Protokoll:
14239

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Metadaten
  • date_rangeWahlperiode: 14

  • date_rangeSitzungsnummer: 239

  • date_rangeDatum: 6. Juni 2002

  • access_timeStartuhrzeit der Sitzung: 09:00 Uhr

  • av_timerEnduhrzeit der Sitzung: 21:34 Uhr

  • account_circleMdBs dieser Rede
  • tocInhaltsverzeichnis
    Nachträgliche Glückwünsche zum Geburtstag der Abgeordneten Eva-Maria Kors, Elmar Müller (Kirchheim), Dr. Michael Bürsch, Dr. Rupert Scholz und Hans Peter Schmitz (Baesweiler) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23827 A Eintritt der Abgeordneten Gudrun Serowiecki in den Deutschen Bundestag . . . . . . . . . . . . . . 23827 B Erweiterung der Tagesordnung . . . . . . . . . . . . 23827 B Absetzung der Tagesordnungspunkte 3 a bis 3 f, 6 b und 6 c . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23828 C Änderung einer Ausschussüberweisung . . . . . 23828 D Zusatztagesordnungspunkt 2: Abgabe einer Regierungserklärung: Vor- rang des Verbraucherschutzes notwen- diger denn je – für ein neues Denken und Handeln Renate Künast, Bundesministerin BMVEL 23829 A Dr. Klaus W. Lippold (Offenbach) CDU/CSU 23835 B Jella Teuchner SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23837 D Ulrich Heinrich FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23839 B Bärbel Höhn, Ministerin (Nordrhein-West- falen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23841 A Ulrich Heinrich FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . 23843 C Kersten Naumann PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23843 D Heino Wiese (Hannover) SPD . . . . . . . . . . . . 23845 D Ulrich Heinrich FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . 23846 D Eberhard Sinner, Staatsminister (Bayern) . . . . 23848 A Ulrike Höfken BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 23850 B Norbert Schindler CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . 23852 B Bärbel Höhn, Ministerin (Nordrhein-West- falen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23852 C Gudrun Kopp FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23853 A Gustav Herzog SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23854 B Helmut Heiderich CDU/CSU . . . . . . . . . . 23855 B Peter H. Carstensen (Nordstrand) CDU/CSU 23856 B Matthias Weisheit SPD . . . . . . . . . . . . . . . 23857 A Matthias Berninger, Parl. Staatssekretär BMVEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23858 B Norbert Schindler CDU/CSU . . . . . . . . . . 23859 D Annette Widmann-Mauz CDU/CSU . . . . . . . . 23861 B Karsten Schönfeld SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23863 C Matthias Weisheit SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23864 D Tagesordnungspunkt 4: a) Antrag der Abgeordneten Horst Seehofer, Karl-Josef Laumann, weite- rer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU: Krise in der Sozialversi- cherung beseitigen – endlich die not- wendigen Reformen auf den Weg bringen (Drucksache 14/8268) . . . . . . . . . . . . . 23865 B b) Unterrichtung durch die Bundesregie- rung: Sozialbericht 2001 (Drucksache 14/8700) . . . . . . . . . . . . . 23865 C in Verbindung mit Plenarprotokoll 14/239 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 239. Sitzung Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 I n h a l t : Zusatztagesordnungspunkt 3: Antrag der Abgeordneten Dr. Irmgard Schwaetzer, Dr. Heinrich Kolb, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Für grundlegende Reformen der sozia- len Sicherungssysteme (Drucksache 14/9245) . . . . . . . . . . . . . . . . 23865 C Gerald Weiß (Groß-Gerau) CDU/CSU . . . . . . 23865 C Ulrike Mascher, Parl. Staatssekretärin BMA 23867 C Kurt J. Rossmanith CDU/CSU . . . . . . . . . 23868 C Dr. Ilja Seifert PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23869 D Dr. Irmgard Schwaetzer FDP . . . . . . . . . . . . . 23871 B Dr. Thea Dückert BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23872 D Dr. Norbert Blüm CDU/CSU . . . . . . . . . . 23874 A Dr. Christa Luft PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23876 A Klaus Brandner SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23877 D Wolfgang Meckelburg CDU/CSU . . . . . . . 23878 C Johannes Singhammer CDU/CSU . . . . . . . . . 23881 A Katrin Göring-Eckardt BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23883 B Detlef Parr FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23885 A Regina Schmidt-Zadel SPD . . . . . . . . . . . . . . 23886 C Wolfgang Zöller CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . 23889 D Erika Lotz SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23891 B Dr. Norbert Blüm CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . 23893 C Dr. Thea Dückert BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23893 D Peter Dreßen SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23894 B Tagesordnungspunkt 31: Überweisungen im vereinfachten Ver- fahren a) AntragderBundesregierung:Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an dem Einsatz einer Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe in Af- ghanistan auf der Grundlage der Re- solutionen 1386 (2001), 1383 (2001) und 1378 (2001) des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (Drucksache 14/9246) . . . . . . . . . . . . . 23897 A b) Antrag der Bundesregierung: Fortset- zung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an dem NATO-geführten Einsatz auf maze- donischem Territorium zum Schutz von Beobachtern internationaler Or- ganisationen im Rahmen der weite- ren Implementierung des politischen Rahmenabkommens vom 13. August 2001 auf der Grundlage des Ersu- chens der mazedonischen Regierung vom 28. April 2002 und der Resolu- tion 1371 (2001) des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen vom 26. Sep- tember 2001 (Drucksache 14/9179) . . . . . . . . . . . . . 23897 A c) Erste Beratung des von den Fraktionen der SPD und des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Sechsten Gesetzes zur Ände- rung des Bundesverfassungsgerichts- gesetzes (Drucksache 14/9220) . . . . . . . . . . . . . 23897 B d) Erste Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu den Protokollen zum Über- einkommen vom 7. November 1991 zum Schutz der Alpen (Alpenkonvention) (Drucksache 14/8980) . . . . . . . . . . . . . 23897 B e) Erste Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Zusatzabkommen vom 20. Dezember 2001 zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung der Französischen Republik zum Ab- kommen vom 21. Juli 1959 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Französischen Republik zur Vermeidung der Doppelbesteuerun- gen und über gegenseitige Amts- und Rechtshilfe auf dem Gebiete der Steuern vom Einkommen und vom Vermögen sowie der Gewerbesteuern und der Grundsteuern (Drucksache 14/8982) . . . . . . . . . . . . . 23897 C f) Erste Beratung des vom Bundesrat ein- gebrachten Entwurfs eines ... Gesetzes zur Änderung des Regionalisierungs- gesetzes (Drucksache 14/8997) . . . . . . . . . . . . . 23897 C g) Erste Beratung des vom Bundesrat ein- gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Vereinfachung und Vereinheitli- chung der Verfahrensvorschriften zur Wahl und Berufung ehrenamtli- cher Richter (Drucksache 14/9006) . . . . . . . . . . . . . 23897 C h) Erste Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu den Änderungen vom 15. Juni 1999 des Übereinkommens zum Schutz des Menschen bei der au- tomatischen Verarbeitung personen- bezogener Daten und zu dem Zusatz- protokoll vom 8. November 2001 zu diesem Übereinkommen (Drucksache 14/9193) . . . . . . . . . . . . . 23897 D Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002II i) Erste Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Ersten Gesetzes zur Änderung des Telekommunikationsgesetzes (Drucksachen 14/9194, 14/9237) . . . . 23897 D j) Erste Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Dritten Gesetzes zur Änderung des Postgesetzes (Drucksachen 14/9195, 14/9236) . . . . 23897 D k) Erste Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Regelung der Preisbin- dung bei Verlagserzeugnissen (Drucksachen 14/9196, 14/9239) . . . . 23898 A l) Erste Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Sechsten Gesetzes zur Änderung des Strafvollzugsgesetzes (Drucksachen 14/9197, 14/9235) . . . . 23898 A m) Erste Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Internationalen Übereinkommen vom 15. Dezember 1997 zurBekämpfung terroristischer Bombenanschläge (Drucksache 14/9198) . . . . . . . . . . . . . 23898 A n) Erste Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Europa-Mittelmeer- Abkommen vom 25. Juni 2001 zur Gründung einer Assoziation zwi- schen den Europäischen Gemein- schaften und ihren Mitgliedstaaten einerseits und der Arabischen Repu- blik Ägypten andererseits (Drucksache 14/9199) . . . . . . . . . . . . . 23898 A o) Erste Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Revisionsprotokoll vom 12. März 2002 zu dem Abkom- men vom 11. August 1971 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Schweizerischen Eidgenos- senschaft zur Vermeidung der Dop- pelbesteuerung auf dem Gebiete der Steuern vom Einkommen und vom Vermögen (Drucksache 14/9201) . . . . . . . . . . . . . 23898 B p) Erste Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Internationalen Kaffee-Übereinkommen von 2001 (Drucksache 14/9202) . . . . . . . . . . . . . 23898 B in Verbindung mit Tagesordnungspunkt 30: Erste Beratung des von den Fraktionen der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ- NEN eingebrachten Entwurfs eines Fünf- ten Gesetzes zur Änderung des Stasi- Unterlagen-Gesetzes (Drucksache 14/9219) . . . . . . . . . . . . . . . . 23898 C in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 4: Weitere Überweisungen im vereinfach- ten Verfahren (Ergänzung zu TOP 31) a) Erste Beratung des von denAbgeordne- ten Alfred Hartenbach, Margot von Renesse, weiteren Abgeordneten und der Fraktion der SPD sowie den Ab- geordneten Volker Beck (Köln), Hans- Christian Ströbele, weiteren Abgeord- neten und der Fraktion des BÜNDNIS- SES 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Errich- tung einer Magnus-Hirschfeld-Stif- tung (Drucksache 14/9218) . . . . . . . . . . . . . 23898 C b) Antrag der Abgeordneten Eva Bulling- Schröter, Dr. Bärbel Grygier, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der PDS: Konzept zur Entsorgung radio- aktiver Abfälle (Drucksache 14/9149) . . . . . . . . . . . . . 23898 C c) Antrag der Fraktionen der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Antisemitismus ächten – Zusammen- halt in Deutschland stärken (Drucksache 14/9226) . . . . . . . . . . . . . 23898 D d) Antrag der Abgeordneten Dr. Guido Westerwelle, Dr. Max Stadler, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Antisemitismus ächten – Zusammen- halt in Deutschland stärken (Drucksache 14/9261) . . . . . . . . . . . . . 23898 D Tagesordnungspunkt 32: Abschließende Beratungen ohne Aus- sprache a) Zweite und dritte Beratung des vom Bundesrat eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Förderung humanitä- rer Auslandseinsätze (FHAG) (Drucksachen 14/628, 14/9015) . . . . . 23899 A b) Zweite und dritte Beratung des von den Fraktionen der SPD, der CDU/CSU, Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 III des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN, der FDP und der PDS eingebrachten Entwurfs eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Gesetzes zur Errich- tung einer Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (Drucksachen 14/9032, 14/9262) . . . . . 23899 B c) Zweite und dritte Beratung des von den Fraktionen der SPD und des BÜND- NISSES 90/DIE GRÜNEN einge- brachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung futtermittelrechtlicherVor- schriften sowie zur Änderung sonsti- ger Gesetze (Drucksachen 14/9034, 14/9249) . . . . . 23899 C in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 5: Weitere abschließende Beratung ohne Aussprache (Ergänzung zu TOP 32) Beschlussempfehlung des Petitionsaus- schusses: Sammelübersicht 391 zu Peti- tionen (Drucksache 14/9074) . . . . . . . . . . . . . . . . 23899 D Zusatztagesordnungspunkt 6: Aktuelle Stunde betr. Haltung der Bun- desregierung zu drastischen Einnahme- verlusten der Länder aufgrund der Steu- erreform . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23900 A Jochen Riebel, Staatsminister (Hessen) . . . . . 23900 A Lydia Westrich SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23901 B Carl-Ludwig Thiele FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . 23902 D Christine Scheel BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23904 A Dr. Barbara Höll PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23905 C Karl Diller, Parl. Staatssekretär BMF . . . . . . . 23906 D Peter Rauen CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23908 C Antje Hermenau BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23909 C Hans Michelbach CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . 23910 D Nina Hauer SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23911 D Dietrich Austermann CDU/CSU . . . . . . . . . . . 23913 B Horst Schild SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23914 C Susanne Jaffke CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . . 23915 B Hans-Eberhard Urbaniak SPD . . . . . . . . . . . . 23916 A Tagesordnungspunkt 5: a) Antrag der Fraktionen der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Chancen auf Arbeit für alle – Offen- sive in der Arbeitsmarktpolitik (Drucksache 14/9225) . . . . . . . . . . . . . 23917 A b) Unterrichtung durch die Bundesregie- rung: Nationaler Beschäftigungspo- litischer Aktionsplan der Bundes- republik Deutschland 2002 (Drucksache 14/8715) . . . . . . . . . . . . . 23917 B c) Antrag der Abgeordneten Dirk Niebel, Dr. Irmgard Schwaetzer, weiterer Abge- ordneter und der Fraktion der FDP: Für eine grundlegend neue Organisation derArbeitsmarktpolitik (Drucksache 14/8287) . . . . . . . . . . . . . 23917 B d) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Arbeit und Sozial- ordnung zu dem Antrag der Abgeordne- ten Karl-Josef Laumann, Matthias Wissmann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU: Politik für mehr Beschäftigung statt organisati- onspolitischem Aktionismus (Drucksachen 14/8363, 14/9256) . . . . . 23917 C in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 7: Antrag der Abgeordneten Dr. Heidi Knake- Werner, Eva Bulling-Schröter, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der PDS: Arbeitszeitgesetz (ArbZG) beschäfti- gungssichernd reformieren – Überstun- den abbauen (Drucksache 14/6113) . . . . . . . . . . . . . . . . 23917 C in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 8: Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- schusses für Arbeit und Sozialordnung zu dem Antrag der Abgeordneten Karl-Josef Laumann, Brigitte Baumeister, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/ CSU: Arbeitsrecht flexibilisieren – Be- schäftigung schaffen (Drucksachen 14/8267, 14/9221) . . . . . . . 23917 C Adolf Ostertag SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23917 D Wolfgang Meckelburg CDU/CSU . . . . . . . . . . 23920 B Dr. Thea Dückert BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23922 A Dirk Niebel FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23924 B Dr. Klaus Grehn PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23925 D Matthäus Strebl CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . . 23926 C Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002IV Walter Riester, Bundesminister BMA . . . . . . 23928 B Ernst Hinsken CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . . . 23931 A Tagesordnungspunkt 6: a) Unterrichtung durch die Bundesregie- rung: Bericht der Bundesregierung zum Stand der Bemühungen um Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbrei- tung sowie über die Entwicklung der Streitkräftepotenziale (Jahresabrüs- tungsbericht 2001) (Drucksache 14/8941) . . . . . . . . . . . . . 23933 A d) Beschlussempfehlung und Bericht des Auswärtigen Ausschusses zu dem An- trag der Fraktionen der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der FDP: Atomteststoppvertrag rati- fizieren (Drucksachen 14/2041, 14/4376) . . . . 23933 A in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 9: Antrag der Abgeordneten René Röspel, Petra Ernstberger, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD sowie der Abge- ordneten Angelika Beer, Rita Grießhaber, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Maßnahmen gegen eine Bedrohung durch biologische Waffen (Drucksache 14/9240) . . . . . . . . . . . . . . . . 23933 B in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 10: Antrag der Abgeordneten Uta Zapf, Rainer Arnold, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD sowie der Abgeordneten Angelika Beer, Rita Grießhaber, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜND- NISSES 90/DIE GRÜNEN: Für eine kooperative Rüstungskontroll-, Abrüs- tungs- und Nichtverbreitungspolitik (Drucksache 14/9241) . . . . . . . . . . . . . . . . 23933 B Uta Zapf SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23933 C Eckart von Klaeden CDU/CSU . . . . . . . . . . . 23934 D Angelika Beer BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 23936 C Hildebrecht Braun (Augsburg) FDP . . . . . 23937 D Hildebrecht Braun (Augsburg) FDP . . . . . . . . 23938 D Heidi Lippmann PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23940 A Dr. Christoph Zöpel, Staatsminister AA . . . . . 23940 D Kurt J. Rossmanith CDU/CSU . . . . . . . . . . . . 23942 B Tagesordnungspunkt 7: Große Anfrage der Abgeordneten Günther Friedrich Nolting, Ina Albowitz, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Neuordnung des Liegenschaftsmanage- ments der Bundeswehr (Drucksachen 14/6613, 14/8988) . . . . . . . 23943 D Jürgen Koppelin FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23943 D Walter Kolbow, Parl. Staatssekretär BMVg . . 23945 B Paul Breuer CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23947 A Winfried Nachtwei BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23950 A Dr. Uwe-Jens Rössel PDS . . . . . . . . . . . . . . . . 23951 B Rainer Arnold SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23952 A Jürgen Koppelin FDP . . . . . . . . . . . . . . . . 23953 B Tagesordnungspunkt 8: Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Soli- darpaktfortführungsgesetzes (Drucksachen 14/8979, 14/9154) . . . . . . . 23954 C Zusatztagesordnungspunkt 11: Antrag der Abgeordneten Dr. Norbert Lammert, Bernd Neumann (Bremen), wei- terer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU: Historische Mitte Berlin (Drucksache 14/9023) . . . . . . . . . . . . . . . . 23955 A in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 12: Antrag der Abgeordneten Eckhardt Barthel (Berlin), Hans-Werner Bertl, weiterer Ab- geordneter und der Fraktion der SPD sowie der Abgeordneten Franziska Eichstädt- Bohlig, Kerstin Müller (Köln), Rezzo Schlauch und der Fraktion des BÜNDNIS- SES 90/DIE GRÜNEN: Empfehlungen der Internationalen Expertenkommis- sion „Historische Mitte Berlin“ (Drucksache 14/9222) . . . . . . . . . . . . . . . . 23955 A in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 13: Antrag der Abgeordneten Dr. Günter Rexrodt, Hans-Joachim Otto (Frankfurt), weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Wiederherstellung der histori- schen Mitte Berlins (Drucksache 14/9243) . . . . . . . . . . . . . . . . 23955 B in Verbindung mit Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 V Zusatztagesordnungspunkt 14: Antrag der Abgeordneten Petra Pau, Dr. Christa Luft, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der PDS: Die Mitte der Spreeinsel als offenes Bürgerforum ge- stalten – Empfehlungen der Experten- kommission öffentlich diskutieren (Drucksache 14/9244) . . . . . . . . . . . . . . . . 23955 B in Verbindung mit Zusatztagesordnungspunkt 15: Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- schusses für Kultur und Medien zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Heinrich Fink, Dr. Gregor Gysi, weiterer Abgeord- neter und der Fraktion der PDS: Gewölbe unter dem ehemaligen Nationaldenkmal auf dem Berliner Schlossplatz für die Öffentlichkeit zugänglich machen (Drucksachen 14/3120, 14/6914) . . . . . . . 23955 C Eckhardt Barthel (Berlin) SPD . . . . . . . . . . . . 23955 C Dr. Norbert Lammert CDU/CSU . . . . . . . . . . 23956 D Franziska Eichstädt-Bohlig BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23958 B Dr. Günter Rexrodt FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . 23959 B Petra Pau PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23960 A Dr. Julian Nida-Rümelin, Staatsminister BK 23960 D Tagesordnungspunkt 10: a) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Wirtschaft und Tech- nologie zu dem Antrag der Abgeordne- ten Dr. Margrit Wetzel, Dr. Ditmar Staffelt, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD sowie der Abgeord- neten Werner Schulz (Leipzig), Hans- Josef Fell, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN: Nationales Luftfahrt- forschungsprogramm fortsetzen (Drucksachen 14/8027, 14/8909) . . . . . 23962 B b) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Wirtschaft und Tech- nologie zu dem Antrag der Abgeordne- ten Max Straubinger, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), weiterer Abgeord- neter und der Fraktion der CDU/CSU: Luftfahrtforschung voranbringen (Drucksachen 14/7439, 14/8910) . . . . . 23962 C Tagesordnungspunkt 11: Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- schusses für Wirtschaft und Technologie zu dem Antrag der Abgeordneten Hartmut Schauerte, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU: Für ein modernes Wett- bewerbs- und Kartellrecht in Europa (Drucksachen 14/6634, 14/9213) . . . . . . . 23962 D Dr. Ditmar Staffelt, Parl. Staatssekretär BMWi 23963 A Hartmut Schauerte CDU/CSU . . . . . . . . . . . . 23964 A Dr. Ditmar Staffelt SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . 23966 A Hartmut Schauerte CDU/CSU . . . . . . . . . . . . 23966 B Dr. Uwe Jens SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23966 C Tagesordnungspunkt 12: a) Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschät- zung gemäß § 56 a der Geschäftsord- nung: Technikfolgenabschätzung hier: Monitoring „Kernfusion“ (Drucksache 14/8959) . . . . . . . . . . . . . 23968 A b) Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschussses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung – zu dem Antrag der Abgeordneten Ulrike Flach, Cornelia Pieper, weiterer Abgeordneter und der Frak- tion der FDP: Zukunftsorientie- rte Energieforschung – Fusions- forschung – zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Martin Mayer (Siegertsbrunn), Dr. Gerhard Friedrich (Erlangen), weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU: Kernfusi- onsforschung für eine zukünftige Energieversorgung (Drucksachen14/3813,14/4498,14/8660) 23968 A Tagesordnungspunkt 13: Beschlussempfehlung und Bericht des Aus- schusses für Wirtschaft und Technologie zu dem Entschließungsantrag der Abge- ordneten Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Dr. Hansjürgen Doss, weiterer Abgeordne- ter und der Fraktion der CDU/CSU zu der Großen Anfrage der Abgeordneten Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Gunnar Uldall, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU: Unternehmer im Netzwerk – für eine Kultur der Selbst- ständigkeit (Drucksachen 14/5838, 14/6866, 14/8171, 14/9214) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23968 C Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002VI Tagesordnungspunkt 14: Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Verbraucherschutz, Er- nährung und Landwirtschaft – zu der Unterrichtung durch die Bundes- regierung: Gesamtwaldbericht – zu dem Entschließungsantrag der Ab- geordneten Heidemarie Wright, Brigitte Adler, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD sowie der Abgeord- neten Steffi Lemke, Ulrike Höfken, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN zu der Unterrichtung durch die Bundes- regierung: Gesamtwaldbericht – zu dem Entschließungsantrag der Frak- tion der CDU/CSU zu der Unterrich- tung durch die Bundesregierung: Ge- samtwaldbericht (Drucksachen 14/6750, 14/8036, 14/8037, 14/8831) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23968 D Tagesordnungspunkt 15: Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Tourismus zu dem Antrag der Abgeordneten Brunhilde Irber, Annette Faße, weiterer Abgeordneter und der Frak- tion der SPD sowie der Abgeordneten Sylvia Voß, Franziska Eichstädt-Bohlig, weiterer Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Den Tourismus im ländlichen Raum nachhaltig stärken (Drucksachen 14/7300, 14/9192) . . . . . . . 23969 B Tagesordnungspunkt 16: a) Beschlussempfehlung des Petitionsaus- schusses: Sammelübersicht 393 zu Pe- titionen (Eisenbahner- und Postrenten) (Drucksache 14/9156) . . . . . . . . . . . . . 23969 C b) Beschlussempfehlung des Petitionsaus- schusses: Sammelübersicht 394 zu Pe- titionen (Eisenbahner- und Postrenten) (Drucksache 14/9157) . . . . . . . . . . . . . 23969 C Heidemarie Lüth PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23969 D Zusatztagesordnungspunkt 16: Antrag der Abgeordneten Dr. Margrit Wetzel, Dr. Rainer Wend, weiterer Abgeord- neter und der Fraktion der SPD sowie der Abgeordneten Werner Schulz (Leipzig), Andrea Fischer (Berlin), weiterer Abgeord- neter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Weltweite Märkte für Meerestechnik erschließen (Drucksache 14/9223) . . . . . . . . . . . . . . . . 23971 A Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23971 C Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . 23973 A Anlage 2 Erklärung des Abgeordneten Dr. Heinrich Fink (PDS) zur Abstimmung über den Entwurf eines Gesetzes der FDP für eine Reform des Stiftungszivilrechts (Stiftungsrechtsreform- gesetz) – Drucksache14/5811 – (233. Sitzung, Tagesordnungspunkt 9) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23973 D Anlage 3 Antwort des Parl. Staatssekretärs Dr. Eckhart Pick (BMJ) auf die Frage des Abgeordneten Dietrich Austermann (CDU/CSU) (238. Sit- zung, Drucksache 14/9188, Frage 14) . . . . . . 23973 D Anlage 4 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Solidarpaktfortführungsgesetzes (Tages- ordnungspunkt 8) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23974 A Joachim Stünker SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23974 A Heinz Seiffert CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . . . 23974 D Antje Hermenau BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 23976 B Gerhard Schüßler FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23976 C Dr. Uwe-Jens Rössel PDS . . . . . . . . . . . . . . . . 23976 D Karl Diller, Parl. Staatssekretär BMF . . . . . . 23977 B Anlage 5 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Beschlussempfehlungen und der Berichte: – Nationales Luftfahrtforschungsprogramm fortsetzen – Luftfahrtforschung voranbringen (Tagesordnungspunkt 10 a und b) . . . . . . . . . . 23978 A Dr. Margrit Wetzel SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . 23978 A Max Straubinger CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . 23979 A Hans-Josef Fell BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 23980 C Ulrike Flach FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23981 B Wolfgang Bierstedt PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . 23981 D Dr. Ditmar Staffelt Parl. Staatssekretär BMWi 23982 B Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 VII Anlage 6 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts: Für ein modernes Wettbewerbs- und Kartellrecht in Europa (Tagesordnungspunkt 11) . . . . . . . . . . 23983 B Werner Schulz (Leipzig) BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23983 B Gudrun Kopp FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23984 A Ursula Lötzer PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23984 B Anlage 7 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung: – Bericht: Technikfolgenabschätzung – hier: Monitoring „Kernfusion“ – Beschlussempfehlung und Bericht zu den Anträgen: – Zukunftsorientierte Energieforschung – Fusionsforschung – Kernfusionsforschung für eine zukünf- tige Energieforschung (Tagesordnungspunkt 12 a und b) . . . . . . . . . . 23985 A Ulrich Kasparick SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23985 A Dr. Martin Mayer (Siegertsbrunn) CDU/CSU 23985 D Hans-Josef Fell BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 23987 C Ulrike Flach FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23988 C Angela Marquardt PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23989 B Wolf-Michael Catenhusen, Parl. Staatssekre- tär BMBF . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23989 D Anlage 8 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts zu der Entschließung: Unternehmer im Netzwerk – für eine Kultur der Selbstständigkeit (Tages- ordnungspunkt 13) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23990 D Michaele Hustedt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 23990 D Jelena Hoffmann (Chemnitz) SPD . . . . . . . . . 23991 C Wolfgang Börnsen (Bönstrup) CDU/CSU . . . . 23992 C Gudrun Kopp FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23994 D Rolf Kutzmutz PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23995 A Dr. Ditmar Staffelt, Parl. Staatssekretär BMWi 23995 C Anlage 9 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Unterrichtung und der Entschließungsanträge: Gesamtwaldbericht (Tagesordnungspunkt 14) 23996 C Heidemarie Wright SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . 23996 C Reinhard Freiherr von Schorlemer CDU/CSU 23997 B Steffi Lemke BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN . . . 23998 D Ulrich Heinrich FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23999 D Eva Bulling-Schröter PDS . . . . . . . . . . . . . . . 24000 B Dr. Gerald Thalheim, Parl. Staatssekretär BMVEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24000 D Anlage 10 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts: Den Tourismus im ländlichen Raum nachhaltig stärken (Tagesordnungspunkt 15) . . . . . . . . . . 24001 C Annette Faße SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24001 C Birgit Roth (Speyer) SPD . . . . . . . . . . . . . . . . 24002 C Thomas Dörflinger CDU/CSU . . . . . . . . . . . . 24003 C Ernst Hinsken CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . . . 24004 A Sylvia Voß BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN . . . . 24004 C Ernst Burgbacher FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24005 C Rosel Neuhäuser PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24006 B Anlage 11 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Beschlussempfehlungen: – Sammelübersicht 393 zu Petitionen – Sammelübersicht 394 zu Petitionen (Tagesordnungspunkt 16 a und b) . . . . . . . . . . 24007 A Erika Lotz SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24007 A Matthäus Strebl CDU/CSU . . . . . . . . . . . . . . . 24007 D Helmut Wilhelm (Amberg) BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24009 C Dr. Irmgard Schwaetzer FDP . . . . . . . . . . . . . 24010 B Anlage 12 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Weltweite Märkte für Meeres- technik erschließen (Zusatztagesordnungs- punkt 16) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24010 C Dr. Margrit Wetzel SPD . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24010 D Wolfgang Börnsen (Bönstrup) CDU/CSU . . . . 24011 D Hans-Josef Fell BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 24013 B Ulrike Flach FDP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24014 A Wolfgang Bierstedt PDS . . . . . . . . . . . . . . . . . 24014 D Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002VIII Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002
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    Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 Vizepräsidentin Petra Bläss 23971 (C)(A) 1) Anlage 12 Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23973 (C) (D) (A) (B) Altmaier, Peter CDU/CSU 06.06.2002 Dr. Bartsch, Dietmar PDS 06.06.2002 Beck (Bremen), BÜNDNIS 90/ 06.06.2002 Marieluise DIE GRÜNEN Bierling, Hans-Dirk CDU/CSU 06.06.2002 Bodewig, Kurt SPD 06.06.2002 Dr. Bötsch, Wolfgang CDU/CSU 06.06.2002 Brudlewsky, Monika CDU/CSU 06.06.2002 Bühler (Bruchsal), CDU/CSU 06.06.2002* Klaus Eppelmann, Rainer CDU/CSU 06.06.2002 Erler, Gernot SPD 06.06.2002 Frick, Gisela FDP 06.06.2002 Friedrich (Altenburg), SPD 06.06.2002 Peter Dr. Grygier, Bärbel PDS 06.06.2002 Hampel, Manfred SPD 06.06.2002 Hoffmann (Wismar), SPD 06.06.2002 Iris Irmer, Ulrich FDP 06.06.2002 Jüttemann, Gerhard PDS 06.06.2002 Dr. Küster, Uwe SPD 06.06.2002 Labsch, Werner SPD 06.06.2002 Leidinger, Robert SPD 06.06.2002 Maaß (Wilhelmshaven), CDU/CSU 06.06.2002* Erich Neumann (Bremen), CDU/CSU 06.06.2002 Bernd Neumann (Gotha), SPD 06.06.2002 Gerhard Onur, Leyla SPD 06.06.2002* Palis, Kurt SPD 06.06.2002* Raidel, Hans CDU/CSU 06.06.2002** Rauber, Helmut CDU/CSU 06.06.2002** Ronsöhr, CDU/CSU 06.06.2002 Heinrich-Wilhelm Schily, Otto SPD 06.06.2002 Schlee, Dietmar CDU/CSU 06.06.2002 Schmitz (Baesweiler), CDU/CSU 06.06.2002* Hans Peter von Schmude, Michael CDU/CSU 06.06.2002* Seehofer, Horst CDU/CSU 06.06.2002 Dr. Freiherr von CDU/CSU 06.06.2002 Stetten, Wolfgang Dr. Süssmuth, Rita CDU/CSU 06.06.2002** Trittin, Jürgen BÜNDNIS 90/ 06.06.2002 DIE GRÜNEN Dr. Volmer, Ludger BÜNDNIS 90/ 06.06.2002 DIE GRÜNEN Weisskirchen SPD 06.06.2002** (Wiesloch), Gert Dr. Wodarg, Wolfgang SPD 06.06.2002* Zierer, Benno CDU/CSU 06.06.2002* * für die Teilnahme an den Sitzungen der Westeuropäischen Union ** für die Teilnahme an den Sitzungen der Parlamentarischen Ver- sammlung der OSZE Anlage 2 Erklärung des Abgeordneten Dr. Heinrich Fink (PDS) zur Abstimmung überden Entwurf eines Gesetzes der FDPfür eine Reform des Stiftungszivilrechts (Stif- tungsrechtsreformgesetz) – Drucksache 14/5811 – (233. Sitzung, Tagesordnungspunkt 9) Namens der Fraktion der PDS erkläre ich: Unser Vo- tum lautet ja. Anlage 3 Antwort des Parl. Staatssekretärs Dr. Eckhart Pick auf die Frage des Abgeordneten Dietrich Austermann (CDU/CSU) (238. Sitzung, Drucksache 14/9188, Frage 14): Vertritt die Bundesregierung die Auffassung, dass angesichts der Beschwerde der zu den Oberlandesgerichten singular zuge- lassenen Rechtsanwälte gegen die Aufhebung der Singularzulas- sung an dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EuGMR) eine erheblich über den 1. Juli 2002 hinausreichende entschuldigt bis Abgeordnete(r) einschließlich entschuldigt bis Abgeordnete(r) einschließlich Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten Anlagen zum Stenographischen Bericht Verlängerung der Übergangsfrist durch Gesetz geschaffen werden sollte? Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil zur Verfassungswidrigkeit der Singularzulassung bei den Oberlandesgerichten (§ 25 Bundesrechtsanwaltsordnung) eine eindeutige Übergangsregelung getroffen. Es besteht, wie die Bundesregierung bereits auf eine schriftliche Frage des Abgeordneten van Essen (FDP) ausgeführt hat (Bundestagsdrucksache 14/8760, Seite 12, zu Frage 19), für den Gesetzgeber kein Raum, die vom Bundesverfas- sungsgericht getroffene Entscheidung abzuändern. Anlage 4 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Solidarpaktfortführungsgesetzes (Tagesordnungspunkt 8) Joachim Stünker (SPD): Auf dem Sonderfinanzpla- nungsrat im März haben Bund und Länder einmütig klare Absprachen zur innerstaatlichen Umsetzung der europä- ischen Stabilitätskriterien getroffen. Diese Absprachen umfassen verbindliche Höchstgrenzen für die Ausgaben- entwicklungen der Haushaltsebenen für die kommenden Jahre sowie eine nachhaltige Stärkung der Rolle des Finanzplanungsrats bei der Überwachung und Einhaltung der Kriterien. Diese verstärkte Rolle des Finanzplanungsrats ist im neuen § 51 a des Haushaltsgrundsätzegesetzes definiert. Das vorzeitige In-Kraft-Treten dieser Bestimmung bereits zum Juli diesen Jahres, die wir mit der Änderung des So- lidarpaktfortführungsgesetzes jetzt beschließen, ist also ein zentraler Teil des Bekenntnisses des Bundes und aller 16 Länder zur gemeinsamen gesamtstaatlichen Verant- wortung für die Einhaltung der europäischen Stabilitäts- kriterien. Die Tatsache und der Inhalt der vom Bund und – ich betone ausdrücklich – allen 16 Ländern gemeinsam ge- troffenen Absprachen zur gemeinsamen Stabilitätsverant- wortung zeigt, meine Damen und Herren von der Union, dass Ihre Aktuelle Stunde von vorhin mit der angeblichen Ausplünderung des einen durch den anderen schlicht un- ter Wahlkampf abzubuchen ist. Das haushaltspolitische Handeln in gemeinsamer Ver- antwortung ist, wie wir jetzt gerade sehen, doch ein ganzes Stück weiter, als Sie es hier vorführen wollten. Die Bereitschaft des Bundes, seine Ausgaben in den nächsten beiden Jahren um jeweils 1/2 Prozent zu reduzieren und den Ländern damit einen größeren Spielraum in der ge- meinsamen Ausgabenlinie zu belassen, ist im Übrigen ein deutliches Zeichen dafür, dass sehr wohl eine faire inner- staatliche Verteilung der Konsolidierungslasten im Zuge der Einhaltung der Stabilitätszusagen auf europäischer Ebene vorgesehen ist. Eine wesentliche Voraussetzung der Verständigung von Bund und Ländern im Finanzplanungsrat war ganz offensichtlich, dass – anders als bei früheren Anläufen zu einem nationalen Stabilitätspakt – auf eine kleinteilige und vollkommen starre Zurechnung „maximal erlaubter Verschuldung“ auf einzelne Gebietskörperschaften ver- zichtet wurde. Denn so wurde den einzelnen Beteiligten der Anreiz genommen, gleichsam „zur Sicherheit“ kom- promisslos um einen möglichst großen eigenen Anteil an der „erlaubten Gesamtverschuldung“ zu kämpfen. Ich hoffe, dass dieser Weg auch künftig weiter verfolgt wird und es keinen Rückfall in die gescheiterten Versuche gibt, die Partner in starre, unveränderliche gesetzliche oder förmliche vertragliche Bindungen zu zwingen. Unangebracht wäre allerdings ebenso eine Verwässe- rung des bereits Erreichten, wie sie der heute erneut ein- gebrachte Antrag der PDS zur Folge hätte. Die kommu- nalen Haushalte sind nun einmal Teil des öffentlichen Gesamthaushalts und müssen natürlich in die Anstren- gungen zur Erreichung des Stabilitätsziels einbezogen werden. Ob der Finanzierungssaldo für sich genommen eine aussagefähige Kenngröße für die Finanzlage der Städte und Gemeinden ist – hierauf stellt ja die Antrags- begründung ab –, ist doch eine ganz andere Frage. Als Vorsitzender des Sonderausschusses Maßstäbe- gesetz/Finanzausgleichsgesetz möchte ich es nicht ver- säumen, darauf hinzuweisen, dass die Formulierung des § 51 a HGrG, die hier nun vorzeitig in Kraft treten soll, der Arbeit unseres Ausschusses zu verdanken ist. Im Verfah- ren zum Solidarpaktfortführungsgesetz im vergangenen Jahr haben wir sie letztlich den Exekutiven von Bund und Ländern abringen müssen. Dass nun gerade das schnelle Inkraftsetzen dieser Rege- lung ein wesentliches Ergebnis des Sonderfinanzplanungs- rates war, zeigt, dass unsere Arbeit durchaus von Einfluss auf die Stärkung einer gesamtstaatlichen Stabilitätskultur und -verantwortung in unserem Land gewesen ist. Bei dieser Gelegenheit möchte ich allen Kolleginnen und Kollegen im Sonderausschuss für ihre Arbeit danken. Wie schon bei den großen Gesetzen, die wir behandelt haben, dem Maßstäbegesetz und dem Solidarpaktfort- führungsgesetz, sind wir auch bei dieser Änderung jetzt mit breiter Mehrheit im Ausschuss zu einem positiven Er- gebnis bekommen. Dass es der FDP, die schon den Finanzausgleich und den Solidarpakt II abgelehnt hat, nicht einmal heute – wo es doch ganz eindeutig um ein Mehr an finanzpolitischer Stabilitätskultur in Deutschland geht – möglich ist, zuzu- stimmen, bedaure ich zutiefst. Heinz Seiffert (CDU/CSU): Bund und Länder haben sich bei der Verabschiedung des Solidarpaktfortführungs- gesetzes 2001 in Art. 7 darauf geeinigt, dass sie eine Rückführung der Nettoneuverschuldung mit dem Ziel ausgeglichener Haushalte anstreben wollen und dass der Finanzplanungsrat eine gemeinsame Ausgabenlinie emp- fehlen kann, die sicherstellt, dass die Bestimmungen des Maastricht-Vertrages und des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes umgesetzt werden. Es ist richtig, dass diese Regelungen nicht erst ab 2005, sondern so bald wie möglich in Kraft gesetzt werden. Der von der Bundesregierung – auch auf Wunsch der Länder – Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223974 (C) (D) (A) (B) eingebrachte Gesetzesentwurf, über den wir heute beraten und entscheiden, sieht vor, dass die genannten Verfahrens- regeln zur Haushaltsdisziplin von Bund und Ländern noch im Laufe dieses Jahres angewendet werden können. Dem stimmt die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ausdrücklich zu. Die Verabredung zu strikter Ausgabendisziplin und eine Rückführung der Neuverschuldung aller Gebietskör- perschaften sind notwendige und richtige Vorhaben. Die Union unterstützt nachdrücklich das Ziel ausgeglichener Haushalte und finanzpolitischer Stabilität. Wir erwarten allerdings, dass Bund und Länder ihrer finanzpolitischen Gesamtverantwortung gerecht werden und insbesondere den Kommunen keine weiteren Sonderlasten aufbürden. Ich persönlich hätte es sehr begrüßt, wenn es Minister Eichel gelungen wäre, dies in einem nationalen Stabili- tätspakt – mit Sanktionsmöglichkeiten – festzuschreiben. Es wäre allerdings ein Fehler, jetzt anzunehmen, durch das Vorziehen der soeben beschriebenen Regelung sei al- les Erforderliche getan, um Deutschland vor einer Über- schreitung der Maastrichter Stabilitätskriterien zu be- wahren. Vielmehr sind in erster Linie erheblich höhere Wachstumsraten notwendig, als wir sie derzeit haben. Wir müssen das gesamte Regierungshandeln darauf ausrich- ten, das Wirtschaftswachstum wieder anzukurbeln und den Arbeitslosen Stellen zu verschaffen. Wir können uns nicht damit abfinden, dass wir Schlusslicht beim Wirt- schaftswachstum in Europa sind, aber Spitzenreiter bei den Unternehmensinsolvenzen. Wir sind das Land mit der höchsten Neuverschuldung in ganz Europa. Aus dem einstigen Stabilitätsmuster- schüler ist Deutschland mit einem Defizit von 2,7 Prozent im Jahr 2001 und wohl mindestens 2,8 Prozent in diesem Jahr unter der rot-grünen Bundesregierung das Schluss- licht in Europa geworden. In allen europäischen Ländern ist das Staatsdefizit seit 1998 gesunken, nur in Deutschland ist es aufgrund der schlechten rot-grünen Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Finanzpolitik gestiegen. Mit großen Schritten bewegen wir uns auf die 3-Prozent-Defizit- grenze zu. Es ist Bundesfinanzminister Eichel zwar vor- erst gelungen, eine Frühwarnung der EU-Kommission – den so genannten blauen Brief – abzuwenden, indem er die Zusage gemacht hat, dass 2004 ein nahezu ausge- glichener Haushalt erreicht wird. Angesichts der weg- brechenden Steuereinnahmen – allein in den Jahren 2002 bis 2004 werden das für alle öffentlichen Haushalte wohl etwa 47 Milliarden Euro sein – ist bei einem „Weiter so!“ Eichels Brüsseler Versprechen blanke Illusion. Eichel hat sein Versprechen wohl auch nur gemacht, weil er ziemlich sicher davon ausgehen kann, dass er 2004 nicht mehr Fi- nanzminister ist. Der Bundeskanzler hat wohl befürchtet, der verdiente blaue Brief aus Brüssel werde seine Wahlchancen deut- lich verschlechtern, da er das offenkundige Versagen der rot-grünen Arbeitsmarkt-, Wirtschafts- und Steuerpolitik durch die EU-Kommission dokumentieren würde. Des- halb hat er mit allen Mitteln – ohne an die Konsequenzen und an den Schaden zu denken, der durch dieses Handeln entstanden ist – die Frühwarnung der EU verhindert. Nicht verhindern konnte er jedoch, dass die Deutsche Bundesbank in ihrem letzten Geschäftsbericht der Bun- desregierung einen blauen Brief ins Stammbuch geschrie- ben hat. Und im Herbst – nach der Wahl – droht der blaue Brief der EU-Kommission erneut. Die Arbeit der neuen Bundesregierung wird also mit einer schweren Hypothek belastet sein. Unsere Wirtschaftsdaten sind allerdings durch Eichels unrealistisches Versprechen um keinen Deut besser ge- worden. Und unser Ansehen in der Eurozone hat so oder so erheblich gelitten, schließlich war es gerade Deutsch- land – Eichels Vorgänger Theo Waigel –, das den europä- ischen Stabilitätspakt durchgesetzt hat. Der Bundesfinanzminister hat zu den dramatischen Steuerausfällen geäußert, er sei über die Folgen der von ihm gegen den erbitterten Widerstand der CDU/CSU- Bundestagsfraktion und fast aller Sachverständigen durchgesetzten Steuerreform „überrascht“. Er hat also die Folgen seines Regierungshandelns falsch eingeschätzt – und Sie von Rot-Grün sind ihm gefolgt. Und jetzt wun- dern Sie sich! Statt ihre verfehlte Wirtschafts-, Arbeits- markt- und Steuerpolitik zu korrigieren, versucht die Bun- desregierung, Länder und Kommunen für die Folgen ihrer verfehlten Politik verantwortlich zu machen. Das ist falsch und soll nur ablenken. Tatsache ist, dass die rot-grüne Bundesregierung die gesamtwirtschaftliche Verantwortung für Wachstum, Ver- schuldung und Arbeitsplätze in Deutschland trägt. Tat- sache ist, dass Sie durch eine unverantwortliche Wirt- schafts-, Finanz- und Arbeitsmarktpolitik Deutschland in eine Rezession geführt haben, eine Rezession, die über- wiegend hausgemacht ist und gewaltige Steuerausfälle für Länder und Kommunen gebracht hat. Tatsache ist, dass Rot-Grün – gegen den versammelten Sachverstand – eine Steuerreform zugunsten der Kapitalgesellschaften durch- gesetzt hat mit der Folge, dass die Körperschaftsteuerein- nahmen dramatisch eingebrochen sind. Und schließlich ist auch Tatsache: Schröder und Eichel haben die Finanz- situation der Kommunen durch Lastenverlagerungen, durch eine nicht gerechtfertigte Anhebung der Gewerbe- steuerumlage und durch den hausgemachten Konjunktur- einbruch dramatisch verschlechtert. Rot-Grün hat die kommunalen Kassen geplündert. Und nun werfen Sie den Städten und Gemeinden vor, dass sie die Verschuldung er- höhen müssen. Die Schuldzuweisungen des Finanzminis- ters an andere Gebietskörperschaften sind in der Sache falsch und ungerecht. Zur Beschreibung der aktuellen Finanzsituation gehört auch, dass im Jahr 2002 die Nettokreditaufnahme nahe an die Verfassungsgrenze des Art. 115 GG kommen wird. Wenn weitere massive Einnahmeausfälle kommen – und bei der Körperschaftsteuer zeichnet sich dies leider ab –, dann wird die Nettokreditaufnahme höher sein als die In- vestitionen im Bundeshaushalt. Jetzt rächt sich bitter, dass diese Regierung keinerlei finanz- und wirtschaftspoliti- sches Leitbild hat. Wer wie Rot-Grün immer neue Hürden für mehr Wachstum und Beschäftigung errichtet hat und am Jahresanfang 2002 den Investoren und Konsumenten rund 5 Milliarden Euro durch Steuererhöhungen – bei der Ökosteuer, der Tabak- und Versicherungsteuer und der Schwefelsteuer – aus der Tasche gezogen hat, der handelt ökonomisch verantwortungslos und muss sich über Kauf- zurückhaltung und Nachfrageschwäche nicht wundern. Viele auch von der SPD regierte Länder mussten auf die massiven Verschlechterungen auf der Einnahmenseite Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23975 (C) (D) (A) (B) mit Haushaltssperren reagieren. Sie sehen keinen anderen Ausweg aus der misslichen Lage, in die sie diese Bun- desregierung gebracht hat. Dringend notwendig sind eine durchgreifende Deregu- lierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und eine Entbürokratisierung vieler Lebensbereiche. Zusammen mit einer kräftigen Konjunkturbelebung wird dies auch eine Entlastung des Arbeitsmarktes bewirken. Die Union hat mit dem Modell „dreimal 40“ ein ehrgeiziges, aber not- wendiges Ziel vorgegeben. Neben der stufenweisen Sen- kung des Spitzensteuersatzes auf unter 40 Prozent sind vor allem die Rückführung der Staatsquote von derzeit 48,5 Prozent schrittweise auf rund 40 Prozent und die Reduzie- rung der Sozialversicherungsbeiträge auf im Ergebnis circa 40 Prozent nötig, um die Beschäftigungsschwelle deutlich zu senken. Der weit überwiegende Teil der Kos- ten wird durch Umschichtungen im Bundeshaushalt, durch die konsequente Rückführung der konsumtiven Ausgaben und durch eine schrittweise Kürzung der Mittel für den zweiten Arbeitsmarkt aufzubringen sein. CDU und CSU wollen durch eine Rückführung der Abgaben und Steuern die Eigenverantwortung der Bürger stärken und ihnen mehr Möglichkeiten zur Eigenvorsorge geben. Dazu muss es zu einer wachstumsfördernden Steuerpolitik und zu sparsamem Wirtschaften in den öffentlichen Haushalten kommen. Außerdem brauchen wir umfassende Reformen bei den sozialen Sicherungssystemen und in allen gesell- schaftlichen Bereichen. Wir werden diese Aufgaben ab September – wenn dies der Wähler will – mit Mut und Elan anpacken. Durch Wei- terwurschteln mit „ruhiger Hand“ werden wir die Zukunft sicher nicht gewinnen können. Antje Hermenau (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die heute zu debattierende Änderung des Solidarpaktfort- führungsgesetzes ist eine kleine, aber sehr wesentliche. Wir beschließen einen entscheidenden und konkreten Schritt, die Länder in einen nationalen Stabilitätspakt einzubezie- hen, um gemeinsam unseren Verpflichtungen gegenüber dem europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt zu ent- sprechen und ausgeglichene öffentliche Haushalte vorwei- sen zu können. Nachdem wir im letzten Jahr bei der Debatte zum Maß- stäbegesetz eine eher weiche Absichtserklärung der Län- der mit aufgenommen haben, geht es nun um die Schaf- fung harter Fakten. Die Länder werden verpflichtet, ihren Ausgabenzuwachs auf maximal 1 Prozent zu begrenzen. Der Bund geht mit leuchtendem Beispiel voran, indem er seinen Ausgabenzuwachs auf 0,5 Prozent begrenzt. Es versteht sich, dass die Länder unterschiedlich schnell und stark auf die Herausforderungen dieses nationalen Sta- bilitätspakts reagieren können. Die Länder mit einer Haus- haltsnotlage verdienen besondere Berücksichtigung. Das Ziel ist für alle gleich: ausgeglichene Haushalte. Die Wege und Geschwindigkeiten werden unterschiedlich sein. Des- halb wurde die Vorgabe für die Länder doppelt so hoch an- gesetzt wie für den Bund. Das lässt Spielraum. Die Finanzministerkonferenz der Länder wünschte eine Sondersitzung des Finanzplanungsrates, die am 21. März 2002 stattfand. Nachdem Deutschland am 12. Februar die- ses Jahres dem Ecofin-Rat gegenüber die Umsetzung des Stabilitätspaktes zugesagt hatte, waren sowohl der Bund als auch die Länder daran interessiert, diese Umsetzung konkret zu erörtern. Nun werden die Haushaltsgrundsätze angepasst, um die Gewährleistung der Haushaltsdisziplin im Sinne des Art. 104 EGV auf eine europataugliche Grundlage zu stellen. Auch wenn die heutige Aktuelle Stunde etwas anderes suggierte, weiß ich doch, dass die Mehrheit des Hauses die Sinnhaftigkeit und auch die Alternativlosigkeit dieser Vorgehensweise erkannt hat und insofern heute dieser Än- derung zustimmen wird. Gerhard Schüßler (FDP): Die FDP hat dem Gesetz- entwurf, den wir heute beraten, im Finanzausschuss nicht zugestimmt und wird auch heute mit Nein votieren. Vor- gezogen werden soll eine Änderung des Haushalts- grundsätzegesetzes, deren Inhalt wir natürlich begrüßen. Geregelt wird die Begrenzung der Ausgabensteigerung von Bund und Ländern. Das ist aber schon das einzig Po- sitive. Die FDP lehnt dieses Gesetz ab, weil das Solidarpakt- fortführungsgesetz – übrigens ein vollkommen falscher Ti- tel – auf einem faulen Kompromiss von Bund und Ländern beruht. Jetzt wollen Sie die Ausgabensteigerung begrenzen, im letzen Jahr hätten Sie nicht nur die Gelegenheit, sondern auch die Pflicht gehabt, die Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern neu zu regeln. Das hat uns allen das Bundesverfassungsgericht vorgeschrieben. Die Neurege- lung des Länderfinanzausgleichs, als echtes Maßstäbege- setz gefordert, als Verschiebebahnhof beschlossen, mit dem Namen Solidarität tabuisiert, damit es ja keine Kritik gibt: Hier macht die FDP nicht mit. Gerade die Kollegen von den großen Fraktionen scheuen davor zurück, endlich hoheitliche Aufgaben neu zu ordnen und dabei kräftig zu stutzen. Stattdessen wird jetzt der Anstieg der Ausgaben begrenzt. Das ist für sich zu begrüßen, aber nur ein Kurieren an Symptomen. Die FDP hat Vorschläge für eine Neuregelung des Län- derfinanzausgleichs gemacht. Sie waren nicht bereit, diese aufzugreifen. Die Koalition hat nach drei Jahren Nichtstun jetzt eine Kommission zur Reform der Gemeindefinanzen bzw. der Abschaffung der Gewerbesteuer eingesetzt, um Aktivität zu demonstrieren. Mit anderen Worten: Sie sind trotz aller Lippenbekenntnisse nicht bereit, dringend not- wendige und von den Bürgern erwartete Reformen einzu- leiten. Hier macht die FDP keinesfalls mit. Dr. Uwe-Jens Rössel (PDS): Die PDS-Fraktion stimmt der generellen Zielsetzung des Gesetzentwurfs der Bundesregierung, die Nettoneuverschuldung der Haus- halte von Bund, Ländern und Gemeinden zurückzuführen, zu. Dennoch wird der Gesetzentwurf wegen grundsätzli- cher inhaltlicher Bedenken abgelehnt. Die Gesamtverschuldung der öffentlichen Haushalte in der Bundesrepublik beläuft sich derzeit zusammen auf etwa 1,2 Billionen Euro. Natürlich darf daher auch das An- liegen, ausgeglichene Haushalte anzustreben, nicht aus den Augen verloren werden. Für das von Bundesfinanzminister Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223976 (C) (D) (A) (B) Eichel abgegebene Versprechen, dies bereits im Jahr 2004 erreichen zu können, bestehen aber keine ausreichenden Voraussetzungen. Allein der mit der Steuerschätzung vom Mai dieses Jahres prognostizierte Rückgang der Steuerein- nahmen in 2002 und 2003 um zusammen rund 30 Milliar- den Euro nährt erhebliche Zweifel, dass die vom Finanz- planungsrat im März dieses Jahres vereinbarte Begrenzung des Ausgabenwachstums auch nur annähernd ausreichen wird, diese Einnahmeausfälle zu kompensieren. Ohne kräf- tig sprudelnde Einnahmen aber sind Bund, Länder und Ge- meinden immer weniger in der Lage, ihrer Verantwortung für die Förderung des Wirtschaftslebens und die Ankurbe- lung des Arbeitsmarktes, für die notwendige Bildungsof- fensive bzw. die Lösung sozialer, soziokultureller und öko- logischer Aufgaben nachzukommen. Die im Gesetzentwurf verankerte Vorziehung der An- wendung des Europäischen Stabilitäts- und Wachstums- paktes verkommt in weiten Teilen zur Formalie. Besonders davon betroffen sind Städte, Gemeinden und Landkreise. Der so genannte Finanzierungssaldo hat nämlich auf der kommunalen Ebene, anders als auf der Ebene von Bund und Ländern, nur eine vergleichsweise geringe Aussagekraft zur Beurteilung der jeweiligen Haushaltsituation. Daher sind Vergleiche von Finanzierungssalden zwischen Bund und Ländern einerseits und der kommunalen Ebene andererseits auch nicht geeignet, ein zutreffendes Bild der vielerorts dra- matischen kommunalen Finanzlage zu zeichnen. Der vorliegende Gesetzentwurf ignoriert die gravie- renden Unterschiede zwischen dem kommunalen Haus- haltrecht auf der einen Seite sowie der Bundeshaushalt- ordnung bzw. den Haushaltordnungen der Länder auf der anderen Seite. Die dem Gesetzentwurf der Bundesregie- rung mit zugrunde liegende Verpflichtung der Kommunen nämlich, den gesamten Schuldendienst aus den laufenden Einnahmen des Verwaltungshaushaltes zu decken, würde bewirken, dass diese weit stärker als Bund und Länder ge- zwungen sind, durch Leistungseinschränkungen zulasten von Bürgern und Wirtschaft, durch weiteren Abbau des Personals sowie anhaltende Rückführung der bereits dras- tisch reduzierten Investitionen das kommunale Finanzie- rungsdefizit zu senken. Der von der PDS-Fraktion eingebrachte Änderungsan- trag 14/9276 stellt die Dinge wieder vom Kopf auf die Füße. Wir bitten Sie daher, unserem Antrag zuzustimmen. Karl Diller, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen: Der Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Solidarpaktfortführungsgesetzes zieht das In-Kraft- Treten von § 51 a Haushaltsgrundsätzegesetz auf den 1. Juli 2002 vor. Damit wird ein Beschluss des Finanz- planungsrates vom 21. März 2002 umgesetzt. Zur Erinnerung: Die Entwicklung des Staatshaushaltes verlief im Jahr 2001 deutlich ungünstiger, als wir es in un- serem Stabilitätsprogramm gegenüber der EU vom Okto- ber 2000 ursprünglich prognostiziert hatten. Ursache hier- für war insbesondere ein nicht vorhersehbarer Anstieg der Defizite in den Haushalten der Länder. Die Länderdefizite haben sich gegenüber dem Vorjahr verdreifacht. Wir haben im Ecofin-Rat unser Ziel bekräftigt, im Jahr 2004 einen nahezu ausgeglichenen Staatshaushalt zu er- reichen. Hierfür hat Deutschland unter anderem zugesagt, Vereinbarungen mit den Ländern über einen nationalen Stabilitätspakt zu treffen, der das Erreichen dieses Zieles sicherstellt. In schwierigen Verhandlungen haben Bund und Länder auf der Sondersitzung des Finanzplanungsrats am 21. März 2002 beraten, wie sie in gemeinsamer Verantwortung die Einhaltung der Vorgabe des europäischen Stabilitätspak- tes sicherstellen können, im Jahr 2004 einen nahezu aus- geglichenen Staatshaushalt zu erreichen. Als wesentlicher Eckpunkt wurde beschlossen, die Neuregelung des § 51 a Haushaltsgrundsätzegesetz be- reits zur Jahresmitte 2002 in Kraft treten zu lassen. Der neue § 51 a regelt zur Einhaltung der Haushalts- disziplin im Rahmen der EU, dass Bund und Länder anstre- ben, ihre Nettoneuverschuldung mit dem Ziel ausgegliche- ner Haushalte zurückzuführen; durch die Empfehlung des Finanzplanungsrates für eine gemeinsame Ausgabenlinie sicherzustellen ist, dass die Bestimmungen des Maastricht- Vertrages und des europäischen Stabilitätspaktes zur Be- grenzung des gesamtstaatlichen Defizits umgesetzt werden, der Finanzplanungsrat bei Abweichungen Empfehlungen zur Wiederherstellung der Haushaltsdisziplin ausspricht. Der letzte Punkt spiegelt das Verfahren, dem sich Deutschland auf EU-Ebene stellen muss, auf nationaler Ebene wider. Im Geiste des neuen § 51 a haben die Mitglieder des Fi- nanzplanungsrates einen nationalen Stabilitätspakt be- schlossen, der für die Jahre 2003 und 2004 vorsieht, dass der Bund seine Ausgaben im Vergleich zu 2002 um durch- schnittlich 0,5 Prozent pro Jahr vermindern wird und Län- der und Gemeinden ihr jährliches Ausgabenwachstum auf jeweils 1 Prozent im Jahresdurchschnitt begrenzen werden. Dabei bleibt der Bund bei seiner Planung, 2006 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Die Ausgabenempfehlung des Finanzplanungsrates wird also so angepasst, dass im Jahr 2004 – bei Vorliegen der konjunkturellen Voraussetzungen – ein nahezu ausge- glichener Staatshaushalt erreicht wird. Damit wurde der Kernpunkt unseres Konzeptes für eine innerstaatliche Regelung zur Einhaltung der EU-Vorgaben zur Haushaltsdisziplin verwirklicht: Statt eine bürokrati- sche und unpraktikable Verteilung von Defizitobergrenzen für jedes einzelne Bundesland anzustreben, wie es die Vor- gängerregierung vergeblich versucht hat, wird die Ausga- benlinie des Finanzplanungsrates für die Ziele des europä- ischen Stabilitätspaktes instrumentalisiert. Dieser Ansatz hat mit der neuen Ausgabenempfehlung des Finanzplanungsrates seine erste Bewährungsprobe bestanden. Das Ergebnis der Sondersitzung des Finanzplanungsra- tes ist ein großer Erfolg für die stetigen Bemühungen der Bundesregierung, die Länder konkret in die gesamtstaatli- che Verantwortung zur Einhaltung der Vorgaben des euro- päischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes einzubinden. Ausdrücklich möchte ich in diesem Zusammenhang auf die Kooperationsbereitschaft aller Bundesländer hinweisen, Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23977 (C) (D) (A) (B) die sich zu ihrer Verantwortung für die Einhaltung der euro- päischen Vorgaben zur Haushaltsdisziplin bekannt haben. Damit wird im Übrigen auch einer Forderung der EU- Kommission Rechnung getragen, die Rolle des Finanzpla- nungsrates bei der innerstaatlichen Umsetzung der euro- päischen Vorgaben zur Haushaltsdisziplin aufzuwerten. Entsprechend positiv wurde die Regelung eines nationalen Stabilitätspaktes von der EU-Kommission aufgenommen. Mit dem heute zur Abstimmung stehenden Gesetzent- wurf wird die Finanzpolitik von Bund, Ländern und Ge- meinden auf eine europataugliche Grundlage gestellt. Anlage 5 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Beschlussempfehlungen und der Berichte: – Nationales Luftfahrtforschungsprogramm fortsetzen – Luftfahrtforschung voranbringen (Tagesordnungspunkt 10 a und b) Dr. Margrit Wetzel (SPD): Der Luftfahrtstandort Deutschland ist ein starker Partner im europäischen Ver- bund der Luftfahrtindustrie und muss als solcher gesichert werden. Darin sind wir gewiss über alle Fraktionen hin- weg einig. Nur allzu gut ist uns der Tiefpunkt Mitte der 90er-Jahre in Erinnerung: Ich nenne nur das Stichwort „Dolores“. Der Umsatz der Branche, der Anfang der 90er- Jahre noch bei 14 Milliarden DM lag, fiel um circa 40 Pro- zent auf knapp 8 Milliarden. Die Zahl der Beschäftigten nahm um 30 Prozent ab, fast 30 000 Arbeitsplätze gingen verloren. Dann folgte die neue Erfolgsstory der Luftfahrt- industrie: Nicht zuletzt unterstützt durch die Luftfahrtfor- schungsprogramme stieg der Umsatz bis 2001 wieder auf circa 15 Milliarden DM, verdoppelte sich also fast. 10 000 Menschen fanden neue, qualifizierte Arbeitsplätze. Deutsche Unternehmen sind wieder Top-Partner in der EU – und so soll es auch bleiben. Das heißt für uns: Wenn wir die Wettbewerbsfähigkeit und die Planungssicherheit für die Unternehmen unterstützen wollen, dürfen wir die Industrie mit ihren hervorragenden Eigenbeiträgen nicht allein lassen. Natürlich kann die Industrie, wenn sie schwarze Zahlen schreibt, auch richtig große eigene An- strengungen auf den Weg bringen. Und das tut sie auch. Wenn es aber darum geht, Kernkompetenzen in Deutsch- land zu halten, Arbeitsplätze und den Markterfolg der Un- ternehmen zu sichern, dann müssen wir mindestens glei- che Unterstützung gewähren wie unsere wichtigen Partner in Europa. England und Frankreich zum Beispiel fördern Forschung und Entwicklung ihrer Luftfahrtindustrie mit namhaften Beträgen von 50 Millionen Euro jährlich. Wir haben inzwischen erreicht, dass auch die Bundesländer, in denen die Unternehmen ansässig sind, sich an der Unter- stützung ebenso beteiligen wie der Bund – und ebenso nicht zu vergessen die wissenschaftlichen Forschungsein- richtungen. Deutschland ist inzwischen weltweit führend in der Triebwerkstechnik. Deutsche Unternehmen haben gera- dezu Quantensprünge hinsichtlich der Lärmreduzierung erreicht. Jedes Flugzeug muss landen. Diese einfache Wahrheit verpflichtet uns alle, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass immer leisere Flugzeuge entwickelt, Start- und Landevorgänge geräuschärmer werden; das ge- samte Flughafenumfeld mit seinen Lärmemissionen ist für immerwährende Verbesserungen ein dankbares For- schungsfeld. Mit Blick auf die langfristigen Wachstums- prognosen des Flugverkehrs – für die produzierende In- dustrie natürlich eine Freude – muss es uns aber gelingen, Verkehrswachstum und Umweltbelastung zu entkoppeln. Der Luftraum muss so effektiv wie möglich genutzt wer- den. Und gleichzeitig wollen wir – gerade im Hinblick auf den 11. September – mehr Sicherheit beim Flugverkehr, möglichst die Verbesserung der Flugsicherheit zu einem mitentscheidenden Förderkriterium erheben. Alle For- schungen, die eine höhere Wirtschaftlichkeit, die mehr Nutzerfreundlichkeit bewirken, verdienen unsere Unter- stützung. Der Treibstoffverbrauch kann noch weiter ge- senkt werden, ebenso die Schadstoffbelastungen, die Su- che nach alternativen Treibstoffen kann gar nicht intensiv genug betrieben werden. Unsere Motivation, die Luftfahrtforschung weiter ste- tig und angemessen zu fördern, kommt nicht zuletzt aus den Erfolgen und Eigenanstrengungen unserer Industrie. Das gilt für den Umweltschutz in der Produktion, für die Arbeitssicherheit, den Gesundheitsschutz in den Unter- nehmen ebenso wie für die Konstruktion oder neue Tech- nologien für die Flugerprobung. Wenn ich Ihnen einfach einmal einige Beispiele aus den Airbus-Werken nennen darf: Neue Technologien bei der Blechteilefertigung oder die Nutzung der Umkehr- osmose im Bremer Werk sparen Energie und entlasten von Umweltschäden. Oder nehmen wir die Hallenkonzeption für den Neubau des A380. Ganz neue Dimensionen zeigen, dass Unternehmen flexibel genug für langjährige Baupha- sen planen können: Sie sind in der Lage, auch Optionen für absolut technische Neuerungen in der Produktion of- fen zu lassen. Das Hamburger Airbus-Werk hat übrigens vom Amt für Arbeitsschutz eine Auszeichnung bekom- men. Auch Arbeitsschutz gehört heute unverzichtbar zum Fortschritt. Ständige Fortbildung und Qualifizierung der Mitarbei- ter kostet die Unternehmen nicht wirklich, wenn sie be- weglich genug sind, die Kreativität ihrer Mitarbeiter zu nutzen: Energie-Einsparungsvorschläge eines Mitarbei- ters haben bei Presstechnik-Anlagen zum Beispiel zu Einsparungen von 6 Prozent auf den Gesamtverbrauch geführt. Das Laserstrahlschweißen hat auch in der Luft- fahrt Einzug gefunden – und führt zu Materialeinsparung und Lärmreduzierung gleichzeitig. Vergessen wir „Dolo- res“, denken wir lieber an TANGO. Bei der Erforschung neuer Werkstoffe kooperieren 34 Partner aus ganz Eu- ropa. Darunter diverse Airbuspartner, Universitäten und Forschungseinrichtungen aus ganz Europa. Wenn wir also von der Vernetzung von Spitzenfor- schungseinrichtungen reden, die wir stabilisieren wollen: Die Beispiele gibt es bereits, wir müssen die Pflänzchen Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223978 (C) (D) (A) (B) nur pflegen. Der A 380 ist nicht das Ende der Fahnenstan- ge – Konstrukteure entwickeln auch ganz neue Flugzeug- typen, die völlig andere ökologische und ökonomisch in- teressante Dimensionen ahnen lassen. Und deshalb sind sich die Bundesregierung und die Koalitionsfraktionen ei- nig: Wir wollen das erfolgreiche Luftfahrtforschungspro- gramm fortsetzen. Die High Level Group, das fachliche Beratungsgremium des Luft- und Raumfahrtkoordinators, hat den Bedarf der Industrie auch mit Blick auf unsere Nachbarländer auf circa 50 Millionen Euro beziffert. Un- ser Antrag fordert im Rahmen der finanzpolitischen Leit- linien eine angemessene jährliche Bundesförderung. Und die heutige Debatte soll unseren Haushältern bei den schwierigen Verhandlungen gegenüber anderen Interessen und Bedürfnissen den Rücken stärken, damit sie entspre- chende Haushaltstitel bis zur Einbringung des Haushalts 2003 im September einwerben können. Gemeinsam machen wir unsere Haushälter stärker. Max Straubinger (CDU/CSU): In zahlreichen Ge- sprächen mit führenden Repräsentanten unserer heimi- schen Luftfahrtindustrie und aufgrund eigener Erfahrungen muss man feststellen, dass die deutsche Luftfahrtindustrie bei europäischen Gemeinschaftsproduktionen, insbeson- dere mit den französischen Partnern, im Hightechbereich immer weiter zurückgedrängt wird. Deutschland droht, ge- rade im europäischen Vergleich auch in diesem Bereich of- fensichtlich ins Hintertreffen zu geraten und damit langjährig erworbene Kernkompetenzen sowie ein enor- mes Wirtschaftspotenzial verpuffen zu lassen. So hat der Bund seine Förderaktivitäten im Luftfahrt- forschungsprogramm leider von 600 Millionen DM – das sind circa 300 Millionen Euro – im Zeitraum 1995 bis 1998 für LuFo I drastisch auf 240 Millionen – das sind circa 120 Millionen Euro – im Zeitraum 1999 bis 2002 für LuFo II zulasten der Länder und der Industrie zurückge- fahren. Davon wurden erstaunlicherweise bis Ende 2002 nur 203 Millionen DM verfügt und die restlichen 37 Mil- lionen DM stillschweigend auf die kommenden Jahre ver- teilt mit der Folge, dass in diesem Jahr keine Projekte mehr bewilligt werden konnten. Da läuft doch etwas schief! Ohne eine echte Kraftanstrengung in diesem Bereich wird Deutschland jedenfalls beim derzeitigen Restruktu- rierungsprozess der europäischen Luft- und Raumfahrtin- dustrie hinsichtlich der harten Kämpfe um das Bestehen zukünftiger EADS-Standorte schnell das Nachsehen ha- ben und weder im zivilen noch im militärischen Bereich den Zuschlag, beispielsweise für die sich in Vorbereitung befindliche, neu zu gründende europäische Gesellschaft für den Bereich der militärischen Luftfahrt erhalten. Zu- dem fließt in die US-Raumfahrtindustrie circa dreimal so viel staatliche Unterstützung als in europäische Unter- nehmen. Konkret stellt sich dabei ein Verhältnis von 23 Milliarden Dollar zugunsten der US-Unternehmen jährlich zu circa 7,2 Milliarden Euro für europäische Fir- men dar. Gerade im Vergleich zum Beispiel zu Frankreich gibt Deutschland schlichtweg zu wenig Geld für Luft- und Raumfahrt aus. Sollte hier in absehbarer Zeit keine Wende erfolgen, droht Deutschland ein Abwandern der Wert- schöpfung und damit verbunden ein Abwandern hoch qualifizierter Spezialisten in andere Länder ganz zu schweigen von dem Problem, überhaupt qualifizierten In- genieurnachwuchs zu erhalten. Wenn ich schon die Probleme und aktuellen Krisenbe- wältigungsszenarien in diesem Bereich anführe, muss man in diesem Zusammenhang erwähnen, dass der Bund zum Beispiel auch gefordert ist, baldmöglichst die Grundlagen für den Erhalt der Arbeitsplätze bei Fairchild Dornier in Oberpfaffenhofen zu schaffen und bei der Suche nach ei- nem potenziellen strategischen Partner mit Bürgschaften für die notwendige Finanzierung unterstützend zu wirken. Denn der Erhalt von Fairchild Dornier ist nicht nur eine Entscheidung für den Erhalt von Arbeitsplätzen, sondern vor allem auch eine strategische technologische Entschei- dung für den Erhalt des Flugzeugbaustandortes Deutsch- land. Deshalb wäre es notwendig, dass sich die Bundesre- gierung bald für eine zielgerichtete Förderung der ange- strebten Partnerschaft mit dem kanadischen Konzern Bombardier ausspricht. Der Besuch des Bundeskanzlers in Kanada am 25. Juni 2002, bei dem er auch bei Bom- bardier sein wird, wäre ein guter Anlass dafür, endlich Klarheit darüber zu schaffen, dass man bereit ist, konkret den in Turbulenzen geratenen nationalen Flugzeugher- steller zu retten. Sieht man sich entsprechende Zahlen an, kann es sich jedoch eine Bundesregierung, die vorgibt, sich um den Er- halt von Arbeitsplätzen ernsthaft zu bemühen, nicht leis- ten, die Luftfahrtforschung weiterhin ungenügend voran- zutreiben. Denn allein in der Luft- und Raumfahrtindustrie sind in Deutschland 70 000 Menschen direkt beschäftigt. Vom gesamten Luftverkehr hängen 250 000 Arbeitsplätze direkt und 500 000 indirekt ab. Darüber hinaus sprechen Prognosen bis 2020 übereinstimmend von einem jährli- chen Wachstum des Fluggästeaufkommens von bis zu 5 Prozent und von einem Anstieg des Luftfrachtverkehrs um jährlich 7 Prozent. Von einer Festigung der Position von Airbus, dem größten europäischen Flugzeughersteller, könnte Deutschland bei einem Umsatz von insgesamt 600 Milliarden Euro bis 2020 maßgeblich, das heißt bis ge- schätzte 40 Prozent profitieren: Das alles lässt kein weite- res Zögern in der Bereitstellung von angemessenen För- dermitteln zu! Auch wenn infolge der fürchterlichen Ereignisse des 11. September 2001 optimistische Ein- schätzungen kurzfristig revidiert werden mussten, ist lang- fristig in jedem Fall mit einer Fortsetzung des positiven Trends zu rechnen. Das zeigte auch die Erfahrung nach dem Golfkrieg. Weitere erfreuliche und fortzusetzende Trends sind aufgrund der Leichtbauweise zum einen die in den letzten 30 Jahren deutlich gesunkenen Lärmemissionen, zum an- deren der gesunkene Treibstoffverbrauch und damit ein- hergehende verminderte C02-Emissionen, die bis 2020um weitere 30 Prozent gesenkt werden können. Über eine weitere Verbesserung der Umwelt- und Lärm- verträglichkeit des Luftverkehrs sind wir uns in diesem Hause ja alle einig. Wenn ich mir allerdings die Ausführun- gen des Kollegen Fell von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in der letzten Debatte zu dieser Thematik vom 24. Januar dieses Jahres nochmals vor Augen führe, in de- nen er sehr einseitig die Entwicklung sparsamer sowie Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23979 (C) (D) (A) (B) alternativer Brennstoffe fordert, aber das Zurückfahren nationaler Fördermittel ausdrücklich begrüßt, frage ich mich, wie die Koalition, insbesondere das Bündnis 90/Die Grünen, mit der notwendigen technologischen Fortent- wicklung in der Luftfahrt Schritt halten möchte. Die vom Kollegen Fell geforderten „intelligenten Materialien“ werden uns nicht aus dem Weltall zum Nulltarif zufliegen; wenn ich das einmal so salopp formulieren darf. Wenn Bundesumweltminister Trittin bei der dritten Teilgeneh- migung des Forschungsreaktors in Garching das Verfah- ren immer wieder verzögert und dabei den gesetzlich ver- ankerten Grundsatz der Straffung einfach ignoriert hat, muss man sich als Regierungspartei ernsthaft fragen las- sen, ob man überhaupt an technischer Innovation interes- siert ist. Fest steht – darüber sind sich ebenfalls alle Parteien im Grundsatz einig –, dass es auch ein Luftfahrtforschungs- programm III geben muss. Zu unkonkret sind jedoch Aus- sagen der Koalition darüber, was sie für die Luftfahrtfor- schung ausgeben will. Es ist immer wieder die Rede davon, die Luftfahrtforschung – ähnlich wie in Frankreich und England – mit 50 Millionen Euro an jährlichen Bun- desmitteln zu fördern. Das hat auch der PStS im BMWi, Herr Mosdorf, in seinen letzten Amtswochen immer wie- der verlauten lassen. Diese Fördersumme wurde auch auf der Bund-Länder-Wirtschaftsministerkonferenz des ver- gangenen Herbstes als politisches Ziel formuliert. In letz- ter Zeit hört man davon seitens der Bundesregierung al- lerdings nichts Konkretes mehr. Im Gegenteil: Aus betroffenen Kreisen habe ich sogar vernommen, dass Zahlen im Raum stehen, die deutlich unter dieser Summe liegen. Die zuständigen Ministerien müssen sich nächste Woche endlich auf für die Luft- und Raumfahrtindustrie praktikable, zufrieden stellende und planbare Fördermit- tel einigen. Ich fordere die Bundesregierung deshalb aus- drücklich auf, möglichst rasch konkrete Zahlen auf den Tisch zu legen und alles dafür zu tun, dass wir in der Luft- und Raumfahrt international wettbewerbsfähig bleiben und Planungssicherheit für die Unternehmen erhalten. Wenn es auch in Zeiten von angespannten Haushalts- lagen zugegebenermaßen schwieriger ist, so darf es zu keinem weiteren Zurückfahren der nationalen For- schungsförderung auf diesem Gebiet kommen. Ich ver- weise in diesem Zusammenhang noch einmal auf die bereits genannten Arbeitsplätze und das Wachstums- potenzial in der Luftfahrt. Zudem müssen wir hinsichtlich der Förderung noch stärker als bisher bedenken, dass die Mittel dem gesamten Netzwerk aus Universitäten, For- schungseinrichtungen, Flugzeughersteller und Zuliefer- unternehmen zugute kommen. Abschließend möchte ich nochmals zwei Aspekte be- sonders hervorheben: Erstens fordern wir die Bundesregierung auf, die von der deutschen Luft- und Raumfahrtwirtschaft geforderten 400 Millionen Euro für das Fortsetzungsprogramm LuFo III zumindest zu 50 Prozent – ich möchte diese Zahl ausdrück- lich als Untergrenze hervorheben – zu übernehmen. Denn die unbestreitbar notwendigen und in unserem Antrag ver- ankerten Anstrengungen im Hinblick auf die Erhöhung der Passagier- und Flugsicherheit, der Verbesserung des Passa- gierkomforts sowie die Vernetzung der Verkehrsträger erfordern ein angemessenes Förderbudget. Zweitens muss und kann sich Deutschland – so wich- tig und richtig es ist, europaweite Kooperationen in mög- lichst vielen Bereichen umzusetzen – nur aus einer star- ken Position heraus international behaupten, denn die EU wird das nicht für uns übernehmen. Im Gegenteil: Die an- deren europäischen Staaten, vor allem natürlich die USA, unterstützen ihre heimische Luft- und Raumfahrtindustrie wesentlich stärker. Wir dürfen unsere Technologieführer- schaft nicht aufs Spiel setzen. Deshalb noch einmal meine Forderung an die Koalition: Unterstützen Sie uneinge- schränkt unseren Antrag! Hans-Josef Fell (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Der Flugverkehr ist längst unverzichtbar. Durch ihn rücken die Menschen weltweit näher zusammen. Durch den Flugverkehr hat sich der Erfahrungshorizont vieler Men- schen stark erweitert. Die Luftfahrtindustrie ist darüber hinaus zu einem wich- tigen Wirtschaftszweig geworden, einem Wirtschaftszweig überdies, der sehr innovativ ist. Die Innovationsfähigkeit entscheidet letztlich über die Zukunftsfähigkeit der deut- schen und europäischen Luftfahrtindustrie. Hiermit meine ich zum einen natürlich die Bedeutung der Innova- tion für die Wettbewerbsfähigkeit. Dies ist aber noch nicht alles. Zukunftsfähigkeit bedeutet weit mehr: Schon jetzt trägt der internationale Luftverkehr mit etwa vier Prozent zum Treibhauseffekt bei. Bis zum 11. September wuchs der Luftverkehr jährlich um durchschnittlich sieben Pro- zent. Es ist zu erwarten, dass dieses Wachstum schon bald wieder fortgesetzt werden wird. Der Flugverkehr wird da- mit mittel- und langfristig zu einem der wichtigsten Kli- mafaktoren. Doch nicht nur das Klima wird durch das starke Wachstum des Flugverkehrs gefährdet. Paradoxerweise gefährdet der Flugverkehr sogar sich selbst. Die Flug- zeuge, die derzeit entwickelt werden und erst in Jahren in die Produktion gehen, werden auch in Jahrzehnten noch fliegen. Bis dahin wird der Zeitpunkt der maximalen Rohölproduktion sehr wahrscheinlich längst überschrit- ten sein. Dies lässt sich nicht zuletzt im Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung zur Nachhaltigen Energie- versorgung nachlesen. Die Kerosinkosten werden somit während der Nutzungsdauer der nächsten Flugzeuggene- ration weit über denen von heute liegen. Wer wie Boeing auf den Sonic Cruiser setzt, der 20 bis 30 Prozent mehr Kerosin benötigen wird als ein heutiges Flugzeug, beraubt sich aller Wettbewerbschancen. Es ist daher sehr zu begrüßen, dass Airbus mit dem A380 ein Flugzeug entwickelt, das bis zu 30 Prozent weniger Kero- sin verbraucht als die derzeitigen Maschinen. Meine Damen und Herren, wer langfristig Mobilität auch im Flugverkehr sichern will, muss daher alles daran setzen, den Flugverkehr von den begrenzten und noch dazu klimaschädlichen Energiequellen zu entkoppeln. Die Flugzeuge müssen zum einen wesentlich sparsa- mer werden, als sie es heute sind. Zum anderen müssen – wie in allen anderen Energiesektoren auch – verstärkt Alternativen zu klima- und luftchemiewirksamen Brenn- stoffen entwickelt werden. Im Vordergrund könnten bio- gene Treibstoffe sowie der Wasserstoff stehen. Dabei Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223980 (C) (D) (A) (B) sollte die Wasserstoffgewinnung durch Biomethanol ge- prüft werden. Ein weiteres Problem des steigenden Flugverkehrs ist der Lärm. Deshalb sieht der rot-grüne Antrag vor, die Anstrengungen zu verstärken, den Flugverkehr leiser zu gestalten. Was technisch möglich ist, zum Beispiel über intelligente Materialien, sollte auch gemacht werden. Da- rüber hinausgehende Maßnahmen wie Nachtruhezeiten werden auch in Zukunft im Interesse der Anwohner er- forderlich sein. Luftfahrtforschung muss innovativ bleiben. Das heißt, es müssen auch Konzepte unterstützt werden können, die vom „business as usual“ abweichen. In diesem Zusam- menhang sollte zum Beispiel die Entwicklung und Ein- führung von Luftschiffen gefördert werden. In den letzten Jahrzehnten erhielt die Flugzeugindustrie in Deutschland und Europa erhebliche Mittel. Diese Mittel dienten dem Aufbau eines wettbewerbsfähigen Industriezweigs. Was für die Flugzeugindustrie recht war, muss der Luftschiff- industrie billig sein, zumal es sich hierbei um einen Indus- triezweig handelt, der nach einer längeren Anfangsphase global neue Märkte erschließen kann und bis auf weiteres konkurrenzlos da stünde. Flugverkehrsforschung darf aber nicht bei der Flug- zeugtechnik und bei den Treibstoffen aufhören. Vielmehr sind erstens Strategien zur Vermeidung von Flugverkehr zu entwickeln. Der Flugverkehr ist in ein Gesamtver- kehrskonzept einzubinden. Dazu bedarf es verkehrs- und sozialwissenschaftlicher Forschung mit dem Ziel, Wege zum Umstieg auf Verkehrsmittel mit geringerer Umwelt- belastung zu finden. Die effizientere Nutzung des Luft- raumes ist ein weiterer Schwerpunkt, damit Umwege und Warteschleifen vermieden werden können. Zweitens müssen unabhängige Szenarien und Bedarfs- prognosen entwickelt und Technikfolgenabschätzungen durchgeführt werden. Im Mittelpunkt sollte dabei die Frage nach den Potenzialen des Luftverkehrs und der Grenzen des Wachstums des Luftverkehrs in Deutschland stehen. Drittens sollte die Beeinflussung der Luftchemie und des Klimas durch den Luftverkehr verstärkt untersucht werden. Meine sehr geehrten Damen und Herren der CDU/ CSU, es liegt in der Logik der Europäisierung der Luft- fahrt, dass auch die Luftfahrtforschung europäisiert wird. Aus bündnisgrüner Sicht war es daher folgerichtig, dass in den letzten Jahren die Mittel in den europäischen For- schungsprogrammen für Luftfahrtforschung aufgestockt und im nationalen Budget abgesenkt wurden. Damit der Flugverkehr zukunftsfähig ist, muss somit bei der Verkehrs- und Luftfahrtforschung ein Schwer- punkt auf die Nachhaltigkeitsforschung gelegt werden. Der Antrag der Regierungsfraktionen setzt hier die richti- gen Akzente. Die Vorstellungen der Union und der FDP setzen hingegen einseitig auf Verkehrswachstum, ohne die Folgen zu bedenken. Statt Technikfolgenabschätzung muss man bei der Union und der FDP leider von Technik- folgen-Ignoranz reden. Ulrike Flach (FDP): Die Luftfahrtforschung wurde in dieser Legislaturperiode eher stiefmütterlich behandelt, was sicher damit zu tun hat, dass sie vom BMBF ins BMWi verlagert wurde. Fast am Ende der Legislaturperiode ent- scheiden wir heute über die Eckpunkte eines Anschluss- programms an das LuFo II, das in diesem Jahr ausläuft. Der Kollege Riesenhuber hat schon in der ersten Le- sung davor gewarnt, dass ihre späte Vorlage vielleicht zu spät für die Haushaltsberatungen 2003 sein kann. Das würde die auch von Ihnen gewünschte bruchlose Fortset- zung verhindern. Die Luftfahrtforschung war in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich: Die Lärmemissionen wurden durch lei- sere Triebwerke auf ein Viertel des Pegels von 1970 ge- senkt. Der Treibstoffverbrauch konnte im gleichen Zeit- raum um 40 Prozent pro Sitzplatzkilometer gesenkt werden. Bis 2020 erwarten wir noch einmal eine Senkung um über 30 Prozent, was unseren Energie- und Klima- schutzzielen hilft. Im 6. EU-Forschungsrahmenprogramm sind 1,075 Mil- liarden Euro für die Luft- und Raumfahrt eingeplant. Wir halten das für angemessen. Hier kommt es auf eine Ver- zahnung mit den nationalen Programmen und For- schungszielen an. Siegmar Mosdorf hat bestätigt, dass nach Meinung der von ihm berufenen Experten 50 Milli- onen Euro an Bundesmitteln erforderlich sind. Wir sind sehr gespannt, ob sich diese Aussage auch im Haushalts- entwurf 2003 wiederfindet. Unsere Mitbewerber England und Frankreich bewegen sich in diesen Größenordnungen. Alle Experten prognostizieren dem Flugverkehr kräf- tige Zuwachsraten, trotz des 11. Septembers. Bis zu 5 Pro- zent jährlich bis 2020 und beim Frachtverkehr sogar Stei- gerungen bis zu 7 Prozent jährlich. Darauf muss sich auch die Luftfahrtforschung einrichten. Es ist richtig, dass beide Anträge die Flugsicherheit und die Umweltverträg- lichkeit in den Mittelpunkt rücken. Es ist aber erstaunlich, dass Herr Fell am 24. Januar im Bundestag als „ersten Schwerpunkt“ der Flugverkehrsforschung die Entwick- lung von Strategien zur Vermeidung von Flugverkehr be- schrieben hat, die Vermeidung in Ihrem Antrag aber gar nicht vorkommt. Es kommt lediglich die Einbindung in ein Gesamtverkehrskonzept vor. Hier haben sich die Grü- nen offenbar wieder nicht durchsetzen können. Die FDP-Fraktion setzt auch in der Luftfahrtforschung auf Wirtschaftlichkeit. Es zeigt jedoch einmal mehr Ihr Verständnis von freier Forschung, dass Sie den Wissen- schaftlern bei den Entwicklungs-, Fertigungs- und War- tungskosten feste Reduktionsziele von 20 bis 30 Prozent vorschreiben. Vielleicht kann die Wissenschaft sogar mehr erreichen. Planwirtschaft und Freiheit der For- schung passen nicht zusammen. Wir halten den Koalitionsantrag für insgesamt dürftig, aber symptomatisch für die gesunkene Bedeutung der Luftfahrtforschung in dieser Bundesregierung. Auch das muss nach der Bundestagswahl anders werden. Wolfgang Bierstedt (PDS): Beim Nachlesen der am 24. Januar 2002 in der ersten Lesung zu Protokoll gege- benen Reden ist mir eine scheinbare Nebensächlichkeit aufgefallen, die auch im Antrag der CDU/CSU nur mit ei- nem Nebensatz erwähnt worden ist: Die Verbesserung des Passagierkomforts als ein Forschungsschwerpunkt. Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23981 (C) (D) (A) (B) Darauf gestoßen bin ich im Zusammenhang mit der durchaus positiv zu sehenden Kennziffer des gesunkenen Kerosin-Verbrauchs in Bezug auf die geflogenen Perso- nenkilometer. Dies ist zweifelsfrei ein hervorragendes Er- gebnis der Forschung im Bereich der verbesserten Trieb- werkstechnologie und der Aerodynamik. Ganz sicher bin ich mir allerdings nicht, ob da nicht auch eine kleine, aber nicht zu vernachlässigende weitere Komponente eine Rolle spielt, nämlich die Sitzplatzoptimierung. Gerade in der Touristenklasse wird es immer enger, sodass manch- mal der Eindruck der Passagierintensivhaltung entsteht. Weshalb stelle ich dies an den Beginn meiner Aus- führungen? Wenn wir ein drittes Luftfahrtforschungspro- gramm fordern und einen leistungsfähigen und durchaus finanzstarken Industriezweig fördern, kann dies nicht nur mit dem Totschlagargument der Schaffung bzw. Sicherung von Industriearbeitsplätzen begründet werden. Wer fördert hat auch das Recht Ansprüche zu stellen. Das trifft oftmals auf Zustimmung der Industrie, zum Beispiel wenn es da- rum geht, die Verkehrs- und Flugsicherheit zu erhöhen – nach dem 11. September wurden auch wir schmerzlich auf bestimmte Defizite aufmerksam gemacht –, die Sachkosten für den Betrieb, die Wartung und den Service zu senken und die Kosten für die gerade in der Luftfahrt- industrie erheblichen Entwicklungs- und Projektierungs- aufwände zu optimieren. Dazu gehören aber auch Dinge, bei denen der Staat über Zuschüsse seine gesellschaftlichen und politischen Ziele mit Nachdruck in die Industrie hineinträgt, wie die Senkung des Fluglärms, die langfristige Orientierung auf neue Antriebsstoffe und eben auch die Frage der Gesund- heitsfürsorge für die Passagiere, die unmittelbar mit dem Passagierkomfort zu tun hat. Es muss aber auch von der Industrie gefordert werden, zumindest ist das unser Ansatz, dass die Luftfahrtindustrie ihre Chancen zukünftig wohl eher im Langstreckenbe- reich sucht. Die im Koalitionsantrag stehende Forderung nach der Einbindung des Luftverkehrs in ein Gesamtver- kehrskonzept verstehen wir so, dass der Personenverkehr im Bereich bis 500 Kilometer zukünftig wohl eher schie- nengebunden abgewickelt wird. Bedenken sollten wir auch den erforderlichen finanzi- ellen Bedarf einer solchen Forschungsförderung und die tatsächliche Höhe der notwendigen Finanzbeiträge, die die Antragsteller beabsichtigen, zur Verfügung zu stellen. Es gibt da schon sehr deutliche Unterschiede. Allein mit dem Airbusprojekt A380 riskiert der Bund über 2 Milliarden Euro, was ökonomisch im Lichte des 11. September 2001 riskant ist. Dessen Umwelteffekte sind keinesfalls klar und es hat strukturpolitisch zumin- dest für Ostdeutschland nur Peanuts gebracht. Aber nicht allein deshalb werden wir dem Antrag der CDU/CSU un- sere Zustimmung versagen und uns bei der Abstimmung über den Antrag der Koalition enthalten. Dr. Ditmar Staffelt, Parl. Staatssekretär beim Bun- desminister für Wirtschaft und Technologie: In Anknüp- fung an die 212. Sitzung des Deutschen Bundestages am 24. Januar 2002 kann ich feststellen, dass zum Thema der Fortsetzung des nationalen Luftfahrtforschungspro- gramms eine seltene Einmütigkeit zwischen der Regie- rungskoalition und der CDU/CSU-Opposition herrscht. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder hat dies bei der Eröffnung der Internationalen Luftfahrtschau ILA2002 in Berlin-Schönefeld am 6. Mai 2002 ausdrücklich in seinen Ausführungen bestätigt. Die Fakten: Die europäische und insbesondere auch die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie haben in den vergangenen Jahren eine umfangreiche Restrukturierung auf den Weg gebracht. Die Gründung der EADS im Jahre 1999 war ein vorläufiger Höhepunkt. Die Bundesregie- rung hat diesen Prozess stets aktiv unterstützt. Mit der Darlehensentscheidung für die Entwicklung des Großraumflugzeugs A380 hat die Bundesregierung trotz schwieriger Haushaltslage maßgeblich für die Si- cherung deutscher Standorte und Schaffung neuer Arbeitsplätze gesorgt. Die Bundesregierung, die Länder, die Industrie und die Wissenschaft haben in den Luftfahrtforschungs- programmen seit 1995 insgesamt 1,2 Milliarden Euro aufgewendet. Ein abgestimmtes Kompetenznetzwerk sensitiver Technologieentwicklungen ist entstanden, Kernkompetenzen, Arbeitsplätze und Standorte in Deutschland wurden gesichert. Globale und innereu- ropäische Wettbewerbsverzerrungen wurden so aufgefan- gen. Die deutsche Luftfahrtindustrie hält eine führende Position in Europa. Forschungsergebnisse spiegeln sich im Markterfolg wider: Der spezifische Treibstoffverbrauch der Lufthansa- Flotte wurde im Zeitraum von 1991 bis 2000 von 6,2 auf 4,6 Liter, also um 24,3 Prozent, gesenkt. Entsprechend ha- ben sich die C02-Emissionen verringert. Die NOx-Emission konnte im gleichen Zeitraum umetwa 25 Prozent reduziert werden. Die Fluglärmbelastung im Flughafennahbereich ist seit 1990 um mehr als 50 Pro- zent gesunken. Die Luftfahrt ist gleichzeitig aber auch Vorreiter bei der Umsetzung neuer innovativer Technologien in Produkte und Verfahren. Im Januar dieses Jahres hat der neue A318 seinen Erstflug mit einem lasergeschweißten Rumpfseg- ment absolviert. Dabei kommt ein Verfahren zur Anwen- dung, das im Rahmen des Luftfahrtforschungsprogramms, entwickelt wurde und 1999 mit dem Innovationspreis der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet wurde. Beim erfolg- reichen Erstlauf eines lärmarmen Flugzeugantriebs mit Getriebefan war unser Triebwerkshersteller mit einer neuen Niederdruckturbine beteiligt. Auch der Mittelstand beteiligt sich mit guten Erfolgsaussichten am Programm. Diese Zwischenbilanz kann sich sehen lassen. Die Bundesregierung hat aus volkswirtschaftlichen, technologischen, sicherheits- und außenpolitischen Ge- sichtspunkten unverändert ein großes Interesse an einem innovativen und leistungsfähigen Luft- und Raumfahrt- standort Deutschland. Deutschland muss in der Luft- und Raumfahrt auch künftig eine essenzielle Rolle in einem global wettbewerbsfähigen europäischen Verbund spielen Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223982 (C) (D) (A) (B) und seinen Anteil an den Wachstumspotenzialen halten. Deshalb wird die Bundesregierung auch in Zeiten der Haushaltskonsolidierung in ihrem Engagement nicht nachlassen und die Brancheninteressen, insbesondere auch bei der notwendigen europäischen Harmonisierung der Wettbewerbsbedingungen, weiter politisch flankieren. Wir sind auf dem richtigen Weg. Jetzt geht es darum, das Erreichte zu sichern und neue strategische Herausfor- derungen anzunehmen. Das Europäische Parlament hat das 6. Rahmenprogramm Forschung der EU verabschiedet. Es sieht 1,075 Milliarden Euro für Luft- und Raumfahrt vor und setzt neue Akzente, denen wir uns anpassen müssen. Das nationale Luftfahrt- forschungsprogramm ist ein Baustein im europäischen Kontext und soll ohne Bruch weitergeführt werden. Der Programmentwurf liegt vor. Die Bundesregierung wird ei- nen angemessenen Beitrag bereitstellen. Dies bestätigte Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der Eröffnung der in- ternationalen Luftfahrtschau ILA2002, indem er sich dafür aussprach: „Auch zukünftig ist die nationale Forschungs- förderung wichtig, um im internationalen Standortwettbe- werb bestehen zu können. Dabei setzt sich die Bundesre- gierung dafür ein, im Rahmen ihrer finanzpolitischen Möglichkeiten ein weiteres Luftfahrtforschungsprogramm ab dem Jahr 2003 auf hohem Niveau aufzulegen.“ Der Antrag der Koalitionsfraktionen unterstreicht diese Einschätzung. Mit dieser Akzentuierung beabsich- tigt die Bundesregierung, die Luftfahrtforschung weiter- hin zu fördern. Es gilt, die Position unserer Unternehmen und Forschungseinrichtungen im innereuropäischen und im globalen Wettbewerb um Kompetenz zu stärken, qua- lifizierte Partnerschaften in europäischen und internatio- nalen Kooperationen zu ermöglichen, die Beteiligungs- voraussetzungen für EU-Projekte nach Art. 169 zu schaffen und Wettbewerbsnachteile auszugleichen, da die Hauptluftfahrtländer USA, Frankreich und Großbritan- nien die Forschung ihrer Industrie und Wissenschaft un- verändert unterstützen. Anlage 6 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts: Für ein modernes Wettbewerbs- und Kartell- recht in Europa (Tagesordnungspunkt 11) Werner Schulz (Leipzig) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Im Mittelpunkt unserer Wirtschaftspolitik stehen kleine und mittlere Unternehmen. Sie sind auf einen fai- ren Wettbewerbsrahmen angewiesen. Eine Politik, die meint, mit deutschen Multis der Globalisierung trotzen zu können, geht in die Irre. Deswegen sehen wir auch die drohende Fusion der Eon AG mit der Ruhgas AG eher kri- tisch. Gerade bei der Umgestaltung früher in staatlichen Mo- nopolen betriebener Infrastrukturen ist eine engagierte Wettbewerbspolitik gefragt. Bündnis 90/Die Grünen ha- ben die Umwandlung ehemaliger Monopolmärkte, wie zum Beispiel Telekommunikation, Strom und Gas, Post und öffentlicher Personalverkehr, immer aktiv unterstützt. Wettbewerb ist innovativer und effizienter als Monopole und nützt damit dem Verbraucher. Manche meinen allerdings, sie müssten den früheren staatlichen Monopolunternehmen weiterhin Vorteile auf dem Heimatmarkt sichern, damit deutsche Global Player geschaffen werden. Die von Deutschland aus agierenden Konzerne sollen weltweit Unternehmen kaufen. Wert- schöpfung in Deutschland soll durch die Nachfrage der Konzernzentralen nach hochwertigen Dienstleistungen wie Forschung, Werbung und Rechtsberatung gesichert werden. Für die globale Wirtschaft kann man sich so nicht fit machen. Gerade multinationale Konzerne vergleichen die Qualität der einzelnen Standorte sehr genau und ver- lagern sie jeweils dort hin, wo sie am effizientesten pro- duzieren können. Die Aktionärsstruktur der Konzerne in- ternationalisiert sich ebenfalls. Nationale Rücksichten spielen da keine Rolle mehr. Zudem sind die Kosten dieser Strategie hoch, wenn Monopole durch politische Maßnahmen verfestigt und damit Hindernisse beim Marktzugang für kleine und mitt- lere Unternehmen errichtet werden. Das verringert die Chancen innovativer Unternehmen. Die Wettbewerbs- fähigkeit wird verringert. Ineffiziente Strukturen verfesti- gen sich, auch in den Großunternehmen. Arbeitsplätze ge- hen verloren. Natürlich spielen auch Großunternehmen für jede Volkswirtschaft eine wichtige Rolle. Es ist gut für die deutsche Wirtschaft, wenn möglichst viele Unternehmen hier ihren Sitz haben. Aber es macht wirtschaftspolitisch eben keinen Sinn, wenn dadurch innovativen Wettbewer- bern der Marktzugang verweigert wird. Durch weniger Wettbewerb werden auch die Grossunternehmen träge. Pure Größe ist noch keine vernünftige Strategie. Denn in 80 Prozent der Fälle scheitern Fusionen. Es ist Aufgabe der Politik, für alle Unternehmen vernünftige Rahmenbe- dingungen zu schaffen. Mehr Wettbewerb bringt Innova- tion und Wertschöpfung im eigenen Land voran. Wir set- zen auf Zukunftstechnologien. Die Wettbewerbsbehörden sollten mit stärkeren Rech- ten ausgestattet werden und auf den Märkten der öffentli- chen Infrastrukturen, wie zum Beispiel Strom, Wasser, Gas, Telekommunikation und Bahn, sollten effiziente Wettbewerbsbehörden die Möglichkeit haben, den Unter- nehmen unmittelbar geltende Auflagen zu erteilen. Bei Bahn und Energieversorgung wollen wir Netzbetrieb und Dienstleistungsangebot unternehmerisch entflechten. Wir brauchen einen fairen Wettbewerbsrahmen in Eu- ropa. Bei der Novelle der Fusionskontrollrichtlinie sollte die Regelung, nach der die nationalen Behörden nicht zu- ständig sind, wenn zwei Drittel des Umsatzes in seinem Sitzland gemacht werden, überarbeitet werden. Wir brau- chen die Prüfung der gesamten Auswirkungen auf den Binnenmarkt. Die kann auch dann gegeben sein, wenn Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23983 (C) (D) (A) (B) zwei Drittel des Umsatzes auf dem Heimatmarkt gemacht werden. Gudrun Kopp (FDP): Die FDP fordert weitere Libe- ralisierungsschritte und damit mehr Wettbewerb im In- land: Das Briefmonopol muss schnellstmöglich auslau- fen, damit auch Wettbewerb bei Briefsendungen bis 200 Gramm und Infopost bis 50 Gramm möglich wird. Die früheren Staatsmonopole Post und Telekommunika- tion sind bis zum Jahr 2005 komplett zu privatisieren. Der liberalisierte Netzzugang auf den Strommärkten ist wie- der herzustellen. Bei der Abfall- und Wasserwirtschaft sind Deregulierung und Privatisierung erforderlich. Netz und Betrieb bei der Bahn AG sind konsequent zu trennen. Die Aufgabe der Sicherstellung von Wettbewerb muss zurückgeführt werden zum Bundeskartellamt. Die Regu- lierungsbehörde für Post und Telekommunikation ist auf- zulösen. Um auch das Wettbewerbsrecht auf europäischer Ebene zu stärken, ist besondere Wachsamkeit bei Neue- rungen des europäischen Kartellrechts geboten: Würden die derzeitigen Vorstellungen der EU umgesetzt, so träte an die Stelle des bisherigen Kartellverbotes, bei dem Aus- nahmen der ausdrücklichen Erlaubnis bedürfen, faktische Kartellfreiheit. Die Unternehmen sollten dann selbst be- urteilen dürfen, ob ein von ihnen angestrebtes Kartell frei- gestellt ist. Damit entfiele der Zwang zur Rechtfertigung eines Kartells, und wer sich dagegen stellen will, muss die Beweislast für den Kartellverstoß tragen. Das momentan geltende Kartellrecht würde also kom- plett auf den Kopf gestellt. Ein solch fundamentaler Kurs- wechsel wäre ein Rückschritt in der europäischen Wett- bewerbsordnung, der den Interessen der Verbraucher und auch den kleinen und mittleren Unternehmen nachhaltig schaden würde. Die FDP spricht sich deshalb gegen eine solche Regelung aus. Die aktive Kontrolle des Wettbewerbs ist ein Grund- feiler der Marktwirtschaft. Der Wettbewerb braucht des- halb starke Anwälte! Ursula Lötzer (PDS): Anlass für den Antrag der CDU/CSU-Fraktion ist die seit nunmehr zwei Jahren stattfindende Diskussion über die Reform des europä- ischen Wettbewerbs- und Kartellrechts. Auch wir meinen, dass es angesichts der zunehmenden Konzentration im Unternehmenssektor und grenzüberschreitender Fusio- nen einer zeitgemäßen Revision bedarf, mit denen die ne- gativen Effekte für die Verbraucher reduziert und die wirt- schaftliche Macht von Unternehmen begrenzt werden müssen. Allerdings versucht der Antrag die Quadratur des Krei- ses: Einerseits wird ein einheitlicher Rechtsrahmen im eu- ropäischen Binnenmarkt mit einer effizienten „Aufsichts- behörde“ eingefordert, andererseits auf das Prinzip der Subsidiarität abgestellt und eine starke Beteiligung der nationalen Wettbewerbsbehörden angemahnt. Begrüßt wird eine modifizierte Legalausnahme im Notifizierungs- verfahren, aber gleichzeitig wird das hohe Investitionsri- siko in strittigen Fällen beklagt, dass sich durch die daraus folgende Rechtsunsicherheit ergibt. Das Problem der Kar- tellbildung und der Wettbewerbsbeschränkung wird gese- hen, aber strukturelle Maßnahmen im Sinne einer Ent- flechtung von Unternehmen werden kritisch beurteilt. Der Antrag ist in der Beschreibung ausführlich, in den Forderungen inkonsistent und unzureichend. Das Miss- verhältnis resultiert nicht zuletzt aus der Überbewertung des Wettbewerbs- und Kartellrechts. So gut die immer an- gemahnten ordnungspolitischen Bedingungen auch sein mögen, der Wettbewerb hat und wird nicht die „Vermach- tung von Märkten“ verhindern. Hierzu war das nationale, aber auch das europäische Wettbewerbs- und Kartellrecht nie in der Lage und auch nicht konzipiert worden. Denn von Anbeginn wurde darauf verzichtet, Konzerne und Kartelle wirkungsvoll zu entflechten. Vielmehr will jede Regierung und die EU als Ganzes ihre Unternehmen im Konkurrenzkampf aufstellen und hofiert ihre Global Player und außerdem melden sich Kartelle nicht freiwil- lig bei den Behörden und bitten um Genehmigung. Hinzu kommt, dass jedes Wettbewerbs- und Kartell- recht zumindest an den tatsächlichen Konzentrationspro- zessen ansetzen müsste, aber noch nicht einmal das ist gewährleistet. Bereits vor einiger Zeit hat das lfo-Institut dem Wirtschaftsministerium ein Gutachten zur Qualität der Datenbasis bei der Ermittlung des Konzentrationsgra- des übergeben. Fazit: Die Datenbasis spiegelt die Verän- derungen in den Unternehmens- und Konzernstrukturen unzureichend wieder. Besonders die mangelnde Kenntnis über die wachsenden kooperativen Verbindungen und Netzwerkstrukturen schränkt Aussagen zum tatsächlichen Konzentrationsgrad in fast allen Branchen deutlich ein. Und selbst die Monopolkommission stellt fest, dass „die Ergebnisse der amtlichen Wirtschaftsstatistik systema- tisch irreführend sind“. Die Daten und das bisherige Ver- fahren sind empirisch nicht abgesichert und ungeeignet für die Informations-, Beurteilungs- und Entscheidungs- grundlage für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Vor diesem Hintergrund sind wir alle gefordert, nicht nur Verbesserungen im Wettbewerbs- und Kartellrecht an- zumahnen und durchzusetzen, sondern grundsätzliche Entscheidungen zu treffen. Hier hilft auch nicht der stän- dige Verweis, mit guter Ordnungspolitik würden Markt und Wettbewerb aus sich heraus die Bedingungen für eine ökonomische, soziale und ökologische Entwicklung schaffen. Diese Aussage ist unhaltbar und dient nur dazu, dass sich die Politik der Verantwortung entzieht, wirt- schaftspolitische Alternativen zu formulieren. Wir brau- chen stattdessen eine Struktur- und Industriepolitik, um soziale Probleme zu lösen und eine nachhaltige Entwick- lung zu unterstützen. Unabhängig davon sehen auch wir die Notwendigkeit, ein verbessertes Wettbewerbs- und Kartellrecht in Europa zu etablieren. Eine Vereinheitli- chung auf hohem Niveau bedarf allerdings erstens der besseren Zusammenarbeit zwischen den nationalen Behörden und der europäischen Ebene. Zweitens behin- dert die unterschiedliche Kompetenz und Ausstattung der nationalen Kartellbehörden eine Reform, sodass es ohne personelle und finanzielle Begleitmaßnahmen keine Qua- litätsverbesserung geben wird. Probleme werden nur ver- schoben. Ungeklärt ist bis heute, wie ein Kartell über- haupt definiert wird, was angesichts der unzureichenden Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223984 (C) (D) (A) (B) Datenbasis kaum erleichtert wird. Daneben ist das Pro- blem der „Hard-Core-Kartelle“ ungelöst und schließlich stellt sich durch den grenzüberschreitenden Fusionspro- zess immer dringender die Frage nach einer engen inter- nationalen Zusammenarbeit oder dem Aufbau eines inter- nationalen Kartellrechts. Alles offene Fragen, die im Antrag der CDU/CSU-Fraktion nicht angesprochen wer- den, aber dringend angegangen werden müssen. Anlage 7 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung: – Bericht: Technikfolgenabschätzung – hier: Monitoring „Kernfusion“ – Beschlussempfehlung und Bericht zu den An- trägen: – Zukunftsorientierte Energieforschung – Fusionsforschung – Kernfusionsforschung für eine zukünftige Energieforschung (Tagesordnungspunkt 12 a und b) Ulrich Kasparick (SPD):Die gegenwärtigen Struktu- ren zur Energieerzeugung sind Ergebnis der Energiefor- schung vergangener Jahrzehnte. Sie sind geprägt von Konzentration auf Großkraftwerke, vor allem im Bereich Kohle und Atom. Seit dem 11. September letzten Jahres wissen wir aber, wie verwundbar zentrale Einrichtungen sein können. Um unsere Energieversorgung sicherzustel- len, müssen wir daher dezentrale Versorgungsstrukturen aufbauen. Unsere Energieversorgung darf nicht zusam- menbrechen, wenn ein großes Kraftwerk ausfällt. Wer Kernfusion als Grundlast der Energieversorgung auf- bauen möchte, der spricht sich eindeutig für den Ansatz von gestern aus. Wer Fusion will, will auch wieder kon- zentrierte Großkraftwerke. Dies ist mit uns nicht zu ma- chen, dieses Risiko wollen wir nicht eingehen. Die Kernfusion ist derzeit keine energiepolitische Op- tion. Wir werden erst um das Jahr 2050 wissen, ob Fusion überhaupt geeignet ist, die Grundlast der Energieversor- gung zu leisten. Das ist schlichtweg zu spät. Die neuen Szenarien der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe prognostizieren, dass das traditionell geför- derte Erdöl in 39 Jahren verbraucht ist. Wir müssen uns jetzt Gedanken machen, wie wir dieses Problem lösen können, ohne unsere Volkswirtschaften zu ruinieren. Wer hier auf eine Technologie setzt, bei der wir erst Mitte des Jahrhunderts wissen, ob sie eine Alternative sein kann, geht nicht verantwortlich mit der Zukunft um. Selbst Professor Doktor Alexander Bradshaw, der Di- rektor des Garchinger Max-Planck-Instituts für Plasma- physik, dessen Forschungsgegenstand ja die Entwicklung eines Fusionskraftwerks ist, sagte in der Fusionsanhörung des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfol- genabschätzung am 28. März 2001 indirekt, dass Energie in Größen aus Kernfusion 2050 noch nicht zur Verfügung stehen wird. Das ist im Protokoll der Anhörung auf Seite 26 nachzulesen. Bei den Szenarienberechnungen der En- quete-Kommission für eine nachhaltige Energieversor- gung im Zeitalter der Globalisierung der Liberalisierung kommt die Fusion als Energiequelle nicht vor – und das aus guten Gründen, die ich gerade benannt habe. Es macht energiepolitisch keinen Sinn, einen Forschungsschwer- punkt bei der Fusionsforschung zu setzen. Deshalb wird sich Deutschland auch nicht um den Standort für den ITER bewerben. Die Anträge von der Union und der FDP zeigen, dass diese Fraktionen nicht in Zusammenhängen denken. Sie wollen hier eine einzelne Technologie fördern, ähnlich dem, wie sie es schon mit der Brennstoffzelle versucht haben. Was wir brauchen, ist aber eine Gesamtkonzeption der künftigen Energieforschung, die alle Techniken und Technologien berücksichtigt, um eine nachhaltige, sau- bere und dezentrale Energieversorgung zu gewährleisten. Dieses Gesamtkonzept muss sich in die europäischen Ent- wicklungen einbetten. Dabei müssen wir vor allem auf die Stärken setzen, die wir in Deutschland haben – und das sind die Umwelttechnologien. Denn ein zukunftsfähiges Energieforschungskonzept muss zugeschnitten sein auf den Klimaschutz, muss schnell – und nicht erst in 50 und mehr Jahren – zur Senkung des Kohlendioxidausstoßes beitragen. Ein solches Energieforschungskonzept werden wir in der kommenden Legislaturperiode vorlegen. Sowohl in der HGF als auch im Bundeswirtschaftsministerium lau- fen die Vorarbeiten. Wir werden mit großer Sorgfalt und Verantwortung öffentliche Mittel für die Forschungsför- derung bereitstellen. Dabei werden wir die Technologien bevorzugen, die nachhaltig und nachwachsend einsetzbar sind. Wir halten nichts von solchen Schnellschüssen, wie Sie sie hier vorlegen. Wir sehen die Energieversorgung im Zusammenhang – und nicht wie Sie immer nur torten- stückweise. Wir in Deutschland werden unsere Volkswirt- schaft auf einen neuen Energiepfad führen, der dezentral organisiert und damit weniger verwundbar ist. Deshalb lehnen wir Ihre Anträge ab. Dr. Martin Mayer (CDU/CSU): Das Thema der heuti- gen Debatte ist die Kernfusion. Kernfusion ist der Pro- zess, der in der Sonne natürlich abläuft. Aus der Ver- schmelzung von Atomkernen wird Energie erzeugt. Dieser Prozess soll auf der Erde in Kraftwerken zur Ener- giegewinnung genutzt werden. Die dazu notwendige For- schung zu fördern ist die Intention der Anträge von CDU/CSU und FDP, die der heutigen Debatte zugrunde liegen. Ebenfalls zur Debatte steht der Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag, kurz TAB genannt. Dieser Bericht steht in seiner Tendenz der Kernfusion einseitig kritisch und den regenerativen Energien eher unkritisch gegenüber. Objektive Feststel- lungen und Wertungen werden in dem Bericht nicht klar voneinander getrennt. Damit steht der TAB-Bericht in ge- wissem Gegensatz zu dem von Basler und Hoffmann vor- gelegten Gutachten, das dem Bericht zugrunde liegt. Die- ser Wertungswiderspruch ist unverständlich und so nicht hinnehmbar. Es ist daher unerlässlich, bei der Entscheidung Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23985 (C) (D) (A) (B) über die Kernfusion auch auf das Gutachten von Basler und Hoffmann zurückzugreifen. Zustimmen möchte ich dem TAB-Bericht, soweit er eine breite Diskussion über Chancen und Risiken in der Öffentlichkeit in Gang setzen will. Die Kernfusion kann schließlich erst dann für die Energieerzeugung genutzt werden, wenn die technischen Aufgaben gelöst sind und diese Form der Energieerzeugung auch akzeptiert wird. Die Auseinandersetzung mit den Ängsten der Menschen ist letztlich genau so wichtig wie der technische Durch- bruch. Wie Sie unserem Antrag entnehmen können, unterstützt die Union die Fusionsforschung – dies aus gutem Grund. Denn es zeichnet sich doch bereits seit langem ab: Das weltweite Bevölkerungswachstum und die vermehrte Teil- nahme der Entwicklungsländer an der allgemeinen Wohl- standsentwicklung werden zu einem immer weiter anstei- gendem Weltenergieverbrauch führen. Trotz effizienter Energienutzung sowie Ausbau und vermehrter Nutzung erneuerbarer Energien wird sich deshalb im Laufe dieses Jahrhunderts eine immer stärkere Energielücke auftun. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die fossilen Energieträger wie Kohle und Erdöl, die bisher zur Deckung des Energiebedarfs mit dem größten Prozentan- teil beigetragen haben, sind nicht unerschöpflich. Und be- denken Sie auch eines: Die Lagerstätten von Öl befinden sich zum großen Teil in Krisenregionen. Das heißt, dass die Versorgung mit Öl langfristig unsicher ist. Die Beiträge, die Solarenergie, Wind- und Wasserkraft sowie Biomasse zur besseren Energieversorgung der Menschheit liefern können, haben naturgesetzliche und wirtschaftliche Grenzen, die durch noch so intensive For- schung nicht aufgehoben werden können. Ich weise nur auf die gerade in unseren Breitengraden höchst unzuver- lässige Sonneneinstrahlung und Windstärke hin. Auch die Möglichkeit der Effizienzsteigerung bei der Energienutzung stößt an Grenzen. Und eines sollten wir gerade bei den fossilen Energieträgern nicht aus den Au- gen verlieren: die Verbrennung fossiler Energieträger setzt C02 frei, was zu einer immer größeren Gefahr für dieErderwärmung führt. Umso wichtiger ist es, andere Alternativen der Ener- gieerzeugung zu erschließen und zu entwickeln. Die Kernfusion ist eine dieser Alternativen! Die kontrollierte Kernfusion könnte eine entscheidende Option für eine nachhaltige, sichere und verträgliche Energiequelle ab dem Jahr 2050 sein. Denn die Kernfusion bietet gegen- über anderen Energieträgern eine Reihe entscheidender Vorteile: Die für den Fusionsprozess nötigen Grundstoffe, Deuterium und Lithium, sind in nahezu unbegrenzter Menge vorhanden und über die ganze Welt verteilt. Das gewährleistet eine krisensichere Energiegewinnung. Bei der Fusion entstehen keine Schadstoffe wie bei der Ver- brennung von Kohle, Erdöl und Erdgas. Gegenüber den Kernspaltungsreaktoren, die wir gegenwärtig nutzen, hat die Fusionsenergie den Vorteil der inhärenten Sicherheit. Das heißt, ein Unfall wie in Tschernobyl ist bei einem Fu- sionsreaktor physikalisch ausgeschlossen. Bei der Fusi- onsenergie gibt es keine abgebrannten Brennelemente mit ihren langfristigen Problemen. Als Endprodukt entsteht Helium, ein Gas, das auf der Erde natürlich vorkommt und keine Radioaktivität aufweist. Die Baumaterialien des Reaktors, die beim Betrieb radioaktiv werden, können um vieles leichter endgelagert und entsorgt werden als die abgebrannten Brennelemente eines Atomkraftwerks. Diese Gründe sprechen dafür, alles daranzusetzen, die Fusionsforschung voranzutreiben. Wir können dabei auf einem guten Fundament aufbauen. Die Erforschung der Kernfusion zur Energiegewin- nung begann in Deutschland vor etwas mehr als vier Jahr- zehnten. Die Institute in Garching bei München, Karls- ruhe, Jülich und seit den 90er-Jahren auch in Greifswald haben weltweit anerkannte Beiträge zur Erforschung der Kernfusion geleistet. Der europäische Experimental-Reaktor JET in Cul- ham, Großbritannien, mit deutscher Beteiligung gebaut und betrieben, hat gezeigt, dass die Kernfusion möglich ist. Die Aussicht, mit einem Fusionsreaktor elektrischen Strom im Dauerbetrieb zu erzeugen, steht damit auf einer soliden Grundlage. Auf dem Weg von den theoretischen Grundlagen zur Lieferung von Strom aus einem Fusionsreaktor ist etwa die halbe Strecke zurückgelegt. Deutschland hat einen er- heblichen Beitrag zu den bisherigen Erfolgen geleistet. Auch auf dem künftigen Weg wird Europa nur dann mit an der Spitze bleiben, wenn Deutschland die Fusionsfor- schung im nationalen, europäischen und internationalen Rahmen aktiv betreibt und fördert. Wir haben bereits sehr viel investiert, sowohl Geld als auch forscherische Pionierarbeit. Hervorragende Wissen- schaftler beschäftigen sich in Deutschland seit vielen Jah- ren mit der Fusionsforschung. Soll das alles umsonst ge- wesen sein? Und sollen wir bei diesem wichtigen Vorhaben auch unseren europäischen Partnern die Unter- stützung aufkündigen? Wollen wir das wirklich alles auf- geben? Gerade jetzt, wo – wie es aussieht – sogar unsere amerikanischen Nachbarn sich wieder an der Erforschung der Kernfusion beteiligen wollen? Lassen Sie uns nicht diesen Fehler begehen! Bedenken Sie eines: Rot-Grün bringt durch seine ablehnende Haltung gegenüber der Fu- sionsforschung nicht zuletzt auch die Spitzenstellung Eu- ropas in diesem Bereich in Gefahr. Da kürzt eine grüne Kommissarin in Brüssel offenbar auf Betreiben ihrer Parteifreunde aus Deutschland den Haushaltsentwurf für die Fusionsforschung im Zeitraum von 2002 bis 2006 um rund 88 Millionen Euro auf 700 Millionen Euro. Das Eu- ropäische Parlament erhöht diesen Ansatz, dann auf 800 Millionen Euro und die deutsche Forschungsministe- rin, SPD, drückt den Ansatz wieder auf 750 Millionen Euro. Das ist nicht nur ein völlig falsches Signal für die Fusionsenergieforschung, sondern geradezu eine Ent- scheidung zum Schaden Deutschlands: Die Fusionsfor- schung ist nämlich einer der wenigen Bereiche, bei denen Deutschland mit einem Rücklauf von 40 Prozent Netto- empfänger ist. Doch wie geht es jetzt weiter? Der nächste Schritt in der Forschung für einen Fusionsreaktor soll die physika- lische Machbarkeit eines energieproduzierenden Plasmas Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223986 (C) (D) (A) (B) beweisen. Dazu soll die Großversuchsanlage ITER-FEAT als gemeinsames Unternehmen der Europäischen Union, Russlands, Japans und Kanadas gebaut werden. Es geht im Moment also konkret um die Frage des Standorts und der Finanzierung. Eines ist klar: Wer den Standort ge- winnt, muss einen höheren finanziellen Anteil aufbringen. Im Gegenzug dazu hat er aber auch den größeren Nutzen von den Forschungsergebnissen. Es ist deshalb für mich völlig unverständlich, weshalb die Bundesregierung die Bewerbungen aus Europa so zögerlich unterstützt. Für die Fusionsforschung und für ITER sprechen auch die deutlichen Hinweise, dass sich die USA, die sich 1997 aus dem Projekt zurückgezogen haben, wieder an ITER beteiligen wollen. Die USA haben in den vergangenen vier Jahren eine Neuausrichtung der Fusionsforschung mit Konzentration auf die Trägheitsfusion verfolgt und sich daher von ITER zurückgezogen. Das neuerliche In- teresse der USA an ITER zeigt deutlich, dass dieses Pro- jekt auch in den Augen unserer amerikanischen Nachbarn das erfolgversprechendste Projekt für die Produktion elektrischen Stroms durch Kernfusion ist. Nach jetziger Planung soll das Nachfolgeprojekt von ITER der Demonstrationsreaktor DEMO werden. Diese Großversuchsanlage soll die technische Machbarkeit ei- nes Fusionsreaktors beweisen. In jüngster Zeit sieht es sogar so aus, als könnte der bis- herige Zeitplan bis zur Stromerzeugung durch Kernfusion unterboten werden. Nach einer von der Gruppe um den britischen Forscher Dr. David King initiierten Diskussion des Fast Track soll DEMO schon 2030 Strom mittels Kernfusion produzieren können. Möglich wäre dies, wenn in der ersten Phase, das heißt bei ITER, zusätzliche Mittel bereitgestellt würden, um die Entwicklung so weit voranzutreiben, dass in der zweiten Phase eine Anlagen- generation übersprungen werden kann und DEMO und der kommerzielle Prototypreaktor zusammengefasst wer- den können. So könnte die Machbarkeit eines Fusions- kraftwerks früher als ursprünglich angenommen demons- triert werden. Angesichts der großen Dringlichkeit für die Entwick- lung von neuen umweltfreundlichen und risikoarmen Möglichkeiten der Energieerzeugung muss die Forschung zur Kernfusion verstärkt und nicht zurückgefahren wer- den, wie dies Rot-Grün gegenwärtig tut. Dass wir dabei auf die Ängste der Bevölkerung Rücksicht nehmen, ist klar. Verringerung von Umweltbelastung und Vermeidung von Risiken haben hohen Stellenwert. Ich fordere die Bundesregierung daher noch einmal ganz entschieden auf: die Fusionsforschung in Deutsch- land und Europa mit dem Ziel zu verstärken, Energie mit- tels Kernfusion noch vor Mitte des 21. Jahrhunderts ge- winnen zu können, die Akzeptanz für diese neue Technologie auch in Deutschland durch Information zu fördern und den Anstoß für eine breit angelegte Diskus- sion zu geben sowie sich nachhaltig dafür einzusetzen, dass der internationale Fusionsreaktor ITER in Europa er- richtet wird. Wir haben gegenwärtig eine einmalige Chance, die richtigen Weichen für die Energieversorgung der Zukunft zu stellen. Ich appelliere daher an die Kollegen aus der Koalition, an unsere Kinder und Enkel zu denken und ge- meinsam mit uns für eine verstärkte Förderung der Fusi- onsforschung einzutreten. Hans-Josef Fell (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): 80 Milliarden Euro ausgeben oder nicht ausgeben, das ist hier die Frage. Wer sich für die Kernfusion einsetzt, muss diese Zahl im Kopf haben. 80 Milliarden Euro sind die ge- schätzten Kosten, die für eine Technologie, die uns viel- leicht in 50 Jahren Energie liefern kann, noch aufzubrin- gen sind. Zweifel an diesem Zeitraum von 50 Jahren sind erlaubt, denn auch vor 40 Jahren hieß es, dass die Fusion in 50 Jahren zur Verfügung stehe. Inzwischen sind Dut- zende Milliarden Euro in die Fusion geflossen. Der Ef- fekt: Keine einzige Kilowattstunde Strom wurde erzeugt und in den nächsten Jahrzehnten wird auch keine erzeugt werden, so geben es selbst die Fusionsforscher zu. Aus meiner Sicht gibt es keinen Forschungszweig, der einerseits so ergebnislos und perspektivlos ist und ande- rerseits so viel öffentliches Geld verbraucht. Dabei gibt es kaum einen Forschungszweig, der so wichtig ist wie die Energieforschung. Schnelle Ergebnisse sind gefragt, da Treibhauseffekt, zu Ende gehende Ressourcen und in der Folge zuneh- mende Ölkriege oder radioaktive Bedrohungen eine schnelle und vollständige Abkehr vom atomaren und fos- silen Energiezeitalter erforderlich machen. Wir können nicht darauf warten, bis in 50 Jahren die Fusion vielleicht einen zweifelhaften Beitrag liefert. Die letzten Jahrzehnte mit der Vernachlässigung der erneuerbaren Energien soll- ten uns Mahnung genug sein. Etwa 80 Prozent aller Energieforschungsmittel der OECD wurden in den letzten 50 Jahren in die Kernspal- tung und Kernfusion gesteckt. Mit dem äußerst mageren Ergebnis, dass nur 5 Prozent des heutigen Weltenergiebe- darfs mit Nuklearenergie gedeckt wird. Wäre dieses Geld in die erneuerbaren Energien gesteckt worden, dann sähe die Welt heute anders aus. Das Klimaproblem wäre weit- gehend gelöst, Kriege um Öl müsste es nicht mehr geben, die Versorgungssicherheit wäre in hohem Maße gegeben, billige Energie stünde vielfach zur Verfügung. Das letzte Jahrzehnt hat den Beweis erbracht: Erneuer- bare Energien lassen sich wesentlich schneller zu großen Marktteilnehmern machen, wenn die Unterstützung stimmt. So wird die Windkraft in diesem Jahr, etwa elf Jahre nach der Markteinführung, circa doppelt so viel Strom erzeugen, wie die Atomenergie in Deutschland im elften Jahr nach der Inbetriebnahme des ersten kommer- ziellen Reaktors. Obwohl die erneuerbaren Energien we- niger Forschungsmittel bekamen als die Fusionsenergie, beschäftigen sie heute bereits 120 000 Arbeitsplätze mit rasch steigender Tendenz. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen auf, dass das technische Potenzial der erneuerbaren Energien weltweit ein Vielfaches des heutigen Weltenergiebedarfs beträgt. Kernfusion ist also völlig überflüssig. Sie wird keinen Bei- trag liefern, da sie mit den zukünftig wesentlich billigeren erneuerbaren Energien nicht konkurrieren kann. So liegen heute bereits die Kosten für 1 Kilowattstunde Windstrom etwa in der Größenordnung, die die Fusionsforscher für Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23987 (C) (D) (A) (B) 1 Kilowattstunde Fusionsstrom nach dem zehnten Fusi- onskraftwerk annehmen. Dass diese Berechnungen auf sehr wackligen Füßen stehen, weiß jeder, da noch nieman- dem bekannt ist, wie ein Fusionsreaktor aussehen wird. Windräder dagegen laufen bereits ökonomisch. Ich frage die Unternehmer in diesem Hohen Hause: Würden Sie eine Summe im mehrstelligen Milliardenbe- reich in die Hand nehmen, von der sie wissen, dass Ihnen die Forscher bereits seit Jahrzehnten verkünden, dass die Technologie in 50 Jahren soweit sein wird? Ich frage Sie: Würden Sie große Summen für eine Technologie aufwen- den, von der man heute nicht einmal weiß, ob sie über- haupt funktionieren wird? Schließlich sind die Material- probleme der ersten Wand um das Plasma ungelöst und sie lassen sich aller Wahrscheinlichkeit auch nicht lösen. Da- rüber hinaus ist völlig ungelöst, wie das radioaktive Tri- tium zurückgehalten werden kann. Wir tragen große Verantwortung in diesem Hause. Weltweit werden in den nächsten Jahrzehnten 80 Milliar- den Euro entweder für die Kernfusion oder für die For- schung, zum Beispiel bei erneuerbaren Energien oder Na- notechnologie oder Gesundheitsforschung, eingesetzt. Wir wissen, dass die Ergebnisse der Fusionsforschung kaum in anderen Bereichen genutzt werden können. Dies heißt, dass wir Gefahr laufen, in gigantischem Maße Ka- pital fehlzuinvestieren. Ich appelliere daher an Sie alle, die Mahnung des Bundestagsbüros für Technikfolgenab- schätzung ernst zu nehmen und endlich einen wissen- schaftlich unabhängigen Sachverstand aufzubauen und bis dahin die weiteren Entscheidungsschritte für die Kern- fusion, zum Beispiel des ITER, auszusetzen. Ich jeden- falls will für die Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen nicht die Verantwortung für 80 Milliarden Euro Fehlpla- nung verantworten und werde mich weiter für eine um- fangreiche Energieforschung einsetzen, die dem Klima- schutz, dem Schutz vor Radioaktivität und dem Schutz vor verschwendeten Steuergeldern Rechnung trägt. Diejenigen unter Ihnen, die immer vom Standort Deutschland reden, möchte ich darauf hinweisen, dass mittlerweile in Deutschland rund 120 000 Arbeitsplätze von den erneuerbaren Energien abhängen. Diese Arbeits- plätze stehen im internationalen Wettbewerb, zum Bei- spiel mit den USA, Dänemark und Japan. Diejenigen wer- den sich durchsetzen, die die besten Produkte zu den günstigsten Preisen anbieten können. Hierüber entschei- den zu einem Großteil die Erfolge bei der Forschung. Wir können das Geld entweder in einen Markt investieren, der bereits heute rund 6 Milliarden Euro alleine in Deutsch- land umfasst, oder wir können die Mittel für die Kernfu- sion ausgeben und vermutlich nie wieder sehen. Denken Sie daran: Es macht nur dann Sinn, die Milli- arden für den nächsten Forschungsreaktor auszugeben, wenn Sie dazu bereit sind, auch den Weg der 80 Milliar- den Euro insgesamt zu gehen. Und denken Sie auch da- ran, dass Ihre Expertisen bislang fast nur von denen er- stellt wurden, die dieses Geld haben wollen. Ein Fusionsforscher, der von der Politik gefragt wird, ob denn seine Forschungen notwendig seien, wird nie zugeben, dass seine Forschungen überflüssig seien oder dass das Forschungsgeld woanders besser angelegt sei. Gerade deshalb hat das TAB in seiner Studie ange- mahnt, endlich unabhängige Beratungskapazitäten aufzu- bauen. Bisher gibt es fast keine solchen. Die wenigen, wie die Janusgruppe in Darmstadt, zeigen daher auch häufig auf die Nachteile, die ungelösten Fragen und die hohen Kosten, die uns die Fusionsforscher in ihren Papieren weitgehend verschweigen oder schönreden. Ulrike Flach (FDP): Unsere Welt ist einem stetigen Wandel unterworfen und somit verändern sich auch die Positionen der Industrienationen zu einer umfassenden Zukunftssicherung ihrer Energieversorgung. Die FDP hat in den zurückliegenden Jahren diesen Aspekt immer wie- der betont und vor einer allzu einseitigen Ausrichtungen der Energieforschung gewarnt. Heute sichern wir unsere Energieversorgung vor allem durch das Verbrennen fossiler Energieträger und durch Kernenergie. Nach und nach kommen die so genannten regenerativen Energien hinzu, von denen wir aber wissen, dass sie zur Deckung des Energiebedarf bei weitem nicht ausreichen. Einige von den Regenerativen verdanken ihre Existenz nur hohen garantierten Abnahmepreisen und einem Ener- giemix, der die Wirtschaft und die Privathaushalte glei- chermaßen belastet. Dass diese Entwicklung eine unend- liche Geschichte wird, zeigt uns das jüngste Beispiel „Photovoltaik“ deutlich. Doch das halten wir im internationalen Wettbewerb auf Dauer nicht durch. Wollen wir wirkliche Veränderungen, dann müssen wir den Mut dazu haben, weit in die Zukunft zu blicken. Nur so können wir wirklich dem hier so oft vor- gebrachten und von uns allen verinnerlichten Nachhaltig- keitsgedanken umsetzen. Wir alle wissen, dass der welt- weite Primärenergiebedarf bis zum Jahr 2050 um das Zwei- bis Dreifache ansteigen wird. Auf den Punkt gebracht be- deutet das: Wir brauchen Elektroenergie, die aus Energien gewonnen wird, die uns zuverlässig für die nächsten Jahr- hunderte zur Verfügung stehen. Wir brauchen Energie- wandlungsprozesse, die unsere Umwelt schonen und die über eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz verfügen. Was wir vor allem hier in Deutschland brauchen, ist wieder der Mut zu Visionen und deren Umsetzung sowie ein schöpfe- risches Klima für Wissenschaft und Forschung. Gerade deshalb sprechen wir Liberale uns so eindeutig für die Fusionsforschung aus. Wir haben das mit unserem Antrag schon vor zwei Jahren deutlich gemacht. Wir ha- ben uns für eine Anhörung im Bildungs- und Forschungs- ausschuss stark gemacht. Wenn wir auf das Ergebnis der Anhörung blicken, hat sich dieser Weg als richtig erwie- sen. Die Mehrheit der Sachverständigen bestätigt unsere Auffassung. Ich kann mich noch genau an die Ausführungen des Vertreters des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt, Energie, Harry Lehmann, erinnern, der Gefährdungspo- tenziale darstellte, die wissenschaftlich so nicht belegbar sind. Jetzt liegt uns die Stellungsnahme des Wissen- schaftsrates zu diesem Institut vor, die unsere Vermutun- gen bestätigen. „Der Wissenschaftsrat empfiehlt dem Land – gemeint ist NRW–, das Institut in seiner bisherigen Form nicht weiter zu fördern“ – so lautet die Empfehlung. Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223988 (C) (D) (A) (B) „Gelbe Karte für die Zukunftswerkstatt“ – so machte die „Süddeutsche Zeitung“ vorgestern ihren Artikel zu diesem Institut auf. Dass die FDPmit ihrem Ja zur Fusionsforschung richtig liegt, bestätigt heute der Wettlauf verschiedener europä- ischer und nordamerikanischer Länder, aber auch Japans, um den Standort des internationalen Fusionsforschungsre- aktors ITER. ITER wurde von europäischen, japanischen, russischen und US-amerikanischen Fusionsforschern vor- bereitet. Gern wurde der Rückzug der USA argumentativ zum Anlass genommen, um einen „Beweis“ gegen die Machbarkeit von ITER anzutreten. Doch im Mai dieses Jahres erklärte der US-amerikanische Energieminister Spencer Abraham auf dem G-8-Wirtschaftsgipfel das Inte- resse der USA, sich wieder an der ITER-Unternehmung zu beteiligen. Die spanischen Christdemokraten haben in ihrem Par- lament den Antrag gestellt, einen Standort nahe Barcelona anzubieten. Daraufhin hat die spanische Forschungsministerin Anna Birués im April 2002 dem europäischen Forschungskom- missar Philipe Busquin den Standort Vandellós vorgeschla- gen. Auch die Franzosen stehen zu ihrem Standort Cadarache, wie aus einem Schreiben vom Mai dieses Jahres an Busquin hervorgeht. Kanada hat sich schon lange beworben. Jetzt liegt auch noch ein offizielles japanisches Angebot vor. Darin schlägt Premierminister Koizumi die Stadt Rokkasho auf der japanischen Hauptinsel Honshu vor. Und was macht Deutschland? Forschungsministerin Bulmahn lässt eine Kürzung des europäischen Mittelan- satzes von 850 Millionen Euro auf 750 Millionen Euro zu, obwohl die Empfehlungen des europäischen Ministerra- tes und des europäischen Parlaments anders lauteten. Wir wissen, welche Rolle Frau Schreyer hier spielte. Auch der Bundesrat macht in seiner Empfehlung darauf aufmerk- sam, dass diese Reduzierung der Förderquoten im Bereich der Fusionsforschung gleichzeitig zu einer zwangsweisen Verringerung der europäischen Mittel für die beteiligten deutschen Forschungseinrichtungen führt. Die FDP-Bundestagsfraktion spricht sich für die Fort- führung eines reaktororientierten Forschungsprogramms über die Zwischenschritte ITER – International Ther- monuclear Experimental Reactor – und DEMO – De- monstration Fusion Powerplant – aus. Die FDP-Fraktion nimmt den Bericht des Ausschusses „Technikfolgenab- schätzung – Monitoring Kernfusion“ zur Kenntnis. Angela Marquardt (PDS): Der vorliegende TAB-Be- richt ist, wie Sie wissen, sehr umstritten – vermutlich des- halb, weil er fast alle Vorbehalte an der Fusionsforschung teilt, die von Kritikern in den letzten Jahren vorgetragen wurden, auch von der PDS. So legt er beispielsweise dar, dass die Fusionsforschung extrem kostenintensiv ist und in den nächsten 50 Jahren noch mindestens 60 bis 80 Mil- liarden Euro kosten wird, während es weiterhin völlig spekulativ ist, ob die Kernfusion jemals geregelt funktio- nieren wird, und wenn ja, wann. Er bestätigt auch unsere Kritik bezüglich der Sicherheitsfragen. Sicherheit ist bei radioaktiven Anlagen eben nie 100 Prozent zu garantie- ren. Auch wenn ich das Risiko natürlich keinesfalls mit dem der Kernspaltung vergleichen will. Das tut auch der Bericht nicht. Die Umweltverträglichkeit ist ebenfalls nicht völlig unproblematisch, weil radioaktive Abfälle entstehen und der Umgang mit dem Brennstoff Tritium sehr problematisch ist. Auch dass waffenfähiges spaltba- res Material erbrütet werden kann, gibt der Bericht zu be- denken. All diese und weitere Bedenken sind für uns Grund ge- nug, der Kernfusion höchst kritisch gegenüberzustehen und einen mittelfristigen Ausstieg aus der Forschung an- zustreben. Für uns sind vor allem drei Argumente aus- schlaggebend: Es wird, wie gesagt, seit Jahrzehnten ohne große Fortschritte geforscht und mögliche Ergebnisse werden erst in 50 Jahren erwartet – wenn überhaupt. In dieser Zeit muss aber längst eine Energiewende stattge- funden haben. Das ungeheuer viele Geld, das diese höchst spekulative Forschung verschlingt, fehlt dringend an an- derer Stelle. Wir fordern schon lange eine verstärkte For- schung im Bereich regenerativer Energien. Das Zweite ist: Die Kernfusion geht von einer zentra- len Energieproduktion in Großkraftwerken aus. Zu einer Energiewende gehört jedoch die Abkehr von diesem Prin- zip. Wir setzen auf eine Dezentralisierung und auf ver- brauchernahe Produktion. Eine zentrale Energieproduk- tion eignet sich nicht für Entwicklungsländer, wo die nötige Infrastruktur zur Verteilung fehlt. Bei jeder Ener- gieforschung muss jedoch bedacht werden, dass alle Lö- sungen auch für Entwicklungsländer denkbar sein sollten. Diese Länder werden künftig den größten Anstieg des Energieverbrauchs haben. Kernfusion ist auch keines- wegs – wie es der TAB-Bericht glauben macht – eine komplementäre Form der Energieversorgung, die regene- rative Energien ergänzen könnte; denn erneuerbare Ener- gien werden dezentral produziert und erfordern dement- sprechend einen Umbau der Energienetze. Kernfusion und regenerative Energien sind konkurrierende Technolo- gien, weil sie grundverschiedener Energienetze bedürfen. Das dritte Argument sind die bereits erwähnten Ent- sorgungsprobleme und die nicht kalkulierbaren Sicher- heitsrisiken. Dies alles bedeutet, dass wir einen Ausstieg aus der Forschung fordern. Das europäische ITER-Projekt lehnen wir grundsätzlich ab. Das Wendelstein-7-Projekt in Greifswald-Lubmin ist noch für mindestens fünf Jahre voll finanziert. In dieser Zeit sollten die Betreiber Vor- schläge entwickeln, wie eine schrittweise Umprofilierung und Neuorientierung des dortigen Max-Planck-Instituts aussehen könnte; denn eine Beibehaltung des For- schungsstandortes ist auch in unserem Interesse. Wolf-Michael Catenhusen, Parl. Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung: Nach 50 Jahren weltweiter Anstrengungen in der Fusionsfor- schung sind wir von der Idee einer kommerziellen Nut- zung der Fusionsenergie immer noch Jahrzehnte entfernt. Natürlich können wir aus heutiger Sicht nicht die Not- wendigkeit einer zusätzlichen Energiequelle wie der Kernfusion langfristig ausschließen, wenn sie technisch Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23989 (C) (D) (A) (B) machbar, ökologisch vertretbar, im Kontext einer über- greifenden Energiestrategie sinnvoll und wirtschaftlich nutzbar sein sollte. Dies sind allerdings Fragen, die wir heute nicht beantworten können. Bei Fusionskraftwerken sind größte anzunehmende Unfälle, ein GAU, wie sie etwa bei Kernkraftwerken grundsätzlich nicht wegzudis- kutieren sind, nicht vorstellbar. Bei der Entsorgung ist es zumindest eine offene Frage, ob die Verkürzung der La- gerung radioaktiver Abfälle auf „nur“ einige hundert Jahre statt einiger tausend Jahre bei Abfällen aus Kern- kraftwerken wirklich die Probleme schon gelöst hat. Des- halb macht der Vorschlag der Studie des Büros für Tech- nikfolgenabschätzung durchaus Sinn, die weiteren Anstrengungen in der Fusionsforschung mit einer inter- disziplinär arbeitenden Technikfolgenabschätzung zu be- gleiten. Und eins sollten wir aus den Erfahrungen mit staatlich finanzierten Technologieprojekten gelernt ha- ben: Technologien, die bis zur Markteinführung aus- schließlich vom Staat finanziert werden, können die Bedürfnisse des Marktes und die Erwartungen der Ge- sellschaft bisweilen gründlich verfehlen: Die Geschichte des Schnellen Brüters ist ein lehrreiches Beispiel. Deshalb ist eine Bereitschaft der Energieversorgungsunterneh- men, sich am ITER zu engagieren und sich an der Ent- wicklung eines Fusionsreaktorprototypen finanziell zu beteiligen, auch eine Nagelprobe ihrer kommerziellen Er- wartungen an diese Technologie. Andererseits verlangen die drängenden Klimaprobleme ein Umsteuern in der Energiepolitik schon in den nächsten 30 Jahren. Wir ha- ben nicht 50 oder gar 100 Jahre Zeit. Für ein Umsteuern in dieser Zeit steht die Fusionsenergie auf jeden Fall nicht zur Verfügung. Sie kann deshalb aus klimapolitischen Zielsetzungen keine Priorität haben. Deshalb haben wir mit Erfolg auf eine angemessene Ausstattung der nicht- nuklearen Energieforschung im 6. Forschungsrahmenpro- gramm gedrängt und müssen auch für die nächsten 30 Jahre in Deutschland vorrangig den Einsatz erneuer- barer Energiequellen, die rationelle Energieverwendung und Energieeinsparung voranbringen. Die Kernfusion muss sich in Deutschland wie in Europa stärker der Kon- kurrenz anderer Energietechnologien stellen. Die Fusionsforschungseinrichtungen Deutschlands ar- beiten mit ihren Partnern in der Europäischen Union im Rahmen von Euratom eng zusammen, auch ihre Arbeit wird zu einem guten Teil aus Mitteln der EU finanziert. Deshalb macht aus Sicht der Bundesregierung eine rein nationale Debatte oder gar Entscheidung über die Per- spektiven der Kernfusion wenig Sinn. In der EU sind wir im Prozess der Entscheidung über das nächste Fusionsexperiment ITER schon ein Stück vo- rangekommen. Die große Mehrzahl der Mitgliedstaaten hat sich für eine Beteiligung an ITER ausgesprochen. Deutschland dringt auf eine Entscheidung über ITER, die eingebettet wird in eine energiepolitische Abwägung und Strategie. ITER lässt sich nur im Kontext einer längerfris- tigen Energiepolitik rechtfertigen, nicht mehr nur aus der Interessenlage der Grundlagenforschung. Die ungelösten Fragen auf dem Weg zu einem Fusionsreaktor sind nicht mehr Grundfragen der Physik. Es geht entscheidend um die Verfügbarkeit von Werkstoffen, die eine bis zu 100-fach stärkere Neutronenstrahlung in einem für die kommerzi- elle Anwendung notwendigen Zeitraum verkraften, als es heute verfügbare Werkstoffe vermögen, es geht um den mühsamen Weg vom Forschungsexperiment zu einem Re- aktor. Die Erfahrungen in der Kerntechnik geben gute Hin- weise auf die dabei zu lösenden Fragen, etwa im so ge- nannten Scaling Up-Prozess. Die Fusions-Community hatte sich bis letztes Jahr auf die Perspektive, es würden weitere 50 Jahre bis zum Einsatz des ersten kommerziel- len Fusionsreaktors vergehen, eingerichtet. Fürwahr ein bequemes Ruhekissen. Hier sind Gott sei Dank neben Deutschland auch andere EU-Mitgliedstaaten, vor allem Großbritannien, unruhig geworden. Der Bericht der King- Kommission „fusion fast track“, die auf Initiative des For- schungsministerrates zustande kam, zeigt erstmals einen Weg auf, die 50 Jahre um bis zu 20 Jahre abzukürzen, wenn schon in den nächsten 10 Jahren die Frage geeigne- ter Materialien zum Ziel geeigneter Forschungsanstren- gungen gemacht werden. Diese Bundesregierung hat von Anfang an auf das heute ungelöste Materialproblem hin- gewiesen. Heute liegen Bewerbungen aus Frankreich und Kanada für einen ITER-Standort auf dem Tisch, Japan und Spanien haben einen Standortvorschlag angekündigt. Deutschland bewirbt sich wegen anderer Prioritäten nicht um den Standort für das Fusionsexperiment ITER. Wir bleiben damit in der Kontinuität der Haltung der Vorgän- gerregierung. Die FDP, die dieses in ihrem Antrag nun for- dert, hatte interessanterweise vor 1998 an dieser Haltung nichts auszusetzen. Deutschland wird sich in den weiteren Gesprächen dafür einsetzen, dass die Entscheidungen über ITER im Kontext einer sinnvollen Energiestrategie getroffen wer- den und die Finanzierung des Projekts in weltweiter Ar- beitsteilung vor einer endgültigen Entscheidung geklärt ist. Wir bestehen auch auf einer weiteren Förderung für die Fertigstellung und den Betrieb des Fusionsexperi- ments WENDELSTEIN in Greifswald. Denn viele Ex- perten sind sich darin einig, dass bei einer Entscheidung über das Design eines Fusionsreaktors in 20 Jahren aus heutiger Sicht offen ist, ob das Design auf dem Tokamak- Konzept von ITER oder dem Stellerator-Konzept von WENDELSTEIN aufbauen wird. Anlage 8 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts zu der Entschließung: Unternehmer im Netzwerk – für eine Kultur der Selbstständigkeit (Tagungsordnungspunkt 13) Michaele Hustedt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wir haben in den letzten Jahren viel erreicht für mehr Selbstständigkeit und für kleine und mittlere Unterneh- men. Eine neue Kultur der Selbstständigkeit hat sich ent- wickelt und unserem Land einen Modernisierungsschub gegeben. Daran hat die Überbewertung neuer Technologie- unternehmen von Medien und Börse in der Phase des Hype und die derzeitige Unterbewertung nichts ändern können. Die Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland hat kontinuierlich zugenommen – im Jahr 2001 hatten wir 7 000 Unternehmen mehr als im Jahr 1998. Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223990 (C) (D) (A) (B) Auf diesem Weg wollen wir weitergehen und die Rah- menbedingungen kontinuierlich verbessern. Wir haben den Haushalt auf einen Konsolidierungs- pfad gebracht, die kapitalgedeckte Säule bei der Rente aufgebaut und eine Steuerreform, die den Mittelstand ent- lastet, verabschiedet. Wir konnten den Trend bei den Lohnnebenkosten um- drehen: sie waren von 32,4 Prozent 1980 auf 42,1 Prozent angestiegen. Heute liegen sie bei 41,2 Prozent. Ohne die Ökosteuerreform wären sie 2 Prozent höher. Der arbeits- intensiv produzierende Mittelstand und moderne Dienst- leister profitieren in besonderer Weise davon. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz haben wir einen weltweit beachteten Boom bei Sonnen- und Windenergie ausgelöst. Viele neue Unternehmen sind entstanden. Die Wirtschaftsweisen haben es uns bestätigt: Mit un- serer Steuerpolitik haben wir den Mittelstand deutlich ent- lastet. Bereits im Jahr 2001 wurde der Mittelstand um netto 7 Milliarden Euro entlastet. Im Jahr 2005 wird die letzte Stufe der Steuerreform greifen, die Entlastung des Mittelstandes wird dann gegenüber 1998 15 Milliarden Euro betragen. Wir haben damit die Voraussetzung für die Verbesserung der Eigenkapitalsituation der mittelständi- schen Personengesellschaften geschaffen. Aber vieles ist noch zu tun. Die Wissensgesellschaft braucht selbstständige, unternehmerisch denkende Men- schen – das starre Oben und Unten ist von gestern. Gefragt ist die Fähigkeit, in Netzwerken und Teams zu arbeiten. Neue Wertschöpfung, neue Unternehmen und neue Arbeit entstehen dezentral: bei Gründerinnen und Gründern bei kleinen und schnell wachsenden Unternehmen. Wir wol- len die Menschen dabei unterstützen, sich fit zu machen und ihren Weg zu gehen. Hierfür werden wir hemmende Bürokratie abbauen und selektiv Initialförderung bereit- stellen. Unser Leitbild ist der aktivierende Staat. Deshalb werden wir weiter kontinuierlich mehr Geld für Bildung bereitstellen, die Qualität der Bildungsein- richtungen durch Vergrößerung ihrer Autonomie und ver- stärkte Wettbewerbselemente in der Bildungsfinanzie- rung steigern. Die Angebote der Schulen und Hochschulen zur Vor- bereitung auf die Selbstständigkeit wollen wir ausbauen und für die Übernahme mittelständischer Unternehmen durch junge Leute wollen wir verstärkt werben. Wir ver- bessern die Rahmenbedingungen für die Verbreitung neuer Technologien durch Investitionen in Forschung und Technologie. Wir wollen eine Kultur der zweiten Chance schaffen und mit der Grundsicherung ein System der sozialen Si- cherung aufbauen, das allen offen steht. Die Flexibilität an den Arbeitsmärkten wollen wir erhöhen – und zugleich die Menschen und die Unternehmen dabei unterstützen, die Chancen dieser Flexibilität wahrzunehmen. Wir werden den lebenswichtigen Zugang mittelständi- scher Unternehmen zu Krediten und Beteiligungskapital verbessern. Dazu werden wir neue Instrumente bei den Förderbanken des Bundes einführen, damit es für die Ban- ken wieder attraktiver wird, Klein- und Kleinstkredite zu vergeben. Einen lebendigen Beteiligungs- und Risiko- kapitalmarkt wollen wir durch die Schaffung von mehr Transparenz und Vertrauen auf den Kapitalmärkten und durch attraktive steuerliche Rahmenbedingungen ge- währleisten. Jelena Hoffmann (Chemnitz) (SPD): Mich reizt es, auf viele Wahlkampfaussagen meiner Vorredner einzuge- hen, doch ich möchte in der Sache diskutieren und gehe deshalb gleich auf den Entschliessungsantrag ein. In ihrem Antrag „Unternehmer im Netzwerk – für eine Kultur der Selbstständigkeit“ fordern die Kolleginnen und Kollegen von der Opposition die Reform der Lehrpläne in Schulen und Universitäten sowie eine besondere und in- tensive Förderung der Unternehmensform „Franchising“. Außerdem plädieren sie für eine Stärkung des Unterneh- mensbewusstseins. Ihre Ideen sollen zu mehr Selbststän- digkeit in Deutschland führen. Ich fürchte, die Opposition hat ein wenig den An- schluss verloren. Weder hat sie den Bericht der Bundes- regierung zur Politik für den Mittelstand angeschaut, noch die Homepage des Wirtschaftsministeriums angeklickt. Wenn Sie es nicht selber können, dann zeigen Ihre Mitar- beiter Ihnen sicher gerne, wie man ins Internet kommt. Im Übrigen: Da sind die Schulen, deren Lehrpläne sie ändern wollen, schon viel weiter als der eine oder andere hier im Raum. In dem Bericht können Sie nachlesen, dass sich in Deutschland bereits ein Stimmungswandel zugunsten der unternehmerischen Selbstständigkeit vollzogen hat. Nach einer aktuellen EU-Umfrage können sich 20 Prozent der 16- bis 29-Jährigen in Deutschland vorstellen, sich selbst- ständig zu machen. Diesen Aufwärtstrend bestätigt der neue Vorstandssprecher der Deutschen Ausgleichsbank, Peter Fleischer. Er sagte vor kurzem in einem Interview, dass sich die Gründerzahlen vor allem in Ostdeutschland stabilisieren. Und das freut mich als Politikerin aus dem Osten natürlich besonders. Die Entwicklung eines Unternehmergeistes bzw. Un- ternehmerbewusstseins fängt schon in der Schule an, das haben Sie in ihrem Antrag richtig erkannt. Deshalb unter- stützt unser Wirtschaftsminister Müller in zwölf Bundes- ländern das Projekt „Junior“, bei dem Schulklassen real handelnde Miniunternehmen gründen. Die DtA hat einen hervorragenden Schulordner mit praxisnahem Unterrichts- material zum Thema Selbstständigkeit erstellt. Nicht nur in Schulen, auch in Hochschulen und Uni- versitäten sorgen wir dafür, dass Studenten zur Selbst- ständigkeit motiviert und darauf vorbereitet werden. Wir haben dazu 42 Existenzgründerlehrstühle ins Leben geru- fen. Sie ermöglichen interessierten Studentinnen und Stu- denten, ihre unternehmerischen Fähigkeiten an den Fa- kultäten zu entwickeln und auszubauen. Ich könnte das jetzt hier fortführen, aber dann reicht meine Zeit nicht aus. Im Übrigen: Kollege Börnsen – ich nenne ihn, weil sein Name als erster in der Liste der Antragseinreicher steht – muss als langjähriger Lehrer für Wirtschaft und Politik am Besten wissen, dass der Bund nur einige Pilotprojekte an Schulen und Hochschulen initiieren und unterstützen Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23991 (C) (D) (A) (B) kann, da die Gestaltung der Lehrpläne in die Länderkom- petenz fällt. Er setzt sich in dem Antrag sehr für das Fran- chising ein. Er hat in seiner Rede am 31. Januar sogar ein Jobwunder prophezeit wenn, – ich zitiere – „man sich am Zauberwort Franchising orientierte“. Nun soll man mit Prophezeiungen vorsichtig umgehen und das würde ich in diesem Fall auch empfehlen. Franchising ist eine Kooperationsform von Unterneh- men unter vielen. Innerhalb des Bereichs Franchising gibt es wiederum etliche 100 Franchisesysteme. Die Facetten sind hier fließend. Vorteilhaft für den Fran- chisenehmer ist, dass er das Know-how und die Erfahrung des Gebers übernehmen kann sowie dessen erprobte Pro- dukte oder Dienstleistungen. Manche Franchisesysteme binden den Nehmer sehr ein, was die unternehmerische Freiheit einschränkt. Wenn die ganze Produktpalette vor- geschrieben wird, der Auftritt des Unternehmens diktiert und die Preise vollkommen vom Geber festgelegt werden, kann man wohl kaum noch von einer Kultur der Selbst- ständigkeit sprechen. Darüber sagt er gar nichts in seinem Antrag. Ich will nicht behaupten, Franchising wäre keine gute und erfolgversprechende Sache; ich finde es aber fahrlässig, diese Unternehmensform als Allheilmittel anzubieten. Da diese Form der Selbstständigkeit von uns und unserer Regierung als eine – ich möchte unterstreichen: als eine – der Möglichkeiten, sich selbstständig zu beschäftigen, un- terstützt wird, hat die Bundesregierung einen Leitfaden für Unternehmen herausgegeben, der über Kooperationen in- formiert und Hilfestellung gibt. Auf der Homepage des Wirtschaftsministeriums gibt es einen eigenen Link zum Thema Franchising, der Informationen und jede Menge Kontakte anbietet. Man kann also wirklich nicht behaupten, dass wir das Thema vernachlässigt hätten. Dass Unternehmen das Angebot der Bundesregierung in Anspruch nehmen, zeigen zum Beispiel zwei Unter- nehmen aus meinem Wahlkreis Chemnitz. Sie sind am Montag auf dem Innovationstag der AiF für ihre Koope- rationskonzepte geehrt worden. Es handelt sich aber nicht um Franchise in diesem Fall, sondern um Netzwerkma- nagement im Rahmen von NEMO: „Netzwerkmanage- ment Ost.