Rede von
Dr.
Helmut
Prassler
- Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede:
(CDU/CSU)
- Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Fünf Millionen Bauern weniger in der EWG oder 1,2 Millionen weniger in der Bundesrepublik
oder 93 000 in Baden-Württemberg, — ich möchte hier erhebliche Zweifel anmelden. Als ich im Verlaufe dieses Sommers versucht habe, diese Zahlen aus der Agrarstatistik — und hier bin ich dem Herrn Bundesminister sehr dankbar für seinen Hinweis heute nachmittag in seiner ersten Antwort — in den kleinen Bereichen nachzuprüfen, nämlich in den Orten draußen, bin ich zu ganz anderen Ergebnissen gekommen. Leider muß ich feststellen, daß die Aussagekraft unserer bisherigen Agrarstatistik für diese Überlegungen nicht mehr gegeben ist. Denn die bisherige Agrarstatistik baut auf der einen Seite auf der Baden- und Betriebsbilanz, die jährlich erhoben und fortgeschrieben wird, und daneben auf einer Viehbilanz auf, also auf den Zahlen der Tiere, die in den Betrieben gehalten werden; sie wird jedenfalls jährlich erhoben. Es mangelt ihr aber andererseits völlig an einer vergleichbaren und zu dieser Boden- und Betriebsbilanz in Beziehung stehenden Personalbilanz. Diese Ziffern sind nur sehr vage aus der letzten großen Landwirtschaftszählung von 1960 oder aus der Bevölkerungszählung zu entnehmen. Es mangelt genauso an einem dritten Bereich, der für die Aussagekraft dringend notwendig ist, nämlich an einer sozialen Strukturbilanz. Wenn diese Fragen draußen im einzelnen nachgeprüft werden, ergibt sich in manchen Bereichen, mindestens unseres Landes, ein erheblich anderes Ergebnis.
Ich habe dabei feststellen können, daß in den Bereichen, in denen die Neben- und Zuerwerbsbetriebe überwiegen — und das sind weite Teile Süddeutschlands —, keinerlei freiwerdende Arbeitskräfte mehr gefunden werden können,
es sei denn, die Betriebsleiter der hauptberuflich geführten landwirtschaftlichen Betriebe würden selbst ausscheiden.
— Es sei denn, die Betriebsleiter der hauptberuflich bewirtschafteten landwirtschaftlichen Betriebe würden selbst ausscheiden. Von den bisher erfaßten im Vollerwerb stehenden landwirtschaftlichen Beschäftigten entfallen allein im süddeutschen Raum bis zu 70 % auf Frauen oder weibliche Familienangehörige.
Diese Ziffern sind zweifellos in diesen statistischen Grundlagen so gravierend mit enthalten, daß sie in dieser Form keine genügende Aussagekraft mehr bringen können.
Ich darf den Minister deshalb dringend bitten — ich habe versucht, ihm das in Form der Zusatzfrage an die Hand zu geben —, in seine Überlegungen einzubeziehen, wie wir schnellstmöglich zu einer besseren Aussagekraft kommen, differenziert nach den verschiedenen Bereichen des Bundesgebietes,
Deutscher Bundestag — 5. Wahlperiode — 205. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 12. Dezember 1968 11137
Dr. Prassler
differenziert nach der Altersstruktur der heute noch in der Landwirtschaft Beschäftigten, differenziert nach dem sozialen Stand, nämlich nach den bis jetzt erreichten Vorsorge- und Risikoverhältnissen für die einzelnen Familienmitglieder und ihre Angehörigen. Ich persönlich bin der Meinung: Solange wir diese Unterlagen nicht haben, ist es nicht nur verfrüht, sondern verfehlt, solche Schocktherapien weiter zu verfolgen. Ich glaube, es würde uns dann gelingen, mit wesentlich mehr Überzeugungskraft und auch für die Bauern verständlicher eine wesentlichere Zukunftsprognose zu stellen.
Ich möchte deshalb dringend auch um Unterstützung aus dem ganzen Hause dafür bitten, daß wir die Agrarstatistik so schnell wie möglich modern, datenverarbeitungsfähig und für die nächsten Jahre, für die diese Denkmodelle — ich möchte absichtlich nicht sagen: Planungen — abgestellt sind, fortschreibungsfähig machen. Dann kommen wir der Sache zweifellos einen ganzen Schritt näher.