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ID1813900400

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  • tocInhaltsverzeichnis
    Plenarprotokoll 18/139 Textrahmenoptionen: 16 mm Abstand oben Deutscher Bundestag Stenografischer Bericht 139. Sitzung Berlin, Mittwoch, den 25. November 2015 Inhalt: Begrüßung einer Delegation der Nationalver- sammlung der Republik Korea . . . . . . . . . . 13605 B Tagesordnungspunkt I: (Fortsetzung) a) Zweite Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über die Feststellung des Bun- deshaushaltsplans für das Haushalts- jahr 2016 (Haushaltsgesetz 2016) Drucksachen 18/5500, 18/5502 . . . . . . . . . 13605 A b) Beratung der Beschlussempfehlung des Haushaltsausschusses zu der Unterrich- tung durch die Bundesregierung: Finanz- plan des Bundes 2015 bis 2019 Drucksachen 18/5501, 18/5502, 18/6127 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13605 B I .9 Einzelplan 04 Bundeskanzlerin und Bundeskanzler- amt Drucksachen 18/6124, 18/6125 . . . . . . . . 13605 B Dr . Dietmar Bartsch (DIE LINKE) . . . . . . . . . 13605 C Dr . Angela Merkel, Bundeskanzlerin . . . . . . . 13610 A Dr . Anton Hofreiter (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13616 D Thomas Oppermann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 13621 A Volker Kauder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 13624 C Roland Claus (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 13627 C Johannes Kahrs (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13628 C Gerda Hasselfeldt (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 13630 B Ekin Deligöz (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13631 C Aydan Özoguz, Staatsministerin BK . . . . . . . 13633 A Rüdiger Kruse (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 13635 B Sonja Steffen (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13636 D Harald Petzold (Havelland) (DIE LINKE) . . . 13638 B Marco Wanderwitz (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 13639 B Stefan Liebich (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 13640 C Tabea Rößner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13641 B Martin Dörmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13642 D Ulle Schauws (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13644 B Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . . 13645 B Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13646 D I .10 Einzelplan 05 Auswärtiges Amt Drucksachen 18/6105, 18/6124 . . . . . . . . 13645 B Michael Leutert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 13645 C Doris Barnett (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13649 B Omid Nouripour (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13651 C Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 13652 C Alois Karl (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13653 D Dr . Diether Dehm (DIE LINKE) . . . . . . . . 13654 C Dr . Frank-Walter Steinmeier, Bundesminister AA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13656 D Sevim Dağdelen (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 13658 D Deutscher Bundestag – 18 . Wahlperiode – 139 . Sitzung . Berlin, Mittwoch, den 25 . November 2015II Dr . Franz Josef Jung (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 13660 A Dr . Diether Dehm (DIE LINKE) . . . . . . . . 13661 A Omid Nouripour (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13661 C Manuel Sarrazin (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13663 B Christian Petry (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13664 C Erika Steinbach (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 13665 D Matern von Marschall (CDU/CSU) . . . . . . . . 13667 A Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 13668 C Matern von Marschall (CDU/CSU) . . . . . . . . 13668 D I .11 Einzelplan 14 Bundesministerium der Verteidigung Drucksachen 18/6113, 18/6124 . . . . . . . . 13669 B Michael Leutert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 13669 C Dr . Ursula von der Leyen, Bundesministerin BMVg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13670 C Dr . Tobias Lindner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13672 D Karin Evers-Meyer (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 13675 B Henning Otte (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 13676 C Michael Leutert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 13678 D Henning Otte (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 13679 A Christine Buchholz (DIE LINKE) . . . . . . . . . 13679 B Rainer Arnold (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13680 C Ingo Gädechens (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 13682 C Gabi Weber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13684 B Florian Hahn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 13685 D Dr . Tobias Lindner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13687 C Florian Hahn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 13687 D I .12 Einzelplan 23 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Drucksachen 18/6120, 18/6124 . . . . . . . . 13688 A Michael Leutert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 13688 B Volkmar Klein (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 13689 C Anja Hajduk (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13691 D Sibylle Pfeiffer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 13692 C Dr. Bärbel Kofler (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 13693 C Dr . Gerd Müller, Bundesminister BMZ . . . . . 13695 B Anja Hajduk (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13696 C Niema Movassat (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 13696 D Axel Schäfer (Bochum) (SPD) . . . . . . . . . . . . 13698 B Peter Meiwald (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13699 D Sabine Weiss (Wesel I) (CDU/CSU) . . . . . . . . 13701 B Dr . Sascha Raabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 13703 B Jürgen Klimke (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 13705 A Sonja Steffen (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13706 D Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13708 D Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . . 13709 A (A) (C) (B) (D) Deutscher Bundestag – 18 . Wahlperiode – 139 . Sitzung . Berlin, Mittwoch, den 25 . November 2015 13605 139. Sitzung Berlin, Mittwoch, den 25. November 2015 Beginn: 9 .01 Uhr
  • folderAnlagen
    Sonja Steffen (A) (C) (B) (D) Deutscher Bundestag – 18 . Wahlperiode – 139 . Sitzung . Berlin, Mittwoch, den 25 . November 2015 13709 Anlage zum Stenografischen Bericht Liste der entschuldigten Abgeordneten Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Albsteiger, Katrin CDU/CSU 25 .11 .2015 Beckmeyer, Uwe SPD 25 .11 .2015 Brantner, Dr . Franziska BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 25 .11 .2015 Dörner, Katja BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 25 .11 .2015 Ernst, Klaus DIE LINKE 25 .11 .2015 Ernstberger, Petra SPD 25 .11 .2015 Gundelach, Dr . Herlind CDU/CSU3 25 .11 .2015 Gysi, Dr . Gregor DIE LINKE 25 .11 .2015 Hartmann, Sebastian SPD 25 .11 .2015 Heiderich, Helmut CDU/CSU 25 .11 .2015 Höger, Inge DIE LINKE 25 .11 .2015 Jarzombek, Thomas CDU/CSU 25 .11 .2015 Kekeritz, Uwe BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 25 .11 .2015 Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Kindler, Sven-Christian BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 25 .11 .2015 Lagosky, Uwe CDU/CSU 25 .11 .2015 Launert, Dr . Silke CDU/CSU 25 .11 .2015 Nüßlein, Dr . Georg CDU/CSU 25 .11 .2015 Scharfenberg, Elisabeth BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 25 .11 .2015 Schnieder, Patrick CDU/CSU 25 .11 .2015 Spinrath, Norbert SPD 25 .11 .2015 Strässer, Christoph SPD 25 .11 .2015 Trittin, Jürgen BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 25 .11 .2015 Warken, Nina CDU/CSU 25 .11 .2015 Westphal, Bernd SPD 25 .11 .2015 Wicklein, Andrea SPD 25 .11 .2015 Zimmermann, Pia DIE LINKE 25 .11 .2015 Satz: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH, Mainzer Straße 116, 66121 Saarbrücken, www.satzweiss.com Druck: Printsystem GmbH, Schafwäsche 1-3, 71296 Heimsheim, www.printsystem.de Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de 139. Sitzung Inhaltsverzeichnis EPL 04 Bundeskanzlerin und Bundeskanzleramt EPL 05 Auswärtiges Amt EPL 14 Verteidigung EPL 23 Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Anlage
  • insert_commentVorherige Rede als Kontext
    Rede von Dr. Angela Merkel


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (CDU)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)


    Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und

    Kollegen! Meine Damen und Herren! Vor wenigen Ta-
    gen, am 13 . November, mussten Menschen in Paris ei-
    nen Albtraum von Gewalt, Terror und Angst durchleiden .
    Unzählige Familien trauern um ihre Liebsten . Deutsch-
    land teilt mit ihnen den Schmerz .

    Wir alle haben sofort verstanden: Dieser unmenschli-
    che Angriff meint uns alle, und er trifft uns alle . Es ist ein
    Anschlag auf unser aller Freiheit, auf unsere Werte und
    Überzeugungen, ein Angriff auf all das, was uns wichtig
    ist und wofür Generationen vor uns in Europa gestritten
    und gekämpft haben: Demokratie und Menschenrechte,
    Gleichberechtigung und eine offene, freundliche und to-
    lerante Zivilgesellschaft . Wir stehen solidarisch an der
    Seite Frankreichs in der Trauer um die Opfer . Wir stehen
    solidarisch an der Seite Frankreichs im Kampf gegen den
    Terror .


    (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Wir gedenken aller Opfer des Terrors . Ich denke an die
    Opfer des russischen Flugzeugabsturzes, an die Opfer in
    Bamako genauso wie an die Opfer gestern in Tunesien .

    Frankreich hat erstmals in der Geschichte die EU-Bei-
    standsklausel des Artikels 42 Absatz 7 im Lissabon-Ver-
    trag in Anspruch genommen . Alle EU-Staaten haben
    Frankreich einhellig Solidarität und vor allem auch
    Beistand zugesichert . Ursula von der Leyen als Vertei-
    digungsministerin hat bereits letzten Dienstag erstmals
    mit ihrem französischen Amtskollegen über die Frage
    gesprochen, wie diese Solidarität mit Leben erfüllt wer-
    den kann . Wir sind mit unseren Soldatinnen und Soldaten
    im Einsatz und helfen bei der Bekämpfung des Terrors:
    im Irak den Peschmerga, in Mali, indem wir unser En-
    gagement verstärken, und in Afghanistan, indem wir un-
    ser Engagement verlängern . Heute Abend werde ich mit
    dem französischen Präsidenten François Hollande über
    die Fragen sprechen, die uns gemeinsam bewegen . Der
    Geist dieses Gesprächs wird davon bestimmt sein, dass

    wir gemeinsam mit unseren Freunden handeln werden .
    Wenn zusätzliches Engagement notwendig ist, dann wer-
    den wir das nicht von vornherein ausschließen .

