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    Plenarprotokoll 12/135 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 135. Sitzung Bonn, Freitag, den 22. Januar 1993 Inhalt: Zusatztagesordnungspunkt 9: Eidesleistung von Bundesministern Präsidentin Dr. Rita Süssmuth 11711A Dr. Günter Rexrodt, Bundesminister BMWi 11711B Jochen Borchert, Bundesminister BML 11711D Dr. Wolfgang Bötsch, Bundesminister BMPT 11711D Matthias Wissmann, Bundesminister BMFT 11712A Dank an die ausgeschiedenen Bundesmini- ster Ignaz Kiechle, Jürgen W. Möllemann und Dr. Heinz Riesenhuber 11712A Wahl des Abgeordneten Dr. Paul Hoffacker zum ordentlichen Mitglied in den Vermittlungsausschuß an Stelle des ausgeschiedenen Abgeordneten Bernhard Jagoda . . 11712B Tagesordnungspunkt 11: a) Beratung der ersten Beschlußempfehlung und des ersten Teilberichts des 1. Untersuchungsausschusses nach Artikel 44 des Grundgesetzes b) Beratung der zweiten Beschlußempfehlung und des zweiten Teilberichts des 1. Untersuchungsausschusses nach Artikel 44 des Grundgesetzes (Drucksachen 12/654, 12/662, 12/3462, 12/3920) Friedrich Vogel (Ennepetal) CDU/CSU . 11712C Dr. Andreas von Bülow SPD 11714 A Arno Schmidt (Dresden) F.D.P. . . . . 11716 B Andrea Lederer PDS/Linke Liste 11718C, 11723D Ingrid Köppe BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 11720C Reiner Krziskewitz CDU/CSU . 11722A, 11724 C Dr. Axel Wernitz SPD 11724 D Jörg van Essen F.D.P. 11726A Heinz-Jürgen Kronberg CDU/CSU . . 11727A Volker Neumann (Bramsche) SPD . . . 11728C Joachim Hörster CDU/CSU 11730 C Friedhelm Julius Beucher SPD . . . 11733D Hans-Joachim Hacker SPD 11734 D Zusatztagesordnungspunkt 10: Beratung des Antrags der Fraktionen der CDU/CSU, SPD und F.D.P.: Einsetzung eines Ausschusses Treuhandanstalt (Drucksache 12/4153) Arnulf Kriedner CDU/CSU 11737 B Hinrich Kuessner SPD 11738 C Jürgen Türk F.D.P. 11740A Dr. Dagmar Enkelmann PDS/Linke Liste 11741A Werner Schulz (Berlin) BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 11741D Zusatztagesordnungspunkt 11: Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über die Anpassung von Dienst- und Versorgungsbezügen in Bund und Ländern 1992 — Bundesbesoldungs- und -versorgungsanpassungsgesetz 1992 — (Drucksachen 12/3629, 12/4165, 12/4169) 11742B II Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 135. Sitzung. Bonn, Freitag, den 22. Januar 1993 Tagesordnungspunkt 12: Beratung der Großen Anfrage der Abgeordneten Dr. Barbara Höll, Dr. Ursula Fischer, Dr. Uwe-Jens Heuer, weiterer Abgeordneter und der Gruppe der PDS/ Linke Liste: Bildungs- und Wissenschaftspolitik der Bundesregierung (Drucksachen 12/2047, 12/3492) Dr. Dietmar Keller PDS/Linke Liste . . . 