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    Plenarprotokoll 12/68 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 68. Sitzung Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991 Inhalt: Zusatztagesordnungspunkt 13: Abgabe einer Erklärung der Bundesregierung zu den Ergebnissen des Europäischen Rates in Maastricht Dr. Helmut Kohl, Bundeskanzler 5797 B Ingrid Matthäus-Maier SPD 5803 B Stefan Schwarz CDU/CSU 5804 B Dr. Otto Graf Lambsdorff FDP 5804 C Dr. Wolfgang Schäuble CDU/CSU 5806D Dr. Otto Graf Lambsdorff FDP 5810 D Dr. Hans Modrow PDS/Linke Liste 5813 A Gerd Poppe Bündnis 90/GRÜNE 5815 B Dr. Theodor Waigel, Bundesminister BMF 5817 B Dr. Norbert Wieczorek SPD 5819 D Hans-Dietrich Genscher, Bundesminister AA 5822 C Heidemarie Wieczorek-Zeul SPD 5826 A Peter Kittelmann CDU/CSU 5827 B Dr. Kurt Faltlhauser CDU/CSU 5828 D Wolfgang Clement, Minister des Landes Nordrhein-Westfalen 5830 C Dr. Cornelie von Teichman FDP 5832 B Zusatztagesordnungspunkt 14: Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Finanzausschusses zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung: Vorschlag für eine Richtlinie des Rates über die Überwachung und Kontrolle der Großkredite von Kreditinstituten (Drucksachen 12/849 Nr. 2.1, 12/1809) 5833 C Nächste Sitzung 5833 D Berichtigung 5833 Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten 5835* A Anlage 2 Zu Protokoll gegebene Reden zu Tagesordnungspunkt 12 und Zusatztagesordnungspunkt 12 (Antrag betr. Sofortige Auflösung des „Koordinierungsausschusses Wehrmaterial fremder Staaten" des Bundesnachrichtendienstes und der Bundeswehr und Antrag betr. Parlamentarische Kontrolle der Auflösung der NVA) Thomas Kossendey CDU/CSU 5836* A Gernot Erler SPD 5836* C Jürgen Koppelin FDP 5837* C Dr. Dagmar Enkelmann PDS/Linke Liste 5838* B Willy Wimmer, Parl. Staatssekretär BMVg 5838* D Anlage 3 Amtliche Mitteilungen 5839* D Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991 5797 68. Sitzung Bonn, den 13. Dezember 1991 Beginn: 9.00 Uhr
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    Berichtigung 64. Sitzung: Auf Seite 5503 B ist ab der dritten Zeile zu lesen: ten hat. Er hat gesagt, — — (Zuruf von der CDU/CSU) — Ich glaube, die ganze Nation hatte Achtung vor der Entschlossenheit und Besonnenheit, mit der die Bergleute von Sophia-Jacoba hier demonstriert haben. Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode - 67. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 12. Dezember 1991 5835' Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten Anlagen zum Stenographischen Bericht Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Dr. Ackermann, Else CDU/CSU 13. 12. 91 Andres, Gerd SPD 13. 12. 91 Antretter, Robert SPD 13. 12. 91 * Baum, Gerhart Rudolf FDP 13. 12. 91 Bierling, Hans-Dirk CDU/CSU 13. 12. 91 Böhm (Melsungen), CDU/CSU 13. 12. 91 * Wilfried Bühler (Bruchsal), Klaus CDU/CSU 13. 12. 91 * Dr, von Bülow, Andreas SPD 13. 12. 91 Büttner (Ingolstadt), Hans SPD 13. 12. 91 Clemens, Joachim CDU/CSU 13. 12. 91 Dehnel, Wolfgang CDU/CSU 13. 12. 91 Doppmeier, Hubert CDU/CSU 13. 12. 91 Dr. Dregger, Alfred CDU/CSU 13. 12. 91 Ehrbar, Udo CDU/CSU 13. 12. 91 Eymer, Anke CDU/CSU 13. 12. 91 Dr. Feige, Klaus-Dieter Bündnis 90/ 13. 12. 91 GRÜNE Dr. Feldmann, Olaf FDP 13. 12. 91 * Dr. Fell, Karl H. CDU/CSU 13. 12. 91 Gattermann, Hans H. FDP 13. 12. 91 Glos, Michael CDU/CSU 13. 12. 91 Dr. Glotz, Peter SPD 13. 12. 91 Grochtmann, Elisabeth CDU/CSU 13. 12. 91 Gröbl, Wolfgang CDU/CSU 13. 