    Liebe Kolleginnen und Kollegen, Polizei und Nach-
    richtendienste arbeiten in Deutschland mit Hochdruck
    an der Aufklärung der grausamen Anschläge und der
    Aufdeckung ihrer terroristischen Strukturen . Auch in
    Deutschland ist die Bedrohungslage hoch . Wir gehen al-
    len Hinweisen nach und müssen natürlich – das haben
    wir letzte Woche Dienstag gesehen – immer wieder eine
    schwierige Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit
    treffen . Ich will hier ausdrücklich – auch im Namen der
    ganzen Bundesregierung – sagen: Wir haben Vertrauen
    in unsere Sicherheitsbehörden, dass sie mit Augenmaß
    handeln . Sie brauchen unsere politische Unterstützung,
    und die haben sie auch . Denn anders können Sicherheits-
    behörden nicht handeln .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


    Zwei Dinge sind mir sehr wichtig:

    Erstens . Wir müssen – da möchte ich mich auch bei
    der Mehrheit des Deutschen Bundestags bedanken –
    wachsam und wehrhaft sein . Deshalb war es richtig –
    das geschah schon vor den Anschlägen –, dass wir eine
    personelle und technische Verstärkung unserer Sicher-
    heitsbehörden beschlossen haben . Es gibt im Jahr 2016
    1 000 neue Planstellen für die Bundespolizei . Insgesamt
    sind bis 2018 3 000 zusätzliche Stellen vorgesehen . Bei
    der Bundespolizei werden sogenannte robuste Einhei-
    ten aufgebaut, die so ausgebildet und ausgestattet sein
    werden, dass sie terroristischen Lagen begegnen kön-
    nen und damit unsere Möglichkeiten in solchen Fällen
    deutlich – über das hinaus, was die Landespolizeien und
    die GSG 9 heute schon können – erweitern . Wir stärken
    unsere Nachrichtendienste, investieren unter anderem in
    die Modernisierung ihrer technischen Ausstattung . Und
    wir verstärken das Bundesamt für Verfassungsschutz und
    den Bundesnachrichtendienst personell .

    Zweitens . Die stärkste Antwort – und das ist ebenso
    wichtig – an Terroristen ist, unser Leben und unsere Wer-
    te weiter so zu leben wie bisher, selbstbewusst und frei,
    mitmenschlich und engagiert .


    (Beifall im ganzen Hause)


    Wir Europäer werden zeigen: Unser freies Leben ist stär-
    ker als jeder Terror .

    Ein starkes Zeichen der Einigkeit im Kampf gegen
    den Terrorismus ging auch vom G-20-Gipfel in Antalya
    unmittelbar nach den Anschlägen von Paris aus . Für mich
    besonders wichtig war das hier abgegebene klare Be-
    kenntnis der Regierungschefs muslimischer Staaten, die
    genauso wie wir dem Terrorismus ganz klar den Kampf
    angesagt haben . Deshalb werden wir – so haben wir es in
    Antalya beschlossen – trotz ganz unterschiedlicher ge-
    sellschaftlicher Strukturen die Zusammenarbeit bei der
    Terrorbekämpfung verstärken: bei der Zusammenarbeit
    der Nachrichtendienste, bei der Überwachung der Inter-
    netkommunikation von terroristischen Netzwerken und –
    das ist ganz wichtig – bei der Kappung der Geldflüsse
    der Terroristen, soweit dies möglich ist. Diese Geldflüsse

    Dr. Dietmar Bartsch






    (A) (C)



    (B) (D)


    müssen Schritt für Schritt trockengelegt werden . Das ist
    eine der vornehmsten Aufgaben .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg . Dr . Petra Sitte [DIE LINKE])


    Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir müssen uns im-
    mer wieder bewusst machen: Es ist ebendieser Terror,
    es sind ebensolche Krisen, vor denen Menschen in gro-
    ßer Zahl nach Europa – und ganz besonders auch nach
    Deutschland – fliehen. Sie suchen Schutz und Aufnahme.
    Wir haben weltweit die größte Zahl von Flüchtlingen seit
    dem Zweiten Weltkrieg . Deshalb ist die Frage, wie wir
    mit dieser Sachlage umgehen, natürlich nicht nur eine
    nationale oder eine europäische, sondern eine globale,
    internationale Frage .

    Deutschland hat in den letzten Monaten gezeigt, wie
    menschlich, leistungsfähig und flexibel wir auf allen
    Ebenen – vom Bund über die Länder bis hin zu den Kom-
    munen, von der Polizei über das BAMF bis hin zu den
    Jugendämtern – sind . Verantwortliche sowie Mitarbeite-
    rinnen und Mitarbeiter wachsen täglich über sich hinaus .
    Sie machen unzählige Überstunden, Nacht- und Sonder-
    schichten . Und es gibt durchgearbeitete Wochenenden .
    Es geht dabei nicht nur um die vielen Stunden, sondern
    auch um das Engagement, die Bereitschaft und das Herz,
    das sie investieren . Deshalb möchte ich mich bei ihnen
    allen ganz herzlich bedanken .


    (Beifall im ganzen Hause)


    Das gilt in gleicher Weise für die unzähligen ehrenamt-
    lichen und freiwilligen Helferinnen und Helfer . Ich weiß
    nicht, ob es schon jemals ein derartig großes, schnell auf-
    gebautes und gut organisiertes Netz an privaten Helfern
    in Deutschland gegeben hat . Auch ihnen sage ich ein ge-
    nauso herzliches Dankeschön .


    (Beifall im ganzen Hause)


    Sie haben einen klaren Anspruch darauf, zu wissen,
    nach welcher Agenda, nach welchem Plan die Bundesre-
    gierung an der Bekämpfung der Fluchtursachen, an den
    europäischen und den nationalen Maßnahmen arbeitet .

    Beginnen müssen wir bei der Bekämpfung der
    Fluchtursachen . Es herrscht in vielen Regionen Krieg
    und Terror . Staaten zerfallen . Viele Jahre haben wir es
    gelesen . Wir haben es gehört . Wir haben es im Fernsehen
    gesehen . Aber wir haben damals noch nicht ausreichend
    verstanden, dass das, was in Aleppo und Mossul passiert,
    für Essen oder Stuttgart relevant sein kann . Damit müs-
    sen wir umgehen, und das wird Veränderungen in unserer
    Politik mit sich bringen, zugunsten der Außenpolitik und
    zugunsten der Entwicklungspolitik, weil wir uns immer
    fragen müssen: Was bedeutet welche Maßnahme für uns
    hier zu Hause?


    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


    Ich glaube, es ist klar, dass wir dazu einen langen
    Atem und Geduld brauchen . Wir brauchen vor allen Din-
    gen auch Partner .

    Ich will mit dem Syrien-Konflikt beginnen. Es ist voll-
    kommen klar, dass die eigentliche, wirkliche Lösung nur
    in einer politischen Lösung liegen kann . Natürlich hat
    sich gestern durch den Abschuss eines russischen Flug-
    zeuges durch die Türkei die Lage noch einmal verschärft,
    und wir müssen jetzt alles dafür tun, eine Eskalation zu
    vermeiden . Natürlich hat jedes Land das Recht, sein Ter-
    ritorium zu sichern . Aber auf der anderen Seite wissen
    wir, wie angespannt die Situation im Augenblick ist, in
    Syrien und seiner Umgebung . Ich habe gestern mit dem
    türkischen Ministerpräsidenten gesprochen und darum
    gebeten, alles zu tun, um die Situation zu deeskalieren .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Ich möchte unserem Außenminister Frank-Walter
    Steinmeier danken . Ich glaube, es war bei der Einbrin-
    gung des Haushalts, als Ihre Reisen in den Iran und nach
    Saudi-Arabien bevorstanden . Ich glaube, wir haben alle
    gar nicht zu hoffen gewagt, dass es so schnell geht, dass
    jetzt Akteure an einem Tisch sitzen, die wichtig und ab-
    dingbar sind für die Lösung des Syrien-Konflikts: Russ-
    land, die USA, die Europäer, die arabischen Staaten, der
    Iran und die Türkei .

    Es gibt durchaus hoffnungsvolle Entwicklungen, die
    jetzt hoffentlich nicht zu weit zurückgeworfen werden
    durch das, was gestern passiert ist . Es gibt Ideen für einen
    politischen Übergangsprozess . Ich weiß, wie schwierig
    es ist, vor allen Dingen die Akteure in Syrien an einen
    Tisch zu bekommen . Aber es gibt keinen anderen Weg,
    der uns einer dauerhaften Lösung näherbringt . Deshalb
    wünsche ich weiterhin allen Teilnehmern dieser Ver-
    handlungen allen Erfolg; wir werden sie mit aller Kraft
    unterstützen .


    (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Nur so wird es möglich sein, sich auch darauf zu
    konzentrieren, was nach meiner Auffassung im Augen-
    blick nicht anders als militärisch zu lösen ist . Das ist der
    Kampf gegen den IS . Es muss ein gemeinsamer Kampf
    der Weltgemeinschaft sein, um deutlich zu machen: Wir
    erteilen dem Terrorismus und der Brutalität solcher Or-
    ganisationen eine klare Absage .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Mit der Bekämpfung der Fluchtursachen hat sich auch
    der EU-Afrika-Gipfel, der Sondergipfel, am 12 . Novem-
    ber in Valletta befasst . Wir haben einen Aktionsplan mit
    den afrikanischen Staaten verabschiedet, bei dem es auf
    der einen Seite um bessere wirtschaftliche Perspektiven
    afrikanischer Länder und auch um bessere Möglichkei-
    ten legaler Migration geht . Wir zum Beispiel werden im
    Bereich der Zurverfügungstellung von Ausbildungsplät-
    zen, Stipendienplätzen und anderen mehr tun .

    Auf der anderen Seite hat es aber auch deutliche Dis-
    kussionen darüber gegeben, dass die Zivilgesellschaften
    in Afrika durch ihre politischen Führungen mehr Trans-

    Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel






    (A) (C)



    (B) (D)


    parenz und mehr Klarheit bekommen müssen . In Zeiten
    des Smartphones kann man nicht mehr so regieren, wie
    das früher geschehen ist . Das gilt auch für Afrika, meine
    Damen und Herren .


    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


    Denn eines ist klar: Je mehr in Herkunftsländern dafür
    Sorge getragen werden kann, dass Menschen sich nicht
    auf den gefährlichen Weg aus ihrer Heimat machen, umso
    besser wird es gelingen, Fluchtursachen zu bekämpfen,
    sodass Flüchtlinge gar nicht mehr den Weg antreten .