11742D Dr.-Ing. Rainer Jork CDU/CSU 11744 B Doris Odendahl SPD 11745B Dr. Rainer Ortleb, Bundesminister BMBW 11746D Alois Graf von Waldburg-Zeil CDU/CSU 11747C Dr. Christoph Schnittler F.D.P. . . . . . 11747 D Tagesordnungspunkt 13: Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Uwe Jens, Wolfgang Roth, Harald B. Schäfer (Offenburg), weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Anpassung des Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft an die neuen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Anforderungen (Drucksache 12/1572) Dr. Uwe Jens SPD 11748D Friedhelm Ost CDU/CSU 11751B Bernd Henn PDS/Linke Liste 11754 C Marita Sehn F.D.P. 11756 B Werner Schulz (Berlin) BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 11758B Ernst Hinsken CDU/CSU 11759 D Ernst Schwanhold SPD 11762 B Rainer Haungs CDU/CSU 11763 D Ernst Schwanhold SPD 11765 B Dr. Ulrich Briefs fraktionslos 11767 A Michael Müller (Düsseldorf) SPD . . . 11767D Dr. Heinrich L. Kolb, Parl. Staatssekretär BMWi 11769D Otto Schily SPD 11771A Nächste Sitzung 11773 C Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten 11774' A Anlage 2 Amtliche Mitteilungen 11774 D Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 135. Sitzung. Bonn, Freitag, den 22. Januar 1993 11711 135. Sitzung Bonn, den 22. Januar 1993 Beginn: 9.00 Uhr
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    Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Böhm (Melsungen), CDU/CSU 22. 1. 93* Wilfried Dr. Böhmer, Maria CDU/CSU 22. 1. 93 Brandt-Elsweier, Anni SPD 22. 1. 93 Eylmann, Horst CDU/CSU 22. 1. 93 Eymer, Anke CDU/CSU 22. 1. 93 Gallus, Georg F.D.P. 22. 1. 93 Gattermann, Hans H. F.D.P. 22. 1. 93 Dr. Geißler, Heiner CDU/CSU 22. 1. 93 Gerster (Mainz), CDU/CSU 22. 1. 93 Johannes Graf, Günter SPD 22. 1. 93 Großmann, Achim SPD 22. 1. 93 Grünbeck, Josef F.D.P. 22. 1. 93 Günther (Plauen), F.D.P. 22. 1. 93 Joachim Dr. Gysi, Gregor PDS/LL 22. 1. 93 Hackel, Heinz-Dieter F.D.P. 22. 1. 93 Haschke CDU/CSU 22. 1.93 (Großhennersdorf), Gottfried Hasenfratz, Klaus SPD 22. 1. 93 Dr. Haussmann, Helmut F.D.P. 22. 1. 93 Heyenn, Günther SPD 22. 1. 93 Hiller (Lübeck), Reinhold SPD 22. 1. 93 Hilsberg, Stephan SPD 22. 1. 93 Jaunich, Horst SPD 22. 1. 93 Karwatzki, Irmgard CDU/CSU 22. 1. 93 Koschnick, Hans SPD 22. 1. 93 Dr. Lieberoth, Immo CDU/CSU 22. 1. 93 Dr. Lippold (Offenbach), CDU/CSU 22. 1. 93 Klaus W. Lowack, Ortwin fraktionslos 22. 1. 93 Dr. Mahlo, Dietrich CDU/CSU 22. 1. 