“ Die beiden Unternehmen werden in den nächsten drei bis vier Jahren von der Bundesregierung mit bis zu 300 000 Euro unterstützt, um ein Netzwerk aufzubauen und zu etablieren. In einem Fall handelt es sich um eine Gruppe von sieben Unternehmen im Bereich Maschinen- bau. Die Zusammenarbeit in den Bereichen Einkauf, Be- darfserfassung, Schulungs- und Ausbildungsmaßnahmen, Marktanalyse und Technologieentwicklung wird aufge- baut oder intensiviert. Diese Unternehmen haben erstens erkannt, dass in ei- ner internationalisierten Wirtschaft der Zusammenschluss von kleinen Unternehmen von enormer Bedeutung ist, um am Markt zu bestehen. Zweitens haben sie analysiert, dass ein zu geringer Prozentsatz ihrer Zulieferungen aus dem Umland kommen, dass aber das Potenzial in unserer Re- gion vorhanden ist. Daran werden sie mit der finanziellen Unterstützung, die sie von der Regierung erhalten wer- den, arbeiten. Die drei Förderbereiche Innovation, Forschungsko- operation und Technologische Beratung bieten dem Mit- telstand viele Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Zahlrei- che Programme stehen zur Verfügung. Ich darf an dieser Stelle noch einmal auf den Mittelstandsbericht verweisen. Im Rahmen der Förderung von Existenzgründungen wer- den auch Franchiseunternehmer gefördert, wenn sie einen gewissen Grad an Selbstständigkeit nachweisen. Doch Sonderprogramme für Franchise halte ich für den falschen Weg. Wolfgang Börnsen (Bönstrup) (CDU/CSU): „Die zehn besten Newcomer“ titelte das Wirtschaftsmagazin „Impulse“, als es Ende 2001 seine Bestenliste der Fran- chisesysteme veröffentlichte. Die Neugründungen der letzten drei Jahren hatte man kritisch unter die Lupe ge- nommen, um potenziellen Existenzgründern eine Ent- scheidungshilfe zu geben. Den Topplatz belegte das Textilpflegesystem „ZWO 24“. Textilreinigung innerhalb von zwei Stunden und das rund um die Uhr, 24 Stunden lang, lautet die als innovativ eingestufte Geschäftsidee. In acht Filialen in fünf deut- schen Städten wurde das System auf Herz und Nieren ge- prüft. Eine Chipkarte ermöglicht den Eintritt in den Ab- holbereich. Ein Speicherband befördert die richtigen Artikel zur Ausgabe. Ein Reinigungssystem – so einfach wie ein Geldautomat. Besonders positiv wurden das ei- gene Patent und die ausführliche Schulung der Franchise- nehmer bewertet. Das Finanzierungskonzept sei durch- dacht und wurde von Banken gelobt. Das Ziel bis 2006: 130 bis 150 Filialen deutschlandweit. Beste Bedingungen für eine Erfolgsstory – meint man. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Bei der Filialgründung des Gewinners in Potsdam, nur 30 km hier vom Reichs- tag entfernt, gab es die typischen Barrieren für Existenz- gründer: Bestens geeignete Räume waren in der Innen- stadt angemietet, Mitarbeiter ausgewählt, Fördermittel durch die öffentlichen Banken zugesagt. Doch die Ge- schäftsbanken vor Ort lehnten in vorauseilendem Gehor- sam zur Basel-II-Vereinbarung die Finanzierung ab. Die platte Begründung: Potsdam sei kein Platz zum Investie- ren. Geschäftsidee, Ertragserwartung und Expansions- chancen spielten dabei keine Rolle. So geht es derzeit Tausenden von Existenzgründern. Die Banken finanzieren praktisch keine Existenzgrün- dungen mehr. Gründer in Franchisesystemen werden da- bei von den Banken wegen ihres vergleichsweise gerin- gen Risikos sogar noch sehr wohlwollend behandelt, bestätigt die Deutsche Ausgleichsbank auf Nachfrage. Doch deren Slogan „Wir fördern Zukunft“ sieht in der Praxis oft anders aus. 500 000 zusätzliche Arbeitsplätze könnten nach Exper- tenansicht durch gestützte Existenzgründungen in Deutschland geschaffen werden, wenn – ja: wenn – die Rahmenbedingungen stimmen. Doch die Bundesregierung hat wenig Interesse an dem Gründerkonzept Franchising. Unsere Große Anfrage vom April 2001 wurde von ihr erst nach über sechs Monaten beantwortet. Die erste Debatte dazu fand erst weitere fünf Monate später statt und heute, sieben Monate nach unse- Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223992 (C) (D) (A) (B) rem Entschließungsantrag findet die Abschlussdebatte statt. Tausende mögliche neue Arbeitsplätze wurden so auf die lange Bank geschoben. Das ist unverantwortlich! Die Beschlussempfehlung der rot-grünen Mehrheit für die heutige Abstimmung lautet: Ablehnung des Antrages der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Eine Begründung dazu fehlt. Pflicht des Bundeswirtschaftsministers Müller wäre es gewesen, sich persönlich für das Thema einzuset- zen. Er hat die Richtlinienkompetenz in seinem Ministe- rium. Er hat nicht gehandelt. Anerkennenswert dagegen ist die Initiative der Parla- mentarischen Staatssekretärin Margareta Wolf, die sich mit dem Gründerkonzept Franchising und dieser beson- deren Unternehmensform auseinandergesetzt hat. Erst jetzt wird eine Studie zur Bewertung von Franchisesyste- men im Hinblick auf die Beschäftigungssituation in Deutschland in Auftrag gegeben. Wir von der Union mei- nen: viel zu spät, auch wenn diese Maßnahme ein Teil un- seres Antrages ist. Die derzeitigen wirtschaftlichen Fakten sprechen eine klare und traurige Sprache. Sie verdeutlichen die politi- sche Versäumnisse in der Mittelstandspolitik dieser Bun- desregierung: Die Ertragslage des deutschen Mittelstan- des ist so schlecht wie nie zuvor. Nur 3 Prozent des Umsatzes werden als Gewinn erwirtschaftet! Ein Drittel aller mittelständischen Unternehmen erzielen keinen Ge- winn mehr! Über die Hälfte der kleineren Mittelständler arbeiten ohne Eigenkapital. Die Investitionsbereitschaft geht besorgniserregend zurück. Damit ist die anerken- nenswerte Ausbildungsbereitschaft von Handwerk, Han- del und Gewerbe ebenso gefährdet wie dessen Funktion als gesellschaftlicher Stabilisator. Die 3,5 Millionen mittelständischen Unternehmen in Deutschland beschäftigen 70 Prozent aller Arbeitnehmer, 80 Prozent aller Auszubildenden und schaffen 50 Prozent aller Wertschöpfung. Die augenblickliche Politik hat viele entmutigt; Steuern steigen, Abgaben steigen, bürokrati- sche Auflagen steigen. Hohe Lohnnebenkosten werden zu Jobkillern. Das ist ein Entmutigungs-, kein Förderprogramm. Verschärfte Mitbestimmung und das Teilzeitarbeitgesetz werden als Diktat empfunden. Neue Umweltkriterien führen zu mehr Reglementierung, zu mehr Bürokratie. Es kommen derzeit keine wirklich neuen Impulse aus Berlin. Wir registrieren: eine Wirt- schaftspolitik ohne Fantasie, ohne konkrete Power! Dabei könnte die Schaffung richtiger Rahmenbedin- gungen zu einem neuen Jobwunder beitragen; Franchi- sing heißt das Stich-, wenn nicht sogar Zauberwort. 500 000 neue Arbeitsplätze innerhalb von fünf Jahren könnten dadurch nach Expertenansicht entstehen. Fran- chising ist eine in Deutschland im Vergleich zu anderen Industriestaaten völlig unterentwickelte Wirtschaftsform. 850 Systeme gibt es in Deutschland, 3 000 in Japan und 5 000 in den Vereinigten Staaten. Dabei kauft der Fran- chisenehmer beim Franchisegeber ein fertiges Betriebs- konzept, profitiert von dessen Werbung und Know-how, agiert jedoch weitgehend wie ein selbstständiger Unter- nehmer. Als wirkliche Partnerschaft verstanden, kommt es zu einer hocheffizienten Arbeitsteilung zwischen der Systemzentrale und dem Unternehmer vor Ort. Die oft langjährige Anlaufphase einer Unternehmensneugrün- dung verkürzt sich deutlich. Sie liegt bei manchen Syste- men fast bei null. Gründerpleiten werden auf ein Minimum reduziert. 34 000 Jungexistenz-Pleiten allein 2001 in unserem Land vergeuden nicht nur Steuergelder und Investitionskapital, sondern zerstören auch Biografien. Verglichen mit den herkömmlichen Betriebsgündungen ist die begleitete Exis- tenzgründung im Franchising erfolgreicher. 350000 Men- schen arbeiten heute in Deutschland in Franchiseketten von Photo Porst bis hin zu den Fröhlich-Musikschulen; in rund 850 Franchisesystemen in allen Branchen, Dienstleis- tungs- und Industriebereichen. Meine Heimatstadt Flensburg ist Sitz von bekannten und angesehenen Systemzentralen wie Beate Uhse und TEXfit und in Schleswig-Holstein gibt es weitere wie MobilCom, Blume2000 und das Dach- und Fassaden- begrünungssystem Optima aus Tornesch. Aber rund 2 000 solcher Unternehmensnetzwerke hätten nach Ansicht von Fachleuten Platz in Deutschland, wenn endlich gehandelt würde. Doch statt dieses Entwicklungspotenzial zu nutzen, baute die Bundesregierung neue Hürden bei der Schaf- fung von Arbeitsplätzen auf: beim Kündigungsschutz, der Steuerreform, der Scheinselbstständigkeit oder bei den 325 Euro-Jobs. Hier blickt die Bundesregierung zum Ende ihrer Regierungszeit auf eine Politik der verpassten Chancen zurück. In den USA ist Franchising ein Instru- ment aktiver Arbeitsmarktpolitik. Blei uns nicht! Dabei schafft ein Existenzgründer in Deutschland im Durch- schnitt drei Arbeitsplätze, Franchisenehmer schaffen im Durchschnitt sogar zehn. Viele eröffnen nach einiger Zeit einen oder mehrere weitere Betriebe. Doch nimmt ein Franchisesystem bei der Suche nach potenziellen Exis- tenzgründern Kontakt zum Arbeitsamt auf, erhält es oft eine Abfuhr „Wir vermitteln keine Arbeitslosen in die Selbstständigkeit, diese zahlen nicht in die Arbeitslosen- versicherung ein“, lautet dann die lapidare Absage, so Aussagen aus der Branche. Das ist dumm! Gerade beim Abbau der Arbeitslosig- keit sind innovative Ideen gefragt. Bei der Vermittlung in die Selbstständigkeit wird eine Kettenreaktion ausgelöst, es entstehen weitere Arbeitsplätze. Franchisesysteme be- dienen zwei Kundenkreise: den Verbraucher und Nutzer ihrer Produkte und Dienstleistungen einerseits und poten- zielle Existenzgründer andererseits. Die Netzwerkwirtschaft wartet darauf, Rechtssicher- heit zu erhalten. Sie bewegt sich in mehreren Bereichen auf ungeklärten Grenzlinien: In der Praxis ist oft nicht klar, ob die Tätigkeit eines Franchisenehmers von den Ge- richten als selbstständige Tätigkeit akzeptiert wird, ob die EU-Gruppenfreistellungs-Verordnung greift und das je- weilige Franchisesystem vom Kartellverbot freigestellt ist und wie weit die Aufklärungspflichten des Franchisege- bers reichen. Folge ist: Das Landgericht in München be- stätigt die Wirksamkeit eines Franchisevertrages, das Oberlandesgericht in Hamm erklärt denselben Vertrag für sittenwidrig. Hierdurch werden Geld, Arbeitsplätze und Existenzen vernichtet; zum Schaden für unsere gesamte Volkswirtschaft. Die Reform des Schuldrechts bot hier Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23993 (C) (D) (A) (B) Chancen für eine Klarstellung. Geschehen ist nichts, hier hat die Bundesregierung eine weitere Chance vertan. Die Risiken dieser Wirtschaftsform dürfen vom Ge- setzgeber nicht übersehen werden. Unzureichend quali- fizierte Menschen können in eine Existenzgründung gedrängt werden, eine zu hohe Lizenzgebühr kann frus- trieren und nicht fördern. Schwarzen Schafen ist das Handwerk zu legen. Franchisegeber und Franchiseneh- mer sind Partner und sitzen im selben Boot. Zur Galeere darf dieses aber nicht werden. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel – dem Ur- sprungsland der Netzwerkwirtschaft – gelten harte Re- geln, aber auch Rechtssicherheit. In 30 Jahren ist Erfah- rung gewachsen. 8 bis 10 Millionen Menschen gibt diese Wirtschaftsform dort aktive Wirtschaftsbeteiligung. In den USAmüssen alle Franchisesysteme angemeldet, zertifiziert und in ein öffentliches Register aufgenommen sein. Diese Regelung schafft Schutz vor Missbrauch und wirkt wie eine Vermittlungsbörse. Eine solche Lösung ließe sich ohne Reglementierung der Branche durch die Einführung eines freiwilligen Prüf- siegels für Franchisesysteme bei uns erreichen. An der Vergabe des Zertifikates sind alle Betroffenen zu beteili- gen. Die Branchenverbände der Franchisegeber und der Franchisenehmer sollten hierfür einen klaren Auftrag der Politik erhalten. Die Finanzierung von Existenzgründungen bedarf dringender Verbesserung. Banken und Sparkassen ziehen sich immer mehr aus dieser Aufgabe zurück und die Basel-II-Vereinbarung legt schon heute praktisch jede Existenzgründung lahm. Es ist unsinnig, bei jeder Exis- tenzgründung eines Franchisepartners, bei jeder Filial- gründung das gesamte Franchisekonzept wieder auf Herz und Nieren zu prüfen. Das duftet nach Geldschneiderei. Um diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen, ist politi- sche Initiative gefragt. Alle, die an der Existenzgründung und an der Schaffung von Arbeitsplätzen ein Interesse ha- ben – sei es, um Geld zu sparen oder um welches zu ver- dienen –, müssen zusammengeführt werden. Gemeinsam muss ein Deutschland-Fond zur Schaffung von 500 000 Arbeitsplätzen durch Unternehmensneu- gründungen initiiert werden. Zu beteiligen sind Banken, Sparkassen, Fondsgesellschaften, die Bundesanstalt für Arbeit, das Wirtschaftsministerium und über einen Volks- Aktien-Fond alle Bürger unseres Landes. Eine prima Idee, wie sie jetzt Dieter Fröhlich, der Präsident des Deutschen Franchise Verbandes vorgestellt hat. Neben den rechtlichen und finanziellen Rahmenbedin- gungen wird eine Unternehmerkultur entscheidend durch das Unternehmerbewusstsein geprägt. Doch hier bestehen bei uns Defizite im Bildungs- und Ausbildungssystem. Das Fach Wirtschaft muss Schul-Pflichtfach sein. Unter- nehmer vor Ort müssen regelmäßig in die Schulen einge- laden werden, aus ihrem Alltag berichten, von ihren Ideen, Chancen und Risiken. Abgesehen davon müssen wir weg von einer Neidkultur, hin zu einer Unternehmer- kultur. Der risikobereite Leistungsstarke verdient Aner- kennung. Dieser Respekt sollte ganz besonders Franchi- seunternehmen gelten, denn sie fungieren auch als Schule für Unternehmer. Hier lernt mancher erst das Handwerks- zeug für eine verantwortliche Unternehmensführung. Hier findet Eigenverantwortung in der Praxis statt. Hier kommt es zur Qualifizierung zukünftiger Unternehmer. Daraus kann und sollte sich ein neues Berufsbild erge- ben, das eines Franchisemanagers. Er könnte für neue Ideen und deren Umsetzung sorgen. Er könnte zur Schaf- fung und zur Sicherung der Systemzentralen in Deutsch- land beitragen. Ein kleines Beispiel soll das verdeutli- chen: Vor einigen Jahren erhielt ein findiger Ingenieur aus Deutschland ein Patent für ein Gehweg-Reinigungssys- tem. Doch als Techniker fehlte ihm das kaufmännische Know-how für die geschäftliche Verwertung. Etablierte Unternehmen hatten kein Interesse an dem Patent. So fand er einen Franchisemanager in den Vereinigten Staaten. Dieser setzte die Erfindung in ein Geschäftskonzept um. Heute sitzt die Systemzentrale in den USA und die ersten potenziellen Lizenznehmer aus Deutschland haben ihr In- teresse angemeldet. Systemzentralen von Coca Cola oder McDonalds erhalten von vielen deutschen Vertragspart- nern Lizenzgebühren, doch die Steuern dafür werden in Atlanta und in Illinois bezahlt. Das muss nicht sein! Die wenigen Beispiele verdeutlichen: Kluges politi- sches Handeln ist gefordert, will man die Chance bis zu 500 000 neue Arbeitsplätze in den kommenden fünf Jah- ren zu schaffen, nicht verpassen. Die Erfahrungen und Ideen beispielhafter Pioniere in Sachen Franchising wie die der Unternehmensberatung Wingral und Partner aus Eckernförde und der ADVIS-Wirtschaftskommunikation aus Monheim verdienen Unterstützung. Aus dieser Einschätzung halten wir als Union an unse- ren fünf wirtschaftspolitischen Empfehlungen fest: Erstens. Wir benötigen dringend eine fundierte Studie zu den Entwicklungschancen des Franchising in Deutsch- land. Zweitens. Wir halten die Schaffung eines Zertifizie- rungssystems für Franchisesysteme auf der Basis der Freiwilligkeit für erforderlich. Drittens. Wir plädieren für die Schaffung klarer recht- licher Rahmenbedingungen, insbesondere zu den Auf- klärungspflichten des Franchisegebers. Viertens. Wir halten die Sicherstellung der Qualifizie- rung zukünftiger Unternehmer als Franchisenehmer so- wie von Franchisemanagern als Franchisegeber für rich- tig und wir müssen fünftens zu einer einfacheren und unbürokratischen Existenzgründungsfinanzierung ebenso wie zur Förde- rung der Gründung von Franchisesystemen kommen. Damit hätten diese Netzwerksysteme gute Chancen, zu einer Jobmaschine zu werden. 500 000 neue Arbeitsplätze sind machbar. Gudrun Kopp (FDP): Den Mittelstand, das viel ge- priesene Rückgrat der deutschen Wirtschaft, plagen derzeit größte Sorgen. Die hohe Steuer-, Abgaben- und Kostenlast sowie eine Zunahme von Bürokratie und Regulierung strangulieren einen großen Teil der 3,3 Millionen mittel- ständischen Unternehmen und Freiberufler. Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223994 (C) (D) (A) (B) Kein Wunder, dass sich die niedrige Selbstständigen- quote in Deutschland von gerade einmal 10 Prozent im in- ternatinalen Vergleich völlig negativ abhebt. Letzte Daten aus 2001 belegen, dass gerade kleine und mittlere Unter- nehmen mit bis zu fünf Beschäftigten am schnellsten von Insolvenzen bedroht sind. 56 Prozent dieser KMU in Westdeutschland und über 43 Prozent in Ostdeutschland waren im Jahr 2000 von Insolvenz betroffen. Welche Maßnahmen hält die FDP für erforderlich, um die Selbstständigenkultur in Deutschland voranzubrin- gen? Senkung der Steuer- und Abgabenlast, verbunden mit einer Vereinfachung des Steuersystems; steuerliche Anreize zum Aufbau von Eigenkapital; Erweiterung der Schulungs- und Weiterbildungsangebote zur sorgfältigen Vorbereitung auf die Selbstständigkeit; eine Konzentra- tion und Bündelung von nur wenigen, übersichtlichen Förderprogrammen auf Bund-Länder-Ebene und Entlas- tung der Unternehmen von Bürokratiekosten, die gerade kleinen Firmen die Luft zum Atmen und zur innovativen Gestaltung ihrer Unternehmenspolitik nehmen. Es ist bezeichnend, dass der Staat den Unternehmen Aufgaben abverlangt, die die Firmen kostenlos erbringen müssen. Als Beispiel sei hier die Erstellung von diversen Statistiken genannt. Solcherlei „Frondienste“ belaufen sich inzwischen auf einen Umfang von circa 30 Milliar- den Euro. Rolf Kutzmutz (PDS): Liebe Kolleginnen und Kolle- gen der CDU/CSU, Sie fordern uns in Ihrem Ent- schließungsantrag zu Feststellung auf, dass die Bundes- regierung beim Thema „Unternehmer im Netzwerk-Kultur der Selbstständigkeit“ lediglich auf Angaben eines Ver- bandes zurückgreifen könne. Ich möchte einmal den Spieß umdrehen: Die zugrunde liegende Große Anfrage Ihrer Fraktion war offenkundig ebenso eine Auftragsarbeit des Deutschen Franchise-Ver- bandes. Ich habe keineswegs generell etwas dagegen, Lobbyisten im Parlament Gehör zu verschaffen. Ich wun- dere mich aber über die penetrante Form in diesem Falle. Denn Franchising ist zwar eine, aber keineswegs „die“ Netzwerk-Form von Wirtschaftsaktivitäten. Sie selbst ha- ben sich – wie wir – an anderer Stelle mit Vehemenz für regionale oder arbeitsteilige Netzwerke selbstständiger Unternehmen eingesetzt. Ich erinnere nur an das Engage- ment für die Förderung von Netzwerkmanagement Ost – bekannter als NEMO. Oder an Förderkulissen wie Inno- regio, Innonet oder industrielle Gemeinschaftsforschung. Solche aus unserer Sicht zukunftsträchtige Formen von Netzwerken ignorieren Sie nun völlig. Gewiss kann Franchising ein Einstieg in Selbstständig- keit sein. Aber – je nach konkreter Ausgestaltung der Ver- träge, die man nicht alle über einen Kamm scheren soll – kann es durchaus eine für die Betroffenen hoch riskante Form der Scheinselbstständigkeit darstellen. Jener Schein- selbständigkeit, der aus arbeitsmarkt- wie sozialpoli- tischen Gründen zu Recht der Boden entzogen werden sollte. Dass Sie ausgerechnet Franchising, wo es bekannter- maßen nicht nur Knebelverträge gibt, als Keule gegen alle Maßnahmen zur Bekämpfung von Scheinselbständigkeit nutzen, das lässt tief blicken. Offensichtlich geht es Ihnen weniger um einen Aufschwung der Existenzgründer, son- dern vielmehr der Profite der Franchise-Geber, also der zumeist großen Unternehmen und insbesondere der „schwarzen Schafe“ unter denen. Sie beantragen darüber hinaus eine umfassende Studie zum Franchising. Die ist unseres Wissens mittlerweile be- reits in Auftrag gegeben. Auch die PDS ist auf das Ergeb- nis der international vergleichenden Untersuchung zu den Beschäftigungsperspektiven bei solchen Systemen ge- spannt. Möglicherweise lassen sich daraus tatsächlich ei- nige politische Handlungsempfehlungen ableiten. Aber eine einseitige Orientierung auf diese Form, ihre Adelung zur Basis der gesamten Selbstständigen-Kultur wird es mit uns gewiss nicht geben. Ihre Forderung nach Einbeziehung der „Kultur der Selbstständigkeit“ in Lehrpläne von Schule, Berufsbil- dung, Hochschule wird dagegen schon weitgehend prak- tiziert. Ich verweise nur auf „Gründerlehrstühle“ an Uni- versitäten, Unternehmenspraktika in der Sekundarstufe und dergleichen. Sie hat also weder Neuigkeitswert noch gibt es aus unserer Sicht noch weiter gehenden Hand- lungsbedarf. Aus all diesen Gründen kann die PDS diesen Entschließungsantrag nur ablehnen. Dr. Ditmar Staffelt, Parl. Staatsekretär beim Bundes- minister für Wirtschaft und Technologie: Ich gehe davon aus, dass wir in der grundsätzlichen Zielrichtung überein- stimmen: Um die Dynamik des unternehmerischen Han- delns zu erhöhen, benötigen wir eine neue Kultur der Selbstständigkeit. Meine Damen und Herren von der Op- position, Sie werden anerkennen müssen, dass hier die Bundesregierung in den vergangen dreieinhalb Jahren ei- nige Erfolge vorzuweisen hat. Erstens. Wir machen jetzt Jugendliche schon in den Schulen und Universitäten mit unternehmerischen The- men vertraut. Sie dagegen untergraben mit Ihren Vor- schlägen den Föderalismus in Deutschland. Es steht uns laut Verfassung nicht zu, auf die Lehrpläne der Länder Einfluss zu nehmen, wie in Ihrem Entschließungsantrag gefordert. Die vom BMWi gestartete Initiative zur Errichtung von Existenzgründerlehrstühlen hat zur Entstehung von 42 Existenzgründerlehrstühlen geführt. Auf diese Weise wird den Studierenden bereits während ihres Studiums das Rüstzeug für eine spätere Selbstständigkeit mitgege- ben. Wir haben die Initiative „wvwv.gruendungskontakte. net“ gestartet. Dies ist ein virtueller Marktplatz zwischen Wirtschaft und Hochschulen. Wissensträger an Hoch- schulen können hier als potenzielle Existenzgründer ihre Ideen, Erfindungen und Projekte der Wirtschaft vorstel- len. Im Rahmen des Projekts JUNIOR lernen Schülerin- nen und Schüler ab der 9. Klasse durch die Gründung von Miniunternehmen die Praxis in der Wirtschaft ken- nen. Das Projekt läuft mittlerweile schon in zwölf Bun- desländern. Dass wir mit unserer Politik Erfolg haben Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23995 (C) (D) (A) (B) beweisen folgende Zahlen: Nach einer EU-Umfrage un- ter 16- bis 29-Jährigen hat jeder fünfte Jugendliche in Deutschland den Wunsch, sich selbstständig zu machen. Eine andere Umfrage unter Studierenden an europä- ischen Spitzenuniversitäten belegt, dass in Deutschland 16 Prozent der Absolventen nach dem Studium ein eige- nes Unternehmen gründen möchten und sich rund 10 Prozent vorstellen können, in einem Start-up-Unter- nehmen zu arbeiten. Damit liegt Deutschland, was den Wunsch nach Selbstständigkeit angeht, an vierter Stelle in Europa. Hier wollen wir natürlich noch weiterkom- men! Zweitens. Der wachsende Wettbewerbsdruck und die zunehmende Dynamik der technologischen Entwick- lung erfordern vom Mittelstand immer neue Wege, seine Leistungsfähigkeit unter anderem durch Koopera- tionen und Netzwerke zu stärken. Den Nutzen haben mittlerweile viele kleine und mittlere Unternehmen er- kannt. Angesichts der Vielfalt möglicher Kooperationsfor- men setzt die Bundesregierung an sehr unterschiedlichen Stellen des Wirtschaftsprozesses an. Wir wollen einerseits die Entstehung und andererseits die Nutzung vorhandener Netzwerke wie Franchising durch Existenzgründer för- dern. Ein Schwerpunkt der Aktivitäten liegt auf der För- derung von Netzwerken, die insbesondere Neugründun- gen und jungen Unternehmen Hilfestellung leisten. Hierzu zählen Schulungen, Informations- und Beratungs- leistungen für Gründerinnen und Gründer durch Indus- trie- und Handelskammern, die Deutsche Ausgleichsbank sowie die Euro Info Centres. Weiter fördert die Bundesregierung innovative Unter- nehmensgründungen aus Hochschulen und Forschungs- einrichtungen durch die Unterstützung regionaler Netz- werke im Rahmen des EXIST-Programms und die Vergabe von Mitteln aus dem Fonds zur Erleichterung von Exis- tenzgründungen aus Forschungseinrichtungen. Alle diese Maßnahmen dienen dazu, die Kultur der Selbstständigkeit in Deutschland weiter zu stärken, indem insbesondere Informations- und Know-how-Defizite bei Gründerinnen und Gründern abgebaut werden. Die Bundesregierung unterstützt kleine und mittlere Unternehmen aber auch durch umfangreiche Netzwerk- hilfen im Technologie- und Forschungsbereich. Eine zu- nehmende Rolle spielen dabei Forschungskooperationen und innovative Netzwerke, in die kleine und mittlere Un- ternehmen und auch Forschungseinrichtungen ihre Ideen und Kompetenzen einbringen. Durch die Erhöhung der Haushaltsansätze konnten wir neue Initiativen wie PRO INNO, die Förderung von inno- vativen Netzwerken, InnoNet, und das Initiativprogramm „Zukunftstechnologien für kleine und mittlere Unterneh- men“ starten. Meine Damen und Herren von der Opposition, hören Sie doch endlich auf, immer wieder zu behaupten, das Ge- setz zur Förderung von Selbstständigkeit verhindere Selbstständigkeit!. Das ist falsch! Mit den vorgenomme- nen Klarstellungen und Änderungen sowie der Ein- führung eines Voranfrageverfahrens zur Statusklärung sind die entstandenen Anlaufschwierigkeiten und Unsi- cherheiten beseitigt worden. Mein Fazit: Die Bundesregierung trägt durch ihre Maß- nahmen maßgeblich zur Dynamisierung des Gründungs- geschehens und zu einer Kultur der Selbstständigkeit bei. Anlage 9 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Unterrichtung und der Ent- schließungsanträge: Gesamtwaldbericht (Tagesordnungspunkt 14) Heidemarie Wright (SPD): Zum Gesamtwaldbericht, vorgelegt im September 2001, haben die Koalitionsfrak- tionen, ebenso die Union, im Januar 2002 Entschließungs- anträge eingebracht, die zusammen mit dem Gesamtwald- bericht im März im federführenden Ausschuss beraten wurden. Für uns von den Koalitionsfraktionen waren die letzten Monate durchaus stark vom Thema Wald geprägt, stehen wir doch in der Vorbereitung des Nachfolgegipfels von Rio, vor Rio + 10, vor dem Weltgipfel für nachhaltige Ent- wicklung in Johannesburg. Es wäre gut, wenn Johannes- burg zum Synonym für einen „Waldgipfel“ würde. Den Forstpolitikern hier muss man nicht erklären, dass der Begriff der Nachhaltigkeit ein Begriff aus der Forst- wirtschaft ist. Es ist auch wahr: In der Forstwirtschaft hat man sich der Nachhaltigkeit verpflichtet. Sie wurde aber nicht durchgängig praktiziert. Auch in Deutschland musste zum Beispiel durch Kriegsschulden Wald in flächendeckender Weise abge- holzt werden. Aber auch kurzsichtiges Profitdenken hat immer wieder zu falscher Forstwirtschaft geführt. Mono- kulturen boten schädlichen Umwelteinflüssen, ob Stürmen oder Schädlingen, Raum und es kam zu großen Waldschä- den. Die ungebremste Mobilität und energetische Nutzung fossiler Brennstoffe wie Erdöl oder Erdgas führten zu ho- hen Umweltbelastungen, zu apokalyptischen Zuständen in Wäldern und zur Angst um das Waldsterben. Man hat sich besonnen. Das Waldsterben konnte ge- bremst werden. Hoch motivierte und hoch verantwortli- che Forstleute haben in weiten Teilen unseres Landes eine gute Forstwirtschaft begründet und ich bin sehr zuver- sichtlich, was die Zukunft betrifft. Deshalb will ich es wiederholt zum Ausdruck bringen: Deutsche Forstwirtschaft kann eine Vorbildfunktion in Europa und auf internationaler Ebene übernehmen. Ich will auch zum wiederholten Male sagen, dass ich es schade finde, dass die deutsche Forstwirtschaft in ihrer Verbandsstruktur diese Situation in Bezug auf die Forst- zertifizierung nicht erkannt und den internationalen Zer- tifizierungsprozess mitgestaltet hat. Wie auch immer, es gibt sie, die Zertifizierung. Es gibt FSC – mit hohen Anforderungen und international be- gründet. Es gibt PEFC – europäisch, länderweise verord- net und durchaus bemüht. Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223996 (C) (D) (A) (B) Ich hoffe, dass die Zertifizierung insgesamt der Fort- entwicklung der nachhaltigen Waldpolitik dient und dass die Nachhaltigkeit der Maßstab in der Forstpolitik ist. Nicht selten habe ich aber das Gefühl, dass man den Be- teiligten Nachhaltigkeit erst buchstabieren muss. Der Dreiklang von Ökonomie, Ökologie und Sozialem wird zu oft höchst unterschiedlich gewichtet. Es ist wahr, dass nicht kooperationsfähige Verbände sich als Bremser und Verhinderer einer über die Ökonomie hinausreichenden Nachhaltigkeit aufmanteln und gesellschaftliche Mitspra- che als etwas Unanständiges ansehen. Aber es ist eine Tatsache, dass wir nicht erst seit Rio eine über die deutschen Forsten hinausreichende Verant- wortung haben. Es ist auch eine Tatsache, dass wir diese Verantwortung gerade in der rot-grünen Regierung in be- sonderem Maße annehmen. Es waren immer gerade auch die deutschen Delegatio- nen, die bei den internationalen Umweltkongressen, zu- letzt bei der Vertragsstaatenkonferenz in Den Haag, die Vorreiterrolle für eine weit reichende und verantwortliche Politik übernommen haben. Wir wissen auch alle: Dies ist bitter notwendig. Denn die uns prägende Einsicht der ge- genseitigen Mitverantwortung ist weiß Gott nicht überall stark ausgeprägt. Es ist unsere Mitverantwortung, die letzten Urwälder der Welt zu schützen und zwar mit Di- plomatie, mit Druck, mit Geld. Die Tatsache, dass jährlich viele Millionen Hektar Wald zerstört werden, muss mehr bewirken als Bedauern und unverbindliche Beschlüsse. Das ITTO-Ziel – Internationale Tropenholzorganisa- tion –, nur noch Tropenholz aus nachhaltig bewirtschafte- ten Wäldern zu exportieren, wurde bisher nicht erreicht. Eine der Voraussetzungen hierfür ist auch die Zertifizie- rung und Kennzeichnung. Unser Ziel muss weiter sein, in Johannesburg ein Waldprotokoll zur Biodiversitätskonvention zu erreichen, um dadurch so rasch wie möglich einen global wirksamen Schutz der Wälder, insbesondere der Urwälder, zu bewir- ken. Waldpolitik ist mehr als Forst- und Umweltpolitik. Es ist die Politik für die Erhaltung des Gleichgewichts unse- rer Erde. Deshalb betone ich nochmals meinen Wunsch, dass der Weltgipfel in Johannesburg als „Waldgipfel“ für eine internationale Waldpolitik Wirkung erzielt. Reinhard Freiherr von Schorlemer (CDU/CSU):Der Gesamtwaldbericht befasst sich mit den tropischen Wäl- dern, den borealen Wäldern, den temperierten Wäldern und den Wäldern in Deutschland. Natürlich sind Zustand und Entwicklung zum Teil besorgniserregend. Ich möchte heute aber nicht über die weltweite Lage der Forstwirtschaft sprechen, sondern über die Wälder in Deutschland und deren Lage reden. Dieser Bericht ist von einem Ministerium erstellt worden, das erstmalig nicht mehr das Wort „Forsten“ in seiner Dienstbeschreibung trägt. Über die Lage und Entwicklung der Forst- und Holzwirtschaft 2001 aus dem Agrarbericht 2001folgende Zitate: „rund 36 Prozent der ausgewerteten Betriebe „er- zielen“ kein positives Betriebsergebnis“, „Geringere Er- löse wurden auch im forstlichen Betriebsteil erzielt“, „Der speziell für den forstlichen Betriebsteil fiktiv, das heißt unter Einbeziehung der kalkulatorisch hergeleiteten Kos- tenpositionen, errechnete Reinertrag ... hat sich im WJ 1999/2000 erheblich verschlechtert. Mit rund – 6 DM/ Hektar HB ist er wieder leicht negativ. Im dargestellten Reinertrag sind bereits Fördermittel in Form von Zu- schüssen und Zulagen bereits mit eingerechnet.“ Bei der Vorschau auf 2000 wird formuliert: „Es ist da- mit zu rechnen, dass sich die Ertragslage der Forstbetriebe im FW 2000 ... im Durchschnitt etwa verschlechtert.“ Daher hat auch zu Recht der Deutsche Forstwirtschafts- rat, der Zusammenschluss aller Besitzarten, das heißt auch 47 Prozent Privatwald und Treuhandwald, 34 Pro- zent Staatswald, und 19 Prozent Körperschaftswald, am 28. Mai 2002 beschlossen: Erstens. Eine weitere Verschlechterung der wirtschaft- lichen Rahmenbedingungen der Forstbetriebe, die aus den beständig steigenden gesellschaftlichen Anforderungen an den Wald resultiert, ist aufzuhalten und auszugleichen. Zweitens. Die positiven Effekte der Wälder und Holz- verwendung zur Eindämmung der Klimaveränderung (Senken- und Substitutionseffekte) müssen intensiver un- tersucht, stärker berücksichtigt und der Öffentlichkeit in- tensiver vermittelt werden. Drittens. Die Forstwirtschaft ist als unverzichtbarer Partner für die nachhaltige Entwicklung zu berücksichti- gen. Übrigens habe ich bis heute nicht verstanden, warum der Wirtschaftszweig, der seit 200 Jahren nachhaltig wirt- schaftet, nicht im „Rat für nachhaltige Entwicklung“ zur Mitarbeit gebeten wurde. Viertens. Die Verwendung von Holz aus nachhaltiger Waldwirtschaft ist zu fördern. Im Bundesnaturschutz ist eine große Chance dadurch vertan worden, dass der Vertragsnaturschutz nicht vorran- gig eingeräumt wurde, denn der Wald mit seinen vielfäl- tigen Schutzfunktionen setzt eine vertrauensvolle Koope- ration zwischen Waldbesitzern und Waldinteressen und Naturschutzbelangen voraus. Nur im Zusammenwirken lassen sich auch schwierige Fragen lösen. Dazu gehört auch, dass die Frage der Ausgleichs- und Entschädigungsregelung immer noch nicht geklärt ist. Da die FFH-Richtlinie eine Kofinanzierung zwischen der EU und dem Mitgliedsland vorsieht, sind sowohl ein nationa- ler als auch ein europäischer Finanzierungstitel zu schaffen. Es muss daher auch geklärt werden, bevor eine endgültige Auswahl der Gebiete über die so genannten Biographi- schen Seminare stattfinden, wie und womit die mit der Ausweisung verbundenen Einschränkungen finanziert werden. Erstmalig beschäftigt sich der Waldbericht mit Zertifi- zierungssystemen. Hier lassen sich mit Ideologie und ein- seitiger Parteinahme für ein System sowohl der Fachmi- nisterin Frau Künast als auch des Umweltministers Trittin das Problem nicht lösen. Statt das Engagement der Waldbauern in Deutschland zu loben, setzt zum Beispiel der Umweltminister einseitig Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23997 (C) (D) (A) (B) auf ein Label zur Zertifizierung von Holzprodukten. Da- mit verkannte er die Leistung Hunderttausender privater Forstbetriebe und auch tausender Kommunen und auch die große Mehrheit der Landesforsten, die seit Jahrhun- derten ihre Wälder nachhaltig bewirtschaften. In Deutschland sind inzwischen rund 5,7 Millionen Hektar – das sind 53 Prozent der gesamten Waldfläche nach PEFC – das Paneuropäische Wald Zertifizierungssys- tem – zertifiziert worden. Das von den beiden Ministern favorisierte System FSC zertifiziert in Deutschland rund 300 000 Hektar, das sind rund 3 Prozent. Auch die meisten Bundesländer – von Bayern über Ba- den-Württemberg, über Niedersachsen bis nach Mecklen- burg-Vorpommern – lassen ihre Forsten vom PEFC zerti- fizieren. Warum PEFC? Erstens. PEFC garantiert, dass der Eigentümer ein an- gemessenes Mitspracherecht bei der Gestaltung der Stan- dards besitzt. Zweitens. PEFC hat durch den kosteneffizienteren re- gionalen Ansatz erhebliche Vorteile. Angesichts der ange- spannten wirtschaftlichen Lage der deutschen Forstwirt- schaft sind die höheren Zertifizierungskosten des FSC nicht zumutbar. Drittens. PEFC ist maßgeschneidert für die kleinstruk- turierten Eigentums- und Betriebsverhältnisse in Europa. Es ist schwer zu vermitteln, dass Holz aus unseren Wäl- dern, die seit Generationen gewissenhaft und nachhaltig bewirtschaftet werden, und Holz aus tropischen Schnell- wuchsplantagen mit FSC-Siegel „in einen Topf gewor- fen“ werden. Viertens. PEFC hat Monopole verhindert. Umsetzung des Entschließungsantrages würde Monopolisierung durch staatliche Intervention bedeuten. Wettbewerb eröff- net den Waldbesitzern Handlungsoptionen und gibt bei- den Zertifizierungssystemen Verbesserungsimpulse. So bewertet in einer wissenschaftlichen Studie von Professor Thoroe zur Gleichwertigkeit des PEFC-Ansat- zes im Vergleich von PEFC und FSC. Auch die Bundesregierung begrüßt auf Seite 30 des Gesamtwaldberichtes die Annäherung der beiden Sys- teme. Sie bezieht sich dann aber auf eine einseitige Studie von FERN, in denen unter anderem Fälle aus Frankreich, der Taiga, Robin Wood und Greenpeace angesprochen werden. Wahrscheinlich haben hier unterschiedliche Re- ferenten der Ministerien unterschiedliche Meinungen im Waldbericht untergebracht. In der Vergangenheit hat es der Bundesregierung gut ge- tan, ihre neutrale und vermittelnde Rolle beizubehalten und die Entscheidung der Forstwirtschaft in seiner Gänze zu überlassen. Es können doch nicht nach jedem Regierungs- wechsel die Zertifizierungssysteme geändert werden. Die Realität der Entscheidungen zu den Zertifizierun- gen haben auch die Waldbesitzer selbst geschaffen, ich wiederhole: 53 Prozent zu 3 Prozent der Waldfläche. Zum SPD-Antrag zwei Bemerkungen: Ich halte es für nicht begründet, die Bundesforsten künftig nach FSC zu zertifizieren – zumal die meisten Landesforsten nach PEFC zertifiziert worden sind. Es spricht nichts dafür, in der Bundesstadt Bonn dem auch weltweit sehr viel kleineren Zertifizierungssystem FSC eine Liegenschaft für die Ansiedlung eines interna- tionalen Büros – etwa noch kostenlos? – zur Verfügung zu stellen. Der forstpolitische Rahmen in der Bundespolitik – muss, wenn er erfolgreich sein will, erstens, ideologiefrei sei, zweitens, die Waldbesitzer mitnehmen, denn der größte Anteil des Waldes befindet sich mit einer Fläche von wenigen Hektaren in privater Hand. Drittens. Die Bewirtschaftungsauflagen müssen die Akzeptanz der Waldbauern finden. Viertens. Ein gegen den Willen des Waldbesitzes auf- gebauter Naturschutz wird auf Dauer kontraproduktiv sein. Fünftens. Wir müssen der Bevölkerung unseres Landes verständlich machen, dass der gepflegte und gern be- suchte Wald über Generationen unterhalten und nur für Generationen erhalten werden kann, wenn diese Leistung auch finanziell von der Allgemeinheit mitgetragen wird. Sechstens. Die Schutz- und Erhaltungsfunktion des Waldes kann nur erhalten werden, wenn die Nutzfunktion die Mittel zum Erhalt der anderen Funktionen gibt. Siebtens. Der Wald ist nicht nur viel bedichtet und be- sungen worden, er ist auch mit dem nachgelagerten Be- reich ein wichtiger Wirtschaftsbereich. Allein über 800 000 Menschen finden hier ihre Arbeit. Achtens. Der Wald ist die grüne Lunge Deutschlands. Die Klimaschutzfunktion in der ganzen Welt und damit auch in Deutschland ist nicht hoch genug zu bewerten. „Der Wald gehört für Mensch und Umwelt zu den bedeu- tendsten Naturressourcen der Welt“, so heißt es im Ge- samtwaldbericht und daher ist er in seinen Funktionen Nutz, Schutz und Erholung zu erhalten und über zukünf- tige Generationen zu bewahren. Steffi Lemke (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN): Die weltweite Zerstörung der Wälder schreitet in er- schreckendem Ausmaß fort. Allein in den letzten 10 Jah- ren wurden durchschnittlich rund 9 Millionen Hektar Wald pro Jahr, vor allem in den Tropen, abgeholzt. Aber auch in Teilen der gemäßigten und der borealen Zonen, beispielsweise in Russland und Nordamerika, stehen Kahlschläge und Abholzungen auf der Tagesordnung. Im Amazonasgebiet und in Indonesien werden bis zu 80 Pro- zent aller Bäume illegal abgeholzt. Wiederum 80 Prozent der Urwälder sind heute bereits zerstört. Nur 20 Prozent der noch existierenden befinden sich in zusammenhängenden Gebieten. Alle zwei Sekun- den verschwindet eine fußballfeldgroße Fläche Urwald; bezogen allein auf Indonesien entspricht dies 2,5 Fuß- ballfeldern pro Minute. Die Ursachen sind bekannt: Sichtbare Ursachen sind die Ausweitung von Verkehrswegen, Zersiedlung und Agrarflächen. Dahinter stehen die Strukturschwächen der Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200223998 (C) (D) (A) (B) Entwicklungs- und Schwellenländer, fehlende Einsicht der größten Waldstaaten bis hin zu direkter und indirekter staatlicher Unterstützung oder gar Korruption. Die welt- wirtschaftlichen Rahmenbedingungen tun ihr Übriges. Zwar gelangt nur ein geringer Teil des Tropenholzes nach Deutschland, das heißt weniger als 2 Prozent der weltweiten Importmengen. Dies kann und darf aber für uns kein Grund sein, uns zurückzulehnen. UNEP-Exekutivdirektor Klaus Töpfer bringt es auf den Punkt: „Für Firmen ist es billiger, einen Wald abzu- holzen als ihn umweltverträglich zu bewirtschaften.“ Der wahre Wert der Waldes muss sich deshalb im Holzpreis spiegeln. Es ist klar, dass wir keinen Zaun um die Wälder ziehen können und wollen. Holz ist ein guter, ein wertvoller Roh- stoff. Wir möchten die Möglichkeiten, die im Holz stecken, noch stärker nutzen. Mit der Einleitung der Ener- giewende und der verstärkten energetischem Nutzung von Holz ist hier ein Anfang gemacht. Bauen mit Holz ist ein zweiter Bereich, der – im wahrsten Sinne des Wortes – noch ausbaufähig ist. Es muss gelingen, Schutz und Nutzung der Wälder, so wie es die deutsche Forstwirtschaft zu großen Teilen be- reits leistet, auch weltweit unter einen Hut zu bringen. Was ist zu tun? Zunächst müssen wir den letzten ver- bliebenen Urwäldern bestmöglichen Schutz bieten. Nicht jeder Wald darf genutzt werden. Das gilt in Mitteleuropa so wie in anderen Regionen dieser Erde. Als Nächstes müssen wir endlich dazu kommen, den Handel mit illegal geschlagenem Holz wirksam zu bekämpfen. Schutzgebiete sind einzurichten und fachge- recht zu betreuen. Wälder, deren Bewirtschaftung vertret- bar erscheint, dürfen nur nachhaltig genutzt werden. Dies erfordert in vielen Staaten den Aufbau einer dauerhaft funktionsfähigen und verlässlichen Verwaltung sowie in- ternationale Vereinbarungen unter anderem über allseits anerkannte Umwelt- und Sozialstandards. Gerade weil gesetzliche Regelungen und internatio- nale Vereinbarungen nur sehr schwer und langfristig zu erreichen sind, setzen wir, wie im Agrar- und Lebensmit- telbereich, auf die Macht des Verbrauchers. Die Verbrau- cherinnen und Verbraucher sind mündig genug zu ent- scheiden, in welchem Maße sie zum Erhalt der Wälder auf dieser Welt beitragen wollen. Unsere Aufgabe ist es, für die nötige Transparenz und die nötigen Rahmenbedin- gungen auf dem Markt zu sorgen. Deshalb will ich auf das Thema Zertifizierung näher eingehen: In den letzten Monaten ist viel über das richtige Zerti- fizierungssystem gestritten worden. Wir haben klar Posi- tion bezogen für die anspruchsvolle, glaubwürdige, von den Verbrauchern akzeptierte Zertifizierung nach Krite- rien des Forest Stewardship Council, FSC. Im Vergleich zu anderen Zertifizierungssystemen liegt der Vorteil des FSC in seinem internationalen Ansatz und der weltweiten Vergleichbarkeit – womit es das einzige System ist, das auch dem Tropenwaldschutz dient –; wei- terhin in seiner Unabhängigkeit, den Verpflichtungen und dem Kontrollsystem. Und letztlich beweist auch der Markt, dass FSC die größte Akzeptanz bei den Verbrau- cherinnen und Verbrauchern genießt. Nur der Ansatz von FSC vereinbart die Anforderungen von Ökologie und Wirtschaft mit den sozialen Anforderungen an die Forst- wirtschaft. Ich freue mich daher über die vom BMVEL unterstützte, erfolgreiche Ansiedlung des internationalen FSC-Büros nach Bonn. Wie die Erfahrung der letzten Tage erneut gezeigt hat, stehen wir in Sachen Verbraucheraufklärung und Pro- dukttransparenz erst am Anfang. Ähnlich den Anstren- gungen für das Biosiegel in der Landwirtschaft benötigen die Verbraucher verstärkt Informationen über eine glaub- würdige Zertifizierung von Holzprodukten. Ich bin darüber hinaus der Meinung, und so haben wir es in unserem Entschließungsantrag auch verankert, dass die Bundesforsten zukünftig nach FSC zertifiziert werden sollen. Dies erachte ich als eine wichtige Signalwirkung für Europa und auch für die internationale Ebene. Viele behaupten, der auf dem Ersten Deutschen Waldgipfel ver- einbarte „Gesellschaftliche Vertrag“ würde die Zertifizie- rung der Bundesforsten nach FSC ausschließen. Doch was bedeutet der „Gesellschaftliche Vertrag“ wirklich? Er ist eine Vereinbarung zum ausgleichenden Umgang der Zertifizierungssysteme als solcher und der diese Systeme jeweils vertretenden Verbände miteinander – eine Selbst- verständlichkeit also. Der Vertrag bindet keinen Waldei- gentümer in seiner Entscheidung für ein bestimmtes Zer- tifizierungssystem, den Staat so wenig wie Private. Wir wollen dem Tropenwaldschutz allen Rückhalt geben. Dies verlangt nach einem Zertifizierungssystem unter an- derem größtmöglicher Internationalität und Partizipation sowie wirksamster Kontrolle – auch für die Bundesfors- ten, denen hier die angesprochene Vorbildfunktion zu- kommt. Das Prinzip der Nachhaltigkeit wurde von der deut- schen Forstwirtschaft erarbeitet und ist auf dem besten Wege, sich zum Exportschlager zu entwickeln. Allerdings darf die Forstwirtschaft nicht auf alten, unbestreitbaren Er- folgen verharren. Auch ist unsere Form der Waldbewirt- schaftung nicht ohne weiteres auf andere Regionen zu übertragen. Vielmehr muss sie auch den neuen ökologi- schen und gesellschaftlichen Anforderungen gerecht wer- den und sich mit ihren Produkten deutlicher als in der Ver- gangenheit den Verbrauchern und ihren Fragen zuwenden. Diesen Weg wollen wir gehen und unterstützen. Ulrich Heinrich (FDP): Der Gesamtwaldbericht der Bundesregierung gibt ein verzerrtes und pauschales Bild des Waldzustandes wieder. Dies wird besonders deutlich in den widersprüchlichen Anträgen von der CDU/CSU ei- nerseits und der Koalitionsfraktionen andererseits. Heißt es bei den einen, dass sich der Zustand des Waldes stabi- lisiert hat, sagen die anderen, dass verschiedene Standorte sich bereits an der Grenze ihrer Belastbarkeit befinden. Dies beweist, was Wissenschaftler schon seit längerer Zeit bemängeln: Die Methoden zur Waldzustandserhe- bung entsprechen nicht den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie wurden seit Jahren nicht weiterent- wickelt und angepasst. Allein die Feststellung der Belau- bung bzw. Benadelung reicht eben nicht aus. Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 23999 (C) (D) (A) (B) Die FDP fordert daher, endlich die forstliche Umwelt- kontrolle auf das Level II auszudehnen. Dazu gehören die Parameter phänologischer Daten, Untersuchungen von Waldboden und -vegetation, des Bodenwassers-, und der Witterung. Es ist unabdingbar, dass der 15 Jahre alte Bo- denzustandsbericht wiederholt wird. Nur so kann ein dif- ferenzierter Waldzustandsbericht entstehen. Erst dadurch können wirksame und auf die unterschiedlichen Verhält- nisse abgestimmte Maßnahmen ergriffen werden. Eins ist jedoch völlig klar: Nur ein nachhaltig bewirt- schafteter Wald, der von Waldbesitzern und Waldpflegern gehegt und gepflegt wird, kann die vielfältigen Funktio- nen für die Gesellschaft erfüllen. Deshalb muss das Prin- zip der nachhaltigen Nutzung, welches in der forstwirt- schaftlichen Literatur bereits vor mehr als 200 Jahren das erste Mal schriftlich fixiert wurde, weiterhin der bindende Leitgedanke bleiben. Dazu müssen in besonderer Weise die Belange der rund 1 Million privaten Waldbesitzer und mittelständischen Unternehmen in der Holzwirtschaft berücksichtigt werden. Die FDP fordert aus diesem Grund die Verbesserung der Rahmenbedingungen für diesen Wirtschaftszweig. Besonders die Belastungen, die von der rot-grünen Bundesregierung den Waldbesitzern im Naturschutz abverlangt werden, müssen auf ein erträgli- ches Maß zurückgeschraubt werden. Die massiven Ei- gentumsbeschränkungen, die hier vorgenommen worden sind, gehen weit über die Sozialpflichtigkeit des Eigen- tums hinaus. Die FDP setzt sich seit Jahren für die breite Etablierung des Rohstoffes Holz als Roh-, Bau- und Energiestoff ein. Die Verwendung dieses nachwachsenden Rohstoffes kann fossile Rohstoffe ersetzen und breite innovative Ein- satzmöglichkeiten eröffnen. Dies vermindert die C02-Pro-blematik, entlastet die Abfallwirtschaft, verbessert die Er- tragslage der Forstwirtschaft und fördert die notwendige Waldpflege. Ein wichtiges forstpolitisches Instrument für die verstärkte Schaffung naturnaher Wälder ist die Zerti- fizierupg von Forstbetrieben. Diese muss jedoch frei von jeglicher staatlicher Einflußnahme bleiben. Die FDP ist der Auffassung, dass wir eine klare und verständliche, zwischen Bund und Ländern abgestimmte Forstpolitik brauchen, die im Sinne der Agenda 21 ökolo- gische, ökonomische und soziale Aspekte berücksichtigt und allen Bürgern zugute kommt. Eva Bulling-Schröter (PDS): Ich möchte mich in der kurzen Redezeit auf einen aktuellen internationalen Aspekt beschränken. Über die Tatsache, dass die deutsche WestLB ihr 900-Millionen-US-Dollar-Engagement als federführende Bank für die Finanzierung einer Erdölleitung durch den Dschungel im Oriente Ecuadors nicht aufgeben will, habe ich schon vor drei Wochen gesprochen. Sie erinnern sich: Die Trasse und der durch sie ausgelöste Ölboom in den letzten Amazonaswäldern Ecuadors wird zu irreparablen Umweltschäden in einzigartigen Ökosystemen führen. Betroffen sind zudem die Lebensräume vieler indigener Völker. Schon die alte Leitung, die zum Teil in das Projekt in- tegriert werden soll, hat ihre Spuren hinterlassen: Bei rund 40 Unfällen traten insgesamt 70 Millionen Liter Öl aus. Und die neue Leitung wird sechs aktive Vulkane und 94 seismische Bruchstellen überwinden müssen – was da zu erwarten ist, kann man sich denken. Umweltschützer warnen weiterhin vor den Zerstörun- gen, die die Leitung im ecuadorianischen Amazonas-Ge- biet anrichten könnte. Die alte und die neue Pipeline sollen insgesamt bis zu 920 000 Barrel täglich durch den Dschun- gel transportieren. Solche Fördermengen machen Produk- tionssteigerungen nötig, die wiederum neue Bohrstellen, Straßen, Auffangstationen und Ölseen nach sich ziehen. Somit werden in die ohnehin geschundene Amazonasre- gion immer mehr Schneisen geschlagen, die die zusam- menhängenden Waldbestände auseinanderreißen. In solchen Fällen wird nicht selten argumentiert: Ja, sicherlich gibt es Umweltauswirkungen, aber mit den Ein- nahmen aus dem Ölgeschäft könnten ja Entwicklungs- programme, Bildung und Gesundheitswesen finanziert werden. Seit letzter Woche wissen wir es besser: Der In- ternationale Währungsfonds macht die Zustimmung für ein weiteres Darlehen zur Förderung der umstrittenen Leitung von der Bereitschaft Ecuadors abhängig, die künftigen Exporterlöse ausschließlich für den Schulden- dienst auszugeben. Die Regierung in Quito soll deshalb ein Gesetz aus dem letzten Monat modifizieren, das 10 Prozent der Einnahmen für Gesundheits- und Bil- dungsprojekte vorsieht. Nicht einmal zehn Prozent für die eigene Entwicklung des armen Landes – das ist ein Skandal! So sieht IWF- und Weltherrschaftspolitik aus. Weltweit die Ressourcenaus- plünderung und Umweltzerstörung zugunsten der Indus- trieländer organisieren und mit der Schuldenschraube nationale Entwicklung verhindern. Wenn die WestLB an diesem Projekt trotzdem weiter- hin hängt, dann macht sich die öffentlich-rechtliche Bank- gruppe schuldig. Schuldig macht sich, genauer gesagt, die rot-grüne Landsregierung in NRW, denn das Bundesland hält mit 43,2 Prozent den größten Anteil an der WestLB. Nicht zu vergessen: Auch verschiedene Sparkassen- und Giroverbände des Landes sitzen mit im Boot. Sie haben die anderen Anteile gezeichnet. Ich erwarte von SPD und Grünen, dass sie hier im Bun- destag bei solchen Debatten nicht nur Prosa sprechen, sondern sich vor Ort konkret verhalten. Und das kann in diesem Fall nur heißen: keine Kredite für diese Pipeline! Dr. Gerald Thalheim, Parl. Staatssekretär bei der Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft:Die Bundesregierung wirkt sowohl inter- national wie auch national an der Gestaltung der waldpo- litischen Rahmenbedingungen aktiv mit. In der Ministererklärung des Waldforums der Verein- ten Nationen – UNFF – vom März dieses Jahres ver- pflichten sich die für Wald verantwortlichen Minister, die weltweit laufende Waldzerstörung zu stoppen. Mit der Verabschiedung eines erweiterten Arbeitsprogramms zur biologischen Vielfalt in Wäldern im April dieses Jahres hat auch das Übereinkommen zur biologischen Vielfalt – CBD – dazu beigetragen, dass ein weiterer Schritt zur Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200224000 (C) (D) (A) (B) Walderhaltung getan wurde. Es kommt nun in allen Be- reichen auf eine effektive Umsetzung an. Welches sind die konkreten Maßnahmen der Bundesregierung? Das betrifft insbesondere die Unterstützung des VN-Waldforums – unter anderem 100 000 Euro pro Jahr aus dem Agrar- haushalt für das UNFF-Sekretariat. Entsprechende Pro- jekte der EZ – 130 000 Euro pro Jahr – werden finanziert sowie zusätzliche Mittel für bilaterale FAO-Fonds bereit- gestellt. Uns kommt es dabei besonders darauf an, den Zu- sammenhang zwischen Ernährungssicherung und Wald- zerstörung deutlich zu machen. Es werden konkrete Initiativen zur Walderhaltung anlässlich des anstehenden Johannesburg-Gipfels ergriffen, allen voran eine neue Waldinitiative für das Kongobecken in Afrika als eines der größten, aber auch gefährdetsten Waldgebiete der Erde. Auch Konsumentenländer müssen Verantwortung übernehmen. Wir setzen uns daher für Folgendes ein: Erstens für Maßnahmen gegen den Handel und die Ein- fuhr illegal eingeschlagener Hölzer; Das betrifft in Deutschland die Einfuhrkontrollen – soweit dies wegen der Nachweisbarkeit möglich ist – sowie die freiwillige Selbstverpflichtung der Holzimporteure. International geht es um effektivere Forstkontrollen vor Ort sowie For- schungs- und Entwicklungsvorhaben zum chemischen und genetischen „fingerprint“ für Hölzer. Zweitens. Wir setzen uns auch für internationale Zerti- fizierungsansätze nachhaltiger Waldbewirtschaftung – die Förderung der Ansiedlung des FSC in Bonn – ein. Dazu zählt auch die Ausrichtung der öffentlichen Beschaffung von Erzeugnissen aus nachhaltiges Produktion. Drittens. Wir setzten uns ebenfalls für ökologische und soziale Standards in der Agrarproduktion bei der WTO ein, damit der Wald nicht geschädigt wird, zum Beispiel der Erzeugung von Soja, Palmöl, Kaffee etc. Viertens. Schließlich geht es um die Bewusstseinsbil- dung in der Bevölkerung – Stichwort: Stärkung des Ver- braucherschutzes. Welches sind die Schwerpunkte in der nationalen Forstpolitik? In Zusammenarbeit mit den Ländern fördern wir verstärkt die naturnahe Waldbewirtschaftung, zum Beispiel in der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“. Bei der künftigen Ausrichtung der Gemeinschaftsaufgabe und im Zuge der Halbzeitbewertung der Agenda 2000 werden wir weitere konkrete Vorschläge vorlegen. Auch mit der Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes haben wir dieses Ziel natur- schutzrechtlich verankert. Allerdings darf die Leistungs- fähigkeit der forstwirtschaftlichen Betriebe dadurch nicht gefährdet werden. Auch in Zukunft brauchen wir unseren wertvollen heimischen Rohstoff Holz. Die Luftreinhaltepolitik wird konsequent fortgesetzt. Um Dialog und Zusammenarbeit mit den gesellschaftli- chen Gruppen zu fördern, bieten wir mit dem „Nationalen Forstprogramm für Deutschland“ eine moderne Plattform nach internationalen Vorgaben. Mit diesem Dialogforum sind wir Vorreiter in Europa auf diesem Gebiet. Schließlich haben wir das Thema Wälder auch in der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie verankert, um die Beziehungen zu anderen Politikbereichen zu stärken. Anlage 10 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts: Den Tourismus im ländlichen Raum nachhaltig stärken (Tagesordnungspunkt 15) Annette Faße (SPD): Wir wollen die Entwicklung der ländlichen Räume unterstützen, indem wir den Landtou- rismus und den Urlaub auf dem Bauernhof fördern. Wir halten das für wichtig, ja für absolut notwendig, weil der Bauernhof- und Landtourismus Arbeitsplätze und Ein- kommen in- und außerhalb der Landwirtschaft sichert und schafft. Besonders in Zeiten des Strukturwandels in der Agrar- landschaft und vor dem Hintergrund der Nitrofen- und BSE-Krise ist dieses zusätzliche Einkommen für viele Landwirte notwendig. Auf der anderen Seite hilft der Bauernhoftourismus, ein Stück des verloren gegangenen Vertrauens des Verbrauchers in die Landwirtschaft zu- rückzugewinnen. Kindern wird die Erzeugung von Le- bensmitteln nahe gebracht, der Umgang mit der Natur er- möglicht. Seit 1986 zeigt diese Sparte einen anhaltend positiven Trend. Die Zahl der Übernachtungen ist in den letzten zehn Jahren im Landtourismus von 12 auf 27 Millionen gestiegen. Im Jahr 1999 wurden mit dem Bauernhof- und Landurlaub 972 Millionen DM erwirtschaftet. Hier ruht ein großes Potenzial, das wir mobilisieren können und wollen. Damit können wir der drohenden Landflucht in strukturschwachen Räumen entgegenwirken und intakte bäuerliche Landwirtschaft als Grundlage attraktiver Er- holungslandschaften stärken. Wir sehen dies als Teil unserer Neuausrichtung in der Agrarpolitik, in der die Er- haltung von Natur und Landschaft einen höheren Stellen- wert bekommt. Was können wir konkret tun, um dem Tourismus auf dem Land eine Chance zu geben? „Urlaub auf dem Bau- ernhof“ wird vom Bundesministerium für Verbraucher- schutz, Ernährung und Landwirtschaft und im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruk- tur und des Küstenschutzes“ gefördert. Jährlich werden rund 260 Millionen DM Bundes- und Landesmittel unter anderem für Maßnahmen der Infrastrukturverbesserung, des Erhalts ortsprägender Bausubstanz und für Umnut- zungsinvestitionen eingesetzt. Damit sollen letztendlich die Dörfer touristisch attraktiver werden. Wir wollen, dass hierfür weiterhin ausreichende finanzielle Mittel zur Ver- fügung gestellt werden. Wir wissen aus dem Tourismuspolitischen Bericht 2000, dass das Interesse an dieser Urlaubsform größer ist als die derzeitige Nachfrage. Die Ursache hierfür liegt zum einen an einem fehlenden einheitlichen Marketingauftritt der Anbieter von Landurlaub und zum anderen an nicht vor- handenen speziell zugeschnittenen Angeboten. Wir sind daher überzeugt, dass ein Beitritt der Anbieter von Land- urlaub zur Umweltdachmarke „Viabono – Reisen natür- lich genießen“ ihr Marketing verbessern würde. Studien Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 24001 (C) (D) (A) (B) über das Verbraucherverhalten und die Verbrauchererwar- tungen in Bezug auf Tourismus im ländlichen Raum sol- len als Grundlage für die Entwicklung neuer touristischer Angebote dienen. Diese Angebote sollen zielgruppenspe- zifisch sein, zum Beispiel spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche, für Menschen mit Behinderung oder für Urlaub auf Biohöfen. Wir empfehlen auch, in Modellpro- jekten die Zusammenführung von Internetangeboten für diese Urlaubsform zu starten. Grundlage hierfür muss allerdings zunächst eine um- fassende und aussagekräftige Datengrundlage sein. Sie er- möglicht es den Anbietern, Entwicklungen und Trends zu erkennen, ihr Angebot auf die Nachfrage auszurichten und gezielt auf die Wünsche der Touristen zu reagieren. Bisher fehlt eine einheitliche Datenerfassung. Wir fordern daher, dass die Daten der Übernachtungen im Rahmen des Ur- laubs auf dem Bauernhof detailliert und so vollständig wie möglich erfasst werden. In den Bereich der Werbeaktivitäten fällt auch die Prü- fung eines bundesweit einheitlichen Werbe- und Hinweis- schildes für den Bauernhof- und Landtourismus. Nur so können Touristen die – oft abseits gelegenen – „Heuho- tels“, „Hofcafes“ und „Bed & Box“-Angebote überhaupt finden. Außerdem wollen wir die Direktvermarktung von regionalen Produkten unterstützen und den Produzenten neben dem Verkauf auf den Hofstellen und Wochenmärk- ten weitere Absatzmöglichkeiten eröffnen. Wir haben zu unserem Antrag noch einen Änderungs- antrag betreffend die Umnutzung leer stehender landwirt- schaftlicher Gebäude eingebracht. Wir wollen, dass in Ge- sprächen mit den Ländern dafür gesorgt wird, dass über die Möglichkeiten der bauplanungsrechtlichen Zulassung von „Ferien auf dem Bauernhof“ umfassend informiert wird. Ferienwohnungen auf dem Bauernhof können bereits als mitgezogene Nutzungen im Rahmen der Privilegierungen für landwirtschaftliche Gebäude nach § 35 Abs. 1 Nr. 1 BauGB eingerichtet werden. Ihre Zahl ist nicht begrenzt, sondern abhängig von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung im Verhältnis zur Hauptnutzung; die mitgezogene Nut- zung muss von untergeordneter Bedeutung sein. Je um- fangreicher der landwirtschaftliche Betrieb, desto mehr nicht landwirtschaftliche Nutzungen sind möglich. Für Fe- rienwohnungen muss aber sichergestellt werden, dass diese nicht in einen Dauerwohnsitz umgenutzt werden. Eine entsprechende Gesetzesänderung, wie sie der Oppo- sitionsantrag vorsieht, halten wir nach einer bereits vorge- nommen Prüfung nicht mehr für notwendig. Wir wollen im Rahmen eines zweijährigen bundeswei- ten Wettbewerbs „fahrradfreundlich in Stadt und Land“ die Potenziale des Fahrradtourismus im ländlichen Raum durch Schaffung attraktiver Radverkehrsnetze weiter ent- wickeln, dazu haben wir bereits einen Antrag „Fahr Rad – für ein fahrradfreundliches Deutschland“ eingebracht. In- dem wir über die Gremien des länderübergreifenden In- landsmarketings die Zusammenarbeit von Tourismus- verbänden, Bauernverbänden und Naturschutzverbänden verbessern, können wir den Tourismus im ländlichen Raum nachhaltig stärken. „Urlaub auf dem Bauernhof“ und „Landurlaub“ bilden bereits jetzt ein wichtiges Segment im Deutschlandtouris- mus. Unsere ländlichen Räume haben die Möglichkeit, sich mit ihrer Vielfalt darzustellen. Kulturtourismus gehört unter anderem genauso dazu wie Wassertourismus, wie unsere Naturschutzparke, wie Reiterurlaub, regionale Küche und die Vielzahl der Feste. Vielfalt der Landschaft genießen – dies kann man in Deutschland beim Urlaub in ländlichen Räumen. Unsere ländlichen Räume sind le- benswert für Gastgeber und für große und kleine Gäste. Birgit Roth (Speyer) (SPD): Unser Verständnis von Tourismus hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Die Tourismusbranche ist in Deutschland kon- tinuierlich und nachhaltig zu einem bedeutenden Wirt- schaftsfaktor geworden. Der Anteil von mittlerweile rund 8 Prozent am Bruttoinlandsprodukt zeigt, welches Poten- zial in diesem modernen Handels- und Dienstleistungsbe- reich noch schlummert. Die Zahl der Beschäftigten beläuft sich mittlerweile bundesweit auf circa 2,8 Millionen Personen. Gestatten Sie mir als Pfälzerin ein Beispiel aus meiner Heimat: Keine andere Branche in Rheinland-Pfalz schafft mehr Arbeitsplätze als der Dienstleistungssektor Tourismus mit circa 120 000 Stellen – insbesondere im ländlichen Raum. Die mittelständisch geprägten Betriebe sind sich ihrer Verantwortung in der Ausbildung junger Menschen be- wusst, die Zahl der Ausbildungsverhältnisse summiert sich bundesweit auf circa 110 000 Stellen. Der Tourismus gewinnt damit gerade für den länd- lichen Raum sichtbar an Bedeutung: als Einkommenser- gänzung und -alternative für die Landwirtschaft; als Beschäftigungsfaktor; als kulturelle und soziale Kompo- nente zum Erhalt der dörflichen Strukturen. Umgekehrt ist der Erhalt unserer Kulturlandschaften und eines traditionsbewussten Landlebens eine ganz wichtige Voraussetzung für die touristische Attraktivität Deutschlands. 27 Millionen Übernachtungen durch Urlaub auf dem Bauernhof – das ist ein beachtlicher Wirt- schaftsfaktor. Der Landtourismus umfasst jedoch noch mehr. Rund 12 Prozent der amtlich registrierten Gäste- übernachtungen in Deutschland entfielen im Jahr 2000 auf kleine Gemeinden bis 2 000 Einwohner. Nimmt man die Gemeinden bis 5 000 Einwohner hinzu, waren es fast 30 Prozent der Übernachtungen. Und dabei sind die für diesen Bereich typischen Übernachtungen in nicht ge- werblichen Privatzimmern und Ferienwohnungen noch gar nicht mitgezählt. Die kleinen Gemeinden haben im Jahr 2000 nach den Großstädten – mit mehr als 100 000 Ein- wohnern – mit Plus 6,3 Prozent den größten Übernach- tungszuwachs erzielt. Das plus aus dem Ausland betrug sogar 10,3 Prozent. Diese Daten waren für uns Grund genug, uns verstärkt um den Tourismus im ländlichen Raum zu kümmern. Wir fördern den Tourismus im ländlichen Raum im umfassen- den Sinn. So profitieren die Anbieter von „Urlaub auf dem Lande“ von der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur ebenso wie von der Gemeinschaftsauf- gabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruk- tur: Betriebliche Investitionen für Freizeit und Erholung in gewerblichen Nebenbetrieben der Landwirtschaft kön- nen jetzt bis zu 25 Betten – statt bisher 15 – gefördert wer- Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200224002 (C) (D) (A) (B) den, das heißt Landurlaub und Direktvermarktung bilden vielerorts eine nützliche Partnerschaft. Als stellvertretende Sprecherin möchte ich für all die Aktionen, Fördermaßnahmen und Projekte stellvertretend auf das „Jahr des Tourismus 2001“ verweisen. Das Akti- onsjahr war ein großer Erfolg für den Deutschlandtouris- mus. Es wurde auf Initiative des Tourismusausschusses des Deutschen Bundestages ausgerufen und durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie ge- meinsam mit den Ländern sowie den Verbänden und Tou- rismusunternehmen entwickelt und realisiert. Im Mittel- punkt stand dabei eine medien- und kundenwirksame Imagekampagne für Deutschland als Reise- und Urlaubs- land, mit dem Ziel die Faszination des eigenen Landes als Urlaubsdestination in den Vordergrund zu stellen. Mit dem „Jahr des Tourismus“ und einem Tourismusförder- programm haben wir dem Deutschlandtourismus neue Impulse verliehen. Mit Modellprojekten zum Qualitätsmanagement im Tourismus und zur gemeinsamen Vermarktungsplattform für Nationalparke haben wir Akzente gesetzt. Wir haben die Haushaltsmittel der DZT – Deutsche Zentrale für Tou- rismus – jedes Jahr weiter angehoben – von seinerzeit 36,7 Millionen DM – 18,8 Millionen Euro – 1998 auf nun- mehr 22,5 Millionen Euro. Das entspricht einer Steige- rung von 20 Prozent in 4 Jahren. Wir haben eine Umwelt- dachmarke im Tourismus, Viabono, etabliert und dem Entwurf einer Nachhaltigkeitsstrategie eine konkrete Per- spektive gegeben. Unter dem Motto „Lust auf Natur“ wird diese gerade im Jahr des Ökotourismus noch verstärkt. So besteht zum Beispiel eine enge Kooperation mit der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft und der Bundes- arbeitsgemeinschaft Urlaub auf dem Lande: Seit 1998 werden Urlaubsangebote gemeinsam vermarktet; seit 1999 auch über die DZT-Website im Internet unter dem Schwerpunkt „Natur und Landschaft“. In Verbindung zum Internationalen „Jahr des Ökotourismus“ gestaltete die DZT eine Angebotsbroschüre unter dem Motto „Lust auf Natur“. Die Direktvermarktung wurde im Jahr 2000 mit rund 11 Millionen DM gefördert, unter anderem wurde ein Internetportal www.gutes-vom-Bauernhof.de eröffnet. Tourismus auf dem Lande ist ein Zukunftsmarkt, der Mo- dernität verlangt. Das betrifft insbesondere die Nutzung der elektronischen Medien. Ein Drittel der Anfragen kom- men heute bereits über das Internet. Seit der durch die letzte Bundesregierung verursachten Kurortkrise gibt es Bemühungen um neue Entwicklungs- perspektiven für die Kurorte und Heilbäder. „Wellness“ heißt das Zauberwort, mit dem neue Kundenkreise auch für den ländlichen Raum gewonnen werden sollen. Ein „Praxisleitfaden Wellness“, den das BMWi fördert, soll den Anbietern dazu Handreichungen liefern und Hilfe zur Selbsthilfe leisten. An dieser Stelle möchte ich unseren Wirtschaftsminister Dr. Werner Müller erwähnen, der sich außerordentlich für die Tourismusbranche eingesetzt hat, nicht zuletzt bei der geplanten Abschaffung der Trink- geldbesteuerung. Die Stärkung der Tourismusentwicklung im ländlichen Raum braucht Kreativität und vernetztes Denken über Verwaltungs- und Ressortgrenzen hinaus. Mit unserem Antrag wollen wir diesen Weg fortsetzen, im Sinne einer nachhaltigen Tourismuspolitik. Ich bitte daher um Ihre Zustimmung. Thomas Dörflinger (CDU/CSU): Unter den Fraktio- nen des Deutschen Bundestages herrscht große Überein- stimmung, dass der Tourismus im ländlichen Raum der Stärkung bedarf: Einerseits weil wir bislang aus diesem Spektrum des touristischen Angebots in Deutschland noch zu wenig machen, andererseits aber auch deswegen, weil der Tourismus für die landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland eine zusätzliche Einkommensquelle dar- stellen kann, die es zu nutzen gilt. Wenn uns dennoch heute kein gemeinsamer Antrag zur Beratung vorliegt, was ich bedaure, dann hat dies einen einzigen Grund. Meine Damen und Herren von Rot-Grün, Sie sind nicht bereit – auch nicht in der überarbeiteten Version Ihres An- trags –, den Tatsachen in der deutschen Landwirtschaft ins Auge zu sehen. Man kann doch, wenn man sich darüber unterhalten will, dass Landwirte vermehrt in den Touris- mus einsteigen sollen, nicht die gegenwärtige wirtschaft- liche Situation der Landwirte völlig ausblenden. Sie sagen in Ihrem Antrag etwas zur Direktvermarktung; das ist okay. Aber Sie müssen doch ein Wort darüber verlieren, aus welchen Quellen der Landwirt heute in erster Linie sein Einkommen erzielen soll. Direktvermarktung ist ge- nauso wenig bei jedem Landwirt möglich, wie jeder Landwirt in der Lage wäre, ein Einkommen aus der Er- zeugung erneuerbarer Energien zu erzielen. Das sind zu- sätzliche Möglichkeiten. Woher soll aber derjenige, der aus der landwirtschaft- lichen Produktion per se keinen oder zu wenig Profit zieht, dann die finanziellen Möglichkeiten schöpfen, um die notwendigen Investitionen im Tourismus zu tätigen? Oder wollen sie überschuldeten oder Betrieben mit gerin- gen Eigenkapitaldecken – und das dürfte gerade in der Landwirtschaft für die meisten Höfe zutreffen – tatsäch- lich zumuten, dass sie ihre touristischen Investitionen zu 100 Prozent fremdfinanzieren? Dazu findet sich in ihrem Antrag kein Wort. Dafür enthält er die Forderung, den Bauernhof und Landtourismus als eigenständigen Schwerpunkt in den Agrarbericht aufzunehmen. Das aber ist für die Weiterentwicklung von Urlaub auf dem Bau- ernhof so bedeutend, wie wenn in China ein Sack Reis umfällt. Die erste Forderung Ihres Katalogs, der ansonsten eine ganze Reihe begrüßenswerter Ansätze enthält, muss in den Ohren vieler Landwirte fast schon zynisch klingen. Die Bundesregierung soll die ländlichen Räume, so heißt es da wörtlich, „auch weiterhin durch die Bereitstellung ausreichender finanzieller Mittel“ fördern. Ich lade Sie herzlich ein: Sehen sie sich anhand der Betriebsspiegel eines kleineren oder mittleren Betriebs im Hochschwarz- wald mal schwarz auf weiß an, was ihre „ausreichenden finanziellen Mittel“ dort angerichtet haben! Und wenn sie dann hingehen und dem gleichen Landwirt empfehlen, er möge doch in den Tourismus investieren, dann wird die- ser Landwirt das Gespräch vermutlich rasch beenden – wenn er nicht zu drastischeren Maßnahmen greift. Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 24003 (C) (D) (A) (B) Sie müssen sich zum Thema „zweite Säule der Agrar- politik“ einmal ein Konzept einfallen lassen, das die Landwirte für das entschädigt, was sie landschaftspflege- risch und damit auch als Voraussetzung für die touristi- sche Vermarktung unserer Urlaubsregionen tun. Dann können wir uns anschließend auch über die Weiterent- wicklung des Tourismus im ländlichen Raum, über Ur- laub auf dem Bauernhof und Landurlaub unterhalten. Aber nur so herum wird ein Schuh daraus. Politik beginnt mit der Wahrnehmung der Realitäten. Und Ihr Antrag geht leider an den Realitäten vorbei. Deswegen wird ihn die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ablehnen. Ernst Hinsken (CDU/CSU): Urlaub auf dem Bauern- hof ist ein weiterer Baustein bei den vielfältigen Angebo- ten des Tourismusstandortes Deutschland. Für viele Land- wirte ist dieses touristische Angebot eine wichtige zusätzliche Einkommensquelle. Der Koalitionsantrag, über den wir heute abstimmen, greift jedoch viel zu kurz. Es wurde die Chance vertan, eine grundsätzliche Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft vorzunehmen. Entspre- chende CDU/CSU-Forderungen hat die Regierungskoali- tion abgewiesen. Hier wird immer wieder vergessen, dass es ohne Bauern und intakte bäuerliche Betriebe auch keine Grundlage gibt, Urlaub auf dem Bauernhof über- haupt anbieten zu können. Eine stärkere Förderung von Urlaub auf dem Bauerhof brauchen wir aber auch deshalb, um der drohenden Landflucht in strukturschwachen Räu- men entgegenzuwirken und eine intakte bäuerliche Land- wirtschaft als Grundlage attraktiver Erholungslandschaf- ten insbesondere für unsere Städter zu erhalten. Den nun vorliegenden Antrag hat Rot-Grün immer wieder geändert, ohne dass eine klare Linie sichtbar wird. Dort, wo man wirklich etwas für den Urlaub auf dem Bau- ernhof hätte tun können, ist viel zu wenig geschehen. Nur von politischer Rhetorik können aber die Landwirte nicht leben. Es ist keine Förderung des Tourismus in unseren länd- lichen Regionen, wenn die Regierungskoalition die CDU/CSU-Forderung ablehnt, die Gemeinschaftsauf- gabe Agrarstruktur und Küstenschutz wieder auf die ein- zelbetriebliche Investitionsförderung und Marktstruktur- verbesserung zu konzentrieren sowie gezielt Investitionen in die touristische Infrastruktur im ländlichen Raum zu unterstützen. Eine derartige Politik unterstreicht ein wei- teres Mal die Mittelstands- und Bauernfeindlichkeit der Regierungskoalition. Nicht nachvollziehbar ist auch die Zurückweisung un- seres Vorschlages, einen bundesweiten Wettbewerb „Ur- laub auf dem Bauernhof“ durchzuführen. Dabei hätten beispielhafte Ideen aus dem gesamten Bundesgebiet zu- sammengetragen und das öffentliche Bewusstsein für die- ses besonders familienfreundliche Segment des Deutsch- landtourismus erhöht werden können. Auch ein weiteres Detail rot-grüner Tourismuspolitik verdient noch Erwähnung: Warum wurde eigentlich nicht die diesjährige Grüne Woche im Internationalen Jahr des Ökotourismus genutzt, um für Urlaub auf dem Bauernhof die Werbetrommel zu rühren? Nun ist das nächste Jahr vorgesehen. Hat man hier geschlafen oder soll alles sys- tematisch verschleppt und verzögert werden? CDU und CSU haben ab dem 22. September 2002 viel nachzuholen. SPD und Bündnis 90/Die Grünen fehlen Mut, Fantasie und Gestaltungskraft. Stattdessen werden Lippenbekennt- nisse abgegeben, die der Branche kaum helfen. Deshalb wird sich die Union weiterhin dafür einsetzen, dass die Rahmenbedingungen für Urlaub auf dem Bauernhof in Deutschland auch wirklich nachhaltig verbessert werden. Nur so lässt sich das riesige Potenzial auf diesem touristi- schen Gebiet voll entwickeln. Schließlich wollen nach jüngsten Umfragen 12 Prozent der Deutschen Urlaub auf dem Bauernhof machen. Zurzeit sind dies aber leider nur 4 Prozent. Sylvia Voß (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Dank kürzlich veröffentlichter Zahlen des Statistischen Bun- desamtes können wir schwarz auf weiß nachvollziehen, wo deutsche Touristen besonders gern urlauben. Und siehe da: Die ländlichen Regionen sind es, zu denen sich deutsche Touristen stärker hingezogen fühlen – und damit stärker als in so manche Großstadt, denen ich damit kei- nesfalls ihre Anziehungskraft absprechen möchte. Doch bleiben wir bei der Vorliebe der Deutschen für den ländli- chen Raum, den wir mit einem individuellen Antrag berücksichtigen, stärken und noch mehr Aufmerksamkeit verschaffen: Das Potenzial in diesem Bereich – dessen sind wir uns sicher – ist noch nicht ausgeschöpft. Die in diesem Be- reich ohnehin schon beeindruckenden Übernachtungs- zahlen – 27 Millionen waren es im Jahr 2001 – werden dank des rot-grünen Antrags noch nicht das Ende einer mehr als erfreulichen Entwicklung sein. Durch den Land- tourismus in Deutschland wird mittlerweile bereits ein Volumen von 1 Milliarde Euro umgesetzt. Daran lässt sich gut ablesen, wie viel deutschen Urlaubern Natur und Ruhe bedeutet. Wenn wir in unserem Antrag herausstellen, dass dem Landtourismus durch den fortschreitenden Strukturwan- del in der Landwirtschaft, bedingt unter anderem durch die BSE-Krise, eine besonders große Bedeutung zu- kommt, so ist Ihnen wie mir klar, dass dieser Passus in diesen Tagen, da die Landwirtschaft durch eine neue schwere Krise erschüttert wird, eine traurige Aktualität er- langt hat. Umso mehr müsste aber auch den Kolleginnen und Kollegen der oppositionellen Fraktionen, denen nach eigener und oft wiederholter Aussage so viel an diesem Tourismussegment gelegen ist, klar sein, dass der Wirt- schaftsfaktor Landtourismus zur Sicherung der Landwirt- schaft beiträgt, dass er ein wichtiges Standbein im ländli- chen Raum ist und – das ist besonders hervorzuheben – dass er hervorragend dazu geeignet ist, das von den Ver- brauchern der landwirtschaftlichen Produktion entgegen- gebrachte Vertrauen zu bestätigen. Die Zustimmung zu ei- nem solchen Antrag sollte der Opposition leicht fallen. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Denn immer wenn den emphatisch vorgetragenen Worten der geehrten CDU/CSU-Kollegen Taten folgen sollen, bleiben sie aus. Trotz der enormen Aufklärungsfunktion, die der Land- tourismus leistet, lässt sich für den Touristen – sprich den Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200224004 (C) (D) (A) (B) Verbraucher – bei weitem nicht jeder Schritt nachvollzie- hen, den die aufwendige landwirtschaftliche Tätigkeit tagtäglich mit sich bringt. Rot-grüne Politik ist unumstritten im Sinne einer Land- wirtschaft, die gesunde Nahrung produziert und demzu- folge ebenso im Sinne des ländlichen Raums. Im Mittel- punkt der rot-grünen Arbeit steht aber auch und vor allem der Verbraucher, hier der Tourist, der mit Vorliebe Qua- litätsprodukte der Region verspeist – möglichst noch als regionaltypisches Rezept – und auch gern erwirbt. Die CDU/CSU hingegen lehnt im Bundesrat mal eben ein Gesetz ab, das den Verbrauchern eine Auskunfts- pflicht von Behörden über Inhaltsstoffe und Herstellungs- arten von Produkten vorschreibt. Sie verweigern einem Gesetz ihre Zustimmung, das jedem Verbraucher bei Behörden das Recht auf freien Zugang zu Informationen über Lebensmittel garantiert. Das zeigt, was Verbraucher, die ja auch Touristen sind, von der Politik der CDU/CSU und der FDP zu erwarten hätten: Verschleierung, Desin- formation und „mit dem Klüngel“ weiter so. Aber es gibt unter Rot-Grün Erfreuliches: Erst gestern konnten wir aus prominenter Quelle – nämlich vom Deut- schen Tourismusverband, dem DTV – erfahren, dass der Tourismus in Deutschland im Aufwind ist. Der nunmehr 100 Jahre zählende DTV gab erst Anfang dieser Woche bekannt, – dass die Deutschen im Zusammenhang mit Fe- rien und Reisen vergangenes Jahr noch einmal 2 Milliar- den Euro mehr ausgaben als im ohnehin schon sehr ge- winnbringenden Jahr 2000. Am Beispiel Mecklenburg-Vorpommern lässt sich gut aufzeigen, wie richtig der Antrag zum Landtourismus ist, wie richtig es ist, beispielsweise den Beitritt der Anbieter zur Umweltdachmarke Viabono, zu fördern. Der Osten unseres schönen Deutschlands boomt, mehr noch als die alten Länder. Mecklenburg-Vorpommern ist unbestritten ein Bundesland, bei dem einem Tourist nicht in erster Li- nie berühmte Städte in den Sinn kommen – wobei ich ei- nen Besuch im schönen Schwerin, in Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald oder Putbus jedem nur ans Herz le- gen kann. An einem Land wie Mecklenburg-Vorpommern, deren Wirtschaftsstruktur zu großen Teilen auf die Landwirtschaft und Fischerei ausgerichtet war und ist und somit eine uralte Kulturlandschaft schuf, lässt sich gut aufzeigen, wie Natur und Landwirtschaft für touristische Zwecke genutzt werden können. Es sind die faszinierenden Landschaften mit Hü- geln, Seen, Wäldern, Flüssen, die Meeresküsten, die lnseln wie Hiddensee, Poel, Usedom und Rügen mit herrlicher Vielfalt an Natur und kulturellen Traditionen, die jedes Jahr mehr Touristen anziehen. Mecklenburg-Vorpommern ver- zeichnet seit einiger Zeit hohe Zuwächse, im vergangenen Jahr ein beachtliches Plus von 8,3 Prozent. Bei den beliebtesten Reisezielen der Deutschen liegt Mecklenburg- Vorpommern unter den Top-Ten, nach Ländern wie bei- spielsweise – Sie werden es kaum glauben können – Spa- nien, Italien und Österreich. Charakteristisch für Mecklenburg-Vorpommern ist hügeliges Flachland. Drei der zwölf deutschen Nationalparke befinden sich in diesem Bundesland. Naturparks und Biosphärenreservate und 400 Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiete kommen hinzu. Wir brauchen hier das Hand-in-Hand-Gehen von Na- turschutz und Landwirtschaft. Die Großschutzgebiete bieten beides, Schutz durch Nutzung und Schutz vor Nut- zung. Wer einmal von Besucherbeobachtungstürmen aus die Kranichrast vor Rügen erlebt hat, wird Verständnis dafür entwickeln, dass die Lebensräume des Kranichs strengen Schutzes bedürfen. Wenn wir die Menschen durch Naturerlebnisse begeistern und ihnen gesunde bäu- erliche Landnutzung nahe bringen, werden sie finden, was sie suchen. Das alles verdeutlicht, dass der vorliegende Antrag ein Beispiel dafür ist, wie wichtig es in der Politik ist, auf- merksam auf das eigene Land zu schauen, aktuelle The- men aufzugreifen, anzupacken und Ideen in konkrete Maßnahmen – siehe unseren vorliegenden Antrag – um- zusetzen. Ernst Burgbacher (FDP): Unter den Tourismuspoli- tikern herrscht ein Grundkonsens in Bezug auf die Be- deutung des Wirtschaftsfaktors Tourismus. Hierzu gehört selbstverständlich auch der bedeutende Teilbereich Ur- laub auf dem Bauernhof bzw. Landtourismus. Der Antrag von SPD und Grünen „Den Tourismus im ländlichen Raum nachhaltig stärken“ ist kaum kontrovers, dafür al- lerdings auch wenig aussagekräftig. Angesichts eines sich rasant vollziehenden Struktur- wandels in der Landwirtschaft ist es wichtig, zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen. Die deutschen Land- wirte haben nicht nur mit den Folgen von BSE und MKS zu kämpfen, sondern auch der von Rot-Grün als Königs- weg dargestellte Bereich der Ökolandwirtschaft ist durch den jüngsten Nitrofen-Skandal arg in Mitleidenschaft ge- zogen worden. Es zeigt sich, wie fahrlässig und irre- führend die Hoffnungen und Erwartungen waren, die ins- besondere SPD und Grüne bei den Verbrauchern geweckt haben, beim ökologischen Landbau handele es sich um eine heile Welt. Denn schwarze Schafe gibt es natürlich auch im ökologischen Landbau. Deshalb kann der Nitro- fen-Skandal im ökologischen Landbau nicht wirklich überraschen. Spätestens mit den aktuellen Ereignissen ist diese Seifenblase geplatzt. Wichtig ist jetzt, dass jegliche Gefährdung für die Verbraucher ausgeschlossen wird. Rot-Grün steht für eine ideologische und verfehlte Ag- rar- und Verbraucherpolitik. Die FDP hat demgegenüber ihr liberales Agrarkonzept vorgelegt. Mit unserem Kon- zept einer produktunabhängigen Kulturlandschaftsprämie soll der unternehmerische Landwirt in den Mittelpunkt gerückt und aus der staatlichen Umklammerung befreit werden. Landwirte sollen am Markt ihre Einkommen er- wirtschaften. Deshalb müssen unternehmerische Freiräume geschaffen und bürokratische Mengenbegren- zungen abgeschafft werden. Im Gegensatz zur so genann- ten Agrarwende setzt die FDP auf klare Grundsätze und einfache Regeln als Instrumente der Agrarpolitik. Wir tre- ten für verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssi- cherheit ein. Liberale setzen auf die Selbstverantwortung der Wirtschaft und nicht vorrangig auf staatliches Ord- nungsrecht. Zurück zum Landtourismus: Die FDP sieht Möglich- keiten zur Steigerung der Übernachtungszahlen vorrangig Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 24005 (C) (D) (A) (B) durch Maßnahmen wie den Ausbau der Nutzung der neuen Medien unter dem Motto „Bauernbett im Internet“. Gerade für Stadtmenschen, die im Internet ihr Urlaubsziel suchen und buchen, ist der Landtourismus eine interes- sante Alternative, um in der Natur abzuschalten. Voraus- setzung hierfür ist allerdings, dass die Angebote über- haupt im Internet zu finden sind. Dazu müssen weitere gemeinsame Anstrengungen der Deutschen Zentrale für Tourismus mit der Deutschen Landwirtschafts-Gesell- schaft, der Bundesarbeitsgemeinschaft „Urlaub auf dem Bauernhof“ und der Reiseindustrie kommen, um durch Marketingmaßnahmen die vorhandenen Potenziale weiter auszubauen. In den Zielen und der grundsätzlichen Unterstützung für den Tourismus im ländlichen Raum besteht Überein- stimmung zwischen den Fraktionen. Viele der im Antrag von SPD und Grünen genannten Maßnahmen sind zu be- grüßen. Das geht von der Direktvermarktung regionaler Produkte über die Verbesserung des Inlandmarketings bis zur Neuordnung der Genehmigung von Hinweis- und Werbeschildern. Auch eine praxisnähere Ausgestaltung gesetzlicher Regelungen vor allem im Bereich des Bau- und Genehmigungsrechtes ist hier hilfreich. Zu Punkt 13 des vorliegenden Antrags, in dem es um § 35 BauGb geht: Es ist nicht möglich, durch einen An- trag Gerichte oder Verwaltung im Sinne einer bestimmten Auslegung des Bundesbaugesetzes zu binden. Wenn man eine andere Auslegung des Gesetzes erreichen will, muss man das Gesetz entsprechend ändern. Zu bedauern ist, dass der Gedanke aufgegeben wurde, durch die vorge- schlagenen Änderungen des § 35 BauGB die Umnut- zungsmöglichkeiten in bestehenden landwirtschaftlichen Gebäuden im Hinblick auf eine bessere Nutzung zu er- weitern. Wenn SPD und Grüne tatsächlich die Rahmenbedin- gungen für den Urlaub auf dem Bauernhof und den Land- urlaub verbessern wollen, hätten sie ihre Mehrheiten im Deutschen Bundestag längst nutzen können. Allerdings bleibt der Antrag von SPD und Grünen in vielen Punkten allzu sehr im Unverbindlichen. Die Vielzahl an Prüfauf- trägen und Absichtserklärungen im Forderungskatalog der Koalitionsfraktionen unterstreicht das eindeutig. Der Antrag der Regierungsfraktionen ist Augenwischerei, der nicht zufällig in einer der letzten Plenarsitzungen dieser Legislaturperiode beraten wird. Da aber einige richtige tourismuspolitische Ziele formuliert sind, wird die FDP- Bundestagsfraktion ihn nicht ablehnen, sondern sich bei der Abstimmung enthalten. Rosel Neuhäuser (PDS): Seit über einem Jahr be- schäftigt sich der Ausschuss für Tourismus mit der Ent- wicklung des Landtourismus. Sehr schnell erkannten wir, dass sofortige Lösungen nicht zu realisieren sind. Der ländliche Tourismus soll, da er eng mit der Entwicklung der jeweiligen Region verknüpft ist, sehr realitätsbezo- gen, auf der Basis regionaler Analysen und Tourismus- konzepte als Teil integrierter regionaler Entwicklungs- konzepte, entwickelt werden. Unser Mitwirken betraf besonders die qualitative Weiterentwicklung der politisch-rechtlichen und wirt- schaftlichen Rahmenbedingungen auf der einen Seite und die Unterstützung von unverwechselbaren ländlichen Tourismuskonzepten einer Region auf der anderen Seite. Diese Entwicklung im ländlichen Raum mit zu steuern und zu begleiten machte deutlich, dass die Landwirtschaft das wirtschaftliche Rückgrat im ländlichen Raum bildet. Dienstleistungen, vor allem im Tourismus und im Hand- werk, werden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Ein wichtiger Anspruch muss dabei sein, dass sich die ländli- chen Räume vor allem aus ihren eigenen Potenzialen heraus als eigenständige Lebens- und Wirtschaftsräume entwickeln. Dazu gehört neben umfangreichen Arbeits- platzangeboten auch ein attraktives Sozial- und Kulturle- ben. Um in diesem Sinne die ländlichen Räume in ihren Funktionen als Wirtschafts-, Natur- und Sozialraum zu entwickeln, bedarf es zahlreicher Förderung und Unter- stützung. Uns ist bekannt, dass ländliche bzw. bäuerliche Urlaubsformen ein nicht zu unterschätzender Baustein zur nachhaltigen Entwicklung ländlicher Räume in Deutschland sind. Wie in den Ausschussberatungen schon mehrfach von mir angesprochen, sind eine Menge Forderungen aufge- griffen worden, welche die Situation des Tourismus im ländlichen Baum verbessern helfen. Aber in den Auffor- derungen an die Bundesregierung bleibt einiges nach wie vor unverbindlich bzw. wird ausgespart. Ich möchte daher nochmals mit aller Deutlichkeit auf die Felder aufmerksam machen, die aus meiner und der Sicht meiner Fraktion nach wie vor einer Lösung bedür- fen: Erstens. Ressortgrenzen sind Investitionshemmnisse und müssen abgebaut werden. Wir fordern hierzu seit Jah- ren, über eine interkommunale Vernetzung nachzuden- ken, um die immer knapper werdenden Mittel effizienter einzusetzen. Zweitens. Es bestehen unzureichende komplexe Bera- tungsangebote. Landwirte, die als zweites Standbein oder gar zum Haupterwerb Dienstleistungen im Freizeitbe- reich, im Bereich Erholung oder im Bereich Bewirtung aufbauen möchten, brauchen Beratungsleistungen, die von der betriebswirtschaftlichen Beratung über Gebäu- deumnutzung, Baugenehmigungsrecht, Denkmalschutz bis zu Versicherungs-, Steuer- und Erbrechtsfragen rei- chen. Das kann in aller Regel weder von der Agrarberatung noch von der hauswirtschaftlichen Beratung geleistet werden. Da das Konzept in hohem Maße über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, ist die Sicherung einer komplexen und kostengünstigen Beratung notwendig. Drittens. Es bestehen rechtliche Barrieren und Büro- kratie bei der Umnutzung von Gebäuden. Hierzu liegt eine ausführliche Stellungnahme der Bundesarbeitsge- meinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtou- rismus vor, die meine volle Unterstützung findet. Ich erwarte, dass in Umsetzung des Programms zur Stärkung des Tourismus im ländlichen Raum die noch nicht geklärten Fragen eine Beachtung finden und im In- teresse der Betroffenen einer Lösung zugeführt werden. Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200224006 (C) (D) (A) (B) Anlage 11 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Beschlussempfehlungen: – Sammelübersicht 393 zu Petitionen – Sammelübersicht 394 zu Petitionen (Tagesordnungspunkt 16a und b) Erika Lotz (SPD): Entstanden sind diese Lücken und Ungerechtigkeiten in der Verantwortung der Regierung Kohl. Damit werden die Vorgaben des Bundesverfas- sungsgerichtes exakt umgesetzt, dass im April 1999 er- klärt hatte, dass wesentliche Regelungen der Rentenüber- leitung mit dem Grundgesetz nichtig vereinbar sind. Zum Teil hat das BVG sie sogar für nichtig erklärt. Die so ge- nannte „Systemscheidung“ – das bedeutet die grundsätz- liche Überführung der Ansprüche aus Sonder- und Zusatzversorgungssystemen der DDR in das bundesdeut- sche Rentenrecht – wird dabei nicht berührt. Diese Sys- tementscheidung hat das Bundesverfassungsgericht sogar ausdrücklich bestätigt. Insbesondere für ehemalige Beschäftigte der Deut- schen Reichsbahn und der Deutschen Post in der DDR er- geben sich wesentliche Verbesserungen durch das Gesetz. Sie hatten erst zum 1. Januar 1974 die Möglichkeit, der Freiweilligen Zusatzrentenversicherung – FZR – beizu- treten, die zum 1. März 1971 in der DDR eingeführt wurde. Deshalb werden die Beschäftigungszeiten vom 1. März 1971 bis zum 31. Dezember 1973 bei der Ren- tenberechnung so gestellt, als ob die Beschäftigten Beiträge zur FZR entrichtet hätten. Für diejenigen Ver- sicherten, die am 31. Dezember 1973 bereits zehn Jahre bei der Deutschen Reichsbahn oder der Deutschen Post beschäftigt waren und damit bereits einen Zusatzversor- gungsanspruch nach den jeweiligen Versorgungsordnun- gen erreicht hatten, wird sogar in dem Zeitraum bis zum 30. Juni 1990 ein Arbeitsverdienst bis zu 1 250 Mark mo- natlich bei der Rentenberechnung berücksichtigt, ohne dass Beiträge zur FZR entrichtet sein müssen. Diese Mindestdauer von zehn Jahren ununterbroche- nem Beschäftigungsverhältnis am 1. Januar 1974 ergibt sich aus den Regelungen in den Versorgungsordnungen der Deutschen Reichsbahn und der Deutschen Post. Die von vielen Petenten problematisierten Zeiten der Berufs- ausbildung, eines Studiums oder des Wehrdienstes waren danach auf eine entsprechende Beschäftigungszeit anzu- rechnen. Sie ist erreicht, wenn vom 1. Januar 1964 bis 1. Januar 1974 eine solche Beschäftigung ohne Unterbre- chung ausgeübt worden ist. Das ergibt sich aus den Ein- tragungen im Sozialversicherungsausweis und im Zwei- fel aus einer Dienstzeitbescheinigung des jeweiligen Arbeitgebers oder dessen Rechtsnachfolgers. Diese Regelung haben wir so gestaltet, weil es von 1956 bis 1973 besondere betriebliche Alterssicherungssysteme gab, die zum 1. Januar 1974 in die Sozialversicherung der DDR überführt worden sind. Für langjährig Beschäftigte hat es sich zwischen 1971 und 1973 einfach nicht gelohnt, der FZR beizutreten, weil sie damit ihre Rentenanwart- schaften nicht hätten steigern können. Deshalb haben wir den Zeitraum, für den die Verbesserungen gelten sollen, großzügig bemessen – bis zum 30. Juni 1990. Die Höchstgrenze von 1 250 Mark ergibt sich daraus, dass die Höchstversorgung für langjährig bei der Deut- schen Reichsbahn oder bei der Deutschen Post Beschäf- tigte auf 800 Mark monatlich begrenzt war. Bei einer Rückrechnung entspricht dies einem monatlichen Tarif- lohn von 1 250 Mark. Allerdings haben wir nicht die Regelungen der bereits 1974 geschlossenen betrieblichen Altersvorsorgesysteme der Deutschen Reichsbahn und der Deutschen Post un- eingeschränkt in das Rentenrecht des SGB VI übertragen. Schließlich mussten wir nicht nur die Grundsätze der Rentenüberleitung beachten, das heißt, nur die Arbeits- verdienste rentenwirksam zu machen, für die tatsächlich Beiträge gezahlt worden sind. Wir mussten außerdem auch berücksichtigen, welche sozialversicherungsrechtli- chen Bedingungen andere Beschäftigtengruppen in der ehemaligen DDR hatten. Sie konnten eine höhere Alters- sicherung meist ausschließlich über eine Beitragszahlung an die FZR erlangen. Das gilt beispielsweise für Perso- nen, die 1973 Berufsanfänger waren und deshalb nicht zehn zusammenhängende Beschäftigungsjahre nachwei- sen konnten. Bei der rentenrechtlichen Behandlung ehemaliger Be- schäftigter des Ministeriums für Staatssicherheit/Amtes für Nationale Sicherheit – MfS/AfNS – haben sich die Ko- alitionsfraktionen an die zwingenden Vorgaben des Bun- desverfassungsgerichtes gehalten. Die Karlsruher Richter hatten die Begrenzung des berücksichtigungsfähigen Ein- kommens ehemaliger MfS-/AfNS-Mitarbeiter auf 70 Pro- zent des Durchschnittseinkommens für unzulässig erklärt und eine Berücksichtigung mindestens in Höhe des Durch- schnittseinkommens gefordert. Nachdem das Bundesver- fassungsgericht bereits mit seinen Entscheidungen die not- wendige verfassungsrechtliche Klärung in einem äußerst kontrovers diskutierten Bereich der deutschen Einigung vorgenommen hat, haben wir durch dieses Gesetz die Rechtssicherheit wiederhergestellt. Zu der von zahlreichen Betroffenen geforderten Auf- hebung der Entgeltbegrenzung bei Überschreiten der Ge- haltsstufe eines Hauptabteilungsleiters im zentralen Staatsapparat – die sogenannte E3-Regelung – bleibt es zunächst beim geltenden Recht. Dazu steht noch eine Ent- scheidung des Bundesverfassungsgerichts aus. Erst wenn diese Entscheidung gefallen ist, können wir – nach den entsprechenden Beratungen – auch dazu eine abschlie- ßende Regelung vorlegen. Mit dem zweiten AAÜG-Änderungsgesetz haben wir die Vorgaben aus allen relevanten Urteilen erfüllt. Das war zum einen das bereits erwähnte Urteil des Bundesverfas- sungsgerichts vom 28. April 1999 und das Urteil des Bun- dessozialgerichts vom 3. und 4. August 1999. Sie sind eins zu eins umgesetzt worden. Deshalb gibt es heute auch kei- nen Grund mehr, weitere Änderungen vorzunehmen. Matthäus Strebl (CDU/CSU): Wir behandeln heute die Sammelübersichten 393 und 394 zu Petitionen, bei de- nen es um die Eisenbahner- und Postrenten geht. Die Sammelübersichten beinhalten rund 4 700 Petitionen mit Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 24007 (C) (D) (A) (B) rund 80 000 Unterschriften, die die Bemessungsgrund- lage in der gesetzlichen Rentenversicherung betreffen. Hauptkritikpunkt dieser Petitionen ist die Überführung der Rentenansprüche der ehemaligen Beschäftigten der Deutschen Post sowie der Deutschen Reichsbahn der DDR in die gesetzliche Rentenversicherung. Die Petenten fordern, die Urteile des Bundessozialgerichts zu diesen Ansprüchen umzusetzen. Auch wir von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat- ten kritisiert, dass eine befriedigende interessen- und sachgerechte Regelung der von den Beschäftigten der ehemaligen Deutschen Reichsbahn der DDR erworbenen Ansprüche und Anwartschaften aus dem System der Al- tersversorgung Deutsche Reichsbahn gefehlt hatte. In un- serem Antrag „Einheitliches Versorgungsrecht für die Ei- senbahner herstellen“ (Bundestagsdrucksache 14/2522) haben wir auf die ungleiche Rechtslage hingewiesen und eine Umsetzung der im Urteil des Bundessozialgerichts vom 10. November 1998 getroffenen Feststellungen ge- fordert. Leider wurde unser Antrag mit Koalitionsmehr- heit erst vom Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung und später vom Bundestag abgelehnt. Zwischenzeitlich hatte die Bundesregierung ihren Ge- setzentwurf zum „2. Gesetz zur Änderung und Ergänzung des Anspruchs- und Anwartschaftsüberführungsgesetzes (2. AAÜGÄndG)“ eingebracht. Nach Anrufung des Ver- mittlungsausschusses haben Bundestag und Bundesrat am 22. Juni 2001 dem Gesetzentwurf des 2. Gesetzes zur Än- derung und Ergänzung des Anspruchs- und Anwart- schaftsüberführungsgesetzes zugestimmt. Das Gesetz wurde am 2. August 2001 verkündet. Während dieses Gesetzgebungsverfahrens haben sich bei den Petenten verschiedene Befürchtungen und Anlie- gen deutlich gemacht, unter anderem folgende: Sie könnten durch das Gesetz von den Verbesserungen ausgeschlossen sein, da sie die Voraussetzung eines unun- terbrochenen Beschäftigungsverhältnisses von zehn Jah- ren am 1. Januar 1974 möglicherweise nicht erfüllten. Es sollten auch Petenten in die Regelungen des 2. Gesetzes zur Änderung und Ergänzung des Anspruchs- und An- wartschaftsüberführungsgesetzes einbezogen werden, die unabhängig vom Stichtag 1. Januar 1974 zehn Jahre bei der Deutschen Reichsbahn oder der Deutschen Post be- schäftigt gewesen sind und nicht bzw. erst nach 1974 der Freiwilligen Zusatzrentenversicherung (FZR) beigetreten seien. Die Einführung einer „neuen fiktiven Beitragsbe- messungsgrenze von 1 250 DM“ (circa 639 Euro) wurde kritisiert. Der besondere, erhöhte Steigerungssatz von 1,5 Prozent sollte im Gesetz berücksichtigt werden. Die PDS bemängelte in zwei Anträgen (14/9158 und 14/9159), dass durch die mangelnde Berücksichtigung der Versorgungsansprüche der ehemaligen Reichsbahner und Postler in der gesetzlichen Rente der Bundesrepublik Deutschland eine gravierende Ungleichbehandlung in der Alterssicherung zu vergleichbaren Berufsgruppen bei der Deutschen Bahn und der Deutschen Post entstanden seien. Sie fordert, für die Gewährung der Versorgungsan- sprüche der ehemaligen Beschäftigten der Deutschen Reichsbahn und der Deutschen Post eine gesetzliche Ver- sorgungsregel zu schaffen. Basis dafür seien die entspre- chenden Versorgungsordnungen des Beitrittsgebietes. Mit der Überweisung der Petitionen als Material an die Bun- desregierung solle dieser die Möglichkeit gegeben wer- den, einen entsprechenden Gesetzentwurf zu erarbeiten und vorzulegen. Die Anträge der PDS sind abzulehnen. Die Petitions- verfahren sind abzuschließen, weil den Anliegen teilweise entsprochen worden ist. Mit der Neufassung des § 256 a Abs. 2 SGB VI durch das 2. Gesetz zur Änderung und Ergänzung des Anspruchs- und Anwartschaftsüber- führungsgesetzes konnten rechtliche Klarstellungen vor- genommen werden, die die meisten Hauptanliegen der Petenten berücksichtigen. Auch für Beschäftigungszeiten bei der Deutschen Reichsbahn und bei der Deutschen Post soll bei der Ren- tenberechnung grundsätzlich nur der erzielte Arbeitsver- dienst, für den tatsächlich Beiträge gezahlt worden sind, in die Ermittlung der Entgeltpunkte eingehen. Die Entscheidungen verweisen jedoch auf eine Ähn- lichkeit der „Alten Versorgungen“ der Deutschen Reichs- bahn und der Deutschen Post mit den Zusatz- und Son- derversorgungssystemen, insoweit die Rente in Bestand und Wert nicht von den Beiträgen zur FZR abhängig war. Nach Auffassung des Gerichts war die „Alte Versor- gung“ ab 1. Januar 1974 als Teil der Anwartschaft auf eine Sozialversicherungsrente ausgestaltet. Aufgrund dieser rechtlichen Wertung bestimmt das Gesetz, dass bei der Ermittlung der Entgeltpunkte für die Rentenberechnung für Beschäftigungszeiten in diesen beiden Bereichen vom 1. März 1971 bis 31. Dezember 1973 generell das tatsächlich erzielte Arbeitsentgelt ohne Beachtung der Beitragszahlung zur Freiwilligen Zusatz- rentenversicherung angerechnet werden soll. Für Versicherte, die am 1. Januar 1974 bereits zehn Jahre ununterbrochen bei der Deutschen Reichsbahn oder der Deutschen Post beschäftigt gewesen sind, soll im Zeit- raum vom 1. Januar 1974 bis 30. Juni 1990 bei der Ren- tenberechnung ein Arbeitsverdienst bis zu 1 250 DM (circa 639 Euro) monatlich ohne Beachtung der Beitrags- zahlung zur Freiwilligen Zusatzrentenversicherung an- rechnungsfähig sein. Eine teilweise geforderte Gleichstellung der Beschäf- tigten der Deutschen Reichsbahn mit denen der Deutschen Bahn durch Einbeziehung von Ansprüchen in die Zusatz- versorgung der Bahnversicherungsanstalt Abteilung B ist nicht möglich, da deren Satzung dies nicht zulässt. Eine tarifvertraglich vereinbarte betriebliche Alters- versorgung ist in den neuen Bundesländern erst mit Wir- kung ab 1. Januar 1997 eingeführt worden. Zur Frage einer Zusatzversorgung für Mitarbeiter der Deutschen Post ist darauf hinzuweisen, dass die Ent- scheidung, ob und wie eine solche gewährt werden soll, den Tarifvertragsparteien obliegt. Mit Urteil vom 10. November 1998 hat das Bundesso- zialgericht entschieden, dass bei der Frage der Anerken- nung von Ansprüchen und Anwartschaften aus dem Sys- tem der betrieblichen Altersversorgungen Deutsche Reichsbahn und Deutsche Post das geltende Recht keine Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200224008 (C) (D) (A) (B) Anspruchsgrundlage für eine Eisenbahnversorgung zu- sätzlich zu der Rente nach dem SGB VI ist. Solche seien durch eine Anwartschaft bzw. einen Anspruch auf eine SGB-VI-Rente ersetzt worden. Eine Ausdehnung der für rentennahe Jahrgänge ge- schaffenen Besitzstands- und Vertrauensschutzregelung für den Anspruch auf einen erhöhten Steigerungssatz von 1,5 Prozent auf weitere Jahrgänge ist mit den Grundsätzen des lohn- und beitragsbezogenen Rentenrechts der Bundesre- publik nicht vereinbar. Danach richtet sich die Höhe der Rentenleistung nach dem durch Beiträge versicherten Ar- beitsentgelt und Arbeitseinkommen. Die Festsetzung von Stichtagen ist stets mit persönlichen Härten verbunden, aber unvermeidbar, womit der Vertrauensschutzregelung in Art. 2 § 35 Rentenüberleitungsgesetz Genüge getan ist. Die Behandlung des Ausfüllbetrages (§ 315 a SGB VI) im Rahmen der jährlichen Rentenanpassung ist gerecht- fertigt, denn eine dauerhafte Festschreibung oder auch nur eine zeitliche Ausdehnung dieser Beiträge wäre ange- sichts der zu erwartenden niedrigen Anpassungssätze der nächsten Jahre den heutigen und künftigen Rentnern, ge- rade auch in den alten Bundesländern, nicht zu vermitteln. Soweit es um die Frage eines vom 2. Gesetz zur Ände- rung und Ergänzung des Anspruchs- und Anwartschafts- überführungsgesetzes geforderten zehnjährigen ununter- brochenen Beschäftigungsverhältnisses geht, kann auf die Urteile des Bundessozialgerichts verwiesen werden. Demnach kann das Wort „Beschäftigungsverhältnis“ aus- gelegt werden anhand anderer Begriffe wie zum Beispiel „mindestens zehnjährige ununterbrochene Dienstzeit“, „ununterbrochene Beschäftigung“ oder „ununterbrochene Tätigkeit“. Auf diese Zeit sind auch Zeiten der Berufsaus- bildung, eines Studiums oder des Wehrdienstes anzurech- nen, wenn vom 1. Januar 1964 bis zum 31. Dezember 1973 eine solche Beschäftigung ohne Unterbrechung aus- geübt worden ist. Diese gesetzlich geforderte Mindestzeit folgt aus den Versorgungsverordnungen von 1973. Ab dem 1. Januar 1974 war die „Alte Versorgung“ nach Auf- fassung des Bundessozialgerichts als Teil der Anwart- schaft auf eine Sozialversicherungsrente ausgestaltet. Die Begrenzung des anrechnungsfähigen Arbeitsver- dienstes auf höchstens 1 250 DM (circa 639 Euro) ergibt sich daraus, dass die Höchstversorgung nach den alten Versorgungsverordnungen auf 800 DM (circa 409 Euro) monatlich begrenzt war. Bei einer Rückrechnung ent- spricht dies einem monatlichen Tariflohn von 1 250 DM (639 Euro), der nach den alten Regelungen Grundlage für die Berechnung der betrieblichen Altersversorgung war. Die alten Versorgungsordnungen der Deutschen Reichsbahn und der Deutschen Post sind den Zusatz- und Sonderversorgungssystemen der DDR nicht vergleichbar, da ab 1974 eine neue Anwartschaft darin nicht mehr be- gründet werden konnte und das Sicherungsniveau auch auf den Tariflohn von 1973 ohne Dynamisierung begrenzt war, während die Zusatz- und Sonderversorgungssysteme als Alterssicherung regelmäßig einen bestimmten Vom- hundertsatz des letzten Verdienstes vor Eintritt des Versor- gungsfalls sicherten. Eine Rechtsänderung zur Berück- sichtigung von Arbeitsverdiensten oberhalb von 1 250 DM (639 Euro) kann daher nicht in Aussicht gestellt werden. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass zwar dem Anliegen auf Überführung von Ansprüchen und Anwart- schaften aus dem System der betrieblichen Altersversor- gungen Deutsche Reichsbahn und Deutsche Post auf Berücksichtigung des besonderen erhöhten Steigerungs- satzes von 1,5 Prozent sowie auf Verzicht auf den Stich- tag 1. Januar 1974 für die zehnjährige Mindestzeit und auf die Arbeitsverdienstgrenze von 1 250 DM (639 Euro) nicht entsprochen werden konnte. Andererseits sind viele Bedenken und Forderungen der Petenten berücksichtigt worden, so unter anderem auf Berücksichtigung von Arbeitsverdiensten oberhalb von monatlich 600 DM (circa 307 Euro), und zwar auch ohne Zahlung zur Frei- willigen Zusatzrentenversicherung, sowie auf großzügige Auslegung des Begriffs „Beschäftigungsverhältnis“ bei der zehnjährigen Mindestzeit. Der sozialen Gerechtigkeit ist damit Genüge getan worden. Daran haben auch wir von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion keinen Zweifel mehr. Helmut Wilhelm (Amberg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN): Die PDS vertritt die Ansicht der Petenten, dass die Wiedergewährung des Versorgungsanteils aus den Syste- men der Altersversorgung der Deutschen Reichsbahn und der Deutschen Post trotz Verabschiedung des zweiten Ge- setzes zur Änderung und Ergänzung des Anspruchs- und Anwartschaftsüberführungsgesetzes nach wie vor unge- klärt sei. Darin wird von den Petenten und der PDS eine gravierende Ungleichbehandlung dieser Berufsgruppe in der Alterssicherung gesehen und eine entsprechende Ge- setzesänderung gefordert. Warum wir an dieser Stelle eine Gesetzesänderung nicht für nötig erachten, möchte ich kurz erläutern. Das Bundessozialgericht hat sich mit diesem Thema be- reits 1998 befasst und in seinem Urteil vom 10. November auch zu der Frage Stellung genommen, in welcher Höhe die von ehemaligen Beschäftigten der Deutschen Reichs- bahn und der Deutschen Post der DDR erzielten Arbeits- verdienste bei der Rentenberechnung zu berücksichtigen sind. Im Ergebnis hat es die derzeitige Praxis der Renten- versicherungsträger für rechtswidrig erklärt, die darin be- stand, die berücksichtigungsfähigen Pflichtbeitragszeiten vom 1. März 1971 bis 30. Juni 1990 nur auf Grundlage von Arbeitsentgelten von monatlich 600 DM zu ermitteln. Auf Grundlage dieses Urteils haben wir durch das 2. AAÜG- ÄndG mit der Neufassung des § 256 aAbs. 2 SGB VI recht- liche Klarstellungen über die Anrechnung des Arbeits- einkommens oberhalb von 600 DM vorgenommen. Auch für Beschäftigungszeiten bei der Deutschen Reichsbahn und bei der Deutschen Post soll bei der Rentenberechnung grundsätzlich nur der erzielte Arbeitsverdienst, für den tatsächlich Beiträge gezahlt worden sind, in die Ermittlung der Entgeltpunkte eingehen. Weil das Bundessozialgericht die Auffassung vertritt, das die „alte Versorgung“ erst ab Januar 1974 als Teil der Anwartschaft auf eine Sozialrente ausgestaltet war, hat demzufolge auch der Gesetzgeber differenziert. Bei der Ermittlung der Entgeltpunkte für die Berechnung von Be- schäftigungszeiten von März 1971 bis Dezember 1973 soll generell das tatsächlich erzielte Arbeitsentgelt ohne Beachtung der Beitragszahlung zur FZR angerechnet Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 24009 (C) (D) (A) (B) werden. Für Versicherte, die am 1. Januar 1974 bereits zehn Jahre ununterbrochen bei Post oder Bahn beschäftigt gewesen sind, soll im Zeitraum vom 1. Januar 1974 bis 30. Juni 1990 bei der Rentenberechnung ein Arbeitsver- dienst bis zu 1 250 DM monatlich ohne Beachtung der Beitragszahlungen zur FZR anrechnungsfähig sein. Bei der Gesetzesentstehung sind die das Problem auf- greifenden Petitionen, die bei Beginn des Gesetzgebungs- verfahrens schon vorlagen, in die Ausschussberatungen des Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung einbezo- gen worden. Der Petitionsausschuss hat in seiner Zustän- digkeit diesen Ausschuss auch insoweit gemäß § 109 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages um Stel- lungnahme gebeten. Aufgrund der Beschlussempfehlung des Vermittlungsausschusses haben dann Bundestag und Bundesrat dem Gesetzentwurf zugestimmt. Der besonders erhöhte Steigerungsbetrag von 1,5 Pro- zent ist 1974 im Zusammenhang mit der Überführung der betrieblichen Alterssicherungssysteme für Beschäftigte der Deutschen Reichsbahn und der Deutschen Post in die allgemeine Sozialversicherung, speziell in das Renten- recht der ehemaligen DDR, eingeführt worden. Die Rege- lungen sahen für Beschäftigungszeiten bei der Reichsbahn oder der Post bei der Berechnung der Rente aus der Sozi- alpflichtversicherung einen besonderen Steigerungssatz von 1,5 Prozent vor, wenn eine mindestens zehnjährige un- unterbrochene Beschäftigung nachgewiesen wurde. Bei der Überführung des Rentenrechts der DDR musste sich der Gesetzgeber gegen die Übernahme entscheiden, weil die höheren Steigerungssätze für die Berechnung von Ren- ten, für die keine Beiträge gezahlt worden waren, mit den Grundsätzen des lohn- und beitragsbezogenen Renten- rechts der Bundesrepublik nicht vereinbar waren und sind. Meine Fraktion sieht keinen Anlass, das Gesetzgebungs- verfahren zum 2. AAÜG-ÄnG erneut zu eröffnen, weil sich der Gesetzgeber in der Ausgestaltung des Gesetzes streng an die Vorgaben des Bundessozialgerichts gehalten hat. Dr. Irmgard Schwaetzer (FDP): Das zweite Ände- rungsgesetz des AAÜG durch die Bundesregierung im vergangenen Mai 2001 haben wir abgelehnt. Der Gesetz- entwurf hielt sich zwar einerseits eng an die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts und des Bundessozialgerichts, konnte aber andererseits den berechtigten Wünschen man- cher Betroffenen nicht genügen. Die FDP-Bundestags- fraktion, die hierzu in bewährter Übung Gespräche mit den unterschiedlichen Gruppen der Anspruchsberechtigten ge- führt hatte, hatte den vorliegenden Regierungsentwurf sorgfältig geprüft und kam zu einer insgesamt ablehnen- den Einschätzung. Aber, darauf haben wir bereits im Gesetzgebungsver- fahren hingewiesen, die Gesetzesänderung führte immer- hin zu einer relativen Besserstellung der für die Beschäf- tigungszeiten bei der Deutschen Reichsbahn oder bei der Deutschen Post berücksichtigungsfähigen Arbeitsver- dienste – und zwar auch dann, wenn keine Beiträge zur Freiwilligen Zusatzrentenversicherung gezahlt worden sind. Wir begrüßen dies im Grundsatz und stimmen der Beschlussempfehlung des Petitionsausschusses zu. Ich darf darauf hinweisen, dass sich bereits in der ver- gangenen 13. Wahlperiode die FDP-Bundestagsfraktion intensiv mit diesem Thema auseinander gesetzt hat. Wir haben über die Forderung nach einer Höherbewertung der Rente und der Anerkennung einer betrieblichen Zusatz- versorgung zahlreiche Gespräche geführt, unter anderem mit dem Bundesarbeitsministerium und der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands. Insbesondere haben wir darauf verwiesen, dass es auch andere Lösungen für diese Frage hätte geben können. Denkbar wäre etwa gewesen, das Anliegen der Eisenbahner und Postler in Tarifverträ- gen zu berücksichtigen oder Ansprüche gegenüber dem Bundeseisenbahnvermögen geltend zu machen. Erlauben Sie mir noch eine grundsätzliche Bemer- kung: Die FDP hat zu diesem wichtigen Thema Rente in den neuen Bundesländern insgesamt in dieser 14. Legis- laturperiode mehrere parlamentarische Anträge einge- bracht. In diesen – insbesondere für das mittlere medizi- nische Personal, den Bereich der Hochschule und der kommunalen Wahlbeamten – haben wir nicht nur für eine auf die Zukunft gerichtete Verbesserung, sondern zu- gleich und insbesondere auf eine Nachbesserung für die Betroffenen geworben. Alle unsere parlamentarischen Initiativen wurden von der rot-grünen Regierungskoali- tion abgelehnt. Wir werden dieses Thema auch in der kommenden Legislaturperiode sorgfältig und sensibel be- handeln. Anlage 12 Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung des Antrags: Weltweite Märkte für Meerestechnik erschließen (Zusatztagesord- nungspunkt 16) Dr. Margrit Wetzel (SPD): Über Schiffbau diskutie- ren wir in schöner Regelmäßigkeit und – zum Glück für die betroffene Industrie – im Allgemeinen auch fraktions- übergreifend in großer Einigkeit. Im Vergleich dazu be- handeln wir die nicht schiffbauliche Meerestechnik gera- dezu stiefmütterlich. Und das ist falsch! Denn das weltweite Marktpotenzial der Meerestechnik wurde für das Jahr 2000 auf mehr als 150 Milliarden Euro geschätzt und ist damit ein dem Schiffbau absolut vergleichbarer bedeutsamer Wirtschaftsfaktor mit erheblichem Wachs- tumspotenzial. Dass uns das viel zu wenig bewusst ist, mag daran liegen, dass sich in dieser Branche keine Rie- sen, sondern Zwerge tummeln: Es sind vor allem kleine und mittlere deutsche Unternehmen, die zum Teil außer- ordentlich kreativ tätig sind. Ihr erzielter Jahresumsatz lag in 2000 etwa bei 3 Milliarden Euro und machte damit nur 2 Prozent des weltweiten Umsatzes aus. Das technolo- gische Potenzial dieser kleinen deutschen Unternehmen fordert aber geradezu die weltweite Markterschließung heraus und deshalb sollten wir sehr gezielt und markt- orientiert tätig werden. Wie sollen die „Kleinen“ groß werden, wenn sie hier bei uns nur einen winzigen Markt im Verhältnis zu den Weltmärkten haben? Das im Jahr 2000 aufgelegte Forschungsprogramm „Schifffahrt und Meerestechnik für das 21. Jahrhundert“ des BMBF zielt mit der Förderung bestimmter meeres- Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200224010 (C) (D) (A) (B) technischer Technologiebereiche bereits genau in diese Richtung. Wir wollen jetzt gern erreichen, dass dieser An- satz ressortübergreifend, wettbewerbsorientiert und an- wendernah ausgebaut wird. Schwerpunkt soll dabei die Kooperation kleiner und mittlerer Unternehmen sowie deren gezielte Unterstützung durch staatliche Einrichtun- gen und Institutionen sein. Wir dürfen weder die verlockenden Marktpotenziale noch die weitere Entwick- lung der Lösung von Umweltproblemen verschlafen. Ein einziger Blick auf die Weltkarte genügt auch dem Laien, zu erkennen, welch eine Vielfalt von Küsten, Festland- sockeln und Meeresböden sich dem deutschen Know- how darbieten könnte. Eine verlockende, eine faszinie- rende Perspektive. Wir alle wissen, dass die Nutzung erneuerbarer Ener- gien über Offshore Windparks auf gutem Wege ist. Wir wissen aber auch, dass noch erhebliche Entwicklungsar- beit und gezielte Begleitforschung erforderlich ist, um die Windparks im Meer sicher, naturverträglich und kosten- günstig bauen zu können. Auch für die Instandhaltung, für den umweltverträglichen Rückbau und die Entsorgung von Offshoreanlagen eröffnen sich große weltweite Marktpotenziale. In den nächsten Jahren sind weltweit zum Beispiel etwa 8 000 Öl- und Gasbohrplattformen zu entsorgen. Wissenschaft, Behörden, Forschungszentren und zahl- reiche Unternehmen der Industrie verfügen über höchste Kompetenz im Bereich der Hydrographie. Das neue UN- Seerecht fordert die aktive Vermessung der exklusiven Wirtschaftszonen als Grundlage der nachhaltigen Nutzung maritimer Ressourcen. Gerade in vielen Ländern mit ho- hem Küstenanteil ist die entsprechende Technologie nicht verfügbar. Staatliche Unterstützungen, die keineswegs im- mer geldunterlegt sein müssen, sondern auch politisch-di- plomatischer Art sein sollten, können die Erschließung die- ser Märkte deutlich erleichtern. Insbesondere bieten sich politische und wirtschaftliche Kooperation mit Schwellen- und Entwicklungsländern an, die durch bilaterale staatliche Abkommen zur Förderung technisch-wissenschaftlicher und industrieller Kooperation mit ausländischen Partnern gesichert werden könnten. Die Unterstützung der entspre- chenden Ausbildung in den Ländern mit langen Küsten wäre Hilfe für den Aufbau landeseigener Kapazitäten in Verbindung mit der Weiterentwicklung unserer techni- schen und wissenschaftlichen Vorsprünge und der Markt- sicherung für deutsche Unternehmen. Das Monitoring maritimer Klima- und Umweltverän- derungen zum Beispiel erfordert den Aufbau weltweiter Messnetze, die sowohl die Beobachtung globaler Klima- veränderungen als auch die Entwicklung und Herstellung meerestechnischer Geräte und Dienstleistungen umfas- sen. Bei umweltschonenden Kreislaufanlagen für die Auf- zucht von Seefischen kann Deutschland international eine führende Stellung im Bereich der Aquakultur einnehmen. Die Überfischung der Meere macht die Aquakultur zu ei- ner ganz neuen Herausforderung. Helfen wir doch, diese Chancen für kleine Unternehmen nutzbar zu machen! Oder nehmen wir die Gewinnung von Öl durch Off- shoreanlagen: Ölunfälle und Verschmutzungen durch den Transport werden nie vollständig zu verhindern sein. Deutsches Know-how und deutsche Technik können bei der Ölunfallbekämpfung, der Sanierung der verschmutz- ten Gewässer und Küsten und bei der Entsorgungschad- stoff belasteter Anlagen auch international verantwor- tungsvoll eingesetzt werden. Auch das breite Spektrum der Unterwassertechnik und der Polartechnik, der Kom- munikationstechnik, der maritimen Informations- und Leittechnik eröffnen weltweit neue wirtschaftliche Per- spektiven, die es zu nutzen gilt. Was können wir also zusätzlich zu dem, was bereits über die Forschungsprogramme initiiert ist, noch tun, um die Markterschließung durch Innovationen und Produkt- entwicklung in der Meerestechnik zu verbessern? Kom- petenzen bündeln, strategische Allianzen aus kleinen Un- ternehmen und staatlichen Stellen bilden, sicher. Aber wir sollten den KMU auch den Zugang zu Fördermitteln und politischer Unterstützung erleichtern. Kriterien bei der Bewertung von Förderanträgen könnten zum Beispiel der Beitrag zur Nachhaltigkeit, zur Innovation, zur Produkt- entwicklung aber auch zur internationalen Vermarktbar- keit sein. Antragsverfahren im Forschungsbereich könn- ten durch gute Koordination effektiver werden. Das würde automatisch die Wettbewerbsfähigkeit der deut- schen Meerestechnik am Weltmarkt fördern. Die deut- schen Unternehmen in diesem Bereich sind meistens zu klein, die nötige Kooperation und Vernetzung allein leis- ten zu können. Außerdem brauchen sie meerestechnische Daten und das Wissen staatlicher Einrichtungen: Die Frage ist also, ob dieses Wissen den Unternehmen zu an- nehmbaren organisatorischen und finanziellen Bedingun- gen verfügbar gemacht werden kann. Ich meine, wir soll- ten dafür sorgen, dass das Wissen und die Kompetenzen in unserem Land dazu eingesetzt werden, diese Märkte mit Zukunft zu erschließen. Bei internationalen Projekten sind uns unsere europä- ischen Nachbarn teilweise deutlich voraus: Staatliche Einrichtungen wirken in Public Private Partnership mit der privaten Wirtschaft erfolgreich zusammen. Wir haben offenbar einen Nachholbedarf insbesondere in der Nut- zung bestehender staatlicher Kontakte für die Märkte im Ausland. Es muss noch nicht einmal viel kosten, den KMU in diesem Bereich zu helfen. Wir müssen nur krea- tiv, offen und flexibel unsere politischen und diplomati- schen Möglichkeiten einsetzen. Wir müssen den man- gelnden Organisations- und Vernetzungsgrad der KMU ausgleichen; denn das können sie allein einfach nicht leis- ten. Und: Es ist doch schön, gebraucht zu werden. Die Un- ternehmen im Bereich der Meerestechnik brauchen uns. Enttäuschen wir sie also nicht. Deshalb bitte ich um die wohlwollende Prüfung, Beratung und Zustimmung des ganzen Hauses zu unserem Antrag. Wolfgang Börnsen (Bönstrup) (CDU/CSU):Der An- trag der Regierungskoalition ist auf den ersten Blick an- erkennenswert. Er enthält hehre Ziele für die weltweite Zukunft der Meerestechnik. Darin teilen wir die Auffas- sung der Antragsteller. Auf den zweiten Blick jedoch handelt es sich hier um eine offensichtliche Alibi-Initiative. Alle Maßnahmen sollen dem Diktat der Klima- und Umweltschutzziele un- Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 24011 (C) (D) (A) (B) terliegen. Keine Grundlagenforschung soll möglich sein, keine Neuentwicklung von Meerestechnologien. So steht es im vorletzten Absatz dieses Antrages. Vermutlich haben die Grünen den Roten hier in die Suppe gespuckt. Aber ganz ernsthaft: Für Showanträge ist die Thematik nicht geeignet. Deutschlands maritime Wirtschaft braucht Zukunft, aber nicht mit einem Flagg- schiff ohne Schraube. Die Meerestechnik bietet weltweit große Zukunfts- chancen. Das Marktvolumen der Offshoreindustrie wird weltweit auf mehr als 80 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Der Anteil Deutschlands daran in Höhe von rund 1 Milliarde Euro entspricht dabei keineswegs dem technischen Poten- zial. Weltweit gibt es etwa 8000 Öl- und Gasplattformen, die im Verlaufe der nächsten Jahrzehnte entsorgt werden müssen. Allein in der Nordsee sind es 700 Plattformen, für deren Beseitigung oder Umnutzung mit einem zweistelli- gen Milliardenbetrag gerechnet wird. Für den Bau von Offshorewindparks rechnen Experten mit einem Investitionsvolumen von circa 25 Milliarden Euro über die nächsten 20 Jahre allein in den deutschen Seegebieten. Nicht eingerechnet ist hierbei der Bedarf an Forschungsaktivitäten, insbesondere zur Weiterentwick- lung der Anlagentechnik, eingeschlossen Gründung, Netz- anbindung und Montage sowie der begleitenden ökologi- schen Untersuchungen. Unter den Einschätzungen der globalen Erwärmung und des Klimaschutzes wird das Aufgabenfeld des „Inte- grierten Küstenzonen-Managements“ eine neue Bedeu- tung gewinnen. Das hat Auswirkungen auf Forschung und Entwicklung. Hier gehe es um die Integration der Nut- zungs- und Schutzansprüche im Küstenraum, unterstrich auch der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Dr. Bernd Rohwer gestern auf einer Fachtagung der Ge- sellschaft für maritime Technik. Dies gilt auch deshalb, weil zu den traditionellen Nutzungen wie Tourismus, Ha- fenwirtschaft und Fischerei neue wirtschaftliche Chancen und Herausforderungen hinzukommen. Die Anforderun- gen an Ozeanüberwachungssysteme werden dementspre- chend beständig steigen. Sowohl in der wissenschaftli- chen Forschung als auch in den einzelnen Regionen gibt es hierzu bereits vielversprechende Aktivitäten. Natürlich hat auch die traditionelle maritime Wirt- schaft für Deutschland, besonders für Norddeutschland, eine große Bedeutung. Der klassische Schiffbau hat sich inzwischen zu einem hoch innovativen Industriesektor entwickelt, der mit seinen Spezialschiffen einen weltwei- ten Markt anspricht und einen Anteil von deutlich über 20 Prozent am Gesamtumsatz deutscher Werften hat. Vier Beispiele, um das Innovationspotenzial der Werf- ten zu verdeutlichen: Die Flensburger Schiffbaugesell- schaft produziert mit ihren hoch innovativen Ro-Ro- und Ro-Pax-Fähren global nachgefragte „schwimmende Landstraßen“. Weltweit die einzigen mit Brennstoffzellen betriebe- nen U-Boote werden bei HDW in Kiel hergestellt. Mit dem „Forschungsschiff der Zukunft“ entwickelt die Lindenau-Werft, ebenfalls in Kiel, derzeit ein modu- lar und damit flexibel konstruiertes Forschungsschiff, das es in dieser Form bisher noch nicht gegeben hat. Die Kvaerner-Werft in Rostock lieferte 2001 mit der Offshorebohrplattform „Stena Don“ seit Jahren wieder die erste Bohrplattform aus Deutschland ab, ein Koloss mit 32 700 Tonnen Wasserverdrängung. Ein Umsatzpotenzial ähnlicher Größenordnung wird auch von der Schiffbauzulieferindustrie erbracht. Mit einer breiten Palette innovativer Produkte vom Schiffsantrieb bis hin zu den modernsten Navigations- und Positionie- rungssystemen entfallen auf diese Zulieferindustrie bis zu 70 Prozent der Wertschöpfung eines Schiffsneubaus. Glo- balisierung und Wachstum des Welthandels finden ihren deutlichen Niederschlag im Wachstum von Schifffahrt und Hafenumschlag. Davon profitieren auch die Häfen in Deutschland. Neue Technologien für Ausrüstung, Um- schlag und Entsorgung erschließen zusätzliche Wachs- tumspotenziale. Ein weiterer Bereich der Meerestechnik mit hohen Wachstumschancen ist die maritime Aquakultur, Blaue Biotechnologie, „nachhaltige Produktionstechnik“ oder auch Marikultur genannt. Bei 11,8 Prozent lag die jährli- che durchschnittliche Wachstumsrate in den letzten 15 Jahren. Auf verschiedenen Gebieten der Biotechnolo- gie vollzieht sich zur Zeit eine rasante Entwicklung, die neue Chancen für Wirtschaft und Wissenschaft eröffnet. Dazu gehört auch, dass sich die moderne Biotechnologie immer mehr mit nachwachsenden Rohstoffen und Mine- ralstoffgewinnung aus dem Meer befasst, zum Beispiel für die medizinische Nutzung. Die Gewinnung von Nah- rungsmitteln aus dem Meer beschränkt sich nicht mehr auf die Fischwirtschaft: Aquakultur und maritime Bioressour- cen bieten anspruchsvolle Zukunftsaufgaben und müssen Antworten liefern auf den weltweiten Rückgang der Fisch- bestände, auf die Umwelt-, Hygiene- und Qualitäts- probleme sowie die sich aus dem intensiven „fish- und shrimp-farming“ ergebenden sozialen Konfliktpotenziale. Derzeit werden weltweit über 150 Fischarten, etwa 40 verschiedene Schalentiere und mehr als 70 Muschel- bzw. Weichtierarten neben zahlreichen Algen, Wasser- pflanzen, Fröschen, Schildkröten und Krokodilen in Aqua- kultur erzeugt. Der Weltmarkt für Fisch sowie Krusten- und Schalentieren belief sich 1999 nach FAO-Statistiken auf insgesamt knapp 126 Millionen Jahrestonnen. Davon entfielen circa 33 Millionen Tonnen auf die Aquakultur, fast 30 Prozent der maritimen Nahrungsmittelproduktion. In diesen Zahlen ist die immer wichtiger werdende Auf- zucht von Pflanzen/Algen noch nicht enthalten. Die ge- samte Aquakulturproduktion hat sich in den Jahren 1990 bis 1999 um 150 Prozent erhöht; die Produktion ist heute mehr als zweieinhalbmal so groß wie vor zehn Jahren. Die Zahlen zeigen eindrucksvoll das wirtschaftliche und tech- nologische Potenzial der Aquakultur. Die asiatischen Länder, insbesondere Thailand, Indo- nesien, Bangladesch, China und Indien, verfügen zusam- men über mehr als 1 Million Hektar Zuchtteiche allein für Krabben. Ein zweites Zentrum mit etwa 200 000 Hektar befindet sich an der Westküste Amerikas, überwiegend in Ecuador. Verbraucherländer sind die USA, Europa und Ja- pan. Der jährliche Pro-Kopf-Konsum liegt in diesen Län- Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200224012 (C) (D) (A) (B) dern zwischen 1,2 und 3 Kilogramm. Das sind etwa 20 Prozent des Welthandels mit Meerestieren. Zur Deckung des weiter wachsenden Bedarfs werden in Zukunft verstärkt künstliche marine Ökosysteme, zum Beispiel Kreislaufanlagen für die marine Aquakultur, zum Einsatz kommen müssen, denn die EU plant ganz aktuell radikale Fangquotenbegrenzungen, zum Teil mit gravie- renden Auswirkungen auf die Fischereiwirtschaft. Diese Lücke kann nur durch Aqua- und Marikulturanlagen aus- gefüllt werden; es zeichnet sich ein weltweites Marktpo- tenzial ab. Ähnlich hohe Entwicklungspotenziale weltweit liegen in der Hydrographie, der marinen Umweltschutztechnik und als Grundlage, um die Offshoretechnik überhaupt nutzen zu können, der Unterwassertechnik, wie Seekabel, Öl- und Gaspipelines und die dazugehörige Logistik. Der Grundlagenforschung dürfen nicht von vornherein Scheuklappen aufgesetzt werden, auch nicht, wenn sie im schicken Gewand von Klima- und Umweltschutz daher- kommen. So schneiden wir deutschen Unternehmen gleich zu Beginn der Entwicklung die Chancen ab, überlassen den schnell wachsenden Weltmarkt anderen Ländern und verhindern die Schaffung neuer, hochwertiger Arbeits- plätze. Grundlagenforschung muss möglich sein, sonst wandern unsere klügsten Köpfe weiter ins Ausland ab. Unsere Forderungen an die Bundesregierung lauten: erstens den Technologietransfer zwischen Wissen- schaft und Wirtschaft im Bereich Meerestechnik mit Sys- tem auszubauen; zweitens Erweiterung der Forschungsförderung sowohl für die Grundlagenforschung als auch für anwen- dungsbezogene Projekte sowie die Vereinfachung der Be- willigungsverfahren von Forschungs- und Entwicklungs- anträgen; drittens politische Unterstützung für die Installation von Pilotanlagen; viertens Unterstützung der kleinen und mittelständi- schen Unternehmen der Meeresforschungstechnik bei der Bündelung und internationalen Vermarktung ihrer Pro- dukte und Systeme; fünftens Förderung der Teilnahme deutscher Firmen an den Programmen internationaler Organisationen – insbe- sondere bei internationalen Umweltprojekten – wie Welt- bank, UNO und UNIDO durch zielgerichtete Information potenzieller deutscher Teilnehmer; sechstens Erstellung eines Gesamtkonzepts zum Thema Ausbau der Meerestechnologie unter Berücksich- tigung von Umwelt-, Klimaschutz- und Finanzierungsbe- dingungen. Hans-Josef Fell (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Deutschland hat eine große Tradition im Schiffsbau und in der Meerestechnik. Viele Arbeitsplätze sind direkt oder indirekt mit der Meerestechnik verbunden. Der Rückgang der Werftenindustrie muss aufgefangen werden durch neue innovative Techniken. Daraus ergeben sich neue Chancen für den riesigen Weltmarkt. Das Marktpotenzial liegt weltweit über 150 Milliarden Euro. Mit dem bereits im Jahr 2000 aufgelegten Forschungs- programm „Schifffahrt und Meerestechnik für das 21. Jahrhundert“ hat die Bundesregierung bereits erfolgreich diese Herausforderung angenommen. Der vorliegende rot- grüne Antrag baut auf diesem Forschungsprogramm auf und will weitere Akzente setzen. Vor allem die Umweltfreundlichkeit muss weiter in den Mittelpunkt rücken: So gilt es, die bisherigen Mee- restechnologien umweltfreundlicher zu gestalten. Die Verschmutzung zum Beispiel bei der Ölgewinnung ist auf null zu reduzieren. Die Energieversorgung der Meeres- technikanlagen soll verstärkt auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Schmieröle aus Pflanzenölen, Wind- kraft, Biomasse und Solarenergie zur Stromversorgung reduzieren die Gefahr auslaufender Betriebsmittel und den Schadstoffausstoß auf null. Die alltägliche Ver- schmutzung mit Ölen wird dann der Vergangenheit an- gehören. Auch muss das Problem der giftigen Anstriche gelöst werden. Hier hat es in der jüngsten Zeit mithilfe der Na- notechnologie wichtige Fortschritte gegeben. Wir müssen diesen Weg schnell weiter gehen. Aquakulturen für die Produktion von Seefischen soll- ten möglichst umweltfreundlich sein. Sie dienen dann nicht nur dem Umweltschutz, sondern auch der Gesund- heit der Verbraucher. Zudem ist das breite Spektrum der Unterwassertechnik – zum Beispiel in der Kommunikati- onstechnologie – auf den Schutz der Meerestiere auszu- richten. Dabei geht es auch um Lärmschutz; denn Unter- wasserlärm steht im Verdacht, die Wale zu schädigen. Die Meerestechnik bekommt eine völlig neue Chance. Diese Chance heißt erneuerbare Energien. Konkret han- delt es sich um die Windenergie und die Meeresenergien wie Meeresströmungskraftwerke, Wellenkraftwerke und Gezeitenkraftwerke. Alleine in Deutschland sollen bis 2020 off-shore 25 000 MW an Windkraftanlagen instal- liert werden. Dies ist eine große Chance für den Klima- schutz und eine große Chance für die Werften. Sehr vielversprechend sind auch die Anstrengungen zur Nutzung der Meeresströmungen und der Wellenkraft. Die ersten Pilotprojekte sind in Schottland, England und Japan bereits im Entstehen. Auch die Gezeitenenergie hat gute Chancen. Wir wollen die deutsche Industrie auch für diese Energietechnologien der Zukunft fit machen. Bündnis 90/Die Grünen unterstützen die Meerestechnik in vielen Bereichen. Aber wir verschweigen die Problem- felder nicht. Angesichts der Klimagefahren wollen wir keine Staatsmittel für die Exploration von fossilen Roh- stoffen ausgeben. Diese Forschungsmittel müssen stattdes- sen für klimaneutrale Technologien ausgegeben werden. Besonders gefährlich wäre die Erschließung der Me- thanhydrate. Die Schätzungen über deren Vorkommen ge- hen weit auseinander. Wir halten es für sinnvoll, für die Klimaforschung mehr über deren Vorkommen zu erfahren. Für den Fall, dass diese Methanhydrate wirklich in großen Mengen vorkommen, gehen wir aber ein unverantwortli- ches Risiko ein, wenn wir diese Methanhydrate fördern; denn das beim Verbrennen freigesetzte Kohlendioxid heizt das Treibhaus Erde an. Lassen wir die Methanhydrate auf Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 24013 (C) (D) (A) (B) dem Meeresboden! Die Energie, die wir brauchen, geben uns die Meere über Wind und Wellen, Meeresströmungen und Gezeitenkraft. Wir müssen nur zugreifen. Es wäre töricht, das Weltklima zu riskieren, indem wir auf einen Rohstoff zurückgreifen, den wir nicht brauchen. In dem heute zur Debatte stehenden gemeinsamen An- trag von Rot-Grün sind die neuen Chancen der Meerestech- niken gut herausgestellt. Damit werden dem Umweltschutz und der deutschen Meerestechnik-Industrie gemeinsam neue große Perspektiven eröffnet. Ulrike Flach (FDP): Es ist schon ein starkes Stück, wenn die Grünen unter dem Deckmantel einer Markter- schließung für die Meerestechnik handstreichartig der deutschen Meeresforschung einen Maulkorb anlegen wollen, so geschehen in dem jüngsten Antrag von SPD und Bündnis 90/Die Grünen mit dem schönen Titel „Welt- weite Märkte für Meerestechnik erschließen“. Wir müs- sen uns heute mit diesem Antrag in der Debatte befassen, da wir das den GRÜNEN nun wirklich nicht mehr durch- gehen lassen können. Sie wollen offensichtlich in Wahlkampfzeiten die grüne Klientel bedienen. Mir ist aber wiederum sehr deut- lich geworden, was die Grünen unter Fortschritt und Zu- kunft sowie unter Wissenschaft und Forschung verstehen. Doch die Forschung ist kein geeignetes Werkzeug um Ideologien durchzusetzen. Ihre alten Kampfparolen sind abgestumpft. Ich hätte mich heute auch nicht zu Wort ge- meldet, wenn der ansonsten gute Antrag nicht eine so deutliche Bruchstelle enthalten würde. Aber jetzt zur wissenschaftlichen Betrachtung der Pro- blematik. An fast allen Kontinentalrändern der Weltmeere und unter Permafrostböden sind Gashydrate anzutreffen. Heutige Schätzungen, gehen davon aus, dass die in den Kontinentalrändern der Weltmeere und in den Permafrost- regionen in Form von Gashydraten gespeicherte Menge an Kohlenstoff die in Kohle-, Erdöl- und Erdgaslagerstät- ten gespeicherte Menge um das Doppelte übersteigt. Ins- gesamt dürften in den Gashydratvorkommen 10 000 Gi- gatonnen Kohlenstoff gebunden sein. Im Vergleich hierzu enthalten die bisher abgebauten und die bekannten Brenn- stofflagerstätten etwa 5 000 Gigatonnen Kohlenstoff. Eine kommerzielle Nutzung dieses riesigen Gaspoten- zials liegt jedoch noch in weiter Ferne, da wir erst am Be- ginn einer intensiven Grundlagenforschung stehen. Die Entscheidung ob diese Reserven überhaupt zur Energie- gewinnung genutzt werden, haben künftige Generationen zu treffen. Jedoch ist die Erforschung der Gashydratgenese, der Gashydratvorkommen und der künftigen Nutzung der Gashydrate nicht nur für die Sicherung von Energiere- serven für künftige Generationen von außerordentlicher Bedeutung, sondern gerade auch für das komplexe Ver- ständnis des Geosystems Erde und des Weltklimas. Industrienationen wie die USA, Japan, Russland und Deutschland haben bereits strategische Forschungsini- tiativen gestartet. Auch rohstoffarme Länder wie Indien erforschen intensiv die Gashydratvorkommen an ihren Kontinentalrändern. Deutschland hat die bedeutende Rolle der Gashydrate im Kohlenstoffkreislauf für die Stabilität des Meeresbo- dens und vor allem für die Klimaentwicklung erkannt und einen speziellen Förderschwerpunkt mit dem Titel „Gas- hydrate im Geosystem“ eingerichtet. Derzeit werden Ver- bundprojekte mit einem Finanzvolumen von rund 15 Mil- lionen Euro gefördert. Deutschland sieht in seinem Forschungsansatz nicht nur den ökonomischen Aspekt der Gashydratforschung, sondern öffnet auch den Blick für die Wechselwirkungen zwischen Gashydratvorkommen und Umwelt. Es ist bekannt, dass Methan als Treibhausgas wirksam ist und somit Methankonzentrationen in der Atmosphäre klimarelevant sind. Untersuchungen von Bremer Geo- wissenschaftlern an Bohrkernen aus dem internationalen „Ocean Drilling Program“ (ODP) im westlichen Nord- atlantik belegen eine dramatische Erhöhung der Methan- konzentration in der Atmosphäre und der damit verbun- denen klimatischen Veränderungen. Es wird vermutet, dass ein Ansteigen der Methankonzentration in den letzen Jahrtausenden auf eine Veränderung der Stabilitätsbedin- gungen der Gashydrate an den Kontinentalrändern und eine damit verbundene Freisetzung von Methan zurück- zuführen ist. Ähnliches könnte passieren, wenn die Tem- peraturen in den Permafrostregionen weiter steigen und damit zur Destabilisierung des Permafrostes und Freiset- zung von Gashydraten führen. Auch marine Georisiken, wie zum Beispiel die Auslö- sung von Unterwasser-Hangrutschen wird auf zerfallende Gashydrate zurückgeführt. Insofern verfolgt Deutschland mit der Gashydratforschung eine Doppelstrategie, die in der Verantwortung für das Weltklima und der Versorgung künftiger Generationen mit Energie begründet liegt. Das entspricht zugleich dem Anliegen einer nachhaltigen Ent- wicklung. Insofern möchte ich die Kollegen von der SPD bitten, den entsprechenden Absatz im Antrag ersatzlos zu strei- chen. Dann ist gegen den Antrag aus unserer Sicht nichts einzuwenden. Wolfgang Bierstedt (PDS): Nachts, wenn alles schläft, befasst sich das Parlament virtuell mit einem Re- gierungsantrag zur Markterschließung von Meerestech- nik. Expansive Wirtschaftsbestrebungen im Schiffbau werden heimlich still und leise im Dunkeln zu Protokoll gegeben statt bei Tageslicht offensiv diskutiert. Grundsätzlich ist die PDS dafür, dass Meerestechnik ökologisch orientiert erforscht und entwickelt wird, die zum Schutz der Meere geeignet ist, die keine Meerestech- nologien zur Exploration oder dem Abbau fossiler Ener- gieträger unterstützt und die interdisziplinär, anwendungs- nah und global angelegt ist. Wir unterstützen die Einschränkung und Unterlassung von Forschungen in Meeren, die dem Klimaschutz und der Meeresflora und Fauna abträglich sind. Die Bundesregierung sieht zur Entwicklung bestimmter meerestechnischer Technologienbereiche eine Koopera- tion von KMU mit maßgeblicher Unterstützung durch staatliche Einrichtungen und Institutionen vor. Solcherart Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 200224014 (C) (D) (A) (B) Kooperationen gibt es im InnoRegio Projekt „Maritime Al- lianz“ in Mecklenburg-Vorpommern, welches im Rahmen des Forschungsprogramms „Schifffahrt und Meerestechnik für das 21. Jahrhundert“ seit 2000 durchgeführt wird. Die Zusammenarbeit von mittelständischen Unternehmen, Kommunen und Banken unter anderem zu maritimen In- novationen und regenerativen Offshore-Energiesystemen in Verbundprojekten solcherart offener Netzwerke ist sehr zu befürworten, da sich sonst diese Firmen und Einrichtun- gen nie getroffen hätten. Der Erfolg des Gesamtprojektes hängt leider derzeit von fehlenden Bewilligungsbescheiden für circa 45 Prozent der Projekte ab. Diese Projekte können ihre Arbeit erst verspätet beginnen. Die Netzwerksteuerung benötigt doppelt so viel Mittel wie zunächst eingeplant. Insgesamt ist die ordentliche Fortschreibung der Strukturen von InnoRegio für 2003 noch ungeklärt. Hier muss die Bundesregierung schnell tätig werden. Die PDS unterstützt generell den Weg zur Energie- wende – hin zu regenerativen Energien. Statt wie vorgese- hen fünf solcher Offshore-Anlagen für die Windenergie sollen nur noch zwei gebaut werden. Doch diese giganti- schen Vorhaben der Offshore-Windparks können nicht die einzige Perspektive sein. Die PDS meint, dass Energiever- sorgung durch regenerative Energien forschungs-, ent- wicklungs- und umsetzungsseitig in ihrer Vielfalt und in der Breite für eine Energiewende 2050 angelegt sein muss. Neben hohen Investitionen zum Anlagenaufbau, neuen Leitungskapazitäten, Alternativen zur schnellen Abschal- tung der Kapazitäten vom Netz bei Stürmen und einer Un- tersetzung durch Grundlaststromkapazitäten besteht bei Offshore-Windenergieanlagen Forschungsbedarf hinsicht- lich der Effekte für Pflanzen und Tiere am Meeresgrund, die durch die Verankerung von Stahlrohren mit drei Me- tern Durchmesser zum Tragen der Anlagen und die Kabel- verlegung am Meeresgrund verdrängt werden. Wir unterstützen die Ansicht, dass keine Entwicklung von Meerestechnik gefördert werden soll, die fossile Energieträger ausbeutet. Dazu reicht es aber nicht aus, kleinlaut einzugestehen, dass Ölunfälle und Verschmut- zungen durch Offshore-Anlagen für die Erdölausbeutung nicht ausgeschlossen werden können und die BRD einen Know-how-Vorsprung für Rückbau und Entsorgung sol- cher Anlagen hat. Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie umgehend tätig wird, damit solche Anlagen ge- schlossen werden. Denn nur ein bisschen ökologisch ist wie „halbschwanger“. Obwohl das neue UN-Seerecht die aktive Vermessung der exklusiven Wirtschaftszonen als Grundlage der nach- haltigen Nutzung maritimer Ressourcen verlangt, sind je- doch die Kosten für hydrografische Maßnahmen nicht den Entwicklungs- und Schwellenländern mit hohem Küstenanteil aufzubürden. Dies sollten die Industrielän- der selbst bezahlen und die Bundesregierung kann damit – wie auch bei einer aktiven Werbung zum Schutz der Meere in diesen Ländern – mit gutem Beispiel voran- gehen. Die politische und wirtschaftliche Kooperation mit Schwellen- und Entwicklungsländern zum Schutz der Meere muss mit Regierungen und mit einheimischen NGO (Umweltorganisationen) abgestimmt sein. Sie muss auf die Nutzung der maritimen Ressourcen zur Sicherung der Ernährungsgrundlagen in diesen Ländern selbst sowie auf eine Nichtbewirtschaftung der Küstengewässer und eine Kontingentierung der Fangquoten vor den Küsten der Entwicklungsländer durch andere Länder ausgerichtet sein. Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 239. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002 24015 (C) (D) (A) (B) Druck: MuK. Medien- und Kommunikations GmbH, Berlin
Gesamtes Protokol
Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1423900000
Guten Morgen, liebe
Kolleginnen und Kollegen! Die Sitzung ist eröffnet.

