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ID1813900200

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  • tocInhaltsverzeichnis
    Plenarprotokoll 18/139 Textrahmenoptionen: 16 mm Abstand oben Deutscher Bundestag Stenografischer Bericht 139. Sitzung Berlin, Mittwoch, den 25. November 2015 Inhalt: Begrüßung einer Delegation der Nationalver- sammlung der Republik Korea . . . . . . . . . . 13605 B Tagesordnungspunkt I: (Fortsetzung) a) Zweite Beratung des von der Bundes- regierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über die Feststellung des Bun- deshaushaltsplans für das Haushalts- jahr 2016 (Haushaltsgesetz 2016) Drucksachen 18/5500, 18/5502 . . . . . . . . . 13605 A b) Beratung der Beschlussempfehlung des Haushaltsausschusses zu der Unterrich- tung durch die Bundesregierung: Finanz- plan des Bundes 2015 bis 2019 Drucksachen 18/5501, 18/5502, 18/6127 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13605 B I .9 Einzelplan 04 Bundeskanzlerin und Bundeskanzler- amt Drucksachen 18/6124, 18/6125 . . . . . . . . 13605 B Dr . Dietmar Bartsch (DIE LINKE) . . . . . . . . . 13605 C Dr . Angela Merkel, Bundeskanzlerin . . . . . . . 13610 A Dr . Anton Hofreiter (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13616 D Thomas Oppermann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 13621 A Volker Kauder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 13624 C Roland Claus (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 13627 C Johannes Kahrs (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13628 C Gerda Hasselfeldt (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 13630 B Ekin Deligöz (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13631 C Aydan Özoguz, Staatsministerin BK . . . . . . . 13633 A Rüdiger Kruse (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 13635 B Sonja Steffen (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13636 D Harald Petzold (Havelland) (DIE LINKE) . . . 13638 B Marco Wanderwitz (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 13639 B Stefan Liebich (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 13640 C Tabea Rößner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13641 B Martin Dörmann (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13642 D Ulle Schauws (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13644 B Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . . 13645 B Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13646 D I .10 Einzelplan 05 Auswärtiges Amt Drucksachen 18/6105, 18/6124 . . . . . . . . 13645 B Michael Leutert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 13645 C Doris Barnett (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13649 B Omid Nouripour (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13651 C Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 13652 C Alois Karl (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13653 D Dr . Diether Dehm (DIE LINKE) . . . . . . . . 13654 C Dr . Frank-Walter Steinmeier, Bundesminister AA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13656 D Sevim Dağdelen (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 13658 D Deutscher Bundestag – 18 . Wahlperiode – 139 . Sitzung . Berlin, Mittwoch, den 25 . November 2015II Dr . Franz Josef Jung (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 13660 A Dr . Diether Dehm (DIE LINKE) . . . . . . . . 13661 A Omid Nouripour (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13661 C Manuel Sarrazin (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13663 B Christian Petry (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13664 C Erika Steinbach (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 13665 D Matern von Marschall (CDU/CSU) . . . . . . . . 13667 A Heike Hänsel (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 13668 C Matern von Marschall (CDU/CSU) . . . . . . . . 13668 D I .11 Einzelplan 14 Bundesministerium der Verteidigung Drucksachen 18/6113, 18/6124 . . . . . . . . 13669 B Michael Leutert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 13669 C Dr . Ursula von der Leyen, Bundesministerin BMVg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13670 C Dr . Tobias Lindner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13672 D Karin Evers-Meyer (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . 13675 B Henning Otte (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 13676 C Michael Leutert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 13678 D Henning Otte (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 13679 A Christine Buchholz (DIE LINKE) . . . . . . . . . 13679 B Rainer Arnold (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13680 C Ingo Gädechens (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 13682 C Gabi Weber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13684 B Florian Hahn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 13685 D Dr . Tobias Lindner (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13687 C Florian Hahn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 13687 D I .12 Einzelplan 23 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Drucksachen 18/6120, 18/6124 . . . . . . . . 13688 A Michael Leutert (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 13688 B Volkmar Klein (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 13689 C Anja Hajduk (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13691 D Sibylle Pfeiffer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 13692 C Dr. Bärbel Kofler (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 13693 C Dr . Gerd Müller, Bundesminister BMZ . . . . . 13695 B Anja Hajduk (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13696 C Niema Movassat (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 13696 D Axel Schäfer (Bochum) (SPD) . . . . . . . . . . . . 13698 B Peter Meiwald (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13699 D Sabine Weiss (Wesel I) (CDU/CSU) . . . . . . . . 13701 B Dr . Sascha Raabe (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 13703 B Jürgen Klimke (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . 13705 A Sonja Steffen (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13706 D Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13708 D Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . . 13709 A (A) (C) (B) (D) Deutscher Bundestag – 18 . Wahlperiode – 139 . Sitzung . Berlin, Mittwoch, den 25 . November 2015 13605 139. Sitzung Berlin, Mittwoch, den 25. November 2015 Beginn: 9 .01 Uhr
  • folderAnlagen
    Sonja Steffen (A) (C) (B) (D) Deutscher Bundestag – 18 . Wahlperiode – 139 . Sitzung . Berlin, Mittwoch, den 25 . November 2015 13709 Anlage zum Stenografischen Bericht Liste der entschuldigten Abgeordneten Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Albsteiger, Katrin CDU/CSU 25 .11 .2015 Beckmeyer, Uwe SPD 25 .11 .2015 Brantner, Dr . Franziska BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 25 .11 .2015 Dörner, Katja BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 25 .11 .2015 Ernst, Klaus DIE LINKE 25 .11 .2015 Ernstberger, Petra SPD 25 .11 .2015 Gundelach, Dr . Herlind CDU/CSU3 25 .11 .2015 Gysi, Dr . Gregor DIE LINKE 25 .11 .2015 Hartmann, Sebastian SPD 25 .11 .2015 Heiderich, Helmut CDU/CSU 25 .11 .2015 Höger, Inge DIE LINKE 25 .11 .2015 Jarzombek, Thomas CDU/CSU 25 .11 .2015 Kekeritz, Uwe BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 25 .11 .2015 Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Kindler, Sven-Christian BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 25 .11 .2015 Lagosky, Uwe CDU/CSU 25 .11 .2015 Launert, Dr . Silke CDU/CSU 25 .11 .2015 Nüßlein, Dr . Georg CDU/CSU 25 .11 .2015 Scharfenberg, Elisabeth BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 25 .11 .2015 Schnieder, Patrick CDU/CSU 25 .11 .2015 Spinrath, Norbert SPD 25 .11 .2015 Strässer, Christoph SPD 25 .11 .2015 Trittin, Jürgen BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN 25 .11 .2015 Warken, Nina CDU/CSU 25 .11 .2015 Westphal, Bernd SPD 25 .11 .2015 Wicklein, Andrea SPD 25 .11 .2015 Zimmermann, Pia DIE LINKE 25 .11 .2015 Satz: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH, Mainzer Straße 116, 66121 Saarbrücken, www.satzweiss.com Druck: Printsystem GmbH, Schafwäsche 1-3, 71296 Heimsheim, www.printsystem.de Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de 139. Sitzung Inhaltsverzeichnis EPL 04 Bundeskanzlerin und Bundeskanzleramt EPL 05 Auswärtiges Amt EPL 14 Verteidigung EPL 23 Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Anlage
  • insert_commentVorherige Rede als Kontext
    Rede von Dr. Dietmar Bartsch


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (DIE LINKE.)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (DIE LINKE.)


    Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir alle

    stehen unter dem Eindruck der Attentate von Paris . Sie
    haben uns alle schockiert . Die Attentäter haben wahllos
    getötet, egal ob Christen, Juden, Muslime, Ungläubige,
    Franzosen, US-Amerikaner, Deutsche, Künstler, Arbeits-
    lose oder Studierende . Wir alle sind verletzbar . Wir alle
    verurteilen diese barbarischen Terroranschläge .


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Diese Mörder haben kein staatliches Symbol angegrif-
    fen, sondern den Alltag . Es wurden junge Menschen ge-
    troffen, die in Stadtteilen lebten, die für Weltoffenheit,
    Toleranz und Lebensfreude stehen . Unsere Trauer und
    unser Mitgefühl gelten den Opfern .

    In das Entsetzen über die Anschläge mischt sich aber
    auch Hoffnung . Viele Menschen, darunter ganz viele Ju-
    gendliche, haben Blumen vor Botschaften niedergelegt
    und Kerzen aufgestellt . Ich habe das hier in Berlin gese-
    hen; auch in Paris waren das sehr viele . Diese Tausende
    jungen Menschen stellen die Hoffnung für Europa dar .
    Sie wollen und werden sich ihren Alltag, ihre Freude in
    den Fußballstadien und bei Musik und Tanz nicht kaputt-
    machen lassen . Das ist die Hoffnung für Europa und die
    Welt .


    (Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)


    Diese jungen Menschen finden wir auch hier, in allen
    Fraktionen . Deshalb muss unsere Antwort sein: mehr






    (A) (C)



    (B) (D)


    Offenheit und mehr Demokratie, mehr Leben und mehr
    Freiheit .


    (Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Die Feinde der offenen Gesellschaft kann man nur mit
    mehr Offenheit erfolgreich bekämpfen . Wir brauchen
    mehr Menschlichkeit, mehr Integration und Teilhabe .

    Wir alle spüren, dass wir uns an einem Punkt befinden,
    wo es sich entscheidet, wie es in Deutschland, Europa
    und der Welt weitergeht . Gestern das Attentat in Tunis,
    die Anschläge in Bamako und in Beirut und auf das rus-
    sische Flugzeug über dem Sinai – die Tränen, die für alle
    Opfer vergossen werden, sind gleich . Mit dem Anschlag
    in Paris ist der Terror des sogenannten „Islamischen Staa-
    tes“ ein weiteres Mal vor unserer Haustür angekommen .

