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  • tocInhaltsverzeichnis
    Plenarprotokoll 12/68 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 68. Sitzung Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991 Inhalt: Zusatztagesordnungspunkt 13: Abgabe einer Erklärung der Bundesregierung zu den Ergebnissen des Europäischen Rates in Maastricht Dr. Helmut Kohl, Bundeskanzler 5797 B Ingrid Matthäus-Maier SPD 5803 B Stefan Schwarz CDU/CSU 5804 B Dr. Otto Graf Lambsdorff FDP 5804 C Dr. Wolfgang Schäuble CDU/CSU 5806D Dr. Otto Graf Lambsdorff FDP 5810 D Dr. Hans Modrow PDS/Linke Liste 5813 A Gerd Poppe Bündnis 90/GRÜNE 5815 B Dr. Theodor Waigel, Bundesminister BMF 5817 B Dr. Norbert Wieczorek SPD 5819 D Hans-Dietrich Genscher, Bundesminister AA 5822 C Heidemarie Wieczorek-Zeul SPD 5826 A Peter Kittelmann CDU/CSU 5827 B Dr. Kurt Faltlhauser CDU/CSU 5828 D Wolfgang Clement, Minister des Landes Nordrhein-Westfalen 5830 C Dr. Cornelie von Teichman FDP 5832 B Zusatztagesordnungspunkt 14: Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Finanzausschusses zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung: Vorschlag für eine Richtlinie des Rates über die Überwachung und Kontrolle der Großkredite von Kreditinstituten (Drucksachen 12/849 Nr. 2.1, 12/1809) 5833 C Nächste Sitzung 5833 D Berichtigung 5833 Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten 5835* A Anlage 2 Zu Protokoll gegebene Reden zu Tagesordnungspunkt 12 und Zusatztagesordnungspunkt 12 (Antrag betr. Sofortige Auflösung des „Koordinierungsausschusses Wehrmaterial fremder Staaten" des Bundesnachrichtendienstes und der Bundeswehr und Antrag betr. Parlamentarische Kontrolle der Auflösung der NVA) Thomas Kossendey CDU/CSU 5836* A Gernot Erler SPD 5836* C Jürgen Koppelin FDP 5837* C Dr. Dagmar Enkelmann PDS/Linke Liste 5838* B Willy Wimmer, Parl. Staatssekretär BMVg 5838* D Anlage 3 Amtliche Mitteilungen 5839* D Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991 5797 68. Sitzung Bonn, den 13. Dezember 1991 Beginn: 9.00 Uhr
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    Berichtigung 64. Sitzung: Auf Seite 5503 B ist ab der dritten Zeile zu lesen: ten hat. Er hat gesagt, — — (Zuruf von der CDU/CSU) — Ich glaube, die ganze Nation hatte Achtung vor der Entschlossenheit und Besonnenheit, mit der die Bergleute von Sophia-Jacoba hier demonstriert haben. Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode - 67. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 12. Dezember 1991 5835' Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten Anlagen zum Stenographischen Bericht Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Dr. Ackermann, Else CDU/CSU 13. 12. 91 Andres, Gerd SPD 13. 12. 91 Antretter, Robert SPD 13. 12. 91 * Baum, Gerhart Rudolf FDP 13. 12. 91 Bierling, Hans-Dirk CDU/CSU 13. 12. 91 Böhm (Melsungen), CDU/CSU 13. 12. 91 * Wilfried Bühler (Bruchsal), Klaus CDU/CSU 13. 12. 91 * Dr, von Bülow, Andreas SPD 13. 12. 91 Büttner (Ingolstadt), Hans SPD 13. 12. 91 Clemens, Joachim CDU/CSU 13. 12. 91 Dehnel, Wolfgang CDU/CSU 13. 12. 91 Doppmeier, Hubert CDU/CSU 13. 12. 91 Dr. Dregger, Alfred CDU/CSU 13. 12. 91 Ehrbar, Udo CDU/CSU 13. 12. 91 Eymer, Anke CDU/CSU 13. 12. 91 Dr. Feige, Klaus-Dieter Bündnis 90/ 13. 12. 91 GRÜNE Dr. Feldmann, Olaf FDP 13. 12. 91 * Dr. Fell, Karl H. CDU/CSU 13. 12. 91 Gattermann, Hans H. FDP 13. 12. 91 Glos, Michael CDU/CSU 13. 12. 91 Dr. Glotz, Peter SPD 13. 12. 91 Grochtmann, Elisabeth CDU/CSU 13. 12. 91 Gröbl, Wolfgang CDU/CSU 13. 12. 91 Großmann, Achim SPD 13. 12. 91 Grünbeck, Josef FDP 13. 12. 91 Dr. Haussmann, Helmut FDP 13. 12. 91 Dr. Hellwig, Renate CDU/CSU 13. 12. 91 Helmrich, Herbert CDU/CSU 13. 12. 91 Heyenn, Günther SPD 13. 12. 91 Hiller (Lübeck), Reinhold SPD 13. 12. 91 Homburger, Birgit FDP 13. 12. 91 Hüppe, Hubert CDU/CSU 13. 12. 91 Ibrügger, Lothar SPD 13. 12. 91 ** Jaunich, Horst SPD 13. 12. 91 Dr. Jork, Rainer CDU/CSU 13. 12. 91 Jung (Limburg), Michael CDU/CSU 13. 12. 91 Klinkert, Ulrich CDU/CSU 13. 12. 91 Kolbe, Manfred CDU/CSU 13. 12. 91 Koschyk, Hartmut CDU/CSU 13. 12. 91 Kretkowski, Volkmar SPD 13. 12. 91 Kubicki, Wolfgang FDP 13. 12. 91 Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Leidinger, Robert SPD 13. 12. 91 Link (Diepholz), Walter CDU/CSU 13. 12. 91 Lowack, Ortwin fraktionslos 13. 12. 91 Dr. Mertens (Bottrop), SPD 13. 12. 91 Franz-Josef Dr. Meseke, Hedda CDU/CSU 13. 12. 91 Michels, Meinolf CDU/CSU 13. 12. 91 Dr. Neuling, Christian CDU/CSU 13. 12. 91 Neumann (Bramsche), SPD Volker Niggemeier, Horst SPD 13. 12. 91 Ostertag, Adolf SPD 13. 12. 91 Paintner, Johann FDP 13. 12. 91 Dr. Pfennig, Gero CDU/CSU 13. 12. 91 Pfuhl, Albert SPD 13. 12. 91 * Priebus, Rosemarie CDU/CSU 13. 12. 91 Rahardt-Vahldieck, CDU/CSU 13. 12. 91 Susanne Raidel, Hans CDU/CSU 13. 12. 91 Rappe (Hildesheim), SPD 13. 12. 91 Hermann Regenspurger, Otto CDU/CSU 13. 12. 91 Rempe, Walter SPD 13. 12. 91 Reschke, Otto SPD 13. 12. 91 Rixe, Günter SPD 13. 12. 91 Schäfer (Offenburg), SPD 13. 12. 91 Harald B. Schmidt-Zadel, Regina SPD 13. 12. 91 Schmitz (Baesweiler), CDU/CSU 13. 12. 91 Hans-Peter Schröter, Karl-Heinz SPD 13. 12. 91 Schulhoff, Wolfgang CDU/CSU 13. 12. 91 Schuster, Hans Paul FDP 13. 12. 91 Hermann Dr. Stoltenberg, Gerhard CDU/CSU 13. 12. 91 Dr. Töpfer, Klaus CDU/CSU 13. 12. 91 Türk, Jürgen FDP 13. 12. 91 Dr. Vondran, Ruprecht CDU/CSU 13. 12. 91 Vosen, Josef SPD 13. 12. 91 Weis (Stendal), Reinhard SPD 13. 12. 91 Welt, Jochen SPD 13. 12. 91 Wiechatzek, Gabriele CDU/CSU 13. 12. 91 Dr. Wieczorek CDU/CSU 13. 12. 91 (Auerbach), Bertram Wissmann, Matthias CDU/CSU 13. 12. 91 Wollenberger, Vera Bündnis 90/ 13. 12. 91 GRÜNE Zapf, Uta SPD 13. 12. 91 * für die Teilnahme an Sitzungen der Parlamentarischen Versammlung des Europarates ** für die Teilnahme an Sitzungen der Nordatlantischen Versammlung 5836* Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 67. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 12. Dezember 1991 Anlage 2 Zu Protokoll gegebene Reden zu Tagesordnungspunkt 12 und Zusatztagesordnungspunkt 12 (Antrag betr. Sofortige Auflösung des „Koordinierungsausschusses Wehrmaterial fremder Staaten" des Bundesnachrichtendienstes und der Bundeswehr und Antrag betr. Parlamentarische Kontrolle der Auflösung der NVA) *) Thomas Kossendey (CDU/CSU): Am gleichen Tag, als die Mitglieder der Gruppe PDS/Linke Liste ihren Antrag, über den wir heute sprechen, eingereicht haben, stand in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein Artikel über die in Hamburg bekanntgewordene Lieferung von Wehrmaterial nach Israel. Dieser Artikel begann mit dem Satz: „Eine Bonner Affäre ist meistens die voreilige Reaktion auf einen unbekannten Sachverhalt. " Viel besser kann man Ihren Antrag und das, was damit verfolgt werden soll, wohl kaum charakterisieren! Mittlerweile hat sich nämlich vieles von dem, was Sie an Aufklärung fordern, durch die Berichte erledigt, die der Verteidigungsminister dem Verteidigungsausschuß vorgelegt hat; manches wird noch in der Januar-Sitzung des Verteidigungsausschusses weiter zu klären sein. Insbesondere was die Entstehung des Koordinierungsausschusses und was die Aktivitäten dieses Ausschusses angeht, sind wir im Verteidigungsausschuß ziemlich umfassend informiert worden. Allerdings — das muß man der guten Ehrlichkeit halber hinzufügen — haben Sie es durch Nichtteilnahme an diesen Sitzungen geschickt verstanden, dem Risiko auszuweichen, durch bessere Informationen von Ihren Vorurteilen abgebracht zu werden! Das kann man alleine schon daran erkennen, daß Sie in Ihrer Begründung für den Antrag einiges an Sachverhalten schildern, die gänzlich an der Realität vorbeigehen. Lassen Sie mich nur den Fall aufgreifen, der aus meiner Sicht — auch was die Öffentlichkeitswirksamkeit angeht — die schlimmsten Auswirkungen haben kann: Sie sprechen in Ihrer Begründung ständig von „Waffenhandel" und erwecken den Eindruck, als hätte hier ein illegaler Waffenhandel z. B. zwischen Deutschland und Israel stattgefunden. Es ist nun in der Tat in den Beratungen des Verteidigungsausschusses deutlich geworden, daß es sich bei der seit 20 Jahren praktizierten wehrtechnischen Zusammenarbeit mit Israel eben nicht um Waffenhandel handelt. Es ging lediglich darum, den Israelis eine verbesserte Chance der Selbstverteidigung in einem feindlich gesonnenen Umfeld zu gewährleisten! Diese Verbesserung der Situation Israels wollten wir nicht etwa durch Waffenlieferungen erreichen, sondern dadurch, daß wir ihnen die Möglichkeit gaben, die auf sie gerichteten Waffen an Einzelstücken besser zu analysieren, um ihre Verteidigungsvorbereitungen zu treffen. Ich wiederhole es noch einmal deutlich: Diese wehrtechnische Zusammenarbeit mit Israel hat bei uns einen hohen Stellenwert. Sie ist für uns eine moralische Verpflichtung, sie ist politisch sinnvoll, und sie ') Siehe 67. Sitzung, Seite 5792 D ist auch rechtlich zulässig. Dem sehr sensiblen Verhältnis zu Israel sind Schüsse aus der Hüfte weiß Gott nicht sachdienlich! Aber natürlich müssen wir uns auch darum kümmern, daß diese Art der wehrtechnischen Zusammenarbeit — auch der Bereich der Überlassung von Wehrmaterial aus Beständen der ehemaligen NVA an andere Staaten — parlamentarisch besser begleitet wird. Dafür ist aber gerade die Koordinierungsgruppe zwischen den verschiedenen Diensten und Ministerien notwendig. Nur wenn die Koordination zwischen den Ministerien und zwischen den Diensten gewährleistet ist, werden wir als Parlamentarier in der Lage sein, aufgrund der Berichte, die uns von dort geliefert werden, Einblick zu nehmen, Fragen zu stellen und gegebenenfalls Einfluß auf die politische Leitung der entsprechenden Häuser auszuüben, um die Dinge zu verhindern, die wir politisch eben nicht wollen. Für unsere Fraktion will ich gerne erklären, daß wir Überlegungen, die in diese Richtung zielen, aufgeschlossen