    Wir haben zusätzlich zu unserer Entwicklungshilfe,
    die wir leisten – das sind etwa 20 Milliarden Euro sei-
    tens der Europäischen Union und der Mitgliedstaaten
    der Europäischen Union –, einen Treuhandfonds von
    1,8 Milliarden Euro aufgelegt, um genau diese Aufgaben
    zu erfüllen .

    Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusam-
    menarbeit und Entwicklung wird seinen gesamten Etat-
    aufwuchs von über 850 Millionen Euro auf die akute
    Fluchtursachenbekämpfung konzentrieren . Die gesam-
    te Entwicklungszusammenarbeit mit einem Etat von
    7,4 Milliarden Euro im Haushaltsentwurf 2016 arbei-
    tet genau am Erhalt von Lebensgrundlagen und an der
    Schaffung von Zukunftsperspektiven .

    Die Bekämpfung von Fluchtursachen war auch The-
    ma auf dem G-20-Gipfel in Antalya . Hier ist vor allen
    Dingen noch einmal über das humanitäre Engagement
    gesprochen worden . Noch haben wir es nicht geschafft,
    dass der UNHCR und das Welternährungsprogramm im
    Jahr 2016 auf einen Haushalt blicken können, der aus-
    reicht, um die notwendigen Aufgaben zu erfüllen . Wir
    alle haben wieder die Warnrufe des UNHCR in diesen
    Tagen erlebt . Ich will deutlich machen: Die Bundesregie-
    rung hat ihre Pflicht getan. Wir haben unsere Ansätze ge-
    steigert . Wir werden weiterhin bereit sein, das Notwendi-
    ge zu tun . Europa hat sich bewegt . Aber wir werden nicht
    nachlassen, hier die ganze Welt in die Verantwortung zu
    nehmen . Es ist wirklich nicht nur eine europäische Ange-
    legenheit, sondern die ganze Welt ist hier verantwortlich .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Deshalb werde ich am 4 . Februar 2016 gemeinsam mit
    David Cameron, der norwegischen Premierministerin
    Erna Solberg und dem Emir von Kuwait eine Konferenz
    in London durchführen, wo es genau um die humanitäre
    Unterstützung geht, damit wir am Ende des Jahres 2016
    nicht wieder so dastehen wie am Ende des Jahres 2015 .

    Wenn wir über internationale Anstrengungen zur Be-
    wältigung der Flüchtlingskrise sprechen, ist die Türkei
    ein Schlüsselpartner für die Europäische Union . Die Tür-
    kei ist unser Nachbar . Sie liegt an der anderen Seite unse-
    rer Außengrenze . Schauen wir uns einmal die Nachbarn
    der Türkei an . Das sind der Iran, der Irak und Syrien . Das
    sind Länder, die wir entweder dringend benötigen für die
    Lösung des Konflikts in Syrien oder in denen der IS be-
    reits Teile des Landes beherrscht . Aus diesem Grund hat
    die Türkei mit mehr als 2 Millionen Flüchtlingen aus Sy-

    rien und Irak eine große Aufgabe zu bewältigen . Ich will
    an dieser Stelle allerdings Jordanien und den Libanon
    nicht vergessen . Was diese Länder leisten, ist bemerkens-
    wert und sollte uns ab und zu nachdenklich stimmen .


    (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Ich glaube aber, gerade am Beispiel der Türkei wird klar,
    dass es in unserem ureigenen Interesse liegt, dass die Tür-
    kei die Bewältigung der Aufgabe, die Flüchtlinge zu be-
    herbergen, meistern kann . Wenn wir wieder zu geordne-
    ten und rechtlichen Verhältnissen an den Außengrenzen
    der Europäischen Union kommen wollen, dann bedarf es
    einer Kooperation mit der Türkei . Donald Tusk hat zu
    einem EU-Türkei-Gipfel am Sonntag eingeladen . Wir
    arbeiten an einer gemeinsamen Agenda, die aufbaut auf
    dem Gedanken guter nachbarschaftlicher Beziehungen .
    Da spielt natürlich die Öffnung von Kapiteln im Zusam-
    menhang mit dem Beitrittsprozess eine Rolle . Da spielt
    auch das Thema Visaliberalisierung eine Rolle . Für uns
    spielt es eine Rolle, dass wir ein Rückführungsabkom-
    men wollen, das nicht nur zum Ziel hat, dass türkische
    Bürger in die Türkei zurückgenommen werden, sondern
    uns auch in die Lage versetzt, Bürger von Drittstaaten in
    die Türkei zurückzuschicken . Aber wir haben hier eine
    gemeinsame Verantwortung .

    Ich möchte daran erinnern: Gestern hat der NATO-Rat
    getagt angesichts des Abschusses des russischen Flug-
    zeuges . Die Türkei und Griechenland sind NATO-Mit-
    gliedstaaten . Aber im Verhältnis zwischen diesen beiden
    Partnern innerhalb der NATO herrscht im Augenblick Il-
    legalität auf der Ägäis . Es kann uns alle nicht kaltlassen,
    dass die falschen Leute aus dem Elend und dem Leid der
    Flüchtlinge noch ein Geschäft machen . Deshalb müssen
    wir Illegalität durch Legalität ersetzen . Das liegt in unse-
    rem Interesse und im Interesse der Türkei .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Das heißt wirksamer Schutz in Kooperation mit der Tür-
    kei an der Außengrenze, Bekämpfung der Schleuserkri-
    minalität und Verbesserung der Perspektiven der Flücht-
    linge in der Türkei, was ihre Lebenssituation angeht . Das
    erfordert von uns Unterstützung auf materielle Art und
    Weise, auch durch Geld . Die Türkei hat bereits 7 Milliar-
    den bis 8 Milliarden Euro ausgegeben . Sie hat 700 Mil-
    lionen Euro als internationale Unterstützung bekommen .
    Die Türkei hat gesagt: Ihr als unsere Nachbarn müsst uns
    bei der Bewältigung dieser Aufgabe auch helfen . – Ich
    finde das ist richtig. Deshalb wird das Teil der EU-Tür-
    kei-Migrationsagenda sein .

    Zweitens – auch das gehört dazu – wird es darum ge-
    hen, wie wir auch durch legale Kontingente einen Beitrag
    dazu leisten können, dass die Türkei entlastet wird . Des-
    halb sind solche europaweit zu vereinbarende Kontin-
    gente ein Weg, aus Illegalität Legalität zu machen, aber
    auch die Prozesse besser zu ordnen und zu steuern und
    in Kombination mit der Bekämpfung der Fluchtursachen

    Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel






    (A) (C)



    (B) (D)


    dann auch die Zahl der bei uns ankommenden Flüchtlin-
    ge zu reduzieren . Auch das ist unser Ziel .


    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Diese Aufgabe, wie ich sie jetzt dargestellt habe, erfor-
    dert natürlich Kraft, sie erfordert auch ein Stück Geduld,
    und sie erfordert Nachdruck . Das ist aber nach meiner
    festen Auffassung der Weg, den wir beschreiten müssen,
    um die Probleme zu lösen; denn die simple Abschottung
    wird nicht unser Problem lösen .

    Dazu brauchen wir die Europäische Union als Gan-
    zes . Die Erscheinung Europas ist im Augenblick verbes-
    serungsmöglich, sage ich einmal .


    (Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)


    Wir wissen, dass man in Europa oft einen langen Atem
    braucht, wir wissen, dass man oft dicke Bretter bohren
    muss, aber wir alle spüren: Wir stehen hier schon an ei-
    ner entscheidenden Stelle . Wir haben die internationale
    Finanzkrise bewältigt,


    (Dr . Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Na ja!)


    wir haben die Euro-Krise in großen Teilen gelöst . Wir
    sind noch nicht ganz am Ende; die Lehren haben wir
    noch nicht daraus gezogen .

    Jetzt ist sozusagen der zweite Pfeiler der europäischen
    Integration in einer sehr schwierigen Situation . Es geht
    um die Frage, wie wir mit den innereuropäischen Frei-
    heiten umgehen . Dafür steht der Schengen-Raum, dafür
    steht, dass wir vor Jahren im Vertrauen aufeinander die
    eigentlichen Grenzkontrollen an die Außengrenzen der
    Europäischen Union abgegeben haben . Ähnlich wie bei
    der Wirtschafts- und Währungsunion ist man auch bei
    diesem Schritt, der Schaffung des Schengen-Raums, im
    Grunde nicht ganz bis zum Ende dessen gegangen, was
    man hätte politisch lösen müssen .

    Bei der Wirtschafts- und Währungsunion hat man
    zwar den Stabilitäts- und Wachstumspakt gemacht, aber
    wir haben uns nicht ausreichend darüber verständigt, in
    welche Richtung sich unsere Volkswirtschaften wirklich
    entwickeln wollen und welche Befugnisse die Europäi-
    sche Kommission hat, wenn das in die falsche Richtung
    läuft .

    Bei der Schaffung des Schengen-Raums und der Ver-
    lagerung der Kontrollen auf die Außengrenzen hat man
    den letzten Schritt, nämlich sich darüber Gedanken zu
    machen, wie denn bei einem Bewährungsdruck, einem
    großen Druck auf die Außengrenzen, die Solidarität in-
    nerhalb der Europäischen Union aussieht, wie denn die
    Mandate aussehen, wie denn die Verteilung aussieht,
    nicht getan . Darüber hat man sich nicht geeinigt .