    Es ist menschlich nachvollziehbar, wenn angesichts
    der Toten und der schrecklichen Ereignisse Gefühle
    von Ohnmacht, Wut, Verzweiflung aufkommen. Und ja,
    Überlegungen sind nötig, wie man den für diesen Terror
    Verantwortlichen konsequent das Handwerk legen kann .
    Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, Bomben auf Rak-
    ka sind keine Strategie . Terror bekämpft man nicht mit
    Krieg . Es gibt keine militärische Lösung für den Kampf
    gegen den Terror . Die Spirale der Gewalt liefert den Ter-
    roristen immer neue Attentäter . Jeder im Bombenhagel
    getötete Zivilist bringt gegebenenfalls zehn neue Selbst-
    mordattentäter hervor . Deshalb sage ich Ihnen, Frau
    Merkel: Wenn Sie heute zu Herrn Hollande fahren, gilt:
    Solidarität ja, aber keine Tornados . Das ist nicht der Weg .


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Haben Sie eigentlich nichts aus Afghanistan gelernt?
    Auch dort wird es keinen militärischen Sieg über die
    Taliban und über den Terrorismus geben . Über 50 deut-
    sche Bundeswehrsoldaten sind gestorben, viele Milliar-
    den wurden dort versenkt, Tausende tote Zivilistinnen
    und Zivilisten sind zu beklagen – und jetzt wollen Sie
    den Einsatz verlängern und das Kontingent noch einmal
    aufstocken? Es ist doch völlig irre, wenn das Auswärtige
    Amt auf der einen Seite eine Reisewarnung für Afghanis-
    tan herausgibt und die Regierung auf der anderen Seite
    zur gleichen Zeit wegen der Sicherheitslage die Anzahl
    der Soldaten aufstocken will und überlegt, Teile Afgha-
    nistans zu einem sicheren Herkunftsland zu erklären . Das
    ist doch absurd . Keiner weiß doch, wohin die Waffen ge-
    hen .


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Wir müssen doch aus Afghanistan Schlussfolgerungen
    für unser heutiges Agieren ziehen .

    Im Angesicht des Terrors muss die Politik natürlich
    einen kühlen Kopf bewahren, besonnen und entschlos-
    sen handeln . Es ist der Kampf mittelalterlicher Barbarei
    gegen Menschlichkeit, gegen die Zivilisation, gegen die
    Werte der Aufklärung, gegen Freiheit, Gleichheit, Brü-
    derlichkeit . Ja, Antworten müssen wir alle geben . Da
    kann ein Gedanke von Nietzsche vielleicht hilfreich sein:

    Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er
    nicht dabei zum Ungeheuer wird .

    Vielleich kann Norwegen für uns ein Beispiel sein . Die
    Norweger haben nach dem Wahnsinn des Herrn Breivik
    mit mehr Offenheit und mehr Liberalität agiert .


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Natürlich müssen wir die Frage stellen: Warum ist die
    Lage so? Die Versuche der NATO-Partner, unliebsame
    Regierungen im Irak und in Libyen aus dem Weg zu
    räumen, haben zur politischen Destabilisierung in den
    betroffenen Ländern beigetragen und einen fruchtbaren
    Boden für die Entstehung terroristischer Strukturen ge-
    schaffen . Noch vor wenigen Jahren war der „Islamische
    Staat“ doch vergleichsweise schwach . Er ist ein direktes
    Ergebnis des Irakkriegs der Vereinigten Staaten .


    (Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


    Jetzt ist der IS die mächtigste und reichste Terrororgani-
    sation der Welt .

    Was ist zu tun? Erstens muss man natürlich auf Dip-
    lomatie setzen, nicht bezogen auf den IS . Aber die fünf
    ständigen Sicherheitsratsmitglieder dürfen nicht gegen-
    einander agieren, sondern müssen trotz aller sonst un-
    terschiedlichen Sichtweisen miteinander agieren . Der
    Konflikt zwischen dem Iran und Saudi-Arabien muss in
    grundsätzlicher Art und Weise angegangen werden . Und
    natürlich brauchen wir auch ein Perspektivkonzept: Was
    soll mit Syrien werden? Was soll mit Irak werden? Was
    soll mit den Kurdinnen und Kurden werden?


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Zweitens . Wir brauchen dringend ein konsequentes
    Waffenembargo für die Krisenregion, vor allen Dingen
    gegen die Unterstützerländer des IS, gegen Saudi-Arabi-
    en, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate . Kei-
    ner weiß doch, wohin die Waffen gehe .


    (Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


    Es ist doch völliger Irrsinn, wenn an dem Tag, an dem die
    Verschärfung des Asylrechts in Deutschland beschlossen
    wird, Kampfpanzer Leopard 2 nach Katar exportiert
    werden . Das ist doch wirklich Irrsinn . Die Schiffe, die
    Sie dort hinschicken, können Sie gleich da lassen, um
    Flüchtlinge einzusammeln; denn das wird neue Flücht-
    lingsströme produzieren . Das ist Irrsinn .


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Wir können doch nicht zusehen, wenn damit Geld ver-
    dient wird . Wenn Vertragsstrafen anfallen, dann fallen sie
    eben an . Das muss uns der Frieden wert sein .


    (Beifall bei der LINKEN sowie des Abg . Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


    Drittens . Der Kampf gegen den Terror kann nur ge-
    lingen, wenn die Finanzierungs- und Einnahmequellen
    des IS trockengelegt werden . Die Ölquellen und die Öl-
    schmuggelwege sind doch eine der Grundlagen des IS .

    Dr. Dietmar Bartsch






    (A) (C)



    (B) (D)


    Täglich zieht er 2 Millionen Dollar aus dem Ölhandel .
    Das läuft vor allen Dingen über die Türkei . Auch die in-
    ternationalen Finanzströme müssen gekappt werden, und
    die Konten müssen gesperrt werden .


    (Beifall bei der LINKEN sowie der Abg . Lisa Paus [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


    Ein Wort zur Türkei: Die Türkei wird mit Sicherheit
    bei der Lösung der Flüchtlingsfrage gebraucht; aber sie
    war auch über Jahre ein Transitland des Terrorismus . Er-
    dogan agiert in seinem Land undemokratisch . Die Kur-
    den kämpfen gegen den IS, und die Türkei bombardiert
    die Kurden . Wir müssten den Kurden für ihren Kampf
    gegen den IS dankbar sein . Das wäre die richtige Hal-
    tung . Da muss Druck auf Herrn Erdogan ausgeübt wer-
    den .


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Der Abschuss des Flugzeuges kann die Spannungen in
    dieser Region natürlich nur erhöhen .

    Zum Thema Flüchtlinge: Die Genfer Flüchtlingskon-
    vention von 1951 war eine Antwort der Völker auf die
    verheerenden Folgen und das millionenfache menschli-
    che Leid im Ergebnis des von Hitler-Deutschland vom
    Zaune gebrochenen Zweiten Weltkrieges . Wir Deutschen
    haben auch 70 Jahre nach dem Ende des Krieges gegen-
    über flüchtenden Menschen eine besondere Verantwor-
    tung . Flüchtlinge sind die Botschaft der Kriege und des
    Elends dieser Welt . Deswegen kann unsere Botschaft nur
    lauten: Wir helfen . – Hören Sie doch alle auf die Bot-
    schaften der Kirchen in Deutschland . Die sollten für uns
    Maßstab sein .


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Zurufe von der CDU/CSU und der SPD: Oh!)


    – Ja, Union, da müssen Sie durch . Dass ich Ihnen das
    sagen muss, zeigt, wie es um Sie steht .


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Ich will einmal aus dem Matthäusevangelium zitieren,
    Herr Kauder:

    Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen ge-
    geben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken
    gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt
    mich aufgenommen; . . .


    (Max Straubinger [CDU/CSU]: Ach nee!)


    Das ist menschlich . – Im Übrigen heißt das heute über-
    setzt: Wir schaffen das .


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und des Abg . Volker Kauder [CDU/CSU])


    Ich füge hinzu: weil wir es können .

    Zugleich ist es natürlich überfällig, dass die Bundes-
    regierung endlich einmal sagt, wie sie es schaffen will .
    Die Herausforderungen sind lösbar . Das kostet Anstren-
    gungen, Geld und Geduld . Aber Sie mit Ihrem Chaos-

    bild werden es nicht schaffen . Dieses Fahren auf Sicht ist
    in dieser Situation eben nicht die richtige Strategie . Wir
    brauchen zuallererst eine Haltung zu der Flüchtlingsfra-
    ge . Diese ist Ihnen offensichtlich abhandengekommen .


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Verantwortliche in den Ländern und in den Kommu-
    nen, viele Hilfsorganisationen, die Bundespolizei, das
    THW und Zigtausende ehrenamtliche Helferinnen und
    Helfer kümmern sich um die Flüchtlinge, leben eine
    überzeugende Willkommenskultur . Das hat im prakti-
    schen Leben übrigens überhaupt nichts mit Parteizuge-
    hörigkeit zu tun . Mitglieder aller hier im Bundestag ver-
    tretenen Parteien engagieren sich dort .

    Ich will im Übrigen auch feststellen – das sollte klar
    ausgesprochen werden –: Die meisten Flüchtlinge kom-
    men in Bayern in Deutschland an . Dort sind die Her-
    ausforderungen besonders groß . Von der Bevölkerung
    und auch von den Behörden in Bayern wird Großar-
    tiges geleistet . Allen, die sich in dieser Weise engagie-
    ren, gebührt ausdrücklich der Dank dieses Hauses und
    allerhöchste Würdigung . Aber in völlig inakzeptablem
    Gegensatz dazu steht das unverantwortliche Agieren von
    Politikern der CSU .


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Max Straubinger [CDU/CSU]: Oh!)


    Ich zitiere einmal Horst Seehofer – ich könnte den Rest
    meiner Redezeit mit CSU-Zitaten füllen –:

    Wir werden uns gegen Zuwanderung in deutsche
    Sozialsysteme wehren – bis zur letzten Patrone .

    Er nimmt auch gerne einmal den NPD-Spruch in den
    Mund: „Wir sind nicht das Sozialamt für die ganze Welt .“
    Herr Söder hat den wahnsinnigen Satz gesagt: „Seit heu-
    te Morgen um 9 Uhr wird geklagt .“ Meine Damen und
    Herren, wo leben wir eigentlich, wenn so etwas möglich
    ist?