gegenüberstehen. Da Ihr Antrag aber in eine falsche Richtung zielt, werden wir ihn heute ablehnen müssen. Gernot Erler (SPD): Datiert vom 3. Oktober 1991 hat das Referat für Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr eine hübsche kleine Broschüre herausgegeben mit dem Titel „Ein Jahr deutsche Einheit. Eine Leistungsbilanz der Bundeswehr" , geheftet in hoffnungsfrohes Blau, in der man unter der Überschrift „Wohin mit dem Material?" folgende Passage lesen kann: „Die NVA war eine hochgerüstete Armee. So waren 15 000 Waffensysteme, darunter 2 300 Kampfpanzer, 7 800 gepanzerte Fahrzeuge, 2 500 Artilleriegeschütze, 400 Kampfflugzeuge, 70 Schiffe/Boote und 50 Kampfhubschrauber, 100 000 Radfahrzeuge aller Art, 1 200 000 Handwaffen mit dem dazugehörigen Peripheriegerät und 300 000 Tonnen Munition zu übernehmen." Im weiteren findet man keine einzige Angabe mehr darüber, wohin denn nun die Bundesregierung diese Waffen und diese Ausrüstung verbracht hat. Was die Bundesregierung in ihrer Öffentlichkeitsarbeit vom Oktober verschwiegen hat, darauf sind Öffentlichkeit und Parlament inzwischen per Zufall gestoßen: Einmal durch Fragen, die ich am 10. Oktober an dieser Stelle gestellt habe und auf die ich zunächst nur höchst unvollständige Antworten erhielt. Dann aber auch durch die Beschlagnahmung des für Israel bestimmten Wehrmaterials am 26. Oktober und die nachfolgenden Recherchen und Anhörungen im Verteidigungsausschuß. Bisheriges Ergebnis: Derzeit wird eine große, moderne Armee auf deutschem Boden verscherbelt, verteilt, verschenkt oder vernichtet, und das alles ohne irgendeine öffentliche oder parlamentarische Kontrolle und auch ohne, daß die Bundesregierung selbst eine verläßliche Übersicht über diesen Prozeß hat. Vielmehr verläuft dieser in Form eines administrativen Willkürakts auf mittlerer Beamtenebene. Das öffentliche Interesse hat sich bisher sehr stark auf die BND-Lieferung an Israel konzentriert, weil bei ihr wahrscheinlich gegen geltendes Gesetz verstoßen Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 67. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 12. Dezember 1991 5837* wurde. Wir sollten dem falschen Eindruck entgegentreten, daß dieser Vorgang zur Zeit deshalb so gründlich parlamentarisch untersucht wird, weil Israel der Empfänger ist. In Wirklichkeit verdient dieser Fall deswegen unser Interesse, weil sich inzwischen dahinter ein sehr breiter Prozeß mit vielen Handelnden auftut, der sich vollständig im vorparlamentarischen Raum abspielt. Kernpunkt ist, daß die Verteilung der umfangreichen NVA-Hinterlassenschaft an mindestens 70 Interessenten schon begonnen hat. Und einige der inzwischen bekannt werdenden „Einzelheiten" lassen einem tatsächlich die Haare zu Berge stehen. So legte uns Minister Stoltenberg am 10. Dezember einen vorläufigen Bericht über die bisherige Vergabe des NVA-Materials vor, aus dem hervorgeht, daß allein an die Türkei Lieferungen verbindlich zugesagt oder erfolgt sind, mit der man eine ganze Bürgerkriegsarmee ausrüsten könnte. In den Listen tauchen unter anderem Panzerfäuste und Kalaschnikows in sechsstelliger Größenordnung, mehrere Tausend Maschinengewehre und Munition in der unvorstellbaren Stückzahl von mehr als 400 Millionen Stück auf. Diese „Materialhilfe" (das ist das Stichwort, unter dem das läuft) ist unterwegs, ohne daß sich das Parlament oder irgendeiner seiner Ausschüsse bisher damit befaßt hat. Welcher politische Schaden der Bundesrepublik hier droht, kann man daran absehen, daß es bereits Klagen von Vertretern Armeniens gibt, im armenischaserbeidschanischen Konflikt seien auf aserbeidschanischer Seite NVA-Waffen aus bundesrepublikanischen Beständen aufgetaucht. In diesem ganzen Komplex sind noch sehr viele Fragen offen, auf die die Bundesregierung uns noch wird antworten müssen. Ich habe den Eindruck, daß ein tiefes Unbehagen über diese ganzen Vorgänge in allen Bundestagsfraktionen wächst. Auf der Basis dieses Unbehagens und echter politischer Sorgen haben wir Sozialdemokraten den vorliegenden Antrag „Parlamentarische Kontrolle der Auflösung der NVA" in den Bundestag eingebracht. Er fordert, daß die jetzt für Mitte Januar in Aussicht gestellte Antwort auf unsere Kleine Anfrage zur Verwendung und Weitergabe des NVA-Erbes unverzüglich auf die Tagesordnung der zuständigen Ausschüsse gesetzt wird, daß ferner künftig alle weiteren Maßnahmen bei der Auflösung dieser Armee der Beratung und Beschlußfassung im Verteidigungsausschuß, im Auswärtigen Ausschuß und im Haushaltsausschuß unterliegen und daß die Bundesregierung am Ende jedes Quartals dem Deutschen Bundestag unverzüglich einen detaillierten Bericht über den Fortgang der Auflösung und die Verwendung der NVA-Hinterlassenschaft vorzulegen hat. Wir hoffen darauf, daß wir uns mit allen anderen Fraktionen über die Kernpunkte dieses Antrages verständigen können. Es ist schlimm, daß diese Vorgänge einen Teil der deutschen Vereinigung ein knappes Jahr nach ihrem Vollzug ins Gerede bringen. Wir müssen das Vertrauen wiederherstellen. Das geht nur durch die Einrichtung einer strikten parlamentarischen Kontrolle bei allen Vorgängen, die die Auflösung der Armee der ehemaligen DDR betreffen. Jürgen Koppelin (FDP): Mit dem Antrag der PDS/ Linke Liste wird gefordert, den Koordinierungsausschuß „Wehrmaterial fremder Staaten" umgehend aufzulösen und dem Deutschen Bundestag verschiedene Berichte vorzulegen. Die Berichte liegen vor. Wenn die PDS an der Ausschußarbeit teilnehmen würde, wäre das auch der PDS bekannt. Mitglieder der Fraktionen von CDU/CSU, SPD und FDP haben zusätzlich auf Grund der Vorgänge um Waffenlieferungen nach Israel über 200 Fragen gestellt, die sehr ausführlich beantwortet worden sind. Daß sich aus der Beantwortung der gestellten Fragen natürlich erneut verschiedene Fragen ergeben, liegt wohl in der Natur der Sache, und wir sind dabei — und haben das gestern in der Sitzung des Verteidigungsausschusses getan — die Beantwortung zu bewerten. Jede Fraktion mag die Beantwortung unterschiedlich bewerten, aber eines bleibt festzuhalten: Die Bundesregierung ist keiner Beantwortung einer Frage ausgewichen. Die FDP hat kein Verständnis für die Forderung der SPD, daß der Deutsche Bundestag die Art und Weise, in der die Bundesregierung Fragen von Abgeordneten beantwortet hat, mißbilligen soll. Und ich erlaube mir auch darauf hinzuweisen, daß Sie sich in Ihrem Antrag ja selbst widersprechen, wenn Sie unter Punkt 2 einmal kritisieren, daß Sie auf Antworten längere Zeit haben warten müssen, und auf der anderen Seite gleichzeitig im selben Absatz die Bundesregierung auffordern, größere Sorgfalt bei der Beantwortung von mündlichen und schriftlichen Fragen von Abgeordneten walten zu lassen. Die PDS fordert in ihrem Antrag, den Koordinierungsausschuß „Wehrmaterial fremder Staaten" umgehend aufzulösen. Wir meinen: Selbstverständlich muß es eine Koordinierungsstelle geben, die darüber berät, was mit diesem Material, das ein erhebliches Vermögen darstellt, geschehen soll, Material, das wir in unvorstellbaren Mengen übernommen haben. Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir den Hinweis, daß der Staat DDR und die SED, deren Nachfolgeorganisation die PDS ist, das Volk um einen großen Teil der Früchte seiner Arbeit gebracht haben, weil dieser Staat und diese Partei den Lohn der arbeitenden Menschen in Waffenlager gesteckt haben, nicht nur bei der Nationalen Volksarmee, sondern auch bei den Betriebskampfgruppen und beim Staatssicherheitsdienst. Dafür trägt auch die PDS Mitverantwortung. Die Auflösung des Koordinierungsausschusses „Wehrmaterial fremder Staaten" wird nur dazu führen, daß Wünsche auf Überlassung von Material der NVA bei verschiedenen Stellen geäußert werden und damit eine Kontrolle immer schwieriger wird. Nicht die Auflösung des Koordinierungsausschusses ist daher das Gebot der Stunde, sondern die Frage, wie wir diese Arbeit kontrollieren. Daher werden wir die Forderung der PDS nach Auflösung des Koordinierungsausschusss ablehnen. Bei dieser Gelegenheit: Für die FDP kann ich sagen, daß wir die Entscheidung des Bundeskabinetts vom 31. Oktober begrüßen, in der Grundsätze für die künf- 5838* Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 67. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 12. Dezember 1991 tige Zusammenarbeit mit Israel auf dem Gebiet der Wehrtechnik festgelegt worden sind. Ich möchte zwei Anmerkungen machen. Erstens. Wir werden uns darüber unterhalten müssen, wieweit es wirklich Aufgabe des Bundesnachrichtendienstes ist, den Transport und die Lieferung von Wehrmaterial durchzuführen. Zweitens. Wir werden uns als Parlament zukünftig stärker darum kümmern müssen, in welcher Form und Weise die VEBEG ihre Aufgaben wahrnimmt. Was ich meine, lassen Sie mich an einem Zitat aus dem Bericht vom 2. Dezember verdeutlichen. Dort heißt es: Die VEBEG hat keine Kontrolle darüber, was mit dem von ihr ordnungsgemäß veräußerten und gegebenenfalls nach der Veräußerung weiterverkauften Material geschieht. Ich wiederhole daher noch einmal unsere Forderung: Die FDP hält eine verstärkte Kontrolle der VEBEG für dringend erforderlich, und wir erwarten umgehend, wie bereits mehrfach im Ausschuß gefordert, einen sehr umfassenden Bericht über die Arbeit der VEBEG. Die SPD fordert mit ihrem Antrag, daß der Gesamtprozeß der Auflösung der ehemaligen NVA und der Verwendung und Weitergabe von Waffen, Geräten, Ausrüstung, Munition ab sofort einer wirksamen parlamentarischen Kontrolle unterzogen wird. Auch die FDP will die parlamentarische Kontrolle der Auflösung der NVA. Wir haben es daher begrüßt, daß der Verteidigungsausschuß am 20. März 1991 eine Arbeitsgruppe „Streitkräftefragen in den neuen Bundesländern" eingesetzt hat; im Aufgabenkatalog heißt es u. a.: Entlastung der Truppenteile von Waffensystemen, Munition und Ausrüstung der ehemaligen NVA, Maßnahmen