit und Friedlichkeit der Bundesrepublik Deutschland
erden umso besser gefördert, je mehr wir klarmachen,

9548 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble
dass wir steuern und den grundlegenden Interessen
Rechnung tragen können. Wir machen das alles nicht
zum Nulltarif. Es ist besser, dass die Menschen arbeiten,
als dass sie die sozialen Sicherungssysteme missbrau-
chen.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wer tut das denn?)


Wir wissen, dass Menschen, die benachteiligt sind,
Chancen der Förderung und Hilfe brauchen. Wir können
sie aber nicht davon befreien, auch eigene Anstrengun-
gen zu unternehmen.

Wenn wir die richtige Balance halten, uns in der Mitte
zwischen Fördern und Fordern bewegen, auch in der
Mitte zwischen Missbrauch und Großzügigkeit gegen-
über denjenigen, die Hilfe und Förderung brauchen,
dann dienen wir dem inneren Frieden in diesem Lande
und damit nachhaltig der Freiheit.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609413000

Ich erteile das Wort Kollegen Hartfrid Wolff, FDP-

Fraktion.

Hartfrid Wolff (Rems-Murr) (FDP):
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen!

Eine bundesgesetzliche Bleiberechtsregelung ist überfäl-
lig. Sie liegt im Interesse der Menschen, des Landes und
auch unserer Wirtschaft. Sie schafft Rechtssicherheit
und Transparenz.

Die persönliche Aufenthaltsperspektive in Deutsch-
land ist entscheidend für die Integrationsbereitschaft von
Migrantinnen und Migranten. Ein unsicherer Aufent-
haltsstatus erschwert die Motivation für Integrationsbe-
mühungen. Der jetzt gefundene Bleiberechtskompro-
miss von Union und SPD ist zwar ein Schritt, wenn auch
nur ein kleiner,


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Was? Haben Sie das Gesetz gelesen?)


in die richtige Richtung, bringt jedoch nicht die notwen-
dige nachhaltige Lösung.


(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Das Problem der Kettenduldungen bleibt nach wie vor
bestehen. Wir müssen zu einer klaren rechtsstaatlichen
Entscheidung kommen: Wer legal hier ist, muss einen si-
cheren Aufenthaltsstatus bekommen und sich mit dieser
Perspektive dann auch in unsere Gesellschaft integrie-
ren.


(Beifall des Abg. Carl-Ludwig Thiele [FDP])


Arbeit ist ein entscheidender Integrationsfaktor. Des-
halb ist es unbedingt erforderlich, Ausländern das Fin-
den von Arbeit zu erleichtern. Es gilt, allen sich rechtmä-
ßig hier aufhaltenden Personen einen schnellen und

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(C (D nbürokratischen Weg zur Arbeit zu ebnen. Die bürokraischen Hürden für die Unternehmen zur Beschäftigung on ausländischen Fachkräften müssen generell, nicht ur für die Beschäftigung von Bleibeberechtigten, deutich gesenkt werden. Im Regierungskompromiss wird ieses für Hochqualifizierte wichtige Thema eklatant ernachlässigt. Es ist traurig, Herr Schäuble, dass Sie ierzu kein Wort verloren haben. (Beifall bei der FDP – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was sagt Herr Glos dazu?)


Die Einstellung von ausländischen Hochqualifizier-
en, zum Beispiel Ingenieuren oder IT-Spezialisten, sorgt
ür weitere Investitionen in Arbeitsplätze und ist für die

ettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen wichtig.
eutschland ist darauf angewiesen, als Standort für aus-

ändische Forscher und Entwickler sowie Unternehmer
ttraktiv zu bleiben.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Sehr richtig!)


eider ist aktuell die gegenteilige Entwicklung zu beob-
chten: Viele Hochqualifizierte zieht es ins Ausland, da
ort die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rah-
enbedingungen offensichtlich attraktiver sind.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Weshalb bist du dann noch hier?)


eutschland muss – nicht nur, aber auch im Aufenthalts-
echt – stärkere Anstrengungen unternehmen, damit der
amit einhergehende Kompetenzverlust nicht nur ge-
toppt, sondern umgekehrt werden kann. Die bisherigen
egelungen sind zu bürokratisch und abschreckend, die
influssmöglichkeiten der Bundesagentur für Arbeit zu
eitgehend, und die Hürden für einen Zuzug von auslän-
ischen Selbstständigen sind deutlich zu hoch.


(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Die für Spezialisten und leitende Angestellte mit be-
onderer Berufserfahrung bestehende Mindesteinkom-
ensgrenze erweist sich insbesondere für kleine und
ittelständische Unternehmen als deutlich zu hoch.
uch Selbstständige müssen leichter in Deutschland in-
estieren können. Es ist vollkommen unverständlich,
ass ausländische Hochschulabsolventen von deutschen
ochschulen, in die wir hier investiert haben, aufgrund
es Vorrangprinzips in Deutschland nur schwer einge-
tellt werden können.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: So ist es!)


ir brauchen eine Zuwanderungssteuerung mit nach-
ollziehbaren Kriterien. Der Rahmen hierfür und auch
ie Perspektiven für jeden Einzelnen müssen klar sein.


(Beifall bei der FDP)


Meine Damen und Herren, Integrationspolitik ist
icht beliebig, sondern muss werteorientiert sein. Sie
uss fundamentale Grundrechte und Werte unserer De-
okratie und unseres Rechtsstaates vermitteln und

urchsetzen.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9549


(A) )



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Hartfrid Wolff (Rems-Murr)

Die Förderung der Kenntnisse über unser Land, seine
Werte und Kultur sowie unsere Demokratie sind zentrale
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration.

Unverzichtbare Grundlage für das gegenseitige Ver-
stehen ist die deutsche Sprache. Hier bedarf es sowohl
deutlich ausgeweiteter Angebote seitens des Staates als
auch verständlicher Richtsätze, um ein klares Erwar-
tungsbild aufzuzeigen.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Sehr richtig!)


In dieser Hinsicht stimme ich der Auffassung zu, dass
die Integrationskurse stärker zielgruppenorientiert ge-
staltet und die Kursdauer und auch die Vergütung der
Lehrer an die zu erreichenden Ziele angepasst werden
müssen.


(Beifall bei der FDP)


Zuwanderer sind zu fördern, aber auch selbst klar ge-
fordert. Sie müssen ihren Beitrag leisten und Verantwor-
tung dafür übernehmen, dass sie in der Gesellschaft inte-
griert werden. Wir erwarten, dass sie sich aktiv in die
Gesellschaft einbringen und die Bildungs- und Integra-
tionsangebote nutzen.

Von den Zuwanderern erfordert dies, Deutsch zu ler-
nen, unsere Verfassungs- und Rechtsordnung sowie die
ihr zugrunde liegenden Werte zu kennen und vorbehalt-
los zu akzeptieren und für sich und ihre Familien als ent-
scheidende Akteure im Integrationsprozess Verantwor-
tung für das Gelingen der Integration zu übernehmen.

Unsere Rechtsordnung und ihre Prinzipien, etwa die
Gleichheit der Geschlechter, die Achtung gegenüber An-
dersdenkenden, Anders- oder Nichtgläubigen, das Ge-
waltmonopol des Staates oder der Verzicht auf gewalt-
same Konfliktlösungen, gelten ohne jede Einschränkung
für alle in unserem Land lebenden Menschen.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Sehr richtig! – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sehr richtig!)


Der Staat hat diese Werte und Prinzipien gegen jeden
Relativierungsversuch unmissverständlich zu schützen
und zu verteidigen.


(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Ich begrüße, dass der Gesetzentwurf der Bundesregie-
rung diesbezüglich ein feierliches Bekenntnis für die
Einbürgerung vorsieht, finde seine Formulierung aber et-
was abstrakt und knapp. Warum nehmen wir im Wortlaut
dieses Bekenntnisses nicht einige konkrete Beispiele aus
dem Katalog der Grundrechte auf? Wir sollten hier von
Ländern lernen, die sich länger als wir selbst als Einwan-
derungsland verstehen.

Integrationspolitik erteilt nicht nur ein Aufenthalts-
recht oder später, infolge einer gelungenen Integration,
einen deutschen Pass, sondern muss auch Identität stif-
ten. Die deutsche Sprache, Demokratie und Rechtsstaat,
die Grund- und Menschenrechte mit der Trennung von
Staat und Religion sind das für alle geltende Fundament

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(C (D nserer Gesellschaft. Sie sind aber auch eine attraktive ielsetzung für Integration; sie sind identitätsstiftend. Wir sollten uns gemeinsam dafür einsetzen, diese geunde Basis unseres Miteinanders zu fördern und zu stären. Ich erteile das Wort Kollegen Rüdiger Veit, SPD raktion. Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! ristide Briand hat einmal gesagt, ein Kompromiss sei ollkommen, wenn alle unzufrieden seien. Nun weiß ich icht, ob alle unzufrieden sind. Ich für meine Person bin eider unzufrieden, weil ich meine, dass man gerade in er Großen Koalition noch wesentlich mehr hätte bewiren können. Ich werde Ihnen das auch im Einzelnen zu egründen versuchen, meine Damen und Herren. Lassen Sie mich aber zunächst einmal kurz zurücklenden. Wir hatten bei der Beratung und Verabschieung des Zuwanderungsgesetzes seinerzeit die Absicht, it der Fassung von § 25 Abs. 3, 4 und 5 Aufenthaltsge etz dafür Sorge zu tragen, dass die bis dahin lange Zeit nd in hoher Zahl üblichen sogenannten Kettenduldunen abgeschafft werden. – Für die, die nicht in dem Stoff ind, sei noch einmal gesagt: Die Duldung ist nichts aneres als die Aussetzung der Abschiebung. – Wir haben ann schon in dem Gesetzgebungsverfahren, von dem ch eben sprach – das Zuwanderungsrecht ist am 1. Jauar 2005 in Kraft getreten –, erlebt, dass im Komproiss mit dem Bundesrat, namentlich mit den Vertretern er Seite der B-Länder, das Rechtsinstitut der Duldung leichwohl beibehalten werden musste. In der Folgezeit haben wir feststellen müssen, dass eider allenfalls 30 000 von diesen kettengeduldeten ausändischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern – so hat die valuierung ergeben – nach der genannten Vorschrift, lso nach § 25 Abs. 3 bis 5, zu einer Aufenthaltserlaubis gelangt sind. Für alle Übrigen – das ist eine Zahl von und 180 000 in ganz Deutschland – galt und gilt immer och, dass sie sozusagen auf gepackten Koffern sitzen, ewärtig sein müssen, dass sie und ihre Familien unter mständen kurzfristig abgeschoben werden, in der Reel nicht in der Lage sind, Arbeit aufzunehmen, und ihre inder keine Ausbildungsplätze antreten können. Von aher besteht dringender Handlungsbedarf. Ich bin deshalb schon dankbar gewesen, als es gelunen ist, in die Koalitionsvereinbarung aufzunehmen: Ob ine befriedigende Lösung des Problems der sogenannen Kettenduldungen erreicht worden ist, werden wir im usammenhang mit der Evaluierung des Zuwanderungsesetzes prüfen. Das ist geschehen. Wenn wir heute ein Gesetzgebungsvorhaben von fast 00 Seiten in erster Lesung zu beraten haben, dann ist as mengenund gewichtsmäßig vielleicht gerade ein 9550 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Rüdiger Veit mal zu 50 Prozent die Umsetzung von EU-Recht. Die übrigen rund 50 Prozent sind – der Herr Minister hat darauf hingewiesen – auf Wünsche und Anregungen von Landesinnenministern und Vertretern der Koalitionsfraktionen zurückzuführen, oder sie sind Ergebnisse der Evaluierung, die wir vorgenommen haben. Dies gilt es nun zu bewerten. Ich muss sagen: Für mich ist das ein schmerzhafter Kompromiss. Ich füge ausdrücklich hinzu: Die SPD ist eine große Volkspartei, und die Schmerzempfindlichkeit an dieser Stelle ist unterschiedlich ausgeprägt, weswegen auch die Bewertung unterschiedlich ausfällt; das sage ich in aller Offenheit. Ich möchte dies an einem Beispiel festmachen. Einige von uns sagen: Wir wollen einen Spracherwerb im Herkunftsland vor dem Ehegattenzuzug. Andere, auch in unseren Reihen, sagen: Das halten wir für verfassungswidrig und kritikwürdig. (Beifall des Abg. Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


(Beifall bei der FDP)

Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609413100

(Beifall bei der SPD)

Rüdiger Veit (SPD):
Rede ID: ID1609413200

(A) )


(B) )


Die Frage der Verfassungskonformität dieser Regelung
ist in unseren Koalitionsverhandlungen bereits breit dis-
kutiert worden.

Ich will einmal auf den Abwägungsprozess zu spre-
chen kommen, der mich letztendlich dazu bewegt, trotz
aller Schmerzhaftigkeit zu sagen: Dem Gesetzentwurf ist
zuzustimmen. Dass es nun zu einer gesetzlichen Altfall-
oder Bleiberechtsregelung kommt, ist ein außerordentli-
cher Fortschritt.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Damit wird ein bis dahin maßgebender Teufelskreis
durchbrochen. Man kann auch von einer Köpenickiade
sprechen, nach dem Motto: Hast Du keine Arbeit, be-
kommst Du keine Aufenthaltserlaubnis. Hast Du keine
Aufenthaltserlaubnis, bekommst Du keine Arbeit. – Ich
wiederhole: Dieser Teufelskreis wird jetzt durchbrochen.
Herr Minister, ich möchte – ohne dass es notwendig ge-
wesen wäre, dass mich der Kollege Wiefelspütz dazu
ausdrücklich aufgefordert hat; vielmehr ist dies mein Be-
dürfnis – mich sowohl bei Ihnen herzlich dafür bedan-
ken, dass Sie sich intensiv und nachhaltig eingesetzt ha-
ben, als auch bei Herrn Bundesminister Müntefering, der
das ebenfalls zu seiner Sache gemacht hat.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist weiße Salbe auf einer schweren Wunde!)


– Das ist keine weiße Salbe auf einer schweren Wunde,
lieber Josef Winkler. Eine Wunde war es allemal, weil es
ein ungelöstes Problem – übrigens aus rot-grüner Zeit –
war. Man muss fairerweise sagen: Besser waren wir
auch nicht.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Darauf komme ich am Schluss aber noch zu sprechen.

Der niedersächsische Innenminister war – das sage
ich, mit Verlaub, ganz genüsslich – in den gesamten Ver-
handlungen nicht immer nur hilfreich. Er meinte den
Bundesinnenminister angreifen zu müssen. Er sagte,

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(C (D chäubles Überlegungen zu einer Bleiberechtsregelung eigten, dass er von der Praxis überhaupt keine Ahnung abe. (Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Wir schützen unseren Innenminister!)


n den niedersächsischen Innenminister adressiert,
öchte ich an dieser Stelle gern noch sagen: Bereits
100 des alten Ausländergesetzes – ich glaube, dieses
esetz ist am 9. Juli 1990 in Kraft getreten – enthielt

ine gesetzliche Bleiberechtsregelung.


(Dr. Wolfgang Schäuble, Bundesminister: Damals war ich Innenminister!)


Eben. – Innenminister war damals ein gewisser
olfgang Schäuble. Ihr Länderkollege Schünemann hat

ies in seinem vergleichsweise jugendlichen Alter – diese
ußerung hat er ja im November 2006 getan – gar nicht

hnen können.

Ich möchte an dieser Stelle dem Kollegen Wolff noch
ines sagen. Herr Kollege Wolff, Sie haben gesagt, diese
esetzliche Bleiberechtsregelung sei ein noch unzurei-
hender Schritt. Darin stimme ich Ihnen ausdrücklich
u; ich sage Ihnen auch gleich, warum. Dass aber ausge-
echnet Vertreter der FDP das hier kritisieren, stört mich
or allen Dingen deswegen, weil ich nicht nur von einem
eilnehmer an entsprechenden Treffen weiß, dass ausge-
echnet der nordrhein-westfälische Innenminister – er
ehört der FDP an und trägt zudem Ihren Nachnamen,
ofür Sie nichts können; das verstehe ich – die Verhand-

ungen gelegentlich außerordentlich schwierig gemacht
at.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


enn er vorausmarschiert wäre, dann hätten wir mögli-
herweise schon eine bessere IMK-Bleiberechtsrege-
ung.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Herr Wolff, was sagen Sie dazu?)


Lassen Sie mich noch einmal zu dem Abwägungspro-
ess in der Sache kommen.


(Hartfrid Wolff [Rems-Murr] [FDP]: Herr Veit, fragen Sie einmal Herrn Beckstein!)


Ich sage das nicht nur Herrn Beckstein, sondern auch
errn Körting und unserem Kollegen Stegner. An die-

em Prozess waren viele beteiligt. Normalerweise hat
er Erfolg viele Väter und Mütter. Dass viele beteiligt
ind, ist aber nicht immer Gewähr für einen Erfolg. Ich
eine das durchaus selbstkritisch in Bezug auf die eige-

en Reihen.


(Hartfrid Wolff [Rems-Murr] [FDP]: Es ist gut, dass die FDP dabei war!)


Lassen Sie mich kurz dazu kommen, warum das
anze ein schwieriger Abwägungsprozess ist. Es gibt

m Rahmen dieses Gesetzgebungsvorhabens aus mei-
er Sicht wenige positive Elemente. Ein Element ist die
esetzliche Bleiberechtsregelung, wobei ich kritische
nmerkungen habe. Was den Mindestaufenthalt be-

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9551


(A) )



(B) )


Rüdiger Veit
trifft, so halte ich sechs bzw. acht Jahre für zu lange.
Ein großes Problem stellt die Regelung über den Miss-
brauch bei der Mitwirkung im Rahmen des Verfahrens
dar.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Rüdiger, bleib auf dem Teppich!)


Ferner sind 50 bis 90 Tagessätze Geldstrafe eine zu nied-
rige Grenze, und der Regelausschluss aller Familienmit-
glieder schmerzt mich in ganz besonderer Weise. Es ist
schade, dass wir hierzu keine Lösung gefunden haben.
Das betrifft auch das Problem der ausländischen Mitbür-
ger, die als Minderjährige allein eingereist und heute
volljährig sind.

Wenn es auch eine Reihe von Bestimmungen gibt, die
den Kreis der potenziell Begünstigten verkleinern – Herr
Minister, ich befürchte, dass es leider deutlich unter
100 000 sind –, ist der Gesetzentwurf insgesamt doch
positiv zu bewerten. Wir haben – das ist ein Nebenpro-
dukt und mehr für Insider relevant – den Richtervorbe-
halt im Rahmen des Flughafenverfahrens anstelle der
Freiwilligkeitserklärung. In dem Gesetzentwurf – das
darf man wenigstens einmal erwähnen – steht auch, dass
die Mindestfrist für die Einbürgerung bei besonderen
Deutschkenntnissen von acht auf sechs Jahre verkürzt
werden kann. Wenn das Gesetz so verabschiedet wird,
dann wird auch der Arbeitsmarkt für Geduldete nach
vier Jahren geöffnet.

Wir haben aber keine Lösung im Rahmen des
§ 25 Abs. 4 und 5 für die Zukunft. Wir haben insbeson-
dere keine Lösung für die Kinder und Jugendlichen mit
einer kürzeren Verweildauer in Deutschland im Rahmen
des § 25 Abs. 5 durchsetzen können, obwohl das der ei-
gentliche Schlüssel gewesen wäre,


(Hartfrid Wolff [Rems-Murr] [FDP]: Ja!)


um zu einer Lösung auf Dauer zu kommen und den Be-
hörden das Ermessen einzuräumen, auch zugunsten der
Betroffenen zu entscheiden. Wir wollten auch denen
eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland geben, bei de-
nen das schutzwürdige private Interesse am Verbleib in
der Bundesrepublik, insbesondere unter Berücksichti-
gung der Belange des Kindeswohls, das öffentliche Inte-
resse an der Aufenthaltsbeendigung überwiegt.

Das Problem des Ehegattennachzugs und der vorher
zu erwerbenden Sprachkenntnisse wurde bereits er-
wähnt. Das beurteilen wir unterschiedlich. In dem Ge-
setzentwurf wird auch geregelt, dass der Ehegatten-
nachzug zu Deutschen ausnahmsweise an die
Bestreitung des Lebensunterhalts geknüpft werden soll.
Das ist ebenfalls ein Punkt, von dem ich nicht ohne Wei-
teres glaube, dass er die verfassungsgerichtliche Über-
prüfung überstehen wird.

Die abgesenkten Leistungen nach dem Asylbewerber-
leistungsgesetz wurden, was den Sozialdemokraten auch
wehgetan hat, von 36 auf 48 Monate verlängert.

Wir haben darüber hinaus eine Regelung über die
zwingende Ausweisung von bestimmten Gruppen von
Heranwachsenden.

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(C (D Der Arzt darf körperliche Eingriffe zwecks Feststelung des Alters vornehmen. Es gibt einen abgestuften Sanktionenkatalog im Zuammenhang mit den Integrationsbemühungen. Ferner ird die Einbürgerungserleichterung für Personen bis 3 Jahre, die ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten könen, abgeschafft. Schon aus Zeitgründen muss ich meine bei weitem icht vollständige Aufzählung abbrechen. Ich kann Ihen nur noch einmal sagen, dass die Materie überaus omplex und schwierig ist. Wir haben unserem Koaliionspartner Zugeständnisse gemacht, die in ganz vielen unkten eigentlich nicht unseren Überzeugungen entprechen. Das will ich hier klar und deutlich sagen. Aber m Interesse der von dem Gesetz potenziell begünstigen, hier in Deutschland bereits seit vielen Jahren lebenen ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ist es, o denke ich, gerechtfertigt, zu diesem Gesetzentwurf Ja u sagen. (Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das denke ich aber nicht!)


Ich habe im Übrigen die Befürchtung, dass wir die
iskussion im Bundesrat noch einmal aufrollen. Ich
abe heute gehört, dass im Bundesrat 100 Anträge zu
em Gesetzentwurf vorliegen. Ich weiß gar nicht, wie
ir die alle bearbeiten sollen. Ich jedenfalls bleibe dabei,
ass wir die Spielräume der EU-Richtlinie gar nicht an-
ähernd ausgeschöpft haben. Wir haben aber dem Perso-
enkreis, von dem ich sprach, vor allen Dingen den hier
eborenen Kindern und Jugendlichen, eine Perspektive
röffnet.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609413300

Herr Kollege, Sie müssen zum Ende kommen.


Rüdiger Veit (SPD):
Rede ID: ID1609413400

Wenn ich 20 000 bis 30 000 Jugendlichen hier in

eutschland konkret helfen kann, dann bin ich bereit, im
esetzgebungsverfahren an anderer Stelle nachzugeben.

Mein letzter Satz: Die Opposition wird uns kritisie-
en. Der sei aber gesagt, dass wir eine Bleiberechtsrege-
ung auch unter Rot-Grün nicht geschafft haben. Auch
ie FDP hat uns im Vermittlungsausschuss nicht maß-
eblich unterstützen können. Die Ursachen dafür kennt
einer besser als ich. Ich hoffe, Sie sehen den hier ge-
roffenen Kompromiss ähnlich wie ich. Ich wünsche uns
ruchtbare Beratungen.

Danke sehr.


(Beifall bei der SPD)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609413500

Ich erteile das Wort Kollegin Ulla Jelpke, Fraktion

ie Linke.


(Beifall bei der LINKEN)


9552 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Ulla Jelpke (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609413600

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Schon das

vor zwei Jahren in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz
wurde seinem Anspruch nicht gerecht. Es blieb ein Ge-
fahrenabwehrrecht, das Zuwanderungsmöglichkeiten
eng begrenzte, Integration auf Deutschkenntnisse redu-
zierte und für Flüchtlinge keine humanitären Verbesse-
rungen brachte. Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf
will die Bundesregierung das deutsche Zuwanderungs-
recht an die aufenthalts- und asylrechtlichen EU-Richtli-
nien anpassen. Anstatt die Chance zu nutzen, eine um-
fassende Bleiberechtsregelung zu schaffen, beinhaltet
der Gesetzentwurf jedoch im Wesentlichen Verschlech-
terungen für die Betroffenen. Er ist geprägt vom Geist
der Abschottung. Allein die wirtschaftliche Nützlichkeit
eines hilfesuchenden Menschen war offenbar das feder-
führende Kriterium bei der Abfassung des Gesetzent-
wurfes. Ausweisung und Abschiebung sollen erleichtert
werden. Das Asylrecht wird weiter reduziert. Entwürdi-
gende Kettenduldungen werden beibehalten, wie wir
eben vom Kollegen Veit gehört haben.

Fast 200 000 Menschen leben seit Jahren als soge-
nannte Geduldete in Deutschland. Herr Schäuble hat ih-
nen im vergangenen Herbst ein Bleiberecht versprochen.
Stattdessen legt er nun ein Mogelpaket vor. Zuerst hat
man den Geduldeten ein Arbeitsverbot erteilt. Nun sol-
len sie abgeschoben werden, wenn sie keine Arbeit ha-
ben. Das ist wirklich zynisch und menschenverachtend;
denn wer keinen Pass hat, bekommt in Zukunft kein
Bleiberecht. Wenn ein einziges Familienmitglied die
vorgesehenen Kriterien nicht erfüllt, wird gleich die
ganze Familie in Sippenhaft genommen.

Anstatt Flüchtlingen zu helfen, wird ihnen der
Flüchtlingsstatus genommen. Zum Beispiel sind
2 Millionen Iraker vor den Folgen des Krieges auf der
Flucht. Die Bundesregierung hat durch die Bereitstel-
lung von Logistik eine gewisse Mitschuld daran. In die-
ser Situation beginnt das Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge Widerrufsverfahren gegen irakische Asylbe-
rechtigte. Tausende haben in den letzten Jahren ihren
Asylstatus verloren. Ihnen drohen nun Kettenduldungen.
Daran zeigt sich die inhumane Systematik dieses Flücht-
lingsabwehrgesetzes.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Zum Thema Ausweisungen: Es werden neue Auswei-
sungsgründe eingeführt. Eltern, die ihre Kinder angeb-
lich an der Integration hindern, sollen ausgewiesen wer-
den. Wie wollen Sie, meine Damen und Herren von der
Koalition, das eigentlich nachprüfen? Wollen Sie künftig
Integrationsspitzel in ausländische Familien einschleu-
sen? Sollen Paragrafen Denunziation und Missbrauch
Tür und Tor öffnen? Sie zeigen vor allem eines: das ab-
grundtiefe Misstrauen der Bundesregierung gegenüber
Einwanderern, vor allem gegenüber Menschen aus isla-
mischen Ländern. Das sind meiner Meinung nach
Stammtischpopulismen, die in Gesetzesform gegossen
wurden.

Mit dem Gesetz hebelt die Bundesregierung das Asyl-
recht weiter aus. In Zukunft genügt der bloße Verdacht
der Einreise über einen sicheren Drittstaat, um Flücht-

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(C (D inge sofort zurückzuweisen. Rechtsmittel gegen die ückführung sollen künftig ausgeschlossen werden. enn ein Flüchtling nicht sofort abgeschoben werden ann, wird er einfach in den Knast gesteckt. Wer auf em Luftweg einreist, kann im Asylverfahren – das war islang unmöglich und ist in keinem europäischen Land rlaubt – 30 Tage im Flughafentransit festgehalten weren, und zwar ohne richterliche Entscheidung. Ich möchte die Bundesregierung daran erinnern: Asyl st ein Menschenrecht und kein Verbrechen. in Verbrechen ist es vielmehr, unschuldige Menschen ns Gefängnis zu werfen, Menschen, die auf der Flucht or Not und Verfolgung sind. Was die Bundesregierung lant, verstößt massiv gegen den Geist der Genfer lüchtlingskonvention. Das hat mit Rechtsstaatlichkeit ichts mehr zu tun. Das gilt auch für den letzten Punkt, den ich ansprehen möchte. Ausländerbehörden können in Zukunft usreisepflichtige ohne richterlichen Beschluss einsper en, und zwar ohne Vorwarnung. Zukünftig müssen Geuldete bei jedem Gang zur Ausländerbehörde zittern. as ist doch wirklich menschenverachtend. Dieses Gesetz ist ein Flüchtlingsabwehrgesetz, um enschen ohne deutschen Pass zu schikanieren und ab uschieben. Wer sich einen Funken Menschlichkeit und echtsverständnis bewahrt hat, kann diesem Gesetz meier Meinung nach nicht zustimmen. (Beifall bei der LINKEN – Dr. Michael Bürsch [SPD]: Na, na!)


(Beifall bei der LINKEN)


(Beifall bei der LINKEN)


arum rufe ich dazu auf, dass sich alle in den kommen-
en Wochen an den Protestaktionen der Menschen-
echts- und Flüchtlingsorganisationen beteiligen.

Die Linkspartei bleibt dabei: Wir brauchen ein Zu-
anderungsrecht ohne Rassismus. Wir brauchen ein
irkliches Bleiberecht und gleiche Rechte für alle, die
ier leben.

Ich danke Ihnen.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609413700

Das Wort hat nun Kollege Josef Philip Winkler, Frak-

ion Bündnis 90/Die Grünen.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Herr Winkler, Sie sind doch ein netter Mensch!)



(BÜNDNIS 90/DIE GRÜEN)

Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Ich

eiß nicht, über welchen Gesetzentwurf Herr Minister
chäuble heute gesprochen hat.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Ich nehme alles zurück, was ich gerade gesagt habe!)


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9553


(A) )



(B) )


Josef Philip Winkler
Der Gesetzentwurf, den er vorgelegt hat, mit dem das Zu-
wanderungsgesetz geändert werden soll, ist integrations-,
frauen- und familienfeindlich.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Sie sind nicht nett! Frauenfeindlich?)


Versteckt hinter einer angeblichen Umsetzung von elf
EU-Richtlinien, enthält der Entwurf zahlreiche rechts-
staatlich bedenkliche Verschärfungen des Ausländer-
und Flüchtlingsrechts. So charmant es ist, Herr Kollege
Veit, es wird dadurch, dass Sie es selbst zugeben, nicht
besser.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Das stimmt!)


Die restriktiven Vorschläge der Koalition sind von einem
generellen Misstrauen gegenüber Migrantinnen und Mi-
granten geprägt. Sie sind das Gegenteil von Integrations-
förderung. Sie werden Ausgrenzung und Abschottung
befördern. Wir werden uns daran nicht beteiligen.

Obwohl sich Frau Staatsministerin Böhmer mit Mi-
grantenverbänden und Kirchen beim Integrationsgipfel
im Kanzleramt über Möglichkeiten der Integrationsför-
derung beraten hat, wird von der Koalition dieser alles
andere als integrationsfördernde Gesetzentwurf vorge-
legt. Zu Recht kritisiert daher eine Vielzahl von Teilneh-
mern des Integrationsgipfels, dass die geplanten gesetz-
lichen Verschärfungen in krassem Widerspruch zu dem
stehen, was dort besprochen wurde. Die Koalition hält
mit aller Kraft an der Abschottung und damit dem abso-
luten Primat der Zuwanderungsbegrenzung fest.

Durch die Aufnahme des Rechtsanspruchs auf Inte-
grationskurse in das Zuwanderungsgesetz wurden rich-
tige Signale gesetzt.


(Dr. Michael Bürsch [SPD]: Das bleibt auch so!)


Mit diesen Kursen wurden Einwanderern erstmals Ange-
bote zum Erlernen der deutschen Sprache und zur Orien-
tierung in einem für sie fremden Land gemacht. Das
bleibt auch so. Diese Kurse werden von Migrantinnen
und Migranten positiv angenommen.

Diese ersten Erfolge werden durch dieses Gesetzes-
vorhaben jedoch nachhaltig geschwächt; denn beim Fa-
miliennachzug haben Sie sich etwas ganz besonders
Perfides einfallen lassen. Jetzt sollen nachziehende Ehe-
gatten vor der Einreise nach Deutschland über ausrei-
chende Deutschkenntnisse verfügen, und das Ganze
läuft dann noch unter dem Label „Verhinderung von
Zwangsverheiratung“.

Das ist in keiner Weise eine Umsetzung der Familien-
zusammenführungsrichtlinie. Darin ist diese Forderung
nicht als Voraussetzung enthalten.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Da haben Sie recht! – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Richtig!)


Letztlich geht es natürlich darum – das sagen wir
ganz klar –, dass die Migrantinnen und Migranten
Deutsch können. Das begrüßen wir auch. Wir haben die
Kurse in Deutschland eingerichtet, damit die Integration

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(C (D urch Sprache stattfindet. Es ist ein Systembruch, wenn ie das Grundprinzip des Zuwanderungsgesetzes nach erade einmal zwei Jahren Gültigkeit ins Gegenteil verehren. Das verzögert im Übrigen lediglich den Nachug der Ehegatten und eventuell bereits vorhandener inder um unter Umständen einige Jahre. Es ist nun einmal leichter, in Deutschland, in einem mfeld, wo es viele deutschsprechende Mitbürger gibt, eutsch zu lernen. In der Türkei oder sonst wo ist es ben schwierig. Die türkische Regierung – das steht im egensatz zu dem, was hier im Hause schon einmal zu ören war – sieht das ganz genau so, wie ich es gerade orgetragen habe. Vor 14 Tagen fand eine Delegationsreise des Innenusschusses nach Istanbul und Ankara statt. In der Türei hat quasi jeder Gesprächspartner – aus dem Kabinett, em Parlament, von Nichtregierungsorganisationen oder er Presse – diesen Vorschlag mit Vehemenz zurückgeiesen. Man hat gesagt, dass hier quasi eine Hürde aufebaut wird, die vor allem für türkische Familien gelten ird; denn für Menschen aus den USA, Kanada, Japan der womöglich Honduras gilt das natürlich nicht. Diees Gesetz enthält eine antitürkische Familienklausel. as sollten Sie hier im Parlament deutlich sagen. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Wenn man wirklich etwas gegen Zwangsehen ma-
hen will – die rot-grüne Bundesregierung hat in einem
esetz deutlich formuliert, dass das eine schwere Straf-

at, ein Verbrechen ist –, dann sollte man den Aufent-
altsstatus dieser Frauen in Deutschland verbessern.
lle Sachverständigen, alle Frauenverbände, Migra-

ionsverbände und die Kirchen fordern: Die Frauen, die
ier von Zwangsverheiratung bedroht sind oder Opfer
on Zwangsehen geworden sind, brauchen als Allerers-
es ein eigenständiges Aufenthaltsrecht; das ist das

ichtigste. Doch das fehlt in diesem Gesetz. Darum
ird mit ihm keine Zwangsheirat verhindert.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN, der FDP und der LINKEN)


Beim Thema Deutsch lernen wollen Sie jetzt Bußgel-
er von bis zu 1 000 Euro einführen, obwohl Sie genau
issen, dass die meisten derjenigen, die Kurse abgebro-

hen haben, Mütter sind, die kein Geld für oder kein An-
ebot an Kinderbetreuung während dieser Sprach- und
ntegrationskurse bekommen haben.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Bekommen sie jetzt!)


Das bekommen sie jetzt. Aber warum führen Sie Buß-
elder ein, wenn Sie genau wissen, dass das Problem
icht ist, dass sie nicht wollen, sondern darin besteht,
ass sie nicht können?


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Die Mütter doch nicht!)


Deswegen haben wir einen eigenen Antrag vorgelegt,
n dem wir noch einmal Punkt für Punkt aufgeführt ha-
en, was nach unserer Meinung ein integrationsfördern-

9554 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Josef Philip Winkler
des, menschenrechtskonformes und humanitär ausgewo-
genes Zuwanderungsgesetz ausmacht. Ich will das alles
jetzt nicht noch einmal ausführen. Aber klar ist: Für uns
steht jede Familie unter dem besonderen Schutz des
Grundgesetzes und nicht nur die, die unter Deutschen
geschlossen wird. Deswegen halten wir den Verfas-
sungsbruch, den Sie sehenden Auges begehen, für außer-
ordentlich schädlich und integrationsfeindlich.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Gleichzeitig finden Zwangsverheiratungen von in
Deutschland lebenden mit im Ausland lebenden Perso-
nen statt. Wir haben keine Zahlen darüber; aber wir ver-
muten, dass es welche gibt. Daher muss eingeführt wer-
den, dass man auch dann, wenn man länger als sechs
Monate im Ausland gewesen ist, zurückkehren kann. Da
braucht es also ein eigenständiges Aufenthaltsrecht, zum
Beispiel für den Fall, dass man länger als sechs Monate
im Ausland war, weil man verschleppt wurde. Das ist et-
was, was die Frauenpolitikerinnen aller Fraktionen im-
mer wieder betonen. Das müssten sich die Innenpoliti-
ker, insbesondere der Unionsfraktion, einmal hinter die
Ohren schreiben.

Deshalb fordern wir Sie von der Koalition auf: Ziehen
Sie in den Ausschussberatungen die Notbremse und ver-
bessern Sie diesen Gesetzentwurf! Sonst ist das die
schlimmste Verschärfung des Ausländerrechts, die es in
den vergangenen Jahrzehnten gegeben hat. Das werden
wir nicht mitmachen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609413800

Das Wort hat nun Kollege Reinhard Grindel, CDU/

CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Reinhard Grindel (CDU):
Rede ID: ID1609413900

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Frau Jelpke, wer einen Fraktionsvorsitzenden hat, der in
seiner Chemnitzer Rede erklärt hat: „Fremdarbeiter dür-
fen nicht deutschen Familienvätern die Arbeit wegneh-
men“, der sollte in Sachen Abschottung und Rassismus
vor der eigenen Tür kehren!


(Beifall bei der CDU/CSU – Widerspruch bei der LINKEN)


Lieber Kollege Veit, nur wer von sich selbst begeistert
ist, kann andere begeistern. Insofern hätte ich mir ein
bisschen mehr Begeisterung gewünscht. Denn ich
glaube, wir können mit unserem Gesetzentwurf sehr
wohl zufrieden sein. Wir machen jetzt Ernst mit einer
Politik des Miteinanders von Deutschen und Auslän-
dern,


(Lachen des Abg. Jan Korte [DIE LINKE] – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Was? Das ist doch ein Hohn!)


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(C (D ir lassen kein Nebeneinander mehr zu. Darauf können ir stolz sein. Das ist eine Verbesserung für das Leben er 4 Millionen Ausländer und auch für das Zusammeneben mit den deutschen Mitbürgern. Damit, lieber Kolege Veit, können wir sehr zufrieden sein. (Beifall bei der CDU/CSU – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Das sagen Sie! Aber die sehen das anders!)


Kernstück des Gesetzentwurfes ist die Pflicht des
achweises einfacher Deutschkenntnisse, und zwar be-

eits vor dem Ehegattennachzug. Damit leisten wir ei-
en entscheidenden Beitrag im Kampf gegen Zwangs-
hen. Denn es muss doch einleuchten, lieber Kollege
inkler, dass betroffene Frauen die vielfältigen Hilfsan-

ebote bei uns nur dann annehmen können, wenn sie zu-
indest etwas Deutsch können. Sie lassen die betroffe-

en Frauen allein, wenn Sie sie nicht im Vorfeld durch
ie Vermittlung von Deutschkenntnissen stärken.


(Sibylle Laurischk [FDP]: Es sind doch nicht alle zwangsverheiratet! Das ist ein Generalverdacht!)


Richtig, Frau Laurischk, es geht nicht nur um Zwangs-
hen. Es geht uns um viel mehr: Mit dem Nachweis ein-
acher Deutschkenntnisse vor dem Familiennachzug
ollen wir vor allem für präventive Integration sorgen.

Viele Zuwanderer, die auf dem Wege des Familien-
achzugs kommen, sind doch in Wahrheit Objekt des
eschehens. Sie werden verheiratet, sie werden nach
eutschland gebracht, sie werden in Wohnungen gehal-

en, einige werden Opfer von Gewalt. In fast jedem Inte-
rationskurs begegnet man Frauen, die 17 oder 20 Jahre
n Deutschland sind, aber praktisch kein Wort Deutsch
önnen, die ihr unmittelbares Umfeld nicht verlassen,
eil sie unsicher sind oder weil sie es nicht verlassen
ürfen. Familiennachzug, das war bisher oftmals Um-
iedlung in eine Parallelgesellschaft. Mit der Forderung
es Nachweises von Deutschkenntnissen sorgen wir da-
ür, dass die Zuwanderer Subjekt des Verfahrens werden.

ir überlassen sie nicht ihrem Schicksal, wir sorgen da-
ür, dass man sich endlich um sie kümmert. Mit den
eutschkenntnissen erlangen sie eine eigene Handlungs-

ähigkeit. Gerade Frauen erhalten die Chance auf mehr
elbstbestimmung.

Die Zuwanderer werden sich ganz anders auf ihr Le-
en in unserem Land vorbereiten können. Versäumnisse
ei der nachholenden Integration zu beseitigen, ist rich-
ig. Defizite zu vermeiden, indem wir mehr für die prä-
entive Integration tun, ist aber mindestens genauso
ichtig.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Mit dem Erfordernis einfacher Deutschkenntnisse wir-
en wir endlich direkt in die Parallelgesellschaften hinein.
iese neue Regelung ist ein klares Signal an die Familien,
ie bisher einen großen Bogen um Integrationsangebote
emacht haben. Wir wollen ihnen sagen: Ohne Deutsch
eht es nicht. Deutsch ist bei der Integration nicht alles,
ber ohne Deutsch ist bei der Integration alles nichts.

Wenn die Zahl der Kinder zunimmt, die bei Sprach-
tandserhebungen kein Wort Deutsch sprechen, dann

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9555


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Reinhard Grindel
liegt die Vermutung nahe, dass auch in den Familien
kein Wort Deutsch gesprochen wird. Das darf uns nicht
ruhen lassen. Deshalb müssen wir auf verschiedenen
Wegen in diese Familien hineinwirken, mit nachholen-
der, aber auch mit präventiver Integration. Wie soll die
nachgezogene Ehefrau ihren Kindern sonst das für eine
gute Schullaufbahn nötige Rüstzeug vermitteln? Wir
dürfen die Kinder, die kein Deutsch sprechen, nicht auf-
geben. Wenn man sich die demografische Entwicklung
vor Augen hält, stellt man fest: Wir sind auf jedes ein-
zelne Kind angewiesen.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da sind wir uns einig!)


– Lieber Kollege Winkler, wenn die Kinder mit Migra-
tionshintergrund in unserem Land keine gute Perspek-
tive haben, dann hat auch unser Land keine gute Per-
spektive. Mit unserem Gesetz sorgen wir dafür, dass
die Familien und insbesondere die Kinder in unserem
Land eine bessere Perspektive erhalten.


(Beifall bei der CDU/CSU – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Über das Ziel sind wir uns einig, nur über den Weg nicht!)


Deshalb sage ich denjenigen, denen es mit der Öff-
nung unseres Arbeitsmarktes gar nicht schnell genug ge-
hen kann, weil wir einen Mangel an Facharbeitern ha-
ben: Vielleicht sollten wir erst einmal dafür sorgen, dass
die Kinder, die in Deutschland geboren werden und ei-
nen Migrationshintergrund haben, die Chance bekom-
men, selbst einmal Facharbeiter zu werden. Mit unserem
Gesetz wollen wir dafür bessere Rahmenbedingungen
schaffen.

Ich finde das Argument abwegig, die Ausländer seien
nicht in der Lage, sich Deutschkenntnisse zu verschaf-
fen. Es gibt nicht nur Goethe-Institute, sondern auch die
Sprachangebote der Deutschen Welle, insbesondere im
Internet. Darüber hinaus wird eine Vielzahl von Rück-
kehrern in ihrem jeweiligen Heimatland diese neue
Dienstleistung anbieten.


(Ulla Jelpke [DIE LINKE]: Was kostet das denn alles?)


Zur Not gibt es auch Rekorder und Sprachkassetten. Ich
kann mir durchaus vorstellen, dass das Bundesamt für
Migration einen Sprachkurs auf Kassette entwickelt.
Aus den Niederlanden wissen wir, dass all diese organi-
satorischen Probleme lösbar sind.

Ich will zusammengefasst sagen: Wer in der Lage ist,
Ehen zu arrangieren, der wird wohl auch in der Lage
sein, Deutschkenntnisse zu arrangieren.


(Sebastian Edathy [SPD]: Na ja! – Ulla Jelpke [DIE LINKE]: Welche Fremdsprachen haben Sie denn so gelernt? – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Lernen Sie mal Chinesisch auf Kassette!)


Es wird das Argument angeführt, die Neuzuwanderer
müssten sowieso an Integrationskursen teilnehmen. Das
ist richtig. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass sie ihrer

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(C (D eilnahmepflicht nicht in dem Maße nachgekommen ind, wie wir es uns gewünscht hätten, und dass die Ausänderbehörden das nicht konsequent genug verfolgt haen. All das ist im Ramboll-Gutachten nachzulesen. Deshalb haben wir in unserem Gesetzentwurf eine erschärfung der Sanktionen bei Verstößen gegen die eilnahmepflicht vorgesehen. Um das klarzustellen: Das aben wir nicht getan, weil es uns um die Sanktionen eht, sondern weil wir möchten, dass die Zuwanderer iese Kurse tatsächlich von der ersten bis zur letzen tunde besuchen. Sie kritisieren diese Sanktionen. Das ist der Widerpruch bei der Opposition. Sie lehnen die Notwendigkeit es Nachweises verpflichtender Deutschkenntnisse vor er Einreise ab, angeblich wegen der Integrationskurse. ber auch dann, wenn diese Kurse nicht besucht weren, sind Sie gegen Sanktionen. Letztlich bleibt alles so, ie es ist. Dieses Sich-nicht-Kümmern führt zum Still tand in der Integrationspolitik. (Volker Beck [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Stillstand gab es unter Ihnen! Die Integrationskurse haben wir eingeführt!)


in solches Verhalten können wir uns nicht mehr erlau-
en, wenn wir wollen, dass in Deutschland ein vernünfti-
es Miteinander von Deutschen und Ausländern
errscht.


(Beifall bei der CDU/CSU – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir haben Vorschläge vorgelegt, wie das verbessert werden kann!)


Für dieses Miteinander gibt es in der Tat Vorausset-
ungen. Zu diesen Voraussetzungen gehört nicht nur,
ass Deutsch gesprochen wird, sondern auch, dass bei
ns das Grundgesetz und nicht der Koran gilt.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber auch nicht die Bibel!)


n Deutschland ist wichtig, dass muslimische Mädchen
luge Köpfe haben, aber es ist nicht wichtig, was sie auf
en Köpfen tragen. Man ist sich der deutschen Ge-
chichte bewusst und achtet Menschen jüdischen Glau-
ens. In unserem Land ist kein Platz für Zwangsehen
nd schon gar nicht für Ehrenmorde. Von den Zuwande-
ern fordern wir ein, diese Voraussetzungen zu erfüllen,
eil es sonst immer bei einem Nebeneinander bleiben
nd kein Miteinander geben wird.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel. Wir müssen
en Zuwanderern in unserem Land vermitteln, dass wir
erne vieles zur Förderung der Integration tun. Aber
etztlich kann sie nur gelingen, wenn sich unsere auslän-
ischen Mitbürger in die Pflicht nehmen lassen und ihre
erantwortung, vor allem für ihre Kinder, wahrnehmen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Integration ist nicht
ur eine Bringschuld des Staates, sie ist auch eine Hol-
chuld des Ausländers.

9556 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



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Reinhard Grindel
Weil ich ein guter und verlässlicher Koalitionspartner
bin, schließe ich mit einem Zitat des schleswig-holsteini-
schen Innenministers Ralf Stegner, SPD. Er hat in der
„Bild am Sonntag“ gesagt:

Wir müssen die Ausbreitung von Parallelgesell-
schaften eindämmen. Die demokratischen Parteien
müssen die Leitsätze des Grundgesetzes mit größe-
rer Entschiedenheit verteidigen, als das bisher der
Fall ist.

Stegner sagte weiter:

Wir brauchen mehr Integration, und zwar nicht als
kulturellen Klimbim, sondern im Sinne von För-
dern und Fordern.

Wo der Mann recht hat, hat er recht.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Michael Bürsch [SPD] – Sebastian Edathy [SPD]: Er hat immer recht!)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609414000

Ich erteile nun das Wort Kollegin Sibylle Laurischk,

FDP-Fraktion.


(Beifall bei der FDP)



Sibylle Laurischk (FDP):
Rede ID: ID1609414100

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr Kol-

lege Grindel, ich muss schon sagen: Sie mögen ja be-
geistert von sich sein; damit begeistern Sie mich und die
FDP aber noch nicht.


(Beifall bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Uns auch nicht!)


Da Sie hier das Arrangieren von Ehen mit dem Arran-
gieren von Integrationskursen vergleichen, habe ich die
Sorge, dass der vorgelegte Gesetzentwurf wohl eher ein
Versuch der Förderung von Integration bleibt.


(Dr. Michael Bürsch [SPD]: Ist Politik nicht immer ein Versuch? – Gegenruf des Abg. Hartfrid Wolff [Rems-Murr] [FDP]: Bei Ihnen auf jeden Fall!)


Tragen die Einführung eines Mindestalters für den nach-
ziehenden Ehegatten und das Erfordernis von Sprach-
kenntnissen vor der Einreise in die Bundesrepublik
Deutschland nicht eher zu einer Ausgrenzung von Ehe-
partnern und insbesondere von Frauen bei?

Das Mindestnachzugsalter von 18 Jahren für beide
Ehegatten führt mit Blick auf die Gesetzesbegründung,
nämlich die Verhinderung von Zwangsverheiratungen,
zu verfassungsrechtlichen Bedenken. Hier wird mit dem
Argument des Schutzes von Migranten und Migrantin-
nen vor Zwangsverheiratungen nun für alle Ehen, also
auch für die selbstverantwortlich geschlossenen, gegebe-
nenfalls eine Wartezeit in Kauf genommen und den jun-
gen Menschen die Herstellung der ehelichen Lebensge-
meinschaft zunächst verweigert.

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(C (D Nennen wir die Dinge doch beim Namen! Handelt es ich hier um die Bekämpfung von Zwangsverheiratunen oder nicht vielmehr um die Verhinderung von unerünschter Zuwanderung? Notwendig wäre es vielmehr, wangsverheiratungen durch eine Stärkung des Aufentaltsrechts und durch eine Verbesserung von Schutzaßnahmen zu verhindern. in eigenständiges Aufenthaltsrecht nach der Scheiung, ein Rückkehrrecht und die Schaffung einer ausreihenden Zahl von sicheren Unterkünften innerhalb eutschlands sind nötig. Das wäre auch ein echter Op erund Zeugenschutz. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Sevim Dağdelen [DIE LINKE])


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Das weitere Erfordernis, vom nachziehenden Ehegat-
en zumindest einfache deutsche Sprachkenntnisse zu
erlangen, dient sicherlich dazu, dass sich nachgezogene
hepartner nach dem Zuzug besser verständigen und
igenständiger bewegen können. Handelt es sich aber
icht um einen Zuzug zweiter Klasse, wenn Ehepartner
nderer Nationalitäten – zum Beispiel aus den USA oder
us Australien – keine deutschen Sprachkenntnisse vor-
eisen müssen? Wie lange lässt sich das verfassungs-

echtlich halten? Der Schutz von Ehe und Familie ist un-
er aller Verfassungsauftrag. Wollen Sie, Herr Minister
chäuble und auch Sie von der Großen Koalition, Ehen
weiter Klasse?


(Beifall bei der FDP – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die führen sie einfach ein! – Reinhard Grindel [CDU/ CSU]: Es geht um Integrationsbedarf!)


Die Bundestagsfraktion der FDP setzt sich für eine
ntegration der hier lebenden Migrantinnen und

igranten und für eine zukunftsorientierte Integrations-
olitik ein. Wir wollen die Partizipation der zugewander-
en Menschen am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen,
ulturellen und politischen Leben. Wir brauchen ein
chlüssiges Integrationskonzept für die in Deutschland
ebenden Menschen mit Migrationshintergrund. Die
enntnis der deutschen Sprache schafft Identität und ist
chlüssel zur Integration. Einen entsprechenden Antrag
aben wir vorgelegt. Unsere Ziele sind das Angebot von
ntegrationskursen und die Verbesserung dieser Kurse.

Integration ist allerdings auch ein wechselseitiger
rozess. Migrantinnen und Migranten müssen selbst be-
eit sein, sich verpflichtenden Anforderungen bei der In-
egration zu stellen und diese aktiv zu unterstützen. Inte-
ration braucht daher ein beiderseitiges Einverständnis.
s geht um das Finden und Pflegen von Gemeinsamkei-

en und somit um Chancengleichheit unabhängig von der
erkunft.


(Beifall bei der FDP)


Sprachförderung muss bei Kindern daher so früh wie
öglich einsetzen und kontinuierlich weitergeführt wer-

en.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9557


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Sibylle Laurischk
Für Neuzuwanderer wurden die Integrationskurse
eingeführt. Während die Bundesregierung die Nichtteil-
nahme an den Kursen vorwiegend mit Sanktionen
belegt, müssen nach meiner Auffassung positive Anreiz-
systeme geschaffen werden, wie wir das auch in unse-
rem Antrag dargelegt haben. Aufgrund der Evaluierung
der Integrationskurse hat sich gezeigt, dass es einen gro-
ßen Handlungsbedarf gibt.

Insbesondere die Teilnahme von Müttern an Integra-
tionskursen ist uns wichtig. Ihnen kommt auf dem Weg
ihrer Kinder und der Familie in die deutsche Gesell-
schaft eine große Bedeutung zu. Deshalb ist eine kursbe-
gleitende Kinderbetreuung für Mütter dringend erforder-
lich und muss bundesweit greifen.


(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Frauen tragen oft die Hauptverantwortung für die Be-
treuung und Erziehung der Kinder. Sie sind für die Be-
wältigung von Alltagsfragen zuständig und erbringen
hohe Integrationsleistungen. Ich möchte in diesem Zu-
sammenhang daran erinnern, dass auch das Europäische
Parlament im Juli 2006 gefordert hat, die spezielle Rolle
der Frau im Bereich der Migration und deren Entwick-
lung besser zu berücksichtigen. Wir haben eine entspre-
chende Große Anfrage vorgelegt.

Der Gesetzentwurf, über den wir hier diskutieren, ist
der Versuch, die Integration zu fördern. Wir müssen den
Zuwanderern die Signale geben, dass ihre Potenziale ge-
sehen und gefördert werden. Die Einsicht, dass die ge-
sellschaftliche Vielfalt etwas Wertvolles ist und dass es
für unsere Gesellschaft sinnvoll, ja sogar erforderlich ist,
die Möglichkeiten aller ihrer Bürger zu nutzen und zu
unterstützen, setzt sich in Deutschland und in den meis-
ten europäischen Ländern leider nur langsam durch.
Viele Unternehmen in Deutschland haben die „Charta
der Vielfalt“ bereits unterzeichnet. Sie begreifen Vielfalt
– auf Neudeutsch: Diversity – im positiven Sinn als
Chance und als Ressource der Gesellschaft


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Das haben Sie aber nett ausgedrückt!)


und handeln im Europäischen Jahr der Chancengleich-
heit und der deutschen EU-Ratspräsidentschaft entspre-
chend. Diesen Geist atmet der vorliegende Gesetzent-
wurf keineswegs. Unter Integrationsförderung versteht
die FDP etwas anderes.


(Beifall bei der FDP)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609414200

Das Wort erteile ich nun Kollegen Michael Bürsch

von der SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Dr. Michael Bürsch (SPD):
Rede ID: ID1609414300

Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen!

Wenn der Kollege Grindel den schleswig-holsteinischen
Innenminister zitiert, dann kann ich nur mit Adenauer

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(C (D ntworten: „Wir leben alle unter demselben Himmel, ber wir haben nicht denselben Horizont.“ (Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Wie meint er das, Herr Grindel?)


as kann man bei dem Thema, das wir heute behandeln,
irklich deutlich sehen und festmachen. Das betrifft zu-

llererst die Welt, die die Opposition beschrieben hat,
ie ich nicht unbedingt in dem wiederfinde, was wir in
em Gesetz festgelegt haben. Es betrifft natürlich auch
as Leben, das Wirken und das Zusammenarbeiten in ei-
er Großen Koalition; denn wir sind vor gut einem Jahr
on recht unterschiedlichen Positionen ausgegangen.

An dieser Stelle werde ich mein positives Denken
eutlich zum Ausdruck bringen. Herr Grindel, bei aller
nerkennung, dass dies ein Kompromiss ist, dass wir
ns auch andere Lösungen vorstellen konnten und dass
ie Welt über das hinausreicht, was wir hier festgelegt
aben, sage ich: Ich betrachte dies – in drei Punkten und
n allgemeiner Form festgehalten – als Erfolg.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Drei Punkte bei knapp 500 Seiten!)


