Herr Kollege Erler, bei Ihrem historischen Bildungsstand nehme ich gern an, daß diese Frage nur rhetorisch war. Ich begnüge mich deshalb mit der Antwort, daß es überhaupt kein Bürger des Deutschen Reiches von 1871 war. Mehr möchte ich aus außenpolitischer Höflichkeit nicht sagen.
15m die Dinge beim Namen zu nennen: Es geht doch darum, daß in einer Armee der Möglichkeit des Mißbrauchs der Macht begegnet wird. Jede Macht steht in der Gefahr des Mißbrauchs. Aber die Versuchung zum Mißbrauch der Macht ist um so stärker, je größer die Macht ist und je geringer die geistige Bildung dessen ist, der sie ausübt. Es ist gefährlich, wenn man jungen Menschen Anfang der zwanziger Jahre, die noch gar nicht zur vollen Reife der Persönlichkeit gekommen sein können, eine so große Macht gibt, wie sie immer in der Hand eines Ausbilders liegt. Diesen Gefahrenpunkt muß man klar erkennen. Man muß in der Ausbildung der Ausbilder die notwendigen Schritte tun. Man muß sie durch die höheren Offiziere beaufsichtigen lassen, so daß man vielleicht in Zukunft den Bataillons- oder Regimentskommandeur öfter bei seinen Rekruten sieht, als das früher der Fall war.
Wir wollen aber auch einmal betonen, daß die Gestalten eines Himmelstoß und eines Platzek nicht Typen des deutschen Unteroffiziers waren, sondern seine Karikatur. Daß es für diese Karikatur einige Vorlagen in der Wirklichkeit gegeben hat, das allerdings kann, wer die Dinge kennt, auch nicht bestreiten.
Jedenfalls kommt es darauf an, daß man in dem Rekruten nicht einen Menschen sieht, der überhaupt erst zu einem ordentlichen Menschen gemacht werden muß, dessen Rückgrat man bricht, damit er ein gefügiges Rädchen der Kriegsmaschine wird, sondern daß man, wie es gute Ausbilder immer getan haben, im Rekruten einen Menschen sieht, der ein Sohn und ein Bürger des Volkes ist, das wertvolste Gut, das das Volk jemand anzuvertrauen hat, und daß man von diesem Bürger nicht mehr an Opfern verlangen darf, als unbedingt erforderlich ist; und das ist im 20. Jahrhundert, im technischen Zeitalter, wahrhaftig genug.
Betonen möchten wir heute am Anfang einer deutschen Wiederbewaffnung, daß ebenso wie in Staat und Wirtschaft ,auch in der Wehrmacht der Mensch und seine persönliche Würde im Mittelpunkt allen Bemühens zu stehen haben. Wenn wir um des Schutzes ,der Menschenwürde willen eine Armee aufbauen, dann soll auch in der Armee dieser Wert der oberste Wert sein.
Ich möchte hinzufügen: wir haben in der Vergangenheit ein Exerzierreglement gehabt, das noch aus einer Zeit stammte, die längst überholt ist. Im friderizianischen Zeitalter, aus dem die Grundlagen unserer Formierung kommen, galt das Exerzieren noch als eine Vorschule für ein Gefecht, bei dem man geschlossen ausgerichtet, aufrecht und im Gleichschritt gegen den Feind gezogen ist. Diese Zeiten sind bereits seit dem 1. Weltkrieg vorbei. Obwohl sich das Gefecht völlig geändert hat, obwohl heutzutage alles auf den Einzelkämpfer abgestellt wird, ist das Exerzierreglement großenteils noch das alte geblieben. Wir würden es begrüßen, wenn hier ein grundsätzlicher Wandel geschaffen würde und wenn die Ausbildung des jungen Soldaten auf den Ernstfall ausgerichtet würde und nicht auf den Parademarsch. Andererseits möchten wir mit aller Deutlichkeit die bittere Wahrheit betonen, daß eine Kompanie kein Kegelklub und eine Garnison kein Mädchenpensionat sind. Diese Dinge sind so selbstverständlich, daß man die Figur des UvD, der idem Rekruten den Kaffee ans Bett bringt, endlich ,einmal aus den Witzblättern verschwinden lassen sollte.