Zunächst möchte ich der Kollegin Eva-Maria Kors
und den Kollegen Elmar Müller und Dr. Michael
Bürsch nachträglich sehr herzlich zum 60. Geburtstag
gratulieren


(Beifall)

sowie den Kollegen Dr. Rupert Scholz und Hans Peter
Schmitz jeweils zum 65. Geburtstag.


(Beifall)

Sodann teile ich mit, dass die Abgeordnete Cornelia

Pieper am 31. Mai 2002 auf ihre Mitgliedschaft im Deut-
schen Bundestag verzichtet hat. Ihre Nachfolgerin
Gudrun Serowiecki hat am 3. Juni 2002 die Mitglied-
schaft im Deutschen Bundestag erworben. Ich begrüße
die neue Kollegin herzlich.


(Beifall)

Interfraktionell ist vereinbart worden, die verbundene

Tagesordnung zu erweitern. Die Punkte sind in der Ihnen
vorliegenden Zusatzpunktliste aufgeführt:

1. Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion der Koalition:
Haltung der Bundesregierung zu aktuellen, als antisemi-

(siehe 238. Sitzung)


2. Abgabe einer Erklärung durch die Bundesregierung: Vorrang
des Verbraucherschutzes notwendiger denn je – für ein
neues Denken und Handeln

3. Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Irmgard Schwaetzer,
Dr. Heinrich L. Kolb, Dirk Niebel, weiterer Abgeordneter und
der Fraktion der FDP: Für grundlegende Reformen der
sozialen Sicherungssysteme – Drucksache 14/9245 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie

4. Weitere Überweisungen im vereinfachten Verfahren

(Ergänzung zu TOP 31)

a) Erste Beratung des von den Abgeordneten Alfred
Hartenbach, Margot von Renesse, Hermann Bachmaier, wei-
teren Abgeordneten und der Fraktion der SPD sowie den Ab-
geordneten Volker Beck (Köln), Hans-Christian Ströbele,
Kerstin Müller (Köln), Rezzo Schlauch und der Fraktion des

BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes zur Errichtung einer Magnus-Hirschfeld-
Stiftung – Drucksache 14/9218 –
Überweisungsvorschlag:
Rechtsausschuss (f)

Finanzausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Haushaltsausschuss gemäß § 96 GO

b)Beratung des Antrags der Abgeordneten Eva Bulling-
Schröter, Dr. Bärbel Grygier, Uwe Hiksch, weiterer Abge-
ordneter und der Fraktion der PDS: Konzept zur Entsor-
gung radioaktiver Abfälle – Drucksache 14/9149 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (f)

Ausschuss für Gesundheit

c) Beratung des Antrags der Fraktion der SPD und des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Antisemitismus äch-
ten – Zusammenhalt in Deutschland stärken – Drucksa-
che 14/9226 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Kultur und Medien

d)Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Guido
Westerwelle, Dr. Max Stadler, Dr. Edzard Schmidt-Jortzig,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Antisemi-
tismus ächten – Zusammenhalt in Deutschland stärken –
Drucksache 14/9261 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Kultur und Medien

5. Weitere abschließende Beratungen ohne Aussprache

(Ergänzung zu TOP 32)

Beratung der Beschlussempfehlung des Petitionsausschusses

(2. Ausschuss): Sammelübersicht 391 zu Petitionen – Druck-

sache 14/9074 –

6. Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion der CDU/CSU:
Haltung der Bundesregierung zu drastischen Einnahme-
verlusten der Länder aufgrund der Steuerreform

7. Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Heidi Knake-
Werner, Eva Bulling-Schröter, Dr. Ruth Fuchs, weiterer Abge-
ordneter und der Fraktion der PDS: Arbeitszeitgesetz

(ArbZG) beschäftigungssichernd reformieren – Überstun-

den abbauen – Drucksache 14/6113 –

23827


(C)



(D)



(A)



(B)


239. Sitzung

Berlin, Donnerstag, den 6. Juni 2002

Beginn: 9.00 Uhr

Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

8. Beratung des Beschlussempfehlung und des Berichts des Aus-
schusses für Arbeit und Sozialordnung (11. Ausschuss) zu dem
Antrag der Abgeordneten Karl-Josef Laumann, Brigitte
Baumeister, Rainer Eppelmann, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der CDU/CSU: Arbeitsrecht flexibilisieren – Be-
schäftigung schaffen – Drucksachen 14/8267, 14/9221 –
Berichterstattung:
Abgeordneter Klaus Brandner

9. Beratung des Antrags der Abgeordneten René Röspel, Petra
Ernstberger, Uta Zapf, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der SPD sowie der Abgeordneten Angelika Beer, Rita
Grießhaber, Dr. Helmut Lippelt, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Maßnahmen
gegen eine Bedrohung durch biologische Waffen – Druck-
sache 14/9240 –

10. Beratung des Antrags der Abgeordneten Uta Zapf, Rainer
Arnold, Wolfgang Behrendt, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der SPD sowie der Abgeordneten Angelika Beer, Rita
Grießhaber, Dr. Helmut Lippelt, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Für eine
kooperative Rüstungskontroll-, Abrüstungs- und Nichtver-
breitungspolitik – Drucksache 14/9241 –

11. Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Norbert Lammert,
Bernd Neumann (Bremen), Dr. Sabine Bergmann-Pohl, weite-
rer Abgeordneter und der Fraktion der CDU/CSU:Historische
Mitte Berlin – Drucksache 14/9023 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
Haushaltsausschuss

12. Beratung des Antrags der Abgeordneten Eckhardt Barthel

(Berlin), Hans-Werner Bertl, Monika Griefahn, weiterer Abge-

ordneter und der Fraktion der SPD sowie der Abgeordneten
Franziska Eichstädt-Bohlig, Kerstin Müller (Köln), Rezzo
Schlauch und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN: Empfehlungen der Internationalen Expertenkom-
mission „Historische Mitte Berlin“ – Drucksache 14/9222 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
Haushaltsausschuss

13. Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Günter Rexrodt,
Hans-Joachim Otto (Frankfurt), Dr. Edzard Schmidt-Jortzig,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP: Wieder-
herstellung der historischen Mitte Berlins – Drucksa-
che 14/9243 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
Haushaltsausschuss

14. Beratung des Antrags der Abgeordneten Petra Pau, Dr. Christa
Luft, Dr. Heinrich Fink, weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion der PDS: Die Mitte der Spreeinsel als offenes Bürger-
forum gestalten – Empfehlungen der Expertenkommission
öffentlich diskutieren – Drucksache 14/9244 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
Haushaltsausschuss

15. Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts des Aus-
schusses für Kultur und Medien (23. Ausschuss) zu dem Antrag
der Abgeordneten Dr. Heinrich Fink, Dr. Gregor Gysi,
Dr. Christa Luft, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der
PDS: Gewölbe unter dem ehemaligen Nationaldenkmal auf

dem Berliner Schlossplatz für die Öffentlichkeit zugänglich
machen – Drucksachen 14/3120, 14/6914 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Eckhardt Barthel (Berlin)

Dr. Norbert Lammert
Dr. Antje Vollmer
Hans-Joachim Otto (Frankfurt)

Dr. Heinrich Fink

16. Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Margrit Wetzel,
Dr. Rainer Wend, Dr. Axel Berg, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der SPD sowie der Abgeordneten Werner Schulz

(Leipzig), Andrea Fischer (Berlin), Michaele Hustedt, weiterer

Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN: Weltweite Märkte für Meerestechnik er-
schließen – Drucksache 14/9223 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)

Finanzausschuss
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Haushaltsausschuss

17. Beratung des Antrags der Fraktionen der SPD und des BÜND-
NISSES 90/DIE GRÜNEN: Stärkung von Prävention und
Gesundheitsförderung – Drucksache 14/9224 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Gesundheit (f)

Innenausschuss
Sportausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Von der Frist für den Beginn der Beratung soll, soweit
erforderlich, abgewichen werden.

Abgesetzt werden sollen die Tagesordnungspunkte 3 a
bis 3 f – es handelt sich um die Regierungserklärung mit
Vorlagen zur Bildungspolitik – sowie die unter den Ta-
gesordnungspunkten 6 b und 6 c aufgeführten Beschluss-
empfehlungen betreffend Landminen.

Außerdem weise ich auf eine geänderte Ausschuss-
überweisung im Anhang zur Zusatzpunktliste hin:

In der 237. Sitzung des Deutschen Bundestages am
17. Mai 2002 wurde nachfolgender Antrag dem Auswär-
tigen Ausschuss zur Mitberatung überwiesen. Diese Mit-
beratung soll nunmehr rückgängig gemacht werden.

Antrag der Abgeordneten Jörg van Essen, Rainer
Funke, Dr. Edzard Schmidt-Jortzig, weiterer Abge-
ordneter und der Fraktion der FDP: Opferrechte
stärken und verbessern – Drucksache 14/7832 –
überwiesen:
Rechtsausschuss (f)

Innenausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe

Sind Sie mit diesen Vereinbarungen einverstanden? –
Ich höre keinen Widerspruch. Damit ist so beschlossen.

Darüber hinaus mache ich darauf aufmerksam, dass die
von der Fraktion der FDP verlangte Aktuelle Stunde zum
Futtermittelskandal zurückgezogen wurde.

Ich rufe den Zusatzpunkt 2 auf:
Abgabe einer Erklärung durch die Bundesregie-
rung
Vorrang des Verbraucherschutzes notwendiger
denn je – für ein neues Denken und Handeln




Präsident Wolfgang Thierse
23828


(C)



(D)



(A)



(B)


Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für die
Aussprache im Anschluss an die Regierungserklärung
zwei Stunden vorgesehen. – Ich höre keinen Widerspruch.
Dann ist das so beschlossen.

Das Wort zur Abgabe einer Regierungserklärung hat
die Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung
und Landwirtschaft, Renate Künast.

Renate Künast, Bundesministerin für Verbraucher-

(vom BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN und von der SPD mit Beifall begrüßt)

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Abgeordnete!
Meine Damen und Herren! Ich zitiere:

Neben Nitrofen sind in der am stärksten belasteten
Probe auch die Pflanzenschutzmittel DDT und des-
sen Abbauprodukte Lindan, Methoxychlor und Si-
mazin nachweisbar. Dieses Ergebnis spricht für eine
Vermischung des Öko-Futtergetreides mit belaste-
tem Getreide aus konventionellem Anbau. Auch für
DDT ist eine Höchstmengenüberschreitung nach
Rückstandshöchstmengenverordnung ... in der am
stärksten belasteten Probe festzustellen.

Jeder Bürger und jede Bürgerin dieses Landes wären nach
Empfang einer solchen Nachricht alarmiert. Diese Sätze ste-
hen in dem Gutachten, das bereits am 10. April dieses Jah-
res einer großen deutschen Versicherung vorgelegt wurde.

Was war Ausgangspunkt dieses Textes? Ein Hersteller
von Babynahrungsmitteln fand Ende 2001/Anfang 2002
im Rahmen der betrieblichen Eigenkontrollen Nitrofen in
Ökoputenfleisch. Das angelieferte Fleisch wurde ver-
nichtet und es kam zu einer intensiven Forschung nach
den Ursachen dieser Kontamination.

Zu einem kam es allerdings nicht: Die zuständigen
Behörden wurden nicht von der Versicherung benachrich-
tigt, sie wurden nicht vom Hersteller des Mischfutters be-
nachrichtigt und sie wurden auch nicht vom Putenmäster
informiert – trotz der klaren und unmissverständlichen
Regelungen im Futtermittelrecht.

Während sich Rechtsanwälte im Auftrag der Firmen
um finanzielle Schadensbegrenzung bemühen – Briefe
gehen hin und her –, werden immer noch belastete Le-
bensmittel zum Kauf angeboten. Zwischen finanzieller
Schadensbegrenzung und der Klärung von Ansprüchen
bleibt dann eines auf der Strecke: die Gesundheit der Ver-
braucherinnen und Verbraucher.

Was ist der aktuelle Ermittlungsstand? – Wir haben am
Wochenende das Getreidelager in Malchin, ein ehema-
liges Zentrallager für Pflanzenschutzmittel, als eine
Quelle der Verunreinigungen ermittelt.


(Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/ CSU]: Auf einmal ist es „eine“ Quelle!)


Heute haben wir Hinweise darauf, dass belastetes Puten-
fleisch wohl schon im September des letzten Jahres er-
zeugt wurde.

Was heißt das konkret?

(Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/ CSU]: Das haben wir Ihnen schon alles im Ausschuss gesagt!)


– Na, meine Damen und Herren, jetzt kommen Sie mir
nicht mit dem, was Sie mir alles im Ausschuss gesagt ha-
ben! Diese Ausschusssitzung war wieder mal eine der
berühmten Ausschusssitzungen, bei denen draußen vor
den Kameras laute Töne geblasen wurden, während in der
Sitzung hin und wieder eine Frage gestellt wurde. Wenn
Sie im Ausschuss sagen, Sie müssten noch Weiteres auf-
klären, dann sage ich Ihnen, Herr Vorsitzender, Sie müs-
sen früher aufstehen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Sie waren die Bläserin! – Ulrich Heinrich [FDP]: Sie haben uns im Ausschuss die Antworten verweigert!)


Ich habe Ihnen an dieser Stelle eines klar zu sagen: Die-
ser Skandal ist trotz aller Vertuschungsversuche quer
durch die Bundesrepublik durch das Ministerium für Ver-
braucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft überhaupt
erst aufgegriffen und öffentlich gemacht worden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Lachen bei der CDU/CSU und der FDP– Michael Glos [CDU/CSU]: Bleiben Sie bei der Wahrheit!)


Ich habe jeden Tag gesagt – ich sage das auch weiter-
hin –: Wir klären alles auf, jeden Millimeter, alle Waren-
ströme. Auch nachdem wir die Halle in Malchin gefunden
hatten, haben wir gesagt: Damit sind alle weiteren Fragen
noch nicht erledigt.

Jetzt aber haben wir festgestellt, dass es nicht nur belas-
tetes Putenfleisch von Anfang dieses Jahres gibt, das sich
aufgrund der Vertriebswege für das Futter auf das Futter
zurückverfolgen lässt, das einmal in Malchin gelagert
war. Nein, wir haben festgestellt, auch bereits im Septem-
ber des letzten Jahres hat es verunreinigtes Putenfleisch
gegeben. Dies kann sich so nicht nach Malchin zurück-
verfolgen lassen. Warum? – Weil Malchin erst danach als
Lagerstätte genutzt wurde.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Sie haben eine Falschmeldung verbreitet!)


Seitdem wir also seit zwei Tagen wissen, dass es auch
eine frühere Produktion verunreinigten Fleisches gibt,
geht die Fehlersuche weiter, und zwar weiter zurück im
Jahr 2001, und zieht auch konkret andere Quellen in Be-
tracht, weil man jetzt jeweils ableiten kann, woher die
Futtermittel kamen.

Meine Damen und Herren, das ist aber noch nicht al-
les: Seit gestern gibt es auch den Hinweis, dass das Lager
in Malchin bereits ab 1999 einmal als Getreidelager ge-
nutzt wurde, allerdings für den konventionellen Bereich.
Wir gehen dieser Information nach und klären, ob es des-
halb dort also auch schon vor dem Herbst 2001 zu Belas-
tungen von Getreide gekommen ist.

Nachdem wir vor zwei Wochen den Anruf erhalten
hatten, haben wir nicht nur die zuständigen Landesbehörden
in den beiden Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern
und Niedersachsen informiert, sondern haben wir auch auf
Bundesebene die notwendigen Maßnahmen dadurch ergrif-
fen, dass wir die Bundesländer, die für die Futtermittel- und




Präsident Wolfgang Thierse

23829


(C)



(D)



(A)



(B)


Lebensmittelkontrolle zuständig sind, zusammengeführt
haben. Im Föderalismus gibt es ja bei uns eine Trennung.

Die erforderlichen Maßnahmen sind angelaufen. Die
vom Verdacht auf Belastungen betroffenen Betriebe wur-
den gesperrt, belastete Lebensmittel wurden aus den Re-
galen geräumt. Nach abschließenden Untersuchungen
können dann die jeweils nicht betroffenen Bauernhöfe
wieder liefern.

Die Frage, die man stellen muss, ist natürlich: Wer sind
eigentlich die Leidtragenden in diesem Skandal? – Man
kann sagen, die Leidtragenden sind wie immer die Ver-
braucherinnen und Verbraucher und die Bäuerinnen und
Bauern; denn die Bauern sind ja hier Abnehmer von Fut-
termitteln und in diesem Sinne auch Verbraucher.

Das ist ein Schema, das wir alle schon kennen, wenn
wir uns einmal die alten, vernetzten, seit Jahrzehnten ge-
wachsenen Strukturen im Bereich der Landwirtschaft und
der Lebensmittelproduktion anschauen.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Jetzt geht das schon wieder los!)


Bei Nitrofen geht es wie immer auf Kosten der Bauern.
Wir haben erste Hilfsmaßnahmen eingeleitet. Wir ha-

ben zum Beispiel mit der Landwirtschaftlichen Renten-
bank die Vergabe von zinsverbilligten Darlehen für die
Landwirte geklärt.

Im Augenblick ist aber die Aufklärung noch wichtiger:
Wer alles hat Fehler gemacht? Ich sage Ihnen ganz klar,
meine Damen und Herren: Viele haben Fehler gemacht.
Ich meine aber, wir müssen zwischen zwei Gruppen un-
terscheiden: Die eine Gruppe sind die Verursacher, die
systematisch geheim gehalten haben, weil sie ihren Profit
nicht beeinträchtigt sehen wollten; die andere Gruppe
sind die, die für Kontrolle und Weitergabe von Informa-
tionen verantwortlich sind.

Eines sage ich aber ganz klar: Die Verursacher sind der
Kern des Problems. Das sind die, die schnöde ihren Pro-
fit über die Sicherheit von Lebensmitteln und die Ge-
sundheit der Verbraucher gestellt haben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)


Das ist ganz eindeutig kein Kavaliersdelikt, auch wenn es
mancherorts so behandelt wurde. Das muss nicht nur auf-
geklärt, das muss auch bestraft werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


Alle an der Landwirtschaft Beteiligten sind an dieser
Stelle aufgefordert, bei der Aufklärung mitzuhelfen und
sich nicht zu sperren. Ich sehe, dass das nach anfänglichen
Schwierigkeiten nun auch passiert.

Ich gebe zu und sage das auch ganz klar kritisch: Auch
die Aufklärer haben Fehler gemacht. Es reicht nämlich
nicht, verunreinigtes Putenfleisch oder Futter zurückzu-
geben. Sie haben es unterlassen, Behörden zu verständi-
gen, und Behörden, die Informationen hatten, haben diese
nicht weitergeleitet. Auch da muss aufgeräumt werden.

Trotz alledem mache ich den Unterschied zwischen de-
nen, die Informationen hätten weitergeben müssen, und
denen, die den Skandal verursacht haben.

Es geht hier im Übrigen nicht nur um den aktuellen
Nitrofen-Skandal. Ich möchte Ihnen, auch mittels eines
Beispiels, einmal kurz erzählen, auf welcher Basis so et-
was stattfindet. Es wird ja oft gesagt, dass Veränderungen
im Bereich Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion
daher kämen, dass man zu starke Kritik übe, die aber in
der Praxis gar nicht nötig sei. Ich will Ihnen sagen, mit
welchen Dingen wir in den letzten anderthalb Jahren zu
kämpfen hatten und was sich über Jahre und Jahrzehnte in
der Praxis zulasten der Landwirte und zulasten der Ver-
braucher eingeschlichen hat. Ich will Ihnen dafür bewusst
ein Beispiel – ich könnte Ihnen auch noch diverse andere
Beispiele für Fälle geben, an denen wir beharrlich graben,
um etwas zu verändern – aus dem Bereich „Umgang mit
Pflanzenschutzmittelrückständen“ geben, weil, wie ich
meine, in den Ländern dafür nicht immer die notwendige
Sensibilität vorhanden ist. Ich beginne wieder mit einem
Zitat, das sich auf die Praxis in zwei Bundesländern in
Deutschland bezieht:

Rückstände von Pflanzenschutzmitteln werden nicht
als eine ernsthafte Gefahr angesehen. Produkte, de-
ren Rückstände die gesetzlichen Höchstwerte über-
schreiten, werden in der Regel nicht beschlagnahmt.
Die Verfahren bei Verstößen sind überaus schwerfäl-
lig und es werden nur selten Verwaltungsverfahren
eingeleitet. Das Feedback zwischen den einzelnen
Kreisen ist unzureichend.

Dieses Zitat stammt aus dem Bericht der EU-Kom-
mission über einen Kontrollbesuch in Deutschland im
Juli des Jahres 2001 in den Bundesländern Sachsen und
Bayern.


(Kerstin Müller [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hört! Hört!)


Das Food and Veterinary Office der Kommission hat
Folgendes festgehalten, woran man sehr schön sehen
kann, dass an der Basis noch gar nicht angekommen ist,
welche Gefahren hier bestehen.


(Zuruf von der CDU/CSU: Warum regieren Sie denn? – Gegenruf der Abg. Kerstin Müller [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: In den Ländern!)


– Soll ich Ihnen die Frage, wer in Bayern regiert, ernsthaft
beantworten? – Das wissen Sie selbst.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Zuruf von der CDU/CSU: Niedersachsen!)


Die Kommission sagt:
Bayerische Beamte schätzen, dass bis zu 30 Prozent
der Pflanzenschutzmittel, die in Bayern eingesetzt
werden, von den Landwirten direkt aus anderen Mit-
gliedstaaten oder Drittländern eingeführt werden.
Diese Mittel werden von der Routinekontrolle nicht
erfasst. Es wird angenommen, dass circa 50 Prozent
dieser Mittel nicht identisch sind mit Mitteln, die in
Deutschland zugelassen sind.




Bundesministerin Renate Künast
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Das weiß man dort. Was hat man getan? Nichts!

(Michael Glos [CDU/CSU]: Was haben Sie denn getan? – Weitere Zurufe von der CDU/ CSU – Gegenruf der Abg. Kerstin Müller [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Es geht um die Behörden in Bayern!)


– Das stört mich gar nicht. Meine Redezeit ist ja unbe-
grenzt.


(Beifall des Abg. Horst Kubatschka [SPD] – Michael Glos [CDU/CSU]: Aber Ihre Amtszeit nicht, Frau Minister! – Weitere Zurufe von der CDU/CSU)


Der Kommissionsbericht sagt weiter, in Bayern wür-
den die Warnmeldungen in Bezug auf Pflanzenschutz-
mittel in den meisten Fällen gar nicht weitergeleitet, da
eine geringfügige Überschreitung – so nennen sie es – der
Rückstandshöchstmengen nicht als ein Gesundheitsrisiko
angesehen wird. Entsprechende Einschätzungen einiger
Toxikologen besagen, dass im bayerischen Ministerium
erst 100- bis 1000-fache Überschreitungen als gesundheits-
gefährdend angesehen werden.


(Kerstin Müller [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ist ja unerhört! Das wird wahrscheinlich nach Leibesumfang gemessen!)


Mit Hinblick auf die Wirkung bei Kindern und ihre Ge-
sundheit ein interessanter Hinweis!

Aber nicht nur in Bayern, sondern in beiden kontrol-
lierten Ländern wurde bei einem ersten Verstoß, also bei
einer Überschreitung der Höchstmengen, kein Verwal-
tungsverfahren eingeleitet. In Sachsen wurden laut Bericht
bei einem Händler in einem einzigen Jahr drei Verstöße
festgestellt. Es gab danach kein Verwaltungsverfahren, das
irgendeine Sanktion ausgelöst hätte, und es fanden, so die
Kommission, in den folgenden Jahren keine weiteren
Probenahmen statt.

Zur Geschwindigkeit, die die Kommission in ihrem
Bericht darstellt: In Sachsen dauerte die Weitergabe von
Informationen bei festgestellten Fehlern an die zuständige
kommunale Behörde zur Einleitung konkreter Schritte
45 bis 97 Tage. Da der Erstimporteur in einem anderen
Kreis ansässig war, dauerte es 16 bis 40 Tage, bis es zu ei-
nem Feedback kommen konnte. Innerhalb von neun bis
35 Tagen wurden Schreiben innerhalb Sachsens transpor-
tiert, bis endlich die Aufforderung kam, man möge sich
doch bitte schön in Zukunft an die gesetzlichen Vor-
schriften halten.

Summa summarum: Informationen über positive Test-
ergebnisse, also mit negativem Ausgang für die Verbrau-
cher, benötigen dort 75 bis 172 Tage,


(Detlev von Larcher [SPD]: Unerhört!)

das heißt ein halbes Jahr. Das bedeutet für die Verbraucher
– das wissen Sie –, dass Obst und Gemüse dann längst
verzehrt sind.

Erst dieser Bericht der Kommission aus dem letzten
Sommer – es ist ja so, dass ich immer kritisiert wurde,
unnötig Kritik zu üben und irgendetwas aufzubauschen –
hat den nötigen Druck gemacht und siehe da: Aus Bayern

und Sachsen kommen nun Vorschläge, wie man diese Si-
tuation verändern und verbessern kann.

Warum habe ich dieses Beispiel genannt? Um Ihnen zu
zeigen, was an vielen Stellen in Deutschland Praxis ist,


(Michael Glos [CDU/CSU]: Alle sind schuld, nur nicht die Frau Künast!)


wie viel es zu ändern gibt und warum es richtig ist, das
ganz massiv mit einer Vielzahl von Maßnahmen anzuge-
hen. Wir werden das weiterhin tun.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Ich komme zurück zum Thema Nitrofen. Eine solche
Krise findet allerdings auf der Basis eines solchen Ver-
haltens, solcher Gewohnheiten in Deutschland statt. Drei
Schritte sind wesentlich, um die aktuelle Krise zu bewäl-
tigen und zukünftige zu verhindern: Das eine ist das kon-
sequente Krisenmanagement, zweitens brauchen wir bes-
sere Strukturen bei Kontrollen und Informationen und
drittens brauchen wir mehr denn je eine Wende in der Le-
bensmittelproduktion.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Zu allen drei Punkten will ich etwas sagen.
Erstens zum Krisenmanagement. Dazu gehören die

rückhaltlose Aufklärung ohne Ansehen der Person, die
schnelle Eingrenzung der Ursache und die Vernichtung
belasteter Lebens- und Futtermittel.


(Ulrich Heinrich [FDP]: So weit sind wir uns einig! Aber auch von Ihnen erwarten wir das!)


In einer Gemeinschaftsaktion haben die hauptbetroffenen
Bundesländer und das Verbraucherministerium eine Task-
force eingerichtet, die Sachaufklärung betreibt. Wir prak-
tizieren Sachaufklärung selbst da, wo wir zwischenzeit-
lich angenommen haben, für einen bestimmten Bereich
schon die Lösung gefunden zu haben.

Wir schauen weiter: Welche Warenströme sind durch
und in das Lager Malchin gegangen? Welche anderen mög-
lichen Eintragsquellen für Nitrofen gibt es? Welche ande-
ren Gifte kann es möglicherweise noch geben und wo kom-
men sie her? Welche Futtermittel wurden aus belasteten
Rohstoffen gemischt oder in einer verseuchten Mischan-
lage verunreinigt? Welche Lebensmittel wurden daraus er-
zeugt? Wir versuchen, das ganze Netz nachzuvollziehen,
um diese aus dem Verkehr zu ziehen. Durch das monate-
lange Verschweigen der Verursacher ist hier natürlich wert-
volle Zeit verloren gegangen, die es jetzt aufzuholen gilt.

Konsequentes Krisenmanagement bedeutet hier rück-
haltlose Aufklärung hinsichtlich der Versäumnisse der Ver-
ursacher und auch das Benennen der Fehler der Aufklärer,
die – ich habe es schon gesagt – ebenfalls zu lang gebraucht
haben. Ein Rückruf reicht nicht. Auch hier ist klar: Wer ver-
sagt hat, muss entsprechend dem Grad des Versagens zur
Verantwortung gezogen werden. Das gilt für alle.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Ulrich Heinrich [FDP]: Dazu gehört leider auch Ihr Haus!)





Bundesministerin Renate Künast

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Der zweite Schritt ist die Verbesserung der Strukturen
der Kontrollen und Informationen; denn nur wenn Sie
ein lückenloses System haben, können Sie auch der Le-
bensmittelsicherheit auf die Beine helfen. Wir ergänzen
das geltende Recht da, wo sich Lücken gezeigt haben. Das
ist eine schwierige Aufgabe. Ich sage Ihnen ehrlich: In den
letzten anderthalb Jahren haben wir nur eines umsonst be-
kommen und das war Gegenwind,


(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: Oh!)

manchmal stärker, manchmal schwächer; wir wissen, wo-
her er kommt.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Wie man in den Wald hineinruft, schallt es heraus! Was erwarten Sie bei solchen Beschimpfungen, wie Sie sie immer gemacht haben?)


Wir ergänzen das Recht. Ich begrüße es deshalb, dass
der Bundestagsausschuss für Verbraucherschutz, Ernäh-
rung und Landwirtschaft gestern eine entsprechende Er-
gänzung des Lebensmittel- und Bedarfsgegenstände-
gesetzes angenommen hat, sodass es heißt: In Zukunft hat
jedes Lebensmittelunternehmen die Pflicht, Verstöße ge-
gen geltende Bestimmungen zum Schutz der Gesundheit
bei Lebensmitteln, die es in Verkehr bringt, den Behörden
zu melden. – Das heißt, nicht mehr stille Rückrufaktionen,
sondern die öffentliche Äußerung, damit Behörden auch
die notwendigen Informationen haben, um die Ursachen
zu ermitteln.

Der Putenfleischerzeuger hätte unmittelbar nach Ent-
deckung des Nitrofenfundes durch die Babynahrungsher-
steller Anfang des Jahres die Pflicht gehabt, die zuständi-
gen Behörden in Niedersachsen zu informieren und nicht
nur, wie es jetzt schon vorgeschrieben ist, die Futtermit-
telerzeuger.

Wir haben in den letzten Monaten übrigens eine Viel-
zahl von Regeln zur Erhöhung der Lebensmittelsicherheit
und zur Verbesserung der Kontroll- und Informations-
systeme erarbeitet, die alle längst im parlamentarischen
Fortgang sind – mit dem berühmten Gegenwind. Ich will
hier beispielhaft eine Verordnung zur Ausbildung der Le-
bensmittelkontrolleure nennen, die Sachkundeanforde-
rungen festlegt, weil oft genug Personen, die gar nicht das
nötige Fachwissen haben, mal eben dorthin geschickt
werden. Ich habe mir vor eineinhalb Jahren nicht träumen
lassen, dass so etwas überhaupt nötig ist.

Wir haben eine Futtermittelkontrolleursverordnung
vorgelegt, damit auch im Futtermittelbereich eine Ausbil-
dung geregelt wird, zum ersten Mal seit Bestehen der
Bundesrepublik Deutschland. Können Sie mir erklären,
warum Sie dieses Loch jahrzehntelang zugelassen haben?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Futtermittel sind der Ausgangspunkt bei der Produktion
von Fleisch und Wurst. Sie tragen dazu bei, dass wir am
Ende sichere Lebensmittel haben, weil sich zum Beispiel
Nitrofen – wie wir gesehen haben – im Fett der Tiere an-
reichert, also der Schaden und die Gefahr immer größer
werden. Das verdünnt sich nicht, sondern die Gefahr wird
immer größer.

Warum dauerte es eigentlich bis zum Jahr 2001 oder
2002 und warum bedurfte es eines Verbraucherschutzmi-
nisteriums, um überhaupt Ausbildungsregeln und Sach-
kundeanforderungen im Futtermittelbereich zu schaffen?
Die Kontrolleure haben bisher gar nicht per Ausbildung
gelernt, was und wie, das heißt mit welchen Methoden, sie
eigentlich kontrollieren sollten. „Learning by doing“ hieß
es da. Ich meine aber, „learning by doing“, also einfach
praktizieren und mal sehen, was daraus wird, darf es in
solch heiklen Bereichen wie Futtermittel und Lebensmit-
tel nicht geben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


All diese Regeln sind erarbeitet und können noch vor der
Sommerpause endgültig verabschiedet werden.

Der Bundesrat hat am 31. Mai das Ökolandbaugesetz
verabschiedet. Denn wir haben bereits im letzten Jahr die
seit Jahrzehnten in den Kontrollen bestehenden Lücken
gesehen. Mit dem Ökolandbaugesetz wird die Melde-
pflicht für die Ökokontrollstellen ausgebaut und werden
Strafen bei Verstößen geregelt.

Wir haben nach langen Mühen in der Agrarminister-
konferenz im März dieses Jahres, erstmalig in der Ge-
schichte der Bundesrepublik, gemeinsam mit Bund und
Ländern einen nationalen Futtermittelkontrollplan er-
arbeitet. Warum? Weil wir wissen, wie wichtig Futtermit-
tel für die Qualität des Endproduktes sind, und weil wir
jetzt festgestellt haben, dass es überhaupt keine fachlichen
Anweisungen dafür gibt, wie und was in den Büchern und
bei den Proben der Futtermittelfirmen überhaupt kontrol-
liert werden soll. Wir haben die Regeln nach fachlichen
Kriterien aufgestellt und sichern damit eine Ausweitung
der Beprobung – wie man das so schön nennt – von Fut-
termitteln. Ich habe im letzten Jahr wirklich darüber ge-
staunt, dass das noch nicht existiert.

Wir haben eine ganze Menge anderer Vorschriften auf
den Weg gebracht. Wir haben im letzten Jahr, und zwar
auf deutsche Initiative, auch dafür gesorgt, dass es seit
Anfang dieses Jahres ein europäisches Schnellwarnsys-
tem gibt, in dem Futtermittel und Lebensmittel zusam-
mengefasst werden, weil man Futtermittel und Lebens-
mittel denklogisch nicht trennen kann. Das System sorgt
für einen schnellen Informationsaustausch von der Kom-
mune, die einen Fehler feststellt, über die Länder und den
Bund in die europäischen Länder hinein und auch wieder
zurück in die Bundesländer. Damit haben wir endlich ein
funktionierendes Schnellwarnsystem aufgebaut. Ich sehe
mit Freude, dass die Länder nach und nach auch lernen,
dieses System zu benutzen und die entsprechenden Mel-
dungen auszuführen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Wir haben mit dem Verbraucherschutzgesetz zwei
neue Behörden geschaffen, die wir schon aufgebaut haben.
Natürlich fehlt uns noch der Abschluss der parlamentari-
schen Beratungen. Dieses Verbraucherschutzgesetz lag in
der letzten Woche auch dem Bundesrat vor. Sie haben ent-
schieden, es erst einmal an den Vermittlungsausschuss
weiterzuleiten, weil Ihnen daran etwas nicht passt.




Bundesministerin Renate Künast
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Mit dem Verbraucherschutzgesetz werden zwei zen-
trale, wichtige Behörden geschaffen: erstens ein unab-
hängiges wissenschaftliches Bundesinstitut für Risiko-
bewertung, damit Wissenschaftler endlich frei von
politischen Einflüssen und unabhängig von jeder Lobby
– der Lobby der Politik, aber auch der der Produzenten
aus der Industrie – beurteilen können, was gefährlich ist
und was nicht in den Verkehr gebracht werden darf – das
ist eine Behörde, die wir dringend benötigen –, und


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


zweitens ein Bundesamt für Verbraucherschutz und Le-
bensmittelsicherheit, das innerhalb des Föderalismus
eine wichtige Rolle spielen wird. Denn die Länder haben
die Zuständigkeit für die Futtermittel- und Lebensmit-
telkontrolle. Dies führt oftmals zu einer Zersplitterung
und beschleunigt das Tempo nicht. Ein solches Bundes-
amt befindet sich längst im Aufbau. Ein sehr qualifizier-
ter Leiter ist vorhanden. Wir wollen dort eine bundes-
weite Datenbank aufbauen und damit die Zersplitterung
in 16 Bundesländer überwinden. Wir brauchen diese
zentrale Anlaufstelle. Deshalb fordere ich Sie auf, die-
sem Gesetz im Bundesrat zuzustimmen und es nicht zu
blockieren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)


An diesen Beispielen sieht man – ich könnte noch viele
Details ansprechen; aber ich will es Ihnen ersparen, auf je-
des Detail einzugehen –:


(Beifall des Abg. Ulrich Heinrich [FDP] – Zurufe von der CDU/CSU und der FDP: Vielen Dank!)


Seit anderthalb Jahren bereiten wir diesen Bereich syste-
matisch auf, um den seit Gründung der Bundesrepublik
Deutschland quasi eine Mauer gebaut wurde, eine Mauer
nach dem Motto: Euch fassen wir nicht an; euch kontrol-
lieren wir nicht. Wir kümmern uns nicht darum, wie ge-
sunde Lebensmittel geschaffen werden können.


(Zurufe von der CDU/CSU: Dummes Zeug! Quatsch! – Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Wir haben über die Ökobetriebe überhaupt nicht geredet!)


– Jetzt wird das Wort „Ökobetriebe“ zugerufen. Ich habe
Ihnen vorhin gesagt: Das Problem weitet sich auf den
konventionellen Bereich aus. Sie werden es sehen. Die
Fachleute selbst wissen, dass man diese Bereiche nicht
trennen kann. Sie alle wissen, dass zum Beispiel die Fut-
termittelkontrolle im konventionellen wie im ökologi-
schen Bereich gleichermaßen erfolgt. In der Bundesrepu-
blik Deutschland haben wir doch keine getrennten
Kontrollabläufe. Bei der Lebensmittelsicherheit haben
wir seit Jahr und Tag sowohl beim konventionellen und
als auch beim Ökobereich die gleichen Kontrollen, unab-
hängig davon, wie breit der Ökobereich ist.

Tatsache ist: Sie haben zugelassen und unterstützt, dass
es zum Beispiel um den Futtermittelbereich herum eine
Mauer der Sicherheit gegeben hat. Sie haben dort keine

systematischen Kontrollen eingeführt. Auch haben Sie
sich nie darangemacht,


(Norbert Schindler [CDU/CSU]: Was haben Sie denn gemacht?)


regelmäßig vorkommende hohe Überschreitungen von
Rückstandswerten in Lebensmitteln, zum Beispiel in Be-
zug auf Pflanzenschutzmittel, zu regeln und dafür Sorge
zu tragen, dass auf der unteren Ebene ausreichend Per-
sonal vorhanden ist.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)


Zu wessen Lasten ist es am Ende immer gegangen? – Im-
mer zulasten der Bauern; das wissen Sie genau. Im letz-
ten Augenblick streuen Sie ihnen dann Sand in die Augen.
Die Bauern bekommen dann ein schlechtes Image


(Lachen bei der CDU/CSU und der FDP – Ulrich Heinrich [FDP]: Mir kommen gleich die Tränen!)


und ihr Vertrieb verschlechtert sich, weil die Verbraucher
glauben, sie könnten den Bauern nicht trauen.

Auch an dem aktuellen Nitrofen-Skandal sehen Sie: Es
waren nicht die Bauern. Probleme bestanden vielmehr in
der Verarbeitung.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Wartet erst mal ab!)


Verschiedene Personen haben gesagt: Der kurzfristige
Profit ist uns wichtiger als die Sicherheit.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


Ich weiß: Betrug und kriminelles Handeln lassen sich
natürlich nicht hundertprozentig ausschalten; hundertpro-
zentige Sicherheit gibt es nicht. Aber es gibt die Ver-
pflichtung des Staates, dafür zu sorgen, dass das alte Netz
aufgelöst wird und ein neues gespannt wird, das es Betrü-
gern und nachlässigen Erzeugern sowie Unternehmern
schwer macht. Dieses Netz wird kontinuierlich dichter
und es muss noch dichter werden.

Lebensmittelsicherheit hat neben der Kontrolle ent-
scheidend mit Vertrauen und Transparenz zu tun. Deshalb
meine ich, dass neben all den Dingen, die wir angepackt
haben, das Verbraucherinformationsgesetz eine wich-
tige Regelung ist. Ich bekomme kistenweise Post. Diese
Briefe sollten eigentlich an ganz andere geschrieben wer-
den. Die Menschen fragen: Warum wird das Verbraucher-
informationsgesetz abgelehnt? Warum darf ich nicht wis-
sen, was die Behörden über die einzelnen Lebensmittel
wissen? Ist da irgendetwas geheim zu halten? – Bund und
Länder sollten die Öffentlichkeit schnell und konkret über
Problemfälle – auch mit Namensnennung der Unterneh-
men – informieren können, wenn es nötig ist.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)


Wenn bei den Behörden gewisse Erkenntnisse vorhanden
sind, dann sollten wir das gegenüber den Bürgern dieses




Bundesministerin Renate Künast

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Landes nicht wie Geheimwissen behandeln. Auch die
Bürger haben das Recht, darüber informiert zu werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Ich will noch auf einen weiteren, den dritten Punkt ein-
gehen. Wir müssen die Krise im Lebensmittelbereich an
der Wurzel packen. Das geht nur mit einer umfassenden
Neuausrichtung der Politik.Das ist schmerzhaft, weil es
immer schwer fällt, alte Praktiken beenden zu müssen.
Wir haben uns das Leitbild einer sozialen, ökologischen
und ökonomischen Nachhaltigkeit gesetzt, das heißt, wir
wollen nicht nur verändern und das Niveau erhöhen, son-
dern wir denken dabei auch unter ökonomischen Ge-
sichtspunkten daran, dass die Produzenten Einnahmen er-
zielen wollen und Arbeitsplätze schaffen.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Das ist erfreulich!)

Die Fragen lauten natürlich: Welchen Anspruch stellen

wir an Lebensmittel und deren Produktionsbedingungen?
Was ist heute gesunde Ernährung? Welche Grundsteine
müssen wir im Hinblick auf eine langfristig tragbare Per-
spektive für gesunde Ernährung, aber auch bezüglich der
Bedürfnisse der Produzenten legen? Wir haben die ge-
sellschaftliche Debatte dazu eröffnet, wir haben begon-
nen, ein jahrzehntealtes System aufzubrechen. Wir wollen
nachhaltig erzeugte und gesunde Lebensmittel für alle, im
ökologischen und im konventionellen Bereich.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


Wir werden diesen Ansatz nicht aufgeben und haben
dabei die Zustimmung und das Vertrauen der Verbrauche-
rinnen und Verbraucher. Eine Umfrage, die heute anläss-
lich des Nitrofen-Skandals veröffentlicht wird, zeigt:
66 Prozent der Verbraucher halten die Agrarwende für
notwendig. Nur 23 Prozent tun das nicht. Um es noch
deutlicher zu sagen: Selbst unter den CDU/CSU-Anhän-
gern sprechen sich 55 Prozent klar für die Agrarwende
aus. Was will der Mensch mehr?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Kerstin Müller [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das haben sie noch nicht mitgekriegt!)


Das heißt, die Menschen haben verstanden, dass der Weg
hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft der richtige ist.
Auch sie wollen die Vorreiterrolle des ökologischen
Landbaus, auch wenn sich nicht alle danach ernähren. Das
muss auch gar nicht sein.

69 Prozent der Befragten meinten sogar – das ist eine
Zahl, mit der ich nie gerechnet habe –, trotz aller
Bemühungen im Ökolandbau werde der Ökolandbau im-
mer noch zu wenig gefördert. Auf diese Zahl wäre selbst
ich nicht gekommen.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Sie sehen also, wie groß die Zustimmung zu unseren
Zielen ist. Unser Ziel ist Sicherheit für alle Lebensmittel.
Das setzt allerdings voraus, dass bei den Vorschriften und

deren Umsetzung in den Ländern und Kommunen noch
ungeheure Anstrengungen unternommen werden. Es gibt
gesetzliche Grenzwerte und wir dürfen keine Toleranz-
werte gelten lassen, nur weil man es immer so praktiziert
hat. Die gesetzlichen Grenzwerte müssen hundertprozen-
tig eingehalten werden.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)


Ein weiteres Ziel ist hohe Qualität und Nachhaltigkeit
in der Produktion. Kurzum: Wir brauchen das, was den
Menschen heute und langfristig gut tut. Das erreichen wir
nur, wenn wir das Vertrauen der Verbraucher haben. Dazu
brauchen wir einen Reformprozess, der für alle Menschen
und die Umwelt gut ist. Ich bin sicher, dass sich dieses
Konzept langfristig auch wirtschaftlich rechnet.

Eines aber sage ich Ihnen ganz klar: Für mich gibt es
Stellen, an denen Marktwirtschaft ihre Grenzen hat. Da,
wo unsere Gesundheit gefährdet ist, unsere natürlichen
Lebensgrundlagen zerstört werden und wir die Folgen für
unsere Kleinsten, für die Kinder, nicht abschätzen kön-
nen, ist eindeutig Schluss.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)


Wir haben erstmalig in der Bundesrepublik eine Studie
über die Verzehrgewohnheiten von Kindern unter sechs
Jahren aufgelegt. Wir wollen, dass in Zukunft nicht mehr
die geschätzte Wirkung von Stoffen in Lebensmitteln an
35-jährigen Männern ausgerichtet wird. Die Grenzwerte
und Toleranzschwellen, die in der Bundesrepublik
Deutschland entwickelt worden sind, haben sich bisher
auf sie bezogen. Dieses System habe ich übernommen.
Der Organismus von kleinen Kindern funktioniert anders:
Leber und Nieren sind in ihrer Enzymwirkung noch nicht
so ausgebildet, das heißt, alles, was sie an verarbeiteten
Lebensmitteln, an Zusatzstoffen und Aromen – das gilt
auch für die Rückstandshöchstmengen, die sich in Le-
bensmitteln befinden – essen, wirkt auf den kleinen
Körper eines Kindes unter sechs Jahren ganz anders.

Ich sage Ihnen ganz klar: Wir werden nicht aufhören,
die Landwirtschaft und die Futtermittelindustrie zu ver-
ändern und zu verbessern. Wir gehen an die Lösung der
Probleme. Im Bereich der Lebensmittel, die heute für
Kinder auf dem Markt angebotenen werden, bedarf es
dringend einer Veränderung. Deshalb müssen die Berech-
nungen von Rückstandsmengen auf eine neue Grundlage
gestellt werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Ulrich Heinrich [FDP]: Sie können Ihre alten Versprechen noch nicht einmal halten! Sie sind mit Ihren alten Versprechen gescheitert!)


Die Menschen wollen eine zukunftsfähige Lebens-
grundlage für sich und ihre Kinder. Dazu gehören Lebens-
mittel, die Mittel zum Leben sind. Diese Bundesregierung
gestaltet den Weg. Was heißt das? Hin zu Transparenz und
Aufklärung statt Kartelle des Schweigens,


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)





Bundesministerin Renate Künast
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hin zu Antworten auf die Frage „Was essen unsere
Kinder im 21. Jahrhundert?“ statt Verharren auf Ant-
worten aus dem 20. Jahrhundert und auf dem Wissen vor
50 Jahren.

Wir wollen straffe Strukturen bei der Krisenbekämp-
fung und bei der Strafverfolgung statt der alten Strukturen
des Systems von Laisser-faire. Denn Lebensmitteldelikte
sind keine Kavaliersdelikte.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der PDS)


Wir klären ohne Ansehen der Person auf – egal, ob öko
oder konventionell, ob Lebensmittel- oder Futtermittel-
industrie. Diese Sicherheit geben wir. Wir gestalten an
dieser Stelle Strukturen für die Zukunft, die für die Ge-
sundheit der Menschen und für unsere Umwelt wichtig
sind.

Angesichts des Nitrofen-Skandals sind schon viele
Fragen hinsichtlich der Agrarwende gestellt worden. Ich
frage Sie: Wenn nicht jetzt, wann dann?


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)


In diesem Augenblick muss es heißen: Vorrang für den
Verbraucherschutz und Vorrang für neues Denken.


(Anhaltender Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Beifall bei Abgeordneten der PDS)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1423900100
Ich erteile dem Kolle-
gen Klaus Lippold von der CDU/CSU-Fraktion das Wort.


(Detlev von Larcher [SPD]: Den musste ich ja schon heute Morgen im Deutschlandfunk ertragen!)



Dr. Klaus W. Lippold (CDU):
Rede ID: ID1423900200
Herr
Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Für die Unionsfraktion
hat vorsorgender Verbraucherschutz absolute Priorität.


(Zurufe von der SPD: Oh! – Kerstin Müller [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie ist gegen den Verbraucherschutz!)


– Bleiben Sie ganz ruhig! – Vorsorgender Verbraucher-
schutz ist Gesundheitsschutz, der gewährleistet werden
muss.


(Beifall bei der CDU/CSU – Kerstin Müller [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ihnen glaubt man es besonders!)


Frau Ministerin Künast hat bei ihrem Amtsantritt un-
endlich hohe Erwartungen geweckt.


(Kerstin Müller [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Es war viel aufgelaufen!)


Ich sage hier: Sie hat diese Erwartungen enttäuscht.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Sie hat angekündigt, aber nicht gehandelt. Bei jedem
Skandal gab es neue Ankündigungen. Heute erleben

wir es wieder. Warum, Frau Ministerin, haben Sie
nicht früher gehandelt? Sie hätten ausreichend Zeit ge-
habt.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Da Sie aufseiten der SPD meiner Argumentation nicht
folgen können, will ich aus dem „Spiegel“ zitieren:

Schwer getroffen: die forsche Verbraucherschutz-
ministerin Renate Künast ..., die vorerst die Aura
der grünen Wunderfrau eingebüßt hat. Nicht nur in
Brandenburg, überall in deutschen Amtsstuben ver-
sickerten monatelang Warnhinweise auf Nitrofen-
Funde,

als wäre immer noch Künasts lascher Vorgänger ... im
Dienst. Das ist die Gleichsetzung von Frau Künast mit
Herrn Funke, den der Kanzler damals gefeuert hat, weil er
die Verantwortung nicht übernehmen wollte. Herr
Schröder feuert diese Ministerin nicht – er müsste vor der
Wahl eigentlich eine ganze Reihe von anderen Ministern
feuern; ich verweise nur auf Scharping –,


(Widerspruch bei der SPD)

sondern lässt diese unfähige Ministerin im Amt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Peter Dreßen [SPD]: Das hat Ihnen der Glos aufgeschrieben!)


Ich kann neben dem „Spiegel“ – damit Sie von der
SPD-Fraktion beruhigt sind – noch andere Quellen zi-
tieren:

Natürlich ist auch die grüne Ministerin beschädigt.

(Peter Dreßen [SPD]: So ein Blödsinn!)


Renate Künast hat den Mund zu voll genommen. Sie
trägt zudem Mitverantwortung für das Versagen
eines immer noch nicht hinlänglichen Kontroll- und
Meldesystems.

Damit wird das, was ich eben gesagt habe, von neutraler
Seite bestätigt. Wir machen keine Polemik,


(Lachen bei der SPD – Joachim Poß [SPD]: Seit wann zitieren Sie den „Spiegel“ so gerne?)


wir begründen, warum wir kritisieren. Sie müssen diese
Kritik schon ertragen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Detlev von Larcher [SPD]: So ein Schwätzer!)


– Wer laut ist, hat nicht immer Recht.

(Lachen bei der SPD – Detlev von Larcher [SPD]: Merken Sie sich das! – Joachim Poß [SPD]: Ist der „Spiegel“ jetzt Ihr Hausorgan?)


Deshalb zitiere ich leise Stimmen aus dem sozialde-
mokratischen Bereich, die aber nicht überhört werden
sollten. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Bartels
sagte, die einseitige Grünen-Politik nach dem Motto
„Öko ist gut und sicher und konventionell ist weniger
gut und sicher“ sei schon immer ein Trugschluss gewe-
sen. Die Ministerin solle deshalb in sich gehen und die
von ihr seit eineinhalb Jahren verantwortete Politik der




Bundesministerin Renate Künast

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(D)



(A)



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Polarisierung überdenken. – Diese Aussage von Herrn
Bartels ist richtig.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ich sage ganz offen, Frau Künast: Ihre Politik des über-

eilten, hastigen und nassforschen Herangehens an die Ver-
wirklichung der 20-Prozent-Zielsetzung hat den ökolo-
gisch wirtschaftenden Betrieben geschadet.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Sehr wahr!)

Gerade dieser Skandal zeigt, dass Sie das Ziel Klasse statt
Masse nicht erreicht haben. Durch die Herabsenkung der
Anforderungen bei Ihrem Ökosiegel haben Sie Masse
statt Klasse im Ökobereich erreicht. Das ist falsch, das
sollten Sie überdenken.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ich zitiere nun – wiederum für die Freunde aus der

SPD – Friedhelm Farthmann:

(Detlev von Larcher [SPD]: Es gibt Grenzen! – Weiterer Zuruf von der SPD: Freunde? Oh nein!)

Offensichtlich funktioniert jedoch ihr Apparat nicht
richtig. Der ist den von ihr lauthals propagierten An-
sprüchen nicht gerecht geworden. Nach den
Grundsätzen der politischen Verantwortung hat die
Landwirtschaftsministerin dafür einzustehen.

(Franziska Eichstädt-Bohlig [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Sagen Sie doch mal was zu den Problemen! – Zurufe von der SPD)


– Das sagt ein fachkundiger Kollege der SPD, den Sie
jetzt niederbrüllen wollen, weil Ihnen das nicht passt.
Wir kritisieren mit Fachleuten aus Ihrem eigenen Be-
reich die grüne Verbraucherschutzministerin. Das ist
keine einseitige Kritik, das ist schon flächendeckende
Kritik.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Frau Ministerin Künast, Sie haben am Wochenende

vorschnell das Ende des Skandals verkündet, obwohl es
noch gar nicht feststeht, und damit wissenschaftliche
Sachverhalte ignoriert oder schlicht nicht gewusst. Ihr
Kollege Backhaus aus Mecklenburg-Vorpommern spricht
davon, dass eine so hohe Kontamination des Futterwei-
zens nicht allein durch die Verseuchung der Halle in Mal-
chin verursacht worden sein kann. Dem muss man nach-
gehen. Man kann nicht als Ankündigungsministerin und
Macherin einen Skandal vorzeitig für beendet erklären,
der noch nicht beendet ist.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Franziska Eichstädt-Bohlig [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Das tut sie doch nicht! Wenn jemand das nicht tut, ist es Renate Künast! – Weiterer Zuruf des Abg. Detlev von Larcher [SPD])


– Herr von Larcher, Ihre Zurufe sind so unerträglich wie
sachlich falsch. Wenn das von mir so unrichtig gewesen
wäre, wie Sie es mit Ihren Zurufen behaupten, dann hätte
doch der Parlamentarische Staatssekretär Thalheim an-
ders reagiert. Ich zitiere „ddp“:

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesland-
wirtschaftsministerium, Gerald Thalheim (SPD), wi-
derspricht der Einschätzung, der Nitrofen-Skandal sei
bereits aufgeklärt. Es wäre leichtfertig, zu behaupten,
die Quelle für die Verseuchung des Futterweizens sei
gefunden, ... Damit wandte er sich gegen die Ansicht
seiner Ministerin Renate Künast ..., die am Wochen-
ende feststellte, dass die Ursachen für die Verunreini-
gung des Futterweizens ermittelt worden seien.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord neten der FDP)

Frau Ministerin, das kommt aus Ihrem eigenen Haus und
nicht von der Union. Herr von Larcher, gehen Sie zu
Herrn Thalheim und lassen Sie sich von ihm informieren!


(Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Der versteht auch noch ein bisschen von Landwirtschaft!)


Lernen Sie daraus, statt hier mit Geschrei von den eigent-
lichen Verantwortlichkeiten abzulenken!

Frau Ministerin, Sie haben heute davon gesprochen,
dass neue Strukturen geschaffen werden sollen. Das hätte
schon viel früher geschehen müssen; wir haben darauf hin-
gewiesen. Indem wir dies angemahnt haben, haben wir die
Konsequenzen aus dem von-Wedel-Gutachten gezogen.

Sie haben eine Vielzahl neuer Behörden angekündigt.
Frau Künast, auch hier macht es nicht die Masse. Wir wol-
len, dass die Informationsstränge schnell und sicher lau-
fen, dass Verantwortlichkeiten konzentriert werden und
dass es rote Telefone von ganz unten bis zu Ihnen gibt, da-
mit innerhalb kürzester Zeit etwas geschehen kann und
Sie die Vorwürfe nicht noch einmal hören müssen, die in
der Presse erhoben werden und besagen, dass Sie ge-
schlampt hätten. Jetzt haben Sie wieder etwas angekün-
digt. Wir werden verfolgen, was aus dieser Ankündigung
wird, Frau Ministerin. Vermutlich wird aber alles beim al-
ten Schlendrian bleiben.


(Beifall bei der CDU/CSU – Susanne Kastner [SPD]: Na, na!)


Sie haben versucht, diese Krise zu missbrauchen.

(Franziska Eichstädt-Bohlig [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Was? Das ist eine unverschämte Lüge!)


Frau Ministerin, Sie haben den Anschein erweckt, als
sei diese Krise mithilfe des Verbraucherinformationsge-
setzes zu lösen. Ich sage ganz eindeutig: Alle notwendi-
gen Handlungen hätten ohne das Verbraucherinforma-
tionsgesetz geregelt werden können. Die nötigen
Ergänzungen mussten nicht im Verbraucherinformations-
gesetz, sondern konnten in anderen Gesetzen vorgenom-
men werden. Unsere Vorschläge dazu haben Sie im Aus-
schuss von Ihrer Mehrheit ablehnen lassen. Wir wollten,
wir wollen und wir werden konstruktiv mitarbeiten, aber
das setzt auch Aufgeschlossenheit bei denen voraus, die
arrogant auf der Regierungsbank und auf einer knappen
Koalitionsmehrheit sitzen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Lachen bei der SPD)





Dr. Klaus W. Lippold (Offenbach)

23836


(C)



(D)



(A)



(B)


Wir haben das Verbraucherinformationsgesetz nicht
akzeptiert, weil es mit heißer Nadel genäht ist und nicht
sicherstellt, dass vernünftige, fachlich aufbereitete Infor-
mationen zügig zu den Verbrauchern gelangen. Sie igno-
rieren Kritik in der Sache und versuchen es dann so dar-
zustellen, als seien wir gegen Verbraucherschutz.


(Albert Schmidt [Hitzhofen] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Eine schäbige Ausrede!)


Das ist falsch. Unsere fachlich guten Vorschläge haben
Sie abgebürstet.


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Gar nichts haben Sie vorgelegt!)


Daher müssen Sie auch die Verantwortung dafür tragen,
wenn wir einem schlechten Gesetz nicht zustimmen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Frau Ministerin Künast, Sie müssen sich schon die
Frage gefallen lassen: Worüber hätten Sie denn die Ver-
braucher mit dem neuen Verbraucherinformationsgesetz
informieren wollen, wenn Sie laut Ihren eigenen Angaben
trotz des Geredes auf unterschiedlichsten Ebenen nichts
gewusst haben? Oder wollen Sie wieder ablenken und
Allgemeinplätze servieren?


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Nein, Sie haben nichts gewusst; Sie hätten nicht infor-
mieren können. Deshalb ist das Verbraucherinformations-
gesetz der absolut falsche Weg.


(Susanne Kastner [SPD]: Das ist ja eine Logik!)


So kann das nicht laufen, so werden wir das nicht akzep-
tieren.


(Susanne Kastner [SPD]: Es ist Ihrer nicht würdig, was Sie da sagen!)


Frau Höfken, Sie haben gerade im Fernsehen Sende-
zeit genutzt, um schnell falsche Informationen zu ver-
breiten, die sich in der Kürze der Zeit nicht widerlegen
lassen. Kehren Sie doch zur Sachlichkeit zurück; werden
Sie konkret!


(Zurufe von der SPD: Oh!)

Lassen Sie allgemeine Behauptungen! Dann kommen wir
ein Stück weiter.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Detlev von Larcher [SPD]: Eine einzige Desinformation ist das heute!)


Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir werden
uns nicht davon abbringen lassen, vorsorgeorientierte
Verbraucherschutzpolitik zu betreiben. Wir werden uns
um alle Betriebe kümmern, nicht nur um die Ökobetriebe,
die jetzt der Hilfe bedürfen, weil sie besonders unter den
schwarzen Schafen dieser Branche leiden – das muss
noch einmal ganz deutlich gesagt werden –; uns geht es
aber auch um die klassisch umweltschutzorientierte
Landwirtschaft.

Lassen Sie mich erneut mit einem Vorurteil aufräumen,
Frau Künast. Sie haben immer gesagt, die Preise müssten

hoch sein. Nein, Lebensmittel müssen gesund und sicher,
aber auch preiswert sein. Sie in Ihrer Arroganz vergessen,
dass es viele Menschen in der Bundesrepublik Deutsch-
land gibt, die sich teure Lebensmittel nicht leisten können.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Arrogante Ministersprüche von hohen Preisen vertragen
sich nicht mit der Lebenswirklichkeit unserer Republik.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ich komme auf einen Punkt zurück, den wir Ihnen nicht

nachsehen werden: Wegen der Fehler einiger – nicht des
ganzen ökologischen Landbaus – haben Sie jetzt hohe
Preise, aber keine Sicherheit. Das ist schlussendlich die
Konsequenz aus Ihrer Politik, die wir nicht akzeptieren,
sondern ablehnen.


(Gustav Herzog [SPD]: Was für ein Unsinn!)

Deshalb bleibe ich dabei: Wenn Herr Funke gehen musste,
dann müssten Sie mit noch größerem Recht noch schneller
gehen und mit Ihnen eine Reihe anderer Minister.


(Michael Glos [CDU/CSU]: Alle müssen gehen!)


Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord neten der FDP)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1423900300
Ich erteile das Wort
der Kollegin Jella Teuchner, SPD-Fraktion.


Jella Teuchner (SPD):
Rede ID: ID1423900400
Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Das soeben Gehörte stellte das ganze Aus-
maß der Polemik dar, das man von sich geben muss, wenn
man von der Sache nichts versteht und auch nicht bereit
ist, sich irgendwelchen Argumenten zu öffnen und über ir-
gendetwas wirklich sachlich und inhaltsorientiert zu dis-
kutieren.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der PDS)


Wenn es heute nicht um das Thema Gesundheitsschutz
für Verbraucherinnen und Verbraucher ginge, könnte man
vieles, was in den letzten Tagen zu den Nitrofenfunden
geschrieben und gesagt wurde, einfach als lächerliches
Wahlkampfgewäsch abtun.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Es geht aber um sichere Lebensmittel. Ich finde es daher
nur allzu verständlich, wenn die Selbstgefälligkeiten der
letzten Tage bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern
nur noch Wut und Zorn auslösen.

Was wir brauchen, ist eine sachliche Aufarbeitung der
systematischen Vertuschung. Was wir brauchen, ist eine
Kultur der Offenheit. Was wir allerdings nicht brauchen,
ist eine Debatte, die die Täter schützt und den schwarzen
Peter schnell jemand anderem zusteckt.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Peter Dr. Klaus W. Lippold 23837 H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Sehr richtig!)





(C)


(D)


(A)


(B)


Der Nitrofen-Skandal ist Resultat verantwortungslo-
sen Wirtschaftens. Die Hersteller und Händler haben die
Nitrofenverseuchung nicht gemeldet und ihre Produkte
munter weiterverkauft. Der Nitrofen-Skandal ist Resultat
der in Jahrzehnten gewachsenen Vertuschungsstrategie,
der wir mit der Neuorientierung der Agrar- und Verbrau-
cherpolitik den Kampf angesagt haben.

Ob vertuscht wird oder nicht – auch das will ich in aller
Deutlichkeit sagen –, ist keine Frage von konventioneller
oder ökologischer Lebensmittelproduktion.


(Beifall der Abg. Franziska Eichstädt-Bohlig [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Die Mehrzahl der konventionellen Betriebe arbeitet ver-
antwortungsvoll. Es gibt aber auch ökologische Betriebe,
die verantwortungslos die Gesundheit ihrer Kunden ge-
fährden.

Nach § 17 Abs. 5 des Futtermittelgesetzes hat jeder,
der im Rahmen seines beruflichen oder gewerbsmäßigen
Umgangs mit Futtermitteln Kenntnis von einer Gefähr-
dung für die menschliche oder tierische Gesundheit durch
unerwünschte Stoffe erlangt, unverzüglich die zuständi-
gen Behörden anzurufen. Dies ist nicht geschehen. So-
wohl Lebensmittelhersteller als auch Versicherungen und
Verbände haben versucht, den Nitrofenfund zu verheimli-
chen. Mehr noch: Sie haben anscheinend auch nach We-
gen gesucht, Produkte trotz Kenntnis der Nitrofenbelas-
tung zu verkaufen. Dies ist der Kern des Skandals und hier
werden wir aufräumen müssen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Bundesministerin Renate Künast hat schnell und
richtig gehandelt. Sie hat unsere volle Unterstützung,
wenn sie mit aller Härte gegen die Verantwortlichen
vorgeht.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Wir begrüßen, dass die Bundesministerin als erste Konse-
quenz die Institute in ihrem Geschäftsbereich verpflich-
tet hat, Erkenntnisse aus gutachterlicher Tätigkeit in
Bezug auf Verstöße gegen geltendes Lebensmittelrecht
unmittelbar an die zuständigen Behörden weiterzuleiten.

Wir werden morgen im Bundestag beschließen, die
Informationspflichten der Lebensmittel- und Futter-
mittelhersteller gegenüber den Behörden und Verbrau-
chern auszuweiten. Eine entsprechende EU-Regelung, die
ab dem Jahre 2005 eine sofortige Information bei festge-
stellten Mängeln verlangt, werden wir sofort in Kraft set-
zen. Wir werden auch beschließen, diese Mitteilungs-
pflicht auf Lebensmittel auszudehnen. Dies wird übrigens
auch von Bayerns Verbraucherminister Sinner gefordert.

Ich bin gespannt, mit welcher Begründung Bayern die-
ses Gesetz im Bundesrat blockieren wird. Wie wäre es da-
mit: Das ist ein deutscher Alleingang, wir brauchen dazu
eine europäische Regelung. Dies ist ein deutscher Allein-
gang – wie oft mussten wir uns im letzten Jahr diesen Satz
anhören? Wie oft hat die Opposition europäische Rege-

lungen gefordert, wenn sie wirksamen Verbraucher-
schutz verhindern wollte? Wir haben ja letzten Freitag im
Bundesrat gesehen, welche Rolle die Union spielt. Wir
haben gesehen, welche Rolle deren Wortführer Bayern
spielt: Auf dem Altar Wahlkampf wird der Verbraucher-
schutz geopfert.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der PDS – Detlev von Larcher [SPD]: Leider!)


Dies alles geschieht in der Hoffnung, die Götter seien
dann dem Kandidaten der CDU/CSU wohl gesonnen.


(Albert Deß [CDU/CSU]: Der Bundesrat hat abgelehnt, weil es ein dilettantisches Gesetz ist!)


Die Wähler finden es aber zu Recht unerträglich, wie Sie
auf Kosten des Verbraucherschutzes Wahlkampf machen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Der Nitrofen-Skandal zeigt: Wir brauchen eine Kultur
des Vertrauens. Diese wollen wir schaffen. Auch das Ver-
braucherinformationsgesetz wäre ein Schritt in diese
Richtung. Sie können jetzt noch so sehr versuchen, den
europäischen Sankt-Nimmerleins-Tag herbeizureden: Sie
verhindern so das Verbraucherinformationsgesetz und da-
mit die Schaffung dieser Kultur des Vertrauens.


(Beifall bei der SPD)

Die Landwirtschaft – ob konventionell oder ökologisch

wirtschaftend – braucht dieses Vertrauen. Sie hat es auch
verdient. Auch diesmal sind die Bauern nicht für einen
Lebensmittelskandal verantwortlich. Es waren auch nicht
die Ministerien, die versucht haben, den Skandal zu ver-
tuschen. Darf ich Sie daran erinnern, dass das Bun-
desministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und
Landwirtschaft die Nitrofenfunde öffentlich gemacht hat?


(Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Genau!)


Wir können gerne darüber diskutieren, ob und wie wir
die Arbeit im Verbraucherministerium und die Zusam-
menarbeit zwischen dem Bund und den Ländern verbes-
sern können. Mit dem Neuorganisationsgesetz wollen wir
hier einen Schritt nach vorne machen. Wir lassen es Ihnen
aber nicht durchgehen, dass Sie Ihrer Lieblingsfeindin
Renate Künast den schwarzen Peter zuspielen wollen und
damit nur die Täter schützen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wir erwarten einen verantwortungsvollen Umgang mit
Lebensmitteln. Das heißt zuallererst, dass mit den Pro-
dukten sorgfältig umgegangen werden muss. Das heißt
aber auch, dass mit Fehlern offen und transparent umge-
gangen werden muss. Wir können nicht ausschließen,
dass in der Lebensmittelproduktion Fehler passieren. Wir
müssen aber dafür sorgen, dass diese nicht vertuscht wer-
den, sondern dass die Fehlerquellen ausgeräumt werden.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)





Jella Teuchner
23838


(C)



(D)



(A)



(B)


Wir fordern klare Konsequenzen bei denjenigen, die
verantwortungslos am Vertuschen mitgewirkt haben. Da-
bei ist es ganz gleich, ob es sich um Ökoverbände, Le-
bensmittelhersteller, Versicherungen oder landwirtschaft-
liche Genossenschaften handelt. Die Konsequenz kann
nicht darin bestehen, den Gesetzgeber schnell aufzufor-
dern, neue Gesetze zu erlassen. Nitrofen im Futter ist kein
Fall für eine stille Rückrufaktion und kein einfacher Scha-
densregulierungsfall.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Sie hätten die Möglichkeiten zum stillen Rückruf längst abschaffen können!)


Als die ersten Meldungen über belastete Biolebensmit-
tel über die Nachrichtenticker liefen, wurde sofort das
Ende der Agrarwende gefordert. Mittlerweile ist klar,
dass Unternehmen mit gewachsenen und traditionellen
Strukturen der Lebensmittelwirtschaft genauso tief in
diesem Skandal stecken wie ökologisch wirtschaftende
Unternehmen. Dieser neue Lebensmittelskandal schadet
nicht nur dem ökologischen Landbau, sondern der
gesamten Land- und Ernährungswirtschaft.


(Beifall der Abg. Franziska Eichstädt-Bohlig [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Wer jetzt das Ende der Agrarwende fordert, zielt gegen
den Verbraucherschutz. Die Landwirtschaft kann aber nur
dann bestehen, wenn sie gesundheitlich unbedenkliche
Lebensmittel produziert. Für uns ist deshalb klar, dass wir
an der Neuorientierung der Landwirtschafts- und Ver-
braucherpolitik festhalten werden.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Wie wollt ihr das denn in der Opposition machen?)


– Das tun wir, aber nicht in der Opposition.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1423900500
Ich erteile dem Kolle-
gen Ulrich Heinrich, FDP-Fraktion, das Wort.


Ulrich Heinrich (FDP):
Rede ID: ID1423900600
Herr Präsident! Meine lieben
Kolleginnen und Kollegen! Leider Gottes ist der Herr
Bundeskanzler nach der Rede von Frau Ministerin Künast
weggegangen.


(Jochen-Konrad Fromme [CDU/CSU]: Er hat den Hals voll!)


Ich hätte ihm gerne einige Sätze persönlich gesagt. Ich
hätte ihn gerne gefragt, wie seine Agrarpolitik in der Zu-
kunft aussieht.


(Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/ CSU]: Er isst nur noch Currywurst!)


In der Zeit, in der er bisher regiert hat, hat er vier ver-
schiedene Positionen eingenommen. Im Jahre 2000 hat er
sich in Cottbus noch für die wettbewerbsfähige Landwirt-
schaft ausgesprochen. 2001 – nach dem BSE-Skandal –
hat er gesagt, dass die Agrarfabriken abgeschafft werden
müssten; es werde eine Politik gegen die Agrarfabriken
betrieben. Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt hat er – natür-
lich vor dem Hintergrund der Großstrukturen dort – die
Regierungspolitik wieder geändert und gesagt, dass Groß-

strukturen erhaltenswert sind und auch in Zukunft ent-
sprechend produziert werden soll.


(Franziska Eichstädt-Bohlig [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Es geht doch nicht um groß oder klein, sondern um gesund und giftfrei!)


Aufgrund des Nitrofen-Skandals vollzieht er jetzt eine er-
neute Kehrtwende. Er sagt, dass die Agrarwende fortge-
setzt werden soll, und unterstützt damit Frau Künast. Wel-
che Agrarpolitik gilt denn nun in Zukunft?


(Jella Teuchner [SPD]: Die richtige!)

Bei einem solchen Zickzackkurs kann sich niemand mehr
auf eine entsprechende Aussage verlassen.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Frau Künast, Sie haben sehr hohe Erwartungen ge-

weckt.

(Albert Deß [CDU/CSU]: Alles Schall und Rauch!)

In Ihrer heutigen Rede haben Sie erneut hohe Erwartun-
gen geweckt, obwohl Sie die vorherigen, von Ihnen ge-
weckten Erwartungen bis heute noch nicht erfüllen konn-
ten; stattdessen haben Sie Enttäuschungen produziert.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Sie haben mit der Agrarwende Stichworte geliefert, un-
ter denen sich einige etwas vorstellen können, andere aber
auch nicht. Ich habe eben bereits den Herrn Bundeskanz-
ler zitiert, der sich offensichtlich auch nichts darunter vor-
stellen kann. Sie haben vom vorsorgenden Verbraucher-
schutz gesprochen und die Verbraucherinformation zum
zentralen Punkt Ihrer Politik gemacht. Sie sind als Jeanne
d’Arc der Verbraucher gestartet und heute als Aschenput-
tel hier angekommen.


(Heiterkeit und Beifall bei der FDP – Zurufe von der SPD: Oh!)


Wir suchen noch den Prinz, Frau Künast.

(Michael Glos [CDU/CSU]: Er ist geflüchtet! – Susanne Kastner [SPD]: Wann haben Sie denn Ihren Kindern das letzte Mal Märchen vorgelesen?)


Nach Ihrer heutigen Rede muss ich leider nicht nur
feststellen, dass die Zahl der Prinzen weniger geworden
ist, sondern auch, dass Sie das Gegenteil von dem tun, was
Sie sagen.


(Susanne Kastner [SPD]: Herr Heinrich, Sie sollten Ihren Enkelkindern mehr Märchen vorlesen!)


Auch die Öffentlichkeit ist dieser Meinung.

(Beifall bei der FDP)


Das Emnid-Institut hat am 28. Mai ermittelt – die Anga-
ben wurden am 3. Juni veröffentlicht –, dass Ihnen 60 Pro-
zent der Verbraucher eine wesentliche Mitschuld am Ni-
trofen-Skandal geben.


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Weil dauernd Lügen verbreitet werden!)





Jella Teuchner

23839


(C)



(D)



(A)



(B)


Das sind die Umfragen, die uns interessieren. Uns inte-
ressiert: Was kommt draußen beim Verbraucher an? Wie
bewertet der Verbraucher die Politik dieser Bundesregie-
rung?

Ich kann auch noch ein weiteres Zitat anführen. Es
stammt nicht von mir und ist auch keine böse gemeinte
Oppositionsaussage, sondern es handelt sich um ein Zitat
von Herrn Isenberg, dem Geschäftsführer des Bundes-
verbands für Verbraucherzentralen und Verbraucherver-
bände. Was hat er gesagt? Der Bundesverband attestiert
Frau Künast eine wesentliche Mitschuld an der gesamten
Situation.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Mit Ihrer einseitigen Politik für das Eco-Siegel haben

Sie Erwartungen geweckt, die Sie nicht halten können.
Mütter rufen verzweifelt bei mir an. Sie sind völlig ver-
unsichert und wollen Rat von mir.

Ich werfe Ihnen nicht vor, dass es zu diesem Skandal
gekommen ist. Ökolandbau und moderne nachhaltige
Landwirtschaft sind zwei unterschiedliche Produktions-
methoden, aber keine ist davor gefeit, dass ein solcher
Skandal passieren kann. Ich werfe Ihnen aber vor, dass
Sie die Weichen nicht richtig gestellt haben. Mit der Ein-
führung des Bio-Siegels haben Sie eine Oldtimer-Me-
thode zur Qualitätssicherung gewählt, die mit größten
Lücken behaftet ist und aus den frühen 90er-Jahren
stammt. Sie kaufen doch auch kein zehn Jahre altes
Auto, wenn es um die Sicherheit geht, Frau Ministerin
Künast.

Ich habe von Anfang an das QS-System als das bessere
System erkannt.


(Matthias Weisheit [SPD]: Das gibt es doch noch gar nicht!)


Dokumentation, die Weitergabe von Daten und die
lückenlose Abrufbarkeit der kompletten Datenbank vom
vorgelagerten Bereich über die Produktion und die Verar-
beitung bis zum Handel zu jedem Zeitpunkt des Produk-
tionsstrangs – es ist somit auch sehr viel besser geeignet,
Lücken und Fehler aufzudecken, als es nach dem System
des Bio-Siegels möglich ist – werden von dem Bio-Siegel
nicht gewährleistet.


(Beifall bei der FDP – Gustav Herzog [SPD]: Herr Heinrich, Sie haben es immer noch nicht verstanden!)


Des Weiteren werfe ich Ihnen vor, dass Sie Ihr
eigenes Haus nicht im Griff haben. Obwohl Sie angeb-
lich am 25. Januar alle Ihnen unterstellten Behörden an-
gewiesen haben, Unregelmäßigkeiten im Bereich der
Lebensmittelrückstände sofort zu melden, ist dies nach-
weislich nicht geschehen. So sind zum Beispiel La-
boruntersuchungen der Bundesanstalt für Fleisch-
forschung in Kulmbach nicht weitergegeben wor-
den. Spätestens seit der Ökomesse, die im Februar in
Nürnberg stattgefunden hat, ist Ihren Beamten be-
kannt, dass es Probleme mit Nitrofen belastetem Fleisch
gibt.


(Beifall bei der FDP)


Dort war dies ein großes Thema, über das jeder gespro-
chen hat. Ihre Beamten haben das zwar wohl gehört, aber
nicht weitergegeben.


(Gustav Herzog [SPD]: Herr Kollege Heinrich, können Sie das beweisen? Haben Sie es gewusst und geschwiegen?)


Ich werfe Ihnen eine völlig chaotische Informations-
politik vor. Auf der einen Seite sind die konventionell be-
lasteten Lebensmittel auszuschließen, auf der anderen
Seite weiß man ja nie, was noch kommt. Tagtäglich ver-
künden Sie etwas anderes. Am Wochenende haben Sie den
Nitrofen-Skandal als aufgeklärt dargestellt. – Frau Minis-
terin, das stimmt. Schauen Sie sich doch die Fernsehsen-
dung an, in der Sie aufgetreten sind! Zugegeben, das wa-
ren gute Fernsehbilder. Aber die Botschaft war falsch.


(Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Wie immer!)


So kann man mit den Verbrauchern nicht umgehen. Als ob
das Problem nicht schon groß genug wäre, stiften Sie mit
Ihrer Verbraucherinformationspolitik zusätzlich Verwir-
rung. Ich meine, die beste Verbraucherinformationspolitik
wäre gewesen, wenn Sie heute Ihr Amt zur Verfügung ge-
stellt hätten. Dann hätten die Verbraucherinnen und Ver-
braucher tatsächlich aufatmen können.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Frau Ministerin, nach meinem Gefühl ist es auch ein
Skandal, dass Sie schon heute 900 000 Euro für eine In-
formationskampagne ausgeben, bei der es um eine neue
Eierrichtlinie geht, die erst 2004 in Kraft tritt. Es wäre
sinnvoll gewesen, wenn Sie mit diesen 900 000 Euro den
jetzt betroffenen Ökobauern geholfen hätten. Aber so
dient dieses Geld nur der Eigendarstellung. Um nichts an-
deres geht es.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Lassen Sie mich zum Schluss die Befürchtung ausspre-
chen, dass es voraussichtlich in wenigen Wochen oder
Monaten einen neuen Skandal geben wird, weil mit
Nitrofuranen belastetes Geflügelfleisch beispielsweise aus
Thailand oder Brasilien importiert wird. Wir wissen schon
jetzt, dass solches Fleisch auf dem Weg nach Deutschland
ist. Ich sage Ihnen, Frau Höhn und Frau Künast: Wenn Sie
den Verbraucherschutz zusammen mit den Ländern nicht
besser organisieren und den Verbraucher nicht wirksamer
vor solchen Importen schützen, dann werden wir hier über
den nächsten Skandal diskutieren müssen. Dann werden
Sie, Frau Künast, wieder als nassforsche Ministerin auf-
treten und sagen, was alles gemacht werden muss. In Wirk-
lichkeit haben Sie bisher von dem, was Sie angekündigt
haben, überhaupt nichts wirkungsvoll, verlässlich und ver-
trauenerweckend umsetzen können.

Ich bedanke mich.

(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1423900700
Ich erteile das Wort
der Ministerin des Landes Nordrhein-Westfalen, Bärbel
Höhn.




Ulrich Heinrich
23840


(C)



(D)



(A)



(B)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423900800

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich muss mich
schon wundern, wie die Opposition im Bundestag das
heutige Thema angeht. Herr Lippold, dem ich aufmerk-
sam zugehört habe, hat offensichtlich keine eigene Mei-
nung. Er verschanzt sich hinter den Zitaten anderer Leute.
Ein klares Konzept habe ich bei seiner Rede nicht heraus-
hören können.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Dr. Klaus W. Lippold [Offenbach] [CDU/CSU]: Weil Sie undiszipliniert dazwischenrufen, Frau Kollegin!)


Und für die FDP gilt: Das einzige Problem, das sie hat,
ist, den richtigen Prinzen zu finden. Ich habe bisher im-
mer gedacht, dass die FDP ein ganz anderes Problem hat.
Sie sollte nämlich endlich einmal einen durchsetzungs-
starken Vorsitzenden finden und sich nicht um den Prin-
zen anderer Leute kümmern. Lösen Sie erst einmal die
Probleme in Ihren eigenen Reihen!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Lachen bei der CDU/CSU und der FDP – Ulrich Heinrich [FDP]: Vergreifen Sie sich nur nicht im Ton!)


Sie fordern, Frau Künast solle die Verbraucherinnen
und Verbraucher endlich durch neue Gesetze schützen.
Herr Lippold sagt dazu, es werde beim alten Schlendrian
bleiben. Ich frage Sie: Wer ist eigentlich für die jetzt gel-
tenden Gesetze verantwortlich? Wer ist eigentlich für den
alten Schlendrian verantwortlich?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Sie haben jahrzehntelang die Landwirtschaftspolitik in
diesem Land gemacht und versuchen nun, Frau Künast
die Schuld für das, was sie noch nicht verändert hat, in die
Schuhe zu schieben. Ich sage Ihnen: Sie haben die heute
geltenden Gesetze zu verantworten. Diese müssen wir än-
dern. Aber auch Sie wissen, dass man die Folgen von
50 Jahren falscher Agrarpolitik nicht in anderthalb Jahren
korrigieren kann. Das ist der Punkt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Wir müssen eines bedenken: Jeder Lebensmittelskandal
hat gravierende negative Folgen für Millionen von Ver-
braucherinnen und Verbraucher, die durch jeden Skandal
verunsichert werden, sowie für Tausende und manchmal
sogar Zehntausende Bauern, die teilweise in Existenznot
geraten, obwohl sie an den Skandalen nicht beteiligt wa-
ren. Das sind die Auswirkungen von Lebensmittelskanda-
len. Ich bin jetzt sieben Jahre Landwirtschaftsministerin


(Ulrich Heinrich [FDP]: Fragen Sie doch einmal die Bauern, was sie von Ihnen halten!)


und es ist noch kein Jahr – ich betone: noch kein Jahr –
vergangen, in dem es nicht einen Lebensmittelskandal ge-
geben hat. Es geht also nicht um Einzelfälle, sondern um
ein Strukturproblem.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Das heißt, wir müssen die verschiedenen Gesetze an-
gehen und müssen sie ändern.

Ich bin nicht nur Landwirtschaftsministerin, sondern
auch Umweltministerin. Wenn ich mir die Gesetzgebung
im Umweltbereich ansehe, stelle ich fest: Sie ist viel kla-
rer, viel stringenter, viel mehr auf Rechte der Verbraucher
angelegt als die Gesetzgebung im gesamten Ernährungs-
bereich. Das kann man an vielen Punkten deutlich ma-
chen. Die Gesetzgebung im Ernährungsbereich ist wirr
und chaotisch. Und Sie sind dafür verantwortlich.

Ich möchte einmal deutlich machen, was ich seit 1995
erlebt habe. Das kann ich deshalb gut beurteilen, weil ich
seitdem im Amt bin. Ich nenne Ihnen dazu drei Beispiele.

Das erste Beispiel: Wir haben zwischen 1995 und 1998
in mehreren Lebensmitteln höhere Rückstände gefun-
den, als sie gesetzlich zulässig waren. Was haben Sie ge-
macht? Sie sind nicht den Ursachen nachgegangen, son-
dern haben einfach die entsprechenden Rückstandswerte
hoch gesetzt. Das war Ihre Politik.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Sie haben mehrfach im Bundesrat die Rückstandswerte
hoch gesetzt, damit darüber nicht mehr geredet werden
konnte.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Das ist doch verlogen!)


Das zweite Beispiel betrifft die Futtermittelgesetzge-
bung in den 80er-Jahren. Wer hat denn die offene Dekla-
ration im Futtermittelbereich abgeschafft? Das waren die
CDU/CSU und die FDP.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1423900900
Frau Höhn, gestatten Sie
eine Zwischenfrage des Kollegen Straubinger, CDU/
CSU-Fraktion?


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423901000

Nein, ich möchte jetzt diesen Punkt weiterführen.


(Lachen bei der CDU/CSU und der FDP)

Wer hat denn die offene Deklaration abgeschafft und

die Positivliste verhindert? Das waren Sie. Im Futtermit-
telrecht ist im Augenblick die Situation so, dass die Leute
sagen: Was nicht verboten ist, ist erlaubt. Das ist der
Grund, warum wir Klärschlamm und andere unappetitli-
che Stoffe im Futtermittel finden. Das haben Sie in den
80er- und 90er-Jahren verursacht und das muss geändert
werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Das dritte Beispiel: Das Produktsicherheitsgesetz
wurde 1997 in Ihrer Regierungszeit novelliert. Es ging um
Rückholaktionen von Waren, darum, wann Behörden
melden dürfen, was sie an Werten gefunden haben. Dabei
haben Sie die Rechte der Ernährungswirtschaft und des
Handels gestärkt und die Rechte der Behörden in diesem






(C)



(D)



(A)



(B)


Punkt negiert und zurückgeschraubt. Das war Ihre Politik.
Wir dürfen heute nicht mehr automatisch melden, wenn
wir eine Täuschung beim Verkauf von Lebensmitteln er-
kennen. Wir dürfen nur noch öffentlich darüber reden,
wenn etwas gesundheitsgefährdend ist.

Ich nenne ein Beispiel: Wenn ein Produzent Wasser in
den Schinken einführt – Wasser hat ein ordentliches Ge-
wicht und was ist für die Gewinne in der Lebensmittel-
wirtschaft besser, als Wasser schnittfest zu machen –, ist
das eine arglistige Täuschung. Aber wir dürfen nach der
jetzigen Gesetzgebung nicht öffentlich darüber berichten.
Dazu sage ich Ihnen: Das ist falsch, das wollen wir ändern
und das müssen wir ändern.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Natürlich wäre eine Information über solche Fakten
auch ein vorbeugender Verbraucherschutz, und zwar
deshalb, weil die Betroffenen genau über ihr Vorgehen
nachdenken würden. Wenn ihnen nur leichte Strafen dro-
hen, wenn keine Veröffentlichungen und wenig Nachteile
zu befürchten sind, machen es viele. Wenn es aber veröf-
fentlicht wird und die Leute darauf schauen, werden es
weniger machen. Mehr Information ist also auch ein vor-
beugender Verbraucherschutz. Deshalb ist das Verbrau-
cherinformationsgesetz richtig und notwendig.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Kerstin Müller [Köln] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das haben die abgelehnt!)


Meine Damen und Herren, wenn wir diese wirklich
chaotische Gesetzgebung ändern wollen – und die ersten
beiden großen Schritte sind in den letzten Monaten im
Bundesrat diskutiert worden, das Verbraucherinformati-
onsgesetz und das Neuordnungsgesetz –, machen Sie nicht
mit. Sie sagen hier: Frau Künast, bitte ändern Sie die Struk-
turen. Aber wenn Frau Künast Änderungsvorschläge
macht, machen Sie nicht mit. Das ist doch Blocka-
depolitik!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Sie stabilisieren damit das alte System.
Wir wollen dieses Verbraucherinformationsgesetz.

Nach dem Umweltinformationsgesetz hat jeder das
Recht, zu erfahren, was im Wasser einer Kläranlage, was
im Abwasser eines Chemieunternehmens ist. Aber es gibt
kein Recht, nach dem die Bürgerinnen und Bürger erfah-
ren können, was in ihrer Wurst ist. Die Leute wollen ge-
nauso, wie sie erfahren wollen, was im Abwasser einer
Kläranlage ist, wissen, was in ihrer Wurst ist. Und ich
meine, sie haben ein Recht darauf, das zu erfahren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


Sie haben nur Blockadepolitik gemacht. In den Aus-
schüssen haben Sie keine entsprechenden Anträge ge-
stellt.


(Lachen des Abg. Ulrich Heinrich [FDP])


Eineinhalb Jahre hatten Sie Zeit.

(Ulrich Heinrich [FDP]: Nehmen Sie mal den Mund nicht so voll!)

Sie haben in der ersten Bundesratssitzung 22 Anträge ge-
stellt. Davon sind von der Bundesregierung zwei Drittel
übernommen worden. Gestern gab es eine Diskussion da-
rüber. Statt Ihre anderen sechs Änderungsanträge auf den
Tisch zu legen, haben Sie nur blockiert, haben keinen
konkreten Änderungsvorschlag vorgelegt. Das heißt, es
geht Ihnen in diesem Land nur um Wahlkampf und nicht
um die Inhalte, und das finde ich beschämend.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Ulrich Heinrich [FDP]: Wir schreiben ein neues Gesetz nach der Wahl!)


Ich komme jetzt zur FDP.

(Ulrich Heinrich [FDP]: Wir schreiben ein neues Gesetz nach der Wahl!)

Was wir mit dem Verbraucherinformationsgesetz errei-
chen wollen, ist ein kleiner Teil dessen, was in den USA
jedem Bürger erlaubt ist. Dort gibt es den Freedom of In-
formation Act, eine sehr große Sache.


(Zuruf von der CDU: Aber nicht so bürokratisch!)


Wir wollen nur einen kleinen Teil der darin niedergeleg-
ten Rechte hier in Deutschland installieren. Doch das
blockiert die FDP. Meine Damen und Herren von der FDP,
es steht außer Frage, dass Sie Ihren Parteinamen dem-
nächst mit einem kleinen „f“ schreiben müssen. Das wäre
angebracht; denn das, was Sie hier für die Freiheitsrechte
der Bürgerinnen und Bürger tun, indem Sie das Verbrau-
cherinformationsgesetz blockieren, ist in der Sache
falsch. Deshalb werden wir Sie dafür auch kritisieren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Herr Heinrich, Sie haben gesagt, mit dem QS-Siegel
werde ein Anfang gemacht. Seit wann wird eigentlich
über das QS-Siegel diskutiert? Zu Ihrer Zeit, als Sie,
CDU/CSU und FDP, noch in der Verantwortung standen,
wurde noch nicht darüber diskutiert.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Nach BSE! Die Reaktion auf BSE!)


– Nach BSE. – Das heißt, die Konsequenz, die man in der
konventionellen Landwirtschaft zieht, ist eigentlich ge-
nau das, was Frau Künast fordert, nämlich mehr Qualität.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Die Reaktion auf BSE!)


Auch die konventionelle Landwirtschaft muss sich nach
der Decke strecken, muss neue Agrarpolitik betreiben und
mehr Qualität anbieten. Nicht mehr und nicht weniger
passiert.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1423901100
Frau Höhn, gestatten
Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Heinrich?




Ministerin Bärbel Höhn (Nordrhein-Westfalen)

23842


(C)



(D)



(A)



(B)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423901200
Die
Redezeit bleibt davon aber unberührt? – Gut. Bitte schön.


Ulrich Heinrich (FDP):
Rede ID: ID1423901300
Ihre Redezeit bleibt bestehen,
Frau Ministerin.

Das QS-Siegel mit seinem System wurde von der Wirt-
schaft zusammen mit der Landwirtschaft entwickelt, um
die Verbrauchersicherheit nach dem BSE-Skandal ver-
nünftig weiterzuentwickeln. Wir haben festgestellt,


(Zuruf von der SPD: Fragen!)

dass das QS-Siegel mit seiner durchgängigen Dokumen-
tation und der Weitergabe der Daten besser geeignet ist als
das,


(Susanne Kastner [SPD]: Was wollen Sie denn jetzt wissen, Herr Heinrich?)


was beim Kontrollsystem zu dem Biosiegel besteht.

(Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und von der SPD: Fragen!)

– Meine Frage kommt noch; ich muss sie erklären. – Ges-
tern haben wir bei einer Diskussion beim Deutschen
Raiffeisenverband aus dem Mund von Herrn Berninger
gehört, es sei nicht auszuschließen, dass die auch nach
seiner Meinung vernünftigen Dinge beim Bio-Siegel über-
nommen würden.


(Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und von der SPD: Fragen!)


Sind auch Sie der Meinung, dass man eine entsprechende
QS auch für das Biosiegel einrichten muss, um eine Ver-
besserung der Qualitätssicherung bzw. der Dokumenta-
tion zu erreichen?


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423901400

Herr Heinrich, auch ich halte das QS-Siegel für eine gute
Idee. Ich finde es gut, wenn die konventionelle Landwirt-
schaft das, was Frau Künast vorgibt, jetzt mit dem QS-
Siegel umsetzt und mehr Qualität installiert. Ich finde es
gut, wenn es funktioniert. Aber dass Sie sagen: „Es wird
funktionieren“, ehe es überhaupt installiert ist, finde ich
schon spannend. Was wir im Ökolandbau an zusätzlichen
Verbesserungen und Kontrollen realisieren können, soll-
ten wir tun, so schnell wie möglich, gar keine Frage. Aber
es geht hierbei nicht um eine Konkurrenz untereinander.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Doch!)

– Dazu kann ich Ihnen vieles sagen. Warum macht das
QS-Siegel nicht auch einen ganz kleinen Schritt in Rich-
tung Tierschutz? Wenn es auch beim QS-Siegel heißen
würde: „Mehr Qualität bei der Tierhaltung“, wäre das eine
gute Sache. Ich hoffe, dass sich das QS-Siegel dahin ent-
wickelt. In dieser Richtung gibt es noch viel nachzuholen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


Sie werfen der rot-grünen Regierung immer vor, sie
pusche nur den ökologischen Landbau. Ich sage Ihnen:
Nein. Da brauchen Sie gar keine Angst zu haben. Auf

diese Nische allein lassen wir uns nicht einschränken. Wir
wollen mehr. Wir wollen die gesamte Landwirtschaft re-
formieren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Wir bleiben beim Ökolandbau nicht stehen. Dass das auch
zunehmend ankommt, zeige ich Ihnen an zwei Punkten.

Erstens. Ich habe hier gerade einen Artikel aus Rhein-
land-Pfalz. Danach haben die Bauern aus dem Kreis
Ahrweiler gesagt, sie wollten jetzt offen diskutieren und
beraten, ob sie nicht im Rahmen der Verwaltungsreform
den Anschluss des Kreises Ahrweiler an Nordrhein-West-
falen erreichen können; denn die grüne Landwirtschafts-
ministerin in Nordrhein-Westfalen mache offensichtlich
bessere Politik als der FDP-Landwirtschaftsminister in
Rheinland-Pfalz.


(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wir müssen darüber also noch einmal diskutieren. Ich
habe Clement schon einmal gebeten, das checken zu las-
sen. Das ist der erste Punkt.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Sie kommen hier mit Zitaten der Landwirtschaft aus RheinlandPfalz! Fragen Sie einmal Ihre eigenen Bauern!)


Zweitens. Mittlerweile steht in fast jeder öffentlichen
Bauernveranstaltung, die ich mache – ja, ja, da werden Sie
plötzlich ganz aufgeregt –,


(Ulrich Heinrich [FDP]: Nein, ich bin ganz gelassen!)


ein Bauer auf und fragt: Was wäre eigentlich mit meiner
geplanten Windkraftanlage und mit meiner Biomasse-
anlage, wenn Rot-Grün nicht mehr regierte und das Er-
neuerbare-Energien-Gesetz nicht mehr umgesetzt würde?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Zurufe von der CDU/CSU)


Das ist doch die Diskussion. Die Bauern trauen sich mitt-
lerweile. Sie verlieren Ihre Klientel; denn die bessere
Landwirtschaftspolitik, die bessere Verbraucherschutzpo-
litik auch für die konventionell arbeitenden Landwirte
machen wir, macht Rot-Grün.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Ulrich Heinrich [FDP]: Sehr inhaltslos!)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1423901500
Ich erteile Kollegin
Kersten Naumann von der PDS-Fraktion das Wort.


Kersten Naumann (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1423901600
Herr Präsident! Meine Da-
men und Herren! Schätzt man die momentane Situation
im Verbraucherschutz ein, so bleibt das Fazit: Das Kapi-
tal ist herzlos und die Politik ist machtlos. Wieder sind die
Bauern – diesmal vorwiegend die Ökobauern – und die
Verbraucher die Leidtragenden; denn sie haben sich auf






(C)



(D)



(A)



(B)


die Sorgfaltspflicht aller am Herstellungsprozess Betei-
ligten, auf die Kontrolltätigkeit und die Verbraucher-
schutzpolitik im Bund und in den Ländern verlassen.

Wenn jeder Skandal immer wieder als Chance für mehr
Verbraucherschutz, für mehr Lebensmittelsicherheit ge-
sehen wird, fragt man sich: Wie viele Skandale muss es
denn noch geben, um endlich die Chancen begreifen zu
lernen?


(Beifall bei der PDS)

Wurde Dioxin als Chance für mehr Futtermittelsicherheit
begriffen? – Nein. Wurde Chloramphenicol als Chance
für mehr Lebensmittelsicherheit begriffen? – Nein. Wird
Nitrofen als Chance für mehr staatliche Kontrollen be-
griffen? – Nein.

Es bleiben weitere Fragen: Lagern möglicherweise
noch weitere verbotene Mittel in diversen Lagerstätten, wie
zum Beispiel das erst kürzlich verbotene Brestan? Wie aus-
reichend und sicher werden chemisch-synthetische Stoffe
überhaupt geprüft? Wie wird heute mit wissenschaftlich be-
gründeten kritischen Bedenken umgegangen und das Vor-
sorgeprinzip angewendet, wenn zum Beispiel das Bun-
desinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz die
Gefahren des in frittierten Chips und Pommes vorkom-
menden Acrylamids ähnlich hoch einschätzt wie Nitrofen?

Wie so oft ist die Pharmalobby erfolgreicher in Politik
und Wirtschaft und kommt bei Belastungen und Katastro-
phen durch ihre Produkte nicht für die Folgeschäden auf.
Ich denke, es muss schnellstens weit reichende Haf-
tungsregelungen, und zwar nicht nur eine Produkthaf-
tung, sondern auch eine Umwelthaftung geben, nicht nur
auf EU-Ebene, sondern weltweit.


(Beifall bei der PDS)

Warum benötigen wir Haftungsregelungen und stärkere
unhabhängige Kontrollen für eine höhere Lebensmittel-
sicherheit? – Weil Lebensmittelsicherheit gleichzeitig
Sicherheit für Mensch, Tier, Umwelt und Natur bedeutet.
Werden Lebensmittel sicher produziert, werden auch Fut-
termittel sicher produziert. Schließlich ist Lebensmittel-
sicherheit auch Sicherheit für den produzierenden Bau-
ern. Auch in der Agrarwirtschaft ist klar: Produziert und
gekauft wird nur das, wozu Vertrauen und Unbedenklich-
keit bestehen. Doch der Markt bei Nahrungsmitteln ist
mehr als störanfällig.

Jeder Skandal führt nicht nur dazu, dass die Landwirt-
schaft am Pranger steht und der anspruchsvolle Verbrau-
cher sensibel reagiert, sondern kostet den Steuerzahler
immense Summen. Der Gesamtschaden für die betroffe-
nen Landwirte aus dem Nitrofen-Skandal wird auf meh-
rere Millionen Euro geschätzt. Darin eingeschlossen sind
Kosten für das herdenweise Töten von Tieren, das Durch-
forsten und Kontrollieren gesamter Warenströme, das
Vernichten von Futter- und Lebensmitteln und nicht zu-
letzt für die Untersuchungen der Staatsanwaltschaften
und der Landeskriminalämter. Ja, meine Damen und Her-
ren, auch Lebensmittelsicherheit hat ihren Preis. Das er-
fordert erhöhte Haushaltsansätze und nicht die Ideologie
von einem schlanken Staat.

In Brandenburg sollen zum Beispiel die Kreislandwirt-
schaftsämter in allen Tierbetrieben einmal jährlich Futter-

mittelkontrollen durchführen. Aufgrund personeller und
finanzieller Engpässe werden jedoch nur circa 80 Prozent
tatsächlich überprüft. Laboruntersuchungen werden oh-
nehin nur bei Verdachtsfällen veranlasst, ansonsten be-
schränkt sich die Kontrolle darauf, zu schauen, welche
Futtermittel entsprechend der Deklaration verwendet
wurden.

Der Nitrofen-Skandal macht auch deutlich, dass
Selbstkontrollen eben nicht zur Selbstanzeige führen,
sondern eher zur Vertuschung. Erfolgversprechend und
die einzige Alternative sind hier nur unabhängige Kon-
trollen und eine sofortige Weiterleitung der Ergebnisse an
die zuständigen Behörden.


(Beifall bei der PDS)

Meine Damen und Herren, das auf Bundesebene

durchgeführte Lebensmittelmonitoring stellte schon
1998 bei 3,5 Prozent der rund 4 700 Proben Höchstmen-
gen überschreitende Werte fest. Bei Obstarten lag der An-
teil sogar zwischen 10 und 16 Prozent. In Thüringen hat
ein Monitoring im Jahre 2000 bei fast 9 Prozent der Pro-
ben die lebensmittelrechtlichen Anforderungen beanstan-
det; es handelte sich dabei um rund 1 500 Proben. Auch
die EU rügt Mängel in der deutschen Lebensmittelüber-
wachung und das Pestizid Aktions-Netzwerk Hamburg
hat ermittelt, dass in den Jahren von 1997 bis 2001 Rück-
stände von 119 verschiedenen Pestiziden bei amtlichen
Kontrollen entdeckt wurden. Darunter waren 61 akut gif-
tige, Krebs erregende und verbotene Mittel. Warum haben
hier nicht schon die Alarmglocken geläutet?

Dann liest man wiederum im Weißbuch für Lebensmit-
telsicherheit, die europäische Lebensmittelherstellungs-
kette zähle zu den weltweit sichersten und funktioniere im
Allgemeinen ganz gut. Die Schlussfolgerung lautet: im
Allgemeinen ganz gut, im Besonderen katastrophal.


(Beifall bei Abgeordneten der PDS)

Selbst das in der Europäischen Lebensmittelagentur auf-
zubauende Schnell- und Frühwarnsystem kann nicht
funktionieren, wenn in einer Nation, in einer Region oder
bloß in einem Unternehmen Informationen zurückgehal-
ten werden. Letztendlich muss es darum gehen, dass Bund
und Länder gemeinsam notwendige Voraussetzungen für
mehr Vorsorge schaffen.


(Beifall bei Abgeordneten der PDS)

Darüber ist auch im Zusammenhang mit der Gemein-
schaftsaufgabe und der PLANAK nachzudenken, zum
Beispiel durch eine anteilige Mitfinanzierung einer
Mehrgefahrenabsicherung durch Bund und Länder, damit
Landwirte nicht von heute auf morgen unverschuldet in
den Ruin getrieben werden. So ist bei den durch Nitrofen
betroffenen Landwirten überhaupt nicht klar, wer für den
materiellen und finanziellen Schaden aufkommt; denn die
Tierseuchenkasse zahlt in diesem Fall nicht.

Meine Damen und Herren, die vielgepriesene hoch-
wertige Qualität deutscher Lebensmittel, die die weltweit
höchsten Standards hätten, muss mittlerweile doch ange-
zweifelt werden. Sicherlich sind schnittfestes Wasser in
Kochschinken und Etikettenschwindel bei der Wurstzu-
sammensetzung noch keine Gefahr für die Gesundheit,




Kersten Naumann
23844


(C)



(D)



(A)



(B)


aber Betrug. Bei Separatorenfleisch, bei gentechnisch
kontaminiertem Saat- und Erntegut in ganz Europa oder
bei Dioxin wird es dann für die Gesundheit schon brisant.
Eines wird doch immer wieder deutlich: Die Pharma- und
Verarbeitungskonzerne schummeln, wo sie nur können.


(Peter Götz [CDU/CSU]: Wie bitte? So ein Quatsch!)


Welch Missbrauch beim Umgang mit Kapital betrieben
wird, zeigen die kartellhaften Preisabsprachen bei Vitamin-
zusätzen und die Preiskriege bei Lebensmitteln in Dis-
countern, aber auch die Angebote unter Einstandspreisen
oder die bis zu 10 Prozent überhöhten Verbraucherpreise
wie zum Beispiel bei Milch und Milchprodukten im letz-
ten Jahr. Das Skandalöse daran ist: Beim Erzeuger kommt
davon kein Pfennig mehr an. Im Gegenteil, gerade bei die-
sen Produkten gingen die Erzeugerpreise zur gleichen Zeit
um 10 bis 20 Prozent zurück. Das Allerschlimmste ist: Die
Liste nimmt kein Ende und sie wird auch kein Ende fin-
den. Denn kapitalistische Marktwirtschaft ist ausschließ-
lich profitorientiert und schafft unweigerlich Skandale.


(Beifall bei Abgeordneten der PDS – Zuruf der Abg. Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Das Sprichwort „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“
gilt jetzt nur noch in dem Sinne: Wo keine Kontrollen
sind, kann kein Vertrauen mehr sein.

Werte Kolleginnen und Kollegen, es hilft weder dem
Verbraucher noch dem Landwirt, wenn die Aufklärung
von Skandalen von Wahlkampfgetöse, wie vom Kolle-
gen Lippold gerade wieder praktiziert, überschattet wird.


(Susanne Kastner [SPD]: Das stimmt!)

Glauben Sie nicht, dass auch für Außenstehende leicht zu
durchschauen ist, wer sich für die Stärkung der Verbrau-
cherrechte einsetzt und wer aus wahltaktischen Gründen
das Verbraucherinformationsgesetz, das Absatzfonds-
gesetz, das Tierarzneimittelgesetz und die Neuorganisa-
tion des gesundheitlichen Verbraucherschutzes blockiert?
Die Taktierer verstricken sich in ihrem Rundumschlag in
Beschuldigungen und Verleumdungen, selbst wenn die
Verantwortung vor der eigenen Landestür liegt. Hier sei
nur an die Tragödie bei den BSE-Testlaboren gedacht.

Ich will Ihnen hier nur ein Paradebeispiel für kleinhir-
nige Kurzschlüsse präsentieren: Der Vorsitzende der
CSU-Landesgruppe im Bundestag, Michael Glos, sagte
einerseits, Künasts Methode sei es, von eigenem Versagen
dadurch abzulenken,


(Albert Deß [CDU/CSU]: Da hat er Recht!)

dass sie die Bauern diffamiere und Opfer zu Tätern ma-
che, und das sei ein unerträglich mieser Politikstil.


(Michael Glos [CDU/CSU]: Dazu stehe ich!)

Andererseits beeilt er sich, die Landwirte im Osten zu
beschuldigen, denn die wahren Ursachen liegen – ich
zitiere – „in den schlimmen Hinterlassenschaften der
kommunistischen Kolchos-Landwirtschaft“.


(Michael Glos [CDU/CSU]: Auch da ist etwas dran!)


Diese Taktik funktioniert vielleicht in einigen süd-
lichen Berggebieten unserer Republik; aber vielerorts
haben solche Äußerungen Empörung ausgelöst. Damit
dürfte wieder einmal eine Wahlkampfseifenblase der
CSU im ostdeutschen ländlichen Raum geplatzt sein.

Wenn ich mich jetzt auf Ihrem Niveau bewegen würde,
dann würde ich fragen: Wer war denn für die ordentliche
Abwicklung des Betriebes in Malchin verantwortlich?
Gab es da nicht eine Treuhand mit reinen Westimporten,
die diese Halle verkauft hat?


(Karsten Schönfeld [SPD]: Da hat sie Recht! Da hatten wir genug Glücksritter!)


Haben nicht Ihre westlichen Kollegen – aus reiner Ver-
gesslichkeit natürlich – das Gutachten über die Halle be-
schönigt oder gar vorsätzlich das Altlastenkataster nicht
richtig bedient? Schließlich ging es auch hier um bloße
Kapitalverwertung und schnelles Geld.

Fakt ist doch eines, Herr Glos: Diese so schlimme
Landwirtschaft im Osten hat nicht nur unser Volk eigen-
versorgt, Arbeitsplätze im ländlichen Raum geschaffen
und eine bessere Infrastruktur besessen, sondern auch die
Mäuler im Westen mit hochwertigen Rinderfilets und
Schweinesteaks gestopft.


(Dr. Norbert Wieczorek [SPD]: Besonders in Bayern!)


Die Landwirtschaft im Osten ist heute erfolgreich
und wettbewerbsfähig und handelt mit Lehrlingsausbil-
dung und Engagement in den ländlichen Räumen sozial
verantwortlich.


(Beifall bei der PDS)

Dafür darf sie dann noch die Altschulden tragen.

Die PDS-Fraktion fordert, nicht nur den Nitrofen-
Skandal auch unter Einbeziehung weiterer verbotener
Mittel lückenlos aufzuklären. Vor allem muss endlich
mit allen beteiligten Verbänden, Unternehmen und Be-
hörden ein wirksames System der Futter- und Lebens-
mittelkontrolle geschaffen werden. Das schließt eine
lückenlose Dokumentation zur schnellen Rückverfolg-
barkeit ein.

Die heutige Regierungserklärung hatte das Thema:
„Vorrang des Verbraucherschutzes notwendiger denn je –
für ein neues Denken und Handeln“.


(Albert Deß [CDU/CSU]: Bei jedem Skandal muss die Ministerin neu denken!)


Zum Denken und Handeln hier noch eine Lebensweisheit
von Mahatma Gandhi: „Die Erde hat genug für die Be-
dürfnisse eines jeden Menschen, aber nicht für seine Gier.“

Danke schön.

(Beifall bei der PDS)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1423901700
Ich erteile das Wort
dem Kollegen Heino Wiese, SPD-Fraktion.


Heino Wiese (SPD):
Rede ID: ID1423901800
Herr Präsident!
Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Frau Naumann, Sie




Kersten Naumann

23845


(C)



(D)



(A)



(B)


haben eben von Verbrauchersicherheit und Transparenz
gesprochen. Zum ehemaligen System der DDR haben Sie
in diesem Zusammenhang nichts gesagt. Ich glaube,
Transparenz war dort kein auszeichnendes Merkmal. In-
sofern ist das nichts, was im Kapitalismus oder Sozia-
lismus anders gelten würde.


(Albert Deß [CDU/CSU]: Da hat er Recht, der Heino Wiese!)


In der letzten Woche hat Herr Sonnleitner versucht – er
versucht es auch jetzt noch –, uns weiszumachen, dass es
bei den Verunreinigungen durch Nitrofen um einen Skan-
dal des ökologischen Landbaus gehe. Es geht aber nicht
um den Ökolandbau und auch nicht um die konven-
tionelle Landwirtschaft. Das Problem sind sicherlich
auch die noch mangelnden Kontrollverfahren, aber im
Wesentlichen sind es kriminelle Verstöße gegen gelten-
des Recht.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Der Nitrofen-Skandal ist das Resultat verantwor-
tungslosen Wirtschaftens. Aber wer sind denn die, die da
so verantwortungslos wirtschaften? Es sind eben nicht
die Landwirte, die aus Überzeugung und in Verantwor-
tung gegenüber Müttern und Kindern ökologisch oder
nachhaltig produzieren. Es sind diejenigen, die schon
immer Geschäfte mit Futtermitteln gemacht haben,
mal mit Tiermehl, mal mit gentechnisch verändertem
Soja, und die jetzt mit der Sparte Biofutter einen neu-
en Nebenverdienst und ein neues Nebengeschäft mit-
nehmen.

Es geht an dieser Stelle um die Firma GS agri. Die
GS agri ist nicht unbedingt eine Versammlung von Öko-
bauern. Ich wette, dass 80 Prozent der Besitzer dieses Un-
ternehmens dem Bauernverband und gleichzeitig der
niedersächsischen CDU angehören.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Zuruf von der SPD: Sehr interessant!)


Wahrscheinlich hört man deshalb auch nichts von Herrn
Niemeyer zu dieser Sache.


(Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/ CSU]: Er hat sich doch dazu geäußert!)


– Wo? Ich habe nichts gelesen.

(Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Aber Heino!)

Alle, die mich kennen, wissen, dass ich längst nicht

alles toll finde, was Frau Künast macht. Aber ich finde es
im hohen Maße bewundernswert und anerkennenswert,
wie sich Frau Künast einsetzt, um die Lebensmittel für die
Verbraucherinnen und Verbraucher sicherer zu machen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Ulrich Heinrich [FDP]: Im Zeugnis steht: „Sie hat sich immer bemüht“!)


Frau Künast hat es dabei mit mächtigen und – Herr
Heinrich, dazu könnten Sie sich vielleicht auch zählen –
gut organisierten Gegnern zu tun, die zwar behaupten, sie
wollten alles transparenter machen, deren Hauptinteresse

aber darin besteht, alles zu vertuschen und so weiterzu-
machen wie bisher.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Herr Sonnleitner beklagt sich im Moment über man-
gelnde Kontrollen. Andererseits ist er gegen das Verbrau-
cherinformationsgesetz und beschwert sich diesbezüglich
über bürokratische und wettbewerbsverzerrende Schika-
nen. Das ist Heuchelei und keine seriöse Handlungsweise.

Das gilt übrigens auch für einige Behördenvertreter.
Ein paar Spitzenbeamte haben augenscheinlich das Gefühl,
es könne ihnen ja ohnehin nichts passieren, Frau Künast
solle sich doch weiter abstrampeln wie bisher. Ich finde,
diese Spitzenbeamten, die mehr als 5 000 Euro im Monat
verdienen, müssten sich stärker für ihr Tun verantworten.
Wenn sie nicht mitmachen wollen, müssen sie gehen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Albert Deß [CDU/CSU]: Frau Künast schickt ja zurzeit die falschen Beamten weg!)


Ich finde, Herr Honikel darf sich nicht so einfach aus der
Verantwortung stehlen und darauf verweisen, es gebe
noch keine eindeutige Informationspflicht der Kontroll-
stellen gegenüber den zuständigen Behörden.


Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1423901900
Kollege Wiese, ge-
statten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Heinrich?


Heino Wiese (SPD):
Rede ID: ID1423902000
Ja.

(Zuruf von der SPD: Aber fragen!)



Ulrich Heinrich (FDP):
Rede ID: ID1423902100
Es ist ein bemerkenswerter
Vorgang, dass Sie als Koalitionspartner fordern, bei Spit-
zenbeamten aus dem Ministerium


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir sind Abgeordnete!)


oder aus nachgelagerten Behörden wären Konsequenzen
zu ziehen. Ich frage Sie: Können Sie uns die Namen der-
jenigen nennen, die Ihrer Meinung nach versagt haben?
Es ist ja wohl ungeheuerlich, was Sie hier sagen.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dr. Klaus W. Lippold [Offenbach] [CDU/CSU]: Verdächtigen und dann Mund halten!)



Heino Wiese (SPD):
Rede ID: ID1423902200
Diese Art der Argu-
mentation ist wieder typisch. Es geht darum, ungeheuer-
liche Vorgänge zu beschreiben. Wir versuchen, etwas auf-
zuklären und Verantwortung festzumachen.


(Dr. Klaus W. Lippold [Offenbach] [CDU/CSU]: Dann mit Namen!)


– Ich rede gleich über Herrn Honikel.

(Ulrich Heinrich [FDP]: Sie regieren doch!)


Diese Beamten – auch das müssen wir sehen – sagen sich
zum Teil aufgrund der etwas schlechteren Umfrageergeb-




Heino Wiese (Hannover)

23846


(C)



(D)



(A)



(B)


nisse: Es ändert sich ja vielleicht demnächst wieder, also
brauchen wir gar nichts zu tun, wir sind dann wieder auf
der richtigen Seite. Dazu sage ich: Diese Beamten dürfen
in Zukunft nicht mehr ohne Sanktionen davon kommen.
Da bin ich mir ganz sicher.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Ulrich Heinrich [FDP]: Sie regieren doch!)


Ich finde, Herr Honikel darf sich nicht aus der Verantwor-
tung stehlen. Ein derartig hoch bezahlter Beamter muss von
sich aus Verantwortung für die Gesundheit von Verbrau-
cherinnen und Verbrauchern übernehmen. Deshalb hätte er
– wie übrigens schon beim BSE-Skandal, als er auch gesagt
hat, er habe nicht so genau gewusst, dass er das weiterge-
ben müsse – bei der Entdeckung des Nitrofen selbst aktiv
werden müssen. Es geht schließlich darum, dass ein un-
zulässiger Stoff, ein Pflanzenschutzmittel, in einer Kon-
zentration, die um das 600fache über dem Höchstwert liegt,
im Fleisch entdeckt wurde, und zwar zuerst in Babynah-
rung. Es ist wirklich unglaublich, dass der Leiter der Bun-
desanstalt für Fleischforschung in einem solchen Fall nicht
eigenverantwortlich handelt. Man fragt sich manchmal, ob
in Deutschland alles per Gesetz geregelt werden muss,


(Ulrich Heinrich [FDP]: Was haben Sie denn für eine Ministerin in Ihrer Koalition?)


nur weil bei einigen Leuten offenbar der gesunde Men-
schenverstand nicht funktioniert.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Der redet sich um Kopf und Kragen!)


Natürlich wird dieser Skandal auch dazu benutzt, die
Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung, insbeson-
dere bei dem Ziel, den ökologischen Landbau zu för-
dern, anzugreifen. Ein Skandal wie dieser zeigt doch ganz
deutlich das verstärkte Interesse der Verbraucherinnen
und Verbraucher an Nahrungsmitteln, die nicht mit Pflan-
zenschutzmitteln behandelt wurden. Die Einführung des
Biosiegels war ein Schritt in die richtige Richtung. Jetzt
müssen wir handeln.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Da sieht man, was das für ein Regierungshandeln ist! Das ist vielleicht ein Laden!)


– Herr Heinrich, ich bin nicht Regierung. Ich bin Abge-
ordneter des Parlaments.


(Zuruf von der CDU/CSU: Da hat er Recht!)

Ich stütze die Regierung, und zwar ganz ausdrücklich.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Sie stimmen immer dem Unsinn zu, den die Regierung hier vorlegt!)


– Das, was Sie „Unsinn“ nennen, ist der Sinn, den wir ha-
ben. Wir wollen etwas verändern. Sie wollen nur etwas
verhindern; das ist Ihr einziges Interesse.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Die Einführung des Biosiegels war ein Schritt in die
richtige Richtung. Jetzt müssen wir handeln, damit durch
die Verfehlungen einiger weniger nicht die ganze Branche
in Misskredit gebracht wird.

Um das Verbrauchervertrauen zurückzugewinnen,
muss nun erreicht werden, dass ein Monitoringprogramm
für Pflanzenschutzmittel und Altstoffe in Lebensmitteln
sowie Futtermitteln eingerichtet wird, dass die Informa-
tionspflicht der Kontrollstellen gegenüber den zuständigen
Behörden der Länder neu geordnet wird, die Kontroll-
stellen stärker vernetzt werden und die Nahrungsmittel-
kette offen gelegt wird. Viele dieser Forderungen, die ich
jetzt stelle, wären bereits seit einiger Zeit gesetzlich gere-
gelt, wenn sich die Opposition nicht gegen unsere Geset-
zesvorhaben gesperrt hätte. Mit dem Ökolandbaugesetz,
dem Neuorganisationsgesetz und dem Verbraucherinfor-
mationsgesetz können in Zukunft kriminelle Machen-
schaften nicht lange unbeachtet bleiben.

Ich wünsche mir im Interesse der Gesundheit unserer
Kinder, dass wir auch künftig die Landwirtschaftspolitik
in diesem Lande gestalten. Ich wünsche mir, dass Frau
Künast auch in der nächsten Bundesregierung das Land-
wirtschaftsressort übernimmt.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Das sage ich ausdrücklich, obwohl ich der SPD natürlich
zutraue, die Wahlen alleine zu gewinnen.


(Lachen bei der CDU/CSU und der FDP – Ulrich Heinrich [FDP]: Da lacht sogar der Präsident!)


Aber wenn wir denn eine Koalition eingehen müssen, so
ist die Koalition mit den Grünen die Koalition, die uns mit
Abstand am besten gefällt.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Der Nitrofen-Skandal ist einer von vielen Skandalen,
die immer wieder – wenn auch selten – hochkommen. Wir
alle müssen sehr genau hinschauen, was passiert.


(Elke Wülfing [CDU/CSU]: Was habt ihr bei BSE gemacht?)


– Es wird gerufen: Was habt ihr bei BSE gemacht? Wir ha-
ben Dinge in Gang gebracht, die Sie bis zum letzten Mo-
ment zu verhindern versucht haben. Als wir angekündigt
hatten, etwas zu unternehmen, haben die CDU/CSU und
Herr Heinrich noch im Ausschuss gesagt,


(Elke Wülfing [CDU/CSU]: Hunderttausende von Landwirten haben Sie in Existenznot gestürzt!)


wir würden die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft
in Deutschland behindern und die Landwirtschaft nach-
haltig schädigen.


(Albert Deß [CDU/CSU]: Selbst der ehemalige Minister Funke sagt das! Das ist doch nach wie vor ein Parteifreund!)


– Sie sind diejenigen gewesen, die verhindern wollten, dass
wir zum Beispiel die Verfütterung von Tiermehl verbieten.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Unsinn, was Sie da erzählen! – Zurufe von der CDU/CSU: Was? – Das stimmt nicht!)


– Sie können sämtliche Protokolle darüber nachlesen.




Heino Wiese (Hannover)


23847


(C)



(D)



(A)



(B)


Mein Fazit ist: Wir müssen in Zukunft viel stärker da-
rauf achten, dass die Politik die Abläufe der Landwirt-
schaftsindustrie kontrolliert. Auch sage ich: Die Futter-
mittelindustrie ist ein Teil der Landwirtschaft. Der
Landwirt kann sich nicht damit herausreden, dass er,
wenn er Futtermittel verfüttert, mit dem Inhalt des Futters
nichts zu tun hat. Auch der Landwirt muss darauf achten,
wie sich sein Futter zusammensetzt. Das gilt sowohl für
Tiermehl als auch für andere Zusätze.

Ich fordere alle auf, verantwortlich an diesem Thema
mitzuarbeiten und sich im Interesse der Verbraucherinnen
und Verbraucher gegen kriminelle Machenschaften zu
wehren.

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der PDS)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1423902300
Ich erteile dem Staats-
minister des Landes Bayern, Eberhard Sinner, das Wort.


(Gustav Herzog [SPD]: Jetzt kommt der Chefaufklärer!)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423902400
Herr Prä-
sident! Meine Damen und Herren! Herr Kollege Wiese,
Sie haben am Schluss Ihrer Rede den Wunsch geäußert,
dass Ministerin Künast auch in der nächsten Legislatur-
periode Landwirtschaftsministerin sein solle.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Gott sei Dank gehen nicht alle Wünsche in Erfüllung!
Frau Kollegin Künast, ich setze mich natürlich gerne

mit Ihnen auseinander. Sie haben ein Feindbild. Es heißt
Bayern.


(Jella Teuchner [SPD]: So ein Quatsch! – Gustav Herzog [SPD]: Wir lieben die Bayern, aber nicht die CSU!)


Doch Bayern entspricht nicht Ihrem Vorurteil. Ich zitiere
aus der „Zeit“ Nr. 4 aus dem Jahre 2002:

Nirgendwo in Deutschland
– so schreibt die „Zeit“ –

werden Biobauern dauerhaft so großzügig honoriert
wie ausgerechnet in dem reichen CSU-regierten
Bundesland.

(Ulrich Heinrich [FDP]: Die können es sich leisten!)

Nur bemühen die Bayern dafür nicht das Etikett
„Agrarwende“.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Das heißt, wir tun das Richtige, ohne ständig die ande-

ren, die konventionell wirtschaften, zu prügeln und ohne
eine ideologische Agrarpolitik zu betreiben, die die einen
privilegiert und die anderen diskriminiert. Dies ist der
falsche Ansatz Ihrer Agrarpolitik.


(Beifall bei der CDU/CSU)


Frau Kollegin Künast, Sie haben aus einem Be-
richt über Pflanzenschutzmittel zitiert, der sich auf das
Jahr 2000 bezieht und heuer im Frühjahr veröffentlicht
wurde. Dazu sage ich Ihnen: Wir haben schon vor Er-
scheinen des Berichts reagiert, indem wir ein neues
Ministerium und 500 neue Stellen geschaffen haben. Wir
haben die Mängel, die dort beschrieben werden, abge-
stellt.

Zu den behaupteten Mängeln möchte ich sehr deutlich
machen, dass die Lebensmittel bei Höchstmengenüber-
schreitungen natürlich aus dem Verkehr gezogen werden.
Sie haben das Thema Grenzwerte angesprochen. Des-
halb sage ich Ihnen: Wenn ein Lebensmittel erst nach
einer 500- bis 1 000fachen Überschreitung des Grenz-
wertes gesundheitsgefährdend ist, bedeutet das, dass die
Grenzwerte im Sinne der Vorsorge des Verbrauchers rich-
tig gesetzt sind.

Wir ziehen schon bei einem Tausendstel der gesund-
heitsgefährdenden Menge die Lebensmittel aus dem Ver-
kehr, das heißt, bevor sie gesundheitsgefährdend werden.
Das ist doch der Punkt. Die Grenzwerte sind wirksam. Das
bedeutet aber auch, dass sie eingehalten werden müssen.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Meine Damen und Herren, Sie wollen heute ablenken,

indem Sie den Splitter in Bayern statt den Balken in den
eigenen rot-grünen Augen suchen.


(Kersten Naumann [PDS]: Das ist kein Splitter, das ist ein Balken!)


Ich frage mich nur: Was wäre hier los, wenn sich der
Nitrofen-Skandal in Bayern und Baden-Württemberg ab-
spielen würde? Da würde hier was geboten.

Ich wundere mich, dass Frau Künast jeden Tag neue
Meldungen produziert. Ich habe einen Artikel der „Berli-
ner Zeitung“ vom 6. Juni vorliegen. Da heißt es in der
Überschrift:

Künast befürchtet Ausweitung des Ökoskandals
Weit mehr vergiftete Lebensmittel im Umlauf

(Steffi Lemke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie können ruhig Bundesministerin dazu sagen oder wenigstens Frau, sonst sind Sie unhöflich!)


Im dritten Absatz heißt es:
Dennoch hält Künast die Gefahr für die Verbraucher
aber für weitgehend gebannt.

So schnell sind wir in einem Artikel nicht.
Der Nitrofen-Skandal ist keineswegs aufgearbeitet und

er ist keineswegs aufgeklärt. Das steht im Gegensatz zu
Ihrer Behauptung vom vergangenen Samstag um 17 Uhr.
Da gab es eine hektische Pressekonferenz, in der Sie er-
klärten, alles sei aufgeklärt. Nichts ist aufgeklärt. Sie ver-
teilen hier Beruhigungspillen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Ich sage in aller Deutlichkeit: Das Verbraucherinfor-
mationsgesetz hätte das nicht verhindert. Wir stimmen




Heino Wiese (Hannover)

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keinem Gesetz zu, das nach sechs Wochen den nächsten
Skandal ermöglicht. Wenn wir ein Gesetz verabschieden,
dann soll es auch wirksam sein, damit Skandale verhin-
dert werden.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Dazu haben wir im Bundesrat entsprechende Anträge ge-
stellt.


(Susanne Kastner [SPD]: Auf die Idee sind schon andere vor Ihnen gekommen, Herr Sinner!)


Gestern wurde in einer Vorbesprechung zum Vermitt-
lungsausschuss diskutiert. Ich frage Sie: Wer hat denn den
Vermittlungsausschuss angerufen? Das war doch die
Bundesregierung, nicht wir. Dann legen Sie auch die Vor-
schläge vor und warten nicht, bis wir sie machen.


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ach nee! Wer hat denn das Gesetz abgelehnt? Wo waren denn Ihre Vorschläge?)


Das ist nämlich Ihre Aufgabe, wenn Sie den Vermitt-
lungsausschuss anrufen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Frau Kollegin Höhn, Sie haben gesagt, der Verbrau-
cher möchte wissen, was in der Wurst ist. Das ist rich-
tig, Frau Höhn. Sie bieten ihm im Verbraucherinforma-
tionsgesetz folgenden Weg an: Der Bürger darf einen
schriftlichen Antrag bei der zuständigen Behörde stel-
len, dann bekommt er spätestens nach acht Wochen mit-
geteilt,


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ihre Mühlen mahlen aber langsam!)


was in der Wurst enthalten ist. Anschließend erhält er von
der zuständigen Behörde noch eine Rechnung, weil die
Untersuchungen möglicherweise etwas gekostet haben.
Soll das die Verbraucherinformation sein, die Sie für rich-
tig halten? Das ist nicht unsere Art der Verbraucherinfor-
mation.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP – Steffi Lemke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie wollen überhaupt keine Information! – Ulrich Heinrich [FDP]: Da stinkt die Wurst schon!)