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Wenn ich mir anschaue, wie auf dem CSU-Parteitag
    mit der Kanzlerin umgegangen worden ist,


    (Zurufe von der CDU/CSU: Oh!)


    muss ich sagen: Sie haben da jegliche bürgerliche An-
    standsform verletzt .


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Ich habe mir das mit jungen Leuten angesehen . Die ha-
    ben gesagt: Was hat denn der Seehofer eingeworfen? Das
    kann doch nicht wahr sein! – Was ist eigentlich die po-
    litisch-moralische Geschäftsgrundlage dieser Koalition,
    meine Damen und Herren?


    (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Kommt jetzt noch mal das Evangelium, oder was?)


    Dr. Dietmar Bartsch






    (A) (C)



    (B) (D)


    Es muss Schluss sein mit den verantwortungslosen Ge-
    dankenspielen und den verbalen Entgleisungen von
    Seehofer und Söder!


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Es ist doch niederträchtig, Flüchtlinge in die Nähe von
    Mörderbanden zu stellen .


    (Volker Kauder [CDU/CSU]: Herr Bartsch, im Evangelium heißt es: Du sollst demütig sein! Sei ein bisschen demütig! Aber so weit gehen die Kenntnisse wohl nicht!)


    Die verbalen Entgleisungen befördern Rechtspopulismus
    und Rechtsextremismus . Es stimmt einfach: Das Umfra-
    gehoch der AfD ist ohne Söder und Seehofer nicht er-
    klärbar .


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Nötig ist entschlossenes Handeln aller politisch Ver-
    antwortlichen, aller Demokraten gegen Rechtsextremis-
    mus . Aber es ist kein Brandanschlag endaufgeklärt . Es ist
    kein Täter zur Verantwortung gezogen worden . Ich will
    an den Mordanschlag auf Henriette Reker erinnern . Sie
    steht für die vielen, die dem rechten Alltagsterror trotzen
    und jeden Tag Mitmenschlichkeit zeigen .


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


    Es ist nicht hinnehmbar, dass Rechtsextremisten, alte und
    neue Nazis, im Internet und auf Demos ausländerfeind-
    liche Parolen verbreiten, zu Mord – ob nun mit Galgen
    oder Guillotine – aufrufen können und keiner zur Verant-
    wortung gezogen wird .

    Ja, das Tempo und die Effizienz bei der Bearbeitung
    der Flüchtlingsfrage sind unzureichend . Ich will Sie an
    Ihren Koalitionsvertrag erinnern . Da steht: drei Monate
    Bearbeitungszeit . – Aktuell sind es fünfeinhalb . In ei-
    nigen Ländern dauert die Bearbeitung über ein Jahr . In
    keinem einzigen europäischen Land dauert das so lange .
    Wir haben in unserer Fraktion unlängst mit Kommunal-
    politikern, mit Oberbürgermeistern und Landräten aus
    West und Ost, geredet . Sie alle haben klar gesagt: Ja, wir
    können das hinbekommen . Aber wir brauchen geordnete
    Verfahren: bei der Registrierung der Flüchtlinge, bei der
    Bearbeitung der Anträge und bei unverzüglichen Maß-
    nahmen zur Integration . – Wer hat denn all die Jahre zum
    Beispiel die Bundespolizei so heruntergespart? Wer hat
    denn den unglaublichen Abbau im öffentlichen Dienst zu
    verantworten? Wer hat so lange gezögert, beim BAMF
    die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen?


    (Widerspruch bei der CDU/CSU)


    Das waren immer Sie von der Union! Sie waren immer in
    der Regierungsverantwortung!


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Wir brauchen ein Flüchtlingsaufnahmegesetz, das
    bundesweit einheitliche Standards und Verfahren fest-
    legt . Ein Element muss die Übernahme aller Unterbrin-
    gungs- und Versorgungskosten durch den Bund für die
    Dauer des Asylverfahrens und eine Übergangszeit sein .
    Das, was Sie gemacht haben, die Anrechnung von Kos-
    ten für Sprach- und Integrationskurse auf das Existenz-
    minimum, ist ein verheerendes Signal .


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Asylsuchenden muss schneller Zugang zu Sprachkursen
    verschafft werden . Die gezielte Eingliederung in Arbeit
    wird die Zukunftsaufgabe für eine erfolgreiche Integra-
    tion . Ich meine, auch die Attentäter von Paris sind doch
    Ergebnis gescheiterter Integration und gescheiterter Poli-
    tik; auch das müssen wir aussprechen .

    Natürlich kann die Flüchtlingsfrage nur europäisch
    beantwortet werden . Europa versagt in der Flüchtlings-
    frage . Es mangelt an europäischer Einigung, es mangelt
    an europäischer Solidarität . Ich bin im Übrigen der Über-
    zeugung: Die Zukunft Europas entscheidet sich daran,
    wie Europa die Herausforderungen durch die Flüchtlinge
    meistert; das ist die Zukunftsfrage . Europa muss moder-
    nisiert und auf eine neue vertragliche Grundlage gestellt
    werden . Da sollte Deutschland Führung zeigen, Führung
    in Menschlichkeit .

    Wenn ich mir anschaue, wie Sie im Haushalt zum
    Beispiel mit dem Thema Entwicklungspolitik umgehen,
    stelle ich aber fest: Seit Jahrzehnten haben wir das Ziel
    0,7 Prozent . Sie machen viel zu wenig . Wir liegen immer
    noch bei 0,4 Prozent . Die Steigerung im Verteidigungs-
    etat ist größer als die in der Entwicklungspolitik . Was ist
    denn das für eine Politik, meine Damen und Herren?


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Eckhardt Rehberg [CDU/CSU]: Na ja, so kann man das aber nicht sagen!)


    Deutschland befindet sich an einem Punkt, an dem
    sich entscheidet, wie es in unserem Land weitergeht,
    welche Perspektiven wir haben . Diese Große Koalition
    allerdings hat kein Konzept, wie Deutschlands Zukunft
    zu gestalten ist. Sie agieren hilflos, planlos und ziellos.
    Jeden Tag wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben . Vor
    allen Dingen versuchen Sie jetzt – das stört uns beson-
    ders –, die Schwächsten gegen die Schwachen auszu-
    spielen . Frau Merkel, beenden Sie endlich die unsägliche
    Diskussion, ob es neue Ausnahmen beim Mindestlohn
    geben sollte!


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Nein, wir müssen die bisherigen Ausnahmen einschrän-
    ken; sonst ist das das Einfallstor für prekäre Beschäfti-
    gung . Neben der Tatsache, dass der Mindestlohn wichtig
    ist: Es gibt auch 2 Millionen Solo-Selbstständige, von
    denen viele in der Land- und Forstwirtschaft und im
    Kommunikations- und Informationsgewerbe tätig sind .
    Sie brauchen ebenfalls ein auskömmliches Einkommen .

    Dr. Dietmar Bartsch






    (A) (C)



    (B) (D)


    Vielleicht ist ein Mindesthonorar der richtige Weg dort-
    hin .


    (Beifall bei der LINKEN)


    Seit Jahren driftet unsere Gesellschaft auseinander .
    Die Ungleichheit wächst; den wirtschaftlichen und po-
    litischen Eliten ist der Wertekompass abhandengekom-
    men . Ich will nur drei Kürzel nennen: DFB, VW, BND .


    (Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)


    Diese Kürzel sind Synonyme für windige Geschäfte,
    Manipulation und offenen Betrug . Das alles ist doch gar
    nicht denkbar gewesen . Wer hätte denn vor Jahren ge-
    glaubt, dass das bei einem Staatskonzern wie VW mög-
    lich ist? Zur selben Zeit, als die Kanzlerin sagte, unter
    Freunden spioniere man nicht, hat der BND Freunde
    ohne Ende ausspioniert . Was beim DFB passiert ist, ist
    genauso ein Skandal . Im Übrigen: Herr Winterkorn be-
    kommt jetzt von VW 100 000 Euro Rente im Monat . Das
    ist doch absurd . Wo sind denn die Werte in diesem Land
    hingeraten?


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Ein Land, in dem die Kinderarmut wächst, während
    den Reichsten erlaubt wird, ihr Geld in Steueroasen zu
    bunkern, wird die aktuellen Herausforderungen nicht be-
    wältigen . Diese Regierung erweist sich als unfähig, die
    aktuellen Probleme anzupacken und das Land sozial zu
    modernisieren . Deutschland ist ein so reiches Land; aber
    Sie fahren das Land seit Jahren auf Verschleiß . Ihr mani-
    sches Verhältnis zur schwarzen Null ist einer der Gründe,
    warum wir die Herausforderungen nur mühsam anpa-
    cken . Mit der schwarzen Null machen Sie Schulden bei
    den nächsten Generationen . Es ist politisches Versagen,
    dass in diesem Land Kinder in Armut leben müssen


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    und dass die Zahl der Rentnerinnen und Rentner, die in
    Grundsicherung leben, weiterhin steigt . Ist Ihnen eigent-
    lich nicht aufgefallen, wie viele alte Menschen hier in
    Berlin in Mülltonnen nach leeren Flaschen suchen?

    Ich könnte die Liste der Schäbigkeiten unendlich
    fortsetzen . Deswegen brauchen wir ein Investitionspro-
    gramm für unser Land . Deswegen sollten wir die Mittel
    für die Arbeitsmarktpolitik von 3,9 Milliarden Euro auf
    5,6 Milliarden Euro aufstocken . Die Integration in den
    Arbeitsmarkt ist eine Zukunftsfrage .


    (Beifall bei der LINKEN)


    Daneben müssen wir ab sofort mindestens 200 000 So-
    zialwohnungen jährlich bauen . Das Deutsche Studen-
    tenwerk hat dazu aktuell eine entsprechende Forderung
    gestellt . Wir sollten die Länder mit 1,5 Milliarden Euro
    dabei unterstützen .