93 Marx, Done SPD 22. 1. 93 Dr. Matterne, Dietmar SPD 22. 1. 93 Meckelburg, Wolfgang CDU/CSU 22. 1. 93 Dr. Menzel, Bruno F.D.P. 22. 1. 93 Dr. Meyer (Ulm), Jürgen SPD 22. 1. 93 Mischnick, Wolfgang F.D.P. 22. 1. 93 Mosdorf, Siegmar SPD 22. 1. 93 Müller (Wadern), CDU/CSU 22. 1. 93 Hans-Werner Dr. Neuling, Christian CDU/CSU 22. 1. 93 Oesinghaus, Günther SPD 22. 1. 93 Otto (Frankfurt), F.D.P. 22. 1. 93 Hans-Joachim Pfeifer, Anton CDU/CSU 22. 1. 93 Rahardt-Vahldieck, CDU/CSU 22. 1. 93 Susanne Reimann, Manfred SPD 22. 1. 93 Rempe, Walter SPD 22. 1. 93 Reschke, Otto SPD 22. 1. 93 Reuschenbach, Peter W. SPD 22. 1. 93 Anlagen zum Stenographischen Bericht Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Rixe, Günter SPD 22. 1. 93 Roitzsch (Quickborn), CDU/CSU 22. 1. 93 Ingrid Schmalz-Jacobsen, F.D.P. 22. 1. 93 Cornelia Schmidt (Mühlheim), CDU/CSU 22. 1. 93 Andreas Schmidt (Nürnberg), SPD 22. 1. 93 Renate Dr. Schnell, Emil SPD 22. 1. 93 Schuster, Hans F.D.P. 22. 1. 93 Dr. Semper, Sigrid F.D.P. 22. 1. 93 Simm, Erika SPD 22. 1. 93 Stübgen, Michael CDU/CSU 22. 1. 93 Thiele, Carl-Ludwig F.D.P. 22. 1. 93 Voigt (Frankfurt), SPD 22. 1. 93** Karsten D. Wartenberg (Berlin), SPD 22. 1. 93 Gerd Welt, Jochen SPD 22. 1. 93 Dr. Wieczorek, Norbert SPD 22. 1. 93 Wohlrabe, Jürgen CDU/CSU 22. 1. 93 *für die Teilnahme an Sitzungen der Parlamentarischen Versammlung des Europarates **für die Teilnahme an Sitzungen der Nordatlantischen Versammlung Anlage 2 Amtliche Mitteilungen Der Bundesrat hat in seiner Sitzung am 14. Januar 1993 beschlossen, zu dem nachstehenden Gesetz einen Antrag gemäß Art. 77 Abs. 2 GG nicht zu stellen: Gesetz zur Änderung des Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuches, der Strafprozeßordnung und des Versammlungsgesetzes und zur Einführung einer Kronzeugenregelung bei terroristischen Straftaten (Kronzeugen-Verlängerungs-Gesetz) Die Vorsitzenden folgender Ausschüsse haben mitgeteilt, daß der Ausschuß gemäß § 80 Abs. 3 Satz 2 der Geschäftsordnung von einer Berichterstattung zu den nachstehenden Vorlagen absieht: Auswärtiger Ausschuß Drucksache 12/2602 Drucksache 12/2983 Drucksache 12/3370 Ausschuß für Verkehr Drucksache 12/3102 EG-Ausschuß Drucksache 12/3255 Die Vorsitzenden folgender Ausschüsse haben mitgeteilt, daß der Ausschuß die nachstehenden EG-Vorlagen zur Kenntnis genommen bzw. von einer Beratung abgesehen hat: Innenausschuß Drucksache 12/2257 Nr. 3.1 Ausschuß für Bildung und Wissenschaft Drucksache 12/3182 Nr. 70 Drucksache 12/3867 Nr. 2.23
  • insert_commentVorherige Rede als Kontext
    Rede von Heinz-Jürgen Kronberg