Der erste Punkt ist: Verehrter Kollege Winkler, ich
etrachte es schon als Erfolg, dass wir ein solches Ge-
etz zustande gebracht haben, dass wir elf EU-Richt-
inien umgesetzt haben und dass wir das, was – nur zur
rinnerung – die SPD mit Beteiligung der Grünen 2004
erabschiedet hat, fortentwickelt haben.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Ja!)


uch hier gilt der Hinweis: Es ist ein Kompromiss. Für
ich aber ist entscheidend, dass es ein Gesetz geben
ird, das festhält: Deutschland ist ein Einwanderungs-

and. Das ist für mich der erste große Erfolg dieses Ge-
etzes. Dahinter wird keiner mehr zurückfallen können.
ber den Doppelpass oder über ähnliche Formen von
usländerfeindlichkeit werden wir keinen Wahlkampf
ehr führen können.

Der zweite Erfolg ist für mich, dass wir mit diesem
esetz und mit allem, was darin steht und was wir da-

aus noch entwickeln müssen, feststellen, dass Integra-
ion eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Das ist
amit festgemacht, und das hat mit dem zu tun, was Frau
öhmer bis zum Sommer in einem nationalen Integra-

ionsplan zusammenstellen will. Das kann nicht nur ein
trohfeuer sein. Das, was wir hier festgelegt haben
zum Beispiel auch die Tatsache, dass der Bund weiter

n hohem Maße für die Sprachförderung zuständig ist –,
etrachte ich als eine Förderung der Integration.

Als dritten großen Erfolg sehe ich, dass wir zum ers-
en Mal in der Geschichte dieser Republik eine gesetzli-
he Bleiberechtsregelung haben.


(Ulla Jelpke [DIE LINKE]: Altfälle!)


as aus dieser Regelung wird, hängt, wie immer bei Ge-
etzen, in hohem Maße davon ab, was damit gemacht
ird und wie es umgesetzt wird. Aber die Regelung, die

um ersten Mal den Teufelskreis zwischen Arbeits- und
ufenthaltsrecht durchbricht, ist ein enormer Schritt
oran.

9558 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



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Dr. Michael Bürsch
Diese drei Punkte bitte ich bei all den kleinen Bau-
stellen, die im Gesetzentwurf enthalten sind, im Auge zu
behalten. Wir haben im Ausschuss wirklich genug Mög-
lichkeiten, über die kleinen Karos zu reden; dazu bin ich
gern bereit. Aber ich werbe dafür, dass wir die großen
Linien festhalten. An dieser Stelle füge ich hinzu: Auch
in einer Koalition ist es durchaus angebracht, dass man
sich in aller Solidarität und bei aller Zusammenarbeit
kritisiert.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Aber nicht zu sehr!)


Heute ist für mich der Tag, an dem wir sagen: Da hat
der Innenminister – auch in den eigenen Reihen, auch
bei den Innenministern der Länder – etwas bewegt.
Auch der Sozialminister hat ein gutes Stück dazu beige-
tragen. An diesem Gesetzespaket haben ein Jahr lang
– das war wirklich mühsame Arbeit – acht bis zehn Ko-
alitionsabgeordnete nach dem Prinzip „Gründlichkeit
vor Schnelligkeit“ mitgewirkt. Das war kein einfaches
Stück. Aber ich denke, dass die Überzeugungsarbeit, die
wir gegenseitig geleistet haben, nicht fruchtlos bleiben
wird. Insofern setze ich darauf: Man bewegt sich, auch
was die eigene Erkenntnis und das eigene Bewusstsein
angeht, durch so etwas fort.

Dies waren drei Bemerkungen dazu, worin ich einen
Erfolg sehe.

Nun drei Bemerkungen, die eher in die Zukunft ge-
richtet sind. Die erste Bemerkung ist: Ich werbe dafür,
dass wir die Zuwanderung nicht – typisch deutsch –
allzu negativ sehen. Wird bei uns über dieses Thema ge-
redet, hören wir folgende Schlagworte: Jugendliche
ohne Schulabschluss, Kriminalitätsraten, Entstehung
von Parallelwelten, religiöse Intoleranz, Extremismus
usw. Das Thema Zuwanderung hat aber eine positive
Seite. Nach meinem Verständnis sollten wir Zuwande-
rung nicht mehr in erster Linie nur als Problem, als Be-
lastung und als schwer zu tragende Bürde sehen, sondern
als Bereicherung – und dies nicht als Gutmenschen, son-
dern in unserem eigenen Interesse und zu unserem Nut-
zen, was die Wirtschaft angeht.

Das hat jetzt eine Zeitschrift zum Ausdruck gebracht,
die wirklich nicht als linksliberal verschrien ist. Die
„Wirtschaftswoche“ schreibt diese Woche, Bildungsfor-
scher, Soziologen und Ökonomen hätten sich bisher gar
nicht um die durchaus große Gruppe der erfolgreichen
Zuwanderer gekümmert. Die öffentliche Diskussion
werde von gescheiterten Migranten, von missglückten
oder gar nicht erst unternommenen Integrationsversu-
chen bestimmt.

Eine Organisation, die auch nicht unbedingt sozialde-
mokratisch geprägt ist, nämlich die Bundesvereinigung
der Deutschen Arbeitgeberverbände, sagt:

In einer Zeit des globalen Wettbewerbs brauchen
wir in unserem Land alle Talente und Begabungen
– insbesondere das Potenzial der Migrantenkinder.


(Sibylle Laurischk [FDP]: Ja, ganz genau! Vielfalt ist das Stichwort!)


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(C (D In der Tat, wir sollten uns mit den Potenzialen der enschen, die aus dem Ausland stammen, beschäftigen. as wird zum Beispiel durch verschiedene Meldungen us der Wirtschaft und dem Bereich der Arbeitswelt unermauert. Die Meldungen über einen Mangel an Nachuchskräften werden immer häufiger. (Sibylle Laurischk [FDP]: Das ist genau unser Thema! – Hartfrid Wolff [Rems-Murr] [FDP]: Richtig! Tun Sie dort etwas!)


er Verein Deutscher Ingenieure hat letzte Woche
emeldet, dass im Jahr 2006 48 000 Ingenieurstellen
nbesetzt geblieben sind. Wir brauchen dringend
ngenieure und Facharbeiter.


(Sibylle Laurischk [FDP]: Wir warten auf Ihre Vorschläge!)


Es ist klar, dass dieses Problem nicht allein durch eine
esteuerte Zuwanderung gelöst werden kann; diesen
indruck will ich nicht erwecken. Die Zuwanderung
arf nicht zu einem Konflikt mit dem Abbau der Arbeits-
osigkeit in unserem Land führen. Aber dies ist keine
rage des Entweder-oder, also keine Frage, ob entweder
eutsche oder Ausländer eingestellt werden. Dies ist
ielmehr eine Frage des Sowohl-als-auch. Wir brauchen
uch Fachkräfte aus dem Ausland. Wir müssen insofern
eutlich machen: Dies ist ein offenes Land in dem Sinne,
ie es der Innenminister beschrieben hat. Es ist offen
nd tolerant. Wir sind gerne bereit, Menschen zu emp-
angen. Das muss aber in dieser positiven Grundstim-
ung erfolgen.


(Abg. Hartfrid Wolff [Rems-Murr] [FDP] meldet sich zu einer Zwischenfrage)


Da ist eine Wortmeldung. Dazu kann ich nur sagen:
er Präsident muss mich fragen, ob ich die Zwischen-

rage zulasse.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609414400

Sie haben das Wort. Die Genehmigung ist schon er-

eilt.

Hartfrid Wolff (Rems-Murr) (FDP):
Herr Kollege Bürsch, Sie haben gerade zu Recht an-

esprochen, dass Sie die Zuwanderung von Hochqualifi-
ierten sehr stark fördern wollen. An welcher Stelle tun
ie das konkret im vorliegenden Gesetzentwurf? Ich
abe eine solche Stelle leider nicht gefunden.


Dr. Michael Bürsch (SPD):
Rede ID: ID1609414500

Sie haben den Gesetzentwurf vielleicht nicht genau

tudiert, Herr Kollege.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Doch, hat er!)


ir haben im Bereich der Selbstständigen die Schwel-
en, was die Anforderung an die Schaffung von Arbeits-
lätzen und die Investitionssumme angeht, deutlich ge-
enkt. Ich bin zu hundert Prozent bei Ihnen, Herr
ollege – das will ich gleich hinzufügen –, dass das
och lange nicht das Ende der Fahnenstange sein kann.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9559


(A) )



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Dr. Michael Bürsch
Ich bin sehr dafür, dass wir nicht nur Hochqualifizierte,
sondern diejenigen mit entsprechender Qualifikation zu
uns holen – sei es für fünf oder zehn Jahre –, die wir
dringend brauchen. Dabei ziehen wir an einem Strang.

Ich ziehe auch mit den Grünen an einem Strang; denn
ich spreche mich wie schon in den Verhandlungen ab
2002 für eine Punkteregelung aus.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Der Kollege Beck wird sich erinnern. Ich habe damals
extra für unsere Fraktion beim Max-Planck-Institut in
Heidelberg eine Untersuchung in Auftrag gegeben. Da-
rin sind die Zuwanderungs- und Integrationsregelungen
von 14 Ländern untersucht worden. Es gibt wunderbare
Beispiele von Ländern wie Neuseeland, Australien oder
Kanada, die mit der Punkteregelung beste Erfahrungen
gemacht haben. Das kann man im Sinne unserer Gesell-
schaft genau steuern.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wer verhindert das denn?)


An die Adresse der Linken gewandt stelle ich fest:
Wir, die als Gesetzgeber für Menschen in ganz Deutsch-
land Entscheidungen treffen, müssen die Interessen von
82 Millionen im Blick haben. Ich bin sehr dafür, dass
Menschen zu uns kommen. Es soll auch Wahlrechte und
anderes geben. Wir müssen aber einen Interessenaus-
gleich schaffen. Man kann zwar leicht alles Mögliche
fordern – auch dass alle Türen geöffnet werden –, Frau
Jelpke, aber wir haben in den 90er-Jahren gesehen, dass
es auch Punkte gibt, mit denen die deutsche Gesellschaft
überfordert werden kann. Unsere Aufgabe ist es, den In-
teressenausgleich zu schaffen.

Was wir hier vorlegen, ist ein Versuch; es ist nicht der
Weisheit letzter Schluss. Das würden wir nie behaupten.
Politik – das habe ich schon in einem Zwischenruf fest-
gestellt – ist aus meiner Sicht auch ein Versuch. Aber die
Punkteregelung, die wir 2003/2004 in § 20 des letzten
Gesetzentwurfes vorgelegt haben, ist aus meiner Sicht
der richtige Weg.

Insofern bewegt sich Politik auch ständig weiter. Wir
legen ein umfangreiches Paket vor. Ich werbe aber sehr
dafür, dass wir das Thema, wer zu uns kommen kann,
wen wir brauchen und mit offenen Armen empfangen
möchten, weiter vorantreiben. Das war meine zweite Be-
merkung, Herr Innenminister.

Meine Schlussbemerkung bezieht sich auf die Inte-
gration. Ich bin der Meinung, dass Integration in der Tat
eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Das ist aber
nur ein Programmsatz; er muss auch mit Leben gefüllt
werden. Das bedeutet zum Beispiel, dass sich der Staat
nicht aus den notwendigen Maßnahmen für die Integra-
tion zurückziehen darf. Die 140 Millionen Euro – ich
hoffe, dass es 150 Millionen Euro werden –, die wir für
die Sprachförderung einsetzen, sind deshalb gut ange-
legt. Wir sollten vonseiten des Bundes auch weiterhin
die Mittel für die Sprachförderung aufwenden. Wir brau-
chen aber auch die Zivilgesellschaft. Wir brauchen Men-
schen, die sich als Paten für Migranten zur Verfügung

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(C (D tellen. Wir brauchen die Bürgergesellschaft, die ihrereits dokumentiert: Die Menschen, die zu uns kommen, ind hochwillkommen. Wir wollen keine Parallelgesellschaften; wir wollen ielmehr zusammenwirken. Das ist nur als zivilgesellchaftliches Projekt möglich. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609414600

Ich erteile das Wort Kollegin Sevim Dağdelen, Frak-

ion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN – Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Ich habe keinen Beifall geklatscht!)



Sevim Dağdelen (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609414700

Das können Sie nachholen, Herr Wiefelspütz. – Sehr

eehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen
nd Herren! Für die Linke gibt es keine Alternative zu
iner aktiven Integrationspolitik. Für die Linke bedeu-
et Integrationspolitik, Menschen unabhängig von ihrer
erkunft eine gleichberechtigte Partizipation am ge-

ellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozia-
en Leben zu ermöglichen.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Und am kulturellen Leben!)


avon ist die Bundesrepublik aber weit entfernt. Mit
em heute vorliegenden Gesetzentwurf der Regierungs-
oalition werden wir uns von diesem Ziel der Integra-
ionspolitik noch weiter entfernen.

Die Große Koalition hat die Umsetzung von EU-
ichtlinien ausgenutzt, um weitere massive Verschär-

ungen festzuschreiben. Sie waren nicht erforderlich.
ingebürgerte Deutsche, Migranten und Flüchtlinge
üssen in Zukunft mit noch weniger Rechten, mehr Se-

ektion und mehr Abschottung rechnen. Mit den geplan-
en Änderungen wird niemand mehr auf den Gedanken
ommen, Integration hätte noch irgendetwas mit För-
ern zu tun. Der Familiennachzug wird eingeschränkt,
ie Einbürgerung erschwert, und Integrationsangebote
erden mit Sanktionen belegt. Wir brauchen aber keine
olitik der Sanktionen und der Ausgrenzung; wir brau-
hen vielmehr eine Politik der sozialen und rechtlichen
leichstellung.


(Beifall bei der LINKEN)


Früher hat man sich aufgeregt, wenn Politiker von
ützlichen und von schädlichen Ausländern gesprochen
aben. Jawohl, diese Rhetorik war schlimm. Aber noch
iel schlimmer ist, dass heute nach diesen Kriterien still-
chweigend Politik gemacht wird.

Beispiel Familiennachzug: Verlieben und Heiraten
m Ausland ist zwar noch erlaubt, allerdings wird es da-
ach schon schwierig.

9560 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



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Sevim DaðdelenSevim Dağdelen

(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Verlieben ist noch erlaubt!)


Ob jemand seinem Ehe- oder Lebenspartner nach
Deutschland nachziehen darf, hängt davon ab, ob er oder
sie bereits im Herkunftsland Deutsch gelernt hat. Da-
durch wird die überwiegende Mehrheit der Menschen
vom Recht auf Familiennachzug einfach ausgeschlos-
sen.


(Zuruf von der CDU/CSU: Sie können auch einfach Deutsch lernen!)


Menschen aus sogenannten unteren Schichten, ländli-
chen Regionen und ärmeren Ländern haben de facto kei-
nen Zugang mehr zu Sprachangeboten, weil sie einfach
zu teuer oder nicht erreichbar sind. Das geht auch aus
dem Bericht zu der Regelung, die seit dem 15. März
2006 in den Niederlanden gilt, hervor.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609414800

Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage des

Kollegen Winkler?


Sevim Dağdelen (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609414900

Selbstverständlich.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Jetzt aber nicht so scharf, Josef!)



(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Sie haben gerade von Spracherwerb vor der Ein-
reise gesprochen. Herr Dr. Wiefelspütz sagte gerade,
dass Verlieben erlaubt bleibt. Wir wollen einmal sehen,
wie das dann mit dem Verheiraten ist.

Ich habe erwähnt, dass ich mit dem Innenausschuss in
der Türkei war. Ich weiß, dass Sie mit der Parlamen-
tariergruppe, der Freundschaftsgruppe zwischen dem
deutschen und dem türkischen Parlament, vor kurzem
auch in Istanbul und Ankara waren. Wären Sie bereit, zu
bestätigen, dass die Empörung in der Türkei inzwischen
weite Teile des Parlaments, des politischen Lebens und
des kulturellen Lebens ergriffen hat, und würden Sie uns
vielleicht aufgrund Ihrer Erfahrungen berichten, was
dort über diese Gesetzesregelung gedacht wird?


Sevim Dağdelen (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609415000

Vielen Dank für die Frage. Es ist sehr verwunderlich,

dass die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung in
dieser Debatte zum Thema Integration nicht anwesend
ist. Herr Grindel hat sehr viel von Integration gespro-
chen, auch Herr Bundesminister Schäuble hat sehr viel
von Integration gesprochen.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Sie war gerade noch da! Bei Ihnen ist sie gegangen! Das sollte Ihnen zu denken geben!)


– Lassen Sie mich doch einmal ausreden!


(Beifall bei der LINKEN)


Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung be-
zieht zu dem Thema, das hier andauernd rauf und runter

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(C (D ls Integrationsförderungsmaßnahme lanciert wird, berhaupt keine Stellung. Es ist richtig, wir waren als deutsch-türkische Parlaentarierund Parlamentarierinnengruppe in der Türkei. ir haben in Istanbul und in Ankara Gespräche geführt. abei sind uns zwei Sachen aufgefallen. Das Erste war, ass man empört ist, dass man in Deutschland überhaupt o eine Regelung machen möchte. Das Zweite ist noch viel interessanter. Denn ich habe ehr viele Anfragen gemacht, mündliche Fragen und anchmal auch schriftliche Fragen gestellt. Dazu wurde owohl von der Integrationsbeauftragten als auch aus egierungskreisen immer wieder gesagt, dass die türki che Regierung, nämlich der Erziehungsminister Herr elik und auch die Familienministerin Çubukçu, das un erstützt habe. Frau Böhmer erklärte nach einem Treffen it Çubukçu am 26. Oktober in Berlin – ich zitiere –: Beide waren übereinstimmend der Ansicht, dass eine gelungene Integration der im Rahmen des Familiennachzugs nach Deutschland kommenden Frauen und Männer hohe Priorität hat und hierfür das Beherrschen der deutschen Sprache entscheidend ist. Die türkische Regierung will daher über Vorbereitungskurse sicherstellen, dass Grundkenntnisse der deutschen Sprache bereits vor der Einreise nach Deutschland erworben werden. Frau Çubukçu teilte hierzu mit, dass der türkische Ministerpräsident bereits den Erziehungsminister, Herrn Hüseyin Celik, angewiesen habe, die Vorbereitungskurse in den nächsten Monaten auf den Weg zu bringen. as ist eine Pressemitteilung vom 26. Oktober 2006. Auf meine Frage bei Frau Çubukçu, wie sie die ganze ache sieht, schrieb sie mir am 12. März in einem Brief: Bei unseren Gesprächen am 26. 10. 06 mit Staatsministerin Böhmer haben wir die deutsche Seite über die Frauenrechte in unserem Land informiert und eindeutig unseren Standpunkt zur Verpflichtung von Spracherwerb im Herkunftsland als Voraussetzung des Ehegattennachzugs erläutert. Wir haben dabei zum Ausdruck gebracht, dass eine solche Regelung gegen grundlegende Menschenrechte verstößt und wir es nicht hinnehmen können, dass der Nachweis von Deutschkenntnissen zur Voraussetzung von Ehegattennachzug gemacht wird. Das heißt, es wurde klargestellt, dass die Bundesreierung bei ihrem Gesetzesvorhaben bisher mit Halbahrheiten argumentiert hat. (Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Das stimmt doch nicht!)


as wurde bei den Gesprächen, die wir geführt haben,
eutlich.


(Beifall bei der LINKEN)


iese Regelung hat viel mit sozialer Selektion und
ichts mit Integrationsförderung zu tun. Denn Deutsch
ernt man immer noch am besten in Deutschland. Herr
rindel, das sollten Sie sich einmal hinter die Ohren

chreiben.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9561


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Sevim DaðdelenSevim Dağdelen
Um diesen massiven Grundrechtseingriff beim Fa-
miliennachzug zu legitimieren, sind Sie sich aber nicht
zu schade, Menschenrechtsverletzungen wie die Zwangs-
verheiratung politisch zu missbrauchen. Dringend not-
wendige aufenthaltsrechtliche Verbesserungen, wie sie
Frau Laurischk hier dargetan hat und wie sie von den
Sachverständigen bei der Anhörung im Familienaus-
schuss zum Thema Zwangsverheiratung gefordert wur-
den, haben Sie nicht umgesetzt. Wer Migrantinnen wirk-
lich wirksam helfen will, muss die Rechte der
betroffenen Frauen stärken; aber davon ist in dieser No-
velle nichts zu finden.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] – Stephan Mayer [Altötting] [CDU/ CSU]: Und wie sollen sie die wahrnehmen?)


Übrigens hat auch der Kollege Wiefelspütz – jetzt
komme ich zu Ihnen – von der SPD treffend, wie ich
finde


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: „Treffend“? Das kann nicht wahr sein!)


– das ist nicht immer der Fall –, bemerkt, dass diese Re-
gelungen bei einer verfassungsrechtlichen Prüfung – ich
zitiere die „Süddeutsche Zeitung“ vom 30. Januar
2006 – „nicht den Hauch einer Chance“ hätten. Aller-
dings scheint die SPD derartige verfassungsrechtliche
Bedenken im Verlauf der Verhandlungen einfach über
Bord geworfen zu haben.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Sind Sie sicher?)


Das kennen wir ja; wenn das Grundgesetz im Wege
steht, visiert auch der Innenminister manchmal an, es
über Bord zu werfen.


(Beifall bei der LINKEN)


Das Prinzip der sozialen Selektion bestimmt auch die
Bleiberechtsregelung für Geduldete sowie den Familien-
nachzug zu Deutschen. Hartz-IV-Empfänger haben in
Zukunft kein Recht mehr auf ein gemeinsames Familien-
leben. Dass diese Regelung eigentlich auf eingebürgerte
Deutsche zielt, wie der Gesetzesbegründung zu entneh-
men ist, wirft Deutschland in puncto Einbürgerungspoli-
tik um Jahrzehnte zurück. Sie schaffen eine zweite
Klasse von Deutschen, die auch nach ihrer Einbürgerung
Ausländer und damit dem Integrationszwang unterwor-
fen bleiben.

Der vorliegende Gesetzentwurf forciert die repressive
Integrationspolitik der letzten Jahre. Die Große Koali-
tion plant, staatliche Macht auch auf gesellschaftliche
Bereiche auszudehnen, in denen sie eigentlich nichts zu
suchen hat. Öffentliche Stellen wie Schulen oder Kitas
sollen bei besonderer Integrationsbedürftigkeit Eltern an
die Ausländerbehörden melden. Im Klartext: Gespräche
zwischen Lehrern und Eltern werden in Zukunft für Mi-
granten zu einer Zitterpartie; denn vielleicht folgt ja aus
dem nicht so guten Deutsch der Eltern die Meldung an die
Ausländerbehörde. Es ist skandalös, dass der Gesetzent-
wurf hier ausländerbehördliche Aufgaben auf Schulen,

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(C (D itas und Krankenhäuser überträgt, die deren eigentlihem gesellschaftlichen Auftrag absolut widersprechen. Um diese Politik des Zwangs zu legitimieren, durchieht den Gesetzentwurf die Vorstellung von den integraionsverweigernden Migranten. Sie beten die angebliche ückständigkeit auch deswegen immer rauf und runter, m endlich wieder Werte und Leitkultur propagieren zu önnen. Es wundert mich nicht, dass die CDU am letzten ochenende beschlossen hat, die Leitkultur als Eck unkt in ihr neues Parteiprogramm aufzunehmen. Die usgrenzung und Unterwerfung von anderen ist immer uch ein Ausdruck eigener Ängste und Vorurteile. Mit sozialer und rechtlicher Gleichstellung hat dies lles nichts zu tun. Wir brauchen Weichenstellungen bei er Einbürgerung, die erleichtert werden muss. Einbürerung ist nicht Krönung, sondern Voraussetzung der ntegration. Mit unseren Forderungen stellen wir uns an die Seite ener 21 Organisationen, die sich an die Bundeskanzlerin ewendet haben. Wir sind uns einig, dass Integration einer restriktiven Ausgestaltung des Zuwanderungsgeetzes bedarf. Deshalb werden wir im Mai und im Juni it den Migrantenund Flüchtlingsorganisationen gegen ie Verschärfungen im Zuwanderungsgesetz protestieen, sowohl im Parlament als auch außerhalb des Parlaentes. Liebe Kolleginnen und Kollegen, eines zum Schluss. lle, die dieses Gesetz mittragen, möchte ich hier auf ordern: Wenn Sie das nächste Mal bei Christiansen, aybrit Illner oder auch bei Maischberger sitzen, reden ie nicht mehr davon, dass die Integration gescheitert ist. (Sebastian Edathy [SPD]: Wer sagt denn, die Integration ist gescheitert?)


(Beifall bei der LINKEN)


eien Sie so ehrlich, zu sagen, dass Sie selbst die Inte-
ration zum Scheitern gebracht haben, zunächst indem
eutschland jahrzehntelang ein Einwanderungsland
hne Integrationspolitik war und jetzt mit Gesetzen wie
em, das uns heute vorgelegt wurde.

Danke.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609415100

Ich erteile das Wort Kollegen Volker Beck, Fraktion

ündnis 90/Die Grünen.


Volker Beck (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609415200

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Niemand

st dagegen, dass Frauen oder Männer, die zum Zwecke
es Familiennachzuges nach Deutschland einreisen, vor-
er Deutsch lernen. Sie können Sprachkassetten erwer-
en oder Kurse besuchen; es ist wunderbar, wenn sie das
n. Wir sind immer dafür, dass man mehr für den
pracherwerb tut.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Eben!)


9562 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Volker Beck (Köln)

Aber es geht nicht, dass wir Grundrechte daran binden,
dass jemand die deutsche Sprache beherrscht.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Es gibt kein Grundrecht, als Ausländer in Deutschland zu heiraten!)


Sie sind mit diesem Gesetz der Totengräber des Art. 6
Grundgesetz, des besonderen Schutzes von Ehe und Fa-
milie, und das als Christdemokraten. Das ist wirklich
eine Schande.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Wollen Sie in Zukunft auch verlangen, dass man,
wenn man die Glaubensfreiheit, die Vereinigungsfreiheit
oder die Versammlungsfreiheit wahrnimmt, vorher
Deutsch lernt? Nein, das sind Menschen- und Grund-
rechte, die jedem, der Anspruch darauf hat, hierher zu
kommen, zur Verfügung stehen und die jeder wahrneh-
men kann, unabhängig von einem Deutschkurs. Ich bin
für Deutschkurse, aber nicht als Hindernis für die
Grundrechtswahrnehmung. Deshalb ist es eine Schande,
was die Koalition an diesem Punkt macht.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Der Integrationsdiskurs, den Sie führen, geht an der
Sache vorbei. Wir haben nicht das Problem, dass unwil-
lige Menschen massenhaft nicht bereit sind, an Integra-
tionskursen teilzunehmen. Wir haben vielmehr ein Pro-
blem mit den Schlangen vor den Einrichtungen, die
Integrationskurse anbieten.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Das ist doch Quatsch! Das ist doch dummes Zeug, Herr Beck! Es gibt keinen, der abgelehnt wird! Sie haben keine Ahnung!)


Die Situation ist die, dass Menschen keinen Platz in die-
sen Kursen finden oder nicht genügend Stunden Unter-
richt bekommen. Denn manchmal kommen Angehörige
von bildungsfernen Schichten nicht mit 600 Unterrichts-
stunden aus, um das geforderte Sprachniveau zu errei-
chen.

Ich habe mir kürzlich in Köln in meinem Wahlkreis


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Sie haben einen Wahlkreis? Das wüsste ich aber!)


eine sehr gute Einrichtung für muslimische Frauen ange-
schaut.


(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Wo denn?)


Dort habe ich Frauen angetroffen, die schon 17 Jahre
oder länger in Deutschland leben, ohne deutsch sprechen
zu können. Dieser Einrichtung, die sich an Frauen mit
muslimischem Hintergrund richtet und deren Lebens-
welt kulturell nahesteht, ist es gelungen, viele Frauen
zum Besuch der Sprachkurse zu bewegen, die vorher
aufgrund ihre mangelhaften Schulbildung nicht den Mut
zum Besuch eines solchen Kurses hatten. Aber für diese
Menschen reichen 600 Stunden nicht aus. Wir brauchen
also nicht neue Sanktionen, sondern mehr Kurse und
mehr Geld für die Integration. Das sind die Punkte, um
die es geht.

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(C (D Natürlich ist es richtig – der Innenminister hat es vorin angesprochen –: Zur Integration gehört mehr als pracherwerb und Juristerei. Dazu gehört auch die kulurelle Integration. Die religionsrechtliche Frage im usammenhang mit dem Islam ist natürlich eine der chlüsselfragen, die wir beantworten müssen. Aber wo st, bitte schön, die Roadmap zur Gleichberechtigung des slam bei der Islamkonferenz? Es liegt noch nichts auf em Tisch außer Diskursen und Gesprächen. Am Ende er Islamkonferenz muss es aber einen Plan geben, wie an die religionsverfassungsrechtliche Integration des slam erreicht. Wenn man das nicht schafft, gibt es keien deutschsprachigen Religionsunterricht für Muslime. (Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Das stimmt doch nicht!)


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


enn wir diese Probleme nicht lösen, dann gibt es keine
eutsch sprechenden Imame und keine theologische
usbildung von Geistlichen islamischen Glaubens. Das
roblem haben Sie erkannt, aber Sie haben noch keine
ösung gefunden und müssen daher noch Ihre Hausauf-
aben machen.

Ich komme zu weiteren Punkten dieses Gesetzent-
urfes. Es fällt auf, dass er eine halbherzige Umsetzung
er EU-Richtlinien ist und dass er eine hartherzige Alt-
allregelung enthält.


(Dr. Dieter Wiefelspütz [SPD]: Hartherzig? Sehr weitgehend!)


ußerdem enthält er jede Menge Verschärfungen, die
on der Europäischen Union überhaupt nicht vorgesehen
aren. Es gibt da keine inhaltliche Verbindung zu den
ichtlinien. Ich wünschte mir, Sie hätten sich an Ihren
oalitionsvertrag gehalten. Denn bei einer Eins-zu-eins-
msetzung des EU-Rechts wären mehr Integration und
ehr Flüchtlingsschutz herausgekommen als bei diesem
ust, den wir auf dem Tisch haben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich will an ein paar Punkten deutlich machen, wo die
msetzung unpräzise und EU-rechtswidrig ist.

Erster Punkt. Die EU verlangt verbindlich für subsi-
iär Geschützte – also für Menschen, die nicht abge-
choben werden können, weil ihnen in ihrer Heimat Fol-
er und Todesstrafe drohen –, dass sie einen
ufenthaltstitel bekommen. Was machen Sie aber in Ih-

em Gesetzentwurf? Sie sprechen von einer Sollrege-
ung. Sie müssen aber eine Istregelung vorsehen. Das
erlangt die Europäische Union. Sie tun also weniger für
en Flüchtlingsschutz, als in Europa vorgeschrieben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Zweiter Punkt: Bürgerkriegsflüchtlinge. Hier gilt
as Gleiche. Sie führen Hindernisse für den Schutz von
ürgerkriegsflüchtlingen ein – das ist aber in der ent-

prechenden EU-Richtlinie nicht vorgesehen –, indem
ie zusätzliche Formulierungen in den Gesetzentwurf
chmuggeln und damit die Hürden für den Schutz von
ürgerkriegsflüchtlingen höher ansetzen.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9563


(A) )



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Volker Beck (Köln)

Dritter Punkt: Menschenhandel. Es werden immer
Krokodilstränen über Zwangsverheiratungen, Ehren-
morde und Menschenhandel vergossen. Wir sind uns alle
darin einig, dass wir das bekämpfen wollen. Aber Sie
wollen es auf eine Art und Weise tun, die nicht genügend
Opferschutz beinhaltet. Nur wenn die Opfer aussagen,
werden wir die Täter verurteilen können. Nur wenn wir
die Opfer schützen, können wir sie dazu ermutigen. Die
entsprechende europäische Richtlinie besagt, dass
Frauen, die mit der Polizei zusammenarbeiten und die
Menschenhändler anzeigen wollen – erst dann können
Strafverfolgungsmaßnahmen eingeleitet werden –, sechs
Monate lang die Möglichkeit haben sollen, sich zu über-
legen, ob sie diesen Schritt wagen wollen. In dieser Zeit
sollen sie eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Was
machen Sie aber? Sie sehen in dem Gesetzentwurf einen
Zeitraum von drei Monaten vor.

Die Aufnahmerichtlinie verlangt, dass Opfer von
Menschenhandel Therapie und medizinische Behand-
lung angeboten bekommen. Denn diese Menschen sind
oftmals traumatisiert. Sie wurden vielfach zur Prostitu-
tion gezwungen und fürchterlich ausgebeutet. Sie haben
Anspruch auf medizinische Hilfe. Was sehen Sie im Ge-
setzentwurf vor? Das Asylbewerberleistungsgesetz wird
lediglich dahin gehend verändert, dass für Flüchtlinge
ein Zeitraum von vier Jahren vorgesehen ist. Aber es
wird nicht geregelt, dass die medizinische Behandlung
von Opfern von Menschenhandel in Zukunft bezahlt
wird.

Sie lassen viele Dinge weg, beispielsweise, was den
Schutz derjenigen anbelangt, die aufgrund ihrer Religion
oder ihrer sexuellen Identität verfolgt werden. Sie haben
eine ganze Reihe von Punkten einfach gar nicht umge-
setzt und stattdessen jede Menge Verschärfungen, für die
es in den Richtlinien keinen Anhaltspunkt gibt, hier auf
den Tisch gelegt. Ich rate Ihnen: Schmeißen Sie den Ge-
setzentwurf in den Papierkorb! Beginnen Sie von
Neuem! Nehmen Sie dabei wirklich die elf Richtlinien in
die Hand!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf von der SPD: Herr Beck, wer hat Ihnen das aufgeschrieben?)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609415300

Ich erteile das Worte Kollegen Stephan Mayer, CDU/

CSU-Fraktion.


Stephan Mayer (CSU):
Rede ID: ID1609415400

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine werten Kollegin-

nen! Sehr geehrte Kollegen! Angesichts des Gesetzent-
wurfs, den wir heute in erster Lesung beraten, können
wir feststellen: Das deutsche Ausländer- und Zuwande-
rungsrecht ist endlich in der Realität angekommen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Es handelt sich um einen sachgerechten, ausgewogenen
Kompromiss, der den aktuellen Anforderungen an ein
ideologiefreies und zeitgemäßes Zuwanderungsrecht in
vollem Umfang gerecht wird.

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(C (D Es wird deutlich – ich möchte das in aller Entschieenheit unterstreichen –, dass Deutschland kein Einanderungsland ist. (Lachen beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf von der SPD: Da stehen Sie aber allein! – Sebastian Edathy [SPD]: Sie haben eben von „Realität“ gesprochen! – Dr. Michael Bürsch [SPD]: Das hat doch sogar Koch gesagt! Das kann doch wohl nicht wahr sein! Willkommen in der Vergangenheit!)


n Nachfolge des Zuwanderungsgesetzes, das zum
. Januar 2005 in Kraft getreten ist, wird mit diesem Ge-
etz der Multikulti-Gout, der dem Zuwanderungs- und
usländerrecht bisher innewohnte, endgültig ausge-
aucht. Ich möchte in aller Deutlichkeit feststellen, wie
ichtig es uns war, dass in § 43 Abs. 1 deutlich gemacht
ird, dass die Integration nicht nur ein Anspruch, son-
ern auch eine Verpflichtung des nach Deutschland
ommenden ist. Integration bedeutet Fördern und For-
ern.

Die Sprach- und Orientierungskurse, die seit dem
. Januar 2005 angeboten werden, wurden schon ange-
prochen. Sie haben sich bewährt. Wir haben sie evalu-
ert und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sie noch
ielgenauer werden müssen. Vielleicht müssen wir ins-
esamt noch mehr machen. Dabei möchte ich eines beto-
en: Wenn hier die Anforderungen wirklich höher sind,
ann müssen wir mehr Geld in die Hand nehmen. Ich
age aber eines ganz offen: Ich erwarte von den nach
eutschland kommenden Ausländern, dass sie die An-
ebote wahrnehmen. Deswegen ist es richtig, dass jetzt
rstmals festgeschrieben wird, dass die vorsätzliche,
achhaltige Nichtteilnahme an diesen Sprachkursen
anktionsbewehrt ist:


(Beifall bei der CDU/CSU)


unächst besteht die Möglichkeit, soziale Transferleis-
ungen zu kürzen; im Ernstfall, am Ende der Kette, be-
teht die Möglichkeit, dass der noch nicht verfestigte
ufenthaltstitel gestrichen wird.

Es ist schon mehrmals betont worden, dass das Erler-
en der deutschen Sprache der entscheidende Punkt

st. Das Kennen der deutschen Sprache ist noch keine
inreichende Bedingung, um in Deutschland erfolgreich
uß fassen zu können, um sich in die deutsche Gesell-
chaft integrieren zu können, um sich auf dem deutschen
rbeitsmarkt bewähren zu können, aber es ist eine not-
endige Bedingung. Deswegen machen wir deutlich:
as Erlernen der deutschen Sprache ist die entschei-
ende Stellschraube. Es ist richtig, dass der Gesetzent-
urf hier einen Schwerpunkt setzt.

Das Phänomen der Zwangsverheiratung – mögli-
herweise noch verbunden mit Ehrenmorden – ist unsäg-
ich;


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und strafbar!)


s ist in keiner Weise zu tolerieren und muss mit allen
öglichen Mitteln bekämpft werden. Nur haben wir

eststellen müssen, dass die Mittel, die wir bisher zur

9564 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



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Stephan Mayer (Altötting)

Verfügung hatten, nicht ausreichten, dass sie nicht ge-
griffen haben. Deswegen ist es richtig, jetzt auch hier
deutliche Nachbesserungen vorzunehmen: Wir legen das
Ehegattennachzugsalter auf 18 Jahre fest. Wir haben
die Erfahrung gemacht, dass junge Mädchen – man muss
offen sagen: vor allem türkische Mädchen –


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt kommt’s raus!)


besonders einfach von den Eltern, von den Großeltern
gezwungen werden können, einen Mann zu heiraten, den
sie an und für sich gar nicht heiraten wollen. Diese Mäd-
chen müssen dann – auch gegen ihren Willen – nach
Deutschland kommen. Ich hoffe, dass es gelingt, dies in
Zukunft zu verhindern. Man kann es zum jetzigen Zeit-
punkt sicher noch nicht versprechen, aber ich wünsche
mir, dass es mit der Festlegung des Ehegattennachzugs-
alters auf 18 Jahre gelingen wird, dem Phänomen der
Zwangsverheiratung in Zukunft Einhalt zu gebieten.

Ich kann jedem Kollegen und jeder Kollegin nur emp-
fehlen, das Buch „Die fremde Braut“ von Necla Kelek
zu lesen. Hier wird klargemacht, welche Ausmaße das
Phänomen der Zwangsverheiratung für eine Familie und
für ein Individuum im Extremfall annehmen kann.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609415500

Kollege Mayer, gestatten Sie eine Zwischenfrage der

Kollegin Dağdelen?


Stephan Mayer (CSU):
Rede ID: ID1609415600

Sehr gerne.


Sevim Dağdelen (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609415700

Vielen Dank, Herr Kollege. – Nachdem Sie ja jetzt

noch einmal die Festsetzung des Ehegattenalters für den
Nachzug und in diesem Zusammenhang auch die gefor-
derten Deutschkenntnisse verteidigt haben, möchte ich
Sie gerne fragen, ob Ihnen bekannt ist, dass es vier Gut-
achten des Wissenschaftlichen Dienstes gibt, die besa-
gen, dass es sowohl erhebliche verfassungsrechtliche
Bedenken gibt gegen die geplanten Änderungen – Fest-
setzung des Ehegattenalters auf 18 Jahre und Verlangen
von Deutschkenntnissen als Zuzugsvoraussetzung – in
Bezug auf den Nachzug zu Deutschen und zu Drittstaa-
tenangehörigen in Deutschland als auch Bedenken, ob
dies richtlinienkonform ist.


Stephan Mayer (CSU):
Rede ID: ID1609415800

Sehr verehrte Frau Kollegin Dağdelen, es gibt Gut-

achten in die eine und in die andere Richtung. Verfas-
sungsrechtliche Bedenken werden ja in der heutigen Zeit
immer dann vorgebracht, wenn man politisch etwas ab-
lehnt oder in eine andere Richtung bringen möchte. Ich
habe zum Ausdruck gebracht: Mit der Festlegung des
Ehegattennachzugsalters auf 18 Jahre soll der Versuch
unternommen werden, dem Phänomen der Zwangsver-
heiratung entgegenzuwirken. Ob das zu 100 Prozent ge-
lingt, kann an dieser Stelle keiner versprechen. Ich bin
aber der festen Überzeugung, dass es einen Versuch wert
ist. Deswegen finde ich es richtig, dass wir uns am Ende

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(C (D er Verhandlungen dazu durchgerungen haben, dieses hegattennachzugsalter entsprechend festzulegen. Meine sehr verehrten Damen und Herren, meines Erchtens wurde in der bisherigen Debatte zu wenig beont, dass dieser Gesetzentwurf auch ein Reflex auf das st, was wir in den vergangenen Jahren im Bereich des usländerund Zuwanderungsrechtes erlebt haben. Ich öchte in diesem Zusammenhang nur den Fall Mehmet, ieses Serienstraftäters aus München, erwähnen. Nach msetzung dieses Gesetzentwurfs können erstmals heranachsende Serienstraftäter, die schon eine Niederlas ungserlaubnis in Deutschland haben, unter erleichterten edingungen abgeschoben werden. Das ist ein großer rfolg, der mit diesem Gesetz erreicht wird. Ein weiterer aktueller Fall, der auch Niederschlag in iesem Gesetzentwurf gefunden hat, ist der der Kofferombenattentäter vom 31. Juli letzten Jahres, bei dem es lücklicherweise beim schrecklichen Versuch geblieben st. Wir haben darauf entsprechend reagiert, indem wir ie Möglichkeit eröffnen, ausländischen Studenten die ufenthaltserlaubnis zunächst einmal nur probeweise ür ein Jahr zu gewähren. Diese Aufenthaltserlaubnis ann dann in der Folge natürlich verlängert werden. Es ibt aber leider Gottes, wie wir feststellen mussten, das hänomen, dass an sich unbescholtene und ideologisch och nicht verbrämte ausländische Studenten nach eutschland kamen und während ihres Aufenthaltes hier adikalisiert wurden. Ich meine diese sogenannten omegrown Terrorists, die hier in Deutschland erst daurch, dass sie den falschen Imamen in die Finger kaen, radikalisiert wurden. Diesem Phänomen kann da urch Einhalt geboten werden, dass zunächst einmal nur ine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr erteilt wird. Der Gesetzentwurf, der heute in erster Lesung zur Beatung ansteht, trägt in vielen Fällen dazu bei, ein zielnd passgenaueres und auch den Anforderungen der Relität angemesseneres Ausländerund Zuwanderungsecht zu schaffen. Dieses Zuwanderungsrecht lässt aber uf der anderen Seite auch liberalere Tendenzen erkenen. So setzen wir die Opferschutzrichtlinie um und chaffen einen neuen Aufenthaltserlaubnistatbestand für orscher. Darüber hinaus gibt es für Studenten zum Beipiel die Möglichkeit, eine Aufenthaltserlaubnis nicht ur für ein Mitgliedsland der Europäischen Union, sonern auch noch für ein zweites zu bekommen. Es wäre also verfehlt und meines Erachtens eine beusste Fehlinformation, wenn behauptet würde, bei die em Gesetz handele sich um ein Zuwanderungsverhindeungsgesetz oder dieses Gesetz enthalte nur restriktive edanken. Es handelt sich meines Erachtens, wie schon rwähnt, um einen sehr ausgewogenen Kompromiss. Ich ann nur allen Kolleginnen und Kollegen empfehlen, as Gesetzgebungsverfahren konstruktiv – vonseiten der pposition möglicherweise auch kritisch, aber dann itte konstruktiv-kritisch – zu begleiten und es zügig voanzutreiben. Es laufen derzeit ja schon acht Vertragserletzungsverfahren der Europäischen Kommission ge Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9565 Stephan Mayer gen Deutschland, weil wir insgesamt schon mit der Umsetzung von neun Richtlinien in Verzug sind. (Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Weil Sie ein Jahr lang verhandelt haben! Dafür kann die Opposition nichts!)


(Beifall bei der CDU/CSU)


(Beifall bei der CDU/CSU)


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Deswegen ist, wie ich glaube, eine gewisse Eile und Zü-
gigkeit geboten.


(Zuruf von der SPD: Aber auch Sorgfalt!)


In dem Sinne wünsche ich uns ertragreiche und gute Ver-
handlungen.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609415900

Ich erteile das Wort Kollegen Dieter Wiefelspütz,

SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Dr. Dieter Wiefelspütz (SPD):
Rede ID: ID1609416000

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Die SPD-Bundestagsfraktion ist, wenn ich rich-
tig rechne, jetzt im neunten Jahr in der Regierungsver-
antwortung.


(Dr. Carl-Christian Dressel [SPD]: Das ist gut so! – Ulla Jelpke [DIE LINKE]: Lange genug!)


Das Thema „Deutschland und Ausländer“, das Zusam-
menleben hier hat für uns in diesen acht Jahren immer
eine große Rolle gespielt. Das wird auch in Zukunft so
sein. Wir haben, durchaus in einer sehr konfrontativen
Stimmung in Deutschland, vor Jahren unseren Teil dazu
beigetragen, dass man in der Wirklichkeit dieses Landes
angekommen ist. Ich erinnere an die Reform des Staats-
angehörigkeitsrechts, und ich erinnere an die leiden-
schaftliche Auseinandersetzung um das Zuwanderungs-
gesetz.

In dieser Kontinuität machen wir Politik – jetzt in
einer anderen Konstellation, nicht mehr Rot-Grün, son-
dern Schwarz-Rot. Ich freue mich darüber, dass inzwi-
schen auch andere in der Wirklichkeit unseres Landes
angekommen sind,


(Sebastian Edathy [SPD]: Mehr oder minder!)


mit denen wir jetzt gemeinsam diese großen Fragen, um
die es geht, gestalten.

In der Tat – da stimmen wir ausdrücklich mit der
Position des Ministers Schäuble überein –: Es handelt
sich bei der Integration um eine der ganz großen gesell-
schaftlichen Querschnittsaufgaben. Es geht ganz ent-
scheidend um die Qualität des Lebens in unserem Land,
um inneren Frieden und um Stabilität unserer demokrati-
schen Institutionen. Da ist in der Vergangenheit einiges
geschehen. In der Gegenwart und in der Zukunft wird
Weiteres notwendig sein.

Auch das, was wir heute debattieren, ist letztlich nur
ein Zwischenschritt, aber ein wichtiger, ein gewichtiger.

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(C (D ch will eines sehr deutlich sagen, auch mit etwas Pathos der Kollege Veit hat schon das Taschentuch gelüftet –: ie Große Koalition, wird sehr unterschiedlich bewertet. (Hartfrid Wolff [Rems-Murr] [FDP]: Sogar heftig! – Sibylle Laurischk [FDP]: Wie wahr!)


Sie wird auch in meiner Fraktion, in meiner Partei sehr
nterschiedlich bewertet. Gestern war von Zwangsehe
ie Rede, beispielsweise bei meinem Freund Sebastian
dathy.


(Sibylle Laurischk [FDP]: Brauchen Sie Opferschutz?)


Ich sage in vollem Bewusstsein des pathetischen Un-
ertons: Für das Zusammenleben von Deutschen und
usländern, für das große Thema Integration ist die
roße Koalition ein Glücksfall, meine sehr verehrten
amen und Herren,


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Herr Mayer hat gerade gesagt, dass wir kein Einwanderungsland sind!)


eil die großen politischen Kräfte dieses Landes, die
rei sehr unterschiedlichen Parteien, Herr Winkler, die
iese Koalition tragen, CSU, CDU und SPD, stark in
und und Ländern, das große Thema für einige Jahre ge-
einsam schultern wollen und schultern müssen. Da ist

eder von uns in der Verantwortung, so unterschiedlich
ir sind.

Ich freue mich darüber, Herr Grindel, dass wir heute
iteinander konkurrieren und beim großen Thema Inte-

ration zu gemeinsamen Ergebnissen kommen.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609416100

Kollege Wiefelspütz, gestatten Sie eine Zwischen-

rage der Kollegin Laurischk?


Dr. Dieter Wiefelspütz (SPD):
Rede ID: ID1609416200

Jetzt schon? Am Ende der Debatte vielleicht. – Aber

itte schön, Frau Kollegin. Ich war allerdings gerade
ehr pathetisch. Bedenken Sie das bitte bei Ihrer Zwi-
chenfrage.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das schaffen Sie gleich wieder!)



Sibylle Laurischk (FDP):
Rede ID: ID1609416300

Das versetzt mich in Sorge und deswegen meine

rage, Herr Kollege Wiefelspütz.

Sie stellen das hier so dar, dass sie sozusagen einen
eilenstein erreichen wollen. Da würde mich schon in-

eressieren, wie Sie die Aussage des Herrn Kollegen
ayer, ihres Vorredners – das sehe ich als eine Aussage

er CDU/CSU-Fraktion –, bewerten, dass Deutschland
ein Einwanderungsland sei.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Eben!)


9566 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Dr. Dieter Wiefelspütz (SPD):
Rede ID: ID1609416400

Sehr geehrte Kollegin, schönen Dank für diese

Frage. – Ich schätze den Kollegen Mayer sehr. Aber er
war bei den Verhandlungen nicht dabei.


(Sebastian Edathy [SPD]: Manche üben auch noch!)


Das ist eigentlich das, was man dazu sagen kann.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sind wir denn jetzt ein Einwanderungsland oder nicht?)


Jetzt will ich aber doch zu dem Glücksfall der Großen
Koalition für das Thema Ausländer zurückkehren. Wir
ringen gemeinsam um das große Thema Integration.
Dazu will ich sagen: Da ist in der Vergangenheit nicht al-
les falsch gelaufen. Aber es ist doch völlig klar, dass wir
erhebliche Defizite haben. Schauen Sie sich nur die bei-
den entscheidenden Parameter „Anzahl der Bildungs-
abschlüsse“ und „Anzahl der Arbeitslosen“ an. An bei-
den Parametern kann man erkennen, welche Defizite es
auf diesem Sektor noch gibt: Gleichberechtigung, glei-
che Partizipation der Menschen, die aus dem Ausland zu
uns gekommen sind, ist weder im Bildungsbereich noch
auf dem Arbeitsmarkt festzustellen. Solange das so ist,
haben wir jede Menge zu tun, und der Staat muss an die-
ser Stelle seiner Mitverantwortung gerecht werden.

Wenn es um Integration geht, ist Bildung aus meiner
Sicht der entscheidende Punkt.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Herr Grindel, dafür sind in erster Linie nicht wir, der
Bund, zuständig. Wir müssen eine große Anstrengung
unternehmen. Wir wollen auf dem Gebiet der Integra-
tionskurse – sie sind sehr wichtig; ich möchte Herrn
Albert Schmid in Nürnberg und seinen Mitarbeitern sehr
danken; sie machen eine sehr gute Arbeit – Schritt für
Schritt noch ein bisschen besser werden; das geht auch.
Integrationskurse sind trotzdem immer nur ein Teil des-
sen, was sich in Deutschland auf der Bundes-, auf der
Länder- und auf der kommunalen Ebene abspielen muss.
Das, was in einem Sportverein oder in einem Kindergar-
ten auf diesem Sektor passiert, ist möglicherweise noch
viel wichtiger als das, was wir hier anschieben und vo-
ranbringen.

Ich freue mich, dass sich das im Grunde trotz aller
Kontroversen in die richtige Richtung entwickelt. Es
geht darum, dass diese Menschen in diesem Land an-
kommen. Damit meine ich, dass sie nicht nur ein Dach
über dem Kopf haben, sondern hier in Deutschland ihre
Heimat finden. Das ist erst dann erreicht, wenn die
gleichberechtigte Teilhabe an allen Möglichkeiten in
diesem Land erreicht ist. Da haben wir noch eine Menge
zu tun. Trotzdem will ich das, was bislang stattgefunden
hat, nicht kaputtreden.

Ich möchte – das sage ich ohne Selbstherrlichkeit,
ohne Arroganz und ohne Überheblichkeit – mit keinem
anderen Land, auch mit keinem europäischen Nach-
barn, tauschen, was Integration angeht. Bei allem Re-
spekt sage ich: Ich möchte weder mit den Niederlanden
noch mit Frankreich und schon gar nicht mit Großbritan-

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(C (D ien tauschen. Wir machen hier einiges sehr richtig. Das ollten wir ohne Selbstzufriedenheit und schon gar nicht it Arroganz feststellen. Das, was hier richtig gemacht ird, sollten wir verstärken, vertiefen und vorantreiben. a bin ich guten Mutes. Allerdings wird das, was diesen Gesetzentwurf prägt, on manchen kritisiert. Ich will ausdrücklich hervorheen: Wir machen hier schon – ich spreche einmal Klarext – einen gewissen Druck. Zum einen üben wir Druck uf die deutsche Mehrheitsgesellschaft aus. Ich sage in ichtung Bundesregierung und insbesondere dem inanzminister: Wir müssen an dieser Stelle wirklich etas leisten. Wir, die deutsche Mehrheitsgesellschaft, üssen uns an dieser Stelle bewegen. Integration funk ioniert nur, wenn die Hand ausgestreckt wird, wenn ein aires Angebot da ist, wenn wir für die Menschen, die zu ns kommen, offen sind. Wir üben also Druck auf uns elber aus. Darüber hinaus sagen wir aber auch denjenigen, die u uns kommen: Ihr müsst euch anstrengen, zumindest m Interesse eurer Kinder und Kindeskinder. Sich zu inegrieren, ist weder einfach noch bequem. Das alles ringt auch etwas Verpflichtendes mit sich. Niemand von uns will die Installation einer Integraionspolizei oder einen ähnlichen Quatsch. Das will kein ensch. Aber es muss in diesem Land schon klar sein, ass wir uns alle miteinander bewegen müssen. Faire ngebote müssen gemacht werden. Ebenso erwarten ir, dass diese Angebote angenommen werden. (Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


as Prinzip der Gegenseitigkeit, das Prinzip des För-
erns und Forderns, muss durchbuchstabiert werden. An
ieser Stelle können und müssen wir in den kommenden
ahren besser werden.

Ich möchte noch kurz etwas zum Thema Bleiberecht
agen. Es ist richtig, hier eine Altfallregelung zu schaf-
en. Ich sage aber auch selbstkritisch und gleichzeitig
elbstbewusst: Das haben wir unter Rot-Grün nicht zu-
tande gebracht.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das lag aber nicht an den Grünen! Das lag an Euch!)


ass das jetzt anders ist, hat natürlich etwas damit zu
un, das wir eine Große Koalition sind. Herr Winkler, so
st das. Wir hätten das, was jetzt möglich ist, damals
icht zustande gebracht. Ich möchte mich bei allen, die
aran mitgewirkt haben, bedanken. Das Hauptverdienst
n dieser wichtigen Bleiberechtsregelung haben Herr
üntefering und Herr Schäuble. Bei allem Respekt vor

llen anderen, die auch noch mitgewirkt haben: Herr
chäuble und Herr Müntefering haben das durchgesetzt,
eide möglicherweise aus unterschiedlichen Erwägun-
en, aber sie waren diejenigen, die gesagt haben: Wir
ollen das.

Ich will abschließend ausdrücklich die Regelung her-
orheben, damit das nicht untergeht – Herr Schäuble hat
uch darauf hingewiesen –, dass Geduldete nach einem

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9567


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Dr. Dieter Wiefelspütz
vierjährigen Aufenthalt in Deutschland den uneinge-
schränkten Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Das ist den
Fachleuten und der Spitze des Arbeitsministeriums nach
meinem Eindruck nicht leichtgefallen. Angesichts der
Millionen von Arbeitslosen in Deutschland ist ihnen das
zu Recht nicht leichtgefallen. Ich glaube, dass diese Re-
gelung richtig und notwendig ist. Sie ist aber auch eine
große Leistung, die früher nicht denkbar gewesen wäre.
Arbeiten hat nicht nur etwas mit Geldverdienen zu tun,
sondern auch etwas mit Menschenwürde. Dass diese
Menschen nach vier Jahren Aufenthalt in Deutschland
einen gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt ha-
ben, ist eine große Errungenschaft. Ich finde das sehr
positiv.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609416500

Herr Kollege, Sie müssen zum Ende kommen.


(Josef Philip Winkler [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich dachte, er wäre schon am Ende!)



Dr. Dieter Wiefelspütz (SPD):
Rede ID: ID1609416600

Das tue ich, sonst rege ich mich noch mehr auf, Herr

Präsident. – Wir werden in den kommenden Wochen Ge-
legenheit haben, intensiv zu beraten. Wir haben eine
große Anhörung. Lassen Sie uns aus diesem Gesetzent-
wurf etwas Vernünftiges machen. Der Entwurf liegt auf
dem Tisch. Die Beratungen sind eröffnet.

Ich danke Ihnen für das Zuhören.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609416700

Ich schließe die Aussprache.


(Gerd Andres [SPD]: Ich habe noch eine Frage, Herr Präsident!)