    Genauso wie wir für die nachhaltige Erhaltung des
    Euros die letzten Schritte gehen müssen, müssen wir jetzt
    auch hier die nächsten Schritte gehen, weil sich erwie-
    sen hat, dass das derzeitige System allein nicht ausreicht .
    Deshalb ist eine solidarische Verteilung von Flüchtlingen
    je nach Wirtschaftskraft und Gegebenheiten, wobei die

    Bereitschaft zu einem permanenten Verteilungsmecha-
    nismus gegeben sein muss, nicht irgendeine Petitesse,
    sondern sie berührt die Frage, ob der Schengen-Raum
    auf Dauer aufrechterhalten werden kann .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Nun frage ich aber auch: Was ist unsere, die deutsche
    Rolle? Ist die deutsche Rolle die, als Erster zu sagen:
    „Das geht nicht“? Oder ist die deutsche Rolle, als größ-
    te Volkswirtschaft in der Mitte Europas zu sagen: „Wir
    probieren es immer wieder und wieder“? Wir erleben die
    Flüchtlingsbewegung in dieser Dramatik noch nicht ein-
    mal ein halbes Jahr . Wenn wir eines Tages gefragt wer-
    den: „Habt ihr einen EU-Türkei-Gipfel versucht, habt ihr
    versucht, eure Außengrenzen zu schützen, habt ihr ver-
    sucht, in Libyen eine Interimsregierung aufzubauen, habt
    ihr versucht, Hotspots aufzubauen“, und wir antworten:
    „Ein halbes Jahr hatten wir nicht die Kraft, ein halbes
    Jahr lang war uns zu lang, wir haben das nicht gemacht“,
    dann würde ich sagen, dass wir einen Riesenfehler ge-
    macht haben . Das ist das, was nicht geht .


    (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Immerhin haben wir kleine Erfolge, auf denen wir
    aufbauen können . 160 000 Flüchtlinge, schutzbedürfti-
    ge Flüchtlinge, sollen aus den Hotspots verteilt werden .
    Der Aufbau der Hotspots gestaltet sich schwierig, aber es
    wäre nicht richtig, zu sagen, es geschehe gar nichts .

    Wir werden von deutscher Seite, von österreichischer
    Seite, von schwedischer Seite hier auch noch einmal
    Druck machen . Wir sind im ständigen Gespräch mit
    der griechischen Regierung . Dafür will ich werben . Ich
    glaube, wir brauchen die Hotspots; ich bin überzeugt,
    wir brauchen sie . Sie sind inbegriffen in den Schutz der
    Außengrenzen .

    Aber wer sagt: „Ihr baut jetzt für 50 000 oder viel-
    leicht noch mehr Menschen Unterkünfte; ihr müsst nicht
    nur registrieren, sondern ihr müsst von dort aus auch die
    Rückführung vornehmen, wenn die Bleibewahrschein-
    lichkeit klein ist, und ihr müsst die Verteilung durch-
    führen“ – obwohl Griechenland nicht genau weiß, mit
    welcher Begeisterung die anderen europäischen Mit-
    gliedstaaten Griechenland die Flüchtlinge abnehmen –,
    muss bedenken: Nur wenn die innereuropäische Solida-
    rität wirklich sicher ist, wird man mit Engagement und
    Leidenschaft solche Hotspots in seinem eigenen Land
    aufbauen . So hängen die Dinge eben sehr eng zusammen,
    und trotzdem gibt es aus meiner Sicht dazu keine ver-
    nünftige Alternative . Deshalb werden wir mit Hochdruck
    daran arbeiten .

    Natürlich haben wir nationale Aufgaben . Auch da
    muss man im Übrigen feststellen, dass wir vieles in
    ziemlich kurzer Zeit zustande gebracht haben . Was lei-
    tet uns dabei? Dabei leitet uns der Grundsatz, dass die,
    die bei uns Schutz bekommen müssen – nach der Genfer
    Flüchtlingskonvention, die allerwenigsten ja nach dem
    Asylrecht, oder nach dem subsidiären Schutz –, von uns
    eine Bleibeperspektive bekommen, und zwar je schnel-

    Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel






    (A) (C)



    (B) (D)


    ler, umso besser, um dann auch die notwendigen Integra-
    tionsschritte einleiten zu können .


    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


    Aber die Bürgerinnen und Bürger sagen mit Recht
    auch: Wenn wir ein Rechtsstaat sind, wenn wir ein groß-
    zügiges Asylrecht haben, wenn wir die Genfer Flücht-
    lingskonvention einhalten wollen, wenn wir subsidiären
    Schutz geben, wenn wir auch noch viele Duldungen
    ermöglichen, dann erwarten wir aber auch, dass dieje-
    nigen, die in einem ebenso rechtsstaatlichen Verfahren
    als Bewerber auf einen Schutzstatus abgelehnt wurden,
    das Land wieder verlassen müssen, damit die, die Schutz
    brauchen, diesen Schutz von uns bekommen .


    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Darum drehen sich viele unserer Maßnahmen . Denn
    die Menschen werden sagen: Okay, wenn schon be-
    stimmte rechtliche Vorschriften an der Außengrenze
    nicht eingehalten werden können, dann erwarten wir
    doch wenigstens, dass in Deutschland das, was zur Ord-
    nung und Steuerung getan werden kann, getan wird .

    Deshalb war der Schritt richtig, dafür zu sorgen, dass
    Herr Weise das Bundesamt für Migration und Flüchtlin-
    ge zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit leitet .
    Das ist nicht nur deshalb richtig, weil die Bearbeitungs-
    prozesse jetzt beschleunigt werden können, da die Bun-
    desagentur für Arbeit aus der Zeit von 5 Millionen Ar-
    beitslosen über große Fähigkeiten und auch Erfahrungen
    verfügt, wie man mit einer großen Zahl von Menschen
    solche Prozesse vernünftig organisiert, sondern auch,
    weil wir damit sicherstellen, dass der Weg für die, die ei-
    nen Schutzstatus haben, in die Integration in den Arbeits-
    markt sehr gut funktionieren kann, weil wir hier keine
    Doppelarbeit mehr machen . Ich bin sowohl Thomas de
    Maizière als auch Andrea Nahles sehr dankbar, dass sie
    ohne die üblichen Fragen „Was ist meins, was ist deins,
    und was könnte mir verloren gehen?“ diesem Schritt zu-
    gestimmt haben . Das war ein Beispiel für tolle, schnelle
    und wirklich effiziente Politik.


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


    Alle unsere Maßnahmen, die wir jetzt ergriffen haben
    und die wir noch umsetzen werden, haben im Grunde das
    Ziel, eine schnellere Abarbeitung der Asylanträge zu er-
    möglichen . Sie haben das Ziel, Kommunen, Bund und
    Ländern eine Verantwortungsgemeinschaft zu geben, so
    wie wir es jetzt mit der Übernahme von Kosten bei der
    Umsetzung des Asylbewerberleistungsgesetzes gemacht
    haben . Damit ist der Bund in einer völlig neuen Verant-
    wortung, wie er sie im Zusammenhang mit Asylbewer-
    bern nie hatte . Wir haben materielle Anreize verringert,
    die dazu beitragen könnten, dass Flüchtlinge hierbleiben
    und versuchen, immer wieder Gründe dafür zu finden,
    dass sie nicht ausreisen müssen . Wir haben deutliche Er-
    folge bei der Rückführung der Flüchtlinge des westlichen
    Balkans . Wir haben jetzt die ersten Rückführungen auf
    der Grundlage des Laissez-Passer-Verfahrens vorgenom-
    men . Das heißt, auch wenn Pässe nicht da sind, kann eine
    Rückführung erfolgen . Die Balkanstaaten haben ihre

    Bereitschaft zur Aufnahme erklärt . Wir haben als Bund
    die Verantwortung übernommen und haben gesagt: Bei
    den Rückführungen der abgelehnten Asylbewerber wird
    der Bund die Passangelegenheiten regeln, weil es für die
    Länder zum Teil natürlich schwer ist, jeweils Pässe von
    Ländern wie Burkina Faso oder Bangladesch zu besor-
    gen . All das sind notwendige Maßnahmen, genauso wie
    die Beschleunigung der Asylverfahren notwendig sind .

    Ich denke, nachdem Bundestag und Bundesrat das
    Asylpaket I in einem ziemlich guten Tempo beschlos-
    sen haben, werden wir uns in den nächsten Tagen auch
    auf das Asylpaket II, dem wir noch einige Maßnahmen
    hinzufügen werden, einigen können; denn auch hiermit
    werden wichtige Dinge geregelt .

    Wir müssen schon über diese Fragen sprechen . Es
    ist ein Unterschied, ob man 30 000 Asylbewerber hat
    oder 800 000 . Es muss geklärt werden: Wer braucht den
    Schutz, und wer muss unser Land wieder verlassen?

    Meine Damen und Herren, deshalb ist noch etwas
    ganz wichtig: Es wäre ein geradezu tolles Beispiel fö-
    deraler Zusammenarbeit, wenn es gelingen würde, ei-
    nen einheitlichen Flüchtlingsausweis zu haben, den der
    Flüchtling immer wieder vorzeigen kann – beim Antrag
    in der Kommune, bei Landesangelegenheiten und bei
    Fragen des BAMF, bei den Gerichten und bei der Bun-
    desagentur für Arbeit –, sodass nicht doppelt, dreifach,
    vierfach und fünffach Registrierungen erfolgen .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


    Das wäre vernünftig . Dass wir erst eine Flüchtlingskrise
    brauchen, um so etwas zu schaffen, gehört auch zu den
    Besonderheiten Deutschlands . Da sieht man: In Krisen
    können auch Chancen liegen . Das, glaube ich, wird uns
    auch später noch bewusst werden .

    Natürlich ist da noch das Thema der Integration . Wenn
    in Syrien einmal Frieden wäre, dann würden viele de-
    rer, die heute einen Aufenthaltsstatus nach der Genfer
    Flüchtlingskonvention haben, auch wieder zurück in ihre
    Heimat gehen .


    (Volker Kauder [CDU/CSU]: Ja, richtig!)


    Ich plädiere auch dafür, dass wir ihnen nicht einreden,
    dass sie das nicht tun sollten;


    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


    denn die Idee, dass man auf der Welt nur in Deutschland
    gut leben kann, wird von den 7 Milliarden Weltenbürgern
    nicht geteilt . Das geht von ganz einfachen Fragen des
    Klimas bis hin zu Ausbildung, Verwandtschaft, Bekannt-
    schaft und Freunden – niemand verlässt leichtfertig sein
    Land . Wenn die Bedingungen, in dieses Land zurück-
    zukehren, wieder gegeben sind, dann haben wir und die
    Flüchtlinge einen Riesenerfolg gemeinsam erreicht . Des-
    halb gilt der Aufenthaltsstatus nach der Genfer Flücht-
    lingskonvention auch erst einmal nur für drei Jahre . Aber
    wir wissen nicht, wie die Zukunft ist, und deshalb plä-
    diere ich dringend dafür, schnell mit der Integration zu

    Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel






    (A) (C)



    (B) (D)


    beginnen; denn alles, was man hier lernt, kann man in
    jedem Leben nutzen – sowohl bei uns als auch in Syrien .