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (CDU/CSU)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)

    Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir heute über Kommerzielle Koordinierung, über Schalck-Golodkowski sprechen, müssen wir, denke ich, auch über die Staatssicherheit sprechen.
    Bei dieser Gelegenheit möchte ich an den Mut und vor allen Dingen an das Engagement derjenigen erinnern, die im Herbst 1989 die Staatssicherheitszentralen, anfänglich in Erfurt, dann bis hoch nach Rostock, besetzt und sie nicht nur gesichert haben, sondern auch die Akten aufgearbeitet haben, bis hin zum Zusammenlegen von Schnipseln bereits zerrissener Akten. Ich denke, wir vergessen allzu leicht, welchen Anteil diese Leute, die in den Bürgerkomitees gearbeitet haben, an der heutigen Aufklärung im Rahmen unserer Tätigkeit haben.

    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Wenn wir den Anfang der Kommerziellen Koordinierung anschauen, müssen wir sagen: Das war kein Kind der Marktwirtschaft. Es war die erste Bankrotterklärung der defizitären DDR-Planwirtschaft. Das ist die Wirklichkeit. Man hatte erkannt, daß die DDR-Wirtschaft nicht mehr in der Lage war, vernünftig und gewinnbringend zu wirtschaften. Vielmehr war sie defizitär. Daher waren dieses Wirtschaftssystem und vor allen Dingen die Kommerzielle Koordinierung ein besonders sensibler Bereich und damit auch für die Staatssicherheit sehr interessant.
    Das wird dadurch dokumentiert, daß von Anfang an, seit 1966, das MfS in die Arbeit von KoKo involviert war. Schon vor seiner Ernennung zum Leiter von KoKo informierte Schalck das damalige Mitglied des Politbüros Hermann Matern mit Schreiben vom 29. Dezember 1965 über den Stand der damals im Außenhandel erwirtschafteten Valuten. Ich zitiere:
    Dabei haben uns vor allem Vertrauensfirmen des
    MfS über die Firma Simon und die Firma Gerlach
    außerordentlich große Hilfe und Unterstützung gegeben.
    Die Unterstützung u. a. durch das Ministerium für Staatssicherheit bezeichnete er deshalb als notwendig — noch ein Zitat —,
    weil eine Reihe von Operationen, wie illegaler Warentransport, Versicherungsbetrug und andere streng geheimzuhaltende Maßnahmen
    nur einem sehr kleinen Personenkreis bekannt werden durfte.
    Was wir bisher nicht gefunden haben, sind Hinweise auf die inhaltliche Beeinflussung von seiten des MfS während der Gründung, im Gegensatz zu der alltäglichen Arbeit, wo sie um so massiver gewesen ist.
    Ein Beispiel haben wir diese Woche von einem ehemaligen Offizier der HVA, d. h. vom Hause Markus Wolf, gehört, der sagte:
    Es ging nicht nur um die diffizile Arbeit, sondern es ging auch um die globale Beschaffung für die Staatssicherheit. Mielke selbst hat Listen erstellt, hat sie Schalck selbst gegeben, und Schalck leitete diese weiter zu seinen Mitarbeitern, zur Beschaffung.
    Der Kontakt zwischen Schalck und Mielke beschränkte sich aber nicht nur auf das Arbeiten von KoKo. Es wurde vorhin schon erwähnt: Mielke war, obwohl er selbst nicht Doktor war, der Doktorvater von Schalcks Dissertation. Eine beachtliche Konstellation!

    (Friedrich Vogel [Ennepetal] [CDU/CSU]: Da haben wir Proletarier wenigstens Chancen gehabt!)

    — In der DDR war alles möglich. — Er hat sie aber nicht allein geschrieben, sondern — auch das ist beachtlich — zusammen mit Heinz Volpert, der Oberst war und zum Schluß zur führenden Ebene um Erich Mielke gehörte. Das Thema war — das wissen Sie genausogut wie wir — die Arbeit von KoKo an sich. Es war die theoretische Grundlage seiner Arbeit in der Kommerziellen Koordinierung.
    Die Staatssicherheit — um das einmal von der Struktur her zu sehen — hatte bei den ca. 100 Mitarbeitern, die in Berlin bei der KoKo beschäftigt waren, allein 19 Offiziere in besonderem Einsatz. Das heißt, jeder fünfte war Offizier in besonderem Einsatz, ganz zu schweigen von den IMs. Einer der Offiziere in besonderem Einsatz war Schalck selbst.
    Ein weiterer wichtiger Mann für das MfS war Manfred Seidel. Er war bereits 1966, als er zur KoKo kam, Oberst des MfS. Er war nicht nur der Leiter der Hauptabteilung 1, sondern er war der eigentliche Brückenkopf für das MfS im Bereich Kommerzielle Koordinierung. Ihm unterstanden, wirtschaftlich gesehen, u. a. die Firmen Asimex, Camet, F. C. Gerlach, Forgber, Interport und Intertechna. Operativ gesehen unterstanden sie der HVA, der Hauptverwaltung Aufklärung.
    Der Kollege Krziskewitz hat vorhin auch die Firma Kunst und Antiquitäten GmbH angeführt. Auch diese unterstand Manfred Seidel. Gerade an ihr wird deut-