– Zu spät.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 16/5065, 16/3198, 16/4487, 16/4609,
16/4739, 16/4907, 16/5109, 16/5103, 16/5116 und 16/5108
an die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vor-
geschlagen, wobei die Vorlage auf Drucksache 16/5116
zu Tagesordnungspunkt 6 i federführend im Innenaus-
schuss beraten werden soll. Die Vorlage auf
Drucksache 16/5141 – Zusatzpunkt 9 – soll zur federfüh-
renden Beratung an den Innenausschuss und zur Mitbera-
tung an den Auswärtigen Ausschuss sowie an den Aus-
schuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
überwiesen werden. Die Vorlage auf Drucksache 16/2000
– Zusatzpunkt 10 – soll zur federführenden Beratung an
den Innenausschuss und zur Mitberatung an den Aus-
wärtigen Ausschuss, den Rechtsausschuss und den Aus-
schuss für Arbeit und Soziales, den Ausschuss für Fami-
lie, Senioren, Frauen und Jugend, den Ausschuss für
Menschenrechte und Humanitäre Hilfe, den Ausschuss
für Bildung und Forschung, den Ausschuss für wirt-
schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, den Aus-

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(C (D chuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union owie an den Ausschuss für Kultur und Medien überwieen werden. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der all. Dann sind die Überweisungen so beschlossen. Wir kommen zu Tagesordnungspunkt 6 j: Beschlussmpfehlung des Innenausschusses zu dem Antrag der raktion Die Linke mit dem Titel „Die Welt zu Gast bei reunden – Für eine offenere Migrationsund Flücht ingspolitik in Deutschland und in der Europäischen nion“. Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschluss mpfehlung auf Drucksache 16/4039, den Antrag der raktion Die Linke auf Drucksache 16/1199 abzulehnen. er stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Wer timmt dagegen? – Enthaltungen? – Die Beschlussempehlung ist mit den Stimmen der CDU/CSU, SPD und DP gegen die Stimmen der Fraktionen Die Linke und ündnis 90/Die Grünen angenommen. Ich rufe den Tagesordnungspunkt 7 auf: Vereinbarte Debatte Strategieplanung der EU-Kommission 2008 Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die ussprache eine Dreiviertelstunde vorgesehen. – Ich öre keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen. Ich eröffne die Aussprache und erteile dem Staatsinister Günter Gloser das Wort. Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen nd Kollegen! Das Strategieprogramm der Europäischen ommission verdient besondere Beachtung; denn es ist in frühes Element in einem Planungsprozess auf euroäischer Ebene, an dessen Ende das sogenannte rbeitsprogramm der Kommission stehen wird. In ih em Arbeitsprogramm wird die Kommission die strategichen Überlegungen in einen konkreten Aktionsplan berführen. Die Kommission hat dieses Arbeitsproramm für Oktober 2008 angekündigt. Warum ist es so wichtig, jetzt darüber zu sprechen? s geht nicht um irgendwelche neutralen Dinge oder ine bestimmte Gruppe. Vielmehr betrifft es die Bürgeinnen und Bürger, viele Institutionen, die Wirtschaft, erbände, die Umwelt, Arbeitsplätze und vieles mehr. s ist daher wichtig, dass wir uns früh auf nationaler bene mit den Überlegungen der Kommission befassen nd uns in den weiteren Planungsprozess einbringen. enn ich an manche Debatten in den letzten Jahren enke, dann komme ich zu dem Schluss, dass es uns iesmal frühzeitig gelungen ist. Das Strategieprogramm für 2008 orientiert sich wie in en Vorjahren an den zentralen strategischen Zielen ohlstand, Solidarität und Sicherheit: erstens Wohlstand urch höheres Wachstum sowie durch neue und bessere rbeitsplätze, zweitens Solidarität über mehr soziale erechtigkeit zwischen den Regionen, zwischen den ürgerinnen und Bürgern sowie zwischen den Genera ionen und drittens Sicherheit zur Reduzierung der Risien aus Terrorismus und Kriminalität, aber auch Ge 9568 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Staatsminister Günter Gloser währleistung eines ungehinderten Zugangs zum Recht und zu den Grundrechten. Diese Ziele geben meiner Auffassung nach einen klaren Rahmen für die politischen Maßnahmen vor, die den Erwartungen der Bürger an ein handlungsorientiertes Europa entsprechen. Die Erarbeitung der Jahresplanung und des Arbeitsprogramms erfolgt grundsätzlich in eigener Verantwortung der Kommission. Dennoch ist es wichtig, dass das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten durch die Kommission in die Programmerarbeitung eingebunden sind. In diesem Sinne erfolgte bereits im März eine erste Befassung des Europäischen Parlaments. Je nach den eigenen politischen Schwerpunkten wurde die strategische Planung dort sehr kritisch hinterfragt. Um nur einen Punkt aufzugreifen: Bedenken wurden übereinstimmend gegen eine Finanzierung neuer Initiativen zulasten anderer Politikbereiche geäußert. Die Bundesregierung hat am 19. März eine eigene, umfangreiche schriftliche Stellungnahme abgegeben. Uns kam es darauf an, frühzeitig unsere Vorstellungen einzubringen, um nicht später mühsam nachzusteuern, wie viele Parlamentarierinnen und Parlamentarier es aus den Debatten in den letzten Jahren kennen. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


(Legislativ- und Arbeitsprogramm)

Günter Gloser (SPD):
Rede ID: ID1609416800

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(B) )


Allgemein haben wir begrüßt, dass die Planung Kontinui-
tät aufweist. Außerdem unterstützen wir die verstärkte
Einbeziehung der wichtigen Politikbereiche Energiever-
sorgung und Klimaschutz. Die Kommission nimmt in-
zwischen eine „Bessere Rechtsetzung“ als Kernstück ih-
rer täglichen Arbeit wahr; das ist richtig so.
Umsetzungsmaßnahmen hierzu werden seitens der
Kommission für 2008 als Kernziel angesehen. Das ent-
spricht der deutschen Position und ist ein erster Erfolg
der deutschen Bemühungen während der EU-Ratspräsi-
dentschaft.

Die Bundesregierung hat sich allerdings auch kri-
tisch geäußert. So haben wir beispielsweise angemahnt,
dass die Kommission bei der weiteren Erarbeitung ih-
rer Planung stets auf die Beachtung ihrer rechtlichen
Kompetenzen zu achten hat. Das Vorliegen einer Er-
mächtigungsgrundlage und die Beachtung des Subsidi-
aritätsgrundsatzes müssen Grundlage jeder Entschei-
dung auf jeder Planungsstufe sein. Es ist nicht allein
Aufgabe der Mitgliedstaaten, hierauf zu achten. Auch
die Kommission selber ist bei dieser Thematik gefragt.

Die Bundesregierung hat bereits auf deutsche Positio-
nen verwiesen. Soweit die jährliche Strategieplanung
den Eindruck vermittelte, dass die Kommission etwas
plant, was deutschen Positionen entgegensteht, hat die
Bundesregierung interveniert. Ein konkretes Beispiel
– dieses Thema, das schon in den Ausschussberatungen
eine Rolle gespielt hat, möchte ich auch hier ansprechen –
ist die Gründung von Agenturen. Hier hat die Bundesre-
gierung bewusst die Möglichkeit genutzt, frühzeitig ihre
Position klarzustellen.

Im Hinblick auf die Ausführungen der Kommission
zu den zukünftig benötigten Finanzen haben wir insbe-
sondere die Verbesserung der Tragfähigkeit und der

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(C (D ualität der öffentlichen Finanzen gefordert und Ausührungen zu benötigtem Personal kritisch hinterfragt. ir haben aber auch konkrete Ergänzungsvorschläge nterbreitet. So hat die Bundesregierung zusätzliche aßnahmen beispielsweise zur Umsetzung der noch 007 zu erwartenden Richtlinien zu erneuerbaren Enerien oder zur Umsetzung diverser, bereits existierender ktionsprogramme vorgeschlagen. Die Bundesregie ung hat zudem darauf hingewiesen, dass voreilige Iniiativen zu vermeiden sind. Insbesondere hat die Kom ission das Ergebnis laufender Konsultationen und der ntersuchung der Wirkungen bestehender Maßnahmen bzuwarten, bevor sie neue Initiativen ankündigt oder ogar startet. Die Kommission hat sich inzwischen zu den Stellungahmen der Mitgliedstaaten geäußert. Inhaltlich ist sie abei auf viele der von uns gegebenen Hinweise eingeangen. Das gilt insbesondere hinsichtlich unserer zenralen Punkte. Die Kommission hat klargestellt, dass sie em Ergebnis laufender Konsultationsverfahren nicht urch verfrühte Initiativen vorzugreifen beabsichtigt. Zu en haushaltsbezogenen Einwendungen insbesondere im ersonalbereich hat sie die erwünschten Klarstellungen etroffen. Wir werden von den Bürgerinnen und Bürgern daran emessen, ob es uns gelingt, ihre konkrete Lebenssituaion durch passende und angemessene europäische Löungen zu verbessern. Den Mitgliedstaaten obliegt die eurteilung, welche Maßnahmen erforderlich sind. Wir ürfen die Arbeit – ich möchte das noch einmal untertreichen – nicht allein der Kommission überlassen. Vor iesem Hintergrund begrüße ich es sehr, dass sich der undestag heute, so kurz nach der Bekanntgabe und vor llem zu Beginn der weiteren Planungen der Kommision, mit dieser strategischen Planung befasst. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Das Wort hat nun Kollege Michael Link, FDP-Frak ion. Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die nitiative von Kommissarin Wallström, wonach die jähriche Strategieplanung der Kommission bereits im Frühahr in Rat und Parlamenten diskutiert wird, war gut. So esteht die Möglichkeit, das jährlich im Oktober ansteende Arbeitsprogramm zu diskutieren und daran mitzuirken. Die FDP im Bundestag und im Europäischen arlament begrüßt diesen Schritt der Kommission. Das st ein Schritt hin zu mehr Mitwirkung der Parlamente. Fast zeitgleich mit uns, in dieser Woche, debattiert as Europäische Parlament das Kommissionsproramm. Doch hier endet schon der erfreuliche Teil; denn ährend das EP perfekt im Zeitplan ist und es über das rogramm schon in zweiter Lesung debattiert, hat der undestag offensichtlich – das müssen alle Fraktionen elbstkritisch feststellen – noch Nachholbedarf. Wie Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9569 Michael Link sonst ist es zu erklären – Herr Staatsminister, das muss man schon einmal deutlich sagen –, was im Ressortbericht Ihres Hauses zum Strategieprogramm der Kommission steht: Mitgliedstaaten übermitteln ihre Stellungnahme bis 19. März individuell an die Kommission. Heute ist der 26. April, nicht der 19. März. Über einen Monat nach Ablauf der Frist debattiert der Deutsche Bundestag über das Strategieprogramm. Glauben Sie allen Ernstes, dass der Deutsche Bundestag auf diese Weise jemals europatauglich wird? Europatauglichkeit ist mehr als ein gutes Büro in Brüssel, ist mehr als eine gute Datenbank, ist mehr als eine Masse von Vorlagen. Das haben wir alles. Das funktioniert alles. Der Bundestag muss endlich die nicht billigen, neuen Ressourcen, die wir für viel Geld geschaffen haben, politisch nutzen. Wie soll das Exekutivhandeln der Bundesregierung im Ministerrat effizient mandatiert und kontrolliert werden, wenn der Bundestag weiter so damit umgeht? An uns alle, aber besonders an die Regierungsfraktionen gerichtet, sage ich: Wir müssen unsere Mitwirkungsund Kontrollrechte endlich ernst nehmen; denn EU ist nicht nur Gipfelrampenlicht, EU ist auch Maschinenraum. Der Maschinenraum der EU ist das komplexe Gefüge der Checks and Balances im Zusammenspiel von Kommission, Rat und EP. Wie schade, dass sich der Bundestag aus diesem Zusammenspiel verabschiedet, weil er über viele Sachen nach Ablauf der Frist debattiert. Das Demokratiedefizit baut man so nicht ab. Dabei gibt es zuhauf Themen, zu denen wir Positionen erarbeiten und der Bundesregierung mit nach Brüssel geben könnten. Das Strategieprogramm enthält eine Fülle von Themen. Ich nenne nur wenige Stichworte: Die Kommission kündigt auf Seite 10 ihres Strategieprogramms eine umfassende Bestandsaufnahme zur Kohäsionspolitik an. Was heißt das? Will man die Strukturfonds umbauen? Die FDP würde das begrüßen. Will man mehr europäischen Mehrwert anstatt Dauersubventionen? Auch das würde die FDP sehr begrüßen. Will man endlich mehr Geld in die Gemeinsame Außenund Sicherheitspolitik und den Schutz der Außengrenzen stecken, anstatt immer mehr Geld in die Strukturund Agrarpolitik zu pumpen? Im Strategiepapier der Kommission fehlt ein Passus zur Mid-Term-Review der Gemeinsamen Agrarpolitik. Es fehlt ein Passus zur Revisionsklausel, die der Europäische Rat für 2008 beschlossen hat. Auf Seite 7 wird eine einheitliche konsolidierte Körperschaftsteuerbemessungsgrundlage angekündigt. Was ist da genau geplant? Wird nur die Bemessung oder wird der Korridor vereinheitlicht? Stichwort Rechtspolitik. Es soll eine zentralisierte Datenbank für Fingerabdrücke geben. Engere Zusammenarbeit ist schön und gut. Aber wie weit soll sie gehen? Wo sind die rechtsstaatlichen Grenzen? Angesichts des Tempos, mit dem die Bundesregierung zum Thema staatliche Überwachung jede Woche eine neue Sau durchs Dorf treibt, kann man sich schon fragen: Wie w k T b e d s e d K C n t d K u z s d n e a c r A m d K h h m K n g B u t m m v A l (C (D eit soll das gehen? Wachsamkeit ist geboten, und die ann nur von der Opposition kommen. Ich fordere uns alle auf, mit dem, was wir zu diesem hema beschlossen haben – ich erinnere an die Vereinarung zwischen Bundestag und Bundesregierung –, rnster umzugehen. Liebe Kolleginnen und Kollegen in en Regierungsfraktionen, sorgen Sie mit Ihren Gechäftsführern dafür, dass sich das Spiel, das wir heute rleben, dieses Abhandeln zwischen Tür und Angel, bei er Debatte über das nächste Strategieprogramm der ommission nicht wiederholt. Danke schön. Das Wort hat nun Kollege Bernhard Kaster, CDU/ SU-Fraktion. Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kollegin en und Kollegen! Die Unionsfraktion begrüßt die heuige Debatte ausdrücklich. Denn es ist gut und richtig, ass die Jährliche Strategieplanung der Europäischen ommission in den Mitgliedstaaten kritisch überprüft nd die Politik der Europäischen Union damit als Ganes in die Nationalparlamente eingebracht wird. Dies gechieht ja in dieser Form zum ersten Mal. Es ist wichtig, ass der Deutsche Bundestag die Prioritäten und Positioen der Bundesrepublik in diesen Diskussionsprozess inbringt. Die Strategieplanung für 2008 knüpft richtigerweise n die strategischen Ziele Wohlstand, Solidarität, Siherheit und Freiheit sowie an eine stärkere Position Euopas in der Welt an. llein die Anzahl von 24 sogenannten Schlüsselaktionen it insgesamt 81 Unterpunkten macht mehr als deutlich, ass wir diese Kommissionsplanung vor allem unter den riterien europäischer Mehrwert, Subsidiarität und Verältnismäßigkeit einer kritischen Überprüfung unterzieen müssen. Diese kritische Überprüfung hat vor allem it einem strategischen Ziel zu tun, das zwar in der ommissionsplanung nicht ausdrücklich als solches beannt ist, aber angesichts des weitverbreiteten Unbehaens der Bürger im Hinblick auf zu viel europäischer ürokratie und Regelungswut ganz oben stehen muss, nd zwar mit dem obersten strategischen Ziel: Die Poliik der Europäischen Union muss die Menschen wieder itnehmen. Der Erfolg Europas und der Europäischen Union beisst sich gerade nicht an der Anzahl der Richtlinien, on Grünund Weißbüchern sowie dem diesbezüglichen rbeitseifer. Europäische Rechtsetzungsakte sind in vie en Themenbereichen wichtig. Doch sollten sie Luft zum 9570 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Bernhard Kaster Atmen lassen. Eine der Hauptursachen für Kritik und Unbehagen ist schlichtweg Übereifer bei europäischen Richtlinien und Verordnungen. Wie oft geben wir bei gesetzlichen Missständen selber den entschuldigenden Hinweis: Das ist eine europäische Vorgabe! Dafür gibt es in den Ausschüssen ein aktuelles Beispiel: Themen wie der Verbraucherschutz berühren die Menschen und verlangen nach einer europäischen Lösung; das ist auch einer der Punkte der Strategieplanung der Kommission. Der Verbraucherschutz muss sich aber am Prinzip der Mindestharmonisierung orientieren, um einerseits das hohe deutsche Schutzniveau zu sichern und andererseits zu verhindern, dass im Zuge der Überregulierung getroffene Haftungsund Rücknahmeregelungen zwangsläufig zu höheren Preisen führen. Doch damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich will hier keine Stimmung gegen Europa machen. Denn – das müssen wir einmal feststellen – die Fortschritte und Errungenschaften Europas werden von den Bürgern mittlerweile aktiv gelebt. Schauen Sie nur einmal in Interrailzüge, oder gehen Sie einmal auf Flughäfen – vergessen Sie dabei einmal die allgemeine Kritik an Billigflügen –: Heute sind tagtäglich Tausende junger Menschen unterwegs zwischen Dublin, Tallinn, Bratislava. Das zeigt, dass die junge Generation – die heute 18-, 19-, 20-Jährigen – Europa positiv in einer Form lebt, von der ihre Großväter und Großmütter nur träumen konnten. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)

Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609416900
Michael Link (FDP):
Rede ID: ID1609417000

(A) )


(B) )


(Beifall bei der FDP)


(Beifall bei der FDP)


(Beifall bei der FDP)

Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1609417100

(Beifall bei der CDU/CSU)

Bernhard Kaster (CDU):
Rede ID: ID1609417200

(Beifall bei der CDU/CSU)


(Beifall bei der CDU/CSU)


(A) )


(B) )


(Beifall bei der CDU/CSU)


Die Menschen mitnehmen heißt deshalb, bei der
Strategieplanung 2008 vor allem die Themen in den
Mittelpunkt zu stellen, die für die Menschen Priorität ge-
nießen. Wir sind daher der Bundeskanzlerin außeror-
dentlich dankbar dafür, dass sie mit viel Geschick und
Engagement die derzeitige EU-Ratspräsidentschaft
wahrnimmt und beispielsweise bei der die ganze
Menschheit betreffenden Herausforderung der Bewälti-
gung der Klimawandels die Festlegung konkreter Ziel-
marken erreicht hat: Reduzierung des CO2-Ausstoßes
um 20 Prozent bis 2020, 20 Prozent mehr Energieeffi-
zienz und einen Anteil der erneuerbaren Energien am
Energiemix von 20 Prozent. Diese Zielmarken der deut-
schen Ratspräsidentschaft müssen in konkretisierter
Form in die Strategieplanung eingebracht werden. Im
Übrigen sind auch die Menschen davon überzeugt, dass
dies Dinge sind, die auf dieser Ebene geregelt werden
müssen.

Von der deutschen EU-Ratspräsidentschaft gehen
aber noch weitere Initiativen aus, die Eingang in die
Strategieplanung 2008 finden müssen. Dazu gehört die
neue transatlantische Wirtschaftspartnerschaft, die im
Mittelpunkt des EU-USA-Gipfels am 30. April dieses
Jahres stehen wird. Dazu gehören auch die Zentral-
asienstrategie sowie die Weiterentwicklung der europäi-
schen Nachbarschaftspolitik, durch die mit Blick auf un-
sere osteuropäischen Nachbarn Demokratie, Rechtsstaat
und Zivilgesellschaft unterstützt werden.

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(C (D Die politische Architektur in Europa und in der Welt at sich in den vergangenen Jahren so gravierend veränert, dass die Bürger in der Europäischen Union erwaren, dass sich eine viel intensivere Gemeinsame Außennd Sicherheitspolitik entwickeln wird, um, gestützt auf emeinsame Werte, die Interessen Europas in einer gloalisierten Welt zu wahren. Von großer Bedeutung wird der Abschluss eines artnerschaftsabkommens zwischen der Europäischen nion und Russland sein. Es ist zu wünschen, dass wir ald das Verhandlungsmandat bekommen und dass die ichtigen Beziehungen zu unserem großen Nachbarn ussland durch dieses Abkommen in den Bereichen inere Sicherheit, äußere Sicherheit und Wirtschaft, in nergiefragen und auf dem Gebiet von Forschung und ildung auf eine neue Grundlage gestellt werden. Lassen Sie mich auf einen weiteren Punkt des Strateiepapiers eingehen, der darin nur recht klein und uncheinbar festgehalten worden ist. Ich meine das Thema ehrsprachigkeit und interkultureller Dialog. (Vorsitz: Vizepräsidentin Katrin GöringEckardt)


rst durch das Überwinden der Sprachbarrieren können
ie Bürgerinnen und Bürger die neuen europäischen
rundfreiheiten tatsächlich ausleben. Im Europaaus-

chuss haben wir erst gestern ausführlich über alle Facet-
en des Themas Mehrsprachigkeit diskutiert.

Ich selbst komme aus einer Region, die durchaus als
odellregion für grenzüberschreitende Integration so-
ohl im wirtschaftlichen als auch im gesellschaftlichen
eben bezeichnet werden kann: aus der Region Lothrin-
en-Luxemburg-Trier. Zum Thema Mehrsprachigkeit
öchte ich vor diesem Hintergrund einen pragmatischen
orschlag machen: Die englische Sprache ist inzwischen
chon fast keine Fremdsprache mehr. Sie hat sich zu ei-
er Arbeitssprache entwickelt. Es wäre vielleicht da-
über nachzudenken, als erste Fremdsprache die Sprache
n Betracht zu ziehen, die in dem Nachbarland gespro-
hen wird, das an das eigene Land angrenzt. Das können
n Europa durchaus unterschiedliche Sprachen sein.

Wenn wir unsere Bürger, insbesondere die jungen
ürger, für Europa begeistern und Europa im Bewusst-

ein der Menschen nicht nur als Wirtschaftsgemein-
chaft, sondern auch als Wertegemeinschaft verankern
ollen, spielen sowohl Sprache als auch interkultureller
ialog eine sehr wichtige Rolle. Wir müssen viel stärker

ls in der Vergangenheit deutlich machen, dass wir
uropäer unsere christlichen Werte und Wurzeln selbst-
ewusst leben und dass Religionsfreiheit, Religionsaus-
bung und gegenseitige Toleranz die Grundvorausset-
ungen dafür sind, Mitglied dieser Gemeinschaft zu
erden.

Lassen Sie mich an dieser Stelle noch etwas sagen
auch in dieser Hinsicht kann das Jahr 2008 ein wichti-

es Jahr werden –: Die Menschen erwarten, dass sich die
rweiterte Europäische Union stabilisiert und dass
uropa zueinanderfindet; das gilt auch im Hinblick auf
ie eine oder andere Debatte, die über die Erweiterung

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9571


(A) )



(B) )


Bernhard Kaster
geführt wird. Auch das muss ein Ziel der strategischen
Planung für das Jahr 2008 sein.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Michael Roth [Heringen] [SPD])


Wenn dieser Aspekt des interkulturellen Dialogs im
Jahre 2008 im Mittelpunkt steht, dann wird das mit dazu
beitragen, dass Europa die Chance haben wird, zu einem
weltweiten Modell für vorbildliche Integration und für
das friedliche Miteinander von Menschen unterschied-
lichster Nationen und Sprachen, doch gemeinsamer
Werte zu werden.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609417300

Ich erteile das Wort dem Kollegen Alexander Ulrich

für die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Alexander Ulrich (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609417400

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Redet man in diesen Tagen über Europa, kommt man
nicht umhin, auch ein paar Sätze über die EU-Verfas-
sung zu verlieren. Denn sie ist die Grundlage all dessen,
was in Zukunft arbeitsplanmäßig umgesetzt werden
kann. Es wird zwar immer gesagt, man brauche die EU-
Verfassung, um arbeitsfähig zu sein. Wenn man aber die
jüngsten Äußerungen aus England, den Niederlanden
oder Frankreich wertet, stellt man fest: Die vorliegende
Verfassung ist tot. Alle Versuche, diesen Wunschkatalog
der Neoliberalen durchzumogeln, sind gescheitert. Alles,
was jetzt noch folgt, ist aus Sicht der Regierenden Scha-
densbegrenzung. Auch wenn die Bundesregierung und
die anderen vier Fraktionen hier im Hause es nicht wahr-
haben wollen: Die Menschen in Europa, insbesondere in
Frankreich und in den Niederlanden, haben diese unde-
mokratische und unsoziale Verfassung zu Fall gebracht.


(Dr. Angelica Schwall-Düren [SPD]: Quatsch!)


Mit ihrer Ignoranz haben die anderen vier Fraktionen
die Demokratie beschädigt,


(Zurufe von der CDU/CSU: Oh!)


indem sie diese Ablehnung der Bürger und den Wunsch
nach einem sozialen Europa immer wieder – bis heute –
ignorieren.


(Beifall bei der LINKEN)


Sie tragen die Verantwortung für die große Euroskepsis
auch in unserem Land. Sie alle sind Mitverursacher die-
ses Scherbenhaufens.


(Bernhard Kaster [CDU/CSU]: Wo leben Sie eigentlich?)


Sie sollten Ihre Politik jetzt verändern, anstatt mit weite-
ren Tricks über die Köpfe der Bürgerinnen und Bürger
hinweg in dieser politischen Sackgasse weiterzufahren.

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(C (D (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Über meinem Kopf fliegt eine Taube!)


Zur Strategie der EU-Kommission. In allen Sonn-
agsreden – der Herr Staatsminister hat das hier auch ge-
an – wird von der sozialen Dimension Europas geredet.
rotz anhaltend hoher Arbeitslosigkeit in der EU, trotz
er gravierenden Zunahme von Armut und trotz gravie-
ender Probleme bei der Beschäftigung Jugendlicher ist
m Strategiepapier nicht erkennbar, mit welchen Maß-
ahmen man diese Probleme politisch bekämpfen will.
m Gegenteil: Die bisher erfolglose Politik soll beschleu-
igt fortgesetzt werden.

Zur Lissabonstrategie. Die EU-Kommission setzt
uf den arbeitnehmerfeindlichen Dreiklang aus Liberali-
ierung, Flexibilisierung und Kostensenkung für Unter-
ehmen. Das will sie über eine forcierte Marktöffnung
or allem im Energie- und Dienstleistungssektor sowie
iner Deregulierung des Arbeitsrechts erreichen. Diese
ezepte waren und sind im Hinblick auf die Bekämp-

ung von Massenarbeitslosigkeit kontraproduktiv.

Mit der Unternehmensteuerreform in Deutschland
ird eine weitere Runde des europäischen Steuerdum-
ings eingeleitet. Andere Länder müssen und werden
achziehen. Im Ergebnis bleiben die Wettbewerbsbedin-
ungen gleich. Die Steuereinnahmen werden aber gerin-
er ausfallen, und die Bürgerinnen und Bürger in Europa
ürfen das dann mit einem weiteren Sozialabbau bezah-
en. Selbst viele Unternehmer wundern sich darüber, wa-
um man sie ein weiteres Mal massiv steuerlich entlasten
ill.


(Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU)


as ist ein weiteres Paradebeispiel für eine unsoziale Po-
itik mit deutlicher Handschrift der SPD.

Durch die Lissabonstrategie wird die Umverteilung
on unten nach oben begünstigt. Weil Mindeststandards
ehlen, wird die Erweiterung der EU zu üblem Lohn-,
teuer- und Sozialdumping missbraucht. Wer die Be-
chäftigungssituation in der EU verbessern will, der
uss die Einkommensentwicklung der Arbeitnehmer

erbessern, in allen Ländern Mindestlöhne einführen
nd bindende Korridore für Sozialstandards festlegen.
ie Mitgliedstaaten müssen sich endlich auf wirksame
aßnahmen gegen den Steuerwettbewerb einigen. Dazu

ehören die Festsetzung von einheitlichen Mindest-
teuersätzen und einer einheitlichen Bemessungsgrund-
age sowie die Bekämpfung der Steuerflucht.

Die Europäische Zentralbank muss einer stärkeren
olitischen Kontrolle unterworfen werden, damit die
inseitige Geldpolitik der EZB zugunsten einer Politik
ür mehr Wachstum und Beschäftigung umgestellt wer-
en kann.


(Beifall bei der LINKEN)


s ist begrüßenswert, dass sich die beiden französischen
räsidentschaftskandidaten für ähnliche Vorschläge ein-
etzen. Die deutsche Bundesregierung wäre gut beraten,
hre Beratungsresistenz in dieser Frage aufzugeben.

9572 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Alexander Ulrich
Zum Grünbuch „Arbeitsrecht“. Auch hier wird mit
dem Stichwort „Flexibilität“ über die europäische Bande
spielend versucht, die Arbeitnehmerrechte in den einzel-
nen Staaten zu schleifen. Wenn wir uns am dänischen
Modell orientieren wollen, dann bedeutet das, dass wir
Hartz IV überwinden müssen. In Dänemark werden ar-
beitslose Menschen nicht enteignet. Die Sozialtransfers
sind deutlich höher und werden länger gezahlt. Diese
Seite der Medaille wird ausgeblendet. Man will noch
mehr prekäre Beschäftigung, noch mehr Leiharbeit und
noch mehr Minijobs bei gleichzeitigem Abbau von Ar-
beitnehmerrechten. Dies soll mit dem Wort „Flexibilität“
verschleiert werden.

Über die Klima- und Energiepolitik ist heute Mor-
gen schon viel gesagt werden. Wie so oft – wie damals
bei der Lissabonstrategie – werden auf europäischer
Ebene positive Ziele benannt, ohne die notwendigen
Umsetzungsschritte aufzuzeigen. Auch dort droht uns
ein Misserfolg in Europa mit dramatischen Folgen für
die Umwelt.

Wer die Menschen für Europa gewinnen will, der
muss seine einseitige und von Wirtschaftsinteressen ge-
leitete Politik verändern. Die EU-Kommission und auch
die deutsche Bundesregierung sind offensichtlich nicht
dazu bereit. Die Linke lehnt ein Europa der Konzerne
und des Geldes ab. Europa sollte für die Menschen da
sein.

Vielen Dank


(Beifall bei der LINKEN)



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609417500

Jetzt spricht Michael Roth für die SPD-Fraktion.


Michael Roth (SPD):
Rede ID: ID1609417600

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Selbstverständlich hat der Kollege Link von der FDP
Recht: Diese Debatte war längst überfällig. Wenn ich
mich aber recht entsinne, hat die Große Koalition diesen
Tagesordnungspunkt hier anberaumt.


(Michael Link [Heilbronn] [FDP]: Zu spät!)


Es wäre Ihre Aufgabe gewesen – wenn Sie es denn wirk-
lich gewollt hätten –, das Thema, über das wir heute
dankenswerterweise beraten, frühzeitiger auf die Tages-
ordnung zu setzen.

Wir wollen Ihre Oppositionsaufgabe nicht mit über-
nehmen. Das ist Ihre eigene Aufgabe, die Sie offensiv
wahrzunehmen haben.


(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das macht ihr andauernd! Wir suchen noch jemanden, der regiert, Herr Roth! – Zuruf von der CDU/CSU: Alles muss man selber machen!)


– Wir regieren doch! Und wie wir regieren!

Wir diskutieren heute nicht über deutsches Regie-
rungshandeln, sondern wir reden heute darüber, was uns
die EU-Kommission im Jahr 2008 auf die Tagesordnung
zu setzen beabsichtigt und wie wir als Deutscher Bun-

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(C (D estag mit diesen Initiativen, Vorschlägen und Konzepen umgehen. Hier sehe ich die Notwendigkeit, in dieser iskussion nicht nur über die Details von Gesetzesinitia iven zu reden, sondern durchaus Erwartungshaltungen egenüber der EU-Kommission zu formulieren. In einem Punkt stimme ich dem Kollegen Kaster ausrücklich zu. Wir müssen auf Sprachenvielfalt und auf ie Notwendigkeit hinwirken, die Sprachen innerhalb er Europäischen Union nicht nur zu akzeptieren, sonern Voraussetzungen dafür zu schaffen, gleichberechigt miteinander ins Gespräch zu kommen. Dabei geht es uvörderst um die Bürgerinnen und Bürger, aber auch m die nationalen Parlamente. Gestern haben wir im uropaausschuss dem für Sprachenvielfalt zuständigen U-Kommissar Orban mit auf den Weg gegeben, dass ie Hand des Deutschen Bundestages zur Zusammenrbeit ausgestreckt ist. Sie ist ausgestreckt, weil wir die emokratische Legitimation von europäischem Handeln erbessern wollen. Wir wollen dazu beitragen, dass europäische Politik ei den Bürgerinnen und Bürgern besser ankommt. Daür müssen wir als Bundestagsabgeordnete frühzeitig in ie Lage versetzt werden, mit den Dokumenten der uropäischen Union verantwortungsbewusst umzugeen. Deshalb müssen alle politisch relevanten Dokuente der Europäischen Union auch ins Deutsche und n alle weiteren Amtssprachen übersetzt werden. Da ann man nicht mit den Kosten und mit Überbürokratie rgumentieren. Wer beabsichtigt, nationalen Parlamenen innerhalb Europas mehr Verantwortung zu übertraen, der muss ihnen auch die nötigen Instrumente an die and geben. Hier darf man nicht tricksen, wie es die uropäische Kommission in den vergangenen Jahren leier immer wieder getan hat. Ich sehe den gestrigen Aufritt im Europaausschuss von Kommissar Orban durchus als ein mutmachendes Zeichen. Jetzt müssen den orten konkrete Taten folgen. Der Bundestag wird sehr enau darauf zu achten haben, wie die Europäische ommission in den nächsten Jahren mit den nationalen arlamenten umgeht. (Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Die Rolle des Deutschen Bundestages sollte sich aber
icht allein darauf beschränken, einmal eine 45-minütige
ebatte über das Strategieprogramm zu führen. Nein,

etzt sind vor allem die Fachausschüsse gefragt; denn
echtzeitig vor der Erarbeitung des Legislativprogramms
er EU-Kommission im Herbst müssen unsere Fach-
usschüsse sagen, was sie im Einzelnen von der EU-
ommission erwarten. Das Dilemma, in dem wir uns be-

inden, ist, dass die EU-Kommission im Gesetzgebungs-
rozess der EU über das Initiativmonopol verfügt. Sie ist
eben der Bundesregierung unser wichtigster Ansprech-
artner. Wir müssen vor allem der Bundesregierung ent-
prechende Aufträge erteilen, wie sie diesen Gesetzge-
ungsprozess zu beeinflussen hat.

Im nächsten Jahr steht eine Reihe von wichtigen Fra-
en auf der Tagesordnung. Ich will beispielhaft nur zwei
avon nennen. Welche Rolle spielte die Europäische
ommission bei der Lösung der Verfassungskrise?

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9573


(A) )



(B) )


Michael Roth (Heringen)

Wenn alles so erfolgreich weiterläuft, wie es unter der
deutschen Ratspräsidentschaft begonnen hat, dann wird
es beim Gipfel im Juni 2007 ein klares Mandat für eine
Regierungskonferenz zur Lösung der Verfassungskrise
– hoffentlich unter portugiesischer Präsidentschaft – ge-
ben. Dann wird es 2008 darum gehen, das Ratifizie-
rungsverfahren in 27 Mitgliedstaaten auf ein erfolgrei-
ches Gleis zu setzen. Hier ist auch die EU-Kommission
gefragt. Ich war in den vergangenen zwei Jahren mit-
unter enttäuscht, dass von der EU-Kommission – insbe-
sondere von ihrem Kommissionspräsidenten – keine
wegweisenden Impulse und keine innovativen Vor-
schläge ausgingen. Man hat vielmehr weitgehend gar
nichts getan oder sich darauf beschränkt, bestimmte
Politikfelder stärker in das Bewusstsein der Europäi-
schen Union zu rücken, eine neue Kommunikationsstra-
tegie auf den Weg zu bringen oder Politikfelder – das
war ein weiterer Versuch –, die bislang der Einstimmig-
keit unterliegen, in das Mehrheitsprinzip zu überführen.
Dagegen haben wir im Prinzip nichts. Aber wichtig ist
für uns nicht allein, dass die Handlungsfähigkeit, son-
dern auch die Demokratie in der Europäischen Union ge-
stärkt wird.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Das geht nur mit dem Verfassungsvertrag und den weg-
weisenden institutionellen Reformen, auf die sich der
Verfassungskonvent vor einigen Jahren verständigt hat.

Ich finde es nicht besonders überzeugend, dass jetzt
der Kommissionspräsident einige wenige Staats- und
Regierungschefs zu einem Minigipfel einlädt. Jetzt geht
es darum, Gemeinsamkeit zu schaffen und nicht Gegner-
schaft zwischen den Staats- und Regierungschefs aufzu-
bauen. Hier muss der Kommissionspräsident eine wich-
tige Rolle spielen. Aber das darf sich nicht nur auf die
Ausrichtung von Veranstaltungen beschränken. Nein, es
geht auch darum, mit welcher Politik die Kommission
dazu beiträgt, dass das Vertrauen der Bürgerinnen und
Bürger in die Gestaltungskraft der Europäischen Union
wächst.

Ich kann nur hoffen, dass die EU-Kommission die
richtigen Lehren aus der verhunzten Bolkestein-Richt-
linie gezogen hat; denn es war die EU-Kommission,
die einen marktradikalen Richtlinienentwurf vorge-
schlagen hat. Es waren der Deutsche Bundestag und
viele andere nationale Parlamente, die dann gemeinsam
mit dem Europäischen Parlament dafür gesorgt haben,
dass die Dienstleistungsrichtlinie nicht mit Sozialdum-
ping und Beeinträchtigungen für Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer einhergeht. Ganz im Gegenteil: Soli-
darität und soziale Gerechtigkeit spielen selbstver-
ständlich auch auf EU-Ebene eine ganz entscheidende
Rolle. Dies muss die EU-Kommission in ihrer Gesetz-
gebung deutlich machen. Das wird sie in 2008 maßgeb-
lich zu belegen haben. Dabei müssen wir ihr offensicht-
lich ein wenig helfen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


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(C (D Darüber hinaus ist es sicherlich auch wichtig, dass ich die EU-Kommission auf einige wichtige Projekte eschränkt; denn es geht im nächsten Jahr nicht nur um as Ratifizierungsverfahren. Es geht auch um die sogeannte Midterm-Review. Das heißt, der gesamte Fianzrahmen der Europäischen Union wird einer kritichen Überprüfung unterzogen. Ich erwarte, dass auch m Hinblick auf die Gemeinsame Agrarpolitik endlich er Durchbruch erzielt wird, den wir uns alle wünschen, ämlich mehr auf Nachhaltigkeit zu setzen. Ich frage mich auch, welchen Beitrag die Europäische nion leisten könnte, um aus Landwirten Energiewirte u machen, um die erneuerbaren Energien zu fördern nd stärker auf nachwachsende Rohstoffe zu setzen. ier ist die Europäische Kommission bislang konkrete ntworten schuldig geblieben. Die Midterm-Review ird nicht allein von den Mitgliedstaaten beraten. Hier st auch die Europäische Kommission ein ganz zentraler kteur. Eines zum Schluss: Nur wenn wir diese Debatte inerhalb des Bundestages ernst nehmen – und dies nicht ur auf den Europaausschuss, sondern auch auf die achausschüsse bezogen –, wird uns die EU-Kommision ernst nehmen. Welchen Weg Europa einschlägt, daüber wird auch hier im Deutschen Bundestag entschieen. Dies sollte ein Weg in eine gute Zukunft sein. eswegen sollten wir in den nächsten Monaten nicht üde werden, uns immer wieder konkret mit der EUommission auseinanderzusetzen und für eine gute Poli ik im Interesse der Bürgerinnen und Bürger zu arbeiten. Vielen Dank. Jetzt erteile ich Jürgen Trittin das Wort für ündnis 90/Die Grünen. Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Erste emerkung. Es ist richtig, dass wir heute über die Straegieplanung der EU-Kommission in 2008 sprechen. ies sollte ein Ansporn sein, lieber Herr Link, dass wir ns vornehmen, über das Legislativprogramm spätestens m September genauso angemessen zu diskutieren. Wir ollten untereinander verabreden, dass wir im Februar ächsten Jahres, also nicht erst im April wie in diesem ahr, über die Strategieplanung für das kommende Jahr eden. Zweite Bemerkung. Ich glaube, dass das Jahr 2008 in esonderer Weise von der Frage geprägt wird, wie es mit uropa weitergeht. Ich finde, man kann es sich nicht so infach machen. Weder kann man so tun, als hätte es die egativen Volksentscheide in den Niederlanden und in rankreich nicht gegeben, noch kann man so tun, als ätte es die Volksabstimmung und auch die Parlamentseschlüsse in gut zwei Dritteln der Europäischen Union, ie diese Verfassung bejaht haben, nicht gegeben. Wir müssen aus diesem Dilemma herauskommen. Ich laube, dass wir das nur dann schaffen, wenn wir uns be 9574 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Jürgen Trittin wusst machen, dass wir der EU eine neue Grundlage geben müssen, und das muss – deswegen ist das Jahr 2008 von Bedeutung – vor 2009 geschehen. Denn wollen wir wirklich, wenn 2009 die Europawahlen stattfinden, mit diesem Vertragswerk – übrigens mit dem Umstand, dass die gesamte dritte Säule der Zusammenarbeit zwischen Justiz und Polizei weitestgehend der Kontrolle des Parlaments entzogen ist – vor die Bürgerinnen und Bürger treten und ihnen sagen: „Das ist demokratischer als das, was mit der Grundrechtecharta des Verfassungsvertrags versucht worden ist.“? Ich hielte das für ganz schlecht. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)

Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609417700
Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609417800

(A) )


(B) )


Sowenig ich möchte, dass sich die Kommission so-
zusagen stilbildend in diese Verfassungsdebatte ein-
mischt, Herr Roth – das ist schon Sache der Mitglied-
staaten, des Europäischen Parlaments und der
nationalen Parlamente –, so erwarte ich doch von der
Kommission, dass sie zum Beispiel in der Migrations-
politik oder der Justiz- und Innenpolitik nicht länger
den Umstand umgeht, dass der Verfassungsvertrag und
damit die darin vorgesehenen Elemente – nämlich die
stärkere Beteilung des Europäischen Parlamentes und
die Bindung der europäischen Grundrechte an eine üb-
rigens alles andere als neoliberale Grundrechtecharta –
nicht verabschiedet worden sind und in der Form auch
nicht verabschiedet werden. Das erwarte ich von der
Kommission. Ich erwarte eher weniger als mehr Akti-
vität.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Dritte Bemerkung. Ich glaube, dass es richtig ist, dass
sich die Kommission um das Thema Energie und Kli-
mawandel kümmern will. An dieser Stelle gibt es in der
Tat insbesondere für die Kommission viel zu tun, weil
der Europäische Rat der Kommission die mit diesem
Thema verbundenen Fragen sozusagen einfach vor die
Tür gekippt hat. Sie mögen – inspiriert vom Werbeslo-
gan des Praktiker-Baumarkts „20 Prozent auf alles außer
Tiernahrung“ – jeweils 20 Prozent mehr erneuerbare
Energien, Energieeffizienz und Einsparungen bei den
Treibhausgasen beschließen. Sie haben es im Rat aber
versäumt, mit den Mitgliedstaaten eine Einigung darüber
zu erzielen, wer von ihnen bis 2020 dieses 20-Prozent-
Ziel umsetzt. Sie haben es nicht geschafft, festzulegen,
in welchen Bereichen die erneuerbaren Energien um
20 Prozent gesteigert werden sollen. Das wird man
schließlich nicht gleichermaßen über Stromerzeugung,
Wärme und Antriebe machen.

Das alles haben Sie der Kommission vor die Tür ge-
kippt. Ich wünsche mir, dass der anstehende Prozess ei-
ner vernünftigen Verteilung dieser Aufgaben von der
Bundesrepublik Deutschland in der Form begleitet wird,
dass sie ihre Lasten angemessen schultert. Angesichts
der Treibhausgasemissionen, die in Deutschland immer
noch über dem europäischen Durchschnitt liegen, heißt
das, dass Sie mehr zu tun haben als andere Mitgliedstaa-
ten.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


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(C (D Vierte Bemerkung. Sie haben recht, Herr Ulrich. Die issabonstrategie muss wieder auf ihre ursprüngliche dee zurückgeführt werden, nämlich ein wettbewerbsfäiges, soziales und nachhaltiges Europa zu schaffen. Ich eine aber, dass mit der Kommission der Falsche be chimpft wird. Es war – man höre und staune – Herr erheugen, der Industriekommissar, der Deutschland geahnt hat, in der Frage der Mindestlöhne endlich die na ionalen Spielräume zu nutzen. Es ist eine Tatsache, dass wölf der 15 alten EU-Staaten bereits entsprechende Reelungen haben, aber Deutschland zu den drei Staaten ehört, in denen das nicht der Fall ist. An dieser Stelle at sich Deutschland zu bewegen. In der Frage der Minestlöhne muss die Bundesrepublik Deutschland endlich uropakompatibel werden. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Erlauben Sie mir noch eine letzte Bemerkung, Frau
räsidentin. Manchmal sollte man in Europa auch etwas
eiern. Nächstes Jahr im Mai jährt sich zum zehnten Mal
er Beschluss zur Einführung des Euro. Das ist eine Er-
olgsgeschichte sondergleichen, die viele in Europa so
icht für möglich gehalten hätten. Vielleicht sollten wir
ieses Datum beim Arbeiten 2008 positiv und feiernd
egleiten.

Vielen Dank.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609417900

Thomas Silberhorn gebe ich jetzt das Wort für die

DU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Thomas Silberhorn (CSU):
Rede ID: ID1609418000

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

erren! Es ist aus meiner Sicht zu begrüßen, dass die
ommission ihre erst noch geplanten Vorhaben zu ei-
em so frühen Zeitpunkt vorlegt, ihre Prioritäten be-
ennt und wir im Bundestag zu einem so frühen Zeit-
unkt die Gelegenheit haben, diese Initiativen – auch im
inblick auf das Tagesgeschäft der Subsidiaritätsprü-

ung, um die wir uns seit Monaten in diesem Hause be-
ühen – wahrzunehmen und kritisch zu überprüfen.

Ich denke, diese Debatte muss der Auftakt für eine
nge Abstimmung zwischen Bundestag und Bundesre-
ierung über das sein, was die Kommission, was die Eu-
opäische Union insgesamt im Jahr 2008 vorhat. Ich
telle mit einiger Genugtuung fest, dass wir in Vorberei-
ung dieser Debatte zum ersten Mal ausreichend und viel
ntensiver informiert worden sind, als das bisher der Fall
ar, weil unsere Zusammenarbeitsvereinbarung mit der
undesregierung im letzten Jahr in Kraft getreten ist und
ir deswegen beispielsweise die interne Stellungnahme
er Bundesregierung hinsichtlich der Planungen der
ommission ebenso erhalten haben wie die informelle
ntwort der Kommission auf die Stellungnahmen der
itgliedstaaten. Ich denke, das ist ein Fortschritt.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9575


(A) )



(B) )


Thomas Silberhorn
Ich bin allerdings auch der Auffassung, dass wir diese
Debatte mit Blick auf die Details führen müssen. Wir
sollten die Strategieplanungsdebatte nicht zu einer Art
Regierungserklärung zur Europapolitik werden lassen,
und wir müssen uns dazu durchringen, in der Europapo-
litik nicht in Grundsatzdebatten abzugleiten. Wir müssen
uns vielmehr mit den Details des Tagesgeschäfts ausei-
nandersetzen. Das geht nicht nur den Europaausschuss,
sondern alle Fachausschüsse des Deutschen Bundestages
an.

Ich werde mich deshalb auf die Strategieplanung der
Kommission für 2008 beschränken und möchte zum me-
thodischen Vorgehen der Kommission zwei kritische
Anmerkungen machen. Zum einen kündigt die Kommis-
sion eine Fülle neuer Rechtssetzungsakte an, ohne mit
einem Wort darauf einzugehen, auf welche Rechtsgrund-
lage sie sich stützt und wie das Ganze unter Gesichts-
punkten der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit zu
bewerten ist. Wenn darunter Vorschläge wie ein Aktions-
plan für den städtischen Nahverkehr sind, müssen bei
uns alle Alarmglocken läuten. Das ist unter Gesichts-
punkten der Subsidiarität sehr kritisch zu bewerten. Ich
meine, es wäre eine Überlegung wert, dass die Kommis-
sion nicht erst bei Vorlage des Legislativ- und Ar-
beitsprogramms im Herbst, sondern schon bei der Vor-
lage der Strategieplanung ein Wort darüber verliert, auf
welche Kompetenzgrundlagen sie sich stützt und wie
ihre Initiativen unter den Gesichtspunkten der Subsidia-
rität und Verhältnismäßigkeit zu bewerten sind.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP)


Zum anderen ist aus methodischer Sicht zu kritisie-
ren, dass die Kommission einige Rechtssetzungsvorha-
ben in Bereichen ankündigt, für die Konsultationsfristen
gelten, die die Kommission selbst gesetzt hat. Wir haben
das bereits im letzten Jahr bei der Transparenzinitiative
erlebt. Es kommt jetzt wieder vor, dass die Kommission
trotz einer Konsultationsphase zum Grünbuch zum Ver-
braucherschutz und trotz einer Konsultationsphase zum
Weißbuch zu Sozialdienstleistungen ganz konkrete
Rechtssetzungsvorschläge unterbreitet. Das ist eine
Missachtung, und zwar nicht nur der Regierungen der
Mitgliedstaaten, sondern auch der Parlamente, die wir so
nicht hinnehmen können.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Es ist eine Frage der Berechenbarkeit, dass die Kommis-
sion die Konsultationsfristen, die sie selber setzt, tat-
sächlich einhält. Denn sonst wird die Einladung zur Mit-
wirkung zur Farce.

Lassen Sie mich hinsichtlich der Inhalte der Strategie-
planung der Kommission zwei Irrwege struktureller Na-
tur – das sind sie aus meiner Sicht – aufgreifen, über die
diskutiert werden muss. Zum einen spricht aus diesem
ganzen Dokument, dass die Plage der „Institutionitis“
weiter um sich greift. Selbst die Bundesregierung – da-
für bin ich sehr dankbar, Herr Staatsminister – spricht in
ihrer Stellungnahme von einem Automatismus von
Agenturgründungen. Ich denke, diese Tendenz wird
völlig zu Recht kritisiert.

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(C (D Die Kommission verharmlost das, indem sie davon pricht, sie würde eine Personaleinsparung durch xternalisierung vornehmen. Das ist nicht nur eine usgliederung von Personal, sondern da werden chlichtweg ganze Aufgaben der Kommission auf Sonerbehörden verlagert, mit gewaltigen finanziellen und ersonellen Konsequenzen. Das ist eine Entwicklung, ie wir so nicht hinnehmen sollten. Beispielsweise weren gleich zwei Exekutivagenturen zur Unterstützung es Europäischen Forschungsrates vorgeschlagen. Mit iesem Beispiel möchte ich daran erinnern: Wir wollten in Netzwerk von Forschern und kein Geflecht von Bemten in der Europäischen Union. eswegen müssen wir dieser Tendenz Einhalt gebieten nd der Gründung neuer Sonderbehörden und Agenturen ach Zahl, Personalund auch Finanzausstattung Grenen setzen. Ein Zweites, das ich hier ansprechen möchte. Die ommission nimmt eine geradezu hemmungslose Auseitung ihrer finanziellen und personellen Ressour en vor. Allein 890 neue Stellen im Jahr 2008 werden orgeschlagen. Der Mittelansatz wird insbesondere für onderbehörden erhöht. Auch das ist so nicht hinzunehen, weil jede Analyse fehlt, wo Einsparungspotenzial iegt. Auch wir im Bundestag müssen Einsparungen vorehmen, und es kann nicht angehen, dass wir uns in uneren Haushaltsberatungen darum bemühen, während uf europäischer Ebene Zahlungen sozusagen nach poliischen Plänen eingefordert werden; der Ball wird dabei n die nationalen Parlamente zurückgespielt, die das eld beschaffen sollen. Auch diese Arbeitsteilung, eine ich, können wir so nicht fortsetzen. Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss. ir werden im Herbst die Gelegenheit haben, diese Stra egieplanung zu konkretisieren, wenn es um das Legislaivund Arbeitsprogramm und um die Haushaltsberatunen geht. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, in allen achausschüssen in Zusammenarbeit mit den Kollegen m Europäischen Parlament und natürlich auch mit der undesregierung konkrete Vorschläge für das weitere orgehen und die Planungen für 2008 zu erarbeiten. Ein Allerletztes, wenn Sie gestatten, Frau Präsidentin. ch glaube, zufrieden kann ich erst dann sein, wenn die lanungen für politische Vorhaben künftig nicht von erwaltungen vorgelegt werden, sondern, wie wir es auf ationaler Ebene gewohnt sind, die politische Agenda on Parlamenten und Regierungen gemacht wird. Desegen muss ich meine alte Forderung wiederholen: Das nitiativmonopol ist ein Anachronismus; wir müssen och damit leben, – Für ein Allerletztes sind das ziemlich viele Neben ätze, Herr Kollege. – aber wir sollten es bei Gelegenheit abschaffen. Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit. 9576 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Thomas Silberhorn (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


(Beifall bei der CDU/CSU)

Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609418100
Thomas Silberhorn (CSU):
Rede ID: ID1609418200

(A) )


(B) )



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609418300

Horst Meierhofer für die FDP-Fraktion ist der letzte

Redner in dieser Debatte.


(Beifall bei der FDP)



Horst Meierhofer (FDP):
Rede ID: ID1609418400

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Herr Roth hat schon die Fachausschüsse angesprochen.
Deshalb möchte ich zu Beginn kurz auf das Thema
Klimaschutz, das als politische Priorität ausgerufen
wurde, eingehen.

Es ist gut und richtig, dass man sich dieses Themas
angenommen hat, auch als Schwerpunkt. Nur sind leider
die Aussagen, die man in der Strategieplanung für das
Jahr 2008 findet, zu vage,


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: So ist es!)


um wirklich glauben zu können, dass der Bereich Klima-
schutz eine so herausgehobene Stellung, durch die man
auch gemeinsame Positionen erreichen kann, haben
wird.

Die EU ist für circa 20 Prozent der globalen Emissio-
nen verantwortlich. Die europäische und insbesondere
deutsche Technologie im Bereich der erneuerbaren Ener-
gien würde die Möglichkeit einer Vorreiterrolle der EU
eröffnen. Es wäre erforderlich und aus europäischer
Sicht auch wünschenswert, dass wir da endlich einen
weiteren Schritt vorankommen.


(Beifall bei der FDP)


Die Beschlüsse des EU-Umweltrates im März waren
leider nicht der große Durchbruch, als der sie oftmals
verkauft worden sind. Diese Beschlüsse und Ergebnisse
waren zwar richtig, aber sie gingen bei weitem nicht
weit genug. Wir hätten uns sehr viel mehr gewünscht.
Herr Trittin hat es kurz angesprochen: Entscheidend ist,
wie viel Prozent Kohlendioxid jeder einzelne Mitglied-
staat einspart. Es hilft uns nichts, wenn wir hier nur ein
gemeinsames Ziel vereinbaren, Deutschland beispiels-
weise 40 Prozent einsparen würde und die anderen viel-
leicht noch eine Schaufel drauflegen. Am Ende sparen
wir dann nicht ein, sondern erreichen das genaue Gegen-
teil. Deswegen müssen wir auch Überlegungen anstel-
len, welche Sanktionsmechanismen dafür unter Umstän-
den vorgesehen werden können.


(Zuruf von der FDP: Sehr richtig!)


Sonst würde das zum einen zulasten des Klimas gehen,
und zum anderen würde die Wettbewerbsfähigkeit
Deutschlands innerhalb der EU darunter leiden. Deswe-
gen können wir das nicht hinnehmen.