Es ist richtig, dass im Lebensmittelrecht einiges geän-
dert werden muss. Dabei müssen wir auf der europäischen
Ebene anfangen. Im Weißbuch Lebensmittelsicherheit
sind 87 Vorschläge enthalten; die müssen umgesetzt wer-
den. Ebenso muss das Kennzeichnungsrecht auf europä-
ischer Ebene geändert werden; denn der Verbraucher will
auf dem Etikett sehen, was in der Wurst ist und nicht erst
an eine Behörde verwiesen werden. Das ist unser Alter-
nativvorschlag. Diesen Alternativvorschlag müssen wir
auf der europäischen Ebene durchsetzen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


Wenn ich die Reaktion der Bundesregierung betrachte,
halte ich die Art, wie Sie mit dem ökologischen Landbau

umgehen, für besonders bedenklich. Sie machen hier Pro-
paganda für ein Gütesiegel „Öko-light“.


(Susanne Kastner [SPD]: Das haben Sie in Bayern auch gemacht! Das bayerische ÖkoSiegel ist ganz schön in Misskredit geraten!)


Mit diesem Gütesiegel machen Sie es denjenigen leicht,
die manipulieren wollen, und denjenigen schwer, die kon-
trollieren wollen.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Sie sagen, Sie brauchen dazu ein Amt für Risikoana-

lyse. Ich lese Ihnen aus der „Zeit“ Nr. 24 von 2002 vor,
wo die Risiken liegen. Die Journalisten können das ohne
ein Amt für Risikoanalyse erkennen. Man muss nur sei-
nen gesunden Menschenverstand einsetzen, dann kann
man das erkennen. Das Risiko ist das Etikett. Sie fördern
einen minderen Standard, der in Europa gültig ist, und dis-
kriminieren damit Bioland, Naturland und Demeter, die
ursprünglich den ökologischen Landbau betrieben haben.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Sie fördern eine riskante Produktion. Die „Zeit“

schreibt:
Durch ihr schnelles Wachstum gerät die Biobranche
in eine gefährliche Abhängigkeit von Futtermittel-
herstellern und Verarbeitungsbetrieben.

Genau das, was Sie beklagen, fördern Sie, weil es Ihnen
um die Quote von 20 Prozent und nicht um die Qualität
geht. Das steht im Gegensatz zu dem Motto, mit dem Sie
angetreten sind. Anstatt „Klasse statt Masse“ heißt es
„Masse statt Klasse“. Das ist die Tatsache.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Es wird ferner die Futterfalle beschrieben. Dazu

braucht man kein Bundesamt für Risikoanalyse. Außer-
dem werden der brutale Preisdruck und das Märchen vom
Pflanzenschutz beschrieben. Die Behauptung, Ökoland-
wirte würden keine Pflanzenschutzmittel einsetzen, ist
totaler Quatsch. Das sagt Stefan Kühne, Leiter des Fach-
bereiches ökologischer Landbau der Biologischen Bun-
desanstalt für Land- und Forstwirtschaft. Das ist eine
Behörde, die zu Ihrem Zuständigkeitsbereich gehört.

Wenn man ein solches Siegel einführt und die
Schwach- und Risikostellen kennt, dann muss man im
Interesse des Verbraucherschutzes diese Schwachstellen
abstellen, bevor man für das Siegel wirbt. Sonst betreibt
man keine Verbraucherinformation, sondern Verbraucher-
täuschung – und das noch mit Steuergeldern. Das ist der
eigentliche Skandal.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Wir müssen im Bereich Landwirtschaft einiges verbes-

sern. Es ist ein Unding – das zeigt der Nitrofen-Skandal –,
dass trotz des bei Behörden verschiedener Bundesländer
und bei Bundesbehörden vorhandenen Wissens nicht ge-
handelt wird. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Bun-
desanstalt für Fleischforschung in Kulmbach zum Deut-
schen Raiffeisenverband gehört.

Sie setzen auf das Verbraucherinformationsgesetz und
wollen schon bei vagen Verdachtsmomenten informieren




Staatsminister Eberhard Sinner

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(C)



(D)



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(B)


können. Frau Kollegin Höhn, wenn Sie hätten informieren
wollen, dann hätten Sie das tun können. Sie hätten Be-
triebe nennen können, aus denen kontaminierte Schweine-
hälften nach Bayern gelangt sind. Ich könnte zwar die Lis-
ten, die ich habe, veröffentlichen. Aber was nutzt es?
Warum soll ich einen Metzger in Landshut, der nichts für
diesen Skandal kann, durch eine Veröffentlichung schädi-
gen, nur weil jemand in Malchin geschlampt hat? Meck-
lenburg-Vorpommern ist ein herrliches Land – ich war
dort vor kurzem im Urlaub –; es hätte allerdings eine bes-
sere Regierung verdient.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Anstatt über vage Verdachtsmomente zu informieren,

wäre es angesichts des konkreten Wissens Ihre Verpflich-
tung gewesen, Frau Kollegin Künast, zu handeln, die Wa-
ren vom Markt zu nehmen, die Behörden zu informieren
sowie die Verbraucher zu schützen und nicht zu verwirren.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Frau Kollegin Künast, Sie inszenieren sich als Racheen-

gel der Verbraucher. Nach einem Jahr stellen wir fest: Die
Flügel fehlen Ihnen und Ihr Schwert ist stumpf. Allein mit
„Halleluja, Bio!“-Singen wird die Welt nicht besser. Das
heißt, wir brauchen konkrete Maßnahmen und eine Ver-
netzung der Arbeit in Bund und Ländern. Wir brauchen
nicht ständig Belehrungen vonseiten der Bundesebene. Wir
wollen zusammenarbeiten, um die Probleme zu lösen.


(Matthias Weisheit [SPD]: Was?)

Dazu brauchen wir Offenheit und Transparenz. Lesen Sie
dazu unsere Anträge, die wir im Bundesrat eingebracht
haben!

Es darf nicht eine Situation geben, in der es durch
Wahlkampfgetöse erschwert wird, Probleme zu lösen.
Wir müssen vielmehr versuchen – das biete ich als Ge-
sundheitsminister von Bayern allen Kolleginnen und Kol-
legen aus den anderen Ländern an –, gemeinsamen zu
handeln. Es geht darum, Probleme gemeinsam zu lösen.
Das kann nur durch gegenseitige Unterstützung und In-
formation erreicht werden. Der Verbraucher kann von uns
erwarten, dass wir uns im Wahlkampf nicht gegenseitig
die Köpfe einschlagen. Dadurch werden die Probleme
nämlich nicht gelöst.

Packen wir es also gemeinsam an, damit der Verbrau-
cher in Zukunft sichere Nahrungsmittel bekommt!

Danke schön.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. h.c. Wolfgang Thierse (SPD):
Rede ID: ID1423902500
Das Wort hat nun die
Kollegin Ulrike Höfken von der Fraktion des Bündnis-
ses 90/Die Grünen.


Ulrike Höfken-Deipenbrock (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423902600
Sehr
geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kolle-
gen! Es verwundert niemanden, wenn ich jetzt auf meine
Vorredner, Herrn Lippold, Herrn Heinrich und unseren
König ohne Land, Herrn Sinner, eingehe.

Es ist ganz interessant, dass man in diesen Beiträgen al-
les Mögliche hört. Es fällt aber kein Wort zu den Ursa-

chen. Genau das prägt Ihre Debatte; das finde ich über-
haupt nicht akzeptabel. Die Tatsache, dass Sie Dreck am
Stecken haben, prägt diese Debatte.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Erzählen Sie uns Ihr Wissen!)


Parteimitglieder von CDU, CSU und FDP sitzen in den
Aufsichtsräten dieser Organisationen und dieser Genossen-
schaften, die die Probleme hier verursachen. Diese Blocka-
depolitik in Sachen Verbraucherschutz, diese Strategie der
Verhinderung von Reformen in der Agrarpolitik und von
Ökolandbau hat dazu geführt, dieses Verschwiegenheits-
kartell aufzubauen und auch jetzt noch zu verteidigen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Ulrich Heinrich [FDP]: Sagen Sie uns doch mal, wer die Verursacher sind!)


– Darauf komme ich noch, Herr Heinrich.
16 Jahre Politik von CDU/CSU und FDP– bei der FDP

sogar noch viel länger – hat genau diese Steilvorlagen für
kriminelles Handeln zulasten der Verbraucher und der Be-
triebe gegeben. Seit Amtsantritt der rot-grünen Regierung
gibt es ein neues Kapitel im Verbraucherschutz. Seit Ein-
richtung des Verbraucherschutzministeriums vor einein-
halb Jahren haben wir ein Gesetz nach dem anderen ver-
abschiedet, wenn auch zu 99 Prozent gegen die Stimmen
von CDU/CSU und FDP. Das Tiermehlverfütterungsver-
bot ist erst nach äußerstem Druck zustande gekommen.
Risikomaterialentfernung, BSE-Tests, die Maßnahmen in
der Forschung,


(Ulrich Heinrich [FDP]: Das war doch völlig unumstritten!)


das Biosiegel und QS – das alles ist doch nicht unter Ihrer
Regierung zustande gekommen.


(Albert Deß [CDU/CSU]: Das Gütezeichen gab es zu unserer Regierungszeit! Da haben wir mehr gefordert als ihr!)


Die Verschärfung der Strafen, das neue Tierarzneimittelge-
setz sind gegen Ihre Stimmen beschlossen worden. Auch
haben wir endlich Maßnahmen gegen antibiotische Leis-
tungsförderer ergriffen. Das Neuorganisationsgesetz war
dringend notwendig, um die Kontrollen und das Risikoma-
nagement effizient werden zu lassen. Des Weiteren erinnere
ich an das Ökolandbaugesetz sowie an Verbesserungen bei
der Ernährungsaufklärung und -information. Die Melde-
pflicht im Bereich der Lebensmittelunternehmen, Frau Wid-
mann-Mauz, hatten wir schon beschlossen, als Sie sie bean-
tragt haben. Da sind Sie ein bisschen zu spät gekommen.
Daher brauchten wir Ihren Antrag auch nicht anzunehmen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


All diese Maßnahmen sind erst durch die rot-grüne Bun-
desregierung und unter Renate Künast zustande gekom-
men. Das spricht doch deutliche Worte.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Den vernünftigen Gesetzen haben wir zugestimmt, Frau Höfken!)


Sie haben gesagt, die Lebensmittel müssten billig sein,
und auf die Tränendrüse gedrückt. Wer muss denn diese




Staatsminister Eberhard Sinner
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(D)



(A)



(B)


Skandale bezahlen? Sie sind ein Resultat alter billiger Po-
litik. Wir wollen keine billige Politik. Wir wollen preis-
werte Lebensmittel. Vor allem aber arbeiten wir mit Nach-
druck daran, dass sich künftig solche Skandale nicht mehr
wiederholen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Wer den Teppich hochhebt, den Dreck sieht und sich da-
ran macht, ihn aufzukehren, macht sich nun einmal die
Finger schmutzig. Das kann uns aber nicht davon abhal-
ten, den alten Dreck aufzukehren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Franz Obermeier [CDU/CSU]: Wer sind denn jetzt die Verursacher?)


Zum Verbraucherinformationsgesetz haben wir gestern
eine schwache Vorstellung von Ihnen erlebt. Man sagte,
man wolle natürlich irgendwie die Verbraucher schützen. Es
macht sich ja auch schlecht, wenn man in der Öffentlichkeit
etwas anderes gesagt hätte. Aber man legte keine eigenen
Vorschläge dazu vor. Erst hieß es, man müsse die Welt ver-
ändern, wozu auch Rot-Grün beitragen solle, und dann
wurde es ganz abenteuerlich: Frau Widmann-Mauz schlug
vor, dass die Hersteller auf die Wurst schreiben sollten, was
in ihr ist. Auch Herr Sinner hat das gerade gefordert.


(Albert Deß [CDU/CSU]: Das machen zum Beispiel die Amerikaner!)


Aber wer wird denn darauf schreiben, dass er gegen das
Lebensmittelrecht verstoßen habe? Uns geht es darum,
genau die Unternehmen identifizieren zu können, die ge-
gen Recht und Gesetz verstoßen, und den Verbraucher-
organisationen und der Presse die Möglichkeit zu geben,
solche Verstöße veröffentlichen zu können.


(Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/ CSU]: Wenn jemand dagegen verstößt, dann kann man das auch heute schon! Wo lebst du denn?)


Das war neben dem, was Ministerin Höhn eben aufgeführt
hat, der Sinn des Verbraucherinformationsgesetzes.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Wir wollen Ross und Reiter benennen und gerade da-
mit die vielen seriösen Betriebe schützen. Genau das ver-
hindern Sie. Deshalb machen wir Ihnen den Vorwurf, dass
Sie sich auf die Seite derer stellen, die etwas zu verbergen
haben und deswegen Verschwiegenheit verlangen.


(Franz Obermeier [CDU/CSU]: Wer sind denn jetzt die Verursacher?)


Unglaublich ist auch, Herr Sinner und Herr Lippold,
dass Sie das Wachstum des Biomarktes beklagen. Es ist
ohnehin pervers, das Wachstum einer Branche zu bekla-
gen. Im Übrigen hätte das Biosiegel in der Form, wie Sie
es gewollt hatten, überhaupt nichts geändert. Das sind ja
zertifizierte Naturlandbetriebe. Daher ist diese Diskus-
sion absurd. Das Biosiegel ist so, wie es ist, in Ordnung.
Aber Sie beklagen das Wachstum der Biobranche und be-
klagen darüber hinaus, dass jetzt konventionelle Betriebe

dem Ökolandbau beiträten, die jetzt die schwarzen Schafe
seien. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen
lassen. Sie sagen also, in dem Moment, in dem konven-
tionell wirtschaftende Betriebe dazukommen, fänden die
Skandale im Ökolandbau statt. Was ist das für eine Stra-
tegie?

Erstens. Wir wollen, dass die Gesundheit von Men-
schen weder im konventionellen Bereich noch im Ökobe-
reich beeinträchtigt wird. Das gilt gerade für den Nitro-
fen-Skandal.

Zweitens. Wir unterstützen es, wenn konventionelle
Betriebe dazukommen. Wir möchten mit diesen Miss-
ständen sowohl in der konventionellen als auch in der
Ökolandwirtschaft konsequent aufräumen.


(V o r s i t z: Vizepräsidentin Dr. Antje Vollmer)


Ich komme noch einmal zu den Verursachern. Das Dra-
matische hierbei ist doch – das erbittert mich auch in
höchstem Ausmaß –, dass hier Menschen durch den Ein-
satz von Nitrofen vorsätzlich gefährdet worden sind.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Sie kennen doch die Verursacher! Nennen Sie sie doch!)


Die Missstände in dieser Lagerhalle stellen ein vorsätzli-
ches und fahrlässiges Vorgehen dar. Die Nitrofenbelastung
gefährdet in hohem Maße beispielsweise das werdende
Leben. Nitrofen ist aufgrund von Arbeitsschutzbestim-
mungen nicht mehr zugelassen. Bereits mit dieser Praxis
der Nutzung einer solchen Lagerhalle liegt also eine ein-
deutig kriminelle Handlung vor. In dem Moment, als die
Erkenntnisse vorlagen, fing der eigentliche Skandal an.
Und man kann nur sagen, es ist ein Glück, dass es sich in
diesem Fall um ein Ökoprodukt handelte, denn nur deshalb
ist dieser Missstand entdeckt worden.


(Lachen bei der CDU/CSU – Albert Deß [CDU/CSU]: Sie wären froh gewesen, wenn es im anderen Bereich gewesen wäre!)


Das war spätestens am 10. April aufgrund der Nachfor-
schungen der Versicherung R+V bekannt. Zu diesem Zeit-
punkt hat der Betrieb GS agri weiterhin versucht, diese
Produkte als konventionell in den Verkehr zu bringen,


(Frank Obermeier [CDU/CSU]: Wochenlang vertuscht!)


und hat sie nach Russland exportiert.

(Albert Deß [CDU/CSU]: Was ist mit Ihrer Bundesanstalt?)

Diese in höchstem Maß kriminellen Handlungen können
wir nicht dulden; es ist unsere Aufgabe, sie hier an aller-
erster Stelle zu benennen und anzuklagen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Hinsichtlich der Missstände in der Aufklärung können
Sie noch so lange damit an die Öffentlichkeit gehen, dass
die Bundesforschungsanstalt in einem privatrechtlichen
Auftrag etwas ans BMVEL gemeldet habe – in diesem
Zusammenhang teile ich durchaus die Auffassung von
Herrn Wiese –, aber das ist eine Lüge. Sie machen das




Ulrike Höfken

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(C)



(D)



(A)



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nach dem Motto: Da bleibt immer etwas hängen. Es ist
eine Lüge, dass das im BMVEL diskutiert wurde.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423902700
Achten Sie bitte
auf die Zeit.


Ulrike Höfken-Deipenbrock (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423902800
Ja. –
Fakt ist: Erst mit der Kenntnisnahme im BMVEL, beim
Staatssekretär Müller und auf der Leitungsebene wurde
konsequent gehandelt.


(Albert Deß [CDU/CSU]: Sind das die Verursacher? – Franz Obermeier [CDU/CSU]: Wo sind die Verursacher?)


– Die Ursachen liegen genau in diesem kriminellen Han-
deln von GS agri und der NSP, sehr geehrter Herr Kollege.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Am 23. Mai!)

Auf diese Ursachen könnten Sie im weiteren Verfahren
eingehen.

Für uns heißt die Konsequenz: mehr neue Agrarpolitik,
mehr Verbraucherschutz und „Weiter so“.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Franz Obermeier [CDU/CSU]: Vertuschung!)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423902900
Zu einer Kurz-
intervention erhält der Kollege Norbert Schindler das
Wort.


Norbert Schindler (CDU):
Rede ID: ID1423903000
Vielen Dank, Frau
Präsidentin! – Ich muss darauf antworten, was Frau Mi-
nisterin Höhn so locker dahinsagte, treffe aber eine Fest-
stellung vorweg: Herr Minister Sinner hat darauf hinge-
wiesen, welche Starthilfe für die Bauern die Südländer
der Bundesrepublik mit ihren Bioprogrammen in den
letzten zehn Jahren geleistet haben. Wenn wir heute Mor-
gen diese Auseinandersetzung sehr zum Schaden aller
Betroffenen führen, muss man noch einmal herausstel-
len, dass Länderminister unterwegs waren und welche
Leistungen in der Vergangenheit über Länderhaushalte
erbracht wurden, um vieles nicht nur in Richtung
Ernährung, sondern auch in Richtung Verbraucherschutz
zu tun.

Ich bin wirklich froh, dass der Nitrofen-Skandal nicht
in Baden-Württemberg, in Rheinland-Pfalz oder in Bay-
ern oder aber in einem konventionell wirtschaftenden Be-
trieb aufgetreten ist. Was wäre los, wenn irgendwo anders
etwas Derartiges geschehen wäre! Seit gestern muss man
auch diese Gefahr intensiv hinterfragen: Wo waren wei-
tere Lager mit kontaminierten Reststoffen aus DDR-Ver-
gangenheit? Wo war Getreide zwischengelagert? Deswe-
gen trifft es uns alle.

Frau Höhn, Sie sagten in einem Gespräch, in dem es
um Vogelschutz in Rheinland-Pfalz ging, 10 Prozent der
Landesfläche sollten dafür ausgewiesen werden. Sie in
Nordrhein-Westfalen stellen – jedenfalls nach unseren

Informationen – noch nicht 8 oder 10 Prozent der Lan-
desfläche gemäß der entsprechenden EU-Auflage bereit.
Das ist der Hintergrund einer erbosten Diskussion im
Ahrtal im Norden von Rheinland-Pfalz, weil man dort
sehr weitgehend in Weinbergflächen eingreift. Das kann
man für Nordrhein-Westfalen noch nicht feststellen. Ich
habe hier den Zeitungsartikel, den Sie mir dankenswer-
terweise überlassen haben. Deswegen: Wenn Sie darauf
Bezug nehmen, sollten Sie nicht mit aller Gewalt das ge-
samte Lob auf sich ziehen. Es passte nämlich in der Sa-
che nicht.

Eine letzte Anmerkung: Beim Verbraucherinformati-
onsgesetz mache ich sofort mit, wenn jeden Tag auf der
Titelseite jeder Zeitung – egal wo –, an der die SPD be-
teiligt ist, diese Tatsache vermerkt wird. Denn dies gehört
auch zur Information des Volkes.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Wir dürfen nicht nur nach der Wurst schauen, die in 14 Ta-
gen oder acht Wochen nicht mehr vorhanden ist.

Vielen Dank.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423903100
Möchten Sie
antworten? – Bitte. Bei Kurzinterventionen und der Ant-
wort darauf darf man sitzen bleiben. Ihre Redezeit beträgt
maximal drei Minuten.


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423903200

Herr Schindler, ich freue mich, dass Sie sich darüber geär-
gert haben, dass die Rheinland-Pfälzer nach Nordrhein-
Westfalen kommen wollen, weil ich so eine gute Land-
wirtschaftsministerin bin.


(Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)


– Danke schön.
Ich bin aber nicht nur Landwirtschaftsministerin, son-

dern auch Umweltministerin. Deshalb finde ich es inte-
ressant, dass Sie meinen, diese den Vogelschutz betref-
fende Problematik habe mit der Landwirtschaft nichts zu
tun. Wir verbinden mit der neuen Agrarpolitik Landwirt-
schaft und Naturschutz. Nordrhein-Westfalen war das
erste Land, das gesagt hat: Bei den für FFH, für Vogel-
schutz gemeldeten Flächen bekommen die Bauern einen
Ausgleich dafür, dass sie deshalb mehr Auflagen erfüllen
müssen. Dies finden auch die Bauern in den anderen Bun-
desländern gut.


(Norbert Schindler [CDU/CSU]: Beim Vogelschutz?)


Deshalb wollen sie nach Nordrhein-Westfalen.
Ich finde es nicht schlecht, wenn geschrieben wird

– ich zitiere jetzt den letzten Satz eines Artikels –:
Ministerin Höhn hat in Nordrhein-Westfalen als
Grüne einen guten Konsens mit der Landwirtschaft
gefunden.

Für den Text verantwortlich: Bauern- und Winzerverband
Rheinland-Nassau e.V.




Ulrike Höfken
23852


(C)



(D)



(A)



(B)


Was soll ich dazu sagen? Ich freue mich, wenn ich ge-
lobt werde. Ich finde es aber auch berechtigt.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Ulrich Heinrich [FDP]: Wenn Sie mehr Ausgleich zahlen als in Rheinland-Pfalz, muss man Sie loben!)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423903300
Das Wort hat
jetzt die Abgeordnete Gudrun Kopp.


Gudrun Kopp (FDP):
Rede ID: ID1423903400
Frau Präsidentin! Sehr geehrte
Herren und Damen! Heute ist es eigentlich angesagt, eine
Bilanz dessen zu ziehen, wozu das Verbraucherministe-
rium dieses Zuschnitts in den vergangenen anderthalb
Jahren beigetragen hat,


(Karsten Schönfeld [SPD]: Die Bilanz fällt gut aus!)


ob der Verbraucherschutz wirklich vorangebracht wurde.
Den Erfolg, liebe Frau Kollegin Höfken, lediglich daran
zu messen, ob möglichst viele Gesetze gemacht wurden,
egal was sie bewirken und egal ob sie sinnvoll sind, ist
nicht die Position der FDP.


(Beifall bei der FDP)

Wir möchten inhaltsvolle und sachorientierte Politik

machen. Insofern frage ich Sie: Was hat die Einrichtung
dieses neuen Verbraucherschutzministeriums eigentlich
gebracht? Hat es geholfen, Krisen zu vermeiden? – Das
hat es nicht. Die Skandale im Lebensmittel- und Futter-
mittelbereich brachten im Gegenteil Organisations- und
Kontrollmängel zuhauf zutage.

Ich nenne hier noch einmal eine sehr wichtige Zahl:
Wenn auf Bundesebene durchschnittlich ein Lebensmit-
telkontrolleur auf 1 800 Betriebe kommt, ist dies ein Zu-
stand, der eigentlich nicht haltbar ist. Nun höre ich immer
wieder, dies sei Ländersache. Das ist richtig. Ich finde
aber, wenn Ihnen, Frau Künast, daran gelegen ist, dass
wenigstens Stichproben gemacht werden, müssten Sie
sich im Rahmen einer Bund-Länder-Initiative zusammen-
setzen und darüber beraten, wie man diese Ansprüche um-
setzen kann, ohne dass die Länder finanziell stranguliert
werden.

Ich finde es unglaublich, dass Sie erst im Rahmen der
Krisenbewältigung zum Nitrofen-Skandal gemerkt ha-
ben, dass für private Testlabors keine Meldepflicht von
gesundheitsgefährdeten Ergebnissen gegenüber den staat-
lichen Stellen besteht. Dies finde ich wirklich unglaub-
lich.


(Beifall bei der FDP)

Zudem sind die Abläufe im Verbraucherministerium, das
nötige Krisenmanagement und die Kooperation zwischen
staatlichen Stellen und dem Ministerium nach wie vor
chaotisch.

Ihr Weg, Frau Ministerin Künast, ist bis heute von Kri-
sen gepflastert. Sie begannen, als die BSE-Krise aufkam,
und Sie werden enden – davon war heute Morgen noch

gar nicht die Rede – mit der Acrylamidproblematik, die
Sie in einer gestrigen Meldung noch ausdrücklich in, wie
ich finde, unverantwortlicher Art und Weise verharmlost
haben. Von Fachleuten wird gesagt, dass diese Problema-
tik inhaltlich mit dem Nitrofen-Skandal zu vergleichen
sei. Es geht um eine Überschreitung der Grenzwerte um
bis zu 100 Prozent. Sie spielen das herunter und sagen –
wie gestern auch –, dass man abwarten müsse, dass Sie
noch nichts wissen und dass Sie erst einmal klären müs-
sen, wie die Daten überhaupt zu erheben sind. Ich finde es
schon unglaublich, dass Sie das bis heute noch nicht ge-
schafft haben.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Bezüglich der Frage, ob es ein sinnvolles Gesetz ist
oder nicht, sage ich Ihnen ganz ehrlich: Das Verbraucher-
informationsgesetz ist ein Placebo-Gesetz und de facto in-
haltslos.


(Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: So ist es!)


Es suggeriert dem Verbraucher, als erhielte er wertvolle
Informationen; dem ist nicht so. Zudem belasten Sie die
Kommunen mit Kosten und die Verbraucher mit Ge-
bühren.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Ulrich Heinrich [FDP]: Worthülsen als Ersatz!)


Ein Verbraucherministerium, das entsprechend den
Vorgaben der rot-grünen Regierung ausgestaltet ist, ist
nach Überzeugung der FDP gescheitert. Sie haben sich
überhaupt nicht um den umfassenden Verbraucherschutz,
also um die Fragen des Wettbewerbs, die Rechtsfragen,
den Datenschutz im Internet und die Euro-Bargeld-Ein-
führung gekümmert. Wie peinlich war doch der Anti-
Teuro-Gipfel! Dazu haben Sie wirklich nichts beigetragen.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Wirklich! Das war auch ein Placebo!)


Das zeigt sehr deutlich, dass Sie in Wahrheit vollkommen
gescheitert sind. – Ich kann es gut verstehen, dass Sie
nicht zuhören. Es ist ja auch schwer zu ertragen, wenn
man so etwas gesagt bekommt.


(Walter Hirche [FDP]: Das könnte auch schlichte Unhöflichkeit sein!)


Sie sind nicht nur, wie es eben mein Kollege Heinrich
gesagt hat, bei der Agrarpolitik und bei der Krisenbewäl-
tigung, sondern auch bei der umfassenden Verbraucher-
politik gescheitert. Umfassende Verbraucherthemen
werden von Ihnen nämlich überhaupt nicht beachtet. Ich
sage Ihnen: In den zuständigen Ministerien gibt es Fach-
leute, die zur Verbraucherpolitik beitragen können. Wir
sind der Ansicht, dass dort die jeweiligen Verbraucherfra-
gen hingehören und nicht in ein groß aufgebauschtes Mi-
nisterium, das viel Geld kostet, viel zusätzliche Bürokra-
tie verursacht und bezüglich der Effektivität wirklich gar
nichts bringt. Dieses finde ich völlig unnütz.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Walter Hirche [FDP]: Bedauerlicherweise!)





Ministerin Bärbel Höhn (Nordrhein-Westfalen)


23853


(C)



(D)



(A)



(B)


Sie hätten sich – damit wende ich mich auch an meine
Kollegen und Kolleginnen hier im Deutschen Bundestag –
unseren Antrag einmal in Ruhe durchlesen sollen: Wir
als FDP-Fraktion haben einen Antrag zum so genannten
Gesetzes-TÜV eingebracht. Danach soll bereits in den
jeweiligen Ministerien geprüft werden, ob ein Gesetz not-
wendig und verbraucherorientiert ist und ob es zusätz-
liche Bürokratie sowie weitere Kosten verursacht. Diesen
haben Sie abgelehnt. Ich finde das höchst problematisch.
Sie würden nämlich erkennen, dass in den einzelnen Mi-
nisterien – bis hin zur Politik – Verbraucherbewusstsein
von der Pike auf geweckt und der gesamten Verbraucher-
problematik mit einer Sachpolitik ein erheblich sinnvol-
lerer Dienst erwiesen werden könnte.

Frau Künast, ich sage Ihnen: Es kommt nicht darauf an,
dass die Verbraucherpolitik gut verpackt und mit viel
Bürokratie und vielen Gesetzen versehen wird. Es kommt
ausdrücklich und ausschließlich auf den Inhalt und darauf
an, was dem Verbraucher nützt. Der Verbraucher durch-
schaut Ihre Verschleierungstaktik. Was bei Ihnen in der
Politik drin ist, schreiben Sie absolut nicht drauf. Ich
finde, Sie sollten damit beginnen, Ihre Politik zu kenn-
zeichnen.

Deswegen sage ich als verbraucherpolitische Spreche-
rin der FDP-Bundestagsfraktion Ihnen: Das ist eine Mo-
gelpackung. Deshalb werden wir diese Politik nach dem
22. September verändern und nachhaltig verbessern.

Vielen Dank.

(Beifall bei der FDP)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423903500
Das Wort hat
jetzt der Abgeordnete Gustav Herzog.


Gustav Herzog (SPD):
Rede ID: ID1423903600
Frau Präsidentin! Meine lie-
ben Kolleginnen und Kollegen! Lassen Sie mich mit et-
was beginnen, was in diesem Hohen Hause eher unge-
wöhnlich ist, nämlich mit einem Eingeständnis:

Erstens. Ich hätte nicht gedacht, dass es während und
nach einer ganzen Reihe von Skandalen im Lebensmittel-
bereich noch einmal einen Vorgang mit einem solchen
Umfang gibt. Zweitens. Offenbar reicht unsere Fantasie
nicht aus, die Schlampereien, Vertuschungen und krimi-
nellen Energien, die jeden Tag neu aufgedeckt werden, zu
erahnen.

Es ist gut dreieinhalb Jahre her, seit wir anfangen konn-
ten, eine andere Politik zu betreiben, und gerade einmal 16
Monate, um das Thema Verbraucherschutz ganz oben auf
die Tagesordnung zu setzen. Seitdem ist sehr viel geleistet
worden, aber dieser Zeitrahmen reicht noch lange nicht
aus, um allen in der Landwirtschaft und in der Lebensmit-
telproduktion zu einem neuen Denken zu verhelfen.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Ihr habt genug Flurschaden angerichtet!)


Es braucht Zeit, das alte Denken aus den verhärteten
Strukturen und den Amtsstuben zu verdrängen. Das alte
Denken „Was interessiert mich die Gesundheit und das
Vertrauen der Verbraucher – wichtig ist mein Geschäft“
muss aus den Köpfen verdrängt werden.

Ich betone vor allem im Zusammenhang mit Nitrofen
ausdrücklich, dass ich nicht von den Landwirten spreche
– denn diese sind unabhängig von ihrer Wirtschaftsweise
Opfer der Strukturen und derjenigen, die hartnäckig daran
festhalten –, sondern ich denke eher an eine Branche, die
vor Jahren noch überlegt hat, in ihre Futtermittel auch
Klärschlamm einzumischen.

Lassen Sie mich einen Bogen schlagen. Anfang des Jah-
res hat ein Putenfleischverarbeiter festgestellt, dass in dem
Bio-Fleisch, das er bezieht, um es zu Babykost zu verar-
beiten, Rückstände enthalten sind, die nicht hineingehören.
Spätestens am 28. Januar beginnt GS agri mit der Suche
nach dem Eintragungspfad. Mitte März beauftragt die Ver-
sicherung, die über all das Kenntnis hat, ein Gutachten, um
sich irgendwie aus der Bredouille herauszubringen. Auch
die Norddeutsche Saat- und Pflanzgut AG erhält im Laufe
dieser Zeit Kenntnis von all den Vorgängen.


(Albert Deß [CDU/CSU]: Die Bundesanstalt für Fleischforschung in Kulmbach!)


Es handelt sich um einen Bogen, der jeden Tag erweitert
werden muss und mit neuen Informationen gepflastert
wird. Es erfüllt mich mit großer Sorge, dass es Hinweise
gibt, dass bereits 1999 in Malchin Einlagerungen erfolgt
sind.


(Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Aber nicht dieser Weizen!)


– Es war nicht dieser Weizen. Er war zu dem Zeitpunkt
nämlich noch nicht ausgesät, lieber Herr Kollege
Carstensen.


(Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Das wissen Sie auch nicht!)


Die ersten Hinweise über die gesamte Angelegenheit
trafen im BMVEL am 21. Mai ein. Dann ging es los. In-
nerhalb von zwei Wochen wurde Aufklärungsarbeit ge-
leistet, ohne zu vertuschen und zu beschönigen.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Nachdem sie zwei Monate geschlafen hatten! Nach einem zweimonatigen Tiefschlaf!)


In dieser Affäre werden alle, die etwas zu verantworten
haben, zur Rechenschaft gezogen. Die Öko-Verbände und
die Kontrollstellen werden dabei keine Ausnahme dar-
stellen.


(Franz Obermeier [CDU/CSU]: Und was ist mit der Bundesanstalt?)


Alle, die sich auf die Position zurückziehen, dass sie
rechtlich nicht verpflichtet waren, Meldung zu erstatten,
sollten die moralische Verantwortung tragen und ihre
Konsequenzen daraus ziehen. Darin schließe ich mich den
Ausführungen meines Kollegen Wiese an.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Die rechtlichen Lücken haben wir mit dem Ökoland-
baugesetz und den gestern im Ausschuss beschlossenen
Änderungen im Futtermittelgesetz und im Lebensmittel-
und Bedarfsgegenständegesetz geschlossen. Aber, liebe
Kolleginnen und Kollegen, was denken eigentlich die




Gudrun Kopp
23854


(C)



(D)



(A)



(B)


Menschen, die das alles verursacht haben? Da liegen auf
ihren Schreibtischen Analyseergebnisse für Produkte wie
Weizen, Tierfutter, Eier und Fleisch, das für Babynahrung
bestimmt ist. Auf diesen Analysenergebnissen steht:
Grenzwerte sind überschritten worden; es sind verbotene
und gesundheitlich bedenkliche Mittel eingesetzt worden.
Was aber passiert bei diesen Menschen, die dies auf ihrem
Schreibtisch finden, und zwar in einer Zeit, in der allge-
mein über verbotene Antibiotika in Garnelen, verbotene
Spritzmittel bei Äpfeln und Birnen und illegale BSE-La-
bors diskutiert wird? Es ist doch davon auszugehen, dass
jeder anständige und einigermaßen redliche Mensch Mel-
dung erstatten und alles daran setzen würde, um zu ver-
hindern, dass diese belasteten Lebensmittel in den Ba-
bybrei oder auf den Teller eines Kindergartens kommen. –
Nein, diese Menschen missachten bei den Futtermitteln
Gesetze und weil es keine gesetzlichen Vorschriften,
keine Verordnung und keine umfassende Dienstanwei-
sung gibt, werden die ihnen vorliegenden Informationen
nicht weitergeleitet und kein persönliches Engagement
entwickelt, um das zu verhindern und, was eine einfache
gesellschaftliche Selbstverständlichkeit wäre, diesen Vor-
fällen nachzugehen. Das halte ich für den eigentlichen
Skandal, liebe Kolleginnen und Kollegen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)

dachte, das BMVEL hat eine Dienstanweisung
gegeben!)


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423903700
Gestatten Sie
eine Zwischenfrage?


Gustav Herzog (SPD):
Rede ID: ID1423903800
Bitte schön.


Helmut Heiderich (CDU):
Rede ID: ID1423903900
Herr Kollege, da Sie
gerade bei den Schuldzuweisungen an die verschiedenen
Bereiche sind, darf ich Sie fragen, ob Sie auch in Ihre
Überlegungen einbezogen haben, dass – so liegt es mir
aus der Presse vor – dem Geschäftsführer des Naturland-
verbands, Herrn Herrmann, bereits zum Jahreswechsel
die Beeinträchtigungen seiner Produkte bekannt gewesen
sind und er seinen Aussagen zufolge beim Naturlandver-
band Alarm geschlagen hat, aber in keiner Weise die zu-
ständigen Behörden informiert hat.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Das hat er vergessen!)

Sind Sie der Meinung, dass sich der Naturlandverband an-
gemessen verhalten hat, oder haben Sie ihn bei Ihrer Auf-
zählung nur vergessen?


Gustav Herzog (SPD):
Rede ID: ID1423904000
Ich habe in meinen bisherigen
Ausführungen bereits erwähnt, dass auch die entspre-
chenden Kontrollstellen und die Ökoverbände Verant-
wortung übernehmen müssen. Ich kann aber auf keinen
einzelnen Verband eingehen, weil noch keine entspre-
chenden Informationen auf dem Tisch liegen.

Weil das selbstverständliche menschliche Verhalten
bei dem jetzigen Skandal nicht vorhanden war, machen
wir Gesetze und Verordnungen. Sie beschweren sich, dass
wir alles bis in das letzte Detail regelten und mit Vor-

schriften zupflasterten. Hinterher beklagen wir uns dann,
dass das Ganze nur noch ein Papierkrieg ist.

In weniger als zwei Wochen wurde der Täterkreis ein-
gegrenzt, wurden Warenflüsse gestoppt und weitere Ge-
setzesänderungen angeschoben. Vieles wurde gegen die
Verhinderer von CDU/CSU auf den Weg gebracht, die im
Schulterschluss mit dem Deutschen Bauernverband und
dem Deutschen Raiffeisenverband schon am ersten Tag
nach Bekanntwerden des Skandals den Ökolandbau als
Verursacher ausgemacht haben – das hätten Sie gerne ge-
habt –, die ohne Sachkenntnisse Schuldzuweisungen vor-
nehmen, die, anstatt im Ausschuss zuzuhören, offenbar
nach einer Dienstanweisung von Herrn Glos draußen


(Zuruf von der CDU/CSU: Nein, drinnen im Ausschuss!)


den Rücktritt von Frau Ministerin Künast fordern und un-
produktive Verdächtigungen in Richtung Ökolandbau
aussprechen.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423904100
Gestatten Sie
noch eine Zwischenfrage des Kollegen Heinrich?


Gustav Herzog (SPD):
Rede ID: ID1423904200
Er soll warten. Ich komme auf
ihn noch zu sprechen. Vielleicht hat sich seine Frage dann
schon erledigt.

Es ist reichlich makaber, dass diejenigen, die gleich zu
Beginn des Skandals den Ökolandbau als Verdächtigen
ausgemacht haben, nun die Hilfe organisieren wollen. Ich
sage: Angesichts der jetzigen Situation brauchen die ge-
samte Landwirtschaft und insbesondere der Ökolandbau
die Hilfe aller.

Lassen Sie mich nun den angesprochenen Bogen
schließen, der sich immer mehr mit Informationen füllt.
Fest steht, dass ein wesentlicher Ausgangspunkt bei der
NSP zu finden ist. Im Zentrum des Skandals stehen des
Weiteren die GS agri, der Betrieb „Grüne Wiese“ sowie an-
dere Unternehmen. Zuletzt reichten die Verdachtsmomente
Jahre zurück und bis an die russische Grenze. Ich kann Ih-
nen nur sagen: Auf dem konventionellen Markt wäre die
verseuchte Ware einfach durchgelaufen. Das Problem wäre
im wahrsten Sinne des Wortes gegessen worden.


(Franz Obermeier [CDU/CSU]: Wer sagt denn das? Das ist eine reine Behauptung!)


In keinem anderen Bereich wird auf so breiter Ebene ana-
lysiert und kontrolliert wie bei der Erzeugung von Baby-
nahrung und Ökoprodukten. Seien wir doch ehrlich: Wo
wird denn überhaupt noch nach einem Mittel gesucht, das
seit zehn Jahren verboten ist und eigentlich von keinem
Praktiker mehr angewendet wird? Niemand von uns kann
ernsthaft behaupten, dass dies noch durchgängig kontrol-
liert wird. Die Babynahrung – das habe ich bereits er-
wähnt, Herr Kollege Schindler – wird natürlich aus Öko-
produkten hergestellt.

Jetzt zu Ihnen, Herr Kollege Heinrich. Sie reden immer
sehr ausführlich über das QS-System. Ich glaube, auch
ein solches System hätte den jetzigen Skandal nicht ver-
hindern können; denn auch bei dem QS-System gibt es
Schwachstellen. So haben zum Beispiel diejenigen, die




Gustav Herzog

23855


(C)



(D)



(A)



(B)


sich daran beteiligen, bis zu einem Jahr Zeit, bevor sie zer-
tifiziert werden. Meine Bitte an die Verantwortlichen des
QS-Systems ist, lieber noch etwas zu warten und die eine
oder andere Schwachstelle auszumerzen; denn, Herr Kol-
lege Heinrich, auch bei dem QS-System ist zum Beispiel
keine umfassende Analyse der eingesetzten Produkte vor-
gesehen. Das ist eigentlich auch nicht bezahlbar, kostet
doch eine einfache Dioxinanalyse 500 Euro und mehr.

Herr Kollege Sinner, ich verstehe nicht, warum Sie auf
dem Biosiegel so herumreiten und es als „öko light“ de-
nunzieren. Nach meiner Erkenntnis gehört bzw. gehörte der
Naturlandverband, der von Ihrem Kollegen angesprochen
worden ist, zur AGÖL. Es kann also keinesfalls im Zusam-
menhang mit dem Ökosiegel von „öko light“ gesprochen
werden. Hören Sie auf, das Biosiegel zu diffamieren.

Stillschweigend wurde von den Beteiligten nach finan-
zieller Schadensbegrenzung gesucht. Helfershelfer in den
Kontrollstellen und in den Verbänden des ökologischen
Landbaus gehören dazu. Doch diese Zeiten müssen vor-
bei sein. Wir werden weiterhin klarstellen, wer die Ver-
antwortlichen für den jetzigen Skandal sind, wer die
Ermittler sind und wer versucht, die Aufklärung zu blo-
ckieren, und sich damit auf die Seite der Täter stellt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423904300
Jetzt hat der Ab-
geordnete Carstensen das Wort.


Peter H. Carstensen (CDU):
Rede ID: ID1423904400
Frau
Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Kollege Herzog! Auch ich gestatte mir, mit einem Be-
kenntnis zu beginnen. Ich bekenne, dass ich immer mehr
Respekt vor der Entscheidung der Bundesministerin a. D.
Fischer bekomme, die in ihrem Haus entdeckt hat, dass sie
Probleme hat, dass Informationsstränge nicht laufen, und
zurückgetreten ist.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Ich habe selten jemanden erlebt, Frau Künast, der sich

so häufig an dieses Pult und vor die Presse stellt und sagt:
Alle anderen sind schuld gewesen, alle anderen haben
Verfehlungen begangen, bei allen anderen klappt es nicht.
Aber Sie hätten, so sagen Sie, alles getan. – Nein, Sie ha-
ben nicht alles getan. Das ist das, was wir Ihnen ankrei-
den und weswegen wir uns hier gemeinsam ärgern.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Sie schieben der Opposition zu, sie habe sich gesträubt,

bei den letzten vier Gesetzen, die verabschiedet worden
sind, mitzumachen. Sie folgern daraus, die Opposition,
die CDU/CSU habe etwas gegen Information von Ver-
brauchern.


(Matthias Weisheit [SPD]: Ja!)

– Das tun Sie und das ist ein Fehler, lieber Kollege
Weisheit.

Ich staune, dass dieses Parlament, dass die Regierungs-
fraktionen Verfahren mitmachen, bei denen wir nicht ein-

mal die Möglichkeit haben, uns bei wichtigen Gesetzen or-
dentlich einzuklinken. Sie haben uns zugemutet, in den
fünf letzten Sitzungswochen vier große Gesetze zu verab-
schieden: das Verbraucherinformationsgesetz, das Neuor-
ganisationsgesetz, das Absatzfondsgesetz, das Tierarznei-
mittelgesetz. Und dann sagen Sie, wir seien nicht bereit
gewesen, etwas dazu beizutragen. Nein, meine Damen und
Herren, es gab sachliche Gründe, die Herr Sinner hier vor-
gebracht hat, dass wir dem Verbraucherinformationsgesetz
nicht zugestimmt haben. Es gibt auch parlamentarische
Gründe, dass man bei einem solchen Verfahren nicht sagen
kann, dies sei ordentlich beraten worden.


(Beifall des Abgeordneten Ulrich Heinrich [FDP])


Wir möchten Verbraucherinformationen über die
Wurst haben, aber bevor das Verfallsdatum eingetreten
ist, und nicht in der Form dieses bürokratischen Mons-
trums, wie Sie es uns auf den Tisch gelegt haben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Frau Künast, Sie haben auf einen Mangel beim kon-

ventionellen Landbau geschlossen, indem Sie ein Gut-
achten über einen Fund von DDT und Nitrofen angeführt
haben. Dies sei ein Zeichen der Vermischung mit im kon-
ventionellen Anbau produziertem Weizen.


(Renate Künast, Bundesministerin: Das war ein Zitat!)


– Aber entschuldigen Sie, wenn Sie sich hier hinstellen
und dies als eines Ihrer Argumente verwenden, können
Sie jetzt nicht sagen, das sei nur ein Zitat gewesen.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Wie kommen Sie eigentlich dazu, den konventionellen

Landbau mit DDT und Nitrofen in Verbindung zu brin-
gen? Auch da sind diese Mittel verboten, sie haben nichts
mit konventionellem Landbau zu tun.


(Beifall bei der CDU/CSU – Karsten Schönfeld [SPD]: Eine Tatsachenverdrehung!)


Die Frau Kollegin Teuchner hat sich beschwert, dass
wir zitieren würden. Ich habe festgestellt und ich nehme
das zur Kenntnis, dass Heino Wiese gern möchte, dass
Frau Künast weiterhin Landwirtschaftsministerin bleibt.
Heino, du bist fast schon ein Sektierer; davon gibt es we-
nige bei euch in der Partei. Damit es nicht heißt, wir wür-
den aus den eigenen Papieren zitieren, zitiere ich aus Ma-
terialien der SPD. Da gibt es eine Pressemeldung über
Frau Teuchner, in der es heißt:

Im Übrigen nannte Jella Teuchner die Landwirt-
schaftspolitik in Berlin ein leidiges Thema.

In letzter Zeit gibt es mehrere Pressemitteilungen von
Minister Bartels in Niedersachsen, in denen er über die
verfehlte Politik der Frau Künast gesprochen hat. Es gibt
sogar eine Pressemitteilung von dir, Matthias Weisheit:

Eines sollte nach Aussage von Matthias Weisheit
nach dem 22. September die Regierung und die Bau-
ern nicht mehr belasten: das Thema Künast.


(Lachen und Beifall bei der CDU/CSU)





Gustav Herzog
23856


(C)



(D)



(A)



(B)


Dies sollte danach erledigt sein, meinte er bei einem
Treffen mit BWV-Funktionären, bei dem er offen be-
kannte, dass auch für ihn die Schmerzgrenze über-
schritten sei und er die Ministerin keine vier weitere
Jahre ertragen könne.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423904500
Herr Kollege
Carstensen, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kolle-
gen Weisheit?


Peter H. Carstensen (CDU):
Rede ID: ID1423904600

Aber gern, selbstverständlich. Wenn er das noch einmal
bestätigen möchte, dann bitte.


Matthias Weisheit (SPD):
Rede ID: ID1423904700
Herr Kollege Carstensen,
ist Ihnen bewusst, dass es keine Pressemitteilung von mir,
sondern ein Pressebericht war,


(Zuruf von der CDU/CSU: Ach ja!)

in dem ich falsch wiedergegeben worden bin? Ich habe es
übrigens schon klargestellt.


Peter H. Carstensen (CDU):
Rede ID: ID1423904800
Ich
bestätige gern: Das ist ein Pressebericht aus der „Fränki-
schen Landeszeitung“, in dem Matthias Weisheit so zitiert
wird,


(Ulrich Heinrich [FDP]: Unwidersprochen!)

kenntlich gemacht durch Anführungszeichen.


(Zuruf von der CDU: Was hat er gesagt? Wiederhole es noch mal! – Ulrich Heinrich [FDP]: Noch einmal!)


Welche Situation besteht denn im Moment? Die Minis-
terin hat mit einem Problem zu tun, wir alle haben mit ei-
nem Problem zu tun. Sie hat am letzten Sonnabend,
als diese Halle in Mecklenburg-Vorpommern gefunden
wurde, gesagt: Jetzt sind die Täter erkannt. Diese Ge-
schichte ist aufgeklärt. – Es ist schon erstaunlich, Frau
Küna
Dr. Gerald Thalheim (SPD):
Rede ID: ID1423904900
Dies kann nicht
sein. Diese Geschichte ist noch lange nicht aufgeklärt.

Sie machen eine Schuldzuweisung in eine Richtung,
nur weil Sie meinten, am Sonnabend Ihren Lieblings-
verdächtigen und Ihre Lieblingsfeinde ausgemacht zu ha-
ben. Ich wäre Ihnen schon sehr dankbar, wenn Sie da ganz
vorsichtig wären. Sie haben gemeint, mit einer Anklage
von Treuhand-Mitgliedern scheine diese Geschichte für
die Bundesregierung aus der Welt zu sein. Zitat Künast:
Der Nitrofen-Skandal war kein Ökoskandal und kein
Künast-Skandal. – Nein, meine Damen und Herren, dies
ist schon ein Künast-Skandal. Dies ist ein Skandal der
Aufklärung in diesem Ministerium.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Das ist das CDU-Niveau!)


Wir haben gesagt: Das Verbraucherinformationsgesetz
ist kein taugliches Mittel. Ich füge hinzu: Notwendig wäre
eher ein Behördeninformationsgesetz gewesen, in dem
die Strukturen der Informationen in den Behörden gere-
gelt werden. Wenn es das gegeben hätte, hätten Sie nicht
erstaunt darüber sein können, dass die Nitrofenbelastung
offensichtlich schon vor gut zehn Monaten in den Pro-
dukten gewesen ist. Wann soll das denn geerntet worden
sein? Wir haben Ihnen im Ausschuss ganz deutlich gesagt:
Wenn die Firma Hipp schon im November Nitrofen in
ihrem Putenfleisch gefunden hat und wenn die Putenpro-
duktion 140 Tage dauert, dann müssen Sie davon aus-
gehen, dass schon zwei Monate vorher Nitrofen im Futter
gewesen ist. So blind kann man doch nicht sein!

Bevor es sich durchsetzt, dass sich die Angeklagten
selbst freisprechen, möchte ich doch noch ein paar Punkte
der Anklage vertiefen:

Sie haben nicht die richtigen Schlüsse aus dem BSE-
Skandal gezogen. Sie haben davon gesprochen, dass Sie
eine Wende in der Agrarwirtschaft, in der Agrarpolitik
wollen. Der Kollege Backhaus, SPD – das sage ich dazu,
falls es vergessen wird; Entschuldigung, dass ich immer
nur SPD-Leute zitiere; anderen würden Sie ja nicht glau-
ben –, fragte: Was ist denn das für eine Wende? Ich habe
von der Wende noch gar nichts festgestellt.


(Zuruf von der SPD: Was sagen Sie denn?)

– Ich sage Ihnen: Sie haben den Fehler gemacht, dass Sie
sich darauf konzentriert haben, zwischen der konventio-
nellen Landwirtschaft und der ökologischen Landwirt-
schaft einen Graben auszuheben.


(Zuruf von der SPD: Das macht ihr! Ihr seid Grabenkämpfer!)


Sie haben dafür gesorgt, dass die Gräben, die zugeschüttet
waren, wieder aufgerissen wurden. Ökologische Land-
wirtschaft war bei uns akzeptiert. Das waren Bauern, die
ordentlich produziert haben und auf ihren Betrieben Geld
verdient haben. Die haben gesagt: Wir wollen das aus
Überzeugung und wir wollen das, weil wir mit unseren
Betrieben Geld verdienen müssen. – Sie haben nicht dafür
gesorgt, dass die Zusammenarbeit, die zwischen den Be-
trieben bestanden hat, gefördert wird, sondern Sie haben
dafür gesorgt, dass die einen als die Guten und die ande-
ren als die Schlechten hingestellt wurden.


(Beifall bei der CDU/CSU – Zurufe von der SPD: Nein! – Quatsch!)


Liebe Frau Künast, einer ihrer entscheidenden Fehler
ist, dass Sie den Verbrauchern, die gern auch weiterhin
ökologische Produkte kaufen wollen und sollen – –


(Gustav Herzog [SPD]: Und werden!)

– Sicherlich: auch werden. Wenn man eine Ausweitung
des ökologischen Landbaus will, Kollege Herzog, dann
hätte man der Ministerin auch mal vorschlagen können:
Erzählen Sie einmal auf den Parteitagen der Grünen, dass
die alle solche Produkte kaufen sollen. Es gibt 6 Prozent
grüne Wähler. Wenn die alle so kaufen würden, hätten wir
auch 6 Prozent Produktion im ökologischen Landbau. Dies
wäre ein Weg gewesen, wäre der richtige Weg gewesen,
von der einen Seite, von der Seite des Verbrauchers, zu




Peter H. Carstensen (Nordstrand)


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(A)



(B)


kommen. Aber nein, Sie haben erstens dafür gesorgt, dass
mit Ihrem sechseckigen Biozeichen die Standards he-
runtergesetzt werden, und Sie haben zweitens gesagt, wir
müssen dahin, wo die Masse der Verbraucher einkauft,
nämlich in die Supermärkte. Dies ist jetzt natürlich auch
geschehen und deswegen kommen wir zu Strukturen, die
Sie nicht mehr übersehen können.

Sie sollten sich bitte einmal den Artikel in der „FAZ“
von Herrn Götz Schmidt, der ja nun nicht jemand ist, der
gegen Bio spricht und schreibt, sondern an sich einer sein
müsste, der auf Ihrer Seite steht, ansehen; ich glaube, die-
ser Artikel ist eben auch schon einmal angesprochen wor-
den. Wenn Sie den Verbrauchern noch weiter erzählen,
dass Biolandwirtschaft nichts mit großer Landwirtschaft
zu tun hat, wenn Sie also verschweigen, dass es die Ab-
kehr von den Agrarfabriken, von denen der Kanzler ge-
sprochen hat, nicht gegeben hat, werden Sie scheitern.
Wir haben nämlich im Biobereich inzwischen auch Be-
triebe, die 240000Hennen halten, die 180000 Eier am Tag
vermarkten.


(Zuruf von der CDU/CSU: Pro Tag!)

Wir haben Betriebe, die nicht mehr in der kleinen Kreis-
laufwirtschaft arbeiten können, weil auch hier natürlich in
der größeren Struktur arbeitsteilig gewirtschaftet wird,
und wir bekommen Betriebe, die importiertes Getreide
mit verwenden sollen; denn wir haben ja bei uns in der
Produktion gar nicht genügend Ökogetreide, Ökoweizen.
Wir kriegen Ökoweizen aus Dänemark, liefern anschlie-
ßend konventionell produzierten Weizen nach Dänemark,
der dann auf Ökobetrieben in Dänemark verfüttert wird,
damit anschließend die Ökoprodukte bei uns auf den
Markt kommen. Wenn Sie dies den Verbrauchern nicht
endlich einmal mitteilen, ihnen nicht sagen, wie sich die
Ökoproduktion inzwischen entwickelt hat und dass die
notwendigen Kontrollen nicht stattfinden, obwohl die Ei-
genkontrollen nicht ausreichen, weil sich die Eigen-
kontrollen zu einem großen Teil auf Buchkontrollen und
nicht auf Produktkontrollen konzentrieren, werden Sie
hier auch weiterhin scheitern. Insofern, meine Damen und
Herren, ist das nicht nur ein Skandal, der in Ökobetrieben
passiert ist, sondern auch ein Skandal, den Sie, liebe Frau
Künast, zu verantworten haben.

Zum Schluss sage ich noch einmal, ich habe einen Hei-
denrespekt vor der Frau Fischer, die seinerzeit die Konse-
quenzen gezogen hat.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Zurufe von der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423905000
Das Wort
hat jetzt der Parlamentarische Staatssekretär Matthias
Berninger.

Ma
Matthias Berninger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423905100
Frau Präsidentin! Meine Damen und
Herren! Versetzen Sie sich bitte in die Lage von Müttern,
die ihre Kinder in einen Bremer Kindergarten schicken;
dieser Kindergarten wird über Wochen mit Putenfleisch

einer Firma „Grüne Wiese“ beliefert. Der Geschäftsführer
dieser Firma ist gleichzeitig verantwortlich für das Unter-
nehmen GS agri, hat lange Kenntnis davon, dass er ein
Nitrofen-Problem nicht nur im Futter, sondern auch im
Fleisch dieser Puten hat, und liefert weiter.

Meine Damen und Herren, das ist das Zentrum dieses
Skandals.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Ich habe mir heute den ganzen Morgen über angehört, was
von Ihnen gesagt wurde. Von Ihnen kam dazu nichts. Das
ist Ihnen nicht eine Bemerkung wert gewesen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Meine Damen und Herren, wir müssen über die Ver-
säumnisse an allen Stellen reden. Aber die Ministerin hat
in ihrer Regierungserklärung deutlich gemacht, dass es
zwei Verantwortungskreise gibt: den Bereich der Kon-
trolle und der Aufklärung und den Bereich der Verursa-
cher. Wenn wir diesen Skandal bewältigen wollen, wenn
wir aus diesem Skandal lernen wollen und unsere Le-
bensmittel wieder sicherer machen müssen, dann müssen
Sie endlich Ihre Blindheit auf dem Auge aufgeben, bei dem
es für Sie unangenehm wird, meine Damen und Herren.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Widerspruch bei der CDU/ CSU – Ulrich Heinrich [FDP]: Wer ist denn auf einem Auge blind?)


– Jetzt kommt der Kollege Heinrich und sagt: Hahaha,
wer ist denn auf einem Auge blind? – Genau Sie, Herr
Kollege Heinrich, haben hier eine Rede gehalten, die
mich so erzürnt, weil Sie nämlich zu den Verursachern, zu
denen, die das über Wochen wussten, nichts gesagt haben,
sich sogar schützend vor sie gestellt haben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Zuruf von der SPD: Bei denen sind sogar die Hühneraugen blind!)


Meine Damen und Herren, es hat Versäumnisse gege-
ben, Staatsanwaltschaften ermitteln.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Meine Aufgabe ist es, Sie als Bundesregierung zu kritisieren!)


– Herr Kollege Heinrich, nein, wir alle sind dem Wohle
des deutschen Volkes verpflichtet,


(Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und von der SPD)


dem Wohl dieser Mütter und der Kinder in diesem Bremer
Kindergarten. Es geht hier nicht um dieses Kindergarten-
spiel, dass Regierung immer Opposition beschimpft und
umgekehrt. Wir haben eine viel größere Verpflichtung als
ewig diese kleinkarierte Krittelei, die man von Ihnen hört.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Zurufe von der CDU/CSU – Ulrich Heinrich [FDP]: Das stimmt doch alles nicht!)


Das Grundthema ist, dass es Versäumnisse gegeben hat.
Verwaltungen und Staatsanwaltschaften hatten Kenntnisse




Peter H. Carstensen (Nordstrand)

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davon. Es gibt Ketten im Bio-Bereich, die davon nicht nur
Kenntnisse hatten, sondern still Rückrufaktionen durch-
geführt haben. Es gibt Verbände, die davon Kenntnis hat-
ten und diese Informationen nicht mit dem notwendigen
Nachdruck weiterleiteten. Es gibt die Bundesanstalt für
Fleischforschung mit Sitz in Kulmbach, in unserem
Verantwortungsbereich, die ebenfalls davon aus einer pri-
vaten Untersuchung Kenntnis hatte.


(Walter Hirche [FDP]: Aber es gibt auch eine politische Verantwortung! – Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Brandenburg!)


Warum stand das Zitat aus dem R+V-Gutachten an ers-
ter Stelle in der Regierungserklärung? Weil man von die-
sem Haus aus an die Mitarbeiter der öffentlichen Verwal-
tung, gleich wo sie sitzen, ob in den Kreisen, in den
Ländern oder im Bund, appellieren muss, dass sie, wenn
sie entsprechende Informationen bekommen, damit ver-
antwortungsvoll umgehen und sie in Zukunft nicht mehr
einfach abheften. Damit versündigen sie sich nämlich an
der Gesundheit der Menschen. Das ist in diesem Zusam-
menhang das zentrale Signal.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)


Meine Damen und Herren, es gibt einen weiteren wich-
tigen Punkt: Alle diese Fragen muss man zu dem Zeit-
punkt aufklären, zu dem die wesentlichen Ursachen der
Krise abschließend geklärt sind. Wir können heute mit
großer Sicherheit sagen, dass aufgrund der Tatsache, dass
dieses Getreide in einem ehemaligen Pestizid-Zentral-
lager gelagert hat, die Bäuerinnen und Bauern keine
Schuld trifft und dass es kein systematisches Vergiften
von Biogetreide durch sie gibt.


(Norbert Schindler [CDU/CSU]: Das war bei BSE genauso! – Weitere Zurufe von der CDU/ CSU)


Das hat die Ministerin am vergangenen Samstag der Öf-
fentlichkeit zur Kenntnis gegeben, weil sich diese Krise
zulasten der Bauern auszuweiten drohte. Ich halte es nach
wie vor für richtig, dass es so gemacht wurde.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Ich danke Ihnen, Herr Kollege Schindler, für Ihren
Zwischenruf, dass das bei BSE ganz genauso war. Auch
sonst verstehen wir uns ja gut. Es ist nämlich richtig: Auch
bei der BSE-Krise war es so, dass den Bauern bis zum
letzten Tag tiermehlhaltiges Futter verkauft wurde, auch
von der Raiffeisen. Was, meine Damen und Herren, hat
die R+V-Versicherung danach gemacht? Sie verkauft den
Bauern BSE-Schutzversicherungen und verdient gutes
Geld damit. Diese Sachen muss man öffentlich benennen;
sie gehen nämlich auf die Knochen der Bauern.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Wo wir jetzt schon einmal bei diesem Thema sind: Ich
erinnere mich, dass im Januar dieses Jahres Herr Sinner
hier gestanden hat und solche Hass- und Schimpftiraden
auf die Firma Südfleisch losgelassen hat, dass die Abge-

ordneten der CDU/CSU sozusagen schrittweise hinter
den Bänken verschwunden sind. Auch Südfleisch ist in
diesem Genossenschaftsverband.

Wir wollen – das ist notwendig –, dass sich die Vertre-
ter des Bauernverbandes, die für die Bauern bei der Raiff-
eisen Kontrollfunktionen wahrnehmen, ebenso reinhän-
gen und ebenso aufklären, wie das in den Ländern und bei
uns im Ministerium zurzeit passiert, und dass sie damit ei-
nen Beitrag zur Sicherheit der Lebensmittel leisten. Das
wollen wir.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Wolfgang Zöller [CDU/ CSU]: Dann würde ich erst einmal meine Hausaufgaben machen, bevor ich auf die Bauern schimpfe! – Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Warum nennen Sie keine ÖkoVerbände?)


– Lieber Herr Vorsitzender Carstensen, gerne gehe ich auf
Ihren Zwischenruf ein, warum ich keine Öko-Verbände
benennen würde. Ich habe mich schon die ganze Woche
über zu diesem Thema geäußert. Natürlich sind auch die
Namen dieser Verbände gefallen. Ich bin auch gerne be-
reit, sie zu nennen: Eine Kette namens Dennree hat eine
Rückrufaktion gestartet, und Naturland, hier schon mehr-
fach genannt, ist ebenfalls in diesen Zusammenhang zu
stellen. Es gibt aber auch mit Bioland einen Verband, der
das einzig Richtige gemacht hat: Er hat bei uns angerufen.
Einen Tag danach ist die Aufklärung in Gang gekommen.


(Peter Bleser [CDU/CSU]: Nachdem es wochenlang bekannt war!)


Zehn Tage später wussten wir, die Schuld trifft nicht die
Biobauern. Insofern sollten Sie nicht unser Krisenma-
nagement kritisieren, sondern gemeinsam mit uns dafür
eintreten,


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)


dass die Not leidenden Bauern jetzt eine Übergangshilfe
von uns bekommen. An und für sich ist aber nicht der Staat
verantwortlich, sondern die Verursacher dieses Skandals
müssen den Bauern, die jetzt unschuldig von diesem
Skandal betroffen sind, Schadenersatz leisten.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423905200
Gestatten Sie
eine Zwischenfrage des Kollegen Schindler?

Ma
Matthias Berninger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423905300
Sehr gern.


Norbert Schindler (CDU):
Rede ID: ID1423905400
Herr Staatssekretär,
wenn ein Kripo-Beamter einen Tathergang aufnimmt, teilt
er dies automatisch dem Innenminister seines Landes mit?
Wenn ein Versicherungsmitarbeiter bei R+V einen Scha-
densfall auf den Tisch bekommt, teilt er dies sofort dem Prä-
sidenten des Deutschen Raiffeisenverbandes mit? Ich neh-
me keinerlei Aufsichtsfunktion in einem genossenschaftlich
organisierten Verband, einer Organisation oder einer GmbH
wahr. Ich bitte aber doch um eine realistischere Darstellung




Parl. Staatssekretär Matthias Berninger

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dessen, was in Ihren Häusern nicht richtig gelaufen ist und
was Sie jetzt im Nachhinein so selbstverständlich ankla-
gen, von Kulmbach bis hin zu interministeriellen Ge-
sprächen, wo dieses Thema im zeitigen Frühjahr einmal
eine Rolle spielte.


(Renate Künast, Bundesministerin: Nein!)

– Auf Beamtenebene, Frau Ministerin.

Jetzt versucht man, wieder Gräben aufzureißen, Re-
präsentanten in direkte Verantwortung zu nehmen, was in
einer GmbH nach Wirtschaftsrecht,


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Frage!)


was in einer Genossenschaft nach Selbstverwaltungsrecht
selbstverständlich ist. Lieber Kollege Berninger, wir
beide sind doch lange genug im Geschäft, um zu wissen,
dass wir der Sache nicht dienen, wenn wir uns öffentlich
gegenseitig abschlachten. Auch dieser Grad der Polemik
dient den Betroffenen weiß Gott nicht.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423905500
Herr Kollege
Schindler, jetzt müssen Sie stehen bleiben.


(Zuruf von der CDU/CSU: Aber er hat ja keine Frage gestellt! – Heiterkeit!)


Ma
Matthias Berninger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423905600
Frau Präsidentin, ich glaube, dass der
Kollege Schindler hier einen ganz wichtigen Punkt
angesprochen hat. Deswegen gestatten Sie mir, die Frage,
wenn ich sie auch nur indirekt mitbekommen habe, zu be-
antworten.


(Heiterkeit – Gustav Herzog [SPD]: Das muss ein Staatssekretär können!)


Die Union hat letzten Mittwoch den Rücktritt der Mi-
nisterin gefordert, weil ein Mitarbeiter der Bundesanstalt
für Fleischforschung der Ministerin die Information nicht
sofort weitergegeben hat.


(Franz Obermeier [CDU/CSU]: Donnerstag war das!)


– Donnerstag, Entschuldigung. Normalerweise tagen wir
mittwochs. Die Forderung war trotzdem falsch. – Jetzt sa-
gen Sie, man könne doch nicht die Raiffeisen-Genossen-
schaft oder das Aufsichtsratsmitglied Gerd Sonnleitner
bei der R+V-Versicherung für Versäumnisse, die dort pas-
siert sind, verantwortlich machen. Da haben Sie Recht.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Das ist aber ein Unterschied!)


Das ist aber auch nicht das, was wir tun. Wir wollen, dass
Herr Sonnleitner, der für die Bauern in diesen Aufsichts-
gremien sitzt – viele andere Vertreter des Bauernverbandes
tun das ebenfalls –, offensiv aufklärt. Dort ist man
einen Schritt weiter als Sie; denn dort ist das längst ange-
kommen. Wenn ich die Gespräche, die ich dazu gestern ge-
führt habe, richtig deute, wird das jetzt auch gemacht. Das

ist auch bitter nötig; denn in den kurzen anderthalb Jahren,
in denen ich Verantwortung trage, ist das der dritte Le-
bensmittelskandal, bei dem ich auf den Namen Raiffeisen
stoße. Deswegen muss sich da grundsätzlich etwas ändern.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Die haben Sie als Verursacher bezeichnet!)


Minister Sinner hat in seiner Rede wieder einmal wort-
reich erklärt, warum die Union das Verbraucherinforma-
tionsgesetz blockiert. Dazu ist viel gesagt worden. Die
Verbraucher wollen die Informationen, Sie enthalten sie
ihnen vor.


(Albert Deß [CDU/CSU]: Wir wollen, dass die Verbraucher besser informiert werden!)


Am langen Ende werden wir uns durchsetzen.
Er hat dann das Verbraucherschutzgesetz kritisiert.

Was wollen wir mit dem Verbraucherschutzgesetz errei-
chen? Wir wollen, dass der Bund generell eine koordinie-
rende Aufgabe bekommt. Wissen Sie, wie es im Moment
läuft? In Friedenszeiten macht das die AMK. Da sitzen die
Damen und Herren Minister in der AMK zusammen, die
Länder koordinieren sich untereinander und das läuft al-
les ganz nett und kuschelig.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Was? Kuschelig? – Franz Obermeier [CDU/CSU]: Wir haben gedacht, da wird gearbeitet!)


Sobald auch nur die geringste Krise auftaucht – das war
auch beim BSE-Test-Skandal in Bayern so; es ist also
egal, wer regiert –, hängen sie alle an den Lippen unserer
Beamten und dieser Ministerin, die dann nämlich das
Krisenmanagement übernehmen muss.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Zuerst kuscheln sie, dann hängen sie an den Lippen!)


Das wollen wir generell ändern. Der vernünftige Weg ist,
dass wir für eine Neuordnung sorgen, die dem Bund die
zentrale Aufgabe zuteilt, in Krisenzeiten zu koordinieren.

Eine letzte Bemerkung zum Thema Ökolandbau. Die
Polemik gegen das Biozeichen und die EU-Ökoverord-
nung ist in dieser Krise völlig falsch.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Das war keine Polemik, das war eine fachliche Information!)


Wir sind für eine volle Umstellung der Betriebe, nicht für
eine Teilbetriebsumstellung. Wir alle wollen, dass Öko-
futterkreisläufe geschlossen sind. Das ist nicht überall in
Europa Konsens.


(Peter H. Carstensen [Nordstrand] [CDU/CSU]: Das kriegen Sie doch nicht mehr!)


Aber die EU-Ökoverordnung war die erste Verordnung,
die klar und vernünftig die Kontrollstandards im Öko-
bereich gesetzlich festgelegt hat. Da bietet die EU-Öko-
verordnung nicht die zentrale Angriffsfläche. Wir wollen
diese Verordnung weiterentwickeln. Wir haben ein sehr
gutes Gewissen, was das angeht. Das Ökolandbaugesetz
ist lange vor dieser Krise in den Bundestag eingebracht
worden. Die Veränderungen in der Ökoverordnung, die




Norbert Schindler
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wir wollen, sind lange vor dieser Krise in einem Memo-
randum eingebracht worden.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Es war doch zu erwarten, dass irgendwas kommt!)


Auch die Veränderung, dass die Futtermittelmischwerke
ebenfalls in die Verordnung aufgenommen werden, ist
von uns lange vorher angeregt worden. Wir wollen, dass
der Biomarkt wächst.

Zum Abschluss will ich Folgendes klarstellen. Wer
jetzt sagt, solche Unternehmen wie GS agri haben mit
dem Biobereich nichts zu tun, sie sollen nur konventionell
vorgehen, der muss eine Frage beantworten: Wenn diese
Unternehmen so fahrlässig handeln, dass man sie mit dem
Biobereich besser nicht in Verbindung bringt, wollen Sie
das dann den Bauern, die konventionell Lebensmittel
produzieren, und den Verbrauchern zumuten?


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Diese Diskussion ist völlig falsch. In dem Sinne liegen Sie
mit Ihren Angriffen daneben, lieber Herr Sinner.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423905700
Das Wort hat
jetzt die Abgeordnte Annette Widmann-Mauz.


Annette Widmann-Mauz (CDU):
Rede ID: ID1423905800
Frau Präsi-
dentin! Sehr verehrte Kolleginnen! Liebe Kollegen! Lie-
ber Kollege Berninger, zunächst einmal zur Klarstellung:
Wir wollen – ich glaube, das muss das Interesse des ge-
samten Hauses sein – Lebensmittelsicherheit zu hundert
Prozent, egal, ob öko oder konventionell,


(Beifall bei der CDU/CSU)

und nicht ständig dieses Auseinanderdifferenzieren zwi-
schen öko und konventionell. Lebensmittelsicherheit
wollen alle, denn alle essen alle Produkte und tun dies
nicht unter ideologischen Gesichtspunkten.

Wenn Sie hier so fulminant die Kinder im Bremer Kin-
dergarten heranziehen, lieber Herr Berninger, bitte ich
auch darum, dass Sie zuhören. Es kommt schon darauf an,
dass wir den Menschen, gerade auch diesen Kindern und
ihren Eltern, gegenüber klar und deutlich zum Ausdruck
bringen: Diese Kinder hätten drei Monate weniger diese
Produkte essen müssen, wenn Ihr Ministerium funktio-
niert hätte


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)


und nicht so geschlampt worden wäre, indem Informatio-
nen nicht weitergeleitet wurden.

Sie wollten doch vor eineinhalb Jahren hundertprozen-
tige Lebensmittelsicherheit in dieses Land bringen. Ich
will Ihnen jetzt einmal all die Skandale nennen, die wir
hatten, seitdem Sie im Amt sind: Mit BSE fing es an, es
ging weiter über Chloramphenikol in Shrimps, dann kam

Nitrofen. Und wer redet jetzt von Acrylamid? Wir haben
nicht mehr Sicherheit in diesem Land, sondern mehr Ver-
unsicherung.


(Dr. Norbert Wieczorek [SPD]: Weil Sie alles zugedeckt haben! Jetzt wird es endlich aufgedeckt! Das muss im Interesse der Menschen in unserem Land endlich ein Ende haben. In all diesen Skandalen haben Sie doch immer nur rea giert. Jedes Mal tauchte die Ministerin hier auf, hielt eine Rede mit starken Sprüchen und sagte, was sie alles tut, aber drei oder vier Monate später – wer weiß, wie lang die Halbwertzeit bis zum nächsten Skandal ist? – muss sie jedes Mal wieder sagen, was sie alles tut. Nichts ist erreicht worden, nichts hat sich verbessert, seit Sie im Amt sind. Im Gegenteil, es wird schlimmer. Man muss Sie auch an Ihren Worten messen. Sie dürfen nicht ständig weitere Verunsicherung in das Land bringen. Sie tun nichts, um die Verunsicherung abzubauen. Nach Ihrer Ankündigung am Samstag, der Skandal sei aufgeklärt, müssen Sie wenige Tage später schon wieder sagen: Oh Gott, nein, es gibt doch noch andere Erkenntnisse, es war vielleicht doch nicht nur diese Lagerhalle. (Ulrich Heinrich [FDP]: Das hat Berninger gestern noch behauptet!)


(Beifall bei der CDU/CSU)


(Beifall bei der CDU/CSU)


Das trägt nicht zur Sicherheit bei und stärkt auch nicht das
Bewusstsein der Menschen in unserem Land, sie hätten
gesunde Lebensmittel und eine Regierung, auf die man
sich verlassen kann, sondern es bestärkt die Verunsiche-
rung, nicht nur bei den Menschen, sondern auch bei den-
jenigen, die die Produkte herstellen.

Es ist schon erstaunlich, dass Sie zwar alle beschuldi-
gen, aber hier am Rednerpult kein Wort zu dem verlieren,
was in Ihrem direkten Verantwortungsbereich passiert. Es
ist ja hier schon Tradition: Alle Schuldigen werden ausge-
macht, am Schluss sind auch noch die Union und Helmut
Kohl dafür verantwortlich, aber die eigentlichen Punkte
sprechen Sie nicht an.

Wir müssen klar feststellen: Der Futterweizenhändler,
der das Getreide unsachgemäß gelagert hat, trägt ganz
gravierende Verantwortung. Der Hersteller, der trotz
Kenntnis Produkte weiterhin auslieferte, trägt ganz klar
Verantwortung. All diejenigen, die von der Versendung
wussten oder hätten wissen können und nicht gehandelt
haben, tragen ganz klar Verantwortung. Von den Bio-
Kontrollstellen über die Öko-Verbände bis hin zu den
Landesbehörden und den betroffenen Betrieben tragen
alle Verantwortung.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Und Kulmbach!)

Aber wenn man Sie hört, tragen zwei keine Verantwor-
tung, nämlich Sie und die Bundesanstalt für Fleischfor-
schung in Kulmbach.


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo ist denn Ihre Verantwortung?)





Parl. Staatssekretär Matthias Berninger

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Dazu haben Sie hier keine Aussagen gemacht. Sie haben
mit keinem Wort gesagt, wie Sie dieser Verantwortung ge-
recht werden wollen.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Nichts hat sie dazu gesagt!)


Sie haben nicht ein Wort dazu gesagt, was an diesem In-
formationsstrang, der nicht funktioniert, genau passiert.


(Katrin Göring-Eckardt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Pipikram!)


Deshalb sollten Sie sich nicht hier hinstellen und vom
Kartell des Schweigens bei anderen reden.


(Zuruf von der CDU/CSU: Es wird verschwiegen und vertuscht!)


Sie selbst sind die Patin des Kartells des Schweigens in
Ihrem eigenen Haus.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Wie anders soll man sonst eine Anweisung verstehen, die
Sie selbst gegeben haben? Ich erinnere mich gut daran,
dass Sie im Januar dieses Jahres hier gestanden haben und
sagten: Die Aktendeckel werden ein Ende haben. Seit
heute gibt es Telefone, Faxe und E-Mails. Wir erinnern
uns, wie Sie hier am Rednerpult geturnt haben und damit
zum Ausdruck bringen wollten, dass Eingänge von be-
sonderer fachlicher oder politischer Bedeutung unverzüg-
lich der Leitung des Hauses zur Kenntnis zu geben sind.

Die Bundesanstalt für Fleischforschung wusste seit
März dieses Jahres von einem positiven Ergebnis bei ei-
ner Nitrofentestung. Man gehe sogar – so ein Zitat – von
einem Übergang des Nitrofens von Futtermitteln in Mast-
puten aus. Es ist ein klarer Gesetzesverstoß, wenn Nitro-
fen in einem Futtermittel gefunden wird. Niemand han-
delte und niemand kritisiert dieses Nichthandeln bzw.
leitet endlich Konsequenzen ein. Das ist eine Erkenntnis
von besonderer fachlicher Bedeutung. Denn Nitrofen ist
auch in der konventionellen Landwirtschaft – in den alten
Bundesländern seit 20 Jahren und in den neuen Bundes-
ländern seit der Wiedervereinigung, also seit über zehn
Jahren – verboten. Sie sprechen jetzt auch von DDT.
Diese Mittel sind in der deutschen Landwirtschaft – egal
ob öko, bio oder konventionell – verboten. Deshalb dür-
fen sie nirgendwo vorkommen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Ulrich Heinrich [FDP]: Seit mehr als 30 Jahren! – Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Leider noch nicht lange genug!)


Ich sage Ihnen: Wenn Ihre Anweisungen noch nicht
einmal in Ihrem direkten Verantwortungsbereich befolgt
werden, dann ist hier nichts beinhart, sondern alles but-
terweich und zeigt, welche Autorität Sie in Ihrem Haus
und in Ihrem gesamten Verantwortungsbereich haben.
Das ist ein Versuch, vom eigenen Versagen abzulenken
und die eigene Verantwortung nicht tragen zu wollen. Das
darf nicht sein.

Worauf kommt es in der Lebensmittelsicherheit an?
Dass wir Strukturen und Informationsflüsse haben, die
funktionieren, und zwar vom Unternehmen an die Be-
hörde, unter den Behörden und dann aber auch von den

Behörden an die Verbraucher, also Verbraucherinfor-
mation.

Ich nenne ein weiteres Stichwort: Lebensmittelmoni-
toring. Seit September letzten Jahres fordert die Unions-
fraktion, dass auch Ökoprodukte in das Lebensmittel-
monitoring aufgenommen werden.


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die werden auch kontrolliert!)


– Liebe Kollegin Höfken, brauchen Ihre Vorhaben immer
Jahre, bis sie umgesetzt werden? Denn dies wäre sinnvoll
und wirklich gut. Sie haben sich Monate Zeit gelassen, zu
koordinieren und Gesprächspartner einzubestellen.


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Laden Sie einmal die Bundesländer ein, zum Beispiel Baden-Württemberg!)


Sie schieben alles auf die lange Bank, weil Sie eine ideo-
logische Brille aufhaben und Ihnen nicht das am Herzen
liegt, was die Menschen wollen: Lebensmittelsicherheit,
egal aus welcher Produktion das Erzeugnis stammt.


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie sollen nicht reden! Sie sollen handeln!)


Sie sagen immer, die Union blockiere alles. Die wirk-
lich wichtigen Gesetze, die einen vorsorgenden Verbrau-
cherschutz gewährleisten, haben Sie hier im Haus mit
unserer Zustimmung verabschiedet. Es fing beim
Tiermehlverfütterungsverbot an. Es ging weiter mit dem
Futtermittelgesetz bis zum Ökolandbaugesetz,


(Ulrich Heinrich [FDP]: Richtig!)

mit dem die Kontrollen verschärft werden sollen. Wir tra-
gen es mit.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Wir haben zugestimmt!)


Denn es ist sinnvoll, dass wir auch im Biobereich zu Ver-
besserungen bei den Kontrollen kommen.

Auch das Vorhaben, den Informationsfluss von den
Unternehmen an die Behörden zu verbessern, haben wir
mitgetragen. Wir haben in diesem Zusammenhang einen
eigenen Antrag eingebracht. Sie tun hier immer so, als ob
wir uns gegen die Verbraucherinformation sträuben. Da
muss ich schon einmal fragen: Wie ist es denn gestern im
Landwirtschafts- und Verbraucherausschuss gewesen?
Wir haben einen Antrag eingebracht, der gemäß Art. 10
der EU-Verordnung eine klare Verbesserung der Verbrau-
cherinformation durch die Behörden bedeutet hätte.


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Der war doch schon erledigt!)


Sie haben diesen Antrag gestern im Ausschuss sehenden
Auges abgelehnt. Sie haben den Verbraucherinnen und
Verbrauchern eine sachgerechte Information verweigert.
Deshalb sollten Sie hier nicht von der Verweigerungshal-
tung der Union sprechen. Sie selber haben mit Ihrer Re-
gierungsmehrheit verhindert,


(Jella Teuchner [SPD]: Das stimmt doch gar nicht! – Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist falsch!)





Annette Widmann-Mauz
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dass eine sachgerechte Information drei Jahre früher, als
es die EU vorgesehen hat, eingeführt wird.


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Der war schon beschlossen!)


Sie hätten gestern im Ausschuss zustimmen können. Sie
haben es abgelehnt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Zuruf von der CDU/CSU: Was wahr ist, ist wahr! – Gustav Herzog [SPD]: Nein, Ihre Kollegen haben ihn zurückgezogen! – Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Der war zurückgezogen!)


– Soll ich Ihnen den Antrag vorlesen? Ich habe ihn dabei,
Herr Kollege Herzog.


(Widerspruch von der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


– Seien Sie doch ruhig. Wenn Sie eine Zwischenfrage stel-
len wollen, können Sie sich gerne an das Mikrofon stel-
len. Ich beantworte gerne Ihre Fragen. Dann kann man das
im Protokoll nachlesen.

Jetzt ist zu hören, dass die Grenzwerte gesenkt werden
sollen. Liebe Frau Künast, das ist wieder ein typischer
PR-Gag, den Sie dem deutschen Volk zumuten. Die Ver-
wendung von Nitrofen und DDT ist verboten. Wir wollen
keine solchen Rückstände in unseren Lebensmitteln. Das
Futtermittelrecht muss dem Lebensmittelrecht angepasst
werden.


(Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie sollten zuhören!)


Das ist in Ordnung. Aber schütten Sie das Kind nicht mit
dem Bade aus


(Zuruf des Abg. Matthias Berninger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


– hören Sie einfach einmal zu, Herr Berninger –: Wir
haben erfahren, dass als Erster ein Babynahrungsmittel-
hersteller den Nachweis von Nitrofen erbracht hat. Dies
ist ein Unternehmen, das sensibel handelt und sehr ge-
nau hinschaut. Wollen Sie eine Regelung schaffen,
durch die Unternehmen in Zukunft nicht mehr genau
hinschauen, weil sie Angst haben müssen, dass die Pro-
dukte, die sie von vornherein nicht auf den Markt brin-
gen, an den Pranger gestellt werden? Wollen Sie damit
sanktionieren, dass diejenigen, die organisiert nicht
wissen, belohnt werden? Sachgerechte Entscheidungen,
die auch das Ende im Blick haben, sind verantwor-
tungsvolle Entscheidungen und deshalb keine Schnell-
schüsse. Kümmern Sie sich endlich einmal um das, was
in Ihrem Haus wirklich notwendig ist. Daran müssen
Sie arbeiten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Frau Künast, ich zi-
tiere Sie, Sie haben heute Morgen gesagt: „Wer versagt
hat, muss ... zur Verantwortung gezogen werden.“ Dazu
kann ich nur sagen: Sie sind nicht als erste Frau der größ-
ten Werbeagentur Deutschlands gewählt worden, sondern
Sie sind für Ihren Behördenbereich verantwortlich, da
liegt Ihre Verantwortung. Wenn Sie dieser nicht gerecht
werden – Sie haben das erneut bewiesen –, werden Ihnen

die Menschen am 22. September die Verantwortung ent-
ziehen, und das ist dann auch gut so.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423905900
Das Wort hat
jetzt der Abgeordnete Karsten Schönfeld.


Karsten Schönfeld (SPD):
Rede ID: ID1423906000
Frau Präsidentin! Liebe
Kolleginnen und Kollegen! Das, was wir heute Morgen in
den Redebeiträgen der Abgeordneten der Opposition
gehört haben, war wirklich substanzlos, es war nur Pole-
mik.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Ulrich Heinrich [FDP]: Wir haben Alternativen zu Ihnen aufgezeigt!)


Ich bin froh, dass die heutige Debatte am Vormittag
stattfindet, sodass auch die Öffentlichkeit sehen und
hören kann, dass die Opposition keine Vorschläge ge-
macht hat. Sie macht schon seit anderthalb Jahren keine
Vorschläge mehr. Sie stellen sich hier hin und kritisieren
unsere Politik,


(Ulrich Heinrich [FDP]: Wir haben Alternativen aufgezeigt!)


die Politik der Bundesregierung, und wir müssen uns an-
hören, dass wir zu wenig für den Verbraucherschutz tun.
Wenn ich mir jedoch die Entwicklung der letzten andert-
halb Jahre ansehe –


(Peter H. Carstensen [Nordstrand]) [CDU/CSU]:

Wir haben eure eigene Kritik zitiert!)

– ich komme auch noch zu Zitaten, nicht unruhig wer-
den –, dann wird deutlich, dass wir die Einzigen gewesen
sind, die überhaupt etwas für den Verbraucherschutz – wir
haben sogar sehr viel vorangebracht – getan haben.

Sie hatten am letzten Freitag bei der Entscheidung über
das Verbraucherinformationsgesetz im Bundesrat die
Möglichkeit, diesem wichtigen Gesetzesvorhaben zuzu-
stimmen. Sie haben das nicht getan, deshalb sage ich: Es
gibt nichts als Blockade, nichts als Verweigerung. Der
Vorwurf, das Gesetz gehe nicht weit genug, ist unver-
ständlich; denn wenn man ein Ziel wirklich erreichen will,
dann muss man auch den ersten Schritt tun und darf sich
nicht wie Sie komplett verweigern. Sie haben das zulasten
der Verbraucher in unserem Land getan.

Die unionsregierten Länder, allen voran Bayern, kriti-
sieren das Verbraucherschutzministerium und werfen ihm
Versäumnisse vor. Herr Minister Sinner, Bayern ist nicht
das Feindbild der Bundesregierung oder unserer Koali-
tion; das ist mitnichten so. Bayern ist ein schönes Land, in
dem nette Menschen leben. Es gibt dort wunderschöne
Städte. Erst am Dienstag war ich anlässlich der Befragung
des CSU-Vorsitzenden Stoiber durch den Parteispenden-
untersuchungausschuss in München.


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Da müssen Sie erst mal nach Salzgitter kommen! – Albert Deß [CDU/CSU]: Warst du mit dem Motorrad da?)





Annette Widmann-Mauz

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(C)



(D)



(A)



(B)


– Ich war nicht mit dem Motorrad da. Das mache ich beim
nächsten Mal.

Herr Minister Sinner, meine Damen und Herren, wenn
in der letzten Zeit von Skandalen die Rede war, dann war
Bayern nicht nur immer mit dabei, sondern Bayern stand
in der ersten Reihe. Das war bei BSE so; denn von den
182 bis heute gemeldeten Fällen sind 79 aus dem Frei-
staat Bayern. Das war so beim Antibiotikamissbrauch.
Anfang dieses Jahres wurde mit den BSE-Tests nachläs-
sig umgegangen. All das geschah im Freistaat Bayern.
Wenn wir uns mit diesen Themen beschäftigen, geht es
nicht darum, ein Feinbild aufzubauen, sondern es geht um
die Versäumnisse, die Ihre damalige Regierung zu verant-
worten hat.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Heute wurden schon einige Zitate angeführt. Ich
möchte auf einen Artikel, der in der vergangenen Woche
in der „Welt“ – sie steht nicht unbedingt im Verdacht, uns
besonders nahe zu stehen – hinweisen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Nein, da habt ihr noch nicht so viele Anteile!)


Dort steht, dass der Präsident des Deutschen Bauernver-
bandes die Verbraucherministerin Renate Künast für das
Debakel in der Landwirtschaft rund um den aktuellen
Nitrofen-Skandal verantwortlich macht. – Das ist nichts
Neues; das macht Herr Sonnleitner seit anderthalb Jah-
ren. – In dem Artikel steht weiter, dass Herr Sonnleitner
sagt, wer „alte Strukturen“ in der Agrar- und Ernährungs-
wirtschaft für die jüngsten Lebensmittelkrisen verant-
wortlich mache, lenke „in billiger Weise von seiner eige-
nen Verantwortung ab“.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Wo er Recht hat, hat er Recht!)


Die Schlussfolgerung der „Welt“ – jetzt wird es interes-
sant – ist:

Das ist starker Tobak. Immerhin haben die „alten
Strukturen“ dafür gesorgt, dass wochen-, wenn nicht
monatelang Gift in die Nahrung gemischt wurde.
Sonnleitner sollte sich kooperativ verhalten und sich
nicht einer Partei, sondern dem Gemeinwohl gegen-
über verantwortlich fühlen.

(Zuruf von der CDU/CSU: Sonnleitner ist kein Parteimitglied!)

Das schreibt „Die Welt“ und sie hat Recht.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Wo war denn die Kontrolle der Frau Künast?)


Eines müsste uns allen klar sein: Über Verbraucher-
schutz sollten wir uns hier eigentlich nicht streiten. Jeder,
der mit der Produktion von Lebensmitteln befasst ist
– egal ob Landwirte, Lebensmittelindustrie, gleich ob
Ökolandbau oder konventionelle Produktion –, müsste
sich seiner Verantwortung gegenüber den Menschen be-
wusst sein. Am Nitrofen-Skandal ist aber deutlich ge-

worden, dass es immer wieder schwarze Schafe gibt. Es
gibt immer wieder Leute, die versuchen, zu betrügen und
zu vertuschen. Darum brauchen wir einen vernünftigen
Kontrollrahmen. Die Grundlagen dafür haben wir ge-
schaffen. Auf diesem Weg werden wir weitergehen.

Abschließend möchte ich einen weiteren Punkt an-
sprechen. Wir haben hier heute erfahren, dass ein Ein-
tragspfad für das Gift gefunden wurde, nämlich die
Lagerhalle in Malchin. Wer aber daraus schlussfolgert
– teilweise konnten wir dies Berichten und Kommentaren
der letzen Tage entnehmen –, man könne die Schuld ein-
seitig den Landwirten in den neuen Bundesländern zu-
schieben, der liegt völlig falsch. Die Bäuerinnen und Bau-
ern, egal ob in West oder Ost, in Nord oder Süd, sind die
Opfer dieses Skandals. Die festgestellte Konzentration
des Giftes lässt die Schlussfolgerung zu, dass es weitere
Eintragswege gegeben hat. Diesbezüglich müssen weitere
Untersuchungen angestellt werden.

Der eigentliche Skandal ist, dass diejenigen, die seit
Monaten davon gewusst haben, versucht haben, die An-
gelegenheit zu vertuschen. Es ist aber deutlich geworden,
dass solche Vertuschungsversuche aufgedeckt werden;


(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist auch vorher nicht gut gegangen!)


dafür haben wir im Zusammenhang mit der Agrarwende
gesorgt. Wir klären derartige Vorgänge auf, wie es auch in
diesem Fall passiert ist.

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423906100
Das Wort hat
jetzt der Abgeordnete Matthias Weisheit.


Matthias Weisheit (SPD):
Rede ID: ID1423906200
Frau Präsidentin! Liebe
Kolleginnen und Kollegen! Man merkt deutlich, dass
Wahlkampf ist. Das war am vergangenen Donnerstag in
der Sondersitzung des Agrarausschusses zu spüren und
hat sich heute zumindest in den Beiträgen von der rechten
Seite des Hauses nahtlos fortgesetzt. Es geht Ihnen nicht
um Lebensmittelsicherheit und auch nicht um die Auf-
klärung eines Skandals. Ihnen geht es um den Kopf einer
Ministerin – dazu ist Ihnen kein noch so blödsinniges
Argument zu schade – sowie darum, den Ökolandbau
schlecht zu machen. Um nichts anderes geht es Ihnen hier!


(Beifall bei der SPD – Ulrich Heinrich [FDP]: Sie haben wohl wieder was gutzumachen? – Ingrid Fischbach [CDU/CSU]: Wie war denn Ihr Zitat in der Presse zu verstehen? Ich habe kein Dementi gelesen!)


– Aber nicht doch, Herr Kollege Heinrich. Das ist Ihre
Politik; Ihnen geht es nicht um Aufklärung.

In dieser langen Debatte ist eigentlich schon alles ge-
sagt worden, nur noch nicht von allen, zum Beispiel von
mir noch nicht. Ich werde mich aber auf einen Kernpunkt
beschränken.


(Ulrich Heinrich [FDP]: Reden ist Silber, Weisheit ist Gold!)





Karsten Schönfeld
23864


(C)



(D)



(A)



(B)


Hier ist ein Futtermittelunternehmen – es ist mir völlig
wurscht, wem es gehört – mit einem Putenfleischunter-
nehmen verschwägert, das wiederum im Besitz eines
Hühnerunternehmens ist. All diese Unternehmen wissen,
dass ihre Produkte belastet sind. Insbesondere wissen sie,
dass ihr Futtergetreide massiv belastet ist. Aber was tun
sie? Sie sagen nichts und versuchen, den Schaden mög-
lichst gering zu halten. Angesichts dessen kann man schon
von alten Strukturen reden; denn nach dieser Methode
wurde jahrzehntelang gearbeitet. In diese Menschen be-
kommt man nicht hinein, was gläserne Produktion be-
deutet. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie nach
dem Auftreten von BSE die Chefs der großen Organisa-
tionen geschworen haben, sie würden für eine gläserne
Produktion sorgen. Mein Glaube darin wurde allmählich
immer geringer. Daher muss man offensichtlich sehr viel
mehr kontrollieren.

Mein Appell am Schluss – ich muss meine Redezeit
nicht ausnutzen; nach meiner Überzeugung wurde hier
schon viel zu lange leeres Stroh gedroschen – richtet sich
an die Länder: Beschäftigen Sie sich mit den Agro-
businessunternehmen – hier liegt der eigentliche Skan-
dal –, die an den Bauern und den Verbrauchern viel Geld
verdienen. Es interessiert sie überhaupt nicht, ob Bauern
– Ökobauern oder konventionell wirtschaftende Bauern –
und Verbraucher geschädigt werden. Hauptsache, die
Kasse stimmt! Um diese Agrobusinessunternehmen muss
man sich verschärft kümmern. Wenn diese Unternehmen
ständig kontrolliert werden, kommt man solchen Skanda-
len auch rechtzeitig auf die Spur. Vielleicht wird dann so-
gar die Zahl der Skandale geringer.

Eine letzte Anmerkung, Frau Präsidentin, meine Da-
men und Herren Geschäftsführer: Es wäre vielleicht sinn-
voll, solche Debatten zeitlich einzuschränken,


(Peter H. Carstensen [Nordstrand]) [CDU/

CSU]: Die Ministerin hat doch 15 Minuten län-
ger geredet, als sie sollte!)

damit nicht drei Stunden lang immer wieder das Gleiche
erzählt wird. Auch bei einer Redezeit von eineinhalb
Stunden könnte alles gesagt werden.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423906300
Ich schließe die
Aussprache und rufe die Tagesordnungspunkte 4 a und b
sowie Zusatzpunkt 3 auf:
4. a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Horst

Seehofer, Karl-Josef Laumann, Wolfgang
Lohmann (Lüdenscheid), weiterer Abgeordneter
und der Fraktion der CDU/CSU
Krise in der Sozialversicherung beseitigen –
endlich die notwendigen Reformen auf den Weg
bringen
– Drucksache 14/8268 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung (f)

Finanzausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie

Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit
Haushaltsausschuss

b) Beratung der Unterrichtung durch die Bundes-
regierung
Sozialbericht 2001
– Drucksache 14/8700 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung (f)

Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit

ZP 3 Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Irmgard
Schwaetzer, Dr. Heinrich L. Kolb, Dirk Niebel, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
Für grundlegende Reformen der sozialen Siche-
rungssysteme
– Drucksache 14/9245 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für die
Aussprache zwei Stunden vorgesehen. – Ich höre keinen
Widerspruch. Dann ist es so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort als erster Debat-
tenredner hat der Abgeordnete Gerald Weiß.

Gerald Weiß (Groß-Gerau) (CDU/CSU): Frau Präsi-
dentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! In der
heutigen Diskussion über die gesetzlichen Sozialversi-
cherungen macht es einen besonderen Sinn, die Taten der
rot-grünen Koalition auf diesem Gebiet an dem zu mes-
sen, was die Sozialdemokraten vor der letzten Bundes-
tagswahl versprochen haben, aber auch an dem – aktuelle
Bezüge gibt es hinreichend –, was die Gewerkschaften
forderten und für richtig hielten.

In diesem Zusammenhang müssen wir feststellen: Auf
nahezu allen Feldern, in allen Sozialversicherungszwei-
gen, gibt es eine breite Lücke zwischen Anspruch und
Wirklichkeit, zwischen Verheißungen und rot-grünen Ta-
ten. Das Versagen von Rot-Grün ist auf dem Gebiet der
sozialen Sicherung so eklatant wie auf wenigen anderen.
Deshalb müssen wir diese Debatte führen.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Wir erinnern uns: Vor vier Jahren hat der Deutsche

Gewerkschaftsbundmit 8Millionen DM an Beitragsmit-
teln massiv in den Bundestagswahlkampf eingegriffen,
Geld, das auch von Unionsanhängern in den Gewerk-
schaften, von Mitgliedern der CDU und der CSU im DGB
stammte. Es ist noch eine höfliche Umschreibung, das als
eine ziemlich dreiste Zweckentfremdung der von den Ar-
beitnehmern aufgebrachten Beiträge zu bezeichnen.


(Zuruf von der CDU/CSU: Da sind die hemmungslos! – Gegenruf des Abg. Peter Dreßen [SPD]: Mein Gott!)


Das Ziel war, einen erneuten Wahlerfolg der Union zu
verhindern. Jetzt muss man ohne jede Frustration gerade




Matthias Weisheit

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(D)



(A)



(B)


aus dem Blickwinkel des DGB – oder besser noch: der Ar-
beitnehmerinnen und Arbeitnehmer – betrachten, ob es
– gemessen an den Zielen der Gewerkschaften und der Ar-
beitnehmer – eine gute Investition war, so viel Geld für
die Unterstützung des rot-grünen Projektes und dafür auf-
zuwenden, Rot-grün an die Macht zu bringen.


(Dr. Ruth Fuchs [PDS]: Das ist unter Niveau!)

Betrachtet man, für welche Inhalte der DGB gekämpft
hat, muss man sagen: Diese 8 Millionen DM waren die
größte Fehlinvestition, die der DGB je zu verantworten
hatte,


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

abgesehen vielleicht von der „Neuen Heimat“.


(Erika Lotz [SPD]: Billiger geht es nicht mehr! – Dr. Ruth Fuchs [PDS]: Die Rede ist eine Zumutung!)


– Das müssen Sie sich vor dem Hindergrund dessen, was
Sie in den vergangenen vier Jahren geleistet bzw. nicht ge-
leistet oder, besser noch: sich geleistet haben, schon ent-
gegenhalten lassen.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Das Motto der DGB-Kampagne 1998 lautete: „Deine

Stimme für mehr Gerechtigkeit“; ihre Ziele waren Arbeit
und soziale Gerechtigkeit.


(Zuruf von der SPD: Das sind unsere Ziele! – Weiterer Zuruf von der SPD)


– Sie wären doch nicht so nervös, wenn Sie dies nicht be-
fürchteten.


(Klaus Brandner [SPD]: Das hätten Sie wohl gern, dass wir nervös werden!)


Wie es um das Ziel Arbeit in Deutschland steht, kön-
nen wir allenthalben an harten, zum Teil sogar geschönten
und dennoch desaströsen Zahlen ablesen, an einer Ar-
beitsmarktbilanz, die den Kern Ihres politischen Versa-
gens während dieser vier Jahre rot-grüner Regierung in
Deutschland darstellt.

Wachsende Arbeitslosigkeit bedeutet für die Sozial-
versicherungszweige des Solidarsystems weniger Ein-
nahmen und mehr Ausgaben, das bedeutet im Ergebnis
höhere Sozialversicherungsbeiträge. Daraus resultieren
wiederum höhere Lohnnebenkosten sowie weniger Net-
tokaufkraft der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.
Am Ende dieser Kette steht das Ergebnis, dass die Ar-
beitslosigkeit weiter wächst und dass es Rot-Grün ent-
gegen seinen Verheißungen nicht geschafft hat,
Deutschland aus diesem Teufelskreis herauszuführen.
Die rot-grüne Regierung hat das Land sogar tiefer hin-
eingeführt. Das ist der Kern Ihres Versagens. Das müs-
sen wir Ihnen auch in der heutigen Debatte entgegen-
halten.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Ich will nur einige Schlaglichter auf die Sozialver-

sicherung werfen. Unvergessen ist der Griff von Eichel
in die Sozialkassen. Man hat die vom Bund für die Ar-
beitslosenhilfebezieher in die Pflegeversicherung und in

die Krankenversicherung zu zahlenden Beiträge gesenkt,
übrigens mit entsprechenden Wirkungen für die soziale
Sicherung.


(Dr. Ruth Fuchs [PDS]: Das ist doch Ihre Praxis seit Jahrzehnten, verdammt noch mal!)


Sie wollten doch alles besser machen. Nichts von diesem
Anspruch ist eingelöst.


(Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Sie haben uns einen paradiesischen Staat hinterlassen! – Dr. Ruth Fuchs [PDS]: Den Beitragsklau haben Sie eingeführt!)


Man hat die Beiträge der Arbeitslosenhilfebezieher in
die Pflegeversicherung und in die Krankenversicherung
gekürzt. Da der Beitragssatz für die Pflegeversicherung
gesetzlich justiert ist, bedeutet das, dass wesentliche
strukturelle Verbesserungen wie die bessere Absicherung
der Demenzkranken nicht vorgenommen werden können
und unterbleiben müssen. Die Pflegeversicherung muss
zunehmend ihre Substanz angreifen und rutscht in ein De-
fizit hinein,


(Erika Lotz [SPD]: Sie reden Ihre Pflegeversicherung schlecht!)


wohingegen die strukturellen Verschiebungen bei der Al-
terspyramide genau das Gegenteil erforderten, dass wir
nämlich die Pflegeversicherung auf die demographischen
Herausforderungen vorbereiten. Sie haben von Norbert
Blüm eine Pflegekasse mit Reserven in Höhe von 8 bis
10 Milliarden DM übernommen. Wenn Sie sich weiterhin
so verhalten wie bisher, wird davon bald nichts mehr
übrig sein.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Detlef Parr [FDP] – Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Unsinn!)


Die Versicherten und die Arbeitgeber müssen die Ze-
che zahlen. Angesichts des Maßstabs, den Sie und die Ge-
werkschaftsbewegung etabliert haben, frage ich Sie mit
Recht: Ist dies ein Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit?
Ganz gewiss nicht. Sie senken das Rentenniveau unter
das Niveau der blümschen Rentenreform, aber auf eine
sehr viel willkürlichere Weise. Herr Blüm hat eine exo-
gene, sozusagen außerhalb jeder Willkür der Politik lie-
gende Größe, nämlich die Lebenserwartung, in die Ren-
tenformel eingestellt. Sie handeln mit Willkür auf ein
bestimmtes Ziel, nämlich die Senkung des Renten-
niveaus, hin und verstecken die Wahrheit hinter statisti-
schen Tricks.

Damals haben Sie gesagt, das Rentenniveau in Höhe
von 65,5 Prozent im Jahre 2030, die wir durch die blüm-
sche Reform erreicht hätten, sei unanständig. Was ist denn
aber das Rentenniveau in Höhe von 64 Prozent, die wir in
Wahrheit jetzt durch Ihre Rentenreform erreichen werden?


(Beifall bei der CDU/CSU)

Dies soll alles hinter einem Nebel von Sprüchen verbor-
gen bleiben.

Rot-Grün hat auch in der Arbeitslosenversicherung
nicht wirklich die Entwicklung hin zu einer aktivierenden,




Gerald Weiß (Groß-Gerau)

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(C)



(D)



(A)



(B)


die Arbeitsmarktpolitik effektiver und effizienter gestal-
tenden Politik forciert.


(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Völlig versagt!)


Wie steht es mit dem Rentenversicherungsbeitrag?
Sie sagen selbst, er werde bis 2030 bei knapp 22 Prozent
liegen. Die Prognos AG sagt: Nein, es werden mehr, es
werden 23 Prozent sein. Die Ökosteuer, die jetzt schon mit
1,5 Prozent zu kalkulieren ist, dürfen wir getrost hinzuad-
dieren. Auch die 4 Prozent, die der Arbeitnehmer – sofern
er es kann – für seine zusätzliche, kapitalgedeckte Vor-
sorge aufbringen soll, müssen wir hinzurechnen. Daraus
ergeben sich 11 plus 4 plus 1,5 Prozent. Dies kann doch
kein Mehr an Gerechtigkeit sein!

Hinzu kommt, dass Sie ein Fördersystem etabliert ha-
ben, das die Schwachen schwach fördert, sodass sie die
Riester-Rente nur schwach in Anspruch nehmen können –


(Peter Dreßen [SPD]: Das ist doch nicht wahr! Herr Weiß, bleiben Sie bei der Wahrheit! Was Sie sagen, ist absolut falsch!)


und dies in Verbindung mit dem Ausstieg aus der paritä-
tischen Finanzierung.

Jetzt halte ich Ihnen entgegen, was der DGB-Info-
dienst am 21. Januar 2002 gesagt hat. Die Rentenreform
muss als „Ausstieg aus der paritätischen Finanzierung ei-
ner Sozialversicherung“ verstanden werden. Wenn man
diesen Ausstieg aus der paritätischen Finanzierung in
Koppelung mit einem Fördersystem sieht, das die Schwa-
chen schwach fördert, sodass sie die Riester-Rente nur
schwach in Anspruch nehmen können, muss man sagen:


(Erika Lotz [SPD]: Sie haben gar nichts gemacht!)


Das ist ein sozialer Kahlschlag und jedenfalls keine so-
ziale Gerechtigkeit mehr!


(Beifall bei der CDU/CSU)

Nun komme ich zur Riester-Rente: viel Bürokratie

und schwache Rendite neben der schieflastigen Förde-
rung. Lassen Sie doch bitte schlichte Zahlen sprechen.


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Aber ehrliche Zahlen! Nicht Manipulationen!)


Ich bilde ein schönes, ehrliches Zahlenbeispiel: Eine
allein stehende Verkäuferin mit einem jährlichen Einkom-
men in Höhe von 15 000 Euro bekommt im Jahre 2008
– Endausbau der Förderung – eine Zulage in Höhe von
154 Euro von Riester, jedoch – so denke ich – dann nicht
mehr von Riester. Wer hingegen 50 000 Euro verdient
– zum Beispiel ihr Filialleiter –, wird zusätzlich in den Ge-
nuss eines Steuervorteils von 650 Euro kommen und eine
Gesamtförderung von 800 Euro erreichen. 154 Euro er-
halten die Kleinen, 800 Euro die Besserverdienenden.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Soziale Gerechtigkeit à la SPD!)


Ist das die soziale Gerechtigkeit, die Sie avisiert haben
und als Maßstab haben wollten?


(Peter Dreßen [SPD]: Dann müssten Sie das ganze System abschaffen!)


Wenn man all das zusammen sieht, muss man sagen:
Für eine parteipolitische Einmischung des DGB in den
Wahlkampf gibt es in diesem Jahr eine noch geringere Le-
gitimation als im Jahre 1998, weil alle Kernziele verfehlt
wurden. Wahrheit ist: Die Unzufriedenheit, die Sie auch
an der Basis verspüren, nährt sich doch dadurch, dass das,
was aus Arbeit erwächst, Produkte und Güter, für den Ver-
braucher immer unbezahlbarer geworden ist. Für den Ar-
beitnehmer wird diese Arbeit immer weniger auskömm-
lich. Die Schere zwischen Abgabenlast und Verdienst geht
weiter auseinander.


(Peter Dreßen [SPD]: Schauen Sie sich an, was bei den Steuern gemacht worden ist!)


Deshalb haben Sie die wesentlichen Ziele bei der Sozial-
versicherung und bei der Steuerreform verfehlt. Das wer-
den wir Ihnen, bis der Regierungswechsel im Herbst er-
reicht ist, vorhalten.

Ich bedanke mich.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423906400
Das Wort hat
jetzt die Parlamentarische Staatssekretärin Ulrike
Mascher.

U
Ulrike Mascher (SPD):
Rede ID: ID1423906500
Frau Präsidentin!
Meine Damen und Herren! Im Wahlprogramm der
CDU/CSU


(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Regierungsprogramm!)


heißt es:
Die grundlegenden Kulturtechniken – Lesen, Schrei-
ben, Rechnen, aber auch der Umgang mit neuen Me-
dien und die Verarbeitung der heute verfügbaren In-
formationsmengen – müssen sicher beherrscht
werden.

(Lachen bei Abgeordneten der SPD – Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Wenn ich Ihre Anträge lese und höre, was Sie im Wahl-

kampf den Bürgerinnen und Bürgern erzählen – ich habe
auch Herrn Weiß hier aufmerksam zugehört –, habe ich
manchmal den Eindruck, dass Sie insbesondere bei diesen
Kulturtechniken selbst einen großen Nachholbedarf ha-
ben.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Anders ist es für mich nämlich nicht zu erklären, dass
Sie in sich überschlagenden Anträgen immer wieder neue
Reformen einfordern, die wir zum Teil längst auf den Weg
gebracht haben. Ich empfehle Ihnen, die alten und die
neuen Medien zu nutzen. Dann könnten Sie sich besser in-
formieren.

Auch mit dem Rechnen haben Sie offenbar Ihre Pro-
bleme,


(Walter Hirche [FDP]: Wie bitte?)





Gerald Weiß (Groß-Gerau)


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(C)



(D)



(A)



(B)


da Sie jetzt von einer Krise der Sozialversicherung spre-
chen. Wenn es eine Krise gegeben hat, dann liegt sie vier
oder sechs Jahre zurück. Das war die Zeit, als CDU, CSU
und FDP regiert haben und


(Walter Hirche [FDP]: Die Prognosen sagen, dass die Verschuldung im Jahre 2030 4,5 Billionen beträgt!)


die Beitragssätze für die Sozialversicherungen enorm in
die Höhe gestiegen sind, nämlich von 34 Prozent auf
42 Prozent. Herr Hirche, sie wären auf 43 Prozent gestie-
gen, wenn die SPD als verantwortungsvolle Opposition
nicht zugestimmt hätte, die Einnahmen aus einer Er-
höhung der Mehrwertsteuer um 1 Prozentpunkt für die
Senkung bzw. Stabilisierung des Beitragssatzes zu nut-
zen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN –Walter Hirche [FDP]: Die erforderlichen Korrekturen haben Sie wieder zurückgenommen! Sie haben es in grauenhafter Weise verschlimmert!)


So haben wir Oppositionspolitik verstanden. Sie haben
gegen diesen dramatischen Anstieg der Sozialversiche-
rungsbeiträge nichts getan.


(Walter Hirche [FDP]: Das, was Sie tun, ist ein Anschlag auf die Zukunft der Kinder!)


Wie sieht es heute aus? Der gesamte Sozialversiche-
rungsbeitrag ist nicht so gesunken, wie wir uns das ge-
wünscht haben. Immerhin haben wir aber den Anstieg ge-
stoppt sowie


(Walter Hirche [FDP]: Sie haben nichts!)

eine Trendwende und eine Absenkung um 1 Prozentpunkt
erreicht.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Herr Weiß, ich weiß nicht, wie Sie auf eine Erhöhung der
Lohnnebenkosten kommen.


(Peter Dreßen [SPD]: Das ist sein Geheimnis!)

Ich empfehle Ihnen, sich das noch einmal genauer anzu-
sehen.

Wir haben eine erfolgreiche Sozialpolitik betrieben,
die Weichen gestellt und die Reformen auf den Weg ge-
bracht. Sozialpolitik heißt für uns, denen zu helfen, die
sich nicht selbst helfen können, ihnen Unterstützung zu
geben, Schwache nicht zu vernachlässigen und Menschen
mit Problemen nicht aufzugeben, sondern zu integrieren.

Dazu bedarf es eines starken Sozialstaates und einer
Politik, die die gesellschaftlichen Veränderungen wahr-
nimmt und durch Reformen begleitet; denn Modernisie-
rung, notwendige strukturelle Reformen und ein starker
Sozialstaat sind keine Gegensätze, sondern bedingen sich
wechselseitig.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423906600
Gestatten Sie
eine Zwischenfrage? – Bitte.


Kurt J. Rossmanith (CSU):
Rede ID: ID1423906700
Frau Staatssekre-
tärin Mascher, sind Sie mit mir der Meinung, dass gegen-
wärtig nicht die Höhe der Sozialversicherungsbeiträge
– die sicherlich sehr wichtig ist – entscheidend ist, son-
dern dass doch der entscheidende Faktor ist, den Men-
schen Arbeit zu vermitteln? Bei meines Wissens nach wie
vor 4 Millionen Arbeitslosen handelt es sich bei allem an-
deren, zum Beispiel bei der Frage, ob die Sozialversiche-
rungsbeiträge um 0,2 Prozent höher oder niedriger sind,
nur um Petitessen.


(Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt geben Sie zu, dass die Beiträge gesunken sind! Das ist ja interessant!)


Der entscheidende Faktor zur Stabilisierung und Si-
cherung unseres Sozialsystems ist die Schaffung von Ar-
beitsplätzen. Darin haben Sie völlig versagt.


(Zuruf von der SPD: Da kann man mit Ihnen nicht einer Meinung sein!)


U
Ulrike Mascher (SPD):
Rede ID: ID1423906800
Herr Rossmanith,
ein Punkt Beitragssatz bedeuten 15 Milliarden DM bzw.
7,5 Milliarden Euro. Das sind eben keine Petitessen und
keine Peanuts, sondern dabei geht es um eine sehr be-
achtliche Summe.

Was die Arbeitslosigkeit angeht, kann ich Ihnen nur sa-
gen: Wir stehen besser da, als Sie am Ende Ihrer Regie-
rungszeit dagestanden haben.


(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Aber das ist nicht die Wahrheit!)


Wir stehen zwar was die Arbeitslosenzahlen angeht, nicht
so gut da, wie wir es uns gewünscht haben; aber wir ha-
ben sehr viel mehr Menschen in Arbeit gebracht, als es Ih-
nen zum Schluss gelungen ist.


(Beifall bei der SPD – Peter Dreßen [SPD]: 10 Prozent weniger! – Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Das ist falsch, was Sie jetzt gesagt haben! Das wissen Sie auch!)


– Ich weiß nicht, was daran falsch sein sollte. Aus der offi-
ziellen Statistik der Bundesanstalt fürArbeit können Sie
die Zahlen ersehen. Bisher ist mir – auch von Ihnen nicht –
keine Behauptung bekannt, dass die Zahlen falsch seien.


(Zuruf von der SPD: 400 000 weniger als vorher! – Klaus Brandner [SPD]: Wir sind doch hier nicht in einer Wahlveranstaltung! Was ist das denn für eine Art?)


Die Basis eines handlungsfähigen Sozialstaats ist die
Konsolidierung des Bundeshaushalts. Wir haben den
Marsch in den Schuldenstaat gestoppt. Sie haben uns eine
Staatsverschuldung in Höhe von 1,5 Billionen DM hin-
terlassen. Das hat eine Zinslast in Höhe von 80 Milliar-
den DM jährlich bedeutet.

Mit dem Haushalt 2002 hat die Bundesregierung zum
dritten Mal in Folge einen Etat vorgelegt, dessen Neuver-
schuldung unter der des Vorjahres liegt. Gegenüber der
Kohl-Regierung haben wir die Kreditaufnahme des Bun-
des um 22,5 Prozent verringert. Damit haben wir dafür ge-




Parl. Staatssekretärin Ulrike Mascher
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sorgt, dass dieser Staat wieder handlungsfähig wird. Aber
das Wort Schuldentilgung kommt in Ihrem Wahlpro-
gramm gar nicht vor.


(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Regierungsprogramm!)


Wir haben soziale Gerechtigkeit wieder zu einer Kate-
gorie der Steuerpolitik gemacht. Von unserer Steuerpoli-
tik und unserer Steuerreform profitieren vor allen Dingen
Arbeitnehmer, Familien und der Mittelstand. Das monat-
liche Nettoeinkommen liegt heute fast 7 Prozent höher
als am Ende der CDU/CSU-FDP-Regierung. Es hat noch
nie eine so umfassende Steuerreform gegeben wie die, die
wir zwischen 1998 und 2005 durchführen und mit der die
Verbraucher und der Mittelstand um 56 Milliarden Euro
entlastet werden.


(Beifall bei der SPD – Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Das stimmt aber nicht!)


Vor allem kleine und mittlere Einkommen werden von un-
serer Steuerpolitik prozentual am stärksten profitieren.
Eine Familie mit zwei Kindern wird ab dem nächsten Jahr
im Durchschnitt um mehr als 330 Euro entlastet. Mit ei-
nem Bruttoeinkommen von 20 000 Euro werden dann
übrigens so gut wie keine Steuern mehr zu zahlen sein.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [FDP]: Stoltenbergs Steuerreform war wesentlich weitgehender!)


Dass Ihnen das nicht gefällt, dass es Sie schmerzt und
Sie Ausrufe des Wehklagens loswerden wollen, kann ich
zwar verstehen; aber meine Ausführungen entsprechen
den Tatsachen.


(Beifall bei der SPD – Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Ich glaube, die Körperschaftsteuer schmerzt eher Sie!)


Wir haben durch die Gesetze zur Bekämpfung der
Scheinselbstständigkeit und zur geringfügigen Be-
schäftigung dafür gesorgt,


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Dass es mehr Schwarzarbeit gibt!)


dass die Flucht aus den Sozialversicherungssystemen ge-
stoppt wird. Denn in der Tat geraten die Sozialversiche-
rungsträger in eine Krise, wenn immer weniger Beitrags-
zahler eine immer größere Solidarlast tragen müssen.

Wir haben die Arbeitslosigkeit spürbar gesenkt, Herr
Rossmanith. Gegenüber 1998 sind im Jahresdurchschnitt
gegenwärtig 430 000 Personen weniger arbeitslos. Es gibt
1,2 Millionen Erwerbstätige mehr.


(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Sie können doch nicht Winter mit Sommer vergleichen!)


Das entspricht einer Verringerung der Arbeitslosigkeit um
10 Prozent. Das ist zwar weniger, als wir alle es uns er-
hofft haben; aber es ist dennoch ein deutlicher Erfolg.


(Zuruf von der CDU/CSU: Es ist weniger, als Sie uns versprochen haben!)


Wir haben mit 38,8 Millionen Erwerbstätigen im
Jahr 2001 den höchsten Beschäftigungsstand in der deut-
schen Geschichte erreicht.

Wenn Sie jetzt behaupten, das hänge nur damit zusam-
men, dass wir die geringfügige Beschäftigung sozialver-
sicherungspflichtig gemacht hätten, dann mache ich Sie
darauf aufmerksam – lesen Sie das bitte nach –, dass das
Statistische Bundesamt jetzt die Zahl der geringfügigen
Beschäftigungsverhältnisse rückwirkend bis zum Jahr
1995 in die Gesamtzahl der Beschäftigten einrechnet.
Wenn wir also Ihre Zahlen von 1998 mit unseren Zahlen
vergleichen, dann vergleichen wir nicht Äpfel mit Birnen,
sondern Äpfel mit Äpfeln, weil seit 1995 auch die Zahl
der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse berück-
sichtigt wird. Lesen Sie das bitte nach!

Mit dem Job-AQTIV-Gesetz haben wir einen Rich-
tungswechsel hin zu einer präventiv ausgerichteten Ar-
beitsmarktpolitik vollzogen. Wir wollen nicht abwarten,
bis sich Langzeitarbeitslosigkeit verfestigt. Deswegen ha-
ben wir gesetzliche Voraussetzungen geschaffen, um ge-
ring qualifizierten sowie älteren Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmern durch Weiterbildungs- und Qualifizie-
rungsmaßnahmen sowie durch eine passgenauere Ver-
mittlung in den ersten Arbeitsmarkt bessere Beschäfti-
gungschancen zu eröffnen. Wir wollen beim Kampf
gegen die Arbeitslosigkeit vor allen Dingen ihre Entste-
hung verhindern und den Sockel an Langzeitarbeitslosen,
den wir von Ihnen geerbt haben, schrittweise abbauen.


(Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Das war aber nicht sehr erfolgreich!)


Ich finde, es ist ein besonderer Erfolg, dass die Arbeits-
losigkeit schwerbehinderter Menschen nachhaltig zu-
rückgegangen ist. Das ist eine Gruppe, die wirklich
Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt hat und für die Er-
werbsarbeit eine besonders wichtige Voraussetzung für ge-
sellschaftliche Teilhabe ist. Wir haben uns deshalb 1999 ein
ehrgeiziges Ziel gesetzt, als wir uns vorgenommen haben,
50 000 Jobs für Schwerbehinderte zu schaffen. Wir sind auf
einem guten Weg. Bis zum April 2002 ist die Zahl schwer-
behinderter Arbeitsloser um rund 30 000 zurückgegangen.
Während Ihrer Regierungszeit ist sie Jahr für Jahr gestie-
gen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wir haben in der Behindertenpolitik bahnbrechende
Weichenstellungen vorgenommen. Ich weiß, Sie haben
zugestimmt. Ich respektiere das.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423906900
Frau Staatsse-
kretärin, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeord-
neten Dr. Seifert?

U
Ulrike Mascher (SPD):
Rede ID: ID1423907000
Ja.


(Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das war das Stichwort!)



Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1423907100
Das ist eine meiner Aufga-
ben. – Frau Staatssekretärin, Sie sprachen gerade von den
Erfolgen beim Abbau der Arbeitslosigkeit von Schwer-
behinderten. Auch ich finde das sehr wichtig und sehr




Parl. Staatssekretärin Ulrike Mascher

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(B)


gut. Sie sagten, Sie hätten bis April dieses Jahres rund
30 000 Schwerbehinderte in Arbeit gebracht. Sie haben
die Zahl aufgerundet. Wenn ich mich recht erinnere, liegt
sie etwas darunter. Laut Gesetz müssen Sie aber bis zum
1. Oktober dieses Jahres fast 50 000 Schwerbehinderte in
Arbeit bringen. Die Wahrscheinlichkeit, das zu schaffen,
ist offensichtlich sehr gering. Wird dann, wenn die Zahl
wesentlich unter 50 000 liegt, die Pflichtquote automa-
tisch auf 6 Prozent angehoben? Was passiert dann?

U
Ulrike Mascher (SPD):
Rede ID: ID1423907200
Herr Seifert, wir
werden uns im Oktober die Zahlen genau anschauen.


(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Das brauchen Sie dann nicht mehr!)


Ich denke, Sie wollen das, was wir bisher auf dem Weg
zu diesem ehrgeizigen Ziel erreicht haben, auch gar nicht
kleinreden. Wir werden erst im Oktober entscheiden, wie
wir mit der Schwerbehindertenabgabe umgehen. Ich
möchte heute nicht darüber spekulieren, weil ich davon
ausgehe, dass wir unser Ziel erreichen werden.

Wir haben mit dem Sozialgesetzbuch IX der Politik für
schwerbehinderte Menschen eine neue Perspektive er-
möglicht. Wir stellen den behinderten Menschen in den
Mittelpunkt. Wir machen Teilhabe und Selbstbestimmung
zu den zentralen Aufgaben. Wir haben 60 Leistungsver-
besserungen in das Sozialgesetzbuch IX aufgenommen.
Wir haben eine Menge erreicht, damit Menschen mit Be-
hinderungen die notwendige Unterstützung und Solida-
rität erhalten, die sie brauchen, um die Nachteile, die sie
aufgrund ihrer Behinderung haben, auszugleichen und zu
überwinden.


(Ilse Falk [CDU/CSU]: Die Lebenswirklichkeit sieht aber anders aus!)


Mit dem im Mai in Kraft getretenen Gleichstellungsge-
setz tritt die Teilhabe behinderter Menschen in unserer Ge-
sellschaft in das Zentrum der Politik. Barrierefreiheit ist
das Stichwort. Sie muss in zentralen Bereichen des öffent-
lichen Lebens gewährleistet werden, damit Behinderte
problemlos Zugang zu allen öffentlichen Gebäuden haben
und selbstbestimmt leben können. Anspruch auf Barriere-
freiheit haben nicht nur Rollstuhlfahrer und gehbehinderte
Menschen, sondern zum Beispiel auch Sehbehinderte und
diejenigen, deren Hörfähigkeit eingeschränkt ist. Auch ih-
nen wird eine barrierefreie Kommunikation durch die Be-
nutzung der Gebärdensprache ermöglicht.

Wenn wir uns ansehen, was wir im Bereich der Behin-
dertenpolitik gemeinsam mit behinderten Menschen im
Gesetzgebungsverfahren geschaffen haben, wird ganz
deutlich, was unsere Sozialpolitik auszeichnet: Wir wol-
len wirksam Ausgrenzung verhindern, wir wollen Be-
nachteiligungen abbauen.

Im Bereich der Behindertenpolitik hatten wir seit 1993
das Benachteiligungsverbot in der Verfassung. Leider ist
von 1993 bis 1998 nichts geschehen, um das im Alltag um-
zusetzen. Wir haben mit der Beschäftigung von schwerbe-
hinderten Menschen, mit dem Sozialgesetzbuch IX, mit
dem Gleichstellungsgesetz endlich das, was in unserer
Verfassung steht, auch praktisch umgesetzt. Ich hoffe,

dass das auf die Lebenssituation von Behinderten, aber
auch auf unsere gesamte Gesellschaft ausstrahlt.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Unsere Rentenreform ist ein weiterer Erfolg in dieser
Legislaturperiode.


(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Die beste Lachnummer!)


– Auch wenn Sie das als Lachnummer bezeichnen, kann
ich Ihnen nur sagen: Die Renten steigen Anfang des nächs-
ten Monats um 2,16 Prozent in den alten Bundesländern
und um 2,89 Prozent in den neuen Bundesländern.

Wir haben 1998 bedauerlicherweise ein absolut ge-
schwundenes Vertrauen in die Leistungen der gesetzli-
chen Rentenversicherung geerbt.


(Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Das Vertrauen war noch nie so niedrig wie heute!)


Wir haben leider erleben müssen, dass bei jungen Leuten
die Bereitschaft, sich in die gesetzliche Rentenversiche-
rung zu begeben, immer weiter zurückgegangen ist.

Wir haben, statt heimlich Kürzungen im Rentenbereich
vorzunehmen, wie Sie es mit dem Wachstums- und Be-
schäftigungsförderungsgesetz 1996 getan haben, die Zah-
len auf den Tisch gelegt. Wir haben gesagt: Die gesetzli-
che Rentenversicherung braucht eine Ergänzung durch
eine zusätzliche Altersvorsorge. Wir haben die Tür
geöffnet für eine ergänzende kapitalgedeckte Alterssiche-
rung auch für die Gruppen in unserer Gesellschaft, die als
Geringverdienende oder als Familien mit mehreren Kin-
dern sich das bisher nicht leisten können. Wir werden für
den Aufbau dieser zusätzlichen kapitalgedeckten Alters-
vorsorge bis zum Jahr 2008 12,7 Milliarden Euro zur Ver-
fügung stellen. Diese Förderung ist vor allem auf Bezie-
her geringer Einkommen und auf Familien ausgerichtet.
Sie werden davon besonders profitieren. Ich meine, es ist
wirklich ein Fortschritt in der Rentenpolitik, dass wir
nicht nur „Weiter so!“ gesagt haben, sondern dass wir ei-
nerseits die Probleme des demographischen Wandels mit
einer neuen Rentenformel aufgegriffen, andererseits aber
die Menschen nicht allein gelassen haben, sondern ihnen
den Aufbau einer zusätzlichen Altersvorsorge ermögli-
chen.

Wenn Sie das, was Sie in Ihrem Wahlprogramm schrei-
ben, nämlich die Kürzung des Staatsanteils von 49 auf
40 Prozent, einmal umrechnen, um zu prüfen, was es be-
deuten würde, wenn das in den Haushalten der Sozialver-
sicherungen umgesetzt würde, stellen Sie fest, dass wir
dann zum Beispiel die Leistungen der Krankenversiche-
rung, der Pflegeversicherung und der knappschaftlichen
Rentenversicherung abschaffen müssten. Das würde etwa
die 168Milliarden Euro ausmachen, die Sie in vier Jahren
bei der Kürzung der Staatsquote von 49 auf 40 Prozent
einsparen wollen.


(Zurufe von der CDU/CSU: Hirngespinste! – Blödsinn! – Gegenruf des Abg. Klaus Brandner [SPD]: Das sehen auch wir, dass das Hirngespinste sind!)





Dr. Ilja Seifert
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(C)



(D)



(A)



(B)


Wenn ich das auf die Rente umrechne, würde das
heißen, wir müssten im Haushalt der Rentenversicherung
17,5 Prozent streichen. Wir müssten also entweder die
Rentenausgaben, das heißt die Rentenzahlbeträge, kürzen
oder wir müssten den Rentnern und Rentnerinnen sowie
den Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen sagen: In Zu-
kunft muss bis 70 Jahre gearbeitet werden. – Ich sehe
Herrn Louven an; er hat darüber in der Vergangenheit
schon diskutiert. Ich glaube, dass das in unserer Gesell-
schaft angesichts unserer Beschäftigungssituation nicht
möglich ist.


(Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: Das glaubt noch nicht einmal der Minister! So ein Blödsinn!)


– Wenn ich das nicht richtig verstanden habe, können Sie
ja hier und heute ganz klar und deutlich machen, dass Sie
diese Kürzung der Staatsquote von 49 auf 40 Prozent
nicht wollen, weil auch Sie jetzt sehen, dass die Folgen
nicht zu verantworten sind.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [FDP]: Das kann man durch eine bessere Wirtschaftspolitik hinkriegen! – Gegenruf des Abg. Klaus Brandner [SPD]: Das ist aber was ganz Neues!)


Wir wollen diese Kürzungspolitik nicht, wir wollen diese
Kahlschlagpolitik nicht, sondern wir wollen einen Sozial-
staat, der den Menschen Sicherheit und Mut für die Zu-
kunft gibt.

Danke.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423907300
Das Wort hat
jetzt die Abgeordnete Dr. Irmgard Schwaetzer.


Dr. Irmgard Adam-Schwaetzer (FDP):
Rede ID: ID1423907400
Frau Präsidentin!
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Parlamentarische
Staatssekretärin hat eine bemerkenswert rückwärts ge-
wandte Rede gehalten.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Dann haben Sie wieder mal nicht zugehört! Das kennen wir ja von Ihnen!)


Sie haben die Details des Sozialberichts natürlich sehr
schön dargestellt, Frau Mascher. Aber eigentlich hätten
Sie doch schon zur Kenntnis nehmen können, dass die
Rentenversicherung nicht saniert ist, dass der Arbeits-
markt starr ist wie nie und dass deswegen die Arbeitslo-
sigkeit nicht sinkt, wie 1998, sondern im Vergleich zum
Vorjahr steigt.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das ist auch der Grund dafür, dass der Minister nicht selbst geredet hat! Er scheut die Wahrheit!)


Das ist die Negativbilanz dieser Bundesregierung und das
wird ein entscheidender Punkt der Auseinandersetzung
der nächsten Monate sein.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)


Ich sage Ihnen eines, Frau Mascher und Kolleginnen
und Kollegen von der Regierung: Sie werden mit Ihren
merkwürdigen Vergleichen zwischen dem Jahr 1998, dem
Ende der Regierung Kohl/Kinkel, und dem Jahr 2002 nicht
durchkommen. Sie verdrängen nach wie vor die Folgen
der DDR-Misswirtschaft und das zeigt, dass Sie die deut-
sche Einheit offensichtlich wirklich nicht gewollt haben.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Widerspruch bei der SPD)


– Das muss immer wieder gesagt werden, weil Sie immer
wieder mit den gleichen Argumenten kommen. Sie ver-
drängen die Folgen der DDR-Misswirtschaft.


(Zuruf von der SPD: Wer hat denn die Ostpolitik eingeleitet?)


Die Menschen werden Sie fragen: Was haben Sie in
den letzten vier Jahren bewirkt?


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Placebo-Regierung!)


Dann werden Sie mit Ihrer Bilanz von 4 Millionen Ar-
beitslosen in die nächsten Monate ziehen müssen.

Es müssen endlich Reformen eingeleitet werden, und
zwar wirkliche Reformen. Was notwendig ist, berührt in
der Tat die grundsätzliche Frage, die die Liberalen immer
wieder stellen, nämlich: Was ist die Aufgabe des Staates
und was ist die Aufgabe der Bürger, das heißt, welche Ver-
antwortung ist dem einzelnen Bürger zuzumuten? Was
kann er schultern und was müssen die kollektiven Siche-
rungssysteme an Absicherung gegen die großen Risiken
leisten, die der Einzelne nicht bewältigen kann? Darauf
muss Antwort gegeben werden.

Die sozialen Sicherungssysteme haben sich ziemlich
verselbstständigt. Sie sind in der derzeitigen Form nicht
zukunftsfähig.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Leider wahr!)

Das ist übrigens auch schon daran ablesbar, dass es eine
Entfremdung zwischen Bürger und Staat gibt, die sich in
einem Parameter ausdrückt, nämlich der Zunahme der
Schwarzarbeit. Die Schwarzarbeit hat in Ihrer Regie-
rungszeit erheblich zugenommen.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Woran denn sonst sollte sich diese Abkehr des Bürgers von
dem, was der Staat ihm an Wohltaten erweisen möchte,
deutlicher manifestieren? Nach jüngsten Schätzungen von
Professor Schneider und dem Institut für Angewandte
Wirtschaftsforschung in Tübingen wird das Volumen der
Schattenwirtschaft von 2001 auf 2002 um rund 6,2 Prozent
auf dann insgesamt 350 Milliarden Euro steigen.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Wahnsinn!)

– „Wahnsinn!“ – Das Wachstum der Schattenwirtschaft
übersteigt das prognostizierte Wachstum des Bruttoin-
landsprodukts um mehr als das Sechsfache.


(Walter Hirche [FDP]: Besonderer Erfolg der Rot-Grünen!)





Parl. Staatssekretärin Ulrike Mascher

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(B)


Wenn Sie daraus immer noch keine Konsequenzen ziehen
wollen, meine Damen und Herren, dann zeigen Sie, dass
Sie wirklich nicht wissen, wie man die Zukunft für
Deutschland sinnvoll gestalten muss.

Noch zum Stichwort Schattenwirtschaft. In den anderen
Ländern der OECD, also bei unseren Wirtschaftspartnern,
bei den entwickelten Wirtschaften, stagniert die Schatten-
wirtschaft oder ist rückläufig.


(Zuruf von der FDP: Die haben auch was getan!)


Bei uns beträgt der Anteil der Schwarzarbeit am Brut-
toinlandsprodukt, also den im Inland erbrachten wirt-
schaftlichen Leistungen, 17 Prozent und das ist ein Skan-
dal.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Für die FDPgibt es auf diese Herausforderung eine we-
sentliche Antwort: Wir brauchen eine Sozialpolitik, die
Freiheit und Eigenverantwortung wieder an die erste
Stelle stellt.


(Beifall bei der FDP)

Dazu muss der Staat die Voraussetzungen schaffen.


(Peter Dreßen [SPD]: Was heißt das?)

– Dass Sie das nicht nachvollziehen können, wissen wir.


(Peter Dreßen [SPD]: Ich möchte wissen, was das heißt!)


Es gibt bei den Sozialdemokraten glücklicherweise auch
andere.

Frau Mascher hat eben davon gesprochen, dass wir ei-
nen starken Sozialstaat brauchen. Ist ein Sozialstaat stark,
wenn er so viel Schwarzarbeit zuläßt,


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Und so viel Arbeitslosigkeit produziert?)


oder ist er nicht vielmehr schwach, wenn sich die Bürger
durch Schwarzarbeit von ihm abwenden?

Damit der Sozialstaat wieder stark werden kann, brau-
chen wir dieses neue Gewicht für Freiheit und Eigenver-
antwortung.


(Beifall bei der FDP)

Dazu gehört als erstes eine durchgreifende Steuerre-

form, die die Steuertarife deutlich senkt. Zweitens gehört
dazu eine Reform der sozialen Sicherungssysteme, die die
Beitragslast reduziert und die durch den Aufbau geförder-
ter privater Vorsorgemaßnahmen letztlich ein angemesse-
nes Sicherungsniveau


(Zuruf von der SPD: Was ist „angemessen“?)

für den Einzelnen bewirkt. Drittens gehört dazu eine Re-
form des Arbeitsmarktes und der Tarifordnung, die die
institutionellen Barrieren endlich abbaut.


(Beifall bei der FDP)

Das sind die drei Aufgabenpakete für die nächste Le-

gislaturperiode, damit der Reformstau aufgelöst wird. Sie

haben ja zu Beginn der Legislaturperiode das eine oder
andere angepackt.


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: So viele Reformen wie wir haben Sie nicht zustande bekommen! – Weitere Zurufe von der SPD)


Sie haben aber Angst vor der eigenen Courage bekom-
men. Die Mutlosigkeit hat regiert und zum Schluss ist
überhaupt nichts mehr passiert.


(Widerspruch bei der SPD)

Vor dieser Starre stehen wir jetzt. Deswegen: Der Re-
formstau muss aufgelöst werden.


(Beifall bei der FDP)

Wir wollen das tun.

Dazu noch ein paar Prinzipien: Die Weiterentwicklung
der sozialen Sicherungssysteme soll sich zum Beispiel an
dem Grundsatz orientieren „Versicherungspflicht statt
Pflichtversicherung“. Das heißt, wir wollen wieder mehr
Entscheidungsfreiheit an die Bürger zurückgeben. Das
bedeutet, dass die sozialen Sicherungssysteme schritt-
weise vom Beschäftigungsverhältnis zu lösen sind. Das
ist übrigens auch angemessener angesichts eines Lebens-
verlaufs, der ja den Arbeitnehmer nicht mehr wie früher
ausschließlich in einem Arbeitsverhältnis sieht, sondern
in dem sich Phasen der abhängigen Beschäftigung mit de-
nen der Selbstständigkeit abwechseln. Deswegen ist diese
Weiterentwicklung richtig.

Wir fordern Generationengerechtigkeit. Das bedeutet,
dem Bundestag muss regelmäßig eine Generationenbi-
lanz vorgelegt werden. Da sind auf der Habenseite Bil-
dung, Infrastruktur, soziale Sicherheit und auf der Soll-
seite Belastungen wie Staatsverschuldung, Pensionslasten
und Generationenverträge,


(Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Staatsverschuldung – so was nehmen Sie in den Mund?)


sodass jede Regierung und jedes Parlament ablesen kann,
was jetzt notwendig ist.

Meine Damen und Herren, Sie wissen – Sie können es
in unserem Antrag nachlesen –, welche Reformen wir bei
der Arbeitslosenversicherung machen wollen; Sie kennen
unsere Vorstellungen zur Rentenversicherung; Sie kennen
unsere Vorstellungen zum Tarifvertragsrecht.


(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das liegt alles auf dem Tisch des Hauses!)


Das alles ist notwendig, damit in Deutschland endlich
wieder Bewegung in den Arbeitsmarkt kommt, damit sich
die Bürger wieder zu ihrem Staat bekennen und damit wir
einen starken Sozialstaat bekommen. Wir wollen das tun.

Danke.

(Beifall bei der FDP)



Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423907500
Das Wort hat
jetzt die Abgeordnete Thea Dückert.


Dr. Thea Dückert (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423907600

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kolle-




Dr. Irmgard Schwaetzer
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(B)


gen! Frau Dr. Schwaetzer, ich nehme an, dass das nach Ih-
rer langen Zugehörigkeit zum Parlament eine Ihrer letzten
Reden gewesen ist. Aber vielleicht werden wir noch ein-
mal in den Genuss kommen.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [FDP]: Ich habe vor, noch einige zu halten! – Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Es war eine der schlimmsten!)


– Das ist prima; darauf freue ich mich. – Ich wollte nur sa-
gen, ich kann es verstehen, wenn hier eine solch lange
Tätigkeit ausläuft, dass Sie sich hier hinstellen und eher
allgemeine Prinzipien der Sozialpolitik vortragen.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [FDP]: Sie kennen doch unsere konkreten Forderungen! Die muss ich nicht wiederholen! Das steht auch alles im Antrag!)


Ich möchte deswegen an dieser Stelle auch davon ab-
sehen, einmal zu gewichten, inwieweit es Ihnen gelungen
ist, die Prinzipien, die Sie in 28 Jahren FDP-Regierungs-
beteiligung sicherlich verfolgt haben, in die Realität um-
zusetzen.


(Detlef Parr [FDP]: Haben Sie unseren Antrag überhaupt nicht gelesen, Kollegin?)


Insofern war das interessant. Wir werden diese Debatten
auch weiter führen. Aber das, was Sie hier vorgetragen ha-
ben, hilft natürlich in der konkreten Situation wenig weiter.


(Walter Hirche [FDP]: Das harte Bohren dicker Bretter ist bei den Grünen besonders schwierig!)


Meine Damen und Herren, wir haben hier – das finde
ich interessant – nun von der CDU/CSU einen Antrag mit
dem Titel „Krise in der Sozialversicherung beseitigen“
vorgelegt bekommen. Ich hätte mir gewünscht, dass sich
die Kolleginnen und Kollegen von der CDU/CSU diesem
Thema vor einigen Jahren einmal gewidmet hätten.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Denn das, was wir übernommen haben, war weit mehr als
eine Krise der Sozialversicherung. Wir haben eine Schul-
denlast von 1,5 Billionen DM übernommen. Bei diesem
Betrag von 1,5 Billionen DM wird es den Menschen im
Land schwarz vor Augen. Wir bauen dieses ab.

Wir haben die höchste Staatsquote, die es in der deut-
schen Geschichte gab, übernommen. Wir sind heute, nach
wenigen Jahren, endlich wieder bei einer Staatsquote,wie
es sie in der Zeit vor 1990 gab. Wir haben eine Sozialabga-
benlast von 42,3 Prozent übernommen, den höchsten Wert,
den es je gab. Wir liegen heute bei 40,9 Prozent. In der Ant-
wort auf Ihre grandiose Zwischenfrage wurde Ihnen ja
schon klar gemacht, dass es sich hierbei in der Tat um eine
Senkung und nicht um einen Anstieg handelt, wie er bei Ih-
nen in den letzten Jahren üblich war. Wir haben dem An-
stieg der Sozialabgaben einen Riegel vorgeschoben.

Wir haben auch die höchste Zahl von Arbeitslosen, die
es je gab, übernommen. Frau Mascher hat schon vorge-
tragen, dass diese nicht nur von 4,3 auf 3,8 Millionen ge-
senkt wurde – das ist immer noch zu hoch –, sondern dass
in der schwierigen Situation der letzten Jahre auch er-

reicht wurde, dass sich die Struktur der Beschäftigung in
diesem Land verbesserte hat. Wir können stolz darauf
sein, dass wir die Arbeitslosenquote – das haben wir ja
eben gehört und das ging auch durch die Presse – zum
Beispiel bei Behinderten von 4,4 Prozent auf 3,9 Prozent
zurückgeführt haben. Ich glaube, es ist wichtig, diese An-
strengungen fortzusetzen. Es ist aber auch wichtig, dass
wir in dieser Legislaturperiode ein Gesetz erlassen haben,
mit dem die Arbeitslosigkeit gerade von Behinderten
bekämpft wurde.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Wir haben auch die immer noch zu hohe Arbeitslosig-
keit bei den Jugendlichen mithilfe des JUMP-Pro-
gramms reduziert. Heute sind fast 28 000 Jugendliche
weniger arbeitslos als zu der Zeit, als wir die Regierungs-
verantwortung übernommen haben.


(Walter Hirche [FDP]: Das Arbeitsvolumen, die Summe der Arbeitsstunden in Deutschland ist gesunken, Frau Dückert!)


Herr Meckelburg, ich kann bis heute nicht begreifen, dass
Sie angesichts der Situation gerade der Jugendlichen in
Ostdeutschland immer noch den Mut haben, sich hier
hinzustellen und gegen das Jugendsofortprogramm Pole-
mik vorzutragen. Wir werden auf der Basis des JUMP-
Programms gerade in den neuen Bundesländern noch
weitere Brücken für Jugendliche in den Arbeitsmarkt
bauen, und zwar mit flexiblen Lösungen, die auf Teilzeit
setzen und direkte Hilfe bieten. Das müssen wir machen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Walter Hirche [FDP]: Es müssen tragfähige Brücken sein! Dann sagen wir Ja!)


Sie wollen hier über die Krise der Sozialversicherung
reden. Damit es überhaupt zu einer Krise bei der Sozial-
versicherung kommen konnte, ist übrigens mehr als bloß
ein paar schlechte Zahlen notwendig. Damit muss zum
Beispiel auch ein Vertrauensverlust einhergehen und den
haben Sie herbeigeführt. Wir müssen das Vertrauen wie-
der mühsam aufbauen.


(Widerspruch bei der CDU/CSU – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Sie müssen Ihre Sprache überprüfen!)


Ich nenne Ihnen dafür zwei Beispiele, die Sie nicht gerne
hören:

Blüm hat unverblümt behauptet, dass mit seiner Ren-
tenreform die Renten sicher seien. Jeder in diesem Land
wusste, dass die demographische Entwicklung dazu füh-
ren wird, dass der Lebensstandard von Rentnerinnen und
Rentner über die gesetzliche Rentenversicherung nicht
abgesichert werden kann. Aber Sie haben sich hingestellt
und unverblümt die Unwahrheit gesagt, indem Sie be-
haupteten, die Renten seien sicher. Das hat niemand ge-
glaubt und das hat das Vertrauen in die Sozialversiche-
rung, gerade in die Rentenversicherung, untergraben.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)





Dr. Thea Dückert

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(D)



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(B)


Wir haben uns sehr schnell auf den Weg gemacht, der
Minister vorneweg, und haben zunächst einmal die Wahr-
heit gesagt, nämlich dass die gesetzliche Rentenversiche-
rung nicht ausreicht.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Wenn jemand die Rentner belogen hat, waren Sie das ja wohl!)


Wir haben den Mut besessen und durch unsere Rentenre-
form einen Quantensprung, wie das Herr Seehofer zu
Recht bezeichnet hat, gemacht und die private Vorsorge
eingeführt.


Dr. Antje Vollmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423907700
Frau Kollegin,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Norbert Blüm?


Dr. Thea Dückert (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423907800
Ja,
ganz klar, Herr Blüm, gerne.