    Heinz-Jürgen Kronberg
    lieh, daß es bei KoKo kein eng spezialisiertes Arbeiten gab. Vielmehr war es eine Zusammenarbeit zwischen der Kommerziellen Koordinierung, der Staatssicherheit, den öffentlichen Organen, z. B. der Volkspolizei, der Staatsverwaltung und der öffentlichen Rechtsprechung. Das heißt, der Bereich Kommerzielle Koordinierung hat nichts ausgelassen. Es war eine Krake, die bis in die letzte Ecke der DDR reichte.
    Ungefähr ab Mitte der 70er Jahre ist, wie wir feststellen müssen, die Zusammenarbeit zwischen KoKo und dem MfS dann immer enger geworden. 1983 wurde auf Betreiben von Schalck-Golodkowski die Arbeitsgruppe BKK, eine eigene MfS-Arbeitsgruppe speziell für diesen Bereich, gegründet. Schalck wurde es ganz einfach zuviel, unter der globalen Beobachtung des MfS zu stehen. Er erhoffte sich, damit die Informationen in dieser speziellen Arbeitsgruppe kanalisieren zu können.
    Ein Zeichen dafür ist der Befehl 14/83. Er zeigt die Unterstellung in allen Fragen der Sicherheit und der Nutzung unter die Person von Schalck-Golodkowski; in der Art des Bereiches für die politisch-operative Arbeit des MfS direkt unterstellt und verantwortlich.
    Das heißt: Ohne Schalcks Abnicken, ohne sein Ja-Wort war nichts möglich. Wenn man sich die Einzelbestimmungen durchliest, dann wird klar: Er hatte sogar Gestaltungsfreiraum; er hatte die Möglichkeit, freien Handlungsraum für die Arbeit des MfS innerhalb seines Betriebes zu nutzen.
    So war es beispielsweise nicht möglich, die Installation von Offizieren im besonderen Einsatz oder von IMs ohne seine Rücksprache oder gar sein Einverständnis zu bewerkstelligen. Das beweist, daß hier im wechselseitigen Interesse gearbeitet wurde.
    Wie uns Mitarbeiter bei den Befragungen mehrmals bestätigten, hat Schalck den Kontakt zu Mielke nicht nur dazu benutzt, seine Arbeit effizient gestalten zu können, sondern auch dazu, seine persönliche Bedeutung aufzupolieren.
    Ich denke mir, das ist Beweis genug für die Verstrikkungen zwischen MfS und dem Bereich Kommerzielle Koordinierung, die Schalck in seiner ersten Aussage so vehement bestritten hat.

    (Beifall bei der CDU/CSU, der F.D.P. und der SPD)

    Damit nicht genug: Ich denke, wir müssen uns natürlich auch nach den Schlußfolgerungen fragen, die sich aus unserer Arbeit ergeben.
    Es gab in der KoKo nicht nur ein wechselseitiges Arbeiten. Nein, KoKo war in ihrer Arbeit nur so effektiv und nur so gut — wenn man dies überhaupt sagen kann —, weil die Möglichkeit bestand, nach den politisch-operativen Arbeitsweisen des MfS vorzugehen.

    (Joachim Hörster [CDU/CSU]: So ist es! — Dr. Andreas von Bülow [SPD]: Ohne Rücksicht auf Kosten!)

    Das müssen wir hier betonen. Das ist der Unterschied zur Marktwirtschaft.
    Ich denke mir, die Schlußfolgerung daraus muß vor allem sein, daß es keinen Bereich im Staat mehr geben darf, der nicht unter politischer und demokratischer Kontrolle steht; denn wir haben ja gerade bei KoKo gesehen, welches skrupellose Geschwür ohne jegliche Grenzen mit der ihm gegebenen Eigendynamik sonst entstehen kann.
    Vielen Dank.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. sowie bei Abgeordneten der SPD)



Rede von Dieter-Julius Cronenberg
  • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (FDP)
  • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (FDP)
Nunmehr hat das Wort der Abgeordnete Volker Neumann.

  • insert_commentNächste Rede als Kontext
    Rede von Volker Neumann


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (SPD)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (SPD)

    Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Untersuchungsausschuß und die fünf anderen!

    (Heiterkeit)

    Wohl bei keiner Tätigkeit in diesem Parlament hat mich bisher immer so die Wut gepackt wie bei der Arbeit in diesem Untersuchungsausschuß; nicht etwa deshalb, weil uns die Akten so spät und so langsam — manchmal ging es vielleicht auch nicht anders — geliefert worden sind, sondern deshalb, weil bei dem Blick auf den Kalender deutlich wurde, daß wir mit der verbliebenen Zeit den Auftrag, den der Bundestag uns gegeben hat, nicht erledigen können.