12. 91 Großmann, Achim SPD 13. 12. 91 Grünbeck, Josef FDP 13. 12. 91 Dr. Haussmann, Helmut FDP 13. 12. 91 Dr. Hellwig, Renate CDU/CSU 13. 12. 91 Helmrich, Herbert CDU/CSU 13. 12. 91 Heyenn, Günther SPD 13. 12. 91 Hiller (Lübeck), Reinhold SPD 13. 12. 91 Homburger, Birgit FDP 13. 12. 91 Hüppe, Hubert CDU/CSU 13. 12. 91 Ibrügger, Lothar SPD 13. 12. 91 ** Jaunich, Horst SPD 13. 12. 91 Dr. Jork, Rainer CDU/CSU 13. 12. 91 Jung (Limburg), Michael CDU/CSU 13. 12. 91 Klinkert, Ulrich CDU/CSU 13. 12. 91 Kolbe, Manfred CDU/CSU 13. 12. 91 Koschyk, Hartmut CDU/CSU 13. 12. 91 Kretkowski, Volkmar SPD 13. 12. 91 Kubicki, Wolfgang FDP 13. 12. 91 Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Leidinger, Robert SPD 13. 12. 91 Link (Diepholz), Walter CDU/CSU 13. 12. 91 Lowack, Ortwin fraktionslos 13. 12. 91 Dr. Mertens (Bottrop), SPD 13. 12. 91 Franz-Josef Dr. Meseke, Hedda CDU/CSU 13. 12. 91 Michels, Meinolf CDU/CSU 13. 12. 91 Dr. Neuling, Christian CDU/CSU 13. 12. 91 Neumann (Bramsche), SPD Volker Niggemeier, Horst SPD 13. 12. 91 Ostertag, Adolf SPD 13. 12. 91 Paintner, Johann FDP 13. 12. 91 Dr. Pfennig, Gero CDU/CSU 13. 12. 91 Pfuhl, Albert SPD 13. 12. 91 * Priebus, Rosemarie CDU/CSU 13. 12. 91 Rahardt-Vahldieck, CDU/CSU 13. 12. 91 Susanne Raidel, Hans CDU/CSU 13. 12. 91 Rappe (Hildesheim), SPD 13. 12. 91 Hermann Regenspurger, Otto CDU/CSU 13. 12. 91 Rempe, Walter SPD 13. 12. 91 Reschke, Otto SPD 13. 12. 91 Rixe, Günter SPD 13. 12. 91 Schäfer (Offenburg), SPD 13. 12. 91 Harald B. Schmidt-Zadel, Regina SPD 13. 12. 91 Schmitz (Baesweiler), CDU/CSU 13. 12. 91 Hans-Peter Schröter, Karl-Heinz SPD 13. 12. 91 Schulhoff, Wolfgang CDU/CSU 13. 12. 91 Schuster, Hans Paul FDP 13. 12. 91 Hermann Dr. Stoltenberg, Gerhard CDU/CSU 13. 12. 91 Dr. Töpfer, Klaus CDU/CSU 13. 12. 91 Türk, Jürgen FDP 13. 12. 91 Dr. Vondran, Ruprecht CDU/CSU 13. 12. 91 Vosen, Josef SPD 13. 12. 91 Weis (Stendal), Reinhard SPD 13. 12. 91 Welt, Jochen SPD 13. 12. 91 Wiechatzek, Gabriele CDU/CSU 13. 12. 91 Dr. Wieczorek CDU/CSU 13. 12. 91 (Auerbach), Bertram Wissmann, Matthias CDU/CSU 13. 12. 91 Wollenberger, Vera Bündnis 90/ 13. 12. 91 GRÜNE Zapf, Uta SPD 13. 12. 91 * für die Teilnahme an Sitzungen der Parlamentarischen Versammlung des Europarates ** für die Teilnahme an Sitzungen der Nordatlantischen Versammlung 5836* Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 67. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 12. Dezember 1991 Anlage 2 Zu Protokoll gegebene Reden zu Tagesordnungspunkt 12 und Zusatztagesordnungspunkt 12 (Antrag betr. Sofortige Auflösung des „Koordinierungsausschusses Wehrmaterial fremder Staaten" des Bundesnachrichtendienstes und der Bundeswehr und Antrag betr. Parlamentarische Kontrolle der Auflösung der NVA) *) Thomas Kossendey (CDU/CSU): Am gleichen Tag, als die Mitglieder der Gruppe PDS/Linke Liste ihren Antrag, über den wir heute sprechen, eingereicht haben, stand in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein Artikel über die in Hamburg bekanntgewordene Lieferung von Wehrmaterial nach Israel. Dieser Artikel begann mit dem Satz: „Eine Bonner Affäre ist meistens die voreilige Reaktion auf einen unbekannten Sachverhalt. " Viel besser kann man Ihren Antrag und das, was damit verfolgt werden soll, wohl kaum charakterisieren! Mittlerweile hat sich nämlich vieles von dem, was Sie an Aufklärung fordern, durch die Berichte erledigt, die der Verteidigungsminister dem Verteidigungsausschuß vorgelegt hat; manches wird noch in der