Dr. Norbert Blüm (CDU):
Rede ID: ID1423907900
Frau Abgeordnete,
können Sie mir ein Alterssicherungssystem nennen, das
sicherer ist als unsere Rentenversicherung? Wollen Sie
behaupten, die Privatversicherung wäre sicherer? Die Ge-
schichte der Privatversicherung ist eine Geschichte nicht
gehaltener Versprechungen. Das unterscheidet sie von der
Rentenversicherung.


(Beifall bei der PDS)

Der Herausforderung, dass Rentensicherheit nicht ein

Geschenk des Himmels ist, sondern beständiger Refor-
men bedarf, haben wir uns gestellt. Ich behaupte, dass un-
sere demographische Formel willkürfrei war, während
Ihre 4 Prozent aus der Luft gegriffen sind, eine Einladung
zur weiteren Manipulation. Das ist der Unterschied in Sa-
chen Sicherheit.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Thea Dückert (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423908000

Herr Blüm, ich habe behauptet – und das ist richtig –, dass
die Rentenreform, die Sie damals aufgelegt haben und
die den demographischen Faktor enthielt – mit dem wir
Grünen kein Problem hatten, weil dieser Faktor die de-
mographische Entwicklung abgebildet hat –, zu einer Ni-
veauabsenkung geführt und damit gleichzeitig eine Ver-
sorgungslücke für die Menschen aufgerissen habe,


(Peter Dreßen [SPD]: So ist es!)

die Sie nicht geschlossen haben.


(V o r s i t z: Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms)


Es gibt also keine Sicherheit im Alter, sondern eine Ver-
sorgungslücke, ein blümsches Loch, wenn Sie so wollen.
Um dieses blümsche Loch zu beseitigen, haben wir die
Privatvorsorge eingeführt. Das war tatsächlich ein Quan-
tensprung.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423908100
Frau Kol-
legin, erlauben Sie eine weitere Frage des Kollegen
Norbert Blüm?


Dr. Thea Dückert (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423908200
Ja.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423908300
Bitte
schön, Herr Blüm.


Dr. Norbert Blüm (CDU):
Rede ID: ID1423908400
Frau Kollegin, kön-
nen Sie mir sagen, wie das von Ihnen so bezeichnete
blümsche Loch für die Verkäuferin geschlossen wird, die
es sich trotz Förderung nicht leisten kann, 4 Prozent für
die Privatvorsorge abzuzweigen? Das sind diejenigen, die
es am schwersten haben.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Wenn Sie schon vom blümschen Loch sprechen, dann ha-
ben Sie dieses nun auf die Schwächeren reduziert. Wenn
Sie mir dann auch noch erklären könnten, was das mit So-
lidarität zu tun hat, wäre ich Ihnen sehr dankbar.


Dr. Thea Dückert (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423908500

Herr Blüm, ich danke Ihnen wirklich für diese Frage.
Dazu gibt es zweierlei zu sagen. Der erste Punkt. Ich
sprach ja von Vertrauensverlust. Zu der Zeit, da Sie an der
Regierung waren, haben 7 Prozent der Menschen die Idee
gehabt, privat vorzusorgen. Heute wissen 80 bis 90 Pro-
zent der Menschen, dass sie privat vorsorgen müssen, um
ihren Lebensstandard im Alter abzusichern.

Zweiter Punkt. Was Sie jetzt behaupten, nämlich dass
die Bezieher kleiner Einkommen mit der Riester-Rente
schlecht gestellt sind, ist schlichtweg eine Unwahrheit.
Das wissen auch Sie.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Die so genannte kleine Verkäuferin zum Beispiel, die Sie
erwähnt haben, erhält in ihrer Einkommensgruppe über
50 Prozent Zulagen durch die Förderung der Riester-
Rente. Sie kann bis 80 Prozent bekommen, beispielsweise
wenn sie Alleinerziehende ist. Es ist keine 100-Prozent-
Förderung – das gebe ich gerne zu –, aber es ist eine
80-prozentige Bezuschussung der kleinen Einkommen.
Darauf haben wir Wert gelegt. Das gilt genauso für Fami-
lien mit drei Kindern. Sie können eine Förderung bis zu
90 Prozent bekommen. Das ist soziale Ausgewogenheit
und keine Schieflage.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Warum floppt dann die RiesterRente so? – Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: Warum macht das dann keiner? Die Leute müssten doch Schlange stehen!)


Was aber in dieser Debatte, in der es um den Vertrau-
ensverlust ging, den wir aufgefangen haben, viel trauriger
war, war die Tatsache, dass Sie bei dieser Rentenreform
nicht mitgemacht haben.


(Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: Das war eine weise Entscheidung!)





Dr. Thea Dückert
23874


(C)



(D)



(A)



(B)


Sehr ärgerlich finde ich, dass Sie – auch jetzt wieder, wie
wir das eben von Herrn Blüm gehört haben – Unwahrhei-
ten verbreiten, zum Beispiel dass wir eine soziale Schief-
lage hätten. Darauf habe ich Ihnen gerade geantwortet.
Sie behaupten aber beispielsweise auch, dass die Renten
durch die Absenkung der Schwankungsreserve nicht si-
cher seien. Das ist schlichtweg die Unwahrheit.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Das trägt wieder zur Verunsicherung der alten Menschen
bei. Ich finde, Sie sollten damit aufhören.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Ein weiterer Punkt. Sie stellen sich hier hin – Herr Weiß
zum Beispiel – und behaupten, dass Ihre Reform die sozial
Schwachen stütze, gerade im Hinblick auf die Renten. Sie
kündigen für dieses Jahr als ersten Schritt einer von Ihnen
geführten Regierung die Abschaffung der Grundsiche-
rung bei der Rente an.


(Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: Dazu sage ich gleich noch etwas!)


– Dazu können Sie gerne etwas sagen. – Das halte ich für
einen sozialen Skandal.


(Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: Wir halten diese Grundsicherung für einen sozialen Skandal!)


Eines der größten Probleme in dieser Gesellschaft ist die
verschämte Altersarmut. Alte Menschen, die das gar nicht
wollen, werden gezwungen, zum Sozialamt zu gehen.


(Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: Früher war es immer schlimmer!)


Sie verzichten darauf, wenn sie ihre Kinder angeben müs-
sen, die dann die Zahlungen leisten müssen. Wir wollen
die verschämte Altersarmut abbauen. Deswegen werden
wir das, was Sie vorhaben, nämlich die sozial Schwachen
weiter zu schwächen, nicht zulassen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Ich sprach über Vertrauensverlust.Es hat ihn nicht nur
bei der Rentenversicherung gegeben, sondern wir haben
ihn auch bei der Arbeitslosenversicherung zu verzeichnen.
Wir hatten eine Situation, in der Menschen Beiträge ge-
zahlt, aber keine Leistungen dafür bekommen haben, zum
Beispiel bei Einmalzahlungen, Weihnachtsgeld oder Ur-
laubsgeld. Es gab keine Gegenleistung für Beiträge. Wer
will denn Mitglied solch einer Versicherung sein? Wir ha-
ben das richtig gestellt. Das ist der erste Punkt.

Der zweite Punkt ist der Vertrauensverlust in der Ar-
beitslosenversicherung. Die Leute mussten erst langzeit-
arbeitslos werden, bevor sie konkrete Hilfe aus der Ar-
beitslosenversicherung bekommen. Was ist das für eine
Versicherung?


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Wir haben das mit dem Job-AQTIV-Gesetz geändert. Die-
jenigen, die Gefahr laufen, langzeitarbeitslos zu werden,
haben heute sofort Anspruch auf Hilfe.

Mein Fazit an dieser Stelle ist: Sie von der Opposition
haben sich um eine echte Rentenreform gedrückt und
nicht die Wahrheit gesagt. Sie haben die Reformen am Ar-
beitsmarkt verschlafen, Sie haben vieles nicht einmal zur
Kenntnis genommen und Sie haben im Sozialsystem die
Gesundheitsreform blockiert.

Sie schlagen beispielsweise Bürokratieabbau vor. Si-
cher haben wir Bürokratien. Ich habe gerade auf einer
Veranstaltung von Herrn Blüm gehört, dass wir Kennzah-
len für die Krümmung der Banane oder die Höhe der Kin-
dertoiletten in den Kindergärten oder ähnliche Regelun-
gen nicht brauchen. Das ist richtig so, das lehnen wir auch
ab, ebenso die damit zusammenhängende Ämtervielfalt.
Aber das ist doch eine deutsche Krankheit und nicht eine
rot-grüne Krankheit.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Zwölf Kriterien bei der Riester-Rente!)


Das Problem haben wir auch in den Kommunen und in
den Ländern. Wir haben damit begonnen, das abzuarbei-
ten. Wir sind nicht mit Formularblättern an die Regierung
gekommen, sondern wir haben anachronistische Gesetze,
die Sie nicht angetastet haben, längst aufgehoben, wie
beispielsweise das Rabattgesetz. Wir können gern weiter
trefflich über zu viel Bürokratie streiten. Ich könnte noch
viele Beispiele nennen. Ihr Abbau ist natürlich wichtig,
aber das wird den Durchbruch am Arbeitsmarkt, den Sie
uns mit Ihren Vorschlägen versprechen, nicht bringen.

Was schlagen Sie denn vor? Bürokratieabbau ist das
eine. Sie wollen außerdem eine Kehrtwende in der Wirt-
schafts- und Finanzpolitik und in der Steuerpolitik. Da
müssen Sie sich schon entscheiden. Herr Späth sagt zum
Beispiel, unsere Wirtschafts- und Steuerreform gehe in
die richtige Richtung. Wollen Sie jetzt trotzdem eine
Kehrtwende machen? Herr Späth will die Reformen nur
schneller, aber das kann er nicht finanzieren. Er verrät
auch nicht, wo der Goldesel steht.

Sie schlagen eine veränderte Wirtschaftspolitik vor.
Was wollen Sie denn als Erstes machen? Sie wollen zum
Beispiel ein Gesetz wie das Energieeinspeisegesetz ein-
kassieren. Ein Gesetz, das in einem innovativen Arbeits-
marktbereich neue Arbeitsplätze geschaffen hat und noch
viele Potenziale freisetzen kann, wollen Sie einkassieren.
Ich weiß nicht, wie man mit solch einer Wirtschaftspoli-
tik zukünftig Arbeitsmarktpolitik betreiben kann.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Es gäbe an dieser Stelle noch viel zu sagen. Ich höre
jetzt einfach auf.


(Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Das ist gut!)


Ihr steuerpolitisches Konzept ist eher ein steuerpoliti-
sches Topfschlagen,


(Peter Dreßen [SPD]: Ein Chaos!)

bei dem die Reichen noch stärkere Steuersenkungen be-
kommen sollen. Sie wissen nicht, wie das zu finanzieren ist.


(Lachen bei der CDU/CSU – Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Mehr geht ja wohl nicht mehr!)





Dr. Thea Dückert

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(C)



(D)



(A)



(B)


Den Eingangssteuersatz belassen Sie bei 15 Prozent. Das
haben wir schon ins Gesetzblatt geschrieben.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Primitiver geht es nicht!)


40:40:40 von Stoiber wird einkassiert durch Späth und
meinetwegen auch durch Merz, weil jeder weiß, dass man
das nicht finanzieren kann. Was bei Ihnen bleibt, ist
großes Rätselraten. Jedenfalls hat sich Ihr Wirtschafts-
konzept langsam verstoibert.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [FDP]: Was bei Ihnen bleibt, ist Fantasielosigkeit!)


Ich danke Ihnen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423908600
Das Wort
hat jetzt die Kollegin Dr. Christa Luft.


Dr. Christa Luft (PDS):
Rede ID: ID1423908700
Herr Präsident! Verehrte Kol-
leginnen und Kollegen! Ein Teil der Überschrift des An-
trags der CDU/CSU ist für uns zustimmungsfähig, näm-
lich dass Reformen der Sozialversicherung notwendig
sind. Damit aber endet schon unsere Übereinstimmung;
denn bei den Wegen zum genannten Ziel unterscheiden
wir uns grundsätzlich, weil wir das Solidarprinzip nicht
ohne Not opfern lassen möchten.


(Beifall bei der PDS)

Dieses Solidarprinzip, Kollegin Schwaetzer, ist Vo-

raussetzung dafür, dass alle Menschen in Freiheit und mit
Eigenverantwortung leben können. Alles in allem würde
bei Verwirklichung der Vorschläge der Union die Krise
der Sozialversicherung nicht beseitigt, sondern die sozia-
len Sicherungssysteme würden ausgehöhlt und weiter ab-
gebaut werden.


(Beifall bei der PDS)

Sie zielen auf die Privatisierung sozialer Risiken und auf
die Disziplinierung arbeitsloser Menschen. Das werden
wir nicht mitmachen.

Was hat die Union, die im Übrigen – das hat der Beitrag
des Kollegen Weiß gezeigt – die Rolle des Unschulds-
engels spielt,


(Zuruf von der PDS: Ja!)

eigentlich anzubieten, um Probleme und Defizite, die es auf
dem Gebiet der Sozialversicherung zweifelsohne gibt, zu lö-
sen bzw. zu überwinden? Erstens will sie Arbeitslosen- und
Sozialhilfe vereinheitlichen. Vor ein paar Wochen sprach
man noch von Zusammenlegen bzw. Zusammenführen. Ich
finde, Sie sind es der interessierten Öffentlichkeit schuldig,
endlich von dieser Wortakrobatik wegzukommen und Klar-
text dahin gehend zu reden, was die Zusammenführung
bzw. Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozial-
hilfe für die Betroffenen, aber auch für die Kommunen und
die Gesellschaft insgesamt bedeuten würde.


(Beifall bei der PDS)

Sie würde natürlich – das haben Sie ja vor – eine

Abstrafung der Arbeitslosen bedeuten. Sie wollen offen-

sichtlich die Arbeitslosenhilfe abschaffen, sie auf Sozial-
hilfeniveau kürzen und so Druck auf die Arbeitslosenhilfe-
bezieher ausüben.

Was aber wären die Folgen? Das sollte man der Öf-
fentlichkeit einmal genau mitteilen. Würde die Arbeits-
losenhilfe abgeschafft, wäre ein Arbeitsloser, der 44 Jahre
alt oder auch jünger ist, nach maximal 12 Monaten des
Bezugs von Arbeitslosengeld auf Sozialhilfe angewiesen,
die keine klare Ableitung mehr von seinem bisherigen Ar-
beitsleben und von seinem bisher erhaltenen Lohn wäre.
In der Regel würde die Sozialhilfe weit darunter liegen.
Allein das wäre schlimm genug.

Aber das Maß der Absenkung von Bezügen ist nur das
eine. Es gibt viele weitere fatale Folgen. Der zum So-
zialhilfeempfänger gewordene Arbeitslosenhilfebezieher
müsste vorher nahezu sein gesamtes Vermögen aufbrau-
chen oder auf das Partnereinkommen zurückgreifen. Bei
einem durchschnittlichen Verdienst des Partners kann das
je nach Anzahl der Kinder im Haushalt eine Reduzierung
des Haushaltseinkommens von bis zu 400 Euro pro Mo-
nat ausmachen. Dabei hätten vor allem Familien mit Kin-
dern deutlich weniger als vorher. Denn bei ihnen wird im
Rahmen der Sozialhilfe das Kindergeld als Familienein-
kommen gerechnet.

Für Arbeitslosenhilfeberechtigte übernimmt bislang
der Staat die Zahlung der Rentenbeiträge, wenn auch nach
der drastischen Kürzung, die Rot-Grün hier vorgenom-
men hat, in geringerer Höhe. Sozialhilfeempfänger haben
keine Möglichkeit, in die gesetzliche Rente einzuzahlen.
Noch mehr Altersarmut wäre also vorprogrammiert.

Schließlich die Kommunen. Kommunen mit hoher Ar-
beitslosigkeit würden zusätzlich belastet, weil sie die So-
zialhilfe zu zahlen hätten. Ein Ja zu einem solchen Projekt
wird es von uns nicht geben.


(Beifall bei der PDS)

Das wäre ein folgenschwerer Einschnitt in das bundes-
deutsche Sozialsystem.

Die jetzige Koalition will den Milliardenbetrag, der
laut Presseberichten im Haushalt des Bundesministeriums
für Arbeit und Soziales im Jahre 2003 gestrichen werden
soll, offenbar durch eine – so nennt sie es – Verzahnung
von Arbeitslosen- und Sozialhilfe gewinnen. Das hätte
letztlich ähnliche Wirkungen wie die, die ich gerade be-
schrieben habe, wenngleich vielleicht etwas abgemildert.
Aber auch das lehnen wir ab.


(Beifall bei der PDS)

Wir bleiben dabei: Das A und O für die Stabilisierung

der Sozialversicherungssysteme ist die Schaffung von
mehr Arbeitsplätzen – und dies nicht nur auf dem Papier
und nicht nur statistisch.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Wie im real existierenden Sozialismus!)


Dann gäbe es genug Arbeit und dann müsste niemand
mehr so lange arbeitslos sein, dass er die Bezugsdauer von
Arbeitslosengeld überschreitet. Das wäre besser als jede
Reform der Arbeitslosenhilfe.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Sie können damit ja in Berlin anfangen!)





Dr. Thea Dückert
23876


(C)



(D)



(A)



(B)


Zudem fordert die PDS statt Niedriglohn und Kombi-
lohn einen gesetzlich fixierten, existenzsichernden Min-
destlohn, der Armut trotz Vollzeitarbeit verhindert. Unser
langfristiges Konzept, eine soziale Grundsicherung zu
schaffen, die ein Leben jenseits der Armutsgrenze für jede
und jeden ermöglicht, würde schließlich die Arbeitslosen-
hilfe überflüssig machen.


(Beifall bei der PDS)

Eine zweite Forderung der Union ist die Aktivierung

des Niedriglohnsektors. Sie bringt aber weder Beschäf-
tigungseffekte, noch bietet sie den Betroffenen entwick-
lungsfähige berufliche Perspektiven an. Wieder einmal
würden vorwiegend Frauen in der Dienstleistungsbranche
betroffen sein. Die Niedriglohnstrategie bricht ganz of-
fensichtlich mit dem bisherigen gesellschaftlichen Kon-
sens, dass Vollzeitarbeit zum individuellen Lebensunter-
halt oberhalb der Armutsgrenze ausreichen muss. Schon
deshalb lehnen wir dieses Projekt entschieden ab.

In Ostdeutschland muss man sich ohnehin bei der For-
derung nach der Aktivierung des Niedriglohnsektors ge-
linde gesagt verschaukelt vorkommen. Dort gibt es näm-
lich seit zwölf Jahren den großflächigen Versuch, die
Wirtschaft mit Niedriglöhnen anzukurbeln. Bis heute lie-
gen die Bruttolöhne abhängig Beschäftigter in den neuen
Ländern bei 70 Prozent des westdeutschen Durchschnitts.
Damit – das ist das eigentliche Problem – wird ein heute
35-Jähriger noch in 30 Jahren, wenn er in Rente geht, an
der Höhe seiner Altersbezüge, die ihm dann zustehen,
spüren, in welchem Teil Deutschlands er gelebt hat. Das
ist unzumutbar und wäre die Fortschreibung der Spaltung.


(Beifall bei der PDS)

Wie soll übrigens jemand, der einen Niedriglohn be-

zieht, der gerade zum täglichen Leben reicht, auch noch
privat für sein Alter vorsorgen? Ich fand die diesbezügli-
che Zwischenfrage des Kollegen Blüm sehr passend. Die
Angleichung der Löhne und Gehälter spielt also für die
Stabilisierung der Sozialversicherungssysteme eine emi-
nent wichtige Rolle.

Das dritte Stichwort der Union lautet: nachhaltige
Rentenpolitik, die die demographische Entwicklung an-
gemessen berücksichtigt. Dahinter versteckt sich offenbar
die Forderung, das Renteneintrittsalter anzuheben. Da da-
mit aber kein einziger zusätzlicher Job geschaffen würde,
liefe das letztlich auf die Verlängerung der Zeit hinaus, die
über 50- oder 55-Jährige nach dem Arbeitsplatzverlust
mangels Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten vorzeitig im
Ruhestand verbringen müssen. Das aber bedeutet, für je-
des Jahr vor dem offiziellen Renteneintrittsalter 3,6 Pro-
zent Abschläge von den zustehenden Altersbezügen hin-
nehmen zu müssen. Das wären bei sechs Jahren nahezu
22 Prozent oder fast ein Viertel der zustehenden Alters-
rente.


(Peter Dreßen [SPD]: Das stimmt doch nicht! Das wird erst ab 60 gerechnet! – Heinz Wiese [Ehingen] [CDU/CSU]: Das sind höchstens fünf Jahre! Was redet sie denn?)


Damit stünde für weitere Millionen Menschen Alters-
armut am Horizont. Wer will das verantworten?

Ich fasse zusammen: Die PDS fordert eine substan-
zielle Erneuerung der solidarischen Grundlagen der
Sozialversicherungssysteme. Hauptvoraussetzung dafür
sind und bleiben der Abbau der Massenarbeitslosigkeit
und die Schaffung zusätzlicher versicherungspflichtiger,
existenzsichernder Erwerbsmöglichkeiten.


(Beifall bei der PDS)

Wir fordern darüber hinaus, die Einnahmen der Ren-

tenversicherung zu erhöhen, indem alle Erwerbseinkom-
men in die Versicherungspflicht einbezogen werden, also
auch die der Beamten, der Selbstständigen,


(Beifall bei der PDS)

der Minister und natürlich auch der Abgeordneten, wie
das zum Beispiel in der Schweiz Praxis ist.


(Beifall bei der PDS)

Ich finde es schon bezeichnend, wenn Herr Müntefering
in Talkshows sagt, er sei für das schweizerische Modell,
während Rot-Grün eine Rentenreform gemacht hat, die an
dem Schweizer Modell vorbeigegangen ist. Worte und
Taten müssen irgendwann einmal übereinstimmen.

Auch Einnahmen aus Vermögen wären heranzuziehen.
Erneuerte Solidarität heißt für uns auch, die Beitragsbemes-
sungsgrenzen anzuheben. So würden Bezieher hoher Ein-
kommen ihrer Leistungsfähigkeit entsprechend einzahlen.

Schließlich sollten die Arbeitgeberanteile an den Sozi-
albeiträgen künftig nach der Wertschöpfung statt nach der
Lohnsumme berechnet werden.


(Beifall bei der PDS)

Damit würden die arbeitsintensiven Unternehmen von
Beiträgen entlastet und die kapitalintensiven Betriebe
stärker belastet. Das hätte beschäftigungsfreundliche
Wirkungen und würde die Beitragssätze stabilisieren
helfen.

Danke schön.

(Beifall bei der PDS)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423908800
Das Wort
hat jetzt der Kollege Klaus Brandner von der SPD-Frak-
tion.


Klaus Brandner (SPD):
Rede ID: ID1423908900
Sehr geehrter Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die von der
CDU/CSU initiierte Debatte über ihren Antrag „Krise in
der Sozialversicherung beseitigen – endlich die notwen-
digen Reformen auf den Weg bringen“ ist in der Tat ein
schlechter Versuch, die Erfolge der rot-grünen Sozial-
politik klein- und schlechtzureden. Damit soll das Feld
bereitet werden, um Sozialabbau, wie er bis 1998 betrie-
ben wurde, wieder salonfähig zu machen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Die SPD will den Sozialstaat modernisieren und stär-
ken. Genau das – Herr Weiß hat im Übrigen darauf hin-
gewiesen – wollen auch die Gewerkschaften. Sie haben




Dr. Christa Luft

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(C)



(D)



(A)



(B)


1998 zu Recht eine Kampagne in diesem Land entfacht,
mit der sie für soziale Gerechtigkeit eingetreten sind,


(Zuruf von der CDU/CSU: Was haben sie bekommen? Jetzt sind sie sauer!)


weil Sie, meine Damen und Herren von der rechten Seite
dieses Hauses, dieses Land in eine soziale Schieflage ge-
bracht hatten. Die Arbeitnehmerorganisationen mussten
also offensiv dafür Politik machen, um diese soziale
Schieflage zu beseitigen. Dafür haben wir, insgesamt
gesehen, Verständnis gehabt; denn uns geht es darum,
soziale Marktwirtschaft zu organisieren.

Uns geht es nicht um Marktwirtschaft pur. Marktwirt-
schaft pur wird von denen verlangt, von denen Sie in
einem ganz erheblichen Maße Spenden kassieren. Dafür
lassen Sie sich im politischen Tagesgeschäft dienstbar
machen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Bei Spenden wäre ich vorsichtig!)


Wenn man die Tagespolitik und die Anträge, die Sie in den
letzen Monaten eingebracht haben, verfolgt, dann kann
man nur zu diesem Schluss kommen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Julius Louven [CDU/CSU]: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!)


Der Markt kann nicht alles regeln. Deshalb ist der So-
zialstaat ein wesentlicher und notwendiger Bestandteil
unserer gesellschaftlichen, politischen und wirtschaft-
lichen Kultur. Er fördert den sozialen Frieden und stärkt
damit die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft
ganz erheblich.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Das ist Theorie! Eure Praxis sieht anders aus!)


– Herr Meckelburg, hören Sie ruhig zu!
Ich bin für den von Ihnen eingebrachten Antrag sehr

dankbar.

(Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Er ist auch gut! – Dr. Irmgard Schwaetzer [FDP]: Ihr wisst nicht, was Ihr wollt!)


Die Kritik, die darin geäußert wird, ist so unzutreffend
und dermaßen aus der Luft gegriffen, dass dadurch deut-
lich wird, wie erfolgreich die rot-grüne Koalition gear-
beitet hat.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [FDP]: 4 Millionen Arbeitslose! Sehr erfolgreich!)


Für diese Gelegenheit bin ich Ihnen außerordentlich
dankbar.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [FDP]: 4 Millionen Arbeitslose! Das ist ungeheuer erfolgreich!)


Wir wollen die erfolgreiche Arbeit fortsetzen. Wir
möchten eine solidarische Gesellschaft. Der Staat muss
auch für den Schwächeren eintreten. Bei dem vorliegen-
den Antrag der Union und bei vielen anderen Anträgen,
die wir in den letzten Monaten wöchentlich von Ihnen ge-

boten bekommen haben, schimmert immer wieder die
totale Marktgesellschaft durch: Der Stärkere soll sich
durchsetzen. Zumeist sind Arbeitgeberforderungen die
Richtschnur des Handelns.

Auch in den nächsten Wochen erwarten wir Anträge in
der gleichen Richtung und mit der gleichen Zielsetzung.
Ich darf mich schon jetzt dafür bedanken, dass Sie uns auf
die Art und Weise Vorlagen geben, indem Sie deutlich ma-
chen, in welcher Richtung Sie zukünftig Sozialpolitik be-
treiben wollen.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423909000
Herr Kol-
lege Brandner, erlauben Sie eine Zwischenfrage des
Kollegen Meckelburg?


Klaus Brandner (SPD):
Rede ID: ID1423909100
Bitte.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423909200
Herr
Meckelburg.


Wolfgang Meckelburg (CDU):
Rede ID: ID1423909300
Herr Kollege
Brandner, da Sie gerade über kleine und große Leute ge-
sprochen haben und Sie sich als Verfechter der Interessen
der kleinen Leute darstellen, frage ich Sie: Können Sie
mir bestätigen, dass das, was durch Ihre Regierungspoli-
tik erreicht wurde – dass die Körperschaftsteuer in Bezug
auf die großen Unternehmen keine Einnahmequelle mehr
ist, sondern dass die Finanzämter diesbezüglich zu einer
Auszahlungsstelle geworden sind –, nicht mit dem Thema
soziale Gerechtigkeit vereinbar ist, wenn sie gleichzeitig
bei den kleinen Leuten mit Ökosteuer und Beitragssteige-
rungen abzocken?


(Lachen des Abg. Peter Dreßen [SPD])



Klaus Brandner (SPD):
Rede ID: ID1423909400
Herr Meckelburg, ich kann
Ihnen das überhaupt nicht bestätigen. Ich kann Ihnen aber
bestätigen, dass die Steuerreform dazu geführt hat,


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Dass der Staat pleite ist!)


dass die kleinen und mittleren Einkommen in diesem
Lande ganz deutlich entlastet worden sind,


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Peter Dreßen [SPD]: Drastisch!)


dass die Mittelständler entlastet worden sind und dass die
großen Unternehmen belastet worden sind. Unsere Steuer-
politik ist in der Summe sozial ausgewogen und wird den
Interessen der breiten Bevölkerungsschichten gerecht.


(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Katrin Göring-Eckardt [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] – Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Das sehen wir aber nicht so!)


Zurück zu Ihrem Antrag. Schon Ihre Analyse ist ein
einziges Zerrbild. Dass die Opposition die Lage kritischer
darstellt als die Regierung, ist aus meiner Sicht normal. Es
ist sogar ihr gutes Recht. Doch Ihre Kritik ist in der
Summe unzutreffend; sie hat mit der Wirklichkeit gar




Klaus Brandner
23878


(C)



(D)



(A)



(B)


nichts zu tun. Das Einzige, was Sie mit Ihren schlicht und
ergreifend falschen Ausführungen erreichen, ist eine Täu-
schung der Öffentlichkeit. Es ist doch völlig klar, dass wir
das nicht hinnehmen.

Die Fakten sind eindeutig:
Erstens. Es ist falsch, wenn behauptet wird – wir haben

es von Herrn Weiß eben wieder gehört –, die Arbeits-
losigkeit sei gestiegen. Das Gegenteil ist der Fall.


(Zuruf von der CDU/CSU: 150 000 mehr als im Mai des letzten Jahres!)


– Hören Sie zu, dann können Sie etwas lernen! – Im Ver-
gleich mit den Daten aus der Kohl-Ära ist die Arbeits-
losigkeit um über 400 000 gesunken. Das ist eine Grö-
ßenordnung, die wir uns nicht kleinrechnen lassen. Die
Menschen, die in Arbeit gekommen sind, sind froh
darüber. Das haben sie unter anderem unserer Politik zu
verdanken.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Johannes Singhammer [CDU/ CSU]: 800 000 sind aus dem Arbeitsleben ausgeschieden!)


Zweitens wurden in den letzten vier Jahren mehr als
1 Million neue Arbeitsplätze geschaffen. Die gering-
fügig Beschäftigten sind darin eingerechnet, sodass wir
einen sauberen Vergleich haben. Das wissen Sie, meine
Damen und Herren von der Union, ganz genau. Deshalb
wollen Sie die Öffentlichkeit für dumm verkaufen, wenn
Sie ständig so tun, als kämen diese zusätzlichen Arbeits-
plätze nur durch Statistiktricks zustande.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Lesen Sie mal nach, was Lafontaine schreibt!)


Im Übrigen sind das für uns keine Petitessen, wie Sie eben
sagten, und keine Peanuts. Vielmehr ist dies das Ergebnis
einer erfolgreichen Politik.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Drittens scheinen Sie sich nicht so gut mit der Ange-
botsseite des Arbeitsmarktes auszukennen. Das Aus-
scheiden älterer Arbeitnehmer wird nämlich durch eine
steigende Frauenerwerbstätigkeit und durch Arbeitsauf-
nahmen aus der stillen Reserve überkompensiert. Das Ar-
beitskräfteangebot ist bis zum letzten Jahr gestiegen und
nimmt auch in diesem Jahr nicht ab.

Lassen Sie mich hier eindeutig festhalten, dass wir zum
ersten Mal in der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepu-
blik Deutschland am Ende eines Konjunkturzyklus nicht
mehr, sondern weniger Arbeitslose als zuvor haben. Um-
gekehrt haben wir nicht weniger, sondern mehr Erwerbs-
tätige als zuvor. Das ist ein Erfolg unserer Politik, den wir
uns von Ihnen nicht kleinreden lassen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Dr. Irmgard Schwaetzer [FDP]: Ein Erfolg eurer Statistik!)


– Sie haben eben nicht zugehört, Frau Schwaetzer. Wenn
Sie nicht lernfähig sind, tut es mir Leid.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [FDP]: Das hat man bei 60-Jährigen schon einmal, meinen Sie?)


Sie wissen genau, dass die von mir vorgetragenen Fakten
stimmen.

Die Arbeitsmarktlage ist insgesamt gesehen für uns
nicht befriedigend; darüber können wir offen sprechen.
Aber von der Misswirtschaft unter Helmut Kohl sind wir
doch ein gutes Stück entfernt. Obwohl diese Daten eine
eindeutige Sprache sprechen, wollen Sie tatsächlich die
abgewählte Politik von Helmut Kohl wieder aufnehmen.
Entweder kennt man bei der Union die Fakten nicht oder
man ignoriert sie einfach, wie Herr Weiß es eben gerade
in eindrucksvoller Weise bestätigt hat. Vor dem Hinter-
grund unserer guten Arbeitsmarktbilanz zeigen Ihre
Äußerungen lediglich, dass diese ganz schnell in der
Schublade „Wahlkampf“ verschwinden müssen.

Besonders merkwürdig verläuft aus meiner Sicht die
Sozialstaatsdebatte. Die Widersprüchlichkeit der Union
zeigt sich bei ihren Finanzierungsvorschlägen. Die Bür-
gerinnen und Bürger in unserem Land wissen und können
sich darauf verlassen, dass es mit der SPD bei der solida-
rischen Finanzierung


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Der Rentenversicherung bleibt, nicht?)


der Sozialversicherungssysteme bleibt.

(Beifall bei der SPD)


Arbeitgeber und Arbeitnehmer teilen sich den Beitrag.
Bei der CDU/CSU und erst recht bei der FDP läuft es
hingegen vor allem auf mehr Selbstbeteiligung, weniger
Krankenversicherungsleistungen und eine einseitige Ent-
lastung der Arbeitgeber hinaus.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Sagen Sie mal was zur Riester-Rente!)


Herr Weiß hat in diesem Zusammenhang gerade von
Lücken in der Sozialversicherung gesprochen. Hätten wir
1998/99 nicht die Korrekturgesetze verabschiedet, könn-
ten wir heute schon an den Zahnlücken der Menschen in
diesem Land die Folgen Ihrer unsozialen Politik erkennen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: So ein Schwachsinn! Dann müssten die Schweizer alle ohne Zähne herumlaufen!)


Eine Staatsquote von 40 Prozent, die im Wahlprogramm
in der Union allen Ernstes vorgeschlagen wird, bedeutet
Mindereinnahmen von sage und schreibe 170 Milliar-
den Euro im Jahr. Das sind circa 18 Prozent der gesamten
Staatsausgaben und wäre nur mit einem dramatischen
Kahlschlag bei den Sozialleistungen zu schaffen. Die
Wirkungen wären nicht nur beim Bund, sondern auch bei
den Ländern und Kommunen deutlich zu spüren. Opfer
dieser Politik – das ist völlig klar – wäre die große
Mehrheit der Bevölkerung: die Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer und insbesondere die Sozialhilfeempfän-
gerinnen und Sozialhilfeempfänger. Das Absacken in eine
solche soziale Ungerechtigkeit ist ebenso wenig in Ord-
nung wie eine Zweiklassenmedizin.


(Detlef Parr [FDP]: Die haben Sie doch heute schon!)





Klaus Brandner

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(C)



(D)



(A)



(B)


Deshalb können wir diesen Überlegungen nicht zustimmen.
Leicht zu widerlegen ist Ihre Behauptung von drastisch

steigenden Rentenbeiträgen. Sie verwechseln offenbar
das Jahr 2002 mit dem Jahr 1998. Damals betrug der Bei-
trag zur Rentenversicherung bekanntlich 20,3 Prozent.
Heute dagegen beträgt er 19,1 Prozent. Wie Sie aus die-
sen beiden Zahlen einen Anstieg interpretieren, ist Ihr Ge-
heimnis. Vielleicht sollten Sie noch einmal die Schule
aufsuchen, um dies nachvollziehen zu können.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Möglicherweise wird der Beitrag in Zukunft geringfü-
gig steigen, aber keinesfalls in alte Höhen. Von dem Bei-
tragsniveau Ihrer Regierungszeit haben wir uns jedoch er-
folgreich verabschiedet.

Zu einem Anstieg der Beiträge käme es allerdings,
wenn man Ihre Idee ernst nähme, die 325-Euro-Jobs wie-
der versicherungsfrei zu stellen. Dann nämlich drohten
der Sozialversicherung drastische Einnahmenverluste.
Das führte sofort dazu, dass die Sozialversicherungs-
beiträge um 0,3 Prozent angehoben werden müssten. Das
scheinen Sie alles in Kauf nehmen zu wollen. Von einer
gerechten und sozialen Politik kann bei einer solchen
Maßnahme aus meiner Sicht aber keine Rede sein.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Wolfgang Zöller [CDU/ CSU]: Theorie und Praxis klaffen auseinander!)


Mit Bezug auf den Sozialbericht will ich Ihnen die
Grundkonzepte unserer zukunftsorientierten Sozialpolitik
erläutern. Leitlinie sind und bleiben Gerechtigkeit,
Sicherheit und Innovation. Wir haben Fehlentwicklun-
gen korrigiert und gravierende Defizite beseitigt. Dabei
hatte uns die alte Regierung – das wissen Sie – sowohl
eine Rekordarbeitslosigkeit als auch eine Rekordstaats-
verschuldung sowie eine gefährliche Schieflage des so-
zialen Systems hinterlassen. Sie hatte 16 Jahre lang von
unten nach oben umverteilt und Arbeitnehmerrechte be-
schnitten.


(Zuruf von der CDU/CSU: Ihr habt es in vier Jahren geschafft!)


Die Kohl-Regierung hatte den sozialen Frieden in unserer
Gesellschaft in bedrohlicher Weise aufs Spiel gesetzt und
wurde zu Recht abgewählt.

Die Sozialpolitik muss die strukturellen Veränderun-
gen in der Arbeitswelt gestalten. Wir akzeptieren den
Trend zu flexibleren Arbeitseinheiten und höheren Quali-
fikationsanforderungen. Dazu kommt der gesellschaftli-
che Wandel mit dem geänderten Altersaufbau der Bevöl-
kerung, der steigenden Frauenerwerbstätigkeit, kleineren
Familien und generell mehr individuellen Lebensstilen.
Auch die internationalen Verflechtungen wirken immer
stärker auf die Sozialpolitik ein.


(Aribert Wolf [CDU/CSU]: Die Regierungspolitik wirkt negativ ein!)


Vor allen Dingen die Jugend braucht eine Perspektive.
Gleich nach unserer Regierungsübernahme haben wir
das Sofortprogramm zur Bekämpfung der Jugendar-

beitslosigkeit aufgelegt und damit über 400 000 jungen
Menschen eine neue Zukunftschance verschafft. Dieses
Programm ist so erfolgreich, dass Sie es in Ihrem sozial-
politischen Rundumschlag überhaupt nicht erwähnen.


(Aribert Wolf [CDU/CSU]: Wenn es gut wäre, könnten wir es auch erwähnen!)


Die Bundesregierung stand im Übrigen auch bei der
aktiven Arbeitsmarktpolitik dafür ein, dass ausreichende
Mittel zur Verfügung stehen. 22,5 Milliarden Euro sind
ein solides Fundament, das mit bewirkt hat, dass in dieser
schwierigen Zeit beispielsweise die Langzeitarbeitslosig-
keit überdurchschnittlich zurückgegangen ist.

Nun kommt es darauf an, auch für arbeitsfähige Sozial-
hilfeempfänger ein Konzept zu entwickeln, um sie mög-
lichst schnell in Arbeitsverhältnisse zu vermitteln. Durch
die von uns für eine bessere Zusammenarbeit von Arbeits-
und Sozialämtern initiierten MoZArT-Projekte haben wir
bereits erhebliche Erfolge aufzuweisen.


(Widerspruch bei der CDU/CSU)

Sie werden die Basis für eine grundlegende Reform sein,
wobei sehr deutlich wird: Das Zusammenlegen von Ar-
beitslosenhilfe und Sozialhilfe ist noch keine Reform.
Vielmehr muss es unser Ziel sein, den Menschen zu hel-
fen, tatsächlich aus der Abhängigkeit von der Sozialhilfe
herauszukommen; dafür sind wir angetreten.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Kernstück unserer Sozialpolitik war die große Ren-
tenstrukturreform. Sie stellt die Alterssicherung auf
eine langfristig stabile Grundlage.


(Zuruf von der CDU/CSU: Die Zahlen sagen etwas anderes!)


Sie verteilt die Lasten ausgewogen zwischen Älteren und
Jüngeren. Die Renten steigen etwas langsamer als ge-
plant; dafür steigt die Sicherheit enorm. Das zählt und
bringt Vertrauen. Das wissen die Menschen in diesem
Land.


(Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Die Unsicherheit wächst!)


Deshalb sage ich ganz deutlich: Keine Rente – auch
keine Witwenrente – wird gekürzt, auch wenn Sie noch so
viel Polemik in dieser Richtung betreiben. Die Verun-
sicherungskampagne der CDU/CSU wird auch an dieser
Stelle nicht greifen. Stattdessen fördern wir die Erwerbs-
tätigkeit von Frauen. Teilzeitarbeit in der Phase der Kin-
dererziehung wird auch hinsichtlich der Rente besser be-
wertet. Das sind Chancen, die wir den Menschen in
diesem Land eröffnen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Das ist Fakt, genauso wie die Tatsache, dass ab Januar
nächsten Jahres kein Rentner und keine Rentnerin mehr
zum Sozialamt gehen muss, weil wir eine soziale Grund-
sicherung einführen.


(Aribert Wolf [CDU/CSU]: Die Geschichte ist so wenig wahr, dass Sie alles ablesen müssen!)





Klaus Brandner
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(C)



(D)



(A)



(B)


Sie ist bedarfsorientiert; wir haben sie durchgesetzt. Ich
empfinde es als einen deutlichen Schritt der sozialen
Kälte, dass Sie in der nächsten Legislaturperiode, wenn
Sie die Mehrheit bekommen würden, genau dieses soziale
Reformprojekt wieder einkassieren wollen. Das ist nicht
in Ordnung. Für einen solchen Schritt sollten Sie sich aus
meiner Sicht wirklich schämen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Ich komme zum Schluss: Wir führen die Wählerinnen
und Wähler nicht an der Nase herum, sondern bieten ih-
nen ein ehrliches und zukunftsfähiges Programm. Ihre
Leitlinien sind Ideenlosigkeit und soziale Ungerechtig-
keit. Unsere Leitlinien sind Gerechtigkeit, Sicherheit und
Innovation.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Dafür treten wir an, meine Damen und Herren. In diesem
Sinne werden wir in diesem Land auch nach dem 22. Sep-
tember erfolgreiche Politik machen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423909500
Als
nächster Redner hat der Kollege Johannes Singhammer
von der CDU/CSU-Fraktion das Wort.


Johannes Singhammer (CSU):
Rede ID: ID1423909600
Herr Präsi-
dent! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich
möchte mich ebenfalls an die Wahrheit halten.


(Lachen bei Abgeordneten der SPD – Erika Lotz [SPD]: Seit wann denn? – Regina Schmidt-Zadel [SPD]: An welche Wahrheit?)


Die Wahrheit ist: Nach vier Jahren Rot-Grün geht es den
kleinen Leuten und insbesondere den Familien in unse-
rem Land schlechter.


(Beifall bei der CDU/CSU – Peter Dreßen [SPD]: Das ist aber die Unwahrheit! – Rainer Brinkmann [Detmold] [SPD]: Das ist eine Lüge! Wo bleibt die Wahrheit?)


Gleichzeitig können sich die Großunternehmen dank
Steuersenkungen über einen Geldsegen freuen.

Durch die Steuerreform dieses Bundeskanzlers konnte
die Familie Reemtsma ihre Firmenbeteiligungen für
6,7Milliarden Euro verkaufen, ohne eine Mark Steuern zu
zahlen.


(Zuruf von der CDU/CSU: Hört! Hört! – Peter Dreßen [SPD]: Nur, wenn sie wieder investieren! Das müssen Sie dazusagen! – Klaus Brandner [SPD]: Das ändern Sie wieder!)


Dagegen wird bei den Rentnern knallhart gespart. Reden
wir doch einmal Klartext: Entgegen allen Versprechungen
sind die Renten im Jahre 2001 noch nicht einmal um den
Inflationsausgleich gestiegen. Das ist die Realität.

Die Finanzämter zahlen heute mehr an Körper-
schaftsteuer an die Großunternehmen zurück, als sie ein-

nehmen. Während die Quelle Körperschaftsteuer vor
zwei Jahren noch gesprudelt hat und 20 Milliarden DM
eingenommen worden sind, müssen die Finanzämter
heute Geld auszahlen. Die Folge davon ist, dass die Kom-
munen Hallenbäder schließen müssen und die kleinen
Leute, die auf ein solches Bad angewiesen sind, weil sie
keinen privaten Swimmingpool besitzen, buchstäblich in
das leere Bassin schauen, während es sich bestimmte
Großverdiener dank Ihrer Steuerermäßigungen ohne mit
der Wimper zu zucken leisten können, noch einen zwei-
ten Swimmingpool dazuzubauen.


(Beifall bei der CDU/CSU – Rainer Brinkmann [Detmold] [SPD]: Wo bleibt die Wahrheit?)


Deutschland ist in eine soziale Schieflage geraten. Die
Menschen verlieren von Tag zu Tag mehr Vertrauen in
diese Regierung. Eine Kette gebrochener Wahlverspre-
chen pflastert den Weg dieser Regierung. Ich belasse es
heute bei der Aufzählung von sieben Todsünden – ich
könnte noch mehr aufzählen –, mit denen Sie die Men-
schen hinters Licht geführt haben:

Als Erstes nenne ich die Arbeitslosenkatastrophe. Die-
ser Bundeskanzler hat im vergangenen Jahr versprochen:
Wir wollen im nächsten Jahr unter die Marke von 3,5Mil-
lionen Arbeitslosen kommen. Tatsache ist: Wir werden in
diesem Jahr im Schnitt 4 Millionen Arbeitslose haben.
Ihre als Wunderwaffe gepriesenen neuen Konzepte wie
das Job-AQTIV-Gesetz entpuppen sich als Rohrkrepierer.
Heute erreichen uns Meldungen, dass der Bundesminister
für Arbeit den Herrn Gerster von der Bundesanstalt für
Arbeit rügt, weil der Mittelabfluss nicht vorankommt,


(Klaus Brandner [SPD]: Der Riester tut etwas! Er handelt!)


weil 3,4 Prozent weniger als im vergangenen Jahr ausge-
zahlt worden sind. All Ihren Ankündigungen zum Trotz
wird die Arbeitslosigkeit nicht besser bekämpft, sondern
es wird schlechter und schlimmer; sie steigt.

Das zweite Versprechen betraf eine deutliche Entlas-
tung der Bürger und Familien.

Im Mittelpunkt steht die Entlastung der aktiv Be-
schäftigten und ihrer Familien.

Dies war Teil Ihrer Regierungserklärung. Tatsache ist:
Unter dieser Bundesregierung erwartet die Familien, die
Menschen in unserem Land bis zum Jahre 2005 eine Re-
kordsteuerbelastung: Ökosteuer, Versicherungsteuer und
Tabaksteuer belasten gerade Familien mehr und werden
durch die Erleichterungen, die Sie schon eingeführt haben
– das billige ich Ihnen zu – bei weitem nicht kompensiert.
Unterm Strich gibt es für die meisten in diesem Land netto
weniger.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Versprochen wurde außerdem eine bezahlbare Ge-

sundheit für alle:
Die neue Bundesregierung wird dafür sorgen, dass
Gesundheit für alle bezahlbar bleibt und jeder den
gleichen Anspruch auf eine qualitativ hochstehende
medizinische Versorgung hat.

So haben Sie es in der Koalitionsvereinbarung niederge-
legt. Tatsache ist, dass das Gesundheitswesen vor dem




Klaus Brandner

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(C)



(D)



(A)



(B)


Kollaps steht und die gesetzliche Krankenversicherung
aus den Fugen gerät. Die Gesundheitsministerin muss ein
Defizit, das ständig wächst, einräumen.

Ähnlich verhält es sich mit der Pflegeversicherung.
Versprochen wurde, dass die Rücklage der Pflegeversi-
cherung vorrangig für die dauerhafte Stabilisierung des
Beitragssatzes verwendet werden sollte. Tatsache ist, dass
die Pflegeversicherung am Krückstock geht; das haben
wir in unserem Antrag auch deutlich ausgeführt. Aus den
Überschüssen im Jahre 1998 sind Defizite geworden.
Diese Defizite kommen auch dadurch zustande, dass Sie
die Beitragsgelder dazu verwenden, die Lücken im Haus-
halt des Finanzministeriums zu stopfen. Beitragsgelder
werden also in die Kasse des Finanzministers umgeleitet.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem vierten Zweig der
Sozialversicherung, nämlich der Arbeitslosenversiche-
rung. Den Beitrag dazu wollten Sie um 0,5 Prozent auf
6 Prozent absenken. Auch das ist nicht verwirklicht wor-
den. Im Gegenteil: Wie schon in den vergangenen Jahren
benötigt die Bundesanstalt für Arbeit wieder einmal mehr
Geld als eingeplant. Die Verlässlichkeit und Berechen-
barkeit der rot-grünen Politik ist und war zu keinem Zeit-
punkt gegeben.

Ich nenne noch ein Beispiel: Der Bundeskanzler
schwor in der letzten Woche heilige Eide darauf, dass der
Kündigungsschutz unangetastet bleiben soll.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Wer will ihn denn?)


Vorgestern erklärte der Ministerpräsident Niedersach-
sens, Herr Gabriel,


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Er ist ein Hoffnungsträger der SPD!)


in einem Interview, dass man selbstverständlich darüber
nachdenken müsse, den Kündigungsschutz durch eine
Staffelung zu lockern. Dem Wirrwarr dieser Äußerungen
entspricht der Wirrwarr Ihrer Politik. Sie ist das Gegenteil
von Verlässlichkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU – Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was hat Herr Stoiber gesagt?)


Ihr Verhalten wird im Übrigen nicht nur von uns, son-
dern auch in Ihren eigenen Reihen als geplante politische
Unberechenbarkeit bewertet.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ihr müsst euch langsam mal einigen! – Rainer Brinkmann [Detmold] [SPD]: Zurück zur Wahrheit!)


Ich darf der Unverdächtigkeit halber den früheren SPD-
Vorsitzenden, Oskar Lafontaine, zitieren,


(Lachen bei der SPD – Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Das tut denen weh! – Klaus Brandner [SPD]: Ich habe noch einige Zitate von Strauß hier!)


der in einem Interview der „Bild“-Zeitung am 24. April
Folgendes über Bundeskanzler Schröder gesagt hat:

Er hat den Kurswechsel der Partei zu verantworten.
Milliardengeschenke an Unternehmen, Kürzungen

der Renten und soziale Leistungen, die ständige For-
derung nach Lohnzurückhaltung und die Beteiligung
deutscher Soldaten an Auslandseinsätzen werden
von der großen Mehrheit der Ostdeutschen abge-
lehnt.

Er fügt weiter hinzu:
Sogar Stoiber will die Beteiligungsverkäufe der Ban-
ken, Versicherungen und Großbetriebe wieder be-
steuern. Die SPD-Führung nicht. Da fasst man sich
an den Kopf.

(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Ja! – Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: So ist es!)


Wir, die Union, haben klare Vorstellungen, welche
grundsätzlichen Weichenstellungen jetzt ohne Verzöge-
rungen vorgenommen werden müssen. Zuallererst wollen
wir den Arbeitsmarkt entriegeln und bürokratische
Hemmnisse beseitigen.


(Klaus Brandner [SPD]: Sie hätten Sänger werden sollen, das wäre besser gewesen! – Peter Dreßen [SPD]: Was heißt das?)


– Das sage ich Ihnen gleich. – Wir wollen grundsätzlich
zunächst einmal auch im Niedriglohnsektormehr Beschäf-
tigung schaffen. Die 630-DM- bzw. 325-Euro-Bürokratie-
monster, die Minijobs, werden wir durch eine 400-Euro-
Regelung ersetzen, die sich durch eine ganz große
Einfachheit auszeichnet und die Menschen wieder aus der
Schwarzarbeit zurückholt.


(Beifall bei der CDU/CSU – Peter Dreßen [SPD]: Wie gehen Sie die Ausfälle der Sozialversicherungsbeiträge an?)


– Wir werden sie mit einer Pauschalsteuer ausgleichen.
Unsere Konzepte sind nachprüfbar und seriös.


(Rainer Brinkmann [Detmold] [SPD]: Sie haben Konzepte? Hört! Hört!)


Wir wollen eine aktive Arbeitsmarktpolitik umsetzen,
die diesen Namen wirklich verdient. Dazu planen wir den
Ausbau individueller Förderungen in den neuen Job-
Centern. Zusätzlich wollen wir zur Selbstständigkeit er-
mutigen und den Mittelstand stärken; denn der Mittel-
stand war in den letzten Jahren – das hat sich in dieser
Zeit herausgestellt – der erfolgreichste Arbeitsplatz-
motor.


(Klaus Brandner [SPD]: Während Rot-Grün, ja!)


Er hat in den vergangenen 20 Jahren 2,9 Millionen
Arbeitsplätze geschaffen.


(Peter Dreßen [SPD]: Wir haben in vier Jahren schon 1 Million!)


Sie betreiben eine mittelstandsfeindliche Politik. Die
Quittung haben Sie mit der Arbeitsmarktstatistik erhalten.

Bezogen auf die Rentenreform sage ich Ihnen: Wir
werden diese unzureichende Rentenreform, die auf töner-
nen Füßen steht und deren Halbwertszeit von Monat zu
Monat geringer wird und bald auf null steht, noch einmal




Johannes Singhammer
23882


(C)



(D)



(A)



(B)


auf den Prüfstand stellen und die notwendigen Korrektu-
ren durchführen.


(Rainer Brinkmann [Detmold] [SPD]: Da sind wir gespannt!)


Das wissen die Menschen auch. Aufgrund Ihrer Reform
ist das Vertrauen in die Altersvorsorge in der Vergangen-
heit nicht gewachsen.

Wir werden die drei Säulen der Alterssicherung – ge-
setzliche Rentenversicherung, betriebliche Altersversi-
cherung, aber auch die private Vorsorge – in eine neue Ba-
lance bringen. Die kapitalgedeckten Elemente der
betrieblichen und der privaten Vorsorge werden künftig
einen höheren Stellenwert erhalten.


(Lachen bei der SPD – Erika Lotz [SPD]: Bei unserer Reform ist das so!)


Die gesetzliche Rentenversicherung bleibt natürlich eine
tragende Säule der Alterssicherung.


(Zurufe bei der SPD: Hört! Hört!)

– Ja, natürlich ist das so.

Meine sehr geehrten Damen und Herren von der künf-
tigen Opposition, der Bundeskanzler hat auf Ihrem Partei-
tag am vergangenen Wochenende versucht, sich und Ihnen
Mut zu machen und hat festgestellt, dass der Mut wächst.


(Klaus Brandner [SPD]: Das braucht er gar nicht! Wir sind mutig! – Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Wir haben den Mut!)


Ich kann bei Ihrer Politik nirgends erkennen, dass in
Deutschland der Mut wächst.


(Zuruf von der SPD: Klar, weil Sie blind sind!)


Im Gegenteil: Das, was in Deutschland wächst, ist die Wut
auf Ihre Politik, die soziale Schieflage und die soziale Un-
gerechtigkeit. Ich versichere Ihnen: Das werden wir ändern.


(Beifall bei der CDU/CSU – Peter Dreßen [SPD]: Das wird auch durch Wiederholungen nicht wahrer!)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423909700
Als
nächste Rednerin hat die Kollegin Katrin Göring-Eckardt
vom Bündnis 90/Die Grünen das Wort.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Herr Singhammer, wie seriös Ihre Vorschläge sind, soll-
ten Sie einmal mit Herrn Späth besprechen. Er nimmt
schließlich einen Vorschlag nach dem anderen, den Sie
zur Arbeitsmarkt-, Sozial- und Wirtschaftspolitik ge-
macht haben, zurück.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Der Späth ärgert Sie scheinbar!)


Eigentlich müssten Sie Ihr Programm noch einmal von
neuem beschließen, jedenfalls dann, wenn Herr Späth ir-
gendeine Rolle in der Republik spielen sollte.


(Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Herr Späth kam zu spät!)


Er lobt die rot-grüne Steuerreform und bezeichnet das,
was die CDU/CSU vorschlägt, als unseriös.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Das hat er niemals gesagt! – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Können Sie sagen, wo er das gesagt hat? Belegen Sie das doch mal!)


Nachdem Sie Lafontaine zitiert haben, würde ich Sie an
dieser Stelle gern auf Lothar Späth und das, was er hin-
sichtlich der Seriosität des Programms der Union gesagt
hat, verweisen, nämlich: unseriös, unseriös, unseriös!


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Das sagen Sie!)


Sie haben ausgeführt, dass es den Familien nach der
rot-grünen Regierungszeit in den letzten vier Jahren
schlechter ginge.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Das ist leider auch so!)


– Das ist nicht so. – Ich möchte Ihnen gerne nur in eini-
gen Punkten nachweisen, dass dem nicht so ist, auch wenn
ich bekanntlich der Auffassung bin, dass wir, was Kinder
und Familien angeht, in diesem Land noch ganz am An-
fang stehen. Aber wir haben jetzt den Vergleich zwischen
den 16 Jahren Kohl-Regierung und den vier Jahren Rot-
Grün zu ziehen.

Erstens. Die Kindergelderhöhung. Es stimmt übrigens
nicht, Frau Luft, dass die Kindergelderhöhungen auf die
Sozialhilfe angerechnet worden sind. Gerade das ist unter
dieser Regierung nicht erfolgt.

Zweitens. Förderung bei der privaten Zusatzvorsorge
für die Renten. In diesem Bereich sind es gerade die Fa-
milien, die zu Recht hohe Förderungen erhalten, weil sie
es sich am wenigsten leisten können, zusätzlich private
Vorsorge zu leisten.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Das ist ja ungeheuer erfolgreich, wie wir gelesen haben!)


Drittens. Selbst bei so etwas wie dem Mainzer Modell,
bei dem es um die Förderung von Langzeitarbeitslosen
geht, gibt es Kinderzuschüsse bis zu 75 Euro.

Genau das ist die Politik, die diese Bundesregierung be-
trieben hat und von der Sie unter keinen Umständen be-
haupten können, dass es den Familien in diesem Land da-
durch schlechter ginge als zu Ihrer Regierungszeit. Das
Gegenteil ist der Fall. Wir werden als rot-grüne Regierung
an dieser Stelle weitermachen und noch einen Zahn zulegen.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Keine Drohungen! – Dr. Irmgard Schwaetzer [FDP]: Entweder mit der PDS oder gar nicht! Das ist ja wohl klar!)


Das versprechen wir den Bürgerinnen und Bürgern. Da-
rauf können sie sich verlassen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Als zweiten Punkt haben Sie angesprochen, dass die
Rentenversicherung in einem desolaten Zustand sei,




Johannes Singhammer

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(C)



(D)



(A)



(B)


Herr Singhammer. In diesem Zusammenhang ist bereits
– auch von Herrn Brandner und Frau Dückert – umfas-
send auf die einzelnen Fragen, die Sie angeführt haben,
eingegangen worden. Darüber will ich nicht weiter reden.
Ich möchte Sie vielmehr daran erinnern, wie die Ge-
schichte dieser Rentenreform eigentlich verlaufen ist. Wir
waren uns nämlich in fast allen Punkten einig. Wir haben
hier darüber debattiert und es gab unter anderem von dem
Abgeordneten Schemken große Zustimmung. Aber die
CDU/CSU hat am Ende aus rein taktischen Gründen ent-
schieden, sich nicht daran zu beteiligen.


(Aribert Wolf [CDU/CSU]: Weil Sie es viel zu bürokratisch gemacht haben! Wir waren uns nur im Grundsatz einig, aber nicht im demokratischen Verfahren!)


Dass Sie nun aber mit Äußerungen wie „desolat“ oder
„Damit müssen wir noch einmal ganz von vorne anfan-
gen“ operieren, ist nicht glaubwürdig und real. Es hat
nichts mit den Fakten zu tun, sondern nur mit unlauterer
Politik.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Warum haben Sie sie dann geändert?)


Das wissen die Leute draußen im Land und wir werden es
ihnen auch noch deutlich machen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Des Weiteren haben Sie behauptet, dem Mittelstand in
Deutschland gehe es schlecht. Dazu möchte ich Ihnen
Folgendes sagen: Wir wissen genau, dass die meisten
Arbeitsplätze im Mittelstand existieren bzw. entstehen.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Entstehen könnten!)


Auch Sie wissen übrigens, dass die Arbeitslosenzahl ge-
sunken ist. Es hilft Ihnen nichts, wenn Sie behaupten, dass
sie gestiegen sei. Im Vergleich zu Ihrer Regierungszeit ist
sie gesunken. Die Zahl der Erwerbstätigen in diesem Land
ist so hoch wie nie zuvor. Das müssen Sie zur Kenntnis
nehmen. Es wäre in Ordnung gewesen, wenn Sie gesagt
hätten, dass das nicht ausreiche und dass weitere Reformen
notwendig seien. Auch wir sind dieser Meinung. Wahr-
scheinlich würden wir uns dann sehr schnell über die Ziele,
aber nicht über die Instrumente einigen können. Aber zu
behaupten, der Mittelstand werde in diesem Land nicht ent-
lastet, nachdem der Mittelstand durch unsere Steuerreform
um 30 Milliarden Euro entlastet worden ist, ist ebenso un-
lauter wie die Bemerkung, die Sie vorhin gemacht haben.
Auch das werden die Menschen in diesem Land Ihnen nicht
glauben, weil sie wissen, dass Rot-Grün in allererster Linie
den Mittelstand entlastet hat. Alles andere ist falsch.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Außer Ihnen glaubt das niemand!)


Ein Thema ist auch, ob man beim Abbau der Arbeits-
losigkeit auf das Anziehen der Konjunktur setzt – das
scheint Ihr Ziel zu sein; das entnehme ich zumindest
Ihrem Wahlprogramm – oder ob man die Probleme direkt
angeht. Auch Sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass die
Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit für die Zu-
kunft dieses Landes ganz entscheidend ist. Ich bin stolz

darauf, dass wir es geschafft haben, mit einem Programm
gegen Jugendarbeitslosigkeit deutliche Zeichen gerade in
Ostdeutschland zu setzen. Mit diesem Programm legen
wir dort einen Zahn zu.

Wie sieht Ihre Antwort auf unsere Programme aus? –
Ihrem Wahlprogramm entnehme ich, dass Sie die Staats-
quote senken wollen. Sie diskutieren noch darüber, in
welchem Zeitraum die Staatsquote auf unter 40 Prozent
– offenbar muss erst noch Lothar Späth nachrechnen – ge-
senkt werden soll. Das würde 170 Milliarden Euro weni-
ger bedeuten. Ich frage Sie: Wo wollen Sie so viel ein-
sparen, etwa bei der Arbeitsmarktpolitik, bei der Famili-
enpolitik, beim Kindergeld, bei der Bildungspolitik oder
bei den Zuschüssen zur Rentenversicherung? Das müssen
Sie schon sagen. Sie können nicht wie Kai aus der Kiste
kommen und so tun, als legten Sie viele bunte Geschenke
unter den Weihnachtsbaum. Die Menschen werden, wenn
sie Ihre Geschenke aufmachen, merken, dass in ihnen
nichts drin ist. Sie können den Menschen nichts vorlügen.
Die Menschen merken, wenn Sie so tun, als ob Sie die
großen Geber wären, die aus irgendeiner Kiste Geld neh-
men, das nicht vorhanden ist. Schließlich haben auch Sie
sich zur Fortsetzung der Konsolidierung des Haushaltes
bekannt. Wenn man sich anschaut, was Sie vorhaben,
dann muss man feststellen, dass das offenbar nur eine
Worthülse ist. Mit solchen Worthülsen gewinnt man in
diesem Land keine Wahl mehr. Dafür sind die Bürgerin-
nen und Bürger einfach zu schlau.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Ich möchte zum Schluss noch kurz etwas zur Gesund-
heitspolitik bzw. Krankenversicherung sagen, weil Sie
darauf in Ihrem Antrag auch eingehen. Ihr Antrag enthält
eine ganze Latte von Vorwürfen an die Regierung. Sie ha-
ben in ihm aber auch deutlich gemacht, was die Union
will. Das sind vor allen Dingen vier Punkte: Transparenz,
Selbstbestimmung, Prävention und Qualität. Das hört sich
ganz gut an. Möglicherweise unterschreiben wir das so-
gar. Mich wundert aber, dass das Wort „Wirtschaftlich-
keit“ in Ihrem Antrag fehlt, und zwar auch deshalb, weil
bei Ihnen Selbstbestimmung immer bedeutet, dass die
Menschen – das betrifft zum Beispiel die Wahltarife – aus
der eigenen Tasche etwas drauflegen sollen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat bei
einer Umfrage, deren Ergebnisse letzte Woche veröffent-
licht worden sind, die Menschen danach gefragt, ob sie
bereit seien, mehr zu bezahlen. Dabei ist festgestellt wor-
den: Die Menschen in diesem Land wollen keine höhere
Selbstbeteiligung, also genau das nicht, was Sie ihnen
aufdrücken wollen. Deswegen ist die Politik, die wir ge-
macht haben, richtig; denn wir haben immer klar gesagt:
Wir werden dafür sorgen, dass erstens die Beitragser-
höhungen so gering wie möglich ausfallen und dass es
zweitens keine Zuzahlungen gibt, die sozial ungerecht
sind. Darin werden wir von den Bürgerinnen und Bürgern
bestätigt. Diese haben nämlich – so hat es der Sachver-
ständige der Bundesregierung formuliert – keine Lust, zu-
sätzlich Geld in ein unwirtschaftliches System zu stecken.

Meine Damen und Herren, der Antrag, den Sie hier ge-
stellt haben, ist zweierlei: Er ist unseriös und nicht sozial




Katrin Göring-Eckardt
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(C)



(D)



(A)



(B)


gerecht. Sie werden am 22. September die Quittung für
Ihre Politik bekommen. Rot-Grün wird das Land weiter
gestalten


(Zuruf von der CDU/CSU: Gott bewahre!)

in Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit, insbesondere für die
kommenden Generationen.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423909800
Das Wort
hat jetzt der Kollege Detlef Parr von der FDP-Fraktion.


Detlef Parr (FDP):
Rede ID: ID1423909900
Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Der Bundeskanzler hat auf dem SPD-Parteitag
festgestellt: Der Mut wächst. Ich stelle im Hinblick auf die
ausbleibende Gesundheitsreform fest, liebe Kolleginnen
und Kollegen: Der Unmut wächst.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Der Unmut wächst bei den Versicherten. Sie spüren am
eigenen Leib immer deutlicher die Spirale „höhere Kran-
kenkassenbeiträge und weniger Leistungen“ in Arztpra-
xen, in Apotheken, in Krankenhäusern. Sie müssen auf
planbare Operationen teilweise monatelang warten.

Der Unmut wächst bei den Ärztinnen und Ärzten. Sie
spüren am eigenen Leib immer deutlicher die mittler-
weile von Ihnen beschlossenen unerträglichen Budgets
und staatlichen Überreglementierungen zulasten ihrer
Patienten.


(Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Herr Parr, das sagen Sie schon seit zwei Jahren! Das ist nicht wahr! – Klaus Brandner [SPD]: Sie sind ja ein Märchenerzähler!)


Der Unmut wächst bei den Krankenkassen, die mehr
Wettbewerb und Gestaltungsmöglichkeiten wollen, durch
den Risikostrukturausgleich aber behindert und bestraft
werden.


(Peter Dreßen [SPD]: Sagen Sie doch mal, was Sie machen wollen!)


Der Unmut wächst bei den Apothekern. Ihnen wird eine
mit heißer Nadel gestrickte unausgegorene Aut-idem-
Regelung aufs Auge gedrückt, durch die vielen Patienten
ihre gewohnten Medikamente vorenthalten werden.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Die Apotheker müssen befürchten, dass ihnen durch die
Zulassung des Medikamentenversandhandels mit den
Niederlanden und der Schweiz erhebliche Nachteile ent-
stehen können.


(Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Auch das stimmt nicht!)


Der Unmut wächst in den Krankenhäusern, weil über-
müdete Ärzte zum Alltag gehören und es keine neuen Ar-
beitszeitregelungen gibt.

Deshalb, meine Damen und Herren, ist die Forderung
mehr als berechtigt, diese Krise zu beseitigen und endlich
die notwendigen Reformen auf den Weg zu bringen.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Unstrittig ist: Nach der IT-Branche ist der Gesundheits-

markt der Wachstumsmarkt Nummer eins der Zukunft
und eine Jobmaschine erster Güte. Ich erinnere mich an den
Kanzler, als er noch keiner war. „Arbeit, Arbeit, Arbeit“
stand auf den Plakaten. Das Gegenteil ist entstanden.
Wachstumsmärkte werden gebremst. Bereits heute gibt es
hier über 4 Millionen Beschäftigte. Es werden über
250 Milliarden Euro umgesetzt, davon aber nur etwa die
Hälfte im Rahmen des gesetzlichen Zwangssystems. Da-
raus erkennen wir: Die Bereitschaft zur Investition in die
Gesundheit ist bei den Bürgerinnen und Bürgern vorhan-
den. Diese Bereitschaft müssen wir zur Entfaltung bringen.


(Beifall bei der FDP)

Deshalb sind für die FDP zwei Forderungen von be-

sonderer Bedeutung. Wir müssen – die Gesundheitsberufe
wieder zu freien Berufen machen


(Beifall bei der FDP)

und auf der anderen Seite mehr Patientensouveränität
schaffen. Die Möglichkeiten individueller Vereinbarun-
gen zwischen Arzt und Patient und zwischen Versicherten
und Krankenkassen müssen erweitert werden.


(Klaus Brandner [SPD]: Sie müssen erst einmal die Karsli-Sache zu Ende bringen!)


– Sie müssen etwas qualifiziertere Zwischenrufe machen
und vor allen Dingen die aktuelle Entwicklung berück-
sichtigen, Herr Kollege.

Es gibt doch keinen Zweifel, meine Damen und Her-
ren, dass die Chipkarte als vermeintlicher Garant für un-
begrenzte Leistungen zu Missbrauch verführt. Das ano-
nyme Sachleistungsprinzip hat auch und vor allem vor
dem Hintergrund Europa längst ausgedient. Wir müssen
bei den Versicherten Kostenbewusstsein schaffen. Sie hal-
ten krampfhaft an diesem alten System fest. Wir wollen
die Kostenerstattung anstelle des Sachleistungsprinzips.


(Beifall bei der FDP)

Wenn Sie nicht zuhören, Frau Schmidt-Zadel, können

wir nie voneinander lernen. Das ist ein Trauerspiel. Des-
halb kommen wir zu diesen Ergebnissen in der Gesund-
heitspolitik.


(Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Wenn ich Ihnen zuhören würde, Herr Parr, würde mir bis abends schlecht sein!)


Die Transparenz durch Rechnungslegung macht aber
nur dann Sinn, wenn ärztliche Leistungen auf der Grund-
lage eines Preissystems, wie es in allen anderen Wirt-
schaftszweigen üblich ist, abgerechnet werden können.
Entscheidend für den Erfolg solcher Umstellungsmaß-
nahmen ist die Abschaffung jeder Art von Budgetierung.
Für sie ist dann kein Raum mehr.

Was die Finanzierungsgrundlagen der Zukunft angeht,
müssen wir das Verhältnis von Solidarität und Subsi-
diarität neu ordnen, gerade um das Prinzip der Solidarität




Katrin Göring-Eckardt

23885


(C)



(D)



(A)



(B)


zu retten. Denn wir sollten uns nichts vormachen: Wir ha-
ben längst keine Solidargemeinschaft mehr. Sie ist defor-
miert, man muss sie neu ordnen.

Ich kann mir für die Zukunft ein dreigeteiltes Finan-
zierungsmodell vorstellen: eine solidarische Finanzie-
rung, eine Mischfinanzierung und eine rein private Fi-
nanzierung. Das ist ein Modell der Zukunft. Ein solches
Modell hat in der gesetzlichen Krankenversicherung nur
dann eine Chance, wenn wir den Leistungskatalog kritisch
überprüfen und das solidarisch zu Finanzierende neu de-
finieren.

Das heutige System widerspricht dem Wunsch einer
wachsenden Zahl von Menschen, ihre Belange möglichst
umfassend in eigener Verantwortung selbstbestimmt zu
regeln. Die Tarifgestaltung in der GKV muss deshalb fle-
xibler werden. Neben die solidarisch zu finanzierende
Grundversorgung müssen Zusatzangebote treten, die ei-
nen individuellen ergänzenden Versicherungsschutz er-
möglichen.


(Beifall bei der FDP)

Diese Angebotsvielfalt muss – so stellen wir uns das

vor – in Kooperation mit privaten Krankenversicherun-
gen erreicht werden. In dem Zusammenhang sind die
neuen ordnungspolitischen Kapriolen der Frau Ministerin
bezeichnend. – Es ist niemand vom Gesundheitsministe-
rium mehr da. Das ist auch bezeichnend. –


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Schon abgetreten! – Zurufe von der SPD: Der Staatssekretär ist doch da!)


Da will die Gesundheitsministerin die Versicherungs-
pflichtgrenze tatsächlich anheben und damit den Zugang
zur privaten Krankenversicherung erschweren. Schon
jetzt flüchten Tausende von Versicherten aus dem
Zwangssystem in das private Krankenversicherungssys-
tem hinein. Sie wollen die Schotten dichtmachen und da-
mit genau den falschen Weg gehen. Die Menschen in
Deutschland sind nicht so schutzbedürftig, dass 90 Pro-
zent der GKV angehören müssen und nur 10 Prozent pri-
vat versichert sein dürfen.

Noch ein paar Bemerkungen zur Pflegeversicherung.
Im Antrag der Union finden wir zu Recht die Feststellung,
dass „die Überschüsse, soweit sie die gesetzlichen Min-
destreserven von 2,05 Milliarden Euro übersteigen, bis
zum Jahr 2006 aufgezehrt sein“ werden. Danach, liebe
Kolleginnen und Kollegen aus den großen Fraktionen,
erübrigen sich Anträge, die wünschenswerte Leistungs-
ausweitungen zum Inhalt haben, ohne die Finanzierung
langfristig zu sichern. Wir müssen erkennen, dass wir
dann sehenden Auges in einen selbst geschaffenen Eng-
pass und Kostendruck hineinlaufen, der nur durch Er-
höhung der Pflichtbeiträge zu beheben ist. Diesen Weg
gehen wir als FDP nicht mit.


(Beifall bei der FDP)

Wir müssen uns jetzt vielmehr daranmachen, die Pfle-

geversicherung sowohl im Hinblick auf Zielgenauigkeit,
Effizienz und Organisation als auch im Hinblick auf die
Folgerungen aus dem Bundesverfassungsgerichtsurteil
zur Entlastung der Familien ohne Vorbehalte auf den Prüf-

stand zu stellen. Wir brauchen eine öffentliche Diskussion
darüber, was und wie viel zukünftig über die Pflegeversi-
cherung finanziert werden soll und kann und welcher Bei-
trag aus eigener Kraft, zum Beispiel über den Aufbau ei-
ner ergänzenden kapitalgedeckten Säule der privaten
Eigenvorsorge, geleistet werden kann.

Letzte Bemerkung. Der Kanzler hat gesagt: Der Mut
wächst. Die FDP hat festgestellt: Der Unmut wächst.


(Zuruf von der SPD: Über die FDP!)

Wenn Rot-Grün in der Gesundheitspolitik so weitermacht
wie bisher, dann wird Lafontaines Buchtitel in der Tat öf-
fentliche Meinung: Die Wut wächst.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Zuruf von der SPD: Über die FDP, Herr Kollege!)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423910000
Das Wort
hat jetzt die Kollegin Regina Schmidt-Zadel von der SPD-
Fraktion.


Regina Schmidt-Zadel (SPD):
Rede ID: ID1423910100
Herr Präsident!
Meine Damen und Herren! Die Union suggeriert mit
ihrem Antrag, über den wir heute diskutieren, es gebe eine
Krise in der deutschen Sozialversicherung.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Das ist doch wohl wahr!)


Schon die Überschrift ihres Antrags ist

(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Treffend!)


nur heiße Luft. Es gibt weder eine Krise noch krisenhafte
Entwicklungen in der Sozialversicherung.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Gesundbeterin!)


Nehmen Sie das bitte zur Kenntnis!

(Beifall bei der SPD – Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Da kann man nur die Hände falten, wie Sie es gerade tun!)


Wir haben es weder mit einem Wende- noch mit einem
Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung zu tun, wie
Sie den Menschen zu suggerieren versuchen.


(Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: Frau Kollegin, leben Sie unter einer Käseglocke?)


– Sie können nachher reden. Dann können Sie noch lau-
ter schreien.


(Klaus Brandner [SPD]: Dafür ist er bekannt! – Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: Käseglocke!)


Es gibt auch keinen Fieberanfall als Wendepunkt einer In-
fektionskrankheit; das kann ich jedenfalls nicht erkennen.
Plötzlich auftretende heftige Schmerzanfälle sind in un-
serem Sozialsystem ebenfalls nicht zu verspüren. Nach-
dem ich die Reden heute Morgen gehört habe, muss ich
sagen:


(Zuruf von der CDU/CSU: Es ist schon Nachmittag!)





Detlef Parr
23886


(C)



(D)



(A)



(B)


Bei einigen Reden sind wirklich heftige Schmerzanfälle
zu spüren gewesen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Die Union behauptet in ihrem Antrag, unter Rot-Grün
habe die Versorgung der Patienten und Pflegebedürftigen
an Qualität verloren. An dieser Aussage – Herr Lohmann,
hören Sie gut zu! –


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Ja, tue ich gern!)


ist zweierlei bemerkenswert. Erstens ist sie falsch. Zwei-
tens belegt sie, dass Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen
von der Union, einmal gut aufgepasst haben. Sie haben
jetzt endlich begriffen, dass die Qualität der Versorgung
der entscheidende Parameter im Gesundheitswesen ist.
Das Wort „Qualität“ in der medizinischen Versorgung ha-
ben Sie erst in den letzten Jahren durch uns kennen ge-
lernt.


(Beifall bei der SPD – Lachen bei der CDU/CSU und der FDP – Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Qualität ohne Geld!)


Es blieb Rot-Grün vorbehalten, die Qualität zum Leitmo-
tiv in der gesetzlichen Krankenversicherung zu erheben.
Wir führen heute also eine Phantomdiskussion über die
deutsche Sozialversicherung.

Nein, Sie betreiben Ihren Wahlkampf konsequent. Das
war heute auch wieder zu hören. Ich sage dazu: Meinun-
gen über Tatsachen sind weniger als die Tatsachen selbst.
Sie reden unser Sozialsystem schlecht, um das Feld für
Ihren rabiaten Umbau zu bestellen, meine Damen und
Herren. Das ist der Hintergrund.


(Beifall bei der SPD)

In der Gesundheitspolitik sind Sie darauf aus, das So-

lidarprinzip auszuhöhlen und langfristig durch ein Prin-
zip der individuellen Risikovorsorge abzulösen. Sie
wollen das Risiko Krankheit Schritt für Schritt privatisie-
ren, meine Damen und Herren. Das ist der Hintergrund Ih-
res Programms.


(Beifall bei der SPD – Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Wer hat Ihnen denn das aufgeschrieben?)


Dieser Systemwechsel ist ein Spiel mit dem Feuer. Seit
mehr als 100 Jahren stehen die Gesunden für die Kranken,
die Jungen für die Alten, die finanziell Starken für die fi-
nanziell Schwachen und die Singles für Familien ein. Das
Solidarprinzip eröffnet den kranken Menschen ohne
Rücksicht auf ihren Geldbeutel den Zugang zu den medi-
zinisch notwendigen Leistungen. Das ist es, was wir er-
halten wollen.


(Beifall bei der SPD – Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Lippenbekenntnisse! Das ist wirklich nichts Neues! Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Nur, die kriegen sie nicht mehr!)


Sie legen zwar Lippenbekenntnisse zum Solidarprin-
zip ab. Jedoch schon Ihr offizielles Wahlprogramm durch-

löchert und entwertet das Solidarprinzip ganz erheblich.
Ihr Alternativmodell der Wahltarife soll es erlauben, den
umfassenden Schutz der gesetzlichen Krankenversiche-
rung durch eine maßgeschneiderte Risikovorsorge ab-
zulösen. Die Zechen für die neuen Freiheiten hätten dann
die Kranken zu bezahlen und vor allen Dingen die chro-
nisch Kranken.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Das ist doch nicht wahr!)


Nur Junge und Gesunde können es sich nämlich leisten
und riskieren, Wahloptionen auszuüben. Sie würden dafür
mit Beitragsnachlässen belohnt – das sagen Sie ja –, aber
dadurch käme weniger Geld in das System. Die Gesund-
heitskosten würden jedoch nicht sinken.

Sie haben ja – wir haben das heute Morgen gehört –

(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: „Heute Morgen“? Es ist 14 Uhr, Frau Schmidt-Zadel!)


in Ihr Wahlprogramm geschrieben, dass auch rechnen ler-
nen zu Ihrem Wahlprogramm gehört. Vielleicht rechnen
Sie ja auch einmal in dieser Hinsicht und lernen, dass das
nicht stimmt.

Die Kranken müssten zwangsläufig eine größere Last
schultern, und zwar besonders die chronisch kranken Men-
schen. Wahltarife sind zudem frauen- und familienfeindlich.

Mit Ihrem Wahlprogramm leisten Sie den Einstieg in
den Ausstieg aus dem Solidarprinzip. Das ist die Tatsache.


(Beifall bei der SPD)

Sie schulden den Wählerinnen und Wählern im Übri-

gen noch wichtige Informationen zu Ihrem Wahltarif-
modell. Wie wollen Sie denn mit den Versicherten umge-
hen, bei denen sich ein abgewähltes Risiko wider
Erwarten doch konkretisiert? Wollen Sie unterversicherte
Menschen mit dem Hinweis auf ihre eigenverantwortli-
che Entscheidung sich selbst überlassen oder sollen sie
auf die Solidarität ihrer Familien bauen oder eventuell auf
die Fürsorge karitativer Organisationen angewiesen sein?
Oder soll dann doch der Steuerzahler über die Sozialhilfe
einspringen und soll die Allgemeinheit dafür geradeste-
hen, dass jemand mit Wahltarifen Rosinenpickerei betrie-
ben hat, meine Damen und Herren? Das kann es ja wohl
nicht sein. Das wird auch nicht kommen.

Weiter: Wie lange soll denn ein Versicherter an einen
Wahltarif gebunden sein? – Sein Leben lang oder nur für
eine bestimmte Zeit? Welchen Beitrag muss er zusätzlich
zahlen, wenn er den Wahltarif abwählt oder ihm sein Ge-
sundheitszustand das nahelegt? Soll er denselben Beitrag
zahlen – auch darauf gibt es keine Antwort – wie ein Ver-
sicherter, der nicht für einen Wahltarif optiert hat, oder
soll er einen höheren Obolus entrichten, weil er sich be-
fristet aus einem solidarisch finanzierten Leistungsseg-
ment verabschiedet und das Krankheitsrisiko in dieser
Zeit nicht mitgetragen hat?

Soll auch der Arbeitgeber vom niedrigen Beitrag der
Wahlfreiheiten profitieren?


(Zuruf von der CDU/CSU: Nein!)





Regina Schmidt-Zadel

23887


(C)



(D)



(A)



(B)


Werden dann Arbeitgeber – das sagen Sie ja und das ist
ein ganz wesentlicher Punkt – die Einstellung davon ab-
hängig machen, dass Bewerber für einen Wahltarif optiert
haben, der Lohnnebenkosten spart?


(Zuruf von der CDU/CSU: Nein!)

Droht älteren, häufiger krank werdenden Arbeitnehmern
auf diese Art und Weise die Verdrängung aus dem Ar-
beitsmarkt? Das wäre das Fazit Ihres Wahltarifes.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – KarlJosef Laumann [CDU/CSU]: Nein!)


Schließlich: Wie vertragen sich die frauen- und familien-
feindlichen Wahltarife mit der von Ihnen immer vorgescho-
benen angeblichen Fokussierung der Unionspolitik auf die
Familien? Auch das lässt sich ja damit nicht vereinbaren.

Viele Fragen, meine Damen und Herren, auf die Sie
bisher jede substanzielle Antwort schuldig geblieben sind.
Dass Sie gesundheitspolitisch noch einiges im Schilde
führen, steht für mich fest. Die von der Union viel be-
schworene Stärkung der Eigenverantwortung heißt in ers-
ter Linie Eigenzuzahlung.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Das behaupten Sie! Sie kennen keine anderen Begriffe! Primitiver geht es nicht mehr! – Zurufe von der FDP)


– Eigenverantwortung heißt auch bei Ihnen, Herr Parr, zu-
zahlen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Das ist so wenig vom Tisch wie die Abzockerei der Pati-
enten.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Das ist selbst unter Ihrem Niveau!)


– Sie können sich noch mehr aufregen, aber sie ist nicht
vom Tisch.

Sie lassen die Wähler über Ihre wahren Absichten
wohlweislich im Unklaren. Das ist die Situation. Dass der
Wolf vor dem Wahltag nur Kreide frisst – das gilt auch für
Sie, Herr Wolf –,


(Aribert Wolf [CDU/CSU]: Ich bin doch braungebrannt!)


belegen die aktuellen Forderungen Ihres Wirtschaftsra-
tes. Lesen Sie doch bitte einmal nach, was Ihr Wirt-
schaftsrat geschrieben hat.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Den können Sie doch vergessen! – Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Wer ist das denn?)


Das ist ja nicht irgendein Rat bei Ihnen,

(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Doch! Er ist irgendwer! Außerhalb der Partei!)


sondern Sie alle sind gut beraten, seine Thesen sehr ernst
zu nehmen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Dann müssen Sie Lafontaine lesen!)


Der Wirtschaftsrat will eine kapitalgedeckte individuelle
Vorsorge einführen. Ich frage lieber nicht danach, wer die
Kosten für die notwendigen Übergangslösungen bezahlen
soll. Das beträfe doch die Versicherten und diejenigen, die
Sie immer mit Ihren Programmen zu schützen vorgeben.
Das Gegenteil ist der Fall.


(Dr. Irmgard Schwaetzer [FDP]: Sie wissen nur eines: Weiter so!)


Wir haben allen Grund zur Annahme, dass die Finanzie-
rung dieses Systemwechsels genauso sorgfältig durchdacht
und durchgerechnet ist wie die der steuer- und familienpo-
litischen Großtaten, die Sie den Wählerinnen und Wählern
verheißen und die ebenfalls nicht finanzierbar sind.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Außerdem hat der Wirtschaftsrat dankenswerterweise
auch in puncto Grund- und Wahlleistungen die Maske
fallen lassen:


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Seit wann entscheiden die etwas?)


Patienten sollen für nicht näher genannte Zusatzleistun-
gen extra zahlen. Aus taktischen Überlegungen habe sich
die Union in ihrem Wahlprogramm aber nicht dafür aus-
gesprochen. Man sollte gut hinhören.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Das behaupten Sie!)


Ferner soll jeder Versicherte nach den Vorstellungen
Ihres Wirtschaftsrates für Unfälle bei Risikosportarten
selbst vorsorgen. Nicht nur in dieser Frage geht es in der
Union drunter und drüber. Der ehemalige Gesundheitsmi-
nister Horst Seehofer hat sich gegen diesen Vorschlag
ausgesprochen. Die bayerische Gesundheitsministerin hat
sich für ihn stark gemacht.


(Aribert Wolf [CDU/CSU]: Wir haben einen Gesundheitsminister in Bayern!)


Sie ist zurückgepfiffen worden. Nun setzt sich Ihr Wirt-
schaftsrat für diese Thesen ein. Was gilt nun eigentlich?
Haben wir es vielleicht mit zwei Wahrheiten zu tun? Eine,
die vor dem Wahltag verkündet wird, und eine, die nach
ihm gilt? Der Eindruck entsteht.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Nein, die gilt, die im Wahlprogramm steht! – Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Die steht im Wahlprogramm! Wir heißen doch nicht SPD!)


Liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU/CSU,
bitte versäumen Sie nicht, auch einem bekannten Fall-
schirmspringer in dieser Sache reinen Wein einzuschenken.
Fallschirmspringen gehört ja selbst dann zu den extrem ge-
fährlichen Sportarten, wenn die Reißleine rechtzeitig gezo-
gen wird.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Der ist privatversichert!)


Dazu ist dieser bewusste Sportler, wie wir alle wissen, lei-
der nicht immer in der Lage.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)





Regina Schmidt-Zadel
23888


(C)



(D)



(A)



(B)


Die gesundheitspolitische Vielstimmigkeit in der
Union unterstreicht einmal mehr die Wahrheit des Satzes,
dass den Menschen die Sprache gegeben ist, um ihre Ge-
danken zu verbergen. Das scheint auch bei Ihnen der Fall
zu sein. Die Wähler haben aber Anspruch darauf, von Ih-
nen die volle Wahrheit über Ihre Vorstellungen zu erfah-
ren, und zwar noch vor der Wahl.

In der Pflegeversicherung hat die rot-grüne Koalition

(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Die Vorschläge von uns abgelehnt!)


ihre Hausaufgaben in dieser Legislaturperiode gemacht.
Wir haben die gesetzlichen Voraussetzungen dafür ge-
schaffen,


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Bürokratie!)


dass die Qualität der Pflege spürbar und nachhaltig ver-
bessert werden kann. Wir haben erste Schritte getan, um
die Situation der Demenzkranken und die derjenigen, die
sie pflegen, zu verbessern.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Nachdem Sie unsere besseren Vorschläge abgelehnt haben!)


Niemand bestreitet, dass diese Maßnahmen nicht ausrei-
chend sind. Aber wir haben etwas in unserer Regierungs-
zeit getan, während Sie nichts getan haben.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Wir haben Vorschläge gemacht, die Sie abgelehnt haben!)


– Sie haben Vorschläge gemacht, aber Sie haben sie nicht
umgesetzt.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Sie haben sie abgelehnt!)


Wir haben, wie gesagt, etwas für Demenzkranke getan
und darauf sind wir stolz.


(Beifall bei der SPD)

Unsere zukünftige zentrale gesundheitspolitische Aus-

sage lautet: Die SPD hält uneingeschränkt und vorbe-
haltlos am Solidarprinzip fest. Wir wollen, dass auch in
Zukunft jeder Mann und jede Frau Zugang zu den medi-
zinisch notwendigen Leistungen haben, ohne dass dabei
die persönliche finanzielle Situation eine Rolle spielt. Das
ist unser Credo für die Wahl, aber auch für unsere Politik.

Sie vermitteln den Eindruck, dass wir heute hier zu-
sammengekommen sind, um Ihre Selbstbeweihräuche-
rung zu erleben. In Ihrem Antrag betreiben Sie wieder ein-
mal Schönfärberei Ihrer Gesundheitspolitik. Zurzeit Ihrer
Regierung müssen danach im Gesundheitswesen paradie-
sische Zustände geherrscht haben. Aber ich erinnere Sie
erneut daran, weswegen Sie abgewählt worden sind: we-
gen der Gesundheitspolitik.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Das behaupten Sie nur!)


Sie werden auch nicht wiedergewählt, weil Sie in diesem
Bereich keine vernünftigen Lösungen haben.


(Beifall bei der SPD – Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Wir beide werden es erleben, Frau Schmidt-Zadel!)


Wenn Ihr Verklärungssyndrom weiter um sich greift,
werden Sie sich und allen demnächst noch weismachen
wollen, Sie hätten uns geordnete Staatsfinanzen hinterlas-
sen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Kollegin Frau Dückert
hat heute Morgen noch einmal auf die Beträge hingewie-
sen. Sie haben uns ein desolates Finanzsystem hinterlas-
sen. Wir haben in den letzten vier Jahren versucht, das zu
ändern, auch in der Krankenversicherung.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Überschüsse haben wir Ihnen hinterlassen!)


– Da gab es keine Überschüsse. Sie haben abgezockt und
keine Überschüsse für die Patienten gehabt, sondern Zu-
zahlungen. Wir werden die Gesundheitsreform nicht nur
in dem Sinne, in dem wir sie begonnen haben, fortführen,


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Sondern weiter zerstören!)


wir werden auch die Solidarität erhalten und alles tun, um
die Menschen davor zu bewahren, dass Ihre Vorstellungen
nach dem 22. September Gestalt annehmen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423910200
Das Wort
hat jetzt der Kollege Wolfgang Zöller von der CDU/CSU-
Fraktion.


(Peter Dreßen [SPD]: Der wird natürlich alles wieder umdrehen!)



Wolfgang Zöller (CSU):
Rede ID: ID1423910300
Herr Präsident! Liebe
Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Frau Schmidt-
Zadel, so sicher meine Stimme aufgrund einer Erkältung
in einer Krise ist, so sicher befindet sich das deutsche Ge-
sundheitswesen in einer Krise, nur mit dem gravierenden
Unterschied: Meine Krise ist bald überwunden, die rot-
grüne Krise im Gesundheitswesen jedoch nicht.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Alle Verantwortlichen sollten wirklich mit Ernst an die

Sache herangehen; daran kommt doch niemand vorbei, das
wissen Sie. Wir haben die höchsten Beiträge in der ge-
setzlichen Krankenversicherung seit ihrem Bestehen. Wir
haben mit durchschnittlich 14 Prozent einen Beitragssatz,
den es noch nie gab, aber trotz dieser erhöhten Beiträge ein
neues Defizit in der gesetzlichen Krankenversicherung.

Besonders besorgniserregend ist für mich: Parallel
dazu findet eine Verschlechterung der medizinischen
Versorgung der Patienten statt. Die Beitragsanhebungen
haben also nicht zur Finanzierung einer besseren medizi-
nischen Versorgung beigetragen.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Dafür ist Rot-Grün verantwortlich. Frau Schmidt-

Zadel, da können Sie reden, wie Sie wollen, das halten wir
Ihnen immer wieder vor: Sie haben 1998 ein System über-
geben bekommen, in dem es Milliarden Überschüsse ge-
geben hat


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: So war das!)





Regina Schmidt-Zadel

23889


(C)



(D)



(A)



(B)


und in dem über rund zehn Jahre die Beiträge stabil wa-
ren. Das können Sie nicht bestreiten.


(Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Sie haben die Zuzahlungen erhöht! Das war doch der Punkt!)


Sie hätten, hätten Sie diesen Zustand und die Zeit ge-
nutzt, eine Reform auf den Weg bringen und etwas
Sinnvolles tun können. Diese Chance haben Sie leider
vertan.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Zudem hat sich die Gesundheitsministerin zu Beginn

ihrer Amtszeit in, wie ich meine, völliger Verkennung der
realen Lage dafür entschieden, eine Gesundheitsreform
erst nach der Bundestagswahl vorzulegen. Was sollen die
Bürger eigentlich von einer Regierung halten, die es in
fast vier Jahren nicht geschafft hat, eine nachhaltig wirk-
same Reform vorzulegen?


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Vielleicht können wir uns, auch wenn es jetzt kurz vor

der Wahl ist, doch auf Folgendes einigen: Wenn man eine
nachhaltig angelegte Reform, die diesen Namen verdie-
nen soll, will, müssen folgende Punkte berücksichtigt
werden: erstens Prävention als gesamtgesellschaftliche
Aufgabe;


(Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Prävention haben Sie doch abgeschafft!)


zweitens demographische Entwicklung; drittens medizi-
nisch-technischer Fortschritt; viertens Unter-, Über- und
Fehlversorgung besonders bei chronisch Kranken; fünf-
tens Beitragssatzstabilität kontra Rationierung; sechstens
ausufernde Verwaltungskosten bei Kassen und Leistungs-
erbringern; siebtens Gesundheitswesen endlich als Wirt-
schaftsfaktor begreifen; achtens Vollkasko-Mentalität;
neuntens mittel- und langfristige Finanzierung der Aus-
gabenseite und besonders der Einnahmenseite der gesetz-
lichen Krankenversicherung in Kombination mit einer
Steuerreform.

Was bietet Rot-Grün zu diesem Konzept? Rationieren,
kontrollieren und reglementieren. Das ist die ganze Phi-
losophie im Gesundheitswesen von Rot-Grün.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Mit einem Übermaß an Bürokratie wird jeder Leistungs-
wille erstickt und die im Gesundheitswesen Tätigen wer-
den von ihrer eigentlichen Aufgabe, der Zuwendung zu
den Patienten, abgehalten.

Mit der Budgetierung riskieren Sie ganz bewusst, dass
Gesundheitsleistungen nach den Prinzipien einer Mangel-
verwaltung zugeteilt werden. Auch mit der Einschrän-
kung der Therapiefreiheit der Ärzte durch Ihre nicht prak-
tikable Aut-idem-Regelung gefährden Sie die Qualität der
Arzneimitteltherapie. Die Patienten sollen nicht mehr das
beste, sondern ausschließlich das billigste Medikament
erhalten.


(Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Das stimmt doch gar nicht!)


– Selbstverständlich, leider stimmt es.

Mit dem geplanten Behandlungsprogramm für chronisch
Kranke vollziehen Sie jetzt eine Abkehr von einer an der in-
dividuellen Situation der Patienten ausgerichteten Therapie.


(Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Sie sind doch viel zu sehr in der Materie drin, als dass Sie solche Unwahrheiten sagen können!)


Die Ärzte sollen sich nur noch an Standards und Check-
listen orientieren. Am Ende stehen dann nicht mehr der
Patient und dessen gesundheitliche Bedürfnisse im Mit-
telpunkt, sondern es gibt schematische Behandlungen un-
ter ökonomischen Zwängen der Kassen.

Durch die Verknüpfung mit dem Risikostrukturaus-
gleich schaffen Sie zusätzlich Probleme. Sie wollen im Juli
dieses Jahres vier von zehn wichtigen chronischen
Erkrankungen in dieses Programm aufnehmen. Das heißt,
für diese vier Erkrankungen versprechen Sie den chronisch
Kranken mehr Leistungen. Aber Sie verschweigen, dass
Sie gleichzeitig den an einer der sechs anderen chronischen
Krankheiten Leidenden Leistungen vorenthalten müssen.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Etwas wegnehmen müssen, weil der Deckel drauf ist!)


Das gehört doch auch zur Wahrheit.
Zu Ihren Ankündigungen, mit Internet- und Versand-

handel im Arzneimittelbereich Geld zu sparen, sage ich
Ihnen: Das wird ein Schlag ins Wasser. Das Ergebnis wird
sein: Sie werden, erstens, Arbeitsplätze ins Ausland ver-
lagern und Sie gefährden, zweitens, eine flächendeckende
Versorgung in Apotheken. Sie gefährden außerdem die
Arzneimittelsicherheit. Nachdem wir heute früh über Ri-
siken gesprochen haben, habe ich eine Frage: Wie wollen
Sie eine Rückrufaktion beim Internethandel durchführen?


(Peter Dreßen [SPD]: Gucken Sie, wie es in Frankreich läuft! Da läuft es doch! Die Franzosen machen das schon jahrelang!)


Auch das hat etwas mit Arzneimittelsicherheit zu tun. Es
tut mir Leid: Wenn Sie schon einmal etwas anpacken,
dann denken Sie es leider nicht bis zum Ende durch. Hier
gilt: Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“.

Weil Sie immer nach Alternativen rufen: Wir können sie
Ihnen sagen. Wir müssen endlich einmal gemeinsam einen
völligen Neuanfang in der Gesundheitspolitik wagen.
Auch dazu haben wir drei Kernelemente vorgeschlagen.

Erstens. Wir wollen Qualität und Prävention im deut-
schen Gesundheitswesen. Deshalb brauchen wir ein bun-
desweites Aktionsprogramm Prävention und ein An-
reizsystem in der gesetzlichen Krankenversicherung, das
gesundheitsbewusstes Verhalten finanziell belohnt.

Zweitens. Die Beteiligten im Gesundheitswesen müs-
sen endlich von den Fesseln der Reglementierung und der
Listenmedizin befreit werden.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Wir wollen den Ärzten, den Krankenkassen und den Ver-
sicherten die Freiheit geben, die bestmögliche Form der
Versorgung für die Patienten zu finden. Dazu bedarf es der
Möglichkeit, Verträge und Organisationsmodelle zu ver-
einbaren, die den Bedürfnissen vor Ort wesentlich mehr




Wolfgang Zöller
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(C)



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(A)



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gerecht werden. Nicht Bürokratie und Budgets, sondern
Freiheit und Wettbewerb sind die Antwort auf die Pro-
bleme unseres Gesundheitssystems.


(Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Freiheit per Zuzahlung!)


Drittens. Wir wollen den Patienten mehr Selbstbestim-
mungsrechte geben.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: So ist das!)


Sie sollen in Zukunft selber über den Leistungsumfang
ihrer Versicherung entscheiden können. Nicht die Funk-
tionäre im Gesundheitswesen müssen gestärkt werden,
sondern die Patienten und Versicherten.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Deshalb ist das zentrale gesundheitspolitische Anliegen
der Union die Stärkung der Rolle der Patienten.

Ein Vertragswettbewerb innerhalb klarer sozialpoliti-
scher Spielregeln ist eher als gesetzliche Reglementierun-
gen dazu geeignet, die Strukturdefzite des Gesundheits-
wesens zu beseitigen, die Qualität der medizinischen
Versorgung zu verbessern und – Frau Schmidt-Zadel, jetzt
kommt es –


(Detlef Parr [FDP]: Die hört wieder nicht zu!)

die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen. Nur dieser Richtungs-
wechsel bringt unser Gesundheitssystem wieder an die
Spitze; denn dort gehört es eigentlich hin. Jeder sagt: Ge-
sundheit ist mein höchstes Gut. – Wenn das so ist, dann
müssen wir entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Liebe Kolleginnen und Kollegen von Rot-Grün, nicht

die im Gesundheitswesen Beschäftigten, sondern die po-
litischen Rahmenbedingungen müssen reformiert wer-
den. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Mehrheit der
Bevölkerung dies am 22. September 2002 so sehen wird.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423910400
Als
nächste Rednerin hat die Kollegin Erika Lotz von der
SPD-Fraktion das Wort.


(Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: Sei ehrlich und sage das, was du früher gesagt hast, und das, was du heute machen musst! – Gegenruf des Abg. Klaus Brandner [SPD]: Erika ist immer ehrlich!)



Erika Lotz (SPD):
Rede ID: ID1423910500
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen!
Liebe Kollegen! Den Rednerinnen und Rednern von
CDU/CSU und FDP habe ich sorgfältig zugehört. Ich
habe mich gefragt, von welchem Land sie sprechen. Von
unserem doch sicherlich nicht.

Herr Singhammer, Sie haben von den sieben Todsünden
gesprochen. Nun gestehe ich, nicht sehr bibelfest zu sein.


(Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: Das ist ein schwerer Fehler! – Wolfgang Zöller [CDU/ CSU]: Das ist schon der erste Fehler!)


Aber eines der Zehn Gebote kenne ich schon – ich kenne
natürlich alle zehn; aber dieses eine kenne ich besonders
gut –: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen
Nächsten. – Herr Singhammer, in Ihrer Rede haben Sie
pausenlos dagegen verstoßen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Detlef Parr [FDP]: Na, na, na!)


Lassen Sie mich als Sozialpolitikerin ein Wort zum
Steuersystem sagen. Ich komme wie Herr Weiß aus
Hessen.


(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Das ist keine Sünde!)


Ich weiß, dass es während Ihrer Regierungszeit beispiels-
weise im Finanzamt Bad Homburg – es liegt im Main-
Taunus-Kreis; dort wohnen nicht gerade arme Men-
schen – Phasen gab, in denen die Einnahmen aus der Er-
hebung der Kfz-Steuer höher waren als die aus der Er-
hebung der Einkommensteuer. Dieses Finanzamt musste
überwiegend zu viel gezahlte Einkommensteuer zurück-
zahlen. Seit unserer Steuerreform hat dieses Finanzamt
wieder Einnahmen aus der Erhebung der Einkommen-
steuer. Erzählen Sie also nicht, unsere Steuerreform sei
falsch!


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Gerald Weiß [Groß-Gerau] [CDU/CSU]: Sagen Sie mal, wie die Körperschaftsteuereinnahmen in Bad Homburg aussehen!)


Herr Weiß, Sie haben sich sehr in der Schwarzmalerei
geübt. Seitdem wir regieren – das muss ich Ihnen sagen –,
steht die soziale Gerechtigkeit im Vordergrund.


(Beifall bei der SPD)

Wir haben den Reformstau der 16-jährigen Kohl-Ära auf-
gelöst. Wir haben ein gutes Stück sozialer Gerechtigkeit
geschaffen. Das bedeutet Chancengleichheit zwischen
Frauen und Männern gerade in den sozialen Systemen.

Der neue DGB-Vorsitzende Michael Sommer hat die-
ser Tage gesagt: Vier Jahre Schröder haben den Arbeit-
nehmern mehr gebracht als 16 Jahre unter Kohl. – Recht
hat er.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Und anschließend hat er gesagt, die große Koalition würde kommen! – Detlef Parr [FDP]: Urkonservativ!)


Jetzt sprechen CDU und CSU schon wieder von einer
Krise in der Sozialversicherung. Den dazu vorliegenden
Antrag hätten Sie in Ihrer Regierungszeit verfassen und
einbringen sollen. Da hätten Sie den Nagel auf den Kopf
getroffen. Die Krise in der Sozialversicherung betraf zu
Ihrer Zeit vor allem Mütter. Zur Verbesserung von deren
Situation haben wir viel getan. Mit unserer Rentenstruk-
turreform haben wir die besondere Lage von Frauen im
Alter einbezogen. 1991 wussten auch Sie, Kolleginnen
und Kollegen von der CDU/CSU, dass die Alterssiche-
rung der Frauen dringend verbessert werden müsste.




Wolfgang Zöller

23891


(C)



(D)



(A)



(B)


Das Bundesverfassungsgericht hatte damals die Regie-
rung Kohl dazu aufgefordert. Geändert haben Sie aber
nichts.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/ CSU]: Wer hat denn die Kindererziehungszeiten eingeführt?)


Im Gegenteil: Die Blüm-Reform, die Sie jetzt gern wie-
der aus der Schublade holen würden, hat für Frauen nichts
vorgesehen. Erst Rot-Grün hat das Problem angepackt.
Durch die Rentenstrukturreform werden Mütter in Zu-
kunft im Alter besser dastehen, ganz gleich, für welche
Lebensform sie sich entscheiden.

Natürlich leben die meisten jungen Frauen heute an-
ders als ihre Mütter und Großmütter. Nach der Geburt des
Kindes versuchen sie, schnell wieder erwerbstätig zu wer-
den oder es zu bleiben. Das wird immer selbstverständ-
licher, damit erwerben Frauen zunehmend eigene An-
wartschaften für die Rente, und das ist gut so.

Trotzdem gibt es immer noch frauenspezifische Lücken
in den Erwerbsbiografien. Diese haben Sie vollständig
ignoriert.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Wer hat die Anerkennung der Kindererziehungszeiten geschaffen?)


Für Sie ist die einzige Form der Alterssicherung für
Frauen immer noch die Hinterbliebenenrente, und das
im 21. Jahrhundert. Solange die Kinder klein sind, können
Frauen oft nur Teilzeit arbeiten, gering bezahlte Jobs
annehmen. Deshalb sieht unsere Reform vor, dass die
Rentenanwartschaften für die ersten zehn Lebensjahre
der Kinder aufgestockt werden. Konkret heißt das: Die
Beiträge zur Rentenversicherung von Müttern, die unter-
durchschnittlich verdienen, werden bis zum Durch-
schnittsbeitrag um die Hälfte erhöht.

Auch im Hinblick auf eigene Rentenanwartschaften ist
es für Frauen gut, während der Kindererziehung erwerbs-
tätig zu bleiben. Im Übrigen ist die Höherbewertung auch
eine Möglichkeit, die Rentenanwartschaften allein erzie-
hender Mütter zu verbessern. Abgesehen davon helfen wir
den erwerbstätigen Müttern auch auf andere Weise; denn
der Bund wird ab dem nächsten Jahr Ländern und Kom-
munen jedes Jahr 1 Milliarde Euro für die Kinderbetreu-
ung zur Verfügung stellen, damit Frauen berufstätig sein
können und sich die Betreuungssituation verbessert.


(Beifall bei der SPD – Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Was macht das pro Tag aus?)


Wir konzentrieren uns aber nicht nur auf die berufs-
tätigen Mütter. Es gibt auch Ausgleichsmaßnahmen für
die Frauen, die überhaupt nicht erwerbstätig sein können,
weil sie zwei oder mehr Kinder oder ein pflegebedürftiges
Kind haben. Auch für sie wird es einen Aufstockungs-
betrag geben.

Zum ersten Mal spielt in Zukunft Kindererziehung
auch bei der Hinterbliebenenrente eine Rolle. Ja, wir ha-
ben die Hinterbliebenenrente maßvoll von 60 Prozent auf
55 Prozent gesenkt. Gleichzeitig gilt aber, dass Frauen,

die Kinder erzogen haben, trotzdem eine höhere Hin-
terbliebenenrente erhalten. Unsere Reform bestimmt für
das erste Kind einen Zuschlag von 2 Entgeltpunkten und
für jedes weitere Kind Zuschläge von 1 Entgeltpunkt. Am
Ende bedeutet das: Die Hinterbliebenenrente ist höher.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423910600
Frau Kol-
legin Lotz, erlauben Sie eine Zwischenfrage des Kollegen
Laumann?


Erika Lotz (SPD):
Rede ID: ID1423910700
Ich denke, Herr Laumann, Sie hat-
ten eigentlich Gelegenheit zu reden. Sie haben Ihre Rede-
zeit abgetreten, dann wollen wir es auch dabei belassen.

Die Witwe eines Durchschnittsrentners, die ein Kind
erzogen hat, erhält nicht weniger Hinterbliebenenversor-
gung als die Witwe eines Durchschnittsrentners heute;
wenn sie zwei Kinder hat, erhält sie sogar mehr.

Wichtig ist auch: Alle Neuregelungen im Hinterbliebe-
nenrecht gelten nicht für die heutigen Witwen, sie gelten
für Ehepaare, die entweder nach In-Kraft-Treten der Re-
form heiraten, jetzt also noch nicht verheiratet sind, oder
bei denen beide Partner nach dem 1. Januar 1962 geboren
sind. Das ist eine Tatsache, die die CDU verschweigt. Viel
schlimmer noch: Sie versucht, Witwen, Rentnerinnen und
Rentner damit zu verunsichern. Das ist unredlich und un-
seriös. Hören Sie endlich damit auf!


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Außerdem gibt es die Möglichkeit, Rentenanwartschaf-
ten, die in einer Ehe erworben wurden, partnerschaftlich
zu teilen. Das müssen beide Ehepartner wollen. Auch das
gilt für Ehen, die ab 2002 geschlossen werden, oder für
bestehende Ehen, wenn beide Ehegatten jünger als 40
sind. Rentensplitting führt in aller Regel zu höheren ei-
genständigen Rentenleistungen für die Ehefrauen. Das
entspricht einem veränderten Partnerschaftsverständnis
von Mann und Frau. Das ist keine Zumutung, wie Sie
es in Ihrem Wahlprogramm behaupten. Es ist vielmehr ein
Einstieg und ein Angebot, in der Ehe gemeinsam Er-
worbenes auch bei der Rente zu teilen. Für viele junge
Ehepaare entspricht das Splitting, also das Teilen von ge-
meinsam Erworbenem, viel mehr ihrer Lebenswirklich-
keit als die traditionelle Hinterbliebenenversorgung.

Unsere Reform sieht ab 2003 die Grundsicherung
vor. Davon profitieren vor allem Frauen. Gerade ältere
Frauen mit geringen Renten beantragen oft keine Sozial-
hilfe, obwohl sie Anspruch darauf hätten, weil sie vielfach
befürchten, dass ihre Kinder für sie zahlen müssen. Diese
Grundsicherung wollen Sie von der Union wieder ab-
schaffen. Sie wollen also weiterhin sehenden Auges die
verschämte Altersarmut – insbesondere die Altersarmut
von Frauen, die in ihrem Leben viel gearbeitet haben – in
diesem Land hinnehmen. Wir wissen jetzt aber immerhin,
was CDU und CSU unter „Alterslohn für Lebensleistung“
verstehen. Die Kindererziehung gehört für Sie offenbar
nicht zur Lebensleistung.


(Beifall bei der SPD – Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Das ist doch dummes Zeug! Wer hat denn die Anerkennung von Erika Lotz 23892 Kindererziehungszeiten eingeführt? Reden Sie doch nicht so einen Unsinn!)





(C)


(D)


(A)


(B)


Ich möchte hier die Verbesserungen für Mütter, die sich
durch die Rentenstrukturreform ergeben, darstellen. Die
Änderungen waren längst überfällig. Die CDU/CSU hat
es in den 16 Jahren Kohl-Regierung nicht geschafft, das
zu tun, was nötig ist. Ihrem Wahlprogramm ist nicht zu
entnehmen, dass Sie vorhaben, in Zukunft etwas für die
Frauen zu tun. Im Interesse der Frauen haben wir vieles
nachgeholt, was Sie versäumt haben oder sehenden Auges
zugelassen haben. Das gilt selbstverständlich nicht nur für
die Rentenversicherung.

Lassen Sie mich auf unser Altersvermögensgesetz zu
sprechen kommen. In einem Redebeitrag wurde das vor-
hin so dargestellt, als ob geringer Verdienende benachtei-
ligt würden. Bei denjenigen – es handelt sich insbesondere
um Frauen –, die ein geringeres Einkommen haben, wird
– je nach Fall – die staatliche Förderung bis zu 90 Prozent
der Gesamtsumme ausmachen. Wie Sie vor diesem Hin-
tergrund davon reden können, dass geringer Verdienende
benachteiligt würden, kann ich nicht verstehen.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Der Schwerverdiener bekommt ein Mehrfaches!)


Ich möchte ein Beispiel nennen: Für eine teilzeit-
beschäftigte Verkäuferin mit einem Jahreseinkommen in
Höhe von 15 000 Euro bedeuten die 4 Prozent, die sie spa-
ren kann, 600 Euro. Mit einem Kind erhält sie eine För-
derung von insgesamt 339 Euro. Sie wird also einen Be-
trag in Höhe von 261 Euro im Jahr als Eigenanteil
bezahlen müssen. Die Förderung macht also über 50 Pro-
zent des Beitrages aus. Vor diesem Hintergrund können
Sie nicht sagen, dass Frauen und Geringverdiener be-
nachteiligt werden. Sie versuchen, eine gute Regelung
madig zu machen. Die Menschen werden das merken.

Ich möchte auf weitere Aspekte zu sprechen kommen,
die belegen, dass wir eine gute Politik gemacht haben; wir
werden sie auch weiterhin machen. Wir haben die gering-
fügig beschäftigten Frauen in den Schutz der Sozialversi-
cherung zurückgeholt. Damit haben wir eine Erosion des
Normalarbeitsverhältnisses verhindert und für Solidarität
im Bereich der Renten- und Krankenversicherung hin-
sichtlich der Beiträge gesorgt. Wir haben das Teilzeit- und
Befristungsgesetz verabschiedet. Mütter und Väter haben
jetzt einen Anspruch auf eine Teilzeitstelle und müssen
sich nach Ablauf der Elternzeit nicht mehr entscheiden, ob
sie Vollzeit arbeiten wollen oder gar nicht mehr erwerbs-
tätig sein wollen.

All das wollen Sie wieder rückgängig machen. Die
Frauen und Männer in diesem Land haben schon lange er-
kannt, bei wem sie gut aufgehoben sind. Ich möchte die
Aussage von Michael Sommer wiederholen: Vier Jahre
Schröder haben den Arbeitnehmern und Arbeitnehme-
rinnen mehr gebracht als 16 Jahre Kohl.

Danke schön.

(Beifall bei der SPD)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423910800
Als letz-
ter Redner zu diesem Tagesordnungspunkt hat jetzt der
Kollege Dr. Norbert Blüm von der CDU/CSU-Fraktion
das Wort.


Dr. Norbert Blüm (CDU):
Rede ID: ID1423910900
Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Ich beginne mit einer grundsätzlichen
Bemerkung, die allerdings im aktuellen Zusammenhang
mit dem steht, was wir heute diskutieren. Die Quelle des
Sozialstaats ist die Arbeit, da kann in Deutschland regie-
ren, wer will. Weil der Sozialstaat vom Sozialprodukt, vom
Erfolg der Arbeit abhängt, Herr Kollege Brandner,


(Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist eine Binsenweisheit!)


Frau Kollegin Dückert und andere, ist es geradezu bor-
niert, zu glauben, die Staatsquote könne nur durch Kür-
zungen im Sozialbereich reduziert werden. Das ist Aus-
druck zumindest eines beschränkten, eigentlich aber eines
bornierten Denkens.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP sowie der Abg. Dr. Christa Luft [PDS])


So viel können Sie gar nicht sparen, wie Arbeitslosigkeit
kostet.


(Abg. Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] meldet sich zu einer Zwischenfrage)


– Wenn Sie es gestatten, rechne ich es Ihnen noch vor.
Dann können Sie vielleicht meine Rechnung infrage
stellen.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423911000
Herr Kol-
lege Blüm, erlauben Sie eine Zwischenfrage der Kollegin
Dückert?


Dr. Norbert Blüm (CDU):
Rede ID: ID1423911100
Bitte.


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423911200
Bitte
schön.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Er hat doch noch gar nichts Falsches gesagt!)



Dr. Thea Dückert (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423911300

Herr Kollege Blüm, können Sie einmal darlegen, woher
die 170 Milliarden Euro kommen sollen? Sie brauchen
mir nicht vorzurechnen, wie sie zustande kommen. Mir
geht es darum, wie Sie sie finanzieren wollen. Wir sind
nämlich auf der Suche nach Ihrem Goldesel.


Dr. Norbert Blüm (CDU):
Rede ID: ID1423911400
Nehmen Sie doch
bitte Platz!


Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423911500
Nein, sie
soll stehen bleiben.


(Heiterkeit)



Dr. Norbert Blüm (CDU):
Rede ID: ID1423911600
Aber vielleicht haut
sie meine Antwort um. Das wollte ich vermeiden.


(Heiterkeit)

Liebe Frau Kollegin Dückert, ich mache es an einem

Beispiel deutlich: Wenn man 100 000 Arbeitslose in




Erika Lotz

23893


(C)



(D)



(A)



(B)


Beschäftigung bringt, entlastet dies die Bundesanstalt um
3 Milliarden. Daraus können Sie unschwer errechnen,
dass eine Million zusätzlich Beschäftigter sie um 30 Mil-
liarden entlastet. Darin ist noch nicht einbezogen, dass die
Sozialausgaben sinken und die Einnahmen steigen, wenn
mehr Menschen beschäftigt sind. So einfach ist das!


(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und der PDS – Dr. Ruth Fuchs [PDS]: Es tut mir Leid, aber ich muss klatschen!)


– Was richtig ist, ist richtig.
Wissen Sie, warum die Sozialdemokraten – Sie sind of-

fenbar davon angesteckt – das nicht kapieren? – Sie sind
Techniker der Melkmaschine, während wir wissen, dass
eine gut gefütterte Kuh mehr Milch gibt. Das ist der Un-
terschied.


(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und der PDS)


Wenn Sie mir nicht glauben, mache ich es Ihnen an ei-
nem anderen Beispiel deutlich: Zwischen 1982 und 1989,
also in der Regierungszeit von Helmut Kohl, sank der
Staatsanteil von 50,1 Prozent auf 45,8 Prozent, obwohl die
Sozialaufwendungen pro Kopf stiegen. Das heißt, dass die
Renten gestiegen sind, obwohl der Staatsanteil gesunken
ist. – Ist das zu kompliziert für Sie, Frau Dückert? Dann
würde ich es Ihnen noch einmal erklären.

Die Soziallastquote sagt über die Qualität des Sozial-
staats überhaupt nichts aus.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Sagte die Soziallastquote etwas über die Qualität des So-
zialstaates aus, wäre ein Anstieg der Arbeitslosigkeit ein
Beitrag zum Ausbau des Sozialstaates, da mit dem An-
stieg der Arbeitslosigkeit auch die Ausgaben ansteigen.
Das wird hier doch aber niemand behaupten.


(Klaus Brandner [SPD]: Das hat auch keiner behauptet! – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Neuverschuldung!)


– Fällt es mir wirklich so schwer, mich verständlich zu
machen? – Sie haben heute morgen nur gefragt, wie man
den Staatsanteil durch Kürzungen entlasten könne. Ich
sage, dass dies nicht der einzige Weg ist. Mehr Erfolg ver-
spricht die Teilhabe der Menschen an Arbeit.


(Beifall bei der CDU/CSU und der PDS – Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Damit kommen Sie auf 170 Milliarden Euro?)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423911700
Herr Kol-
lege Blüm, erlauben Sie eine Zwischenfrage des Kollegen
Dreßen? Zwischenfragen werden grundsätzlich nicht auf
die Redezeit angerechnet. – Bitte schön, Herr Dreßen.


(Karl-Josef Laumann [CDU/CSU]: Der Mann braucht Nachhilfe!)



Peter Dreßen (SPD):
Rede ID: ID1423911800
Kollege Blüm, das mag ja stim-
men. Dann frage ich mich aber, warum Sie in Ihrer Amts-
zeit die Arbeitslosigkeit so hoch getrieben haben. Sie

haben mit 1 Million begonnen und mit 4,8 Millionen ge-
endet. Warum haben Sie das von Ihnen angesprochene
Prinzip, das ja richtig ist, nicht selbst angewandt und die
Arbeitslosigkeit drastisch gesenkt?


(Zustimmung bei der SPD)



Dr. Norbert Blüm (CDU):
Rede ID: ID1423911900
Meine Damen und
Herren, ich weiche der Frage doch nicht aus. Seien Sie
nicht so aufgeregt!

Auch bei uns ist die Beschäftigung gestiegen, aller-
dings um 2 Millionen Arbeitsplätze. In der gleichen Zeit
stieg die Frauenerwerbsquote, was ich nicht kritisiere,
und der Zuwanderungssaldo war wesentlich ungünstiger
als heute. Wenn Sie heute sagen, demographische Effekte
würden durch Frauenerwerbstätigkeit ausgeglichen, dann
müssen Sie zugeben, dass dies auch zu unserer Zeit schon
so war. Heute scheiden aber 200 000 Ältere mehr aus dem
Arbeitsmarkt aus, als Jüngere in den Arbeitsmarkt kom-
men, was früher nicht der Fall war. Insoweit wird der Ar-
beitsmarkt heute entlastet.

Meine Damen und Herren, ich sage hier doch gar nicht,
die 16 Jahre unserer Regierung wären nur eine Zeit glanz-
voller Erfolge gewesen. Aber immerhin haben wir in die-
sen 16 Jahren die deutsche Einheit bewerkstelligt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Sie war – einschließlich Arbeitsmarkt – das größte sozial-
politische Projekt der letzten 100 Jahre.

Ich wollte aber zur Rente sprechen. Es ist keine neue Er-
findung, dass die Alterssicherung drei Säulen hat, nämlich
die gesetzliche, die betriebliche und die private Altersvor-
sorge. Vielleicht beruhigt es Sie, wenn ich hinzufüge: Ich
finde es gut, dass Sie 13 Milliarden DM in die Hand ge-
nommen haben, um die private Vorsorge zu unterstützen.
Ich bekenne, diesen Betrag haben wir nicht in die Hand ge-
nommen. Die Art und Weise jedoch, wie Sie es gemacht
haben, muss einem Sozialpolitiker den Magen umdrehen.

Sie haben zwei Systeme, die jeweils unterschiedliche
Stärken und Schwächen haben, so miteinander kombi-
niert, dass Sie die Schwächen potenziert haben. Die
Stärke der gesetzlichen Rentenversicherung ist Sicher-
heit, die Stärke der privaten ist Rendite. Durch eine Über-
bürokratisierung haben Sie die Renditeaussichten der pri-
vaten Rentenversicherung gesenkt und die gesetzliche
Rentenversicherung unsicherer gemacht.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Das will ich anhand einiger Punkte erklären. Sie sprechen
von 4 Prozent für die private Vorsorge. Wie der Begriff
„freiwillig“ schon sagt, zahlt dies gar nicht jeder. Auf die
Idee eines solchen freiwilligen Beitrages – Uraufführung
im Sozialstaat Deutschland – ist noch niemand gekommen.
Dieser Beitrag, der nicht von jedem gezahlt wird, geht in
die Nettolohnquote ein, die damit sinkt, und zwar auch für
diejenigen, die diese 4 Prozent nicht zahlen können.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Oder nicht wollen!)


– Es ist eine andere Frage, ob ihn manche nicht zahlen
wollen.




Dr. Norbert Blüm
23894


(C)



(D)



(A)



(B)


Erstens. Trotz Ihres Zuschusses – so weit wird, Frau
Lotz, die IG Metall nicht von der Wirklichkeit entfernt
sein – wird es Verkäuferinnen und Arbeitnehmerinnen in
Teilzeit geben, die diese 4 Prozent nicht aufbringen kön-
nen. Stimmt das oder stimmt das nicht? Ja oder nein? – Es
stimmt also. Aber der Rentenanspruch derjenigen Ver-
käuferin, die dies nicht aufbringen kann, sinkt. Das stellt
die Solidarität auf den Kopf. Diejenigen, die weniger ver-
dienen, die Schwächeren, zahlen eine Rechnung für Leis-
tungen, die sie gar nicht erhalten. Auf diese Idee konnten
offenbar nur Sozialdemokraten kommen. Das ist wirklich
eine Verkehrung des Solidaritätsgedankens.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ich habe schon im Proseminar der IG Metall gelernt: So-
lidarität heißt, die Stärkeren treten für die Schwächeren
ein. Jetzt sinkt der Rentenanspruch der Verkäuferin, weil
ihr Verkaufschef eine Privatversicherung abschließt.


(Peter Dreßen [SPD]: Das ist doch nicht wahr! – Ilse Janz [SPD]: Jetzt reden Sie aber Stuss!)


Auf einen solch bornierten Gedanken kann man wirklich
nicht im Zusammenhang mit dem Stichwort Solidarität
kommen.


(Abg. Erika Lotz [SPD] meldet sich zu einer Zwischenfrage)


– Jetzt lege ich das im Zusammenhang dar und reiße es
nicht auseinander.

Zweitens. Diese 4 Prozent sind ein rein virtueller Bei-
trag. Es kommt gar nicht darauf an, ob er bezahlt wird
oder nicht.


(Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie hätten jetzt besser geschwiegen! – Gegenruf des Abg. Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Das wäre für euch besser!)


Er ist also frei manipulierbar. Wenn Sie morgen mit einem
Satz beschließen, dass der Beitrag auf 6 Prozent steigt,
kommt es nicht darauf an, ob die 6 Prozent gezahlt wer-
den; der allgemeine Rentenanspruch sinkt. Damit haben
Sie der Manipulation Tür und Tor geöffnet.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der PDS)


Rentensicherheit hängt nicht nur von der Höhe der
Rente ab, sondern auch davon, ob es einen Mechanis-
mus gibt, der in sich stimmig und sachlich begründet ist.
Im Unterschied zu Ihrer Zahl ist die demographische
Komponente nicht aus der Luft gegriffen. Sie hätten
die Beitragshöhe auch bei der Süddeutschen Klassen-
lotterie abrufen können. Woher haben Sie eigentlich
diese 4 Prozent? Sie könnten genauso gut 2 Prozent
festlegen.


(Peter Dreßen [SPD]: Das ist doch nur die Hälfte!)


– Ich bin doch noch nicht fertig; langsam!

(Peter Dreßen [SPD]: Warum haben Sie nur die Hälfte des demographischen Wandels einbezogen?)


– Das kann ich begründen. Diese aus dem demographi-
schen Wandel resultierenden Lasten werden auf die
Schultern von Jung und Alt verteilt. Davon lasse ich mich
nicht abbringen.

Wie begründen Sie Ihre 4 Prozent? – Diese Zahl ist ge-
griffen; deshalb ist das Rentenversicherungssystem offen
für Manipulationen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP – Erika Lotz [SPD]: Genau wie Ihre demographische Komponente!)


– Frau Lotz, ich wollte gar nicht so grob werden, aber
wenn Sie dauernd dazwischenrufen, muss ich Ihre Rede
zum Thema Frauen um einen wesentlichen Gesichtspunkt
ergänzen.


(Wolfgang Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Das glaube ich auch!)


In der Privatversicherung, die Sie heute als die wesentli-
che Ergänzung der gesetzlichen Alterssicherung darge-
stellt haben, erhalten die Frauen für den gleichen Beitrag
weniger Leistung oder müssen für die gleiche Leistung
mehr Beitrag zahlen. Dies als einen Fortschritt zu be-
zeichnen, halte ich für verfehlt. Eigentlich müsste die
Frauenbewegung aufstehen, sie ist aber offenbar einge-
schlafen.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Erika Lotz [SPD]: Erinnern Sie sich daran, was Sie bei den Frauen gemacht haben?!)


– Frau Lotz, das können Sie nicht aus der Welt schaffen.
So ist dies bei der Privatversicherung.

Entgegen anders lautenden Meldungen erkenne ich
den Wert einer ergänzenden Privatversicherung, aber die
Privatversicherung kann die gesetzliche Krankenversi-
cherung nicht ersetzen.


(Peter Dreßen [SPD]: Nein, das will auch keiner! – Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Das sagt nur die FDP, wir nicht! – Regina Schmidt-Zadel [SPD]: Dann, sagen Sie das auch einmal der Krankenversicherung!)


– Müsst ihr mir dauernd widersprechen? Ihr könnt mir
auch einmal zustimmen.

Die gesetzliche Krankenversicherung ist deshalb
nicht ersetzbar, weil die Privatversicherung beispiels-
weise keine Erwerbsunfähigkeitsrente und keine Wit-
wenrente zahlt. Deshalb ist es ungerecht, wie die
Rentenversicherung in den letzten Jahren behandelt
wurde. Das hat sie nicht verdient. Ich fürchte – um
noch einmal grober zu werden –, dass ein Teil der Dis-
kussion, mit der versucht wurde, die Rentenversiche-
rung madig zu machen, auf dem Vertreten von Lobby-
isteninteressen beruhte. Dies war eine Kundenwerbung
für die Privatversicherungen. Sie sind denen auf den
Leim gegangen.

Die Rentenversicherung muss auch einmal verteidigt
werden. Natürlich muss sie reformiert werden, natürlich




Dr. Norbert Blüm

23895


(C)



(D)



(A)



(B)


kann man sie nicht einfach so lassen. Ich verteidige aber
das Prinzip der Beitragsbezogenheit.


(Klaus Brandner [SPD]: Das haben wir doch!)

Es ist ein elementarer Unterschied, ob die Alterssicherung
eine steuerliche Grundsicherung ist oder auf Beitragsleis-
tungen basiert. Hier sind wir bei einer grundsätzlichen
Diskussion.

Mein Sozialstaat, den ich verteidige, konzentriert sich
nicht nur auf die Armen und Schwachen, sondern auch auf
Leistungsgerechtigkeit. Wer ein Leben lang gearbeitet
und Beiträge gezahlt hat, bekommt eine höhere Rente als
derjenige, der dies nicht getan hat.


(Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das gilt in der Arbeitslosenversicherung aber genauso, aber darum haben Sie sich nie gekümmert!)


Es geht im Sozialstaat auch um die Fleißigen.

(Beifall des Abg. Detlef Parr [FDP])


Im Rahmen des Leistungsprinzips kann man entweder bei
Verweigerung bestrafen oder sonst belohnen. Ich bin auf-
grund frühkindlicher Erfahrungen für Belohnung und ge-
gen Bestrafung.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann setzen Sie sich in Ihrer Partei einmal durch!)


Der nächste Punkt betrifft die Kostenentlastung. Dies
ist eine ganz einfache Rechnung: Bei unserer Reform war
für das Jahr 2030 ein Beitragssatz in Höhe von 24 Prozent
errechnet worden, also für Arbeitnehmer und Arbeitgeber
jeweils 12 Prozent. Die rot-grüne Reform führt nach den
Berechnungen zu einem Beitragssatz von 22 Prozent
– Hurra! –: Arbeitnehmer 11 Prozent, Arbeitgeber 11 Pro-
zent – plus 4 Prozent bei den Arbeitnehmern.

Kollege Brandner, was ist 11 plus 4? 15! Welches ist
eine höhere Belastung, ein Beitragssatz von 12 Prozent
oder von 15 Prozent? Die höhere Belastung für die Ar-
beitnehmer verdanken wir Ihrer Reform.


(Ilse Janz [SPD]: Das ist die blümsche Mathematik!)


– Bisher war ich nur sachlich.
Eines kann ich mir aber nicht verkneifen: Dreimal hat der

Kollege Brandner heute im Zusammenhang mit der Rente
von Ehrlichkeit gesprochen und von uns Ehrlichkeit einge-
fordert. Kollege Brandner, wenn ich das Wort Ehrlichkeit im
Zusammenhang mit der Rente höre, was, denken Sie, fällt
mir dazu ein? Dazu fällt mir der Wahlkampf 1998 ein.


(Dr. Wolfgang Gerhardt [FDP]: Sehr richtig!)

Dazu fällt mir ein, dass Sie die Rückkehr zur Nettolohn-
rente versprochen haben. Stimmt das oder stimmt das
nicht? Das ist die absolute Wahrheit. Was aber haben Sie
nach der Wahl gemacht?


(Peter Dreßen [SPD]: Haben wir doch! Wir sind doch dabei!)


– Nicht einmal das. Sie sind nicht zur Nettolohnrente
zurückgekehrt.


(Peter Dreßen [SPD]: Weil du Riesenlöcher in die Kasse gerissen hast!)


– Löcher? Sie bringen mich von einem Punkt zum anderen.
Ich habe gehört, dass bei der Schwankungsreserve

9Milliarden Euro fehlen. Bei Schwankungsreserven – das
sagt schon das Wort – ist es normal, dass dieser Betrag
einmal etwas höher und einmal etwas niedriger ist. Dies
ist lediglich ein Alarmauslöser. Dieses Problem haben Sie
jetzt einfach dadurch gelöst, dass Sie die Schwankungs-
reserve senken. Mit anderen Worten: Sie manipulieren das
Thermometer und sagen, das Fieber sei weg. Das sind die
Sozialdemokraten. Das ist die einfache Tour.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Das haben wir nicht gemacht.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, ich bleibe
dabei: Der Sozialstaat muss verteidigt werden. Er ist ein
kultureller und wirtschaftlicher Stabilisator. Unser Sozial-
staat basiert im Übrigen nicht nur auf materiellen Leis-
tungen. Es geht nicht nur um Geld. Es geht auch um die
wechselseitige Rücksichtnahme und das Einstehen für-
einander. Ich halte ihn für eine der größten Errungen-
schaften. Ich behaupte: Marktwirtschaft ist ohne Sozial-
staat überhaupt nicht möglich.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Erst nachdem die Absicherung der großen sozialen Risi-

ken wie Unfall, Alter, Krankheit und Arbeitslosigkeit aus
den Betrieben herausgenommen, also externalisiert wurde,
war eine am Markt orientierte unternehmerische Ratio mög-
lich. Solange der Betrieb alles war, war das nicht möglich.

Ich glaube, ein Teil des Dilemmas der DDR-Wirt-
schaft – ich meine das gar nicht bösartig – war, dass der
Betrieb mehr war, zum Teil auch Arbeitslosenversiche-
rung war. Die Arbeitslosen haben halt in den Betrieben
herumgestanden. Das ist zwar nicht meine, aber auch das
ist eine Form der Arbeitslosenversicherung.

Diese wirtschaftliche Ratio, der wir viel verdanken, ist
ohne den Sozialstaat nicht möglich. Bei allem Streit soll-
ten wir in diesem Grundsatz übereinstimmen und den So-
zialstaat nicht nur als Last betrachten, sondern auch als
eine große Möglichkeit dafür, eine eigenständige und mit-
verantwortliche Lebensführung zu gestalten.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Peter Dreßen [SPD]: Das müssen Sie denen da drüben sagen! – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Sagen Sie das der FDP! – Dr. Ruth Fuchs [PDS]: Wirklich schade, dass er bei der CDU nichts mehr zu sagen hat!)



Dr. Hermann Otto Solms (FDP):
Rede ID: ID1423912000
Ich
schließe die Aussprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
Drucksachen 14/8268, 14/8700 und 14/9245 an die in der
Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann
sind die Überweisungen so beschlossen.




Dr. Norbert Blüm
23896


(C)



(D)



(A)



(B)


Ich rufe die Tagesordnungspunkte 31 a bis 31 p und 30
sowie die Zusatzpunkte 4 a bis 4 d auf:
31. Überweisungen im vereinfachten Verfahren

a) Beratung des Antrags der Bundesregierung
Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte
an dem Einsatz einer Internationalen Sicher-
heitsunterstützungstruppe in Afghanistan auf
der Grundlage der Resolutionen 1386 (2001),
1383 (2001) und 1378 (2001) des Sicherheitsra-
tes der Vereinten Nationen
– Drucksache 14/9246 –
Überweisungsvorschlag:
Auswärtiger Ausschuss (f)

Rechtsausschuss
Verteidigungsausschuss
Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Haushaltsausschuss gemäß § 96 GO

b) Beratung des Antrags der Bundesregierung
Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deut-
scher Streitkräfte an dem NATO-geführten Ein-
satz auf mazedonischem Territorium zum Schutz
von Beobachtern internationalerOrganisationen
im Rahmen der weiteren Implementierung des
politischen Rahmenabkommens vom 13. August
2001 auf derGrundlage des Ersuchens dermaze-
donischen Regierung vom 28. April 2002 und der
Resolution 1371 (2001) des Sicherheitsrates der
Vereinten Nationen vom 26. September 2001
– Drucksache 14/9179 –
Überweisungsvorschlag:
Auswärtiger Ausschuss (f)

Rechtsausschuss
Verteidigungsausschuss
Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung
Ausschuss für die Angelegenheiten der
Europäischen Union
Haushaltsausschuss gemäß § 96 GO

c) Erste Beratung des von den Fraktionen der SPD und
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN eingebrach-
ten Entwurfs eines Sechsten Gesetzes zur Ände-
rung des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes
– Drucksache 14/9220 –
Überweisungsvorschlag:
Rechtsausschuss (f)

Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und
Geschäftsordnung
Innenausschuss

d) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu den Proto-
kollen zum Übereinkommen vom 7. November
1991 zum Schutz der Alpen (Alpenkonvention)

– Drucksache 14/8980 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und
Reaktorsicherheit (f)

Sportausschuss
Ausschuss für Tourismus

e) Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem
Zusatzabkommen vom 20. Dezember 2001 zwi-
schen der Regierung der Bundesrepublik
Deutschland und der Regierung der Französi-
schen Republik zum Abkommen vom 21. Juli
1959 zwischen der Bundesrepublik Deutsch-
land und der Französischen Republik zur Ver-
meidung der Doppelbesteuerungen und über
gegenseitige Amts- und Rechtshilfe auf dem Ge-
biete der Steuern vom Einkommen und vom
Vermögen sowie der Gewerbesteuern und der
Grundsteuern
– Drucksache 14/8982 –
Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss

f) Erste Beratung des vom Bundesrat eingebrachten
Entwurfs eines ... Gesetzes zur Änderung des
Regionalisierungsgesetzes
– Drucksache 14/8997 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (f)

Haushaltsausschuss gemäß § 96 GO

g) Erste Beratung des vom Bundesrat eingebrachten
Entwurfs eines Gesetzes zur Vereinfachung und
Vereinheitlichung der Verfahrensvorschriften
zurWahl und Berufung ehrenamtlicher Richter
– Drucksache 14/9006 –
Überweisungsvorschlag:
Rechtsausschuss

h) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu den Ände-
rungen vom 15. Juni 1999 des Übereinkommens
zum Schutz des Menschen bei der automati-
schen Verarbeitung personenbezogener Daten
und zu dem Zusatzprotokoll vom 8. November
2001 zu diesem Übereinkommen
– Drucksache 14/9193 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe

i) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Ersten Gesetzes zur
Änderung des Telekommunikationsgesetzes
– Drucksachen 14/9194, 14/9237 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)

Ausschuss für Kultur und Medien

j) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Dritten Gesetzes zur
Änderung des Postgesetzes
– Drucksachen 14/9195, 14/9236 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)

Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union




Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms

23897


(C)



(D)



(A)



(B)


k) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Rege-
lung der Preisbindung bei Verlagserzeugnissen
– Drucksachen 14/9196, 14/9239 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

l) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Sechsten Gesetzes zur
Änderung des Strafvollzugsgesetzes
– Drucksachen 14/9197, 14/9235 –
Überweisungsvorschlag:
Rechtsausschuss

m) Erste Beratung des von der Bundesregierung einge-
brachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Interna-
tionalen Übereinkommen vom 15. Dezember
1997 zur Bekämpfung terroristischer Bomben-
anschläge
– Drucksache 14/9198 –
Überweisungsvorschlag:
Rechtsausschuss (f)

Auswärtiger Ausschuss
Innenausschuss
Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe
Ausschuss für Tourismus

n) Erste Beratung des von der Bundesregierung einge-
brachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Europa-
Mittelmeer-Abkommen vom 25. Juni 2001 zur
Gründung einerAssoziation zwischen den Euro-
päischen Gemeinschaften und ihren Mitglied-
staaten einerseits und der Arabischen Republik
Ägypten andererseits
– Drucksache 14/9199 –
Überweisungsvorschlag:
Auswärtiger Ausschuss (f)

Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

o) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Revi-
sionsprotokoll vom 12. März 2002 zu dem Ab-
kommen vom 11. August 1971 zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und der Schweize-
rischen Eidgenossenschaft zur Vermeidung der
Doppelbesteuerung auf dem Gebiete derSteuern
vom Einkommen und vom Vermögen
– Drucksache 14/9201 –
Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)

Haushaltsausschuss mitberatend und gemäß § 96 GO

p) Erste Beratung des von der Bundesregierung ein-
gebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Inter-
nationalen Kaffee-Übereinkommen von 2001
– Drucksache 14/9202 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)

Ausschuss für Verbraucherschutz, Ernährung und
Landwirtschaft

30. Erste Beratung des von den Fraktionen der SPD
und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN einge-
brachten Entwurfs eines Fünften Gesetzes zur
Änderung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes
– Drucksache 14/9219 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Angelegenheiten der neuen Länder
Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschät-
zung
Ausschuss für Kultur und Medien

ZP 4 Weitere Überweisungen im vereinfachten Ver-
fahren (Ergänzung zu TOP 31)


a) Erste Beratung des von den Abgeordneten Alfred
Hartenbach, Margot von Renesse, Hermann
Bachmaier, weiteren Abgeordneten und der Frak-
tion der SPD sowie den Abgeordneten Volker Beck

(Köln), Hans-Christian Ströbele, Kerstin Müller


(Köln), Rezzo Schlauch und der Fraktion des

BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN eingebrachten
Entwurfs eines Gesetzes zur Errichtung einer
Magnus-Hirschfeld-Stiftung
– Drucksache 14/9218 –
Überweisungsvorschlag:
Rechtsausschuss (f)

Finanzausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Haushaltsausschuss gemäߧ 96 GO

b) Beratung des Antrags der Abgeordneten Eva
Bulling-Schröter, Dr. Bärbel Grygier, Uwe Hiksch,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der PDS
Konzept zur Entsorgung radioaktiver Abfälle
– Drucksache 14/9149 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (f)

Ausschuss für Gesundheit

c) Beratung des Antrags der Fraktionen der SPD und
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Antisemitismus ächten – Zusammenhalt in
Deutschland stärken
– Drucksache 14/9226 –
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Kultur und Medien

d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Guido
Westerwelle, Dr. Max Stadler, Dr. Edzard Schmidt-
Jortzig, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der FDP
Antisemitismus ächten – Zusammenhalt in
Deutschland stärken
– Drucksache 14/ 9261–
Überweisungsvorschlag:
Innenausschuss (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Kultur und Medien




Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
23898


(C)



(D)



(A)



(B)


Interfraktionell wird vorgeschlagen, die Vorlagen an
die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse zu
überweisen. Die Vorlage auf Drucksache 14/9201 – Ta-
gesordnungspunkt 31 o – soll abweichend von der Tages-
ordnung an den Haushaltsausschuss ausschließlich gemäß
§ 96 der Geschäftsordnung überwiesen werden. Zu den
Tagesordnungspunkten 31 i bis 31 l liegen inzwischen auf
den Drucksachen 14/9237, 14/9236, 14/9239 und 14/9235
die Gegenäußerungen der Bundesregierung zu den Stel-
lungnahmen des Bundesrates vor, die wie die Gesetzent-
würfe überwiesen werden sollen. Die Vorlage auf Druck-
sache 14/9218 – Zusatzpunkt 4 a – soll zusätzlich zur
Mitberatung an den Innenausschuss überwiesen werden.

Interfraktionell ist vereinbart worden, die heutige Ta-
gesordnung um die Beratung des Antrags der Fraktionen
der SPD und des Bündnisses 90/Die Grünen auf Druck-
sache 14/9270 mit dem Titel „Option für eine Fern-
bahnanbindung des Bahnhofs Berlin-Lichtenberg offen
halten“ zu ergänzen – Zusatzpunkt 18. Die Vorlage soll
zur federführenden Beratung an den Ausschuss für Ver-
kehr, Bau- und Wohnungswesen und zur Mitberatung an
den Ausschuss für Angelegenheiten der neuen Länder
überwiesen werden.

Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann
ist so beschlossen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 32 a bis 32 c sowie den
Zusatzpunkt 5 auf. Es handelt sich um die Beschlussfassung
zu Vorlagen, zu denen keine Aussprache vorgesehen ist.

Ich komme zu Tagesordnungspunkt 32 a:
Zweite und dritte Beratung des vom Bundesrat
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur För-
derung humanitärerAuslandseinsätze (FHAG)

– Drucksache 14/628 –

(Erste Beratung 66. Sitzung)

Beschlussempfehlung und Bericht des Aus-
schusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

(13. Ausschuss)

– Drucksache 14/9015 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Dieter Dzewas
Thomas Dörflinger
Christian Simmert
Ina Lenke

Der Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
empfiehlt auf Drucksache 14/9015, den Gesetzentwurf ab-
zulehnen. Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzentwurf zu-
stimmen wollen, um das Handzeichen. – Gegenstimmen? –
Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf ist in zweiter Beratung
mit den Stimmen der Fraktionen der SPD, der CDU/CSU,
des Bündnisses 90/Die Grünen und der FDPgegen die Stim-
men der Fraktion der PDS abgelehnt. Damit entfällt nach
unserer Geschäftsordnung die weitere Beratung.

Ich komme zu Tagesordnungspunkt 32 b:
Zweite und dritte Beratung des von den Fraktionen
der SPD, der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN, der FDP und der PDS eingebrach-
ten Entwurfs eines Zweiten Gesetzes zur Ände-

rung des Gesetzes zur Errichtung einer Stiftung
„Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“
– Drucksache 14/9032 –

(Erste Beratung 236. Sitzung)

Beschlussempfehlung und Bericht des Innenaus-
schusses (6. Ausschuss)

– Drucksache 14/9262 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Bernd Reuter
Martin Hohmann
Volker Beck (Köln)

Dr. Max Stadler
Ulla Jelpke

Der Rechtsausschuss empfiehlt auf Drucksache 14/9262,
den Gesetzentwurf anzunehmen. Ich bitte diejenigen, die
dem Gesetzentwurf zustimmen wollen, um das Handzei-
chen. – Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Der Gesetz-
entwurf ist damit in zweiter Beratung einstimmig ange-
nommen.

Dritte Beratung
und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. – Ge-
genstimmen? – Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf ist
einstimmig angenommen.

Tagesordnungspunkt 32 c:
Zweite und dritte Beratung des von den Fraktionen
der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Änderung futtermittelrechtlicher Vorschriften
sowie zur Änderung sonstiger Gesetze
– Drucksache 14/9034 –

(Erste Beratung 236. Sitzung)

Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschus-
ses für Verbraucherschutz, Ernährung und Land-
wirtschaft (10. Ausschuss)

– Drucksache 14/9249 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Marita Sehn

Der Ausschuss für Verbraucherschutz, Ernährung und
Landwirtschaft empfiehlt auf Drucksache 14/9249, den
Gesetzentwurf in der Ausschussfassung anzunehmen. Ich
bitte diejenigen, die dem Gesetzentwurf zustimmen wol-
len, um das Handzeichen. – Gegenstimmen? – Enthaltun-
gen? – Der Gesetzentwurf ist damit in zweiter Lesung ein-
stimmig angenommen.

Dritte Beratung
und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. – Ge-
genstimmen? – Enthaltungen? – Der Gesetzentwurf ist
einstimmig angenommen.

Zusatzpunkt 5:
Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss)

Sammelübersicht 391 zu Petitionen
– Drucksache 14/9074 –




Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms

23899


(C)



(D)



(A)



(B)


Wer stimmt für die Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses? – Wer stimmt dagegen? – Enthaltungen? –
Die Sammelübersicht 391 ist einstimmig angenommen.

Ich rufe den Zusatzpunkt 6 auf:
Aktuelle Stunde
auf Verlangen der Fraktion der CDU/CSU
Haltung der Bundesregierung zu drastischen
Einnahmeverlusten der Länder aufgrund der
Steuerreform

Ich eröffne die Aussprache. Als erster Redner hat der
Hessische Minister für Bundes- und Europaangelegenhei-
ten Jochen Riebel das Wort. Bitte schön, Herr Riebel.


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423912100
Herr Präsi-
dent! Meine sehr verehrten Damen! Meine Herren! Es ist
allgemein bekannt, dass die Steuereinnahmen beim Bund
und bei den Ländern in erheblichem Umfang wegbrechen.
Dieses Wegbrechen resultiert primär aus dem außerge-
wöhnlich dramatischen Einbruch der Körperschaftsteuer-
einnahmen. Lassen Sie mich hierzu im Folgenden einige
wenige Zahlen, bezogen auf und ausgewählt für das Land
Hessen, anführen.