    (Joachim Hörster [CDU/CSU]: Wir haben am Anfang zu viel Zeit verplempert, Herr Neumann!)

    Grund dafür ist nicht das Schweigen der Zeugen, und Grund dafür ist auch nicht das Verdrängen von Wahrheiten.

    (Joachim Hörster [CDU/CSU]: Sondern die Nebenkriegsschauplätze!)

    Die Wut beruht auch auf der Tatsache, daß viele der Kollegen unsere Arbeit als Medienspektakel betrachten,

    (Zurufe von der CDU/CSU: Ja! Ja!)

    nicht aber als das, was es eigentlich sein sollte. Damit sind auch die gemeint, die Sonnabends eine Meldung „Wir wollen Honecker als Zeugen vor den Untersuchungsausschuß laden" herausbringen, aber dann, wenn es zum Schwur kommt, sagen: Jetzt aber nicht.

    (Joachim Hörster [CDU/CSU]: Wieso? Haben wir doch!)

    Wie viele unserer Kollegen, insbesondere aus den ostdeutschen Ländern, bin ich aber angetreten, um im Rahmen unseres Auftrags in diesem Ausschuß ein Stück schlimmer deutscher Geschichte aufzuarbeiten.
    Wir wollten, soweit nötig, auch feststellen, wo westdeutsche Versäumnisse vorhanden sind und wo jene Organisatoren des kommunistischen Systems der DDR heute tätig sind. Es geht nicht um Sühne, und es geht auch nicht um Rache für die Menschen, die unter ihnen gelitten haben und denen ein Teil ihrer Lebenszeit geraubt wurde. Nein, es geht darum, Verantwort-



    Volker Neumann (Bramsche)

    lichkeiten festzustellen und zu verhindern, daß so etwas wieder geschieht.

    (Dr. Axel Wernitz [SPD]: Richtig!)

    Schon einmal, nach der Nazi-Zeit, haben wir, meine ich, unzureichend aufgeklärt, was geschehen ist und wer was getan hat.
    Es soll doch nicht so sein, daß diejenigen, die in der DDR schon wie die Maden im Speck gelebt haben, sich, nachdem sie die Einheit bekämpft haben, wiederum die größten Stücke des Kuchens herausschneiden. Es geht also schlicht um Gerechtigkeit.

    (Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)

    Ich bin auch sicher, daß meine Wut von vielen Menschen in den neuen Bundesländern geteilt wird. Sie haben ihre Arbeitsplätze verloren. Ihre Mieten steigen. Sie werden von skrupellosen Geschäftemachern aus dem Westen betrogen. Ihre Zukunft erscheint unsicher.

    (Joachim Gres [CDU/CSU]: Nicht alle!)

    Dann erleben sie, wie Alexander Schalck-Golodkowski am Tegernsee lebt, wohlbehütet und wohlgenährt;

    (Friedrich Vogel [Ennepetal] [CDU/CSU]: Das war er vorher auch schon!)

    jener, der, wie ein Zeuge sagte, schon in der DDR wie ein barocker Fürst gelebt hat. Er brauchte nicht beim Arbeitsamt anzustehen oder sich verzweifelt über die Antragsformulare für Wohngeld zu beugen.

    (Zurufe von der CDU/CSU: Richtig! Das stimmt!)

    Die Menschen erleben auch, wie leitende Angestellte aus dem KoKo-Imperium in zum Teil seltsamen Firmen als Gesellschafter oder Geschäftsführer eintreten. Es bleibt aufzuklären, woher sie ihr Startkapital bekommen. Einige aus dem KoKo-Bereich sind sogar stattlich und staatlich versorgt, nämlich bei der Treuhand.

    (Zuruf von der SPD: So ist das!)