    (Beifall im ganzen Hause)


    Ich sage ganz ausdrücklich: Wir machen Angebote zur
    Integration . Gemessen an dem, was sonst auf der Welt
    bezüglich der Integration von Flüchtlingen passiert, kön-
    nen wir, würde ich mal sagen, stolz auf das sein, was wir
    anbieten: Integrationskurse, Sprachkurse, Einarbeitung
    in die Arbeitswelt, Praktika und vieles andere mehr . Ich
    bedanke mich auch bei der deutschen Wirtschaft, dass sie
    ihre Bereitschaft, sich diesem Thema zu öffnen, von An-
    fang an ganz offen gezeigt hat .

    Aber wir müssen auch sagen: Wir erwarten von den
    Menschen, die zu uns kommen, die bei uns Schutz be-
    kommen, dass sie – das steht im Übrigen schon in der
    Genfer Flüchtlingskonvention – unsere Werteordnung,
    unsere gesetzliche Ordnung akzeptieren und dass sie
    auch ihren aktiven Beitrag dazu leisten, sich im Land zu
    integrieren . Die Sprache hat dabei einen zentralen Wert .
    Diese Erwartung müssen und dürfen wir auch klar aus-
    sprechen .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Dass wir die Flüchtlingsaufgabe stemmen können,
    hängt auch damit zusammen, dass wir in den letzten Jah-
    ren gut gewirtschaftet haben . Dass es trotz einer solchen
    Aufgabe, trotz völlig neuer Aufgaben des Bundes mög-
    lich ist, jetzt hier im November einen Haushalt für 2016
    zu beschließen, der weiterhin ein ausgeglichener Haus-
    halt ist, das spricht für unsere wirtschaftliche Stärke,
    und das spricht dafür, dass man gut wirtschaften soll, um
    nicht voraussehbare oder nicht vorhergesehene Aufgaben
    meistern zu können .

    Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat gestern
    gesagt: Wir werden im nächsten Jahr natürlich ein Stück
    auf Sicht fahren . – Aber das Ziel eines ausgeglichenen
    Haushalts, im Übrigen keine Eintagsfliege, sondern jetzt
    zum dritten Mal hintereinander geschafft, ist etwas, was
    wir nicht aufgeben sollten . Das sage ich ganz klar .


    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Wenn es sachliche Gründe gibt, darf man sich nie ein-
    mauern, aber man darf jetzt auch nicht so tun, als ob die
    Flüchtlingsaufgabe ein guter Grund ist, von allen Grund-
    sätzen von früher abzuweichen . Das wird sicherlich noch
    manche Diskussion erfordern .

    Wir haben eine Rekordbeschäftigung von 43,4 Milli-
    onen . Wir haben einen Rekord bei den sozialversiche-
    rungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen. Wir ha-
    ben ihn – das sage ich auch mit Blick auf meine eigenen
    Befürchtungen; daraus mache ich gar keinen Hehl – trotz
    des Mindestlohns, und das ist eine gute Bilanz . Dass wir
    die geringste Zahl von jugendlichen Arbeitslosen haben,
    ist auch gut .

    Trotzdem dürfen wir auch angesichts der Tatsache der
    Flüchtlinge die 2,79 Millionen Arbeitslosen in Deutsch-
    land nicht vergessen, und das kann uns nicht ruhen las-

    sen . Gerade den vielen, die unter 30 oder auch unter 35
    sind, können wir nicht sagen: Passt mal auf, die einzige
    Möglichkeit, die wir für euch noch im Blick haben, sind
    viele Jahre Hartz IV . – Deshalb unterstütze ich alle Be-
    mühungen, auch das nicht aus dem Blick zu nehmen und
    immer wieder zu schauen, wie wir Menschen helfen kön-
    nen, in den Arbeitsprozess zu kommen, die schon lange
    bei uns leben .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie des Abg . Cem Özdemir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


    Wir müssen jetzt natürlich auch aufpassen – das ha-
    ben wir oft besprochen –, dass wir nicht Konkurrenzen
    zwischen denen bekommen, die den Weg in den Arbeits-
    markt bei uns über Jahre nicht gefunden haben, und de-
    nen, die Flüchtlinge sind . Das ist auch ein Beitrag zum
    gesellschaftlichen Frieden . Deshalb müssen die Anstren-
    gungen bei denen, die schon viele Jahre bei uns sind, im
    Grunde genauso verstärkt werden, wie die Anstrengun-
    gen bei der Integration der Flüchtlinge .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie des Abg . Cem Özdemir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


    Angesichts der großen Aufgaben, die wir haben und
    die uns täglich beschäftigen, geraten Dinge, die sonst
    geradezu revolutionär gewesen wären, etwas in den Hin-
    tergrund . Ich will an dieser Stelle nur an all die Maßnah-
    men erinnern, die wir im Zusammenhang mit der Pflege-
    versicherung unternommen haben: die beiden Gesetze,
    den neuen Pflegebegriff – ein jahrelanges Projekt –, die
    Frage der Verbesserung der Palliativmedizin – nach der
    neulich sehr beeindruckenden Diskussion natürlich auch
    im Zusammenhang mit Sterbehilfe – und natürlich auch
    die Maßnahmen, die wir im Bereich des Krankenhauses
    unternommen haben; also alles Dinge, die unsere soziale
    Absicherung noch einmal zukunftsfester machen und die
    auf die Aufgaben aufgrund des demografischen Wandels
    eingehen .

    Erinnern will ich auch an die Beschlüsse – darüber
    haben wir neulich gerade mit Herrn Gabriel im Kabinett
    gesprochen –, die wir zur Energie- und Klimawende ge-
    fasst haben . Über all diese Energiebeschlüsse hätten wir
    sicherlich kontrovers diskutiert . Aber sie wären sozusa-
    gen ein ganz anderes Thema gewesen, weil wir hier in
    der Tat die Wende zu einer neuen Energiepolitik, aber
    auch die Annäherung an marktwirtschaftliche Mechanis-
    men im Zusammenhang mit den erneuerbaren Energien
    sehr stetig, sehr beständig vollziehen . Wir werden ja im
    nächsten Jahr noch einmal einen schönen Kraftakt haben,
    wenn es um die nächste Reform des Erneuerbare-Energi-
    en-Gesetzes und um die Ausschreibung der zukünftigen
    Volumina geht . Das wird sicherlich noch eine harte Auf-
    gabe werden .

    Wir haben eine anspruchsvolle digitale Agenda, bei
    der wir vorangekommen sind . Wir haben – allen Augu-
    renrufen zum Trotz – die Frequenzen versteigert . Das
    war gar nicht so einfach, und es war nicht absehbar, ob
    das so schnell gelingt . Wir haben damit Fördermittel für
    den Ausbau der Breitbandanbindung . Wenn man vor ein,
    anderthalb Jahren noch gefragt hat: „Wird Alexander

    Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel






    (A) (C)



    (B) (D)


    Dobrindt es schaffen, dass wir unser Ziel, 50 MBit pro
    Sekunde bis 2018, wirklich erreichen?“, so redet man
    heute darüber, dass wir mehr brauchen .


    (Unruhe beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Okay . Aber keiner fragt mehr, ob wir das schaffen, und
    das ist doch auch einmal eine gute Botschaft .


    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Wir haben unser Wort gehalten bei den Ausgaben für
    Forschung und Entwicklung . Wir liegen mit 14,5 Milli-
    arden Euro in 2015 in der Spitzengruppe der Europäi-
    schen Union . Jeder spürt ja, dass die Entwicklung eines
    verlässlichen Deutschlands in der gesamten Forschungs-
    landschaft viele Forscher aus dem Ausland wieder zu uns
    gebracht hat, sowohl im außeruniversitären Bereich als
    auch im universitären Bereich .

    An der Stelle will ich dann doch noch sagen – Eckhardt
    Rehberg hat es bei der gestrigen Debatte über den Fi-
    nanzhaushalt sehr ausführlich gemacht –: Unser Beitrag
    dort, wo es notwendig ist und wo unsere Bundesziele be-
    troffen sind, dass zum Beispiel universitäre Forschung
    nicht absackt gegenüber außeruniversitärer Forschung,
    indem wir dann das BAföG übernommen haben, unsere
    Beiträge zur Unterstützung von Kommunen und Ländern
    sind so groß wie bei keiner Bundesregierung zuvor .

    Da ich weiß, dass es ja immer weitere Forderungen
    geben wird, will ich sagen: Wir können erst einmal stolz
    sein auf das, was wir machen, und sollten uns da wirklich
    den Schneid nicht abkaufen lassen . Es ist unglaublich,
    was da ging .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


    Abschließend, liebe Kolleginnen und Kollegen, wie-
    der eine Rückkehr zu einem globalen Thema . Am Mon-
    tag beginnt in Paris die Klimakonferenz . Die Frage, wie
    wir mit dem Klimawandel umgehen, wie wir ihn bewäl-
    tigen, inwieweit wir eine Hoffnung haben auf die Einhal-
    tung des Ziels, dass die Erderwärmung nicht größer als
    2 Grad ist, wird für zukünftige Generationen viel zum
    Umgang mit der Frage von Flucht und Fluchtursachen
    beitragen .

    Wir haben eine Konferenz in Paris, die gut vorberei-
    tet ist, besser als die in Kopenhagen . Ich möchte Frau
    Hendricks und ihrem Team danken . Wenn ich mit dem
    französischen Präsidenten spreche, wird immer wieder
    auch gesagt, wie gut wir hier deutsch-französische Zu-
    sammenarbeit ganz praktisch zeigen . Ich möchte auch
    dem Entwicklungsminister für seine Beiträge im Zusam-
    menhang mit dem Klimaschutz danken . So wird jetzt
    auf dieser Pariser Konferenz 14 Tage lang sehr intensiv
    darüber gesprochen, ob es einen Pfad gibt, den wir dort
    einschlagen können und der uns glaubwürdig hin zur Er-
    reichung des 2-Grad-Zieles führt .