( V o r s i t z : Vizepräsidentin Petra Bläss)

Der Saldo des Aufkommens aus der Körperschaftsteuer

für das Land Hessen betrug im Jahr 2001 797,6 Millionen
Euro. Im Jahr 2002 besteht ein Negativsaldo von – Sie
hören richtig – minus 1,322 Milliarden Euro. Diese Diffe-
renz bedeutet für Hessen einen Rückgang des Aufkom-
mens in Höhe von rund 2,2 Milliarden Euro.

Es ist sicherlich keine überzogene Dramatisierung,
schon an dieser Stelle von einer dramatischen Entwick-
lung zu sprechen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand.
Dazu gehört zunächst einmal die zweifelsfrei rückläufige
Konjunktur in Deutschland. Von den durch die Bundesre-
gierung geschätzten 2,75 Prozent Wachstum sind real
0,6 Prozent geblieben. Damit bilden wir das Schlusslicht
in ganz Europa.


(Zuruf von der FDP: Unglaublich!)

Hierbei handelt es sich um eine falsche Einschätzung
durch die Bundesregierung, die damit auch die Verant-
wortung trägt.

Als weitere Punkte sind die Folgen der im Jahr 2001 in
Kraft getretenen Steuerreform anzuführen, durch die
insbesondere die Großunternehmen bei der Körper-
schaftsteuer in einem bisher nie da gewesenen und auch
von mir nicht für möglich gehaltenen Umfang entlastet
worden sind. Man könnte auch sagen, die Steuerreform,
die Bundesfinanzminister Eichel angegangen ist, stellt
eine Steuerentlastungsreform für Großunternehmen dar.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Hans Michelbach [CDU/CSU]: Vor den Großen liegen sie auf dem Bauch!)


Dem ist hinzuzufügen, dass in Zukunft die Absenkung
des Körperschaftsteuersatzes von 40 Prozent auf 25 Pro-
zent erfolgen soll. Die Steuerfreiheit für Beteiligungsver-
käufe ab 2002 hat im Übrigen zur Folge, dass steuer-
verkürzende, wertgeminderte Beteiligungen noch im

vergangenen Jahr veräußert worden sind, wohingegen die
Veräußerungen von wertgesteigerten Beteiligungen selbst-
verständlich erst in diesem Jahr realisiert werden.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie können doch jetzt keine Verluste verrechnen!)


An dieser Stelle muss ausdrücklich hinzugefügt wer-
den, Frau Kollegin, dass das kein Vorwurf meinerseits ge-
genüber den Unternehmen ist. Davon, dass sich die Un-
ternehmen nach Recht und Gesetz verhalten, können wir
ausgehen. Dieses Recht und Gesetz haben Sie geschaffen,
Herr Parlamentarischer Staatssekretär. Sie tragen damit
die Verantwortung dafür, dass es erhebliche Einbrüche in
den Kassen des Bundes und der Länder gibt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ich darf hinzufügen, dass Sie die Einnahmen aus der Kör-
perschaftsteuer des Bundes und der Länder ruinieren.


(Zuruf von der SPD: Wer hat denn dem Gesetz im Bundesrat zugestimmt?)


Bundesfinanzminister Eichel hat bei der Steuerreform
ein Desaster angerichtet, das bei den Ländern zu erhebli-
chen Einnahmeausfällen führt. Es führt darüber hinaus zu
einer sehr merkwürdigen Situation: Die Länder haben die
Ausgaben zu verantworten, während der Bund die Ein-
nahmen bestimmt. Er ist für ganz erhebliche Einnahme-
ausfälle verantwortlich. Das ist deswegen so, weil Sie die
Lage falsch eingeschätzt haben, weil Sie eine Fehlent-
scheidung getroffen haben. Deswegen sind die Finanzen
der Länder heute in einem ruinösen Zustand.

Eines möchte ich noch sagen: Vorgestern hatte ich das
Vergnügen – Sie können auch sagen: das Glück –, die
Sendung „Boulevard Bio“ mit Bundeskanzler Schröder
und Günter Grass zu sehen, die nichts anderes als eine
Wahlkampfveranstaltung war.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nur kein Neid!)


Günter Grass hat Bundesfinanzminister Eichel ausdrück-
lich gelobt, aber nicht wegen seiner besonderen literari-
schen Fähigkeiten, wie man denken könnte. Er hat ihn
vielmehr als besonderen Experten für finanzpolitische
Entscheidungen gelobt – damit hat sich Grass auch als Ex-
perte für Finanzen geoutet – und hat eine spezielle Fähig-
keit des Herrn Bundesministers herausgehoben, nämlich
die Fähigkeit, hochkomplizierte und hochkomplexe Sach-
verhalte ganz einfach darzustellen. Ich füge hinzu: Er hätte
fortfahren müssen. Er hat nämlich Recht, wenn er dies be-
hauptet. Aber Bundesminister Eichel hat die Sachverhalte
in seinem eigenen Kopf so sehr vereinfacht, dass die Steuer-
reform in das Gegenteil von dem verkehrt worden ist, was
er selber angekündigt hat und was die Bundesregierung
eigentlich wollte.


(Zuruf von der SPD: Was wollten Sie damit jetzt eigentlich sagen?)


Hinzu kommt, dass es vor wenigen Wochen ein nicht
unschönes Feature von Bundesminister Eichel gegeben
hat, in dem dargestellt wurde, wo er was einkauft. Ich
kaufe in demselben Laden wie er ein.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: In Hessen!)





Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
23900


(C)



(D)



(A)



(B)


– Richtig, in Hessen. – Dort muss ich fast wöchentlich die
Frage der Frau an der Kasse beantworten, warum sie bis
zum Mai dieses Jahres bereits mehr Lohnsteuer gezahlt hat
als beispielsweise eine große Aktiengesellschaft in Düssel-
dorf oder in Köln an Körperschaftsteuer. Meine Antwort ist
wirklich einfach – ich gebe sie hier nicht vereinfacht wie-
der –: Ich weiß es auch nicht. Aber fragen Sie Bundesmi-
nister Eichel. Er hat es so gewollt oder er hat es aus Grün-
den der Vereinfachung aus Versehen so gemacht oder – das
wäre noch schlimmer – er hat nicht gewusst, was er macht.


(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist wahrscheinlich!)


Letzteres wäre durchaus im Einklang mit der Grundlinie
der Regierung Schröder. Es wäre nur ein weiteres Beispiel
dafür. Es ließen sich noch viele andere nennen.

Ich möchte nur noch ein Beispiel aus einem anderen
Politikfeld anführen. Bundeskanzler Schröder hat öffent-
lich sehr überzeugend erklärt: Wegschließen, und zwar für
immer! Aber dann hat die Koalition aus SPD und Bünd-
nis 90/Die Grünen wie selbstverständlich dem Gesetz
über die Anschlusssicherungsverwahrung nicht zuge-
stimmt. Herr Präsident, meine Damen und Herren, das ist
eine Politik, wie wir sie ausdrücklich nicht wollen und
– das füge ich hinzu – wie wir sie aus Verantwortung für
diesen Staat auch nicht wollen können.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Zuruf von der CDU/CSU: Und ändern werden!)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423912200
Herr Minister, eine
kleine Korrektur: Hinter Ihnen saß kein Präsident, son-
dern eine Präsidentin.


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423912300
Oh, ich bitte
um Entschuldigung, Frau Präsidentin!


(Wolfgang Weiermann [SPD]: Wer das nicht unterscheiden kann, der kann auch die anderen Dinge nicht unterscheiden! – Gegenruf des Abg. Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Herr Kollege, Sie drehen sich doch auch nicht immer um!)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423912400
Nächste Rednerin ist
die Kollegin Lydia Westrich für die SPD-Fraktion.


Lydia Westrich (SPD):
Rede ID: ID1423912500
Frau Präsidentin! Werte Kol-
leginnen und Kollegen! Herr Staatsminister Riebel, Sie
haben die Debatten in diesem Haus eben nicht mitge-
macht.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Er war scheinbar auch im Bundesrat nicht dabei!)


– Er war scheinbar auch nicht bei den Debatten im Bun-
desrat dabei. – Sonst hätten Sie die Vorwürfe, die Sie er-
hoben haben, auch an die Adresse Ihrer Kollegen in der
Opposition richten müssen.


(Zurufe von der CDU/CSU: Wie bitte? – Was?)


Wir alle wissen, dass das Ergebnis der neuen Steuer-
schätzung für die Finanzminister der Länder kaum über-
raschend kam, auch nicht für Sie, meine Damen und Her-
ren von der Opposition. Wenn Sie – Sie haben schließlich
diese Aktuelle Stunde beantragt – doch überrascht waren,
dann zeigt das nur, dass Ihr bisschen wirtschaftspoliti-
scher Sachverstand nun vollends versickert ist.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Widerspruch bei der CDU/ CSU und der FDP)


Ich schätze Sie zwar sehr, aber irgendwo muss man Gren-
zen ziehen.

Dass die Länderfinanzminister den jetzigen Zeitpunkt
für ihre diversen Haushaltssperren genutzt haben, spricht
für ihr psychologisches Feingefühl. Die nackten Zahlen
ersparen ihnen eine Menge politischen Streit in den Land-
tagen. Daher ist die Haltung der Länderfinanzminister
durchaus verständlich. Herr Rauen, Sie von der Opposi-
tion tun so, als wenn das das erste Mal wäre.


(Dietrich Austermann geht schon dreieinhalb Jahre lang so! Ich erinnere mich noch gut, Herr Austermann, an die verschiedensten Debatten im Finanzausschuss und im Plenum, die nach korrigierten Steuerschätzungen unter Waigel geführt wurden, und daran, wie viele Haushaltssperren es während Ihrer Regierungszeit gegeben hat. (Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: In Bayern jedes Jahr!)


– Richtig. Trotzdem ist es heute anders. Die rot-grüne
Bundesregierung hat von solider Finanzpolitik einfach
mehr Ahnung.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Lachen bei der CDU/CSU und der FDP – Manfred Grund [CDU/CSU]: Das ist dreist!)


Die rot-grüne Bundesregierung und die sie tragende Ko-
alition haben Steuergesetze gemacht, die mittelständische
Unternehmen, Familien mit Kindern und Arbeitnehme-
rinnen und Arbeitnehmer von 1998 bis zum Jahr 2005 um
insgesamt 56,8 Milliarden Euro entlasten. Selbst mein
CDU-Verbandsbürgermeister hat in seiner kommunalen
Haushaltsrede zum geschrumpften Haushalt 2002 öffent-
lich betont, dass jede staatliche Ebene die gewollten Ent-
lastungen für die Steuerbürger und die Familien mitfinan-
zieren muss. Der hat es wirklich verstanden.

Diese Steuerentlastungen haben wir eingebettet in eine
erfolgreiche und nachhaltige Konsolidierung der öffentli-
chen Finanzen. Die Koalitionsmehrheit hat bei ihrer Steu-
erpolitik nicht nur Rücksicht auf die Finanzen des Bundes
genommen, sondern auch die Haushaltssituation aller Ge-
bietskörperschaften im Blick gehabt.


(Zuruf von der CDU/CSU: Reden Sie einmal von der Gewerbesteuerumlageerhöhung!)


Verantwortungsvolle Politik verlangt nämlich steuerliche
Entlastungen nur auf Basis zurückgewonnener Handlungs-
spielräume, die Sie zugegebenermaßen nicht mehr hatten.


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Deswegen haben Sie die Gewerbesteuerumlage erhöht?)





Staatsminister Jochen Riebel (Hessen)


23901


(C)



(D)



(A)



(B)


Haushaltskonsolidierung und Senkung von Steuern und
Abgaben sind und bleiben die beiden Leitplanken einer
zukunftsweisenden Strategie für nachhaltiges Wachstum
und Arbeitsplätze.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Die haben Sie doch mehrfach geschrammt!)


Eine solche verantwortungsvolle Politik haben Sie als
Opposition nicht betrieben.


(Dr. Barbara Höll [PDS]: Das ist ein bisschen dicker aufgetragen!)


Wenn es nach Ihnen gegangen wäre, wären weder die Fi-
nanzierungselemente des Steuerentlastungsgesetzes noch
die des Steuersenkungsgesetzes beschlossen worden.


(Zuruf von der CDU/CSU: Jenseits von gut und böse!)


Dann wären darüber hinaus noch viele andere teure For-
derungen Gesetz geworden, die die Haushalte der Länder
und der Kommunen in weit größerem Maße belastet hät-
ten, als das heute der Fall ist.


(Beifall bei der SPD)

Sie wissen selbst, obwohl Sie, jetzt der Herr Riebel

wieder, nicht müde werden zu behaupten, die Koalition
bevorteile mit ihrer Steuerpolitik Kapitalgesellschaften
zulasten von Personengesellschaften,


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Das stimmt doch! – Zuruf von der CDU/CSU: Es sieht aber stark so aus!)


dass die großen Konzerne – und das haben Sie immer kri-
tisiert – ihre Steuerentlastungen durch das zu Beginn der
Legislaturperiode verabschiedete Steuerentlastungsge-
setz selbst finanziert haben. Von Ihnen wird immer wie-
der anklagend hervorgehoben, wie die armen Konzerne
doch belastet worden sind.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Wer regiert eigentlich hier in Deutschland?)


Die Union, Sie, Herr Rauen, aber auch Herr
Michelbach und andere, hat damals diese Gegenfinanzie-
rungsmaßnahmen nicht nur abgelehnt, sie hat sie lautstark
als Angriff auf den Standort Deutschland kritisiert.


(Beifall bei der SPD – Zuruf von der CDU/CSU: Es geht doch um die Personengesellschaften!)


Und jetzt kritisieren Sie wieder umgekehrt, genau wie es
Ihnen passt. Wenn es nach Ihnen gegangen wäre, wenn
wir damals auf Sie gehört hätten, hätte es die Mehrbelas-
tung der Großunternehmen in Höhe von rund 10 Milliar-
den DM nicht gegeben mit der Folge, dass die Haushalte
von Bund, Ländern und Gemeinden weit höher belastet
gewesen wären, und Herr Riebel hätte heute mit ganz an-
deren Zahlen kommen müssen.

Auch die Finanzierungsmaßnahmen des Steuersen-
kungsgesetzes wollten Sie nicht mittragen. Hier zeigt sich
deutlich, dass Ihnen die Länderinteressen vollkommen
egal sind und die heutige Aktuelle Stunde nur der Effekt-
hascherei dient. Dass dies so ist, wird noch deutlicher,
wenn man sich die Forderungen, die die Union, aber auch

die FDPmit dem Hundertmarkscheck im Laufe der Legis-
laturperiode eingebracht haben, noch einmal vor Augen
führt. Ihr Konzept mit dem Titel „Die bessere Alternative“
hätte nach angestellten Berechnungen Steuerausfälle von
fast 40 Milliarden Euro verursacht, Steuerausfälle, die in
erster Linie zugunsten von Spitzenverdienern, da Sie zu-
vörderst den Spitzensteuersatz weiter absenken wollten,
ausgegangen wären, Steuerausfälle, die die Haushalte von
Ländern und Kommunen überhaupt nicht verkraftet hät-
ten. Das wäre Ausplünderung der öffentlichen Haushalte
durch Sie, meine Damen und Herren von der Opposition,
zugunsten einiger weniger Bürger gewesen.


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423912600
Frau Kollegin, denken
Sie bitte an die Redezeit. Dies ist eine Aktuelle Stunde.


Lydia Westrich (SPD):
Rede ID: ID1423912700
Damals hieß es bei der Union,
Deutschland brauche eine mutige Steuerreform, und das,
was Eichel und die Koalitionsfraktionen gemacht hätten,
sei bei weitem noch nicht genug. Das ist verantwortungs-
lose Politik. Die deutschen Bundesländer – Herr Riebel,
das können Sie mit nach Hause nehmen – können froh
sein, dass diese „bessere Alternative“ der Union nicht
Realität geworden ist und die Verantwortung für die Steu-
erpolitik bei der heutigen Bundesregierung, bei Hans
Eichel und der rot-grünen Koalition liegt.

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423912800
Für die FDP-Fraktion
spricht jetzt der Kollege Carl-Ludwig Thiele.


Carl-Ludwig Thiele (FDP):
Rede ID: ID1423912900
Sehr geehrte Frau Präsi-
dentin Bläss! Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kol-
legen! Frau Westrich, Ihre Aussage, Rot-Grün habe mehr
Ahnung von der Finanzpolitik, ist durch die gesellschaft-
liche Wirklichkeit in diesem Land längst widerlegt. Das
glaubt außer Ihnen niemand mehr.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Schuldentreiberpartei!)


Wer allein den Etat 1999 gegenüber dem Vorjahr um fast
7 Prozent aufgebläht hat – das ganze Geld musste aufge-
bracht werden –, der hat die Grundlagen einer vernünftigen
und seriösen Finanzpolitik überhaupt nicht verstanden.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir bauen die Verschuldung ab! Sie haben Sie immer aufgebaut!)


– Wer baut die Verschuldung ab, Frau Scheel? Etwas mehr
Redlichkeit in der Debatte! Unter Rot-Grün, unter Ihnen
als der Vorsitzenden des Finanzausschusses, unter Finanz-
minister Eichel ist ohne Berücksichtigung der UMTS-Er-
löse die Verschuldung in dieser Legislaturperiode, also in
vier Jahren Rot-Grün, um 190 Milliarden DM gestiegen.


(Zuruf von der FDP: 193!)





Lydia Westrich
23902


(C)



(D)



(A)



(B)


Das ist die Wahrheit.

(Zuruf von der SPD: Sie scheinen Gedächtnis lücken zu haben!)

Der zentrale Fehler der rot-grünen Steuerreform be-

stand in der ideologischen Herangehensweise an diese
Steuerreform.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie haben keine Ahnung!)


Noch bei der Verabschiedung des Bundesbankpräsi-
denten Professor Dr. Tietmeyer im Palmengarten in
Frankfurt hat Finanzminister Eichel sinngemäß erklärt:
Unternehmen sind gut, Unternehmer sind schlecht. Un-
ternehmen müssen entlastet werden, Unternehmer nicht.


(Horst Schild [SPD]: Das hat Herr Eichel sicher nicht gesagt!)


Diese Politik hat dazu geführt, dass die Körper-
schaftsteuersätze zum 1. Januar 2001 auf 25 Prozent ge-
senkt wurden. Hierdurch wurden insbesondere die Akti-
engesellschaften, die großen Kapitalgesellschaften, aber
auch die GmbHs in unserem Land erheblich entlastet. Der
Mittelstand, die Handwerker, die Selbstständigen und
auch die weiteren Millionen Lohn- und Einkommen-
steuer zahlenden Bürgerinnen und Bürger in unserem
Land, also auch die Arbeitnehmer, werden erst ab dem
Jahr 2005 spürbar entlastet.

Vorher wurden sie durch Rot-Grün aber nochmals fi-
nanziell schlechter gestellt, indem zum Beispiel die Ab-
schreibungsbedingungen für alle, auch für die kleinen Un-
ternehmen, verschlechtert wurden – eine Sondersteuer für
Investitionen, die ich hier schon mehrfach gebrandmarkt
habe.

Wer meint, dass Arbeitsplätze und vor allem neue
Arbeitsplätze in unserem Land ausschließlich von der
Großindustrie geschaffen werden, der verkennt die Wirk-
lichkeit in diesem Land und der verdient es auch, am
22. September abgewählt zu werden.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Wir brauchen mehr Selbstständige, wir brauchen mehr

Handwerker, wir brauchen mehr Mittelständler, die bereit
sind, ihr Schicksal, ihre Existenz in die eigene Hand zu
nehmen.


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Sehr richtig!)

Jeder dieser Existenzgründer schafft im Schnitt fünf bis
zehn Arbeitsplätze. Auf diesem Weg können Hunderttau-
sende von Arbeitsplätzen entstehen, insbesondere dann,
wenn diese Personen wieder an die Zukunft glauben und
eine Perspektive für sich und für unser Land erkennen.
Das brauchen wir!

Die aktuelle Steuerschätzung zeigt, dass insbesondere
die Einnahmen aus der Körperschaftsteuer total einge-
brochen sind. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass das
Aufkommen der Körperschaftsteuer zu 50 Prozent den
Ländern zusteht. Insofern sind die Länder von dem Ein-
bruch bei der Körperschaftsteuer besonders betroffen.
Allein das Land Nordrhein-Westfalen hat im letzten Jahr
nicht nur keine Körperschaftsteuer eingenommen, son-

dern hatte sogar eine Steuergutschrift zu zahlen, das
heißt, aus dem Steueraufkommen musste Geld genom-
men werden, um die nach dem neuen Steuerrecht be-
rechtigten Ansprüche von Kapitalgesellschaften befriedi-
gen zu können.

Die Steuerpolitik von Rot-Grün und von Finanzminis-
ter Eichel führte dazu, dass das Körperschaftsteuerauf-
kommen von fast 24 Milliarden Euro im Jahr 2000 auf
eine halbe Milliarde Euro Minus im Jahr 2001 eingebro-
chen ist. Hierbei handelt es sich nicht nur um einen kom-
pletten Steuerausfall. Die Steuereinnahmen aus der Kör-
perschaftsteuer sind um mehr als 100 Prozent gesunken.
Wie konnte dann Finanzminister Eichel Ende letzten Jah-
res den Ländern vorwerfen, dass sie sich höher neu ver-
schulden, weil sie – angeblich – mehr ausgegeben haben?
War es nicht vielmehr so, dass die rot-grüne Koalition ein
Steuerrecht verabschiedet hat und eine Steuerrechtsände-
rung bewirkt hat, zu denen schon die Sachverständigen in
der Anhörung erklärt haben, welche Steuerausfälle das
zur Folge haben würde? Insofern war das keine Unkennt-
nis; es war Vorsatz. Es war bekannt, dass diese Folgen ein-
treten würden. Trotzdem wurde das Steuerrecht genau so
beschlossen, um eben Unternehmen und nicht die Unter-
nehmer und nicht die Arbeitnehmer zu entlasten.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Wer ein solches Steuerrecht beschließt und außerdem

Strukturen zementiert, Selbstständigkeit über das Gesetz
zur Beschränkung der angeblichen Scheinselbstständig-
keit verunglimpft, also Überregulierung betreibt, der darf
sich nicht wundern, wenn sämtliche Dynamik aus unserer
Volkswirtschaft heraus ist und wir beim Wachstum das
Schlusslicht in Europa sind. Das ist die Diskussion. Wir
müssen hier mehr Wachstum haben. Wir brauchen ein ein-
facheres und gerechteres Steuerrecht. Deshalb fordern wir
es auch als FDP: niedrig, einfach und gerecht.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, ja!)


Wir fordern, dass auch das Steuerrecht wieder zu einem
Recht gestaltet wird und die Verwüstung des Steuerrechts
durch Rot-Grün ein Ende hat.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist mit den Ländern und mit den anschließenden Steuerausfällen?)


Wir fordern die Freistellung des Existenzminimums für
jeden von 7 500 Euro und einen Stufentarif, wie ihn jedes
andere europäische Land hat, von 15 Prozent, 25 Prozent,
35 Prozent.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das ist gar nicht wahr! Lüge!)


Wir brauchen eine spürbare Entlastung der Steuerbürger
in unserem Land.


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423913000
Herr Kollege Thiele,
auch Sie muss ich an die Einhaltung der Redezeit erinnern.


Carl-Ludwig Thiele (FDP):
Rede ID: ID1423913100
Ich bin sofort fertig. –
Hierfür kämpfen wir als FDP. Hierfür setzen wir uns ein.




Carl-Ludwig Thiele

23903


(C)



(D)



(A)



(B)


Ich hoffe, auch diese Debatte wird mit dazu beitragen,
dass die Tage von Rot-Grün in Verantwortung in diesem
Hause gezählt sind.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423913200
Das Wort hat die Kol-
legin Christine Scheel für die Fraktion Bündnis 90/Die
Grünen.


Christine Scheel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423913300

Frau Präsidentin! Verehrte oder auch nicht verehrte Kol-
leginnen und Kollegen!


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Na, na, Frau Scheel! – Weitere Zurufe)


– Herr Thiele, es ist wirklich hart an der Grenze. Ich habe
irgendwie den Eindruck, wir müssen einmal einen Lehr-
gang machen.


(Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Richtig!)


Das geht jetzt leider nicht in fünf Minuten, aber anschei-
nend haben Sie immer noch nicht verstanden, obwohl wir
gestern in der Finanzausschusssitzung sehr intensiv da-
rüber diskutiert haben, warum die Körperschaftsteuerein-
brüche im Jahre 2001 so waren, wie sie ausgefallen sind
und wie sich das auch im Zusammenhang mit der Steuer-
schätzung manifestiert hat.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Sagen Sie es jetzt einmal, damit wir alle es wissen! Sagen Sie es dem Parlament und der Öffentlichkeit!)


Aber anscheinend ging diese Information an Ihnen vor-
bei; Sie hatten sich ja die ganze Zeit auch anderweitig be-
schäftigt.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Aber gut, das ist jetzt nicht mein Problem. Das ist eher Ihr
Problem.

Fest steht – ich sage das auch einmal, weil hier immer
so eigenartige Dinge behauptet werden –, dass sowohl der
Sachverständigenrat zur Beurteilung der gesamtwirt-
schaftlichen Entwicklung als beispielsweise auch das Un-
ternehmensberatungsbüro Ernst & Young, die weltweit
aktiv sind, übereinstimmend bestätigt haben, dass in der
Bundesrepublik Deutschland Personenunternehmen ge-
ringer besteuert sind als Kapitalgesellschaften. Das ist ein
Faktum. Ich bitte Sie einfach, die Realität endlich einmal
zur Kenntnis zu nehmen und den Leuten nicht permanent
zu suggerieren, als wäre es hier durch politische Ent-
scheidungen in der Steuerpolitik zu irgendeiner Schief-
lage zulasten der kleinen und mittleren Unternehmen ge-
kommen. Das ist schlicht und ergreifend eine Lüge; das
ist eine Lüge, die auch über alle Fakten und alle Daten, die
zur Verfügung stehen, belegbar ist.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD – Widerspruch bei der CDU/CSU – Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Glaube ersetzt Politik nicht! – Peter Rauen [CDU/CSU]: Wie kann man nur so einen Unfug erzählen?)


Punkt zwei: Herr Minister Riebel, Sie haben die
Gründe dafür angesprochen, dass wir eine konjunkturelle
Entwicklung hatten, die im Jahr 2001 problematisch war.
Völlig d’accord! Darin sind wir uns einig.

Sie haben auch gesagt, dass es bestimmte Effekte gege-
ben hat; diese Effekte hingen unter anderem damit zusam-
men, dass bereits versteuertes Körperschaftsguthaben ge-
hoben wurde. Das heißt, das alte System der Union hat auf
das Verhalten der Unternehmen durchgeschlagen, sodass
die Unternehmen aufgrund Ihres alten Steuersystems mit
dem Schütt-aus-hol-zurück-Verfahren und aufgrund der
Veränderungen in der Struktur jetzt natürlich auch über-
planmäßig ausgeschüttet haben. Wir sehen das an der Ka-
pitalertragsteuer, die drastisch angestiegen ist, während die
Körperschaftsteuer gesunken ist. Man muss das immer in
dieser Relation sehen. Wenn Sie dazu schon etwas sagen,
dann bitte ich Sie, nicht nur die eine Hälfte der Wahrheit
zu sagen, sondern auch die andere Hälfte dazuzunehmen.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Punkt drei: Sagen Sie einmal, wo sind wir hier über-
haupt?


(Zuruf von der CDU/CSU: Im Deutschen Bundestag! – Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Nicht einmal das weiß sie!)


Ich frage mich immer wieder, wie das funktionieren soll,
wenn sich die Union und die FDP – die FDP ja noch viel
mehr – im Prinzip bei jeder Debatte, in der es um Wirt-
schaftspolitik, um Steuer- und Finanzpolitik geht, hinstellen
und fordern, die Steuersätze müssen massiv gesenkt wer-
den, die Staatsquote muss unter 40 Prozent, die Sozialversi-
cherungsquote muss unter 40 Prozent. Dann haben Sie auch
noch solche Programme zur Bundestagswahl geschrieben,
die zum Beispiel beim Programm der Union aufgrund Ihrer
steuerpolitischen und familienpolitischen Forderungen so-
wie aufgrund Ihrer Forderungen, die Sie beispielsweise im
verteidigungspolitischen Sektor haben, in der Konsequenz
eine Mehrbelastung – das muss man den Leuten auch ein-
mal sagen – von 245 Milliarden Euro bedeuten. 245 Milli-
arden Euro Mehrbelastungen für unsere Haushalte!

Bei der FDP ist es noch heftiger. Das überrascht ja
nicht.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Noch heftiger? Och!)


Man kommt auf 550 Milliarden Euro, wenn man sich ihr
Programm vorknöpft.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Jetzt wird es aber merkwürdig! – Peter Rauen [CDU/CSU]: Wer hat Ihnen den Unfug aufgeschrieben? – Hans Michelbach [CDU/CSU]: Jetzt wird sie zur Märchentante!)


Wenn die Politik, die Sie, wie Sie den Leuten versprechen,
machen wollen, in den nächsten vier Jahren umgesetzt
würde, wären, Herr Niebel, der Bund und die Länder völ-




Carl-Ludwig Thiele
23904


(C)



(D)



(A)



(B)


lig bankrott. Der Bundes- und alle Länderhaushalte wären
verfassungswidrig. Die Neuverschuldung würde hochge-
schraubt.

Die Politik von Union und FDPbedeutete – das sage ich
auch an das Publikum auf den Tribünen gewandt – ganz
klar eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um mindestens
5 Prozent. Das ist die Wahrheit, die verschwiegen wird.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Widerspruch bei der CDU/CSU und der FDP)


Vielmehr wird den Leuten auf der Verpackung außen sug-
geriert, dass die Steuersätze gesenkt würden, in der Ver-
packung ist aber eine Mehrbelastung gerade für die Bezie-
her kleiner und mittlerer Einkommen, auch für Familien
mit Kindern enthalten, was zu einem vollkommenen Aus-
einanderdriften des sozialen Netzes führen würde.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Die Grünen haben die Ökosteuer erhoben!)


Sie zerstören damit unsere soziale ökologische Markt-
wirtschaft.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Das haben Sie doch gemacht!)


Das ist Fakt, wenn man sich die in Ihren Programmen ent-
haltenen Aussagen anschaut.

Ihre Vorstellungen sind völlig diffus.

(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Nein, glasklar!)


Herr Späth sagt, rot-grüne Steuerpolitik sei in Ordnung
und der richtige Weg.


(Zuruf von der FDP: So hat er es nicht gesagt!)


Die Union sagt, die Steuersätze müssten massiv reduziert
werden. Die FDP will das noch drastischer durchführen;
das hat sie ja hier gerade wieder bewiesen, ohne dass da-
bei ein Wort zur Finanzierung gesagt worden wäre.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: In fünf Minuten kann ich das nicht!)


– Sie sagen nie etwas dazu. Selbst wenn Sie fünf Stunden
Redezeit hätten, sagten Sie kein Wort zur Finanzierung.


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423913400
Frau Kollegin Scheel,
Sie haben das Stichwort Redezeit gegeben.


Christine Scheel (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423913500

Ich komme zum Ende, Frau Präsidentin. – Abschließend
sage ich, dass Sie drastische Wählertäuschung betreiben.
Das ist eindeutig festzustellen. Ich hoffe, dass Sie am
22. September die Quittung dafür bekommen.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Das wird ein Befreiungsschlag!)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423913600
Jetzt spricht die Kol-
legin Dr. Barbara Höll für die Fraktion der PDS.


Dr. Barbara Höll (DIE LINKE.):
Rede ID: ID1423913700
Frau Präsidentin! Liebe Kol-
leginnen und Kollegen! Ich wiederhole das Thema der Ak-
tuellen Stunde. Es heißt: „Haltung der Bundesregierung zu
drastischen Einnahmeverlusten der Länder aufgrund der
Steuerreform“. Dazu haben wir bisher noch nichts gehört.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Die Regierung hat noch nicht gesprochen!)


Es ist schon interessant, welche grotesken Blüten der
Wahlkampf treibt. Gerade die CDU/CSU beantragt eine
Aktuelle Stunde zu diesem Thema! Ich frage mich wirk-
lich, worin sich eigentlich die schwarz-gelbe Steuerpoli-
tik von der rot-grünen unterscheidet.


(Zuruf von der CDU/CSU: Um Welten!)

Bezüglich der finanziellen Situation der Städte, Gemein-
den und Länder muss man sagen: im Prinzip überhaupt
nicht.


(Beifall bei der PDS – Peter Rauen [CDU/ CSU]: Dazwischen liegen Welten!)


Sie haben während Ihrer Regierungszeit ohne jegliche
Not freiwillig auf die Vermögensteuer verzichtet, Sie ha-
ben die Erbschaftsteuer ausgehöhlt und die Gewerbe-
steuerumlage ständig erhöht. Von all diesen Dingen waren
die Länder betroffen. Als Sie dann in die Opposition ka-
men, hat sich Ihre Haltung auch nicht geändert. Parallel
zum Steuerreformgesetz der rot-grünen Koalition haben
ja auch Sie einen „Entwurf eines Gesetzes zur Umsetzung
einer Steuerreform für Wachstum und Beschäftigung“ un-
ter der Drucksachennummer 14/2903 vorgelegt. Eine
Umsetzung dieses Gesetzes hätte im Jahre 2001 Steuer-
ausfälle in Höhe von 26 Milliarden Euro und im Jahre
2003 noch einmal in der gleichen Höhe bedeutet. Wenn
man diese Zahlen durch zwei teilt, stellt man fest, dass
auch Kommunen und Länder riesige Steuerausfälle ge-
habt hätten. Von Ihrer Seite sollte man wirklich nicht mit
Steinen schmeißen, da man ja selber im Glashaus sitzt.
Das muss ich hier mal so sagen.


(Beifall bei der PDS sowie bei Abgeordneten der SPD)


Im Regierungsprogramm sieht das ähnlich aus. Herr
Stoiber hat ja erst vor zwei Tagen wieder versprochen, dass
der Spitzensteuersatz bei der Einkommensteuer auf unter
40 Prozent sinken soll. Auch das würde wieder zu Einnah-
meverlusten bei den Ländern und den Kommunen führen.


(Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Sprechen Sie doch einmal zur Steuerschätzung, Frau Kollegin!)


Die CDU/CSU ist hier janusköpfig. Ich glaube, das Urteil
werden die Wählerinnen und Wähler fällen.

Die Wählerinnen und Wähler, die Bürgerinnen und
Bürger unseres Staates haben aber auch erlebt, dass sich
unter Rot-Grün an dieser Situation nichts geändert hat,
sondern die soziale Schere im Gegenteil weiter auseinan-
der gegangen ist.


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Deshalb müssen Sie mit denen in die Koalition! – Dr.-Ing. Dietmar Kansy [CDU/CSU]: Wie ist denn das mit Berlin, Frau Kollegin?)





Christine Scheel

23905


(C)



(D)



(A)



(B)


Das ist ein katastrophaler Zustand, den viele gerade von
Rot-Grün nicht erwartet hätten.


(Beifall bei der PDS)

Wir erleben soeben einen historischen Steuerverfall:

Im Jahre 2001, im vergangenen Jahr, sank die Körper-
schaftsteuer von plus 23 Milliarden Euro noch im Jahre
2000 auf minus eine halbe Milliarde Euro. Es ist doch,
Frau Scheel, schon schlicht unverschämt, wenn Sie hier
sagen, die Ursache dafür liege nur beim alten Steuerrecht.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich habe gesagt: zum Teil! Es sind drei Gründe!)


Sie haben die Systemumstellung und die Fristsetzung vor-
genommen. Es ist völlig klar, dass die Unternehmen ihre
stillen Reserven heben und den größten Effekt mitneh-
men, den sie haben können.


(Beifall bei der PDS – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Weil es den geteilten Steuersatz gab!)


Zu sagen, das sei nur die Schuld der alten Regierung, ist
wirklich billig. Sie sind daran schuld, dass wir hier Aus-
fälle von 102 Prozent haben.

Nur ein Beispiel: Die Deutsche Bank hatte im
Jahre 2000 einen Gewinn von 6,8Milliarden Euro. Sie hat
eine Steuerrückerstattung von 9,2 Milliarden Euro erhal-
ten. Per saldo hat sie also vom Staat noch Geld he-
rausbekommen. Ich glaube, das wünschen sich alle. Dass
jeder Arbeitnehmer und jede Arbeitnehmerin monatlich
treu und brav Steuern zahlt und dann bei der Jahressteu-
errückerstattung ein Vielfaches herausbekommt, das wäre
das Paradies. Aber das ist in Deutschland nur ein Paradies
für die Großkonzerne. Für die Bürgerinnen und Bürger
bleibt Deutschland bezüglich ihrer Steuerbelastung ein
Jammertal.

Sie haben Ihre angekündigten Gegenfinanzierungs-
maßnahmen nicht durchgesetzt. Ich nenne hier nur ganz
kurz die Änderung der Abschreibungstabellen. Sie haben
zahlreiche neue Gestaltungsmöglichkeiten bei der Ge-
werbe- und bei der Körperschaftsteuer eröffnet, aber be-
stehende Gestaltungen nicht abgeschafft; ich nenne nur
das Dividendenstripping. Diesen Zustand hätten Sie än-
dern können, aber das haben Sie nicht gemacht.

Wir haben nun die Situation, dass die Kommunen und
auch die Länder seit Jahren nicht mehr wissen, wie sie
ihre Haushalte gestalten sollen. Hessen, Thüringen, Sach-
sen und das Saarland haben bereits Haushaltssperren ver-
hängt. Das heißt in Sachsen, in dem Bundesland, aus dem
ich komme, dass es für Lehreranwärterinnen und -anwär-
ter eine Einstellungssperre gibt. Diejenigen, die das Prak-
tikum schon gemacht haben und mit Stunden eingeplant
worden sind, fallen einfach weg, und das vor dem Hinter-
grund von PISA. So viel zu den großen Tönen, die Bil-
dungssituation müsse sich ändern: In der Realität verset-
zen Sie die Städte, Kommunen und Länder in eine Lage,
in der sie das nicht durchführen können.

Man kann viel zu Sachsen und zur dortigen Politik sa-
gen, aber wir haben nun wirklich eine relativ geringe
Verschuldung. Sparpolitik wird dort schon seit Jahren be-

trieben. Man kann angesichts der allgemeinen Finanzsi-
tuation in Sachsen schwerlich sagen, dort sei nicht or-
dentlich gewirtschaftet worden, wenn auch die Prioritäten
in den letzten Jahren meiner Meinung nach verkehrt ge-
setzt worden sind.

Sie haben also die Situation, dass die öffentlichen
Haushalte dank Ihrer Steuerreform in den nächsten drei
Jahren, wenn alles so bestehen bleibt, auf weitere 65 Mil-
liarden Euro werden verzichten müssen. Für die Kommu-
nen und Länder bedeutet das 42 Milliarden Euro zu we-
nig in den Kassen. Das heißt, es fehlt Geld für die
öffentliche Daseinsvorsorge.

Ich appelliere an alle Fraktionen in diesem Hause: Be-
kennen Sie sich endlich dazu, dass wir für das Gemein-
wesen Geld brauchen! Das heißt, wir können nicht nur auf
die Ausgaben schauen, sondern müssen endlich auch wie-
der die Einnahmenseite im Blick haben.


(Beifall bei der PDS)

Deshalb: Reformieren Sie die Erbschaftsbesteuerung,
führen Sie wieder die Vermögensbesteuerung ein, senken
Sie die Gewerbesteuerumlage und tun Sie etwas dafür,
dass tatsächlich Arbeitsplätze im Land geschaffen werden
und Geld für die öffentliche Hand vorhanden ist!

Ich danke Ihnen.

(Beifall bei der PDS)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423913800
Jetzt spricht der Herr
Parlamentarische Staatssekretär Karl Diller.


(Steffen Kampeter [CDU/CSU]: Es bleibt einem ja heute nichts erspart! – Hans Michelbach [CDU/CSU]: Wo ist denn der Herr Minister?)


K
Karl Diller (SPD):
Rede ID: ID1423913900
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und
Herren! Ich möchte die Gelegenheit nutzen, noch einmal
deutlich zu machen, was die größte Steuerreform, die es
je in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben hat und
die von uns gemacht worden ist,


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Dietrich Austermann [CDU/ CSU]: Von Stoltenberg!)


für die einzelnen Betroffenen bedeutet. Ein verheirateter
Personenunternehmer, zum Beispiel ein Bäckermeister
oder ein Metzgermeister, mit einem Gewinn von bei-
spielsweise 25 000 Euro zahlt in diesem Jahr 28 Prozent
weniger Steuern als unter CDU/CSU und FDP im
Jahre 1998.


(Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Das merkt er nur nicht!)


Er zahlt im nächsten Jahr sogar 39 Prozent weniger Steu-
ern und 2005 47 Prozent weniger Steuern als 1998.


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Das stimmt doch nicht! – Peter Rauen [CDU/CSU]: Völliger Unfug, Karl!)


Ist sein Gewinn doppelt so hoch, also 50 000 Euro, dann
zahlt er in diesem Jahr 17 Prozent, im nächsten Jahr




Dr. Barbara Höll
23906


(C)



(D)



(A)



(B)


20 Prozent und ab 2005 25 Prozent weniger Steuern als
unter Ihnen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Eine GmbH mit 50 000 Euro Gewinn vor Steuern, die
ihren Gewinn vollständig im Unternehmen belässt, zahlt
ab diesem Jahr 18 Prozent weniger Steuern als unter Ih-
nen. Der verheiratete Arbeitnehmer in der Steuerklasse III
mit einem Jahresbruttolohn von 25 000 Euro zahlt in
diesem Jahr 39 Prozent weniger Lohnsteuer als unter Ih-
nen, im nächsten Jahr nur noch halb so viel Steuern wie
unter Ihnen und in 2005 61 Prozent weniger.


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Deswegen haben wir so viel Wachstum!)


Wenn er in dieser Zeit zusätzliche Einnahmen von
8 000 Euro pro Jahr haben sollte, wird er diese 8 000 Euro
steuerfrei hinzuverdienen können. Das ist die Wirkung
unserer Steuerreform.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Dietrich Austermann [CDU/ CSU]: Das ist peinlich!)


Herr Riebel, ich habe in diesen Tagen mit dem Finanz-
verantwortlichen eines großen Unternehmens darüber ge-
sprochen, wie er sich verhalten hat.


(Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Der war dankbar! Aber gehen Sie doch mal zum Bäcker!)


Er hat mir deutlich gemacht, dass sie EK 45 gehoben haben,
um den geringeren Gewinn für die Aktionäre zu schmücken.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Das war bekannt, eine Folge der Reform!)


Dieses EK 45 hätte er natürlich jederzeit ausschütten kön-
nen, auch wenn es die Steuerreform nicht gegeben hätte.
Dann wäre der Betrag nach altem Recht mit 30 Prozent
besteuert worden, jetzt wird er mit 25 Prozent besteuert,
Herr Riebel.

Sie müssen auch ehrlich sagen: Diesen Mindereinnah-
men bei der Körperschaftsteuer steht spiegelbildlich eine
Mehreinnahme in ähnlichem Umfang bei der nicht veran-
lagten Steuer vom Ertrag gegenüber, die die Aktionäre be-
zahlen müssen.


(Heinz Seiffert [CDU/CSU]: Das stimmt doch gar nicht! Nicht einmal ein Drittel! – Gegenruf der Abg. Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das wird voll kompensiert, 1:1!)


Man muss sich noch an Folgendes erinnern: Sie haben
das Unternehmensteuerrecht lange Zeit sehr kompliziert
gemacht und dabei Auslandsbeteiligungen begünstigt. Ich
denke an einen süddeutschen Automobilhersteller, der
sich im Ausland engagierte, dort eine Firma aufkaufte und
diese Firma mit hohen Verlusten wieder verkaufte. Was
machte er mit diesen Verlusten? – Dank Ihres Steuerrechts
konnte er die Verluste hier steuerlich geltend machen und
Steuern sparen. Nach unserem Recht kann er das ab die-
sem Jahr nicht mehr. Auch das gehört zur Wahrheit.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Nachdem CDU/CSU mit ihrer Kritik an der Steuerpo-
litik immer weiter zurückrudern müssen – ich denke an
Herrn Späth; hören Sie ihm gut zu! –,


(Heinz Seiffert [CDU/CSU]: Was? – Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Lesen Sie mal richtig!)


versuchen sie es jetzt mit der Behauptung von der angeb-
lichen Ausplünderung der Länderhaushalte durch die
Steuerreform. Es ist absurdes Theater, wenn man gerade
von der Landesregierung von Hessen so etwas zu hören
bekommt. Die meisten Länder wären ruiniert, wenn die fi-
nanzpolitischen Vorstellungen der CDU/CSU und der
CDU-regierten Bundesländer im Bundesrat eine Mehrheit
gefunden hätten.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Alle wären ruiniert, nicht die meisten!)


Herr Riebel, gucken Sie einmal in Ihr eigenes Schuldbuch
hinein. Wenn Sie sehen, was da alles steht, gehen Sie mit
rotem Kopf nach Hause.

Wir haben mit unseren Reformmaßnahmen den Stand-
ort Deutschland nachhaltig gestärkt


(Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Das merkt man am Wachstum!)


und die Länder mit ihren Kommunen wirtschaftlich und
finanziell gefördert.


(Heinz Seiffert [CDU/CSU]: Das spüren wir! – Hans Michelbach [CDU/CSU]: Gesundbeterei ohne Ende!)


Deshalb haben unsere Reformgesetze auch jeweils die
Zustimmung der Länder im Bundesrat gefunden.

Die Herausforderung der Zukunft besteht in einer
nachhaltigen Finanzpolitik, die die finanzpolitischen
Handlungsspielräume nicht weiter einengt und nicht zu-
lasten nachfolgender Generationen geht. Deshalb haben
wir gleich zu Beginn dieser Wahlperiode die entscheiden-
den Maßnahmen getroffen, um den Marsch von
CDU/CSU und FDP in den Schuldenstaat zu stoppen. Sie
haben uns einen Haushalt übergeben, der, gemessen an
dem Entscheid des Bundesverfassungsgerichts bezüglich
des Saarlandes und Bremen,


(Steffen Kampeter [CDU/CSU]: Wer hat denn den blauen Brief bekommen?)


als eine Haushaltsnotlage des Bundes qualifiziert werden
kann. Das Saarland und Bremen mussten 26 Prozent ihrer
Steuereinnahmen nur für Zinszahlungen aufwenden und
das hat das Verfassungsgericht als Haushaltsnotlage be-
zeichnet. Im Haushalt, den wir von Ihnen übernommen
haben, wurden 25 Prozent aller Steuereinnahmen des
Bundes nur für das Zahlen von Zinsen für Schulden, die
Sie angehäuft haben, aufgewendet. Sie haben den
Bundeshaushalt in eine Haushaltsnotlage hineingewirt-
schaftet, wir schaffen uns jetzt aus dieser Situation heraus.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)





Parl. Staatssekretär Karl Diller

23907


(C)



(D)



(A)



(B)


Unsere im November 2000 vorgelegten finanzpoliti-
schen Leitlinien sind der langfristig verlässliche Orientie-
rungsrahmen dafür. Wir machen eine konsequente Haus-
haltskonsolidierung. Das heißt, im nächsten Jahr wird der
Bundeshaushalt – das werden Sie sehen, wenn wir in drei
Wochen den Regierungsentwurf vorlegen – im Vergleich
zu diesem Jahr auf der Ausgabenseite um 0,5 Prozent
schrumpfen. 2004 wird er im Vergleich zu 2003 auf der
Ausgabenseite noch einmal um 0,5 Prozent schrumpfen.
Wir führen also nicht nur eine nominale, sondern auch
eine viel stärkere reale Ausgabenkürzung durch, um aus
der Verschuldungsfalle herauszukommen.


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Weil Sie nichts investieren! – Dietrich Austermann [CDU/ CSU]: Buchungstricks machen Sie!)


Denn Steuerreformen bzw. Steuersenkungen, Herr
Rauen, die kann man nicht auf die Weise finanzieren, wie
Sie das getan haben: durch Pump. Steuersenkungen müssen
vielmehr auf der Ausgabenseite mühsam verdient werden.
Diesem Geschäft haben Sie sich immer entzogen. Deswe-
gen haben wir uns in einer Haushaltsnotlage befunden.

Ich möchte an all das erinnern, was wir für die Länder
getan haben: Wir haben das Solidarpaktfortführungsge-
setz beschlossen, Herr Riebel.


(Antje Hermenau [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Richtig! – Hans Michelbach [CDU/ CSU]: Und den Kommunen die Gewerbesteuerumlage erhöht!)


Wir haben eine Neuregelung des Länderfinanzausgleichs
vereinbart. Den Schuldendienst des Fonds „Deutsche Ein-
heit“ haben wir neu geregelt. Die Haushalte der Länder wer-
den in diesem Jahr um 462Millionen Euro, im nächsten Jahr
um 510 Millionen Euro und ab übernächstem Jahr um
1400 Millionen Euro jährlich entlastet. Mit dem Zukunfts-
investitionsprogramm investieren wir – auch in Hessen – in
die Verkehrsinfrastruktur und in Forschung, Bildung und
Energie jedes Jahr 2,1 Milliarden Euro.


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Die Zukunft ist am Ende!)


Ich könnte noch viele Maßnahmen anführen. Wegen
meiner dahinrennenden Redezeit will ich lediglich fest-
halten: Als Bedrohung müssen Länder und Gemeinden
die täglich neuen Steuerforderungen von CDU/CSU und
FDP und – was war das noch von Herrn Brüderle? – die
Forderungen nach Blitzprogrammen – davon habe ich
schon lange nichts mehr gehört – empfinden. Die würden
nämlich den Ruin der Länder- und Gemeindehaushalte
zur Folge haben. Sie wollen offenbar wieder Steuersen-
kungen auf Pump durchführen. Sie wollen erneut in den
Schuldenstaat marschieren und gegen die auf EU-Ebene
vereinbarten Stabilitätsregeln verstoßen.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Ihr macht das doch!)


Zu diesem Vorhaben können wir nur mit aller Festig-
keit Nein sagen. Unser Weg ist der richtige und wir wer-
den ihn konsequent fortsetzen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Dietrich Austermann [CDU/ CSU]: Der Weg aus der Regierung!)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423914000
Es spricht jetzt der
Kollege Peter Rauen für die Fraktion der CDU/CSU.


Peter Rauen (CDU):
Rede ID: ID1423914100
Frau Präsidentin! Meine
sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen! Die Finanzmi-
nister der Länder und die Kämmerer der Städte und Ge-
meinden gehen am Stock und können ihre Haushalte nicht
mehr finanzieren. Bundesfinanzminister Eichel und Bun-
deskanzler Schröder, die dies zu verantworten haben, las-
sen hier den wichtigen Bereich der Finanzpolitik von Frau
Scheel und Herrn Staatssekretär Diller erklären. Es wird
Zeit, dass sich dies in Deutschland wieder ändert.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Die hausgemachte und von der Regierung zu verant-

wortende Wirtschaftsschwäche in Deutschland hat bei
Bund, Ländern und Gemeinden sowie bei den Sozialver-
sicherungskassen zu verheerenden Steuer- und Abgaben-
ausfällen geführt.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Richtig!)

Entgegen der Annahmen der rot-grünen Regierung vom
November 2000 fehlt in Deutschland ein Wirtschafts-
wachstum von 4 Prozent. Das sind 80 Milliarden Euro.
Bei einer Steuer- und Abgabenquote von 43 Prozent feh-
len dieses Jahr in öffentlichen Kassen 34Milliarden Euro.
Die letzte Steuerschätzung ist Ergebnis dieser miserablen
Entwicklung, mit der wir im zweiten Jahr hintereinander
Schlusslicht aller europäischen Staaten im Hinblick auf
das Wirtschaftswachstum sind. Bis 2005 wird sich der
Steuerausfall auf 65 Milliarden Euro belaufen.

Besonders betroffen sind die Gemeinden und die Länder.
Die Haushaltssperren, die inzwischen neun Länder erlassen
mussten, werden zu einem weiteren dramatischen Rück-
gang der öffentlichen Investitionen führen. Nachdem der
Bund für 2002 mit 10,1 Prozent die historisch niedrigste In-
vestitionsquote aller Zeiten vorgewiesen hat, müssen jetzt
auch die Länder und Gemeinden ihre Investitionen kürzen.
Das wird vor allem den Niedergang der Bauwirtschaft, die
erst gestern verheerende Zahlen für das erste Quartal 2002
bekannt gegeben hat, noch weiter beschleunigen.

Die Einnahmen aus der Körperschaftsteuer sind völlig
unkalkulierbar geworden. Im letzten Jahr ist sie um
24 Milliarden Euro gesunken, zum Schluss haben die Fi-
nanzämter 400 Millionen mehr an die Konzerne ausbe-
zahlt, als sie eingenommen haben. Auch im ersten Quartal
dieses Jahres wurden nach Angaben des Finanzministeri-
ums – das sind nicht unsere Angaben – schon 585 Milli-
onen Euro mehr ausgezahlt, als eingenommen wurden.

Diese Entwicklung hat allein die Bundesregierung zu
verantworten. Sie hat nicht nur die Wirtschaft und den
Arbeitsmarkt in den Keller gefahren, sie hat die fiska-
lischen Konsequenzen des Systemwechsels bei der Kör-
perschaftsteuer völlig unterschätzt und sträflich vernach-
lässigt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Auf dem SPD-Parteitag am letzten Wochenende hat

sich Kanzler Schröder mehr mit den Wahlprogrammen
von Union und FDP beschäftigt, als zu sagen, wie es nach
seiner Vorstellung in Deutschland weitergehen soll. Wir
werden jedenfalls nach der Bundestagswahl in Verant-




Parl. Staatssekretär Karl Diller
23908


(C)



(D)



(A)



(B)


wortung alles tun, damit in Deutschland die Kräfte für
mehr Wirtschaftswachstum wieder freigesetzt werden.


(Zuruf von der SPD: Schulden aufbauen!)

Wir werden die Verkrustungen auf dem Arbeitsmarkt

aufbrechen und mittelfristig dafür sorgen, dass den Men-
schen wieder mehr von ihrem Lohn oder ihrem Gewinn in
der eigenen Tasche bleibt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Die Staatsquote muss gesenkt werden. Nur das, was

der Staat von dem, was wir alle im Bruttoinlandsprodukt
erarbeiten, nicht selbst verbraucht, kann er den Menschen
als Lohn ihrer Arbeit in ihrer Tasche belassen. Die Staats-
quote auf 40 Prozent zu senken , das ist unser langfristiges
Ziel. Das werden wir auch erreichen.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: 170 Milliarden Euro!)


Das hat mit sozialpolitischem Kahlschlag, wie ihn die
SPD und die Grünen den Menschen zu vermitteln versu-
chen, überhaupt nichts zu tun. Das hat die Regierung Kohl
von 1982 bis 1989 bewiesen. Damals sank die Staatsquote
von 50,1 Prozent auf 45,8 Prozent und die Nettokredit-
aufnahme von 35 Milliarden DM auf 14 Milliarden DM.
Unter Stoltenberg wurde die größte Steuerreform der
Nachkriegsgeschichte finanziert.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Sehr richtig!)

Damals ging es um 50 Milliarden DM – das Bruttoin-
landsprodukt war kleiner als die Hälfte des heutigen –,
deshalb war es real mehr als bei der jetzigen Steuerreform.
Zum Schluss gab es Wachstumsraten von 3 Prozent.

Von 1983 bis 1991 – bitte hören Sie genau zu! – wur-
den 3 Millionen zusätzliche versicherungspflichtige
Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen. Das Sozialbud-
get ist in dieser Zeit pro Kopf von 7 800 auf 10 000 DM
gestiegen. Deshalb muss der Unfug beendet werden, dass
die Senkung der Staatsquote etwas mit einem sozialpoli-
tischen Kahlschlag zu tun hätte.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Ich sage das hier sehr ernst: Diese Zusammenhänge

waren dem Bundeskanzler und seinem Wirtschaftsminis-
ter zu Beginn dieser Legislaturperiode durchaus noch
geläufig. So forderte Wirtschaftsminister Müller in sei-
nem Wirtschaftsbericht 1999 eine Rückführung der
Staatsquote auf 40 Prozent und erklärte, dass dies nichts
mit einer Abkehr vom Sozialstaat zu tun habe.


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423914200
Herr Kollege Rauen,
denken Sie bitte an Ihre Redezeit.


Peter Rauen (CDU):
Rede ID: ID1423914300
Ich komme sofort zum
Ende. – Bundeskanzler Gerhard Schröder machte sich
diese Forderung in einem Interview mit der Wiener Ta-
geszeitung „Der Standard“ vom 23. Juli 1999 ausdrück-
lich zu Eigen. Auf die Frage, ob dies einen Paradigmen-
wechsel für ein Sozialdemokraten bedeute, antwortete
Schröder wörtlich:

Ich würde das schlichter formulieren. Das ist das
Eingehen auf Realitäten.

Wer auf dem Parteitag am letzten Wochenende der
deutschen Öffentlichkeit einen solchen Mist erzählt, wer
seine Genossen zu motivieren versucht, indem er unsere
Absichten als politischen Kahlschlag diffamiert, wer
seine eigene Überzeugung so frisst, hat es nicht verdient,
ab dem 22. September weiterhin Kanzler der Bundesre-
publik Deutschland zu sein.

Schönen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Hans Eberhard Urbaniak [SPD]: Unverschämtheit!)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423914400
Nächste Rednerin ist
die Kollegin Antje Hermenau für die Fraktion des
Bündnisses 90/Die Grünen.


Antje Hermenau (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423914500

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Zumindest
hat die heutige Debatte gezeigt, dass ein getragener Vor-
trag und eine Krawatte noch nicht dafür stehen, dass von
solider Finanzpolitik im Bundestag geredet wird. Das ist
deutlich geworden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Das sagen Sie gegen Herrn Diller! Das hat er nicht verdient!)


– Schon gut, Herr Thiele, Sie sind mir als Erster ins Auge
gefallen.

Jetzt wollen wir anders debattieren: Die Konjunktur
brach in Deutschland 1993 – ein bisschen später als in an-
deren europäischen Ländern – ein. Zu diesem Zeitpunkt
beschloss der damalige Bundesfinanzminister Waigel,
dass vor allem der Bund die Lasten der deutschen Einheit
tragen würde und nicht die Länder. Das heißt, damals
wurden die Länder bei der nationalen Aufgabe „deutsche
Einheit“ außen vor gelassen. Das war Ihre politische Ent-
scheidung, zu der Sie heute stehen müssen.

1996 – Schwarz-Gelb regierte noch immer – wurde der
Familienlastenausgleich auf die Länder abgeschoben.
1997 hat man andersherum reagiert, als man merkte, dass
man ansonsten die Maastricht-Kriterien nicht erfüllen
würde. Erst als Sie merkten, dass es mit der Verschuldung
nicht mehr so weitergehen konnte, haben Sie begriffen,
dass Sie die Länder mit ins Boot nehmen müssen, um die
Staatsfinanzen im Griff zu behalten.

Es gibt die Auffassung, dass eine rechte Regierung
dazu neigt, eine höhere und wachsende Staatsverschul-
dung als strategisches Instrument einzusetzen, um den
nachfolgenden Mitte-Links-Regierungen das Leben
schwer zu machen. Das ist Ihnen nicht mehr gelungen,
weil Ihnen 1997 Maastricht dazwischenkam. Ich kann nur
sagen: Gott sei Dank.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Wir haben die Kriterien eingehalten!)


Es gibt Kriterien, wie ein Staat mit seiner Verschuldung
umzugehen hat. Sie werden nicht allein an der Steuer-
schraube drehen können, wie Sie suggerieren. Das Drehen




Peter Rauen

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(D)



(A)



(B)


an der Steuerschraube allein bringt es nicht; Sie müssen
Ihre Ausgaben kritisch überdenken und zur Ausgaben-
senkung kommen. Das gehört zum Geschäft. Diesbezüg-
lich werden die Länder ins Boot gebeten. Es wird sich
noch herausstellen, ob es ihnen passt oder nicht. Ich habe
läuten gehört, dass die Länder dieses Vorgehen sehr wohl
verstehen. Sie sind ja auch am nationalen Stabilitätspakt
beteiligt, indem sie im Finanzplanungsrat vertreten sind.

Ich denke, dass auch über die Ausgabenseite gespro-
chen werden muss. Das haben Sie aber überhaupt nicht
getan. Sie haben immer nur auf Ihre Steuervorschläge ab-
gehoben. Jeder Redebeitrag von Ihnen endete mit dem
Hinweis auf den 22. September. Wie ein Mantra wurde
dieser Satz vorgebetet. Lassen Sie uns weiter denken als
bis zum 22. September 2002.

Wir haben über den nationalen Stabilitätspakt gespro-
chen. Außer der PDS will niemand Steuererhöhungen. Ich
gehe einmal davon aus, dass in diesem Hause über diesen
Punkt zum größten Teil Konsens besteht.


(Zuruf der Abg. Dr. Barbara Höll [PDS])

Schauen wir uns einmal an, wie die Situation ist! Die ein-
zige Truppe, die noch von Deficit Spending träumt, ist die
PDS. Damit hinkt sie der Entwicklung zehn Jahre hinter-
her. Hicks hat schon 1990 gesagt, dass dieses Instrumen-
tarium wissenschaftlich und politisch tot ist.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Widerspruch der Abg. Dr. Barbara Höll [PDS])


Ich komme jetzt zu den Steuerkonzepten. Die einen
wollen die Ökosteuer behalten und die anderen wollen sie
abschaffen.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Sie erhöhen sie!)

Wenn Sie sie abschaffen, dann werden Sie eine noch mie-
sere Bilanz aufweisen, als es bei dem Vorschlag der
CDU/CSU, der sich auf die nächsten vier Jahre bezieht, der
Fall sein wird. Sie von der FDPhaben sich vorhin damit ge-
brüstet, in der letzen Legislaturperiode sei – Sie haben die
UMTS-Erlöse nicht eingerechnet, was ich nicht ganz fair
finde – soundso viel an neuer Verschuldung entstanden.
Selbst ohne die Einbeziehung der UMTS-Erlöse zur Schul-
dentilgung wäre die Neuverschuldung nur halb so hoch wie
die in der Legislaturperiode von 1994 bis 1998.


(Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Falsch! – Steffen Kampeter [CDU/CSU]: Sie sagen doch die Unwahrheit!)


Diesen Punkt muss man auch einmal sehen.
Angesichts der Tatsache, dass sogar die CDU/CSU be-

griffen hat, dass die Ökosteuer beibehalten werden muss,
weil man sonst gar nichts mehr auf die Reihe bekommt
– das ist ja ein interessanter Vorgang –, kann man dieses
Mantra, immer nur an der Steuerschraube drehen zu wol-
len, nicht mehr aufsagen. Das muss Ihnen doch klar sein.

Wir haben uns einmal die Mühe gemacht, die Partei-
programme zu vergleichen. Wir haben untersucht, wie in
den nächsten vier Jahren die Neuverschuldung aussehen
würde, wenn die entsprechenden Wahlprogramme umge-
setzt werden würden. Die FDP ist mit ihrem „hervorra-

genden“ Vorschlag Spitzenreiter, die Steuererleichterung
durch eine höhere Verschuldung zu finanzieren. Denn es
gibt keine anderen Steuereinnahmen zur Gegenfinanzie-
rung. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es im
Jahre 2003 75 Milliarden Euro Neuverschuldung und im
Jahre 2004 120 Milliarden Euro geben würde. Die Öko-
steuer ist dabei immer herausgerechnet.


(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Falsche Rechnung!)


2005 sind es 160 Milliarden Euro Neuverschuldung.

(Carl-Ludwig Thiele [FDP]: Falsch!)


Ich weiß nicht, wohin dieser Weg noch führen würde. Ich
kann aber sagen, dass wir zu diesem Zeitpunkt längst aus
der EU herausgeflogen wären. Allein von blauen Briefen
würde da längst keiner mehr reden.

Auch die CDU/CSU hat offensichtlich nicht vor, dass
unser Land weiter in der EU bleibt; denn bei der Neuver-
schuldungsstrategie, die Ihr Programm suggeriert – viel-
leicht meinen Sie Ihr Programm nicht so ernst; das kann ja
auch sein; aber nehmen wir es bis zum 22. September ein-
mal ernst –, ist klar, dass wir ebenfalls aus der EU heraus-
fliegen würden, weil wir das Maastricht-Kritierium und
den europäischen Stabilitätspakt nicht erfüllen könnten.

Versprechen kann man viel. Die Frage ist aber, wie in
den nächsten vier Jahren die Zukunft gestaltet wird. In
dieser Beziehung haben Sie ganz schlechte Karten.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423914600
Jetzt spricht der Kol-
lege Hans Michelbach für die Fraktion der CDU/CSU.


Hans Michelbach (CSU):
Rede ID: ID1423914700
Sehr geehrte Frau
Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Geht unser Staat Pleite? Gibt es noch genug Geld für
Schulen, Straßen, ÖPNV und Sozialarbeit? Müssen un-
sere Kommunen ihre Schwimmbäder und Büchereien
schließen? Diese Fragen beschäftigen unsere Bürger. Sie
erwarten klare Antworten.

Die rot-grüne Bundesregierung ergeht sich aber – wie
auch heute – in Gesundbeterei. Es lässt sich aber nicht
mehr verschleiern: Es gibt katastrophale Steuerausfälle.
Tatsache ist: Die Steuer-, Finanz- und Haushaltspolitik
befindet sich zweifellos im Ausnahmezustand, sozusagen
im rot-grünen Krankenstand.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Antje Hermenau [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist das denn für ein Schmarren!)


Die Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Kommu-
nen sind massiv eingebrochen. Gegenüber den Steuerschät-
zungen des Jahres 2001 müssen die Schätzwerte sowohl für
das laufende Jahr als auch für den Finanzplanungszeitraum
bis 2006 drastisch nach unten korrigiert werden. Die Steu-
erausfälle machen für die Jahre 2002 bis 2005 65,3 Milli-
arden Euro aus. Das ist ein finanzpolitischer Offenbarungs-
eid der rot-grünen Regierung.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)





Antje Hermenau
23910


(C)



(D)



(A)



(B)


Ich frage Sie, meine Damen und Herren, warum Herr
Eichel dafür heute nicht die Verantwortung übernommen
hat. Er müsste hier doch für Ordnung und Klarheit sorgen.

Schon kommen neue Hiobsbotschaften; denn die ers-
ten fünf Monate dieses Jahres lassen weitere Einbrüche
bei der Körperschaftsteuer und der Gewerbesteuer erken-
nen. Obwohl 8,5 Milliarden Euro Körperschaftsteuer für
2002 im Finanzplan eingeplant sind, haben die Finanz-
ämter in den ersten vier Monaten noch nichts eingenom-
men. Damit haben Sie eine neue Luftblase, eine weitere
optimistische Steuerschätzung geschaffen. In Wirklich-
keit geht es weiter bergab. Weitere Steuerausfälle sind
vorprogrammiert.

Was ist die Ursache? – Deutschland hat zu wenig Wirt-
schaftswachstum. Die Bundesregierung hat durch eine
drastische Senkung der Investitionsquote die Auftriebs-
kräfte zerstört. Die Bundesregierung hat durch ihre Büro-
kratie- und Reglementierungswut die Kultur der Selbst-
ständigkeit überfordert.

Das Schlimmste: Die Bundesregierung hat eine völlig
verfehlte Steuerpolitik betrieben. Sie haben das deutsche
Steuerrecht geradezu verwüstet, meine Damen und
Herren.


(Beifall bei der CDU/CSU)

33 Steuergesetze in knapp vier Jahren stellen den absolu-
ten Irrweg im Hinblick auf das Steuerrecht dar. Bundes-
finanzminister Hans Eichel hinterlässt einen steuerpoli-
tischen Scherbenhaufen. Die rot-grüne Steuerpolitik ist
ungerecht und die Steuerreform hat eine deutliche soziale
Schieflage: Die Entlastung bei der Einkommensteuer war
zu zögerlich und zu zaghaft. Der Mittelstand, insbeson-
dere die Personenunternehmen, wird schlechter als Kapi-
talgesellschaften behandelt.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Falsch!)


Die Reform der Körperschaftsteuer bei den Kapital-
gesellschaften hat sich als katastrophaler Fehlschlag er-
wiesen.

Das alles konnte nur zu einer schnellen Abwärtsspirale
führen. Obwohl die Bedeutung des Mittelstands für mehr
Wachstum und Beschäftigung längst bekannt ist, hat
Rot-Grün eine Steuerreform auf den Weg gebracht, die
Personengesellschaften gegenüber Kapitalgesellschaften
schlechter stellt. Das ist die Handschrift des Genossen
der Bosse, von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Dazu
haben Sie die Hand gereicht, meine Damen und Herren.


(Horst Schild [SPD]: Das ist Unsinn, Herr Michelbach!)


Die Großen werden bevorzugt, die Kleinen sollen blu-
ten – das ist die Politik von SPD und Grünen.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Die großen Konzerne haben im Jahr 2000 noch 23 Milli-
arden Euro Körperschaftsteuer gezahlt. Im Jahr 2000 wur-
den ihnen 400 Millionen Euro vom Staat ausgezahlt.

Die Steuerschätzung ist optimistisch geschönt. Der
blaue Brief aus Brüssel, den die Bundesregierung in letz-

ter Minute verhindert hat, wäre angebracht gewesen. Das
zeigen die jetzt in neun Bundesländern verhängten Haus-
haltssperren mehr als deutlich. Inzwischen hoffen schon
SPD-Landesfinanzminister, dass im Bund wieder eine ge-
rechtere Wirtschafts- und Finanzpolitik gemacht wird.
Verdenken kann man es ihnen wirklich nicht.

Entlastet wurden vor allem diejenigen, die Arbeits-
plätze abbauen, nicht diejenigen, die neue Arbeitsplätze
schaffen und geschaffen haben. Deswegen werden wir
zum Jahr 2004 eine neue Steuerreform für mehr Wachs-
tum und Beschäftigung auf den Weg bringen, die Steuer-
vereinfachungen und Steuerentlastungen vorsehen wird.
Niemand soll dann mit mehr als 40 Prozent Steuern be-
lastet werden. Unsere leistungsbereiten Arbeitnehmer, der
Mittelstand und die Existenzgründer müssen wieder ins
Zentrum einer modernen Wirtschafts-, Steuer- und
Finanzpolitik gerückt werden. Mehr Arbeitsplätze in
Deutschland zu schaffen ist die zentrale Herausforderung
an jede künftige Politik.


(Antje Hermenau [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Beschwörungsformeln!)


Wohlstand und Sicherheit müssen erwirtschaftet werden.
Wer mehr Wachstum und Beschäftigung will, der muss
den Mittelstand und die Arbeitnehmer bei Steuern und
Sozialversicherungsabgaben entlasten, darf aber nicht das
tun, was Sie gemacht haben, meine Damen und Herren.


(Beifall bei der CDU/CSU)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423914800
Jetzt spricht die Kol-
legin Nina Hauer für die Fraktion der SPD.


Nina Hauer (SPD):
Rede ID: ID1423914900
Frau Präsidentin! Verehrte Kolle-
ginnen und Kollegen! Liebe Kollegen von der CDU/CSU,
Sie wollen uns sagen, dass unsere Steuerreform die Län-
der unzumutbar belaste.


(Zuruf von der CDU/CSU: Klar, das stimmt auch!)


Mir ist, ehrlich gesagt, nicht klar, was Sie mit dieser Ak-
tuellen Stunde bezwecken. Sollen wir die hohen Entlas-
tungen, die wir für die Beschäftigten, für die Familien und
für die Unternehmen in diesem Land erreicht haben,
zurücknehmen? Sollen wir dahin zurück, wo wir sie 1998
abgeholt haben,


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Nein! Wirtschaftswachstum brauchen wir in Deutschland!)


zurück zu den hohen Steuersätzen Ihrer Regierungszeit?

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Peter Rauen [CDU/CSU]: Das Wirtschaftswachstum habt ihr ruiniert! Das ist euer Problem!)


Ich glaube, das kann nicht Ihr Ernst sein. Sie wissen,
dass die hohe Steuerbelastung in Deutschland der Wirt-
schaftskraft geschadet und die Beschäftigung gedrückt hat.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Das ist eine völlig falsche Sicht der Dinge! Ihr habt dem Wirtschaftswachstum mit falschen Reformen geschadet! Das ist doch der Grund!)





Hans Michelbach

23911


(C)



(D)



(A)



(B)


Wir haben dafür gesorgt, dass diese Belastungen reduziert
werden.


(V o r s i t z : Vizepräsident Dr. h. c. Rudolf Seiters)


Sie wollen die Entlastungen bei der Einkommensteuer,
die die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und die Per-
sonenunternehmen zahlen, oder die Entlastungen, die da-
durch entstehen, dass ein Personenunternehmen die von
ihm gezahlte Gewerbesteuer auf seine Einkommensteuer-
schuld anrechnen kann, zurücknehmen. Das sind Maß-
nahmen, die den Mittelstand voll treffen würden.

Oder Sie sagen: Wir wollen die Entlastungen bei den
Kapitalgesellschaften zurücknehmen. Meine Damen und
Herren, ist Ihnen bekannt, dass nicht nur die großen Ka-
pitalgesellschaften Körperschaftsteuer zahlen? Vielmehr
würden auch über eine Million kleine GmbHs in Deutsch-
land zu der Belastung während Ihrer Regierungszeit
zurückkehren.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Wenn sie nicht bezahlen würden, wäre im letzten Jahr noch mehr zurückgezahlt worden!)


Das würde das Wirtschaftswachstum in Deutschland
bremsen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Ich kann mich noch an die Debatte über die Steuer-
reform im Jahr 2000 erinnern. Übrigens hat die FDP die-
ser Steuerreform im Bundesrat zugestimmt, ebenso wie
Sie es in den Ländern getan haben, in denen Sie in einer
großen Koalition mitregieren. Deswegen kann ich die
Aussage nicht nachvollziehen, dass die Länder nicht ein-
gebunden worden wären.


(Antje Hermenau [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Richtig!)


Herr Riebel ist jetzt leider nicht mehr da. Ich kann mich
erinnern: Als wir im Jahr 2000 die Steuerreform beraten
haben, konnte der Ministerpräsident von Bayern hinsicht-
lich der Senkung des Spitzensteuersatzes den Hals gar
nicht voll genug bekommen. Das war offensichtlich eine
Position, die nicht mit allen Ländern abgesprochen
wurde, in denen Sie regieren;


(Antje Hermenau [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jawohl!)


denn mittelstandsfreundlich kann das nicht gemeint gewe-
sen sein. Sie müssen mir erst einmal den Handwerksmeis-
ter in meinem Wahlkreis zeigen, der den Spitzensteuersatz
auch nur von Weitem sieht. Das ist ein Programm zur Sen-
kung der Besteuerung hoher Einkommen.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Jeder Arbeitnehmer sieht doch schon bei einer Lohnerhöhung den Spitzensteuersatz!)


Sie können einmal diejenigen Länder fragen, in denen
Sie Regierungsverantwortung tragen, wie Ihre jetzt unter-
breiteten Vorschläge, den Spitzensteuersatz auf unter
40 Prozent zu senken, bezahlt werden sollen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Der einzige finanzpolitische Beitrag des Kandidaten der
Union bezieht sich auf den Spitzensteuersatz, nicht aber
auf die mittelständischen Unternehmen. Wie wollen Sie
das bezahlen?

Der designierte Wirtschaftsminister Ihres Kompetenz-
teams lobt unsere Steuerpolitik. Aber gegenwärtig gilt:
zwei Christdemokraten, drei Gremien, zehn verschiedene
Meinungen. Ihr Wirtschaftsrat fällt dem eigenen Kandi-
daten mal wieder in den Rücken


(Zuruf von der CDU/CSU: Das hätten Sie gern!)


und spricht von einem Spitzensteuersatz von 35 Prozent.
Haben Sie sich einmal überlegt, wie die Bundesländer das
bezahlen sollen? Oder soll das über einen Selbstfinanzie-
rungseffekt funktionieren, wie ihn Herr Merz und Herr
Faltlhauser im Mai 2000 bei der Debatte über die Steuer-
reform anführten, als sie sagten, die Reform trage sich
über einen Selbstfinanzierungseffekt zwischen 30 und
70 Prozent irgendwie selber?


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Wenn Wachstum da ist! Das kapiert ihr leider nie, ihr Genossen! Eure fiskalisch-buchhalterische Denkweise geht einem auf den Geist!)


Es ist doch keine solide Finanzpolitik, auf einen Selbstfi-
nanzierungseffekt zwischen 30 und 70 Prozent zu hoffen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Ferner sprechen Sie hohe Ausfälle bei der Körper-
schaftsteuer an. Sie wissen ganz genau, dass diese Aus-
fälle dadurch entstanden sind, dass die Unternehmen jetzt
ausschütten, was sie im EK 40 haben, weil der Tarif ge-
senkt wurde. Das ist eine endliche Größe. Wenn das aus-
geschüttet ist, dann ist der Fall erledigt.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Sie werden sich noch wundern! – Hans Michelbach [CDU/ CSU]: Die Begünstigung thesaurierter Gewinne ist ein Programm für Auslandsinvestitionen! Dass Sie das nicht begreifen!)


Weil im Jahr 2001 so viel passiert ist, ist das Ende abseh-
bar. Die Steuerschätzer haben diese Woche im Finanzaus-
schuss deutlich gemacht, dass die Ausschüttung der Kör-
perschaftsteuer jetzt langsam zum Ende kommt und dass
wir 2003 wieder mit höheren Einnahmen zu rechnen ha-
ben. Deswegen kann ich die Aufregung nicht verstehen.

Der neue Präsident des BDI, Herr Rogowski, sagt, die
schnellen Ausschüttungen könnten auch darauf zurückzu-
führen sein, dass die Unternehmen Angst davor hätten,
dass Sie die Möglichkeiten der steuerfreien Veräußerung
von Beteiligungen wieder zurückdrehten. Dazu kann ich
nur sagen: Ich wünsche Ihnen dabei viel Vergnügen.


(Beifall des Abg. Horst Schild [SPD])

Herr Rogowski hat Recht: Dies wird dazu beitragen, dass
diese ihre Verluste abschreiben. Ich möchte dann sehen,
wie die Länderfinanzen danach aussehen.


(Steffen Kampeter [CDU/CSU]: Das setzt voraus, dass wir die Wahl gewinnen! Wir freuen uns über Ihren Optimismus!)





Nina Hauer
23912


(C)



(D)



(A)



(B)


Im nächsten Jahr normalisieren sich die Einnahmen bei
der Körperschaftsteuer wieder.

In einem Punkt haben Sie Recht – das wissen wir auch;
das haben wir im Rahmen unserer Regierungspraxis auch
gezeigt –, nämlich darin, dass wir natürlich auch Verant-
wortung für die Finanzen der anderen Ebenen in unserem
Staat haben. Wir haben diese auch beim bundesstaatlichen
Finanzausgleich übernommen. Wir haben diesen im letz-
ten Jahr gemeinsam mit den Ländern neu geregelt. Dies
scheinen Sie schon vergessen zu haben; dabei ist es noch
nicht einmal ein halbes Jahr her, dass diese Regelungen in
Kraft getreten sind.

Wir haben auch dafür gesorgt, dass wir in Deutschland
wieder darüber reden können, wie die Finanzierung unse-
rer Kommunen in Zukunft aussehen soll. Bei allen Beiträ-
gen über den Spitzensteuersatz, die jetzt von verschiede-
nen Kreisen, Kandidaten und Gremien gekommen sind,
habe ich von Ihnen noch keinen vernünftigen Beitrag zur
zukünftigen Finanzierung der Gemeinden gehört.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


In der letzten Woche hat eine Regierungskommission
angefangen zu arbeiten.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Sie kapieren es nur nicht, das ist das Problem! Gehört haben Sie es!)


Wir sind daran interessiert, dass uns die Experten einen
Vorschlag unterbreiten. Ich meine, dass wir damit einen
Beitrag leisten, dass die unterschiedlichen Ebenen unse-
res Staates finanziert werden können. So schaffen wir
Entlastungen für die Beschäftigten, für die Arbeitnehme-
rinnen und Arbeitnehmer im Lande, die Lohnsteuer zah-
len, für die Personenunternehmen, die ihre Gewerbesteuer
anrechnen können und deren Steuersatz noch gesenkt
wird, und für mehr als 1 Million kleine GmbHs bei der
Körperschaftsteuer. Dies ist der richtige Weg, um aus dem
Steuerstaat herauszukommen, den Sie uns hinterlassen
haben.

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423915000
Für die
CDU/CSU-Fraktion erteile ich dem Kollegen Dietrich
Austermann das Wort.


Dietrich Austermann (CDU):
Rede ID: ID1423915100
Herr Präsident!
Meine Damen und Herren! Die Kollegin Hauer hat ge-
sagt, dass man seiner Verantwortung gegenüber den übri-
gen Ebenen des Staates gerecht geworden sei. Ich möchte
Ihnen die Situation anhand meiner aktuellen Erfahrungen
beschreiben.

Ich mache wie viele von Ihnen derzeit Wahlkampf und
komme von Gemeinde zu Gemeinde. Dabei schaue ich
mir die Haushalte der Städte und Gemeinden in Schleswig-
Holstein an. Ich stelle fest: Überall das gleiche Lied. Es gibt
einen Einbruch bei den Gewerbesteuereinnahmen, die
Gewerbesteuerumlage ist erhöht worden – so viel zum

Thema Solidarität mit den anderen Ebenen –, die Ein-
kommensteuer ist nach dieser größten Reform aller Zei-
ten, dieser Jahrhundertreform, gegenüber dem Jahr 1998
interessanterweise gestiegen, aber nicht gesenkt worden.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Deshalb merken die Leute auch nichts davon!)


Die Arbeitnehmer und die Betriebsinhaber können also
gar nichts von einer Steuerentlastung merken.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist das für eine Milchmädchenrechnung?)


Wir können diese Entwicklung also unter der Über-
schrift – dies gilt in Schleswig-Holstein für Lübeck,
Flensburg, für Kiel und für meinen Wahlkreis Itzehoe –
„50 Prozent weniger Gewerbesteuereinnahmen“ zusam-
menfassen. Was bedeutet dies im Ergebnis? Was bedeutet
es, wenn man eine Politik macht, die zur Rezession führt,
die das Wachstum kaputtmacht, die dazu beiträgt, dass die
Beschäftigtenzahl sinkt und die Arbeitslosenzahl steigt?
Das bedeutet, dass eine Situation geschaffen wird, die die
Lage in den Gemeinden noch verschärft.

Die Vereine sind empört darüber, dass es keine Zu-
schüsse mehr gibt und dass sie künftig für die Nutzung der
Sporthallen Gebühren zahlen müssen. Die Kindergärten
sagen, dass die Gruppen größer werden müssen. Die El-
tern müssen höhere Gebühren zahlen. Der Bürger merkt
auf dieser Ebene an allen Ecken und Enden, dass auf Bun-
desebene eine saumäßige Finanz-, Steuer-, Haushalts-
und Wirtschaftspolitik gemacht wird.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Dies ist eine kurze, knappe und klare Beschreibung: Eine
Politik gegen Wachstum und Beschäftigung rächt sich
beim kleinen Mann. Das ist ganz einfach.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: So ist es!)

Dies lässt sich auch auf die anderen Städte und Ge-

meinden übertragen. Ich nehme einmal Frankfurt am
Main. Frau Kollegin, Sie sind in Frankfurt am Main ge-
boren. Ich hoffe, ich verrate damit kein Geheimnis. Mir
hat jemand gesagt, Sie seien Juso-Vorsitzende von Hes-
sen-Süd gewesen. Deshalb frage ich mich: Wie können
Sie es als ehemalige Juso-Vorsitzende von Hessen-Süd
eigentlich mittragen, dass im Jahre 2001 in Frankfurt
keine einzige Bank einen Pfennig Steuern gezahlt hat?


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Hört! Hört!)

Wie können Sie dies verantworten?


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Hans Michelbach [CDU/CSU]: Mit Ihrer Stimme! Ein Skandal!)


Ich übertrage dies einmal auf andere Regionen. Der
DGB schreibt in seinem neuen Programm zur Steuerpoli-
tik der rot-grünen Bundesregierung: Weil sich seit Anfang
2002 der Anspruch auf Rückerstattung der vor 1999 ge-
zahlten Körperschaftsteuer um 5 Prozent verringert hat,
schütteten die Unternehmen 2001 massenhaft Gewinne
aus, die sie vor Jahren in die Rücklage gestellt hatten. –
Der DGB sagt, dass der Gesetzgeber hier einen Ausschüt-
tungsturbo eingebaut hat.




Nina Hauer

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(C)



(D)



(A)



(B)


Schauen Sie sich – der Kollege Michelbach hat darauf
hingewiesen – die Steuererwartungen für dieses Jahr an.
Die Steuerschätzung vom Mai 2002 ist heute, noch nicht
einmal einen Monat später, bereits wieder Makulatur. Bei
der Körperschaftsteuer verhält es sich in diesem Jahr ganz
genauso. Wieso kann ein Mittelständler Beteiligungen
nicht steuerfrei veräußern, während eine große Körper-
schaft dies tun kann? Das soll gerecht sein? Ich glaube,
Sie müssen die Themen Solidarität und Gerechtigkeit bei
sich neu definieren.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Ausgerechnet Sie sagen das!)


Ich nenne ein Beispiel: Schauen Sie sich das Steuer-
konzept an. Ist es eigentlich sozial gerecht, dass die Ge-
meinden immer weniger Steuern einnehmen und der
Bund immer mehr Steuern erhält? Ist es sozial gerecht,
dass die Mittelständler mehr Steuern zahlen und die
großen Körperschaften gar keine?


(Nicolette Kressl [SPD]: Das ist doch die Unwahrheit!)


Ist es eigentlich gerecht, dass man Abfindungen für Ar-
beitnehmer höher besteuert, den Sparerfreibetrag halbiert
und den Haushaltsfreibetrag für Alleinerziehende senkt,
während man es bei denen, die Dividenden kassieren, ge-
nau umgekehrt macht? – Nein. Sie haben eine Politik be-
trieben, die die Grundlagen für das Wachstum beseitigt
hat. Auch die Grundlage für eine steigende Beschäftigung
ist nicht mehr vorhanden. Die Beschäftigung sinkt und die
Arbeitslosigkeit steigt. Dazu kommt es, wenn man eine
falsche Steuerpolitik betreibt.

Sie haben den Kollegen Rauen gefragt, wie das finan-
ziert werden soll. Sie stellen Fantasierechnungen auf,
nach denen es um 170 Milliarden Euro geht. Es ist ganz
einfach: Weniger Steuern erheben.


(Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Eben haben Sie kritisiert, dass wir die Steuern gesenkt haben!)


– Ich habe kritisiert, dass Sie die Steuerverpflichtung für
eine ganz bestimmte Gruppe in der Gesellschaft gesenkt
haben und dass damit die Last für die übrige Gruppe,
nämlich für die Masse der Arbeitnehmer und für die klei-
nen und mittelständischen Betriebe, immer größer wird.
Sie betreiben eine totale Lastenverschiebung.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Wenn Sie es gerecht machen würden, wäre durch eine

erhebliche Steuerentlastung so viel Spielraum vorhanden,
dass die Wirtschaft wieder Kraft zum Wachstum hätte.
Wachstum würde zu zusätzlichen Arbeitsplätzen und da-
mit zu zusätzlichen Steuern für den Staat führen. Das war
das Rezept von Gerhard Stoltenberg. Genau das Gegenteil
haben Sie gemacht. Deswegen ist das, was Sie tun, schäd-
lich und es muss beendet werden.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Ich kann der Kollegin Hermenau nur in einem Punkt

folgen. Sie hat gesagt, dass die meisten am Ende immer
das gleiche Zitat gebracht haben. Also gut, ich werde es

jetzt auch bringen: Noch 108 Tage bis zur Bundestags-
wahl und wenige Tage mehr bis zu einer besseren Regie-
rung, zu einer besseren Steuerpolitik, zu mehr Beschäfti-
gung und zu mehr Wachstum. So einfach ist das.


(Beifall bei der CDU/CSU – Lachen der Abg. Nicolette Kressl [SPD] – Antje Hermenau [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da sind wir noch vor!)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423915200
Für die
SPD-Fraktion spricht der Kollege Horst Schild.


Horst Schild (SPD):
Rede ID: ID1423915300
Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Herr Kollege Austermann, das waren doch
wieder Nebelkerzen. Es war ein unerträgliches Gebräu
von Halbwahrheiten und Falschheiten, die innerhalb von
fünf Minuten kaum richtig zu stellen sind.


(Hans Michelbach [CDU/CSU]: Sind 65 Milliarden nichts?)


Ich will das an einem Beispiel deutlich machen: Sie sa-
gen, dass Ihnen die Länderfinanzen am Herzen liegen. Sie
können den Ländern allerdings nicht damit helfen, dass
Sie die Gewerbesteuerumlage senken.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Ja klar, die müssen das dann nicht bezahlen!)


Wer hat denn im Bundesrat einen entsprechenden Antrag
gestellt? Es war das Land Bayern. Für diesen gab es im
Bundesrat keine Mehrheit. Wer hat im Bayerischen Land-
tag einen Antrag auf Senkung der Gewerbesteuerumlage
zumindest für das Land Bayern – es liegt der bayerischen
Staatsregierung ja so sehr am Herzen – eingebracht? Es
war die SPD-Fraktion dort. Allerdings gab es eine deut-
liche Abstimmungsniederlage. So reiht sich Halbwahrheit
an Halbwahrheit.

Die CDU-regierten Länder haben der Steuerreform
nicht deshalb nicht zugestimmt, weil sie sich Sorgen über
die Länder- und Gemeindefinanzen gemacht haben, son-
dern weil sie ihnen nicht weit genug ging.


(Peter Rauen [CDU/CSU]: Weil sie Murks war!)


Sie wollten eine höhere Entlastung. Was will denn die
CDU/CSU? Wollen Sie die Steuerentlastungen in der jet-
zigen konjunkturellen Situation zurückdrehen? Sie spie-
len sich hier zum Wahrer der Finanzinteressen der Länder
und Gemeinden auf.

Die Wahrheit sieht doch ganz anders aus. Im Som-
mer 2000 wollten Sie eine weiter gehende Steuersenkung.
Der Kollege Thiele hat das Thema vorhin bereits ange-
sprochen. Man kann das auch durchaus begrüßen. Das hat
auch der Kollege Brüderle vor einigen Wochen im Bun-
destag getan. Er hat zudem auf die Verdienste der FDP bei
dieser Steuerreform verwiesen. Er hat § 34 des Einkom-
mensteuergesetzes, der den halben Steuersatz bei Betriebs-
veräußerungen im Falle des Übergangs in den Altersruhe-
stand vorsieht, gefeiert. Er hat darauf abgehoben, dass der
Spitzensteuersatz auf Drängen der FDP und des Landes
Rheinland-Pfalz noch weiter nach unten gedrückt wird.




Dietrich Austermann
23914


(C)



(D)



(A)



(B)


Das kann man zwar alles wollen; aber es trägt nicht dazu
bei, die Finanzen der öffentlichen Hand zu verbessern.

Die CDU/CSU stellt bei jeder Gelegenheit weiter ge-
hende Forderungen nach steuerlichen Entlastungen. Das
war auch im Vermittlungsverfahren zum Unternehmen-
steuerfortentwicklungsgesetz Ende des vergangenen Jah-
res der Fall. Zu diesem Zeitpunkt war die konjunkturelle
Eintrübung bereits absehbar. Trotzdem wollten Sie drauf-
satteln, und zwar ohne Rücksicht auf die Haushalte der
Länder und Gemeinden.

Sie fordern immer wieder weitere Senkungen des Spit-
zensteuersatzes. Wir haben mit unserer Steuerpolitik die
Steuergerechtigkeit wieder hergestellt. Lassen Sie mich
ein Beispiel nennen. Das Finanzamt Bad Homburg musste
bekanntlich im Jahr 1997 mehr Einkommensteuer aus-
zahlen, als es eingenommen hat – minus 6 Millionen DM.
Nach unserer Steuerreform hat sich im Jahr 2001 für die-
ses Finanzamt in der Einkommensteuer ein kräftiges Plus
in Höhe von 250 Millionen DM ergeben.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Lassen Sie mich abschließend ausführen: Im Einklang
mit FDP-Forderungen möchte der CDU-Wirtschaftsrat
den Spitzensteuersatz auf 42 Prozent und ab 2005 auf
35 Prozent senken, Herr Rauen und Herr Michelbach. Die
Gewerbesteuer soll 2004 völlig abgeschafft werden. Sage
und schreibe 41 Milliarden Euro soll das Entlastungsvo-
lumen betragen. Die Finanzminister der Länder und die
Kämmerer der Kommunen sollten sich diese unseriösen
Forderungen einmal genau anschauen. Dann wissen sie,
welche Regierung in der nächsten Wahlperiode die bes-
sere Politik für Länder und Gemeinden betreibt.

Der CDU-Wirtschaftsrat gibt offen zu, dass der EU-
Stabilitätspakt nicht eingehalten werden soll. Diese Aus-
sage ist bemerkenswert. Im Wahlprogramm der CDU/
CSU heißt es wörtlich:

Deutschland soll in Europa wieder Vorreiter einer
stabilitätsorientierten Haushaltspolitik sein. Die Re-
gierungspolitik in Deutschland darf keinen Anlass
mehr für „blaue Briefe“ bieten.

Der CDU-Wirtschaftsrat bekennt nun, dass dieses Ziel mit
einer CDU/CSU-geführten Bundesregierung nicht zu er-
reichen ist.

Meine Damen und Herren, die Steuersenkungsforde-
rungen der CDU/CSU sind nicht mit den Bedürfnissen der
öffentlichen Haushalte in Einklang zu bringen.

Danke.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423915400
Ich erteile
nun der Kollegin Susanne Jaffke das Wort. Sie spricht für
die Fraktion der CDU/CSU.


Susanne Jaffke (CDU):
Rede ID: ID1423915500
Herr Präsident! Liebe
Kolleginnen und Kollegen! Im sechsmonatigen Rhyth-
mus spielt sich seit geraumer Zeit ein Drama ab, welches

alle Haushaltspolitiker, egal ob von Bund, Ländern oder
Kommunen, nur noch mit Schaudern erfüllen kann. Ich
meine die jeweiligen Steuerschätzungen im November
und Mai, besonders seit dem Jahr 2000. So verhält es sich
auch mit dem Ergebnis der Steuerschätzung vom Mai des
Jahres 2002.

Am 16. Mai wurde nämlich durch den Arbeitskreis
Steuerschätzung Folgendes verkündet: Im Vergleich zur
Schätzung vom November 2001 werden die erwarteten
Einnahmen der Länder um 4,2 Milliarden Euro für 2002,
um 2,9 Milliarden Euro für 2003, um 2,3 Milliarden Euro
für 2004 und um 2,7 Milliarden Euro für 2005 unter den
erwarteten Einnahmen liegen.

Für alle staatlichen Ebenen prognostiziert der Arbeits-
kreis Steuerschätzung einen Gesamtausfall für den Zeit-
raum bis 2005 von 65 Milliarden Euro. Wenn man sich
dann vor Augen führt, dass die so genannte große Steuer-
reform des Jahres 2000 als das Aufschwung- und Kon-
junkturförderereignis in der Öffentlichkeit zelebriert wur-
de, kann ich heute an dieser Stelle nur feststellen: Alles
heiße Luft!


(Beifall bei der CDU/CSU)

Die rot-grüne Bundesregierung hat in den letzten

vier Jahren gezeigt, dass sie nicht in der Lage ist, die Pro-
bleme unseres Landes zu lösen. Die Steuerreform mit
Belastung der Länder und vor allen Dingen der Kommu-
nen – die Gewerbesteuerumlageerhöhung sei hier nur als
Stichwort genannt; mein Kollege Austermann hat schon
alles plastisch verdeutlicht – hat die kommunalen Haus-
halte in den Ruin getrieben. Die neuen Bundesländer trifft
das besonders hart.


(Antje Hermenau [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das haben die Länder gemacht und nicht der Bund!)


Überregulierungen durch Gesetze und Vorschriften im
Bereich des Arbeitsmarktes haben unser Land beim Wirt-
schaftswachstum auf den letzten Platz in Europa rutschen
lassen. Der Aufschwung für die neuen Bundesländer ist
hier Stagnation bzw. Abschwung. Bürokratiedekrete als
Korsettstangen für jeden Selbstständigen führen zusätz-
lich zu Unternehmenspleiten nie gekannten Ausmaßes.


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Eine verkorkste Rentenreform belastet darüber hinaus die
Haushalte und die Beitragszahler. Eine nicht in Angriff
genommene Gesundheitsreform hat de facto schon zur
Zweiklassenmedizin geführt.

Diese Steuerreform belastet vor allen Dingen Rentner,
Alleinerziehende, Sozialhilfeempfänger, Auszubildende
und Studenten sowie Kleinverdiener und kinderreiche Fa-
milien besonders in den neuen Bundesländern und in al-
len Flächenstaaten. Sie belastet – ich bin Mitglied eines
Kreistages und weiß, wovon ich rede – Länder und kom-
munale Haushalte im Bereich der ergänzenden Sozial-
hilfe. Dadurch werden dringend benötigte Investitionen
bei Ländern und Kommunen verhindert. Mit einer sol-
chen Steuerreform ist die infrastrukturelle Lücke in den
neuen Bundesländern nicht zu schließen und der Nach-
holbedarf nicht zu befriedigen. Diese Steuerreform




Horst Schild

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(C)



(D)



(A)



(B)


begünstigt Großverdiener und Großkonzerne. Sie ist ei-
gentlich einer Partei unwürdig, die das Soziale auf ihrem
Schild haben will.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Es gibt zwei Aussagen, die den gleichen Wahrheits-

gehalt haben: Erstens. Die Erde ist eine Scheibe. Zwei-
tens. Diese Bundesregierung betreibt eine solide Wirt-
schafts- und Finanzpolitik.


(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)


Lassen Sie uns am 22. September diesem Spuk ein Ende
bereiten.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423915600
Nun erteile
ich als letztem Redner in dieser Aktuellen Stunde das
Wort dem „Neun-Sterne-Abgeordneten“ Hans Urbaniak
für die SPD-Fraktion.


(Heiterkeit und Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Das heißt aber nicht, dass Sie für jeden Stern eine Minute
Redezeit bekommen.


Hans-Eberhard Urbaniak (SPD):
Rede ID: ID1423915700
Herr Präsident!
Kolleginnen und Kollegen! Herr Austermann, es wird
eine ordentliche Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik
gemacht. Es wird eine gute Politik für die Arbeitnehmer
und die Familien gemacht. Das können Sie an den Leis-
tungen, die wir im Laufe dieser Legislaturperiode verab-
schiedet haben, genau nachvollziehen.

Wie sah es bei Ihnen mit Kindergelderhöhungen aus? –
Das Bundesverfassungsgericht hat Sie ermahnt und Sie
haben sich nicht bewegt.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Dietrich Austermann [CDU/ CSU]: Falsch!)


– Selbstverständlich war das so.
Wie war es bei den Sozialversicherungsbeiträgen? – So

hoch, wie sie bei Ihnen waren, waren sie bei uns nie.
Während unserer Regierungszeit ist beispielsweise der
Beitragssatz in der Rentenversicherung auf 19,1 Prozent
gesunken. Sie hätten die Sozialversicherungen in den
Kollaps geführt. Kollege Austermann, ich verweise auf
das alles, weil Sie behauptet haben, wir hätten keine or-
dentliche Politik gemacht.

Wir haben des Weiteren genau 1,2 Millionen Arbeits-
plätze geschaffen.


(Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Wo? Auf dem Papier!)


Ich betone das, damit Sie sich das merken können. Das ist
ganz wichtig.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Die Arbeitslosenzahl sinkt. Darüber sollten wir uns alle
freuen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Dietrich Austermann [CDU/ CSU]: Minijobs!)


Wenn der Kollege Austermann von der Unsolidität un-
serer Finanzpolitik spricht,


(Beifall des Abg. Dietrich Austermann [CDU/CSU])


dann erinnere ich, Kollege Roth, nur an den Haushalt, den
Sie 1998 vorgelegt haben.


(Dietrich Austermann [CDU/CSU]: 3 Prozent Wachstum! 1,7 Prozent gesamtwirtschaftliches Wachstum!)


Damals waren 30 Milliarden DM nicht gedeckt. Ihr Ver-
hältnis zu den Ländern war sehr getrübt. Die Bundes-
ergänzungszuweisungen für das Saarland und für Bremen
waren überhaupt nicht vorgesehen, sodass Sie einen
Haushalt der Unaufrichtigkeit vorgelegt haben.


(Beifall bei der SPD)

An der Konsolidierung kommt niemand vorbei. Wir

wollen diese Konsolidierung voranbringen; denn wir ha-
ben einen Schuldenstand von 1,5 Billionen DM überneh-
men müssen. Kollege Austermann, schreiben Sie das
doch in Ihre Brieftasche. 1,5 Billionen DM Schulden, das
war das Ergebnis Ihrer Politik. Sie haben einen Schulden-
berg hinterlassen.


(Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Wie sieht es jetzt aus? Ist es mehr oder weniger geworden?)


– Selbstverständlich ist die Verschuldung leicht angestie-
gen; denn der Anstieg wird erst dann aufhören, wenn der
Haushalt ausgeglichen sein wird. Das ist das Ziel der Bun-
desregierung und das wird sie auch schaffen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Dietrich Austermann [CDU/ CSU]: Das werden wir nicht mehr erleben!)


– Sie werden das selbstverständlich erleben, das ist über-
haupt keine Frage.

Mir geht es darum, Ihnen zu sagen, dass wir im Rah-
men der Haushaltspolitik all die Maßnahmen getroffen
haben, die notwendig sind, um das Gemeinwesen funkti-
onsfähig zu halten. Ich denke an den Solidarpakt II. Er
stellt ja wohl eine Jahrhundertleistung dar.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Selbst Herr Biedenkopf sagt, das sei ein Ergebnis wie 17:0
in einem Fußballspiel. Alle Länder, sowohl die alten als
auch die neuen Bundesländer, haben zugestimmt. Wann
haben Sie das jemals erreicht? Das ist doch eine große
demokratische Solidarität in Finanzfragen, die zum Ziel
hat, dass es kontinuierlich und seriös weitergeht.

Mir geht es nur darum, Ihnen Folgendes noch ganz kurz
vorzuhalten: Das, was Sie an zusätzlichen Ausgaben in
dieser Legislaturperiode vorgeschlagen haben, hätte rund
271 Milliarden DM neue Schulden verursacht; eine




Susanne Jaffke
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(C)



(D)



(A)



(B)


Summe, die überhaupt nicht gedeckt ist. Darum haben Sie,
lieber Kollege Austermann – das Wort „lieber“ kommt mir
schwer über die Lippen; aber ich sage es einmal; denn wir
haben uns im Haushaltsausschuss sachlich und freundlich
auseinander zu setzen –, eine unseriöse Politik betrieben.

Sie haben heute das Füllhorn der Verschuldung ausge-
schüttet. Sie bleiben in der Tradition: Bei den Arbeitneh-
mern wollen Sie die Mehrarbeitszuschläge besteuern, die
Sonn- und Feiertagszuschläge ebenfalls. Die Arbeitneh-
mer sollen die Zeche zahlen. So hat es Ihr Wirtschaftskreis
beschlossen. Das machen wir nicht mit und das werden
die Kumpel sehr schnell merken.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Dietrich Austermann [CDU/ CSU]: Gibt es überhaupt noch welche?)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423915800
Die aktuelle
Stunde ist damit beendet.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 5 a bis d sowie die
Zusatzpunkte 7 und 8 auf:
5 a) Beratung des Antrags der Fraktionen der SPD und

des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Chancen auf Arbeit für alle – Offensive in der
Arbeitsmarktpolitik
– Drucksache 14/9225 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung (f)

Finanzausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Angelegenheiten der neuen Länder
Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgen-
abschätzung
Haushaltsausschuss

b) Beratung der Unterrichtung durch die Bundes-
regierung
Nationaler Beschäftigungspolitischer Aktions-
plan der Bundesrepublik Deutschland 2002
– Drucksache 14/8715 –
Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Gesundheit
Ausschuss für Angelegenheiten der neuen Länder
Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgen-
abschätzung
Ausschuss für Tourismus
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union

c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Dirk
Niebel, Dr. Irmgard Schwaetzer, Rainer Brüderle,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
Für eine grundlegend neue Organisation der
Arbeitsmarktpolitik
– Drucksache 14/8287 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Haushaltsausschuss

d) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Arbeit und Sozialord-
nung (11. Ausschuss) zu dem Antrag der Abgeord-
neten Karl-Josef Laumann, Matthias Wissmann,
Brigitte Baumeister, weiterer Abgeordneter und
der Fraktion der CDU/CSU
Politik für mehr Beschäftigung statt organisa-
tionspolitischem Aktionismus
– Drucksachen 14/8363, 14/9256 –
Berichterstattung:
Abgeordneter Heinz Schemken

ZP 7 Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Heidi
Knake-Werner, Eva Bulling-Schröter, Dr. Ruth
Fuchs, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der
PDS
Arbeitszeitgesetz (ArbZG) beschäftigungssi-
chernd reformieren – Überstunden abbauen
– Drucksache 14/6113 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung (f)

Rechtsausschuss
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

ZP 8 Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Arbeit und Sozialord-
nung (11. Ausschuss) zu dem Antrag der Abgeord-
neten Karl-Josef Laumann, Brigitte Baumeister,
Rainer Eppelmann, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der CDU/CSU
Arbeitsrecht flexibilisieren – Beschäftigung
schaffen
– Drucksachen 14/8267, 14/9221 –
Berichterstattung:
Abgeordneter Klaus Brandner

Nach einer intrafraktionellen Vereinbarung ist für die
Aussprache eine Stunde vorgesehen. Danach gibt es ei-
nige strittige Abstimmungen.

Zu der Vereinbarung höre ich keinen Widerspruch.
Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache und gebe als erstem Redner
dem Kollegen Adolf Ostertag für die Fraktion der SPD
das Wort.


Adolf Ostertag (SPD):
Rede ID: ID1423915900
Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Die rot-grüne Bundes-
regierung hat in dieser Legislaturperiode große Erfolge
erzielt und eine Vielzahl wichtiger Projekte auf den Weg
gebracht. Wir haben heute darüber schon einige Stunden
lang debattiert.

Wir haben auch festgestellt, dass wir von der schwarz-
gelben Bundesregierung 1998 einen Trümmerhaufen
übernommen haben: Rekordschulden im Bundeshaushalt,
eine Sozialversicherung am Rande des Zusammenbruchs
und eine Massenarbeitslosigkeit von beinahe 5 Millionen
Menschen. In relativ kurzer Zeit haben wir erreicht, dass
es diesem Land und seinen Menschen wieder besser geht.


(Beifall bei der SPD)





Hans-Eberhard Urbaniak

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(D)



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(B)


Wir haben damals versprochen, die Arbeitslosigkeit
zu bekämpfen und mehr Arbeitsplätze zu schaffen.
Heute können wir schon mit ein wenig Stolz sagen: Ver-
sprochen und Wort gehalten.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Oh Gott! Oh Gott!)


Seit 1998 haben wir dafür gesorgt, dass die Arbeitslosig-
keit in Deutschland dauerhaft um 500 000 gesunken ist.
In der gleichen Zeit stieg die Zahl der Erwerbstätigen um
1,2 Millionen.

Mit dem Sofortprogramm zur Bekämpfung der Ju-
gendarbeitslosigkeit haben 400 000 junge Menschen in
diesem Land wieder eine echte Chance auf einen Berufs-
einstieg. Damit haben diese jungen Menschen eine neue
Lebensperspektive bekommen. Das haben wir 1998 ver-
sprochen und wir haben auch hier Wort gehalten.

Wir haben außerdem das von Kanzler Kohl beerdigte
Bündnis für Arbeit neu belebt. In der nächsten Wahlpe-
riode werden wir es fortsetzen; darüber sind sich alle Be-
teiligten – die Gewerkschaften, die Arbeitgeber und natür-
lich die Bundesregierung – einig. Die Ziele bleiben klar:
Wir wollen die Sicherung der bestehenden Arbeitsplätze
und die Schaffung von mehr Ausbildungs- und Arbeits-
plätzen erreichen. Die Ergebnisse bei den Themen „Al-
tersteilzeit“ und „Fachkräftemangel in der IT-Branche“
sowie die Bereitstellung einer ausreichenden Zahl von
Ausbildungsplätzen zeigen, dass das Bündnis erfolgreich
war, auch wenn manchmal etwas anderes zu hören war.
Die Zwischenbilanz lautet ganz einfach: Auch hier haben
wir Wort gehalten.

Seit dem 1. Januar dieses Jahres ist in Deutschland das
Job-AQTIV-Gesetz in Kraft. Mit dieser gesetzlichen
Grundlage haben Bundesregierung und Koalitionsfraktio-
nen die Arbeitsförderung grundlegend reformiert. Die vier
tragenden Säulen sind: Intensivierung der Arbeitsvermitt-
lung, berufliche Qualifizierungsoffensive, Verbesserung
der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Verankerung
des Prinzips „fördern und fordern“. Ziel ist es, durch pass-
genaue Angebote Arbeitslosigkeit, speziell natürlich Lang-
zeitarbeitslosigkeit, frühzeitig zu verhindern. Die Zeiten, in
denen das Arbeitsamt weitgehend Verwaltung und Zahl-
stelle war, sind damit endgültig vorbei. Im Gegensatz zu
Union und FDP betrachten wir diejenigen, die nach Arbeit
suchen, nicht als statistische Einzelgrößen, als Verwal-
tungsvorgänge oder als Menschen, die an ihrem Schicksal
ohnehin selbst schuld sind. Wir sehen den Arbeitslosen in
seiner ganzen Individualität mit seinen Fähigkeiten und sei-
nen Bedürfnissen. Mit dem Job-AQTIV-Gesetz haben wir
dem Arbeitsvermittler vor Ort ein Instrument in die Hand
gegeben, das dieser Individualität Rechnung trägt.

Wir haben 1998 den Menschen auch versprochen, end-
lich wieder mehr soziale Gerechtigkeit und faire Bedin-
gungen auf dem Arbeitsmarkt – auch das gehört zur Ar-
beitsmarktpolitik – herzustellen. Union und FDP haben
den vollen Kündigungsschutz abgeschafft. Wir haben ihn
wieder eingeführt.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Und Gabriel denkt darüber nach, ihn abzuschaffen!)


– Da besteht ein Unterschied zu Ihnen. Wir haben in un-
serem Wahlprogramm beschlossen, dass es beim Kündi-
gungsschutz bleibt, den wir wieder eingeführt haben.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Und Gabriel sagt was anderes!)


Wenn bei Ihnen ein Ministerpräsident was sagt, dann ändern
Sie sogar Ihr Wahlprogramm. Wir werden das nicht tun.


(Beifall bei der SPD – Ernst Hinsken [CDU/ CSU]: Hat der Gabriel bei euch was zu sagen?)


Union und FDP haben die Lohnfortzahlung im Krank-
heitsfall abgeschafft. Wir haben sie wieder in vollem Um-
fang eingeführt. Union und FDP haben das Schlechtwet-
tergeld abgeschafft. Wir haben es wieder eingeführt.


(Beifall bei der SPD – Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Wie weit sind wir gekommen?)


Gegen den heftigsten Widerstand von Ihnen und von den
Arbeitgebern haben wir das Betriebsverfassungsgesetz
reformiert. Damit hat die schleichende Verdrängung der
Arbeitnehmerinteressen aus den Betrieben ein Ende ge-
funden.

Mit dem Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit und der ge-
setzlichen Regelung befristeter Beschäftigungsverhält-
nisse haben Arbeitnehmer wie Arbeitgeber jetzt erweiterte
Spielräume für individuelle Arbeitszeitgestaltung.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Mit dem Ergebnis der vielen Arbeitslosen!)


Schließlich haben wir am 26. April in diesem Haus das
Tariftreuegesetz für die Vergabe öffentlicher Aufträge
verabschiedet. Damit soll erreicht werden, dass erstens
die mittelständischen Unternehmer nicht weiter durch
Lohndumping und ruinösen Wettbewerb in den Konkurs
getrieben werden, zweitens den Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmern in den betroffenen Branchen nicht die Le-
bensgrundlage entzogen wird und drittens das Prinzip
„gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ wieder gestärkt wird.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Dieses Gesetz haben Stoiber und seine Länderkumpanen
am vergangenen Freitag im Bundesrat vorerst verhindert,
obwohl ein solches Gesetz in Bayern seit Jahren besteht.
Wir werden ja sehen, welche wahltaktischen Spielchen
die Union im Vermittlungsausschuss noch verabredet.
Vermutlich hat die Laienschauspielertruppe um Koch und
Müller schon geübt, wie sie das machen wird.

Wir haben den Menschen 1998 mehr soziale Gerech-
tigkeit versprochen und wir haben Wort gehalten. Diese
lange Liste könnte noch ergänzt werden. Bezogen auf eine
sozial- und arbeitsmarktpolitische Bilanz kann ich sagen:
Wir haben sogar mehr erreicht, als wir den Menschen
1998 versprochen haben.


(Beifall bei der SPD – Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Was? Das glauben Sie ja selber nicht!)


– Doch, das glaube ich; davon bin ich überzeugt.

(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Davon sind Sie auch noch überzeugt?)





Adolf Ostertag
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(D)



(A)



(B)


Ich könnte die Liste wirklich noch verlängern. Ich glaube,
wenn Sie heute Morgen bei der Debatte zum Sozialversi-
cherungssystem ein paar Stunden hier gewesen wären,
könnten Sie das nachvollziehen.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Aha!)

Aber welche Konzepte haben nun CDU und CSU zu

bieten? Wenn man Ihr Wahlprogramm liest, dann sieht
man, dass darin alles nach dem Motto geht: Jeder kümmert
sich am besten um sich selbst, dann ist für jeden gesorgt.
Sie nehmen in Kauf, dass alte, kranke, behinderte Men-
schen, die aus eigener Kraft mit den schnellen Verände-
rungen in unserer Gesellschaft nicht Schritt halten können,
auf der Strecke bleiben. Mit anderen Worten: CDU und
CSU wollen letztlich nichts anderes als den schleichenden
Rückzug des Sozialen aus der Gesellschaft.

Neu ist das nicht.

(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Was Sie hier sa gen, ist unerhört!)

Die Menschen in diesem Land wissen ganz genau, wer
vor 1998 für die Abkehr vom Sozialstaat verantwortlich
war. Ruinöse Staatsverschuldung, Plünderung der sozia-
len Kassen und ständig steigende Massenarbeitslosigkeit
unter der Regierung Kohl sind nicht vergessen. Stoiber
will genau hier weitermachen, wo Kohl aufgehört hat: De-
regulierung und Entsolidarisierung.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Damit es wieder aufwärts geht, ja!)


Zum Beispiel fragt die „Frankfurter Rundschau“ heute
in ihrem Kommentar – ich zitiere –:

Zu welchem Preis sollen der Einkommensteuerspit-
zensatz, die Staatsquote und die Sozialabgaben unter
die Schwelle von 40 Prozent gesenkt werden?

(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Dazu hat Herr Blüm eben einen Vortrag gehalten!)

Zum Preis der finalen Verwüstung öffentlicher Haus-
halte? Zum Preis der Zerschlagung des Sozialstaats?
Zum Preis von Leistungskürzungen in den Sozialver-
sicherungen? Will die Union nun Millionen Bezieher
von Niedrigeinkommen staatlich alimentieren?

(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Lesen Sie nach, was der Kanzler 1999 gesagt hat!)

Die Antworten auf diese Fragen bleiben Sie in Ihrem Pro-
gramm schuldig. Das wissen Sie. Ich sage Ihnen: Die
Menschen werden Ihnen das nicht durchgehen lassen. Sie
werden Ihnen nicht erneut auf den Leim kriechen.


(Beifall bei der SPD)

Eine Rückkehr zum armen Staat, den sich nur Reiche

und Superreiche leisten können – wie es Kohl und Waigel
eingeleitet haben und Stoiber & Co. vollenden wollen –,
wird es mit uns nicht geben.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Wer hat denn die Reichen in Deutschland noch reicher gemacht?)


Was haben Sie außer neuer Schuldenmacherei noch zu
bieten? Ganz oben auf Ihrer Liste steht erneut der massive
Abbau der Rechte von Arbeitnehmerinnen und Ar-
beitnehmern. Der Kündigungsschutz soll „rasiert“ wer-

den, das Betriebsverfassungsgesetz soll zurückgefahren
werden, Teilzeitregelungen sollen zurückgenommen wer-
den, die Tarifautonomie steht wieder auf der Tagesord-
nung – sie soll ausgehebelt werden – und letztlich folgt die
rigorose Verlagerung der Tarifvereinbarungen auf die be-
triebliche Ebene, die Sie vorhaben und die nichts anderes
heißt, als die Beschäftigten und die Betriebsräte erpress-
bar zu machen.

Dann haben Sie ein wunderbares Drei-Säulen-Modell
vorgelegt. Sie wollen den Bereich der geringfügig Be-
schäftigten ausweiten. Auch darüber ist heute schon dis-
kutiert worden. Die Folgen nehmen Sie in Kauf, nämlich
den systematischen, schleichenden Kollaps der gesetzli-
chen Rentenversicherung und natürlich auch die Ver-
schleuderung von Milliarden Euro an Steuergeldern durch
einseitige Subventionen.

Nennenswerte Beschäftigungseffekte können Sie so
nicht erzielen. Das haben Ihnen bereits namhafte Ökono-
men bescheinigt. Sie spekulieren auf 800 000 Arbeits-
plätze. Die Institute sprechen gerade einmal von 30000 Ar-
beitsplätzen. Das ist doch schon bezeichnend.

In Ihrer Wundertüte steckt auch Herr Späth, der eben
einmal ganz locker die Abschaffung der AB-Maßnahmen
für Ältere fordert und sagt, man sollte diese Menschen
doch lieber anderweitig einsetzen. Aber was heißt das
denn? Das sagt er natürlich nicht. Das heißt nichts ande-
res, als dass Herr Späth diese Frauen und Männer, die zum
Teil 30 Jahre und länger gearbeitet haben, in die Wüste
schicken will.

Meine Damen und Herren von der Union, ich kann Ih-
nen versichern: Die Menschen in diesem Land werden Ih-
nen keine Gelegenheit geben, diese rückwärts gewandte
Konzeption nach dem 22. September in die Tat umzuset-
zen. Die Koalitionsfraktionen von SPD und Bündnis 90/
Die Grünen setzen stattdessen weiterhin – wie es in unse-
rem Antrag steht – auf Chancen auf Arbeit für alle und
eine neue Offensive in der Arbeitsmarktpolitik.


(Beifall bei der SPD)

Im Gegensatz zu Ihnen grenzen wir niemanden aus,

sondern wir wollen allen ein Angebot auf Teilhabe in die-
ser Gesellschaft und am Erwerbsleben machen. Dazu ha-
ben wir in dieser Legislaturperiode viel erreicht, aber die
Arbeit wird weitergehen. Ich glaube, auf diesen Erfolgen
müssen wir aufbauen.

Gerade bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit müs-
sen und werden wir in den nächsten vier Jahren neue An-
strengungen unternehmen. Die Bekämpfung der Massen-
arbeitslosigkeit, die Schaffung von Beschäftigung ist und
bleibt erklärtermaßen das Ziel Nummer eins. Wir werden
auch in den nächsten vier Jahren mit aller Kraft dafür ar-
beiten. Frühzeitige Qualifizierung, passgenaue Vermitt-
lung und individuelle Hilfestellungen sollen jedem ein-
zelnen Arbeitsuchenden Chancen auf dem Arbeitsmarkt
eröffnen. Ich glaube, die Neuorganisation der Bundesan-
stalt, die für mehr Effizienz in der Arbeitsvermittlung
sorgt, wird dazu auch einen Beitrag leisten.

Die Opposition hatte 16 Jahre lang ihre Chance.

(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: So ist es!)





Adolf Ostertag

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Sie hat kläglich versagt und wurde zu Recht abgewählt.
Trotzdem legen Sie von der CDU/CSU ein Wahlpro-
gramm mit den alten verstaubten Rezepten und Verspre-
chen vor, die in keiner Weise zu finanzieren sind und un-
ser Land wieder in die Schuldenfalle treiben. Das hat die
Aktuelle Stunde eben noch einmal nachhaltig unterstri-
chen. Oder Sie schlagen Maßnahmen vor, die wir längst
schon auf den Weg gebracht haben.

Der „Münchner Merkur“, sozialdemokratischer Nähe
unverdächtig, bezeichnet das so genannte Wahlprogramm
der Union als Aufbruch der Schnecken. Das „Handels-
blatt“, auch kein sozialdemokratisches Blatt, bescheinigt
diesem Programm die Dynamik eines Faultiers und emp-
fahl dringend, bei dessen Lektüre für frische Luft im
Raum zu sorgen.


(Dirk Niebel [FDP]: Das klingt nicht anders als „ruhige Hand“!)


Den Kommentaren dieser Blätter ist eigentlich nichts hin-
zuzufügen. Deshalb brauchen wir weiterhin eine aktive
Arbeitsmarktpolitik, die auf Erneuerung setzt und gleich-
zeitig den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert.
Dafür steht diese Bundesregierung, dafür stehen die Ko-
alitionsfraktionen. Ich bin davon überzeugt: Nach der
Wahl werden wir unsere Arbeit fortsetzen und diesen Weg
weitergehen.

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423916000
Das Wort für
die CDU/CSU-Fraktion hat der Kollege Wolfgang
Meckelburg.


Wolfgang Meckelburg (CDU):
Rede ID: ID1423916100
Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolle-
ginnen und Kollegen! Was Sie, Herr Ostertag, in Ihrer ver-
mutlich letzten Rede vor diesem Bundestag vorgetragen
haben, erinnerte doch eher an den Versuch, Dinge so dar-
zustellen, dass eine Welt entsteht, wie Sie sie gerne sehen
würden, die aber in Wirklichkeit nicht besteht.


(Franz Thönnes [SPD]: Die Sie jetzt wieder verbiegen werden!)


Dem von Ihnen angeführten Zitat, unser Programm
entspreche dem Aufbruch von Schnecken, könnte ich jede
Menge Zitate entgegenstellen, die etwas anderes sagen.


(Peter Dreßen [SPD]: Er hat doch nur Zeitungen zitiert!)


– Ja, er hat zitiert. Dem könnte man eine Menge entge-
gensetzen.

Im Gegensatz zu einem Bundeskanzler, der sich selber
zur ruhigen Hand bekennt – ich habe einmal in anderem
Zusammenhang hier gesagt, dass die ruhige Hand, die die
Räder anhält, ein früherer Spruch der Gewerkschaften ist;
man hat häufig das Gefühl, dass sie heute im Kanzleramt
sitzt und nichts mehr bringt –, ist ein Aufbruch der
Schnecken schon ein Riesenschritt. Sie sind gerade noch
in der Lage, mit der ruhigen Hand die rote Laterne in Be-

zug auf alle wesentlichen Daten im europäischen Ver-
gleich hochzuhalten und den blauen Brief in Empfang zu
nehmen. Mehr ist Ihre Politik nicht mehr wert.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Lachen bei der SPD – Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Die ruhige Hand gehört in den Ruhestand!)


Dann haben Sie, Herr Ostertag, von sozialer Gerech-
tigkeit gesprochen. Darauf entgegne ich Ihnen in aller
Deutlichkeit: Es gibt eine lange Liste von Maßnahmen,
die Sie umgesetzt haben. Wenn wir diese umgesetzt hät-
ten, wäre uns das von den Gewerkschaften massiv vorge-
worfen worden. Aber Sie haben das alles umgesetzt. Da-
bei ist nicht mehr soziale Gerechtigkeit, sondern mehr
soziale Ungerechtigkeit herausgekommen.


(Klaus Brandner [SPD]: Herr Meckelburg, woher wissen Sie das? – Adolf Ostertag [SPD]: Lohnfortzahlung, Kündigungsschutz – sagen Sie dazu einmal inhaltlich etwas!)


– Ja, vertreten Sie das ruhig offensiv vor der Wahl bei der
Bevölkerung.

Ich nenne nur ein paar Beispiele. Erklären Sie den Leu-
ten, wieso die großen Betriebe keine Körperschaftsteuer
mehr zahlen; das brachte im Jahr 2000 noch Einnahmen
in Höhe von 20 Milliarden.


(Franz Thönnes [SPD]: Quatsch! Warten Sie auf die Steuerschätzung!)


Heute ist die Körperschaftsteuer, also das, was die Groß-
betriebe eigentlich an den Staat zahlen müssten, auf staat-
licher Seite zu einem Ausgabeposten mutiert. Sie müssen
einmal klar machen, was es mit sozialer Gerechtigkeit zu
tun hat, wenn die kleinen Leute mehr Beiträge in die So-
zialversicherung zahlen müssen und durch die Ökosteuer
abgezockt werden und bei der Arbeitslosigkeit keine Be-
wegung zu erkennen ist.


(Klaus Brandner [SPD]: Was hat das mit der Körperschaftsteuer zu tun?)


Das ist im höchsten Maße sozial ungerecht. Das sagen wir
auch ganz deutlich.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Die Reichen reicher, die Armen ärmer!)


Ich nehme einmal ein anderes Beispiel – man könnte
wirklich eine ganze Liste von Maßnahmen aufstellen, die
Sie in der jetzigen Legislaturperiode umgesetzt haben –:
Die Beiträge, die der Staat für die Arbeitslosen in die Ren-
ten- und Pflegekasse zahlt, haben Sie massiv gekürzt. Sie
haben damit Altersarmut vorprogrammiert. Das ist Be-
standteil Ihrer sozial ungerechten Politik gewesen. Reden
Sie hier nicht von sozialer Gerechtigkeit. Der Zug ist für
die SPD in dieser Wahlperiode wirklich abgefahren.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: So ein Unsinn!)


Ich wollte eigentlich etwas ganz anderes sagen, aber
Folgendes muss klargestellt werden, Herr Ostertag, wenn
Sie hier sagen, die Staatsquote solle auf unter 40 Prozent




Adolf Ostertag
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(B)


zurückgeführt werden. Nehmen Sie bitte zur Kenntnis,
dass die Rückführung der Staatsquote auf unter 40 Pro-
zent ein langfristiges Ziel ist. Aber die Richtung stimmt.
Warum soll das, wenn wir das fordern, falsch sein, wenn
es noch richtig war, als es Bundeswirtschaftsminister
Müller zu Beginn dieser Legislaturperiode gesagt hat? Im
Wirtschaftsbericht 1999 hat er wörtlich eine Rückführung
der Staatsquote auf unter 40 Prozent gefordert.


(Adolf Ostertag [SPD]: Dreimal 40 haben Sie gesagt!)


Sie haben diese Richtung aber nicht eingeschlagen.
Wir haben es in den 80er-Jahren geschafft, von einer

Staatsquote von über 51 Prozent auf ungefähr 45 Prozent
herunterzukommen. Das war ein langer Weg. Trotzdem
haben wir positiv Sozialpolitik machen können,


(Peter Dreßen [SPD]: Mit Schulden habt ihr das gemacht!)


weil wir Wachstum hatten. Genau diesen Weg wollen wir
wieder gehen.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Auf den 22. September! – Peter Dreßen [SPD]: Schulden machen!)


Lassen Sie mich ein paar Dinge zu Ihrem Antrag sagen.

(Klaus Brandner [SPD]: Eine gute Bilanz!)


Ich habe ihn gelesen; es gibt ihn ja seit gestern Abend. Die
Überschrift haben Sie noch zweimal geändert; das lasse
ich jetzt einmal weg. Ich muss wirklich sagen: Dieser An-
trag ist schon ziemlich dreist. Wo immer Sie hinschauen,
gibt es massive Kritik an Ihrer Politik.


(Klaus Brandner [SPD]: Das hätten Sie gern!)

Es gibt Alternativen ohne Ende. Es ist auch in der Bevöl-
kerung weit verbreitet, dass Sie es in den vier Jahren nicht
gepackt haben, denn sonst hätten Sie andere Umfrage-
zahlen. Dennoch schaffen Sie es, hier einen Antrag vor-
zulegen – ich habe dem Kollegen Brandner gestern schon
gesagt, dass das eine Art Argumentationspapier für Kolle-
gen aus anderen Ausschüssen ist, die hören wollen, was in
dem Bereich überhaupt gemacht worden ist –,


(Klaus Brandner [SPD]: Eine gute Bilanz! Fakten, Fakten, Fakten!)


in dem Sie dreist schreiben:
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest
Positive Bilanz

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Franz Thönnes [SPD]: Lesen Sie mal weiter vor!)


So geht es los. Wenn Sie hier mit Mehrheit beschließen
wollen, dass Ihre Bilanz positiv ist, dann tun Sie bitte auch
das noch. Draußen glaubt Ihnen das aber längst kein
Mensch mehr.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Jetzt komme ich zum zweiten Teil. Da haben Sie zwölf

Aufforderungen an die Bundesregierung aufgelistet. Wenn

man die liest, muss man sich fragen: Was haben Sie ei-
gentlich die letzten vier Jahre gemacht? Die zwölf Punkte,
die in Ihrem Antrag stehen, sind zwölf Aufforderungen zu
prüfen und zu suchen: Die Bundesregierung möge prüfen,
an einer Stelle möge sie sogar suchen usw. Für eine Partei,
die den Anspruch hat, soziale Gerechtigkeit verwirklicht
und auf dem Arbeitsmarkt etwas erreicht zu haben, sind
Prüf- und Suchaufträge der letzte Anker. Deswegen hätten
Sie diesen Antrag heute besser nicht eingebracht.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: In der Bibel steht ja: Wer suchet, der findet!)


Ich hätte gerne zu ein paar Dingen noch etwas gesagt;
aber wir haben ja noch zwei weitere Redner. Zwei, drei
Punkte möchte ich jedoch noch nachfragen, weil ja im
Verlauf der Debatte der Bundesarbeitsminister redet. Ich
fände es schon interessant, Herr Bundesarbeitsminister,
wenn Sie uns gleich einmal mitteilen, warum Sie in Be-
zug auf das Job-AQTIV-Gesetz einen Vermerk an den
neuen Vorstandsvorsitzenden der Bundesanstalt für Ar-
beit, Herrn Gerster, geschrieben haben,


(Klaus Brandner [SPD]: Wir reden über unseren Antrag, über die gute Bilanz!)


warum Sie mit der Umsetzung unzufrieden sind und was
Sie an weiteren Dingen erwarten, die Ihnen das Leben im
Wahlkampf einfacher machen könnten.

Wenn man sich einmal die Abgänge aufgrund des Job-
AQTIV-Gesetzes in die Nichterwerbstätigkeit anschaut,
sieht man, dass es ein Riesending ist, wie Sie die Zahl der
Arbeitslosen statistisch herunterbringen.


(Klaus Brandner [SPD]: 1,2 Millionen mehr Erwerbspersonen!)


Dennoch können wir feststellen – wir werden das morgen
sehen –, dass Sie das Ziel von 3,5 Millionen Arbeitslosen
nicht erreichen werden. Man hätte locker auf diese Zahl
kommen können; denn jährlich sind 200 000 ältere Men-
schen mehr aus dem Arbeitsmarkt ausgestiegen, als junge
eingestiegen sind. Sie werden im Schnitt des Jahres bei
knapp unter 4 Millionen bleiben. Sie werden bei den Zah-
len, die wir morgen hören werden, auch merken: Die
Arbeitslosenzahl ist zwar wieder einmal saisonal bedingt
zurückgegangen – um gut 150 000 –, aber sie wird dennoch
wieder gut über 150 000 über der des Vorjahres liegen.

Das ist der eigentliche Punkt. Sie gehen mit dem An-
spruch, auf dem Arbeitsmarkt etwas verwirklicht zu ha-
ben, ins Wahljahr und müssen sich Monat für Monat nach-
weisen lassen, dass die Zahl der Arbeitslosen über der des
Vorjahres liegt


(Klaus Brandner [SPD]: Es ist das erste Mal, dass nach einer Krise die Arbeitslosigkeit nicht größer geworden ist!)


und dass die saisonal bereinigte Zahl der Arbeitslosen seit
Dezember 2000 fast jeden Monat steigt.

Das ist keine positive Bilanz. Deswegen dürfen Sie ei-
nen solchen Antrag eigentlich nicht beschließen. Sie kön-
nen es tun, aber draußen wird Ihnen das kein Mensch
glauben.


(Klaus Brandner [SPD]: Es ist die Unwahrheit, die Sie gesagt haben!)





Wolfgang Meckelburg

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(D)



(A)



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Ich habe mich leider auf ein paar Dinge beschränken
müssen.


(Klaus Brandner [SPD]: Hat Ihnen die Fraktion nicht mehr Zeit gelassen?)


Ich hätte gern noch mehr zu dem Antrag gesagt, aber es
mussten wenigstens ein paar Dinge, die heute schon
mehrfach falsch von Ihnen zitiert worden sind, zurecht-
gerückt werden.

Ich danke Ihnen fürs Zuhören. Ihnen, Herr Ostertag,
wenn es denn Ihre letzte Rede war


(Adolf Ostertag [SPD]: Abwarten!)

– wenn nicht, dann sage ich es noch einmal; trotzdem sage
ich es jetzt schon –, für die Zusammenarbeit herzlichen
Dank und alles Gute.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423916200
Für die
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen spricht die Kollegin
Thea Dückert.


Dr. Thea Dückert (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423916300

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir
hatten vorhin schon einmal Gelegenheit, zu den Sozial-
versicherungssystemen zu reden. Da habe ich etwas Er-
staunliches festgestellt. Wir haben in dem abschließenden
Beitrag von Herrn Blüm noch einmal ein gutes Bei-
spiel dafür bekommen, wie auch hier mit Taschenspieler-
tricks versucht wird, sich hinsichtlich dessen, was die
CDU/CSU uns als Programm vorlegt, gesundzurechnen.
Herr Blüm hat auf meine Frage, wie denn 170 Milliar-
den Euro Steuerausfälle bei der von Ihnen vorgeschla-
genen 40 : 40 : 40-Politik zu finanzieren seien, vorge-
rechnet, dass 100 000 Arbeitslose weniger 1,5 Milliarden
Euro Einsparungen in der Arbeitslosenversicherung brin-
gen. Das ist natürlich richtig. Nur, wenn man sich vor Au-
gen führt, wie diese Summe von 170 Milliarden Euro im
Verhältnis zu 1,5 Milliarden steht, fragt man sich, was da
gerechnet wird. Wenn man sich vorstellt, was uns Herr
Blüm als damals verantwortlicher Minister zurückgelas-
sen hat, nämlich 4,3 Millionen Arbeitslose, fragt man sich
doch, warum er diese so genannte Sparkasse über die Sen-
kung der Arbeitslosigkeit damals nicht genutzt hat.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Sie landen bei knapp unter 4 Millionen! Eine Glanzleistung!)


Wenn ich mir das alles vor Augen führe, komme ich zu
dem Ergebnis: Das war keine seriöse Rechnung von
Norbert Blüm, sondern eher eine Rechnung, die man zum
Beispiel eher Benjamin Blümchen zutrauen könnte.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Wolfgang Meckelburg [CDU/ CSU]: Er hat auch was über das Wirtschaftswachstum gesagt! – Klaus Brandner [SPD]: Und dann wundern wir uns über PISA!)


Ich will damit zum Ausdruck bringen, dass es falsch ist,
wenn Herr Blüm oder Herr Stoiber oder auch Herr Späth

hier versuchen, zu suggerieren, es gebe bei der Arbeits-
marktpolitik so etwas wie eine Wunderwaffe. Der
Arbeitsmarkt ist kein Hut, aus dem man ein Kaninchen
zaubern kann. Wir brauchen auf dem Arbeitsmarkt ein Bün-
del von Maßnahmen in der Finanzpolitik, in der Haushalts-
politik, in der Arbeitsmarktpolitik und natürlich – da sind
sich hier alle immer einig – auch in der Mittelstandspolitik,
weil der Mittelstand der Motor für mehr Beschäftigung ist.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Da haben Sie Recht!)


Wir brauchen ein Bündel von Maßnahmen, aber es ist
ein großer Irrtum, wenn Sie meinen, das würde bedeuten,
dass jedes Mittel recht ist. Der große Irrtum besteht zum
Beispiel darin, Menschen aus dem Arbeitsmarkt auszu-
grenzen, um die Arbeitslosigkeit zu senken. Beispiels-
weise ist Ihr Vorschlag mit dem stoiberschen Familien-
geld – der bedeutet: Frauen zurück an den Herd –


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Wo haben Sie den Quatsch denn her? Hören Sie mit dem Quatsch auf! Das bleibt Quatsch, auch wenn Sie es wiederholen!)


nichts anderes als der Versuch, Frauen aus dem Arbeits-
markt auszugrenzen. Wir brauchen an dieser Stelle die Inte-
gration, die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Daraus wird eine vernünftige Arbeitsmarktpolitik. Die
Nachbarländer haben es uns vorgemacht. In den Ländern, in
denen die Frauenerwerbstätigkeit hoch ist, ist die Arbeitslo-
sigkeit niedrig und insgesamt die Erwerbsquote höher.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Der gleiche Irrtum, dem Sie mit Ihre Vorschlägen zur Ar-
beitsmarktpolitik aufsitzen, bezieht sich auf die Gruppe der
älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Herr
Späth sagt allen Ernstes, für ältere Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer sei eine Qualifizierung nicht mehr notwen-
dig, ja geradezu herabsetzend. Er schlägt vor, dass ältere Ar-
beitslose – dazu zählen diejenigen über 50; man muss sich
auch einmal überlegen, was man damit eigentlich sagt – in
sozialen Diensten der Kommunen, beispielsweise in der
Altenpflege, tätig werden sollen. Das stellen Sie sich bitte
einmal vor. Es kann doch nicht ernst gemeint sein, dass bei-
spielsweise ein 52-jähriger Ingenieur aus den neuen Län-
dern plötzlich überhaupt keine Chance mehr bekommt,
seine Qualifikation an die wirtschaftliche Entwicklung an-
zupassen, sondern in der Altenpflege tätig werden soll! Das
kann doch keine Arbeitsmarktpolitik sein.

An dieser Stelle will ich Ihnen eines sagen: Der ganze
Ansatz, der von Ihnen vorgeschlagen wird, geht, wie in
den 90er-Jahren, in die falsche Richtung. In den 90er-Jah-
ren haben Sie unter Anwendung unterschiedliche Instru-
mente mit der Politik der Frühverrentung angefangen.
Das war ein Irrweg. Dänemark hat diesen Weg längst be-
endet und ist aus der Frühverrentung ausgestiegen. Auch
hier gilt: Integriert man mehr ältere Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer in den Arbeitsmarkt, führt dies dazu,
dass die Erwerbsbeteiligung insgesamt zunimmt und die
Arbeitslosigkeit sinkt. Frühverrentung ist also Gift.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Was machen Sie denn zurzeit? Vorruhestand, Altersteilzeit und Frühverrentung!)





Wolfgang Meckelburg
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(C)



(D)



(A)



(B)


– Herr Meckelburg, die Altersteilzeit ist ein gutes Ange-
bot an ältere Arbeitnehmer, länger in ihrem Beruf bleiben
zu können, sich aber den Anstrengungen, die sich ihnen
im Alter häufig stellen, nicht mehr so sehr aussetzen zu
müssen. Wenn sie richtig angewandt wird, ist sie eine Ent-
lastung. Deswegen war dies ein gutes Stichwort. Ich bin
fest davon überzeugt, dass Altersteilzeit in Zukunft nicht
mehr verblockt werden sollte. Zumindest sollten wir die
Förderung der Altersteilzeit über öffentliche Mittel, wenn
sie verblockt wird, nicht fortsetzen.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Oh, welche Erkenntnis!)


– Ja, das ist ein Vorschlag. Ich denke, wir müssen ganz an-
ders mit den verschiedenen Elementen von Teilzeitarbeit
umgehen.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Und nach der Wahl werden Sie wieder schlappmachen!)


Beispielsweise könnten wir dann in einem zweiten
Schritt, wenn wir die Blockbildung aufgelöst und die
Frühverrentungspraxis gestoppt haben, an Teilzeitange-
boten auch für Jüngere denken.

Der nächste Irrtum, dem Sie mit Ihrer Arbeitsmarktpo-
litik aufsitzen, ist, Sie meinen, dass mit einer Politik des
Heuerns und Feuerns – schneller einstellen und schneller
entlassen können – irgendetwas gewinnen zu können. Sie
diskutieren zum Beispiel über entsprechende Änderungen
des Kündigungsschutzes.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Klassenkampf!)


Meine Damen und Herren, weil wir am Arbeitsmarkt
mehr Flexibilität brauchen, benötigen wir die Kombina-
tion von mehr Flexibilität und Sicherheit. Wenn wir über
den Kündigungsschutz sprechen, dann können wir über
unterschiedliche Modelle diskutieren. Ich zum Beispiel
finde den Ansatz Dänemarks interessant. Dort geht man
mit 90 Prozent des Arbeitslosengeldes auch anders mit
dem Kündigungsschutz um. Dabei sind zwei Punkte
wichtig:

Erstens. Wenn man über Arbeitnehmerrechte spricht
und sie verändert, geht es immer um soziale Sicherheit.

Zweitens. Beim Kündigungsschutz sollten wir uns kein
X für ein U vormachen. Der Kündigungsschutz an sich – so
oder so verändert – bringt keinen zusätzlichen Arbeitsplatz.
Das hat die Vergangenheit gezeigt. Was er beeinflusst, ist
das Einstellungsverhalten im Aufschwung und im Ab-
schwung. Das ist richtig. Aber er bringt keinen zusätzlichen
Arbeitsplatz. Deswegen ist es eine Milchmädchenrech-
nung, wenn Sie diesen Aspekt als eine Lösung zur Steige-
rung der Beschäftigung anbieten. Die Arbeitsmarktpolitik,
die Sie vorschlagen, ist nicht seriös.


(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN und der SPD)


Der nächste Punkt, den ich anspreche, behandelt die
Fragen der Flexibilität und Sicherheit. Sie wollen für die-
jenigen, die arbeitsfähig sind, die Sozialhilfe senken. Ich
frage Sie: Welchen zusätzlichen Arbeitsplatz soll das brin-

gen? Es ist klar, dass dadurch kein zusätzlicher Arbeits-
platz geschaffen würde. Aber eine solche Maßnahme
würde zu mehr Unsicherheit und mehr Armut führen.

Richtig ist, dass wir über eine Verzahnung bzw. auch
Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozial-
hilfe diskutieren und sie auf den Weg bringen müssen.
Richtig ist auch, dass wir für die Menschen, die arbeitslos
geworden sind, Hilfe aus einer Hand – sofort und mit Ein-
gliederungsplänen für alle – sowie eine viel bessere Be-
treuung vom ersten Tag der Arbeitslosigkeit an brauchen.
Das können wir über eine Zusammenlegung erreichen.
Dafür – das muss ich übrigens auch an die Adresse von
CDU und CSU sagen –, brauchen wir die Sanktionen
nicht zu verschärfen. Diese sind hart genug. Vielmehr
müssen wir die Hilfsangebote für jeden Arbeitslosen ver-
bessern. Dafür brauchen wir auch keine kochschen Vor-
schläge. Durch die vielen MoZArT-Modelle haben wir
ein ganzes Köchelverzeichnis zur Verfügung. Herrn Koch
brauchen wir dafür nicht.

An diesem Punkt möchte ich noch eines anmerken
– gerade hier wird klar, wie unterschiedlich wir sozial-
und arbeitsmarktpolitisch denken –: Die Zusammenle-
gung der Sozialhilfe mit der Arbeitslosenhilfe ist für kei-
nen Haushalt ein Sparschwein. Es kann nicht angehen,
solche Vorschläge zu unterbreiten wie es Herr Stoiber ge-
macht hat: Die Finanzierung des Familiengeldes über die
Sozial- und Arbeitslosenhilfe sicherzustellen ist ein voll-
ständig unsozialer Ansatz.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Das ist doch Blödsinn hoch drei, was Sie hier sagen! Keine Ahnung! – Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Sie sollten das Programm wirklich einmal lesen!)


– Ich höre zu und lese Ihre Programme. Ich weiß, dass sich
bei Ihnen viele über die eigenen Programme nicht im Kla-
ren sind bzw. sich nicht darum scheren. Herr Späth zum
Beispiel gibt zu, dass er die Programme nicht liest. Des-
wegen kann er auch frei aufspielen und braucht den Blöd-
sinn, den Sie in Ihrem Programm verzapfen – beispiels-
weise mit dem 40:40:40-Modell –, nicht zu unterstützen.
Er sagt sehr deutlich, dass unser Ansatz der Steuerreform
in die richtige Richtung geht. Das wollte ich nur sozusa-
gen in Klammern angemerkt an Sie gerichtet sagen.

Wir können zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit an
verschiedenen Punkten ansetzen: erstens durch eine in-
novative Wirtschaftspolitik.Wir müssen mit der Förde-
rung von innovativen Techniken, zum Beispiel im Be-
reich der Energieeinspartechniken, weitermachen. Hier
haben wir gerade im Mittelstand, den Sie so gut zu ver-
treten meinen, neue Arbeitsplätze geschaffen. Es ist fatal,
dass Sie nichts anderes machen wollen, als genau diese
zukunftsweisende Wirtschaftsförderung für den Arbeits-
markt einzustampfen.

Wir können zweitens am Arbeitsmarkt vorankommen,
wenn wir die Dauer der Arbeitslosigkeit wirklich reduzie-
ren. Dafür haben wir das Job-AQTIV-Gesetz. Die Ent-
wicklung zeigt im Moment, dass die Bundesanstalt für Ar-
beit, die sich in einem Reformprozess befindet, noch sehr
viel tun muss, um das, was wir an Instrumenten und Geld
zur Verfügung stellen, richtig umzusetzen.




Dr. Thea Dückert

23923


(C)



(D)



(A)



(B)


Ich komme zum Schluss, Herr Präsident, da Sie mich
durch das Blinken auf meine abgelaufene Redezeit auf-
merksam machen.


Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423916400
Schön, dass
Sie es merken.


Dr. Thea Dückert (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423916500

Mein letzter Punkt: Wir müssen natürlich etwas für die
Menschen tun, die Schwierigkeiten haben, in den Ar-
beitsmarkt hineinzukommen. Das ist gerade im Bereich
der gering Qualifizierten ein Problem, das sich aber
nicht durch flächendeckende Subventionierung des Nied-
riglohnsektors, die Sie vorschlagen, lösen lässt. Ich nenne
als Stichwort das Negativsteuermodell, das die FDP vor-
schlägt. Das ist überhaupt nicht zu finanzieren und führt
zu Lohndumping. Wir schlagen stattdessen eine systema-
tische Reduzierung der Lohnnebenkosten in diesem Be-
reich, ein Konzept zur Überwindung der Teilzeitmauer
und ein Einstiegsgeld für Langzeitarbeitslose vor.

Es gibt hier noch viele innovative Konzepte, zum Bei-
spiel zur Unterstützung von haushaltsbezogenen Dienst-
leistungen über Dienstleistungsagenturen. Da wollen wir
weitermachen, wir werden die Reformen fortsetzen. Ihre
Vorschläge werden außer in Ihren Köpfen keinen zusätz-
lichen arbeitsmarktpolitischen Effekt auslösen können.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423916600
Für die
FDP-Fraktion spricht der Kollege Dirk Niebel.


Dr. h.c. Dirk Niebel (FDP):
Rede ID: ID1423916700
Herr Präsident! Meine sehr ver-
ehrten Damen und Herren! Die Bekämpfung der Arbeits-
losigkeit ist das wichtigste innenpolitische Thema in
Deutschland. Dies ist auch deshalb so wichtig, weil viele
Menschen unmittelbar davon betroffen sind, und das auch
unter Ihrer Regierung. Bei knapp 4 Millionen Arbeitslo-
sen dürfen Sie nicht vergessen, dass diese Zahl keine feste
Größe, keine statische Masse ist, sondern dass sie ständig
andere Menschen umfasst: Einige kommen hinzu, andere
fallen raus. Um diese 4 Millionen Menschen herum gibt
es ein soziales Umfeld, das unter der existenziellen Be-
drohung mit zu leiden hat. Deswegen finde ich es schon
bemerkenswert, dass Sie hier nach fast vier Jahren Ihrer
Regierungszeit mit Ihrer Mehrheit beschließen lassen
wollen, dass Sie im Bereich der Arbeitsmarktpolitik er-
folgreich gewesen sind.


(Peter Dreßen [SPD]: Besser als ihr!)

Wenn ich das lese, fällt mir ein schönes altes deutsches
Sprichwort ein, das leicht abgewandelt heißen müsste:
Lügen haben kurze Beine, kürzer sind nur Riester seine.


(Beifall bei Abgeordneten der FDP – Zurufe von der SPD: Oh! – Christine Scheel [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Eine Glanzleistung!)


Das kann ich auch belegen: Wenn Sie durch die Gegend
rennen und den Menschen erzählen, es gäbe 1 Million

mehr Arbeitsplätze als früher, verschweigen Sie, dass ein
Großteil derer durch Ihre Neuregelung der 630-Mark-Ge-
setzgebung entstanden ist. Sie verschweigen dabei, dass
das Statistische Bundesamt feststellt, dass im ersten Quar-
tal 2002 die Anzahl der Erwerbstätigen auf 38,2Millionen
gesunken ist. Sie verschweigen, dass die Anzahl der ge-
leisteten Arbeitsstunden sinkt und dass das Arbeitsvolu-
men in der Gesellschaft insgesamt sinkt.