    Wenn Sie sagen, das alles sei nicht finanzierbar, dann
    kann ich nur sagen: Das ist ein irrer Vorwurf . Die Sche-
    re zwischen Arm und Reich ist in nahezu keinem Land
    Europas so groß wie in unserem Land . Die 500 reichsten

    Familien verfügen über ein Vermögen von 615 Milliar-
    den Euro .


    (Volker Kauder [CDU/CSU]: Die Nummer kennen wir ja schon! – Michael GrosseBrömer [CDU/CSU]: 10 Prozent der Deutschen zahlen 50 Prozent der Steuern!)


    Das ist zweimal ein Bundeshaushalt . Für diesen Irrsinn
    gibt es vor allen Dingen einen Grund: Wie der Teufel
    das Weihwasser fürchtet, sträuben Sie sich dagegen, den
    Reichtum dieses Landes gerechter zu verteilen . Mit einer
    gerechten Steuerpolitik könnten wir jährlich Milliarden
    einnehmen .


    (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Das geht allerdings nicht ohne eine Umverteilung von
    oben nach unten .

    Wir fordern eine wirkliche Reform der Erbschaft-
    steuer . Ihr komisches Reförmchen reicht hier nicht . In
    Großbritannien müssen die Superreichen sechsmal so
    viel berappen wie in Deutschland . In Kanada und in den
    USA ist es das Fünffache . Alle diese Länder sind nicht
    verdächtig, den demokratischen Sozialismus einführen
    zu wollen . Hier wird deutlich, welche Privilegierung von
    sehr Reichen wir uns leisten . Angesichts der gesellschaft-
    lichen Handlungsbedarfe lässt sich das überhaupt nicht
    rechtfertigen .


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Von 2015 bis 2024 werden in Deutschland insge-
    samt 3,1 Billionen Euro vererbt; aber in dieser Koalition
    kommt niemand auf die Idee, dort irgendetwas zur Fi-
    nanzierung des Gemeinwohls abzuholen . Ich sage Ihnen:
    Niemand von der Linken will Unternehmen gefährden;
    das ist überhaupt nicht der Punkt . Es geht um Privatver-
    mögen . Auch eine Vermögensabgabe in Form der Milli-
    onärssteuer auf Privatvermögen wäre eine richtige Maß-
    nahme . Es ist längst an der Zeit, die Milliardäre und die
    Millionäre in Deutschland stärker zur Finanzierung der
    Aufgaben des Gemeinwohls heranzuziehen .


    (Beifall bei der LINKEN)


    In aller Klarheit:


    (Volker Kauder [CDU/CSU]: Jetzt aber!)


    Die teuersten Flüchtlinge in Deutschland sind die Steu-
    erflüchtlinge,


    (Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    die Konzerne und die Superreichen, die mit unendlich
    vielen Tricks und von Finanzämtern selten kontrolliert
    die öffentliche Hand in Deutschland jedes Jahr um bis zu
    100 Milliarden Euro prellen . Meine Damen und Herren,
    da sollten Sie ran! Da müssen Sie etwas tun . Es ist in
    unserem Land genügend Geld da, um die Herausforde-
    rungen, vor denen wir stehen, zu bewältigen .


    (Beifall bei der LINKEN sowie des Abg . Dr . Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


    Dr. Dietmar Bartsch






    (A) (C)



    (B) (D)


    Sie haben in Ihren Koalitionsvertrag geschrieben:
    „Deutschlands Zukunft gestalten“ . In der Realität steht
    die Große Koalition immer mehr für ein schwarzes Loch .
    Sie gestalten nicht, Sie verwalten nur noch . Sie sind vor
    allen Dingen mit sich selbst beschäftigt . Damit es den
    Menschen in unserem Land besser geht, braucht es einen
    sozialen Aufbruch . Dazu brauchen wir Mut; da bedarf es
    einer Haltung . Das sehe ich bei Ihnen leider nicht .

    Herzlichen Dank .


    (Anhaltender Beifall bei der LINKEN – Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)




Rede von Dr. Norbert Lammert
  • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (CDU)
  • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)

Das Wort erhält nun die Bundeskanzlerin, Frau

Dr . Angela Merkel .


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)



  • insert_commentNächste Rede als Kontext
    Rede von Dr. Angela Merkel


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (CDU)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)


    Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und

    Kollegen! Meine Damen und Herren! Vor wenigen Ta-
    gen, am 13 . November, mussten Menschen in Paris ei-
    nen Albtraum von Gewalt, Terror und Angst durchleiden .
    Unzählige Familien trauern um ihre Liebsten . Deutsch-
    land teilt mit ihnen den Schmerz .

    Wir alle haben sofort verstanden: Dieser unmenschli-
    che Angriff meint uns alle, und er trifft uns alle . Es ist ein
    Anschlag auf unser aller Freiheit, auf unsere Werte und
    Überzeugungen, ein Angriff auf all das, was uns wichtig
    ist und wofür Generationen vor uns in Europa gestritten
    und gekämpft haben: Demokratie und Menschenrechte,
    Gleichberechtigung und eine offene, freundliche und to-
    lerante Zivilgesellschaft . Wir stehen solidarisch an der
    Seite Frankreichs in der Trauer um die Opfer . Wir stehen
    solidarisch an der Seite Frankreichs im Kampf gegen den
    Terror .


    (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Wir gedenken aller Opfer des Terrors . Ich denke an die
    Opfer des russischen Flugzeugabsturzes, an die Opfer in
    Bamako genauso wie an die Opfer gestern in Tunesien .

    Frankreich hat erstmals in der Geschichte die EU-Bei-
    standsklausel des Artikels 42 Absatz 7 im Lissabon-Ver-
    trag in Anspruch genommen . Alle EU-Staaten haben
    Frankreich einhellig Solidarität und vor allem auch
    Beistand zugesichert . Ursula von der Leyen als Vertei-
    digungsministerin hat bereits letzten Dienstag erstmals
    mit ihrem französischen Amtskollegen über die Frage
    gesprochen, wie diese Solidarität mit Leben erfüllt wer-
    den kann . Wir sind mit unseren Soldatinnen und Soldaten
    im Einsatz und helfen bei der Bekämpfung des Terrors:
    im Irak den Peschmerga, in Mali, indem wir unser En-
    gagement verstärken, und in Afghanistan, indem wir un-
    ser Engagement verlängern . Heute Abend werde ich mit
    dem französischen Präsidenten François Hollande über
    die Fragen sprechen, die uns gemeinsam bewegen . Der
    Geist dieses Gesprächs wird davon bestimmt sein, dass

    wir gemeinsam mit unseren Freunden handeln werden .
    Wenn zusätzliches Engagement notwendig ist, dann wer-
    den wir das nicht von vornherein ausschließen .

    Liebe Kolleginnen und Kollegen, Polizei und Nach-
    richtendienste arbeiten in Deutschland mit Hochdruck
    an der Aufklärung der grausamen Anschläge und der
    Aufdeckung ihrer terroristischen Strukturen . Auch in
    Deutschland ist die Bedrohungslage hoch . Wir gehen al-
    len Hinweisen nach und müssen natürlich – das haben
    wir letzte Woche Dienstag gesehen – immer wieder eine
    schwierige Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit
    treffen . Ich will hier ausdrücklich – auch im Namen der
    ganzen Bundesregierung – sagen: Wir haben Vertrauen
    in unsere Sicherheitsbehörden, dass sie mit Augenmaß
    handeln . Sie brauchen unsere politische Unterstützung,
    und die haben sie auch . Denn anders können Sicherheits-
    behörden nicht handeln .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


    Zwei Dinge sind mir sehr wichtig:

    Erstens . Wir müssen – da möchte ich mich auch bei
    der Mehrheit des Deutschen Bundestags bedanken –
    wachsam und wehrhaft sein . Deshalb war es richtig –
    das geschah schon vor den Anschlägen –, dass wir eine
    personelle und technische Verstärkung unserer Sicher-
    heitsbehörden beschlossen haben . Es gibt im Jahr 2016
    1 000 neue Planstellen für die Bundespolizei . Insgesamt
    sind bis 2018 3 000 zusätzliche Stellen vorgesehen . Bei
    der Bundespolizei werden sogenannte robuste Einhei-
    ten aufgebaut, die so ausgebildet und ausgestattet sein
    werden, dass sie terroristischen Lagen begegnen kön-
    nen und damit unsere Möglichkeiten in solchen Fällen
    deutlich – über das hinaus, was die Landespolizeien und
    die GSG 9 heute schon können – erweitern . Wir stärken
    unsere Nachrichtendienste, investieren unter anderem in
    die Modernisierung ihrer technischen Ausstattung . Und
    wir verstärken das Bundesamt für Verfassungsschutz und
    den Bundesnachrichtendienst personell .

    Zweitens . Die stärkste Antwort – und das ist ebenso
    wichtig – an Terroristen ist, unser Leben und unsere Wer-
    te weiter so zu leben wie bisher, selbstbewusst und frei,
    mitmenschlich und engagiert .


    (Beifall im ganzen Hause)


    Wir Europäer werden zeigen: Unser freies Leben ist stär-
    ker als jeder Terror .

    Ein starkes Zeichen der Einigkeit im Kampf gegen
    den Terrorismus ging auch vom G-20-Gipfel in Antalya
    unmittelbar nach den Anschlägen von Paris aus . Für mich
    besonders wichtig war das hier abgegebene klare Be-
    kenntnis der Regierungschefs muslimischer Staaten, die
    genauso wie wir dem Terrorismus ganz klar den Kampf
    angesagt haben . Deshalb werden wir – so haben wir es in
    Antalya beschlossen – trotz ganz unterschiedlicher ge-
    sellschaftlicher Strukturen die Zusammenarbeit bei der
    Terrorbekämpfung verstärken: bei der Zusammenarbeit
    der Nachrichtendienste, bei der Überwachung der Inter-
    netkommunikation von terroristischen Netzwerken und –
    das ist ganz wichtig – bei der Kappung der Geldflüsse
    der Terroristen, soweit dies möglich ist. Diese Geldflüsse

    Dr. Dietmar Bartsch






    (A) (C)



    (B) (D)


    müssen Schritt für Schritt trockengelegt werden . Das ist
    eine der vornehmsten Aufgaben .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg . Dr . Petra Sitte [DIE LINKE])


    Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir müssen uns im-
    mer wieder bewusst machen: Es ist ebendieser Terror,
    es sind ebensolche Krisen, vor denen Menschen in gro-
    ßer Zahl nach Europa – und ganz besonders auch nach
    Deutschland – fliehen. Sie suchen Schutz und Aufnahme.
    Wir haben weltweit die größte Zahl von Flüchtlingen seit
    dem Zweiten Weltkrieg . Deshalb ist die Frage, wie wir
    mit dieser Sachlage umgehen, natürlich nicht nur eine
    nationale oder eine europäische, sondern eine globale,
    internationale Frage .