zur weiteren Verwendung, Lagerung oder Vernichtung von Bewaffnung und Ausrüstung. Wir haben hier durchaus die Möglichkeit der parlamentarischen Kontrolle der Auflösung der NVA. Nach den jüngsten Erfahrungen mag das nicht ausreichend sein, und so werden wir uns im Verteidigungsausschuß darüber unterhalten müssen, wie die zukünftige parlamentarische Kontrolle über die Verwertung des Materials der NVA geschehen soll. Einer Überweisung des Antrages der SPD stimmen wir zu. Den Antrag der PDS lehnen wir ab. Dr. Dagmar Enkelmann (PDS/Linke Liste): Über Jahre hinweg hat der „Koordinierungsausschuß Wehrmaterial fremder Staaten" des BND und der Bundeswehr an allen parlamentarischen Gremien vorbei einen florierenden Waffenhandel betrieben. Daß die PKK nicht von der Einrichtung dieser geheimen Institution unterrichtet war, zeigt, mit welchem Verständnis die Regierungen der Bundesrepublik mit der parlamentarischen Kontrolle umgehen. Wenn wir heute hören müssen, daß offenbar alle Waffenhändler, die kriminellen, die halbkriminellen und die staatlichen, die Waffenhändler von demokratisch verfaßten Ländern und von Diktaturen, sofort nach dem Anschluß der DDR bei den entsprechenden Stellen auf der Matte standen, um Waffen aus den NVA-Beständen zu erwerben, dann sagt dies schon fast alles über das Milieu aus, in dem dieser krakenhafte geheimdienstliche Koordinierungsausschuß sein Unwesen treibt. Aus über 70 Ländern sollen treffsicher Kaufangebote für Waffenlieferungen aus NVA-Beständen an die dafür zuständigen Stellen weitergereicht worden sein. Die Dunkelziffer soll sogar noch höher liegen. Durch die jahrzehntelange Tätigkeit, sowohl zu sozial-liberalen Zeiten als auch zu Zeiten der jetzigen Regierung, muß der Koordinierungsausschuß zu einer berühmt-berüchtigten Adresse geworden sein. Geheimdienstlich abgesichert, wurden hier die entsprechenden Gesetze und Vorschriften für den Rüstungsexport in großem Stil außer Kraft gesetzt. Aus den kümmerlichen Fakten, die in der Presse standen, und aus den kümmerlichen und zum Teil falschen Auskünften der Bundesregierung kann man eigentlich nur zwei Schlußfolgerungen ziehen: 1. Der Koordinierungsausschuß Wehrmaterial fremder Staaten muß sofort aufgelöst werden. 2. Die Bundesregierung muß dem Bundestag und damit der Öffentlichkeit umfassend und lückenlos Auskunft über die gesamte Tätigkeit dieser Wehrmachts-Koko erteilen. Bisher hat die Bundesregierung alles Erdenkliche unternommen, um das wahre Ausmaß zu verschleiern. Es ist dann nur konsequent, wenn die Bundesregierung offenbar bewußt Abgeordnete bei der Beantwortung von Kleinen Anfragen anflunkert. Aber was soll man von Menschen, die Waffen als „landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge " deklarieren, auch anderes erwarten? Dabei ist es schon interessant, die sich hier entwikkelnde Posse zu verfolgen. Die Presse deckte auf, daß T-72-Panzer aus dem Irak an die Bundeswehr geliefert worden sein sollen, daß allein in der Zeit vom 16. April 1986 bis zum 9. Mai 1986 vier Unterstützungsleistungen von der Wehrmachts-Koko durchgeführt worden sein sollen, u. a. an die Türkei und Pakistan. Die SPD fordert eine umfassende Aufklärung der Auslieferung von Beständen aus der NVA. Die Bundesregierung macht dies auch, aber nur in bezug auf Israel. Ein Untersuchungsausschuß soll lieber im Rahmen des Verteidigungsausschusses arbeiten, damit er etwas aus der Öffentlichkeit genommen werden kann. All dies soll dazu dienen, das Ausmaß zu verschleiern. Wir wollen natürlich wissen, wer hier ab wann in welche Länder welche Waffen verschoben hat, und die Verantwortlichen müssen dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Willy Wimmer, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung: Die Gruppe der PDS/Linke Liste fordert in einem Antrag zur Auflösung des „Koordinierungsausschusses Wehrmaterial fremder Staaten" , zu Entstehung und Aktivitäten dieses Gremiums einen vollständigen Bericht vorzulegen. Meine Damen und Herren der PDS, es wäre Ihnen ein leichtes gewesen, diese Informationen zu erhalten, wenn Sie bei der Behandlung dieses Themas nicht so häufig durch Abwesenheit in den Sitzungen des Verteidigungsausschusses geglänzt hätten. Dort ist in den ver- Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 67. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 12. Dezember 1991 5839* gangenen Wochen umfassend und in aller Ausführlichkeit mündlich und schriftlich zu diesem Thema vorgetragen worden. Dabei ist auch kein Zweifel daran aufgekommen, daß die Zusammenarbeit mit anderen Ländern zur technischen Auswertung fremden Wehrmaterials in keiner Weise einem „Waffenhandel" entspricht, wie in Ihrem Antrag unterstellt wird. Eine solche Diffamierung weise ich zurück. Die Bundesrepublik Deutschland arbeitet seit vielen Jahren mit verbündeten und befreundeten Staaten auf dem Gebiet der technischen Auswertung fremden Wehrmaterials zusammen. Diese Zusammenarbeit ist politisch gewollt, sie liegt in unserem besonderen sicherheits- und verteidigungspolitischen Interesse. Aus dieser Zusammenarbeit haben wir in der Vergangenheit — oftmals einseitig zu unserem Nutzen — großen Gewinn gezogen. Die Kenntnis fremden Wehrmaterials ist für die Bundeswehr von hoher Bedeutung. Sie gibt uns wertvolle Hinweise auf notwendige Folgerungen für die eigenen Planungen und die Entwicklung von eigenem Wehrmaterial. Erkenntnisse über die technischen und taktischen Leistungsparameter fremden Wehrmaterials ermöglichen uns nicht zuletzt, wirksame Gegenmaßnahmen für die eigene Truppen entwickeln und damit Vorsorge für den Schutz unserer Soldaten treffen zu können. Zur Organisation und Abstimmung von Maßnahmen der technischen Auswertung fremden Wehrmaterials besteht im Bundesministerium der Verteidigung seit 1988 der Koordinierungsausschuß „Wehrmaterial fremder Staaten". In diesem Ausschuß sind die für diesen Bereich zuständigen Fachreferate des Hauses sowie der Bundesnachrichtendienst vertreten. Aufgabe des Ausschusses ist es, auf der Grundlage des Bedarfs der Streitkräfte und ihrer speziellen Interessenlage den notwendigen Erkenntnisbedarf abzustimmen und die hierzu notwendigen Anforderungen und Maßnahmen zu koordinieren. Im Zusammenhang mit der Beschlagnahme von Wehrmaterial der ehemaligen NVA zur technischen Auswertung in Israel durch die Staatsanwaltschaft Hamburg Ende Oktober sind eine Reihe kritischer Fragen nach Umfang, Verfahren und Notwendigkeit dieser Zusammenarbeit mit anderen Staaten gestellt worden. Die zuständigen Ausschüsse des Parlaments haben sich in den vergangenen vier Wochen intensiv mit diesem Thema befaßt. Die Bundesregierung hat am 2. Dezember hierzu einen umfassenden Bericht vorgelegt. In diesem Bericht hat die Bundesregierung auch Aufgaben und Rolle des Koordinierungsausschusses dargestellt. Sie hat im Bericht wie in der parlamentarischen Diskussion hierzu deutlich gemacht, daß zu den in Rede stehenden Vorgängen eine politische Grundsatzentscheidung hätte eingeholt werden müssen. Da dies unterblieben ist, wurden Fehler in der Durchführung gemacht. Die Bundesregierung hat unmittelbar nach der Beschlagnahme in Hamburg die notwendigen Konsequenzen gezogen. Alle Einzelheiten hierzu wurden ausführlich im Verteidigungsausschuß erläutert. Der Antrag der PDS/Linke Liste ist somit gegenstandslos geworden. Aus den bis jetzt erkannten Fehlern und ersten Erfahrungen aus den eingehenden Untersuchungen sind zunächst Folgerungen gezogen worden, wie sie der Bericht darstellt. Über weitere Konsequenzen wird nach Abschluß der parlamentarischen Beratungen zu diesem Thema zu entscheiden sein. Die Fraktion der SPD hat einen Antrag zur parlamentarischen Kontrolle der Abgabe von Material der ehemaligen NVA gestellt, dessen Sinn ich so recht nicht zu begreifen vermag. Die materielle Hinterlassenschaft der ehemaligen NVA ist mit dem 3. Oktober 1991 in die Zuständigkeit und Verantwortung des Bundesministers der Verteidigung übergegangen. Sie ist seitdem Bundeswehrmaterial und unterliegt damit der ständigen parlamentarischen Kontrolle der Bundeswehr insgesamt durch den Verteidigungsausschuß. Soweit im Rahmen der aktuellen Diskussion nach der Abgabe von Wehrmaterial der ehemaligen NVA an andere Staaten im Rahmen wehrtechnischer Zusammenarbeit oder humanitärer Hilfeleistung gefragt worden ist, ist hierzu durch das Bundesministerium der Verteidigung in der Sitzung des Verteidigungsaussschusses am 11. Dezember 1991 vorgetragen worden. In Verbindung mit der Beantwortung der Kleinen Anfrage der Fraktion der SPD „Verwendung und Weitergabe von Waffen, Geräten, Ausrüstungen, Munition und anderen militärischen Gegenständen der ehemaligen NVA" vom 26. November 1991 wird der Bundesminister der Verteidigung im Januar 1992 weitergehend berichten. Die Bundesregierung wird die bewährte Zusammenarbeit in der technischen Auswertung fremden Wehrmaterials mit verbündeten und befreundeten Staaten im Sinne deutscher Sicherheitsinteressen auch künftig fortsetzen. Anlage 3 Amtliche Mitteilungen Die Vorsitzenden folgender Ausschüsse haben mitgeteilt, daß der Ausschuß gemäß § 80 Abs. 3 Satz 2 der Geschäftsordnung von einer Berichterstattung zu den nachstehenden Vorlagen absieht: Ausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Drucksache 11/6894 Drucksache 11/7168 EG-Ausschuß Drucksache 11/8265 Drucksache 11/8491 Drucksache 12/75 Drucksache 12/550 Drucksache 12/598 Drucksache 12/947 Die Vorsitzenden folgender Ausschüsse haben mitgeteilt, daß der Ausschuß die nachstehenden EG-Vorlagen zur Kenntnis genommen, bzw. von einer Beratung abgesehen hat: Haushaltsausschuß Drucksache 12/1174 Nr. 2.1 Drucksache 12/1072 Nr. 2 Ausschuß für Wirtschaft Drucksache 12/1229 Nrn. 3.1-3.7 Ausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Drucksache 12/764 Nr. 2.10
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    Rede von Dr. Norbert Wieczorek