    Wir haben Abstriche machen müssen, wenn man das
    Kioto-Protokoll als durchgehend völkerrechtlich ver-
    bindlichen Plan mit verbindlichen Reduktionszielen
    sieht . Im Gegenzug haben wir aber doch bemerkenswerte
    Verpflichtungen von etwa 130 Ländern – ich kenne die
    im Moment aktuelle Zahl nicht –, die jetzt ihren Bei-

    trag zum Klimaschutz der Öffentlichkeit präsentieren .
    Der bemerkenswerteste dabei ist vielleicht der chinesi-
    sche: Das erste Schwellenland macht hier deutlich, dass
    es bereit ist, seine CO2-Emissionen zu reduzieren . Das
    zielt auf das Jahr 2030; das ist noch lange hin . Aber im-
    merhin – ich denke nur einmal an die Diskussionen vor
    zehn Jahren, als es noch einen unglaublichen Gegensatz
    zwischen Industrie- und Schwellenländern gab –, sehen
    wir da Fortschritte . Jetzt müssen wir es schaffen, völker-
    rechtlich verbindlich einen Überprüfungsmechanismus
    zu verabreden, damit glaubwürdig vermittelt werden
    kann, dass dieses Jahrhundert ein Jahrhundert der schritt-
    weisen Dekarbonisierung ist .


    (Beifall der Abg . Dr . Daniela De Ridder [SPD])


    Deutschland wird sich hier intensiv einbringen . Ich
    hoffe auf einen Erfolg dieser Klimakonferenz . Sie könnte
    auch ein wunderbares Signal gegen Terror, gegen Krieg
    und zur Bekämpfung der Fluchtursachen sein .


    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und
    Kollegen, selten haben wir so hautnah erlebt, wie unser
    eigenes deutsches Handeln und Tun in eine globale Welt
    eingebettet ist . Dieses Jahr hat uns in umfänglicher Weise
    bewusst gemacht: Wir leben in einer gemeinsamen Welt .
    Wir können, wenn jeder seinen Beitrag leistet, in Zu-
    sammenarbeit die Probleme bewältigen . – Ich bin davon
    überzeugt, oder andersherum: Wir schaffen das . Aber es
    wird vieler Anstrengungen bedürfen und auch eines ho-
    hen Maßes an neuem Denken .

    Herzlichen Dank .


    (Langanhaltender Beifall bei der CDU/CSU – Beifall bei der SPD)




Rede von Dr. Norbert Lammert
  • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (CDU)
  • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)


So, liebe Kolleginnen und Kollegen, weiterer Beifall
geht auf Kosten der Debattenzeit .


(Volker Kauder [CDU/CSU]: Vom Toni!)


Deswegen erteile ich jetzt dem Kollegen Anton Hofreiter
für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen das Wort .


  • insert_commentNächste Rede als Kontext
    Rede von Dr. Anton Hofreiter


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)



    Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Frau Bun-
    deskanzlerin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir sind
    tief erschüttert von den Pariser Terroranschlägen . Wir
    sind fassungslos über die Brutalität und die Grausamkeit,
    mit der so viele Menschen ermordet wurden . Ich schlie-
    ße mich meinen Vorrednern an, und auch ich sage für
    meine Fraktion: Wir stehen zu den Menschen in Paris .
    Wir stehen auch zu den Menschen in Beirut und Bamako .
    Wir stehen zu den Menschen in Tunis . Und wir gedenken
    auch der Opfer der abgeschossenen russischen Zivilma-

    Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel






    (A) (C)



    (B) (D)


    schine . All jene, die in den letzten Tagen durch Terroris-
    ten ermordet wurden, sind unschuldige Menschen .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)


    Wieder einmal müssen wir uns fragen: „Wie antwor-
    ten wir auf den Terror?“ – eine Frage, die wir uns in den
    letzten Jahren zu oft stellen mussten: nach dem 11 . Sep-
    tember, nach den Anschlägen von Madrid und London .
    Diese Serie ließe sich fortsetzen .

    Was wir in diesen Tagen in Brüssel sehen, ist bedrü-
    ckend . Wenn es den Terroristen gelingt, die westlichen
    Metropolen dauerhaft in Angst und Schrecken zu verset-
    zen, in Misstrauen und gegenseitigen Hass, dann haben
    sie eines ihrer zentralen Ziele erreicht und haben fast
    gewonnen . Der Ausnahmezustand von Paris und Brüs-
    sel darf daher nicht zum Normalfall werden . Wir dürfen
    uns von den Terroristen nicht einschüchtern lassen! Wir
    dürfen uns unsere Freiheit und unser Leben nicht weg-
    nehmen lassen!


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


    Auch wenn es sicher schwerfällt: Wir müssen beson-
    nen, durchdacht und mit kühlem Kopf handeln, statt hys-
    terisch und reflexhaft.

    Leider ein trauriges Musterbeispiel für eine dumme
    und falsche Reaktion hat wieder einmal die CSU ge-
    liefert . Herrn Söder fällt keine 24 Stunden nach dem
    Terroranschlag ein, man solle jetzt sofort die Grenzen
    schließen für die Menschen, die vor genau dieser Art von
    Terror fliehen. Liebe Kolleginnen und Kollegen von der
    CSU, so etwas ist beschämend, und Sie sollten sich ganz
    schnell einmal überlegen, wie Sie diesem Herrn Anstand
    beibringen können .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da haben sie viel zu tun!)


    Viele haben in den Tagen nach dem Anschlag in Paris
    von Krieg gesprochen . Es ist sicher verständlich, wenn
    man auf diesen Begriff kommt . Aber wir sollten uns fra-
    gen, ob die Rhetorik des Krieges angemessen und klug
    ist . Wer bei Terror von Krieg redet, gerät in eine Logik,
    die mehr vernebelt als klärt . Die Kriegslogik führt zu fal-
    schen Fronten . ISIS führt sicher Krieg, aber dieser Krieg
    findet in Syrien und im Irak statt. Die Hauptleidtragen-
    den des islamistischen Terrors sind die Menschen in
    diesen Ländern . Zehntausende von ihnen sind ihm zum
    Opfer gefallen . Auch ihnen sind wir Solidarität und Hilfe
    schuldig .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie des Abg . Thomas Oppermann [SPD])


    Der Kriegslogik folgt der sogenannte War on Terror
    seit 14 Jahren . Klar: ISIS muss auch militärisch bekämpft
    werden . Aber: Was ist denn die Bilanz des sogenannten

    War on Terror seit 14 Jahren? Wenn ich auf die Bilanz
    dieser 14 Jahre Terrorbekämpfung schaue, dann ist diese
    Bilanz wirklich ernüchternd . Die Lage ist in den vergan-
    genen 14 Jahren doch nicht besser geworden . Al-Qaida
    ist in Teilen geschwächt, aber dafür sind andere terroristi-
    sche Organisationen wie IS und Boko Haram deutlich ge-
    stärkt . Tausende junger Menschen sind aus Europa nach
    Syrien und in den Irak gegangen, um dort als Terroristen
    zu kämpfen und zu morden . Es herrscht in mehr Ländern
    Krieg und Bürgerkrieg . Wir haben doch die Begrenztheit
    militärischer Mittel in Afghanistan erlebt . Wir haben ihre
    ungewollten und katastrophalen Konsequenzen im Irak
    gesehen . Wir sehen, wenn man an den Drohnenkrieg
    denkt, die destabilisierende Wirkung des Drohnenkrie-
    ges in Pakistan . Deshalb: Besonnenheit, kühler Kopf und
    kluge Analyse sind das Gebot der Stunde und nicht, die
    alten Fehler seit 14 Jahren zu wiederholen .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Es braucht eine Gesamtstrategie zur Bekämpfung des
    IS . Es ist richtig, dass gegen IS militärisch gekämpft wer-
    den muss . Aber es ist auch klar, dass er am Ende nur po-
    litisch besiegt werden kann . Der Abschuss des russischen
    Kampfflugzeuges durch türkische Kampfflugzeuge hat
    diesen Bemühungen einen schweren Rückschlag zuge-
    fügt . Aber wir müssen uns bemühen und dafür sorgen und
    alles daransetzen, dass es bei den Gesprächen in Wien zu
    einer internationalen Zusammenarbeit im Kampf gegen
    den IS kommt: zwischen den regionalen und den inter-
    nationalen Kräften, zwischen Iran und der Türkei, zwi-
    schen den USA und Russland . Wir müssen auch dafür
    sorgen, dass es gelingt, dass ein Waffenstillstand erzielt
    wird zwischen den Überresten des Baath-Regimes, den
    Überresten der gemäßigten Rebellen und der syrischen
    Kurden, damit eine Chance besteht, dass dieser Kampf
    auch erfolgreich ist . Den Terror und ISIS zu bekämpfen,
    ist die eine Sache; aber sie erfolgreich zu bekämpfen, ist
    die andere Sache . Dafür braucht es eine politische Eini-
    gung .

    Dafür braucht es auch eine Lösung für das Problem
    Assad . Eines sollten wir auch nie vergessen: Assad ist die
    Quelle der Ursache . Ein Großteil der in Syrien ermorde-
    ten Menschen ist von Assad ermordet worden . Deshalb
    müssen wir uns überlegen: Wie kann es gelingen, Assad
    da herauszunehmen, eine Regierung der nationalen Ein-
    heit in Syrien zu schaffen und dann, nach der politischen
    Einigung, einen gemeinsamen, von der UN getragenen
    Kampf gegen ISIS zu organisieren, damit man nicht nur
    militärisch agiert, sondern auch erfolgreich?