    Viele Menschen haben ihre Hoffnung auf uns, auf den Untersuchungsausschuß gesetzt, fühlen sich aber bisher enttäuscht. Können wir ihre Hoffnungen auf Gerechtigkeit eigentlich erfüllen?
    Fangen wir bei Schalck an. Die am meisten gestellte Frage an uns lautet: Könnt ihr Schalck vor Gericht bringen?
    Darauf müssen wir antworten: Das ist nicht unsere Aufgabe. Die strafrechtliche Verantwortung von Schalck nachzuweisen, das ist Aufgabe der Staatsanwaltschaft. In unserem Rechtsstaat gilt im übrigen die Unschuldsvermutung, was aber nicht bedeutet, daß wir strafrechtlich relevanten Sachverhalten nicht nachgehen und Verdachtsmomente nicht ausleuchten.
    Die strafrechtliche Verfolgung der Täter aus dem Bereich Kommerzielle Koordinierung obliegt zunächst der Staatsanwaltschaft beim Kammergericht Berlin. Dort gibt es erhebliche, zum Teil auch objektive Schwierigkeiten, die Sachverhalte aufzuklären.
    Ich beginne mit der organisatorischen Ebene: Zunächst wurden die erforderlichen Staatsanwälte und Polizeibeamten erst sehr spät von den Bundesländern abgeordnet. Diese Abordnungen sind oft auf ein Jahr begrenzt, so daß nach einer Einarbeitungszeit schon wieder das Kofferpacken beginnt. Zudem werden noch vielfach Berufsanfänger abgeordnet, die die Lebensverhältnisse in Italien und Spanien besser als die in der ehemaligen DDR kennen.
    Es geht weiter auf der juristischen Ebene: 1990 hat die damals schon frei gewählte Volkskammer mit der Streichung des § 165 DDR-Strafgesetzbuch, des Tatbestands der Untreue, eine wohl ungewollte juristische Wohltat für die Täter aus dem KoKo-Imperium beschlossen. Für Schalck und Co., bei denen Millionenbeträge an Bargeld unkontrolliert zirkulierten, kam diese Streichung wie bestellt.

    (Zuruf von der CDU/CSU: Das ist leider wahr!)

    Aber auch die Verjährungsvorschriften im Strafrecht haben fatale Folgen. Die Zeit spielt für die Täter. Die Verjährungsvorschriften sind z. B. bei Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz unvorstellbar kurz: nur fünf Jahre. Wir hoffen, daß dies geändert wird.
    Dennoch teile ich nach der bisherigen Zeugenvernehmung und der Akteneinsicht die optimistische Prognose der Staatsanwaltschaft hinsichtlich der Einleitung einer größeren Anzahl von Strafverfahren. Hier gilt allerdings, daß zunächst die Handelnden der zweiten Ebene vor Gericht gestellt werden müssen, wenn sie sich strafbar gemacht haben. Dann muß gegen die Anstifter und die Helfer vorgegangen werden.
    In diesem Zusammenhang weise ich darauf hin, daß es auch in der gut organisierten alten Bundesrepublik langwierig und mühsam ist, Ermittlungsverfahren in Wirtschaftsstrafsachen durchzuführen. Um so schwieriger ist die Arbeit der Staatsanwaltschaft bei dem Wirtschaftsimperium KoKo, wo nahezu alle Gesetze und Regeln der DDR außer Kraft gesetzt worden sind.
    Trotzdem darf sich auf keinen Fall bei der Staatsanwaltschaft die Auffassung durchsetzen: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
    Kommen wir zu der Frage, ob nicht andere, vielleicht politische Gründe die strafrechtliche Verfolgung von Schalck ver- oder zumindest behindern. Ich komme zu dem Ergebnis: So ist es.
    Schon vom Beginn der Tätigkeit im Untersuchungsausschuß an finde ich immer wieder Fingerabdrücke derer, die zu verhindern suchen, daß in der knapp bemessenen Zeit einer Legislaturperiode wirklich der ganze Umfang der Tätigkeit und des Wissens von Schalck aufgedeckt wird. Einige, die an den Schalthebeln der Macht sitzen, scheinen Angst vor dem tatsächlichen oder möglichen Wissen um peinliche Tatbestände über Politiker, Manager oder Unternehmen zu haben.
    Alles spricht dafür, daß Schalck mächtige Schutzengel in der Bundesrepublik hat. Ich will nur einige Indizien kurz nennen.