(Beifall bei der FDP)


Mit Blick auf die globale Wettbewerbsfähigkeit der
Europäischen Union muss der Klimaschutz so betrie-
ben werden, dass man pro eingesetztem Euro so viel

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(C (D reibhausgase wie möglich einsparen kann. Hier sollte an endlich lernen, dass es sinnvoll sein kann, auch über ändergrenzen hinweg gemeinsame Anstrengungen zu nternehmen. Es kann zum Beispiel vernünftig sein, reionale und geografische Besonderheiten zu nutzen. Das ann geschehen, indem Windenergie vielleicht mehr im orden produziert wird, Biomasse eher in landwirt chaftlich geprägten Gegenden und Solarenergie in üdeuropa. Das wäre ein möglicher Weg, um dahin zu ommen, wo wir hinkommen wollen, nämlich maximaen Klimaschutz über Ländergrenzen hinweg zu ermögichen. Dafür ist, glaube ich, die EU genau die richtige nstanz. ber es handelt sich nicht um eine Aufgabe auf EUbene, sondern um eine globale. Daher ist es die Aufabe der EU-Kommission und der deutschen Ratspräsientin, Frau Merkel, sich stärker dafür einzusetzen, dass ich die großen CO2-Emittenten sowie die Entwickungsund Schwellenländer an Klimaschutzkonzepten ktiver beteiligen. Mein Wunsch wäre, dass man im Bereich Klimachutz und Entwicklungshilfe vielleicht gemeinsame trategien findet und dass nicht immer nur jeder für sich it Scheuklappen seine eigenen Kämpfe austrägt. Man ollte globale Strategien entwickeln, die tatsächlich zu ehr Klimaschutz führen. Ich hoffe, die EU kann dies eisten. Herzlichen Dank. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)


(Beifall bei der FDP)



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609418500

Ich schließe die Aussprache.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 8 auf:

Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Barbara Höll, Dr. Axel Troost, Dr. Herbert
Schui, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der LINKEN

Ermäßigung des Mehrwertsteuersatzes für
Produkte und Dienstleistungen für Kinder auf
7 Prozent

– Drucksache 16/4485 –
Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)

Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Haushaltsausschuss

Hier ist verabredet, eine halbe Stunde zu debattieren. –
azu höre ich keinen Widerspruch. Dann ist so be-

chlossen.

Ich eröffne die Aussprache und erteile als erster Red-
erin der Kollegin Dr. Barbara Höll das Wort für Die
inke.


(Beifall bei der LINKEN)


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9577


(A) )



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Dr. Barbara Höll (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609418600

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Am Sonntag fand am Brandenburger Tor ein großes in-
ternationales Fest aus Anlass des türkischen Tages des
Kindes statt. Eine halbe Million großer und kleiner Kin-
der feierten zusammen. Die Woche des Kindes in der
ARD ist zu Ende gegangen. Die höchsten Sympa-
thiewerte aller Ministerinnen und Ministern der Bundes-
regierung in den Umfragen hat seit Wochen Frau von der
Leyen.


(Beifall des Abg. Manfred Kolbe [CDU/CSU])


Alles ist also gerüstet; die Kinder stehen im Mittelpunkt
unserer Wahrnehmung.

Am Montag fand sich eine kurze Auswertung des Be-
richtes des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung
und Jugendberufshilfe mit der Überschrift „Alarmie-
rende Zahlen“ in der Presse. Innerhalb eines Jahres stieg
die Zahl der von Sozialleistungen abhängigen Kinder
unter 15 Jahren um durchschnittlich 10 Prozent. In den
reichen Südstaaten sogar überdurchschnittlich: in Bay-
ern um 12 Prozent und in Baden-Württemberg um
13 Prozent. Im Jahre 2006 haben 173 000 mehr Kinder
und Jugendliche von Sozialleistungen leben müssen als
im Jahre 2005.

Ich denke, wir haben hier einen großen Widerspruch
in der Wahrnehmung von verschiedenen Lebensrealitä-
ten, gerade in Bezug auf wachsende Armut von Familien
und Kindern. Wie reagiert und wie agiert die Bundesre-
gierung? Macht sie wirklich eine kinderfreundliche Poli-
tik? Die Antwort liegt auf der Hand. Man muss klipp
und klar sagen: Nein, leider nicht.


(Beifall bei der LINKEN)


Nehmen wir nur den Bereich der Steuerpolitik. Die
Regelung zur Entfernungspauschale wurde so verändert,
dass Familien, in denen Eltern berufstätig sind und eine
Anfahrt zur Arbeit von unter 20 Kilometern haben, um
durchschnittlich 500 Euro pro Jahr mehr belastet wer-
den. Die Bezugsdauer des Kindergeldes ist verkürzt
worden. Die Mehrwertsteuer wurde sage und schreibe
um 3 Prozentpunkte erhöht.

Klar ist: Durch diese gesamten Maßnahmen wurde
das Budget von Familien, also von Haushalten, in denen
Kindern leben, massiv beschränkt. Die Belastung des
Familienbudgets bedeutet immer, dass weniger Geld für
Kinder übrig bleibt. Selbst Maßnahmen wie die jetzt not-
wendigerweise zu diskutierende Verbesserung der Kin-
derbetreuung durch die Neuerrichtung von Krippen soll
auf Vorschlag der SPD – sehr genial – von den Kindern
und Jugendlichen letztendlich selber finanziert werden.
Denn die SPD will eine anstehende Kindergelderhöhung
aussetzen und das eingesparte Geld für den Ausbau von
Krippenplätzen verwenden.


(Zuruf von der SPD: Das ist doch sinnvoll!)


Familien sollen das, was für sie notwendig ist, selber fi-
nanzieren.

Zum Glück sind die Menschen in diesem Lande nicht
mehr bereit, all dies über sich ergehen zu lassen. Es gibt
eine Kampagne des Verbandes Alleinerziehender Mütter

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(C (D nd Väter. Diese wird unterstützt durch die Arbeitsgeeinschaft der Deutschen Familienorganisationen. Dazu ehören der Familienbund der Katholiken, der Deutsche amilienverband, die Evangelische Aktionsgemeinchaft für Familienfragen und, wie gesagt, der Verband lleinerziehender Mütter und Väter. Sie sagen Nein zur pielzeugsteuer, Nein zur Windelsteuer, Nein zur Turnchuhsteuer und Nein zur Flötensteuer. Wenn Sie es bei Ihrer Politik nicht bei Worten – bei er Ankündigung, etwas für Kinder zu tun – belassen ollen, können und müssen Sie endlich Zeichen setzen. s wäre ein wichtiges Zeichen, für einen ermäßigten ehrwertsteuersatz auf Waren und Dienstleistungen für inder einzutreten. Wir fordern erstens, dass Sie endlich den Spielraum utzen und das tun, was möglich ist. Wir wissen, dass ie Bedingungen für die Anwendung eines ermäßigten ehrwertsteuersatzes letztendlich durch eine europäi che Richtlinie diktiert werden. Aber selbst das, was geäß dieser Richtlinie möglich ist, nutzt Deutschland icht aus. Autokindersitze sind zu Recht gesetzlich vorgeschrieen, werden aber mit einem Mehrwertsteuersatz von 9 Prozent belegt. Bei vielen Artikeln kann man wirkich sagen: Das wäre eine steuerliche Maßnahme, eine orm der Subventionierung, die zielgerichtet ist; denn es ird sich kein Erwachsener in einen Autokindersitz set en oder Babykleidung anziehen. Nein, hier die Steuern u senken, ist eine Maßnahme, die wirklich zielgerichtet st. Wir fordern Sie auf, endlich aktiv zu werden, anstatt ummer und Langusten weiterhin mit einem ermäßigten ehrwertsteuersatz von nur 7 Prozent zu belegen: Nutzen Sie also den gegebenen Spielraum aus! Agieren Sie auf europäischer Ebene gerade jetzt, in er Zeit der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, anders ls bisher! Am 15. Mai wird aus Anlass des Internationalen Taes der Familie die Vorsitzende der Intergroup „Familie nd Schutz der Kinder“ des Europäischen Parlaments in rüssel eine Pressekonferenz veranstalten. Dort wird die rage eines ermäßigten Mehrwertsteuersatzes für Kinerartikel eine wesentliche Rolle spielen. Wir fordern ie auf, die Bemühungen zu unterstützen. Lassen Sie uns emeinsam den Mut haben, dafür zu werben! Die Tschehische Republik war sich im vergangenen Jahr nicht zu chade, dafür zu kämpfen und einen Windelstreit mit er EU zu führen. Wir fordern Sie auf: Werden Sie aktiv! Machen Sie as, was auf nationaler Ebene möglich ist! Werben und treiten Sie zugleich auf europäischer Ebene dafür! eien Sie nicht wie bisher der schärfste Gegner, sondern treiten Sie dafür, dass wir hier etwas für Kinder und Juendliche tun können! Ich danke Ihnen. 9578 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Es spricht jetzt Manfred Kolbe für die CDU/CSU Fraktion. Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Im Namen meiner Fraktion erkläre ich hiermit, dass wir den Antrag der Fraktion Die Linke ablehnen werden, ja, ablehnen müssen, weil er so nicht durchführbar ist, weil er schlicht und ergreifend handwerklicher Murks ist. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


(Beifall bei der LINKEN)


(Beifall bei der LINKEN)


(Beifall bei der LINKEN)


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Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609418700

(Beifall bei der CDU/CSU)

Manfred Kolbe (CDU):
Rede ID: ID1609418800

(Zuruf von der LINKEN: Wie überraschend!)


Wir lehnen ihn nicht ab, weil wir etwas gegen Kinder ha-
ben. Im Gegenteil: Wir betreiben eine Politik für Kin-
der. Sie, Frau Höll, haben dankenswerterweise festge-
stellt, dass die Koalition das Thema besetzt hat und dass
unsere Bundesfamilienministerin, Ursula von der Leyen,
große Zustimmung in der Bevölkerung genießt. Vielen
Dank dafür, dass das auch von Ihrer Seite einmal aner-
kannt wird!


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Ihr Antrag ist wirklich lieblos formuliert. Im Antrag
wird zunächst übersehen, dass schon heute eine ganze
Reihe wichtiger Kinderartikel dem ermäßigten Mehr-
wertsteuersatz unterliegt. Sämtliche Nahrungsmittel, na-
türlich auch jene für Kinder, Milchprodukte, Süßigkeiten
und Schokolade – für Kinder nicht ganz unwichtig –,
Bücher und Malbücher unterliegen schon heute dem er-
mäßigten Mehrwertsteuersatz. Ob das ausreichend ist,
steht auf einem anderen Blatt; aber man hätte es im An-
trag einmal festhalten können.

Was sollen denn die weiteren Waren sein, die unter
den nicht weiter spezifizierten Begriff „Produkte
für
Kinder“ fallen? Was soll noch darunter fallen? Sollen
auch CDs von Tokio Hotel, Videospiele, Gameboys,
MP3-Player, iPods „nano“ usw. unter diese Regelung
fallen? Über all das muss man sich doch einmal unter-
halten, wenn man einen handwerklich seriösen Antrag
vorlegen möchte.


Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609418900

Herr Kollege, möchten Sie eine Zwischenfrage der

Kollegin Höll zulassen?


Manfred Kolbe (CDU):
Rede ID: ID1609419000

Ich bin sofort fertig. – Sollen auch hochwertige Pup-

pen, Plüschtiere, Modellautos und Modelleisenbahnen
darunter fallen? Das würde vielleicht den einen oder an-
deren Sammler erfreuen, aber nicht unbedingt die Kin-
der.

Frau Kollegin Höll, ich hätte zumindest erwartet, dass
Sie nicht einfach nur „Artikel
für Kinder“ hinschrei-
ben, sondern dass Sie sich auch den einen oder anderen

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(C (D edanken darüber machen, welche Artikel das sind. ann hätte man in seriöser Weise darüber reden können. Frau Höll, Ihre Zwischenfrage. Herr Kollege Kolbe, wahrscheinlich können Sie mei er Aussage zustimmen: Wenn wir angefangen hätten, inzelne Artikel aufzuführen, hätten Sie heute hier getanden und gesagt, dass wir diesen Artikel vergessen aben und jener nicht unter die Regelung fallen darf. Ich laube also, dieses Argument zählt überhaupt nicht. Ich möchte Sie fragen, wie Sie sich erklären, dass um Beispiel der saarländische Ministerpräsident Herr üller noch 2005 erklärt hat, ein ermäßigter Mehrwert teuersatz für Kinderwaren und -dienstleistungen wäre ut und notwendig, und dass auch Frau Merkel in der resse signalisiert hat, dass sie sich mittelfristig ein solhes Vorgehen vorstellen könne. Wir reden natürlich nur ber Kinderkleidung und über Sportsachen, die für den nterricht notwendig sind. Wir könnten uns dabei urchaus an den Regelungen im EU-Staat Großbritanien orientieren, wo auf Kindersachen und -schuhe für inder bis 10 Jahren nicht der normale Mehrwertsteuer atz erhoben wird. Damit wäre jeglicher Missbrauch usgeschlossen. Ich bleibe dabei: Der Antrag ist lieblos und schlampig ormuliert. Zur mittelfristigen Perspektive sage ich leich etwas. Im Augenblick sollten Sie aber diesen chlampigen Antrag zurückziehen und nachsitzen. – anke. Lassen Sie mich zweitens noch etwas zu den europaechtlichen Vorgaben sagen. Auch der Linken ist ja icht entgangen, dass wir Mitglied der Europäischen nion sind und europäische Vorgaben beachten müssen. n diesem Fall gilt die europäische Mehrwertsteuersysemrichtlinie. Art. 98 dieser Richtlinie regelt die Grundätze zur Anwendung der maßgeblichen ermäßigten teuersätze in den Mitgliedstaaten der Europäischen nion. Gemäß Art. 98 Abs. 1 der Mehrwertsteuersys emrichtlinie können die Mitgliedstaaten einen oder zwei rmäßigte Steuersätze anwenden. Diese ermäßigten teuersätze sind aber grundsätzlich nur auf die im nhang III der Richtlinie ausdrücklich benannten Liefe ungen und Dienstleistungen anwendbar. Schaut man sich nun diesen Anhang III mit dem Vereichnis der Lieferungen von Gegenständen und Diensteistungen an, so stellt man fest, dass darin keine Kinderleidung, keine Spielsachen usw. enthalten sind. (Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Das kann man erweitern!)

Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609419100
Dr. Barbara Höll (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609419200
Manfred Kolbe (CDU):
Rede ID: ID1609419300

b das richtig ist, stelle ich einmal in den Raum, aber
as ist im Augenblick geltende europarechtliche Vor-
abe,


(Zuruf der Abg. Dr. Barbara Höll [DIE LINKE])


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9579


(A) )



(B) )


Manfred Kolbe
die wir als deutscher Gesetzgeber zur Kenntnis zu neh-
men haben. Diese hätten Sie auch in Ihrem Antrag zur
Kenntnis nehmen müssen, wenn Sie seriös sein wollen.
Ob das sachgerecht ist oder nicht, stelle ich, wie gesagt,
in den Raum.

Die Möglichkeit, auf Kinderprodukte generell einen
ermäßigten Steuersatz anzuwenden, besteht somit für die
Bundesrepublik Deutschland im Augenblick nicht.

Lassen Sie mich drittens und abschließend zur mittel-
fristigen Perspektive kommen. Wie könnte eine Lösung
der Problematik aussehen? Meine Fraktion trägt sich in
der Tat bereits seit längerem mit dem Gedanken, einmal
grundsätzlich und nicht nur für einzelne Produkte die
Liste der dem ermäßigten Steuersatz unterliegenden Ge-
genstände einer Überprüfung zu unterziehen. Wenn man
sich diese mehrere Seiten lange Liste anschaut, dann
stellt sich einem in der Tat die Frage: Brauchen wir wirk-
lich eine so detaillierte Kasuistik? Diese stellt ja regel-
mäßig eine Fundgrube für Büttenredner im Karneval dar,
da sich anhand dieser die Regelungswut des Steuerge-
setzgebers ins Lächerliche ziehen lässt. So unterliegen
beispielsweise dem ermäßigten Steuersatz gemäß lau-
fender Nummer 22 der Liste:

Johannisbrot und Zuckerrüben, frisch oder getrock-
net, auch gemahlen; Steine und Kerne von Früchten

(einschließlich nichtgerösteter Zichorienwurzeln der Varietät Cichorium intybus sativum)

menschlichen Ernährung verwendeten Art, ander-
weit weder genannt noch inbegriffen; ausgenom-
men Algen, Tange und Zuckerrohr

Das ist eine sehr klare Regelung, die Sie sicherlich alle
verstanden haben. – Es ist klar, hierbei handelt es sich
um etwas zu viel Regelungswut. Vielleicht könnten wir
uns das einmal vornehmen.


Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609419400

Herr Kollege, möchten Sie noch eine weitere Zwi-

schenfrage der Kollegin Höll zulassen?


Manfred Kolbe (CDU):
Rede ID: ID1609419500

Ja, bitte, immer.


Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609419600

Bitte, Frau Höll.


(Christian Freiherr von Stetten [CDU/CSU]: Redezeitverlängerung!)



Dr. Barbara Höll (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609419700

Ich möchte nicht meine Redezeit verlängern, ich

möchte nur eine klare Antwort auf meine Frage, ob Sie
bereit sind, auf europäischer Ebene dafür zu streiten,
dass der Katalog erweitert wird. Ja oder nein? Die Frage
lässt sich also ganz einfach beantworten.


Manfred Kolbe (CDU):
Rede ID: ID1609419800

Frau Höll, ich habe Ihnen doch gerade gesagt, dass

wir vielleicht einmal über diesen Katalog nachdenken

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(C (D ollten. Ich kann das jetzt nicht stellvertretend für alle ersichern, aber ich meine, wir sollten uns diesen Kataog einmal anschauen. – Danke. Wenn man sich diesen Katalog durchliest, stellt man est und muss man zugeben, dass doch der eine oder anere Wertungswiderspruch in ihm enthalten ist. So äre zu fragen, warum Musik-CDs besser als Babywineln behandelt und Arzneimittel höher als Tierfutter beteuert werden. Es ist aber keine einfache Aufgabe, diesen Katalog timmiger zu machen und hier zu einer sachgerechten ösung zu kommen. Ich erinnere nur an unseren letzten ersuch, Herr Diller. Das war der Entwurf des Steuerergünstigungsabbaugesetzes im Jahr 2002. ch nenne nur die Kombinationsartikel und die Überrachungseier. Das alles ist dann relativ kläglich gescheiert. Liebe Kollegin von der Linken, es ist keine ganz einache Aufgabe, das einer sorgfältigen Prüfung zu unteriehen und zu einem stimmigen Ergebnis zu kommen. ber wir sollten diesen Versuch einmal wagen, und zwar m Rahmen der europäischen Vorgaben und im Rahmen er haushaltsmäßigen Möglichkeiten. Für alles ermäigte Steuersätze zu fordern, dient nicht unseren Kinern. Wir müssen auch darauf achten, einen schuldenreien Bundeshaushalt vorzulegen; denn das Beste, as wir für unsere Kinder, für unsere Jugend, für die ommende Generation tun können, ist, möglichst schnell u einem schuldenfreien Bundeshaushalt zu kommen. as sollte auch die Linke einsehen. In diesem Sinne wird meine Fraktion heute diesen ntrag ablehnen. Er ist schlampig und handwerklich chlecht gearbeitet. (Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Das war eine lieblose Rede! – Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Kurz und prägnant und langfristig notwendig!)


(Lydia Westrich [SPD]: Sehr bitter!)


(Lydia Westrich [SPD]: Das war schlimm!)


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


ir werden uns mittelfristig der Liste der Gegenstände
uwenden, die einem ermäßigten Steuersatz unterliegen.

Danke schön.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609419900

Ich gebe jetzt dem Kollegen Dr. Volker Wissing das

ort für die FDP-Fraktion.


(Beifall bei der FDP)



Dr. Volker Wissing (FDP):
Rede ID: ID1609420000

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

ei der Einführung des Umsatzsteuersystems zum
. Januar 1968 hat der Gesetzgeber ein Gesamtkonzept

9580 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Dr. Volker Wissing
für alle Bereiche des täglichen Lebens entwickelt. –
Das sind die Worte der Bundesregierung in der Antwort
auf eine Anfrage der FDP-Fraktion. Man fragt sich: Was
ist denn ein „Gesamtkonzept für alle Bereiche des tägli-
chen Lebens“?


(Frank Schäffler [FDP]: Das war auch eine Große Koalition!)


Man stellt sich auch die Frage: Warum müssen nach An-
sicht des Gesetzgebers Gänsestopfleber und Trüffel steu-
ersubventioniert werden, Kinderwindeln dagegen nicht?

Vor ziemlich genau einem halben Jahr hat die FDP im
Bundestag einen Antrag gestellt. Ich darf Ihnen daraus
einmal vorlesen:

Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregie-
rung auf, den Katalog der ermäßigt und normal
besteuerten Gegenstände unter Einbeziehung der
europäischen Ebene zu überarbeiten...

Der Deutsche Bundestag ist der Auffassung, dass
unsinnige Subventionstatbestände im Mehrwert-
steuersystem gestrichen werden müssen.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Sehr gut! – Frank Schäffler [FDP]: Und was hat die Regierung gemacht? Nichts!)


Sie, Frau Kollegin Höll, haben dem nicht zugestimmt.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Das ist unglaublich! – Christian Freiherr von Stetten [CDU/ CSU]: Ja, warum?)


Da fragt man sich doch: Was wollen Sie eigentlich? Sie
ziehen hier eine Show ab, machen eine große Nummer,
aber wenn es im Ausschuss konkret wird, dann ducken
Sie persönlich, Frau Höll, sich weg.


(Beifall bei der FDP)


Sie, Herr Kollege Kolbe, haben mit Nein gestimmt


(Frank Schäffler [FDP]: Skandalös!)


und erzählen uns heute, dass Ihre Fraktion genau das
will, was sie im Finanzausschuss und hier im Bundestag
abgelehnt hat.

So kann man das nicht machen.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Aber wirklich nicht!)


Das ist jedenfalls das Gegenteil von glaubwürdiger
Finanzpolitik.


(Beifall bei der FDP)


Die letzte Änderung des Mehrwertsteuerrechts hätte
die Chance geboten, eine umfassende Reform, auch
struktureller Art, durchzuführen. Aber Sie von der Gro-
ßen Koalition können keine Steuern reformieren. Sie
schaffen das in keinem Bereich, auch nicht in diesem.
Sie beschränken sich auf Steuererhöhungen.


(Frank Schäffler [FDP]: Das können die!)


Es hätte Ihnen gut angestanden, wenn Sie nicht nur auf
die Einnahmeseite geschaut hätten, sondern wenn Sie

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(C (D inmal Kraft und Stärke demonstriert und diesen Kraftkt geleistet hätten. Jeder weiß, dass das nicht leicht ist. ie hätten also die Chance gehabt, unser Mehrwertsteursystem den Lebensumständen der Menschen im Lande nzupassen. Die Chance haben sie vertan. Steuern zu eröhen ist eben einfacher, als Steuerreformen durchzuühren. Auf welchem Niveau sich der politische Gestalungswille dieser Koalition bewegt hat, zeigt, für welhe Produkte Sie Änderungen vorgenommen haben. Da erkündet die Bundesregierung mit BMF-Schreiben om 16. Oktober 2006, dass – ich zitiere – genießbare chweineohren, auch wenn als Tierfutter verwendet, ortan dem ermäßigten Umsatzsteuersatz unterliegen. etrocknete Schweineohren, die nicht für den menschli hen Verzehr geeignet sind, unterliegen dem vollen atz. – Das ist der Gestaltungswille, den Sie aufbringen! Meine Damen und Herren, es ist einfach nicht ehrlich, enn Sie im Ausschuss gegen das votieren, was Sie hier nkündigen. Wir werden Sie beim Wort nehmen. Wir erden darauf zurückkommen, und wir werden sehen, b Sie sich an das, was Sie hier gesagt haben, gebunden ühlen. Ich weiß nicht, welches Gesamtkonzept des täglichen ebens die Menschen in Deutschland nach Auffassung on SPD und CDU/CSU haben sollen. Dass getrocknete chweineohren ein Grundnahrungsmittel sind, ist – jeenfalls für mich – bis dato neu. Aber vielleicht gibt es n den Reihen der Koalition eine gewisse Präferenz für iese Produkte. Wir wissen es nicht. Es ist symptomatisch für unser Land, dass über ermäigte Umsatzsteuersätze nicht die Politik, sondern die erwaltung entscheidet. Die Verwaltung macht hier inanzpolitik, und die Politik verwaltet. Das ist eine sehr edenkliche Entwicklung. Die mantraartige Ausrede der Bundesregierung, man önne das gar nicht ändern, weil Europa davorstehe, ist benso inkonsequent wie falsch; denn es ist wohl unbetritten, dass die Bundesregierung – wer, wenn nicht sie? – influss auf die Regelungen auf europäischer Ebene ausben kann. Es bestätigt sich wieder einmal: Steuern eröhen können Sie; Steuerreformen schaffen Sie nicht. iese Koalition hat große Mehrheiten bei einem minialen Gestaltungswillen. Ich will Sie noch an etwas erinnern: Damals, am . Januar 1968, als dieses unsinnige Umsatzsteuersystem ingeführt wurde, regierte in Deutschland eine Große oalition. Das ist die Bestätigung dafür, dass in der teuerpolitik eine Große Koalition für großen Mist steht. Als Nächstes hat das Wort die Kollegin Lydia estrich für die SPD-Fraktion. Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! ass das Mehrwertsteuerrecht sehr kompliziert ist, hat Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9581 Lydia Westrich man an den Beispielen, die Herr Wissing und Herr Kolbe eben angeführt haben, leicht erkennen können. Dieses Recht ist wirklich nicht leicht zu durchschauen. Deswegen ist es verständlich, dass Bürgerinnen und Bürger immer wieder nachfragen, ob für das eine oder andere Produkt nicht ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz oder gar eine Befreiung gelten sollte. Allerdings muss man sich schon über die blamable Unkenntnis einer Bundestagsfraktion wundern. Immerhin hat sogar ein ehemaliger Finanzminister, der viel auf europäischer Ebene herumgetanzt ist, diesen Antrag mit unterzeichnet. Obwohl Herr Kolbe es Ihnen, Kolleginnen und Kollegen von der Linksfraktion, schon einmal erklärt hat, sage ich noch einmal – es ist etwas zum Weitersagen –: Das Mehrwertsteuerrecht gehört zum harmonisierten Gemeinschaftsrecht. Die entsprechenden Grundsätze können wir nicht so einfach ändern. Das gilt vor allem für die ermäßigten Steuersätze in den Mitgliedstaaten der EU. Die Spielräume der einzelnen Länder sind vor vielen Jahren, 1968 – Herr Wissing hat darauf hingewiesen –, festgelegt worden; sie sind bindend. Deutschland hat sich vor Jahren entschieden, dass bei verschiedenen Gütern ein ermäßigter Steuersatz gilt: nicht nur bei Grundnahrungsmitteln, sondern insgesamt bei Lebensmitteln – vielleicht können Sie sich noch an den Streit darüber erinnern, ob ein Überraschungsei ein Lebensmittel oder ein Spielzeug ist –, bei Kulturgütern, bei Büchern, bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen und bei anderem. Die Liste dieser Güter ist optional. Das heißt, ermäßigte Mehrwertsteuersätze können, aber müssen nicht auf die in der Liste festgelegten Produkte angewandt werden. Seriöserweise kann man also nur fordern, dass Produkte aus dieser Liste höher besteuert werden; neue Produkte können dieser Liste aber nicht hinzugefügt werden. Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen von der Linken, wissen das ganz genau. Das hoffe ich wenigstens. Sie haben zumindest angedeutet, dass Sie das wissen. Sie haben vorhin Tschechien erwähnt: Sie wissen vielleicht auch, dass die EU-Kommission Aufforderungsschreiben – sie stellen den Beginn eines Vertragsverletzungsverfahrens dar – an diejenigen Länder gerichtet hat, die Produkte, die nicht in der Liste stehen – zum Beispiel Babywindeln –, ermäßigt besteuern. Die EU-Kommission hat allerdings auch erkennen lassen, dass sie diesem Begehren eventuell sehr aufgeschlossen gegenübersteht. Wir in Deutschland würden von einer allgemeinen Änderung ebenfalls profitieren. Wir würden nicht hintanstehen, wenn es darum geht, auch Babywindeln ermäßigt zu besteuern. Das löst das Hauptproblem Ihres Antrags natürlich nicht. Ihre populistische Forderung, nicht nur Babywindeln, sondern alle Waren und Dienstleistungen für Kinder ermäßigt zu besteuern und dadurch Kinderarmut, die Sie vorhin so plastisch beschrieben haben, zu bekämpfen, geht weit am Ziel vorbei. Ich kann nicht nachvollziehen, warum Sie als Linke ständig Anträge stellen, die eine Umverteilung von Steu e h s w d s d – G c J i i W k W n a B a – w w g c W b e n z t w h g u g k B l 1 T K n l w s L n a v m h m (C (D rgeldern zu Unternehmen und Dienstleistern zum Inhalt aben. Es gibt keine Möglichkeit, mit der wir per Gesetz icherstellen können, dass eine solche Steuerersparnis, äre sie überhaupt machbar, tatsächlich vollständig und auerhaft beim Endverbraucher ankommt. Wie unwahrcheinlich eine tatsächliche Ersparnis für die Familien urch Ihren Antrag ist, zeigt sich, wenn Sie die Preise das haben Sie schon angeführt – für Kinderkleidung in roßbritannien und Deutschland miteinander verglei hen. In Großbritannien ist Kinderkleidung seit vielen ahren von der Mehrwertsteuer befreit. Trotzdem kostet n europaweit aufgestellten Ladenketten Kinderkleidung n London und Glasgow genauso viel wie in Berlin. em kommen dann diese Steuerersparnisse zugute? Das önnen Sie sich ausrechnen. Es gibt viele Möglichkeiten, Familien auf andere eise direkt zu unterstützen. Die Mehrwertsteuer taugt icht dazu, und sie ist sehr kompliziert und sehr betrugsnfällig. Deswegen, Herr Wissing, bemühen wir uns in rüssel darum, das System grundlegend zu ändern und uf andere Füße zu stellen. (Dr. Volker Wissing [FDP]: Sie haben auch mit Nein gestimmt!)


(Beifall bei der FDP)

Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609420100
Lydia Westrich (SPD):
Rede ID: ID1609420200

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(B) )


Dazu sage ich gleich noch etwas. – Ich glaube, da sind
ir auf einem guten Weg. Eines muss man sagen: Als
ir uns 2002 bemüht haben, viele Mehrwertsteuerver-
ünstigungen zu streichen und das System zu vereinfa-
hen, hat auch die FDP mit Nein gestimmt.


(Dr. Volker Wissing [FDP]: Weil das nur Einzelpunkte waren!)


enn wir das System ändern können, können wir auch
ei der Ermäßigung andere Prioritäten setzen. Jetzt kann
s uns nur unter Verletzung des EU-Rechts gelingen,
eue Produkte aufzunehmen. Das währt dann nur bis
um nächsten Urteil des EuGH bzw. bis zu einem Ver-
ragsverletzungsverfahren. Sie können sich ausrechnen,
ie ein Unternehmen reagiert, das keine Rechtssicher-
eit hat: im Vertrauen darauf, dass die EU das genehmi-
en wird, die Preise senken?

Die Unternehmen nehmen die Steuergeschenke mit,
nd die Familien gehen leer aus. Lassen wir also die Au-
enwischerei, die in Ihrem Antrag zum Ausdruck
ommt, und schauen wir gemeinsam, wie wir die
ekämpfung der Kinderarmut in Deutschland wirk-

ich sinnvoll angehen können. Ich muss hier nicht die
50 Tatbestände, seien sie steuerlicher Art oder seien es
ransferleistungen, aufzählen, die Bund, Länder und
ommunen für Familien eingerichtet haben. Wir sind
och lange nicht zielgenau genug. Wir sind auch noch
ange nicht am Ende der Förderung angelangt. Wie Sie
issen, will die Koalition – Herr Kolbe hat das ange-

prochen – die Betreuung von Kindern ab dem zweiten
ebensjahr massiv ausbauen und fördern. Das dient
icht nur der frühkindlichen Bildung, sondern erlaubt
uch die rasche Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit
on Eltern. Das ist ein viel wichtigerer Beitrag zur Ver-
eidung von Kinderarmut. Es sind doch die Alleinerzie-

enden, die mit ihren Kindern überproportional von Ar-
ut betroffen sind. Denen ist mit der Senkung der

9582 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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(B) )


Lydia Westrich
Mehrwertsteuer auf Kinderprodukte nicht wirklich ge-
holfen, sondern viel eher mit guten Bildungschancen für
ihre Kinder. Zum Beispiel werden wir mit der Erhöhung
des BAföGs, für die sich die SPD-Fraktion stark macht,
und auch mit dem Mindestlohn Armut ganz gezielt be-
kämpfen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Wenn die Väter und Mütter rasch wieder in den Beruf
einsteigen können, sind sie nicht mehr auf staatliche
Hilfe angewiesen, auch nicht auf einen ermäßigten
Mehrwertsteuersatz für Barbiepuppen etc. Das ist der
richtige und sinnvolle Weg, Armut in Familien zu ver-
hindern. Durch einen Rechtsanspruch auf einen – mittel-
fristig kostenfreien – Betreuungsplatz auch für die Klei-
nen wäre die Unterbringung der Kinder gewährleistet,
und teure private Betreuungsdienstleistungen – ich weiß
nicht, was Sie sonst unter Dienstleistungen verstehen –
wären überhaupt nicht nötig. Wir von der SPD wollen
diesen Rechtsanspruch auf Betreuung vom zweiten Le-
bensjahr an verankern. Nur mit der Sicherheit dieses
Rechtsanspruchs können Familien ihre Zukunft planen.
Wir wollen Rahmenbedingungen schaffen, die es Fami-
lien ermöglichen, sich selbst und ihre Kinder zu unter-
halten, ohne auf staatliche Hilfe angewiesen zu sein. Das
ist der bessere Weg.

Früh startende Bildung und Betreuung ermöglichen
eine größere Chancengleichheit für Kinder aus bil-
dungsfernen Elternhäusern, die stärker von Armuts-
risiken betroffen sind. Hilfe zur Selbsthilfe – das ist das
Konzept, auf das wir setzen. Dazu werden wir die Infra-
struktur für Kinder und ihre Familien verbessern. Darin
müssen wir investieren. Investieren kann nur ein Staat,
der genügend Einnahmen hat. Wenn Sie diese peu à peu
an Unternehmen verschenken, dann fehlen die Einnah-
men, mit denen wir etwas Sinnvolles schaffen könnten.

Wir von der SPD haben vor kurzem finanzierbare
Vorschläge gemacht, wie wir Gelder für den quantitati-
ven und qualitativen Ausbau der Kinderbetreuung um-
schichten und damit schnell reagieren können. Wir wol-
len den Staat handlungsfähig belassen. Ein starker,
handlungsfähiger Staat kann Schulden abbauen, wie
Herr Kolbe zu Recht gesagt hat. Das ist das, was Kinder
und Familien brauchen. So können wir das Geld besser
zum Wohl der Bürger verwenden. Wir wollen den Unter-
nehmen nicht durch ermäßigte Mehrwertsteuersätze, die
rechtlich auf sehr unsicherem Fundament stehen, zusätz-
liche Einnahmen bescheren. Genau das passierte, wenn
wir Ihre Vorschläge umsetzten.

Durch den Kinderzuschlag für Familien mit niedri-
gem Einkommen, der aus Staatsmitteln finanziert wird,
tragen wir mehr dazu bei, das Armutsrisiko von Fami-
lien zu verringern. Auch das ist nur durch mehr Steuer-
einnahmen finanzierbar. Herr Wissing, Sie tun immer so,
als ob Steuereinnahmen etwas Ehrenrühriges wären.
Aber man kann sehr viel Sinnvolles – auch in Ihrem
Sinne – damit machen. Der Kinderzuschlag zum Bei-
spiel ist wesentlich sinnvoller für Familien als ein ermä-
ßigter Mehrwertsteuersatz auf Computerspiele. Wir von
der SPD-Bundestagsfraktion werden den Kinderzu-

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(C (D chlag künftig noch zielgenauer ausgestalten, damit ehr Familien als bisher davon profitieren können; denn en Löwenanteil der Ausgaben für Kinder machen nicht pezielle Kinderprodukte aus. Für Lebensmittel und iete, die entweder mehrwertsteuerbefreit sind oder auf ie ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz erhoben wird, geen die Familien sehr viel mehr Geld aus als für Spieleug, Windeln oder Kinderkleidung. Schlüsselfaktoren bei der Bekämpfung und der Verinderung von Familienarmut sind Arbeit und Bildung. afür tut die Koalition schon sehr viel. Mit dem Ausbau er Kinderbetreuung, der Einführung von Mindestlöhen, der Weiterentwicklung des Kinderzuschlags sowie em Ausbau des BAföGs und des Ausbildungsplatzproramms werden wir Familien dort unterstützen, wo sie s brauchen. Herr Kolbe hat ganz recht: Halbgare Anräge wie den Ihrigen lehnen wir ab. Vielen Dank. Zur Rede des Kollegen Wissing gibt es noch eine urzintervention der Kollegin Barbara Höll. Danke, Frau Präsidentin. – Herr Kollege Wissing, da ie mich persönlich angesprochen haben und zum Glück icht eine so lieblose Rede wie Herr Kolbe gehalten haen, frage ich Sie: Darf ich davon ausgehen, dass Sie uneren Antrag unterstützen werden, zumindest in einem eilbereich, beim Katalog der Lieferungen und Leisungen, aktiv zu werden? Wenn wir im Bundestag über einen Antrag entscheien, dann stimmen wir nicht nur über das Anliegen ab, ondern auch über die konkrete Formulierung. Ihr Vorchlag enthielt wieder ein allgemeines Klagen darüber, ass alle Steuern viel zu hoch seien. Das teilen wir poliisch nicht. Des Weiteren ist anzumerken, dass das, was err Kolbe blumig angekündigt hat, wie das Hornberger chießen ausgehen wird. Auf dem komplizierten Feld er Mehrwertsteuersätze ist es deshalb besser und richig, mit kleinen Schritten zu beginnen. Wir fordern ermäigte Mehrwertsteuersätze für apothekenpflichtige Meikamente und Kinderkleidung. Produkte für Kinder wie inderkleidung, Kinderschuhe und Möbel wie Wickelti che oder Kinderbetten sowie Windeln sind zu teuer, und war aufgrund Ihrer Politik. Das ist kinderfeindlich. Die Ankündigung von Frau Westrich, auf europäicher Ebene einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz auf indeln positiv gegenüberzustehen, nehme ich mit berraschung und Freude zur Kenntnis, denn bisher urde verlautbart, dass die Bundesregierung in Brüssel islang am aktivsten und am stärksten dagegen agiert. Ich danke Ihnen. Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9583 Herr Kollege Wissing, Sie haben das Wort zur Erwi derung. Frau Kollegin Höll, bei Ihnen geht es wie Kraut und Rüben durcheinander. Ihre Frage, wie ich zu Ihrem Antrag stehe, möchte ich wie folgt beantworten – ich darf auf Ihre Begründung im Finanzausschuss verweisen –: Sie haben erklärt, man dürfe nicht einen Teilbereich isoliert behandeln. Damit haben Sie Recht, Frau Kollegin. Aber dann hätten Sie diesen Antrag nicht vorlegen sollen; denn Sie tun genau das, was Sie im Finanzausschuss für schlecht erklärt haben. (Beifall bei Abgeordneten der FDP und der CDU/CSU)


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)

Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609420300
Dr. Barbara Höll (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609420400

(Beifall bei der LINKEN)


(Beifall bei der LINKEN)


(A) )


(B) )

Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609420500
Dr. Volker Wissing (FDP):
Rede ID: ID1609420600

Es macht keinen Sinn, hier zu erklären, Sie wollten
den Katalog mit den verminderten Mehrwertsteuersätzen
überarbeiten. Dem haben Sie nicht zugestimmt. Sie wa-
ren nicht dafür, das zu tun. Deswegen ist das, was Sie
hier abziehen, nichts anderes als eine Shownummer. Das
ist unglaubwürdig. Sie widersprechen sich permanent
selbst. Machen Sie sich doch einmal Gedanken darüber,
was Sie in der Finanzpolitik eigentlich wollen! Tragen
Sie es anschließend hier sachlich vor. Dann können wir
darüber reden. Dieses Kraut-und-Rüben-Durcheinander
ist es nicht wert, hier debattiert zu werden.

Ich rate Ihnen, in den Protokollen nachzulesen, was
Sie im Ausschuss dazu gesagt haben. Halten Sie sich da-
ran. Das passt überhaupt nicht zu dem Antrag, den Sie
heute vorgelegt haben.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609420700

Der Kollege Dr. Gerhard Schick hat seine Rede zu

Protokoll gegeben.1) Ich beende damit die Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 16/4485 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. – Sie sind damit ein-
verstanden. Dann ist die Überweisung so beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 9 a bis 9 c sowie
Zusatzpunkt 5 auf:

9 a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Rita
Pawelski, Wolfgang Börnsen (Bönstrup),
Laurenz Meyer (Hamm), weiterer Abgeordneter
und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abge-
ordneten Siegmund Ehrmann, Martin Dörmann,
Monika Griefahn, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der SPD

Kulturwirtschaft als Motor für Wachstum und
Beschäftigung stärken

– Drucksache 16/5110 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Sportausschuss
Rechtsausschuss

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1) Anlage 3

(C (D Finanzausschuss Ausschuss für Wirtschaft und Technologie Ausschuss für Arbeit und Soziales Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Ausschuss für Tourismus Haushaltsausschuss b)

Dr. Günter Krings, Wolfgang Börnsen (Bön-
strup), Steffen Kampeter, weiterer Abgeordneter
und der Fraktion der CDU/CSU sowie der Abge-
ordneten Monika Griefahn, Siegmund Ehrmann,
Petra Merkel (Berlin), weiterer Abgeordneter und
der Fraktion der SPD

Populäre Musik als wichtigen Bestandteil des
kulturellen Lebens stärken

– Drucksache 16/5111 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Auswärtiger Ausschuss
Innenausschuss
Rechtsausschuss
Finanzausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung
Haushaltsausschuss

c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Katrin
Göring-Eckardt, Kerstin Andreae, Grietje Bettin,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Die Bedeutung der Kulturwirtschaft anerken-
nen und ihren Stellenwert auf Bundesebene
nachhaltig fördern

– Drucksache 16/5104 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Ausschuss für Tourismus
Haushaltsausschuss

P 5 Beratung des Antrags der Abgeordneten Hans-
Joachim Otto (Frankfurt), Christoph Waitz, Jens
Ackermann, weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion der FDP

Die Kulturwirtschaft als Zukunfts- und
Wachstumsbranche in Europa stärken

– Drucksache 16/5101 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Finanzausschuss

Zwischen den Fraktionen ist verabredet, eine Drei-
iertelstunde zu debattieren. – Auch dazu höre ich kei-
en Widerspruch. Dann ist so beschlossen.

Als erstes hat das Wort der Kollege Wolfgang
örnsen, der heute nicht nur reden wird, sondern – zu
echt – gerade Glückwünsche entgegennimmt; denn er
at heute seinen 65. Geburtstag. Ich bin nicht sicher, ob,
a die Kulturpolitiker hier sitzen, gesungen werden soll.
ch möchte Ihnen alles Gute wünschen und Ihnen das

ort erteilen.


(Beifall)


9584 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Wolfgang Börnsen (CDU):
Rede ID: ID1609420800

Danke, Frau Präsidentin, für die wunderschönen

Glückwünsche an einem wunderschönen, sommerlichen
Apriltag. Ich danke auch meinen Kollegen für die
freundliche Begleitung an diesem wunderschönen Tag
und möchte denn doch zum Thema kommen.


(Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Das ist gut! Na, denn man tau!)


Wir haben ein Thema, mit dem sich die meisten der
Kollegen identifizieren. Noch nie hat die Kulturwirt-
schaft – genauer gesagt: die Kreativwirtschaft – so viel
Aufmerksamkeit erfahren wie hier und heute bei uns. Sie
steht derzeit für 215 000 Arbeitsplätze. Vor 20 Jahren
waren es noch 570 000. Dazu gehören Designer ebenso
wie Mode- und Medienmacher, Musiker, Filmschaf-
fende, Künstler und Komponisten.

Die Umsätze liegen insgesamt bei über 80 Milliarden
Euro. Unbändige Dynamik, schöpferische Vielfalt und
Biss zeichnen die Branche der Kreativen aus. Sie sind
der Pfeffer in einer Arbeitsgesellschaft. Besonders
Selbstständige sind Träger dieser Bewegung. Jeder dritte
Beschäftigte ist sein eigener Arbeitgeber. Die Kreativ-
wirtschaft ist Motor für Wachstum und Beschäftigung.
Ihr eigentlicher Wert liegt jedoch in ihrer Innovations-
fähigkeit. Sie schafft Neues und bringt die Entwicklung
voran. Wer die Kulturwirtschaft fördert, stärkt die Krea-
tiven. Das ist im weltweiten Wettbewerb von entschei-
dender Bedeutung.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Wir wollen bessere Rahmenbedingungen für die krea-
tiven Köpfe unseres Landes. Wir wollen ein gezieltes
Regierungshandeln durch einen nationalen Kulturwirt-
schaftsbericht.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Ich danke meiner Kollegin Rita Pawelski ganz beson-
ders, die sich zusammen mit ihren sozialdemokratischen
Kollegen die Mühe gemacht hat, einen großartigen und
wegweisenden Antrag zu formulieren.

Ich danke aber auch dem Herrn Staatsminister und der
Parlamentarischen Staatssekretärin Dagmar Wöhrl da-
für, dass die Regierung diese Initiative sofort aufgenom-
men hat und handelt. Die Kreativwirtschaft hat das ver-
dient.

Wer noch nicht genannt wurde, kommt jetzt, nämlich
Steffen Kampeter. Steffen Kampeter und Günter Krings
haben sich zusammen mit Monika Griefahn und vielen
anderen für einen zweiten Antrag engagiert, der sich um
die Popmusik dreht. Es ist wichtig, diesen Musikbereich
in Augenschein zu nehmen, der lange Zeit im Schatten
anderer Kulturbereiche geschlummert hat.

Deutschland ist ein Musikland. Über 8 Millionen
Menschen betreiben aktiv Musik. In keinem Land der
Welt gibt es so viele großartige Orchester. Komponisten
aus Deutschland haben Weltrang. 3 Millionen Kinder
werden musikalisch gefördert. Wir sind nicht nur stark in
der Klassik. Unser Land gehört zu den wichtigsten Mu-

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(C (D ikmärkten in der Welt. Die Popkomm in Berlin ist uropaweit die größte Fachmesse für Musik. Wir haben uns zu einem Zentrum internationaler Popusik gemausert und sind weltweit das bedeutendste ersuchslabor für E-Musik. Die elektronische Musik ist ei uns fest verankert. Techno wurde hier in Berlin georen. Der Umsatz der Popmusik beträgt fast 6 Milliarden uro bei 150 Aktiven. Doch ihr eigentlicher Wert liegt in hrer kreativen, sozialen und integrativen Wirkung. Popusik aus Deutschland ist weltweit auf der Erfolgsspur. ur die Radiosender bei uns zieren sich, deutsche Texte u senden; das ist falsch verstandene Internationalität. icht nur die Klassik, auch die Popmusik kann den enschen stärken. Nur die Art ist anders: Was locker ist, st noch lange nicht minderwertig. Als Schlagzeuger eier Jazzband weiß ich, wovon ich rede. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)


(Beifall bei der CDU/CSU)


Die Nutzung von Tonträgern in unserem Land hat
ich in den letzten zehn Jahren pro Bürger und Tag auf
5 Minuten verdreifacht. Doch die Umsätze der Musik-
irtschaft sind um 35 Prozent zurückgegangen, weil das
rheberrecht zu viele Lücken lässt. Das darf nicht so
leiben. Immer mehr hören und immer weniger bezah-
n, das ist zum Schaden der Kreativen. Mit seiner Musik-

nitiative, die auf Steffen Kampeter zurückgeht, will
taatsminister Bernd Neumann das ändern. Die Union
ird diese Offensive kraftvoll begleiten. Mit zehn Punk-

en zur Popmusik präsentieren wir ein schlüssiges Kon-
ept. Wir wollen, dass unser Land in beiden Musikberei-
hen – in der Klassik wie in der Popmusik – spitze ist
nd bleibt.

Herzlichen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP – Steffen Kampeter [CDU/CSU]: Herzlichen Glückwunsch – nicht nur zu dieser Rede!)



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609420900

Offenbar wird doch nicht gesungen. Ich erteile jetzt

as Wort dem Kollegen Hans-Joachim Otto für die FDP-
raktion. Oder will er anstimmen?


(Beifall bei der FDP)



Hans-Joachim Otto (FDP):
Rede ID: ID1609421000

Liebe Frau Präsidentin, da ich nicht singen kann, be-

chränke ich mich darauf, dem Kollegen Börnsen meine
lückwünsche auf diesem Wege vorzutragen. – Er hat

eider kein Ohr für mich, da ihm noch einige Kollegen
ratulieren. – Wenn wir dem Kollegen Börnsen so zuhö-
en, dann müssen wir uns wirklich fragen, woher das
ehlurteil kommt, dass Nordlichter unterkühlt seien.


(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der FDP, der CDU/CSU und der SPD)


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9585


(A) )



(B) )


Hans-Joachim Otto (Frankfurt)

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist unumstritten ein
Zukunftsmarkt. Mit knapp 1 Million Beschäftigten und
einem Umsatz von rund 126 Milliarden Euro ist dieser
Wirtschaftssektor heutzutage ein fester Bestandteil der
Wertschöpfung in unserem Lande. Die Zahl der in die-
sem Sektor Beschäftigten übersteigt – man höre und
staune – die Zahl derjenigen, die in der deutschen Auto-
mobilindustrie oder in den Banken arbeiten. Nicht nur
wir Kulturpolitiker, sondern auch die Wirtschaftspoliti-
ker unter uns können also durchaus mit Stolz sagen: Kul-
tur und Kreativität sorgen für Wohlstand und Arbeit in
Deutschland. Dabei sind wir uns darüber einig, dass die
Kulturwirtschaft einen Doppelcharakter hat: Sie ist so-
wohl Kultur- als auch Wirtschaftsgut.

Aus diesem Grunde regen wir die Einrichtung eines
Querschnittsreferates „Kulturwirtschaft“ auf Bun-
desebene an.


(Beifall bei Abgeordneten der FDP)


In einem solchen Querschnittsreferat können die Kom-
petenzen aus Kultur- und Wirtschaftspolitik sinnvoll ge-
bündelt werden. Nur durch eine derartige ressortüber-
greifende Betrachtung der Kultur- und Kreativwirtschaft
sind wir in der Lage, optimale Bedingungen für diesen
Bereich zu gestalten.


(Beifall bei Abgeordneten der FDP – Steffen Kampeter [CDU/CSU]: Deswegen reden hier Kulturund Wirtschaftspolitiker, Herr Kollege!)


Ein solches Querschnittsreferat hätte viel zu tun: Als
Erstes – darüber scheinen sich die Fraktionen heute einig
zu sein – müsste es, in Abstimmung mit den Ländern,
die längst überfällige Erstellung eines Kulturwirtschafts-
berichtes für die gesamte Bundesrepublik in die Wege
leiten. Ein solcher Kulturwirtschaftsbericht kann dazu
beitragen, weitere wichtige Erkenntnisse über diesen
Wirtschaftssektor zu gewinnen und darauf aufbauend
neue Handlungsempfehlungen zu entwickeln. Das ist
übrigens die einhellige Meinung der Kultur-Enquete, die
auch Vorschläge für einheitliche Definitionen und Ab-
grenzungen unterbreiten wird.

Ein Querschnittsreferat für Kulturwirtschaft hätte
aber auch die Aufgabe, die Einführung von innovativen
Finanzierungsinstrumenten zu initiieren. Solche Finan-
zierungsinstrumente müssen berücksichtigen, dass
Projekte der Kreativwirtschaft meistens zwar keine ma-
teriellen, sehr wohl aber immaterielle Kapitalausstattun-
gen vorweisen können. Die Instrumente, an die wir dabei
denken, sind Minikredite, Venturecapital-Fonds nach
englischem Vorbild, die in diesem Bereich sehr wichtig
sind, gerade wenn Sicherheiten fehlen. Durch sie können
insbesondere die vielen kleinen und mittleren Unterneh-
men sowie einzelne Künstler in diesem Bereich unter-
stützt werden. Dass solche Maßnahmen – bei aller Eupho-
rie, die heute über das Potenzial der Kreativwirtschaft
herrscht – notwendig sind, zeigt die Tatsache, dass die
Ertragskraft der deutschen Kreativwirtschaft seit dem
Jahre 2000 um etwa 10 Prozent gesunken ist. Sie liegt
damit unter dem europäischen Durchschnitt.

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(C (D Damit habe ich einen weiteren Punkt angesprochen, er meine einzige Kritik am Antrag der Koalitionsfrakionen bzw. meinen einzigen Ergänzungsvorschlag dartellt: Das Wort Europa fehlt mir ein bisschen. enn auch auf europapolitischer Ebene muss zur weiteen Unterstützung einiges getan werden. Auch hier stellt ich die Frage nach der erforderlichen Vernetzung. (Abg. Steffen Kampeter [CDU/CSU] meldet sich zu einer Zwischenfrage)


(Steffen Kampeter [CDU/CSU]: Wie bitte?)


Herr Kollege Kampeter, für Sie unterbreche ich immer
ern.


Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609421100

Wenn ich Sie gefragt habe, noch lieber. – Herr

ampeter, bitte schön.


Steffen Kampeter (CDU):
Rede ID: ID1609421200

Herr Kollege Otto, sind Sie bereit, zur Kenntnis zu

ehmen, dass Kulturstaatsminister Bernd Neumann,
uch ohne dass dieser Antrag vorgelegen hätte, gerade
rst den Vorsitz der Europäischen Kulturministerkonfe-
enz genutzt hat, um die vielfältigen Initiativen in der
undesrepublik als Anregung für unsere europäischen
artner vorzustellen, und dass das Hauptthema auf der

etzten Begegnung der europäischen Kulturminister hier
n Berlin der kreativwirtschaftliche Bereich war? Wollen
ie die vielfältigen Bemühungen des Kulturstaatsminis-

ers auf europäischer Ebene nicht bewerten, indem auch
ie von der FDP, statt Kritik an seinen Aktivitäten zu äu-
ern, nachhaltige Unterstützung signalisieren?


Hans-Joachim Otto (FDP):
Rede ID: ID1609421300

Lieber Herr Kollege Kampeter, ich freue mich. Denn

ir wird bewusst, dass meine Ausführungen auch als
ob für den Staatsminister gewertet werden können. Sie
elbst haben nämlich vergessen, die europäische Ebene
n Ihrem Antrag zu erwähnen. Ich erwähne sie. Daher
ilt mein Lob auch in Richtung des Staatsministers.
achdem der Kollege Börnsen nahezu jeden im Plenar-

aal gelobt hat, soll nun auch der Staatsminister gelobt
erden.


(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


ch frage mich allerdings, wann Sie einmal unsere euro-
äischen Aktivitäten loben, lieber Kollege Kampeter.


(Beifall bei der FDP)


Im Hinblick auf die Vernetzung auf europäischer
bene müssen in unseren Augen alle Aktivitäten der Eu-

opäischen Kommission, die einen Einfluss auf den kul-
urellen und den kreativen Sektor haben, noch stärker als
isher koordiniert werden. Die Besonderheiten dieses
irtschaftssektors müssen insbesondere bei der Umset-

ung des Binnenmarktes, des Wettbewerbes und der
andelspolitik Berücksichtigung finden.

Wie Sie wissen, haben sich die Staats- und Regie-
ungschefs der Europäischen Union mit der sogenannten

9586 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Hans-Joachim Otto (Frankfurt)

Lissabonstrategie im Jahre 2000 auf das Ziel verstän-
digt, die EU bis zum Jahre 2010 zum wettbewerbsfä-
higsten und dynamischsten wissensbasierten Wirt-
schaftsraum der Welt zu machen. Auch wenn man an
diesen Bemühungen und an der Richtigkeit dieser Strate-
gie manchmal ein bisschen zweifeln darf, muss man bei
aller Skepsis einwenden: Die Kreativ- und Kulturwirt-
schaft wurde weder in der Ursprungsfassung noch in der
Neuauflage der Lissabonagenda von 2005 erwähnt.
Selbst in der von der EU-Kommission eigens in Auftrag
gegebenen Studie zur Kulturwirtschaft – einer guten Stu-
die – wurde dieses Defizit erkannt.

Dabei muss gerade die Kulturwirtschaft im Fokus sol-
cher Strategien stehen; denn sie macht aus Wissen Wirt-
schaftserfolge. Wir fordern daher, dass das Ziel der Stär-
kung der Kreativwirtschaft elementarer Bestandteil der
Lissabonagenda werden muss. Nur mit diesen und den üb-
rigen in unserem Antrag aufgeführten Maßnahmen – ich
empfehle sie Ihnen zur Lektüre – kann die Kultur- und
Kreativwirtschaft wirklich zu dem Motor des europäi-
schen Wachstums werden, der sie sein kann.

Wir als FDP-Fraktion fordern die Bundesregierung
auf, unter Einsatz aller Kräfte, die ihr insbesondere im
Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft zur Ver-
fügung stehen, die stiefmütterliche Behandlung, die die
Kreativwirtschaft durch die Politik in Europa bisher er-
fährt, aufzugeben und sich für eine nachhaltige Stärkung
dieses wichtigen Wirtschaftssektors einzusetzen.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]: Das tun wir doch alle!)