    Deutschland hat in den letzten Monaten gezeigt, wie
    menschlich, leistungsfähig und flexibel wir auf allen
    Ebenen – vom Bund über die Länder bis hin zu den Kom-
    munen, von der Polizei über das BAMF bis hin zu den
    Jugendämtern – sind . Verantwortliche sowie Mitarbeite-
    rinnen und Mitarbeiter wachsen täglich über sich hinaus .
    Sie machen unzählige Überstunden, Nacht- und Sonder-
    schichten . Und es gibt durchgearbeitete Wochenenden .
    Es geht dabei nicht nur um die vielen Stunden, sondern
    auch um das Engagement, die Bereitschaft und das Herz,
    das sie investieren . Deshalb möchte ich mich bei ihnen
    allen ganz herzlich bedanken .


    (Beifall im ganzen Hause)


    Das gilt in gleicher Weise für die unzähligen ehrenamt-
    lichen und freiwilligen Helferinnen und Helfer . Ich weiß
    nicht, ob es schon jemals ein derartig großes, schnell auf-
    gebautes und gut organisiertes Netz an privaten Helfern
    in Deutschland gegeben hat . Auch ihnen sage ich ein ge-
    nauso herzliches Dankeschön .


    (Beifall im ganzen Hause)


    Sie haben einen klaren Anspruch darauf, zu wissen,
    nach welcher Agenda, nach welchem Plan die Bundesre-
    gierung an der Bekämpfung der Fluchtursachen, an den
    europäischen und den nationalen Maßnahmen arbeitet .

    Beginnen müssen wir bei der Bekämpfung der
    Fluchtursachen . Es herrscht in vielen Regionen Krieg
    und Terror . Staaten zerfallen . Viele Jahre haben wir es
    gelesen . Wir haben es gehört . Wir haben es im Fernsehen
    gesehen . Aber wir haben damals noch nicht ausreichend
    verstanden, dass das, was in Aleppo und Mossul passiert,
    für Essen oder Stuttgart relevant sein kann . Damit müs-
    sen wir umgehen, und das wird Veränderungen in unserer
    Politik mit sich bringen, zugunsten der Außenpolitik und
    zugunsten der Entwicklungspolitik, weil wir uns immer
    fragen müssen: Was bedeutet welche Maßnahme für uns
    hier zu Hause?


    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


    Ich glaube, es ist klar, dass wir dazu einen langen
    Atem und Geduld brauchen . Wir brauchen vor allen Din-
    gen auch Partner .

    Ich will mit dem Syrien-Konflikt beginnen. Es ist voll-
    kommen klar, dass die eigentliche, wirkliche Lösung nur
    in einer politischen Lösung liegen kann . Natürlich hat
    sich gestern durch den Abschuss eines russischen Flug-
    zeuges durch die Türkei die Lage noch einmal verschärft,
    und wir müssen jetzt alles dafür tun, eine Eskalation zu
    vermeiden . Natürlich hat jedes Land das Recht, sein Ter-
    ritorium zu sichern . Aber auf der anderen Seite wissen
    wir, wie angespannt die Situation im Augenblick ist, in
    Syrien und seiner Umgebung . Ich habe gestern mit dem
    türkischen Ministerpräsidenten gesprochen und darum
    gebeten, alles zu tun, um die Situation zu deeskalieren .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Ich möchte unserem Außenminister Frank-Walter
    Steinmeier danken . Ich glaube, es war bei der Einbrin-
    gung des Haushalts, als Ihre Reisen in den Iran und nach
    Saudi-Arabien bevorstanden . Ich glaube, wir haben alle
    gar nicht zu hoffen gewagt, dass es so schnell geht, dass
    jetzt Akteure an einem Tisch sitzen, die wichtig und ab-
    dingbar sind für die Lösung des Syrien-Konflikts: Russ-
    land, die USA, die Europäer, die arabischen Staaten, der
    Iran und die Türkei .

    Es gibt durchaus hoffnungsvolle Entwicklungen, die
    jetzt hoffentlich nicht zu weit zurückgeworfen werden
    durch das, was gestern passiert ist . Es gibt Ideen für einen
    politischen Übergangsprozess . Ich weiß, wie schwierig
    es ist, vor allen Dingen die Akteure in Syrien an einen
    Tisch zu bekommen . Aber es gibt keinen anderen Weg,
    der uns einer dauerhaften Lösung näherbringt . Deshalb
    wünsche ich weiterhin allen Teilnehmern dieser Ver-
    handlungen allen Erfolg; wir werden sie mit aller Kraft
    unterstützen .


    (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Nur so wird es möglich sein, sich auch darauf zu
    konzentrieren, was nach meiner Auffassung im Augen-
    blick nicht anders als militärisch zu lösen ist . Das ist der
    Kampf gegen den IS . Es muss ein gemeinsamer Kampf
    der Weltgemeinschaft sein, um deutlich zu machen: Wir
    erteilen dem Terrorismus und der Brutalität solcher Or-
    ganisationen eine klare Absage .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Mit der Bekämpfung der Fluchtursachen hat sich auch
    der EU-Afrika-Gipfel, der Sondergipfel, am 12 . Novem-
    ber in Valletta befasst . Wir haben einen Aktionsplan mit
    den afrikanischen Staaten verabschiedet, bei dem es auf
    der einen Seite um bessere wirtschaftliche Perspektiven
    afrikanischer Länder und auch um bessere Möglichkei-
    ten legaler Migration geht . Wir zum Beispiel werden im
    Bereich der Zurverfügungstellung von Ausbildungsplät-
    zen, Stipendienplätzen und anderen mehr tun .

    Auf der anderen Seite hat es aber auch deutliche Dis-
    kussionen darüber gegeben, dass die Zivilgesellschaften
    in Afrika durch ihre politischen Führungen mehr Trans-

    Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel






    (A) (C)



    (B) (D)


    parenz und mehr Klarheit bekommen müssen . In Zeiten
    des Smartphones kann man nicht mehr so regieren, wie
    das früher geschehen ist . Das gilt auch für Afrika, meine
    Damen und Herren .


    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


    Denn eines ist klar: Je mehr in Herkunftsländern dafür
    Sorge getragen werden kann, dass Menschen sich nicht
    auf den gefährlichen Weg aus ihrer Heimat machen, umso
    besser wird es gelingen, Fluchtursachen zu bekämpfen,
    sodass Flüchtlinge gar nicht mehr den Weg antreten .

    Wir haben zusätzlich zu unserer Entwicklungshilfe,
    die wir leisten – das sind etwa 20 Milliarden Euro sei-
    tens der Europäischen Union und der Mitgliedstaaten
    der Europäischen Union –, einen Treuhandfonds von
    1,8 Milliarden Euro aufgelegt, um genau diese Aufgaben
    zu erfüllen .

    Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusam-
    menarbeit und Entwicklung wird seinen gesamten Etat-
    aufwuchs von über 850 Millionen Euro auf die akute
    Fluchtursachenbekämpfung konzentrieren . Die gesam-
    te Entwicklungszusammenarbeit mit einem Etat von
    7,4 Milliarden Euro im Haushaltsentwurf 2016 arbei-
    tet genau am Erhalt von Lebensgrundlagen und an der
    Schaffung von Zukunftsperspektiven .

    Die Bekämpfung von Fluchtursachen war auch The-
    ma auf dem G-20-Gipfel in Antalya . Hier ist vor allen
    Dingen noch einmal über das humanitäre Engagement
    gesprochen worden . Noch haben wir es nicht geschafft,
    dass der UNHCR und das Welternährungsprogramm im
    Jahr 2016 auf einen Haushalt blicken können, der aus-
    reicht, um die notwendigen Aufgaben zu erfüllen . Wir
    alle haben wieder die Warnrufe des UNHCR in diesen
    Tagen erlebt . Ich will deutlich machen: Die Bundesregie-
    rung hat ihre Pflicht getan. Wir haben unsere Ansätze ge-
    steigert . Wir werden weiterhin bereit sein, das Notwendi-
    ge zu tun . Europa hat sich bewegt . Aber wir werden nicht
    nachlassen, hier die ganze Welt in die Verantwortung zu
    nehmen . Es ist wirklich nicht nur eine europäische Ange-
    legenheit, sondern die ganze Welt ist hier verantwortlich .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Deshalb werde ich am 4 . Februar 2016 gemeinsam mit
    David Cameron, der norwegischen Premierministerin
    Erna Solberg und dem Emir von Kuwait eine Konferenz
    in London durchführen, wo es genau um die humanitäre
    Unterstützung geht, damit wir am Ende des Jahres 2016
    nicht wieder so dastehen wie am Ende des Jahres 2015 .

    Wenn wir über internationale Anstrengungen zur Be-
    wältigung der Flüchtlingskrise sprechen, ist die Türkei
    ein Schlüsselpartner für die Europäische Union . Die Tür-
    kei ist unser Nachbar . Sie liegt an der anderen Seite unse-
    rer Außengrenze . Schauen wir uns einmal die Nachbarn
    der Türkei an . Das sind der Iran, der Irak und Syrien . Das
    sind Länder, die wir entweder dringend benötigen für die
    Lösung des Konflikts in Syrien oder in denen der IS be-
    reits Teile des Landes beherrscht . Aus diesem Grund hat
    die Türkei mit mehr als 2 Millionen Flüchtlingen aus Sy-

    rien und Irak eine große Aufgabe zu bewältigen . Ich will
    an dieser Stelle allerdings Jordanien und den Libanon
    nicht vergessen . Was diese Länder leisten, ist bemerkens-
    wert und sollte uns ab und zu nachdenklich stimmen .