(Zuruf von der FDP: Das ist ein Problem!)

Sie stellen es als großen Erfolg im Bereich der Arbeits-

marktpolitik dar, dass es fast 500000 Arbeitslose weniger
als unter der alten Regierung gibt. Dabei verschweigen Sie
aber, dass Jahr für Jahr rund 200000 Menschen mehr aus
Altersgründen aus dem Arbeitsleben ausscheiden als neue
hinzukommen. Faktisch ist die Arbeitslosigkeit heute
höher, als sie es unter der alten Bundesregierung war.


(Rainer Brinkmann [Detmold] [SPD]: Wo sind denn die Zahlen her? – Weiterer Zuruf von der SPD: Das stimmt doch gar nicht!)


Sie tun so, als hätten Sie Ihre Hausaufgaben gemacht.
Um Arbeitsplätze zu schaffen, brauchen wir etwas, was

Sie während Ihrer gesamten Regierungszeit noch nicht
einmal im Ansatz geschaffen haben: Wir brauchen einen
Arbeitsmarkt, auf dem der Begriff Markt stärker zur Gel-
tung kommt.


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Haben Sie das eigentlich mit Herrn Möllemann abgesprochen?)


Wir brauchen eine Deregulierung und weit weniger büro-
kratische Hemmnisse, um Arbeitsplätze überhaupt erst
schaffen zu können.


(Erika Lotz [SPD]: Erklären Sie das doch einmal! Werden Sie doch einmal konkret!)


Ihre Gesetzgebung hat exakt das Gegenteil bewirkt. Al-
lein die Senkung des Schwellenwertes beim Kündigungs-
schutz von zehn auf fünf Arbeitnehmer hat dazu geführt,
dass 250 000Arbeitsplätze in den Betrieben, die eigentlich
einen sechsten, siebten, achten oder neunten Arbeitnehmer
einstellen wollten, nicht besetzt worden sind.


(Beifall bei der FDP – Lachen bei der SPD)

Das wäre ein Beschäftigungsprogramm gewesen, für das
Sie keinen einzigen Cent an Steuergeldern hätten aufbrin-
gen müssen.

Hinsichtlich des Teilzeitpflichtgesetzes hätten Sie das
Gleiche tun können. Aus der deutschen Wirtschaft erhal-
ten wir die Rückmeldung, dass insbesondere diejenigen,
denen Sie eigentlich helfen wollten, unter der neuen
Regelung zu leiden haben: Insbesondere junge Frauen
werden nicht eingestellt, weil die „Gefahr“ zu groß ist,
dass sie zu einem späteren Zeitpunkt den Wunsch äußern,
Teilzeit arbeiten zu wollen. Sie können doch nicht versu-
chen, einen gesamtgesellschaftlichen Sinneswandel bei
der Erhöhung der Teilzeitquote durch gesetzliche Regle-
mentierungen durchzusetzen.

Erlauben Sie mir, auf unseren Antrag zur neuen Struk-
tur der Arbeitsmarktpolitik zu sprechen zu kommen, der




Dr. Thea Dückert
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(C)



(D)



(A)



(B)


gerade dadurch aktuell ist, weil Sie durch Ihre Schnell-
schüsse bei der Neustrukturierung der Bundesanstalt wie-
der einmal am Ziel vorbeigeschossen haben. Der Kanzler
schickt seinen Arbeitsminister vor, der sagt: Wir schaffen
Wettbewerb und führen dazu Vermittlungsgutscheine
ein. Innerhalb einer Woche rudert die SPD-Bundestags-
fraktion zurück. Die Vermittlungsgutscheine waren sehr
„erfolgreich“: Von 25 000 ausgegebenen Gutscheinen
wurden sage und schreibe – Stand 7. Mai – 41 tatsächlich
eingelöst. Das zeigt den Fehler des Grundansatzes Ihres
Konzeptes. Bei diesen Vermittlungsgutscheinen, die Sie
aus ideologischen Gründen falsch konzipiert eingeführt
haben, gibt es nämlich drei Kardinalfehler:

Erster Kardinalfehler. Die Höhe der Bezuschussung
– Sie sehen Zahlungen in Höhe von 1 500, 2 000 oder
2 500 Euro vor – orientiert sich allein an der Dauer der Ar-
beitslosigkeit. Ihr Entwurf hat ursprünglich eine marktge-
rechte Entlohnung in Höhe von zwei- bis zweieinhalb
Bruttomonatslöhnen bei einer Vermittlung im qualifizier-
ten Bereich vorgesehen. Die SPD-Bundestagsfraktion hat
diesen Vorschlag jedoch wieder einkassiert, weil Sie in
diese Richtung überhaupt nicht denken wollten.

Zweiter Kardinalfehler. Fragen des Alters, der Qualifi-
kation und der gesundheitlichen Leistungsfähigkeit werden
in keiner Weise berücksichtigt bei der Höhe dessen, was ein
privater Arbeitsvermittler verdienen könnte, vorausgesetzt
es hätte sich eine private Vermittlungsstruktur in Deutsch-
land gebildet. In der Konsequenz bedeutet das, dass bei den
zu niedrig angesetzten Vemittlungsgeldern und der
falschen Beurteilung der Kritierien, die für die Entlohnung
ausschlaggebend sind, die privaten Vermittler keinen wirt-
schaftlichen Anreiz haben, in diesem Segment flächen-
deckend bundesweit zu arbeiten. Neue Vermittler überle-
gen es sich sehr gut, ob sie in diesen Markt eintreten wollen.

Der dritte Kardinalfehler bei der Ausgestaltung der
Vermittlungsgutscheine besteht darin, dass Sie keinen
echten Wettbewerb geschaffen haben.


(Beifall bei der FDP)

Einen Wettbewerb hätten Sie geschaffen, wenn Sie den
Arbeitssuchenden eine Nachfragemacht gegeben hätten,
damit sie zu dem Arbeitsvermittler ihres Vertrauens hät-
ten gehen können. Das kann der private Arbeitsvermittler
sein; das kann aber auch der staatliche Arbeitsvermittler
sein. Sie schaffen nur dann Wettbewerb, wenn Sie zu-
mindest die erfolgsabhängigen Einkommenskomponen-
ten durch die Einlösung der Vermittlungsgutscheine refi-
nanzieren.

Mit der Hartz-Kommission haben Sie ein Projekt ge-
startet, das zeitnah vor der Bundestagswahl holzschnittar-
tig einige Zielmarken definieren wird. Weil die Zusam-
mensetzung der Kommission der des Bündnisses für
Arbeit fatal ähnelt, muss man sich allerdings Sorgen ma-
chen. Die Ergebnisse dieses Bündnisses waren wirklich
nicht sonderlich hilfreich.

Sie müssen sich darauf einstellen, dass Sie, um hin-
sichtlich der staatlichen Arbeitsvermittlung echte Effizi-
enzsteigerungen zu erreichen, weitere Schritte gehen
müssen: Die Arbeitsämter vor Ort müssen die Kompetenz
haben. Das bedeutet, dass die Landesarbeitsämter abge-
schafft werden müssen. Die Arbeitsmarktpolitik muss

von der Versicherungsleistung abgetrennt werden. Die
drittelparitätische Selbstverwaltung von Arbeitgeber- und
Arbeitnehmerfunktionären sowie von denjenigen, die ihre
öffentlichen Hände in Unschuld waschen, muss hinsicht-
lich ihrer Zukunftsfähigkeit überdacht werden. Sie müssen
die Arbeitsverwaltung marktgerecht und konkurrenzfähig
machen. Das bedeutet, dass ein staatlicher Arbeitsver-
mittler nicht mehr mindestens 50 Prozent seiner Arbeits-
zeit mit irgendwelchen Verwaltungstätigkeiten verbringt,
sondern stattdessen in die Betriebe geht und sich an-
schaut, wie ein Arbeitsplatz aussieht, den er besetzen soll,
und in welchem sozialen Umfeld er angesiedelt ist. Ein
Fliesenleger im Betrieb A und ein Fliesenleger im Betrieb
B brauchen nicht zwingend dieselben Voraussetzungen
mitzubringen.


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Als ob Sie etwas davon verstünden!)


Die formale Qualifikation ist von Betrieb zu Betrieb so
unterschiedlich einzuschätzen, dass man gar nicht sagen
kann, ob ein Arbeitnehmer wirklich geeignet ist, in einer
bestimmten Firma anzufangen, wenn man sich den Ar-
beitsplatz nicht angeguckt hat. Dafür müssen Sie die Vo-
raussetzungen schaffen.

Deswegen sage ich Ihnen zum Abschluss: Die FDP ist
die Partei der sozialen Verantwortung, weil wir mit unse-
ren arbeitsmarktpolitischen Anträgen dafür sorgen wol-
len, dass die Menschen in die Lage versetzt werden, über-
haupt in den Arbeitsmarkt zurückzukehren, und Ihre
Kartellpolitik der Arbeitsplatzbesitzenden gegenüber den
Arbeitsplatzsuchenden endlich ein Ende hat.

Vielen Dank.

(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Erika Lotz [SPD]: Die Rede von Herrn Niebel werden wir mal unter den Arbeitsämtern verbreiten, bei den Personalräten!)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423916800
Für die
Fraktion der PDS spricht der Kollege Dr. Klaus Grehn.


Dr. Klaus Grehn (PDS):
Rede ID: ID1423916900
Herr Präsident! Liebe Kolle-
ginnen und Kollegen! Die Anträge von FDP und CDU/
CSU sind meines Erachtens weitgehend überholt. Sie ent-
halten erstens bereits Geregeltes, zweitens Dinge, die be-
reits eingeleitet sind, und drittens manches, was durch
nachträglich eingereichte Anträge, die wir hier irgend-
wann noch behandeln werden, erneuert, präzisiert und er-
weitert, wahrlich aber nicht verbessert werden soll. Masse
ist nicht Klasse. Würde das verwirklicht, was in diesen
Anträgen vorgeschlagen wird, würde sich die Lage der
Ausgegrenzten, Armen, Arbeitslosen, Arbeitslosenhilfe-
und Sozialhilfeempfänger weiter verschlechtern.

Der Antrag der SPD ist – das sage ich in aller Deut-
lichkeit – ein merkwürdiger Antrag. In ihm wird der Bun-
destag auf den Seiten 1 bis 8 aufgefordert, eine positive
Bilanz zu bestätigen. Auf den Seiten 9 bis 11 wird die
Bundesregierung aufgefordert, alles so wie bisher weiter-
zumachen. Es tut mir Leid, liebe Kolleginnen und Kolle-
gen, mir fehlt hier nur noch das rosa Papier.


(Erika Lotz [SPD]: Na, na, na!)





Dirk Niebel

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(C)



(D)



(A)



(B)


– Doch, teilweise liest es sich wie ein Märchen aus Tau-
sendundeiner Nacht. Es ist nur nicht so amüsant, weil es
um die realen Probleme der Betroffenen geht.


(Erika Lotz [SPD]: Jetzt übertreiben Sie aber!)

Wir hoffen aber mit Ihnen, dass das, was Sie in die Wege
geleitet haben, irgendwann einmal Wirksamkeit entfalten
wird.

Fragt man die Arbeitslosen, dann stellen sie fest, dass
nichts besser geworden sei: Es gibt nicht mehr Jobs, die
Pleitewelle rollt unbegrenzt durch das Land, weitere
Arbeitsplätze gehen verloren. Das sind die wahren Pro-
bleme, mit denen wir uns hier zu beschäftigen haben. Lei-
der haben die vielen Debatten daran ebenso wenig wie die
vorgelegten Anträge geändert. Ich will mich dazu nicht zu
sehr im Detail auslassen. Aber ich bitte Sie, darüber nach-
zudenken, ob man den Wahlkampf auf dem Rücken der
Arbeitslosen und von Arbeitslosigkeit Bedrohten austra-
gen soll. Tun Sie dies bitte nicht; die Menschen sind oh-
nehin schon genügend bestraft. Jemanden, der am Boden
liegt, tritt man nicht noch.


(Beifall bei der PDS)

Ich komme nun zu unserem Antrag und bitte Bundes-

minister Riester herzlich, mit einem Wort auf ihn einzu-
gehen. Unser Antrag nimmt wenigstens ein Problem ge-
zielt und realistisch ins Visier, indem wir deutlich
machen, dass es für eine Veränderung des Arbeitszeit-
gesetzes höchste Zeit ist.

Wir wissen, dass das Arbeitszeitgesetz mit der Arbeits-
zeitrichtlinie der Euopäischen Union schon lange nicht
mehr übereinstimmt und wir von den Standards in Län-
dern mit vergleichbarer Produktivität weit entfernt sind.
Mit einer beschäftigungswirksamen Reform des Arbeits-
zeitgesetzes kann man Überstunden abbauen und damit
eine Chance für zusätzliche Arbeitsplätze eröffnen.

Immer noch ist die gesetzliche Höchstarbeitszeit in
Deutschland mit 48 Wochenstunden weit von der tarifli-
chen Realität von durchschnittlich 37,8 Stunden entfernt.
Durch die großzügige Bemessung der wöchentlichen
Höchstarbeitszeit steigt die Anzahl der Überstunden. Im
Bündnis für Arbeit ist es nicht gelungen, dieses Problem
auf die Tagesordnung zu setzen. Sie wissen auch, dass es
nicht mehr so leicht sein wird, die Differenz von acht
Stunden auszunutzen, wenn unser Antrag angenommen
wird, die Höchstarbeitszeit auf 40 Stunden zu begrenzen.

Mit dem Gesetzentwurf wird zugleich die begrenzte
Ausweitung der Höchstarbeitszeit auf 50 statt bisher
60 Stunden vorgeschlagen. Damit sind den Betrieben aus-
reichende Flexibilisierungsmöglichkeiten gegeben. Struk-
turelle Mehrarbeitszeit wäre damit allerdings ausge-
schlossen.

Mit der von der PDS vorgeschlagenen Novellierung
des Arbeitszeitgesetzes wird der Tendenz in deutschen
Unternehmen entgegengewirkt, mit gesetzlich erlaubten
langen Arbeitszeiten und Überstunden die Gesundheit der
Beschäftigten zu untergraben sowie familiäres Leben und
Kindererziehung negativ zu beeinflussen. Die Novellie-
rung wird uns gleichzeitig Einsparungen auf weiteren Ge-
bieten ermöglichen.

Lassen Sie uns wenigstens dies auf den Weg bringen,
damit wir vor Ende der Legislaturperiode noch ein weite-
res positives Ergebnis vorweisen können.


(Beifall bei der PDS)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423917000
Für die
CDU/CSU-Fraktion gebe ich dem Kollegen Matthäus
Strebl das Wort.


Matthäus Strebl (CSU):
Rede ID: ID1423917100
Herr Präsident! Meine
sehr verehrten Damen und Herren! Wir debattieren heute
über das Thema Arbeitsmarktpolitik. Die CDU/CSU-
Bundestagsfraktion hat dazu den Antrag „Politik für mehr
Beschäftigung statt organisationspolitischem Aktionis-
mus“ eingebracht. Das ist ein programmatischer Titel,
aber nach Schröders ruhiger Hand tut Programmatik Not.

Im Wahlkampf 1998 lautete ein Slogan der SPD: Wir
machen nicht alles anders, aber vieles besser.


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Gelungen!)


Gleichzeitig wollte sich Schröder an der Zahl der Ar-
beitslosen während seiner Amtszeit messen lassen. Er
sagte: Sonst sind wir es nicht wert, gewählt zu werden.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Recht hat er! – Weiterer Zuruf von der CDU/CSU: Und tschüss!)


Ich muss sagen, wo er Recht hat, hat er Recht.

(Beifall bei der CDU/CSU)


Die Bilanz ist erschütternd: Die Politik der Bundesre-
gierung hat Deutschland zwar überall Spitzenplätze ein-
gebracht, allerdings nur im Kampf um den letzten Platz in
der EU. Wir belegen den letzten Platz beim Wirtschafts-
und Beschäftigungswachstum sowie bei Investitionen
und beim Schuldenabbau, sind dafür aber Meister bei der
Neuverschuldung.


(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Ja, leider wahr!)

Ich erinnere nur an den blauen Brief, den der Finanzminis-
ter Deutschlands noch in letzter Sekunde verhindern
konnte.


(Zuruf von der SPD: 1,5 Billionen DM war der Schuldenstand, den wir geerbt haben! – Gegenruf von der CDU/CSU: Bei Ihnen sind sie nicht weniger geworden!)


Meine sehr verehrten Damen und Herren, die Erwerbs-
losenzahl lag zum Zeitpunkt des Regierungswechsels
1998 bei 3,89 Millionen – mit sinkender Tendenz. Auf-
grund der demographischen Entwicklung scheiden jähr-
lich, wie Kollege Niebel schon ausführte, 200000 Men-
schen aus dem Arbeitsleben aus. Gleichzeitig ist eine
stärkere Inanspruchnahme von vorruhestandsähnlichen
Regelungen zu verzeichnen. 71 000 Menschen mehr als
sonst sind im Jahr 2001 diesen Weg gegangen. Trotzdem
haben wir im Frühjahr 2002 mehr als 4 Millionen Ar-
beitslose. Wir sind Lichtjahre von einer durchschlagenden
Besserung entfernt.


(Beifall bei der CDU/CSU)





Dr. Klaus Grehn
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(C)



(D)



(A)



(B)


Wenn die Zahl der Arbeitslosen derzeit unter 4 Millionen
sinkt, so ist das nicht auf die angeblich gute Politik von
Rot-Grün zurückzuführen, sondern auf die Vorruhe-
standsregelungen. Wir wissen alle – auch Sie von der rot-
grünen Koalition –, dass jetzt vor allen Dingen geburten-
schwache Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt drängen.

Die Rezepte von Rot-Grün zur Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit kommen äußerst spät und fallen eher
dürftig aus.


(Zuruf von der SPD: Bei euch sind sie gar nicht gekommen!)


Das von Ihnen hochgelobte Job-AQTIV-Gesetz ist bis-
lang erfolglos. Die durch die fehlerhaften Vermittlungs-
statistiken ins Rollen geratene Reform der Bundesanstalt
für Arbeit bleibt ebenfalls in ihren Ansätzen stecken. Eine
Kommission einzusetzen, die Maßnahmen erarbeiten soll,
deren Umsetzung auf die Zeit nach der Bundestagswahl
verschoben wird, genügt nicht.

Die Aufgaben des Kolosses Bundesanstalt für Arbeit
müssen wieder auf das Wesentliche zusammengefasst
werden. Vor allen Dingen müssen die verkrusteten Struk-
turen der Arbeitsverwaltung aufgebrochen werden,


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

und zwar erstens durch die Einführung von Entschei-
dungs- und Kontrollebenen, die problemorientiert arbei-
ten, zweitens durch eine Arbeitsmarktpolitik, die in der
Lage ist, regionale Besonderheiten zu berücksichtigen,


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: So wie zum Beispiel in der Maxhütte!)


was eine Stärkung politischer Befugnisse auch der Länder
voraussetzt, drittens durch eine genauere Abstimmung
zwischen Arbeitsmarkt-, Beschäftigungs-, Wirtschafts-,
Struktur-, Finanz- und Bildungspolitik auf Bundes- und
Landesebene und viertens durch eine moderne Selbstver-
waltung, die ihren Aufgaben und Zuständigkeiten verant-
wortlich und effektiv nachkommt.


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Sehr richtig!)


Demgegenüber ist das Konzept der Union ein Kon-
junkturprogramm, das deutlich, effektiv und sozial ge-
recht gegen die Versäumnisse von Rot-Grün angeht. Für
uns ist der „mitfühlende Sozialstaat“, in dem die vor-
handenen Mittel auf diejenigen konzentriert werden, die
sich nicht selbst helfen können, maßgebend. Dagegen
müssen aber diejenigen, die das selbst können, bestärkt
werden, Eigenverantwortung und Eigeninitiative zu ent-
wickeln. Ein Mittel dafür ist die Steigerung der Attrakti-
vität von Niedriglohnjobs, aber auch die Verzahnung von
Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Dies hat auch eine Verzah-
nung von Arbeits- und Sozialämtern zur Folge.

Einer der wichtigsten Punkte aber ist, den Arbeitsu-
chenden als eigenständiges Individuum anzusehen und
entsprechend seiner Eignung zu vermitteln und zu för-
dern. Es bringt nichts, ihn heute in AB-Maßnahmen zu
stecken, nur weil dort noch Plätze frei sind und der Ar-
beitslose damit die Statistik nicht mehr belastet. In der
Vergangenheit wurde oftmals viel Geld dafür ausgegeben,
der Arbeitslose aber war immer noch nicht zu vermitteln.

Bildung ist eines der wichtigsten Standbeine für einen
Suchenden auf dem Arbeitsmarkt. Die Aus- und Weiter-
bildung sollte aber zielgerichtet an den Fähigkeiten der
Arbeitslosen sowie vor allen Dingen an den Bedürfnissen
des Arbeitsmarktes orientiert sein.


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Das schafft der Riester nie!)


Vermittlungsagenturen müssen in Job-Centern vor Ort
den Suchenden einen guten Service anbieten. Dies macht
eine Umschichtung des Personals erforderlich und gege-
benenfalls muss eine Personalaufstockung folgen.

Das in der Öffentlichkeit gepriesene Mainzer Modell,
das in der heutigen Debatte schon angesprochen wurde,
hat sich als totaler Flop herausgestellt. Bisher wurden von
den rund 45 000 ausgegebenen Vermittlungsgutscheinen
etwa 290 in Anspruch genommen.


(Johannes Singhammer [CDU/CSU]: Unerhört!)


Wir wollen, dass der Arbeitsuchende von Anfang an das
Wahlrecht zwischen öffentlichen und privaten Vermittlern
hat. Die Höhe des Gutscheins soll sich nach den zu er-
wartenden Vermittlungsschwierigkeiten und nicht nach
der Dauer der Arbeitslosigkeit richten.

Darüber hinaus ist das Arbeitsrecht wieder zu flexibili-
sieren: Sämtliche Restriktionen in der Zeitarbeitsbranche
sind aufzuheben, die Möglichkeit zur Befristung von Ar-
beitsverhältnissen muss erweitert werden und – das ist sehr
wichtig – betriebliche Bündnisse für Arbeit müssen gestärkt
werden, weil vor Ort besser entschieden werden kann.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Dafür soll das Günstigkeitsprinzip des Tarifvertragsrechts
dahin gehend geändert werden, dass neben Lohn und Ar-
beitszeit auch die Beschäftigungsaussichten berücksich-
tigt werden.

Ich weiß, dass der Bundeskanzler nicht gern hört, was
ich jetzt sage, aber auch in punkto Arbeitsplatzbeschaf-
fung hat Bayern die Nase vorn. Mit dem „Beschäfti-
gungspakt Bayern“, der 1996 ins Leben gerufen worden
ist, hat Bayern 100 000 neue Arbeitsplätze geschaffen


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Hört, hört!)


und 300 000 gefährdete gesichert. Hier muss man auch
sagen, dass es der DGB, die Arbeitgeber und die Wirt-
schaftsverbände gemeinsam geschafft haben, den gesam-
ten Arbeitsmarkt in Bayern zu modernisieren. Überstunden
werden abgebaut, Mobilitätshilfen für Arbeitnehmerin-
nen und Arbeitnehmer, ein Fortbildungsprogramm für
Behinderte und eine Existenzgründungsoffensive wurden
geschaffen.


(Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist eigentlich mit der Maxhütte?)


Der Erfolg spricht für sich: Bayern hat mit 5,3 Prozent die
zweitniedrigste Arbeitslosenrate hinter Baden-Württem-
berg. Hätten wir die Zahlen von Bayern und Baden-Würt-
temberg bundesweit, gäbe es in Deutschland ungefähr
1,8 Millionen Arbeitslose weniger.




Matthäus Strebl

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(C)



(D)



(A)



(B)


Das ist unser gemeinsamer Erfolg. Leider ist dieses
Bündnis in Bayern auf Druck des Bundeskanzlers mo-
mentan außer Kraft gesetzt.


(Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sagen Sie mal etwas zur Maxhütte!)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423917200
Herr Kol-
lege Strebl, kommen Sie bitte zum Schluss.


Matthäus Strebl (CSU):
Rede ID: ID1423917300
Ist recht, Herr Präsi-
dent. – Meine sehr verehrten Damen und Herren! Schröders
Bündnis für Arbeit auf Bundesebene ist hingegen ge-
scheitert. Es reicht nicht aus, sich nur als Moderator bei
den Gesprächen im Bündnis für Arbeit aufzuspielen.
Nein, hier muss man auch Kreativität zeigen. Man muss
sich durch konstruktive Gespräche um praktikable Lösun-
gen mit einbringen.

Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, der derzeiti-
gen Misere bei der Beschäftigung und in der Wirtschaft
abzuhelfen. Die einzig gute und dementsprechend zu-
gleich beste Möglichkeit ist, die Gelegenheit bei der Bun-
destagswahl zu nutzen.


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Na, jetzt reicht es!)


Wir von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion haben fun-
dierte Konzepte entwickelt und in unseren Anträgen vorge-
schlagen. Verehrter Herr Kollege Schmidt, sollten sie in der
Debatte, die heute stattfindet, nicht berücksichtigt werden,
vergehen zwar wertvolle Tage und Wochen zum Nachteil
der Arbeitsuchenden, aber ich stelle heute fest, – –


Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423917400
Herr Kol-
lege Strebl, ich habe das Gefühl, Sie nehmen einen neuen
Anlauf.


(Dirk Niebel [FDP]: Er holt sich die Zeit von Frau Dückert zurück!)



Matthäus Strebl (CSU):
Rede ID: ID1423917500
Ein Schlusssatz, Herr
Präsident: Nach dem 22. September ergibt sich bestimmt die
Gelegenheit, die vorgeschlagenen Punkte durchzusetzen.

Vielen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU – Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Das hätten Sie sich wirklich sparen können! – Dirk Niebel [FDP]: Das war der beste Teil der Rede!)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423917600
Ich darf die
Fraktionen beruhigen. Mit Blick auf die vorangegangenen
Redner ist der Ausgleich bei der Redezeit jetzt hergestellt.

Nunmehr gebe ich dem Bundesarbeitsminister Walter
Riester das Wort.

Walter Riester, Bundesminister für Arbeit und So-

(von der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN mit Beifall begrüßt)

sehr verehrten Damen und Herren! Eine Debatte zur akti-

ven Beschäftigungspolitik und zur Bekämpfung der Ar-
beitslosigkeit könnte eine große Debatte sein. Das würde
ich mir eigentlich wünschen.


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Schauen Sie sich an, wie viele Leute von Ihnen da sind!)


Beschäftigungspolitik ist wesentlich mehr als nur Ar-
beitsmarktpolitik. Beschäftigungspolitik ist Wirtschafts-,
Qualifizierungs-, Technologie-, Steuer- und Haushalts-
politik. In all dem spiegelt sich das, was sich an Beschäf-
tigung entwickelt, wider. In den letzten drei Jahren – ins-
besondere im Jahre 2000, in dem es mit 3 Prozent
Wachstum das stärkste Wachstum seit der Wiedervereini-
gung gab – ist die Beschäftigungspolitik noch sehr viel
wichtiger geworden.


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Seitdem geht es bergab!)


Insgesamt gab es einen Zuwachs von 1,2 Millionen Jobs.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Hans-Joachim Fuchtel [CDU/ CSU]: 630-Mark-Jobs!)


Ich komme sehr gern auf die Opposition zu sprechen und
weise auf die Ausgangsvoraussetzungen hin. Wie sahen
1998 die Rahmenbedingungen für das Wachstum aus?


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Was habt ihr 1998 versprochen? – Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Weil ihr blockiert habt!)


Die Steuerbelastung, die Lohnnebenkosten und die Ar-
beitslosenzahlen waren in Deutschland so hoch wie nie
zuvor.


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Wegen eurer Blockade!)


Wir haben Schulden in Höhe von 1,5 Billionen DM über-
nommen.


(Zuruf von der SPD: Unglaublich! – HansJoachim Fuchtel [CDU/CSU]: Wegen eurer Blockade!)


Deswegen, meine Damen und Herren von der Opposition
– ich meine beide Fraktionen –, sind Sie abgewählt worden.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Ulrich Heinrich [FDP]: So passiert es Ihnen jetzt!)


Es gehört schon sehr viel Chuzpe dazu, sich hierher zu
stellen und zu propagieren, dass Sie jetzt alles anders ma-
chen würden als in den letzten 16 Jahren. Sie bauen da-
rauf, dass die Wähler vergessen, wenn Sie meinen, sie da-
mit überzeugen zu können.


(Zuruf von der SPD: Sie machen es noch schlimmer! – Max Straubinger [CDU/CSU]: Der Wähler ist schon überzeugt!)


Allerdings sollten wir auch nicht von der Omnipotenz
der Politik reden und so tun, als könne Politik allein dafür
sorgen, dass Arbeitsplätze entstehen.


(Zuruf von der CDU/CSU: Das haben wir ja schon drei Jahre erlebt!)





Matthäus Strebl
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(D)



(A)



(B)


Nein, dazu sind mehrere Akteure notwendig. Wir sollten
zwar die Chancen und Möglichkeiten sowie die Bilanz,
aber auch die Grenzen der Arbeitsmarktpolitik aufzeigen.
Damit komme ich zur Arbeitsmarktpolitik, dem eigent-
lichen Gestaltungselement, über das wir sprechen sollten
und zum Teil hier auch gesprochen haben.

Das erfreuliche Wachstum im Jahr 2000 hat weit mehr
als 1 Million neue Arbeitsverhältnisse geschaffen. Das
nützt aber bestimmten Beschäftigungsgruppen zunächst
einmal gar nichts,


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Aber 2001 wäre es auch schön gewesen!)


nämlich den jungen Menschen, die nicht einmal einen
Hauptschulabschluss haben, sich aber auch mit Haupt-
schulabschluss sehr schwer tun würden, einen Job zu be-
kommen, und die schon zwei, drei Anläufe gemacht ha-
ben. Deswegen haben wir das JUMP-Programm mit
einem hohen Mitteleinsatz aufgelegt, ohne zu wissen, ob
wir das Ziel, 100 000 jungen Menschen einen Zugang zu
Ausbildung, Weiterbildung oder Arbeit zu verschaffen,
tatsächlich erreichen.

Darauf, dass wir 440 000 jungen Menschen – das ist die
aktuelle Zahl – gerade in den schwierigen Situationen in
den neuen Bundesländern, in denen wir 50 Prozent dieser
Mittel eingesetzt haben, zusätzliche Chancen eröffnet ha-
ben und sich inzwischen 75 Prozent dieser Menschen in
Ausbildung, Arbeit oder Weiterbildung befinden, könnten
wir eigentlich alle stolz sein.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Franz Thönnes [SPD]: Wir sind stolz darauf! – Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Trotzdem ist die Jugendarbeitslosigkeit in den letzten Jahren gestiegen!)


Ich komme auf die nächste Gruppe zu sprechen, die mir
sehr am Herzen liegt. Ich hätte mir gewünscht, dass damals
das gesamte Parlament der Initiative zugestimmt hätte,
schwerbehinderten Menschen Zugang zu Arbeit zu ver-
schaffen. Das ist mit Wachstum allein nicht zu schaffen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Sie haben Anspruch darauf, dass ihnen die Politik beson-
dere Chancen vermittelt. Wir, die Wirtschaft, die Gewerk-
schaften, die Behindertenverbände und die Politik, haben
gemeinsam versprochen, dafür zu kämpfen, dass die Ar-
beitslosigkeit Schwerbehinderter in zwei Jahren bis zum
Oktober dieses Jahres um 25 Prozent bzw. um 50 000 ge-
senkt wird.


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Sie haben viel mehr versprochen! – Gegenruf der Abg. Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was haben Sie denn gemacht? Nichts!)


– Herr Fuchtel, es kann durchaus sein, dass das Ziel nicht
ganz erreicht wird. Aber dass wir die Arbeitslosigkeit von
Schwerbehinderten schon um 17 Prozent gesenkt haben,
ist durch unsere Aktivitäten möglich geworden, gegen die
Sie damals gestimmt haben. Mit Nichtstun haben wir das
nicht geschafft. Nichtstun leistet gar nichts.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Ich komme auf die dritte Gruppe, die der Langzeit-
arbeitslosen, zu sprechen. Ich freue mich darüber, dass es
insgesamt 278 000 Langzeitarbeitslose weniger gibt als
1998.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Wolfgang Meckelburg [CDU/ CSU]: Wo sind die denn? – Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Weil die 58-Jährigen in Rente geschickt wurden!)


Das sind diejenigen, die wenig Chancen haben, die eben
keine flexiblen Angebote am Arbeitsmarkt bekommen,
sondern die Unterstützung durch die Arbeitsmarktpolitik
benötigen.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Die sind in Rente! – Hans-Joachim Fuchtel [FDP]: Sie machen das mit Rententricks! – Gegenruf der Abg. Dr. Thea Dückert [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Quatsch!)


Nun komme ich zu einem vierten Bereich, über den wir
seinerzeit im Parlament kontrovers diskutiert haben. Viel-
leicht wird sich der eine oder andere etwas korrigieren. Als
ich das Gesetz zur Förderung der Teilzeitarbeit einge-
bracht habe, habe ich darauf hingewiesen, dass der jetzige
Kandidat der CDU/CSU eine Woche vorher im „Spiegel“
erklärt hatte, er wolle den Teilzeitanspruch für alle Indu-
striearbeiter und Industriearbeiterinnen einführen. Als wir
diesen Anspruch dann eingeführt haben, hat die Opposi-
tion dagegen gestimmt. Es wurde geschrien, dadurch wür-
den Teilzeitarbeitsplätze abgebaut und dabei handele es
sich um ein Beschäftigungsprogramm für Juristen.


(Franz Thönnes [SPD]: Das sind nur Teilzeitdenker!)


Vor zwei Wochen haben wir Bilanz gezogen. In einem
Jahr ist die Zahl der Teilzeitarbeitsplätze um 320 000 ge-
stiegen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Für viele Menschen ist das die einzige Möglichkeit, ein Ar-
beitsverhältnis aufrechtzuerhalten, weil sie Familienarbeit
mit Erwerbsarbeit verbinden oder andere Gründe haben,
nur Teilzeitarbeit verrichten zu können oder zu wollen.


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Inklusive 630-Mark-Arbeitsverhältnisse!)


Dass das möglich ist, dafür haben wir gesorgt und darüber
bin ich sehr froh.


(Klaus Brandner [SPD], zur CDU/CSU gewandt: Auch das wollen Sie wieder abschaffen!)


– Das wollen Sie abschaffen. Die 630-Mark-Arbeitsver-
hältnisse sind auch ein schönes Thema. In vielen Ar-
beitsämtern bin ich darauf hingewiesen worden, was die
alte Regelung bewirkt hat: Es war nicht nur so, dass die
4 Millionen bis 5 Millionen Menschen damals keinerlei
Anspruch auf soziale Leistungen hatten. Vielmehr haben
– man kann es offen aussprechen – viele Menschen, die
Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe oder Sozialhilfe be-
zogen haben, zwei oder drei solcher Jobs angenommen.




Bundesminister Walter Riester

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(D)



(A)



(B)


Das war nicht kontrollierbar. Diese Menschen waren nicht
mehr vermittelbar. Das alles wollten Sie nicht korrigieren.
Die Erosion unserer Sozialversicherungssysteme haben
Sie wissentlich in Kauf genommen. Wir haben uns man-
cher Kritik ausgesetzt. Aber manchmal muss man für rich-
tige und notwendige Dinge kämpfen, auch wenn es Kritik
auf breiter Front gibt.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Doch dabei bleiben wir nicht stehen. Richtig ist: Wir
wollen und müssen die Arbeitsweise der Bundesanstalt
fürArbeit verbessern. Wir wollen flexible und effiziente
Dienstleistungszentren am Arbeitsmarkt.


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Sehr späte Erkenntnis! Sie haben vier Jahre Zeit gehabt!)


Die Probleme, die wir jetzt bewältigen müssen, sind ja
nicht in zwei, drei Jahren entstanden. Sie sind vielmehr
das Produkt von 20 Jahren, in denen Sie sich um die Lö-
sung der Probleme nicht gekümmert haben.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wir stehen zu unserer Politik. Wir gehen die Probleme an.
Wir werden die Hilfe in einem Gesamtsystem zusammen-
führen. Das wird die 2,4 Millionen Menschen, die Ar-
beitslosenhilfe oder Sozialhilfe beziehen, schneller in Ar-
beit bringen.


(Wolfgang Meckelburg [CDU/CSU]: Das haben Sie vier Jahre verpasst!)


– Was haben Sie, der mir vorhin zugerufen hat, wir hätten
vier Jahre Zeit gehabt, etwas zu tun, in den 16 Jahren ge-
tan, als Sie regiert haben? – Nichts haben Sie getan!


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Sie haben nichts weiter anzubieten als den entlarvenden
Vorschlag, den der Vorsitzende der Unionsfraktion vor
kurzem – dankenswerterweise – eingebracht hat. Er hat
gesagt, 20 Milliarden Euro für die Familienförderung
werde er durch das Zusammenführen von Arbeitslosen-
hilfe und Sozialhilfe finanzieren. Ich kann dazu nur sagen:
Der Mann kann nicht rechnen;


(Franz Thönnes [SPD]: Das wissen wir doch! Die können alle nicht rechnen!)


denn die Kosten für die Arbeitslosenhilfe und die Sozial-
hilfe belaufen sich zusammen auf 18,7 Milliarden Euro.
Es würde also selbst dann nicht reichen, wenn er den
Menschen jeden Pfennig wegnähme. Dieser Vorschlag
zeigt aber, wohin die Reise gehen soll. Ich sage: Mit uns
nicht!


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Wolfgang Meckelburg [CDU/ CSU]: Ihr zahlt den Unternehmen lieber Körperschaftsteuer aus! Das ist wohl wahr!)


Herr Grehn, Sie haben mich aufgefordert, auf einen
Vorschlag der PDS einzugehen. Das möchte ich gerne ma-
chen. Sie haben eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes

vorgeschlagen, um den Abbau von Überstunden
voranzubringen. Ich glaube nicht – das meine ich ganz
ernst –, dass wir es damit schaffen werden. Wir haben
nach einem langen Anlauf in der Tarifpolitik durchgesetzt
– ich habe damals verhandelt –, dass es beispielsweise je-
dem Betrieb in der Metall- und Elektroindustrie freisteht,
Überstunden durch Zeitausgleich abzugelten. Diese Re-
gelung gilt seit sechs Jahren. Wenn ich sehe, wie wenig
das an der Praxis in den Betrieben verändert hat, dann
habe ich nicht die Illusion, dass sich durch eine gesetzli-
che Änderung in diesem Bereich wirklich Nennenswertes
erreichen lässt.

Wenn ich mir die Entwicklung der Arbeitszeit bei
den 1,2 Millionen Arbeitsplätzen, die wir zusätzlich ge-
schaffen haben, genau ansehe, dann stelle ich auch fest,
dass die durchschnittliche Arbeitszeit pro Beschäftigten
sinkt. Das ist eine Veränderung im Vergleich zu früher.
Hier haben sich Einstellungen verändert. Auch der Anteil
an Teilzeitarbeit hat sich verändert. Ich bin nicht mehr der
Auffassung, dass wir durch eine Änderung des Arbeits-
zeitgesetzes das Problem, das bei einem Teil der Beschäf-
tigten massiv auftritt, wirklich lösen können. Das glaube
ich nicht mehr.


(Hans-Joachim Fuchtel [CDU/CSU]: Wenigstens ein Lichtblick!)


Herr Strebl hat gesagt, man solle doch bitte schön nicht
so viel ABM machen. Das löse doch das Problem nicht.
Können Sie sich noch erinnern, was vor vier Jahren war?
– Da Sie sich offensichtlich nicht erinnern können, werde
ich es Ihnen sagen: Im Jahr 1998 ist die Zahl der Men-
schen, die in ABM und SAM waren, wahlkampfbedingt
auf 525 000 gestiegen. Diese Menschen sind damit aus der
Statistik herausgenommen worden. Im Moment liegt
diese Zahl bei 180 000. Sie haben also damals über
300 000 Menschen aus der Statistik herausgenommen.
Wenn wir dies auch machen würden, dann wären wir sehr
nahe an dem, was sich der Kanzler gewünscht hat, näm-
lich die Arbeitslosenzahl auf 3,5 Millionen zu senken.
Doch eine solche Täuschungspolitik machen wir nicht.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Wir wollen nicht die Statistiken fälschen, sondern den
Menschen helfen. Wie sich gezeigt hat, haben sich die
Wähler von Ihnen nicht täuschen lassen. Sie haben Sie
auch wegen Ihrer statistischen Tricks abgewählt.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Das droht Ihnen auch!)


Ich denke, dass wir im Rahmen dessen, was Politik leis-
ten kann, alles getan haben, um Impulse für zusätzliche
Beschäftigung zu schaffen. Ein guter Beleg dafür ist, dass
wir 1,2 Millionen zusätzliche Beschäftigungsverhältnisse
geschaffen haben. Ich meine, dass wir alles getan haben,
um denen zu helfen, denen Wachstum allein keine Chan-
cen bringt: jungen Menschen mit schlechter Qualifikation
und schlechten Berufsaussichten, schwerbehinderten
Menschen, Langzeitarbeitslosen, Menschen, die Teilzeit-
arbeit brauchen. Wir werden diesen Weg konsequent wei-
tergehen. Denn Beschäftigung zu schaffen, Rahmenbedin-
gungen zu verbessern, die Arbeitsmarktpolitik für die
einzusetzen, die Unterstützung brauchen, wird das Haupt-




Bundesminister Walter Riester
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(B)


anliegen einer sozialdemokratisch geführten Regierung
bleiben. So werden wir weiter argumentieren.

Ganz am Schluss eine Bemerkung zu Ihrem Spruch,
Herr Niebel. Es mag ja sein, dass meine Beine kürzer als
Ihre sind. Nur, für die Argumentation hat das keine Be-
deutung; denn im Gegensatz zu Ihnen argumentiere ich
mit dem Kopf und nicht mit dem, was sich unmittelbar an
die Beine anschließt.

Danke schön.

(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423917700
Zum Ab-
schluss der Debatte spricht für die CDU/CSU-Fraktion
der Kollege Ernst Hinsken.


(Franz Thönnes [SPD]: Jetzt kommt Niederes aus Bayern!)


Ernst Hinsken (CDU/CSU) (von Abgeordneten der
CDU/CSU mit Beifall begrüßt): Werter Herr Präsident!
Meine verehrten Kolleginnen und Kollegen! Herr Minis-
ter Riester, ich kann es Ihnen nicht verdenken, dass Sie
hier das Bild von einer heilen Welt zeichnen.


(Klaus Brandner [SPD]: Das hat er nicht gemacht! – Weiterer Zuruf von der SPD: Wo waren Sie, Herr Hinsken?)


Es ist doch unbestritten, dass seit Dezember 2000 die Zahl
der Arbeitslosen permanent steigt und diese Zahl sich in
der Zwischenzeit auf über 200 000 beläuft.

Ich möchte Sie bei dieser Gelegenheit daran erinnern,
was alles vor vier Jahren versprochen wurde. Da sagte
Bundeskanzler Schröder in seiner Regierungserklärung,
die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sei sein primäres
wirtschaftspolitisches Ziel und das werde die rot-grüne
Bundesregierung mittragen.


(Matthäus Strebl [CDU/CSU]: Versprochen – gebrochen!)


Dieses Versprechen wurde nicht erfüllt, Herr Kollege
Strebl, Sie sagen es. Im Gegenteil, die Zahl der offiziell
Arbeitslosen liegt bei über 4 Millionen und damit auf dem
Niveau zur Zeit der Regierungsübernahme im Herbst
1998. Die tatsächliche offene und verdeckte Arbeitslosig-
keit übersteigt aber die 4-Millionen-Grenze weit, sie liegt
bei circa 5,6 Millionen Menschen. Dahinter verbergen
sich über fünf Millionen Einzelschicksale. Aufgabe einer
Regierung sollte, ja müsste sein, das, was man verspricht,
auch zu halten. Dass Herr Schröder gesagt hat, dass er,
wenn er die anvisierte Zahl von 3,5 Millionen nicht er-
reicht, es nicht verdiene, wiedergewählt zu werden, ist
den Bürgern nochmals ins Gedächtnis zu rufen. Sie sollen
danach handeln.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Nationale und internationale Experten wie der IWF,

die OECD, der Sachverständigenrat, die Wirtschafts-
forschungsinstitute weisen als Hauptursache für diese
Zielverfehlung die kontraproduktiven Eingriffe seitens

des Staates in den Arbeitsmarkt aus. Die Bürger spüren
das. Sie spüren, dass es Zeit wird für einen Wechsel. Sie
sind nicht mehr bereit, diese Politik hinzunehmen, für die
Sie verantwortlich zeichnen.


(Zuruf von der SPD: Die wollen keinen Wechsel!)


Ich bin ehrlich genug, festzustellen, dass die Arbeits-
marktregulierungen der größte Hemmschuh für eine Voll-
beschäftigung in der Wirtschaft sind. Es müssen aber da-
gegen Maßnahmen ergriffen werden, damit die Wirtschaft
wieder in Schwung kommt.

Zu denken geben müssen uns besonders die Arbeits-
marktzahlen für den Mai. Kollege Meckelburg hat hierüber
bereits einiges gesagt. Wir können es nicht wegdiskutie-
ren, sondern müssen leider zur Kenntnis nehmen, dass
sich Deutschland durch Versagen der eigenen Regierung
in dieser Beziehung auf dem letzten Platz in Europa be-
findet. Nach wie vor sind wir Träger der roten Laterne und
werden diese wegen verfehlter Politik der Bundesregie-
rung nicht los.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Erika Lotz [SPD]: Was war denn 1996?)


Es muss doch jeden aufschrecken und jedem zu denken
geben, dass wir allein in diesem Jahr mehr als 40 000 In-
solvenzen zu erwarten haben.


(Erika Lotz [SPD]: Was war denn 1996?)

Das heißt, verehrte Kollegin, dass jeden Tag in der Bun-
desrepublik Deutschland mehr als 100 Firmen über die
Klinge springen, in die Insolvenz gehen. Das kann doch
nicht so weitergehen. Die Bürger sind gut beraten, eine
andere Weichenstellung vorzunehmen, damit das aufhört
und es in der Bundesrepublik Deutschland wieder eine
Zukunft gibt – für Arbeitslose, für Arbeitnehmer, aber
auch für Inhaber mittelständischer Betriebe, die dringend
einen Wechsel erwarten.

Ich muss bei der Gelegenheit auch sagen, dass die Kon-
junkturumfrage des Zentralverbands des Deutschen Hand-
werks leider ausweist, dass alle entscheidenden Indikatoren
– Aufträge, Investitionen, Umsätze, Beschäftigungszahlen –
nach unten zeigen. Die Geschäftslage wird so schlecht ein-
geschätzt wie seit 1992 nicht mehr. Die Folge: Im Hand-
werk zum Beispiel werden in diesem Jahr noch einmal
60 000 bis 100 000 Arbeitsplätze wegfallen, nachdem be-
reits im Jahre 2001 rund 200 000 Jobs verloren gingen. Herr
Minister, das muss Ihnen zu denken geben.

Weiter ist festzustellen, dass wir leider nicht mehr die
vielen Existenzgründer haben, die wir dringend brau-
chen. In den letzten zehn Monaten waren es gerade sieben
von 1 000 Menschen, die ein Unternehmen gegründet ha-
ben. Dabei muss uns klar sein, dass jedes neu gegründete
Unternehmen drei bis vier Arbeitsplätze schafft. Unter-
nehmen werden aber nur gegründet, wenn die Rahmen-
bedingungen stimmen. In Dänemark zum Beispiel waren
von 1 000 Menschen acht Gründer, in Italien zehn, in In-
dien elf, in den USA zwölf und in Mexiko sage und
schreibe 19. Bei uns in der Bundesrepublik Deutschland
gibt es immer weniger Selbstständige. Von einem Grün-
derland Deutschland kann man unter Rot-Grün längst
nicht mehr reden.




Bundesminister Walter Riester

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(B)


Ein Land, das seine Gründer vernachlässigt, verliert an
Wirtschaftswachstum. Die Länder mit der höchsten
Gründerquote haben auch das höchste Wirtschafts-
wachstum. So liegt in der EU Irland zum Beispiel seit
drei Jahren ganz weit vorn.


(Zuruf von der SPD)

– Passen Sie mal auf! Sie haben es dringend nötig, Nach-
hilfeunterricht zu bekommen, weil Sie nicht auf der Höhe
der Zeit sind. Sie sollten einmal aufpassen, um einiges
mitzunehmen, damit Sie in Zukunft nicht mehr so dumme
Zwischenrufe machen, wie das jetzt ständig der Fall ist.


(Beifall bei der CDU/CSU – Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Na, na, na! Mäßigen Sie sich doch mal!)


– Herr Schmidt, ich habe nicht von Ihnen, sondern von
Ihrer Kollegin gesprochen.


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Unglaublich!)


9,4 Prozent Wirtschaftswachstum hat Irland. Das ist
fünfmal mehr als bei uns in der Bundesrepublik Deutsch-
land. Wir liegen nur bei einem Wert von 1,8 Prozent.

Wir müssen alles tun, um vor allem den Weg in die
Selbstständigkeit zu ebnen, und wieder viele Leute ani-
mieren, dazu bereit zu sein, das auf sich zu nehmen und
Betriebe, gleich, in welcher Branche, zu schaffen. Dazu
ist es erforderlich, dass wir die Bürokratie abbauen. Dazu
ist es erforderlich, dass das 630-DM-Gesetz wieder geän-
dert wird,


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Immer die alte Leier!)


dass das Gesetz gegen Scheinselbstständigkeit geändert
wird, dass der Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit geändert
wird, dass das Betriebsverfassungsgesetz wieder geändert
wird usw. Ich darf Ihnen sagen: In den ersten 100 Tagen
nach dem 22. September werden wir das alles auf den
Weg bringen, damit die Wirtschaft in Deutschland wieder
laufen kann.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Wenn Sie das machen, dann erhalten Sie 4,8 Millionen Arbeitslose!)


Deutschland, das frühere Musterkind der EU, ist zum
Sorgenkind geworden. In keinem anderen EU-Land – das
sollte Ihnen auch zu denken geben – ist die Arbeits-
losigkeit höher als in den neuen Bundesländern. Sie liegt
dort bei 18,1 Prozent. Spanien liegt mit mehr als
6 Prozentpunkten weniger an zweiter Stelle. In Ost-
deutschland gab es 1998 5,95 Millionen Erwerbstätige.
Heute sind es nur noch 5,7 Milllionen. Herr Schwanitz,
die Chefsache Ost war ein Arbeitsplatzvernichtungspro-
gramm und hat uns nicht weitergebracht.

Ich sage dazu abschließend: Wir brauchen in der Bun-
desrepublik Deutschland eine vernünftige Arbeitsmarkt-
ordnung. Die Arbeitsmarktordnung muss zum Gene-
ralüberholen in die Werkstatt gebracht werden.

Was wir brauchen, ist: erstens mehr Deregulierung statt
Bürokratisierung; zweitens, flexiblere Arbeitszeiten statt

eines umfassenden Rechtsanspruchs auf Teilzeitarbeit;
drittens, mehr akzeptable befristete Beschäftigungsmög-
lichkeiten für Arbeitgeber und Arbeitnehmer;


(Franz Thönnes [SPD]: Viertens: Pause für den Redner!)


viertens, Abbau von Einstellungshemmnissen statt des
neuen Betriebsverfassungsgesetzes; fünftens, Anreize zur
Arbeitsaufnahme im Niedriglohnsektor; sechstens, end-
lich Entlastung statt immer neuer Belastung; siebtens,
eine positive Einstellung zu Leistung und Eigenverant-
wortung


(Zuruf von der SPD: Amen!)

und achtens, eine Regierung, die Deutschland wieder
nach vorn bringt,


(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Die haben wir schon!)


und nicht das, was Sie in den letzten Jahren an den Tag ge-
legt haben. Deutschland hat es verdient, wieder eine
Regierung zu bekommen, die uns in Europa an die Spitze
bringt und die die SPD und die Grünen, die in den letzten
vier Jahren versagt haben, ins Abseits stellt.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Franz Thönnes [SPD]: Wie ist das mit der Gründerquote in Andorra?)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423917800
Ich schließe
die Aussprache. Interfraktionell wird Überweisung der
Vorlagen auf den Drucksachen 14/8715 und 14/8287 an
die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorge-
schlagen. Der Antrag der Fraktionen der SPD und des
Bündnisses 90/Die Grünen auf Drucksache 14/9225 – Ta-
gesordnungspunkt 5 a –, dessen Titel nunmehr lautet:
„Chancen auf Arbeit für alle – Offensive in der Arbeits-
marktpolitik“, soll ebenfalls an die in der Tagesordnung
aufgeführten Ausschüsse überwiesen werden. – Das Haus
ist damit einverstanden. Dann sind die Überweisungen so
beschlossen.

Tagesordnungspunkt 5 d: Beschlussempfehlung des
Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung auf Drucksa-
che 14/9256 zu dem Antrag der Fraktion der CDU/CSU
mit dem Titel „Politik für mehr Beschäftigung statt orga-
nisationspolitischem Aktionismus“. Der Ausschuss emp-
fiehlt, den Antrag auf Drucksache 14/8363 abzulehnen.
Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Gegen-
probe! – Enthaltungen? – Die Beschlussempfehlung ist
mit den Stimmen von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und
PDS gegen die Stimmen der CDU/CSU bei Enthaltung
der FDP angenommen.

Zusatzpunkt 7: Interfraktionell wird die Überweisung
der Vorlage auf Drucksache 14/6113 an die in der Tages-
ordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. – Auch
damit ist das Haus einverstanden. Dann ist die Überwei-
sung so beschlossen.

Zusatzpunkt 8: Beschlussempfehlung des Ausschusses
für Arbeit und Sozialordnung auf Drucksache 14/9221 zu
dem Antrag der Fraktion der CDU/CSU mit dem Titel
„Arbeitsrecht flexibilisieren – Beschäftigung schaffen“.




Ernst Hinsken
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(C)



(D)



(A)



(B)


Der Ausschuss empfiehlt, den Antrag auf Drucksa-
che 14/8267 abzulehnen. Wer stimmt für diese Be-
schlussempfehlung? – Gegenprobe! – Enthaltungen? –
Die Beschlussempfehlung ist mit den Stimmen von SPD,
Bündnis 90/Die Grünen und PDS gegen die Stimmen der
CDU/CSU bei Enthaltung der FDP angenommen.

Ich rufe nunmehr die Tagesordnungspunkte 6 a und 6 d
sowie die Zusatzpunkte 9 und 10 auf:
6. a) Beratung der Unterrichtung durch die Bundesre-

gierung: Bericht der Bundesregierung zum Stand
der Bemühungen um Abrüstung, Rüstungskon-
trolle und Nichtverbreitung sowie über die Ent-

(Jahresabrüstungsbericht 2001)

– Drucksache 14/8941 –
Überweisungsvorschlag:
Auswärtiger Ausschuss (f)

Verteidigungsausschuss

d) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Auswärtigen Ausschusses (3. Ausschuss)

zu dem Antrag der Fraktionen der SPD, des
BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN und der FDP
Atomteststoppvertrag ratifizieren
– Drucksachen 14/2041, 14/4376 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Uta Zapf
Christian Schmidt (Fürth)

Rita Grießhaber
Ulrich Irmer
Wolfgang Gehrcke

ZP 9 Beratung des Antrags der Abgeordneten René
Röspel, Petra Ernstberger, Uta Zapf, weiterer Ab-
geordneter und der Fraktion der SPD sowie der
Abgeordneten Angelika Beer, Rita Grießhaber,
Dr. Helmut Lippelt, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Maßnahmen gegen eine Bedrohung durch bio-
logische Waffen
– Drucksache 14/9240 –

ZP 10 Beratung des Antrags der Abgeordneten Uta Zapf,
Rainer Arnold, Wolfgang Behrendt, weiterer Ab-
geordneter und der Fraktion der SPD sowie der
Abgeordneten Angelika Beer, Rita Grießhaber,
Dr. Helmut Lippelt, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Für eine kooperative Rüstungskontroll-, Ab-
rüstungs- und Nichtverbreitungspolitik
– Drucksache 14/9241 –

Nach interfraktioneller Vereinbarung ist für die Aus-
sprache eine Dreiviertelstunde vorgesehen. – Das Haus ist
damit einverstanden. Es ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache und erteile als erster Red-
nerin der Kollegin Uta Zapf für die Fraktion der SPD das
Wort.


Uta Zapf (SPD):
Rede ID: ID1423917900
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen
und Kollegen! Lassen Sie mich am Anfang ein Zitat aus
dem Jahresabrüstungsbericht 2001 anführen. Ich zitiere:

Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung
spielen eine zentrale Rolle im Rahmen einer erfolg-
reichen kooperativen Sicherheitspolitik. Sie sind ein
unverzichtbares Gestaltungselement einer auf Zu-
sammenarbeit und auf gemeinsamen verbindlichen
Regeln sich gründenden Sicherheitsordnung und
ein unverzichtbares Mittel zur vorausschauenden
Verhütung von Krisen und Konflikten wie zur Ver-
hinderung der Weiterverbreitung von Massenver-
nichtungswaffen. Im Rahmen der Terrorismus-
bekämpfung kommt der Rüstungskontrolle zudem
eine wichtige Aufgabe vor allem im Hinblick auf die
Verhinderung des Zugriffs nicht staatlicher Akteure
auf Massenvernichtungswaffen zu.

Diese Aussage, mit der der Jahresabrüstungsbericht be-
ginnt, ist eine ganz wichtige Aussage, weil sie präzise den
Stellenwert markiert, den Rüstungskontrolle, Abrüstung
und Nichtverbreitung angesichts neuer Konflikte und
neuer Bedrohungen in unserer Welt haben und haben
müssen. Deshalb unterstützen wir die Bundesregierung
nachdrücklich in ihrem Bemühen, das vorhandene Instru-
mentarium der Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nicht-
verbreitung zu stärken, fortzuentwickeln und den sich
verändernden sicherheitspolitischen Herausforderungen
anzupassen.

Die Koalitionsfraktionen haben einen Antrag vorge-
legt. Ich empfehle ihn Ihnen zur Lektüre, obwohl er ziem-
lich lang ist, weil er sehr genau im Einzelnen beschreibt,
welche Positionen wir unter dem Gesichtspunkt dieses
Zitates beleuchtet haben.


(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Das behandeln wir doch im Ausschuss!)


– Darüber wird direkt abgestimmt, Herr Kollege. – Mit
diesem Antrag unterstützen wir ausdrücklich die Politik
der Bundesregierung. Im Übrigen muss ich sagen, dass
wir in unserem Ausschuss insgesamt kooperative Rüs-
tungskontrolleure sind. Sowohl die Kooperation mit der
Bundesregierung als auch die interfraktionelle Koopera-
tion kann man immer als gut oder ausgezeichnet bezeich-
nen. Wir bedanken uns auch ausdrücklich bei der Bun-
desregierung.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist einiges Posi-
tive in dem Bericht zu finden; ich nenne es nur in Stich-
worten. Das Erste ist, dass endlich, nach zehn Jahren, der
Vertrag über den Offenen Himmel in Kraft getreten ist.
Das Zweite ist, dass die Fortschreibung des KSE-Vertrags
jetzt offensichtlich vor der Ratifizierung steht. Auch dies
ist ein positiver Aspekt im rüstungskontrollpolitischen
Bereich.

Die wichtigste Aussage in diesem Bericht – ich finde,
das ist viel zu wenig bekannt; deshalb werde ich hier etwas
ausführlicher darauf eingehen – ist aber, dass die europä-
ischen Außenminister eine rüstungskontrollpolitische
Initiative beschlossen haben. Diese rüstungskontrollpoli-
tische Initiative ist meines Erachtens wegweisend, um der
internationalen terroristischen Bedrohung im Bereich der
Massenvernichtungswaffen effektiv zu begegnen. Diese




Vizepräsident Dr. h. c. Rudolf Seiters

23933


(C)



(D)



(A)



(B)


Initiative definiert vier wichtige Handlungsfelder: multi-
laterale Instrumente – dazu habe ich schon etwas gesagt –,
Exportkontrollen – auch dies ist ein zunehmend wichtiges
Instrument –, internationale Kooperation und politischer
Dialog. Ich denke, dies ist ein wichtiger Ansatz. Diese
multilateralen Instrumente waren in der Vergangenheit in
der Tat sehr erfolgreich. Ich denke dabei zum Beispiel an
den Nichtverbreitungsvertrag und an das Chemiewaf-
fenübereinkommen, aber auch an das Übereinkommen
von Ottawa zu den Landminen.

Das Chemiewaffenübereinkommen hat ein Verifika-
tionsprotokoll, das die Kontrolle der Einhaltung des Ver-
bots dieser Konvention ermöglicht und Transparenz
durch die Deklarationspflicht und Vertrauen durch In-
spektionen schafft. Leider ist dies bisher für das Überein-
kommen bezüglich biologischer Waffen nicht gelungen.
Wir hoffen sehr, dass bei der Verlängerung der 5. Über-
prüfungskonferenz im November 2002 Fortschritte in
dieser Richtung zu erzielen sind. Das Ziel wäre jedenfalls,
ein verpflichtendes Protokoll zu erreichen.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Die Entwicklung und Verbreitung von Trägertechno-
logien, die auch Massenvernichtungswaffen über längere
Strecken transportieren können, ist in der Diskussion über
die Proliferation in den letzten Jahren eines der Hauptthe-
men gewesen. Die Bedrohung durch so genannte Schur-
kenstaaten, die über Massenvernichtungswaffen verfü-
gen, hat zu einer langjährigen, auch kontroversen Debatte
über Raketenabwehrsysteme geführt. Iraks offenbar ge-
wordene Raketenprogramme, die Tests in Nordkorea und
die Raketenentwicklung im Iran haben uns aufgeschreckt.

Deshalb begrüßen wir es ausdrücklich, dass sich jetzt
auch im Bereich der Raketentechnologie und ihrer Kon-
trolle Fortschritte andeuten. Die Fortentwicklung des
Missile Technology Control Regime, das bisher nur ein
Exportkontrollregime ist, zu einem verbindlichen völker-
rechtlichen Vertrag wäre äußerst wünschenswert. Ein
erster Schritt in diese Richtung wird ein internationaler
Verhaltenskodex sein. Das wird von uns ausdrücklich un-
terstützt.

Der sicherheitspolitische Dialog ist ein weiterer wich-
tiger Schritt. Ich erinnere daran, dass dieser Dialog im Be-
reich des Iran seit Jahren von der EU, aber auch von der
Bundesrepublik geführt wird. Ich denke, es ist ein Erfolg
versprechender, kooperativer Weg. Dasselbe gilt zum
Beispiel für Nordkorea und das Programm, mit dem
Nordkorea dessen Produktion von waffengrädigem Mate-
rial abgekauft werden soll, und die Verhandlungen über
Raketentests, die dazu geführt haben, dass dort ein Mora-
torium zustande kam. Dies ist ein wirklich positiver Weg.
Wir sollten ihn weiter beschreiten.

Herausragendes abrüstungspolitisches Ereignis, das in
diesem Jahresbericht noch nicht enthalten ist, ist der ame-
rikanisch-russische Vertrag von Ende Mai zur Abrüs-
tung der jeweiligen Kernwaffenbestände um zwei Drittel
auf jeweils 1 700 bis 2 200 Gefechtsköpfe. Wir begrüßen
diesen Vertrag ausdrücklich, denn jeder Abrüstungsschritt
und besonders ein so massiver Abrüstungsschritt ist uns
willkommen. Aber es gibt in dieser Diskussion auch einen
Wermutstropfen. Wir sind zufrieden, dass es ein völker-

rechtlicher Vertrag ist, aber es ist ein Vertrag, der nur bis
2012 gilt und der mit einer Frist von drei Monaten aufge-
kündigt werden kann. Die Vorkehrungen sehen auch nicht
vor, dass die Gefechtsköpfe vernichtet werden. Das heißt,
die Irreversibilität dieses Vertrages ist nicht gegeben.


(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Das trifft nicht zu, Frau Kollegin!)


Dies erfüllt mich – das sage ich in aller Offenheit – mit tie-
fer Sorge; denn dadurch wird die Flexibilität ermöglicht,
die in der amerikanischen „Nuclear Posture Review“ ein-
gefordert wird und die zu einem erneuten schnellen Auf-
wuchs führen kann. Darüber hinaus bedeutet es die Op-
tion, neue Kernwaffen herzustellen.

In diesem Zusammenhang ist ein wichtiger Punkt, dass
wir auch weiterhin dafür eintreten, dass der Atomtest-
stoppvertrag ratifiziert wird und in Kraft tritt.


(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FDP sowie bei Abgeordneten der PDS)


Dies ist leider im Moment nicht absehbar, weil deutliche
Aussagen der Bush-Administration da wenig Hoffnung
machen.

Angesichts der aktuellen Lage in Indien und Pakistan,
angesichts der Tatsache, dass diese beiden Staaten keinem
Nichtverbreitungsregime angehören, dürfte es starke Aus-
wirkungen haben, dass zurzeit keine Chance auf ein In-
Kraft-Treten des Atomteststoppvertrages besteht. Denn
es bestand eine gewisse Hoffnung, dass sich diese beiden
Staaten dem Vertrag anschließen würden. Ich denke, diese
Chance wird nun geringer.

Wir werden weiterhin dafür eintreten, dass die nu-
kleare Abrüstung, wie es auch auf der Überprüfungskon-
ferenz einstimmig erklärt worden ist, zur endgültigen Ab-
schaffung von nuklearen Waffen führt, weil nur dies allein
uns von dem schwierigen Thema der Proliferation be-
freien kann. Die frei flottierenden Bestände an abgerüste-
tem Waffenplutonium machen uns schon genügend Kopf-
zerbrechen, ebenso wie die Beseitigung chemischer
Waffen, die bisher allerdings sehr erfolgreich war. In den
Bereichen der Abrüstung, Rüstungskontrolle und Non-
proliferation haben wir noch viel zu tun. Angesichts der
Situation der Bedrohung durch Terrorismus, in der wir
uns zurzeit befinden, müssen wir diese Aufgabe sehr ernst
nehmen.

Ich danke Ihnen.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423918000
Für die
Fraktion der CDU/CSU spricht der Kollege Eckart von
Klaeden.


Eckart von Klaeden (CDU):
Rede ID: ID1423918100
Herr Präsident!
Meine Damen und Herren Kollegen! Ich habe gerade mit
dem Kollegen Karl Lamers darüber gesprochen, wie be-
merkenswert es doch ist


(Angelika Beer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dass Sie jetzt die Rede halten!)





Uta Zapf
23934


(C)



(D)



(A)



(B)


– das nicht, Frau Kollegin, aber für dieses Kompliment
bedanke ich mich –, dass wir hier in Fragen der Abrüs-
tungspolitik im Wesentlichen übereinstimmen. Das ist
nun wirklich nicht immer so gewesen.


(Uta Zapf [SPD]: Wenn Sie mal in den Ausschuss kommen, werden Sie merken, dass es meistens so ist!)


– Das bemerke ich ja gerade, Frau Vorsitzende. – Deswe-
gen, Frau Kollegin Zapf, ist es mir in Wahlkampfzeiten
dann doch eine besondere Freude, Ihnen in einem we-
sentlichen Punkt widersprechen zu können: Über den
Jahresabrüstungsbericht wird heute nicht abgestimmt,
sondern er wird in die Ausschüsse überwiesen.


(Uta Zapf [SPD]: Sie kennen unseren Antrag nicht einmal!)


Meine Damen und Herren, am 11. Mai 1998 erklärte
der damalige Bundesaußenminister Kinkel:

Ich fordere die neue indische Regierung dazu auf,
zur Politik der nuklearen Zurückhaltung ihrer Vor-
gänger zurückzukehren und die Unterzeichnung des
Atomteststoppvertrages so bald als möglich nachzu-
holen.

Seit dieser Erklärung sind mehr als vier Jahre vergan-
gen. Die Tageszeitungen der vergangenen Tage befassen
sich auf ihren Titelseiten mit einem Thema: einem dro-
henden atomaren Krieg zwischen Indien und Pakistan.
Die Vereinigten Staaten und Großbritannien haben ihre
Staatsangehörigen aufgefordert, die Region zu verlassen,
und auch die Vereinten Nationen haben ihre Mitarbeiter
abberufen. Die Lage ist so ernst wie lange nicht mehr.

Den Atomteststoppvertrag haben Indien und Pakistan
übrigens immer noch nicht ratifiziert. Sie sind leider nicht
die Einzigen. Im Januar 2002 fehlten die Ratifizierungsur-
kunden von 13 der 44 im Vertrag genannten Staaten mit der
Folge, dass der Vertrag bislang nicht in Kraft getreten ist.

Die Sorge, dass auch Staaten wie der Irak, Nordkorea
oder der Iran in absehbarer Zeit über Atomwaffen verfü-
gen könnten, wächst. Gerade der Nahe und Mittlere Osten
ist eine problematische Region. Der Iran treibt sein zivi-
les Nuklearprogramm voran und wird verdächtigt, auch
Atomwaffen bauen zu wollen, obwohl er den Atomwaf-
fensperrvertrag unterschrieben hat. Der Irak schließlich
hatte nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste eine
Kernwaffe zu Beginn des zweiten Golfkrieges schon fast
fertig. Über Kapazitäten Israels bezüglich Nuklearwaffen
gibt es keine klaren Erkenntnisse.

Die Proliferation, also die Weiterverbreitung von
Massenvernichtungswaffen, wird als eine der Hauptursa-
chen für weltweite Instabilität und Gefahr betrachtet. So
sind Rüstungsexperten davon überzeugt, dass zum Bei-
spiel Nordkorea, obwohl es sich 1999 auf Druck der USA
zu einem Testmoratorium verpflichtet hat, andere Staaten
weiter mit Raketen und Raketentechnologie beliefert.

Gleiches gilt für biologische Waffen. Die Biowaffen-
konvention aus dem Jahre 1972, die von den Vereinigten
Staaten und 142 weiteren Staaten ratifiziert worden ist,
verbietet die Entwicklung, Herstellung und Verbreitung
biologischer Waffen. Die Gefahr aber, dass frustrierte

Wissenschaftler, vor allem aus den früheren Ostblock-
staaten, dazu verleitet werden könnten, ihr Wissen an den
Meistbietenden zu verkaufen, ist nach wie vor vorhanden,
ja wächst sogar.


(Hildebrecht Braun [Augsburg] [FDP]: So ist es!)


Dabei ist der Einsatz biologischer Waffen besonders
perfide. Im Unterschied zu Sprengstoffanschlägen, die
selber schon grausam genug sind, würden Angriffe mit
todbringenden Bakterien oder Viren anfangs gar nicht be-
merkt. Die Menschen könnten die Wolke mit den Erre-
gern weder sehen noch riechen oder schmecken. Erst nach
Tagen oder Wochen, je nach eingesetzter Mikrobe,
brächen die ersten Infektionen aus. Die Befallenen wür-
den in Praxen und Kliniken mit Symptomen einer merk-
würdigen Seuche erscheinen, die nur die wenigsten Ärzte
jemals gesehen haben.

Die britische Regierung hat vor einiger Zeit geheime
Tests aus den 60er-Jahren veröffentlicht. Bei einem An-
griff mit biologischen Waffen, so stellte man damals be-
reits fest, könnte das U-Bahn-Netz Londons binnen weni-
ger Stunden weiträumig verseucht werden. Diese Gefahr,
so die Schlussfolgerung, bestehe auch heute. Die Folgen
wären enorm, da die Zahl der Opfer die Zahl aller bis-
herigen großen Unfälle weit übertreffen würde.

Auch wenn britische Politiker die Angriffe in den 60er-
Jahren, also während des Kalten Krieges, vonseiten der
Sowjetunion befürchtet hatten: Die Gefahr des Angriffs
mit biologischen und chemischen Waffen besteht weiter,
ja, sie ist seit dem Golfkrieg und spätestens seit den An-
schlägen vom 11. September so real wie selten zuvor.

Dennoch wird leider weiter an der Entwicklung biolo-
gischer Waffen gearbeitet. Hierbei geht es nicht nur um
Staaten. Besonders teuflisch ist vielmehr, dass vor allem
Terroristen, die sich schwer kontrollieren lassen, an Mas-
senvernichtungswaffen interessiert sind. Was sich aber
kontrollieren lässt, ist das Vorfeld, nämlich die Entwick-
lung und Weitergabe von Technologie und Trägersyste-
men solcher Waffen. So ist es gut und wichtig, dass wir
uns heute mit abrüstungspolitischen Themen befassen
und gemeinsam versuchen wollen, einige wichtige Ab-
kommen der Ratifizierung bzw. der Stärkung entgegen-
zubringen.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Zunächst möchte ich auf einige abrüstungspolitische Er-

folge hinweisen, die der Jahresabrüstungsbericht aufzeigt.
Zu diesen Erfolgen zählt sicherlich die von den EU-Außen-
ministern verabschiedete rüstungspolitische Initiative, die
das Ziel hat, vor allem nicht staatlichen Akteuren den Zu-
gang zu Massenvernichtungswaffen zu verwehren. Wün-
schenswert wäre aber eine verstärkte Zusammenarbeit in
der EU über die tägliche Arbeit der Gemeinsamen Außen-
und Sicherheitspolitik hinaus. Abrüstung und Rüstungs-
kontrolle sind es wert, in der Europäischen Union zu einem
wichtigeren Thema zu werden.

Auch das Anpassungsübereinkommen zum KSE-Ver-
trag, das im Jahr 2000 nicht in Kraft treten konnte, nun
aber aufgrund der von Russland erklärten Truppenbe-
grenzungsverpflichtung aller Wahrscheinlichkeit nach in




Eckart von Klaeden

23935


(C)



(D)



(A)



(B)


Kraft treten kann, ist ein guter Fortschritt. Diese beiden
Beispiele zeigen, dass Fortschritte bei der Abrüstung und
Rüstungskontrolle zwar mühsam sind, aber durchaus er-
reicht werden können.

Ein Erfolg, der absehbar, im Bericht aber noch nicht er-
wähnt worden ist, ist das Abkommen über die Reduzie-
rung der strategischen Angriffspotenziale, das Präsident
Bush und Präsident Putin vor kurzem in Moskau unter-
zeichnet haben; Kollegin Zapf hat es schon angesprochen.

Nun soll man sich aber mit den bisherigen Erfolgen
nicht zufrieden geben. Zwar haben wir mit den existie-
renden Abrüstungs- und Rüstungskontrollregimen bereits
gute Fortschritte erzielt. Doch angesichts der derzeitigen
schwierigen weltpolitischen Lage – die gegenwärtigen
regionalen Krisenherde zeigen es – sind weitere Maßnah-
men dringend erforderlich.

Deshalb bedauern wir die Aufkündigung des ABM-
Vertrages durch die Vereinigten Staaten. Deren Bestre-
ben, auch unilateral für die Gewährleistung ihrer militäri-
schen Sicherheit zu sorgen, ist seit dem 11. September
letzten Jahres aber besonders nachvollziehbar. Zudem be-
deutet dies nicht – das hat Präsident Bush bei seinem Be-
such in Deutschland ausdrücklich erklärt –, dass diese
Maßnahmen zulasten kollektiver Sicherheitssysteme ge-
hen sollen.

So wird meine Fraktion, auch angesichts der einleitend
geschilderten Bedrohungssituation, dem Antrag zur
Schaffung geeigneter Kontrollinstrumente, mit denen die
Einhaltung der Verbotsbestimmungen des Biowaffen-
übereinkommens gefordert wird, zustimmen und auch
nicht gegen die Initiative zur Ratifizierung des Atomtest-
stoppvertrages stimmen.


(Beifall bei der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


Besondere Bedeutung messe ich – das möchte im zum
Schluss noch einmal sagen – dem Verbot biologischer
Waffen und – ich erwähnte es bereits – der Einschränkung
der Proliferation bei. Auch sollte auf die Kontrolle
gentechnischer Entwicklungen in diesem Zusammenhang
ein stärkeres Gewicht gelegt werden. Ich will aber auch
nicht versäumen zu sagen, dass Abrüstung und Rüstungs-
kontrolle in ein sinnvolles und zielgerichtetes außen- und
sicherheitspolitisches Konzept eingebunden werden müs-
sen und dass selbstverständlich auch entwicklungspoliti-
sche Maßnahmen und Konzepte im weitesten Sinne mit
einbezogen werden müssen.

In diesem Punkt muss die Bundesregierung leider kri-
tisiert werden.


(Uta Zapf [SPD]: Wieso?)

Denn insbesondere im Bereich der Entwicklungshilfe
müssen wir, trotz der Intervention der zuständigen Minis-
terin, eine weitere Streichung der Mittel feststellen. Nach
meinem derzeitigen Kenntnisstand werden diese Mittel
auch im Jahr 2003, jedenfalls nach den Plänen der derzei-
tigen Regierung, nicht aufgestockt. Wir müssen dafür sor-
gen, dass diese Politik am 22. September dieses Jahres
beendet wird und in ein umfassendes außen- und sicher-
heitspolitisches Konzept eingebunden werden kann.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Abg. Eckart von Klaeden [CDU/CSU] begibt sich auf seinen Platz und spricht mit Abg. Angelika Beer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423918200
Halten Sie
Frau Kollegin Beer nicht von ihrer Rede ab! Sie hat für die
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen das Wort.


Angelika Beer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423918300
Herr
Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Bevor ich
grundsätzlich auf die Problematik der Abrüstung und
Rüstungskontrolle und der Nichtproliferation eingehe,
möchte ich Ihnen, Herr von Klaeden, etwas sagen. Als ich
mich anfangs der Debatte wunderte, dass Sie reden, war
das in der Tat nicht negativ gemeint.


(Eckart von Klaeden [CDU/CSU]: Das habe ich auch nicht so verstanden!)


Es ist nämlich so, dass dieser Unterausschuss eine Qua-
lität besitzt, die vielen anderen fehlt. Es findet keine par-
teiorientierte, sondern eine problemorientierte Auseinan-
dersetzung statt. Es ist eigentlich bedauerlich, dass dieser
so wichtige Bereich, der auch ein Instrument zur Kon-
fliktregulierung und -verhütung ist, im Plenum so wenig
Aufmerksamkeit erfährt, während wir – wie morgen –,
wenn wir gezwungen sind, andere schwere Entscheidun-
gen zu treffen, alle unser Votum namentlich abgeben.

Ich denke, dass der negative Verlauf zahlreicher für die
Rüstungskontrollpolitik relevanter Ereignisse der letzten
Jahre gezeigt hat, dass ein gemeinsames Verständnis von
Sicherheit und Frieden wichtiger ist denn je. Es ist wich-
tiger denn je – die aktuellen Probleme haben Sie, Herr von
Klaeden, aber auch Frau Zapf genannt –; denn es gibt nir-
gendwo Zeichen für Entwarnung, sondern nur für An-
spannungen. Die Drohung der gegenseitigen Vernichtung
mit Massenvernichtungswaffen scheint wieder auf die Ta-
gesordnung zu rutschen.

Gerade im Bereich der Kooperation sehe ich einen
ganz zentralen Punkt; denn die diffusen Risiken und Be-
drohungen von heute haben sich weiter globalisiert. Die
Akteure folgen zu oft oder schon wieder ihrem eigenen
national orientierten Sicherheitsbegriff. Dies erschwert
unsere gemeinsame Definition von friedens- und sicher-
heitspolitischen Interessen, auf die wir dringend ange-
wiesen sind.

Dieser Prozess ist nicht neu. Ich will noch einmal da-
rauf hinweisen, dass die Debatte über die Relativierung
nationaler Sicherheit spätestens mit der Diskussion über
die Folgen von Nuklearwaffen begonnen hat und nicht zu-
letzt für die Entwicklung des Konzepts von Rüstungskon-
trollpolitik, dessen Funktion zunächst die Kontrolle von
Rüstungsprozessen, weniger der Abrüstung an sich war,
ausschlaggebend war.

Es waren damals die Vereinigten Staaten, die das Kon-
zept der Sicherheitspolitik mit entwickelt haben, weil sie
erkannt hatten, dass Sicherheit unter diesen Bedingungen
nur kooperativ zu erreichen ist. Diesen Weg haben die




Eckart von Klaeden
23936


(C)



(D)



(A)



(B)


Vereinigten Staaten derzeit verlassen. Das ist kein Grund
für uns, davon abzulassen. Wir müssen dafür werben, dass
sie in die gemeinsame Definition von Sicherheit zurück-
kehren.

Zur Zeit der Blockkonfrontation waren die sicherheits-
politischen Konstellationen überschaubar. Heute haben
wir damit verglichen verschiedene rüstungskontrollpoliti-
sche Bereiche von globaler Bedeutung, auch wenn sie je-
weils unterschiedlicher Logik folgen.

Ich gehe die Palette einmal durch und beginne mit den
Massenvernichtungswaffen. Die Rüstungskontrollre-
gime befinden sich zurzeit in kritischer Lage. Wir wissen
noch nicht, welche Folgen die Kündigung des ABM-Ver-
trags langfristig haben wird, wenngleich die Vereinbarung
über die Reduzierung der Nuklearpotenziale zwischen
Russland und Amerika erfolgreich ist.


(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Sie wird überhaupt keine Folgen haben!)


Wir sehen auch und sind skeptisch, was erwünschte Er-
folge der Aufstellung eines Raketenabwehrsystems sein
sollen. Eines können wir heute schon bilanzieren: All
diese Maßnahmen – sie waren nicht international, sondern
bilateral oder unilateral – waren keine, die die Anschläge
vom 11. September verhindert hätten. Ich glaube, es ist
wichtig, dies noch einmal hervorzuheben.

Genf ist bereits erwähnt worden. Der Abrüstungspro-
zess stockt seit Jahren und kommt keinen Schritt weiter.
Das B-Waffen-Übereinkommen ist sehr wichtig. Wir
standen im Dezember vor der nächsten qualitativen Stufe,
wir wollten einen Verifikationsmechanismus vereinbaren.
Was hilft die internationale Einigung über die Ächtung
und das Verbot, wenn die Instrumente der Überprüfung
nicht dazugegeben werden? Dass ausgerechnet diese
wichtige Verifikation durch die Vereinigten Staaten
blockiert worden ist, konterkariert die politischen Erfor-
dernisse in der Zeit nach dem 11. September.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP und der PDS)


Wir sind uns darüber einig, dass sich die Gefahr der
Proliferation vergrößert hat, dass immer mehr Staaten ver-
suchen, Massenvernichtungswaffen in die eigenen Hände
zu bekommen. Wir wissen, dass einige Staaten nicht be-
reit sind, davon auf dem Verhandlungswege abzulassen.
Hier brauchen wir die Unterstützung der Amerikaner. Da-
bei muss man sich von dem Glauben verabschieden – das
ist im Hinblick auf den Irak wesentlich –, man könnte die
Gefahr von Massenvernichtungswaffen durch militäri-
sche Luftschläge beseitigen. Nein, das ist mitnichten der
richtige Weg. Ich spreche mich strikt dagegen aus. Was
wir vielmehr brauchen, ist eine Stärkung der Mechanis-
men der Vereinten Nationen. Wir brauchen ferner den po-
litischen Druck auf dieses Regime, das Massenvernich-
tungswaffen bereits gegen die eigene Bevölkerung
eingesetzt hat. Wir müssen Druck ausüben, dass die In-
spekteure der Vereinten Nationen ohne jede Auflage in
das Land zurückkehren dürfen. Das ist der Weg zur Dees-
kalation. Alles andere würde eine Zunahme der Spannung
bedeuten und würde zur weiteren Eskalation im gesamten

Nahen und Mittleren Osten führen. Das kann nicht unser
Ziel sein.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Es gibt aber auch Erfolge. Lassen Sie mich in diesem
Zusammenhang den Bereich der konventionellen Rüs-
tungskontrolle ansprechen. Der Vertrag über Open Skies
ist in Kraft getreten. Das ist ein außerordentlich großer Er-
folg. Es ist wirklich ein Wermutstropfen, dass die Bundes-
republik Deutschland mangels eigenem Flugzeug nicht in
der Lage ist, sich aktiv daran zu beteiligen. Ich sehe es als
Aufgabe für die Zukunft an – im Parlament besteht darüber
Konsens –, die entsprechenden Kapazitäten zu erhöhen, um
dort eine aktive Rolle in der Zukunft spielen zu können.


(Beifall des Abg. Winfried Nachtwei [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] – Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Ihr müsst den Etat erhöhen! Ihr kürzt doch ständig!)


Die Weiterentwicklung der Rüstungskontrolle bei-
spielsweise im Bereich der Kleinwaffen und der Landmi-
nen ist notwendig, um Menschenleben zu retten. Auch in
diesem Bereich wollen wir treibende Kraft sein. Diese
Weiterentwicklung ist ein Bestandteil von humanitär ori-
entierter Rüstungskontrolle, die im Alltag meines Erach-
tens zu wenig Berücksichtigung findet.

Ich möchte noch die Rüstungsexportkontrolle an-
sprechen; denn auch dieser kommt im Zusammenhang
mit dem illegalen Handel mit Massenvernichtungswaffen
und biologischen Kampfstoffen eine ganz wichtige Rolle
zu. Wir müssen hier multilaterale Instrumente entwickeln
und treibende Kraft sein. Ich teile die entsprechenden
Ideen und Vorschläge vollkommen. Wo es eine interna-
tionale Einigung noch nicht gibt, müssen wir eine ge-
meinsame europäische Position und eine europäische
präventive Außen- und Sicherheitspolitik formulieren,
um auf dieser Ebene weitere Unterstützung zu suchen.


(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Sie blockieren doch immer!)


Wenn ein solcher Prozess erst einmal in Gang gekommen
ist, dann wird er irgendwann auch unseren amerikani-
schen Partner erreichen; denn dies ist der vernünftige und
der verantwortbare Weg.

Ich möchte noch einen weiteren Punkt ansprechen und
an dieser Stelle der Bundesregierung danken. Ich glaube,
es war ein guter Start, die Experten vor Ort, also die Nicht-
regierungsorganisationen, und deren Expertisen in diesen
wichtigen Bereich der Abrüstung und Rüstungskontrolle
einzubeziehen.


Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423918400
Frau Kolle-
gin Beer, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeord-
neten Braun?


Angelika Beer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423918500
Ja,
Herr Kollege Braun.


Hildebrecht Braun (FDP):
Rede ID: ID1423918600
Frau Beer, Sie
würden es mir leichter machen – ich könnte mich nämlich




Angelika Beer

23937


(C)



(D)



(A)



(B)


in meinem Redebeitrag nachher kürzer fassen –, wenn Sie
mir eine Antwort auf die folgende Frage geben könnten.

Sie haben einen Antrag zum Thema Antifahrzeugminen
vorgelegt. Die CDU/CSU-Fraktion und meine Fraktion
haben ebenfalls einen entsprechenden Antrag eingebracht.
Die beiden Anträge unterscheiden sich ausschließlich da-
durch, dass wir beantragt haben – das geht über das hinaus,
was Sie vorschlagen –, dass die Bundesrepublik Deutsch-
land beispielgebend sein soll und derartige Minen ver-
nichten soll, die sich noch im Bestand der Bundeswehr be-
finden, und dass die Bundesrepublik Deutschland einseitig
auf Erprobung, Herstellung und Lizenzvergabe sowie La-
gerung und Export von Landminen verzichten soll. Unsere
Anträge unterscheiden sich nur in diesen beiden Punkten.
Was ist Begründung der Grünen dafür, dass Sie dies of-
fensichtlich nicht akzeptieren wollen, sodass ein gemein-
samer Antrag nicht zustande kommen kann?


(Uta Zapf [SPD]: Wir sind doch dabei!)



Angelika Beer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423918700
Herr
Kollege Braun, wir sind dabei – die letzte Fassung hat
mich eine halbe Stunde vor meiner Rede erreicht –, einen
Kompromiss zu finden. Ich bin in dieser Frage vollkom-
men offen. Die beiden Punkte, die Sie angesprochen ha-
ben und die im Wesentlichen von Herrn Kinkel formuliert
worden sind, finden aus politischer und humanitärer
Überzeugung meine volle Unterstützung.


(Hildebrecht Braun [Augsburg] [FDP]: Dann stimmen Sie doch zu!)


– Darf ich bitte ausreden? – Meine volle politische Unter-
stützung finden auch die jetzt beginnenden Aktionstage
im Rahmen der internationalen Kampagne gegen die
Landminen, die genau diese Forderungen an die Bundes-
regierung stellt. Ich meine, zu Recht.

Nun ist es bekannt – das kennen Sie noch aus Ihrer Re-
gierungszeit –, dass es in der Bundesregierung ein Ressort
gibt, das die Minenproblematik gänzlich anders bewer-
tet, nämlich das Bundesministerium der Verteidigung.
Weil wir gelernt haben, in der Koalition zu kommunizie-
ren, sind wir gerade dabei, einen Antrag zu formulieren,
der die Unterstützung aller finden kann. Ich hoffe, das ge-
lingt im Interesse derjenigen – das sind vor allem Zivilis-
ten –, die nach wie vor von diesen Landminen und Anti-
panzerminen bedroht werden.

Deswegen hat meine Fraktion so unendlich lange Ge-
duld mit dem Minister der Verteidigung. Wir hoffen, ihm
doch noch deutlich machen zu können, dass er sich end-
lich ein Herz fassen sollte, auf diesem Gebiet humanitärer
Rüstungskontrolle Ihrem Antrag entsprechend einen
Schritt nach vorne zu wagen, und zwar nicht erst dann,
wenn die anderen ihn gemacht haben, sondern als Erster.
Ich hoffe, dass wir gemeinsam erfolgreich sein werden.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Hildebrecht Braun [Augsburg] [FDP]: Darf ich noch eine Zusatzfrage stellen?)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423918800
Frau Kolle-
gin Beer, gestatten Sie noch eine Zusatzfrage?


Angelika Beer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423918900
Ich
möchte meine Rede jetzt zu Ende bringen, damit es nach-
her nicht heißt, wir dürften die Landminenproblematik
hier nicht mehr erörtern, weil wir diese Debatte schon ge-
führt hätten. Das wäre der Sache nicht zuträglich. Ich
hoffe vielmehr, dass wir noch während dieser Legislatur-
periode eine Debatte über einen interfraktionellen Antrag
führen können.


(Abg. Uta Zapf [SPD] meldet sich zu einer Zwischenfrage)


– Entschuldigung, ich möchte jetzt zum Schluss meiner
Rede kommen.

Gerade die Nichtregierungsorganisationen haben das
gesellschaftlich-politische Umfeld mobilisiert, was über-
haupt erst dazu geführt hat, dass das Abkommen von
Ottawa zur Ächtung aller Antipersonenminen ratifiziert
werden konnte. Dass wir in diesem Dialog unsere Politik
weiterentwickeln, kritische Stimmen hören und dement-
sprechend versuchen, unsere Gedanken im Rahmen des
gemeinsamen Dialogs umzusetzen, ist ein Erfolg. Ich
wünsche mir, dass dies in der nächsten Legislaturperiode
unter einer rot-grünen Regierung mit noch mehr Engage-
ment fortgeführt wird.

Verehrte Kolleginnen und Kollegen, in all diesen Be-
reichen gibt es den von mir dargestellten Stau. Wir sollten
den Stellenwert dieses Politikbereiches erhöhen. Dabei
müssen wir vor allen Dingen Phantasie walten lassen und
dort, wo alte, ausgediente Instrumente heute nicht mehr
greifen, Weiterentwicklungen vorantreiben. Wer glaubt,
dass dieser Politikbereich aufgrund der schwierigen inter-
nationalen Zuspitzung keine Zukunft mehr hat, der vergibt
ein ganz wichtiges Instrument zu neuen friedensfördern-
den Initiativen, die Rüstung beseitigen sollen und damit
unserem gemeinsamen politischen Ansatz entsprechen.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Dr. Rudolf Seiters (CDU):
Rede ID: ID1423919000
Für die
FDP-Fraktion spricht der Kollege Hildebrecht Braun.


Hildebrecht Braun (FDP):
Rede ID: ID1423919100
Herr Präsi-
dent! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Abrüs-
tungspolitik ist ein wichtiger Teil der weltweiten Frie-
denspolitik. Abrüstung löst nicht bestehende militärische
Konflikte, trägt aber dazu bei, dass sich solche Konflikte
gar nicht erst ergeben können. Diese Charakterisierung
mag erklären, warum Abrüstungspolitik wenig spekta-
kulär ist und deshalb das Interesse der Öffentlichkeit auch
nicht sehr groß ist. Wir Politiker, die sich dem Frieden in
der Welt verpflichtet wissen, nehmen Abrüstungspolitik
ernst und werben für die oft kleinen Schritte, die die Welt
dem Frieden näher bringen sollen.


(V o r s i t z: Vizepräsidentin Anke Fuchs)

Wenn die Menschen wüssten, welches Vernichtungs-

potenzial in den Arsenalen der Staaten liegt, die über
Atomwaffen sowie über biologische und chemische Mas-




Hildebrecht Braun (Augsburg)

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senvernichtungswaffen verfügen, wie viele Minen in der
Welt verlegt wurden und wie viele noch produziert wer-
den, wie viele Kleinwaffen in der Welt eine tägliche töd-
liche Gefahr für Tausende von Menschen darstellen, dann
wäre das Interesse an Fragen der Abrüstung sicherlich
größer. Wir verfügen über entsprechende Informationen;
daher rührt auch unser Engagement.

Der vorliegende Abrüstungsbericht für das Jahr 2001
bemüht sich geradezu rührend, von Erfolgen zu sprechen.
Er schreibt der NATO sogar eine herausragende Rolle bei
der Bewältigung des Terrorismus zu, was aus meiner
Sicht reine Schönfärberei ist. Aber es gibt in der Tat ein
paar Erfolge der Abrüstungspolitik. So wird auf die Rati-
fizierung des Vertrags über den offenen Himmel, auf eine
angeblich positive Bilanz des Antipersonenminenabkom-
mens und auf ein Kleinwaffenaktionsprogramm der Ver-
einten Nationen verwiesen.

Leider sind die nötigen Hinweise auf negative Ent-
wicklungen viel gewichtiger: das Scheitern des Verifika-
tionsprotokolls des Chemieabkommens, den Stillstand
der Abrüstungskonferenz in Genf, den wir schon seit Jah-
ren beklagen, die Kündigung des Grundlagenvertrags der
Abrüstung, nämlich des ABM-Vertrags von 1972, durch
die USA anstelle einer einvernehmlichen Anpassung.

Man kommt also nicht umhin, die Bilanz des Abrüs-
tungsjahres 2001 negativ zu beurteilen. Das darf uns nicht
entmutigen, auch wenn der wichtigste Partner, die USA,
gerade unter der Bush-Regierung immer wieder sein Des-
interesse an der Abrüstung ausdrückt. Die USA haben
nach wie vor den Atomwaffenteststoppvertrag nicht rati-
fiziert.


(Kurt J. Rossmanith [CDU/CSU]: Nicht nur die USA!)


Ihre Haltung in dieser Frage ermutigt möglicherweise so-
gar die Schwellenländer und solche wie Pakistan und In-
dien, die seit kurzer Zeit über Atomwaffen verfügen, in
ihren Aufrüstungsbemühungen fortzufahren.

Auf der einen Seiten haben die USA – übrigens neben
Russland und China – das Antipersonenminenprotokoll
von Ottawa nicht mit unterzeichnet und damit dazu bei-
getragen, dass das Elend der Antipersonenminen nicht be-
endet werden kann. Die USA haben den ABM-Vertrag
– den ersten wirklich großen Abrüstungsvertrag – gekün-
digt.

Sie haben vor 14 Tagen einen neuen Vertrag mit Russ-
land geschlossen, der die Bezeichnung „Vertrag über die
Abrüstung von Kernwaffen“ nicht verdient. Dieser Ver-
trag ist zwar Balsam auf die Seele der Russen, aber kein
wirklicher Fortschritt. Er kann jederzeit wie ein Mietver-
trag über eine Mansardenwohnung mit vierteljährlicher
Frist gekündigt werden.


(Susanne Kastner [SPD]: Kommt darauf an, wie lange Sie darin wohnen! Dann dauert es sechs Monate!)


Die zu reduzierenden Sprengköpfe müssen nicht dauer-
haft unschädlich gemacht werden. Sie können irgendwo
zur jederzeitigen Wiederverwendung eingelagert werden.
Trägerraketen werden gleich gar nicht von diesem Vertrag

erfasst. Nach Abschluss der Laufzeit Ende 2012 sind alle
Partner wieder frei, fröhlich neu aufzurüsten.

Wir sehen zum ersten Mal seit 1961, dass sich zwei
Atommächte, nämlich Pakistan und Indien, an der De-
markationslinie von Kaschmir bis zu den Zähnen gerüstet,
nicht nur mit Millionen Soldaten, mit der Drohung ge-
genüberstehen, die neuen Kernwaffen nötigenfalls auch
einzusetzen. Beide Staaten haben bereits erfolgreich Mit-
telstreckenraketen erprobt.

Auf der anderen Seite müssen wir aber auch hervorhe-
ben, dass sich die USA im Wesentlichen allein nach dem
Nunn-Lugar Act, also dem Gesetz der beiden Herren
Nunn und Lugar, um die Finanzierung von Projekten
kümmern, die den Wissenschaftlern und Militärs, die wis-
sen, wie man Atombomben baut und sie in Trägersyste-
men unterbringt, eine zivile berufliche Perspektive bieten
sollen. Welche Zeitbombe in diesem menschlichen Poten-
zial von Tausenden Wissenschaftlern steckt, kann sich je-
der ausmalen. Es handelt sich im Wesentlichen um Her-
ren, die nicht nur im Irak und im Iran, sondern in etlichen
anderen Staaten herzlich willkommen wären.

Deutschland hat sich seit Beginn der Amtszeit des grü-
nen Außenministers als Bremser der endgültigen Beseiti-
gung von russischen Atomwaffen erwiesen – eine
schlimme Folge verfehlter Umweltpolitik. Anstatt im
Rahmen der G 8 die Bemühungen der anderen Staaten zu
unterstützen, den Russen bei der seit Jahren gewollten
Umwandlung von Waffenplutonium aus den überzähligen
Atomsprengköpfen in Material für die friedliche Atom-
kraft zu helfen, wurde blockiert. Wir hätten schon längst
eine vernünftige Vereinbarung über die tatsächliche und
endgültige Entsorgung dieser Atomsprengköpfe,


(Uta Zapf [SPD]: Das ist doch gar nicht wahr, Hildebrecht! Du weißt es besser!)


die eine nicht zu überschätzende Gefahr für den Weltfrie-
den darstellen, weil sie natürlich in die Hand von Staaten
wie dem Irak oder dem Iran oder – ebenso schlimm – in
die Hand von nicht staatlichen Terrororganisationen fal-
len könnten. Deutschland hätte mit der Siemens-Brenn-
elementefabrik in Hanau helfen können; Deutschland hat
aber nicht helfen wollen oder helfen dürfen, weil die Grü-
nen Probleme mit ihren Wählern befürchteten. Ausge-
rechnet die Grünen haben damit Abrüstung in einem ganz
zentralen Bereich verhindert.


(Uta Zapf [SPD]: Das ist doch Unsinn! – Angelika Beer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Oje!)


Die Haltung der Grünen wird auch dann nicht glaubwür-
dig, wenn sie sich zu den Anträgen im Hinblick auf die
Landminen so wie heute verhalten; das Thema werden wir
offensichtlich noch in einer separaten Sitzung behandeln
müssen.

Ich bitte darum, zu prüfen, ob wir das Thema Abrüs-
tung in der nächsten Legislaturperiode, in der es genauso
wichtig sein wird wie jetzt, nicht etwas aus der Parteipo-
litik herauslösen


(Angelika Beer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie ziehen es doch gerade wieder hinein!)





Hildebrecht Braun (Augsburg)


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und als selbstständigen Bereich werten können, dem sich
alle in gleichem Maße verpflichtet fühlen.

Vielen Dank.

(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423919200
Ich erteile der Kolle-
gin Heidi Lippmann für die PDS-Fraktion das Wort.


Heidi Lippmann-Kasten (PDS):
Rede ID: ID1423919300
Frau Präsidentin! Meine Da-
men und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen aus
dem Unterausschuss Abrüstung, Rüstungskontrolle und
Nichtverbreitung! Ich möchte die große Harmonie, die bei
uns im Ausschuss herrscht, zumindest in dieser Debatte
ein wenig durchbrechen. Denn ich bin der Meinung: Wir
können Abrüstung und Rüstungskontrolle nicht losgelöst
von der Aufrüstung thematisieren, die in Ihrer aller Rei-
hen massiv betrieben wird.


(Eckart von Klaeden [CDU/CSU]: Was, in unseren Reihen?)


Der Jahresabrüstungsbericht des vergangenen Jahres
zeigt, dass es wenig Fortschritte, aber eine Menge Rück-
schläge gegeben hat. Ich denke, diese Tendenz wird sich
fortsetzen.

In der UN-Abrüstungskommission herrscht Stagnation
und auch in der OSZE wird nicht über weitere Abrüs-
tungsschritte diskutiert.


(Angelika Beer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Die PDS sollte darin einmal den Vorsitz übernehmen!)


NATO und EU haben in den vergangenen drei Jahren
keine konkreten Abrüstungsprojekte vorgelegt.


(Uta Zapf [SPD]: Dayton!)

Es gibt zwar bei den führenden Industrienationen noch
quantitative Rüstungsreduzierungen, diese werden aber
durch eine qualitative Aufrüstung kompensiert.

Über diese Rüstungsmodernisierungen lesen wir in die-
sem Bericht nichts. Wir lesen auch nichts darüber, dass die
Rüstungsausgaben im Weltmaßstab seit 1999, also nach
Jahren ökonomisch bedingter Rüstungsminderung, wieder
angestiegen sind. Wir sind mittlerweile – mit steigender
Tendenz und ohne die Schwarzgelder der NATO – wieder
bei mehr als 800Milliarden Dollar angelangt, an der Spitze
die USA mit gigantischen Steigerungen. Darüber ist in
dem vorliegenden Bericht leider nichts nachzulesen.


(Uta Zapf [SPD]: Auf den hinteren Seiten steht alles!)


Angesichts dessen sollte man ernsthaft überlegen, ob
man nicht künftig eine Umbenennung vornimmt. Realis-
tischer wäre es, künftig einen Jahresaufrüstungsbericht
oder wenigstens einen Jahresrüstungskontrollbericht vor-
zulegen, da Abrüstung kaum noch eine Rolle spielt, son-
dern es nur noch um Rüstungskontrolle und maximal um
Nichtverbreitung geht.

Rüstungskontrolle bedeutet, dass man unkalkulier-
bare Risiken der Rüstung ausschalten oder managen will.

Im Bereich der Kleinwaffen wird zum Beispiel der Export
kontrolliert. Dies bedeutet aber noch lange nicht, dass
Produktion und Export limitiert werden. Dies hat mit Ab-
rüstung nichts zu tun.


(Beifall bei der PDS)

Auch die Geschichte des nuklearen Wettrüstens hat ge-
zeigt, dass Rüstungskontrolle sehr wohl mit Aufrüstung
einhergehen kann.

Der neue Vertrag, den Herr Bush und Herr Putin zur
Nuklearstrategie unterzeichnet haben – dies wurde schon
angesprochen –, wird zwar offiziell als Abrüstungsschritt
bezeichnet, doch weil damit auch der START-II-Vertrag
beerdigt wurde, ermöglicht er de facto, dass künftig ganz
legitim Mehrfachsprengköpfe gebaut werden können.

Die Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen
ist ein zwingend notwendiger Schritt. Gerade nach dem
11. September 2001 geht es darum, zu vermeiden, dass
diese in die falschen Hände geraten. Doch gibt es richtige
Hände für Atombomben, chemische Kampfstoffe und
Biowaffen? Wir sagen ganz klar: Nein!


(Beifall bei der PDS)

Deswegen gibt es keinerlei Grund, den exklusiven Be-

sitz der großen Industriemächte an diesen Waffen zu ver-
teidigen. Diese Waffen müssen konsequent geächtet wer-
den, egal, ob sie sich in russischer, amerikanischer,
britischer, französischer, indischer, israelischer, pakistani-
scher oder irakischer Hand befinden.

Die Forschung an nuklearen Mehrfachsprengköpfen,
der Bau von Mini-Nukes, Besorgnis erregende Entwick-
lungen vor allem bei den biologischen Waffen, die Sabo-
tage der USA beim Biowaffen-Übereinkommen sowie
neue, intensivierte Forschungsprogramme geben Anlass
zu größter Sorge.

Die Ansätze in den heute von den Regierungsfraktio-
nen auch zum Biowaffen-Übereinkommen vorgelegten
Anträgen gehen unseres Erachtens in die richtige Rich-
tung. Sie gehen jedoch längst noch nicht weit genug. Des-
wegen werden wir uns bei der Abstimmung über die ent-
sprechenden Anträge enthalten. Wir sind der Meinung,
dass die Kritik gerade gegenüber den Bündnispartnern
noch viel deutlicher formuliert werden muss. Es gilt ins-
besondere auch Koalitionen mit abrüstungswilligen Staa-
ten voranzutreiben. Deswegen haben wir einen Antrag
bezüglich der Biowaffen vorgelegt.

Wir fordern Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, auf:
Lassen Sie uns gemeinsam die Abrüstung voranbringen,
indem wir gemeinsam der Aufrüstung, die in allen anderen
Fraktionen unterstützt wird, eine klare Absage erteilen!


(Beifall bei der PDS)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423919400
Das Wort hat jetzt der
Herr Staatsminister Dr. Christoph Zöpel.

D
Dr. Christoph Zöpel (SPD):
Rede ID: ID1423919500
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Kolleginnen
und Kollegen! Die Bundesregierung konnte ihre Auffas-
sung zur Abrüstung, zur Rüstungskontrolle und zu den




Hildebrecht Braun (Augsburg)

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Gefahren der Rüstung schriftlich darlegen. Ich wollte Ge-
legenheit haben, Ihnen zuzuhören, bevor ich spreche.


(Karl Lamers [CDU/CSU]: Es lohnt sich!)

Zuhören ist die zeitloseste und beste Form der Informati-
onsaufnahme, die es gibt. Da hilft kein technischer Fort-
schritt.


(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Lassen Sie mich Folgendes sagen: Ich finde, das, was ich
hören konnte, war ein Beleg für eine große Gemeinsam-
keit auf der Basis zivilisatorischer Erkenntnisse darüber,
wie Frieden in dieser Welt gesichert werden kann.


(Winfried Nachtwei [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Richtig!)


Ich will kurz auf einige wenige kritische Bemerkun-
gen – das ist normal – eingehen:

Erste Bemerkung. Es geht um einen Hinweis in Ihrem
Beitrag, Herr von Klaeden, und in einem Zuruf von Ihnen,
Herr Rossmanith. Sie sagten, man müsse sowohl für die
Entwicklungshilfe als auch für die Verteidigung mehr
Geld ausgeben. Wer möchte dem von vornherein wider-
sprechen? Lassen Sie mich aber bitte eine Anmerkung
machen: Als ich ungefähr 1997 nachschaute, wieso die
Länder – von Schleswig-Holstein bis Bayern – im Ge-
gensatz zum Bund ihre Investitionshaushalte kürzen
mussten, fiel mir auf, dass dies der Fall war, weil die not-
wendige Anpassung im Bund allein durch den Verteidi-
gungshaushalt geleistet wurde. Ich fand das toll.

Sie sollten mit diesem Faktum leben. Die Reduzierung
von 1 Million Soldaten verschiedenster Truppen auf deut-
schem Boden und die wirklich deutliche Reduzierung des
Verteidigungshaushaltes – für beides trug überwiegend
Verteidigungsminister Rühe die Verantwortung – fand
und finde ich toll. Stehen Sie in den Debatten über Rüs-
tungserhöhungen dazu!


(Joachim Hörster [CDU/CSU]: Das tun wir ja auch!)


Ich will Sie noch einmal loben.

(Werner Siemann [CDU/CSU]: Das ist verdächtig!)

Unsere Generation konnte und kann mit dem Phänomen
der staatlichen Kreditaufnahme nicht umgehen. Die Stabi-
litätskriterien der EU sind zwingend notwendig. Finanz-
minister Waigel hat einen großen Beitrag dazu geleistet. Es
fällt jetzt aber auf, dass dies schlecht koordiniert mit den
Ländern geschah. Jegliche Forderung nach einer Er-
höhung der Verteidigungsausgaben angesichts des Tangie-
rens der Obergrenze der staatlichen Verschuldung und
ohne Deckungsvorschlag nehmen jedem von uns immer
weniger Bürger ab. Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der
Debatte, den Sozialetat zu kürzen und gleichzeitig den
Verteidigungs- oder Entwicklungsetat zu erhöhen.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Winfried Nachtwei [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


In meiner zweiten Bemerkung geht es um Soldaten
und Minen. Lassen Sie mich eines feststellen: Es gibt

überhaupt keinen Zweifel daran, dass wir uns hier ver-
ständigen müssen. Ich darf für das Verteidigungsministe-
rium sagen: In den Formulierungen sollte das notwendige
Interesse der persönlichen Sicherheit deutscher Soldaten
gewahrt bleiben.


(Peter Zumkley [SPD]: Richtig!)

Das erkennt man aufgrund der Formulierungen nicht so-
fort. Es ist aber notwendig und entspricht dem, was wir
bei jedem Bundeswehreinsatz hier sagen. Damit ist der
Fall gelöst.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Bei meinem dritten Punkt habe ich eine herzliche Bitte.

Dass es einen Zusammenhang zwischen dem Missbrauch
und dem wirtschaftlichen Gebrauch von Nukleartechno-
logien gibt, kann man überhaupt nicht von der Hand wei-
sen. Zwei Strategien gehören dabei zusammen, nämlich
zum einen den militärischen Missbrauch von Nuklear-
technologien zu verringern und auszuschalten sowie zum
anderen gleichzeitig aus der wirtschaftlichen Nutzung
auszusteigen. Um beides hat sich diese Bundesregierung
bemüht.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Das eine gegen das andere auszuspielen hieße, die Logik
des Problems zu verkennen. – Das waren die kritischen
Punkte.

Bemerkenswert fand ich, wie Sie, Herr Kollege Braun,
und Sie, Frau Kollegin Lippmann, Ihre Sorgen über die
Politik der Vereinigten Staaten geäußert haben. Ihnen ist
vielleicht gar nicht aufgefallen, wie dicht Sie beieinander
lagen.


(Peter Zumkley [SPD]: Sie sitzen auch immer zusammen! – Hildebrecht Braun [Augsburg] [FDP]: Wo ist das Problem, wenn sie es so ähnlich sieht?)


– Das finde ich schön. Wunderbar!

(Heidi Lippmann [PDS]: Wir können ja einen gemeinsamen Antrag stellen!)

Lassen Sie mich zu dem kommen, worüber wir im

Grunde sprechen müssen, nämlich dazu, dass wir bei der
Abrüstungspolitik Gemeinsamkeit brauchen. Die Abrüs-
tungspolitik ist ein weiterer Beitrag der europäischen
Zivilisation zur Verrechtlichung der internationalen Be-
ziehungen. Daran sollten wir festhalten. Es gibt in Wahr-
heit keine Alternative zur Verrechtlichung internationaler
Beziehungen und zu Verträgen über Abrüstung.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Ich werde jetzt vorsichtshalber über politikwissen-
schaftliche Analysen sprechen. Nach allen politikwissen-
schaftlichen Analysen wäre nur eine große Macht in der
Lage, ohne Verträge zu agieren. Diese Analyse wird der-
zeit im indisch-pakistanischen Konflikt durch eine an-
dere Realität falsifiziert. Die Vereinigten Staaten haben
kein Machtpotenzial, Indien daran zu hindern, zu tun, was
es vielleicht tragischerweise tun wird. Dabei hilft nur die




Staatsminister Dr. Christoph Zöpel

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Logik der Überzeugung bzw. die Kraft der Argumente aus
der Tradition europäischer Kriegserfahrung und des Frie-
denswillens. Es gibt kein Machtmittel, mit dem Indien an
seinem Vorhaben gehindert werden könnte.


(Beifall der Abg. Angelika Beer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Ich hoffe, dass eingesehen wird, dass es bei der Abrüs-
tung, der Rüstungskontrolle und der Kriegsvermeidung
im Hinblick auf welche Waffen auch immer – seien es
atomare, chemische oder biologische – keine Alternative
zu Verträgen gibt.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Lassen Sie mich eine zweite Bemerkung machen, über
die wir intensiver werden sprechen müssen. Sicherheits-
probleme unterliegen einem Paradigmenwechsel. Präsident
Bush hat darüber gesprochen: Die Logik der Abschreckung
sei am Ende; nun gebe es die Logik des Terrors. Was aber
bedeutet das? Die Abschreckung war die Sicherheitspolitik
zwischen Mächtigen. Mächtige können sich gegenseitig
abschrecken, weil sie etwas zu verlieren haben. Das hat
funktioniert. Terror hingegen ist die Auseinandersetzung
zwischen Macht und Ohnmacht. Abschreckung funktioniert
aber nicht gegenüber Ohnmacht, weil der Ohnmächtige
nichts zu verlieren hat. Das ist der vielleicht tragische Para-
digmenwechsel.

Wir erleben die Privatisierung von Gewalt. Dagegen und
gegen den für die Betroffenen schwer erträglichen Einsatz
von Terror hilft eben nicht Macht, auch nicht die Macht der
Abschreckung. Damit erfolgt teilweise ein Rückfall in
längst überwunden geglaubte Zeiten. Wir haben schon mit
dem Westfälischen Frieden geglaubt, die Staatenwelt hätte
die Gewaltanwendung endgültig verstaatlicht. Sie hat sie
dann zwar in schrecklicher Weise missbraucht, aber sie hat
die private Gewaltanwendung eingeschränkt. In dieser
Hinsicht ist ein Rückfall erfolgt. Die Abschreckung be-
kommt die von mir geschilderte Dimension.

Wie können wir in einer weltweiten Vereinbarung die
Gewaltanwendung wieder zu einem staatlichen Monopol
machen? Wie können wir eine Weltsozialpolitik betrei-
ben, um zu erreichen, dass es niemand nötig hat, aus der
Situation der Ohnmacht heraus Gewalt anzuwenden?
Wenn wir das geschafft haben, brauchen wir eigentlich
keine militärische Sicherheitspolitik mehr. Dann hilft
wieder die staatliche Politik gegen private Gewalt, näm-
lich durch Polizeiaktion unter Wahrung der Verhältnis-
mäßigkeit. Dafür stehen wir an dieser Stelle.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423919600
Nun erteile ich dem
Kollegen Kurt Rossmanith für die CDU/CSU-Fraktion
das Wort.


Kurt J. Rossmanith (CSU):
Rede ID: ID1423919700
Frau Präsidentin!
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich bin Ihnen
sehr dankbar für Ihre Äußerungen, Herr Staatsminister

Zöpel, weil Sie damit in dieser Debatte, die uns – mit Aus-
nahme der PDS – erfreulicherweise zu einem relativ brei-
ten Konsens gebracht hat, wieder einiges zurechtgerückt
haben. Ich bin Ihnen aber auch dafür dankbar, dass Sie da-
rauf hingewiesen haben, dass uns allein der Glaube an das
Gute – ich vereinfache das etwas – nicht die friedvolle
Welt bringen wird, die wir uns alle wünschen, wobei es zu
unseren Aufgaben als Politiker gehört, darauf hinzuarbei-
ten.

Sie haben auf den Verteidigungshaushalt hingewie-
sen. Auch dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Was aber, wie
ich meine, in diese Debatte nicht hineinpasst – diese Kri-
tik an Ihren Ausführungen muss ich anbringen –, ist, dass
Sie die soziale Leistungsfähigkeit und die Ausgaben für
die Entwicklungshilfe und die Sicherheitspolitik gegen-
überstellen. Ich meine, das eine ist so wichtig wie das an-
dere. Man kann das eine nicht durch das andere ersetzen.
Sie haben auch auf die Friedensdividende hingewiesen,
die wir in der Tat in den 90er-Jahren erreichen konnten.
Der Rückgang der Verteidigungslasten – das hat sich nicht
nur im Verteidigungshaushalt widergespiegelt – geht
schließlich zu einem wesentlichen Teil auf die Wieder-
vereinigung und die Wiedergewinnung von Freiheit,
Rechtstaatlichkeit und Demokratie bei unseren östlichen
und südöstlichen Nachbarn zurück.

Wir haben damals – das unterschlage ich nicht – ein
bisschen zu viel des Guten getan, als es um Kürzungen im
Verteidigungshaushalt ging. Dessen waren wir uns auch
bewusst. Sie waren notwendig; denn die Überwindung
der Folgen des Sozialismus hat sehr viel Geld verschlun-
gen. Sie haben aber darauf hingewiesen, dass noch stärker
als bisher im Verteidigungshaushalt gekürzt werden soll.
Diese Logik kann ich nicht nachvollziehen. Frau Kollegin
Beer hat doch im Zusammenhang mit dem Vertrag über
den offenen Himmel – Open Skies – beklagt, dass wir
über keine Gerätschaften verfügen, um uns aktiv zu be-
teiligen.


(Angelika Beer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie wissen doch, dass er abgestürzt ist!)


– Das wissen wir alle. Dann muss man eben Ersatz schaf-
fen. Dann darf man nicht weiter kürzen und sich jeder In-
vestition in diesem Bereich massiv widersetzen. Sie soll-
ten hier nicht so reden, als ob Sie für das Heil der Welt
zuständig wären. Sie haben in Ihren Ausführungen das
Heil der Welt geradezu heruntergebetet. Nein, Sie müssen
auch die Realitäten sehen, die Staatsminister Zöpel in sei-
ner Rede, der ich in weiten Teilen zustimme, dankens-
werterweise angesprochen hat.

Natürlich ist es richtig, dass sich der Jahresabrüstungs-
bericht der Bundesregierung schwerpunktmäßig mit den
sicherheits- und rüstungspolitischen Rahmenbedingun-
gen in Europa befasst. Manchmal hat man aber den Ein-
druck, dass eine Partei in diesem Hohen Hause das eine
oder andere schlicht und einfach nicht wahrhaben will.
Der 11. September war ja nur Ausfluss dessen, was sich
an Terrorismus – auch das haben Sie, Herr Staatsminister
Zöpel, richtig dargestellt – in den vergangenen Jahren ge-
bildet hat, eines Terrorismus, der sich mit Brutalität und
Menschenverachtung über jede rechtsstaatliche Ordnung
und jeden Vertrag hinwegsetzt. Dies will die PDS offen-




Staatsminister Dr. Christoph Zöpel
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sichtlich nicht wahrhaben. In ihrem Antiamerikanismus
lässt sie sich von niemandem überbieten. Die PDS weist
ständig darauf hin, dass die Vereinigten Staaten finanzi-
elle Rahmenbedingungen für die Bekämpfung des Terro-
rismus schaffen. Das ist doch nur logisch. Ich hätte mir
gewünscht, auch wir hätten das getan.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Es ist erforderlich, dass wir dabei helfen, eine gemein-

same europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik
zu installieren, und dass wir das Verhältnis zwischen der
NATO und Russland entsprechend fortentwickeln. Ich
kann nicht nachvollziehen, weshalb man den Vertrag kri-
tisiert, den die Präsidenten Bush und Putin bei ihrem Tref-
fen am 24./ 25. Mai 2002 geschlossen haben. Der Inhalt
dieses Vertrages wurde hier durch die Bank falsch darge-
stellt.


(Hildebrecht Braun [Augsburg] [FDP]: Was? – Uta Zapf [SPD]: Nein!)


Der Vertrag sieht tatsächlich einen Abbau von zwei
Dritteln des nuklearen Potenzials vor. Davon soll ein Drit-
tel, also die Hälfte


(Hildebrecht Braun [Augsburg] [FDP]: Eingelagert!)


– Herr Kollege Braun, Sie sollten den Vertrag genau le-
sen, bevor Sie etwas von sich geben, was nicht den Tatsa-
chen entspricht –, vernichtet und ein Drittel eingelagert
werden. Das ist die Realität.


(Uta Zapf [SPD]: Nein! Das ist Unsinn!)

– Selbstverständlich stimmt das. Daran können auch Sie
mit Ihrem Zuruf nichts ändern. Frau Kollegin Zapf, Sie
haben doch schon vorhin etwas Falsches gesagt. Ich sage
Ihnen: So und nicht anders ist es.

Wir bedauern es genauso, dass das Übereinkommen
über das Verbot biologischer Waffen noch nicht verifiziert
worden ist. Meine Fraktion hofft jetzt auf den November.


(Angelika Beer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dezember!)


– Mein Kenntnisstand ist, dass im November dieses Jah-
res die entsprechende Konferenz stattfindet. Wenn Sie,
Frau Kollegin Beer sagen, es sei im Dezember, soll mir
das genauso recht sein. Entscheidend ist für mich, dass
wir dabei Ergebnisse erzielen und diesen Prozess nicht
weiter hinausziehen, wie man es bisher all die Jahre hin-
weg getan hat. Immerhin ist das ein Übereinkommen, das
schon 30 Jahre alt ist. Es sollte endlich eine Verifizierung
herbeigeführt werden.

Lassen Sie mich abschließend sagen, dass die Kon-
fliktprävention, die Krisenbewältigung und die Terroris-
musbekämpfung es nötig machen, dass die Staaten – das
haben Sie, Herr Staatsminister, angesprochen – nicht nur
Verträge schließen, sondern auch mit einer Zunge spre-
chen, dass zumindest Europa einmal zu sich selbst findet.

Dazu gehört, dass wir bei der Rüstungsexportpolitik
auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Dazu gehört für
mich auch, dass endlich die Bestrebungen, eine europä-
ische Eingreiftruppe aufzustellen, zu einem Ergebnis

führen. Wir werden uns den Terroristen und den Feinden
der Abrüstung nur dann glaubwürdig entgegenstellen
können, wenn wir selbst eine glaubwürdige Politik der
Abrüstung, aber gleichzeitig auch der Stärke und des Wol-
lens entgegensetzen.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423919800
Ich schließe die Aus-
sprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 14/8941 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Damit sind Sie ein-
verstanden? – Dann ist die Überweisung so beschlossen.

Tagesordnungspunkt 6 d: Beschlussempfehlung des
Auswärtigen Ausschusses auf Drucksache 14/4376 zu
dem Antrag der Fraktionen der SPD, des Bündnisses 90/
Die Grünen und der FDP mit dem Titel „Atomteststopp-
vertrag ratifizieren“. Der Ausschuss empfiehlt, dem An-
trag auf Drucksache 14/2041 zuzustimmen. Wer stimmt
für diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? –
Wer enthält sich? – Bei Enthaltung der CDU/CSU ist die
Beschlussempfehlung angenommen.

Zusatzpunkt 9: Abstimmung über den Antrag der Frak-
tionen der SPD und des Bündnisses 90/Die Grünen auf
Drucksache 14/9240 mit dem Titel „Maßnahmen gegen
eine Bedrohung durch biologische Waffen“. Wer stimmt
für diesen Antrag? – Die Gegenprobe! – Enthaltungen? –
Bei Enthaltung der PDS ist dieser Antrag angenommen.

Zusatzpunkt 10: Abstimmung über den Antrag der
Fraktionen der SPD und des Bündnisses 90/Die Grünen
auf Drucksache 14/9241 mit dem Titel „Für eine koope-
rative Rüstungskontroll-, Abrüstungs- und Nichtverbrei-
tungspolitik“. Wer stimmt für diesen Antrag? – Wer
stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Gegen die Stim-
men von CDU/CSU und FDPund bei Enthaltung der PDS
ist der Antrag angenommen.

Nun rufe ich Tagesordnungspunkt 7 auf:
Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten
Günther Friedrich Nolting, Ina Albowitz,
Hildebrecht Braun (Augsburg), weiterer Abgeord-
neter und der Fraktion der FDP
Neuordnung des Liegenschaftsmanagements
der Bundeswehr
– Drucksachen 14/6613, 14/8988 –

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die
Aussprache eine Dreiviertelstunde vorgesehen, wobei die
FDP sieben Minuten erhalten soll. – Ich höre keinen Wi-
derspruch. Dann ist so beschlossen.

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Kollege
Jürgen Koppelin für die FDP-Fraktion.


Dr. h.c. Jürgen Koppelin (FDP):
Rede ID: ID1423919900
Frau Präsidentin! Liebe Kol-
leginnen und Kollegen! Die Gesellschaft für Entwicklung,
Beschaffung und Betrieb, kurz GEBB genannt, hat ihre
Tätigkeit vor nunmehr zwei Jahren aufgenommen – mit




Kurt J. Rossmanith

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großen Vorschusslorbeeren seitens der Bundesregierung
und natürlich der sie tragenden Fraktionen von SPD und
Bündnis 90/Die Grünen. Privatisierung sollte in die Bun-
deswehr Einzug halten, übrigens eine alte und auch neue
Forderung der FDP, die früher von Rot-Grün bekämpft
wurde. Die FDP setzt unverändert auf Privatisierung, al-
lerdings nur dort, wo sie sinnvoll ist, wo sie Vorteile für die
Bundeswehr bringt und wo sie zur Effizienzsteigerung der
Streitkräfte beiträgt; denn alles andere wäre Unsinn.

Die GEBB ist lediglich die sozialdemokratische Vor-
stellung von Privatisierung und die entspricht jedenfalls
nicht unserer Vorstellung von Privatisierung. Am 4. Juli
2001 stellte meine Fraktion deshalb eine Große Anfrage
an die Bundesregierung, deren Beantwortung der Bun-
desregierung ganz offensichtlich mehr Kopfschmerzen
bereitete, als ihr lieb war. Weswegen Sie Kopfschmerzen
bei der Beantwortung hatten, Herr Staatssekretär, ist ein-
deutig daran zu erkennen, dass der Bundesverteidigungs-
minister mit Schreiben vom 27. Juli 2001 die Antwort für
Dezember 2001 ankündigte. Statt die versprochene Ant-
wort zu erhalten, wurden wir mit der Kündigung der Che-
fin der GEBB konfrontiert. Wir mussten den Rückzug von
Frau Fugmann-Heesing zur Kenntnis nehmen.


(Hildebrecht Braun [Augsburg] [FDP]: Schweres Schicksal! – Peter Zumkley [SPD]: Unter Ihrer Regierung ist eine Anfrage gar nicht beantwortet worden!)


– Lieber Herr Kollege Zumkley, Ihre SPD-Genossin,
nämlich Frau Fugmann-Heesing, hatte Vorstellungen, die
wohl nicht ganz im Einklang mit bestehenden Gesetzen
waren. Vor allem ist an die Konfrontation zu erinnern, die
sie mit dem Bundesrechnungshof hatte, weil sie sich nicht
kontrollieren lassen wollte. Insofern hat sie irgendwann
alles hingeworfen, was sicherlich verständlich ist. Was
man allerdings nicht verstehen kann, Kollege Zumkley,
ist die fürstliche Entlohnung. Vielleicht könnten Ihre Red-
ner oder der Staatssekretär darauf noch eingehen. Dafür,
dass sie alles hingeworfen hat, ist sie fürstlich entlohnt
worden. Allerdings verschweigt uns Rot-Grün noch im-
mer, wie hoch denn die Abfindung gewesen ist. Den Steu-
erzahler würde das schon sehr interessieren.

Was die Große Anfrage anging, die meine Fraktion ge-
stellt hatte, so wuchs die Spannung in meiner Fraktion. Im-
mer wieder haben wir in den zuständigen Ausschüssen, im
Verteidigungsausschuss und im Haushaltsausschuss, nach
der GEBB gefragt. Wiederum erhielten wir keine Antwort
auf die Frage, wann denn die Antwort endlich vorgelegt
werden würde. Daran merkt man wieder, wie schwer der
Bundesregierung die Beantwortung gefallen ist. Der Bun-
destagspräsident musste dann den Bundesverteidigungs-
minister sogar auffordern, die Antwort auf die Große An-
frage nun endlich unverzüglich an das Parlament zu
liefern. Wenn Sie so wollen, ist das eine Rüge des Bun-
destagspräsidenten gewesen. Darauf hat der Verteidi-
gungsminister gesagt, das werde unverzüglich geschehen.
Aber wen überrascht es? „Unverzüglich“ hat noch einmal
zehn Wochen gedauert. Mehr als zehn Monate also hat das
Verteidigungsministerium gebraucht, um die doch verhält-
nismäßig einfachen Fragen zur GEBB zu beantworten.


(Peter Zumkley [SPD]: Besser als gar nicht, wie Sie es damals getan haben!)


– Kollege Zumkley, Sie sind ja ein sehr sympathischer
Mensch, aber Sie können all das, was Sie dazwischenru-
fen, dann, wenn Sie reden, hier zu Gehör bringen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn ich die Ant-
wort auf die Große Anfrage lese, stelle ich fest, dass alles
nach dem Motto „Tarnen und Täuschen“ geht. Nichts an-
deres kann ich dieser Antwort auf die große Anfrage ent-
nehmen.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

Interessant ist übrigens, dass die GEBB anscheinend

seit November 2001 völlig vom Erdboden verschwunden
ist. Man hört nichts mehr von ihr. Man spricht kaum noch
über die GEBB. Vom Erfolgskurs ist überhaupt nichts
mehr zu merken. Das liegt sicherlich zum Teil daran, dass
durch den Minister nicht belegt werden kann, dass die
Vorstellungen und die konkrete Planung auch Ergebnisse
hatten, aber auch daran, dass es sehr hohe Erwartungen an
die GEBB gegeben hat, die in keiner Weise erfüllt werden
konnten. Man gewinnt den Eindruck: Bei der GEBB han-
delt es sich um eine Art Gesellschaft, in der man sich
höchstens hin und wieder einmal zum Arbeitsfrühstück
trifft, aber sonst nichts geschieht.

Im Kern ist es ja richtig, bei der Bundeswehr zu priva-
tisieren und Einnahmen für die Bundeswehr zu erzielen.
Dagegen ist nichts zu sagen. Der Bundesverteidigungs-
minister hat bei den ersten Reden Einnahmen in Höhe von
mehr als 500 Millionen Euro versprochen. Herr Staatsse-
kretär, Sie können das alles in den Protokollen nachlesen.
Ich erinnere an Haushaltsdebatten, die wir geführt haben.
Nichts davon ist eingetroffen. Sie können gleich höchs-
tens kleinlaut einräumen, dass weniger als 100 Millionen
Euro erwartet werden. Dann sollten Sie uns allerdings
auch sagen, was die GEBB bisher gekostet hat; denn sie
hat aus dem Bundeshaushalt in erheblichem Umfang Geld
bekommen. Am Ende sind also keine Einnahmen da, ist
nichts übrig geblieben. Dieses Geld, das versprochen
wurde, ist dringend erwarten worden – nicht nur für die
Bundeswehrreform, nicht nur bei Beschaffungsmaßnah-
men, sondern auch für ein Attraktivitätsprogramm für die
Soldaten.

Man hätte ja durchaus ein kluges Immobilienver-
kaufsmanagement mit der GEBB machen können. Nur,
die Rahmenbedingungen – das sage ich jetzt auch ein-
mal – stimmen einfach nicht. Da muss man sich mit Bau-
recht beschäftigen, da muss man sich mit den Gegeben-
heiten der jeweiligen Kommunen beschäftigen, und fast
jeder kann doch aus seiner Region Beispiele dafür brin-
gen, woran es liegt, dass es nicht funktioniert. Das hat si-
cherlich verschiedene Gründe. In diesem Bereich ist
nichts gemacht worden, damit die GEBB überhaupt er-
folgreich arbeiten könnte.

Stattdessen, Herr Staatssekretär, müssen Sie sich fra-
gen lassen, warum alles, was um die GEBB rankt – wel-
che Geldbeträge eingegangen sind, was die GEBB selber
kostet, was das Personal bei der GEBB kostet, in welcher
Höhe Abfindungen gezahlt worden sind –, Geheimniskrä-
merei ist.


(Peter Dreßen [SPD]: Ein neugieriger Mensch ist das!)





Jürgen Koppelin
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(D)



(A)



(B)


Aber, Herr Staatssekretär, ich habe gesehen, Sie werden ja
gleich sprechen; Sie werden das alles dem Deutschen
Bundestag und auch der Öffentlichkeit sicherlich offen-
baren.

Interessant war ja, zu erfahren – schon im Oktober hat
mein Kollege Günther Nolting den Verteidigungsminister
danach gefragt – aus welchen Geschäftsaktivitäten etwa
die GEBB Geld erwartet, was sie erwirtschaften wird.


(Paul Breuer [CDU/CSU]: Spannende Frage! – Hildebrecht Braun [Augsburg] [FDP]: Das wollen wir wissen!)


In der Beantwortung der Anfrage erging sich die Parla-
mentarische Staatssekretärin nur in allgemeinen Floskeln –
ich zitiere wörtlich:

In allen Bereichen gehen die Arbeiten voran und ha-
ben unter anderem dazu geführt, dass sich wirt-
schaftliches Handeln durchsetzen kann.

Was ist das für eine Antwort! Jeder Kommentar erübrigt
sich.

Wie bereits erwähnt, pflegt die politische Leitung des
Verteidigungsministeriums zunehmend parlamentarische
Anfragen in dieser lapidaren Art und Weise zu beantwor-
ten, wenn ich das noch einfließen lassen darf.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Rita Grießhaber [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So war das früher bei Ihnen auch!)


Deswegen fordern wir als FDP weiterhin: Entwickeln
Sie die GEBB wirklich mit klarer Privatisierungsstrate-
gie. Dem Gebäude GEBB fehlt es jetzt nicht nur an der
entsprechenden Gründung, es fehlt ihm auch – wenn man
sie als Haus nehmen würde – an einer tragfähigen Statik
– so sage ich es einmal – und an einer annehmbaren In-
nenarchitektur. So ist es nicht verwunderlich, dass sich
der angebliche Nutznießer Bundeswehr mit diesem Ge-
bilde GEBB mehr als schwer tut. Ich sage Ihnen deshalb:
Eine neue Bundesregierung wird mit Blick auf das Wohl
unserer Streitkräfte möglicherweise lediglich noch eine
Aufgabe haben, nämlich für dieses Haus die Abrissbirne
zur Verfügung zu stellen.


(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423920000
Das Wort hat der Par-
lamentarische Staatssekretär Walter Kolbow.

W
Walter Kolbow (SPD):
Rede ID: ID1423920100
Frau Präsidentin! Liebe Kolle-
ginnen und Kollegen! Das neue Liegenschaftsmanage-
ment der Bundeswehr ist ein wesentlicher Bestandteil der
Streitkräftereform, die in der Tat die Aufmerksamkeit
auch des Hohen Hauses verdient, aber die es auch ver-
dient, in einen sachlichen Zusammenhang, lieber Herr
Kollege Koppelin, gestellt zu werden. Ich darf im Zu-
sammenhang mit einer von Ihnen kritisch angesproche-
nen länger dauernden Zeit für die Beantwortung der Frage
– da widerspreche ich Ihnen überhaupt nicht – darauf
hinweisen, dass auch bei diesem schwierigen Prozess der
Bundeswehrreform Sorgfalt vor Eile geht und dass dafür

– ohne schuldhaftes Verzögern – auch einmal die Frist des
Parlaments in Anspruch genommen werden musste.

Die zukunftsweisende Neuausrichtung der Bundes-
wehr hat den Anspruch, in einen Gesamtzusammenhang
gestellt zu werden; denn diese Neuausrichtung ist eine
lang versäumte, unverzichtbare Voraussetzung für die
außen- und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit
Deutschlands, das in der Welt der Globalisierung und des
internationalen Wettbewerbs nur mit einem leistungsfähi-
gen Staatswesen bestehen kann. Dazu gehören eben auch
moderne und leistungsfähige Streitkräfte wie eine mo-
derne Verwaltung überhaupt.

Diesem Ziel tragen wir auf drei wichtigen Reformfel-
dern in der Bundeswehr Rechnung. Wir investieren
erstens in die Menschen, ihre Fähigkeiten und Zukunfts-
aussichten. Beispielhaft hierfür stehen das Attraktivitäts-
programm und die Qualifizierungs- und Ausbildungsof-
fensive für die Soldaten.

Wir verbessern zweitens kontinuierlich das Material,
die Ausrüstung und die Fähigkeiten der Streitkräfte, und
zwar durch die Modernisierung von Material und Ausrüs-
tung, die Einführung zeitgemäßer Beschaffungsverfahren
und die Erhöhung der Investitionsquote, die immerhin seit
1999 um fast 30 Prozent gesteigert werden konnte.

Drittens stärken wir die Wirtschaftlichkeit und Effizienz
von Beschaffung und Betrieb entscheidend und schaffen ein
modernes Management durch Kooperation mit der Wirt-
schaft, durch die Gesellschaft für Entwicklung, Beschaffung
und Betrieb, durch moderne Informationstechnologie,
durch ein modernes Controlling und ein zukunftsorientier-
tes Rechnungswesen, also nicht nur durch ein einziges In-
strument, die Gesellschaft, der Sie sich vorhin hauptsächlich
zugewandt haben, sondern durch einen Fächer von Maß-
nahmen, die diese Effizienz leisten werden.

Meine Damen und Herren, innerhalb der Bundeswehr
sind für eine nachhaltige Verbesserung von Betrieb und Be-
schaffung neue Finanzierungsformen und eine höhere
Wirtschaftlichkeit unverzichtbar. Nur durch entsprechende
Maßnahmenpakete – da unterscheiden wir uns in den Dis-
kussionen ja nicht –, die diesem Ziel Rechnung tragen, wer-
den die notwendigen zusätzlich benötigten Mittel für die
Modernisierung der Ausrüstung frei.

Die Bundesregierung hat den Weg zu mehr Wirtschaft-
lichkeit, höherer Effizienz und modernem Management
für die Bundeswehr mit Erfolg geebnet. Bereits im De-
zember 1999 haben der Bundeskanzler und der Verteidi-
gungsminister den Rahmenvertrag „Innovation, Investi-
tion und Wirtschaftlichkeit in der Bundeswehr“ mit der
Wirtschaft und der Industrie geschlossen. Damit wurde
eine wichtige und bisher einzigartige strategische Part-
nerschaft gegründet, der inzwischen nahezu 700 Unter-
nehmen beigetreten sind. Um die Finanzmittel für die
überfällige Modernisierung der Ausrüstung zu verstärken,
sind zwischen dem Bundesministerium der Finanzen und
dem Bundesministerium der Verteidigung mehrere Res-
sortvereinbarungen geschlossen worden, die dauerhaft
zusätzliche Investitionsspielräume auch für den Einzel-
plan 14 eröffnen.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)





Jürgen Koppelin

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Gemäß diesen Vereinbarungen verbleiben Effizienzge-
winne aufgrund hoher Wirtschaftlichkeit, aus der Zusam-
menarbeit mit der Wirtschaft, aus abgesenkten Betriebs-
kosten und aus den Verkaufserlösen im Haushalt des
Bundesministeriums der Verteidigung.

Wir haben uns zunächst auf vier Geschäftsfelder kon-
zentriert, in denen wir auf Erfahrungen der Industrie und
auch anderer europäischer Streitkräfte zurückgreifen
konnten. Mittlerweile haben wir die Rahmenbedingungen
für die Reformvorhaben für das neue Flottenmanagement,
für das neue Bekleidungsmanagement, für die Informati-
onstechnik und eben auch für das neue Liegenschaftsma-
nagement geschaffen. Dass es vorangeht, zeigt auch, dass
die Gesellschaft für das neue Flottenmanagement heute
gegründet worden ist; am nächsten Montag werden die
ersten Neufahrzeuge am Standort Gatow übergeben. Auch
das neue Bekleidungsmanagement kommt in Gang; die
Ausschreibung ist beendet, das Ergebnis wird Ende Juni
im Haushaltsausschuss behandelt. Die Gesellschaft wird
voraussichtlich noch vor der Sommerpause gegründet.
Substanzielle Einsparungen sind weiter zu erwarten.
Auch in der Informationstechnik und im neuen Liegen-
schaftsmanagement werden wir, wenn wir den einge-
schlagenen Weg wie geplant fortsetzen können, ein
Höchstmaß an Wirtschaftlichkeit und Effizienz erreichen.

Das neue Liegenschaftsmanagement soll gegenüber
den bisherigen Finanzierungsformen innovative Wege be-
schreiten. Dazu wollen wir Eigentümer-, Betreiber- und
Nutzerfunktionen trennen und damit klare Verantwor-
tungsstrukturen schaffen. Wir führen Kosten- und Leis-
tungsverantwortung zusammen und geben den Nutzern
Anreize zu höheren Wirtschaftlichkeitsmaßnahmen.
Durch Einführung dieser neuen Organisation wird des
Weiteren ein unvertretbar hoher Stand der Bindung von
Investitionsmitteln vermieden. Darüber hinaus beinhaltet
das Liegenschaftswesen auch nach Auffassung externer
Berater und nach Erfahrungen der Wirtschaft ein erhebli-
ches Einsparpotenzial. Dieses Potenzial können wir über
das neue Liegenschaftsmanagement entwickeln und für
die Bundeswehr aktivieren.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, mit diesem neuen
Liegenschaftsmanagement eröffnet sich so die Chance,
über verschiedene Hebel wesentliche Beiträge zur Schaf-
fung der erforderlichen finanziellen Freiräume zu leisten,
zusätzliche Einnahmen aus den Veräußerungen von Lie-
genschaften zu erzielen, eine höhere Flächen- und Perso-
naleffizienz bei der Bewirtschaftung der Liegenschaften
zu gewährleisten, Liegenschaften schließlich durch An-
mietung insgesamt kostengünstiger und damit wirtschaft-
licher zu nutzen, zusätzliche Beschäftigungsperspektiven
für die in der Liegenschaftsverwaltung tätigen Mitarbei-
terinnen und Mitarbeiter zu eröffnen, externes Know-how
und Kapital sowie Alternativen zum Marktzugang über
die Partner aus der Wirtschaft zu erschließen, die Akti-
vitäten der Streitkräfte auf ihre Kernaktivitäten zu fokus-
sieren und damit letztlich einen bedeutsamen Beitrag zu
der von der Bundesregierung beschlossenen Modernisie-
rung der öffentlichen Verwaltung im Geschäftsbereich
des Bundesministers der Verteidigung zu leisten.

Wir meinen, dass das neue Liegenschaftsmanagement
sicherstellt, dass der Bundeswehr die Liegenschaften zur

Verfügung gestellt werden, die sie zur Erfüllung ihrer
Aufgaben braucht. Die Entscheidungen über die Verwen-
dung und den Betrieb der Liegenschaften werden nach
wie vor beim Bundesminister der Verteidigung liegen.
Durch die Vertragskonstruktion wird gewährleistet, dass
die Steuerungs- und Kontrollfunktion im neuen Liegen-
schaftsmanagement bei der Bundeswehrverwaltung ver-
bleibt, Art. 87 b des Grundgesetzes also gewahrt ist.

Bei der Gestaltung des neuen Liegenschaftsmanage-
ments haben die Ansprüche der circa 20 000 Beschäftig-
ten von Beginn an eine zentrale Rolle gespielt. Der Tarif-
vertrag vom 18. Juli 2001 stellt die Beschäftigung sicher,
bietet vielfältige Chancen für Weiterqualifikation und de-
finiert sozialverträgliche Regelungen für die Ausgestal-
tung des Liegenschaftsmanagements. Gerade weil es sich
beim neuen Liegenschaftsmanagement um ein sehr kom-
plexes Thema handelt, haben die Bundeswehr und deren
Verantwortliche eine umfangreiche Informationskampa-
gne auf allen Ebenen in Gang gesetzt, die für die Mit-
arbeiterinnen und Mitarbeiter Klarheit und Sicherheit
schafft und Beteiligungsmöglichkeiten aufzeigt.

Wir erwarten durch das neue Liegenschaftsmanage-
ment schließlich eine signifikante Entlastung des Haus-
haltes. Im Vergleich mit der Ist-Fortschreibung gehen die
Berechnungen zum neuen Liegenschaftsmanagement von
einer deutlichen Reduzierung des Mittelbedarfs um mehr
als 2 Milliarden Euro, kumuliert für die nächsten zehn
Jahre, aus. Selbst gegenüber einer internen Optimierung
der Bundeswehrverwaltung, bei der sämtliche der Ver-
waltung zur Verfügung stehenden Effizienzhebel berück-
sichtigt sind, wird durch das Konzept des neuen Liegen-
schaftsmanagements eine günstige Ausgabensituation
prognostiziert.


(Abg. Hildebrecht Braun [Augsburg] [FDP] meldet sich zu einer Zwischenfrage)


– Da ich gerade in Gänze Ihre Große Anfrage beantworte,
sehen Sie mir nach, Herr Kollege Braun, dass ich eine
weitere FDP-Frage zu diesem ganzen Komplex aus-
nahmsweise nicht beantworten, sondern im Zusammen-
hang vortragen möchte.

Darüber hinaus soll das neue Liegenschaftsmanage-
ment die Möglichkeit eröffnen, private Investoren in er-
heblichem Umfang zur Finanzierung der Investitionen zu
gewinnen, wie es die Beschlüsse der Bundesregierung zur
Modernisierung des Staates vorsehen.

Obwohl bereits wesentliche konzeptionelle Schritte
unternommen worden sind, wird die Realisierung des
neuen Liegenschaftsmanagements noch einiger weiterer
Abstimmung bedürfen. Das Konzept liegt derzeit, wie es
sich gehört, dem Bundesminister der Finanzen und dem
Bundesrechnungshof zur Prüfung vor. Erst nach deren
Billigung – auch das ist üblich – ist die Befassung des
Haushaltsausschusses möglich. Gerade im Hinblick auf
den noch laufenden Abstimmungsprozess bitte ich Sie,
Kolleginnen und Kollegen dieses Hohen Hauses, um Ihre
parlamentarische Unterstützung für dieses bedeutsame,
wichtige und unverzichtbare Reformprojekt.

Schließlich ist dieses Vorhaben ein integraler Bestand-
teil der Erneuerung der Bundeswehr von Grund auf. Diese




Parl. StaatssekretärWalter Kolbow
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Reform ist mehr als nur eine wichtige Voraussetzung für
die außen- und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit
Deutschlands. Sie ist auch ein Kernelement unseres Re-
gierungsprogramms zum Aufbau eines modernen Staates
und einer modernen Verwaltung sowie der Streitkräfte in
herausfordernden Zeiten.

Deshalb ist die Reform nicht allein eine Investition in
die Zukunft der militärischen und zivilen Mitarbeiterin-
nen und Mitarbeiter der Bundeswehr, sondern auch in die
Zukunft unseres ganzen Landes. Die Richtung der Re-
form mit den integrierten Managementbestandteilen ist
auf einem guten Weg; die Richtung stimmt. Ich bitte auch
von dieser Stelle aus alle Soldatinnen und Soldaten, sich
mit Engagement, aber auch mit konstruktiver Kritik in
diesen Prozess einzuschalten und ihn mit voranzubringen.

Ich danke.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423920200
Das Wort hat nun der
Kollege Paul Breuer für die CDU/CSU.


Paul Breuer (CDU):
Rede ID: ID1423920300
Frau Präsidentin! Meine Da-
men und Herren! Zugegeben, die Materie ist sehr komplex
und für manche auch sehr öde. Ich weiß auch nicht, wer hier
wen bedauern soll: diejenigen, die zuhören, diejenigen, die
reden, oder diejenigen, die reden, die, die zuhören müssen.
Ich freue mich jedenfalls, dass Sie hier sind,


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

und will einen Beitrag dazu leisten, die trockene Materie
so lebhaft wie möglich zu gestalten.

Das neue Liegenschaftsmanagement der Bundeswehr
ist im Übrigen keine Nebensächlichkeit. Es ist insofern sehr
wichtig, als es ein wesentlicher Bestandteil des neuen Wirt-
schaftlichkeitskonzepts für die Bundeswehr sein soll. Das
Wirtschaftlichkeitskonzept soll ja letztlich dafür sorgen,
dass der dramatisch unterfinanzierte Verteidigungshaushalt
besser in Modernisierung investieren kann.

Ich behaupte: Dieses neue Liegenschaftsmanagement
ist tote Hose, es ist ein absoluter Flop. Dadurch werden
nicht etwa die Investitionen verstärkt, sondern es besteht
sogar die Gefahr, dass sie ausgehöhlt werden.


(Beifall bei der CDU/CSU und der PDS)

Meine Damen und Herren, Minister Scharping be-

hauptet in seiner Bilanz „Bundeswehr 2002 – Sachstand
und Perspektiven“, dass die von ihm so genannte größte
Reform der Bundeswehr aller Zeiten erfolgreich sei und
sich die Ergebnisse und Perspektiven auf dem Weg in die
Zukunft der Bundeswehr sehen lassen könnten. Es ist un-
sere Aufgabe, zu untersuchen und zu überprüfen, ob
Scharpings Ausführungen und die Realität in der Bundes-
wehr übereinstimmen. Das Liegenschaftsmanagement ist
ein Beispiel, an dem man das exerzieren kann.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, auch von der Re-
gierungskoalition, lassen Sie uns einmal gemeinsam
schauen, welche Ergebnisse uns Herr Scharping nach über
zwei Jahren Arbeit an seinem Konzept für das neue Lie-

genschaftsmanagement der Bundeswehr vorgelegt hat. In
der Antwort auf die Große Anfrage der FDP versucht
Scharping in der Vorbemerkung den Eindruck zu er-
wecken – der Parlamentarische Staatssekretär Kolbow hat
den Eindruck eben noch einmal untermauert –, als stünde
dieses Konzept für das neue Liegenschaftsmanagement
der Bundeswehr innerhalb der Bundesregierung kurz vor
der endgültigen Abstimmung, es sei nur noch der Wirt-
schaftlichkeitsnachweis zu erbringen.

