Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! An diese Regierung Bitten zu stellen ist sonst wahrlich nicht meine Art, aber heute habe ich ausnahmsweise mal eine. Sie ist kostenneutral und durch keinen Deckungskreislauf behindert. Ich möchte den Kanzler persönlich bitten, nicht länger im Namen aller Deutschen zu sprechen, solange wir nicht ausgebürgert sind, wenn er Herrn Honecker mit anmaßenden Ansprüchen konfrontiert, wie das am letzten Montag geschehen ist.
Daß gerade Herr Waigel die Tischrede vom Montag gelobt hat, Herr Waigel, der in Chile einige Probleme und in der DDR die Diktatur sieht, spricht in der Tat gegen diese Tischrede.
Ich ertrage ja, wenn sich der Kanzler gerne vom Leitartikler der „FAZ" dafür loben läßt, schon im dritten Satz die Deutschen in Stralsund und Konstanz, in Flensburg, Dresden und Berlin so zusammengebracht
zu haben, wie es der „Frankfurter Allgemeinen" gefällt. Ich ertrage ja, wenn er das Lob der Vertriebenenverbände einheimst, weil er sich in die Präambel des Grundgesetzes verbeißt, die der Ursprung des allen Revanchismus begründenden Wiedervereinigungsgebots ist, das er aufrechterhalten will. Ich ertrage ja, wenn die Mystifikation von der Einheit der Nation beschworen wird und die deutsche Frage offengehalten werden soll. Ich ertrage auch, daß der Kanzler am liebsten diejenigen Zeitungen liest, die das Wort DDR nur in Anführungszeichen drucken können, und ich ertrage auch, wenn der DDR-Außenminister gekonnt und infam damit provoziert wird, protokollgerecht auf Frau Ministerin Wilms vom Innerdeutschen treffen zu müssen. Die ganze Infamie der Benennung von Frau Wilms für dieses Amt ist uns in diesen Tagen übrigens erst klargeworden.
Aber unterlassen Sie es, mich und meine politischen Freunde mit der Behauptung zu beleidigen, daß dies alles — ich zitiere Sie — „dem Wunsch und dem Willen, ja, der Sehnsucht der Menschen in Deutschland entspricht" ! Unterlassen Sie das!
Es kann ja sein, daß der Blick auf den Medaillenspiegel der Leichtathletik-Weltmeisterschaft bei manchem Bundesbürger Wiedervereinigungssehnsüchte geweckt hat.
Es kann ja sein, daß das Zurückfallen hinter Länder wie Norwegen, Schweden, Somalia dem einen oder anderen die Tränen in die Augen getrieben hat. Allerdings würde der Ruf nach einer gesamtdeutschen Mannschaft unseres Erachtens den wahren Grund für das schlechte Abschneiden der bundesdeutschen Athleten nur verschleiern. Was ihnen in Wahrheit die Muskeln lähmte, war die schlichte Angst, vom Bundesinnenminister mit dem Silbernen Lorbeerblatt geehrt zu werden.