    Volker Neumann (Bramsche)

    Erstens. Erinnern wir uns: Schalck ist am 3. Dezember 1989 Hals über Kopf — so sagte er — aus der DDR geflüchtet, nachdem er buchstäblich bis zur letzten Minute normal seinen Geschäften, seinen, wie ich meine, dubiosen Geschäften, nachgegangen ist.
    Als Begründung hat er „Todesangst" angegeben, die ihm damals vom Bundesnachrichtendienst bestätigt worden ist. Es mag ja sein, daß er Todesangst hatte. Er hat aber später nie gesagt, was eigentlich der Grund für die DDR sein könnte, ihm nach dem Leben zu trachten. Die Todesstrafe war abgeschafft. Weder bei dei Polizei noch beim Bundesnachrichtendienst hat er etwas ausgesagt, was diese Angst hätte rechtfertigen können.
    Daß er nichts über die Gesprächspartner im Westen sagt, über seine Partner bei den Waffengeschäften, beim Menschenhandel mit Häftlingen und bei den sonstigen Machenschaften, ist klar; denn dieses Schweigen schützt ihn. Aber auch über die damals Mächtigen in der DDR hat er bei der Polizei oder der Staatsanwaltschaft nichts ausgesagt, was deren strafrechtliches Fehlverhalten belegen könnte.
    Der Mann, der, wie wir von Zeugen wissen, fast täglich mit Mielke gesprochen hat, der eine Direktleitung von seinem Büro zum obersten Stasichef hatte, wird sicher nicht nur seine Berichte über alle Gespräche mit Politikern der Bundesrepublik weitergeleitet haben, sondern auch von Mielke alle Informationen über diese Personen erhalten haben. Kein Wunder also, wenn manchmal von Schalck eine Drohung in bestimmte Richtung ausgeht. Klaus Bölling hat das schon erfahren müssen.
    Sein Übertritt nach West-Berlin erfolgte fast planmäßig. Anruf bei Schäuble, Betreuung durch das Diakonische Werk, Beschaffung eines Anwalts. Alles war prima organisiert. Immer mehr fragt man sich, ob das nicht von langer Hand geplant war und welche Gründe alle diese Helfer bewogen haben, so schnell, uneigennützig und perfekt zu handeln.
    Der BND sollte Schalck in Pullach vernehmen und nicht betreuen. So wurde es dem Bundestag mitgeteilt. Aber gab es wirklich keine „Betreuung"? Deckpapiere wurden angeschafft — wozu eigentlich bei dem Bekanntheitsgrad von Herrn Schalck? —; ein Bewacher wurde organisiert; Max Strauß war, aus alter Freundschaft, als Münchener Anwalt tätig. Warum wurden sofort ein Führerschein und ein Reisepaß ausgehändigt? Sollte er möglichst schnell seine Bewegungsfreiheit gesichert bekommen? Schalck hatte doch mitgeholfen, daß Millionen von Menschen in der DDR nicht reisen konnten; er hatte in der vordersten Front den Mauerbau abgesichert und bejubelt. Warum mußten er und seine Frau so schnell in die Lage versetzt werden, ins Ausland zu reisen?
    Ich könnte noch viele dieser Fragen stellen, die wir auch noch im Ausschuß stellen müssen. Schon die genannten Fragen machen deutlich, wie sich durch einen Teilkomplex die Zweifel verdichten, ob wirklich alle, die es könnten, mithelfen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Meiner Meinung nach dürfen wir nicht auf die Spekulation der Täter auf den Zeitablauf hereinfallen.
    Immer noch tauchen neue Akten auf, wie etwa in dieser Woche ein Teil der Barschel-Akte des MfS. Immer mehr Zeugen werden auch bereit sein, die Wahrheit zu sagen; immer mehr Zusammenhänge werden erkennbar.
    Die geschichtliche Dimension der Aufarbeitung dieses Teils der deutschen Geschichte rechtfertigt die Überlegung, ob der Untersuchungsauftrag in der nächsten Legislaturperiode nicht fortgesetzt und zum Abschluß gebracht werden sollte. Wir sollten, meine ich, nicht auf halbem Wege stehenbleiben.
    Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

    (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)