    (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)


    Ich glaube aber, gerade am Beispiel der Türkei wird klar,
    dass es in unserem ureigenen Interesse liegt, dass die Tür-
    kei die Bewältigung der Aufgabe, die Flüchtlinge zu be-
    herbergen, meistern kann . Wenn wir wieder zu geordne-
    ten und rechtlichen Verhältnissen an den Außengrenzen
    der Europäischen Union kommen wollen, dann bedarf es
    einer Kooperation mit der Türkei . Donald Tusk hat zu
    einem EU-Türkei-Gipfel am Sonntag eingeladen . Wir
    arbeiten an einer gemeinsamen Agenda, die aufbaut auf
    dem Gedanken guter nachbarschaftlicher Beziehungen .
    Da spielt natürlich die Öffnung von Kapiteln im Zusam-
    menhang mit dem Beitrittsprozess eine Rolle . Da spielt
    auch das Thema Visaliberalisierung eine Rolle . Für uns
    spielt es eine Rolle, dass wir ein Rückführungsabkom-
    men wollen, das nicht nur zum Ziel hat, dass türkische
    Bürger in die Türkei zurückgenommen werden, sondern
    uns auch in die Lage versetzt, Bürger von Drittstaaten in
    die Türkei zurückzuschicken . Aber wir haben hier eine
    gemeinsame Verantwortung .

    Ich möchte daran erinnern: Gestern hat der NATO-Rat
    getagt angesichts des Abschusses des russischen Flug-
    zeuges . Die Türkei und Griechenland sind NATO-Mit-
    gliedstaaten . Aber im Verhältnis zwischen diesen beiden
    Partnern innerhalb der NATO herrscht im Augenblick Il-
    legalität auf der Ägäis . Es kann uns alle nicht kaltlassen,
    dass die falschen Leute aus dem Elend und dem Leid der
    Flüchtlinge noch ein Geschäft machen . Deshalb müssen
    wir Illegalität durch Legalität ersetzen . Das liegt in unse-
    rem Interesse und im Interesse der Türkei .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Das heißt wirksamer Schutz in Kooperation mit der Tür-
    kei an der Außengrenze, Bekämpfung der Schleuserkri-
    minalität und Verbesserung der Perspektiven der Flücht-
    linge in der Türkei, was ihre Lebenssituation angeht . Das
    erfordert von uns Unterstützung auf materielle Art und
    Weise, auch durch Geld . Die Türkei hat bereits 7 Milliar-
    den bis 8 Milliarden Euro ausgegeben . Sie hat 700 Mil-
    lionen Euro als internationale Unterstützung bekommen .
    Die Türkei hat gesagt: Ihr als unsere Nachbarn müsst uns
    bei der Bewältigung dieser Aufgabe auch helfen . – Ich
    finde das ist richtig. Deshalb wird das Teil der EU-Tür-
    kei-Migrationsagenda sein .

    Zweitens – auch das gehört dazu – wird es darum ge-
    hen, wie wir auch durch legale Kontingente einen Beitrag
    dazu leisten können, dass die Türkei entlastet wird . Des-
    halb sind solche europaweit zu vereinbarende Kontin-
    gente ein Weg, aus Illegalität Legalität zu machen, aber
    auch die Prozesse besser zu ordnen und zu steuern und
    in Kombination mit der Bekämpfung der Fluchtursachen

    Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel






    (A) (C)



    (B) (D)


    dann auch die Zahl der bei uns ankommenden Flüchtlin-
    ge zu reduzieren . Auch das ist unser Ziel .


    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Diese Aufgabe, wie ich sie jetzt dargestellt habe, erfor-
    dert natürlich Kraft, sie erfordert auch ein Stück Geduld,
    und sie erfordert Nachdruck . Das ist aber nach meiner
    festen Auffassung der Weg, den wir beschreiten müssen,
    um die Probleme zu lösen; denn die simple Abschottung
    wird nicht unser Problem lösen .

    Dazu brauchen wir die Europäische Union als Gan-
    zes . Die Erscheinung Europas ist im Augenblick verbes-
    serungsmöglich, sage ich einmal .


    (Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)


    Wir wissen, dass man in Europa oft einen langen Atem
    braucht, wir wissen, dass man oft dicke Bretter bohren
    muss, aber wir alle spüren: Wir stehen hier schon an ei-
    ner entscheidenden Stelle . Wir haben die internationale
    Finanzkrise bewältigt,


    (Dr . Anton Hofreiter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Na ja!)


    wir haben die Euro-Krise in großen Teilen gelöst . Wir
    sind noch nicht ganz am Ende; die Lehren haben wir
    noch nicht daraus gezogen .

    Jetzt ist sozusagen der zweite Pfeiler der europäischen
    Integration in einer sehr schwierigen Situation . Es geht
    um die Frage, wie wir mit den innereuropäischen Frei-
    heiten umgehen . Dafür steht der Schengen-Raum, dafür
    steht, dass wir vor Jahren im Vertrauen aufeinander die
    eigentlichen Grenzkontrollen an die Außengrenzen der
    Europäischen Union abgegeben haben . Ähnlich wie bei
    der Wirtschafts- und Währungsunion ist man auch bei
    diesem Schritt, der Schaffung des Schengen-Raums, im
    Grunde nicht ganz bis zum Ende dessen gegangen, was
    man hätte politisch lösen müssen .

    Bei der Wirtschafts- und Währungsunion hat man
    zwar den Stabilitäts- und Wachstumspakt gemacht, aber
    wir haben uns nicht ausreichend darüber verständigt, in
    welche Richtung sich unsere Volkswirtschaften wirklich
    entwickeln wollen und welche Befugnisse die Europäi-
    sche Kommission hat, wenn das in die falsche Richtung
    läuft .

    Bei der Schaffung des Schengen-Raums und der Ver-
    lagerung der Kontrollen auf die Außengrenzen hat man
    den letzten Schritt, nämlich sich darüber Gedanken zu
    machen, wie denn bei einem Bewährungsdruck, einem
    großen Druck auf die Außengrenzen, die Solidarität in-
    nerhalb der Europäischen Union aussieht, wie denn die
    Mandate aussehen, wie denn die Verteilung aussieht,
    nicht getan . Darüber hat man sich nicht geeinigt .

    Genauso wie wir für die nachhaltige Erhaltung des
    Euros die letzten Schritte gehen müssen, müssen wir jetzt
    auch hier die nächsten Schritte gehen, weil sich erwie-
    sen hat, dass das derzeitige System allein nicht ausreicht .
    Deshalb ist eine solidarische Verteilung von Flüchtlingen
    je nach Wirtschaftskraft und Gegebenheiten, wobei die

    Bereitschaft zu einem permanenten Verteilungsmecha-
    nismus gegeben sein muss, nicht irgendeine Petitesse,
    sondern sie berührt die Frage, ob der Schengen-Raum
    auf Dauer aufrechterhalten werden kann .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Nun frage ich aber auch: Was ist unsere, die deutsche
    Rolle? Ist die deutsche Rolle die, als Erster zu sagen:
    „Das geht nicht“? Oder ist die deutsche Rolle, als größ-
    te Volkswirtschaft in der Mitte Europas zu sagen: „Wir
    probieren es immer wieder und wieder“? Wir erleben die
    Flüchtlingsbewegung in dieser Dramatik noch nicht ein-
    mal ein halbes Jahr . Wenn wir eines Tages gefragt wer-
    den: „Habt ihr einen EU-Türkei-Gipfel versucht, habt ihr
    versucht, eure Außengrenzen zu schützen, habt ihr ver-
    sucht, in Libyen eine Interimsregierung aufzubauen, habt
    ihr versucht, Hotspots aufzubauen“, und wir antworten:
    „Ein halbes Jahr hatten wir nicht die Kraft, ein halbes
    Jahr lang war uns zu lang, wir haben das nicht gemacht“,
    dann würde ich sagen, dass wir einen Riesenfehler ge-
    macht haben . Das ist das, was nicht geht .


    (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Immerhin haben wir kleine Erfolge, auf denen wir
    aufbauen können . 160 000 Flüchtlinge, schutzbedürfti-
    ge Flüchtlinge, sollen aus den Hotspots verteilt werden .
    Der Aufbau der Hotspots gestaltet sich schwierig, aber es
    wäre nicht richtig, zu sagen, es geschehe gar nichts .

    Wir werden von deutscher Seite, von österreichischer
    Seite, von schwedischer Seite hier auch noch einmal
    Druck machen . Wir sind im ständigen Gespräch mit
    der griechischen Regierung . Dafür will ich werben . Ich
    glaube, wir brauchen die Hotspots; ich bin überzeugt,
    wir brauchen sie . Sie sind inbegriffen in den Schutz der
    Außengrenzen .

    Aber wer sagt: „Ihr baut jetzt für 50 000 oder viel-
    leicht noch mehr Menschen Unterkünfte; ihr müsst nicht
    nur registrieren, sondern ihr müsst von dort aus auch die
    Rückführung vornehmen, wenn die Bleibewahrschein-
    lichkeit klein ist, und ihr müsst die Verteilung durch-
    führen“ – obwohl Griechenland nicht genau weiß, mit
    welcher Begeisterung die anderen europäischen Mit-
    gliedstaaten Griechenland die Flüchtlinge abnehmen –,
    muss bedenken: Nur wenn die innereuropäische Solida-
    rität wirklich sicher ist, wird man mit Engagement und
    Leidenschaft solche Hotspots in seinem eigenen Land
    aufbauen . So hängen die Dinge eben sehr eng zusammen,
    und trotzdem gibt es aus meiner Sicht dazu keine ver-
    nünftige Alternative . Deshalb werden wir mit Hochdruck
    daran arbeiten .