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Besonnenheit und kluge Analyse bedeuten natürlich
    nicht Untätigkeit . „Krieg“ ist für das, was wir in Europa
    haben, in meinen Augen der falscheste Begriff . Es geht
    darum, den Terror zu bekämpfen . Wir müssen natürlich
    für die Sicherheit unserer Bürgerinnen und Bürger sor-
    gen . Aber auch hier heißt das, nach klarer Analyse vorzu-
    gehen . Nach dem 11 . September wurde schon einmal im
    Namen des Krieges die Freiheit unverhältnismäßig ein-
    geschränkt . Mit welchem Ergebnis? Überall in Europa
    entfalteten die Geheimdienste ein Eigenleben . Wir konn-

    Dr. Anton Hofreiter






    (A) (C)



    (B) (D)


    ten erleben, wie Geheimdienste aus Europa die US-ame-
    rikanischen Geheimdienste bei Entführungen, bei Folter
    unterstützt haben . Guantánamo und Abu Ghuraib sind
    die symbolhaften Namen für diese Fehlentwicklung .
    Aber es gab nicht nur schwere Menschenrechtsverletzun-
    gen, sondern es war auch noch massiv kontraproduktiv .
    Die Bilder von Abu Ghuraib haben mehr Terroristen pro-
    duziert als viele andere Maßnahmen . Deshalb dürfen wir
    diese Fehler nicht wiederholen, erstens wegen der Men-
    schenrechte und zweitens wegen der kontraproduktiven
    Wirkung .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Beim Kampf gegen den Terror brauchen wir echte
    Politik, brauchen wir Maßnahmen, die wirken, und nicht
    reine Symbolpolitik . Wir brauchen deshalb eine gut aus-
    gestattete Polizei, die ausreichend Personal und Mittel
    hat. Wir brauchen nicht wieder den reflexhaften Ruf nach
    einem Einsatz der Bundeswehr im Innern .


    (Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Die Bundeswehr kann vieles gut, aber sie ist nicht dafür
    ausgebildet, Terror im Innern zu bekämpfen .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir brauchen na-
    türlich eine Überwachung der Terrorverdächtigen . Wir
    brauchen eine bessere Zusammenarbeit der Polizei über
    die Grenzen hinweg . Aber die totale Überwachung durch
    die Geheimdienste kann doch nicht die Antwort sein .
    Ich kann nicht erkennen, dass das irgendein Beitrag zur
    Terrorbekämpfung ist, wenn der BND den französischen
    Außenminister oder die europäischen Botschaften über-
    wacht .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)


    Wenn wir unserem Inlandsgeheimdienst gestatten, alle
    hier im Saal, alle Bürger zu überwachen, dann bekom-
    men wir sicherlich einen gigantischen Datenwust, mit
    dem am Ende nicht mehr viel anzufangen ist; aber es ist
    ganz sicher kein Beitrag zur Bekämpfung des Terrors .
    Man muss fokussieren und die Polizei so ausstatten, dass
    sie in der Lage ist, die Terrorverdächtigen zu überwa-
    chen – nicht uns alle hier im Saal oder alle Bürger in
    diesem Land .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN – Michael GrosseBrömer [CDU/CSU]: Das macht doch niemand, es sei denn, Sie wollen einen Terroranschlag machen!)


    Was wir im Kampf gegen den Terror allerdings vor
    allem brauchen, ist die Prävention . Wie kann es sein,
    dass junge Menschen, die hier bei uns aufgewachsen
    sind, sich solchen menschenverachtenden Ideologien an-
    schließen und in den Dschihad ziehen? Darauf gibt es si-
    cherlich keine einfache und keine schnelle Antwort . Inte-
    grationsarbeit, Bildungsarbeit, Jugendarbeit, Sozialarbeit
    bilden den wichtigsten Teil der Prävention von Terror .

    Wir müssen unseren jungen Menschen Chancen bieten .
    Natürlich müssen wir auch den radikalen Hasspredigern
    das Handwerk legen . Da haben wir auch in Deutschland
    einen massiven Nachholbedarf . Selbst der BKA-Präsi-
    dent sagt uns: Die wichtigste Maßnahme im Kampf ge-
    gen den Terror ist, dafür zu sorgen, dass sich junge Men-
    schen deradikalisieren bzw . erst gar nicht radikalisieren;
    denn wenn die Zahl der Gefährder so hoch bleibt, dann
    können wir gar nicht genug Polizisten einstellen, um sie
    alle zu überwachen . Deshalb ist gute Sozialpolitik harte,
    echte und wichtige Sicherheitspolitik .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir brauchen kei-
    ne Scheinpolitik und keine Symbolpolitik, sondern Po-
    litik mit Weitsicht . Eine Politik, die vorsagt, die über
    den Tag hinaus denkt – das wäre heute notwendig . Aber
    wenn ich mir anschaue, was Sie machen, wie Sie mit
    der fundamentalen Klimakrise, den großen Flucht- und
    Migrationsbewegungen, der großen Investitionslücke,
    die wir schließen müssen, damit unsere Gesellschaft eine
    Zukunft hat, und mit der Zunahme rechtspopulistischer
    Umtriebe umgehen, dann stelle ich mir die Frage: Was
    macht eigentlich diese Regierung?

    Wir wissen doch: Wenn eine Regierung handlungsun-
    fähig und zerstritten wirkt, dann erhalten rechtsextreme
    und rechtspopulistische Organisationen Zulauf .


    (Volker Kauder [CDU/CSU]: Das stimmt!)


    Ich nehme an, Sie wissen das auch, Herr Kauder


    (Volker Kauder [CDU/CSU]: Das habe ich schon mehrfach gesagt!)


    und Herr Oppermann, Herr de Maizière und Herr
    Altmaier, Herr Gabriel und Frau Merkel . Aber was für
    ein Schauspiel bietet uns die Große Koalition?


    (Volker Kauder [CDU/CSU]: Ein großes!)


    Da ignoriert der Innenminister de Maizière, was die
    Bundeskanzlerin und der Kanzleramtsminister Altmaier
    vorgeben, und arbeitet auf eigene Rechnung . Da redet
    der CSU-Vorsitzende von Notwehr gegenüber der eige-
    nen Bundesregierung . Da vergleicht ein Finanzminister
    schutzsuchende Menschen mit Naturkatastrophen und
    denunziert die Kanzlerin als die Auslöserin des Ganzen .
    Da taumelt ein Vizekanzler auf der Suche nach Schlag-
    zeilen zwischen Pegida-Besuch und „Pack“-Beschimp-
    fung, zwischen Menschenrechten und Abschottung, bis
    den SPD-Beobachtern nur noch das Grausen kommt . Da
    stellt sich ein Ministerpräsident von der CSU hin und
    maßregelt die Bundeskanzlerin auf offener Bühne, als
    wenn sie ein Schulmädchen wäre, und dann hat er noch
    nicht einmal die Größe, sich bei ihr zu entschuldigen .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Wissen Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, nun
    könnte man sich als Opposition darüber freuen, dass man
    es mit so einer zerstrittenen, so einer armseligen und so

    Dr. Anton Hofreiter






    (A) (C)



    (B) (D)


    einer handlungsunfähigen Regierung zu tun hat . Aber da-
    für sind die Probleme wirklich zu ernst .


    (Johannes Kahrs [SPD]: Na, die Opposition ist auch nicht gerade toll!)


    Die Probleme sind wirklich zu groß, als dass wir uns eine
    zerstrittene Regierung leisten können . Deshalb: Reißen
    Sie sich endlich zusammen! Machen Sie Schluss mit die-
    sem Theater!


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


    Unser Land hat wirklich große Aufgaben vor sich . Wir
    müssen die vielen Schutzsuchenden bei uns integrieren,
    und wir müssen unverzüglich damit anfangen . Ja, Frau
    Merkel, wir schaffen das . Aber es muss auch geklärt
    werden, wie wir das schaffen, und dazu braucht es nicht
    nur Anregungen der Opposition, sondern dazu braucht es
    auch Beschlüsse der Bundesregierung . Deshalb kann ich
    nur sagen: Stimmen Sie unseren Anträgen zum Haushalt
    zu . Wie wäre es denn mit 600 Millionen Euro mehr für
    Integrationskurse, wie wir sie beantragen und gegenfi-
    nanzieren?


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Wie wäre es denn mit 350 Millionen Euro mehr für die
    Jobcenter, wie wir sie beantragen und gegenfinanzieren?


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Oder wie wäre es mit einem 2-Milliarden-Paket für den
    sozialen Wohnungsbau – der sowieso dringend notwen-
    dig ist –, wie wir es beantragen und gegenfinanzieren?


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Sie haben doch selbst gesagt: Die Randbedingungen
    sind gut, die Zinsen sind so niedrig wie nie, und unsere
    Steuereinnahmen sind entsprechend gut . – Ja, darüber
    kann man sich freuen, aber man muss auch etwas daraus
    machen . Man darf keinen Haushalt vorlegen, der keinen
    Mut hat, kein Herz und keinen Plan . Machen Sie endlich
    was, und reden Sie nicht bloß!


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Das war jetzt aber sehr allgemein!)


    Frau Merkel, ich gebe gerne zu: Ich freue mich wirk-
    lich – und wir werden oft dafür getadelt, dass wir Frau
    Merkel zu sehr loben –, dass Sie dem Sperrfeuer aus Ih-
    ren eigenen Reihen bisher standgehalten haben .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Aber wenn Sie es zulassen, dass die jüngsten Planungen
    für ein neues Asylgesetz umgesetzt werden – geplant
    sind Schnellverfahren, die quasi jeden Flüchtling treffen
    können, eine Aussetzung des Familiennachzugs, Ab-
    schiebung auch schwerkranker Flüchtlinge –, dann, Frau
    Merkel, zeigt Deutschland leider kein freundliches Ge-
    sicht mehr, sondern dann zeigt es eine hässliche Fratze .

    Überlegen Sie sich das also noch einmal gut, und verhin-
    dern Sie das .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Überlegen wir uns doch einmal, was das Aussetzen
    des Familiennachzugs perspektivisch bedeutet:


    (Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Das geht gar nicht!)