Meine Damen und Herren, interessieren wir gleicher-
maßen Kultur- und Wirtschaftspolitiker, und zwar in
Deutschland wie in Europa für die Kulturwirtschaftspo-
litik; die heutige Debatte ist ein guter Auftakt. Damit ist
schon vieles gewonnen. Ich hoffe, dass wir bei den Bera-
tungen in den zuständigen Ausschüssen eine Überein-
stimmung erzielen können, damit dieser Impuls, lieber
Herr Kollege Kampeter, auf die europäische Ebene ge-
tragen werden kann.

Vielen Dank.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609421400

Für die SPD hat der Kollege Martin Dörmann das

Wort.


Martin Dörmann (SPD):
Rede ID: ID1609421500

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Auch von mir zunächst ein herzlicher Glückwunsch an
den Kollegen Börnsen, der hier und heute seinen Ge-
burtstag mit uns feiern kann. Ich muss sagen: Für mich
ist das ein kleiner Kulturschock. Ich komme nämlich ge-
rade aus der Anhörung zum Thema Killerspiele.


(Heiterkeit)


Daher bin ich in dieser Runde natürlich bestens aufgeho-
ben, um das ein bisschen zu konterkarieren.

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(C (D Deutschland ist eine Kulturnation und wirtschaftlich tark. Aber erst in den letzten Jahren hat sich die Erenntnis durchgesetzt, dass unsere Kulturwirtschaft eien besonderen Stellenwert hat. Im Kultursektor sind ehr als 800 000 Menschen beschäftigt. Der Kultursek or hat 2004 etwa 36 Milliarden Euro zur Bruttowertchöpfung in Deutschland beigetragen und einen Geamtumsatz von 82 Milliarden Euro erzielt, jedenfalls ann, wenn man dem Abgrenzungsmodell des privat oranisierten Arbeitskreises Kulturstatistik folgt. Nach dieser Definition reicht die Kulturwirtschaft on den darstellenden und bildenden Künsten über die iteratur und Musik bis hin zur Filmwirtschaft und zum erlagsgewerbe – um nur einige Branchen zu nennen. llerdings gibt es – ich denke, das wurde auch in der eutigen Debatte deutlich gemacht – weder auf der natioalen noch auf der internationalen Ebene eine verbindlihe Definition des Begriffes Kulturwirtschaft. Deshalb chwirren hier heute so viele Zahlen herum. Ich denke, uch insofern gibt es einigen Klärungsbedarf, den man efriedigen muss. Die Große Koalition will mit ihrem Antrag die Beeutung der Kulturwirtschaft als eigenständigem Wirtchaftsfaktor anerkennen und in ihrer Entwicklung unerstützen. Wir wollen die Rahmenbedingungen dafür chaffen, dass Kunst und Kultur in unserem Land gedeien und zusätzliche Arbeitsplätze entstehen können. In iesem Sinne müssen Kulturpolitik und Wirtschaftspoliik für den Bereich der Kulturwirtschaft miteinander verunden und verzahnt werden. (Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie Beifall bei der CDU/CSU)


ultur und Wirtschaft sind keine Gegensätze, sondern
ft zwei Seiten einer Medaille, wie wir das in dem An-
rag in einem Satz ausgedrückt haben:

Mit Kultur lässt sich Geld verdienen, und mit Geld
lässt sich Kultur machen.


(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


er Satz stammt nicht von mir, aber ich denke, er ist
irklich glänzend.


(Steffen Kampeter [CDU/CSU]: Er ist perfekt geklaut!)


Gleichzeitig ist uns allerdings klar, dass Kultur auch
nabhängig von ökonomischen Überlegungen ein wich-
iges Gut und eine Voraussetzung für ein lebendiges Ge-
einwesen ist. Wir wissen, dass manche Künstler und
reative von ihrem Selbstverständnis her wirtschaftli-

hen Fragen sogar eher ein wenig reserviert und kritisch
egenüberstehen.


(Steffen Kampeter [CDU/CSU]: Sie wissen, wovon Sie sprechen, Herr Kollege!)


ch will hier aber noch einmal deutlich machen: Uns
eht es in keiner Weise darum, die Freiheit der Kultur-
chaffenden in irgendeiner Weise durch Regularien ein-
uengen, sondern ganz im Gegenteil: Wir wollen sie in
hrer Unabhängigkeit unterstützen; denn gerade im Be-

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9587


(A) )



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Martin Dörmann
reich der Kulturwirtschaft gibt es ja viele Freiberufler
und kleine Unternehmen, deren wirtschaftliche Situation
schwierig ist, sodass sie gar nicht dazu kommen, ihre
Kreativität und ihre wirtschaftliche Dynamik zu entwi-
ckeln.

Wir wollen, dass gerade in diesem Bereich gezielter
als bisher gefördert werden kann. Beispielsweise wollen
wir bestehende Existenzgründerprogramme und Bera-
tungsprogramme stärker auf die speziellen kulturwissen-
schaftlichen Anforderungen ausrichten.

Gleiches gilt für die Mittelstandspolitik. Daneben
wollen wir die Finanzierungsmöglichkeiten für kultur-
wirtschaftliche Unternehmen verbessern. Ich denke hier
beispielsweise an die Förderprogramme der Kreditan-
stalt für Wideraufbau, die ganz hervorragende Leistun-
gen in vielen Bereichen vorzuweisen hat. In diesem
künstlerischen Bereich ist sicherlich auch noch einiges
möglich.


(Steffen Kampeter [CDU/CSU]: Das werden wir sorgfältig prüfen!)


Wir müssen aber auch immer an die Schattenseite der
Wirtschaft und vielleicht auch schwierige wirtschaftli-
che Situationen denken. Viele Künstler bewegen sich in
einem schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Umfeld
und befinden sich in einer Situation, in der sie darauf an-
gewiesen sind, Unterstützung zu erhalten. Es gibt bei-
spielsweise Berufe – denken wir an die Schauspieler –,
in denen es nur Engagements über mehrere Monate gibt,
sodass man gar nicht auf ein volles Arbeitsjahr kommt.
Daraus ergeben sich besondere soziale Probleme. Auch
denen muss man gerecht werden. Das betrifft viele Be-
reiche der Sozialversicherungen. Deshalb bin ich ganz
froh, dass kürzlich mit der Novellierung des Künstlerso-
zialversicherungsgesetzes wenigstens in diesem Bereich
ein gewisser Fortschritt erzielt worden ist.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Wir müssen aber nach wie vor beispielsweise auch
die Alterssicherung der Selbstständigen sehr im Auge
behalten. Sie wissen: Im Bereich der Kulturwirtschaft
gibt es besonders viele Selbstständige, nämlich etwa
25 Prozent. Im Gegensatz dazu sind es in der Privatwirt-
schaft nur zehn Prozent. Das zeigt schon einmal, dass
hierauf ein besonderer Fokus unserer Sozialpolitik lie-
gen muss.

Wir wissen, dass die Kulturpolitik und die Förderung
der Kulturwirtschaft in erster Linie Sache der Länder
und Kommunen sind. Gerade im Bereich der Kultur-
wirtschaft gibt es jedoch eben auch eine Vielzahl von
Verzahnungen mit dem Bundesrecht. Deshalb ist es rich-
tig und wichtig, dass auch der Bund seiner politischen
Verantwortung an dieser Stelle gerecht wird. Eine wirk-
same Politik für die Kulturwirtschaft muss vom Bund
und den Ländern gemeinsam getragen werden. Vor die-
sem Hintergrund wollen wir, dass es einen regelmäßigen
bundeseinheitlichen Kulturwirtschaftsbericht gibt, der
aber in Abstimmung mit den Ländern herzustellen ist.


(Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]: Das ist vernünftig!)


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(C (D In der Debatte ist erwähnt worden, dass wir Europa tärker in unseren Fokus nehmen müssen. Deshalb bin ch sehr dankbar dafür – ich will das für unsere Fraktion och einmal ausdrücklich erwähnen –, dass es im Rahen der deutschen Ratspräsidentschaft gelungen ist, die en Fokus auch im Bereich der Europäischen Union herustellen. Dort will man einen Aktionsplan erarbeiten. ch glaube, wir haben in der heutigen Debatte deutlich emacht, dass wir an der einen oder anderen Stelle in uropa sogar Vorreiter sind. Ich hoffe, dass dies auf iese Ebene weitergetragen werden kann. (Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Lassen Sie mich zusammenfassen: Die Große Koali-
ion will die Kulturwirtschaft als Motor für Wachstum
nd Beschäftigung stärken, die wirtschaftliche und so-
iale Situation der Kulturschaffenden verbessern und die
ichtige Rolle der Kultur für unser Gemeinwesen unter-

treichen. Hierfür und für unseren Antrag bitte ich um
hre Unterstützung.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Steffen Kampeter [CDU/CSU]: Sehr gute Rede!)



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609421600

Der Kollege Dr. Lothar Bisky hat das Wort für Die

inke.


(Beifall bei der LINKEN)



Dr. Lothar Bisky (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609421700

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die Be-

eutung der Kulturwirtschaft ist unter Fachleuten unum-
tritten. Die Kleinteiligkeit kultureller Produktion, die in
eutschland gewachsene Struktur zwischen staatlicher
örderung, Non-Profit-Sektor und Privatwirtschaft sind
eder konfliktfrei, noch greifen Kultur- und Wirt-

chaftsförderung problemlos ineinander. Leider trifft
ies zuerst die kleinen Studios, die kleinen Agenturen
nd Verlage. Aus Tradition fördern wir eher nach Gesell-
chaftsform denn nach kultureller Innovation. Damit ha-
en wir den intellektuellen Ekel vor der Adorno’schen
ulturindustrie einfach an der falschen Stelle bewahrt.


(Beifall bei der LINKEN)


Bei den kleinen Produzenten ist oft Selbstausbeu-
ung angesagt. Zugleich finden dort die ästhetischen Ent-
eckungen und Erfindungen statt. Die Kernkompetenz
er großen Produzenten ist die Vermarktung. Die An-
ragslage zur Kulturwirtschaft und zur Förderung der po-
ulären Musik zeigt – und das freut uns –, dass der poli-
ische Handlungsbedarf erkannt und formuliert wurde.
ine Einschränkung gilt dem Antrag der Koalitionspar-

eien zur Stärkung populärer Musik. Mit dem Anliegen
in ich ganz bei ihnen, doch solange wir die Eigenge-
etzlichkeit dieser Musik von Hardrock über Hip-Hop
is Jazz an Kriterien klassischer Musikproduktionen an-
assen, werden Sie mit Förderinstrumentarien Schiff-
ruch erleiden.

9588 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



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Dr. Lothar Bisky

(Steffen Kampeter [CDU/CSU]: Das will ja keiner!)


– Dann ist es umso besser. – In diesen Kulturformen geht
es um Rückkopplungseffekte, um Spielweisen und um
Klangexperimente, aber nicht primär um Komposition.
Lokale Infrastrukturförderung bis zur Präsentation in
den Medien muss im Vordergrund stehen. Niemand
muss populäre Musik zu den Jugendlichen tragen. Zuerst
sollte man sie als deren Selbstausdruck fördern. Ausbil-
dung, Räume und Selbstmanagement wird der Bund
nicht fördern, aber daran führt kein Weg vorbei, wie die
englischen Bildungskonzepte des musicmanifesto zei-
gen.


(Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]: Das ist kommunale Aufgabe!)


Am Anfang des internationalen Erfolgs stand auch
dort die regionale Förderung. Der Kooperationsbedarf
zwischen Bund und Ländern ist ungleich größer, als es
der Popmusikantrag überhaupt zu denken vermag. Mit
der Förderung der Kulturwirtschaft geht es um die Ge-
staltung kultureller Vielfalt. Das ist der Ausgangspunkt
der Linken.


(Beifall bei der LINKEN)


Das verlangt, die Kleinteiligkeit der Kulturwirtschaft als
Leitmotiv der politischen Förderung anzuerkennen. Wir
werden die Definitionsfragen der Kulturwirtschaft nicht
politisch klären können. Doch mit der politischen Förde-
rung muss es gelingen, die Debatte für die Akteure zu
öffnen. Es muss gelingen, Plattformen des Informations-
austausches, der Präsentation und Beratung sowie der
Evaluation des Förderinstrumentariums in Aussicht zu
stellen. Hier sehe ich eine Verantwortung des Bundes.

Großbritannien benötigte keine Zentralen für die För-
derkoordination zwischen Kultur, Bildung und Wirt-
schaft, weil über das eigenständige Konzept der Creative
Industries öffentlich diskutiert wurde. Diese Arbeit liegt
nach meinem Dafürhalten in Deutschland noch vor uns.
Wir werden eine eigene Idee von Kulturwirtschaft ent-
wickeln müssen, damit Tradition und Innovation, kultu-
relle Vielfalt und kommerzieller Erfolg Hand in Hand
gehen können. Mit dem Ratifikationsgesetz zur
UNESCO-Konvention für kulturelle Vielfalt haben wir
verankert, dass Kultur mehr als eine Ware ist.


(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])


Im Antrag der Koalition wird auf die Verantwortung
des Bundes hingewiesen, gute Rahmenbedingungen bei
dem Gesetzgebungsverfahren zum Urheberrecht, der So-
zialgesetzgebung und der Medienordnung zu schaffen.
Hier sehen wir vieles kritisch. Für den Ausgleich zwi-
schen Kreativen, Verwertern und Nutzern – das gilt zum
Beispiel für das Urheberrecht – ist der Stein der Weisen
noch nicht gefunden. Daraus resultieren die Schwächen
des Antrags der Koalitionsfraktionen zur Kulturwirt-
schaft.

Ich möchte aber den Wert der begonnenen Debatte
und manches, was im Antrag der Grünen zur Verbesse-
rung der Beschäftigungssituation und zur Förderung vor-

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(C (D etragen worden ist, unterstützen und empfehle die weiere Diskussion. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert Winkelmeier [fraktionslos])



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609421800

Undine Kurth spricht jetzt für Bündnis 90/Die Grü-

en.

Undine Kurth (Quedlinburg) (BÜNDNIS 90/
IE GRÜNEN):
Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr Staatsminister!

iebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste auf den
ängen! Und selbstverständlich: Liebes Geburtstags-
ind, noch einmal herzlichen Glückwunsch von hier aus!


(Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU]: Ich danke recht herzlich! Danke!)


ls wir im Oktober des vergangenen Jahres eine Kleine
nfrage an die Bundesregierung richteten, in der wir uns
ach Zuständigkeiten und Fördermöglichkeiten im kul-
urwirtschaftlichen Sektor und dessen Stellenwert erkun-
igten, stellte sich plötzlich heraus, dass ganz offensicht-
ich noch gar keine Klarheit über diesen Bereich
estand. Die Aufmerksamkeit für diesen Bereich hatte
och nicht den Grad erreicht, den wir für richtig empfan-
en.

Das hat sich offensichtlich inzwischen geändert. Der
ornröschenschlaf ist vorbei. Wir alle sind mit unseren
nträgen, die hierzu vorliegen, dichter beieinander, als
as bisher den Anschein hatte.

Sehr verehrter Herr Börnsen, Sie haben sich hier ja als
reund des deutschen Hip-Hop geoutet. Es wäre sicher
chön und ganz klug gewesen, nicht nur den eigenen An-
rag zu loben und sich für die Arbeit daran zu bedanken.

an kann gleichermaßen den Kollegen von der FDP und
uch uns danken; denn, wie gesagt, die Anträge, die sich
it dem wichtigen Thema des kulturwirtschaftlichen
ektors befassen, sind endlich auf dem Tisch und brin-
en eine Debatte in Gang, die wir bitter nötig haben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Auch wir erkennen an – wir bedanken uns durchaus
afür –, dass der Herr Staatsminister dieses Thema nach
orne holt. Wenn hier, wie es der Kollege Dörmann ge-
an hat, eingefordert wird, wir sollten dabei besonders
ie europäische Sicht berücksichtigen, dann ist dazu zu
agen: Wir halten es für durchaus bedauerlich, dass wir
ie Bearbeitung dieses wichtigen Themas dann doch auf
ie portugiesische Ratspräsidentschaft verschoben und
ns selber nicht mehr für diesen Bereich eingesetzt ha-
en. Denn wir glauben, es ist dringend nötig, sich damit
ntensiv zu beschäftigen und die Zukunfts- und Quer-
chnittsbranche der Kulturwirtschaft wesentlich deutli-
her in das politische Handeln einzubeziehen und in den
olitischen Fokus zu rücken. Deshalb ist der bereits
ehrfach erwähnte Aktionsplan „Kulturwirtschaft“ auch
irklich wichtig. Auch wir unterstützen ihn.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9589


(A) )



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Undine Kurth (Quedlinburg)

Wir wissen, dass der Begriff „Kulturwirtschaft“ noch
relativ viele Unschärfen hat. Er ist nicht eindeutig zu de-
finieren, oder wir haben es bisher versäumt, ihn eindeu-
tig zu definieren. Auf jeden Fall müssen wir ihm größere
Aufmerksamkeit widmen.

Nun kommt ein Teil, der nicht ganz so launig ist wie
die Debatte, die wir bisher freundlichst miteinander ge-
führt haben, nämlich die Situation derer, die in der Kul-
turwirtschaft arbeiten. Es wird gern vergessen, dass
95 Prozent derer, die in diesem Bereich aktiv sind,
Klein- und Kleinstunternehmer sind, die durch ihre Ar-
beit und Kreativität sehr viel zum Gelingen des Kultur-
staates Deutschland beitragen, aber bei weitem nicht
ausreichend daran partizipieren können, weil – auch das
ist schon gesagt worden – Künstler ihr Handeln nicht in
erster Linie danach ausrichten: Bringt das Kohle? Und,
wenn ja: Wie viel? Sie wollen vielmehr ihre Kreativität
umsetzen. Dabei müssen wir sie besser unterstützen, und
dafür müssen wir bessere Rahmenbedingungen schaffen.
Auch darin sind wir uns im Großen und Ganzen einig.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Wir müssen auch bedenken, dass es die Kulturwirt-
schaft nicht gibt – auch das ist schon angesprochen wor-
den –, sondern dass unterschiedliche Bereiche unter-
schiedliche Anforderungen stellen. Theater, Film,
Rundfunk, Kunstmarkt, Architektur, Mode und Hip-Hop
– um das Geburtstagskind nicht zu vergessen – sind un-
terschiedliche Bereiche, die unterschiedliche Rahmenbe-
dingungen brauchen. Deshalb meinen wir, dass wir von
dem Glauben wegkommen müssen, das mit einem einfa-
chen Rezept hinbekommen zu können.

In der Kulturwirtschaft ist der Qualifikations- und
Bildungsstand hoch, leider auch die Arbeitslosigkeit. An
diesem Punkt müssen wir ansetzen und nach den För-
der- und Rahmenbedingungen, unter denen gearbeitet
wird, fragen. Wir meinen, es ist kein haltbarer Zustand,
dass wir diese Querschnittsaufgabe nicht als solche an-
nehmen. Wir müssen uns wesentlich mehr darum küm-
mern, wie im Bereich der Klein- und Kleinstunterneh-
men Förderung und Hilfe gewährt werden können.

Wir sind der Meinung, dass wir Unterstützung da-
durch leisten müssen, dass wir diesen Unternehmen För-
derprogramme zugänglich machen. Das gilt auch für eu-
ropäische Förderprogramme; denn für diese kleinen
Unternehmen ist es sonst schier unmöglich, an diese
Programme heranzukommen. Europäische Förderpro-
gramme haben zudem die Eigenart, einen Teil der zur
Verfügung gestellten Summe zunächst einzubehalten.
Welches kleine Unternehmen soll das überstehen? Auch
das behindert den Zugang zur Förderung. Deshalb glau-
ben wir, dass zum Beispiel ein Fonds des Bundes, der
entsprechende Überbrückungsmöglichkeiten schafft,
richtig und sehr hilfreich wäre.

Ich denke, wenn wir uns damit auseinandersetzen,
dann sollten wir bei der Förderung der Kulturwirtschaft
nicht nur Arbeitsplätze und Umsatz im Blick haben, son-
dern vor allem auch den kulturellen Wert der Kulturwirt-
schaft für unser Land. Wir sollten uns klarmachen, wie

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(C (D ehr die Kulturwirtschaft uns alle bereichern kann, wenn ir vernünftige Rahmenbedingungen schaffen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der FDP und des Abg. Dr. Lothar Bisky [DIE LINKE])



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609421900

Für die Bundesregierung hat jetzt die Parlamentari-

che Staatssekretärin Dagmar Wöhrl das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)


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Dagmar G. Wöhrl (CSU):
Rede ID: ID1609422000

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren!

nser größter Wettbewerbsvorteil in der globalisierten
elt sind unsere geistigen Ressourcen, nämlich gut aus-

ebildete und kreative Menschen. Diesen „Rohstoff“ gilt
s auf unserem Weg zur Wissensgesellschaft auch wei-
erhin zu fördern.

In unserem Land haben wir einzigartige kulturelle
ielfalt. Der Staatsminister und ich sind uns darin einig,
ine Unterstützung zu gewährleisten, die strategisch,
angfristig und ressortübergreifend angelegt sein muss.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die vorliegenden Anträge – auch die der Opposition –
eigen, dass uns immer stärker bewusst wird, dass Krea-
ivität eine wichtige Zukunftsressource ist. Wenn sie das

ort „Kultur“ hören, denken die meisten Menschen
auptsächlich an die großen Kulturbetriebe: die großen
pernhäuser, die großen weltweit gespielten Musicals
der an das Kino. Wer denkt schon an die vielen erwerbs-
rientierten kleinen und mittleren Betriebe,


(Gitta Connemann [CDU/CSU]: Das ist der Punkt!)


um Beispiel an die regionalen Buchverlage, Klein-
unsttheater, Tonstudios oder Galerien und im weiteren
inn auch noch an den gesamten Kunstmarkt, zu dem
um nur einige Beispiele zu nennen – Kunsthandwerk

nd Design gehören?


(Gitta Connemann [CDU/CSU]: Sehr richtig!)


s ist ein immens breit gefächerter Bereich. Dabei sind
erade sie es, die nicht nur das Kulturleben beleben, son-
ern auch das wirtschaftliche Geschehen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Andere Länder bezeichnen diesen Bereich als „Crea-
ive Industries“. Ich glaube, diese Bezeichnung drückt
us, dass aus Wissen und Kreativität neue Produkte ent-
tehen. Bei uns wird das manchmal leider etwas anders
esehen. Sehr oft werden Kultur und Ökonomie als Ge-
ensätze betrachtet. Dabei ist dieser Bereich, vor allem
ie Kreativwirtschaft, ein unwahrscheinlich boomender
irtschaftsmarkt. Es ist ein Markt, auf dem Arbeits-

lätze geschaffen werden. Er hat inzwischen teilweise
ute Wachstumsraten. Im Bereich von Software und

9590 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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(B) )


Parl. Staatssekretärin Dagmar Wöhrl
Computer kann man ihn als Jobmotor bezeichnen. Die
Kreativindustrie spielt inzwischen in einer Spitzenliga.
Sie kann mit Spitzenbranchen wie Chemie und Energie
verglichen werden und ist erfolgreicher als viele andere
Branchen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Gitta Connemann [CDU/CSU]: Endlich sagt das mal jemand!)


Das hier vorhandene Potenzial und die Chancen für
Wachstum und Beschäftigung, die darin liegen, müssen
wir viel mehr als bisher in den Blickpunkt der Öffent-
lichkeit rücken. Daher bin ich sehr dankbar für diese De-
batte heute hier im Plenum.

Der Bereich ist kleinteilig – das haben meine Vorred-
ner schon angesprochen – und heterogen. Er hat eigene
vielfältige Bedürfnisse. Hier müssen wir ansetzen. Wir
müssen es verstehen, richtig und passend zu koordinie-
ren, zu fördern – das ist schon angesprochen worden –
und beratend tätig zu sein.

Ich bin froh, dass mein Ministerium, das Wirtschafts-
ministerium, eine eigene Arbeitsgruppe „Kulturwirt-
schaft“ eingerichtet hat. Ich glaube, wir können unsere
Kompetenzen hier gut einbringen, zum Beispiel bei den
freien Berufen, bei der Mittelstandsförderung, die ange-
passt werden muss, bei der Messeförderung, der Stand-
ortwerbung, im Medienbereich, bei der IKT. Diese Be-
reiche haben alle einen Bezug zur Kultur und zur
Kreativwirtschaft.

Wichtig ist es, die Zusammenhänge zwischen dem er-
folg- und gewinnorientierten Unternehmen in der Kul-
turwirtschaft und dem öffentlich getragenen Kultursek-
tor zu untersuchen, um in Zukunft bessere Ergebnisse
hervorzubringen. Außerdem müssen wir unsere vielfälti-
gen Wirtschaftsförderungsprogramme, auch die der
KfW – das wurde angesprochen –, an die Besonderhei-
ten des Kreativsektors anpassen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Gitta Connemann [CDU/CSU]: Das ist dringend erforderlich!)


Ich möchte zusammenfassend festhalten: Die Kultur-
wirtschaft ist eine Zukunftsbranche. Ich glaube, diese
Zukunftsbranche hat es verdient, dass sie engagiert un-
terstützt wird, auch von uns hier im Parlament. In diesem
Bereich sind viele kleine und junge Unternehmen tätig.
Sie sind hochinnovativ. Sie zeichnen sich durch Arbeits-
platzintensität aus. Wir sind eine Kulturnation. Darauf
sind wir sehr stolz. Wir haben einen Standort mit einem
riesigen künstlerischen und kreativen Potenzial. Es ist
unsere Aufgabe, dies zukünftig zu fördern und zu unter-
stützen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP)



Katrin Dagmar Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609422100

Jetzt spricht der Kollege Siegmund Ehrmann für die

SPD-Fraktion.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


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(C (D Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und erren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist viel ber Daten und die Bedeutung der Kulturwirtschaft geprochen worden. Aber wir stehen in diesem Feld nicht uf einer im wahrsten Sinne des Wortes grünen Wiese. n verschiedenen Bundesländern wurden wichtige Vorrbeiten geleistet, die uns wertvolle Orientierung geben. (Vorsitz: Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner)

Siegmund Ehrmann (SPD):
Rede ID: ID1609422200

ch erinnere an den ersten Kulturwirtschaftsbericht in
ordrhein-Westfalen von 1990/91.

Ich möchte zunächst einmal für die Zusammenarbeit
er Wirtschaftspolitiker und der Kulturpolitiker bei die-
em sehr gehaltvollen, anspruchsvollen und zukunfts-
eisenden Thema herzlich danken. Ich glaube, dass es

ehr wichtig ist, in Zukunft weiter in dieser Form zusam-
enzuarbeiten, um uns gegenseitig zu beflügeln. Wenn

s dann noch gelingt, die Haushälter einzubinden – Herr
ampeter hat das ja mit der Musikinitiative wunderbar
orgemacht –, ist das ein ganz guter Weg. Allerdings
enke ich, es gibt auch andere Aspekte, die nicht zwin-
end direkte ökonomische Auswirkungen haben, für die
ir als Kulturpolitiker die Sympathie und Unterstützung
er Haushälter brauchen.

Erwähnt wurde, dass aus dem Bereich der Künste ge-
egentlich ein Stirnrunzeln zu beobachten ist, ein gewis-
er Argwohn, die Besorgnis: Jetzt wird das ganze Feld
er Künste ökonomisiert und der Kernbereich der
ünste ausschließlich dem Markt überantwortet. Darum
eht es im Wesentlichen nicht. Albert Einstein hat ein-
al einen ganz netten Aphorismus formuliert:

Nicht alles, was zählt, kann gezählt werden, und
nicht alles, was gezählt werden kann, zählt.

Das trifft mit Sicherheit im Bereich von Kunst und
ultur zu. Gleichwohl gibt es Potenziale, die schlum-
ern und die wir aktivieren können. Es ist schon er-
ähnt worden: Es geht letztendlich auch um die wirt-

chaftliche und soziale Situation der Menschen, die als
ünstlerinnen und Künstler wirken, die sich einbringen
nd die sich oft in sehr schwierigen Lebensverhältnissen
efinden. Ich glaube, da können wir mit den Instrumen-
en der Kulturwirtschaft und mit einem bewussteren
usammenwirken Erhebliches bewirken.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


In der Enquete-Kommission – Herr Otto hat das vor-
in angesprochen – haben wir sehr intensiv Gutachten
eraten und Experten angehört. Es wird mit Sicherheit
och einige über die vorliegenden Anträge hinausge-
ende Impulse geben. Denen möchte ich nicht vorgrei-
en. Eine Sache, die sich bei der Analyse der unter-
chiedlichen Kulturwirtschaftsberichte der Länder und
uch der internationalen Expertisen gezeigt hat, möchte
ch aber ausdrücklich ansprechen: Wir sollten aufpassen,
ass wir uns nicht im Definitionsstreit verheddern; viel-
ehr sollten wir sehr pragmatisch mit dem Thema um-

ehen.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9591


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Siegmund Ehrmann
Erwähnt wurde, dass auf EU-Ebene im Dezember
2006 eine Studie präsentiert wurde, die sich mit der
europäischen Kulturwirtschaft befasst hat. Dort ist Defini-
tionsarbeit geleistet worden. Ich denke, es ist ratsam – das
wäre ein Hinweis an Herrn Staatsminister Neumann und
an diejenigen, die in der Kultusministerkonferenz Ver-
antwortung tragen –, sich mit der Definition des Europäi-
schen Parlamentes auseinanderzusetzen. Das hat meh-
rere Vorteile: Zum einen lässt sich das Datenmaterial aus
den Ländern dann besser zusammenschreiben. Zum an-
deren hat das auch in der Programmpolitik eine enorme
Wirkung, weil sich dann die unterschiedlichen Förder-
programme und -instrumente auf der europäischen und
nationalen Ebene – bis zu den Ländern hinunter – besser
verknüpfen lassen.

Lassen Sie mich noch eingehen auf den Antrag der
Koalitionsfraktionen zur populären Musik. Dort wird
konkret dargelegt, wie sich die Bereiche der staatlichen,
der öffentlichen Musikförderung und der Kulturwirt-
schaft miteinander verknüpfen lassen. Ohne die staatli-
che Musikförderung, die im Wesentlichen auf der Ebene
der Kommunen und der Länder geleistet wird – ich
nenne die Musikschulen und Musikhochschulen –, wäre
das nicht möglich, was uns auch international insbeson-
dere im Bereich der klassischen Musik stark macht.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie der Abg. Gitta Connemann [CDU/CSU] – HansJoachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Aber jetzt bitte auch Jazz erwähnen!)


– Ich weiß. Sie werden es erleben.


(Gitta Connemann [CDU/CSU]: Jetzt singt er gleich!)


Aber lassen Sie mich den Gedanken trotzdem noch aus-
formulieren.

Das ist also ein ganz wichtiger Punkt. Der Bund ist
hier ebenfalls sehr engagiert. Aus dem Etat des BKM
werden pro Jahr 18 Millionen Euro für die Musikförde-
rung bereitgestellt, 15,4 Millionen Euro davon allerdings
für den Sektor der klassischen Musik und der Rest für
den Bereich der populären, der neuen und der improvi-
sierten Musik, also auch der Jazzmusik.


(Beifall der Abg. Gitta Connemann [CDU/ CSU] sowie des Abg. Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP])


Sie werden mir nachsehen, dass ich es erwähne – das
ist ein Running Gag unter den Kulturpolitikern; ich
komme aus Moers –: Das Moers Festival ist ein wichti-
ges Gut. Das musste gesagt werden.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP – Gitta Connemann [CDU/CSU]: Moers ist Jazz!)


Ich blende jetzt den Werbeblock aus. Aber dahinter
steckt etwas Ernsthaftes, das ich noch ganz kurz vortra-
gen möchte. Und das folgende Beispiel lässt sich auch
auf andere Musiksegmente übertragen. Wenn wir uns in
der Jazzszene mit internationalen Festivals beschäftigen

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(C (D nd uns die Spiellisten ansehen, dann stellen wir fest, ass in der europäischen Musikwelt die Skandinavier ehr stark dominieren. Deutsche spielen dort kaum eine olle. Dies hat die Bundeskonferenz Jazz ebenfalls erkannt nd hat, ohne zunächst die Politik zu fordern, aus eigeer Initiative die Jazzmesse „jazzahead“ in Bremen vernstaltet. In einem Juryverfahren wurden 15 der besten eutschen Formationen präsentiert. Es wurden außerdem 00 internationale Festivalleiter nach Bremen eingelaen. Daran war der Bund – das Auswärtige Amt und die oethe-Institute – beteiligt. Im Rahmen dieser Messe ind unsere Potenziale präsentiert worden. Das führte azu, dass nach dieser Messe Engagements zustande kaen und die CD-Absätze spürbar gesteigert werden onnten. Konkret lässt sich sagen: Die „Initiative Musik“ muss urch weitere staatliche Förderinstrumente ergänzend nterstützt werden. Wir haben in unserem Antrag die pielstättenförderung angesprochen, damit die jungen alente Professionalität entwickeln und sich qualifizieen sowie üben können – gerade im Bereich der improviierten Musik ist das ein Muss –, sich öffentlich zu präentieren und zu improvisieren. All das wird durch den spekt der Messeförderung zusammengeführt. Letzte Anmerkung zur „Initiative Musik“. Dies ist ein eiteres lobenswertes Beispiel für eine öffentlichrivate Partnerschaft auf Bundesebene. Es ist nicht nur as Geld des Bundes in Höhe von 1 Million Euro, das da ineinfließt; private Geber – dies wurde uns im Kulturusschuss dargelegt – steuern etwa 350 000 Euro bei. ieses Geld wird in eine GmbH gespeist. (Gitta Connemann [CDU/CSU]: Das ist vorbildlich!)


Ja, es ist in der Tat vorbildlich. In der Kulturpolitik ist
ieser Aspekt nun stärker zu beobachten. Darin liegt
ine große Chance. Auf anderen Politikfeldern ist das
benfalls Praxis. Wir haben also eine gute Grundlage,
m in die Ausschussberatung zu gehen.

Lassen Sie mich abschließend noch die vorliegenden
nträge der Oppositionsfraktionen ansprechen. Sie ent-
alten wertvolle Anregungen. Ich bin Herrn Bisky dank-
ar für die nachdenklichen Worte, die er gefunden hat.
ir werden alles unternehmen, damit die öffentlich-pri-

ate Kooperation im Bereich staatlicher Musikförderung
nd der Kulturwirtschaft mehr Bedeutung bekommt im
nteresse der Menschen, die dort arbeiten.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der FDP)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609422300

Letzte Rednerin in dieser Debatte ist die Kollegin

ita Pawelski, CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)


9592 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Rita Pawelski (CDU):
Rede ID: ID1609422400

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren!

Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Was bedeutet schon
Geld?“, fragte einmal der amerikanische Musiker Bob
Dylan und fügte hinzu: „Ein Mensch ist schließlich er-
folgreich, wenn er zwischen Aufstehen und Schlafenge-
hen das tut, was ihm gefällt.“


(Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Stimmt!)


Mit Kunst und Kultur Geld verdienen? Das entspricht
oft nicht dem Selbstbild und den Vorstellungen von
künstlerischen, kreativen und schöpferischen Menschen.
Doch Realität ist: Rund um die Kultur hat sich ein eigen-
ständiger Wirtschaftszweig entwickelt, die Kulturwirt-
schaft. Diese Verflechtung von Kultur und Wirtschaft
ist zwar nicht immer einfach, sie bietet aber sehr große
Chancen und Potenziale.

Nach Jahren des Dornröschenschlafs rückte die Kul-
turwirtschaft endlich ins öffentliche Bewusstsein. Große
Verdienste daran hat der Kulturstaatsminister Bernd
Neumann. Er hat das Thema Kulturwirtschaft ganz oben
auf seine Agenda gesetzt und mit dem neuen Filmförder-
modell und der „Initiative Musik“ zwei wichtige Maß-
nahmen zu ihrer Stärkung ergriffen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Außerdem hat er es geschafft, die Förderung der Kultur-
wirtschaft zu einem zentralen Thema der Europäischen
Union zu machen.


(Hans-Joachim Otto [Frankfurt] [FDP]: Warum darf der Staatsminister heute nicht reden?)


Ich möchte an dieser Stelle auch der Vorsitzenden der
Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“, Gitta
Connemann, danken, die einige Vorarbeit hier geleistet
hat. Vielen Dank, liebe Kollegin.

Wie wichtig die Kulturwirtschaft für Wachstum und
Beschäftigung in Deutschland ist, wurde mittlerweile
von allen Rednerinnen und Rednern mehrfach betont.
Ich freue mich, dass wir uns in diesem Punkt alle einig
sind. Darum brauche ich es nicht mehr zu wiederholen.
Aber man muss sich schon fragen, was sich hinter dem
Begriff „Kulturwirtschaft“ verbirgt. Die Suche nach ei-
ner verbindlichen Definition und einer eindeutigen Ab-
grenzung endet oftmals in kreativer Vielfalt: Auf natio-
naler wie auf internationaler Ebene gibt es die
unterschiedlichsten Bestimmungen und damit die unter-
schiedlichsten Daten. Was fehlt, sind einheitliche Statis-
tiken, Daten und Informationen zur Kulturwirtschaft.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Die Zeit ist reif für einen bundeseinheitlichen Kultur-
wirtschaftsbericht. Nur damit können wir die noch un-
genutzten Potenziale der Kulturwirtschaft besser erken-
nen und ausschöpfen.

Die Kulturwirtschaft lebt von der Kreativität und von
den Ideen des Einzelnen. Will der Einzelne jedoch von
seiner künstlerischen und kreativen Arbeit leben, muss
er fast unweigerlich zum Freiberufler oder Selbstständi-

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(C (D en werden; denn die Unternehmen vergeben ihre kreatien Tätigkeiten immer öfter an Freiberufler. Die Autoirma beschäftigt keinen Designer mehr, der Buchverlag etzt auf freie Lektoren, das Museum beauftragt freibeufliche Kunsthistoriker. Das ist der Trend. Wir müssen den kreativen Menschen den Schritt in ie Selbstständigkeit erleichtern. Der Bund muss in bsprache mit den Ländern die Rahmenbedingungen afür gestalten. Wir wollen, dass die bestehenden Fördernstrumente beispielsweise der KfW und der Europäichen Union überprüft und stärker an den kulturwirtchaftlichen Anforderungen ausgerichtet werden. abei sind Finanzierungsmöglichkeiten zu sichern, die en Kulturschaffenden trotz des hohen Risikos der elbstständigkeit und geringerer Sicherheiten offensteen. Wir alle wissen, dass Basel II gerade für junge elbstständige Kreative eine unglaubliche Hürde dartellt. Wir müssen ihnen den Weg erleichtern. Es sollen kulturwirtschaftliche Kompetenzagentuen geschaffen werden, die kleine Unternehmen gerade n der Gründungsphase unterstützen und beraten. Wir üssen dazu beitragen, dass Kulturwirtschaftsunternehen untereinander, aber auch mit Unternehmen aus nderen Branchen verstärkt Netzwerke knüpfen und ooperationen auf die Beine stellen. Ich denke dabei um Beispiel an den Tourismus. Schon jetzt besuchen iele Menschen aus aller Welt unsere Städte, unsere einigartigen Kulturgüter und unsere kulturellen Einrichungen und tragen damit zum Wachstum unserer Wirtchaft bei. Wir wollen bei anstehenden Gesetzesberatungen die oziale und wirtschaftliche Situation der Kunstund ulturschaffenden stärker beachten. Herr Dörmann hat chon die Künstlersozialversicherung angesprochen, wo as sehr gut gelungen ist. Wir müssen aber auch bei aneren Gesetzen darauf achten, dass die Belange der junen Künstler stärker berücksichtigt werden. Bei allen Aktivitäten zur Stärkung der Kulturwirtchaft darf eines nicht außer Acht gelassen werden: die echselbeziehung zwischen öffentlichem und privatirtschaftlichem Kultursektor. Wir wissen, dass Musi als nicht gefördert werden, dass Opern aber gefördert erden. Hier gibt es Gegensätze, die wir überwinden üssen. Beide Sektoren sind so eng miteinander ver nüpft, dass der eine ohne den anderen nicht funktionieen kann, auch wenn sich beide argwöhnisch beäugen. Kunst und Kultur sind Währungen der Zukunft. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP – Gitta Connemann [CDU/CSU]: Sehr schöner Satz!)


(Beifall bei der CDU/CSU)


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


assen Sie uns darum gemeinsam alle Kräfte bündeln!
ch habe an den Reden gemerkt, dass hier wirklich große
inigkeit besteht. Vielleicht gelingt es uns, einen inter-

raktionellen Antrag zu dieser wichtigen Frage zu for-
ulieren, –

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9593


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Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609422500

Frau Kollegin!


Rita Pawelski (CDU):
Rede ID: ID1609422600

– mit dem wir dieses Thema in die Köpfe aller Men-

schen bringen.

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld, Frau Präsidentin.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609422700

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 16/5110, 16/5111, 16/5104 und 16/5101
an die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse
vorgeschlagen. Die Vorlage auf Drucksache 16/5101
– Zusatzpunkt 5 – soll zusätzlich an den Ausschuss für
Wirtschaft und Technologie sowie an den Haushaltsaus-
schuss überwiesen werden. Sind Sie damit einverstan-
den? – Das ist der Fall. Dann sind die Überweisungen so
beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 10 a und 10 b auf:

a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Hans-
Josef Fell, Cornelia Behm, Winfried Hermann,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Vorbildlich umsteigen – Strom aus erneuerba-
ren Energien statt Atomstrom in staatlichen
Liegenschaften

– Drucksache 16/3961 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

b) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit (16. Ausschuss) zu dem
Antrag der Abgeordneten Dr. Reinhard Loske,
Hans-Josef Fell, Sylvia Kotting-Uhl, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN

Nie wieder Tschernobyl – Zukunftssichere
Energieversorgung ohne Atomkraft

– Drucksachen 16/860, 16/1813 –

Berichterstattung:
Abgeordnete Dr. Maria Flachsbarth
Christoph Pries
Angelika Brunkhorst
Eva Bulling-Schröter
Sylvia Kotting-Uhl

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen, wobei die
Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen fünf Minuten

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(C (D rhalten soll. – Ich höre keinen Widerspruch. Dann ist as so beschlossen. Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Kollege ans-Josef Fell, Bündnis 90/Die Grünen. Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen nd Kollegen! Meine Damen und Herren! Heute jährt ich zum 21. Mal der Jahrestag der Katastrophe von schernobyl. 1,3 Millionen Menschen leben in Russ and, Weißrussland und der Ukraine immer noch in adioaktiv kontaminierten Gebieten. Die Erkenntnisse us den verstrahlten Regionen sind deprimierend und assen alle Unterstützung für Atomkraftwerke in einem chalen und verantwortungslosen Licht erscheinen. Im letzten Jahr konnte eine Parlamentarierdelegation es Umweltausschusses dies in Augenschein nehmen. eider war kein Vertreter der Union dabei, so ganz nach em Motto: Was mich in meiner ideologischen Debatte tört, will ich auch nicht sehen. Dabei lässt sich aus dem nblick dieser Region eine entscheidende Erkenntnis ewinnen: Nach jedem Krieg gibt es einen Wiederaufau. Nach dem Super-GAU eines Atomkraftwerkes aber ibt es keinen Wiederaufbau mehr, sondern nur Absiedung, da keine Grundlage für menschliches Leben mehr orhanden ist. – Jahr für Jahr räumen Naturbrände und lanierraupen ein Dorf nach dem anderen von der Erde. vakuiert bzw. ausgesiedelt wurden allein in Weißruss and über 400 Dörfer, davon sind über 170 Siedlungen is heute völlig begraben. In der kontaminierten Zone efinden sich gegenwärtig über 2 500 Ortschaften. Die inmal 45 000 Einwohner zählende Stadt Pripjat ist eute eine menschenleere, hochverstrahlte Geisterstadt, n welcher alles verfällt und für die keinerlei Hoffnung ehr besteht. Bei uns könne so etwas jedoch nicht passieren, wir ätten doch die sichersten Reaktoren der Welt, wird von nion und FDP unentwegt behauptet. Ach so? Ich höre das gerade wieder. – In meinen Geprächen in anderen Teilen der Welt habe ich allerdings uch immer wieder gehört, dass man dort die sichersten eaktoren habe, so in Japan, in den USA, in Frankreich. berall stehen die sichersten Reaktoren der Welt. Selbst er Direktor von Tschernobyl erklärte unserer Delegaion, er habe die sichersten Reaktoren der Welt. Auch die chweden behaupten das immer noch von ihren Reaktoen, obwohl Europa doch mit Forsmark im letzten Somer nur um sieben Minuten an einem Super-GAU vor eigeschrammt ist. Dabei hat der Betreiber Vattenfall ängst zugegeben, dass die Sicherheitskultur in Forsmark esolat ist. Der gleiche Betreiber Vattenfall verweigert bis heute ie Herausgabe der nicht abgearbeiteten Mängelliste on Brunsbüttel, übrigens im Einvernehmen mit Bunesminister Gabriel, der sich bis heute weigert, in dieser ache aufsichtsrechtlich tätig zu werden. 9594 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Hans-Josef Fell Das ist unglaublich; denn auch Brunsbüttel liegt genauso wie Isar/Ohu bei München oder Biblis bei Frankfurt wenige Flugminuten von einem großen Flughafen entfernt. Niemand kann ernsthaft behaupten, einen terroristischen Selbstmörder im entführten Flugzeug abwehren zu können. Die Auswirkungen wären katastrophal, wie selbst die schwarz-rote Bundesregierung im letzten Jahr zugegeben hat. Doch statt dieses Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung durch Stilllegung endlich abzuschaffen, kümmert sich Bundesinnenminister Schäuble um die Einschränkung der Bürgerrechte, und viele in der Union wollen sogar längere Laufzeiten für diese Sicherheitsrisiken. Unglaublich! Dabei liegt es doch auf der Hand, dass sich ohne Atomreaktoren besser Klimaschutz betreiben lässt: Wenn endlich die nötige Strukturveränderung von zentraler Stromerzeugungstechnologie hin zu dezentraler Stromerzeugung in der Energiewirtschaft vollzogen wird, dann werden sich aufgrund ihrer Wachstumsgeschwindigkeit die erneuerbaren Energien noch leichter durchsetzen. Heute schon liegt die Wachstumsgeschwindigkeit der erneuerbaren Energien höher als die Energieerzeugungsverluste durch den vereinbarten Atomausstieg. Das heißt, zusammen mit Energieeinsparungsprogrammen wären Klimaschutz und Abschalten der Atomreaktoren längst machbar. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Hans-Josef Fell (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609422800

(Angelika Brunkhorst [FDP]: So ist das!)


(Zuruf von der SPD: Quatsch!)


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Das ist vor allem deshalb so, weil die Nutzung der
Atomenergie keinen nennenswerten Beitrag zum Klima-
schutz leistet, wie die immer weiter steigenden CO2-
Emissionen beim Uranbergbau und bei der Brennele-
menteherstellung zeigen.

Es wäre mehr als angezeigt, dass alle Bundesliegen-
schaften dem Beispiel des Bundesministeriums für Um-
welt folgen. Unter Jürgen Trittin war das Umweltminis-
terium das erste Ministerium, das auf Ökostrom
umgestiegen ist; es ist bisher auch das einzige. Wer von
anderen Klimaschutz, Umweltschutz und Atomausstieg
verlangt, muss dies auch selbst leisten und ein Beispiel
geben. Ich hoffe, dass Sie nicht zuletzt deshalb unserem
Antrag heute zustimmen werden.

Meine Damen und Herren, lassen Sie uns den heuti-
gen Tschernobyl-Gedenktag als Mahnung nehmen, die
furchtbaren Atomgefahren endlich abzuschaffen und die
Schritte ins Solarzeitalter wesentlich zu beschleunigen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Dr. Petra Sitte [DIE LINKE])



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609422900

Ich gebe das Wort dem Kollegen Philipp Mißfelder,

CDU/CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Philipp Mißfelder (CDU):
Rede ID: ID1609423000

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Zu dem Antrag der Grünen bezüglich der

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(C (D undesliegenschaften ist festzuhalten: Es spricht aus unerer Sicht selbstverständlich gar nichts dagegen, staatiche Liegenschaften vollständig auf erneuerbare Enerien umzustellen. (Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann sagen Sie es Ihren Ministern!)


arüber können Sie gern mit uns reden.


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Gut!)


ber Sie müssen bei den Anträgen, die Sie stellen, natür-
ich auch im Blick haben, dass wir mit den Beschlüssen,
ie wir hier im Hause fassen, nicht nur politische Show-
ffekte zu erzielen haben, sondern uns dabei auch an
ichtige Prinzipien und Kriterien halten müssen, etwa

n solche der Wirtschaftlichkeit.


(Lachen der Abg. Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Wir haben hier nicht Geld aus Marketingbudgets zu
erwalten, sondern das Geld des Steuerzahlers.


(Beifall bei der CDU/CSU – Sylvia KottingUhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und Ökostrom ist unwirtschaftlich?!)


ach § 6 des Gesetzes über die Grundsätze des Haus-
altsrechts des Bundes und der Länder dürfte das, was
ie vorschlagen, nicht rechtens sein; denn darin steht
usdrücklich:

Für alle finanzwirksamen Maßnahmen sind ange-
messene Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen durch-
zuführen.

or dem Hintergrund ist das, was Sie vorschlagen, un-
ealistisch.


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein! Klimaschutz ist die wirtschaftlichste Maßnahme!)


s bleibt auch unrealistisch, zumindest eine gewisse Zeit
ang. Ich glaube, dass man deshalb bei solchen Show-
nträgen


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist kein Showantrag! Er ist ernst gemeint!)


icht von den Grundsätzen der Haushaltsführung abwei-
hen sollte, sondern tatsächlich versuchen sollte, mit den
eldern des Steuerzahlers vernünftig umzugehen.

Das Anliegen, das dahintersteckt, Herr Fell, ist natür-
ich ein begrüßenswertes.


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Na immerhin!)


ie sagen richtigerweise, dass die erneuerbaren Energien
n Zukunft einen höheren Anteil haben sollen. Dem
timmen wir als Regierungskoalition zu. Für meine
raktion, die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, gilt das ge-
auso.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9595


(A) )



(B) )


Philipp Mißfelder
Deshalb halten wir an den Anschubfinanzierungen für
erneuerbare Energien, die bereits gegeben worden
sind, fest – sie sollen auch weiterhin stattfinden – und
engagieren uns in diesem Bereich, egal ob auf europäi-
scher Ebene oder auf nationaler Ebene. Das findet statt.

Im gleichen Atemzug muss ich allerdings sagen: Was
Sie sich an Klimazielen wünschen und was auch wir uns
da wünschen, ist nur so lange durchführbar, wie man
eine realistische Betrachtungsweise für das, was eine
Energiepolitik wirklich braucht, zugrunde legt.

Dazu gehört selbstverständlich auch die Frage der
Kernenergie.


(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: „Selbstverständlich“?)


Wenn man aus einer klimafreundlichen Energie ausstei-
gen will, dann muss man sagen, wie das funktioniert,
und überlegen, wie das in Zukunft mit den Klimazielen,
die man sich selbst vorgibt, vereinbar sein soll. Sie müs-
sen sich einmal vor Augen führen, dass die jährlichen
CO2-Emissionen um 160 Millionen Tonnen höher wä-
ren, wenn abgeschaltete Kernkraftwerke durch konven-
tionelle Kohlekraftwerke ersetzt werden würden.


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Aber nicht, wenn man sie durch erneuerbare Energien ersetzen würde! Das ist es doch gerade!)


Das ist eine Entwicklung, die wir natürlich mit großer
Sorge sehen. Was bei den Versorgern energiepolitisch
diskutiert wird, geht gerade in diese Richtung. Deshalb
müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, auch wei-
terhin zu forschen, um das technische Hauptproblem,
das dem verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien im
Wege steht, zu lösen. Dabei geht es letztlich um die
Grundlastfähigkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das kann Geothermie schaffen!)


– Darauf wollte ich gerade eingehen, Herr Fell. Vielen
Dank, dass Sie sich hier als Souffleur betätigen.

In der Tat ist es so, dass es bei den erneuerbaren Ener-
gien große Schwierigkeiten mit der Grundlastfähigkeit
gibt. Deshalb muss man sich darüber im Klaren sein,
dass auch ein kurzfristiger Ausstieg aus der Kernenergie
große Risiken mit sich bringt, und zwar sowohl in der
Energieversorgung als auch bezüglich des Erreichens
der Klimaschutzziele, die Deutschland sich gesetzt hat
und die unserer Vorstellung nach für ganz Europa gelten
sollten.

Ich glaube, dass die erneuerbaren Energien ein großes
Potenzial haben; daran glaube ich wirklich. Wenn man
forscht, wenn man sich engagiert – Deutschland tut dies
richtigerweise –, dann hat die Solarenergie sicherlich
eine große Zukunft. Das hat auch positive Auswirkun-
gen auf den Arbeitsmarkt; das ist unbestritten. Ich
glaube, dass die Grundlastfähigkeit von Geothermie auf
Dauer gegeben sein kann. Auch auf diesem Gebiet müs-
sen wir forschen. In der Region, die ich vertrete – Teile

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(C (D es Ruhrgebiets –, wird das richtigerweise getan. Ich unerstütze diese Initiativen persönlich sehr. Trotzdem, man muss realistisch bleiben. Deshalb alte ich das, was Sie in Ihrem Antrag schreiben, für zu llgemein und im Vergleich zu dem, was eine wirklich ernunftorientierte Energiepolitik letztendlich brauchte, uch für zu unrealistisch. Sie haben in der Debatte über die Regierungserkläung heute Morgen auch von unseren Rednern gehört, ie wichtig uns die Klimaschutzpolitik ist. Das können ie auch daran erkennen, wie die Bundesregierung, der undesminister für Umwelt und auch die Bundeskanzle in auf europäischer Ebene agieren. Ich möchte Sie daauf hinweisen, dass wir, die Unionsfraktion, am Diensag dieser Woche ein umfangreiches Papier zur limaschutzpolitik verabschiedet haben. Darin werden ehr ehrgeizige Ziele vertreten. Wir laden Sie herzlich in, uns auf diesem Weg zu folgen, um mit uns gemeinam an einer realistischen Umweltund Energiepolitik u arbeiten. Wir wollen es schaffen, unsere Klimaschutziele mit dem, was aus unserer Sicht wirtschaftlich verünftig ist, in Übereinstimmung zu bringen. Dazu haben ir am Dienstag konkrete Vorschläge gemacht. (Beifall der Abg. Marie-Luise Dött [CDU/ CSU])


(Beifall bei der CDU/CSU)


Zu einer realistischen Betrachtung der Umweltpolitik
ehört letztendlich natürlich auch, dass man sich den
ragen stellt. Das ist in einer Koalition wie der, in der
ir uns befinden, natürlich nicht immer ganz einfach;

chließlich werden in dieser Koalitionskonstellation an
ielen Punkten unterschiedliche Meinungen vertreten.
ir sind in vielen Punkten unterschiedlicher Auffas-

ung, zum Beispiel bei der Kernenergie. Aber wir als
oalition sind uns der Probleme natürlich bewusst. Des-
alb haben wir einen eindeutigen Koalitionsvertrag ge-
chlossen. Die darin getroffene Regelung zur Kernener-
ie deckt sich zwar nicht mit meiner Meinung; aber wir
kzeptieren sie trotzdem. Das wird in dieser Koalition
is 2009 auch so bleiben. Was danach sein wird, darüber
ird man in Wahlkämpfen und anderswo diskutieren.

ch sehe diesen Diskussionen mit großer Entspanntheit
nd mit großer Rationalität entgegen.

Wir müssen allerdings auch politische Fragen disku-
ieren – die haben Sie aufgeworfen –, die tatsächlich
ichtig sind. Dazu gehört zum Beispiel die Frage der
ndlagerung. Man kann nicht einfach ignorieren, dass
s in Deutschland ein Endlagerungsproblem gibt, und
ich dann, wenn die Lösung des Problems ansteht, in
ine komplette Blockadehaltung begeben.


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie verweigern sich doch einer Endlagersuche nach vernünftigen Kriterien!)


ielmehr bemüht sich die Große Koalition, ausgewogen
u urteilen und das Ganze unter Berücksichtigung der
erschiedensten Aspekte auf den richtigen Weg zu brin-
en. Sie können die aktuellen Studien über Gorleben
icht einfach ignorieren.

9596 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Philipp Mißfelder

(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie ignorieren das!)


Sie können nicht einfach so tun, als wenn wissenschaftli-
che Erkenntnisse, die die Bundesanstalt für Geowissen-
schaften und Rohstoffe erst am vorvergangenen Mitt-
woch vorgelegt hat, nicht gelten. Bitte prüfen Sie diese
objektiven wissenschaftlichen Untersuchungen ge-
nauso, wie wir Ihre Anträge gewissenhaft prüfen und
vernünftig behandeln.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Sie haben eingangs der Opfer der fürchterlichen Kata-
strophe von Tschernobyl gedacht. Dem möchte ich mich
ausdrücklich und in aller Form anschließen. Wir haben
vor einem Jahr eine Debatte darüber geführt, und wir ha-
ben in diesem Zusammenhang viele Diskussionen ge-
führt. Ich stimme Ihnen absolut zu, wenn Sie fordern,
dass so etwas nie wieder passieren darf


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann schalten wir die Reaktoren endlich ab!)


und dass man deshalb alles Menschenmögliche tun
muss, um solche Katastrophen zu verhindern. Deshalb
muss man selbstverständlich kritisch hinterfragen, wel-
che Risiken die Kernenergie mit sich bringt.