Ich zitiere aus der Antwort auf die Große Anfrage. Auf
Seite 3 heißt es:

Die operative Geschäftstätigkeit im Neuen Liegen-
schaftsmanagement soll – in Abhängigkeit von der
parlamentarischen Billigung des Konzepts – begin-
nend in der Jahresmitte 2002 aufgenommen werden.

Demnach stünde sie unmittelbar bevor.
Mir liegt ein Schreiben des Bundesministeriums der

Finanzen vor. Das habe ich in der Straßenbahn hier in
Berlin gefunden.


(Heiterkeit – Heidi Lippmann [PDS]: Linie 13?)


Das Schreiben liegt Ihnen hoffentlich auch vor, Herr Kol-
lege Kolbow.


(Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Der fährt nicht Straßenbahn! Der hat einen Dienstwagen!)


– Der fährt nicht mit der Straßenbahn.

(Werner Siemann [CDU/CSU]: Der hat es in der U-Bahn gefunden!)

Es ist ein Schreiben vom 16. Mai 2002. Der Finanzmi-
nister gehört im Übrigen derselben Partei an wie Sie, Herr
Kollege Kolbow.


(Jürgen Koppelin [FDP]: Der ist aber noch sympathischer!)


Wenn ich dieses Schreiben vom 16. Mai 2002 lese, stelle
ich fest, dass der Bundesminister der Finanzen erkennen
lässt, dass er nach wie vor erhebliche Fragen zu Ihrem Kon-
zept hat. Das steht nun nicht in Übereinstimmung damit,


(Heidi Lippmann [PDS]: Dass man es in der U-Bahn findet!)


dass es praktisch übermorgen in Kraft treten kann. Das
Schreiben kann morgen jeder von mir bekommen.


(Dr. Uwe-Jens Rössel [PDS]: Das ist eine Zusage?)


– Das ist eine Zusage. Sie können das Schreiben in mei-
nem Büro bekommen. Ich bin bereit, es jedem zu geben.

In seinem Schreiben lässt das Bundesministerium der
Finanzen erkennen, dass zum Beispiel die Frage der
Grunderwerbsteuer bzw. der Grunderwerbsteuerbefrei-
ung – es soll ja eine Gesellschaft die Liegenschaften über-
nehmen, im Übrigen sollen auch Mieten fließen – nach wie
vor nicht geklärt ist. Es stellt dem Bundesverteidigungs-
minister die Aufgabe, diese Frage umgehend zu klären.

Ich kann nur eines sagen, Herr Kolbow: Wenn das
Konzept zur Mitte dieses Jahres in Kraft gesetzt werden




Parl. StaatssekretärWalter Kolbow

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(A)



(B)


soll, wie es in der Antwort auf die Große Anfrage steht,
müssen Sie sich sehr beeilen. Avanti dilettanti! Denn hier
geht es um ein milliardenschweres Risiko. Sie gehen
leichtfertig in eine Sache hinein, die ich nur als ganz heiße
Luftnummer bezeichnen kann.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Im Übrigen muss Herr Scharping in der Antwort auf

Frage 31 der FDP-Fraktion einräumen, dass die Höhe der
Mieten – das ist keine unwesentliche Fragestellung; denn
hier geht es um erhebliche Summen – bis heute nicht fest-
steht. Meine Damen und Herren, wie kann man denn im
Verhältnis zwischen Mieter und Vermieter von Wirt-
schaftlichkeit sprechen, wenn man gar nicht weiß, wie
dieses Verhältnis im Hinblick auf die Miethöhen über-
haupt ist?

In den Beratungen zum Haushalt 2001 hat Verteidi-
gungsminister Scharping uns von der Opposition vorge-
worfen – viele werden sich erinnern –, wir würden im
Hinblick auf unsere Einschätzung der Privatisierungs-
pläne einen milliardenschweren Fehler machen. Nach-
dem ich gesehen habe, wie der Finanzminister Ihre Wirt-
schaftlichkeitsüberlegungen, die er gar nicht erkennen
kann, bewertet, sage ich jetzt eines: Sie sind ein milliar-
denschweres Risiko eingegangen und stehen in der Ge-
fahr, selbst einen milliardenschweren Fehler zu begehen.

In seinen Antworten auf die Fragen zur Zukunft des
Personals versucht das Bundesverteidigungsministerium
– lesen Sie Nr. 26 folgende – zu erklären, dass die Ein-
satzmodalitäten und die Kosten für die Übernahme der
Bundeswehr so gut wie geklärt seien. Der Bundesfinanz-
minister hat aber erhebliche Nachfragen dahingehend,
wie das Konzept auf der Orts- und Mittelinstanz und im
Ministerium selbst aussieht.

Das heißt, Sie behaupten etwas, was Sie bis jetzt noch
nicht einmal Ihrer eigenen Bundesregierung, dem mitent-
scheidenden Finanzressort, erklären konnten. Wenn das
Konzept aber noch nicht einmal dem Finanzminister zu
100 Prozent erklärt werden kann, dann ist es eine dreiste
Frechheit, dem Parlament solch unzulängliche Antwor-
ten, wie das hier geschieht, zu geben. Das ist eine Miss-
achtung des Parlaments.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Susanne Kastner [SPD]: Oh, eine Frechheit!)


– Ja, Wahrheit ist Wahrheit. Also, liebe Kolleginnen und
Kollegen von der SPD, bei aller persönlichen Sympathie
und Wertschätzung sage ich Ihnen: Lesen Sie die Fragen
des Bundesfinanzministers an den Verteidigungsminister.
Sie werden sehen: Breuer hat Recht – zumindest heute.


(Zuruf von der SPD: Da klatschen ja noch nicht einmal die eigenen Leute! – Beifall des Abg. Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU])


Im Übrigen ist das Konzept Scharpings einer beson-
deren Gruppe auch nicht klar. Diese Gruppe sind die be-
troffenen Mitarbeiter der Bundeswehr. Dabei handelt es
sich um 18 000 Arbeiter und Angestellte. Liebe Kollegin-
nen und Kollegen von der SPD – das müsste Ihr sozial-
demokratisches Herz richtig anrühren; denn sie sind keine
Großverdiener, sondern kleine Leute –, diese 18 000 Ar-

beiter und Angestellten sind zu 100 Prozent verunsichert.
Ihr Finanzminister ist verunsichert und glaubt nicht daran,
dass das Konzept überhaupt zum Tragen kommt, und
diese Leute bangen um ihre Existenz.


(Beifall bei der CDU/CSU – Rainer Arnold [SPD]: Schäbig, was Sie hier machen! Jenseits der Wahrheit!)


– Herr Kollege Arnold, ich will Ihnen Folgendes sagen: Ich
weiß, dass Sie die Bundeswehr besuchen und dort auch
ernsthafte Gespräche führen. Aber wenn Sie sagen, das sei
schäbig, dann sind Sie nicht bereit, die Realität anzuerken-
nen. Sie können in der Bundeswehr fragen, wen Sie wol-
len. Sie werden feststellen müssen: Diese Leute sind wirk-
lich zu 100 Prozent verunsichert. Das wissen Sie auch.


(Rainer Arnold [SPD]: Warum?)

Nun komme ich auf die Zivilbeschäftigten bei der

Bundeswehr zu sprechen. Die Zivilbeschäftigten müssen
im Übrigen folgende Erfahrung machen: Egal, was sie
tun – es ist immer falsch. Hierfür gibt es das Beispiel der
Standortverwaltung Düren, deren Mitarbeiter ein eigenes
Optimierungskonzept vorgelegt haben. Es stellte sich he-
raus, dass die Realisierung dieses Konzepts günstiger und
wirtschaftlicher als eine Privatisierung wäre. Trotzdem
haben sie den Eindruck, dass dieses positive Ergebnis von
der Bundesregierung regelrecht ignoriert wird. Es spielt
keine Rolle. An die Mitarbeiter wird das Signal gegeben,
dass sie sich zwar anstrengen können, wie sie wollen, dass
dem aber eine Ideologie gegenübersteht: die Konfron-
tation und Ideologie im Verteidigungsministerium. Dies
führt zu absoluter Demotivation.


(Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Da kann man nur sagen: Sozis, hört die Signale!)


Meine Damen und Herren, der BMF hat in seinem
Schreiben vom 16. Mai auch erhebliche Fragen zur zu-
künftigen Gesellschaftskonstruktion und zu erwarteten
Veräußerungserlösen gestellt. Ich zitiere:

Die geschätzten Veräußerungserlöse von rund 2Mrd.
Euro

– ich wiederhole: 2 Milliarden Euro, keine Klecker-
summe –

beruhen auf einem Grundstücksflächenverkauf von
rund 151 Millionen Quadratmetern.

Jetzt fragt der Bundesfinanzminister den Verteidigungs-
minister, der uns hier weismachen will, es sei alles geregelt:


(Verena Wohlleben [SPD]: Hast du das mit dem Zentimetermaß gerechnet?)


Welche Umstände berechtigen nach den bisherigen
Verwertungsergebnissen zur Annahme, den ehrgei-
zigen Zeitplan für die Veräußerungen einhalten zu

(insbesondere Art der Liegenschaften, Lage, Stand des Baurechts)

650 Millionen Euro aus den Entwicklungsliegen-
schaften zu erwarten sind? Welche Vorkehrungen
sind getroffen, um finanzielle Lücken durch Verzö-
gerungen bei den Veräußerungen oder geringere Ver-
äußerungserlöse zu schließen?




Paul Breuer
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(C)



(D)



(A)



(B)


Das waren die Fragen des Finanzministers an den Verteidi-
gungsminister, und dieser tritt hier in Person des Parlamen-
tarischen Staatssekretärs Kolbow auf und will den Eindruck
erwecken, es sei alles geregelt. Nichts ist geregelt, Herr Kol-
lege Kolbow, und das Parlament wird hier verhöhnt.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP – Verena Wohlleben [SPD]: Schrott!)


Nach dem katastrophalen Ergebnis der bisherigen
Tätigkeit der GEBB – sie ist vom Kollegen Koppelin eben
schon gewürdigt worden –


(Verena Wohlleben [SPD]: Das will nichts heißen, wenn er das würdigt!)


hat diese für das Jahr 2001 auch bei großzügiger Aus-
legung 111 Millionen Euro – gegenüber einer um 80 Pro-
zent höheren Erwartung – bei der Verwertung von Lie-
genschaften erzielt. Das anvisierte Ziel ist völlig verfehlt
worden. Die Frage des Finanzministers, was eigentlich
den Optimismus rechtfertigt, ist auf der Basis dessen, was
in der Vergangenheit geschehen ist, völlig berechtigt.

Entscheidender Mangel des Konzepts des Bundesver-
teidigungsministers ist, dass bis heute der Wirtschaftlich-
keitsnachweis für das neue Liegenschaftsmanagement
nicht erbracht werden kann. Daran, dass dies vor der Som-
merpause, Herr Kollege Kolbow, damit vor dem Ende der
Legislaturperiode und vor dem Ende der Amtszeit des
Bundesverteidigungsministers überhaupt noch gelingt, ha-
ben nicht nur der Finanzminister und der Bundesrech-
nungshof, sondern auch wir ganz erhebliche Zweifel.

Auch in der militärischen Führung ist man im Hinblick
auf diese Privatisierungspläne und ihre Ergebnisse verun-
sichert. Der Generalinspekteur brachte es auf der Kom-
mandeurtagung der Bundeswehr auf den Punkt, als er
sagte – ich zitiere –:

Das ist ja gerade unser Problem, dass wir eben nicht
genau wissen, was wirklich wo abfließt und was
wirklich wohin kommt.

Sie versuchen hier, den gegenteiligen Eindruck zu er-
wecken. Ich kann Ihnen nur sagen: Einen solchen Trüm-
merhaufen hat es, solange wie das Bundesverteidigungs-
ministerium existiert, noch nie gegeben, Herr Kollege
Kolbow.


(Beifall bei der CDU/CSU – Verena Wohlleben [SPD]: Den Sie hinterlassen haben! – Susanne Kastner [SPD]: Jetzt redest du schon wieder unqualifiziert!)


– Frau Kollegin Wohlleben, Sie sagten, wir hätten ihn hin-
terlassen, aber dieses Konzept hat es vorher nicht gege-
ben. Das ist ein Konzept, das mit großem Brimborium an-
gekündigt worden ist und die Wirtschaftlichkeitsreform
schlechthin bringen sollte.


(Verena Wohlleben [SPD]: Ihr habt keines gehabt!)


Ich stelle Ihnen das Schreiben des Finanzministers an
den Verteidigungsminister gern zur Verfügung. Das Kon-
zept ist eine absolute Katastrophe und Bauchlandung.


(Susanne Kastner [SPD]: Ich bitte darum!)


Aber nicht nur bei der Privatisierung des Liegen-
schaftsmanagements stellt sich heraus, wie unseriös Ihre
Planungen sind. Bei der gestrigen Sitzung des Verteidi-
gungsausschusses hatten die Kollegen nicht nur bei dieser
Frage, die gestern nicht angesprochen wurde, sondern auch
bei weiteren Fragen den Eindruck, dass vieles nicht durch-
dacht ist. Wir haben uns gestern mit der so genannten Hee-
resinstandsetzungslogistik beschäftigt. Da wollen Sie
funktionierende Strukturen zerschlagen, ohne bisher den
Nachweis der Wirtschaftlichkeit erbracht zu haben.


(Winfried Nachtwei [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das stimmt doch nicht!)


Das Ganze ginge zulasten der Einsatzfähigkeit der Truppe;
denn circa 12 000 Soldaten des Heeres – das ist das Er-
gebnis der gestrigen Sitzung, Herr Kollege Nachtwei –,
die in der Reformplanung als Kämpfer vorgesehen sind,
müssten in der Logistik arbeiten, wenn der Wirtschaft-
lichkeitsnachweis für das neue Konzept nicht erbracht
werden kann. Dass gerade das Heer zusätzliche Kampf-
truppen benötigt, ist angesichts der Einsatzerfordernisse,
die derzeit bestehen, völlig unbestritten. Ich kann zum jet-
zigen Zeitpunkt sagen, dass der Nachweis der Wirtschaft-
lichkeit nicht erbracht worden ist. Herr Scharping hat ges-
tern gesagt, dass es eine Alternativplanung gebe, gemäß
der diese 12 000 Soldaten eben nicht als Kämpfer vorge-
sehen sind.

Bei der Heeresinstandsetzungslogistik geraten Sie in
Abhängigkeit von einem Monopolanbieter in Form eines
Konsortiums. Es gibt keinen Wettbewerb mehr. Was da
passiert, ist für mich eine ordnungspolitische Gruselvor-
stellung. Wettbewerb ist die Grundlage für Wirtschaft-
lichkeit, gerade was die Abwicklung der Logistik der
Bundeswehr angeht.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Verena Wohlleben [SPD]: Onkel Breuers Gruselstunde!)


Frau Kollegin Wohlleben, der Mittelstand und die kleinen
Unternehmen haben in Ihren Konzepten überhaupt keine
Bedeutung. Es geht bei allen Projekten immer nur um zen-
tralistische Lösungen.


Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423920400
Herr Kollege, ich
muss Sie an Ihre Redezeit erinnern.


Paul Breuer (CDU):
Rede ID: ID1423920500
Danke für den Hinweis,
Frau Präsidentin.


Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423920600
Sie sollen ihn auch
beachten.


(Heiterkeit bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



Paul Breuer (CDU):
Rede ID: ID1423920700
Ich komme zum Schluss.

(Verena Wohlleben [SPD]: Was Sie sagen, ist eine Zumutung!)

– Für Sie, Frau Kollegin Wohlleben, ist die Wahrheit eine
Zumutung. Aber Sie müssen sie schon ertragen.




Paul Breuer

23949


(C)



(D)



(A)



(B)


Weil ich den Eindruck habe, dass Sie eine Verdrän-
gungskünstlerin ersten Ranges sind,


(Verena Wohlleben [SPD]: Oh!)

stelle ich Ihnen gerne alle Unterlagen zur Verfügung.
Wenn Sie lesen, was der Finanzminister geschrieben hat,
dann werden Sie – davon bin ich überzeugt – einen aus-
geprägteren Realitätssinn entwickeln. Sie werden fest-
stellen, dass das, was die Bundesregierung Ihnen vorgau-
kelt, von der Realität weit entfernt ist.

Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423920800
Ich erteile dem Kolle-
gen Winfried Nachtwei für die Fraktion des Bündnis-
ses 90/Die Grünen das Wort.


Winfried Nachtwei (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423920900

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
beginne mit drei Tatsachen:

Erste Tatsache. Die Politik, also dieses Parlament, hat
der Bundeswehr sehr umfassende, sehr verantwortungs-
volle und sehr riskante Aufgaben übertragen. Damit die
Bundeswehr diese Aufgaben in verantwortlicher Weise
erfüllen kann, ist eine entsprechende Modernisierung,
eine Konzentration auf Kernfähigkeiten und eine
höhere Investitionsquote unabdingbar.

Zweites Faktum. Der Haushaltsrahmen liegt in den
nächsten Jahren im Rahmen der mittelfristigen Finanz-
planung fest bei 24,4 Milliarden Euro, die Zusatzmittel
aus dem Antiterrorprogramm eingerechnet. Die Maas-
tricht-Kriterien sind unumstößlich. Die jüngste Steuer-
schätzung erbrachte die ernüchternde Prognose, dass bis
2005 Mindereinnahmen in Höhe von ungefähr 65 Milli-
arden Euro zu erwarten sind. Die Konsequenz für alle
Fraktionen in diesem Hause ist, dass es substanzielle Er-
höhungen im Bereich des Wehretats – wie auch bei ande-
ren Etats – nicht geben kann. Das ist ganz eindeutig.


(Angelika Beer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So ist es! Das sind die Fakten!)


Der haushaltspolitische Sprecher der CDU/CSU,
Austermann, forderte ja in populistischer Weise sogar
über 1 Milliarde mehr. Sie wissen doch selbst, dass diese
Summe angesichts der gesamtstaatlichen Verantwortung
der Politik nicht drin ist.

Dritte Tatsache. Externe Studien, Stellungnahmen von
Beratern, aber auch Erfahrungen aus der Wirtschaft bele-
gen sehr deutlich, dass die Bundeswehr in ihrem gesam-
ten Betrieb noch erhebliche Einsparpotenziale hat und
dass interne Optimierungen diese Einsparpotenziale bis-
her nur zum Teil mobilisieren konnten. Allerdings muss
man sehen, dass die internen Optimierungen auch Gren-
zen haben.

Deshalb ist es völlig richtig – dies muss man vor allem
angesichts der Rede des Kollegen Breuer betonen –,


(Verena Wohlleben [SPD]: Das war keine Rede!)


dass die Bundesregierung mit diesem umfassenden Mo-
dernisierungsprozess begonnen hat, um Effektivität und
Effizienz der Betriebsabläufe zu verbessern und darüber
Erlöspotenziale zu mobilisieren. Hierbei ist die Neuaus-
richtung der Liegenschaftsverwaltung eine zentrale
Säule. Immerhin geht es um 2 500 Liegenschaften mit
42 Millionen Quadratmetern Gebäudenutzfläche.

Diese grundlegende Neuordnung hat zum Ziel, die be-
triebsnotwendigen Liegenschaften effizienter zu nutzen
und nicht betriebsnotwendige Liegenschaften besser zu
verwerten. Die Bundeswehr konzentriert sich in der Lie-
genschaftsverwaltung auf ihre Kernkompetenzen und
Kernaufgaben. Ansonsten werden Dienstleistungen auf
privat organisierte Dritte ausgelagert. Mit der Trennung
von Eigentümer-, Betreiber- und Nutzerfunktion werden
klare Verantwortungsstrukturen und damit Anreize zu
höherer Wirtschaftlichkeit geschaffen.

Dieser Umstrukturierungsprozess erfolgt nicht Hals
über Kopf, sondern in sorgfältig durchdachten Schritten.
Zunächst wird im Wehrbereich Nord als Startregion eine
Bundeswehrliegenschaftsgesellschaft gegründet. Sobald
die Ergebnisse aus der Arbeit dieser Dienstleistungsge-
sellschaft vorliegen werden, werden sie sorgfältig ausge-
wertet. Daraufhin wird das Konzept modifiziert und
flächendeckend eingeführt werden. Das ist eine überaus
seriöse Vorgehensweise.

Der Prozess der Modernisierung und Effektivierung der
inneren Abläufe der Bundeswehr hat auch erhebliche psy-
chologische Aspekte. Für überkommene Strukturen des
Gesamtsystems Bundeswehr stellt das, was jetzt begonnen
wird, einen geradezu revolutionären Vorgang dar, der
selbstverständlich nicht nur Beharrungs- und Abwehr-
kräfte weckt, sondern auch Verunsicherung hervorruft.
Deshalb ist eine sorgfältige Darstellung und Vermittlung
dieses Prozesses von ganz besonderer Bedeutung. Einer
solchen sorgfältigen Vermittlung dient es sicherlich nicht,
wenn überhöhte Erwartungen geweckt werden; denn ih-
nen folgen immer auch umso tiefere Enttäuschungen.

Ein weiterer psychologischer Aspekt ist, dass bei der
notwendigen kritischen Begleitung dieses komplizierten
Prozesses Vorsicht geboten ist. Deutlich wurden mir die
unterschiedlichen Vorgehensweisen, als ich erlebte, wie
ein anderer Vertreter der CDU/CSU-Fraktion im Verteidi-
gungsausschuss mit diesem Prozess umging. Er machte
überzeugend klar, dass man den Gesamtprozess unter-
stützt, und übte erst dann an Einzelpunkten Kritik. Beim
Kollegen Breuer ist dies selbstverständlich umgekehrt.
Diese Art der Kritik schlägt ins Gegenteil um, denn sie
schürt nicht nur Verunsicherung, sondern sie instrumenta-
lisiert die vorhandene Verunsicherung regelrecht.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD – Verena Wohlleben [SPD]: Das will die CDU/CSU ja!)


Was wird das neue Liegenschaftsmanagement brin-
gen?


(Jürgen Koppelin [FDP]: Nichts!)

Gegenwärtig kann man darauf in der Tat keine konkrete
Antwort geben, da das entscheidend vom Fortgang der




Paul Breuer
23950


(C)



(D)



(A)



(B)


Bundeswehrreform in den nächsten Monaten abhängt; ich
denke hier auch an die Zeit nach dem 22. September.
Heute habe ich zwei Hinweise erhalten, dass dieser Mo-
dernisierungsprozess noch an Tiefe und Konsequenz zu-
nehmen könnte.

Die Molinari-Stiftung des Bundeswehrverbandes ver-
anstaltete heute eine interessante Tagung,


(Verena Wohlleben [SPD]: Da war aber die Union nicht vertreten!)


auf der der Schweizer Professor Haltiner auf den europa-
weiten Trend einer regelrechten Strukturrevolution bei
den Streitkräften hinwies, die Professionalisierung, Ver-
schlankung usw. einschließt. Dort wurde festgestellt, dass
die Bundeswehr im europäischen Vergleich offensichtlich
erst im Mittelfeld liegt.

Heute war in der „Süddeutschen Zeitung“ das Inter-
view mit dem ehemaligen Heeresinspekteur Willmann zu
lesen. Er hat deutlich gemacht, dass seiner Auffassung
nach eine weitere Reduzierung, Effektivierung und Mo-
dernisierung der Bundeswehr unbedingt notwendig sei.
Ich glaube, man würde es sich zu leicht machen, die
Äußerung des pensionierten Generals als die Erleuchtung
eines Pensionärs abzutun. Dahinter steht erheblich mehr.


Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423921000
Herr Kollege, achten
Sie bitte auf die Redezeit.


Winfried Nachtwei (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Rede ID: ID1423921100

Ja, ich komme zum Ende. – Das sind für mich Indikato-
ren, dass sich die Aufgaben auch des neuen Liegen-
schaftsmanagements noch erheblich verschieben können.
Unabhängig davon ist der von der Bundesregierung be-
gonnene Modernisierungsprozess notwendig und – das
muss man ausdrücklich anmerken – auch mutig; er ver-
dient deshalb breite Unterstützung.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423921200
Für die PDS-Fraktion
erteile ich dem Kollegen Dr. Uwe-Jens Rössel das Wort.


(Verena Wohlleben [SPD]: Jetzt wird die Bundeswehr aufgelöst! – Gegenruf des Abg. Jürgen Koppelin [FDP]: Das ist alles Volkseigentum!)



Dr. Uwe-Jens Rössel (PDS):
Rede ID: ID1423921300
Darüber sprechen wir
später. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kolle-
gen! Minister Scharping braucht Geld, viel Geld. Er hat
schon aus dem Hause Eichel großzügige Unterstützung er-
halten, um sich über das im Verteidigungsetat veran-
schlagte Geld zusätzliches für Investitionen zu beschaffen.
Damit wiederum soll unter anderem die Interventionsstra-
tegie der Bundeswehr finanziert werden. Die PDS-Frak-
tion lehnt diese Interventionsstrategie entschieden ab.


(Beifall bei der PDS – Verena Wohlleben [SPD]: Das ist ja etwas Neues!)


Im Einvernehmen der Minister Scharping und Eichel
wurde im August 2000 die privatrechtlich organisierte
Gesellschaft für Entwicklung, Beschaffung und Betrieb
– kurz GEBB – gegründet. Dazu ist bereits wiederholt ge-
sprochen worden. Einnahmen dieser Gesellschaft durch
Erlöse aus Vermietung, aus Verpachtung, aus dem Ver-
kauf von Liegenschaften oder aus der Veräußerung von
beweglichem Vermögen bis zu 600 Millionen Euro kön-
nen jährlich in den Verteidigungsetat eingestellt werden.
Solche immensen Vorteile räumt Hans Eichel keinem an-
deren Kabinettskollegen ein. Die Ergebnisse aber, die die
GEBB heute aufweisen kann, sind absolut verheerend.


(Zuruf von der CDU/CSU: Es gibt doch gar keine Ergebnisse!)


Sie jedoch, Herr Staatssekretär Kolbow, malen ein rosa-
rotes Bild und geben eine realitätsferne Darstellung. Anstatt
der geplanten 500Millionen Euro wurden im Vorjahr näm-
lich nicht einmal 10Millionen Euro eingefahren. Wo bleibt
hier die Wirtschaftlichkeit? Sogar die Anschubfinanzierung
des Bundes für die GEBB aus Steuermitteln fällt noch weit-
aus höher als die besagten 10 Millionen Euro aus. Es ist an
der Zeit, die Arbeit dieser Steuermittelvernichtungsmaschi-
nerie GEBB schnellstens zu beenden.


(Beifall bei der PDS)

Minister Scharping aber will die GEBB – dem Sach-

verstand im eigenen Haus zum Trotz – ausdrücklich wei-
ter ausbauen. Er beabsichtigt jetzt, die angesprochene
Neuordnung des Liegenschaftsmanagements durch Grün-
dung eigenständiger, privatwirtschaftlich organisierter
Teilgesellschaften fortzuführen. Diese Neuordnung des
Liegenschaftsmanagements ist aber sehr fragwürdig, of-
fensichtlich auch für den Bundesfinanzminister. Die PDS
– das kann ich an dieser Stelle bereits versprechen – wird
dieses Projekt bei der Beratung des Konzeptes in den
nächsten Wochen im Haushaltsausschuss ablehnen.


(Verena Wohlleben [SPD]: Das ist ja etwas ganz Neues! Hört! Hört!)


Ganz im Sinne der GEBB-Konstruktion besteht die al-
leinige Orientierung nämlich darin, Finanzmittel zu er-
wirtschaften. Woher sie kommen sollen, bleibt allerdings
offen. Entsprechend dem Konzept will die Bundesregie-
rung zugleich die Möglichkeiten der Konversion von
Flächen der Bundeswehr insbesondere für eine Ansied-
lung von Arbeitsplätzen ausdrücklich einschränken. Die
öffentliche Verwaltung läuft überdies aufgrund der Priva-
tisierungseuphorie à la Scharping Gefahr, irreparablen
Schaden zu nehmen. Darauf weist auch der Verband der
Beamten der Bundeswehr in seinem Schreiben an die Mit-
glieder des Haushaltsausschusses nachdrücklich hin.

Der Verband – dazu ist vom Staatssekretär überhaupt
nichts gesagt worden – stellt dem Privatisierungswahn
von Rudolf Scharping ein alternatives Konzept für die
Verbesserung des Liegenschaftswesens der Bundeswehr
entgegen. Dies entspricht der Wahrheit, Herr Staatssekre-
tär, und nicht Ihre Darstellungen aus dem Lande Rosarot.
Der Verband fordert Minister Scharping auf, den bislang
von ihm verhinderten Weg der Optimierung und Rationa-
lisierung des Liegenschaftswesens anstelle der Neugrün-
dung aufwendiger privatwirtschaftlicher Gesellschaften
mit immensen Belastungen für den Bundeshaushalt zu be-
schreiten.




Winfried Nachtwei

23951


(C)



(D)



(A)



(B)


Die PDS-Fraktion sieht dies ebenso. Sie verlangt da-
rüber hinaus, die durch eine Erhöhung der Effektivität des
Liegenschaftsmanagements erzielbaren Erlöse statt für
die qualitative Ausrüstung zielgerichtet für die Rüstungs-
konversion einzusetzen. Dies wäre ein gangbarer Weg.

Vielen Dank, liebe Kolleginnen und Kollegen.

(Beifall bei der PDS)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423921400
Für die SPD-Fraktion
erteile ich dem Kollegen Rainer Arnold das Wort.


Rainer Arnold (SPD):
Rede ID: ID1423921500
Frau Präsidentin! Werte Kolle-
ginnen, werte Kollegen! Wir haben dieses Land in den
letzten vier Jahren auf einen neuen Kurs


(Beifall bei der SPD – Zurufe von der CDU/CSU: Das stimmt!)


– ja, ja – in Richtung Erneuerung und Modernisierung
gebracht. Für diesen Kurs steht auch die Reform der Bun-
deswehr. Schon heute können wir sagen: Die Bundes-
wehrreform ist ein Modernisierungsprojekt auf richti-
gem Kurs.


(Paul Breuer [CDU/CSU]: Seien Sie vorsichtig, Herr Kollege!)


Sie zitieren doch so gerne den Generalinspekteur, dann
hören Sie ihm auch dann zu, wenn er sagt, dieser Prozess
sei unumkehrbar.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Ein solches Vorhaben wie die Bundeswehrreform er-
fordert gelegentlich Mut, manchmal auch steinige Wege
zu gehen.


(Jörg Tauss [SPD]: Hatten die nie!)

Es gibt natürlich viele Leute in der Politik, manchmal aber
auch in einem Ministerium, die gern wollen, dass diese
Steine rollen.


(Jürgen Koppelin [FDP]: Der Minister!)

Das wissen wir. Sie, Herr Breuer, sollten sich sehr gut
überlegen,


(Paul Breuer [CDU/CSU]: Nennen Sie einmal Namen!)


wessen Partner Sie sind.

(Susanne Kastner [SPD]: Die wissen gar nicht, wie man Partnerschaft schreibt!)

Sind Sie wirklich der Meinung, dass diejenigen, die die
Steine in den Weg rollen, es gut mit der Bundeswehr und
ihrem gesamten Auftrag meinen? Ich denke, diese haben
andere Interessen.

Es ist schon interessant, wie solide Ihre Sprecher im
Ausschuss über die Kooperation mit der Wirtschaft dis-
kutieren, während Sie dieses Projekt hier im Bundestag
mit Schaum vor dem Mund abhandeln


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


und alle Vorurteile, die man überhaupt nur aus der Schub-
lade ziehen kann, hier auf den Tisch legen. Dies geht bis
hin zu der Frage der Heereslogistik. Dabei wissen Sie
ganz genau, dass dieses kleine mittelständische Unter-
nehmen natürlich kein solch komplexes System wie den
Leo 2 und vieles andere mehr warten kann. Sie wissen
dies alles.

Bei diesem Projekt Liegenschaftsmanagement geht es
eben nicht um ein modernistisches Outsourcing, sondern
um das Zusammenführen der Fähigkeiten der Wirtschaft
und der öffentlichen Verwaltung. Herr Koppelin, hierbei
unterscheiden wir uns vielleicht ein kleines bisschen von
den Privatisierungsmodellen der FDP, die eigentlich im-
mer auf dem Prinzip beruhen: Lasst uns die Verluste so-
zialisieren, die Gewinne aber in der privaten Tasche be-
lassen. Dies wollen wir nicht,


(Beifall bei der SPD)

weil wir zusammenführen und zum Schluss etwas von
den Vorteilen in unserer Tasche haben wollen.

Das Liegenschaftsmanagement, um das es heute geht,
ist hierfür ein gutes Beispiel. Wir brauchen diese Reform,
um bei der Bundeswehr die investiven Spielräume in Zu-
sammenarbeit mit der Wirtschaft zu erreichen. Ich finde
es spannend, dass gerade die Partei, die im Augenblick
landauf und landab zieht und den Menschen erzählt, man
müsse die Staatsquote deutlich senken,


(Jörg Tauss [SPD]: Die erzählt alles!)

dann, wenn es hier konkret wird, sagt: Nein, so wollen wir
dies nicht haben. Dies ist nicht korrekt, sondern vorder-
gründig und durchschaubar.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN – Jörg Tauss [SPD]: Es gibt nichts, was die nicht erzählt!)


Um es noch klarer zu sagen: Wenn hier der Sprecher
der CDU einen Brief, der ihm anonym aus einem Minis-
terium zugespielt wird, aus der Tasche zieht und mit ihm
politisch operiert, wird wirklich deutlich, was ich damit
gemeint habe. Daran wird auch deutlich, dass dieser Pro-
zess, dieser Weg, den Minister Scharping eingeschlagen
hat, unsäglich mühsam ist.


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Ja, unsäglich!)

Er ist mühsam, weil er schwer ist. Er ist so schwer, dass
Sie in Ihrer Regierungszeit darauf verzichtet haben, sol-
che Wege einzuschlagen.


(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Sie sind den bequemen Weg gegangen und haben die Bun-
deswehr damit im Grunde genommen heruntergewirt-
schaftet.


(Susanne Kastner [SPD]: Sie sind Irrwege gegangen!)


Dieser Weg ist deshalb so schwer, weil es natürlich darum
geht, den rechtlichen Rahmen zu finden, in dem wir uns
bewegen können.

Für meine Person sage ich dazu: Ich wünsche mir ge-
legentlich schon, dass der eine oder andere Ministerial-




Dr. Uwe-Jens Rössel
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(C)



(D)



(A)



(B)


bürokrat eine gewisse Dehnung des rechtlichen Rahmens
bezüglich der Modernisierung des Staates möglich
machte. Diese brauchen wir, wenn wir eine moderne Ge-
sellschaft bauen wollen – nicht nur bei der Bundeswehr.
Das ist ein Musterbeispiel dafür, wie dieser Prozess in un-
serer Gesellschaft im Augenblick verläuft.


(Beifall bei der SPD)

Ich habe mich natürlich gefragt, warum diese Große An-

frage das Liegenschaftsmanagement betrifft. Herr
Koppelin, mir ist schnell klar geworden, warum. Sie fragen
immer nach den Dingen, die sich noch im Prozess befinden.


(Jürgen Koppelin [FDP]: Nein!)

– Natürlich. – An diesen arbeitet die GEBB logischer-
weise noch; das muss sie auch. Sie haben gar nicht ver-
standen, was die Aufgabe der GEBB ist.


(Jörg Tauss [SPD]: Kann man auch nicht erwarten, das wäre zu viel verlangt!)


Sie sprechen von dem großen Haus. Das ist überhaupt
nicht wahr. Die GEBB soll etwas ganz anderes bilden. Sie
ist das Dach, unter dem sich die Gesellschaften, die das
operative Geschäft durchführen, ansiedeln.


(Zuruf von der CDU/CSU: Sehr richtig!)

Wenn Sie aufmerksam sind, werden Sie merken, dass

Ihre Reden von vorgestern heute Lügen gestraft worden
sind. Sie haben es beim Flottenmanagement und beim Be-
kleidungswesen gemerkt. In den nächsten Monaten wer-
den Sie es beim Liegenschaftsmanagement und bei der
ganz wichtigen und schwierigen Herkulesaufgabe, dem
IT-Technik-Projekt, merken. Weil Sie nicht warten wol-
len, bis Erfolge da sind, kritisieren Sie herum, solange
Menschen noch engagiert daran arbeiten. Gelegentlich
wird aufgrund einer unterschiedlichen Interessenlage bei
den Ministerien auch einmal gestritten. So ist es nun ein-
mal in der Politik.


Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423921600
Herr Kollege, gestat-
ten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Koppelin?


Rainer Arnold (SPD):
Rede ID: ID1423921700
Ja, klar.


Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423921800
Bitte sehr, Herr Kol-
lege.


Dr. h.c. Jürgen Koppelin (FDP):
Rede ID: ID1423921900
Da Sie mir den Vorwurf ma-
chen, dass ich Sie, obwohl viele Dinge noch nicht abge-
schlossen sind, kritisiert hätte, spreche ich nun eine Sache
an, die abgeschlossen ist. Können Sie mir sagen, warum
Frau Fugmann-Heesing hingeworfen hat und welche Ab-
findung sie erhalten hat? Dies ist ja bereits abgeschlossen.


(Zurufe von der SPD: Oh!)



Rainer Arnold (SPD):
Rede ID: ID1423922000
Sie haben die Antwort auf diese
Frage schon wiederholt aus dem Haus erhalten.


(Dr. Günter Rexrodt [FDP]: Eben nicht! – Jürgen Koppelin [FDP]: Ich weiß es nicht!)


Was ist eigentlich so sensationell und schlimm daran, dass
man bei einer Firma, die sich im Aufbau befindet, nach ei-
nem Jahr merkt, dass Menschen und Konzepte mög-
licherweise nicht so zusammenpassen, wie man das
brauchte und wollte?


(Jürgen Koppelin [FDP]: Fugmann-Heesing nicht mit Scharping oder Scharping nicht mit Fugmann-Heesing?)


– Lassen Sie einmal, Herr Koppelin. – Sie haben wirklich
nicht begriffen, was Kooperation mit der Wirtschaft heißt.


(Lachen bei der CDU/CSU)

Im Gegensatz zum Staat, bei dem ein Ministerialdirek-

tor mit einem großen Beharrungsvermögen auf seinem
Sessel bleiben kann, ist es der Vorteil in der Wirtschaft,
dass man reagieren und austauschen kann, wenn die
Dinge nicht so funktionieren, wie man es sich vorstellt.
Das geschieht im Alltag doch jeden Tag. Was soll das Ge-
schrei an diesem Punkt?


(Beifall bei der SPD)

Lassen Sie mich noch ganz kurz zur Ausgangslage des

Liegenschaftsmanagements kommen. 12 Prozent des Etats
werden derzeit für die Verwaltung der Liegenschaften aus-
gegeben. Aufgrund der Reduzierung der Standorte der Bun-
deswehr kann sich doch jeder vorstellen, dass dieses Lie-
genschaftsmanagement angepasst werden muss. Ansonsten
würde uns noch mehr Geld für den investiven Bereich feh-
len. Jeder von uns, der Standorte besucht, hat schon gese-
hen, wie unwirtschaftlich dort gelegentlich gedacht wird.


(Jürgen Koppelin [FDP]: Sie werden da doch gar nicht mehr hineingelassen! – Zuruf von der CDU/CSU: Wenn es nach Ihnen gegangen wäre, hätte Fugmann-Heesing das alles veräußern sollen! – Gegenruf der Abg. Verena Wohlleben [SPD]: Davon haben Sie keine Ahnung!)


Es sind dort zum Teil nämlich Flächen vorhanden und es
werden Gebäude unterhalten, die man nicht mehr
benötigt. Die Soldaten, die sich darüber Gedanken ma-
chen, sind für die Kosten im Grunde genommen gar nicht
zuständig. Sie leben nach dem Motto: Die Kosten sind oh-
nehin da, also braucht sich niemand so richtig darum zu
kümmern. Genauso ist es. Wer dies nicht ändert, schadet
der Bundeswehr.


(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)


Herr Breuer, der Bundesrechnungshof, den Sie so
gerne zitieren, sagte exakt das Gleiche in seinem Bericht
vom Jahr 2001: Es fehlt im Liegenschaftsbereich an
Transparenz und Konzeption. Ich sage dies nur nebenbei.
Ich nenne zwei Beispiele, die zeigen, wie notwendig der
Wandel ist:

In der Wirtschaft kostet das Managen jedes Quadrat-
meters einer Liegenschaft 5 Euro. Bei der Bundeswehr
kostet das Bewirtschaften eines Quadratmeters
11 Euro. Wollen wir das Geld wirklich für so etwas statt
für einsatzfähige Soldaten ausgeben?


(Jörg Tauss [SPD]: Das ist das Erbe von Rühe!)





RainerArnold

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(C)



(D)



(A)



(B)


Die Bundeswehr hat 600 Stromlieferverträge abge-
schlossen. Ich will gar nicht wissen, wie viele Menschen
sich damit befassen, diese zu administrieren. Das kostet
viel Geld. Das Schlimmste ist aber, dass wir im Durch-
schnitt 8 Cent für jede Kilowattstunde zahlen. In der Wirt-
schaft bezahlt man 5,5 Cent.

An den Beispielen erkennt man, was alles machbar
wäre, wenn es hier eine koordinierte Liegenschaftspla-
nung gäbe.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


Dieses Liegenschaftsmanagement bietet die Chance, in
den nächsten zehn Jahren zwischen 2,5 Milliarden und
4 Milliarden einzusparen. Das ist notwendig, um die Lie-
genschaften zu modernisieren und zu sanieren.

Wir besuchen beide in der Tat Standorte, Herr Breuer,
und Sie haben Recht: Das Personal – das finde ich beson-
ders schlimm – ist verunsichert –


(Paul Breuer [CDU/CSU]: Weil Sie nicht informieren!)


wie in jedem Unternehmen, das einem schwierigen
Modernisierungsprozess unterworfen ist. Das war bei
Daimler nicht anders. Aber statt den Menschen mit den
Fakten und der Wahrheit Halt und Sicherheit zu geben,
reisen Sie mit Ihren Kollegen herum und schüren unnötig
Ängste. Das ist schäbig.


(Beifall bei der SPD – Verena Wohlleben [SPD]: Das ist unanständig! – Paul Breuer [CDU/CSU]: Glauben Sie, mit der Antwort auf diese Große Anfrage wird Sicherheit einkehren?)


Es bleibt dabei: Das neue Liegenschaftsmanagement
stellt die exakte sozialverträgliche Antwort auf die Ver-
kleinerung der Bundeswehr dar. Es wird keine betriebs-
bedingten Kündigungen geben und es muss auch niemand
gehen, sondern Dienstherr bleibt die Bundeswehr. Das
heißt, die Sicherung der Arbeitsplätze bedeutet vor allem
für bewegliche Mitarbeiter – von denen haben wir zum
Glück sehr viele, die gute Arbeit leisten und darunter lei-
den, dass der bürokratische Rahmen so eng ist – eine
Chance, sich zu entwickeln und neue berufliche Perspek-
tiven zu erschließen.

Das Liegenschaftsmanagement bietet aber nicht nur
dem Personal eine Chance, sondern vor allen Dingen auch
den Soldaten als Nutzer durch eine deutliche Verbesse-
rung der Qualität an den Standorten. Sie werden in Zu-
kunft diese Leistungen bestellen und sich aussuchen kön-
nen, welche Leistungen sie wirklich brauchen. Sie sind
dann auch für die Kosten ein Stück weit stärker ver-
antwortlich. Gut ausgebildete Offiziere wünschen sich
doch eine solche Mitwirkung. Wir schicken sie auf die
Hochschule und sie kommen teilweise als Betriebswirte
zurück. Wir müssen sie gewähren lassen; dann kommt
auch etwas Vernünftiges dabei heraus.


(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Winfried Nachtwei [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Das Liegenschaftsmanagement bedeutet auch für den
Bundeswehretat eine gute Chance. Wir haben die bevor-

stehende Entlastung bereits im 35. Finanzplan mit berück-
sichtigt.

Lassen Sie mich zum Schluss festhalten: Wer diese
Vorteile blockiert oder immer wieder Sand ins Getriebe
streut, kocht entweder vordergründig politische Wahl-
kampfsüppchen


(Verena Wohlleben [SPD]: Nur!)

oder hat sich möglicherweise persönlich als Beschäftigter
allzu bequem in der alten Struktur eingerichtet. Das gibt es
gelegentlich; das muss auch offen angesprochen werden.


(Verena Wohlleben [SPD]: Das sind die Besitzstandswahrer!)


Wer es aber – andersherum betrachtet – mit der Bundes-
wehr und ihrem Auftrag gut meint und die Soldaten bei ih-
rer Auftragserfüllung unterstützen will, muss den einge-
schlagenen Weg der Modernisierung gerade bei dem
Liegenschaftsmanagement nachhaltig und mit aller Kraft
unterstützen.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423922100
Ich schließe die Aus-
sprache.

Ich rufe den Tagesordnungspunkt 8 auf:
Zweite und dritte Beratung des von der Bundes-
regierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
zur Änderung des Solidarpaktfortführungs-
gesetzes
– Drucksache 14/8979 –

(Erste Beratung 236. Sitzung)

Beschlussempfehlung und Bericht des Sonderaus-
schusses Maßstäbegesetz/Finanzausgleichsgesetz
– Drucksache 14/9154 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Horst Schild
Heinz Seiffert
Antje Hermenau
Gisela Frick
Dr. Barbara Höll

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen. Ich eröffne die
Aussprache. Da alle Reden zu Protokoll gegeben worden
sind, schließe ich die Aussprache.1)

Wir kommen zur Abstimmung über den Gesetzent-
wurf. Der Sonderausschuss Maßstäbegesetz/Finanzaus-
gleichsgesetz empfiehlt auf Drucksache 14/9154, den Ge-
setzentwurf anzunehmen. Es liegt ein Änderungsantrag
der Fraktion der PDS vor, über den ich zunächst abstim-
men lasse. Wer dem Änderungsantrag der PDS auf Druck-
sache 14/9276 zustimmt, den bitte ich um das Handzei-
chen. – Gegenprobe! – Enthaltungen? – Gegen die
Stimmen der PDS ist der Änderungsantrag abgelehnt.




RainerArnold
23954


(C)



(D)



(A)



(B)


1) Anlage 4

Ich bitte diejenigen, die dem Gesetzentwurf zustimmen
wollen, um das Handzeichen. – Wer stimmt dagegen? –
Enthaltungen? – Gegen die Stimmen der FDPund der PDS
ist der Gesetzentwurf in zweiter Beratung angenommen.

Dritte Beratung
und Schlussabstimmung. Ich bitte diejenigen, die dem
Gesetzentwurf zustimmen wollen, sich zu erheben. – Ge-
genprobe! – Enthaltungen? – Mit den Stimmen von SPD,
Bündnis 90/Die Grünen und der CDU/CSU ist der Ge-
setzentwurf angenommen.

Ich rufe die Zusatzpunkte 11 bis 15 auf:
ZP 11 Beratung des Antrags der Abgeordneten

Dr. Norbert Lammert, Bernd Neumann (Bremen),
Dr. Sabine Bergmann-Pohl, weiterer Abgeordneter
und der Fraktion der CDU/CSU
Historische Mitte Berlin
– Drucksache 14/9023 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
Haushaltsausschuss

ZP 12 Beratung des Antrags der Abgeordneten Eckhardt
Barthel (Berlin), Hans-Werner Bertl, Monika
Griefahn, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der SPD sowie der Abgeordneten Franziska
Eichstädt-Bohling, Kerstin Müller (Köln), Rezzo
Schlauch und der Fraktion des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN
Empfehlungen der Internationalen Experten-
kommission „Historische Mitte Berlin“
– Drucksache 14/9222 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
Haushaltsausschuss

ZP 13 Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Günter
Rexrodt, Hans-Joachim Otto (Frankfurt), Dr. Edzard
Schmidt-Jortzig, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der FDP
Wiederherstellung derhistorischen Mitte Berlins
– Drucksache 14/9243 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
Haushaltsausschuss

ZP 14 Beratung des Antrags der Abgeordneten Petra Pau,
Dr. Christa Luft, Dr. Heinrich Fink, weiterer Ab-
geordneter und der Fraktion der PDS
Die Mitte der Spreeinsel als offenes Bürger-
forum gestalten – Empfehlungen der Experten-
kommission öffentlich diskutieren
– Drucksache 14/9244 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Kultur und Medien (f)

Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
Haushaltsausschuss

ZP 15 Beratung der Beschlussempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Kultur und Medien

(23. Ausschuss) zu dem Antrag der Abgeordneten

Dr. Heinrich Fink, Dr. Gregor Gysi, Dr. Christa
Luft, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der
PDS
Gewölbe unter dem ehemaligen Nationaldenk-
mal auf dem Berliner Schlossplatz für die Öf-
fentlichkeit zugänglich machen
– Drucksachen 14/3120, 14/6914 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Eckhardt Barthel (Berlin)

Dr. Norbert Lammert
Dr. Antje Vollmer
Hans-Joachim Otto (Frankfurt)

Dr. Heinrich Fink

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen. – Damit sind
Sie einverstanden.

Die Redezeit wird auch in Anspruch genommen. Des-
halb eröffne ich die Aussprache und erteile dem Kollegen
Eckhardt Barthel für die SPD-Fraktion das Wort.


Eckhardt Barthel (SPD):
Rede ID: ID1423922200
Frau Präsidentin!
Meine Damen und Herren! Die Debatte, die wir heute
führen, läuft in der Öffentlichkeit unter der Überschrift
Schlossdebatte. Seit über zehn Jahren wird zumindest in
Berlin leidenschaftlich über die Gretchenfrage diskutiert:
Wie hältst du es mit dem Schloss?


(Manfred Grund [CDU/CSU]: Sehr gut beobachtet!)


Es geht aber nicht nur um das ehemalige Berliner
Schloss, sondern um mehr, nämlich um das gesamte da-
zugehörende Areal, um die historische Mitte der Haupt-
stadt schlechthin.


(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD])

Ich bin mir sicher, dass wir uns der Bedeutung dieses Or-
tes bewusst sind. Denn man kann sagen: Die Mitte der
Hauptstadt ist auch die Mitte der Republik. Von diesem
Ort soll und muss auch eine identitätsstiftende Wirkung
ausgehen. Auch er soll eine Beziehung der Bundesbürger
zu ihrer Hauptstadt schaffen. Deshalb muss er auch ein
Ort für Bürgerinnen und Bürger bzw. – das ist vielleicht
noch deutlicher – ein Ort mit Bürgerinnen und Bürgern
sein.


(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD] sowie der PDS)


Berlin beklagt einen Mangel an Visionen. Auch dies
muss ein Kriterium bei der Nutzung und Gestaltung die-
ses Ortes sein. Inwieweit symbolisiert dieser Ort Zukunft?

Die Diskussion über die Frage „Schloss ja oder nein?“
ist verständlicherweise noch nicht beendet. Aber dank
der Empfehlungen der internationalen Expertenkommis-
sion „Historische Mitte Berlin“ kann sie jetzt auf der
Grundlage eines in sich weitgehend geschlossenen Kon-
zeptes stattfinden. Ich möchte an dieser Stelle auch im
Namen meiner Fraktion der Kommission und ihrem




Vizepräsidentin Anke Fuchs

23955


(C)



(D)



(A)



(B)


Vorsitzenden, Herrn Swoboda, für die geleistete Arbeit
danken.


(Beifall bei der CDU/CSU, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP)


Zumindest meine Fraktion hatte sich vorgenommen,
zuerst die Nutzung und dann die Gestaltung festzulegen.
Die Kommission hat sich gerade bei der Erarbeitung ei-
nes Nutzungskonzeptes sehr positiv in die Diskussion
eingeschaltet.


(Beifall der Abg. Franziska Eichstädt-Bohlig [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Folgende Nutzung ist vorgesehen: Erstens. Das Mu-
seum außereuropäischer Kulturen soll in der Mitte der Re-
publik untergebracht werden. Der Symbolwert ist dabei
nicht zu unterschätzen. Der Vorschlag beinhaltet nichts
Nationales, nichts, was als eurozentristisch interpretiert
werden könnte. Er macht vielmehr die Öffnung zu ande-
ren Kulturregionen deutlich. Das ist gerade in Zeiten, in
denen wir über den Dialog der Kulturen sprechen, eine
ganz positive Entscheidung.

In der historischen Mitte sollen zweitens die beiden
Berliner Bibliotheken zusammengeführt sowie drittens
die wissenschaftshistorischen Sammlungen der Hum-
boldt-Universität angesiedelt werden. Last, but not least
soll dort viertens die Agora – übersetzt: das Zentrum des
öffentlichen Lebens, also ein Versammlungsort im weites-
ten Sinne des Wortes – entstehen.

Um die Vorschläge der Kommission zur Nutzung die-
ses Ortes kurz zusammenzufassen: Es handelt sich um
Nutzungsempfehlungen für die Bürger mit demonstrati-
ver Außenwirkung. In diesem Punkt, glaube ich, gibt es
eine große Übereinstimmung in diesem Hause. Ich kenne
bisher niemanden, der dieses Nutzungskonzept infrage
gestellt hat. Übereinstimmung gibt es meines Erachtens
auch bei dem Vorschlag, dass sich das zu errichtende Ge-
bäude auf die Stereometrie des Schlosses beziehen soll.

Geprüft werden müssen aber meines Erachtens – in die-
sem Punkt unterscheiden sich unsere Anträge – die Finan-
zierungsvorstellungen. Die Kommission empfiehlt eine
privat-öffentliche Finanzierung. Das ist sicherlich richtig.
Das vorgeschlagene Modell scheint uns aber im Hinblick
auf die private Seite zu optimistisch zu sein. Deshalb ist es
notwendig, alles noch einmal gründlich zu prüfen, damit
nicht am Ende der Steuerzahler – das kommt nicht selten
vor – einen Großteil des Finanzbedarfs decken muss. Alles
muss vorher genau durchgerechnet werden. Die Ehrlichkeit
verlangt auch, auf Folgendes hinzuweisen: Wer glaubt, das
von der Kommission vorgeschlagene Nutzungskonzept
ohne öffentliche Mittel realisieren zu können, der sollte da-
mit eigentlich erst gar nicht beginnen. Dann sollte man
sich gleich für einen Central Park oder Ähnliches ent-
scheiden.

Meine Damen und Herren, strittig ist allerdings die
Architektur. Die Kommission empfiehlt drei Barockfas-
saden und den Schlüterhof, ich nenne es etwas zugespitzt
„ein bisschen Schloss“. Dieses Modell enthalten auch die
Anträge sowohl der CDU/CSU als auch der FDP. Wir
schließen dies mit unserem Antrag nicht aus, nur möchten

wir gern, dass bei dem notwendigen Wettbewerb auch
moderne Architektur nicht ausgeschlossen wird. Ich stelle
mir die Frage: Warum sollen unsere heutigen Architekten
nicht auch mit Schlüter konkurrieren dürfen?

Es sollte aber klar sein, dass sich diese Architektur-
oder Gestaltungsfrage nicht am Parteibuch orientieren
kann. Ich glaube nicht, dass es für diese oder jene ästheti-
sche Position entscheidend sein sollte oder vom Inhalt her
überhaupt sein kann, ob jemand dieser oder jener Partei
angehört. Deshalb sollte hier eine offene Entscheidung
stattfinden. Wie ich die Entwicklung sehe, arbeiten wir
auch darauf hin.

Lassen Sie mich zum Schluss zur Frage Schlossfassade
oder Moderne ein Zitat von Michael Cullen bringen, der
in der „FAZ“ geschrieben hat:

Hier wird der Bundestag eine Eingebung benötigen
oder die Weisheit Salomos, will er die richtige Ent-
scheidung treffen.

Mir würde es schon genügen, wenn wir diese emotio-
nale Frage entschieden, aber nüchtern, ohne Hast, jedoch
zeitnah beantworten würden.

Ich bedanke mich.

(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der PDS)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423922300
Für die CDU/CSU er-
teile ich das Wort dem Kollegen Dr. Norbert Lammert.


Dr. Norbert Lammert (CDU):
Rede ID: ID1423922400
Frau Präsidentin!
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Alles, was sich zum
Schloss, seiner Bedeutung und der von ihm geprägten his-
torischen Mitte Berlins sagen lässt, ist inzwischen aus den
verschiedensten Interessen- und Blickwinkeln mehrfach
vorgetragen worden. Es hat im Laufe der letzten zehn
Jahre, die der Kollege Barthel angesprochen hat, vielfach
Wettbewerbe gegeben mit einmal mehr und einmal weni-
ger konkreten Vorgaben. Es ist zu diesem Thema fast al-
les gesagt – und bei genauem Hinsehen inzwischen auch
fast von allen.

Wem die Diskussion als solche nicht bereits genügt
– und ganz offenkundig gibt es Feinschmecker, die die
Endlosdebatte noch spannender finden als die mögliche
Realisierung des Projekts –,


(Heiterkeit bei der CDU/CSU)

der muss noch mehr als an der mühelos ins Endlose ver-
längerbaren Fortsetzung an einer Entscheidung interes-
siert sein, mit der aus den vorgetragenen und vorliegen-
den Überlegungen endlich Konsequenzen gezogen
werden.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Dafür liefert der vorliegende Kommissionsbericht nun
wirklich alle notwendigen Unterlagen, jedenfalls was die
Grundsatzentscheidungen angeht, die jetzt getroffen wer-
den können und auch getroffen werden müssen.

Dass die neben vielen einvernehmlichen Empfehlun-
gen wenigen mit Mehrheit zustande gekommenen Emp-




Eckhardt Barthel (Berlin)

23956


(C)



(D)



(A)



(B)


fehlungen nicht jedem in gleicher Weise gefallen können,
liegt in der Natur der Sache. Es würde sich im Übrigen
auch bei längerer Diskussion bestenfalls wiederholen.
Diejenigen, die jetzt ausdrücklich oder heimlich mit einer
Verlängerung dieser Debatte spielen, erwarten nicht
ernsthaft neue Gesichtspunkte, sondern sie erwarten viel-
leicht eine Umkehrung knapper Mehrheitsentscheidun-
gen bei Empfehlungen in der gleichen Sache.

Gerade deshalb muss in dieser Debatte festgehalten
werden: Von der Bundesregierung und vom Berliner Se-
nat, die diese Kommission mit dem Ziel eingesetzt haben,
eine Entscheidungsgrundlage zu erarbeiten, muss jetzt er-
wartet werden, dass sie die erarbeiteten Empfehlungen
auch ernst nehmen und umsetzen.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Günther Rexrodt [FDP])


Es kann doch nicht bezweifelt werden, dass diejenigen,
die an bestimmten Empfehlungen wegen der knappen
Mehrheitsverhältnisse Zweifel anmelden, keine Probleme
damit hätten, wenn mit gleich knappen Mehrheiten die
umgekehrten Empfehlungen zustande gekommen wären.

Ich bestreite keinen Augenblick, dass der CDU/CSU-
Fraktion die Empfehlungen der Kommission ausgespro-
chen gut gefallen, weil sie – in einer uns selbst überra-
schend starken Weise – den Vorschlägen entsprechen, die
wir vor fast genau zwei Jahren, nämlich mit Datum vom
27. Juni 2000, in den Deutschen Bundestag eingebracht
haben – vor Einsetzung dieser Kommission. Damals ha-
ben wir auf die überragende Bedeutung dieses Areals und
seiner städtebaulichen Gestaltung hingewiesen


(Jörg Tauss [SPD]: Es ist auch nicht schwer, darauf zu kommen!)


– das ist zugegebenermaßen ein ohne große intellektuelle
Akrobatik nachvollziehbarer Gesichtspunkt –, haben
auch auf die Notwendigkeit einer diesen Platz und seiner
Bedeutung angemessenen,


(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

im Wesentlichen öffentlichen Nutzung als notwendiger
Voraussetzung für die kostenlose Überlassung der dem
Bund gehörenden Grundstücke für eine Bebauung hinge-
wiesen.

Was den bis heute nicht ausgeräumten, in der Sache
auch gut begründbaren Streitpunkt der Architektur be-
trifft, so haben wir damals beantragt – ich zitiere –:

Der Deutsche Bundestag tritt für den Wiederaufbau
des Berliner Stadtschlosses in der Kubatur des ur-
sprünglichen Gebäudes unter weitgehender Wieder-
herstellung historischer Fassaden ein.

Dies empfiehlt nun auch die Kommission, an deren Zu-
sammensetzung die Opposition, die diesen Antrag gestellt
hat, nachweislich nicht beteiligt war. Es schadet vielleicht
nicht, noch einmal in Erinnerung zu rufen, dass bei der
kunstvollen Zusammensetzung dieser Kommission, die
ganz gewiss sicherstellen sollte, dass dabei nicht eine ge-
sicherte Mehrheit für eine Schlossrekonstruktion heraus-
kommt, nahezu alle relevanten Gruppen berücksichtigt
wurden – nur nicht Vertreter der Opposition. Das, verehr-

ter Herr Staatsminister und liebe Kolleginnen und Kolle-
gen von der Koalition, ist ein, wie ich finde, zusätzlicher
Gesichtspunkt dafür, das besonders ernst zu nehmen, was
als Empfehlung der eigens zu diesem Zweck eingesetzten
Kommission nun als Ergebnis der Beratungen auf dem
Tisch liegt.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Herr Staatsminister Nida-Rümelin wurde vor einigen

Tagen in einer Zeitung mit der Aussage zitiert, fast alle,
die sonst moderne Architektur bevorzugten, würden an
diesem spezifischen Ort nachdenklich. Dies, Herr Kol-
lege Nida-Rümelin, ist mein Eindruck auch. Für mich per-
sönlich jedenfalls kann ich präzise diesen Willensbil-
dungsprozess beobachten und gebe das hier auch gerne zu
Protokoll. Meine erste Vermutung über die angemessene
städtebauliche Lösung an diesem Platz war eine Archi-
tektur, die das Signum des 21. Jahrhunderts trägt. Mich
überrascht nicht, dass andere ähnliche Eindrücke gewon-
nen haben, nämlich dass eine intensive Beschäftigung
nicht nur mit der Historie dieses Platzes, sondern auch mit
dem städtebaulichen Umfeld, das von diesem Schloss
nicht nur in zeitlicher Hinsicht, sondern auch in konzep-
tioneller Hinsicht geprägt ist,


(Zuruf von der CDU/CSU: Blickachsen!)

zu dem Schluss führt, dass prinzipiell andere Alternativen
unangemessene Lösungen sind. Man darf nicht verdrän-
gen, dass die große Vision Schinkels von einer klassizis-
tischen Mitte Berlins von diesem Schlossgebäude in jeder
Beziehung seinen Ausgangspunkt genommen hat und
dass als das, was sich darum als Ensemble entwickelt hat,
ohne dieses Schloss und seine Architektur nur schwer vor-
stellbar ist.

Da es in der Debatte in den letzten Wochen und Mona-
ten auch manche maßlosen Übertreibungen gegeben hat,
will ich jedenfalls für meine Fraktion festhalten: Bei der
Wiederherstellung des Berliner Stadtschlosses geht es
natürlich nicht um die Wiederherstellung von Preußens
Glanz und Gloria. Es ist dummes Zeug, zu glauben, es
solle ausgerechnet ein Schloss als geistiges Zentrum der
neuen deutschen Berliner Republik rekonstruiert werden.
Es geht vielmehr darum, dieser Stadt wieder ein Gesicht
zu geben, das ihrer historischen Entwicklung und der Prä-
gung dieses Stadtbildes in angemessener Weise ent-
spricht, wie das jede vergleichbare Metropole mit einem
vergleichbaren Selbstbewusstsein selbstverständlich
längst realisiert hätte.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Deswegen setzen wir uns dafür ein, dass wir die heute

vorliegenden Anträge aus den verschiedenen Fraktionen
zu einer Beschlussempfehlung bündeln, die uns dann,
wenn uns die gute Absicht gelingt – die dafür ja besteht,
Kollege Barthel –, hoffentlich in die Lage versetzt, die
Einschätzungen festzuhalten, die wir gemeinsam haben.
Ich teile ausdrücklich die vorgetragene Einschätzung des
Kollegen Barthel, dass etwa zur Frage der Einbindung der
Lösung in die gesamtstädtebauliche Umfeldsituation und
auch zur Nutzung des Gebäudes beziehungsweise der in
diesem Zusammenhang in Rede stehenden Gebäude ein
hohes Maß an Übereinstimmung mit den Empfehlungen




Dr. Norbert Lammert

23957


(C)



(D)



(A)



(B)


der Kommission besteht und dass es sich fast von selbst
versteht, dass gewissermaßen die technische Umsetzung
der Nutzungsvorstellungen auf Raumvolumina nun mit
der gebotenen Sorgfalt geprüft werden muss. Ganz selbst-
verständlich gilt das auch für die Finanzierungskonse-
quenzen, die sich daraus ergeben.

Ich habe den Eindruck, dass es eine weitgehende Über-
einstimmung auch darin gibt, dass dieses große Projekt
weder allein aus öffentlichen Mitteln realisiert werden
kann noch allerdings umgekehrt allein privatwirtschaft-
lich verwirklicht werden könnte. Ob und in welcher Weise
dies miteinander kombinierbar ist, darum sollten wir uns
gemeinsam mit den Vertretern der Bundesregierung und
des Berliner Senats in den nächsten Wochen und Monaten
bemühen.

Entschieden werden muss die von mir erläuterte Frage
der architektonischen Gestalt. Hierzu muss ich nicht das
wiederholen, was ich zur Begründung unseres Vorschla-
ges einer weitgehenden Wiederherstellung der histo-
rischen Fassaden auf der Basis der Empfehlungen der
Kommission gerade vorgetragen haben.

Meine Damen und Herren, es gibt ganz gewiss noch
wichtigere Themen für die Zukunft der Stadt und für die
Zukunft des Landes, dessen Hauptstadt Berlin ist. Aber
das Thema ist wichtig genug und es ist entscheidungsreif.
Der hohe intellektuelle Reiz der jahrelangen Debatte zur
zukünftigen Gestaltung der historischen Mitte Berlins ist
nur noch durch deren überzeugende Realisierung zu über-
bieten. Dazu wollen wir Gelegenheit geben.


(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423922500
Herr Kollege, es ist
phantastisch, dass Sie die Redezeit mit Sekundenpräzi-
sion eingehalten haben. Das ist natürlich dankenswert.

Ich erteile das Wort der Kollegin Franziska Eichstädt-
Bohlig für die Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN.


(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Kollegen! Ich hatte ja die Ehre, in dieser Expertenkom-
mission „Historische Mitte Berlin“ mitzuarbeiten und ich
finde es schon richtig, dass es ganz gut gewesen wäre, es
hätte darin eine Vertreterin oder ein Vertreter der Opposi-
tion mitgewirkt.


(Zuruf von der CDU/CSU: Schade, dass Sie sich nicht durchsetzen konnten!)


Richtig ist, dass es eine große Einigkeit bei der Bewer-
tung der Ergebnisse der Kommission zum Nutzungskon-
zept gibt und, wie ich glaube, auch zu den städtebaulichen
Empfehlungen. Ich möchte schon sagen, dass ich gerade
auch die Empfehlungen zur Finanzierung durchaus be-
denkenswert finde, wenn sich in einem Prüfverfahren he-
rausstellt, dass es tatsächlich möglich ist, unter Führung
der öffentlichen Hände, also von Berlin und vom Bund,
eine öffentlich-private Gemeinschaftsfinanzierung in ei-
nem Fonds zustande zu bringen. Das wäre schon einmal
ein sehr interessantes Experiment. Bisher haben wir im-

mer die umgekehrte Finanzierungsform, die darin besteht,
dass sich die öffentliche Hand selbst als Trägerin in die
Hände der privaten Investoren begeben muss. Das war ja
auch das alte Investorenauswahlverfahren. Von daher
möchte ich schon Mut machen – unabhängig davon, ob
das so finanzierbar ist, wie es jetzt in der Konzeption dar-
gestellt worden ist –, sich diesem Thema durchaus ernst-
haft zu stellen.

Lassen Sie mich ein paar Aspekte dazu sagen, wo ich
den Zielkonflikt in dem Ergebnis der Expertenkommis-
sion sehe. Es sind zwei Probleme, die man sehen muss.
Ich fände es schon gut, sie sehr ernst zu nehmen und sie
jetzt nicht in einer Polemik pro Schlossfassade oder da-
gegen zu sehen, weil es in jedem Fall um ein Gebäude ge-
hen wird, das aus einem Spannungsfeld von historischer
Erinnerung – wie auch immer sie gestaltet wird – und
neuer Gestaltung entwickelt werden muss.

Das eine Problem ist, dass es der Kommission aus mei-
ner Sicht nicht gelungen ist, zwischen dem Nutzungskon-
zept und dem Gestaltungskonzept eine konstruktive Be-
ziehung zu entwickeln. Das andere Problem ist, dass die
Verbindung von äußerer Fassadenrekonstruktion und mo-
derner Innengestaltung eben kein interessantes Span-
nungsfeld ergibt. Eigentlich müsste es ein Spannungsfeld
zwischen zeitgenössischer Architektur und – wenn es
denn um Rekonstruktion geht – historischer Erinnerung
sein.

Das Problem ist einerseits, dass mit dem vorliegenden
Nutzungskonzept gleichzeitig ein sehr hohes Nutzungs-
maß in dem Areal verwirklicht werden soll. Dieses hohe
Nutzungsmaß, so wie es die Mehrheit beschlossen hat,
führt beispielsweise dazu, dass hinter den Fassaden Ge-
schosshöhen realisiert werden müssen, die nicht mit der
äußeren Gestalt übereinstimmen, dass also praktisch Höfe
überbaut und überdacht werden müssen. Ich meine, ge-
rade die, die sich für die Rekonstruktion des Schlosses en-
gagieren, müssten sagen, dass sie das Maß an Nutzung,
das realisiert werden soll, so nicht mittragen können. Das
ist ein zentraler Punkt. Es ist eine maximale Grund-
stücksausnutzung gewählt worden, die im Inneren eigent-
lich nur durch eine moderne Gestaltung realisiert werden
kann, die dann nicht zur Fassadenkonstruktion passt.

Was ich für richtig halte – das hat eben auch Eckhardt
Barthel unterstützt –, ist, dass man sich aus städtebau-
lichen Gründen eindeutig an der Kubatur und auch an der
Höhenentwicklung des historischen Hohenzollern-
schlosses orientiert und dass – so, wie es auch die Kom-
mission beschlossen hat – den Architekten in einem Wett-
bewerb Freiheit gegeben wird, wenn es darum geht, wie
sie Teile des Palasts der Republik erhalten wollen und wie
sie den Bereich im Osten des Palasts, also in Richtung des
Roten Rathauses und des Marx-Engels-Platzes, gestalten
wollen. Gegebenenfalls ist auch eine Integration des
Volkskammersaals machbar; das muss dann noch genauer
geprüft werden.

Was ich aber für problematisch und falsch halte, ist, auf
der einen Seite für eine historische Rekonstruktion der
Schlüterfassaden und des Schlüterhofs zu votieren und
gleichzeitig für die innere Gestaltung Nutzungsvorgaben
zu machen, die in der Geschossgliederung und in den




Dr. Norbert Lammert
23958


(C)



(D)



(A)



(B)


Hofüberbauungen eigentlich gar keinen Raum mehr für
das Spannungsfeld zwischen Neu und Alt geben. Deswe-
gen sage ich: Wenn man dieses Nutzungskonzept und die-
ses Nutzungsmaß realisieren will, dann müsste man kon-
sequenterweise in einem Architektenwettbewerb offen
lassen, in welcher Weise die historische Erinnerung an das
Hohenzollernschloss gestaltet werden soll: ob mit moder-
nem Gestus, mit anderen Formen der Erinnerung oder
letztlich mit einer Fassadenrekonstruktion.


(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)


Dafür setzen wir uns mit dem Antrag der Koalition ein;
denn ich glaube, das gibt den Architekten ein Stück mehr
Freiheit und mehr Möglichkeiten bei der Gestaltung des
Spannungsfeldes zwischen Nutzungskonzept und histo-
rischer Erinnerung.

Insofern habe ich mich nie gegen den Nachbau von
Teilen des Schlosses ausgesprochen, bin aber der Mei-
nung, dass gerade solch ein Nachbau ein ganz besonderes
baukulturelles Feingefühl und ein dazu passendes Nut-
zungskonzept erfordert. Deswegen sage ich noch einmal,
was ich eingangs gesagt habe: Die Beziehung zwischen
dem Nutzungskonzept und dem Gestaltungsanspruch,
wie die Mehrheit ihn durchgesetzt hat, ist einfach nicht
stimmig realisiert. Von daher bin ich schon der Meinung,
dass ein Stück weiterer Arbeit nötig ist und dass man jetzt
nicht einfach „Ente oder Trente“ sagen kann.

Lassen Sie mich ein ganz kurzes Fazit ziehen. So gut,
wie das Ergebnis der Kommission in der Gesamtbewer-
tung ist, man muss schon sagen, dass im Endeffekt die alt-
bekannten Differenzen zwischen Schlossbefürwortern
und Modernisierern eben nicht gelöst worden sind, ob-
wohl meiner Meinung nach gerade darin die Aufgabe be-
standen hätte. Insofern bleiben im Ergebnis die Kontra-
henten weiterhin in ihren Gräben. Das finde ich sehr
schade; denn ich glaube, die Hauptaufgabe bei der Ge-
staltung besteht darin, dieses Spannungsfeld positiv und
konstruktiv zu definieren, weil es, wie gesagt, eine Kom-
bination aus Neu und Alt werden muss. Ich zumindest
werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass das in der wei-
teren Planungsphase und in der Realisierungsphase auch
gelingt. Ich hoffe auf einige Mitstreiter.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423922600
Das Wort hat jetzt der
Kollege Dr. Günter Rexrodt für die FDP-Fraktion.


Dr. Günter Rexrodt (FDP):
Rede ID: ID1423922700
Frau Präsidentin! Meine
Damen und Herren! Seit elf Jahren wird nun über die Ge-
staltung des Schlossplatzes und der historischen Mitte
Berlins diskutiert. Ich habe viel Verständnis für eine aus-
führliche, eingehende Diskussion; denn das ist ein beson-
derer Platz, der in besonderer Weise die Geschichte unse-
res Landes, ganz bestimmt aber dieser Stadt repräsentiert.
Solche Dinge kann man nicht von heute auf morgen ent-
scheiden.

Aber elf Jahre sind eine lange Zeit. Man hat eine
Expertenkommission eingesetzt. Das macht man bei sol-
chen Vorhaben immer; das ist auch akzeptabel. Ich finde,
Frau Eichstädt-Bohlig – obwohl ich nicht Mitglied der
Expertenkommission war, aber dort gern in irgendeiner
Weise mitgewirkt hätte; die Opposition war jedoch nicht
gefragt –, dass diese Kommission gut gearbeitet hat. Man
konnte sogar beobachten, dass Mitglieder der Kommis-
sion, die vorher eher in einer bestimmten Richtung fest-
gelegt waren, ihre Meinung unter dem Druck der Argu-
mente gewandelt haben und zu einem anderen Ergebnis
gekommen sind.

Nun ist die Expertenkommission fertig mit ihrer Arbeit
und hat einen Vorschlag vorgelegt, alles in allem einen
sehr passablen, akzeptablen Vorschlag. Jetzt kommt es da-
rauf an, dass die Entscheidungsgremien – das ist der Bun-
destag im Benehmen mit dem Senat von Berlin, gegebe-
nenfalls mit dem Abgeordnetenhaus – dafür sorgen, dass
das vorgelegte Konzept nach elf Jahren Diskussion rea-
lisiert werden kann. Jetzt eine neue Kommission einzu-
setzen


(Zuruf von der SPD: Das will doch gar keiner!)


– es läuft darauf hinaus, dass es eine neue Ausschreibung
gibt und dass für ein weiteres Jahr eine neue Diskussion
stattfindet – wäre unserer Meinung nach nicht richtig. Wir
möchten, dass der Bundestag eine abschließende Ent-
scheidung trifft und dass diese auch umgesetzt wird. Wir
als FDP plädieren dafür, dass die historische Fassade wie
vorgeschlagen realisiert wird.


(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


Die Frage ist, ob eine historische Fassade mit dem
Baukörper – Frau Eichstädt-Bohlig hat das angespro-
chen – in Einklang zu bringen ist und ob eine historische
Fassade nicht nur dem Geschmack einer Generation ent-
spricht, sondern auch die Erwartungen erfüllt, die nach-
folgende Generationen an ein solches Bauwerk haben.

Ich persönlich habe durchaus ein Faible für moderne
Architektur. Ich finde, in Berlin ist vieles an überzeugen-
der moderner Architektur realisiert worden. Ich traue aber
keinem zeitgenössischen Architekten zu, dass er dort ein
Gebäude äußerlich so gestalten kann, dass es dem Ge-
schmack und dem ästhetischen Empfinden der nächsten
100, 200, vielleicht sogar 250 Jahre standhalten kann.


(Jörg Tauss [SPD]: Sie wollen doch nicht warten, bis der kommt!)


– Der kommt nicht. Deshalb müssen wir die historische
Fassade realisieren. Das ist genau der Punkt.

Ich glaube, dass so auch die Mehrzahl und eine wach-
sende Zahl von Berlinerinnen und Berlinern sowie ande-
ren Menschen in unserem Lande denkt. Ich glaube im
Übrigen, dass die historische Fassade eine Grundvoraus-
setzung dafür ist, dass wir in diesem Lande einen Gutteil
der Kosten, die im Zusammenhang mit dem Wiederauf-
bau entstehen, über Spenden finanzieren können. Es wer-
den eine private Finanzierung und eine öffentliche Finan-
zierung angesagt sein und es werden Spenden notwendig




Franziska Eichstädt-Bohlig

23959


(C)



(D)



(A)



(B)


werden. Ich wünsche mir ganz persönlich, dass dieses Ge-
bäude Räume enthalten wird, in denen die Stadt und un-
ser Land große, internationale Konferenzen stattfinden
lassen können, wie es beispielsweise in der Hofburg der
Fall ist. Das kann nur mit der historischen Fassade ge-
schehen.

Ich wünsche mir, dass die endgültige Abstimmung
hier im Bundestag in Kürze stattfinden kann. Ebenso
wünsche ich mir, dass die Fraktionen diese Abstimmung
freigeben,


(Beifall des Abg. Dr. Norbert Lammert [CDU/CSU])


damit die Abgeordneten so entscheiden können, wie es ih-
rer persönlichen Überzeugung entspricht. Ich bin sicher,
es wird eine Abstimmung sein, die zugunsten der histo-
rischen Fassade am Schlossplatz ausgeht.

Schönen Dank.

(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423922800
Herr Lammert, mit
Ihrer punktgenauen Einhaltung der Redezeit sind Sie bis-
her einsame Spitze. Anlass, das zu wiederholen, ist, dass
noch mehrere Redner kommen.

Jetzt erteile ich der Kollegin Petra Pau für die PDS-
Fraktion das Wort.


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423922900
Frau Präsidentin! Liebe Kollegin-
nen und Kollegen! Der Kollege Barthel war so freundlich,
den Inhalt des Berichtes der Expertenkommission hier im
Großen und Ganzen vorzustellen, und die Kollegin
Eichstädt-Bohlig ist nicht nur auf den Bericht eingegan-
gen, sondern auch auf die noch vorhandenen Wider-
sprüche, die weitere Debatte und Nacharbeit erfordern.
Das alles erspare ich mir schon also, auch deshalb, weil
ich insgesamt nur drei Minuten Redezeit habe. Danke,
liebe Kollegin und lieber Kollege.

Erstens. Wir begrüßen ausdrücklich die Empfehlung
der Expertenkommission zu einer öffentlichen Nutzung
dieses wichtigen Platzes der Bundesrepublik. Erinnern
wir uns: In den letzten Jahren, in denen auch der Streit ge-
führt wurde, waren drei Plätze in dieser Stadt neu zu be-
stimmen: einerseits das inzwischen entstandene Parla-
ments- und Regierungsviertel, wo wir unseren Platz
gefunden haben und natürlich auch die Bundesregierung
und viele andere, andererseits der Potsdamer Platz, wo
auch öffentliche Nutzung stattfindet, sich aber gleichzei-
tig Wirtschaft und Geld repräsentieren. Nun haben wir
noch einen Platz und ich finde, das soll der Platz der Bür-
gerinnen und Bürger sein, nicht nur der Berlinerinnen und
Berliner, sondern der Bürger der Bundesrepublik. Des-
halb unterstütze ich ausdrücklich, hier eine Agora, also ei-
nen Marktplatz der Republik, zu schaffen.


(Beifall bei der PDS)

Wenn ich mir das Nutzungskonzept ansehe, kann ich

mir vorstellen, dass auch dieses gemeinsam mit den vor-
gesehenen und eventuell noch dazu kommenden Nutzern
fortentwickelt werden kann und dabei auch die Überprü-

fung der Widersprüche, die die Kollegin Eichstädt-Bohlig
vorgestellt hat, stattfindet. Dann nämlich wird sehr
schnell herauskommen, ob die vorgesehenen Nutzer mit
manchen dieser innenarchitektonischen Probleme, die hier
dargestellt wurden, etwas anfangen können oder ob diese
Nutzung dort überhaupt möglich ist.

Ein zweiter Punkt. Wir stimmen heute über einen An-
trag ab und nicht über die Frage „Bist du für oder gegen
ein Schloss?“, die hier immer über dem Raum schwebte
und wie es in mancher Zeitung angekündigt wurde. Wir
stimmen über einen Antrag ab, den die PDS-Fraktion am
6.April 2000, also vor zwei Jahren, gestellt hat. In diesem
Antrag geht es um die Zwischennutzung der Gewölbe
unter dem Nationaldenkmal. Ich füge einen weiteren Vor-
schlag hinzu, der in unserem Antrag steht. Ich denke, wir
müssen zügig auch über eine Zwischennutzung des Plat-
zes und Rohbaus des Palastes der Republik sprechen,


(Beifall bei der PDS)

nicht aus nostalgischen Gründen, sondern um diesen
wichtigen Platz wieder in das öffentliche Bewusstsein zu
rücken und dafür zu sorgen, dass Bürgerinnen und Bürger
ihn wieder wahrnehmen. Der Zustand der subventionier-
ten Verwahrlosung dieses Platzes einschließlich des da-
rauf stehenden Gebäudes muss beendet werden. Wie sol-
len die Bürger sich sonst mit diesem Platz und dem darauf
entstehenden Neuen identifizieren?

Damit komme ich zum dritten und letzten Punkt. Herr
Kollege Rexrodt, Sie haben mich ein wenig enttäuscht.
Als solchen Pessimisten kenne ich Sie gar nicht, dass Sie
zukünftigen Generationen nun gar nichts mehr zutrauen
und deshalb auf Vergangenes zurückgreifen. Lassen Sie
uns nicht wieder in den alten Streit um die Frage „Schloss
oder Palast?“ zurückfallen, sondern lassen Sie uns die
vorhandenen Zeugen der Baugeschichte aufnehmen und
sehen, welche unterschiedlichen architektonischen Lö-
sungen hier auch die Widersprüchlichkeit der Geschichte
dieses Platzes darstellen können.


(Dr. Günter Rexrodt [FDP]: Wir bauen den Palast wieder auf!)


– Nein, genau das will ich nicht.

(Beifall bei der PDS)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423923000
Ich erteile das Wort
dem Staatsminister Professor Dr. Julian Nida-Rümelin.

D
Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423923100
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Da-
men und Herren! Die meisten Architektinnen und Archi-
tekten – unter Denkmalschützern ist das wahrscheinlich
noch deutlicher – lehnen den Nachbau einmal aus-
gelöschter Gebäudeexistenzen ab. Renzo Piano hatte ein-
mal vor dem Wiederaufbau des Stadtschlosses in Berlin
mit den Worten gewarnt: Die Vergangenheit zu kopieren
wäre für mich Selbstmord.


(Beifall bei der PDS)

Auch die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in
Deutschland lehnte Anfang der 90er-Jahre den Wieder-




Dr. Günter Rexrodt
23960


(C)



(D)



(A)



(B)


aufbau des Stadtschlosses ab, da die überlieferte materi-
elle Gestalt als Geschichtszeugnis genauso unwiederhol-
bar sei wie die Geschichte selbst.

Einzelne Experten aus Architektur, Stadtplanung und
Denkmalschutz haben in der nun über ein Jahrzehnt
währenden intensiven Debatte mit beachtenswerten
Gründen Gegenpositionen bezogen. Dies blieb aber im-
mer eine deutliche Minderheit.

Außerhalb der Fachwelt allerdings scheint es zumin-
dest innerhalb Berlins eine vielleicht nur relative, aber
doch stabile Mehrheit für den Wiederaufbau des Stadt-
schlosses zu geben. Die von Fachleuten vorgebrachten
Argumente, der Wiederaufbau eines vollständig zerstör-
ten Schlosses sei historisch retrospektiv, politisch restau-
rativ, eine Geschichtsattrappe oder gar Las Vegas, ließen
die Befürworter in der Bürgerschaft Berlins weitgehend
unbeeindruckt.


(Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Wer hat das Schloss denn zerstört? Das würde mich mal interessieren!)


Wenn es nun lediglich darum gegangen wäre, die Stel-
lungnahmen von Expertinnen und Experten einzuholen,


(Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Wo sitzen denn die Zerstörer?)


dann hätte man die internationale Kommission nicht ein-
setzen müssen.


(Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Wer hat denn die Sprengladung angebracht?)


Eine Vielzahl von schriftlichen und mündlichen Stellung-
nahmen lag schließlich schon Anfang Januar des vergan-
genen Jahres vor. Die Tendenz im Bereich der Architek-
tur, der Stadtplanung und des Denkmalschutzes war
ziemlich eindeutig.

Sinn dieser Expertenkommission war ein anderer. We-
der sollten vorgefasste Meinungen aufseiten der Politik
nachträglich durch eine Kommission bestätigt noch le-
diglich die vorhandenen Urteile aus der Fachwelt dupli-
ziert werden.


(Zuruf von der CDU/CSU: Aha!)

Der Sinn der Expertenkommission war vielmehr, aus der
Sackgasse herauszuführen, in die die Diskussion geraten
war. Das ist ihr gelungen. Sie hat die Frage der kulturel-
len Nutzung an den Anfang und nicht – wie dies zuvor ge-
schehen war – an das Ende gestellt. Sie hat einstimmig ein
Nutzungskonzept beschlossen, das in Abstimmung zwi-
schen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, darunter ins-
besondere den außereuropäischen Sammlungen, der
Humboldt-Universität, den Wissenschaftssammlungen,
und der Bibliothek, zuletzt unter meiner Federführung
und in enger Abstimmung mit der Kultursenatorin Berlins
entwickelt worden war.

Diesen Konsens halte ich für eine der großen Leistun-
gen dieser Kommission. Sie hat nämlich eine kulturelle
und öffentliche Nutzungsvorstellung entwickelt, die an
diesem Ort eine faszinierende Begegnung europäischer
und außereuropäischer Kulturen, die Verbindung von
Wissenschafts- und Kulturgeschichte und die tägliche

Faszination des Lebens – Entschuldigung: des Lesens –
miteinander kombiniert.


(Christian Schmidt [Fürth] [CDU/CSU]: Das andere ist auch in Ordnung! – Zuruf von der SPD: Beides geht!)


– Natürlich, als Begegnungsstätte hoffentlich auch die des
Lebens. Das ist akkurat.

Mit der Entscheidung für diese kulturelle Nutzung war
allerdings auch die Entscheidung gegen eine 1:1-Rekon-
struktion des Berliner Stadtschlosses gefallen. Ein voll-
ständiger Wiederaufbau des Stadtschlosses, der für die äl-
teren historischen Schichten ohnehin schon technisch
kaum machbar gewesen wäre, ist mit dieser Nutzungsidee
unvereinbar.

Die Kommission hat sich mit überwältigender Mehrheit
und nach intensiver Diskussion für die Orientierung des
Neubaus an der Stereometrie des Hohenzollernschlosses
entschieden. Dies war nach meinem Eindruck nicht nur eine
Abfrage von vorab gebildeten Meinungen, sondern das Er-
gebnis von Abwägungen. Ich glaube, dass auch diejenigen,
die sich einen modernen Bau vorgestellt haben, angesichts
der städtebaulichen Gesamtsituation in der Mitte Berlins
– Herr Lammert hatte darauf hingewiesen – doch dafür plä-
dierten, die topographische Rolle des alten Schlosses – sei
es auch in Gestalt eines modernen Baus – wiederherzustel-
len. Damit hat sie Alternativmodellen wie dem von Axel
Schultes, so durchdacht diese auch sind, eine Absage erteilt.

Durch die intensiven Beratungen wurden unterschied-
liche Sichtweisen gegeneinander gestellt und abgewogen.
Gute Argumente hatten eine Chance zu überzeugen. Dies
gilt auch für den Umgang mit dem Palast der Republik.
Auch die Befürworter einer kulturellen Kontinuität der
DDR-Geschichte an diesem Ort – damit übertreibe ich
jetzt etwas – haben sich den städtebaulichen Argumenten
nicht verschlossen. So bitter dies für viele sein mag, die
an dieses Gebäude persönliche Erinnerungen knüpfen,
muss man doch feststellen: Es kann keinen Bestand ha-
ben, obwohl es ein gemeinsames Anliegen der Kommis-
sion war, die „Volkshaus“-Tradition auf der Agora des
Nutzungskonzeptes in veränderter Form fortzuführen.

Gewollt oder nicht hat diese Kommission zur Entideo-
logisierung beigetragen. Die Überhöhung des Konfliktes
zu einem Kampf um die kulturelle Identität dieser Republik
gehört nach meinem Eindruck der Vergangenheit an. Die
dritte deutsche Republik – nicht die vierte – wird sich we-
der in der Kontinuität der Hohenzollerndynastie restaurativ
noch in der Tradition von „Honeckers Lampenladen“
nostalgisch, aber auch nicht angestrengt modernistisch de-
finieren. Die dritte deutsche Republik sucht nicht erst nach
ihrer Definition an diesem Ort. Ihre kulturelle Substanz
wird an diesem Ort weder geschaffen noch zerstört werden.

Der Streit hatte sich zuletzt – gewissermaßen verdünnt –
auf die Frage konzentriert: Sollen in drei Himmelsrichtun-
gen die Barockfassaden des Schlosses rekonstruiert werden
oder nicht? Hierzu gibt es nicht zwei, sondern drei Positio-
nen. Es gibt die Befürworter, die Gegner und diejenigen,
die sagen: Wenn dies die beste Lösung ist, dann wird sie
sich gegenüber anderen, in der Stereometrie des Schlosses
gestalteten Lösungen behaupten. Sie wollen also diesen
Teilkonflikt, der übrig geblieben ist, in eine Diskussion




Staatsminister Dr. Julian Nida-Rümelin

23961


(C)



(D)



(A)



(B)


über die beste architektonische Lösung in dem von der
Kommission vorgegebenen Rahmen verlagern.

Es ist lange beraten worden. Die nächsten Schritte soll-
ten zügig erfolgen. Sie können nur in enger Abstimmung
zwischen Bund und Land, und zwar nicht nur wegen der
vorgesehenen drei Hauptnutzer, gegangen werden. Es
geht nicht um die Antwort auf eine Identitätsfrage, son-
dern um eine überzeugende Lösung eines städtebaulichen
Problems in der Mitte Berlins. Dabei muss es uns um eine
sinnvolle kulturelle Akzentuierung an diesem Ort und
eine überzeugende ästhetische Gestaltung gehen.

Es darf keine Illusionen bezüglich der Finanzierung
geben. Zu oft wurden in den vergangenen Jahrzehnten
Kulturbauten auf dem sicheren Fundament von Selbst-
suggestion und Kalkulationsschwäche errichtet. Ich sage
ganz offen: Mein Vertrauen in Fachleute ist in dieser Hin-
sicht auch aufgrund meiner Münchener Erfahrungen
gründlich erschüttert. Ich will mir ein realistisches Bild
machen. Das betrifft auch die Folgekosten für die vorge-
sehenen kulturellen Nutzungen und die Träger dieser
Nutzungen. Zügig soll es vorangehen, aber nicht kopflos.
Was ich dazu beitragen kann, will ich tun.

Danke schön.

(Beifall im ganzen Hause)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423923200
Ich schließe die Aus-
sprache.

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 14/9023, 14/9222, 14/9243 und
14/9244 an die in der Tagesordnung aufgeführten Aus-
schüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit einverstanden? –
Die Überweisung ist so beschlosssen. Wir hoffen, dass Sie
zügig zu einem Ergebnis kommen.

Zusatzpunkt 15: Wir kommen zur Beschlussempfeh-
lung des Ausschusses für Kultur und Medien auf der
Drucksache 14/6914 zu dem Antrag der Fraktion der PDS
mit dem Titel „Gewölbe unter dem ehemaligen National-
denkmal auf dem Berliner Schlossplatz für die Öffent-
lichkeit zugänglich machen“. Der Ausschuss empfiehlt,
den Antrag auf Drucksache 14/3120 abzulehnen. Wer ist
für diese Beschlussempfehlung? – Gegenprobe! – Enthal-
tungen? – Gegen die Stimmen von der PDS und einem
Herrn von der FDP ist die Beschlussempfehlung ange-
nommen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 10 a und 10 b auf:
a) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-

richts des Ausschusses für Wirtschaft und Techno-
logie (9. Auschuss) zu dem Antrag der Abgeord-
neten Dr. Margrit Wetzel, Dr. Ditmar Staffelt,
Dr. Axel Berg, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der SPD sowie der Abgeordneten Werner
Schulz (Leipzig), Hans-Josef Fell, Andrea Fischer

(Berlin), weiterer Abgeordneter und der Fraktion

des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Nationales Luftfahrtforschungsprogramm fort-
setzen
– Drucksachen 14/8027, 14/8909 –

Berichterstattung:
Abgeordnete Dr. Margrit Wetzel

b) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Wirtschaft und Techno-
logie (9. Ausschuss) zu dem Antrag der Abgeord-
neten Max Straubinger, Wolfgang Börnsen

(Bönstrup), Ilse Aigner, weiterer Abgeordneter

und der Fraktion der CDU/CSU
Luftfahrtforschung voranbringen
– Drucksachen 14/7439, 14/8910
Berichterstattung:
Abgeordneter Werner Schulz (Leipzig)


Ich eröffne die Aussprache. Die Reden sind alle zu Pro-
tokoll gegeben.1) Ich schließe die Aussprache.

Wir kommen zur Beschlussempfehlung des Ausschus-
ses für Wirtschaft und Technologie auf Drucksache
14/8909 zu dem Antrag der SPD und des Bündnis-
ses 90/Die Grünen mit dem Titel „Nationales Luftfahrt-
forschungsprogramm fortsetzen“. Der Ausschuss emp-
fiehlt, den Antrag auf Drucksache 14/8027 anzunehmen.
Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Gegen-
probe! – Enthaltungen? – Gegen die Stimmen von CDU/
CSU bei Enthaltung der PDS ist die Beschlussempfeh-
lung angenommen.

Wir kommen zur Beschlussempfehlung des Ausschus-
ses für Wirtschaft und Technologie auf Drucksache
14/8910 zu dem Antrag der Fraktion der CDU/CSU mit
dem Titel „Luftfahrtforschung voranbringen“. Der Aus-
schuss empfiehlt, den Antrag auf Drucksache 14/7439 ab-
zulehnen. Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? –
Gegenprobe! – Enthaltungen? – Gegen die Stimmen von
CDU/CSU bei Enthaltung der FDP ist die Beschlussemp-
fehlung angenommen.

Ich rufe Tagesordnungspunkt 11 auf:
Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Wirtschaft und Techno-
logie (9. Ausschuss) zu dem Antrag der Abgeord-
neten Hartmut Schauerte, Wolfgang Börnsen

(Bönstrup), Hansjürgen Doss, weiterer Abgeord-

neter und der Fraktion der CDU/CSU
Für ein modernes Wettbewerbs- und Kartell-
recht in Europa
– Drucksachen 14/6634, 14/9213 –
Berichterstattung:
Abgeordneter Dr. Uwe Jens

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen. – Damit sind
Sie einverstanden.

Ich eröffne die Aussprache und teile mit, dass einige
Reden zu Protokoll gegeben worden sind.2) Einige Redner
möchten aber auch sprechen. Als Erster redet der Parla-
mentarische Staatssekretär Ditmar Staffelt.




Staatsminister Dr. Julian Nida-Rümelin
23962


(C)



(D)



(A)



(B)


1) Anlage 5
2) Anlage 6

D
Dr. Ditmar Staffelt (SPD):
Rede ID: ID1423923300
Frau Präsiden-
tin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Gestatten
Sie mir zu dem Antrag der CDU/CSU „Für ein modernes
Wettbewerbs- und Kartellrecht in Europa“ eine
grundsätzliche Bemerkung.

Das Wettbewerbsprinzip ist nach Auffassung der Bun-
desregierung ein tragender Pfeiler, wenn nicht sogar der
tragende Pfeiler unserer Wirtschaftsordnung. Denn ein
funktionsfähiger Wettbewerb ist der beste Garant für die
Versorgung der Bevölkerung mit qualitativ hochwertigen
und preisgünstigen Produkten und Dienstleistungen.


(Beifall bei der SPD)

Ich möchte an dieser Stelle ganz ausdrücklich hinzufü-

gen: Wir haben die Bevölkerung mithilfe des Wettbe-
werbs vor Preisdiktaten zu schützen. Darüber hinaus gilt:
Letztlich ist Wettbewerb auch ein Bestandteil der Ver-
wirklichung von Gerechtigkeit in unserem Lande.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der FDP)


Denn für einige soziale Schichten sind bestimmte Pro-
dukte und Dienstleistungen nur dann erhältlich, wenn sie
zu vernünftigen, durch Wettbewerb geprägten Preisen an-
geboten werden.

Die Bundesregierung ist deshalb dem Wettbewerbs-
prinzip verpflichtet. Öffnung und Offenhaltung von
Märkten gehören zu den zentralen Aufgaben ihrer Wett-
bewerbspolitik. Dabei hat in einem zusammenwachsen-
den Europa die Bundesregierung natürlich immer schon
die europäische Dimension im Blick gehabt. Konkrete
Beispiele hierfür sind die Aufhebung von Rabattgesetzen
und Zugabeverordnung. Damit kann der Verbraucher nun
auch in Deutschland uneingeschränkt in den Genuss eines
europäischen Preiswettbewerbes gelangen.

Es ist einfach eine Tatsache, dass die alte Regierung
nicht die Kraft gehabt hat, die Abschaffung des Rabattge-
setzes durchzusetzen, obwohl sie Gelegenheit dazu ge-
habt hätte.


(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD])

Auch bei der anstehenden Revision des Rechts des

unlauteren Wettbewerbs wird es darum gehen, endlich
alte Zöpfe abzuschneiden in Übereinstimmung mit der
europäischen Rechtsentwicklung. Ganz konkret denke
ich dabei vor allem an die geltende Überreglementierung
des Sonderverkaufsrechts. Der mündige Verbraucher, der
vergleichen und bewerten kann, muss und will nicht vor
Preissenkungsaktionen geschützt werden. Angesichts
dessen, was sich zu Beginn des Jahres auf diesem Gebiet
in unserem Land ereignet hat, sind wir sicher alle der Auf-
fassung, dass hier dringender Änderungsbedarf besteht.


(Beifall bei der SPD)

Wir haben daher vieles angepackt, was jahrelang einfach
liegen geblieben ist.

Lassen Sie mich zum Antrag selbst ein paar Punkte he-
rausgreifen, die nach unserer Auffassung schwierig sind.

In dem vorliegenden Antrag finden sich durchaus Ge-
meinsamkeiten. Dazu gehört zum Beispiel der Punkt, dass

in Zukunft die Mitgliedstaaten der Europäischen Union
an der Fortentwicklung des europäischen Wettbewerbs-
rechts angemessen beteiligt werden müssen. Auch die
Aufgabenverteilung zwischen den nationalen Wettbe-
werbsbehörden und der Kommission muss ohne jeden
Zweifel präzisiert werden. Die rechtsstaatlichen Stan-
dards bei Verfahren der Kommission gegen einzelne Un-
ternehmen müssen gewährleistet sein. Seien Sie sicher
– das sage ich vor allem an die Adresse des Kollegen
Schauerte –, dass die Bundesregierung genau diese Posi-
tion in allen laufenden Verhandlungen auf Ebene der Eu-
ropäischen Union ständig mit Nachdruck vertritt.


(Beifall bei der SPD)

Wir alle wissen auch: Die Reform des Kartellrechts ist

ein politisch sehr schwieriges Thema – gerade auch für
unser Land. An erster Stelle denke ich dabei an die ge-
plante Abschaffung des geltenden Anmelde- und Geneh-
migungssystems für Kartelle und die Einführung des
Systems der so genannten Legalausnahme. Dieser Sys-
temwandel wird von der großen Mehrheit der Mitglied-
staaten unterstützt. Es war kein Geringerer als Ludwig Er-
hard, der das Anmelde- und Genehmigungssystem für
Kartelle in Europa und in Deutschland durchgesetzt hat.
Da wundere ich mich schon, dass sich nun die CDU/CSU
zum Advokaten der Abschaffung dieses Systems in
Europa gemacht hat.

Für die Bundesregierung steht jedenfalls eines fest:
Deutschland trägt die Einführung des Systems der Legal-
ausnahme nur und erst dann mit, wenn am Ende der Ver-
handlungen klar ist, dass damit kein Verlust an Wettbe-
werbsschutz für unser Land verbunden ist.


(Beifall bei der SPD)

Dies sollten auch Sie sich zum Ziel setzen; denn wir ha-
ben ein gut funktionierendes System, das den Systemen in
manch anderen europäischen Staaten überlegen ist und
bei uns für sehr viel mehr Wettbewerbskontrolle gesorgt
hat.

Für die Bundesregierung gehört dazu auch, Kartelle so
weit wie möglich für Wettbewerbsbehörden und Wettbe-
werber transparent zu machen – Stichwort Kartellregister.

Auch über die Haltung der Union zu einem weiteren po-
litischen Hauptthema kann ich mich nur wundern. Das ist
die Frage des Verhältnisses von europäischem Wettbe-
werbsrecht zu nationalem Wettbewerbsrecht.Die Union
unterstützt hier die ursprünglichen Pläne der Europäischen
Kommission, das nationale Kartellrecht neben dem europä-
ischen Kartellrecht nahezu vollständig auszuschalten. Le-
diglich für den Bereich der Missbrauchsaufsicht soll es vor-
läufig bei einer parallelen Anwendbarkeit des europäischen
und nationalen Wettbewerbsrechts bleiben.

Hier stellt sich im Ergebnis die Frage, ob das deutsche
Kartellrecht, das ich als das Grundgesetz der Marktwirt-
schaft bezeichnen möchte, in Zukunft faktisch einfach ab-
geschafft werden soll. Der deutsche Gesetzgeber dürfte
dann gar nicht mehr entscheiden, ob er das deutsche Recht
dem europäischen Recht anpasst oder nicht; er wäre ein-
fach nicht mehr zuständig. Auch der Bundesrat hat diese
Diskussion geführt und ist zu dem Ergebnis gekommen,
diesen Ansatz abzulehnen. Mir ist unverständlich, Herr






(C)



(D)



(A)



(B)


Schauerte, wie eine Partei, die sich das Subsidiaritäts-
prinzip auf die Fahnen geschrieben hat, eine solche For-
derung ohne weiteres gutheißen kann.


(Jörg Tauss [SPD]: Das wird er uns gleich beantworten müssen!)


Aus sehr grundsätzlichen Erwägungen wird sich die
Bundesregierung weiterhin und im europäischen Kontext
für das deutsche Wettbewerbsrecht und den Schutz des
Wettbewerbs in Deutschland einsetzen. Es wäre gut, wenn
die Bundesregierung hierin vom gesamten Parlament in
ausreichender Weise unterstützt werden würde und wir in
dieser für den Ordnungsrahmen unserer Wirtschaft hoch
wichtigen Frage mit einer Stimme sprechen könnten. Des-
halb befürwortet die Bundesregierung die Ablehnung die-
ses Antrags durch den Ausschuss für Wirtschaft und Tech-
nologie.

Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)



Anke Fuchs (SPD):
Rede ID: ID1423923400
Das Wort hat nun der
Kollege Hartmut Schauerte für die CDU/CSU-Fraktion.


Hartmut Schauerte (CDU):
Rede ID: ID1423923500
Frau Präsidentin!
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir diskutieren
vor der kleinsten denkbaren Besetzung in diesem Hause
über ein entscheidend wichtiges Thema.


(Jörg Tauss [SPD]: Ja, wie halten Sie es mit Erhard?)


Marktwirtschaft ist ohne einen vernünftigen Wettbewerb
mit klaren Regeln und klaren Sanktionen gar nicht denk-
bar. Eigentlich sollte das Wirtschaftsministerium in der
Bundesrepublik Deutschland richtigerweise Ministerium
für Wirtschaft und Wettbewerb heißen; denn Wettbewerb
ist die zweite tragende Säule einer funktionierenden so-
zialen Marktwirtschaft.

Ich bin immer dankbar, Herr Kollege Staffelt, wenn
man an Ludwig Erhard erinnert wird; er war einer der
ganz Großen, auf den wir nach wie vor stolz sind. Jedes
Mal, wenn Sie sich auf ihn berufen, erhöht es unseren
Stolz. Aber ich bin ganz sicher, dass Ludwig Erhard an-
gesichts der europäischen Dimension unserem Antrag
nicht nur zugestimmt, sondern ihn noch etwas besser
selbst geschrieben hätte.


(Ditmar Staffelt, Parl. Staatssekretär: Da bin ich nicht sicher!)


Insoweit müssen wir uns nicht streiten.
Wir diskutieren das deutsche und das europäische

Wettbewerbsrecht vor dem Hintergrund der Erweiterung
der Europäischen Union und des Globalisierungspro-
zesses. Daher bin ich davon überzeugt, dass wir mit einer
kleinkarierten und ängstlichen Politik des Festhaltens an
dem, was wir haben, die Herausforderungen nicht beste-
hen können. Wir haben gerade den Schlussbericht der En-
quete-Kommission „Globalisierung der Weltwirtschaft“
bekommen, in dem wir weitgehend in der Frage überein-
stimmen, wie das internationale und globale Wettbe-

werbsrecht aussehen muss. Wir werden nicht weiterkom-
men, wenn Europa zunächst mit 16 und bald mit 25 un-
terschiedlichen Wettbewerbssystemen in diesem Konzert
mitspielen will.

Wir sind aufgefordert, kraftvoll und mutig, nicht aber
ängstlich ein eindeutiges europäisches Wettbewerbs-
recht mit einem Level Playing Field für alle Partner in
Europa aufzubauen, um mit einem solchen modernen, zu-
kunftsfähigen Wettbewerbsrecht in den Globalisierungs-
prozess einsteigen zu können, denn wir brauchen weltweit
immer dringender feste, verlässliche Wettbewerbsregeln.


(Beifall bei der CDU/CSU)

Deswegen ist das, was Sie hier machen, rückwärts ge-
wandt, zu ängstlich und nicht modern genug. Gerade
Ludwig Erhard wäre ein ganz moderner Wettbewerbs-
wächter gewesen.


(V o r s i t z: Vizepräsidentin Petra Bläss )

Wir sagen eindeutig Ja zum Systemwechsel. Wir hal-

ten ihn für geboten und für richtig. Wir wollen allerdings
– darin unterscheiden wir uns von der EU-Kommission –
ein Wahlrecht für die Unternehmen einführen. Warum
um alles in der Welt kann bei einem gewachsenen Wissen
um Wettbewerb nicht wie in allen anderen Bereichen vor-
gegangen werden, in denen Wirtschaftsteilnehmer agie-
ren? Wenn sie dann gegen das Kartellrecht bzw. gegen das
Wettbewerbsrecht verstoßen, wird dieser Verstoß geahn-
det. Wenn sie Probleme haben, weil sie nicht wissen, ob
das, was sie vorhaben, unter Wettbewerbsgesichtspunkten
noch erlaubt ist oder nicht, dann wollen wir ihnen ein
Wahlrecht einräumen, sich ihr geplantes Vorgehen von
der Wettbewerbsbehörde bestätigen zu lassen. Warum um
alles in der Welt muss man alles, was man tut, erst anmel-
den? Wir wissen, dass über 80 Prozent der Fälle nie bear-
beitet und entschieden worden sind, die Aktenberge aber
bis ins Unendliche wachsen. Warum haben wir nicht den
Mut – Sie wissen, dass die Legalausnahme kommt –, ei-
nen Systemwechsel vorzunehmen?


(Dr. Ditmar Staffelt [SPD], Parl. Staatssekretär: Wir stehen in Verhandlungen!)


– Da stimmen wir wieder völlig mit Ihnen überein. Wir
haben das aber kommen sehen und gefordert, sich darauf
einzurichten.

Wir wollen bei der Legalausnahme natürlich keinen
Verlust im Hinblick auf die Strenge der Wettbewerbsre-
geln und die Ahndung von Wettbewerbsverstößen. Wir
wollen ein sehr strenges, kohärentes Wettbewerbsrecht.
Wir glauben, den richtigen Ansatz zu haben, der uns zu
mehr europäischer Einheitlichkeit führt. Wir wollen die
strengen Wettbewerbsmaßstäbe beibehalten und dulden
keine Abstriche an ihnen, aber wir wollen sie den Anfor-
derungen entsprechend weiterentwickeln und europa- und
weltfähig machen.

Wir wollen klare gerichtliche Zuständigkeiten ha-
ben. Im Moment weiß niemand mehr sicher, vor welches
Gericht seine Causa gehört. In den verschiedenen europä-
ischen Staaten gibt es unterschiedliche Rechtswege. In
dem einen Fall entscheiden die Kartellämter wie Ge-
richte; in dem anderen Fall sind es Gerichte, wobei nicht




Parl. Staatssekretär Dr. Ditmar Staffelt
23964


(C)



(D)



(A)



(B)


sicher ist, ob die Zivilgerichte oder die Handelsgerichte
zuständig sind. Es ist ein Sammelsurium; wie Kraut und
Rüben geht es durcheinander. Wir haben bei der notwen-
digen Vereinheitlichung viel zu viel Zeit verloren. Inso-
weit waren die letzten vier Jahre keine Zeit für eine Re-
naissance des Wettbewerbsrechts, sondern eher eine Zeit
für den Abbau von Wettbewerb. Ich komme nachher noch
auf ein paar Punkte zurück, die die Bundesregierung be-
treffen. Wir wollen im Herbst mit einem neuen Wähler-
auftrag die Renaissance eines modernen Wettbewerbs-
rechts gestalten. Herr Staffelt, Sie werden sich wundern,
was uns alles gelingen wird.


(Beifall bei der CDU/CSU – Lachen des Parl. Staatssekretärs Ditmar Staffelt)


Das wird dem deutschen und dem europäischen Standort
gut tun.

Wir wollen zum Beispiel Regelungen in das moderne
Wettbewerbsrecht einführen, nach denen auch privater
Schadenersatz durchgesetzt werden kann, wenn gegen
Wettbewerbsregeln verstoßen wurde. Das ist ein unglaub-
lich heilsames Verfahren. Im Moment ahndet das Kartell-
amt einen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht nur mit
Bußgeld. Aber was passiert eigentlich mit den Wettbe-
werbs- und Marktteilnehmern, deren Existenz durch
rechtswidriges Verhalten gefährdet oder zerstört worden
ist? Sie sollen einmal sehen, welche disziplinierende Wir-
kung bei allen Marktteilnehmern eintritt, sich korrekt zu
verhalten, wenn sich herumspricht, dass die Betroffenen
ihren aus Wettbewerbsverstößen resultierenden Schaden
zivilrechtlich geltend machen können, wenn sie ihn nach-
weisen können. Die Strafe, die das Kartellamt verhängt,
kann man sauber berechnen und im Prinzip einkalkulie-
ren. Aber das, was passiert, wenn der Zivilrechtsanspruch
einer nicht bekannten Zahl von Betroffenen geltend ge-
macht wird, ist unkalkulierbar. Sie werden sich wundern,
wie sorgfältig die Rechtsabteilungen der betreffenden Un-
ternehmen plötzlich das Kartellrecht beachten und dafür
sorgen werden, die Wettbewerbsregeln nicht zu verletzen,
um Schadenersatzpflichten zu entgehen. Das ist ein ganz
wichtiger Punkt, den wir schleunigst aufgreifen müssen.

Zur Subsidiarität. An der Schaffung des gemeinsamen
Kartellrechts sind wir natürlich voll beteiligt. Wir werden
ein gemeinsames Kartellrecht schaffen. Warum aber sol-
len wir dies nicht auch gemeinsam anwenden können?
Natürlich werden deutsche Gerichte darüber zu entschei-
den haben, wenn in Deutschland gegen dieses gemeinsam
verankerte Wettbewerbsrecht verstoßen worden ist. Das
ist überhaupt kein Problem. Natürlich werden auch deut-
sche Kartellämter Verfahren betreiben können, wenn denn
der deutsche Markt betroffen ist.

Aber überall dort, wo nicht mehr nur der deutsche
Markt betroffen ist – dies nimmt doch täglich zu –, muss
dies europäisch und vor allem europaeinheitlich behandelt
und geahndet werden. Ich sehe hier kein Problem und kann
nicht verstehen, warum Sie einem intelligenten Antrag,
wie wir ihn formuliert haben, nicht zustimmen wollen.

Zum unabhängigen europäischen Kartellamt. Herr
Staffelt, darüber müssen wir in Zukunft reden. Wir brau-
chen ein unabhängiges europäisches Kartellamt, wie

wir es auch in Deutschland haben. Dies ist ganz wichtig.
Ich wäre froh, wenn die Bundesregierung dazu einmal
ihre Meinung äußern würde. Kann sie sich vorstellen,
dass es ein unabhängiges europäisches Kartellamt gibt,
das dann auch unabhängige Entscheidungen trifft?


(Jörg Tauss [SPD]: Es gibt nichts, was wir uns nicht vorstellen können!)


Ich bin umso bereiter, kartellrechtliche Entscheidun-
gen auf ein europäisches Kartellamt zu übertragen, je
sicherer ich sein kann, dass dort unabhängig entschieden
wird, und zwar in Anlehnung an die positiven Erfah-
rungen, die wir mit dem unabhängigen deutschen Kartell-
amt gewonnen haben. Lasst uns also daran gehen! In den
letzten vier Jahren gab es keinen einzigen Hinweis, dass
man daran arbeiten möchte.

Nun zur Ministererlaubnis, einem hochaktuellen
Thema.


(Ilse Falk [CDU/CSU]: Das kann man wohl sagen!)


Wir wissen, wie weit die Festlegungen bei diesem Punkt
überall gediehen sind. Unter wettbewerblichen und ord-
nungspolitischen Gesichtspunkten kann einem schlecht
werden, wenn man dies sieht, und kann man dies eigent-
lich nicht akzeptieren. Der Gemeinwohlnutzen ist keines-
wegs so ausreichend dokumentiert, dass man sagen kann:
Dafür dürfen wir die Wettbewerbsbenachteiligungen und
-verschlechterungen in Kauf nehmen.

Wir können uns aber vorstellen, dass man bei der Mi-
nistererlaubnis zu Veränderungen kommt. Wir werden
auch in Zukunft die Ministererlaubnis für vernünftig hal-
ten. Aber wäre es nicht vernünftig, Herr Staffelt, ein Ver-
fahren zu finden, bei dem das Parlament, also im Zweifel
der Wirtschaftsausschuss, die Gemeinwohlvorteile am
Ende selber feststellen kann und muss, dass es also kein
rein exekutives Verfahren bleibt?

Das, was wir bei dieser Ministererlaubnis erlebt haben,
ist schon abenteuerlich. Der Bundeskanzler und der Wirt-
schaftsminister haben den Antragstellern bereits, ehe der
Antrag gestellt wurde, zugesagt: Das machen wir.


(Ditmar Staffelt, Parl. Staatssekretär: Nun mal vorsichtig!)


Deswegen hatten sie überhaupt keine Veranlassung mehr,
noch kompromissbereit zu sein. Reden Sie einmal mit den
Kartellamtsvertretern, die diese Verhandlungen geführt
haben. So hochnäsig wie diese ist noch kein Antragsteller
dahergekommen. Man hatte die Zusage der Regierung ja
bereits in der Tasche. Warum sollte man sich dann noch
die Mühe machen, Kompromisse zu finden, die geeignet
wären, die Wettbewerbsverletzungen vernünftig zu redu-
zieren? Dies sind also sehr schwierige Verhältnisse.

Ich erspare es mir jetzt, eine Liste aus den Bereichen
Post, Energie, Bahn und Telekommunikation vorzulegen,
wo der Wettbewerb in den letzten Jahren schlechte Zeiten
hatte. Ich kann den Betroffenen nur versprechen: Mit uns
werden die Zeiten wieder besser.


(Widerspruch bei der SPD)





Hartmut Schauerte

23965


(C)



(D)



(A)



(B)


Wir werden ein aktives Wettbewerbsregiment einführen.
Herr Tauss, auch Sie werden dann Ihre helle Freude ha-
ben, allerdings aus der Sicht der Opposition.


(Jörg Tauss [SPD]: Das warten wir einmal ab!)

Ich bedanke mich fürs Zuhören und wünsche der Ver-

sammlung noch einen ordentlichen Verlauf.

(Beifall bei der CDU/CSU)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423923600
Zu einer Kurzinter-
vention erteile ich jetzt dem Kollegen Ditmar Staffelt das
Wort.


Dr. Ditmar Staffelt (SPD):
Rede ID: ID1423923700
Herr Abgeordneter
Schauerte, sind Sie bereit – ich hoffe, Sie sind dazu be-
reit –, zur Kenntnis zu nehmen, dass das Prozedere zur
Ministererlaubnis nach Recht und Gesetz vor sich geht
und dass es keinerlei Zusagen seitens eines Mitgliedes der
Bundesregierung gegenüber den Antragstellern gegeben
hat und gibt?


(Beifall der Abg. Rita Streb-Hesse [SPD])

Ich möchte dies hier für die Bundesregierung klar-

stellen, damit keine Gerüchte in die Welt gesetzt werden,
die durch nichts, aber auch gar nichts, gerechtfertigt sind.
Ich möchte Sie auch bitten, derlei Unterstellungen, wo
immer Sie auftreten, zu unterlassen.


(Beifall bei der SPD)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423923800
Herr Kollege Schauerte,
zur Erwiderung.


Hartmut Schauerte (CDU):
Rede ID: ID1423923900
Herr Kollege
Staffelt, genau dazu bin ich nicht bereit; denn das, was wir
bisher aus diesem Bereich gehört haben, rechtfertigt die
von mir abgegebene Behauptung. Es hat Zusagen gege-
ben, aufgrund deren sich die Antragsteller sicher sein
konnten, am Ende die Erlaubnis zu erhalten. Sie brauch-
ten von Anfang an die Mühen der Kompromisse und der
Kompromisssuche nicht auf sich zu nehmen. Das ist von
den Behörden, die mit ihnen zu tun gehabt haben, im
Übrigen auch bestätigt worden.


(Dr. Ditmar Staffelt [SPD]: Das stimmt doch gar nicht!)


Herr Kollege Staffelt, das Verfahren war von Anfang
an nicht sauber.


(Dr. Ditmar Staffelt [SPD]: Das kann man so nicht stehen lassen! Das wird Folgen für Sie haben! Das kann ich Ihnen sagen! – Jörg Tauss [SPD]: Jetzt sind wir richtig sauer! Stocksauer! – Susanne Kastner [SPD]: Einstweilige Verfügung, Herr Schauerte!)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423924000
Der letzte Redner in
dieser Debatte ist der Kollege Uwe Jens für die SPD-Frak-
tion.


Prof. Dr. Uwe Jens (SPD):
Rede ID: ID1423924100
Frau Präsidentin! Meine Damen
und Herren! Ich hätte meine Rede am liebsten mit Herrn
Schauerte zusammen zu Protokoll gegeben. Das ging aber
nicht, da ich mir nur Stichworte notiert habe. Diese kann
man nicht zu Protokoll geben, da sie niemand lesen kann.


(Susanne Kastner [SPD]: Man kann auch diktieren! – Dr. Norbert Lammert [CDU/CSU]: Man kann auch nur Stichworte aufschreiben, damit die Rede nicht zu Protokoll gegeben werden kann!)


Es wäre mit der Geschäftsordnung nicht unbedingt ver-
einbar, dass man seine Notizen ausformuliert.


(Erika Lotz [SPD]: Wir wollen dich hören, Uwe!)


– Das finde ich auch.
Zu dieser Ministerangelegenheit kann ich nur wenig

sagen. Das Verfahren ist im Ministerium anhängig. Ich
bin aber schon der Ansicht, dass die dort anstehende Ent-
scheidung natürlich nach Recht und Gesetz getroffen
werden sollte. Es ist im Übrigen nicht das Thema unseres
heutigen Abends.


(Erika Lotz [SPD]: Genau!)

Unser Thema ist der Antrag der CDU/CSU, in dem es um
die Neuordnung des Wettbewerbsrechts geht.

Herr Schauerte, zu Ihrem Antrag kann ich nur sagen,
dass aus meiner Sicht die Gefahr besteht, dass das strin-
gente Wettbewerbsrecht, das wir wirklich haben und das
auch immer Vorbild für das europäische Wettbewerbs-
recht war – die Europäer haben unsere Fusionskontrolle,
unsere Missbrauchskontrolle und unsere Bestimmungen
über das Kartellverfahren übernommen –, aufgeweicht
wird, weil man sich dem lascheren europäischen Recht
angleichen will. Der Antrag, den Sie, Herr Schauerte, vor-
gelegt haben, zielt in diese Richtung.

Im Übrigen entspricht er in etwa den Wünschen des
Bundesverbandes der Deutschen Industrie.


(Zuruf von der SPD: Aha!)

Dass die natürlich gerne ein etwas lascheres Wettbe-
werbsrecht hätten, liegt auf der Hand. Ich bin schon lange
davon abgegangen, zu behaupten, dass alles, was von der
Opposition kommt, schlecht ist. Das kann man so nicht
sagen.


(Jörg Tauss [SPD]: Das meiste aber!)

Umgekehrt muss auch nicht alles, was von der Regierung
kommt, unbedingt immer gut sein. Das lässt sich gar nicht
leugnen.


(Zuruf von der CDU/CSU: Sehr richtig! – Susanne Kastner [SPD]: Das, was gerade von Herrn Schauerte kam, war schrecklich! – Erika Lotz [SPD]: Es kommt darauf an, wer an der Regierung ist!)


Ich finde, wir als Politiker sollten einige Grundsätze im
Kopf behalten, wenn wir unsere Demokratie nicht kaputt-
machen wollen. Die Grundsätze im Bereich des Wettbe-
werbsrechts sind aus meiner Sicht von Walter Eucken auf-




Hartmut Schauerte
23966


(C)



(D)



(A)



(B)


gestellt worden. Er hat definiert, dass man Wettbewerb
dringend benötigt, um die Machtballung in der Wirt-
schaft zu verringern und um die Macht ein wenig zu kon-
trollieren. Damit hat der alte Eucken immer noch Recht;
Erhard hat das übernommen. Hayek hat gesagt, dass wir
unbedingt Wettbewerb brauchten, um das so genannte
Entdeckungsverfahren in der Wirtschaft in Gang zu set-
zen, um – anders ausgedrückt – Innovationen voranzu-
bringen. Damit hat auch Hayek Recht.

Je mehr Wettbewerb und je mehr Rivalität es in der
Wirtschaft gibt, desto eher findet etwas Neues statt und
desto mehr bahnbrechende Neuerungen in der Wirtschaft
gibt es. Insofern würde ich allen ins Stammbuch schrei-
ben, Wettbewerb als Voraussetzung für Innovationen an-
zusehen. Ich füge gerne hinzu – mein Kollege Staffelt ist
ja noch anwesend –, dass es auch auf dem Gas- und dem
Elektrizitätsmarkt Wettbewerb geben muss. Das ist unter
anderem für Neuerungen in der deutschen Wirtschaft
wichtig.


(Rainer Brüderle [FDP]: Herr Staffelt schreibt mit! – Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Uwe, er schreibt mit!)


– Um Himmels Willen, ich werde kein Staatssekretär
mehr. Das habe ich sowieso schon aufgegeben.


(Heiterkeit bei der SPD)

Wir müssen Grundsätze einhalten. Zurzeit werden

viele Grundsätze über Bord geworfen. Jetzt ist nur noch
Herr Brüderle da. Aber wenn Herr Möllemann nach
Mehrheiten schielt, um gegen Minderheiten Front zu ma-
chen, dann ist das sehr gefährlich.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS und der Abg. Franziska EichstädtBohlig [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


Wir verlassen unsere anerkannten Prinzipien. Einige
nennen das Tabubruch. Ich meine, man muss hinterfra-
gen, ob die Tabus immer noch richtig sind. Viele brauchen
wir dringend und müssen sie erhalten. Das gilt auch für
das Wettbewerbsprinzip. Das müssen wir aus den von
mir genannten Gründen dringend erhalten und mit Zäh-
nen und Klauen verteidigen.

Was den Antrag angeht, den ihr vorgelegt habt, stimme
ich euch in dem Punkt zu, Hartmut, in dem es darum geht,
dass die EU-Kommission bzw. Herr Monti dafür eintre-
ten, dass in Kartellverfahren in Zukunft bei vorhandenem
Verdacht gleich Hausdurchsuchungen durchgeführt wer-
den können. Ein guter Manager bewahrt aber seine Kar-
tellunterlagen nicht zu Hause auf. Das ist geradezu lä-
cherlich. Deshalb sollte dieses Vorhaben schnell wieder
gestrichen werden; denn die Freiheit ist ebenso wie die
Unantastbarkeit des Hauses ein sehr wichtiges Gut.


(Jörg Tauss [SPD]: Gib uns mal einen Tipp, wo man das verstecken kann!)


Ich muss aber auch darauf hinweisen – der Kollege
Staffelt hat es bereits angesprochen –, dass horizontale
Kartelle bei uns generell verboten sind. Das war Erhards
Prinzip. Es gab ein paar Ausnahmen, die im Kartellrecht
ausdrücklich aufgeführt worden sind. Wer eine Ausnahme
wollte, musste sich an das Kartellamt wenden. Ihr aber

wollt nun generell davon ausgehen, dass zunächst einmal
immer Ausnahmen möglich sind und jemand erst dann,
wenn er dagegen verstößt, unter Umständen belangt wer-
den kann. Das wird auf Hochdeutsch Legalausnahme
genannt. Im Grunde führt das dazu, dass das alte erhardsche
Prinzip angetastet wird und dass es zu einer verstärkten
Kartellbildung in der Wirtschaft kommen wird, wie es sie
in der Weimarer Republik gegeben hat. Das ist nicht ak-
zeptabel. Herr Tauss – er redet gerade – hat vorhin bereits
festgestellt, dass sich Ludwig Erhard im Grabe umdrehen
würde, wenn er das erfahren würde. Wir haben im Übri-
gen im Wirtschaftsausschuss drei Monate, bevor ihr den
Antrag eingebracht habt, einstimmig beschlossen, dass
diese Regelung für uns nicht infrage kommen kann.


(Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Das haben wir korrigiert!)


Ich füge gerne noch hinzu – die Präsidentin ermahnt
mich aber schon –, dass ich auch von Herrn Monti in der
letzten Zeit einiges gehört habe, was nicht vernünftig und
akzeptabel ist.


(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD])

Mit der Begründung, er habe so viel zu tun, will er die so
genannte Legalausnahme einführen. Andererseits aber will
er mehr Fusionen bzw. Unternehmenszusammenschlüsse
kontrollieren. Das widerspricht sich per se. Er will Unter-
nehmenszusammenschlüsse insbesondere im Hinblick auf
Effizienzgesichtspunkte kontrollieren, wie es das in Ame-
rika gibt. Diese liegen bei jedem Fusionsvorhaben vor. Die
Kapitalrentabilität steigt immer, aber gleichzeitig werden
auch viele Arbeitnehmer auf die Straße gesetzt.


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423924200
Herr Kollege Jens, Sie
haben so charmant auf das Blinken hingewiesen. Ich muss
Sie jetzt noch einmal ganz charmant darauf hinweisen,
dass die Redezeit weit überschritten ist.


Prof. Dr. Uwe Jens (SPD):
Rede ID: ID1423924300
Dann komme ich zum Schluss. –
Herr Monti hat einige Ideen, die wir nicht akzeptieren kön-
nen. Aber wir dürfen auch nicht immer alle Stichworte ak-
zeptieren, die uns die Lobby – in diesem Fall der BDI –
vorgibt.


(Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Damit bin ich völlig einer Meinung!)


Wir müssen unsere Grundsätze, die wir alle einmal ent-
wickelt haben, im Blick behalten. Wenn wir das nicht tun,
dann ist unsere Demokratie insgesamt in Gefahr.


(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der CDU/CSU – Hartmut Schauerte [CDU/CSU]: Genau die Sorge habe ich auch!)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423924400
Ich schließe die Aus-
sprache.

Wir kommen zur Beschlussempfehlung des Ausschus-
ses für Wirtschaft und Technologie auf Drucksa-
che 14/9213 zu dem Antrag der Fraktion der CDU/CSU
mit dem Titel „Für ein modernes Wettbewerbs- und
Kartellrecht in Europa“. Der Ausschuss empfiehlt, den




Dr. Uwe Jens

23967


(C)



(D)



(A)



(B)


Antrag auf Drucksache 14/6634 abzulehnen. Wer stimmt
für diese Beschlussempfehlung? – Gegenprobe! – Enthal-
tungen? – Die Beschlussempfehlung ist gegen die Stim-
men der CDU/CSU bei Enthaltung der FDP angenommen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 12 a und b auf:
a) Beratung des Berichts des Ausschusses für Bil-

dung, Forschung und Technikfolgenabschätzung

(19. Ausschuss) gemäß § 56 a der Geschäftsord-

nung
Technikfolgenabschätzung
hier: Monitoring „Kernfusion“
– Drucksache 14/8959 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgen-
abschätzung (f)

Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

b) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung (19. Ausschuss)

– zu dem Antrag der Abgeordneten Ulrike Flach,

Cornelia Pieper, Birgit Homburger, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der FDP
Zukunftsorientierte Energieforschung –
Fusionsforschung

– zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Martin
Mayer (Siegertsbrunn), Dr. Gerhard Friedrich

(Erlangen), Thomas Rachel, weiterer Abge-

ordneter und der Fraktion der CDU/CSU
Kernfusionsforschung für eine zukünftige
Energieversorgung

– Drucksachen 14/3813, 14/4498, 14/8660 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Ulrike Flach
Ulrich Kasparick
Dr. Martin Mayer (Siegertsbrunn)

Hans-Josef Fell
Angela Marquardt

Die Kolleginnen und Kollegen Ulrich Kasparick,
Dr. Martin Mayer, Hans-Josef Fell und Angela Marquardt
sowie der Parlamentarische Staatssekretär Wolf-Michael
Catenhusen haben ihre Reden zu Protokoll gegeben.1)
Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann ist
das so beschlossen.

Interfraktionell wird die Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 14/8959 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
verstanden? – Das ist der Fall. Dann ist die Überweisung
so beschlossen.

Wir kommen jetzt zur Abstimmung über die Beschluss-
empfehlung des Ausschusses für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung auf Drucksache 14/8660. Der
Ausschuss empfiehlt unter Nr. 1 seiner Beschlussempfeh-
lung die Ablehnung des Antrags der Fraktion der FDP auf

Drucksache 14/3813 mit dem Titel „Zukunftsorientierte
Energieforschung – Fusionsforschung“. Wer stimmt für
diese Beschlussempfehlung? – Gegenprobe! – Enthaltun-
gen? – Die Beschlussempfehlung ist gegen die Stimmen
von CDU/CSU und FDP angenommen.

Unter Nr. 2 seiner Beschlussempfehlung empfiehlt der
Ausschuss die Ablehnung des Antrags der Fraktion der
CDU/CSU auf Drucksache 14/4498 mit dem Titel „Kern-
fusionsforschung für eine zukünftige Energieversorgung“.
Wer stimmt für diese Beschlussempfehlung? – Gegen-
probe! – Enthaltungen? – Auch diese Beschlussempfeh-
lung ist gegen die Stimmen von CDU/CSU und FDP ange-
nommen.

Ich rufe Tagesordnungspunkt 13 auf:
Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Wirtschaft und Tech-
nologie (9. Ausschuss) zu dem Entschließungs-
antrag der Abgeordneten Wolfgang Börnsen

(Bönstrup), Dr. Hansjürgen Doss, Matthias

Wissmann, weiterer Abgeordneter und der Frak-
tion der CDU/CSU zu der Großen Anfrage der Ab-
geordneten Wolfgang Börnsen (Bönstrup), Gunnar
Uldall, Dr. Bernd Protzner, weiterer Abgeordneter
und der Fraktion der CDU/CSU
Unternehmer im Netzwerk – für eine Kultur
der Selbstständigkeit
– Drucksachen 14/5838, 14/6866, 14/8171,
14/9214 –
Berichterstattung:
Abgeordneter Rolf Kutzmutz

Auch hier haben sich alle Redner entschlossen – Ihr
Einverständnis setze ich voraus –, ihre Reden zu Protokoll
zu gegeben. Es sind die Kolleginnen Jelena Hoffmann,
Michaele Hustedt und Gudrun Kopp sowie die Kollegen
Rolf Kutzmutz, Wolfgang Börnsen und der Parlamentari-
sche Staatssekretär Dr. Ditmar Staffelt.2)

Wir kommen zur Abstimmung über die Beschluss-
empfehlung des Ausschusses für Wirtschaft und Techno-
logie auf Drucksache 14/9214 zu dem Entschließungsan-
trag der Fraktion der CDU/CSU zu der Großen Anfrage
der CDU/CSU mit dem Titel „Unternehmer im Netzwerk –
für eine Kultur der Selbstständigkeit“. Der Ausschuss
empfiehlt, den Entschließungsantrag auf Drucksache
14/8171 abzulehnen. Wer stimmt für diese Beschlussemp-
fehlung? – Gegenprobe! – Enthaltungen? – Die Be-
schlussempfehlung ist gegen die Stimmen von CDU/CSU
und FDP angenommen.

Ich rufe Tagesordnungspunkt 14 auf:
Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
richts des Ausschusses für Verbraucherschutz,
Ernährung und Landwirtschaft (10. Ausschuss)

– zu der Unterrichtung durch die Bundesregie-

rung
Gesamtwaldbericht

– zu dem Entschließungsantrag der Abgeord-
neten Heidemarie Wright, Brigitte Adler,




Vizepräsidentin Petra Bläss
23968


(C)



(D)



(A)



(B)


1) Anlage 7 2) Anlage 8

Ernst Bahr, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der SPD sowie der Abgeordneten
Steffi Lemke, Ulrike Höfken, Kerstin Müller

(Köln), Rezzo Schlauch und der Fraktion des

BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN zu der Un-
terrichtung durch die Bundesregierung
Gesamtwaldbericht

– zu dem Entschließungsantrag der Fraktion
der CDU/CSU zu der Unterrichtung durch die
Bundesregierung
Gesamtwaldbericht

– Drucksachen 14/6750, 14/8036, 14/8037,
14/8831 –
Berichterstattung:
Abgeordneter Peter Bleser

Die Kolleginnen Heidi Wright, Steffi Lemke und Eva
Bulling-Schröter sowie die Kollegen Reinhard Freiherr
von Schorlemer und Ulrich Heinrich wollen ihre Reden
zu Protokoll geben.1) Sind Sie damit einverstanden? – Das
ist der Fall. Dann ist das so beschlossen.

Wir kommen zur Abstimmung über die Beschlussemp-
fehlung des Ausschusses für Verbraucherschutz, Ernährung
und Landwirtschaft auf Drucksache 14/8831. Der Aus-
schuss empfiehlt unter Nr. 1 seiner Beschlussempfehlung,
in Kenntnis des Gesamtwaldberichts den Entschließungs-
antrag der Fraktionen der SPD und des Bündnisses 90/Die
Grünen auf Drucksache 14/8036 anzunehmen. Wer stimmt
für diese Beschlussempfehlung? – Gegenprobe! – Enthal-
tungen? – Die Beschlussempfehlung ist gegen die Stimmen
von CDU/CSU und FDP angenommen.

Unter Nr. 2 seiner Beschlussempfehlung empfiehlt der
Ausschuss, in Kenntnis des Gesamtwaldberichts den Ent-
schließungsantrag der Fraktion der CDU/CSU auf Druck-
sache 14/8037 abzulehnen. Wer stimmt für diese Be-
schlussempfehlung? – Gegenprobe! – Enthaltungen? –
Die Beschlussempfehlung ist gegen die Stimmen von
CDU/CSU und FDP angenommen.

Ich rufe Tagesordnungspunkt 15 auf:
Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-

(21. Ausschuss)

Brunhilde Irber, Annette Faße, Dr. Hans-Peter
Bartels, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der SPD sowie der Abgeordneten Sylvia Voß,
Franziska Eichstädt-Bohlig, Hans-Josef Fell, wei-
terer Abgeordneter und der Fraktion des BÜND-
NISSES 90/DIE GRÜNEN
Den Tourismus im ländlichen Raum nachhaltig
stärken
– Drucksachen 14/7300, 14/9192 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Brunhilde Irber

Auch hier haben alle Rednerinnen und Redner ihre Re-
den zu Protokoll gegeben. Es sind die Kolleginnen Birgit

Roth, Annette Faße, Sylvia Voß und Rosel Neuhäuser so-
wie die Kollegen Ernst Hinsken, Thomas Dörflinger und
Ernst Burgbacher.2)

Wir kommen zur Abstimmung über die Beschluss-
empfehlung des Ausschusses für Tourismus auf Druck-
sache 14/9192 zu dem Antrag der Fraktionen der SPD und
des Bündnisses 90/Die Grünen mit dem Titel „Den Tou-
rismus im ländlichen Raum nachhaltig stärken“. Der Aus-
schuss empfiehlt, den Antrag auf Drucksache 14/7300 in
der Ausschussfassung anzunehmen. Wer stimmt für diese
Beschlussempfehlung? – Gegenprobe! – Enthaltungen? –
Die Beschlussempfehlung ist gegen die Stimmen von
CDU/CSU bei Enthaltung der FDP angenommen.

Ich rufe die Tagesordnungspunkte 16 a und 16 b auf:
a) Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-

ausschusses (2. Ausschuss)

Sammelübersicht 393 zu Petitionen

(Eisenbahner- und Postrenten)

– Drucksache 14/9156 –

b) Beratung der Beschlussempfehlung des Petitions-
ausschusses (2. Ausschuss)

Sammelübersicht 394 zu Petitionen

(Eisenbahner- und Postrenten)

– Drucksache 14/9157 –

Es liegen zwei Änderungsanträge der Fraktion der PDS
vor.

Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen, wobei die PDS
fünf Minuten erhalten soll.

Die Kolleginnen Erika Lotz und Dr. Irmgard
Schwaetzer sowie die Kollegen Matthäus Strebl und
Helmut Wilhelm haben ihre Reden bereits zu Protokoll
gegeben.3)

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat die Kollegin
Heidi Lüth für die Fraktion der PDS.


Heidemarie Lüth (PDS):
Rede ID: ID1423924500
Frau Präsidentin! Liebe
Kolleginnen und Kollegen! Eisenbahnerinnen und Eisen-
bahner waren stets auch Nachtarbeiterinnen und Nachtar-
beiter und sie sind es heute noch. So wird ihnen hoffent-
lich nur Lob für die Abgeordneten in den Sinn kommen,
wenn wir die Debatte über die Änderungsanträge zu den
vorliegenden Petitionen in den heutigen Nachtstunden
führen, zu denen ich auch einige Petenten persönlich be-
grüßen darf.


(Beifall bei der PDS)

Änderungsanträge zu Petitionen sind selten. Die ge-

ringe Anzahl weist auch darauf hin, dass die Opposition
sehr verantwortungsvoll mit diesem Instrument umgeht.




Vizepräsidentin Petra Bläss

23969


(C)



(D)



(A)



(B)


1) Anlage 9
2) Anlage 10
3) Anlage 11

Die Petitionen, zu denen meine Fraktion Änderungs-
anträge eingebracht hat, sind 1998 an den Petitionsaus-
schuss des Bundestages übersandt worden. Es handelt
sich hierbei um 4 700 Eingaben, denen sich 48 600 Men-
schen durch Unterschrift angeschlossen haben, sowie um
33 000 Massenpetitionen.

Welch eine Kraft, welch ein Wille steckt eigentlich hin-
ter einem solchen demokratischen Anliegen, aber auch
welche Hoffnung und welches Vertrauen auf sorgfältige
Prüfung und Hilfe! Es ist vor allem die Hoffnung, dass die
Forderungen durch den Gesetzgeber und nicht erst durch
den Druck und den Zwang einer Bundesgerichtsentschei-
dung erfüllt werden.

Mit den Petitionen wird nicht nur die Überführung der
Rentenansprüche der ehemaligen Beschäftigten der Deut-
schen Reichsbahn und der Deutschen Post der DDR in die
gesetzliche Rente kritisiert, sondern darüber hinaus auch
die Wiedergewährung des Versorgungsanteils aus den
Systemen der Altersversorgungen der Deutschen Reichs-
bahn und der Deutschen Post gefordert. Der Forderung
der Betroffenen, eine gesetzliche Klarstellung für die
Jahre 1971 bis 1973 für diejenigen zu erwirken, die nicht
in die FZR eingetreten sind, wurde per Gesetz entspro-
chen. Darauf zielt auch die Beschlussempfehlung des Pe-
titionsausschusses, wogegen jetzt diese Änderungsan-
träge formuliert wurden.

Das ist für mich umso verwunderlicher, da doch auch
die Kollegin Nolte und der Kollege Grund von der
CDU/CSU-Fraktion in den Jahren ihrer Oppositionszeit
mit großer Energie parlamentarisch und außerparlamen-
tarisch für die Interessen der Betroffenen stritten. Ver-
schweigen möchte ich auch nicht, dass die Petenten ihre
Petitionen just nach dem Wahlsieg von Rot-Grün einge-
bracht haben, sicher in der Hoffnung, jetzt werde das
Wahlversprechen umgesetzt. Und dann das!

Doch nun zu den offenen Forderungen und damit auch
zu den Änderungsanträgen der PDS-Fraktion. Die Ren-
tenüberleitung hat sich in den vergangenen Jahren als eine
Geschichte der Gerichtsurteile und deren knappester Aus-
legung und Umsetzung in gesetzlichen Regelungen ge-
zeigt. In ihr spiegelt sich der Wechsel zwischen den Re-
gierungskoalitionen besonders krass wider.

Im Kern geht es immer um die Frage: Welche Bedeu-
tung haben die Regelungen des Einigungsvertrages und
welchen Stellenwert haben die gesetzlichen Ansprüche
und Anwartschaften in der Rentenversicherung nach dem
Beitritt? Fallen diese Ansprüche wie die Ansprüche der
Bürgerinnen und Bürger der alten Bundesländer unter den
Eigentumsschutz nach Art. 14 des Grundgesetzes?

Um es für alle Nichtexperten etwas zu verdeutlichen,
darf ich die berühmte Frage des Verfassungsrichters
Grimm bei der Verhandlung vor dem Bundesverfassungs-
gericht 1999 einmal sinngemäß zitieren: Wenn ein Bürger
am 2. Oktober 1990 Eigentümer eines Trabbis gewesen
ist, war dieser Trabbi nach dem 3. Oktober 1990 dann wei-
terhin sein Eigentum?


(Beifall bei der PDS)

So wurde ein Regierungsvertreter gefragt. Zum Zweiten
wurde gefragt: Und wie würden Sie die Frage in Bezug

auf rechtmäßig erworbene Renten- und Versorgungsan-
sprüche beantworten? Die Antwort lautete, selbstver-
ständlich sei auch nach dem 3. Oktober 1990 der Trabbi
Eigentum des Bürgers geblieben, aber die Renten- und
Versorgungsansprüche seien untergegangen. Was nicht
übernommen wurde, ist eben untergegangen.

Das Bundesverfassungsgericht hat meines Erachtens
in dieser Frage anders entschieden; denn es sagt ganz
deutlich in der Entscheidung:

Auch in der DDR erworbene und im Einigungsver-
trag nach dessen Maßgaben als Rechtsposition der
gesamten Rechtsordnung anerkannte Ansprüche und
Anwartschaften aus Zusatz- und Sonderversorgungs-
systemen genießen den Schutz des Art. 14. Zwar ent-
faltet Art. 14 Grundgesetz seine Schutzwirkung nur
im Geltungsbereich des Grundgesetzes. Die in der
DDR erworbenen Rentenansprüche und -anwart-
schaften gelangten jedoch mit dem Beitritt und der
Anerkennung durch den Einigungsvertrag wie an-
dere vermögenswerte Positionen in den Schutzbe-
reich der Eigentumsgarantie des Grundgesetzes.

Eine weitere Grundlage, mit der die Forderung der Ei-
senbahner und der Postler unterstützt werden kann, bietet
der Einigungsvertrag in Anlage II, Sachgebiet H.

Mehr als 90 000 Eisenbahner und Postler haben sich mit
großer Hoffnung an den Petitionsausschuss gewandt. Ich
weiß natürlich auch, dass die Umsetzung der rentenrecht-
lichen Ansprüche, die auf Verwaltungsakten der DDR be-
ruhen, nicht zum Nulltarif zu haben sind. Ich weiß, was es
kostet. Aus der Bearbeitung vieler Petitionen weiß ich aber
auch, dass die Betroffenen ins Grundgesetz schauen und
darauf vertrauen wollen, dass ihre Ansprüche in diesen
Fragen unter den Schutz des Grundgesetzes fallen.

Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, es macht für
die Betroffenen, für ihr Verständnis von Demokratie, für ihr
Rechtsverständnis schon einen riesigen Unterschied, ob
ihre Ansprüche durch uns, durch das Parlament, anerkannt
und in Gesetze gegossen werden oder ob es, wie in vielen
Fällen, erst der Entscheidung oberster Gerichte bedarf.


Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423924600
Frau Kollegin Lüth,
ich muss Sie dringend an Ihre Redezeit erinnern.


Heidemarie Lüth (PDS):
Rede ID: ID1423924700
Ich komme zum Schluss. –
Der Finanzminister stöhnt ohnehin.

Da die Bundesregierung vor kurzem einen sehr guten
Schritt gewagt hat, nämlich die Anwartschaften für Blin-
den- und Sonderpflegegeld in der DDR in einer gesetzli-
chen Regelung zu überführen, denke ich, dass man das
auch mit den weiteren Anwartschaften tun könnte. Des-
halb bitte ich darum, diese Petition als Material zu über-
weisen.

Danke.

(Beifall bei der PDS)



Rede von: Unbekanntinfo_outline
Rede ID: ID1423924800
Ich schließe die Aus-
sprache. Wir kommen zu den Beschlussempfehlungen des
Petitionsausschusses.




Heidemarie Lüth
23970


(C)



(D)



(A)



(B)


Ich rufe zunächst die Sammelübersicht 393 auf Druck-
sache 14/9156 auf. Hierzu liegt ein Änderungsantrag der
Fraktion der PDS vor, über den wir zuerst abstimmen wer-
den. Wer stimmt für den Änderungsantrag auf Drucksache
14/9158? – Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? –
Der Änderungsantrag ist gegen die Stimmen der PDS-
Fraktion abgelehnt.

Wer stimmt nun für die Sammelübersicht 393? – Wer
stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Die Sammelüber-
sicht 393 ist damit gegen die Stimmen der PDS-Fraktion
angenommen.

Ich rufe jetzt die Sammelübersicht 394 auf Drucksache
14/9157 auf. Hierzu liegt ebenfalls ein Änderungsantrag
der Fraktion der PDS vor, über den wir zuerst abstimmen.
Wer stimmt für den Änderungsantrag auf Drucksache
14/9159? – Wer stimmt dagegen? – Enthaltungen? –
Keine. Der Änderungsantrag ist gegen die Stimmen der
PDS-Fraktion abgelehnt.

Wer stimmt jetzt für die Sammelübersicht 394? – Wer
stimmt dagegen? – Enthaltungen? – Die Sammelüber-
sicht 394 ist gegen die Stimmen der PDS-Fraktion ange-
nommen.

Ich rufe als Letztes den Zusatzpunkt 16 auf:
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Dr. Margrit Wetzel, Dr. Rainer Wend, Dr. Axel
Berg, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der
SPD sowie der Abgeordneten Werner Schulz


(Leipzig), Andrea Fischer (Berlin), Michaele

Hustedt, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN
Weltweite Märkte für Meerestechnik er-
schließen
– Drucksache 14/9223 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)

Finanzausschuss
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und
Reaktorsicherheit
Haushaltsausschuss

Was Wunder, die Kolleginnen und Kollegen Dr. Margrit
Wetzel, Wolfgang Börnsen, Hans-Josef Fell, Ulrike Flach
und Wolfgang Bierstedt haben ihre Reden ebenfalls zu
Protokoll gegeben.1)

Interfraktionell wird die Überweisung der Vorlage auf
Drucksache 14/9223 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse vorgeschlagen. – Ich höre keinen Wi-
derspruch. Dann ist das so beschlossen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sind damit am
Schluss unserer heutigen Tagesordnung.

Ich berufe die nächste Sitzung des Deutschen Bundes-
tages auf Freitag, den 7. Juni 2002, 9 Uhr, ein.

Die Sitzung ist geschlossen.