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (SPD)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (SPD)

    Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Bundeskanzler und auch der Finanzminister haben einige Schwierigkeiten, Maastricht als großen Erfolg darzustellen; so recht gelingt das nicht. In den Reden war doch schon so eine gewisse defensive Stimmung erkennbar.
    Herr Kollege Schäuble war ja in seiner übertriebenen Reaktion auf Kritik von uns ebenfalls bemerkenswert. Hängt das vielleicht damit zusammen, daß die
    5820 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991
    Dr. Norbert Wieczorek
    Ihnen in bestimmten Bereichen sonst so nahestehenden Zeitungen diesmal doch sehr kritisch sind?

    (Stefan Schwarz [CDU/CSU]: Der „Spiegel" z. B.!)

    Das scheint mir fast so.
    Ich möchte eines sehr deutlich sagen, damit wir uns da richtig verstehen. Ich halte gar nichts von den Tatarenmeldungen der Boulevardpresse. Es ist einfach unsinnig, zu sagen, daß nur die D-Mark eine harte Währung sein könne und eine europäische Währung nicht. Wir sollten aber die Sorgen, die dahinterstehen, ernst nehmen, Graf Lambsdorff. Wir müssen Aufklärung leisten. Nur, so wie die D-Mark zur Stabilität und auch zur Identität in Deutschland beigetragen hat, kann dies auch eine europäische Währung im europäischen Einigungsprozeß leisten. Darin besteht Gemeinsamkeit, glaube ich.