    Das Aussetzen des Familiennachzugs bedeutet perspekti-
    visch, dass sich Frauen und Kinder auf den gefährlichen
    Weg machen, vielleicht über das Mittelmeer, und ein Teil
    von ihnen unter Umständen ertrinkt . Wollen wir das ver-
    antworten? Ich will das nicht verantworten . Ich glaube,
    das kann man auch nicht verantworten .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)


    Liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU/CSU,
    Sie behaupten doch immer, dass Ihnen die Familie wich-
    tig ist . Das kann doch nicht nur für deutsche Familien
    gelten . Artikel 6 Grundgesetz gilt für alle Familien . Ge-
    ben Sie sich einen Ruck, seien Sie anständig, und sorgen
    Sie dafür, dass Frauen und Kinder nicht auf den lebens-
    gefährlichen Weg über das Mittelmeer gezwungen wer-
    den . Das kann nicht deutsche Politik sein . Das darf nicht
    deutsche Politik sein .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Während die Regierung gelähmt zu sein scheint, der
    Kanzleramtsminister und Flüchtlingskoordinator auf der
    einen Seite und der Innenminister auf der anderen Sei-
    te gegeneinander arbeiten, schuften draußen im Lande
    Unmengen Menschen . Ich muss sagen: Ich bin den Eh-
    renamtlichen wirklich sehr dankbar für all das, was sie
    leisten,


    (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Wir auch!)


    und ich bin auch den Hauptamtlichen sehr dankbar für
    all das, was sie leisten; denn sie beweisen jeden Tag all
    denen, die das Kippen der Stimmung herbeireden wol-
    len, die herbeireden wollen, dass wir das nicht schaffen:
    Doch, wir schaffen das; wir können das, und wir packen
    das .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Es ist häufig von der Bekämpfung von Fluchtursachen
    die Rede. Es fliehen Menschen aus vielen Ländern. Wir
    haben Probleme mit dem islamistischen Terror in vielen
    Ländern und Bürgerkriege in vielen Ländern . Schauen
    wir uns Mali an, wo die Bundeswehr bereits im Einsatz
    ist . Man muss klar sagen: Die Bundeswehr gibt sich sehr
    viel Mühe . Wir unterstützen diese Einsätze . Ich danke
    den Soldaten dafür, dass sie diese schwierige und zum
    Teil auch sehr gefährliche Aufgabe wahrnehmen . Es gibt
    auch eine ganze Reihe ziviler und ehrenamtlicher Hel-
    fer, die diesem Land auf die Beine helfen wollen . Ich
    war vor kurzem in Mali und habe mir das angeschaut . In
    Mali läuft vieles richtig . Was in Mali aber nicht in Gang

    Dr. Anton Hofreiter






    (A) (C)



    (B) (D)


    kommt, ist die einheimische Wirtschaft . Eines der Haupt-
    produkte von Mali ist Baumwolle . Des Weiteren werden
    dort andere landwirtschaftliche Produkte produziert .

    Jetzt ist es so, dass die Baumwolle und die landwirt-
    schaftlichen Produkte Malis nicht konkurrenzfähig sind .
    Warum sind sie nicht konkurrenzfähig? Dafür, dass die
    Baumwolle Malis nicht konkurrenzfähig ist, sind nicht
    wir verantwortlich . Dafür ist nicht Europa verantwort-
    lich, sondern dafür sind die USA verantwortlich . Die
    USA haben in den vergangenen 20 Jahren 30 Milliarden
    US-Dollar an ihre Baumwollfarmer bezahlt . Dass die
    anderen landwirtschaftlichen Produkte Malis nicht kon-
    kurrenzfähig sind, das liegt an uns, an Europa . Wir zah-
    len 50 Milliarden Euro Subventionen, und mit unseren
    subventionierten Lebensmitteln, wovon ein erheblicher
    Anteil exportiert wird, machen wir die Wirtschaft in Län-
    dern wie Mali kaputt .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Volker Kauder [CDU/CSU]: Da ist leider was dran!)


    Wenn wir in vielleicht 10 oder 15 Jahren hier stehen
    und darüber sprechen, warum der Einsatz in Mali schief-
    gegangen ist – das kann hoffentlich verhindert werden –,
    warum es nicht gelungen ist, dieses Land zu stabilisieren
    und zu wirtschaftlichem Wohlstand zu führen, obwohl
    wir doch einen Bundeswehreinsatz hatten, obwohl wir
    diesen Bundeswehreinsatz ausgeweitet haben, obwohl
    wir viel Entwicklungshilfe gezahlt haben, obwohl wir
    uns doch alle Mühe gegeben haben, dann könnte man
    bei folgender Ursache landen: Weil man sich nicht an die
    Subventionen für die industrielle Landwirtschaft bei uns
    und in den USA herangetraut hat . – Das ist schlichtweg
    ein Problem . Man muss die Probleme halt an den Ursa-
    chen anpacken .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Zuruf des Abg . Max Straubinger [CDU/CSU])


    Wenn es in einem Land keine ökonomische Entwicklung
    gibt, dann kann das daran liegen, dass wir die ökonomi-
    sche Entwicklung in diesem Land mit subventionierten
    Produkten kaputtmachen . Da können Sie von der CSU
    lachen und schreien; das macht es nicht besser . Es soll-
    te doch in unserem Interesse sein, dass es diesem Land
    besser geht .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Schauen Sie sich doch einfach einmal die Tatsachen an .

    Dass Sie dieses Problem nicht angehen, ist aus Ihrer
    Sicht ja zu verstehen: Da muss man sich mit Lobbyisten
    anlegen, und es wird kurzfristig ökonomische Auseinan-
    dersetzungen geben .


    (Zuruf des Abg . Max Straubinger [CDU/ CSU])


    Das mag alles lästig und schwierig sein; aber man muss
    doch dafür sorgen, dass die Probleme an der Wurzel an-
    gepackt werden . Wir sollten nicht nur dafür sorgen, dass
    es einen ordentlichen Bundeswehreinsatz in Mali gibt,
    sondern auch dafür, dass die einheimische Wirtschaft

    von Mali die Chance hat, zu funktionieren . Deswegen
    sollten wir aufhören, diese einheimische Wirtschaft mit
    subventionierten Produkten aus Europa, aus Deutschland
    und aus den USA kaputtzumachen .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Volker Kauder [CDU/CSU]: Nieder mit den deutschen Bauern!)


    Ein weiteres Beispiel . Schauen wir uns den Umgang
    mit Saudi-Arabien an . Navid Kermani hat uns darauf
    hingewiesen, dass das Lehrmaterial, das in Saudi-Arabi-
    en verwendet wird, und das Lehrmaterial, das bei ISIS
    verwendet wird – die haben sogar Schulen –, zu 95 Pro-
    zent identisch sind . In Saudi-Arabien wurden dieses Jahr
    schon mehr Menschen geköpft als im Territorium des
    sogenannten „Islamischen Staats“, den man, glaube ich,
    besser Da‘isch nennen sollte .


    (Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


    Saudi-Arabien ist das Zentrum des Wahhabismus, ei-
    ner islamistischen Ideologie, die von der Ideologie der
    Terroristen kaum zu unterscheiden ist . Aus Saudi-Arabi-
    en wird nach allem, was man erkennen kann, ISIS finan-
    ziert . In Saudi-Arabien haben Frauen fast keine Rechte .
    In Saudi-Arabien ist das Ausüben anderer Religionen bei
    schwerster Strafe verboten . Menschenrechtler wie Bada-
    wi werden ausgepeitscht und zu barbarischen Strafen
    verurteilt . Saudi-Arabien exportiert diese fundamentalis-
    tische Ideologie in viele Länder . Saudi-Arabien führt im
    Jemen einen barbarischen Krieg mit vielen zivilen Toten .

    Wenn man sich das anschaut – das ist einfach nur eine
    nüchterne Aufzählung –, dann müsste man doch denken:
    Das ist ein Land, auf das die Bundesregierung, auf das
    der demokratische Westen massiv Druck ausüben sollte,
    sein Verhalten zu ändern . – Aber was ist der Fall? Die
    Bundesregierung behandelt Saudi-Arabien als engsten
    Verbündeten, liefert dorthin Waffen und kauft dort billi-
    ges Öl . Wenn wir diese Politik nicht verändern, die nach
    diesem ganz alten und schlechten Muster „He may be a
    bastard, but he is our bastard“ funktioniert, dann werden
    wir nie in der Lage sein, die Probleme wirklich anzupa-
    cken .


    (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Als allerletzten Punkt schaue ich mir an, wie Sie Kli-
    mapolitik machen . Ja, Sie sprechen davon, dass wir das
    2-Grad-Ziel einhalten müssen . Ja, wir wissen, dass wir
    das 2-Grad-Ziel einhalten müssen, dass wir es dringend
    einhalten müssen, weil sonst unsere eigenen Lebens-
    grundlagen zerstört werden . Das sagt uns die gesamte
    Wissenschaft . Sie sagen es ja selbst, Frau Merkel . Wenn
    ich mir die Politik in der Bundesrepublik Deutschland
    anschaue, muss ich sagen: Es passiert viel zu wenig im
    Kampf gegen den Klimawandel in Deutschland . Wir ge-
    ben jetzt 1,6 Milliarden Euro als Subventionen für die
    Braunkohle . Im Bereich des Verkehrs und der Mobilität
    passiert überhaupt nichts; das wundert einen vielleicht
    nicht bei diesem Minister . Im Bereich der Wärmedäm-
    mung kommen wir nicht voran .

    Dr. Anton Hofreiter






    (A) (C)



    (B) (D)


    Sie werden Ihre Ziele, die Sie sich in Ihrer ersten Ko-
    alition selbst gesetzt haben, ganz massiv verfehlen . Das
    alles geschieht in der Bundesrepublik Deutschland, der
    viertgrößten Industrienation . Es hilft doch nichts, wenn
    Sie auf den großen Konferenzen immer nur nett lächeln,
    sich feiern lassen, sich als Klimakanzlerin darstellen, und
    dann, wenn Sie nach Hause kommen, von Dekarbonisie-
    rung und Klimaschutz nichts mehr wissen wollen . Kli-
    maschutz ist konkret . Klimaschutz fängt in den einzel-
    nen Ländern an . Handeln Sie endlich! Sorgen Sie dafür,
    dass wir zu einer anderen Mobilität kommen, dass wir zu
    einer anderen Energieversorgung kommen und dass es
    endlich mit der Wärmedämmung vorangeht .

    Vielen Dank .


    (Anhaltender Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)