Ohne auf die deutsche Kernenergiedebatte einzuge-
hen, möchte ich darauf hinweisen: Die Kernenergie er-
lebt weltweit eine Art Renaissance.


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo denn?)


Angesichts dessen müssen wir uns schon die Frage stel-
len, ob die Technologieführerschaft, die Deutschland in
diesem Bereich hat, nicht zumindest Anlass zum Nach-
denken sollte. Ich meine damit gar nicht die Beibehal-
tung der Kernenergie in Deutschland; davon spreche ich
gar nicht. Aber wenn man überlegt, wie sich das welt-
weit in den nächsten Jahrzehnten entwickeln soll, dann
muss man zur Kenntnis nehmen, dass die Sicherheits-
standards in Deutschland sehr hoch sind. Diese hohen
Sicherheitsstandards wären auch für andere Länder wün-
schenswert.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Hans-Kurt Hill [DIE LINKE]: Dann muss man ein Vorbild für den Ausstieg sein!)


Wirken Sie zumindest an diesem Ziel mit, damit sich ein
Unfall wie in Tschernobyl nicht wiederholt! Am besten
geschieht das mit sicherer deutscher Technik.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU – Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nur das Abschalten ist ganz sicher!)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609423100

Das Wort hat die Kollegin Angelika Brunkhorst,

FDP-Fraktion.


(Beifall bei der FDP)


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(C (D Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Werte olleginnen und Kollegen vom Bündnis 90/Die Grünen, assen Sie mich zunächst auf Ihren Miniantrag zur Enerieversorgung der staatlichen Liegenschaften zu sprehen kommen. Ich muss schon sagen: klein, aber oho! m der bösen Kernenergie wieder eins obendrauf zu geen, stellen Sie einen solchen Antrag. Sie fordern, sämtiche Verträge mit den EVUs zu kündigen. Soll die Reierung demnächst dafür zuständig sein, den Kunden zu agen, welche Energie sie verbrauchen dürfen? Sollen ie keine Auswahl mehr haben? Das finde ich nicht kay. Das wird ein großer Traum bleiben. Damit wir uns richtig verstehen, Herr Fell: Wir stimen zu, dass staatliche Einrichtungen mit ihren Be riebstechniken Vorbildcharakter haben sollen. (Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wunderbar!)

Angelika Brunkhorst (FDP):
Rede ID: ID1609423200

a sind wir durchaus gleicher Meinung. Wir sind auch
ocherfreut, dass gerade das Gebäude, in dem wir uns
efinden, der Reichstag, mit bester und hocheffizienter
echnik ausgestattet ist und zu einem hohen Anteil mit
rneuerbaren Energien versorgt wird.


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: 100 Prozent! Vollständig!)


ir machen ständig mit ausländischen Delegationen
ührungen und stellen das nach außen dar.

Auch wir sind dafür, dass ein erkennbarer Teil des
nergiemix aus erneuerbaren Energien besteht.


(Beifall bei der FDP – Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nur nicht zu viel!)


ir sind der festen Überzeugung, dass Deutschland
och eine ganze Weile einen breit gefächerten Energie-
ix braucht und dass wir keine Technologie von vorn-

erein ausschließen sollten. Das gilt auch für die Kern-
raft.

Damit komme ich zu dem, was Sie eigentlich wollen.
ieder einmal predigen Sie Ihr indifferentes Schwarz-
eiß-Bild: Auf der einen Seite gibt es die guten, unbe-

enklichen erneuerbaren Energien, auf der anderen Seite
teht das Bedrohungsszenario der Kernenergie.


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie waren doch in Tschernobyl dabei! Sie wissen, was das für eine Bedrohung ist! Das ist doch keine unrealistische Bedrohung!)


Ist das jetzt eine Frage? Wenn Sie eine Frage haben,
ann stellen Sie sie. Ich werde sie gern beantworten. –
ie stellen die Kernenergie als Bedrohung dar, lehnen
ber andere Energien, zum Beispiel die aus CO2-freien
raftwerken, ab. Davon ist in Ihrem Antrag keine Rede.
as wollen Sie eigentlich? Sie wollen den Energiemix

e facto abschaffen.


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, und ersetzen durch erneuerbare Energien! Warum denn nicht?)


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9597


(A) )



(B) )


Angelika Brunkhorst
Wie gewohnt muss ich Sie darauf aufmerksam ma-
chen, dass Sie wiederum außer Acht lassen, dass wir die
Kernenergie noch eine Weile brauchen werden. Der
Grundlastbereich wurde hier bereits angesprochen. Au-
ßerdem bietet Kernenergie günstigen Strom und schont
das Klima.


(Marco Bülow [SPD]: Stimmt doch überhaupt nicht! Sie behindert Klimaschutz!)


Da können Sie sich drehen und wenden, wie Sie wollen.

Einmal ganz davon abgesehen: Die Nutzung der
Kernenergie lässt sich gerade in Deutschland auch unter
Sicherheitsaspekten sehr gut verantworten.


(Lutz Heilmann [DIE LINKE]: Sind Sie denn mal nach Brunsbüttel gefahren?)


Ich zitiere zum wiederholten Male aus der Antwort der
Bundesregierung auf die Kleine Anfrage meiner Frak-
tion zur Bewertung des Reaktorunfalls von Tschernobyl:

Der Tschernobyl-Reaktor gehört zur Baulinie der
RBMK-Reaktoren. Diese Reaktoren verfügen über
zahlreiche Auslegungsmerkmale, die mit westeuro-
päischen Technologie- und Sicherheitsstandards
nicht vergleichbar sind.




Die Bundesregierung misst der Sicherheit der
Atomkraftwerke in Deutschland höchste Priorität
bei. Im Rahmen der Bundesauftragsverwaltung
wird dafür Sorge getragen, dass die deutschen
Atomkraftwerke auf dem höchstmöglichen Sicher-
heitsniveau betrieben werden.


(Hans-Kurt Hill [DIE LINKE]: „Höchstmögliche Sicherheit“, ich lach mich kaputt!)


So ein Störfall wie in Tschernobyl soll nie wieder pas-
sieren. Da bin ich ganz auf Ihrer Linie. Die osteuropäi-
schen Länder, die baugleiche Reaktoren haben, haben
schon reagiert, die Sicherheitstechnik nachgerüstet und
ihre Sicherheitssysteme wesentlich verbessert.

Jetzt komme ich zu einem ganz wichtigen Punkt:
Zum x-ten Male beschwören Sie, am Atomausstieg fest-
zuhalten, da auch die Endlagerfrage immer noch nicht
gelöst sei. In Ihrer Argumentation zur Endlagerfrage
sind Sie nicht stringent. Wenn man die friedliche Nut-
zung der Atomenergie beenden will, dann hätte man sich
längst darum kümmern können. Das gilt auch für Ihre
Fraktion, als Trittin Bundesminister war.


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir haben doch die Endlagersuche vorangetrieben!)


Aber der AK-End-Bericht hat in der Schublade gedüm-
pelt. Sie haben das auf die lange Bank geschoben. Sie
machen sich langsam selbst in dieser Frage unglaubwür-
dig.


(Beifall bei der FDP)


Die derzeitige Diskussion über eine neue, bundesweite
Standortsuche wird das Ziel eines Endlagers in weite
Ferne rücken. Das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung

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(C (D ird jedenfalls nicht dadurch besser, dass man 17 oberrdische Zwischenlager geschaffen hat, die wahrscheinich zu Endlagern werden. Genauso wie mein Vorredner komme ich auf die nun orliegenden drei Gutachten der Bundesanstalt für Geoissenschaften und Rohstoffe zurück. In der letzten Wo he wurde darüber diskutiert. Wenn man die drei Wirtsesteine miteinander vergleicht, dann sticht sehr stark eraus – ich bin zwar kein Physiker wie Sie, habe mich ber lange genug mit der Materie befasst –, dass Steinalz erhebliche Vorteile gegenüber Tongestein und Graitgestein hat. (Marco Bülow [SPD]: Wir haben heute doch keine Endlagerdebatte!)


(Beifall bei der FDP)


as kann man nicht wegdiskutieren. Meine Rede hier
at auch ihr Gutes. Ich habe erneut die Chance, im Na-
en der FDP die Bundesregierung noch einmal aufzu-

ordern, das Gorleben-Moratorium aufzuheben und die
orschungsarbeiten ergebnisoffen weiterzuführen.


(Marco Bülow [SPD]: Ich würde auch gerne mal was zum Mindestlohn sagen! Das steht doch gar nicht zur Debatte!)


ei Schacht Konrad gehen wir – hier sind wir ganz posi-
iv eingestellt – vom Sofortvollzug aus.

Letzte Bemerkung: Wir brauchen in Zukunft – um
erantwortung tragen zu können – die Kompetenz von
ernphysikern sowie die Forschung zur Kernenergie
nd die Fusionsforschung. Deshalb plädieren wir dafür,
ie Forschungsansätze zu halten und verstärkt für die
usbildung von akademischem Nachwuchs in diesen
pezialgebieten einzutreten.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der FDP)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609423300

Ich gebe das Wort dem Kollegen Christoph Pries,

PD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. MarieLuise Dött Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und ollegen! Heute vor 21 Jahren explodierte der Block 4 es Atomkraftwerkes Tschernobyl in der Ukraine. Die olgen der Katastrophe sind bis heute verheerend: 50 000 Menschen verlieren dauerhaft ihre Heimat. och heute ist eine 30-Kilometer-Zone um den Unlücksreaktor absolutes Sperrgebiet. 4 000 Kinder erranken an Schilddrüsenkrebs. Der volkswirtschaftliche esamtschaden der Katastrophe wird auf mehrere Hunert Milliarden US-Dollar geschätzt. Die Zahl der Toesopfer bleibt umstritten. Die Schätzungen schwanken wischen 4 000 und 100 000 Menschen. – Tschernobyl st für uns ein Argument in der energiepolitischen Deatte. Für die betroffenen Menschen bedeutet der 6. April 1986 aber bis heute einen tief greifenden Ein 9598 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Christoph Pries schnitt in ihr Leben. Ich denke, bei aller Heftigkeit in der aktuellen Auseinandersetzung um die Atomenergie sollten wir das Schicksal der Opfer von Tschernobyl nicht vergessen. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Christoph Pries (SPD):
Rede ID: ID1609423400

(A) )


(B) )


Wir müssen auch in Zukunft unsere Bemühungen fort-
setzen, den Betroffenen bei der Bewältigung der Kata-
strophe zu helfen.

Sehr geehrter Herr Fell, trotz vieler Übereinstimmun-
gen werden wir Ihren Antrag zu Tschernobyl ablehnen.
Wir tun dies, weil Sie der Koalition energiepolitischen
Stillstand vorwerfen und weil Sie eine Verknüpfung der
Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit der Endlager-
frage herstellen. Das Erste ist falsch, und das Zweite ist
unseriös.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Passend zum Jahrestag von Tschernobyl hat der Vor-
standsvorsitzende von Energie Baden-Württemberg, Utz
Claassen, heute einen neuen Vorschlag in der Atomde-
batte unterbreitet. Die Restlaufzeiten der deutschen
Atomkraftwerke sollen um zehn Jahre verlängert wer-
den. Als Gegenleistung wird der Atomausstieg im
Grundgesetz festgeschrieben. Das ist zumindest in einer
Hinsicht ein erfreulicher Vorschlag: Endlich scheint der
Vorstandsvorsitzende eines großen Energiekonzerns in
Deutschland zu erkennen, dass es einen Ausstieg aus
dem Atomausstieg nicht geben wird. Die Mehrheit der
Bevölkerung in diesem Land will keine Atomkraft-
werke, Herr Mißfelder.


(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Selbstverständlich ist die SPD-Bundesfraktion gerne
bereit, den Atomausstieg im Grundgesetz verbindlich zu
verankern.


(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD])


Die Frage nach den Restlaufzeiten haben wir aber schon
vor etlichen Jahren im Konsens mit der Energiewirt-
schaft gegen entsprechende Zugeständnisse geregelt.
Wir sehen hier keinen Änderungsbedarf.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Statt auf längere Laufzeiten von Atomkraftwerken set-
zen wir auf Energieeffizienz, Energieeinsparung und den
konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien. Atomaus-
stieg und Klimaschutz sind für uns kein Widerspruch.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Die öffentliche Hand ist ein Großabnehmer von
Energie in Deutschland. Ihr kommt deshalb beim Um-
bau der Energieversorgung eine wichtige Vorbildfunk-
tion zu. Die Politik ist sich dieser Vorbildfunktion seit
langem bewusst. Ein Beispiel dafür ist der Deutsche
Bundestag selbst: 50 Prozent des Strombedarfs und

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(C (D 00 Prozent der benötigen Wärmeund Kälteenergie des eutschen Bundestages werden aus regenerativen Quel en erzeugt. Erreicht wird dies durch eine Kombination us Blockheitskraftwerken auf Basis von Biodiesel, Foovoltaikanlagen, Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung, durch nergiesparende Technik und darauf ausgerichtete Geäudeplanung. Das ist eine beeindruckende Bilanz, die eigt, was mit heutiger Technik bereits möglich ist. Dennoch ist der Anteil des Ökostroms am gesamten tromverbrauch der Bundesliegenschaften insgesamt och gering. Bisher decken nur das Bundesumweltmiisterium und die Behörden seines Geschäftsbereichs ihen Energiebedarf vollständig mit Ökostrom. Es sind jeoch einige Ergänzungen dieser vorläufigen Bilanz ötig. Erstens. Die vergaberechtliche Zulässigkeit einer usschreibung von Ökostrom war noch bis vor wenigen ahren äußerst umstritten. Erst mit der Vergabekoordiierungsrichtlinie vom 31. März 2004 hat die EU die betehenden Rechtsunsicherheiten beseitigt. Zweitens. Das Bundesumweltministerium veröffentichte im September 2006 die Arbeitshilfe „Beschaffung on Ökostrom“. Damit haben wir die Grundlage dafür eschaffen, dass in Zukunft mehr Bundesbehörden zu kostromanbietern wechseln können. Die SPD-Bundes agsfraktion begrüßt dies ausdrücklich. (Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU sowie des Abg. Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Wir stehen bei der Umsteuerung der Energieversor-
ung der öffentlichen Hand erst am Anfang. Ich bin aber
est davon überzeugt, dass wir auf diesem Gebiet in den
ommenden Jahren deutliche Fortschritte machen wer-
en. Die Voraussetzungen dafür sind gegeben.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609423500

Nächster Redner ist der Kollege Hans-Kurt Hill,

raktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Hans-Kurt Hill (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609423600

Frau Präsidentin! Meine Kolleginnen und Kollegen!

iebe Gäste im Hause! Heute, am 26. April 2007,
1 Jahre nach der schrecklichen Katastrophe von Tscher-
obyl, hat die Atomenergie ihre Gefährlichkeit nicht
erloren. Noch immer ist die friedliche Nutzung der
trahlentechnik die Einstiegsdroge in militärische Droh-
erüste. Noch immer reiht sich in den europäischen
tomanlagen Störfall an Störfall.

Die vier Störfallmeiler in Cattenom an der saarlän-
isch-französischen Grenze müssen genauso vom Netz
ie der schwedische Block in Forsmark. In Forsmark
wir haben es eben gehört – war es nur dem Zufall ge-

chuldet, dass ein GAU wie in Tschernobyl verhindert

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9599


(A) )



(B) )


Hans-Kurt Hill
wurde. In Finnland entwickelt sich der Neubau eines
Atomblocks schon beim Rohbau zum Desaster. Techni-
sche Mängel summieren sich zu gefährlichen Risiken,
und die Kosten explodieren in absurde Höhen.

Zurück nach Deutschland. Hier sieht die Situation
auch nicht besser aus. Die Hauptenergie wird in die Ver-
tuschung und Verschleierung von Störfällen gesteckt.
Warum legt der Betreiber Vattenfall die mehrere hundert
Punkte umfassende Mängelliste des Atomkraftwerks
Brunsbüttel nicht offen? Herr Mißfelder, ich behaupte:
Vattenfall fürchtet bei diesem Kraftwerk Konsequenzen
in Bezug auf die Restlaufzeit und die möglichen Lauf-
zeitübertragungen.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Zur Endlagerdiskussion. Der Bundeswirtschaftsmi-
nister legte im April eine Untersuchung zu Bodenschich-
ten vor. Ein solches Endlager ist nach einer Stellung-
nahme des Bundesamtes für Strahlenschutz zur
Verwahrung von Brennstäben überhaupt nicht geeignet.
Hauptsache, die möglichen Standorte liegen nicht in
Bayern.

In der Anreicherungsanlage im westfälischen
Gronau wird derweil mittels Zentrifugen, ähnlich wie in
der umstrittenen iranischen Anlage Natans, Uran ange-
reichert. Mit Genehmigung der Landesregierung von
Nordrhein-Westfalen wird die Kapazität zurzeit von
1 800 auf 4 500 Tonnen pro Jahr erweitert. Das reicht für
35 Atomkraftwerke. Was geschieht mit dem anfallenden
Abfall? Das abgereicherte Uran wird als einfaches Wirt-
schaftsgut deklariert, in Züge verladen und unter zwei-
felhaften Bedingungen in Russland endgelagert. Die
deutschen Energiekonzerne stellen derweil munter An-
träge auf Laufzeitverlängerungen der AKWs. Trotz kla-
rer Rechtslage werden sie von der CDU/CSU und der
FDP unterstützt. Der Gipfel des Zynismus: Sie alle be-
haupten, Atomkraft würde das Klima retten. Tatsache
ist: Die Atomkraft ist eine Gelddruckmaschine mit ge-
fährlichen Nebenwirkungen. Atomstrom blockiert den
Ausbau der erneuerbaren Energien. Aber ich sage Ihnen:
Der Anteil von Strom aus Wind, Sonne und Bioenergie
wächst stetig und wird den Atomstrom kurzfristig erset-
zen.

Zum Antrag der Grünen: Natürlich macht es Sinn, die
Bundeseinrichtungen auf Strom ohne Atom umzustellen,
Ökostrom zu beziehen. Auch für den Verbraucher gibt es
eine einfache Möglichkeit, Atommeiler überflüssig zu
machen: Ich verweise auf die Kampagne der Umwelt-
verbände auf www.atomausstieg-selber-machen.de. Laut
Ihrem Antrag soll der Bund die Stromverträge mit den
Energieversorgungsmonopolunternehmen aufkündigen.
Wenn das möglich ist, Herr Fell, dann frage ich Sie: Wa-
rum haben Sie das nicht schon in Ihrer Regierungszeit
veranlasst?


(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jürgen Trittin hat es doch gemacht! Er hat es doch durchgeboxt!)


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(C (D nd wen meinen Sie mit Tochterunternehmen? Vieleicht die Stadtwerke? Die Linke wird sich bei den Anträgen enthalten. Wir önnen mit Blick auf die realen Gefahren der Atomenerie nicht warten, bis der Ausstieg gemäß dem Atomkonens vollzogen ist. Wir wollen – und das ist möglich –, ass das Aus für die Atomkraftwerke früher kommt. Vielen Dank. Letzter Redner in dieser Debatte ist der Kollege einz Schmitt, SPD-Fraktion. Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen nd Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Nie wieer Tschernobyl“ – wer, liebe Kolleginnen und Kollegen om Bündnis 90/Die Grünen, wollte heute, auf den Tag enau 21 Jahre nach der Atomkatastrophe in der kraine, dem Titel Ihres Antrages widersprechen? Vor einem Jahr, anlässlich des 20. Jahrestages des chrecklichen Unglücks, hatte die Fraktion der SPD äste aus Weißrussland. Belarus war neben der Ukraine on der radioaktiven Verseuchung am stärksten betrofen. Frau Dr. Irina Gruschewaja, Mitbegründerin und orsitzende der belarussischen Hilfsorganisation „Den indern von Tschernobyl“, hat uns damals umfassend ber die Folgen des Unglücks für ihre Heimat inforiert. Es waren tief gehende Eindrücke, die Frau ruschewaja mit ihren Schilderungen hinterlassen hat. ie Folgen der Reaktorkatastrophe für die Menschen in en betroffenen Regionen sind erschütternd. Als wäre as noch nicht genug, hat das Parlament von Belarus den au eines neuen Atomkraftwerkes beschlossen, und war auf den Ruinen und Friedhöfen der Dörfer in den erseuchten Gebieten. Es ist schlicht unglaublich, dass erade Weißrussland an der Atomkraft festhält. Herr Tauss, auch Sie kennen die Arbeit von Frau ruschewaja. Die Risiken der Kernkraft waren und sind nicht beerrschbar. Deshalb ist die Atomkraft ein Auslaufmodell nd nicht ein Modell der Zukunft. Heute steht eine Anzeige der deutschen Sektion der nternationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges n der „Süddeutschen Zeitung“, in dem Zahlen genannt erden, die uns zu denken geben sollten: Zurzeit laufen eltweit – Frau Brunkhorst, das betrifft Ihre Mission – 35 Atomkraftwerke, die 3 Prozent der Energieerzeuung leisten. Was ist mit den restlichen 97 Prozent? Alein um 10 Prozentpunkte mehr Energie aus Atomkraft u gewinnen, müssten weltweit 1 000 weitere Atomraftwerke 9600 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Heinz Schmitt gebaut werden und ans Netz gehen – wodurch die Wahrscheinlichkeit für einen Super-GAU steigen würde. Man muss sich die Zahlen anschauen und darf nicht einfach an irgendetwas glauben; denn glauben heißt ja selten wissen. Der Vergleich von Forsmark und Brunsbüttel – dieser Reaktor hat die gleiche Sicherheitstechnologie – wurde heute schon ausreichend erläutert. Es muss auch gefragt werden, ob es die Möglichkeit einer sinnvollen Endlagerung überhaupt gibt. Gibt es eine Technik, mit der gefährlich strahlender Atommüll Tausende von Jahren sicher gelagert werden kann? Gibt es dafür technische Lösungen, gibt es dafür politische Lösungen? Ich bezweifle das. – Asse ist ein Stichwort. – Diese Frage muss mir als altem Wackersdorfkämpfer – (Beifall bei Abgeordneten der SPD – Philipp Mißfelder [CDU/CSU]: Geständnisse im Bundestag!)


(Beifall bei der LINKEN)

Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609423700

(Beifall bei der SPD)

Heinz Schmitt (SPD):
Rede ID: ID1609423800

(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD])


(Beifall bei der SPD)


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(Jörg Tauss [SPD]: Das wäre ja furchtbar!)


(Beifall bei der SPD)


(Jörg Tauss [SPD]: Asse!)


– Das sage ich gern und stolz. Ich weiß noch, wie wir da-
mals von den Bewohnern in Schwandorf auf dem Rasen
morgens mit Frühstück versorgt wurden – ich spreche da
aus Erfahrung –, was da alles angedacht wurde, wie viele
Milliarden D-Mark vergeudet wurden für eine Technolo-
gie, die sich als Luftblase erwiesen hat.

Unter Bundeskanzler Gerhard Schröder haben wir mit
Ihnen von den Grünen als unserem Koalitionspartner
den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Dieser
Beschluss war richtig. Es gibt dafür eindeutige Mehrhei-
ten in der Bevölkerung.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Auch hier im Haus gibt es dafür über die meisten Par-
teigrenzen hinweg Zustimmung. Herr Mißfelder, Sie wa-
ren damals noch zu jung und haben all das nicht erlebt.


(Heiterkeit bei der SPD – Philipp Mißfelder [CDU/ CSU]: Das ist Altersdiskriminierung!)


– Ich weiß. Aber auch Ihre Generation hat mit den Res-
ten der Strahlung zu kämpfen. Denken Sie auch daran,
nicht nur an die Hüftgelenke!


(Philipp Mißfelder [CDU/CSU]: Ja! Deswegen werden wir dieses Problem auch gemeinsam lösen!)


Wir setzen auf alternative Energien. Wir sind in der
Großen Koalition auf gutem Wege. Wir fördern – das ha-
ben wir heute Morgen mehrfach vom Minister gehört –
den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien. Die
energetische Förderung von Gebäuden hat sich in den
letzten Jahren auch für das Handwerk zu einem wahren
Renner entwickelt. Auf dem europäischen Gipfel am

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(C (D . und 9. März dieses Jahres hat man im Hinblick auf en Klimaschutz und die Energiepolitik neue Dimensioen erreicht. Der Bundesminister für Umwelt, Sigmar Gabriel, hat eute Morgen sehr viel Positives über die Entwicklunen im Bereich der alternativen Energien berichtet. Uner Ziel ist, dafür zu sorgen, dass der Anteil der Primärnergie, den wir aus erneuerbaren Energien gewinnen, is zum Jahre 2020 weit über 20 Prozent beträgt. Herr Kollege Schmitt! Ich bin schon auf der Zielgeraden. Ihren Vorwurf, wir würden für energiepolitischen tillstand sorgen, weise ich mit Befremden zurück. Ihem Antrag kann ich, obwohl er gute Gedanken beinhalet, aufgrund dieses Vorwurfs nicht zustimmen. Herr Kollege, Sie sind jetzt sicher am Ziel. Wir werden weiterhin Kurs halten und die zur Lösung er Klimaprobleme entscheidenden Schritte einleiten. on daher dürfen Sie darauf vertrauen, dass wir den Kliaschutz auch weiterhin ernst nehmen. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN)

Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609423900
Heinz Schmitt (SPD):
Rede ID: ID1609424000

(Heiterkeit bei der SPD)

Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609424100
Heinz Schmitt (SPD):
Rede ID: ID1609424200


Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609424300

Ich schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
rucksache 16/3961 an die in der Tagesordnung aufge-

ührten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
erstanden? – Das ist der Fall. Dann ist die Überweisung
o beschlossen.

Tagesordnungspunkt 10 b: Beschlussempfehlung des
usschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsi-

herheit zum Antrag der Fraktion des Bündnisses 90/
ie Grünen mit dem Titel „Nie wieder Tschernobyl –
ukunftssichere Energieversorgung ohne Atomkraft“.
er Ausschuss empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung

uf Drucksache 16/1813, den Antrag der Fraktion des
ündnisses 90/Die Grünen auf Drucksache 16/860 ab-
ulehnen. Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? –
er stimmt dagegen? – Enthaltungen? – Die Beschluss-

mpfehlung ist mit den Stimmen von SPD, CDU/CSU
nd FDP bei Enthaltung der Fraktion Die Linke und bei
egenstimmen des Bündnisses 90/Die Grünen ange-
ommen.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9601


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Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner
Ich rufe die Tagesordnungspunkte 11 a bis 11 c auf:

a) Zweite und dritte Beratung des von der Bundesre-
gierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
zur Einrichtung des Deutschen Ethikrats

(Ethikratgesetz – EthRG)


– Drucksache 16/2856 –

Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschus-
ses für Bildung, Forschung und Technikfolgenab-
schätzung (18. Ausschuss)


– Drucksache 16/5136 –

Berichterstattung:
Abgeordnete Eberhard Gienger
René Röspel
Cornelia Pieper
Dr. Petra Sitte
Priska Hinz (Herborn)


b) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Bildung, Forschung
und Technikfolgenabschätzung (18. Ausschuss)


– zu dem Antrag der Fraktion des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN

Einsetzung eines Ethik-Komitees des Deut-
schen Bundestages

– zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Ilja
Seifert, Monika Knoche, Hüseyin-Kenan
Aydin, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der LINKEN

Einsetzung eines Ethik-Komitees des Deut-
schen Bundestages

– zu dem Antrag der Abgeordneten Michael
Kauch, Cornelia Pieper, Uwe Barth, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der FDP

Einrichtung eines Parlamentarischen Beira-
tes für Bio- und Medizinethik

– Drucksachen 16/3199, 16/3277, 16/3289, 16/5136 –

Berichterstattung:
Abgeordnete Eberhard Gienger
René Röspel
Cornelia Pieper
Dr. Petra Sitte
Priska Hinz (Herborn)


c) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Eberhard Gienger, Ilse Aigner, Michael
Kretschmer, weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion der CDU/CSU sowie der Abgeordneten René
Röspel, Jörg Tauss, Nicolette Kressl, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der SPD

Einrichtung eines Parlamentarischen Beirates
zu Fragen der Ethik insbesondere in den Le-
benswissenschaften (Ethikbeirat)


– Drucksache 16/5128 –

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(C (D Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die ussprache eine Dreiviertelstunde vorgesehen. – Ich öre keinen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen. Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Parlaentarische Staatssekretär Thomas Rachel. (Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Jörg Tauss [SPD])


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Thomas Rachel (CDU):
Rede ID: ID1609424400


Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren!
iebe Kolleginnen und Kollegen! Auf dem schwierigen
ebiet der Lebenswissenschaften und ihrer Anwendung

uf den Menschen hat sich in der Vergangenheit gezeigt,
ie wertvoll es für Parlament und Regierung ist, exter-
en Sachverstand in die Diskussion einzubeziehen. So
ann das notwendige Expertenwissen die Debatte berei-
hern.


(Michael Kretschmer [CDU/CSU]: Genau!)


Ein wesentliches Ziel des vorliegenden Gesetzent-
urfes ist es, die Arbeiten eines auf Dauer angelegten
ioethischen Beratungsgremiums auf eine gesetzliche
rundlage zu stellen.


(Markus Grübel [CDU/CSU]: Und das ist gut so!)


as ist ein Riesenfortschritt. Damit greift die Bundesre-
ierung die Kritik aus den Reihen des Bundestages an
er Art der Einrichtung des Nationalen Ethikrates auf.
ieser wurde damals ohne Einbindung des Parlaments
nd ohne gesetzliche Grundlage beim damaligen Bun-
eskanzler angesiedelt.

Der Deutsche Ethikrat wird den Nationalen Ethikrat
rsetzten. Der Deutsche Ethikrat soll jedoch nicht nur
ie Bundesregierung, sondern auch den Bundestag bera-
en. Damit gehen Bundesregierung und Bundestag in
ieser Frage nunmehr aufeinander zu.

Dementsprechend wird das Parlament einbezogen,
nd zwar nicht nur bei der Errichtung des Ethikrates,
ondern auch bei der Ernennung der Sachverständigen.
ie 26 Mitglieder des Ethikrates werden zu gleichen
eilen vom Bundestag und von der Bundesregierung
orgeschlagen und durch den Präsidenten des Deutschen
undestages berufen. Es wurde auch gezielt ein Beru-

ungsverfahren gewählt, durch das dem Parlament und
er Regierung gleichermaßen die Verantwortung für eine
usgewogene Zusammensetzung des Gremiums zuge-
chrieben wird. Im Übrigen: Mit dem Deutschen Ethik-
at erhält die Opposition erstmals die Möglichkeit,
achverständige für einen Ethikrat auszuwählen, eine
öglichkeit, die sie beim rot-grünen Nationalen Ethikrat

icht hatte.


(Markus Grübel [CDU/CSU]: Genau!)


Durch eine breite fachliche Zusammensetzung wird
ichergestellt, dass ein interdisziplinäres, plurales Spek-
rum und auch unterschiedliche weltanschauliche An-
ätze vertreten sind. Die Funktion dieses Ethikrates wird
ie wissenschaftsgeleitete Beratung von Politik und Ge-

9602 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Parl. Staatssekretär Thomas Rachel
sellschaft sein. Damit ist klar, dass die Verantwortung
für den politischen Entscheidungsprozess und auch für
die Entscheidungen ausschließlich bei uns im Parlament
und bei der Bundesregierung liegt. Diese klare Trennung
in Beratungsinstanz auf der einen Seite und Entschei-
dungsinstanz auf der anderen Seite ist auch Ausdruck
des wechselseitigen Respekts vor der spezifischen Rolle
und der Verantwortung des Deutschen Ethikrates auf der
einen Seite und des Bundestages und der Bundesregie-
rung auf der anderen Seite.

Konstitutives Element des Deutschen Ethikrates ist
dabei die Unabhängigkeit seiner Mitglieder vor staatli-
cher Einflussnahme. Daraus folgt eben auch die Unab-
hängigkeit der wissenschaftsbasierten Beratung. Auf der
anderen Seite bleiben Bundestag und Bundesregierung
frei, sich zu entscheiden, auf welche Weise sie Stellung-
nahmen des Deutschen Ethikrates in den politischen Dis-
kussions- und Entscheidungsprozess einfließen lassen
wollen oder ob sie sie eben verwerfen.

Der Vorschlag des Bündnisses 90/Die Grünen und der
Linken für ein ständiges Ethikkomitee ist darauf ange-
legt, den Nationalen Ethikrat und die Struktur der
Enquete-Kommission in einem einzigen Gremium zu-
sammenzuführen. Dieser Weg überzeugt aber nicht;
denn nicht ohne Grund ist in der derzeitigen Geschäfts-
ordnung des Bundestages die Möglichkeit eines dauer-
haft angelegten Ethikkomitees unter Einbeziehung exter-
ner Sachverständiger nicht vorgesehen. Stellungnahmen
einer auf Dauer eingerichteten Enquete-Kommission
können letztlich nämlich eine hohe faktische Bindungs-
wirkung für das Parlament entfalten und damit die Parla-
mentarier in ihrer unabhängigen Entscheidungsfindung
einschränken. Gerade in Fragen der Ethik ist jeder Abge-
ordnete ausschließlich seinem Gewissen unterworfen.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Die Fragen der Lebenswissenschaften können eben nicht
an ein fest institutionalisiertes Gremium delegiert wer-
den. Für die ethische Urteilsbildung und auch für die
Entscheidung sind schließlich alle Abgeordneten des
Bundestages zuständig.

Da der Ethikrat zudem als reines Beratungsgremium
gerade in Richtung Politik konstruiert ist, ist es auch fol-
gerichtig, dass ihm weder Vertreter der Bundesregierung
noch Mitglieder des Bundestages angehören. Gleichzei-
tig ist es aber wichtig, dass der Bundestag für sich be-
stimmt, in welcher Weise er eine gute Zusammenarbeit
zwischen dem Parlament und dem Ethikrat organisieren
möchte. Ich denke, dass die SPD-Fraktion und die CDU/
CSU-Fraktion mit ihrem Vorschlag für einen Parlamen-
tarischen Beirat eine angemessene Lösung entwickelt
haben, durch die ein parlamentarischer Begleitprozess
sichergestellt wird.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Allerdings sollten auch in diesem Zusammenhang
eine Doppelstruktur und eine Vermischung zwischen Be-
ratungsinstanz und Entscheidungsgremium unbedingt
vermieden werden;

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(C (D (Beifall der Abg. Ilse Aigner [CDU/CSU] sowie der Abg. Nicolette Kressl [SPD])


enn es gilt das vorhin Gesagte: Es soll kein Sonder-
omitee für ethische Fragen entstehen, das dem Ent-
cheidungsfindungsprozess des Bundestages und auch
er Ausschüsse vorgreift.

Meine Damen und Herren, für die Wahrnehmung in
er Öffentlichkeit und auch im Parlament sowie für das
ertrauen des Parlaments und der Regierung ist es wich-

ig, dass der Deutsche Ethikrat seine Stellungnahmen,
eine Expertisen, seine Empfehlungen und seine Be-
ichte veröffentlicht, wie es auch vorgesehen ist.

Der Deutsche Ethikrat tagt auf Antrag der beiden
oalitionsfraktionen grundsätzlich öffentlich. Ihm muss
atürlich auch das Recht zustehen, vertraulich zu bera-
en, denn er braucht Freiraum für den Austausch und die

einungsbildung im vertraulichen Raum. Dieses Recht,
hne Öffentlichkeit, ohne Mitglieder der Bundesregie-
ung oder Parlamentarier tagen zu können, ist für die Ar-
eit eines unabhängigen Sachverständigengremiums
nverzichtbar. Dementsprechend räumt auch der Ände-
ungsantrag der Koalitionsfraktionen ausdrücklich die

öglichkeit nichtöffentlicher Sitzungen ein.

Wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie wir
it dem rasanten Fortschritt in den Lebenswissenschaf-

en umgehen. Die vielfältigen Fragen werden uns dabei
och lange und immer wieder beschäftigen und vor neue
erausforderungen und Probleme stellen. Für unsere
esellschaft hängt viel davon ab; denn zum einen ist die
orschungsfreiheit ein wesentlicher Teil einer freiheitli-
hen Gesellschaft,


(Beifall des Abg. René Röspel [SPD])


um anderen müssen die Menschenwürde und das
rundrecht auf Leben auch in Zukunft der Grundstein

iner humanen Gesellschaft sein.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Die bioethische Debatte im Parlament und in der Ge-
ellschaft wird insgesamt schwierig bleiben. Für sie wird
er Deutsche Ethikrat – so hoffen wir – eine wertvolle
achliche Unterstützung sein. In diesem Sinne bitte ich
ie um Unterstützung des Gesetzentwurfes.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609424500

Der Kollege Uwe Barth von der FDP-Fraktion hat

eine Rede zu Protokoll gegeben.1)

Deswegen gebe ich jetzt das Wort dem Kollegen René
öspel, SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



René Röspel (SPD):
Rede ID: ID1609424600

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

erren! Nach Ende der letzten Legislaturperiode und mit

Anlage 4

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9603


(A) )



(B) )


René Röspel
dem Auslaufen der Enquete-Kommission „Ethik und
Recht der modernen Medizin“ hat sich eine Gruppe von
Parlamentariern fast aller Fraktionen – von CDU/CSU,
SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke – Ende
letzten Jahres zusammengesetzt und die Frage gestellt,
wie die Ethikdebatte in Deutschland weiter organisiert
wird und wie sie stattfinden wird. Das Ergebnis dieser
interfraktionellen Diskussion haben wir heute in Form
der Anträge von Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke
vorliegen, die zwar wortgleich sind, aber trotzdem ge-
trennt eingebracht worden sind.

Ich will keinen Hehl daraus machen, dass ich nach
wie vor große Sympathien für dieses eingebrachte Mo-
dell habe. Warum ist das so? Nach diesem Modell würde
das Ethikgremium jeweils zur Hälfte aus Abgeordneten
des Bundestages und aus Sachverständigen bestehen.
Dies ähnelte dem Ethikkommissionsprinzip. Bundesmi-
nisterin Schavan hat diese interfraktionelle Initiative mit
ihrem Gesetzentwurf zunächst zunichte gemacht. Parla-
mentarier sollten in der Ethikdiskussion und -beratung
keine Rolle spielen.

Natürlich kann man sagen, es reicht, wenn uns
externe Gremien beraten und Stellungnahmen übersen-
den. Wir erleben in unserem Geschäft täglich, dass wir
50- bis 200-seitige Stellungnahmen und Expertisen auf
den Tisch bekommen. Meine Erfahrung ist die, dass es
etwas völlig anderes ist, ob man einen Bericht auf den
Tisch gelegt bekommt oder ob man ihn selbst mit erar-
beitet hat.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


Meine Erfahrung aus der Enquete-Kommission ist:
Gerade der Dialog und der Diskurs zwischen den Sach-
verständigen auf der einen Seite und den Abgeordne-
ten auf der anderen Seite waren das Entscheidende und
das Produktive dieser Kommission.

Zur Stellungnahme der Enquete-Kommission zur Pal-
liativmedizin wurde uns beispielsweise durch einen Pal-
liativmediziner als sachverständiges Mitglied der
Enquete-Kommission die medizinische Expertise er-
stellt. Wir haben von den anderen Sachverständigen
Stellungnahmen zu den theologischen und philosophi-
schen Fragen erhalten, und wir haben als Abgeordnete
die politische Einordnung einbringen können. Gemein-
sam haben wir darüber beraten, was nötig ist und was
möglich ist. Ich glaube, das war ein guter und produkti-
ver Prozess, in dem Impulse gesetzt und das Machbare
abgeschätzt werden konnte.

Übrigens hat am Montag dieser Woche der Nationale
Ethikrat eine Stellungnahme zur Organspende vorgelegt.
Soweit ich das mitbekommen habe, war die Kritik aller
Fraktionen des Hauses sowie der Verbände und Kam-
mern sehr groß und eher heftig. Vielleicht wäre dies an-
ders ausgefallen, wenn Parlamentarier an der Beratung
dieser Stellungnahmen teilgenommen hätten.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/ CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


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(C (D Ich darf mir erlauben, noch einen Nebenaspekt anzuprechen. Die Enquete-Kommission hat eine Reihe von eranstaltungen vor Ort durchgeführt. Wir haben an der niversität Jena und der Universität Tübingen mit engaierten Bürgerinnen und Bürgern aus Bioethikinitiativen iskutiert. Wir haben die Bodelschwinghschen Anstalten n Bethel besucht und waren in den Alsterdorfer Klinien in Hamburg. Wir sind dort als Kommission des eutschen Bundestages aufgetreten und so aufgenomen worden. Wir haben den Respekt des Parlaments für ie Arbeit, die dort jeweils geleistet wird, und Informaionen über die Gesetzgebung und unsere Positionsfinung weitergeben können. Aber wir haben von diesen eranstaltungen vor Ort – anders, als das sicherlich öglich ist, wenn man dort als einzelner Abgeordneter uftritt – auch etwas mitnehmen können: Informatioen, Meinungen und Eindrücke von der Arbeit vor Ort. as war eine wertvolle Erfahrung. Ich glaube, der Bunestag hat in diesen Veranstaltungen nicht das schlecheste Bild abgegeben. Als wir im November den Entwurf des Gesetzes zur inrichtung eines Deutschen Ethikrates in erster Lesung eraten haben – ich konnte leider nicht anwesend sein; anke für die damaligen Genesungswünsche –, sah der esetzentwurf anders aus: Parlamentarier sollten nicht m Ethikrat beteiligt sein. Die große Mehrheit der SPDraktion hat das als falsch angesehen. Schon in der Deatte vor sechs Monaten wurde klar, dass wir damit nicht llein sind. Kollege Lammert ist damals als Abgeordneer an das Rednerpult gegangen und hat, wie das Kollege r. Rossmann richtig sagte, eine sehr präsidiale Rede ehalten. Er hat den Entwurf eines Gesetzes zur Einrichung eines Deutschen Ethikrates als eine sehr gute rundlage für die weitere Debatte bezeichnet und leichzeitig aus seiner Sicht einige Punkte benannt, die er Verbesserung bedurften. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


(Beifall bei der SPD)


Wir haben das aufgenommen, auch die Vorschläge
on Herrn Lammert in den Gesetzentwurf von Frau
chavan einfließen lassen und ihn in jeder Hinsicht zum
ositiven verändert. Die zunächst geplante Beschrän-
ung der Arbeit und Aufgaben des Deutschen Ethikrats
uf den Bereich der Lebenswissenschaften haben wir be-
eitigt und den Aufgabenbereich ausgedehnt. Natürlich
st die Befassung mit der Stammzellforschung eine ethi-
che Aufgabe. Aber nicht nur diese ethische Frage ist
ichtig. Die Menschen interessiert vielmehr folgende
rage: Wie geht man mit Patientenverfügungen, Organ-
penden, Palliativmedizin oder Hospizarbeit um? Die
rweiterung des Aufgabenspektrums des Deutschen
thikrats, wie wir dies erreicht haben, bedeutet, dass
ich der Deutsche Ethikrat auch mit diesen Themen be-
assen kann.

Die SPD-Fraktion hat aber vor allem die Abgeordne-
en des Deutschen Bundestages wieder mit ins Boot der
thischen Debatte geholt. Nach langen Verhandlungen
it der größten Fraktion des Hauses, unserem Koali-

ionspartner, haben wir es – anders, als es zunächst im

9604 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


René Röspel
Gesetzentwurf vorgesehen war – geschafft, den Bundes-
tag mit der Einrichtung eines Parlamentarischen
Ethikbeirates wieder an der Diskussion über Ethikfra-
gen zu beteiligen. Die Abgeordneten werden die Debat-
ten des Deutschen Ethikrates künftig parlamentarisch
begleiten und unterstützen. Sie werden die Stellungnah-
men und Berichte des Deutschen Ethikrates beraten. Sie
werden dazu zwar keine eigenen Stellungnahmen abge-
ben können; aber das Pingpongspiel auf ethischer Ebene
ist ja nicht immer produktiv gewesen. Sie werden vor al-
len Dingen einschlägige Gesetzgebungsprozesse auf na-
tionaler und europäischer Ebene begleiten können und
entsprechend der Geschäftsordnung des Bundestages
wie jeder Ausschuss daran mitarbeiten können.

Das ist eine deutliche Verbesserung gegenüber dem,
was im November vorgeschlagen wurde.

Ich bedauere es ausdrücklich, dass wir es nicht ge-
schafft haben, in der organisatorischen Frage eine inter-
fraktionelle Lösung hinzubekommen. Die SPD-Fraktion
will sach- und fachkundige Beratungen. Das ist jetzt
möglich. Wir schaffen es mit dem Ethikbeirat beim
Deutschen Bundestag, die außerparlamentarische De-
batte über ethische Fragen mit der im Parlament zu ver-
zahnen.

Ich glaube, je breiter, je transparenter und je unter-
schiedlicher vom Spektrum her die Gremien zusammen-
gesetzt sind, desto mehr werden sie selbst und ihre Stel-
lungnahmen akzeptiert. Das ist meine Erfahrung. Viel
hängt eben auch von der Zusammensetzung solcher Gre-
mien ab.

Es ist sehr häufig kritisiert worden – das ist aber das
Wesen der Großen Koalition –, dass die Regierungsfrak-
tionen einen großen Anteil der Mitglieder des Deutschen
Ethikrates benennen werden. Das hat sicher mit der
Größe der Koalition zu tun. Aber vielleicht schaffen es
alle Fraktionen zusammen – das ist mein Angebot –, im
Sinne einer größtmöglichen Unterschiedlichkeit der ein-
zelnen zu berufenden Sachverständigen ein Tableau hin-
zubekommen, das die Breite der ethischen Debatte wi-
derspiegelt. Wenn wir das im Vorfeld der Benennung der
jeweiligen Sachverständigen schaffen, dann haben wir,
glaube ich, einen guten Weg eingeschlagen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Wir haben lange genug über die organisatorischen
Fragen diskutiert. Jetzt müssen wir die ethischen Fragen
und Sachfragen in den Vordergrund stellen. Es wird ge-
nug Arbeit für den Ethikrat, den Parlamentarischen Bei-
rat und vor allen Dingen für uns Parlamentarier geben.
Denn letztendlich sind wir diejenigen, die in diesem Ho-
hen Hause eigenverantwortlich und individuell über
schwierige ethische Fragen abstimmen müssen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609424700

Ich gebe das Wort dem Kollegen Dr. Ilja Seifert,

Fraktion Die Linke.

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(C (D Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und Kol egen! Meine Damen und Herren, die Sie noch so zahleich auf der Tribüne sitzen! Wir führen heute scheinbar ine rein formale Strukturdebatte. Mir ist aber so deutich wie selten in meinem Leben aufgefallen, wie stark n formalen Strukturdebatten Machtfragen ausgetragen erden. Hier wurde mit Macht durchgesetzt, dass das arlament in ethischen Debatten nichts zu sagen haben oll. Ja, Herr Tauss. Sie sollten genauer lesen, was in Ihrem ntrag steht. (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Jörg Tauss [SPD]: Ich bin wohl gerade in der falschen Veranstaltung!)


(Beifall bei der LINKEN)

Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609424800

(Jörg Tauss [SPD]: Was?)


Wie Kollege Röspel gerade ausführlich dargestellt
at, haben wir versucht, aus der Mitte des Parlaments
eraus, die guten Erfahrungen der Enquete-Kommissio-
en nutzend, ein Gremium zu schaffen, in dem der Sach-
erstand von Fachleuten und von Politikerinnen und
olitikern zusammengeführt wird.


(René Röspel [SPD]: Aber das Parlament ist jetzt wieder dabei!)


Ich komme gleich noch auf euren famosen Beirat zu
prechen.


(Dr. Reinhard Loske [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Zieht euch warm an!)


Der Sachverstand von beiden Seiten fügt sich – das
abe ich in der Enquete-Kommission erlebt – sehr gut
usammen. Man kann zwar nicht verlangen, dass jeder
olitiker und jede Politikerin die letzten Neuigkeiten der
tammzellforschung und die neuesten ethischen Debat-

en auf der religiösen, philosophischen oder sonstigen
bene in allen Details kennt; aber ich kann auch nicht
on Ethikern, Stammzellforscherinnen und -forschern,
rztinnen und Ärzten und allen sonstigen Fachleuten er-
arten, dass sie wissen, wie Politik funktioniert.


(Beifall bei der LINKEN)


Das eine kann und muss das andere befruchten, indem
an miteinander redet und gemeinsam Vorschläge un-

erbreitet. Das ist die große Chance der Enquete-Kom-
issionen.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN sowie beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


s ist auch die große Chance des von uns vorgeschlage-
en Ethikkomitees.

Dieses ist mit einem Machtwort der Ministerin zu-
ichte gemacht worden. Deswegen weiß ich jetzt, wie
achtvoll Strukturdebatten enden. Bedauerlicherweise
das muss ich leider feststellen, lieber Reinhard Loske –

at auch reine parteipolitische Kleinkrämerei von eurer

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9605


(A) )



(B) )


Dr. Ilja Seifert
Seite dazu geführt, dass wir keinen gemeinsamen Antrag
einbringen konnten. Wir mussten zwei verschiedene An-
träge einbringen, die inhaltlich gleich sind. Das ist ein
bisschen lächerlich.

Wir können uns aber auch lächerlich machen, indem
wir – das wäre viel schlimmer – dem Vorurteil Vorschub
leisten, dass Politikerinnen und Politiker nicht in der
Lage sind, ihre Aufgaben richtig wahrzunehmen.

Worum geht es? Jetzt soll ein Ethikgremium entste-
hen – der Staatssekretär hat es bereits angesprochen –,
das Diener zweier Herren ist, nämlich der Regierung und
des Parlaments. Jeder weiß, dass es immer schwierig ist,
Diener zweier Herren zu sein.


(Jörg Tauss [SPD]: Es sind unabhängige Persönlichkeiten, keine Diener! Was haben Sie denn für ein Verständnis?)


– Ich habe gelernt, dass Exekutive und Legislative zwei
getrennte Machtbereiche sind.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Ich habe auch gelernt, dass die Legislative – also wir –
die Exekutive beauftragt, nicht umgekehrt.


(Beifall bei der LINKEN)


Wir sollen die Exekutive beauftragen und kontrollieren,
mein lieber Kollege. Praktisch läuft es jetzt aber anders-
herum: Die Exekutive schafft sich ein Gremium und er-
laubt uns, den Oppositionsparteien, drei von sechs Sach-
verständigen zu benennen. Das erscheint geradezu
unglaublich demokratisch.

Wir, das Parlament, also Sie, meine lieben Kollegin-
nen und Kollegen, ebenso wie ich, tun so, als ob uns das
nicht entmannen würde. Was passiert denn, wenn wir ei-
nen Beirat berufen, der nichts anderes ist als der Brief-
träger zwischen dem Ethikrat und der Regierung?


(Jörg Tauss [SPD]: Quatsch! Also Entschuldigung! – René Röspel [SPD]: Nein!)


– Ja, selbstverständlich! Wir dürfen Briefe entgegenneh-
men, wir dürfen sie sogar lesen und dann weiterreichen.
Aber wir dürfen nicht einmal eine Meinung dazu äußern.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Umgekehrt darf dieser Beirat sich überlegen, was er den
Ethikrat fragt. Wo sind wir denn?


(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Nicht die Parlamentarierinnen und Parlamentarier sind
der Beirat. Bis jetzt war es immer umgekehrt: Das Parla-
ment schafft sich Beiräte, in denen beraten wird, und be-
rät nicht andere. Wo gibt es denn so etwas?

Dann wird bekannt, dass der jetzt noch existierende
Ethikrat – man muss sich das einmal auf der Zunge zer-
gehen lassen: ein Rat, der sich mit ethischen Fragen be-
fasst – Menschen generell erst einmal als Ersatzteilla-
ger ansieht.


(Jörg Tauss [SPD]: Herr Seifert!)


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(C (D ur wenn man sagt, dass man kein Ersatzteillager ist, ird man nicht als solches angesehen. (Dr. Carl-Christian Dressel [SPD]: Organspender als Ersatzteillager zu bezeichnen, ist eine Frechheit!)


Was ist der Vorschlag denn anderes?


(Zuruf von der SPD: Schämen Sie sich!)


Ich schäme mich überhaupt nicht dafür, dass ich dieser
einung bin.

Wir haben in diesem Parlament den Kompromiss be-
üglich der Organspende in sehr langen Debatten und
nter sehr großen Schwierigkeiten mühsam errungen.


Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609424900

Herr Kollege Seifert, ich muss Sie an Ihre Redezeit

rinnern.


(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist auch gut so! Es reicht!)



Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609425000

Frau Präsidentin, ich bitte um Entschuldigung. Ich

abe nicht auf die Uhr geschaut. – Dieser mühsam errun-
ene Kompromiss wird jetzt, eben weil keine Parlamen-
arierinnen und Parlamentarier im Ethikrat vertreten
ind,


(Nicolette Kressl [SPD]: Die dürfen sich doch äußern; dazu sind sie doch da!)


infach über Bord geworfen nach dem Motto: Erst ein-
al ist jeder Organspender, und nur wenn er ausdrück-

ich Nein dazu sagt, ist er es nicht. Das ist eine ganz
roße Umkehrung der bisherigen Verhältnisse, die so
icht stattfinden sollte.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dr. Carl-Christian Dressel [SPD]: Das ist Ihre Auffassung von Meinungsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit?)


Meinungsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit sind etwas
nderes als die Festlegung, dass jemand Organspender
st, ob er will oder nicht.


Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609425100

Herr Kollege Seifert, Ihre Redezeit ist jetzt weit über-

chritten.


Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609425200

Entschuldigen Sie bitte. Ich danke für Ihre Geduld.


Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609425300

Das Wort hat der Kollege Dr. Reinhard Loske, Bünd-

is 90/Die Grünen.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜEN)

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

iel Richtiges ist gerade in der letzten Rede gesagt wor-

9606 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Dr. Reinhard Loske
den. Ich erinnere noch einmal daran, dass wir am
9. November letzten Jahres eine Diskussion zum Gesetz-
entwurf von Frau Schavan, von der Bundesregierung
hatten. Die Punkte, die wir seinerzeit vorgetragen haben,
möchte ich hier telegrammartig wiedergeben. Dann
möchte ich auf die angeblich so großen Veränderungen,
die der Kollege Röspel hier geschildert hat, zurückkom-
men.

Unsere Punkte waren die folgenden: Erstens waren
wir der Meinung, dass es eine Anmaßung der Regierung
ist, dem Parlament vorschreiben zu wollen, wie es sich
bioethisch beraten lassen soll.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Zweitens waren wir der Meinung, dass ein Herausdrän-
gen des Parlaments und der Parlamentarier aus der bio-
ethischen Debatte unverantwortlich und unakzeptabel
ist. Wir waren drittens der Meinung, dass wir es hier mit
einer Verletzung von Oppositionsrechten zu tun haben,


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


weil die Bundesregierung sich einer doppelten Mehrheit
bedient. Wir waren viertens der Meinung, dass das
Outsourcing von Beratung gerade bei diesem schwieri-
gen bioethischen Thema völlig falsch ist. Denn es geht
nicht nur um ethische und biomedizinische, sondern
auch um gesellschaftspolitische Fragen. Dieser letzte
Ast ist ohne Not abgeschnitten worden. Auch das halten
wir für falsch. Wir waren fünftens der Meinung, dass das
vorgesehene Tagen hinter verschlossenen Türen unak-
zeptabel ist. Wir haben sechstens das, was der Kollege
Röttgen hier vorgetragen hatte – er hat das Thema iro-
nisch durch den Kakao gezogen und gesagt, dass nichts
Vernünftiges dabei herauskommen kann, wenn Abge-
ordnete Abgeordnete beraten –, zurückgewiesen, weil
wir der Meinung waren, dass die Enquete-Kommissio-
nen gute Arbeit geleistet haben und dass auch in unseren
Ausschüssen im Regelfall gute Arbeit geleistet wird.
Deshalb ist der Vorwurf, dass nichts dabei herauskom-
men kann, wenn Abgeordnete Abgeordnete beraten, tö-
richt und falsch. Das waren unsere wesentlichen Argu-
mente.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Jetzt zu den angeblichen Änderungen. Lieber René
Röspel, Sie wissen, ich schätze Sie sehr; aber das, was
Sie hier erzählen, stimmt nun wirklich nicht.


(Jörg Tauss [SPD]: Doch! Herr Röspel ist über jeden Zweifel erhaben!)