    (Beifall bei der SPD)

    Aber das enthebt nicht der Verpflichtung, sich näher damit auseinanderzusetzen, was in der seriösen Fachpresse und in den Stellungnahmen etwa der Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, gestern im „Handelsblatt" nachzulesen, angesprochen worden ist.
    Man wird die Vereinbarung also mit Nüchternheit prüfen müssen. Währungspolitik ist kein Gebiet, in dem mit rosarotem Optimismus gearbeitet werden kann, sondern nur mit sehr nüchterner Risikoabschätzung. Dabei geht es auch nicht um historische Momente oder etwas Ähnliches, sondern es muß am Ende funktionieren. Es ist sicher richtig — da möchte ich dem Finanzminister beipflichten — , daß die Konstruktion der Europäischen Zentralbank unseren Vorstellungen weitestgehend entspricht. Das gilt allerdings nur eingeschränkt für das EWI. In bezug auf dieses besteht zwar ebenfalls große Übereinstimmung; aber einige Punkte sind doch ein bißchen zu hinterfragen.
    Erstens. Bei den Empfehlungen des Europäischen Währungsinstituts in der Vorbereitungsphase für die Gestaltung der endgültigen Währung werden alle EG-Länder ein volles Mitspracherecht in bezug auf die Gestaltung der dritten Stufe, also die endgültige Währungsunion, haben. Nun ist zwar diese Empfehlung nicht verbindlich; aber machen wir uns doch nichts vor: Diese Empfehlung wird dann die entscheidende Verhandlungsgrundlage 1996 oder 1998 sein.
    Zweitens. Das Europäische Währungsinstitut erhält von den Mitgliedsländern das Recht, freiwillig Währungsreserven zu verwalten. Dabei muß es sich dann zwar jeweils mit der betroffenen Zentralbank abstimmen; aber ich werde sehr stutzig, wenn Frankreich, das ja für das europäische Währungsinstitut immer eine eigenständige Währungskompetenz verlangt hat, jetzt ganz plötzlich erklärt, es sei bereit, dem Institut freiwillig Währungsreserven zur Verfügung zu stellen. Da ist doch ein Konflikt vorprogrammiert. Was ist denn, wenn dieses Währungsinstitut mit französischen Währungsreserven gegenüber dem Dollar in die Märkte eingreift? Muß es sich dann wirklich vorher mit der Bundesbank abstimmen? Dabei geht es doch formal nicht um die D-Mark. Da ist also in Wirklichkeit durch die Hintertür leider doch eine Grauzone hineingekommen, auch wenn der Vertrag sie nicht vorsieht.
    Man hat immer gesagt, die Phase II, in der das Europäische Währungsinstitut arbeitet, muß sehr kurz sein. Aber jetzt haben wir aber einmal einen Termin 1997 und einmal einen Termin 1999. So schön hinreichend ist das jetzt nicht mehr definiert, wie einmal gewünscht.
    Das führt mich zu einem zweiten Punkt. Vor Maastricht hieß es immer auch hier in diesem Hause in allen Debatten von allen Seiten, daß kein Land gezwungen werden dürfe, der einheitlichen Währung beizutreten. Jetzt ist aber für 1999 ein Automatismus festgeschrieben, der letztlich von statistischen Größen abhängt. Die „Frankfurter Allgemeine" hat am 11. März dazu geschrieben — ich zitiere — :
    Das ist mehr als eine protokollarische Merkwürdigkeit. Hier wird zweierlei erkennbar: der Wille zu einem festen Fahrplan und die Ahnung von der Vorläufigkeit aller Planungen.
    Das erinnert mich sehr an das, was Graf Lambsdorff vorhin gesagt hat. So weit ist das wirklich nicht voneinander entfernt.
    Bei der Schärfe der Kriterien kann es durchaus passieren, daß nur eine kleine Minderheit von Ländern 1999 die Voraussetzungen erfüllt. Dazu muß noch nicht einmal die Bundesrepublik gehören. Wenn es aber nur eine kleine Zahl von Ländern ist, dann ist das nicht nur ein absurdes Ergebnis, sondern noch viel schlimmer. Es wäre ein Sprengsatz für den Zusammenhalt der gesamten Europäischen Gemeinschaft, wenn eine Minderheit von Ländern die dominierende neue Währung beherrscht, die anderen Länder in Abhängigkeit davon geraten und eben zugleich in anderen Bereichen der EG auch diese Länder ihren Einfluß geltend machen können. Wir wissen doch, daß in der EG häufig Birnen gegen Äpfel gehandelt werden. Das darf natürlich im Bereich der Stabilitätsanforderung bei der Währungsunion nicht passieren.

    (Beifall bei der SPD)

    Die an und für sich sehr lobenswerte Absicht, den Ländern mit Anpassungsschwierigkeiten Zeit für ihren Beitritt zu geben, verwandelt sich durch diesen Automatismus in eine gefährliche neue Qualitätsstufe des Einigungsprozesses, in einen Weg der zwei Geschwindigkeiten, der zwangsweise ist. Ich kann davor nur warnen. Dies ist auch keine düstere Prognose; denn sie beruht ja auf der Realität der Entwicklungsstände, die wir heute in den EG-Ländern haben.
    Das macht sich erstens deutlich bei dem Konvergenzkriterium: Höhe der öffentlichen Verschuldung, gemessen am Bruttosozialprodukt. Die Länder Belgien, Italien, Irland, Griechenland und in geringerem Maße sogar die Niederlande liegen heute zum Teil bereits sehr weit über der Grenze von 60 % des öffentlichen Schuldenstandes. Es ist völlig unrealistisch, anzunehmen, daß diese Länder bis 1997 oder 1999 diesen Stand tatsächlich erreichen. Dies ginge nur mit einer massiv deflatorischen Politik, die von sozialen, beschäftigungspolitischen und politischen Unruhen begleitet wäre. Dies würde dem Einigungsprozeß
    Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991 5821
    Dr. Norbert Wieczorek
    schaden, aber nicht nur dem Einigungsprozeß, es würde auch den anderen Volkswirtschaften in der EG und gerade auch der der Bundesrepublik schaden.
    Das gilt um so mehr, wenn uns klarer wird, daß wir im Moment nicht mehr in einer Phase konjunkturellen Aufschwungs, sondern einer konjunkturellen Schwäche in Westeuropa leben. Dies gilt ja zunehmend auch für die Bundesrepublik. Die Folgen einer Wachstumsschwäche sind gar nicht kalkulierbar.
    Die ungewöhnlich lange Phase des weltweiten konjunkturellen Aufschwungs in den 80er Jahren ist vorbei; sie hatte geholfen, daß wir im Rahmen des europäischen Währungssystems Konvergenz erreicht haben. Wir sehen aber jetzt schon, daß diese Konvergenzdaten wieder auseinanderstreben. Ich schließe nicht aus, daß es so wie zu Beginn der 80er Jahre, als wir die letzte Weltwirtschaftskrise hatten, dann wieder zu einer falschen Diskussion kommen kann: hie Stabilität, dort Beschäftigung.

    (Dr. Kurt Faltlhauser [CDU/CSU]: Das war damals unter Ihrer Regierung!)

    — Dies war aber nicht unsere Regierung, Kollege Faltlhauser. Das war damals der Angriff der Franzosen, der Italiener, der Briten gegenüber dem EWS.

    (Beifall bei der SPD)

    Wollen Sie ernsthaft behaupten, daß in Frankreich jeder so denkt wie z. B. Herr Bergevoy?! Weil das so war und weil das wiederkommen kann, müssen wir daran denken.
    Es ist doch keine Zufälligkeit, daß der Vertrag genau an dieser Stelle politische Bewertungskriterien einführt. Ich wiederhole meine Warnung vom letzten Mal. Wenn dort politisch bewertet wird, wird das auch für die anderen Kriterien gelten können. Man wird nicht nur eines politisch bewerten können; das wird die Praxis sein.

    (Dr. Otto Graf Lambsdorff [FDP]: Wenn die Labour-Partei wieder drankommt, wird es gefährlich!)

    — Ach wissen Sie, wenn die Labour-Party drankommt, kriegen wir mit denen zumindest die Währungsunion. Das ist ja bei Frau Thatchers Nachfolger etwas schwierig mit seiner eigenen Partei.
    Dann kommen wir noch zu dem Konvergenzpakt: Angleichung der langfristigen Zinssätze und Abwertungsverbot im Rahmen des EWS, weil das die Angleichung für die wirtschaftlich schwachen Länder schwieriger macht. Gerade im bestehenden EWS ist doch die Wechselkursstabilität mit Zinsdifferenzen erkauft worden. Wenn ich jetzt beides zusammenpacke und sage, nur wenn ihr beides ordentlich macht, kommt ihr da rein, dann gibt es nur einen Weg, da hereinzukommen: stark Deflationsprozesse zu machen. Das hat allerdings genau die Wirkung, die ich eben schon einmal beschrieben habe.

    (Dr. Otto Graf Lambsdorff [FDP]: Oder Transfer!)