Der Soldat unserer Zeit muß ein Meister seiner Waffe sein, einer technischen Waffe, die sehr viel schwieriger zu bedienen ist als etwa die des Jahres 1914, ja noch des Jahres 1939. Er muß sie im Schlaf bedienen können, wie ein Kraftfahrer sozusagen im Schlafe Bremse und Gashebel zu unterscheiden vermag. Das wird sehr viel Übung erfordern. Auch die Pflege dieses Geräts und der Waffen wird sehr viel Sorgfalt erfordern, Dinge, die sehr viel Zeit im Leben des Soldaten werden einnehmen müssen.
Noch eines scheint mir der Betonung wert zu sein. Die moderne Waffe erfordert eine viel größere geistige Beweglichkeit des Soldaten, als sie in früheren Zeiten notwendig war. Gegenüber der Massentechnik und dem Massenheer des Ostens kann nur der geistig geschulte Einzelkämpfer des Westens standhalten und überlegen sein. Dieser qualifizierte Einzelkämpfer wird übrigens auch noch auf dem Gebiete des Propagandakrieges gefordert, dem der Soldat gerade in einem demokratischen Staat ausgesetzt ist. Der reife Staatsbürger, der zugleich der Meister seiner Waffe ist, wird ein Soldat sein, auf dessen individuelle Ausbildung sehr viel Zeit und Mühe verwendet werden muß.
Wir sind damit bei der Frage der geistigen Ausbildung. Wenn wir auch einerseits der staatsbürgerlichen Bildung in unseren Kasernen das Wort reden und nach den Erfahrungen des „Dritten Reiches" mit besonderer Betonung wünschen, daß der Seelsorge die Tore der Kasernen geöffnet werden, so wollen wir andererseits — in diesem Augenblick brauchen wir es noch nicht im einzelnen auszuführen — die Ausbildung auch nicht überfordern. Die Armee ist keine Schule der Nation. Man sollte sich nicht einbilden, in der Armee nachholen zu können, was Elternhaus, Jugendverbände, Schule und andere Erziehungsfaktoren vielleicht versäumt haben. Es kommt vielmehr darauf an, die jungen Menschen davor zu bewahren, daß das, was sie Gutes von daheim mitgebracht haben, in der Kaserne verlorengeht; es kommt darauf an, das Gute, das sie mitgebracht haben, zu ergänzen und weiter fortzuführen.
Schließlich und endlich möchten wir auch hier erklären, daß es darum geht, das Notwendige zu verlangen und nicht mehr. Wir möchten schon an dieser Stelle erklären: Wir hoffen, daß die Dienstpflicht niemals über jenes Maß hinaus wird ausgedchnt werden müssen, das an sich heute in den anderen Ländern besteht und nach dem EVG-Vertrag und den Übernahmeprotokollen praktisch in Zukunft auch für uns vorgesehen sein wird: eine Dienstpflicht von achtzehn Monaten, über die wir uns beim Wehrpflichtgesetz in einer späteren Zeit noch werden unterhalten müssen.
Wir werden in diesem Zusammenhang darauf achten, daß der soldatische Raum des Befehlens und Gehorchens nicht über den militärischen Bereich ausgedehnt wird. Wir begrüßen den Vorschlag des Bundesrats und der Bundesregierung, die Wehrverwaltung als eine zivile Verwaltung aufzuziehen und nicht aus militärischer Ordnung heraus aufzubauen.
Wir wünschen, daß dem Soldaten eine Freizeit gegeben wird, die vom Dienst getrennt ist. Wir wünschen, daß im allgemeinen vom Uniformzwang in der Freizeit abgesehen wird. Wir wünschen, daß das Vorgesetztenverhältnis im Rahmen des Möglichen auf den Dienst beschränkt wird. Kurz und gut, wir wünschen, daß die Ordnung des Militärischen klar und eindeutig festgelegt, aber nicht über das Notwendige hinaus weitergetrieben wird. Wir freuen uns, hierin mit dem Herrn Verteidigungsminister persönlich und mit seinen Mitarbeitern einig zu sein.
Meine Damen und Herren. wir werden über die Frage der inneren Ordnung unserer Streitkräfte, über die Frage des Einbaus der Bundeswehr in den demokratischen Staat noch viele ernste Gespräche miteinander zu führen haben. Eines, glaube ich, sollte auch heute schon feststehen: das innere Leben deutscher Truppen mag und muß Opfer vom einzelnen fordern, aber das innere Leben deutscher Truppen muß ein Abbild der Welt sein, die wir verteidigen, einer Welt, die dem Menschen gehört, einer Welt der Ordnung, des Rechtes und der Freiheit.