Sie reden hier so, als wenn der Gesetzentwurf sozusagen
vom Kopf auf die Füße gestellt worden wäre, haben aber
tatsächlich überhaupt nichts verändert. Ihre Änderungen
sind absolute Petitessen, absolute Kleinigkeiten. Das
Einzige, wo man mit etwas Wohlwollen sagen könnte,
dass etwas verändert worden ist, ist die Frage der Trans-
parenz. Früher hieß es: Im Regelfall wird nichtöffent-
lich getagt. Jetzt heißt es: Es kann nichtöffentlich getagt
werden. Das heißt also, der Ethikrat befindet nach wie

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(C (D or alleine darüber, welches Maß an Öffentlichkeit er ulässt. Bei aller Freundschaft, das ist doch keine Transarenz. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Was die Rechte des Parlaments betrifft, so kann man
agen: Sie haben es nicht geschafft, eine direkte Beteili-
ung von Abgeordneten in diesem Gremium sicherzu-
tellen. Es gilt nach wie vor der Satz: Die Regierung
aßt sich an, die Abgeordneten aus der biopolitischen

nd bioethischen Beratung herauszudrängen. Das ist für
ns vollkommen inakzeptabel.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Ebenfalls inakzeptabel für uns ist die doppelte Siche-
ung von Mehrheiten: Die Hälfte der Sachverständigen
ird von der Regierung vorgeschlagen, die andere
älfte vom Parlament. Das heißt unter den gegebenen
edingungen der Großen Koalition, dass Sie 23 von
6 Sachverständigen vorschlagen. Die Große Koalition
st schon schlimm genug; aber dass Sie uns auch noch
ntun, sozusagen 90 Prozent der Regelungen bestimmen
u wollen, ist eine elementare Verletzung von Opposi-
ionsrechten, die wir nicht akzeptieren können.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Jetzt kommen wir zu Ihrem großartigen Parlamentari-
chen Beirat.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Jörg Tauss [SPD]: „Großartig“! Das ist die richtige Formulierung!)


ieser Beirat nimmt Berichte des Deutschen Ethikrates
ntgegen. Er darf sich nicht inhaltlich zu ihnen äußern
der festlegen, er darf keine Anhörungen zu den Stel-
ungnahmen des Ethikrates machen. Das heißt, dieses
remium ist nichts anderes als ein Lesezirkel und ein
riefträger. Das ist ganz eindeutig zu wenig für parla-
entarische Beteiligung.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Man muss sich nur einmal den aktuellen Fall – diese
chwierige Sache, die gerade zu Recht beschrieben
urde – mit der Organtransplantation anschauen. Die
mpfehlung, die dazu gegeben wurde, halte ich – das
uss ich ganz ehrlich sagen – für himmelschreiend. Da-

über, ob man das mit dem Begriff „Ersatzteillager“ um-
chreiben sollte, kann man unterschiedlicher Meinung
ein; aber die Empfehlung an sich ist absolut unsensibel.
as wäre nicht passiert, wenn es eine umfassendere poli-

ische Beratung gegeben hätte. Stellen Sie sich einmal
or, wir hätten jetzt schon den Parlamentarischen Beirat:
r hätte als einziges Gremium des Parlaments nichts zu
ieser Empfehlung des Ethikrates sagen können. Das ist
och absolut grotesk.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9607


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Dr. Reinhard Loske
Bei der Diskussion, die wir damals hierzu hatten, war
ich der Meinung, dass die Koalitionskollegen zwar nicht
in allen Punkten, die wir hier vorgeschlagen hatten, un-
serer Meinung waren, aber doch in sehr vielen Punkten.
Das war ganz deutlich zu spüren – teilweise bei der
Union, vor allen Dingen aber bei der SPD. Vor diesem
Hintergrund muss ich ganz eindeutig sagen: Das, was
Sie an dem schlechten Gesetzentwurf der Regierung ge-
ändert haben, ist sehr wenig und ist ein Ausdruck von
mangelndem Selbstbewusstsein des Parlaments.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


Ich möchte Ihnen stattdessen empfehlen, dem Ethik-
Komitee, das die Linksfraktion und wir in eigenen An-
trägen wortgleich vorschlagen, zuzustimmen; denn das
stellt sicher, dass genau das, was ich an Ihrem Vorschlag
moniert habe, nicht passiert.

Danke schön.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609425400

Nächste Rednerin ist die Kollegin Ilse Aigner, CDU/

CSU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Ilse Aigner (CSU):
Rede ID: ID1609425500

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kollegin-

nen und Kollegen! Erst kürzlich stand an diesem Ort das
Thema Patientenverfügung auf der Tagesordnung. Bei
diesem und weiteren Themen wird eines deutlich: Der
wissenschaftliche Fortschritt – insbesondere im Bereich
der Biomedizin – stellt uns als Gesetzgeber immer wie-
der vor große Herausforderungen.

Wissen und Können der heutigen Biomedizin wach-
sen mit rasender Geschwindigkeit. Es gibt zahlreiche
Grenzsituationen menschlicher Existenz: Zeugung, Ge-
burt, Krankheit, Sterben. Früher befand man sich in die-
sen Situationen nur in der Hand des Schicksals, des Zu-
falls oder – das gilt für mich und für viele andere von
uns – in der Hand Gottes. Heute sind gestaltende Ein-
griffe möglich.

Das löst auf der einen Seite Hoffnung aus, auf der an-
deren Seite Furcht und Skrupel. Die Frage, ob wir alles
dürfen, was wir können, stellt sich immer häufiger.
Selbst wenn wir glauben, etwas entschieden zu haben,
ergeben sich neue Entwicklungen. Diese zwingen uns
immer wieder, getroffene Entscheidungen zumindest
gründlich und sorgfältig zu überdenken.

Wenn wir uns als Parlamentarier mit diesen das
menschliche Leben selbst betreffenden Fragen beschäfti-
gen, spüren wir eines besonders: Die Pluralität der Welt-
anschauungen in unserer Gesellschaft spiegelt sich im
Deutschen Bundestag wider, allerdings nicht entlang der
klassischen Fraktionsgrenzen, sondern quer durch die
Fraktionen. Wenn wir uns dessen bewusst sind, müssen
wir sagen, dass der Deutsche Bundestag in seiner Gänze
die geeignetere Ethikkommission ist.

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(C (D Die Wertevielfalt ist dabei ebenso spürbar wie teileise auch eine gewisse Werteunsicherheit. Hinzu ommt noch, dass sich die Wissenschaft im internationaen Verbund entwickelt und auch hier unterschiedliche ertordnungen zwangsläufig aufeinander treffen. Der mgang mit embryonalen Stammzellen ist hierfür geauso ein Beispiel wie die Sterbehilfe. Um sich diesen Fragen besonders zu widmen, wurde n den beiden vergangenen Legislaturperioden, wie chon angesprochen, jeweils eine Enquete-Kommission ingesetzt. Daneben richtete die Bundesregierung einen ationalen Ethikrat ohne Beteiligung des Parlaments in. Deshalb fehlte dem Nationalen Ethikrat von Anfang n eine gewisse demokratische Legitimation. Zwischen eiden Gremien wurde nicht selten ein Konkurrenzverältnis festgestellt, das dem Ansehen beider Einrichtunen nicht immer dienlich war. Aus dieser Situation entstand die Idee eines Deutchen Ethikrates als Beratungsgremium für Bundestag nd Bundesregierung auf dem Gebiet der Lebenswisenschaften. An dieser Stelle sei angemerkt, dass wir urch die Formulierung „insbesondere auf dem Gebiet er Lebenswissenschaften“ die Anmerkung des Bundesagspräsidenten aufgenommen haben, dass angrenzende hemen sehr wohl mitbehandelt werden können und sol en. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Als Aufgaben wurden definiert: die Information der
ffentlichkeit – wir haben hier das Prinzip umgekehrt
nd im parlamentarischen Verfahren die Nichtöffentlich-
eit gegen die Öffentlichkeit ausgetauscht – und die Er-
rbeitung von Stellungnahmen und Empfehlungen für
olitisches und gesetzgeberisches Handeln.

Das Parlament und die Bundesregierung sollen vom
eutschen Ethikrat beraten werden. Meines Erachtens

chließt sich eine Personalunion von Ratgebern und zu
eratenden aus. Deshalb sollen dem Deutschen Ethikrat
eder Mitglieder des Deutschen Bundestages noch der
undesregierung angehören. Stattdessen sollen seine
itglieder je zur Hälfte vom Deutschen Bundestag und

on der Bundesregierung vorgeschlagen und vom Präsi-
enten respektive der Präsidentin des Deutschen Bun-
estages berufen werden.

Das Gremium ist unabhängig und an keine Weisun-
en gebunden. Die Mitglieder sollen keinen bestimmten
nteressengruppen angehören, sondern als unabhängige
ersönlichkeiten in den Rat berufen werden. Das ist das
ntscheidende: Sie stimmen nicht über Gesetze ab, auch
icht über Gesetze mit ethischer Relevanz. Dieses Recht
nd diese Pflicht haben ausschließlich wir Parlamenta-
ier.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


Im Gegensatz zu anderen Fachthemen können wir uns
ier nicht so leicht auf das Urteil anderer verlassen, die
pezialisten auf diesem Gebiet sind. Niemand von uns
ann die Entscheidung über ethische Fragestellungen an

9608 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



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Ilse Aigner
wenige andere delegieren, auch wenn sie noch so gute
Spezialisten sind. In Fragen der Ethik können nur wir al-
lein entscheiden.

Der Bundestagspräsident wird in diesem Zusammen-
hang immer falsch zitiert. Mit Erlaubnis der Präsidentin
zitiere ich aus dem Protokoll:

Wir können alle miteinander kein Interesse daran
haben, dass der Eindruck entsteht, es gebe im Deut-
schen Bundestag eine kleine Anzahl von Ethik-
experten, aber der große Rest sei bei ethischen Fra-
gen entweder nicht interessiert oder indifferent.

Das waren die Worte des Präsidenten des Deutschen
Bundestages. Er hat also keine Zusammensetzung des
Gremiums bestehend aus Parlamentariern und Sachver-
ständigen gefordert.

Wenn auch die Zweckbestimmung des Deutschen
Ethikrates als Beratungsgremium für Bundestag und
Bundesregierung die Mitwirkung von Mitgliedern der
beiden Verfassungsorgane meines Erachtens ausschließt,
so erscheint es uns Koalitionsfraktionen doch sinnvoll,
eine ständige Verbindung zwischen Deutschem Ethikrat
und Parlament herzustellen. Diesem Anliegen möchten
wir mit der Einrichtung eines Parlamentarischen Beirats
entsprechen. In diesem neunköpfigen Gremium sollen
alle Fraktionen – entsprechend ihrer Stärke im Parlament –
vertreten sein. Auf diese Weise soll die Kommunikation
zwischen dem Deutschen Ethikrat und dem Parlament
gewährleistet sein.

Auf den Deutschen Ethikrat warten viele Themen.
Viele der Themen, mit denen sich der Deutsche Ethikrat
befassen wird, wurden bereits in den Enquete-Kommis-
sionen und im Nationalen Ethikrat ausgiebig erörtert. Es
gilt, daran anzuknüpfen und die Beratungsergebnisse un-
ter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse und veränderter
Rahmenbedingungen fortzuentwickeln.

Wir werden die Arbeit des Deutschen Ethikrates auf-
merksam verfolgen. Wir erhoffen uns erhellende Bei-
träge, die jeden Einzelnen bei der schwierigen persönli-
chen Entscheidungsfindung unterstützen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609425600

Letzter Redner in dieser Debatte ist der Kollege Jörg

Tauss, SPD-Fraktion.


(Beifall bei der SPD)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1609425700

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Lieber

Kollege Seifert, ich bin über die Diktion, die Sie verwen-
det haben, erschrocken. Ich bin Organspender; ich habe
einen entsprechenden Ausweis in meinem Geldbeutel.


(Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE]: Das kann doch jeder selbst entscheiden!)


Ich fühle mich nicht wie ein Ersatzteillager. Ich möchte
an einem Punkt meines Lebens, von dem ich hoffe, dass
er nicht eintritt – beispielsweise nach einem Unfall –,

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(C (D ach Feststellung des Hirntods einen Beitrag dazu leisen, dass ein anderer Mensch überlebt. Ich sage in aller eutlichkeit: Ich halte es nicht für angemessen, wie hier arüber gesprochen worden ist. Man muss einmal überlegen, was Schwerstbehinerte, Hirnkranke, Blinde, Nierenkranke – in meinem ahlkreis halte ich engen Kontakt zu ihnen – und andere etroffene empfinden, wenn sie das hier hören. Herr ollege Seifert, gerade als Vertreter und Sprecher der ehinderten sollten Sie das berücksichtigen. Herr Kollege Loske, ein Wort zu der Diktion insgeamt, die die Opposition (Dr. Karl Addicks [FDP]: Teile der Opposition!)


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


mit Ausnahme der FDP; der Kollege Barth ist ent-
chuldigt, er hätte dies anders dargestellt – heute gewählt
at. Ich denke, die Fundamentalkritik, die Sie geäußert
aben, beschädigt möglicherweise ein Stück weit das
ünftige Gremium, den Beirat. Wenn ich alles, was vom
ollegen Loske und vom Kollegen Seifert vorgetragen
orden ist, ernst nähme, dann müsste ich sagen: Grüne
nd PDS dürften eigentlich ihren Sitz in diesem Gre-
ium überhaupt nicht einnehmen.


(Dr. Reinhard Loske [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist Kokolores! Wir reden hier über abstrakte institutionelle Fragen und nicht über Personen! Blödsinn!)


ch bin mir aber sicher, dass sie ihn einnehmen werden.

Um jeder Legendenbildung entgegenzuwirken: Die
nregungen des Herrn Bundestagspräsidenten, die frak-

ionsübergreifend begrüßt worden sind, wurden – das ist
n der Rede der Kollegin Aigner angeklungen – vollin-
altlich und vollumfänglich in den Änderungsantrag auf-
enommen. Das muss man doch an dieser Stelle einmal
eststellen.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


Die Aufgabenstellung des Deutschen Ethikrates ist
rweitert worden. Die Einrichtung der Geschäftsstelle ist
erwaltungsrechtlich einwandfrei geklärt worden. Das
egel-Ausnahme-Verhältnis hinsichtlich der Öffentlich-
eit der Sitzungen ist, wie von allen Fraktionen ge-
ünscht, im Gesetz umgedreht worden.

Herr Kollege Loske, Sie beklagen, dass es durchaus
och Möglichkeiten gibt, unter sich zu tagen. Das ma-
hen wir doch auch! Es muss doch möglich sein, in ei-
em kleineren Kreis oder Gremium nachzudenken, ge-
ade über die Fragen, die angesprochen worden sind,
hne daraus eine öffentliche Sitzung zu machen. Das ist
och selbstverständlich. Wir erleben das auch hier im
ause; das ist auch im parlamentarischen Umfeld nor-
aler Umgang.


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


s war vom Deutschen Ethikrat auch so gewünscht. Ich
abe die Bitte, hier ebenfalls auf dem Boden zu bleiben.

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9609


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Jörg Tauss
Wie gesagt, ich bedanke mich sehr bei Herrn
Lammert dafür, dass er so eine konstruktive Rolle einge-
nommen hat.

Im Deutschen Bundestag – das ist angeklungen; ich
will es nach der grundsätzlichen Kritik aber noch einmal
sagen – laufen auch bei ethischen Grundsatzfragen wei-
terhin alle Fäden zusammen. Das ist richtig so. Wir kön-
nen das nicht delegieren, nicht an Beiräte und auch nicht
an irgendjemanden sonst. Die Fäden laufen hier zusam-
men.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)


Herr Kollege Loske, bei der 50:50-Regelung wären
wir Ihnen gern entgegengekommen; darüber kann man
diskutieren. Sie haben gesagt, das sei für Sie ein Essen-
tial. Ich akzeptiere das. Natürlich muss ich auch akzep-
tieren, dass wir einen Koalitionspartner haben. Auch ich
habe manchmal Essentials, bei denen ich sage: An die-
sem Punkt, an diesem Vorschlag ist nicht zu rütteln.
Auch das muss man im demokratischen Entscheidungs-
prozess akzeptieren. Die Entscheidung ist auch durchaus
vertretbar.

Wir müssen uns nichts vormachen: Ich hatte über-
haupt keine Probleme mit dem Nationalen Ethikrat, wie
er unter Rot-Grün bestand. Ich hatte mit dem Kollegen
Rachel darüber sogar gelegentlich Krach, als er noch
Oppositionsabgeordneter war. Man hält es heute gar
nicht mehr für möglich, wie er damals die Rechte der
Opposition eingefordert hat. In einem Kritikpunkt hatte
Herr Rachel damals allerdings recht: Es gab keine Mög-
lichkeit für die Opposition, übrigens auch nicht für die
Koalitionsfraktionen, sich in diesen Rat einzubringen.
Ich hatte das damals verteidigt, weil ich der Auffassung
war, Bundeskanzler Schröder müsse die Möglichkeit ha-
ben, ein Gremium, das ihn beraten soll, auch entspre-
chend zusammenzusetzen. Jetzt ist es aber so, dass die
Mitglieder dieses Gremiums zur Hälfte von den Parla-
mentariern und zur Hälfte von der Exekutive vorgeschla-
gen werden und erstmals auch ein institutionalisiertes
Recht für die Opposition vorhanden ist, Vorschläge zu
unterbreiten.

Kollege Loske, ich bin mir sicher, dass wir so wie vor
kurzem bei der Diskussion um die Stammzellforschung
erstaunt feststellen werden, dass sich viele Sachverstän-
dige auch fraktions- und parteiübergreifend äußern wer-
den. Es handelt sich doch hierbei nicht um eine partei-
politische Veranstaltung,


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


sondern wir wollen, dass die Menschen, die in diesem
Land in ethischen Fragen etwas zu sagen haben, Kollege
Seifert, in diesem Gremium vertreten sind. Das werden
wir gemeinsam – Parlament und Regierung – mit unserer
Auswahl der 26 Persönlichkeiten schaffen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich kann nicht
nachvollziehen, dass hier in der Diskussion zum Teil Ka-
tegorienfehler begangen werden; auch der „taz“ sind sol-
che Fehler unterlaufen. Kollege Seifert, vielleicht müs-
sen wir uns darüber wirklich noch einmal separat
unterhalten. Ich habe aber den Eindruck, Sie haben den
Gesetzentwurf nicht gelesen. Es geht hier nicht um

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(C (D acht oder Ähnliches. Es muss doch möglich sein, Fraen ethischer Entscheidung von der Frage der organisaorischen und demokratischen Zusammensetzung zu rennen. Entschieden wird weiterhin im Bundestag. as habe ich gerade schon gesagt. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich fürchte, dass die rau Präsidentin mir bald signalisieren wird, dass meine edezeit abläuft. Wenn Sie mir zusätzliche Redezeit geen, könnte ich die wunderbaren Inhalte der übrigen drei anuskriptseiten noch vortragen. Aber da das nicht der all ist, äußere ich die herzliche Bitte, die Handlungsöglichkeiten des Ethikbeirates nicht kleinzureden. Der thikbeirat ist keine Postverteilungsstelle. Wir sollten hn auch nicht selbst dazu ernennen. Der Ethikbeirat ist n der Lage, dieses Parlament bei nationalen und internaionalen Gesetzgebungsprozessen zu begleiten, und wird amit zu einem Teil von uns. Genau dieses Recht haben brigens Enquete-Kommissionen explizit nicht. Die Beleitung von Gesetzgebungsverfahren ist nicht Teil der rbeit von Enquete-Kommissionen. Insofern gibt es uch in diesem Punkt eine Verbesserung. Liebe Frau Präsidentin, ich habe es befürchtet: Sie si nalisieren mir tatsächlich, dass meine Redezeit zu Ende st. Ich bedanke mich bei allen im Haus, die an diesem esetzentwurf mitgewirkt haben. Es war ein sonntägli hes Vergnügen, Frau Kollegin Aigner, mit Frau chavan und Ihnen unter Hinzuziehung des Kollegen öspel die letzten Kompromisse zu finden. Ich bedaure, dass nicht alle in diesem Haus den Kompromiss so ürdigen, wie wir es uns erhofft haben. Damit müssen ir leben. Aber in der konkreten Arbeit, lieber Kollege oske – das ist meine Auffassung –, werden wir dank ieses Beirates wesentlich mehr bewirken, als es heute um Ausdruck gekommen ist. Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Zuruf von der FDP: Da hätte ich jetzt gerne noch stundenlang zugehört!)


(Ilse Aigner [CDU/CSU]: So ist es!)



Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609425800

Ich schließe die Aussprache.
Wir kommen zur Abstimmung über den von der Bun-

esregierung eingebrachten Gesetzentwurf zur Ein-
ichtung des Deutschen Ethikrats. Der Ausschuss für
ildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung
mpfiehlt unter Buchstabe a seiner Beschlussempfeh-
ung auf Drucksache 16/5136, den Gesetzentwurf der
undesregierung auf Drucksache 16/2856 in der Aus-

chussfassung anzunehmen. Ich bitte diejenigen, die
em Gesetzentwurf in der Ausschussfassung zustimmen
ollen, um das Handzeichen. – Wer stimmt dagegen? –
nthaltungen? – Der Gesetzentwurf ist damit in zweiter
eratung mit den Stimmen von SPD, CDU/CSU und
DP bei Gegenstimmen des Bündnisses 90/Die Grünen
nd der Fraktion Die Linke angenommen.

Dritte Beratung
nd Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
esetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
er stimmt dagegen? – Enthaltungen? – Der Gesetzent-

9610 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner
wurf ist damit mit demselben Verhältnis wie in der zwei-
ten Beratung auch in dritter Beratung angenommen.

Wir setzen die Abstimmungen zur Beschlussempfeh-
lung des Ausschusses für Bildung, Forschung und Tech-
nikfolgenabschätzung fort.

Der Ausschuss empfiehlt unter Buchstabe b seiner
Beschlussempfehlung auf Drucksache 16/5136 die Ab-
lehnung des Antrags der Fraktion des Bündnisses 90/Die
Grünen auf Drucksache 16/3199 mit dem Titel: „Einset-
zung eines Ethik-Komitees des Deutschen Bundesta-
ges“. Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Wer
stimmt dagegen? – Enthaltungen? Die Beschlussemp-
fehlung ist mit Stimmen von SPD, CDU/CSU und FDP
bei Gegenstimmen von Bündnis 90/Die Grünen und von
der Fraktion Die Linke angenommen.


(Dr. Karl Addicks [FDP]: Stopp! Das stimmt nicht! Herr Seifert hat anders gestimmt!)


Unter Buchstabe c seiner Beschlussempfehlung auf
Drucksache 16/5136 empfiehlt der Ausschuss die Ab-
lehnung des Antrags der Fraktion Die Linke auf Druck-
sache 16/3277 mit dem Titel „Einsetzung eines Ethik-
Komitees des Deutschen Bundestages“. Wer stimmt für
diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? –
Enthaltungen? Die Beschlussempfehlung ist ebenfalls
mit den Stimmen von SPD, CDU/CSU und FDP bei Ge-
genstimmen von Bündnis 90/Die Grünen und von der
Fraktion Die Linke angenommen.

Schließlich empfiehlt der Ausschuss unter
Buchstabe d seiner Beschlussempfehlung auf Druck-
sache 16/5136 die Ablehnung des Antrags der Fraktion
der FDP auf Drucksache 16/3289 mit dem Titel „Ein-
richtung eines Parlamentarischen Beirates für Bio- und
Medizinethik“. Wer stimmt für diese Beschlussempfeh-
lung? – Wer stimmt dagegen? – Enthaltungen? Die Be-
schlussempfehlung ist mit den Stimmen von SPD, Bünd-
nis 90/Die Grünen und CDU/CSU bei Gegenstimmen
der FDP und Enthaltung der Fraktion Die Linke ange-
nommen.

Abstimmung über den Antrag der Fraktionen der
CDU/CSU und SPD auf Drucksache 16/5128 mit dem
Titel „Einrichtung eines Parlamentarischen Beirats zu
Fragen der Ethik insbesondere in den Lebenswissen-
schaften“. Wer stimmt für diesen Antrag? – Wer stimmt
dagegen? – Enthaltungen? Auch dieser Antrag ist mit
Stimmen von SPD, CDU/CSU und FDP bei Gegenstim-
men vom Bündnis 90/Die Grünen und von der Fraktion
Die Linke angenommen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 12 a und 12 b auf:

a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Birgit
Homburger, Martin Zeil, Jens Ackermann, weite-
rer Abgeordneter und der Fraktion der FDP

Mehr Anreize beim Bürokratieabbau – Für
eine Kostenerstattung staatlicher Pflicht-
dienste
– Drucksache 16/4605 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)

Innenausschuss
Rechtsausschuss
Ausschuss für Arbeit und Soziales

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1)

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(C (D b)

Dr. Heinrich L. Kolb, Birgit Homburger, Jens
Ackermann, weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion der FDP

Entlastung kleiner und mittlerer Betriebe
durch Abbau bürokratischer Regelungen im
Sozialrecht

– Drucksache 16/3163 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Gesundheit

Die Kollegen Peter Rauen, Alexander Dobrindt und
hristian Lange sowie die Kolleginnen Birgit
omburger, Sabine Zimmermann und Kerstin Andreae
aben ihre Reden zu Protokoll gegeben.1)

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
en Drucksachen 16/4605 und 16/3163 an die in der Ta-
esordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
ind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann
ind die Überweisungen so beschlossen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 13 auf:

Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Verbes-
serung der Durchsetzung von Rechten des
geistigen Eigentums

– Drucksache 16/5048 –
Überweisungsvorschlag:
Rechtsausschuss (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie

Die Kollegen Norbert Geis, Dirk Manzewski,
olfgang Nešković und Jerzy Montag sowie der Parla-
entarische Staatssekretär Alfred Hartenbach und die
ollegin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger haben

hre Reden zu Protokoll gegeben.2)

Interfraktionell wird Überweisung des Gesetzent-
urfs auf Drucksache 16/5048 an die in der Tagesord-
ung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. Gibt es
azu anderweitige Vorschläge? – Das ist nicht der Fall.
ann ist die Überweisung so beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 14 a und 14 b auf:

a) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Herbert Schui, Dr. Barbara Höll, Werner
Dreibus, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der LINKEN

Privatisierungsfolgen seriös bilanzieren – Pri-
vatisierungen aussetzen

– Drucksache 16/3914 –
Überweisungsvorschlag:
Haushaltsausschuss (f)

Finanzausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Anlage 5
Anlage 6

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9611


(A) )



(B) )


Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner
b) Erste Beratung des von den Abgeordneten Lutz
Heilmann, Dorothée Menzner, Roland Claus,
weiteren Abgeordneten und der Fraktion der
LINKEN eingebrachten Entwurfs eines
Ge-
setzes zur Änderung des Gesetzes über den
Bau und die Finanzierung von Bundesfern-

( Fernstraßenbauprivatfinanzierungsgesetzänderungsgesetz – FStrPrivFinGÄndG)


– Drucksache 16/4658 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (f)

Haushaltsausschuss

Die Kollegen Georg Brunnhuber, Jan Mücke und
Dr. Herbert Schui sowie die Kolleginnen Dr. Margrit
Wetzel und Kerstin Andreae haben ihre Reden zu Proto-
koll gegeben.1)

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 16/3914 und 16/4658 an die in der Ta-
gesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann
sind die Überweisungen so beschlossen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 15 auf:

Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für wirtschaftliche Zu-
sammenarbeit und Entwicklung (19. Ausschuss)

zu dem Antrag der Fraktionen CDU/CSU, SPD,
FDP und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Diaspora – Potenziale von Migrantinnen und
Migranten für die Entwicklung der Her-
kunftsländer nutzen

– Drucksachen 16/4164, 16/5119 –

Berichterstattung:
Abgeordnete Sibylle Pfeiffer
Christel Riemann-Hanewinckel
Dr. Karl Addicks
Heike Hänsel
Thilo Hoppe

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen. – Ich höre
keinen Widerspruch. Dann ist das so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat die Kolle-
gin Christel Riemann-Hanewinckel, SPD-Fraktion.


Christel Hanewinckel (SPD):
Rede ID: ID1609425900

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und

Kollegen! Fast die Hälfte aller Migranten sind Frauen.
Sie haben unterschiedliche Gründe für die Migration.
Sie wandern in andere Ländern, um zu heiraten oder
aber um ihren Männern zu folgen, oder sie emigrieren,
um in der Ferne zu arbeiten. Einen großen Anteil ihres
erarbeiteten Lohnes senden sie zurück in ihr Herkunfts-
land. Bis zu 72 Prozent ihres Verdienstes kommen so ih-
ren Familien zu Hause zugute. Die Frauen arbeiten als
Haushaltshilfen, als Reinigungskräfte, als Kranken- oder

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d1) Anlage 7

(C (D ltenpflegerinnen, als Gelegenheitsjobberinnen. Sie verienen wenig, oft zu wenig. Zum Teil sind sie hochqualiizierte Fachfrauen, die im Aufnahmeland keine Arbeitstelle bekommen, die ihrer Ausbildung entspricht. Für viele Frauen ist Migration der einzige Weg der offnung: Hoffnung auf Arbeit, auf Einkommen, auf ge echtere Lebensverhältnisse, auf Chancen für sich selbst, ür die zurückgebliebene Familie und damit auch für ihre inder. Migrantinnen verbessern durch ihre Abwande ung erheblich die Lebensqualität ihrer Familien in den erkunftsländern. Auf der anderen Seite erbringen sie roße Leistungen für die Länder, in die sie eingewandert ind. Sie schaffen Wohlstand und sorgen durch ihre Areit auch für das Wohlergehen der Menschen in den ufnahmeländern. Frauen gehen durch ihre Migration aber ein sehr viel öheres Risiko als die Männer ein. Ihre Rechte sind weiger geschützt. Sie haben eingeschränkte Möglichkeien, sicher und legal ausbzw. einzuwandern. Oft stehen hnen nur die ungeschützten und ungeregelten Arbeitsärkte offen. Sie werden Opfer von Gewalt, Vergewalti ung, Misshandlung, Ausbeutung und auch von sklavenhnlichen Arbeitsverhältnissen. Sie werden Opfer von rostitution und Menschenhandel. Vielfach kommt zu ieser geschlechtsspezifischen Diskriminierung die ethische dazu. Der Weltbevölkerungsbericht 2006 der Vereinten ationen hat erstmals die Migrantinnen in den Mittelunkt der Untersuchung gestellt. Ein wichtiges Ergebnis er Untersuchung ist Folgendes: Frauen haben oft chlechtere Arbeitsbedingungen, bekommen geringere öhne als die Männer, und trotzdem tragen sie durch ücküberweisungen in ihre Herkunftsländer erheblich azu bei, dass die Armut dort überwunden wird. Sie soren für die Ausbildung ihrer Kinder und für die gesundeitliche Versorgung ihrer Herkunftsfamilien. Sie sorgen it ihrem Geld für den Bau von Häusern und für den irtschaftlichen Aufbau ihrer Heimatgemeinden. Das aben wir bisher so nicht gewusst. Wir wissen inzwichen auch: Die Männer geben das Geld aus Rückübereisungen vermehrt für Konsumgüter aus, also zum eispiel für Autos und Fernseher, oder aber sie investie en in Grundbesitz und in Vieh. Diese Beispiele lassen sich fortsetzen. Ich will damit ines deutlich machen: dass Frauen und Männer verchiedene Schwerpunkte setzen, wenn es darum geht, as zum Teil sauer erworbene Geld einzusetzen. Sie fühen sich für Unterschiedliches verantwortlich, sie invesieren aufgrund ihrer verschiedenen Erfahrungen in eweils andere Bereiche. Diese verschiedenen Erfahrunen, Sichtweisen und auch Handlungen gehören meiner einung nach zusammen. Beide Seiten sind nötig. Bis er verfügen wir, auch wir hier in Deutschland, vorranig über Daten über die männliche Migration. Leider ist dies bisher so; das denke ich auch. Da die Unterschiede aber wichtig sind, bedeutet das auch unser interfraktioneller Antrag enthält deshalb iese Forderung –: Die Migrationsforschung muss ver 9612 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 Christel Riemann-Hanewinckel breitert werden. Wir brauchen dringend eine nach Männern und Frauen getrennte Datenerhebung. Wie wir wissen, ist das in Deutschland in vielen Bereichen – nach langen Kämpfen – inzwischen üblich. Wir brauchen diese getrennte Datenerhebung deshalb, weil es einfach notwendig ist, bestimmte Details sehr genau zu kennen. Wir Politikerinnen und Politiker wissen, dass wir nur auf das zielgenau reagieren können, was wir ziemlich genau erkannt haben. In der Entwicklungszusammenarbeit sind die spezifischen Erfahrungen der Frauen notwendig, also nicht nur das Geld, sondern auch ihre Erfahrungen. Deshalb brauchen wir ihre Potenziale und ihr Wissen zum Beispiel für die Diasporaorganisationen in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, ebenso wie in den Herkunftsländern. Es wäre – und es ist – eine Verschwendung in der Programmarbeit der Durchführungsorganisationen bzw. in der deutschen bilateralen Entwicklungszusammenarbeit, auf diese weiblichen Erfahrungen zu verzichten. Das haben wir bisher getan. Damit müssen wir aufhören. – Es ist tatsächlich sinnvoll, an dieser Stelle zu applaudieren; denn diesen Schritt müssen wir alle gehen, auf der einen Seite wegen der dringend benötigten Ergebnisse, auf der anderen Seite aber vor allem wegen der betroffenen Frauen bzw., um es anders zu sagen, wegen der Rechte dieser Frauen. Frauen sind nicht nur durch Rücküberweisungen Akteurinnen der Entwicklungspolitik, sondern auch durch ihre sozialen Transferleistungen. Diese sind bisher kaum in den Blick der Politik oder der Untersuchung geraten. Wissen und Bildungsvermittlung eröffnen neue Erfahrungshorizonte für Familien. Hinzugewonnene Einstellungen durch die Erfahrungen in anderen Ländern und durch andere Kulturen geben Impulse für die sozioökonomische Entwicklung im Herkunftsland. Die Chancengleichheit der Geschlechter – das ist mir besonders wichtig – wird auch in den Herkunftsländern gefördert, wenn vor Ort gesehen und erlebt wird, dass Frauen, die über Arbeit, Geld und Bildung verfügen, in ihrem Herkunftsland im besten Sinne etwas ausrichten können. Sie werden anders angesehen, nicht mehr als Anhängsel oder als vom Mann abhängige Frau. Damit ändert sich Stück für Stück das Frauenbild auch in den Herkunftsländern. Gleichstellung und Gleichberechtigung sind für uns in Deutschland inzwischen ganz gängige Vokabeln. Wir wissen, dass es auch bei uns an der einen oder anderen Stelle noch erheblich mangelt. – Hier muss leider applaudiert werden, weil es auch in unserem Land notwendig ist, genau diesen Punkt noch zu verändern. – Gleichstellung und Gleichberechtigung sind aber kein Luxus, sondern Gleichstellung und Gleichberechtigung für Frauen und Männer gehören ei g k e d g g d z E m D l u w S n t m t s R t N g f – F M t n P d s M A b w (C (D entlich zu jeder demokratischen Gesellschaft. Sie sind ein Luxus nur für Industrienationen, sondern sie sind in Menschenrecht. Diesen Punkt haben wir 1995 bei er Weltfrauenkonferenz in Peking mit viel Mühe durchekämpft. Wir haben ihn im Jahr 2000 auf der Nachfolekonferenz und 2005 in der Frauenrechtskommission er Vereinten Nationen wieder auf die Tagesordnung seten müssen. Deshalb gehört es einfach dazu, dass wir auch in der ntwicklungszusammenarbeit auf die verstecken Diskriinierungen aufmerksam machen und dass wir von eutschland aus mit unserer Politik in der Entwick ungszusammenarbeit dafür sorgen, dass Gleichstellung nd Gleichberechtigung als Menschenrecht anerkannt erden. Wir wissen alle: Menschenrechte sind unteilbar. ie sind weder teilbar zwischen verschiedenen Ländern och zwischen den Geschlechtern. Menschenrechte sollen überall auf der Welt für Männer und Frauen gleicher aßen gelten. Wir haben uns bemüht, das in unserem inerfraktionellen Antrag deutlich zu machen. Deshalb pielen die Frauen in diesem Antrag eine besondere olle. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich gebe dem Kollegen Dr. Karl Addicks, FDP-Frak ion, das Wort. Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! ach den neuesten Zahlen der IOM – International Oranization for Migration – gibt es weltweit inzwischen ast 200 Millionen Migranten. Migrantinnen und Migranten! Danke für den Hinweis. rau Kollegin Riemann-Hanewinckel hat gerade von igrantinnen gesprochen. Ich spreche jetzt von Migran en und meine damit natürlich die Frauen und die Mäner. Migranten sind tatsächlich ein bisher unterschätztes otenzial, sowohl für die Herkunftsländer als auch für ie Zielländer. Wir haben bisher nicht richtig eingechätzt, welchen Beitrag diese Migrantinnen und igranten für die Entwicklung leisten können. ber besser spät als nie! (Christel Riemann-Hanewinckel [SPD]: Das ist auch richtig!)


(Gabriele Groneberg [SPD]: Leider!)


(A) )


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(Gabriele Groneberg [SPD]: Richtig!)


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


(Beifall bei der SPD)


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)


(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)

Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609426000

(Beifall bei der FDP)

Dr. Karl Addicks (FDP):
Rede ID: ID1609426100

(Dr. Bärbel Kofler [SPD]: Und Migrantinnen!)


(Beifall bei der FDP)


(Zuruf von der SPD: Sehr gut!)


Mit dem vorliegenden interfraktionellen Antrag ha-
en wir dieses Thema endlich aufgegriffen. Im Antrag
erden im Einzelnen zahlreiche Möglichkeiten genannt,

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9613


(A) )



(B) )


Dr. Karl Addicks
diese Migrantinnen und Migranten in die Entwicklungs-
bemühungen einzubinden. Frau Kollegin Riemann-
Hanewinckel hat gerade Details genannt, die ich in der
mir zur Verfügung stehenden kurzen Redezeit nicht
mehr aufgreifen kann. Es geht dabei nicht allein um die
Rücküberweisungen, die von den Migranten veranlasst
werden. Allerdings sind diese Rücküberweisungen, also
das Geld, das diese von ihren Einkünften in den Migra-
tionsländern vom Munde abgespart haben und ihren Fa-
milien nach Hause überweisen, höher, als man denkt.
Nach den Angaben der Weltbank handelt es sich um
circa 230 Milliarden US-Dollar. Das ist mehr als das
Doppelte der gesamten weltweiten ODA-Leistungen.
Fast 170 Milliarden Dollar davon gehen in die Entwick-
lungsländer. Ich finde, das ist ein stolzer Betrag.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Mittlerweile sind die Rücküberweisungen für die
Haushalte einiger Entwicklungsländer wichtiger als die
ODA geworden, zum Beispiel auf den Kapverden, die
wir kürzlich besucht haben. Die Kapverdier, ein sehr mi-
grationsfreudiges Volk, bestreiten große Teile ihres
Haushalts aus den Rücküberweisungen. Die Banken
schneiden sich von diesem Kuchen ein – nach meiner
Ansicht ungehörig großes – Stück ab. Ich verfüge zwar
über keine genauen Zahlen, aber wir haben auf unseren
Reisen mehrfach Klagen über die hohen Transaktions-
kosten gehört, die bei kleineren Beträgen bis zu
20 Prozent ausmachen können. Das kann nicht so wei-
tergehen. Ich fordere die Geldwirtschaft auf, vernünftige
Tarife anzubieten und nicht das Schaf des Armen zu
stehlen, indem man denjenigen, die keine andere Wahl
haben, über Gebühr viel abknöpft.


(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und der SPD)


Es gibt aber auch negative Aspekte von Migration.
Diese dürfen wir nicht ganz außen vor lassen. Viele mi-
grieren, weil sie in ihren Ursprungsländern keine Chance
sehen, in denen noch immer korrupte Eliten an der
Macht sind, die nicht zulassen, dass sie nach ihren Mög-
lichkeiten ein Auskommen finden, oder weil sie aus
Ländern kommen, in denen Bürgerkriege wüten. Bei al-
len Erfolgen, die die Entwicklungsarbeit in Afrika bisher
erzielt hat, gibt es diese Hoffnungslosigkeit in einigen
Ländern noch immer. Viele Menschen versuchen, dem
zu entkommen, setzen dabei ihr Leben aufs Spiel, wagen
sich auf See und kommen dabei um. Manche haben al-
lerdings ein Trugbild von Europa im Kopf. Viele glau-
ben offenbar, Europa sei das Land, in dem Milch und
Honig fließen. Dieses Bild stimmt nicht mehr so ganz.
Wir können hier helfen, indem wir darauf hinwirken,
dass in den Ländern, aus denen diese Migranten kom-
men, Bedingungen entstehen, unter denen ein jeder nach
seiner Fasson eine Möglichkeit findet, den Lebensunter-
halt für sich und seine Familie zu verdienen.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


Wir müssen mit unserer Entwicklungszusammenar-
beit Einfluss auf die politischen Entwicklungen in unse-

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(C (D en Partnerländern nehmen und müssen diesen deutlihe Worte sagen, wenn Anlass dazu besteht – den haben ir oft genug –, wie es übrigens im Cotonouabkommen orgesehen ist. Wir können helfen, indem wir Konflikte rüher erkennen und angehen, bevor sie zu Rebellion nd Krieg führen. Zum Beispiel ist Nigeria nach unserer nsicht ein Pre-Conflict-State. Wir müssen aufpassen, ass es dort nicht bald zu einer noch größeren Migration ommt; denn die dortige Ungerechtigkeit bei der Verteiung der Öleinnahmen zwingt die Menschen in die Ar ut. Wir brauchen verstärkt eine sektorübergreifende ntwicklungszusammenarbeit. Projekte wie zum Bei piel auf den Kapverden, wo Jugendlichen eine Berufsusbildung gefördert wird – eigentlich ein sehr guter Anatz –, aber diese anschließend keinen Arbeitsplatz inden, wo Landwirtschaft gefördert wird, obwohl die andwirte keine Absatzmöglichkeiten auf unseren ärkten finden bzw. die Transportinfrastruktur für die rodukte nicht vorhanden ist, sind im Grunde Potemkinche Dörfer. Das Ganze geschieht, weil die verschiedeen Sektoren unserer Entwicklungszusammenarbeit icht synchron arbeiten. Es stimmt, das Kreuz in der ntwicklungszusammenarbeit ist die Synchronizität. Im runde müssten wir alles gleichzeitig machen. Aber ich ill nicht weiter vom Thema abschweifen. Ein weiterer übler Aspekt ist der sogenannte Brainrain. Die entscheidende Frage lautet: Was nutzt es, in en Entwicklungsländern auszubilden, wenn die Ausgeildeten anschließend von unseren Arbeitsmärkten abgeorben werden? ieser Effekt wirkt sich auf die Gesundheitsdienste in anchen Ländern verheerend aus: Dort fehlen die aus ebildeten Krankenpflegekräfte, die wegen der wütenen Aidsseuche gerade jetzt verstärkt gebraucht würden. ch denke, wir müssen uns da dringend etwas einfallen assen und im Ausschuss verstärkt darüber reden. Herr Kollege, Sie haben mit Recht auf Ihre knappe edezeit hingewiesen. Nun ist sie schon deutlich überchritten. Vielleicht könnten Sie zum Schluss kommen. Ja, ich komme zum Schluss. Danke. – Ich denke, wir aben mit diesem interfraktionellen Antrag einen wichtien Schritt in die richtige Richtung gemacht. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und wünsche Ihnen inen schönen Abend. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


(Beifall bei der FDP)

Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609426200
Dr. Karl Addicks (FDP):
Rede ID: ID1609426300


Dr. h.c. Susanne Kastner (SPD):
Rede ID: ID1609426400

Das Wort hat die Kollegin Sibylle Pfeiffer, CDU/

SU-Fraktion.


(Beifall bei der CDU/CSU)


9614 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


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Sibylle Pfeiffer (CDU):
Rede ID: ID1609426500

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Migration ist kein neues Phänomen. Es gab sie immer, in
fast allen Teilen der Erde, auch in Europa und in
Deutschland. Denken wir an die Wanderbewegungen
von Iren und Deutschen im 19. Jahrhundert nach Ame-
rika oder an den großen Migrationsstrom nach 1945 in
die damalige Bundesrepublik. Damals waren mehr als
15 Millionen Deutsche von Flucht und Vertreibung be-
troffen. Oder denken wir an die Gastarbeiter Anfang der
70er-Jahre.

Migration ist also nicht neu. Neu sind allerdings Ge-
schwindigkeit und Ausmaß der Migration. Der Grund
dafür liegt zu einem guten Teil in der Globalisierung.
Globalisierung bedeutet auch eine rasant gestiegene Mo-
bilität von Menschen. Es ist klar, dass Deutschland, dass
Europa von dieser Entwicklung nicht ausgeschlossen
sind.

Die Entwicklungspolitik kann hier eine große Rolle
spielen. Sie kann dazu beitragen, dass die Chancen, die
in der Migration liegen, für alle Beteiligten größer wer-
den. Sie kann auch dazu beitragen, dass die Risiken, die
es nun einmal gibt, minimiert werden.

Im Antrag wird auf ein Problem hingewiesen, auf das
ich hier einmal ausführlicher eingehen möchte. Ich denke
nämlich, dass die Lösung dieses Problems für Erfolg oder
Misserfolg von Entwicklungspolitik mitentscheidend ist.
Es geht um die Abwanderung von vor allem medizini-
schen Fachkräften aus den Entwicklungsländern in die
Industrieländer. Das hat dramatische Folgen für die Her-
kunftsländer. Die ohnehin angespannte Situation im Ge-
sundheitswesen der Entwicklungsländer wird durch die
Abwanderung von Ärzten, Pflegepersonal, Kranken-
schwestern und Hebammen verschärft.


(Beifall bei Abgeordneten der FDP)


Nüchterne Zahlen belegen diese dramatische Situa-
tion: Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass
schon jetzt mehr als 4 Millionen Gesundheitsfachkräfte
in den Entwicklungsländern fehlen, um eine Grundver-
sorgung sicherstellen zu können. Die WHO empfiehlt
ein Verhältnis von mindestens einer Krankenschwester
pro 1 000 Menschen. In manchen Entwicklungsländern
beträgt dieses Verhältnis 1 : 10 000. Zum Vergleich: In
einigen Industrieländern kommt auf 50 Menschen eine
Krankenschwester.

Besonders schlimm ist die Situation in Afrika. Afrika
muss 25 Prozent der weltweiten Krankheitslast tragen.
Dort arbeitet aber nur etwa 1 Prozent des weltweiten
Personalbestandes des Gesundheitswesens. Schätzun-
gen zufolge fehlen in Afrika 1 Million medizinische
Fachkräfte. Jeden Tag sterben in Entwicklungsländern
1 400 Frauen während der Schwangerschaft oder bei der
Entbindung. Zwei von drei Kindern sterben an Krank-
heiten, die ohne Weiteres heilbar wären. Von den Proble-
men bei der Behandlung bei HIV/Aids will ich gar nicht
sprechen.

Andererseits wandern jedes Jahr 20 000 medizinische
Fachkräfte allein aus Afrika nach Europa und in die
USA. Wir haben völlig abstruse Verhältnisse. So arbei-

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(C (D en in Frankreich mehr Ärzte aus Benin als in Benin elbst, in Manchester mehr malawische Ärzte als in Maawi. Die Situation wird sich verschärfen: Für Großbritanien wird geschätzt, dass man bis zum Jahr 2008 weitere 5 000 Ärzte und 35 000 Schwestern braucht. In den SA rechnet man sogar damit, dass bis 2010 1 Million usätzliche Krankenschwestern benötigt werden. Aber uch bei uns macht sich der Mangel an Pflegekräften chon jetzt bemerkbar. Ich bin überzeugt, dass die Lösung des sogenannten raindrain eine der Hauptaufgaben der deutschen und uropäischen Entwicklungspolitik sein muss. Was nüten die besten und teuersten Krankenhäuser, wenn das ntsprechende Personal fehlt? Wer soll die modernen eräte bedienen und wer die nötigen Medikamente ver breichen? Wir haben uns verpflichtet, die Millenniumsziele bis 015 zu erreichen. Vergessen wir nicht, dass sich drei er acht Ziele direkt auf das Gesundheitswesen bezieen: Ziel Nr. 4: „Reduzierung der Kindersterblichkeit“, iel Nr. 5: „Verbesserung der Gesundheitsversorgung on Müttern“, Ziel Nr. 6: „Bekämpfung von HIV/Aids, alaria und anderen schweren Krankheiten“. Wie wollen wir diese Ziele ohne entsprechendes Peronal und ohne entsprechende Infrastruktur in den Enticklungsländern erreichen? Deshalb stellen sich folende Fragen: Was können wir tun? Was kann die ntwicklungspolitik tun? Den Betroffenen ist kein Vorwurf zu machen. Es ist ein Verbrechen, für sich und seine Familie ein besseres eben zu wollen. Auch in der deutschen Geschichte gab s Auswanderungswellen, weil zu Hause kein Auskomen war. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ür medizinisches Fachpersonal in den Herkunftslänern müssen zusammen mit den Herkunftsländern veressert werden. Mit anderen Worten: Ein Arzt oder eine rztin, eine Hebamme oder ein Krankenpfleger müssen n der Lage sein, sich und ihre Familie zu ernähren. och Geld ist nicht alles: Die Arbeitsbedingungen im esundheitssektor müssen verbessert werden, insbesonere in ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer. Zuem müssen Anreize zur Rückkehr in die Heimatländer eschaffen werden. Hierbei können Kontakte zur Diasora aufgebaut, erhalten und gezielt gefördert werden. as Fachpersonal in den Entwicklungsländern muss da über hinaus die Gelegenheit bekommen, sich beruflich ortzubilden. Doch auch die Aufnahmeländer stehen in der Verntwortung: Zuallererst müssen wir dafür sorgen, dass ei uns die Attraktivität der Gesundheitsberufe steigt. uf europäischer Ebene muss ein Verhaltenskodex einehalten werden, der eine gezielte Abwerbung von Peronal aus Entwicklungsländern verbietet. In dieser Richung hat das BMZ bereits Initiativen gestartet; wir egrüßen das sehr. (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9615


(A) )



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Sibylle Pfeiffer
Wir müssen mit den Partnerländern intensiv an der Lö-
sung des Braindrains arbeiten. Denn ohne ein funktio-
nierendes Gesundheitswesen haben Entwicklungsländer
keine Chance. Medizinisches Fachpersonal spielt für die
Entwicklung eines Landes eine enorme Rolle. Das medi-
zinische Fachpersonal ist eine Säule der Entwicklung.

Ein weiterer Punkt, den ich hier anschneiden möchte,
bezieht sich auf den Zusammenhang zwischen Frauen,
Migration und Bildung. 200 Millionen Menschen le-
ben außerhalb ihres Herkunftslandes. Etwa die Hälfte
dieser Menschen sind Frauen. Früher war Migration
Männersache. Das ist längst nicht mehr der Fall, die Mi-
gration hat ein weibliches Gesicht bekommen. Weil
Frauen im Schnitt weniger verdienen, überweisen sie in
die Heimatländer zwar insgesamt weniger Geld als Män-
ner; aber von ihrem geringeren Einkommen schicken sie
ihren Familien in der Heimat einen höheren Anteil –
Frauen gehen mit Geld nun einmal vernünftiger um als
Männer. Das gilt auch für Entwicklungsländer.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dr. Karl Addicks [FDP]: Männer bringen das Geld in den Wirtschaftskreislauf! Unter der Matratze nützt es doch nichts!)


Frauen – vor allen Dingen ihre Kinder, die hier gelebt
haben und hier ausgebildet sind –, die in die Herkunfts-
länder zurückkehren, sind Botschafterinnen und Multi-
plikatoren von unschätzbarem Wert: Sie transportieren
zum Beispiel Ideen von Demokratie, Menschenrechten,
Toleranz und Gleichberechtigung. Sie vermitteln Wissen
über ökonomische Zusammenhänge, das als Grundlage
für Geschäftsideen dienen kann. Durch das Wissen und
die Erfahrung der Aufnahmeländer werden Migrantin-
nen in die Lage versetzt, positive gesellschaftspolitische
Veränderungen in den Entwicklungsländern anzustoßen.

Entwicklungspolitik – das sage ich immer – umfasst
sehr viele Politikbereiche, so auch die Innenpolitik. In
dem Antrag wird auf die Rolle der Diasporagemeinde in
Deutschland eingegangen. Migranten können eine Brü-
ckenfunktion ausüben. Sie können eine wichtige Rolle
für die Integration spielen. Das ist richtig, und das ist
wichtig. Vergessen wir nicht, dass jeder fünfte Bürger in
Deutschland einen Migrationshintergrund hat, das heißt,
dass mindestens ein Elternteil aus dem Ausland kommt.

An dieser Stelle möchte ich Folgendes unterstreichen:
Wir verlangen von niemandem, der hier leben möchte,
dass er seine Herkunft verleugnet. Er muss auch seine
Wurzeln nicht aufgeben. Aber – das muss mit Deutlich-
keit gesagt werden – wenn Menschenrechte und De-
mokratie infrage gestellt werden, hat das mit kultureller
Besonderheit nichts zu tun und kann nicht geduldet wer-
den.


(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP sowie der Abg. Ute Koczy [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Auf der anderen Seite dürfen wir nicht zulassen, dass das
friedliche Miteinander durch ausländerfeindliche Hetze
untergraben wird.

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(C (D (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP sowie der Abg. Ute Koczy [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Die internationale Migration bietet Chancen für die
ntwicklung der Herkunftsländer, aber auch der Ziellän-
er. Ich denke, dass auch die Risiken nicht verschwiegen
erden dürfen.


(Vorsitz: Vizepräsidentin Petra Pau)


ntwicklungspolitik kann einen wichtigen Beitrag dazu
eisten, die Chancen der Migration für die Herkunftslän-
er und die Aufnahmeländer zu nutzen und die Risiken
u minimieren.

Migranten aus Entwicklungsländern, die in Industrie-
ändern leben, haben ein enormes Potenzial für die Ent-
icklung ihrer Heimatländer. Die Entwicklungspolitik
ann helfen, diese Möglichkeiten besser auszuschöpfen.
ie Entwicklungspolitik ist aber auch in der Lage, die
rsachen erzwungener Migration mit zu bekämpfen,

um Beispiel, indem sie die Armut bekämpft und so zu
rieden und Sicherheit in den Entwicklungsländern bei-

rägt. Es gilt daher, vor allem das Potenzial der Entwick-
ungspolitik zu nutzen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609426600

Das Wort hat die Kollegin Heike Hänsel für die Frak-

ion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Heike Hänsel (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609426700

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kol-

egen! Liebe Gäste, die Sie zu später Stunde noch im
arlament anwesend sind! Wir sprechen heute über ei-
en interfraktionellen Antrag, an dem die Linksfraktion
icht mitgearbeitet hat. Wir sind nämlich nicht zur Mit-
rbeit eingeladen worden. Das ist schlecht. Denn sonst
äre sicherlich ein besserer Antrag dabei herausgekom-
en.


(Beifall bei der LINKEN – Dr. Karl Addicks [FDP]: Nein! Dann wäre dabei gar nichts herausgekommen!)


Wir diskutieren über die Beiträge von Migrantinnen
nd Migranten zur Entwicklung ihrer Herkunftsländer.
as ist ein wichtiges und bisher viel zu wenig beachtetes
hema. Die Linke setzt sich natürlich ganz klar dafür
in, dass die Potenziale von Migrantinnen und Migran-
en für die Entwicklungszusammenarbeit gefördert wer-
en. Dabei spielen die enormen Beträge an Rücküber-
eisungen, die laut Weltbank die öffentlichen Mittel der
ntwicklungshilfe um das Doppelte übersteigen, eine
ichtige Rolle.

Aber sie sind nur eine Seite der Medaille. Denn wer
as Potenzial von Migrantinnen und Migranten lobt, wer
igration als Bereicherung ansieht und wer insbeson-

9616 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



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Heike Hänsel
dere die Frauen unterstützen will, wie es in vielen Bei-
trägen zum Ausdruck gebracht wurde, der muss sich da-
für einsetzen, dass legale Migration ermöglicht wird


(Beifall bei der LINKEN)


und dass Migrantinnen und Migranten in den Industrie-
ländern vor Ausbeutung und Illegalität geschützt wer-
den.

Hierin liegt die Schwäche dieses Antrags.


(Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Richtig!)


Mit keinem Wort werden die aktuellen Rahmenbedin-
gungen der Migration thematisiert, und es wird kein Be-
zug zur derzeitigen Migrations- und Flüchtlingspolitik
Deutschlands und der EU hergestellt. Deshalb ist dieser
Antrag in meinen Augen unpolitisch. Es ist nicht nach-
zuvollziehen, dass zwei Oppositionsfraktionen diesen
Antrag unterstützen.

Vor ein paar Stunden wurde noch über die Migra-
tions- und Integrationspolitik diskutiert. Es wurde mehr
als deutlich: Wir brauchen eine grundlegende Wende in
der deutschen und der europäischen Migrations- und
Flüchtlingspolitik.