    Natürlich haben wir nationale Aufgaben . Auch da
    muss man im Übrigen feststellen, dass wir vieles in
    ziemlich kurzer Zeit zustande gebracht haben . Was lei-
    tet uns dabei? Dabei leitet uns der Grundsatz, dass die,
    die bei uns Schutz bekommen müssen – nach der Genfer
    Flüchtlingskonvention, die allerwenigsten ja nach dem
    Asylrecht, oder nach dem subsidiären Schutz –, von uns
    eine Bleibeperspektive bekommen, und zwar je schnel-

    Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel






    (A) (C)



    (B) (D)


    ler, umso besser, um dann auch die notwendigen Integra-
    tionsschritte einleiten zu können .


    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)


    Aber die Bürgerinnen und Bürger sagen mit Recht
    auch: Wenn wir ein Rechtsstaat sind, wenn wir ein groß-
    zügiges Asylrecht haben, wenn wir die Genfer Flücht-
    lingskonvention einhalten wollen, wenn wir subsidiären
    Schutz geben, wenn wir auch noch viele Duldungen
    ermöglichen, dann erwarten wir aber auch, dass dieje-
    nigen, die in einem ebenso rechtsstaatlichen Verfahren
    als Bewerber auf einen Schutzstatus abgelehnt wurden,
    das Land wieder verlassen müssen, damit die, die Schutz
    brauchen, diesen Schutz von uns bekommen .


    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Darum drehen sich viele unserer Maßnahmen . Denn
    die Menschen werden sagen: Okay, wenn schon be-
    stimmte rechtliche Vorschriften an der Außengrenze
    nicht eingehalten werden können, dann erwarten wir
    doch wenigstens, dass in Deutschland das, was zur Ord-
    nung und Steuerung getan werden kann, getan wird .

    Deshalb war der Schritt richtig, dafür zu sorgen, dass
    Herr Weise das Bundesamt für Migration und Flüchtlin-
    ge zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit leitet .
    Das ist nicht nur deshalb richtig, weil die Bearbeitungs-
    prozesse jetzt beschleunigt werden können, da die Bun-
    desagentur für Arbeit aus der Zeit von 5 Millionen Ar-
    beitslosen über große Fähigkeiten und auch Erfahrungen
    verfügt, wie man mit einer großen Zahl von Menschen
    solche Prozesse vernünftig organisiert, sondern auch,
    weil wir damit sicherstellen, dass der Weg für die, die ei-
    nen Schutzstatus haben, in die Integration in den Arbeits-
    markt sehr gut funktionieren kann, weil wir hier keine
    Doppelarbeit mehr machen . Ich bin sowohl Thomas de
    Maizière als auch Andrea Nahles sehr dankbar, dass sie
    ohne die üblichen Fragen „Was ist meins, was ist deins,
    und was könnte mir verloren gehen?“ diesem Schritt zu-
    gestimmt haben . Das war ein Beispiel für tolle, schnelle
    und wirklich effiziente Politik.


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


    Alle unsere Maßnahmen, die wir jetzt ergriffen haben
    und die wir noch umsetzen werden, haben im Grunde das
    Ziel, eine schnellere Abarbeitung der Asylanträge zu er-
    möglichen . Sie haben das Ziel, Kommunen, Bund und
    Ländern eine Verantwortungsgemeinschaft zu geben, so
    wie wir es jetzt mit der Übernahme von Kosten bei der
    Umsetzung des Asylbewerberleistungsgesetzes gemacht
    haben . Damit ist der Bund in einer völlig neuen Verant-
    wortung, wie er sie im Zusammenhang mit Asylbewer-
    bern nie hatte . Wir haben materielle Anreize verringert,
    die dazu beitragen könnten, dass Flüchtlinge hierbleiben
    und versuchen, immer wieder Gründe dafür zu finden,
    dass sie nicht ausreisen müssen . Wir haben deutliche Er-
    folge bei der Rückführung der Flüchtlinge des westlichen
    Balkans . Wir haben jetzt die ersten Rückführungen auf
    der Grundlage des Laissez-Passer-Verfahrens vorgenom-
    men . Das heißt, auch wenn Pässe nicht da sind, kann eine
    Rückführung erfolgen . Die Balkanstaaten haben ihre

    Bereitschaft zur Aufnahme erklärt . Wir haben als Bund
    die Verantwortung übernommen und haben gesagt: Bei
    den Rückführungen der abgelehnten Asylbewerber wird
    der Bund die Passangelegenheiten regeln, weil es für die
    Länder zum Teil natürlich schwer ist, jeweils Pässe von
    Ländern wie Burkina Faso oder Bangladesch zu besor-
    gen . All das sind notwendige Maßnahmen, genauso wie
    die Beschleunigung der Asylverfahren notwendig sind .

    Ich denke, nachdem Bundestag und Bundesrat das
    Asylpaket I in einem ziemlich guten Tempo beschlos-
    sen haben, werden wir uns in den nächsten Tagen auch
    auf das Asylpaket II, dem wir noch einige Maßnahmen
    hinzufügen werden, einigen können; denn auch hiermit
    werden wichtige Dinge geregelt .

    Wir müssen schon über diese Fragen sprechen . Es
    ist ein Unterschied, ob man 30 000 Asylbewerber hat
    oder 800 000 . Es muss geklärt werden: Wer braucht den
    Schutz, und wer muss unser Land wieder verlassen?

    Meine Damen und Herren, deshalb ist noch etwas
    ganz wichtig: Es wäre ein geradezu tolles Beispiel fö-
    deraler Zusammenarbeit, wenn es gelingen würde, ei-
    nen einheitlichen Flüchtlingsausweis zu haben, den der
    Flüchtling immer wieder vorzeigen kann – beim Antrag
    in der Kommune, bei Landesangelegenheiten und bei
    Fragen des BAMF, bei den Gerichten und bei der Bun-
    desagentur für Arbeit –, sodass nicht doppelt, dreifach,
    vierfach und fünffach Registrierungen erfolgen .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


    Das wäre vernünftig . Dass wir erst eine Flüchtlingskrise
    brauchen, um so etwas zu schaffen, gehört auch zu den
    Besonderheiten Deutschlands . Da sieht man: In Krisen
    können auch Chancen liegen . Das, glaube ich, wird uns
    auch später noch bewusst werden .

    Natürlich ist da noch das Thema der Integration . Wenn
    in Syrien einmal Frieden wäre, dann würden viele de-
    rer, die heute einen Aufenthaltsstatus nach der Genfer
    Flüchtlingskonvention haben, auch wieder zurück in ihre
    Heimat gehen .


    (Volker Kauder [CDU/CSU]: Ja, richtig!)


    Ich plädiere auch dafür, dass wir ihnen nicht einreden,
    dass sie das nicht tun sollten;


    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


    denn die Idee, dass man auf der Welt nur in Deutschland
    gut leben kann, wird von den 7 Milliarden Weltenbürgern
    nicht geteilt . Das geht von ganz einfachen Fragen des
    Klimas bis hin zu Ausbildung, Verwandtschaft, Bekannt-
    schaft und Freunden – niemand verlässt leichtfertig sein
    Land . Wenn die Bedingungen, in dieses Land zurück-
    zukehren, wieder gegeben sind, dann haben wir und die
    Flüchtlinge einen Riesenerfolg gemeinsam erreicht . Des-
    halb gilt der Aufenthaltsstatus nach der Genfer Flücht-
    lingskonvention auch erst einmal nur für drei Jahre . Aber
    wir wissen nicht, wie die Zukunft ist, und deshalb plä-
    diere ich dringend dafür, schnell mit der Integration zu

    Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel






    (A) (C)



    (B) (D)


    beginnen; denn alles, was man hier lernt, kann man in
    jedem Leben nutzen – sowohl bei uns als auch in Syrien .


    (Beifall im ganzen Hause)


    Ich sage ganz ausdrücklich: Wir machen Angebote zur
    Integration . Gemessen an dem, was sonst auf der Welt
    bezüglich der Integration von Flüchtlingen passiert, kön-
    nen wir, würde ich mal sagen, stolz auf das sein, was wir
    anbieten: Integrationskurse, Sprachkurse, Einarbeitung
    in die Arbeitswelt, Praktika und vieles andere mehr . Ich
    bedanke mich auch bei der deutschen Wirtschaft, dass sie
    ihre Bereitschaft, sich diesem Thema zu öffnen, von An-
    fang an ganz offen gezeigt hat .

    Aber wir müssen auch sagen: Wir erwarten von den
    Menschen, die zu uns kommen, die bei uns Schutz be-
    kommen, dass sie – das steht im Übrigen schon in der
    Genfer Flüchtlingskonvention – unsere Werteordnung,
    unsere gesetzliche Ordnung akzeptieren und dass sie
    auch ihren aktiven Beitrag dazu leisten, sich im Land zu
    integrieren . Die Sprache hat dabei einen zentralen Wert .
    Diese Erwartung müssen und dürfen wir auch klar aus-
    sprechen .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)


    Dass wir die Flüchtlingsaufgabe stemmen können,
    hängt auch damit zusammen, dass wir in den letzten Jah-
    ren gut gewirtschaftet haben . Dass es trotz einer solchen
    Aufgabe, trotz völlig neuer Aufgaben des Bundes mög-
    lich ist, jetzt hier im November einen Haushalt für 2016
    zu beschließen, der weiterhin ein ausgeglichener Haus-
    halt ist, das spricht für unsere wirtschaftliche Stärke,
    und das spricht dafür, dass man gut wirtschaften soll, um
    nicht voraussehbare oder nicht vorhergesehene Aufgaben
    meistern zu können .

    Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat gestern
    gesagt: Wir werden im nächsten Jahr natürlich ein Stück
    auf Sicht fahren . – Aber das Ziel eines ausgeglichenen
    Haushalts, im Übrigen keine Eintagsfliege, sondern jetzt
    zum dritten Mal hintereinander geschafft, ist etwas, was
    wir nicht aufgeben sollten . Das sage ich ganz klar .