    — Darauf komme ich gleich. — Ich möchte nicht mißverstanden werden. Ich halte die Kriterien für sinnvoll, aber durch den Automatismus werden sie für den Einigungsprozeß sehr gefährlich. Sie dürfen nicht aufgegeben werden, aber dieser Automatismus macht es schwierig. Deswegen ist ja auch plötzlich — Graf Lambsdorff, ich stimme Ihnen zu — dieser Kohäsionsfonds dort hineingekommen. Dafür werden zur Zeit zwar noch keine Summen genannt, aber entweder bleibt er wirkungslos, weil zu knapp ausgestattet, oder er wird sehr teuer — und dann gerade für die Bundesrepublik.
    Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, daß sich die Bundesrepublik mit ihren Lasten aus der deutschen Einheit und den unabweisbaren Lasten für die Entwicklung und Stabilisierung der Reformländer Osteuropas sehr hüten muß, sich unter diesem Zwang des automatischen Prozesses zur europäischen Währungseinheit an dieser Stelle finanziell zu übernehmen.

    (Beifall bei der SPD und der FDP)

    Das sind einige der seriösen Kritikpunkte am Ergebnis von Maastricht. Der wichtigste Punkt ist aber der, daß die Beziehung zwischen der Währungs- und der Politischen Union weitgehend gelöst worden ist.

    (Ingrid Matthäus-Maier [SPD]: Leider!)

    Zu Beginn der Diskussion über die einheitliche Währung gab es in der Bundesrepublik — ich darf daran erinnern — diesen fruchtlosen Streit zwischen den Verfechtern der Krönungstheorie und der Lokomotivtheorie. Krönungstheorie: Die Währungsunion kann nur Schlußstein des gesamten europäischen Einigungsprozesses sein. Lokomotivtheorie — Herr Genscher, Sie hatten wohl Sympathien dafür — : Die Währungsunion muß alles zur Einigung hinziehen.
    Ich habe ein bißchen den Verdacht, daß wir uns jetzt ziemlich weit der Lokomotivtheorie angenähert haben. Damit haben wir den sehr verdienstvollen Ansatz des Delors-Berichtes, der nämlich die Verknüpfung zwischen beiden zum Inhalt hatte, aufgegeben. Die Bundesregierung hat ja auch die allergrößte Mühe, das Ergebnis im Bereich der Politischen Union als politischen Erfolg zu verkaufen. Sie hat den selbst formulierten, gerade vom Bundeskanzler immer formulierten Standpunkt, beides kann nur zusammen, gleichwertig geschehen, faktisch aufgegeben.
    Dabei geht es aber nicht nur um die Frage der Vertretung der ostdeutschen Länder im Europäischen Parlament oder um das von uns allen beklagte unannehmbare Demokratiedefizit der EG. Es geht im Bereich der Währungspolitik genau um die unverzichtbaren Rahmenbedingungen, unter denen Währungspolitik stattfindet.
    Das Statut der Europäischen Zentralbank mag noch so gut sein; aber auch die Erfolge der Bundesbank in der deutschen Wirtschaftspolitik waren nur möglich, weil es für die Wirtschafts- und Finanzpolitik in der Bundesrepublik, von einigen Irrungen und Wirrungen abgesehen, auf Grund unserer geschichtlichen Erfahrungen mit ungebremster Inflation immer den Konsens zur Stabilitätspolitik gab.

    (Beifall bei der SPD)

    Die neue Europäische Zentralbank aber wird nach dem heutigen Stand mit mindestens 12, wahrscheinlich aber 15 oder 16 selbständigen Wirtschafts- und
    5822 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991
    Dr. Norbert Wieczorek
    Finanzpolitiken konfrontiert werden. Diese Politiken werden wegen der unterschiedlichen realen Ausgangslage in den verschiedenen Ländern auch unterschiedlich stabilitätsorientiert sein. Das wird unvermeidlich sein. Die Geld- und Währungspolitik kommt dann in Zugzwang und unter Durck.
    Vizepräsident Tietmeyer hat in einer Rede, die ich neulich zitieren konnte, im Hinblick auf Wanderungsbewegungen auf Grund längerer Arbeitslosigkeit in Regionen der EG auf diese Problematik hingewiesen. Es gibt aber auch noch andere Beispiele für eine mögliche Gefährdung der guten Absicht — die will ich ja gar nicht bestreiten — zur währungspolitischen Stabilität.
    Zwar sieht der Vertrag vor, daß die Haushaltspolitik abgestimmt werden soll, und er droht mit Sanktionen und der Verweigerung einer Garantie für die Länder, die sich finanziell übernehmen, nur, der Praxistest, der Test zumindest für die Garantieklausel, steht aus. Wenn ein Land der EG wirklich in massiven finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist, werden die anderen EG-Länder gerade wegen der bestehenden realwirtschaftlichen Verflechtungen im Eigeninteresse wahrscheinlich anders handeln, als der Vertrag androht.
    Zur Illustration: Kein Mensch hat der Sowjetunion eine Garantie gegeben. Trotzdem müssen wir im eigenen Interesse den Republiken Geld geben, damit dort die Lage nicht im Chaos versinkt.
    Ich habe in meiner Rede am 5. Dezember gesagt: Die Gefahr besteht, daß wir in der Währungsunion mit dem einen Bein einen langen Schritt machen und in der Politischen Union im Schlamm steckenbleiben. Dann fällt man auf die Nase. — Mir scheint, daß diese Gefahr jetzt Realität wird.
    Maastricht kann für uns insofern kein Abschluß der Verhandlungen sein. Für die Gesamtbewertung wird es entscheidend darauf ankommen, ob bis 1996, spätestens in dem Revisionsprozeß für die Politische Union 1996 — der ist ja angekündigt —, echte Fortschritte zur Demokratisierung der EG und zur Herausbildung eines gemeinsamen wirtschafts- und finanzpolitischen Zielrahmens geschaffen werden.
    Die Politische Union muß eine parlamentarisch-demokratische Institution schaffen, die ein vollwertiger Partner der Europäischen Zentralbank in der Wirtschafts- und Finanzpolitik ist.
    Der in unserer gemeinsamen Entschließung vom 5. Dezember beschlossene Parlamentsvorbehalt, die gemeinsame Absicht, daß sich vor dem endgültigen Eintritt in die Währungsunion der Deutsche Bundestag noch einmal mit dem Beitritt der Bundesrepublik zur einheitlichen Währung befaßt, hat im Licht der jetzt vorliegenden Ergebnisse besondere Bedeutung bekommen.
    Der nächste Bundestag wird die Verantwortung für den Erfolg der europäischen Einigung und für die Akzeptanz dieses Prozesses in der deutschen Bevölkerung tragen.

    (Beifall bei der SPD)

    Es ist aber Aufgabe schon dieser Bundesregierung,
    das jetzt Erreichte entscheidend nachzubessern. Für
    Selbsttäuschung steht zuviel auf dem Spiel, sowohl in der Bundesrepublik als auch in Europa.

    (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der PDS/Linke Liste — Abg. Dr. Otto Graf Lambsdorff [FDP]: Diese Bundesregierung muß das 1999 umsetzen!)



Rede von Dieter-Julius Cronenberg
  • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (FDP)
  • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (FDP)
Nun spricht der Bundesminister des Auswärtigen, HansDietrich Genscher.

  • insert_commentNächste Rede als Kontext
    Rede von Hans-Dietrich Genscher


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (None)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (FDP)

    Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, das hat uns das Grundgesetz aufgegeben. Mit dem Europäischen Rat in Maastricht sind wir dem Ziel eines vereinten Europas einen wesentlichen Schritt nähergekommen.
    Die Unumkehrbarkeit des europäischen Einigungsprozesses hat auf diesem Gipfel seine Bestätigung gefunden. Das ist für uns Deutsche in einem Europa voller Herausforderungen und großer Gefahren der Instabilität östlich von uns von größter Bedeutung.

    (Beifall bei der FDP)

    Ich glaube, ein Blick in den Osten und Südosten Europas zeigt, was ein Rückschlag in Maastricht für das ganze Europa in Wahrheit bedeutet hätte. Das ist der Maßstab, den wir anzulegen haben.

    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Detlev von Larcher [SPD]: Eine Katastrophe als Maßstab!)

    — Man muß einen Maßstab anlegen, um feststellen zu können, was eine Katastrophe ist, Herr Kollege. Manche stellen die Katastrophe ohne Maßstab fest.

    (Heiterkeit und Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Detlev von Larcher [SPD]: Sie haben es umgekehrt gesagt!)