(Beifall bei der LINKEN)


Das müssen Sie einmal in Richtung Ihrer Fachpolitiker
kommunizieren. Jetzt sagen Sie, dass Migrantinnen und
Migranten eine Bereicherung darstellen. Davon war in
der Debatte, die wir vorhin geführt haben, nichts zu hö-
ren.


(Sibylle Pfeiffer [CDU/CSU]: Das ist ja gar nicht wahr! Ich habe genau das gesagt! – Dr. Karl Addicks [FDP]: Sie haben doch gar nicht zugehört!)


Das betrifft vor allem die Abschottungspolitik der Eu-
ropäischen Union durch die Aufrüstung ihrer Außen-
grenzen. Viele Tausend Menschen sterben nämlich jedes
Jahr bei dem Versuch, über das Mittelmeer oder den At-
lantik nach Europa zu gelangen. Die Strategien der Eu-
ropäischen Union, die Migration mit Mitteln der Repres-
sion aufzuhalten, sind nicht nur aussichtslos, sondern für
viele auch tödlich. Deshalb fordert die Linksfraktion die
Auflösung der Grenzschutzagentur Frontex


(Beifall bei der LINKEN)


und die Einrichtung einer Koordinierungsstelle zur men-
schenwürdigen Aufnahme von Flüchtlingen und Ar-
beitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten.


(Beifall bei der LINKEN – Dr. Karl Addicks [FDP]: Das hätten Sie schon vor 20 Jahren machen sollen!)


Wir fordern, die Zusammenarbeit im Bereich der Mi-
grationskontrolle mit nordafrikanischen Transitstaaten,
in denen es zu massiven Menschenrechtsverletzungen
und zu Verstößen gegen rechtsstaatliche Grundsätze
kommt, zu beenden.


(Sevim Dağdelen [DIE LINKE]: Jawohl!)


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(C (D ir lehnen es ab, dass im Rahmen der Entwicklungszuammenarbeit formell und informell unter anderem mit frikanischen Staaten als Voraussetzung für die weitere ooperation oder im Rahmen eines Good-Governanceonzepts auf europäischer Ebene Rücknahmeabkomen geschlossen werden. Das betrifft auch die deutsch-französische Initiative ür eine neue europäische Migrationspolitik. Darin orintiert sich das Angebot legaler Einwanderungsmöglicheiten allein am Arbeitskräftebedarf der einzelnen itgliedstaaten. Die Interessen der betroffenen Migran innen und Migranten werden ignoriert. Ich frage mich: arum setzen Sie sich in Ihrem Antrag zum Beispiel icht dafür ein, dass die Bundesrepublik endlich der UNonvention zum Schutz der Rechte von Wanderarbeite innen und Wanderarbeitern beitritt, ie von vielen Menschenrechtsund Flüchtlingsgruppen eit langem gefordert? Die deutsche Gesetzeslage steht ämlich in vielen Punkten in diametralem Widerspruch u den Bestimmungen dieser Konvention. Hier wäre es öglich, einen echten Beitrag zur Verbesserung der age von Migrantinnen und Migranten zu leisten. Daurch würde vielen erst die Möglichkeit eröffnet, etwas ur Entwicklung ihrer Herkunftsländer beizutragen. Für mich wäre ein modernisiertes Staatsbürgerchaftsrecht auch eine ganz konkrete Unterstützung der on Ihnen genannten Brückenfunktion von Migrantinen und Migranten. ehrfachstaatsbürgerschaften würden es Migrantinnen nd Migranten zum Beispiel ermöglichen, zwischen verchiedenen Ländern zu pendeln – zum großen Nutzen er beiden Gesellschaften im Herkunftsund im Aufnaheland. Viele Hunderttausend Menschen leben versteckt und hne sicheren Aufenthaltsstatus in den Staaten der EU – uch in Deutschland. Die Linksfraktion fordert für diese enschen eine humane Bleiberechtsregelung, die nicht n schwer erfüllbare Bedingungen geknüpft ist, und eine enschenwürdige Einwanderungspolitik. Das wäre in einen Augen die beste Voraussetzung für die Stärkung er Entwicklungspotenziale von Migrantinnen und Miranten. Danke. Das Wort hat die Kollegin Ute Koczy für die Fraktion es Bündnisses 90/Die Grünen. Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und ollegen! Meine Fragen lauten: Warum fällt es uns so chwer, die Potenziale der Migration zu nutzen? Was indert die Aufnahmeländer daran, das Beste aus einem hänomen zu machen, das in unserer globalen Welt zum Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9617 Ute Koczy Alltag geworden ist? Warum diskutieren wir diese Frage so problemorientiert und nicht auf Lösungen ausgerichtet? Es ist höchste Zeit, dass wir uns hier im Deutschen Bundestag mit weiteren Aspekten von Migration beschäftigen. Heute geht es um die entwicklungspolitischen Aspekte. Es tut eigentlich schon weh, dass wir aus dem Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung es nicht geschafft haben, eine andere Redezeit zu ergattern, sodass wir uns zu später Stunde hier treffen. (Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das stimmt!)


(Beifall bei der LINKEN)


(Beifall bei der LINKEN)


(Beifall bei der LINKEN)

Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609426800
Ute Koczy (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1609426900

(A) )


(B) )


Außerdem hat der hier vorliegende Antrag der vier Frak-
tionen leider eine etwas zähe Genese hinter sich. Das
Thema ist aber wichtig, und es gibt zum Glück Abgeord-
nete, die sich einem widrigen Prozedere stellen.

Dank an all diejenigen, die zum Zustandekommen
dieses Antrages beigetragen haben; denn Tag für Tag se-
hen sich auf unserer Welt Hunderte von Frauen und
Männern gezwungen, die Heimat zu verlassen, um ihr
Überleben zu sichern. Sie stehen vor unserer Haustür, sie
stehen vor den Grenzen der Festung Europa, oder sie
versuchen die Grenze zwischen Mexiko und den USA zu
überwinden. Not, Gewalt, Vergewaltigung, Suche nach
Schutz – all dies ist dabei das zentrale Motiv. Die etwa
200 Millionen Menschen, die derzeit weltweit als Mi-
grantinnen und Migranten leben, tragen schwer an ihrem
Schicksal.

Noch eine Information, die hier heute wirklich schon
lautstark verbreitet wurde: In den vergangenen 40 Jahren
sind fast genauso viele Frauen migriert wie Männer. Die
Zahl der Migrantinnen und Migranten – es sind
200 Millionen – hat sich in den letzten 30 Jahren verdop-
pelt, und sie wird auch künftig noch weiter zunehmen.
Wir brauchen Regeln und Organisationen zur Steuerung
der Migration.

Auf die innenpolitischen Fragen will ich hier jetzt
nicht näher eingehen; denn mit dem Antrag gehen wir ja
in eine andere Richtung: Es geht hier um die Frage, wie
das große Potenzial der Diasporagemeinden für die Ent-
wicklung in den Herkunftsländern genutzt werden kann.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Mit diesem Antrag fordern wir die Bundesregierung auf,
ein Konzept für die Entwicklungszusammenarbeit
vorzulegen, durch das eine bessere Vernetzung von ent-
wicklungspolitischen Maßnahmen mit unternehmeri-
schen Tätigkeiten und gemeinnützigen Aktivitäten der
Diasporagemeinden erlaubt wird.

Das ist ein konstruktiver Beitrag, ein konstruktiver,
lösungsorientierter Vorschlag. Deswegen meine ich, dass
wir mit dem Antrag einen Schritt weitergekommen sind
und dass ihn wirklich alle Fraktionen unterstützen müs-
sen.

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(C (D ch wiederhole es gerne: Wir müssen die Chancen, die ie Migration bietet, ergreifen. Positive Effekte können owohl für die Herkunftsländer als auch für die Aufnaheländer verstärkt werden. Apropos Rücküberweisung: Diese Gelder aus der iaspora stellen nach den ausländischen Direktinvesti ionen heute die zweitgrößte externe Finanzquelle für die ntwicklungsländer dar; das muss man betonen. Daraus ässt sich mehr machen. Wir könnten daran arbeiten. Als eispiel nenne ich das Programm der mexikanischen egierung, mit dem beispielsweise vorgesehen ist, dass eder Dollar, den ein Migrant in die soziale Infrastruktur einer Heimatgemeinde investiert, um 2 staatlich invesierte Dollar ergänzt wird. Wir könnten zeigen, dass das uch woanders geht, und dies als Vorschlag implemenieren. Ich hoffe, ich konnte deutlich machen, dass nationale uwanderungspolitik auch eine sehr wichtige entwick ungspolitische Dimension hat. Sie muss so gestaltet erden, dass sie sowohl für das Zuwanderungsland als uch für die Herkunftsländer positive Effekte auslöst. ür Deutschland ist es daher dringend geboten, eine eiene Diasporapolitik aufund auszubauen und sie in die uwanderungspolitik zu integrieren. Mit diesem Antrag st der erste Schritt gemacht. Wir müssen auch die weiteen gehen. Ich danke für die Aufmerksamkeit. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD)


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609427000

Ich schließe die Aussprache.

Wir kommen zur Beschlussempfehlung des Aus-
chusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent-
icklung zu dem Antrag der Fraktionen der CDU/CSU,
er SPD, der FDP und des Bündnisses 90/Die Grünen
it dem Titel „Diaspora – Potenziale von Migrantinnen

nd Migranten für die Entwicklung der Herkunftsländer
utzen“. Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschluss-
mpfehlung auf Drucksache 16/5119, den Antrag auf
rucksache 16/4164 anzunehmen. Wer stimmt für diese
eschlussempfehlung? – Gegenstimmen? – Enthaltun-
en? – Damit ist die Beschlussempfehlung bei Enthal-
ung der Fraktion Die Linke angenommen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 16 a und b auf:

a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Jürgen
Trittin, Kerstin Müller (Köln), Marieluise Beck

(Bremen), weiterer Abgeordneter und der Frak-

tion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Die neue Einheitsregierung in Palästina unter-
stützen

– Drucksache 16/5106 –

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten
Wolfgang Gehrcke, Dr. Norman Paech, Paul

9618 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Vizepräsidentin Petra Pau
Schäfer (Köln), weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der LINKEN

Neue Chancen für einen Friedensdialog im
Nahen Osten aufgreifen

– Drucksache 16/5112 –

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen, wobei die
Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen fünf Minuten
erhalten soll. – Ich höre dazu keinen Widerspruch. Dann
ist das so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat die Kolle-
gin Marieluise Beck für die Fraktion des Bündnisses 90/
Die Grünen.

Marieluise Beck (Bremen) (BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Der Wahlsieg der Hamas im Februar 2006 hat
für die Nahostpolitik zusätzlich schwierige Fragen auf-
geworfen. Die internationale Gemeinschaft hatte ge-
hofft, mit dem Boykott der Hamas-Regierung eine
Rückkehr zum Status quo ante zu erreichen. Dies ist be-
kanntermaßen nicht gelungen. Stattdessen hat sich die
Lage in den palästinensischen Gebieten dramatisch ver-
schlechtert, und es kam im Gazastreifen zu fast bürger-
kriegsähnlichen Verhältnissen.

Mit der Bildung der Regierung der nationalen Ein-
heit tut sich – ich formuliere es ganz vorsichtig – mögli-
cherweise eine neue Chance für Palästina auf. Jede
Chance auf Beendigung von Chaos und Gewalt sowie
auf eine Regierung, die wirklich für die Palästinenser
sprechen kann, ist auch relevant für die Sicherheit Isra-
els. Die von Präsident Abbas ernannte neue Regierung
der nationalen Einheit mit Premierminister Ismail
Haniya umfasst sowohl Mitglieder der Hamas als auch
der Fatah sowie mehrerer kleinerer Parteien und Unab-
hängige. Sie ist nach schwierigen Verhandlungen auf
Grundlage der von Saudi-Arabien vermittelten Mekka-
vereinbarung entstanden. Diese Regierung spricht aller-
dings nur von der „Respektierung“ der von der PLO ab-
geschlossenen Verträge. Wir müssen uns fragen, ob sie
sich da ein Hintertürchen offenhält.

Vor einigen Tagen nun haben Hamas-Sprecher die
Waffenruhe aufgekündigt. Heute melden die Ticker, es
gebe Signale zu neuen Verhandlungen. Es geht also wie-
der hin und her, und wir haben es wieder mit einer un-
durchsichtigen Situation zu tun. Obwohl jede Chance für
Verhandlungen mit der Einheitsregierung ergriffen wer-
den sollte, muss uns klar sein, dass die Gefahr besteht,
dass die Hamas ein Doppelspiel betreibt. So war sie
nicht bereit, die Verpflichtungen von Präsident Abbas
vollständig anzuerkennen. Der Begriff „Respektierung“
ist, wie gesagt, zweideutig. Die Hamas gibt nach wie vor
ausgesprochen aggressive Erklärungen gegenüber Israel
ab. Wenn sie sagt: „Niemals werden wir die Besatzung
akzeptieren“, dann lässt sie zumindest offen, welche Ge-
biete damit gemeint sind. Sind damit nur der Gazastrei-
fen und das Westjordanland gemeint, oder ist damit doch
ganz Israel gemeint?

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(C (D Dennoch lohnt es sich trotz dieser Risiken, die Regieung der Einheit zu stützen. Dafür ist auch eine Aufahme der internationalen Zahlungen notwendig. Laut inanzminister Fayyad können derzeit drei Viertel des egulären Budgets nicht abgedeckt werden. Die Erosion er politischen Institutionen schreitet fort. Im Gazastreien sind nach Angaben des World Food Programme ittlerweile 80 Prozent der Bevölkerung auf Nahrungsittelhilfen angewiesen. Die schrittweise und kontrollierte Wiederaufnahme er internationalen Hilfszahlungen könnte dazu beitraen, die gemäßigten palästinensischen Kräfte zu stärken. it Salam Fayyad, der bereits von 2002 bis 2005 inanzminister war, gibt es einen vertrauenswürdigen nd anerkannten Partner für die Verwaltung der Gelder. Mit der schrittweisen Wiederaufnahme der Zahlungen üssen jedoch ganz klare Bedingungen an die neue Re ierung formuliert werden: die Freilassung des entführen israelischen Soldaten Gilad Schalit im Rahmen eines efangenenaustausches und das Ende der bewaffneten ngriffe gegen Israel. Umgekehrt muss dann Israel die bewaffneten Operaionen im Gazastreifen und in der Westbank einstellen. uch Israel muss also etwas abverlangt werden. Dazu ehören die Freigabe der einbehaltenen Zollund Steureinnahmen, die Freilassung der in Israel inhaftierten inister und Parlamentarier im Rahmen eines Gefange enaustausches und die Öffnung der Grenzübergänge im azastreifen entsprechend dem Agreement on Moveent and Access von 2005. Derartige Schritte Zug um ug – das ist das Entscheidende – könnten zur Entspanung beitragen. Die Bundesregierung hat angekündigt, die EU-Ratsräsidentschaft für eine Wiederbelebung des Nahostfrieensprozesses und für Fortschritte in der regionalen tabilisierung zu nutzen. Die Kanzlerin – auch der Auenminister übrigens – ist gereist; das sollten wir anerennen. Regionale Initiativen wie die arabische Frieensinitiative gehören dringend auf die Tagesordnung. s ist erfreulich, dass auch Israel diese Initiative begrüßt at. Der Nahe Osten bleibt eine hochkomplexe Konfliktegion. Jeder weiß, dass am Ende des Weges die Zweitaatenlösung stehen muss. Der Weg dorthin ist ungeiss. Aber eines ist sicher: Wir sollten jede noch so eringe Chance nutzen, um die verständnisbereiten Reormkräfte zu stärken. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609427100

Für die Unionsfraktion hat der Kollege Joachim

örster das Wort.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9619


(A) )



(B) )


Joachim Hörster (CDU):
Rede ID: ID1609427200

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und

Herren! Die Lektüre der Anträge der Fraktion des
Bündnisses 90/Die Grünen und der Fraktion Die Linke
haben bei genauer Betrachtung eigentlich keine Erkennt-
nisse geliefert, die wirklich neu wären. Im Prinzip gibt es
unter uns keine großen Gegensätze.


(Undine Kurth [Quedlinburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Zustimmen! Ganz einfach!)


Ich muss lediglich feststellen, dass alle Forderungen an
die Bundesregierung im Rahmen der EU-Ratspräsident-
schaft, mit denen uns die beiden Fraktionen heute kon-
frontieren, eigentlich schon erledigt sind, weil sich die
Bundesregierung mit all diesen Themen befasst hat – sei
es bei dem Treffen des Nahostquartetts im Februar 2007
in Berlin, sei es bei dem informellen Gymnichtreffen der
EU-Außenminister, sei es bei dem EU-Gipfel Ende März
oder in der Erklärung der EU-Ratspräsidentschaft zur
Bildung einer palästinensischen Regierung der nationa-
len Einheit Mitte März 2007. Da gibt es also keinen
Nachholbedarf.

Deswegen möchte ich mich ganz ausdrücklich bei der
Bundeskanzlerin bedanken, die es im Rahmen der deut-
schen EU-Ratspräsidentschaft geschafft hat, den eigent-
lich schon totgesagten Nahostprozess wieder zu beleben
und das Nahostquartett zu reanimieren.


(Dr. Sascha Raabe [SPD]: Da stand sie nicht ganz allein!)


– Ja, das kann sie nicht ganz allein. Natürlich müssen die
anderen am Quartett Beteiligten mithelfen.

Vor allem hat Angela Merkel das Ganze ein bisschen
dadurch erweitert, dass sie das Nahostquartett um eine
arabische Beteiligung angereichert hat, die bisher so
nicht vorgesehen worden war. Damit kommen ganz an-
dere Aspekte zur Geltung.

Seit der ersten Nahostgipfelkonferenz im September
1978, bei der Jimmy Carter, Anwar al-Sadat und
Menachem Begin verhandelt haben, sind knapp 30 Jahre
vergangen. Zahlreiche Friedensgespräche, Prinzipien-
erklärungen und Abkommen folgten. Doch es gibt, wie
wir alle wissen, noch keine wirklich ernsthaft greifbaren
Ergebnisse für einen dauerhaften Frieden im Nahen Os-
ten.

Nach meiner Auffassung werden wir einen dauerhaf-
ten Frieden auch nur dann erreichen, wenn nicht nur der
Westen seine Ansichten präsentiert, sondern sich auch
die Konfliktparteien selbst zum Frieden bekennen und
eine Friedensperspektive erarbeiten. Gerade in jüngster
Zeit – ich habe es eben beschrieben – kommt aber auch
von arabischer Seite Bewegung in den Nahostfriedens-
prozess. Beim Gipfeltreffen der Arabischen Liga 2007 in
Riad haben sich die arabischen Staaten einmütig für eine
Wiederbelebung ihrer Nahostinitiative von 2002 ausge-
sprochen.

Seit 2002 beziehe ich mich – das können Sie in den
Protokollen nachlesen – in fast jeder meiner Reden zur

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(C (D ösung des Nahostkonflikts auf den Friedensplan des rüheren saudischen Kronprinzen und jetzigen Königs bdallah, weil dieser Friedensplan über das hinausgeht, as in der Vergangenheit von arabischer Seite angeboten orden ist, und weil er eine Friedenslösung für den ge amten Nahen Osten unter Einschluss der Anerkennung es Staates Israel und eines palästinensischen Staates soie eines gemeinsamen Sicherheitskonzeptes für den ahen Osten zum Ziel hat. Käme man dazu, diesen Plan mzusetzen, so würde das zu einer Lösung des Nahostonfliktes führen. Bemerkenswert sind auch die kleinen Änderungen in en Begrifflichkeiten, wenn zum Beispiel von einer fairen Lösung“ für die Rückkehr der palästinensischen lüchtlinge gesprochen wird; denn eine faire Lösung erlangt nicht mehr apodiktisch die Rückkehr. Vielmehr das wissen auch unsere arabischen Partner – können ir um der Existenz des Staates Israel willen niemals ak eptieren – auch Israel selbst kann das nicht akzeptieen –, dass all diejenigen, die sich darauf berufen, in den ach 1948 von Israel beanspruchten Gebieten gewohnt u haben, dorthin zurückkehren, weil dann das Fundaent des Staates Israels wegbrechen würde. Die Exis enz des Staates Israel steht für uns aber völlig außer treit und Diskussion. (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass das Quartett
n seiner Berliner Erklärung vom 21. Februar 2007 – üb-
igens zum ersten Mal – die Rolle des früheren Kron-
rinzen und jetzigen Königs Abdallah gewürdigt hat und
amit auch offiziell vom Westen zur Kenntnis genom-
en worden ist, dass es eine solche Initiative gibt.

Ich will noch einmal darauf zurückkommen. Es be-
teht immer die Gefahr, dass die arabischen Länder Vor-
chläge des Quartetts als eine Lösung empfinden, die ih-
en vom Westen übergestülpt wird. Wenn sie in den
riedensprozess einbezogen und ihre eigenen Vor-
chläge geprüft und berücksichtigt werden, dann werden
ie Verhandlungen etwas mehr als bisher auf gleicher
ugenhöhe geführt. Das führt vielleicht zu einer größe-

en Akzeptanz und einem größeren wechselseitiges Ver-
rauen; das brauchen wir letzten Endes in jedem Fall.

Insofern meine ich, dass die Bundesregierung im
ahmen ihrer EU-Ratspräsidentschaft schon längst alle
ünsche zur Kenntnis nimmt, die vonseiten des Bünd-

isses 90/Die Grünen und der Fraktion Die Linke geäu-
ert werden. Es hätte dieser Aufforderung und eigentlich
uch dieser Debatte nicht bedurft; denn genau betrachtet
aben wir im Deutschen Bundestag bei diesem Thema
hnehin keine ernsthaften Streitpunkte.

Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD – Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die Regierung braucht bald gar kein Parlament mehr, meint sie jedenfalls!)


9620 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609427300

Das Wort hat der Kollege Dr. Rainer Stinner für die

FDP-Fraktion.


Dr. Rainer Stinner (FDP):
Rede ID: ID1609427400

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Als wir hier vor einigen Monaten die UNIFIL-Debatte
geführt haben, ist mit der Entsendung deutscher Solda-
ten in diese schwierige Region eindeutig die Erwartung
verknüpft worden, dass wir damit noch mehr Rechte und
Pflichten haben, uns in den politischen Lösungsprozess
intensiver einzuschalten. Für uns war damit jedenfalls
die Erwartung verbunden, dass die Bundesregierung und
die Europäische Union inhaltlich weitergehen würden,
als es bisher der Fall war, dass sie Initiativen ergreifen
würden, um den Friedensprozess endlich voranzubrin-
gen. Von solchen Initiativen inhaltlicher Art ist bis heute
keine Rede. Ich akzeptiere es, dass Außenminister
Steinmeier das Quartett auf Ministerebene gehoben hat.
Das ist völlig richtig und in Ordnung. Aber inhaltlich ist,
glaube ich, bisher nichts geschehen. Das ist enttäu-
schend.

Zu den Anträgen, Herr Hörster, muss ich Ihnen sagen:
Ich finde, dass zwischen den beiden Anträgen ein ganz
wesentlicher Unterschied besteht. Aus diesem Grund
lehnen wir den Antrag der Linken ab. Im Antrag der Lin-
ken wird eine völlig unkonditionierte Unterstützung der
neuen Regierung gefordert. Das ist nicht die Politik der
Bundesregierung. Ich bin einmal gespannt, was der
Staatsminister noch dazu sagen wird. Wir unterstützen
den Antrag der Grünen, der sehr gut ist, der differenziert,
der auf den Punkt geht und genau das Richtige fordert,
nämlich eine konditionierte Unterstützung dieser
neuen Regierung. Die Unterstützung ist an Bedingungen
geknüpft. Das müssen wir, glaube ich, unbedingt tun.
Diesen Unterschied herauszuarbeiten, ist diese Debatte
wert, Herr Hörster. Ich bin sehr interessiert daran, wie
der Staatsminister das in seiner Rede beurteilen wird, ob
auch er glaubt, dass die Bundesregierung schon jetzt das
tut, was die Linke in ihrem Antrag fordert. Ich glaube es
nicht.


(Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Das war immer mein Wunsch!)


Sie glauben es – das vermute ich – auch nicht. Sonst hät-
ten Sie den Antrag nicht gestellt.

Ich möchte den Antrag der Grünen, den wir, wie ge-
sagt, gut finden und dem wir zustimmen werden, um ei-
nen wesentlichen Baustein ergänzen. Eine Forderung
fehlt. Sie ist mir ganz wichtig. Es handelt sich um die
Forderung, dass die palästinensische Regierung endlich
glaubhaft macht, dass sie nicht nur in Sonntagsreden
sagt, dass sie die Gewalt gegen Israel verurteilen will,
wie Abbas es tut, sondern dass sie uns allen, dass sie der
Weltöffentlichkeit endlich deutlich demonstriert, dass es
nicht bei Worten bleibt, sondern dass diesen Taten fol-
gen.

Ich sehe keine Prozesse, ich sehe keine Anklagen, ich
sehe keine Verurteilungen, und ich sehe keine Verfol-
gungen von Terroristen, die vom Boden aus der Region

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(C (D alästinas nach wie vor bis zum heutigen Tage Israel anreifen. Das ist die Nagelprobe für die Glaubwürdigkeit er palästinensischen Regierung. Deshalb müssen wir ie darauf festnageln. Sie müssen deutlich machen, dass ie bereit sind, den Worten Taten folgen zu lassen und on sich aus ihr staatliches Handeln entsprechend auszuichten. Sonst ist die Regierung unglaubwürdig. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Marieluise Beck [Bremen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Lassen Sie uns endlich einmal Zeit zum Klatschen, Herr Kollege!)


Oh, Entschuldigung, klatschen Sie bitte ausgiebigst.

Das müssen wir fordern. Wir wissen – das müssen wir
srael klarmachen –, dass es natürlich nie eine absolute
icherheit in einem Land geben kann. Aber Israel kann
ehr wohl verlangen, dass die Regierung Palästinas,
enn sie ein Partner für Gespräche sein will, Israel deut-

ich macht, dass sie alles dafür tut, dass die Angriffe auf
srael unterbleiben.

Wie kann es nun im Nahen Osten weitergehen? Ich
inde, wir haben durch die Einbeziehung der arabischen
taaten, durch Initiativen der arabischen Welt eine neue
ualität erreicht; das haben wir lange gefordert. Ich

inde es richtig und sehr interessant. Das gibt neue Im-
ulse.

Ich bin aber nach wie vor der Meinung – das war ich
chon vor einigen Monaten, vor einem Jahr –, dass die
equenzielle Abarbeitung der einzelnen Probleme, das
eißt, dass nacheinander erst Konflikt A, dann Konflikt B
nd dann Konflikt C gelöst wird – dies ist meines Erach-
ens nach wie vor die Politik Israels –, nicht zum Ziel
ühren wird. Die Konflikte, liebe Kolleginnen und Kol-
egen – das wissen wir alle in diesem Raum –, hängen zu
ehr miteinander zusammen als dass man glauben
önnte, man würde durch eine isolierte Lösung des Kon-
likts A Konflikt B nicht beeinflussen.

Deshalb fordern wir nach wie vor die Einberufung
iner Art Konferenz für Sicherheit und Zusammen-
rbeit im Nahen Osten, bei der alle wesentlichen Betei-
igten an einem runden Tisch sitzen und versuchen, die
robleme gemeinsam zu lösen. Ich würde mich freuen,
ehr geehrter Herr Staatsminister, wenn Sie diese bril-
ante Idee, die wir seit Jahren verfolgen, gleich in Ihrer
ede vertreten würden und uns erklären, wie Sie diese
ute Idee in die Realität umsetzen würden.

Vielen Dank.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609427500

Für die Bundesregierung hat das Wort der Staatsmi-

ister Gernot Erler.


Dr. h.c. Gernot Erler (SPD):
Rede ID: ID1609427600

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

er Krieg im Libanon im vergangenen Sommer war eine
olitische und menschliche Tragödie. Aber er markiert

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9621


(A) )



(B) )


Staatsminister Gernot Erler
auch einen Aufbruch. Dazu hat die Bundesregierung,
seitdem der Nahostfriedensprozess wieder Leben be-
kommen hat, besonders in ihrer Rolle im Rahmen der
EU-Ratspräsidentschaft in spürbarer Weise beigetragen.
Es war Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der
deutsche Zollexperten nach Beirut brachte und damit zu
einem Ende der israelischen Blockade beitrug.

Die Bundeskanzlerin konnte bei ihrem USA-Besuch
Anfang dieses Jahres das amerikanische Engagement
verstärken, sich wieder mehr dem Nahost-Friedenspro-
zess zu widmen. Anfang April hat sie durch ihre Reise in
die Region erneut unser intensives Interesse an dem
Nahost-Friedensprozess unterstrichen.

Schon sehr früh hat der deutsche Außenminister die
Wiederbelebung des Nahostquartetts ins Spiel ge-
bracht. Am 21. Februar hat das Quartett nach langer
Pause wieder getagt – nicht zufällig in Berlin. Ein weite-
res Treffen soll bald folgen, dann in der Region. Erfolg-
reich haben wir für ein stärkeres vermittelndes Engage-
ment der konstruktiven arabischen Staaten geworben, so
von Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien und den Verei-
nigten Arabischen Emiraten.

Nach der wichtigen Einigung von Mekka konnte die
deutsche Ratspräsidentschaft eine einheitliche Position
der EU bei der Frage der Kontakte mit den Vertretern der
neuen Einheitsregierung und bei der Gestaltung der
Hilfe für die Palästinensische Autonomiebehörde errei-
chen.

Das alles bringt mich zu einer behutsam positiven
Zwischenbilanz nach den ersten vier Monaten der Rats-
präsidentschaft. Der Nahostfriedensprozess bewegt sich
wieder, und die europäische Stimme spielt in ihm eine
wichtiger werdende Rolle. Aber unsere Erfahrung lehrt
uns auch: Das politische Wetter in dieser Region kann
von einem Tag auf den anderen umschlagen. Wir bleiben
vorsichtig.

Die Übereinkunft von Mekka beendet eine Situa-
tion, die zu keiner Friedenslösung führen konnte. Aber
noch kann von einer gesicherten Beachtung der unver-
zichtbaren drei Quartettkriterien – also Anerkennung des
Existenzrechts Israels, der bisherigen Friedensabkom-
men und des Gewaltverzichts – keine Rede sein. Der er-
neute Kassam-Beschuss in den letzten Tagen aus dem
nördlichen Gazastreifen ist ein trauriger Beleg dafür.

Jetzt kommt es darauf an, dass die neue Regierung der
Nationalen Einheit die ermutigenden Passagen in ihrem
eigenen Regierungsprogramm tatsächlich praktisch um-
setzt. Wir appellieren an die verantwortlichen Palästi-
nenser, den israelischen Soldaten Schalit endlich frei zu
lassen,


(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


ebenso wie den festgehaltenen britischen Journalisten
Alan Johnston. Aber wir erwarten auch, dass parallel
dazu die noch immer inhaftierten palästinensischen Ab-
geordneten und Minister in die Freiheit entlassen wer-
den.

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(C (D (Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


All das zeigt: Der Weg ist noch weit. Die Bemühun-
en der letzten Monate aber sind im Vergleich zu dem
ahrelangen Stillstand erfreulich. Wir brauchen Geduld.
s gibt keine Abkürzungen bei diesem komplizierten
riedensprozess. Deswegen halten wir auch Aufrufe zu
iner baldigen umfassenden internationalen Friedens-
onferenz, wie sie immer wieder laut werden, in der jet-
igen Situation eindeutig für verfrüht.

Die Bundesregierung wird ihr beharrliches Streben,
iner nachhaltigen Friedenslösung unter Einbeziehung
er beiden Partner näherzukommen, mit großem Einsatz
ortsetzen.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609427700

Das Wort hat der Kollege Wolfgang Gehrcke für die

raktion Die Linke.


(Beifall bei der LINKEN)



Wolfgang Gehrcke (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609427800

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

llein die etwas nachdenklicheren Töne, die in dieser
ebatte hörbar geworden sind, haben es aus meiner
icht gelohnt, diese beiden Anträge auf die Tagesord-
ung zu setzen. Herr Kollege Hörster, ich fand Ihre Rede
n mehrfacher Hinsicht sehr bemerkenswert. Ich habe
ehr genau aufgenommen, was Sie damit signalisiert ha-
en. Natürlich sind die Anträge nicht identisch; über die
nterschiede wird zu debattieren sein. Ich möchte das

ichtig festgehalten wissen.

Es stellt sich natürlich immer wieder die Frage – jeder
tellt sie sich neu –: Ist das Glas eigentlich halb leer oder
alb voll? Sind wir vorangekommen im Friedenspro-
ess, ist er stagniert, oder sind wir zurückgegangen?
an stellt sich auch die Frage, ob nicht das Glas der Pa-

ästinenser – wenn man bei diesem Bild bleibt – nach
ie vor leer ist.

Es lohnt sich, mit ein paar Stichworten die Entwick-
ung mit all ihrer Widersprüchlichkeit zu skizzieren. Ich
laube, dass die neue Einheitsregierung die Möglichkeit
einhaltet – auch ich spreche von einer Möglichkeit –,
ine neue Tür zu öffnen. Dazu gehören für mich die Ver-
inbarung von Mekka und der Vorschlag der arabischen
taaten, den ich ähnlich wie Sie beurteile.

Ich nehme eine noch vorhandene Verhandlungsunfä-
igkeit oder -unwilligkeit der israelischen Regierung ge-
enüber der Einheitsregierung, also nicht gegenüber
em Präsidenten, mit dem man ja spricht, zur Kenntnis.
ch nehme aber auch zur Kenntnis, dass eine deutliche

ehrheit der israelischen Bürgerinnen und Bürger für
ine Zweistaatenlösung ist, genauso wie eine Mehrheit
er palästinensischen Bürgerinnen und Bürger.

9622 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Wolfgang Gehrcke
Ich nehme mit Bedauern den Beschuss israelischen
Gebietes mit Raketen aus der Westbank zur Kenntnis.
Ich nehme aber auch mit Bedauern das militärische Vor-
gehen Israels zur Kenntnis. Ich finde, beide müssen sich
aus dieser Zwangslage von Aktion und Reaktion
– man kann dabei nie genau sagen, was die Reaktion und
was die Aktion war – befreien.


(Beifall bei der LINKEN)


Auch ich bin der Auffassung, dass sich das Nahost-
quartett selbst bewegt hat und etwas bewegt. Ich war in
diesem Punkt sehr viel skeptischer, als ich es heute bin.
Nach meiner Meinung ist die Kritik des Kollegen
Stinner völlig berechtigt. Auch das Nahostquartett muss
Inhalte präsentieren. Denn man muss wissen, wohin die
Reise geht. Einen Anspruch auf diese Information haben
sowohl Israel als auch Palästina. Eine entsprechende
Aussage würde sehr viel klären.

Die Eckpunkte liegen alle auf dem Tisch. Da kann
man den Plan des ehemaligen Kronprinzen Abdallah
nehmen. Man kann auch die Genfer Initiative von Abu
Rabo und Yossi Beilin nennen. Ich brauche die Punkte,
was die Zweistaatenlösung, gegenseitige Anerkennung
und Gewaltverzicht sowie Ostjerusalem angeht, nicht zu
wiederholen.

Der für uns entscheidende Punkt ist, wie wir mit der
neuen Einheitsregierung Palästinas umgehen.


(Beifall bei der LINKEN)


Bewegen wir uns hier, und setzen wir ein positives Si-
gnal? Oder wiederholen wir nur das, Kollege Erler, was
wir bereits vorher gesagt haben? Ich finde, diese neue
Einheitsregierung hat eine Chance verdient, und diese
Chance bedeutet, dass man die Sanktionen der Europäi-
schen Union aufheben muss und dass man mit dieser Re-
gierung verhandeln und sprechen muss.


(Beifall bei der LINKEN)


Das ist das, was Deutschland tun kann, wenn wir im
Quartett die Dinge weiter vorantreiben wollen. Daran
hindert uns keiner. Norwegen als europäisches Land hat
es vorgemacht. Ich finde, an dieser Stelle sollte man et-
was mutiger sein.

Der palästinensische Präsident Abbas hat mit seinen
Vorschlägen einen Bürgerkrieg riskiert. Ich bin froh,
dass er nicht stattgefunden hat. Aber wenn die Palästi-
nenser die Erfahrung machen, dass ihre Situation nicht
besser wird und dass Europa sich nicht bewegt, obwohl
sie sich selber bewegt haben, dann wird es einen Rück-
fall auf alte Positionen geben. Das ist die Botschaft bei-
der Anträge, wenn auch mit unterschiedlichen Worten.

Ich könnte dem Antrag der Grünen zustimmen. Viel-
leicht können Sie unserem Antrag zustimmen. Man kann
sich auch jeweils der Stimme enthalten. Dann würde
man sich nicht gegenseitig wehtun. Der entscheidende
Punkt ist, dass man jetzt mit der neuen Regierung in Pa-
lästina reden und verhandeln sowie die Sanktionen auf-
heben muss.

Danke sehr.

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(C (D Das Wort hat der Kollege Dr. Rolf Mützenich für die PD-Fraktion. Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! uch ich finde es richtig, dass wir eine Debatte über eine twaige neue Chance im Nahen Osten führen. Auch ich laube, dass die Bildung einer Einheitsregierung nicht ur ein wichtiges Ereignis, sondern auch ein Beitrag zur erständigung und zur Vernunft ist. Wir sollten daran erinnern, dass wir die Einheitsregieung gewünscht haben. Nachdem wir die Hamasregieung nicht akzeptieren wollten, haben wir die Palästinener gefragt, ob sie nicht eine Einheitsregierung bilden ürden. Deswegen sollten wir gut überlegen, wie wir it dieser Chance umgehen. Daher ist diese Debatte im eutschen Bundestag notwendig. Wir haben im Aus chuss sehr differenziert über die Anträge gesprochen. Ich glaube, es macht keinen Sinn, hier schwarz-weiß u malen. Das Bild ist nämlich sehr differenziert. Die uropäische Union hat nicht nur unter der Ratspräsidentchaft Deutschlands durchaus Bewegung in den Prozess ebracht. Für mich ist es ein wichtiger Fortschritt, dass ich das Nahostquartett wieder auf den Weg gemacht at. ie lange haben Staaten aus dem Nahostquartett abseits estanden! Es war doch Europa, das die USA überzeugt at, diese Chance endlich wieder zu nutzen. Ich persönlich finde es bedauerlich, dass die neue inheitsregierung die Kriterien des Nahostquartetts und er EU nicht ausdrücklich aufgenommen hat. Ich hätte ir das gewünscht. Gestern war Mustafa Barghouthi, er Informationsminister der Einheitsregierung, hier in eutschland. Er hat darauf hingewiesen, dass das Regie ungsprogramm aus seiner Sicht auf jeden Fall das ein der andere Kriterium reflektiert, vielleicht auch unmitelbar aufnimmt. Diese Koalitionsregierung ist nicht nur im Hinblick uf die Chance eines Fortschritts im Friedensprozess ichtig; sie hat auch zu drei Errungenschaften geführt, ür die wir dankbar sein sollten: Erstens. Die Gefahr eines Bürgerkrieges in Palästina st durch diese Einheitsregierung eingedämmt worden. as ist auch für Israel ein Fortschritt; zumindest erhöht as die Sicherheit Israels. Auch darauf sollten wir an ieser Stelle hinweisen. Zweitens. Hamas hat akzeptiert, dass ausschließlich räsident Abbas für die Friedensgespräche mit Ministerräsident Olmert zuständig ist. Auch das ist ein wichties Signal an die internationale Gemeinschaft. Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9623 Dr. Rolf Mützenich Drittens. Ich glaube, dass die Einheitsregierung die Möglichkeit eröffnet, zu geregelten Beziehungen zurückzukehren. Man wird das nicht sofort tun können. Die Europäische Union hat aber am vergangenen Montag unter deutscher Ratspräsidentschaft einen klugen Beschluss gefasst: Wir prüfen, ob in den nächsten Monaten weitere Schritte mit der neuen Einheitsregierung unternommen werden können. Ich glaube, das ist der Maßstab, den man anlegen sollte. Für mich ist der Gewaltverzicht das wichtigste Kriterium für den Friedensprozess. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


(Beifall bei der LINKEN)

Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609427900
Dr. Rolf Mützenich (SPD):
Rede ID: ID1609428000

(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)


(A) )


(B) )


Ich glaube, die Frage des Gewaltverzichts ist sowohl für
Palästina als auch für Israel am wichtigsten: Es ist für
beide Seiten die entscheidende Frage. Deswegen richtet
sich unser Appell an beide Seiten.

Der Friedensplan der Arabischen Liga, den Abbas
und Ministerpräsident Hanija begleiten, erkennt das
Existenzrecht Israels indirekt an. Auch das müssen wir
zur Kenntnis nehmen; auch das sorgt für Bewegung.

Ich plädiere dafür, nicht schwarz-weiß zu malen, son-
dern auch Hamas als einen sehr differenzierten Block
wahrzunehmen.


(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


Israel kooperiert manchmal mit dem einen oder anderen
Hamas-Bürgermeister in den besetzten Gebieten. Auch
das gehört zur Realität vor Ort.

Wir sollten als Mitgliedstaat der Europäischen Union
überlegen, wie man an dieser Stelle weiterkommt. Ich
bin der festen Überzeugung, dass die Bundesregierung
weiterkommen will. Ich glaube nicht, dass das Über-
gangsprojekt – wir finanzieren die palästinensischen Ge-
biete – ein Projekt für die Zukunft sein kann. Insbeson-
dere weil die Mittel für diesen Haushalt nicht weniger,
sondern mehr geworden sind, müssen wir uns überlegen,
wie wir hier klug operieren. Der neue Finanzminister
Fayyad ist ein durchaus verlässlicher und kluger Partner,
der uns überzeugen könnte, das ein oder andere zu tun.

Ich glaube, wir sollten uns auf diesen Prozess konzen-
trieren. Er bietet Chancen. Es gibt differenzierte Sicht-
weisen, aber es gibt keine Alternative zu diesem Frie-
densprozess.

Vielen Dank.


(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Petra Pau (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1609428100

Ich schließe die Aussprache.

Wir kommen zur Abstimmung über den Antrag der
Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen auf Druck-
sache 16/5106 mit dem Titel „Die neue Einheitsregie-
rung in Palästina unterstützen“. Wer stimmt für diesen
Antrag? – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? –

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1)

(C (D amit ist dieser Antrag gegen die Stimmen der Fraktioen des Bündnisses 90/Die Grünen und der FDP bei Entaltung der Fraktion Die Linke abgelehnt. Wir kommen zur Abstimmung über den Antrag der raktion Die Linke auf Drucksache 16/5112 mit dem Ti el: „Neue Chancen für einen Friedensdialog im Nahen sten aufgreifen“. Wer stimmt für diesen Antrag? – Wer timmt dagegen? – Wer enthält sich? – Damit ist dieser ntrag gegen die Stimmen der Antragstellerin bei Entaltung der Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen abelehnt. Ich rufe den Tagesordnungspunkt 17 auf: Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Ersten Gesetzes zur Änderung des Bundesgrenzschutzgesetzes – Drucksachen 16/4665, 16/4921 – Beschlussempfehlung und Bericht des Innenausschusses – Drucksache 16/4969 – Berichterstattung: Abgeordnete Günter Baumann Wolfgang Gunkel Gisela Piltz Petra Pau Silke Stokar von Neuforn Wir haben die Reden des Kollegen Günter Baumann us der Unionsfraktion, des Kollegen Wolfgang Gunkel us der SPD-Fraktion, der Kollegin Gisela Piltz aus der DP-Fraktion, der Kollegin Silke Stokar von Neuforn us der Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen und der ollegin Pau zu Protokoll genommen.1)


Wir kommen damit zur Abstimmung über den von
er Bundesregierung eingebrachten Gesetzentwurf zur
nderung des Ersten Gesetzes zur Änderung des Bun-
esgrenzschutzgesetzes. Der Innenausschuss empfiehlt
n seiner Beschlussempfehlung auf Drucksache 16/4969,
en Gesetzentwurf der Bundesregierung auf den Druck-
achen 16/4665 und 16/4921 anzunehmen. Ich bitte die-
enigen, die dem Gesetzentwurf zustimmen wollen, um
as Handzeichen. – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält
ich? – Der Gesetzentwurf ist damit in zweiter Beratung
it den Stimmen der Koalitionsfraktionen gegen die
timmen der übrigen Fraktionen angenommen.

Dritte Beratung

nd Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
esetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. –
er stimmt dagegen? – Enthält sich jemand? – Der Ge-

etzentwurf ist damit in dritter Lesung mit den Stimmen
er Unionsfraktion und der SPD-Fraktion gegen die
timmen der FDP-Fraktion, der Fraktion Die Linke und
er Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen angenom-
en.

Anlage 8

9624 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) )



(B) )


Vizepräsidentin Petra Pau
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 18 auf:

Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Christel Happach-Kasan, Hans-Michael
Goldmann, Dr. Edmund Peter Geisen, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der FDP

Energiegetreide als Regelbrennstoff zulassen

– Drucksache 16/3048 –

Überweisungsvorschlag
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktor-
sicherheit (f)

Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie

Wir haben die Reden der Kollegin Dr. Maria
Flachsbarth für die Unionsfraktion, des Kollegen Detlef
Müller (Chemnitz) für die SPD-Fraktion, der Kollegin
Dr. Christel Happach-Kasan für die FDP-Fraktion, der
Kollegin Dr. Kirsten Tackmann für die Fraktion Die
Linke und der Kollegin Cornelia Behm aus der Fraktion
des Bündnisses 90/Die Grünen zu Protokoll genom-
men.1)

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 16/3048 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen, wobei die Vorlage
federführend beim Ausschuss für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit beraten werden soll. Sind Sie da-
mit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann ist die Über-
weisung so beschlossen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 19 auf:

Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Einfüh-
rung eines Alkoholverbots für Fahranfänger
und Fahranfängerinnen

– Drucksache 16/5047 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (f)

Ausschuss für Gesundheit

Wir nehmen die Reden des Kollegen Gero Storjohann
aus der Unionsfraktion, der Kollegin Heidi Wright aus
der SPD-Fraktion, des Kollegen Patrick Döring aus der
FDP-Fraktion, der Kollegin Dorothée Menzner aus der
Fraktion Die Linke und des Kollegen Dr. Anton
Hofreiter aus der Fraktion des Bündnisses 90/Die Grü-
nen zu Protokoll.2)

Interfraktionell wird Überweisung des Gesetzent-
wurfs auf Drucksache 16/5047 an die in der Tagesord-
nung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. Gibt es
dazu anderweitige Vorschläge? – Das ist nicht der Fall.
Dann ist auch diese Überweisung so beschlossen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 20 auf:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Jan
Korte, Ulla Jelpke, Dr. Lothar Bisky,

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2

1) Anlage 9
2) Anlage 10 3)

(C (D Dr. Lukrezia Jochimsen und der Fraktion der LINKEN Rechte für Journalistinnen und Journalisten sichern und ausbauen – Drucksache 16/3911 – Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Kultur und Medien Rechtsausschuss Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe Ihre Reden zu Protokoll gegeben haben folgende Koleginnen und Kollegen: Reinhard Grindel für die nionsfraktion, Christoph Pries und Jörg Tauss für die PD-Fraktion, Christoph Waitz für die FDP-Fraktion, an Korte für die Fraktion Die Linke, Grietje Bettin für ie Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen sowie Gert inkelmeier.3)


Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
rucksache 16/3911 an die in der Tagesordnung aufge-

ührten Ausschüsse vorgeschlagen. – Sind Sie damit ein-
erstanden? – Das ist der Fall. Dann ist die Überweisung
o beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 21 a bis 21 c sowie
en Zusatzpunkt 6 auf:

1 a) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Ersten Gesetzes zur
Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes

– Drucksache 16/5100 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (f)

Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
Ausschuss für Gesundheit
Ausschuss für Tourismus

b) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit (16. Ausschuss) zu dem

(Quedlinburg)

weiterer Abgeordneter und der Fraktion des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Verstöße gegen FFH-Richtlinie umgehend ab-
stellen

– Drucksachen 16/1670, 16/4276 –

Berichterstattung:
Abgeordnete Josef Göppel
Dirk Becker
Angelika Brunkhorst
Lutz Heilmann
Undine Kurth (Quedlinburg)


c) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit (16. Ausschuss) zu dem

(Quedlinburg)


Anlage 11

Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007 9625


(A) )



(B) )


Vizepräsidentin Petra Pau
Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN

Nationale Biodiversitätsstrategie zügig vorle-
gen

– Drucksachen 16/1497, 16/4277 –

Berichterstattung:
Abgeordnete Josef Göppel
Dirk Becker
Angelika Brunkhorst
Lutz Heilmann
Undine Kurth (Quedlinburg)


ZP 6 Beratung des Antrags der Abgeordneten
Angelika Brunkhorst, Michael Kauch, Birgit
Homburger, weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion der FDP

Allgemeine Grundsätze für den Naturschutz
in Deutschland

– Drucksache 16/3099 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz

Wir nehmen die Reden des Kollegen Josef Göppel für
die CDU/CSU-Fraktion sowie die Rede des Kollegen
Dirk Becker für die SPD-Fraktion, der Kollegin
Angelika Brunkhorst für die FDP-Fraktion, des Kolle-
gen Lutz Heilmann für die Fraktion Die Linke und auch
die Reden der Kollegin Undine Kurth für die Fraktion
des Bündnisses 90/Die Grünen sowie des Bundesminis-
ters Sigmar Gabriel zu Protokoll.1)

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 16/5100 und 16/3099 an die in der Ta-
gesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
Sind Sie damit einverstanden, oder haben Sie andere
Vorschläge? – Das ist nicht der Fall. Dann sind die Über-
weisungen so beschlossen.

Wir kommen zur Beschlussempfehlung des Aus-
schusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
zu dem Antrag der Fraktion des Bündnisses 90/Die Grü-
nen mit dem Titel „Verstöße gegen FFH-Richtlinie um-
gehend abstellen“; es handelt sich hierbei um den
Tagesordnungspunkt 21 b. Der Ausschuss empfiehlt in
seiner Beschlussempfehlung auf Drucksache 16/4276,
den Antrag der Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen
auf Drucksache 16/1670 abzulehnen. Wer stimmt für
diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? –
Wer enthält sich? – Damit ist die Beschlussempfehlung
gegen die Stimmen der Antragsteller bei Enthaltung der
Fraktion Die Linke angenommen.

Wir kommen zum Tagesordnungspunkt 21 c. Abstim-
mung über die Beschlussempfehlung des Ausschusses
für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zu dem
Antrag der Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen mit
dem Titel „Nationale Biodiversitätsstrategie zügig vorle-

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1) Anlage 12 2)

(C (D en“. Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschlussmpfehlung auf Drucksache 16/4277, den Antrag der raktion des Bündnisses 90/Die Grünen auf Druckache 16/1497 abzulehnen. Wer stimmt für diese Bechlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? – Wer entält sich? – Die Beschlussempfehlung ist mit den Stimen der Unionsfraktion und der SPD-Fraktion gegen die timmen der antragstellenden Fraktion des Bündnises 90/Die Grünen und der Fraktion Die Linke bei Entaltung der FDP-Fraktion angenommen. Ich rufe den Tagesordnungspunkt 22 auf: Beratung des Antrags der Abgeordneten Christine Scheel, Kerstin Andreae, Birgitt Bender, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN Innovationsfähigkeit des Standortes stärken – Wagniskapital fördern – Drucksache 16/4758 – Überweisungsvorschlag: Finanzausschuss Ausschuss für Wirtschaft und Technologie Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung Wir nehmen die Reden der Kollegen Klaus-Peter losbach und Dr. Heinz Riesenhuber für die Unionsfrak ion, der Kollegin Nina Hauer für die SPD-Fraktion, der ollegin Ulrike Flach für die FDP-Fraktion, des Kolleen Dr. Axel Troost aus der Fraktion Die Linke, der Kolegin Christine Scheel aus der Fraktion des Bündnises 90/Die Grünen und der Parlamentarischen Staatsseketärin Dr. Barbara Hendricks zu Protokoll.2)


Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
rucksache 16/4758 an die in der Tagesordnung aufge-

ührten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
erstanden? – Das ist der Fall. Dann ist die Überweisung
o beschlossen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 23 auf:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Heike
Hänsel, Ulla Lötzer, Dr. Diether Dehm, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der LINKEN

Für solidarische Assoziierungsabkommen der
EU mit den zentralamerikanischen Staaten
und den Staaten der Andengemeinschaft

– Drucksache 16/5045 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (f)

Auswärtiger Ausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

Wir nehmen die Rede der Kollegin Anette Hübinger
ür die Unionsfraktion, des Kollegen Dr. Sascha Raabe
us der SPD-Fraktion, des Kollegen Dr. Karl Addicks
us der FDP-Fraktion, der Kollegin Heike Hänsel aus
er Fraktion Die Linke und der Kollegin Ute Koczy für

Anlage 13

9626 Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 94. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 26. April 2007


(A) (C)



(B) )


Vizepräsidentin Petra Pau

die Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen zu Proto-
koll.1)

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf

der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN

Weitere Verschlechterung der Rechtssituation
von Homosexuellen in Nigeria verhindern
Drucksache 16/5045 an die in der Tagesordnung aufge-

führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
verstanden? – Das ist der Fall. Dann ist diese Überwei-
sung so beschlossen.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 24 auf:

Beratung des Antrags der Abgeordneten Priska
Hinz (Herborn), Hans-Josef Fell, Ulrike Höfken,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Nanotechnologie-Bericht vorlegen

– Drucksache 16/4757 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
Ausschuss für Gesundheit
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

Wir nehmen zu Protokoll die Reden des Kollegen
Johann-Henrich Krummacher aus der Unionsfraktion,
der Kollegin Ulla Burchardt aus der SPD-Fraktion, der
Kollegin Cornelia Pieper aus der FDP-Fraktion, der Kol-
legin Dr. Petra Sitte aus der Fraktion Die Linke und der
Kollegin Priska Hinz (Herborn) aus der Fraktion des
Bündnisses 90/Die Grünen.2)

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 16/4757 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
verstanden? – Das ist der Fall. Dann ist auch diese Über-
weisung so beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 25 a und 25 b auf:

a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Volker
Beck (Köln), Marieluise Beck (Bremen),
Alexander Bonde, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN

Den neuen Menschenrechtsrat der Vereinten
Nationen effektiv gestalten

– Drucksache 16/4906 –

b) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Menschenrechte und
Humanitäre Hilfe (17. Ausschuss) zu dem Antrag
der Abgeordneten Volker Beck (Köln), Birgitt
Bender, Kai Gehring, weiterer Abgeordneter und

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1) Anlage 14
2) Anlage 15 3)

(D – Drucksachen 16/4747, 16/5113 – Berichterstattung: Abgeordnete Hartwig Fischer Dr. Herta Däubler-Gmelin Florian Toncar Michael Leutert Volker Beck Wir nehmen zu Protokoll die Reden der Kollegen olger Haibach und Hartwig Fischer nionsfraktion, der Kollegin Professor Dr. Herta äubler-Gmelin für die SPD-Fraktion, des Kollegen lorian Toncar für die FDP-Fraktion, des Kollegen ichael Leutert für die Fraktion Die Linke und des Kol egen Volker Beck ündnisses 90/Die Grünen.3)


Tagesordnungspunkt 25 a. Abstimmung über den An-
rag der Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen auf
rucksache 16/4906 mit dem Titel „Den neuen Men-

chenrechtsrat der Vereinten Nationen effektiv gestal-
en“. Wer stimmt für diesen Antrag? – Wer stimmt dage-
en? – Wer enthält sich? – Dann ist dieser Antrag gegen
ie Stimmen der antragstellenden Fraktion des
ündnisses 90/Die Grünen bei Enthaltung der Fraktion
ie Linke abgelehnt.

Tagesordnungspunkt 25 b. Beschlussempfehlung des
usschusses für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe

u dem Antrag der Fraktion des Bündnisses 90/Die Grü-
en mit dem Titel „Weitere Verschlechterung der
echtssituation von Homosexuellen in Nigeria verhin-
ern“. Der Ausschuss empfiehlt in seiner Beschlussemp-
ehlung auf Drucksache 16/5113, den Antrag der
raktion des Bündnisses 90/Die Grünen auf Druck-
ache 16/4747 abzulehnen. Wer stimmt für diese Be-
chlussempfehlung? – Gegenstimmen? – Gibt es Enthal-
ungen? – Dann ist diese Beschlussempfehlung mit den
timmen der Unionsfraktion und der SPD-Fraktion ge-
en die Stimmen der Fraktion des Bündnisses 90/Die
rünen, der FDP-Fraktion und der Fraktion Die Linke

ngenommen.

Wir sind damit am Schluss unserer heutigen Tages-
rdnung.

Ich berufe die nächste Sitzung des Deutschen Bun-
estages auf morgen, Freitag, den 27. April 2007, 9 Uhr,
in.

Die Sitzung ist geschlossen. Ich wünsche Ihnen noch
inen schönen Abend.