    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Wenn es sachliche Gründe gibt, darf man sich nie ein-
    mauern, aber man darf jetzt auch nicht so tun, als ob die
    Flüchtlingsaufgabe ein guter Grund ist, von allen Grund-
    sätzen von früher abzuweichen . Das wird sicherlich noch
    manche Diskussion erfordern .

    Wir haben eine Rekordbeschäftigung von 43,4 Milli-
    onen . Wir haben einen Rekord bei den sozialversiche-
    rungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen. Wir ha-
    ben ihn – das sage ich auch mit Blick auf meine eigenen
    Befürchtungen; daraus mache ich gar keinen Hehl – trotz
    des Mindestlohns, und das ist eine gute Bilanz . Dass wir
    die geringste Zahl von jugendlichen Arbeitslosen haben,
    ist auch gut .

    Trotzdem dürfen wir auch angesichts der Tatsache der
    Flüchtlinge die 2,79 Millionen Arbeitslosen in Deutsch-
    land nicht vergessen, und das kann uns nicht ruhen las-

    sen . Gerade den vielen, die unter 30 oder auch unter 35
    sind, können wir nicht sagen: Passt mal auf, die einzige
    Möglichkeit, die wir für euch noch im Blick haben, sind
    viele Jahre Hartz IV . – Deshalb unterstütze ich alle Be-
    mühungen, auch das nicht aus dem Blick zu nehmen und
    immer wieder zu schauen, wie wir Menschen helfen kön-
    nen, in den Arbeitsprozess zu kommen, die schon lange
    bei uns leben .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie des Abg . Cem Özdemir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


    Wir müssen jetzt natürlich auch aufpassen – das ha-
    ben wir oft besprochen –, dass wir nicht Konkurrenzen
    zwischen denen bekommen, die den Weg in den Arbeits-
    markt bei uns über Jahre nicht gefunden haben, und de-
    nen, die Flüchtlinge sind . Das ist auch ein Beitrag zum
    gesellschaftlichen Frieden . Deshalb müssen die Anstren-
    gungen bei denen, die schon viele Jahre bei uns sind, im
    Grunde genauso verstärkt werden, wie die Anstrengun-
    gen bei der Integration der Flüchtlinge .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie des Abg . Cem Özdemir [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])


    Angesichts der großen Aufgaben, die wir haben und
    die uns täglich beschäftigen, geraten Dinge, die sonst
    geradezu revolutionär gewesen wären, etwas in den Hin-
    tergrund . Ich will an dieser Stelle nur an all die Maßnah-
    men erinnern, die wir im Zusammenhang mit der Pflege-
    versicherung unternommen haben: die beiden Gesetze,
    den neuen Pflegebegriff – ein jahrelanges Projekt –, die
    Frage der Verbesserung der Palliativmedizin – nach der
    neulich sehr beeindruckenden Diskussion natürlich auch
    im Zusammenhang mit Sterbehilfe – und natürlich auch
    die Maßnahmen, die wir im Bereich des Krankenhauses
    unternommen haben; also alles Dinge, die unsere soziale
    Absicherung noch einmal zukunftsfester machen und die
    auf die Aufgaben aufgrund des demografischen Wandels
    eingehen .

    Erinnern will ich auch an die Beschlüsse – darüber
    haben wir neulich gerade mit Herrn Gabriel im Kabinett
    gesprochen –, die wir zur Energie- und Klimawende ge-
    fasst haben . Über all diese Energiebeschlüsse hätten wir
    sicherlich kontrovers diskutiert . Aber sie wären sozusa-
    gen ein ganz anderes Thema gewesen, weil wir hier in
    der Tat die Wende zu einer neuen Energiepolitik, aber
    auch die Annäherung an marktwirtschaftliche Mechanis-
    men im Zusammenhang mit den erneuerbaren Energien
    sehr stetig, sehr beständig vollziehen . Wir werden ja im
    nächsten Jahr noch einmal einen schönen Kraftakt haben,
    wenn es um die nächste Reform des Erneuerbare-Energi-
    en-Gesetzes und um die Ausschreibung der zukünftigen
    Volumina geht . Das wird sicherlich noch eine harte Auf-
    gabe werden .

    Wir haben eine anspruchsvolle digitale Agenda, bei
    der wir vorangekommen sind . Wir haben – allen Augu-
    renrufen zum Trotz – die Frequenzen versteigert . Das
    war gar nicht so einfach, und es war nicht absehbar, ob
    das so schnell gelingt . Wir haben damit Fördermittel für
    den Ausbau der Breitbandanbindung . Wenn man vor ein,
    anderthalb Jahren noch gefragt hat: „Wird Alexander

    Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel






    (A) (C)



    (B) (D)


    Dobrindt es schaffen, dass wir unser Ziel, 50 MBit pro
    Sekunde bis 2018, wirklich erreichen?“, so redet man
    heute darüber, dass wir mehr brauchen .


    (Unruhe beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)


    Okay . Aber keiner fragt mehr, ob wir das schaffen, und
    das ist doch auch einmal eine gute Botschaft .


    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Wir haben unser Wort gehalten bei den Ausgaben für
    Forschung und Entwicklung . Wir liegen mit 14,5 Milli-
    arden Euro in 2015 in der Spitzengruppe der Europäi-
    schen Union . Jeder spürt ja, dass die Entwicklung eines
    verlässlichen Deutschlands in der gesamten Forschungs-
    landschaft viele Forscher aus dem Ausland wieder zu uns
    gebracht hat, sowohl im außeruniversitären Bereich als
    auch im universitären Bereich .

    An der Stelle will ich dann doch noch sagen – Eckhardt
    Rehberg hat es bei der gestrigen Debatte über den Fi-
    nanzhaushalt sehr ausführlich gemacht –: Unser Beitrag
    dort, wo es notwendig ist und wo unsere Bundesziele be-
    troffen sind, dass zum Beispiel universitäre Forschung
    nicht absackt gegenüber außeruniversitärer Forschung,
    indem wir dann das BAföG übernommen haben, unsere
    Beiträge zur Unterstützung von Kommunen und Ländern
    sind so groß wie bei keiner Bundesregierung zuvor .

    Da ich weiß, dass es ja immer weitere Forderungen
    geben wird, will ich sagen: Wir können erst einmal stolz
    sein auf das, was wir machen, und sollten uns da wirklich
    den Schneid nicht abkaufen lassen . Es ist unglaublich,
    was da ging .


    (Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)


    Abschließend, liebe Kolleginnen und Kollegen, wie-
    der eine Rückkehr zu einem globalen Thema . Am Mon-
    tag beginnt in Paris die Klimakonferenz . Die Frage, wie
    wir mit dem Klimawandel umgehen, wie wir ihn bewäl-
    tigen, inwieweit wir eine Hoffnung haben auf die Einhal-
    tung des Ziels, dass die Erderwärmung nicht größer als
    2 Grad ist, wird für zukünftige Generationen viel zum
    Umgang mit der Frage von Flucht und Fluchtursachen
    beitragen .

    Wir haben eine Konferenz in Paris, die gut vorberei-
    tet ist, besser als die in Kopenhagen . Ich möchte Frau
    Hendricks und ihrem Team danken . Wenn ich mit dem
    französischen Präsidenten spreche, wird immer wieder
    auch gesagt, wie gut wir hier deutsch-französische Zu-
    sammenarbeit ganz praktisch zeigen . Ich möchte auch
    dem Entwicklungsminister für seine Beiträge im Zusam-
    menhang mit dem Klimaschutz danken . So wird jetzt
    auf dieser Pariser Konferenz 14 Tage lang sehr intensiv
    darüber gesprochen, ob es einen Pfad gibt, den wir dort
    einschlagen können und der uns glaubwürdig hin zur Er-
    reichung des 2-Grad-Zieles führt .

    Wir haben Abstriche machen müssen, wenn man das
    Kioto-Protokoll als durchgehend völkerrechtlich ver-
    bindlichen Plan mit verbindlichen Reduktionszielen
    sieht . Im Gegenzug haben wir aber doch bemerkenswerte
    Verpflichtungen von etwa 130 Ländern – ich kenne die
    im Moment aktuelle Zahl nicht –, die jetzt ihren Bei-

    trag zum Klimaschutz der Öffentlichkeit präsentieren .
    Der bemerkenswerteste dabei ist vielleicht der chinesi-
    sche: Das erste Schwellenland macht hier deutlich, dass
    es bereit ist, seine CO2-Emissionen zu reduzieren . Das
    zielt auf das Jahr 2030; das ist noch lange hin . Aber im-
    merhin – ich denke nur einmal an die Diskussionen vor
    zehn Jahren, als es noch einen unglaublichen Gegensatz
    zwischen Industrie- und Schwellenländern gab –, sehen
    wir da Fortschritte . Jetzt müssen wir es schaffen, völker-
    rechtlich verbindlich einen Überprüfungsmechanismus
    zu verabreden, damit glaubwürdig vermittelt werden
    kann, dass dieses Jahrhundert ein Jahrhundert der schritt-
    weisen Dekarbonisierung ist .


    (Beifall der Abg . Dr . Daniela De Ridder [SPD])


    Deutschland wird sich hier intensiv einbringen . Ich
    hoffe auf einen Erfolg dieser Klimakonferenz . Sie könnte
    auch ein wunderbares Signal gegen Terror, gegen Krieg
    und zur Bekämpfung der Fluchtursachen sein .


    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)


    Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und
    Kollegen, selten haben wir so hautnah erlebt, wie unser
    eigenes deutsches Handeln und Tun in eine globale Welt
    eingebettet ist . Dieses Jahr hat uns in umfänglicher Weise
    bewusst gemacht: Wir leben in einer gemeinsamen Welt .
    Wir können, wenn jeder seinen Beitrag leistet, in Zu-
    sammenarbeit die Probleme bewältigen . – Ich bin davon
    überzeugt, oder andersherum: Wir schaffen das . Aber es
    wird vieler Anstrengungen bedürfen und auch eines ho-
    hen Maßes an neuem Denken .

    Herzlichen Dank .


    (Langanhaltender Beifall bei der CDU/CSU – Beifall bei der SPD)