    Der Europäische Rat von Maastricht wird den Skeptikern zum Trotz in die Geschichte eingehen als der Gipfel, auf dem die Schaffung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion nach jahrzehntelangen Vorarbeiten verbindlich beschlossen und eine umfassende Europäische Union auf den Weg gebracht wurde. Die Bundesregierung hat daran wesentlichen Anteil.
    Für uns Deutsche war und ist die Europäische Gemeinschaft vor allem auch eine politische Gemeinschaft. Die wirtschaftliche und monetäre Einigung Europas muß Hand in Hand mit der politischen gehen; sie muß vor allem bürgernah sein. Insoweit hat Maastricht einen entscheidenden Fortschritt gebracht.
    Das Gesamtverhandlungsergebnis führt zu einer Vertiefung und zu einer Erweiterung der bisherigen Gemeinschaftskompetenzen. Unter dem Dach der Europäischen Union können sich nunmehr die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik und die Zusammenarbeit der Innen- und Justizminister entwikkeln, letztere allerdings zunächst verfahrensmäßig noch stark intergouvernemental, aber doch mit ein-
    Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991 5823
    Bundesminister Hans-Dietrich Genscher
    deutiger Ausrichtung zu mehr Gemeinsamkeit und auch zur Vergemeinschaftung.
    Erste konkrete Elemente einer künftigen europäischen Verfassungsstruktur werden erkennbar. Das europäische Einigungswerk hat sich erneut in Bewegung gesetzt. Evolutivklauseln und Revisionsklauseln ermöglichen eine positive Fortentwicklung.
    Die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik und die Entwicklung zu einer gemeinsamen Verteidigung sind wesentliche Pfeiler der Europäischen Union. Das Konzept, das wir zusammen mit Frankreich entwickelt hatten, hat sich in Maastricht weitgehend durchgesetzt. Kernstück der Bestimmungen über die Außen- und Sicherheitspolitik ist das neue Instrument der gemeinsamen Aktion. In ihrem Rahmen wird die Union in Zukunft geschlossen handeln.
    Qualifizierte Mehrheitsentscheidungen wurden in die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik eingeführt.
    Ich möchte an dieser Stelle erwähnen: Das wird auch einmal dazu führen, daß Deutschland bei einer qualifizierten Mehrheitsentscheidung seine Vorstellungen nicht wird durchsetzen können. Das sollten wir dann aber im europäischen Geist hinnehmen und auf Verbesserungen hinwirken.
    Die Tatsache, daß alle Partner das Prinzip der Mehrheitsentscheidungen akzeptiert haben, ist wegweisend für die künftige außen- und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit Europas. Es eröffnet auch eine neue Dynamik.
    Maastricht hat einen entscheidenden Fortschritt für die sicherheits- und verteidigungspolitische Dimension der Europäischen Union erbracht. Alle Partner haben sich darauf verständigt, auch auf diesem Gebiet die Konsequenz aus der neuen Dynamik der Integration zu ziehen. Wir haben vertraglich verankert, daß die Union eine gemeinsame Verteidigungspolitik entwickeln wird, die — und jetzt zitiere ich wörtlich —„zu gegebener Zeit zu einer gemeinsamen Verteidigung führen könnte". Durch diese vertragliche Formulierung unterstreichen die Mitgliedstaaten die Notwendigkeit der Verteidigungsidentität der Union mit dem Ziel, Europa in die Lage zu versetzen, seine sicherheits- und verteidigungspolitische Verantwortung wahrzunehmen.
    Kernelement ist die Feststellung, daß die Westeuropäische Union integraler Bestandteil der Europäischen Union ist. Das war das zentrale Ziel der deutschfranzösischen Initiative. Damit hat die Europäische Union in der Westeuropäischen Union das Instrument, um ihre verteidigungspolitischen Ziele und später die Verteidigung selbst verwirklichen zu können.

    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

    Wir haben uns darauf festgelegt, diese Westeuropäische Union zur Verteidigungskomponente der Union auszubauen. Die künftige Verbindung zwischen WEU und Union ist klar geregelt. Die Westeuropäische Union wird auf Ersuchen der Union die gemeinsame Verteidigungspolitik formulieren und umsetzen. Die dazu notwendigen Schritte wurden in einer Erklärung
    der WEU-Mitgliedstaaten verankert, und das ist Teil des Vertragswerkes.
    Wesentlich für den Aufbau der gemeinsamen Verteidigungspolitik ist die operationelle Ausgestaltung der WEU. Dazu wurden eine Reihe von Entscheidungen getroffen. Wir waren uns auch einig, dabei auch der Westeuropäischen Union zugeordnete militärische Einheiten weiter zu prüfen und festzulegen.
    Der neuen Rolle der Westeuropäischen Union entspricht auf der Seite der Union der Einstieg in die engere sicherheits- und verteidigungspolitische Zusammenarbeit der Zwölf. Die Außenminister haben eine Liste vereinbart, in die diese Themen aufgenommen wurden. Dabei geht es um den KSZE-Prozeß, um Fragen der Abrüstung und Rüstungskontrolle, um Fragen der Nichtverbreitung und der Rüstungsexportkontrolle. Weitere Gebiete für eine gemeinsame Aktion werden erarbeitet werden. Diese Liste wird bis zum Inkrafttreten des Vertrages noch ausgebaut und präzisiert.
    Alle Partner haben die Perspektive der außen-, sicherheits- und verteidigungspolitischen Entwicklung der Union akzeptiert. Wir haben uns auf das Prinzip geeinigt, daß jeder Mitgliedstaat der Gemeinschaft, der das wünscht, auch der Westeuropäischen Union beitreten kann oder, wenn er dies vorzieht, einen Beobachterstatus erhält. Damit wird dem Wunsch Griechenlands nach einem raschen Beitritt zur Westeuropäischen Union Rechnung getragen. Ich denke, jeder wird verstehen, wie wichtig das für Griechenland ist, wenn man seine geographische Lage in einer höchst instabilen Umgebung richtig einschätzt.

    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

    Die Sicherheits- und Verteidigungspolitik der Union ist mit der politischen Allianz und der Politik der Atlantischen Allianz verknüpft. Wir haben uns daher auch darauf verständigt, daß die europäischen NATO-Partner, die nicht Mitglieder der Gemeinschaft sind, assoziierte Mitglieder unserer Westeuropäischen Union werden können. Damit wird deutlich, daß unser Einigungsprozeß zugleich auch zur Festigung des europäischen Pfeilers der Alllianz beiträgt.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Es ist beabsichtigt, die entsprechenden Verträge und Abkommen über die jeweiligen Beziehungen der WEU bis Ende des nächsten Jahres abzuschließen.
    Man kann feststellen: Die Rolle der Atlantischen Allianz bleibt gewahrt; alle Partner sind sich einig, daß die Entwicklung der europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität die Allianz stärkt und festigt und daß ein bedeutender Beitrag zum Aufbau des europäischen Pfeilers geleistet wird.
    Wir haben damit einen großen Schritt auf dem Weg zu einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der künftigen Europäischen Union getan. Auch dieser auf Fortentwicklung der Gemeinsamkeit angelegte Prozeß kann nunmehr seine Dynamik entfalten. Partner, die in Maastricht noch gezögert haben, werden sich dieser Dynamik in der Zukunft nicht entziehen können.
    5824 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991
    Bundesminister Hans-Dietrich Genscher
    Ich habe mich bei manchen Diskussionen in Maastricht an die Diskussionen im Zusammenhang mit dem Zustandekommen der Schlußakte von Helsinki erinnern müssen. Auch damals wurde diese Schlußakte von vielen Kritikern zu statisch gesehen. Man hat die ihr innewohnende Dynamik nicht richtig eingeschätzt. Heute wissen wir, welche grundlegenden Verbesserungen dieser dynamische Prozeß in Europa bewirkt hat. Ich habe keinen Zweifel: Die Dynamik unserer Europäischen Union wird weitaus wirksamer sein. Deshalb haben wir hier einen wirklichen Fortschritt erzielt.

    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

    Wenn wir 1996 die Vertragsbestimmungen, die für die WEU getroffenen Regelungen, im Licht der bis dahin gewonnenen Erfahrungen überprüfen, dann wird sich voraussichtlich kein Partner mehr gegenüber der Notwendigkeit einer umfassenden gemeinsamen Außen-und Sicherheitspolitik einschließlich ihrer Verteidigungskomponente reserviert verhalten können. Wahrscheinlich wird das schon früher der Fall sein.
    Ein weiteres, gleich wichtiges Anliegen der deutschen Delegation war die Demokratisierung der Gemeinschaft. Eine ausbaufähige Grundlage für eine wachsende Beteiligung des Europäischen Parlaments in wichtigen Fragen wurde geschaffen.
    Ab Inkrafttreten des Vertrages wird es ein Gesetzgebungsverfahren geben, in dem Rat und Parlament gemeinsam entscheiden. Hierfür wurden genau definierte Bereiche genannt, insbesondere der Binnenmarkt, ferner Forschung, Umwelt, Bildung, Kultur, Gesundheit, Verbraucherschutz und transeuropäische Netze.
    Das Europäische Parlament wird zukünftig voll bei der Ernennung des Präsidenten und der Mitglieder der Kommission beteiligt sein. Wichtig für die Entwicklung einer demokratischen Verbindung zwischen Parlament und Kommission ist auch die folgende Neuerung: Ab 1. Januar 1995 wird auf unseren Antrag hin die Amtsperiode der Kommission an die fünfjährige Wahlperiode des Europäischen Parlaments angepaßt werden. Das Europäische Parlament wird das Recht erhalten, Untersuchungsausschüsse einzusetzen und Petitionen entgegenzunehmen. Wichtige internationale Abkommen werden seiner Zustimmung bedürfen.
    Offen muß gesagt werden, daß die Ergebnisse bei der Stärkung der Rechte des Europäischen Parlaments am weitesten hinter unseren Zielen und Erwartungen zurückgeblieben sind.

    (Beifall bei Abgeordneten der FDP und der SPD)

    Ich muß allerdings auch sagen, verehrte Kolleginnen und Kollegen: Dies war der Bereich, in dem wir für unsere Forderungen die wenigste Unterstützung aus dem Kreis unserer Partner erhalten haben.

    (Peter Kittelmann [CDU/CSU]: So ist es! Das ist bedauerlich!)

    Es war oft so, daß Fortschritte an ein oder zwei Ländern scheiterten. Hier war es so, daß Deutschland, von
    sehr wenigen Ländern unterstützt, das einzige Land
    war, das mit großem Nachdruck die Rechte des Parlaments in einem richtigen Selbstverständnis einer demokratischen Union vertreten hat. Aber die Hilfe war gering; für uns alle ein Anlaß, unsere Parteifamilien zu bitten, daß sie in den jeweiligen Ländern — das sage ich in alle politischen Richtungen —

    (Dr. Otto Graf Lambsdorff [FDP]: Sehr richtig!)

    dafür sorgen, daß denen Beine gemacht werden, die, wenn sie zu Hause Kompetenzen verlieren, sie lieber an Bürokratien weitergeben und offensichtlich dem Europäischen Parlament die dann notwendige parlamentarische Kontrolle nicht übertragen möchten. Das ist für mich gänzlich unverständlich.

    (Peter Kittelmann [CDU/CSU]: Ein wichtiger Aufruf! — Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und dem Bündnis 90/GRÜNE sowie bei Abgeordneten der SPD)

    Da wir diesmal noch nicht mehr erreichen konnten, haben wir eine Evolutionsklausel durchgesetzt, die den weiteren Ausbau der Kompetenzen beim Kohäsionsverfahren ermöglichen soll. Auch wenn jetzt die zusätzlichen 18 Abgeordneten noch nicht unmittelbar im Vertrag stehen, so ist doch vereinbart, daß rechtzeitig vor den nächsten Wahlen zum Europäischen Parlament, d. h. noch bis Ende 1992, eine globale Lösung für die Zusammensetzung des Parlaments und der Kommission beschlossen wird, die allen Gesichtspunkten einer gewachsenen Gemeinschaft einschließlich des zu Protokoll der Konferenz gegebenen deutschen Standpunktes gerecht werden soll, nämlich der Verankerung der 18 zusätzlichen deutschen Abgeordneten. Das wird von niemandem bestritten. Das Problem ist, welche zusätzlichen Zahlen für andere Länder geschaffen werden.
    Der europäische Bürger wird im übrigen nach dem neuen Vertrag an dem Ort seines Wohnsitzes überall in der Gemeinschaft nicht nur das Kommunalwahlrecht, sondern auch das Wahlrecht zum Europäischen Parlament haben. Ich halte das für einen wichtigen Fortschritt.

    (Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und der SPD)

    Bei der Innen- und Justizpolitik, insbesondere beim Asyl-, Einwanderungs- und Ausländerrecht sowie bei der Bekämpfung der internationalen Kriminalität, gelang es, eine umfassende Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten zu vereinbaren. Einen ersten und über die Evolutivklausel ausbaufähigen Einstieg in Gemeinschaftsverfahren gibt es bei den Bestimmungen der Voraussetzungen für die Visa-Erteilung an Staatsbürger aus Drittländern, insbesondere in Notsituationen bei einem plötzlichen Zustrom.
    Wir haben im neuen Vertragswerk weitere, neue Gemeinschaftskompetenzen eröffnet oder bestehende vertieft. Ich nenne hier die Bereiche Umwelt, Forschung, Entwicklungspolitik, transeuropäische Netze, Gesundheit, Verbraucherschutz, Bildung und Kultur.
    Es gelang uns ferner, den Bereich der qualifizierten Mehrheitsentscheidung im Rat gegenüber der Ein-
    Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991 5825
    Bundesminister Hans-Dietrich Genscher
    stimmigkeit durchzusetzen. Wenn wir Erreichtes mit Wünschenswertem vergleichen, so möchte ich sagen: Mit Rücksicht auf den förderalen Aufbau unseres Staates und mit Rücksicht auf die Forderung der Bundesländer haben allerdings auch wir in wichtigen Bereichen auf Einstimmigkeit Wert legen müssen, wo andere sehr wohl zu Mehrheitsentscheidungen bereit gewesen wären. Das zeigt, wie schwer es ist, wenn zwölf Länder mit einer höchst unterschiedlichen Geschichte, einem höchst unterschiedlichen Staatsverständnis und Aufbau ein gemeinsames, so in die Zukunft wirkendes Werk schaffen wollen. Deshalb bitte ich, auch nicht ungerecht zu sein gegenüber denjenigen, die in anderen Ländern gezögert haben, so wie wir hier in bestimmten Fragen mit Mehrheitsentscheidungen zögern mußten.

    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

    Wichtig war für uns, daß wir in Maastricht das neue Kapitel zur künftigen Industriepolitik ordnungspolitisch unbedenklich gestalten konnten.

    (Zuruf von der CDU/CSU: Sehr gut!)

    Die Gemeinschaftspolitik in diesem Bereich muß sich an einem System offener und wettbewerbsorientierter Märkte orientieren. Wettbewerbsverzerrende Beihilfen bleiben ausdrücklich ausgeschlossen. Eventuelle Förderungsmaßnahmen müssen einstimmig beschlossen werden.
    Ein besonders schwieriges Kapitel war in Maastricht die Sozialpolitik. Angesichts des harten britischen Widerstandes einerseits und der Entschlossenheit der Mehrheit andererseits, die soziale Dimension des Europäischen Marktes fortzuentwickeln, haben wir hier vertragspolitisch Neuland betreten. Großbritannien wird zunächst eine Ausnahmeregelung zugestanden, die aber anders gestaltet ist als bei der Währungsunion, während die übrigen Mitgliedstaaten auf Grund eines unter ihnen abgeschlossenen Abkommens künftig effizienter, d. h. zum Teil mit qualifizierter Mehrheit, sozialpolitische Entscheidungen, insbesondere zur Umsetzung der Sozialcharta 1989, treffen können. Es ist also nicht, wie gelegentlich zu lesen und zu hören war, für die Sozialpolitik eine intergouvernementale Zusammenarbeit vereinbart, sondern unter elf Ländern ein neuer Gemeinschaftsvertrag geschaffen worden, durch den auch die Einrichtungen und Instrumente der Gemeinschaft zur Verfügung stehen. Hier gilt das, was ich in einer früheren Debatte gesagt habe: Der Zug nach Europa wird sich in Gang setzen. Wer einsteigen will, wird dabei sein; aber er wird sich in Gang setzen.

    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Besonders schwierig waren auch die Verhandlungen zur sogenannten Kohäsion, d. h. der Frage der finanziellen Aufwendungen zur Sicherung des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts der Gemeinschaft. Spanien und andere Mitgliedstaaten stellten hier weitgehende Forderungen. Zu einer Präjudizierung der Beratungen des kommenden Jahres zur Überprüfung der EG-Eigenmittelregelung und des Strukturfonds ist es nicht gekommen. Dafür soll bis 1993 ein spezieller Fonds für Zwecke des Umweltschutzes und der grenzüberschreitenden Verkehrsinfrastruktur im Rahmen des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts geschaffen werden. Wir haben bei der Infrastruktur Wert darauf gelegt, daß das auf die Verkehrsinfrastruktur beschränkt wird, weil die Fragen der Energie, aber auch der Telekommunikation nach unserer Meinung vornehmlich privater Finanzierung vorbehalten bleiben sollten, wie das auch in Deutschland der Fall ist.
    Darüber hinaus hat sich der Rat auf eine Erklärung geeinigt, wonach geprüft werden soll, wie die durch zu starke degressive Elemente auf der Einnahmenseite eingetretene Benachteiligung ärmerer Mitgliedstaaten berücksichtigt und korrigiert werden kann.
    Meine Damen und Herren, ich verstehe die Sorge, die hier ausgedrückt worden ist, daß neue erhebliche Lasten durch die Kohäsion auf Deutschland zukommen können. Wir haben diese Diskussion auch in der Vergangenheit geführt; denn wir haben schon verschiedene Kohäsionsrunden in der Europäischen Gemeinschaft gehabt, z. B. bei den Entscheidungen über den Gemeinsamen Binnenmarkt. Wenn wir uns allerdings die deutsche Außenhandelsbilanz mit Blick auf die Länder ansehen, die Vorteile aus der Kohäsion ziehen, dann können wir feststellen, daß die deutsche Exportindustrie von den Kohäsionsergebnissen in diesen Ländern den größten Vorteil gezogen hat.

    (Zuruf von der CDU/CSU: So ist es!)

    Das heißt, hier ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Ein hoher Stand der Entwicklungen in den bisher weniger entwickelten Teilen unserer Gemeinschaft ist immer ein Vorteil für das Land, das in seiner industriellen Produktion am stärksten ist. Deshalb heißt Kohäsion auch Hilfe für die Beschäftigungslage in Deutschland. Auch das muß in diesem Zusammenhang gesagt werden.

    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)