Januar-Sitzung des Verteidigungsausschusses weiter zu klären sein. Insbesondere was die Entstehung des Koordinierungsausschusses und was die Aktivitäten dieses Ausschusses angeht, sind wir im Verteidigungsausschuß ziemlich umfassend informiert worden. Allerdings — das muß man der guten Ehrlichkeit halber hinzufügen — haben Sie es durch Nichtteilnahme an diesen Sitzungen geschickt verstanden, dem Risiko auszuweichen, durch bessere Informationen von Ihren Vorurteilen abgebracht zu werden! Das kann man alleine schon daran erkennen, daß Sie in Ihrer Begründung für den Antrag einiges an Sachverhalten schildern, die gänzlich an der Realität vorbeigehen. Lassen Sie mich nur den Fall aufgreifen, der aus meiner Sicht — auch was die Öffentlichkeitswirksamkeit angeht — die schlimmsten Auswirkungen haben kann: Sie sprechen in Ihrer Begründung ständig von „Waffenhandel" und erwecken den Eindruck, als hätte hier ein illegaler Waffenhandel z. B. zwischen Deutschland und Israel stattgefunden. Es ist nun in der Tat in den Beratungen des Verteidigungsausschusses deutlich geworden, daß es sich bei der seit 20 Jahren praktizierten wehrtechnischen Zusammenarbeit mit Israel eben nicht um Waffenhandel handelt. Es ging lediglich darum, den Israelis eine verbesserte Chance der Selbstverteidigung in einem feindlich gesonnenen Umfeld zu gewährleisten! Diese Verbesserung der Situation Israels wollten wir nicht etwa durch Waffenlieferungen erreichen, sondern dadurch, daß wir ihnen die Möglichkeit gaben, die auf sie gerichteten Waffen an Einzelstücken besser zu analysieren, um ihre Verteidigungsvorbereitungen zu treffen. Ich wiederhole es noch einmal deutlich: Diese wehrtechnische Zusammenarbeit mit Israel hat bei uns einen hohen Stellenwert. Sie ist für uns eine moralische Verpflichtung, sie ist politisch sinnvoll, und sie ') Siehe 67. Sitzung, Seite 5792 D ist auch rechtlich zulässig. Dem sehr sensiblen Verhältnis zu Israel sind Schüsse aus der Hüfte weiß Gott nicht sachdienlich! Aber natürlich müssen wir uns auch darum kümmern, daß diese Art der wehrtechnischen Zusammenarbeit — auch der Bereich der Überlassung von Wehrmaterial aus Beständen der ehemaligen NVA an andere Staaten — parlamentarisch besser begleitet wird. Dafür ist aber gerade die Koordinierungsgruppe zwischen den verschiedenen Diensten und Ministerien notwendig. Nur wenn die Koordination zwischen den Ministerien und zwischen den Diensten gewährleistet ist, werden wir als Parlamentarier in der Lage sein, aufgrund der Berichte, die uns von dort geliefert werden, Einblick zu nehmen, Fragen zu stellen und gegebenenfalls Einfluß auf die politische Leitung der entsprechenden Häuser auszuüben, um die Dinge zu verhindern, die wir politisch eben nicht wollen. Für unsere Fraktion will ich gerne erklären, daß wir Überlegungen, die in diese Richtung zielen, aufgeschlossen gegenüberstehen. Da Ihr Antrag aber in eine falsche Richtung zielt, werden wir ihn heute ablehnen müssen. Gernot Erler (SPD): Datiert vom 3. Oktober 1991 hat das Referat für Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr eine hübsche kleine Broschüre herausgegeben mit dem Titel „Ein Jahr deutsche Einheit. Eine Leistungsbilanz der Bundeswehr" , geheftet in hoffnungsfrohes Blau, in der man unter der Überschrift „Wohin mit dem Material?" folgende Passage lesen kann: „Die NVA war eine hochgerüstete Armee. So waren 15 000 Waffensysteme, darunter 2 300 Kampfpanzer, 7 800 gepanzerte Fahrzeuge, 2 500 Artilleriegeschütze, 400 Kampfflugzeuge, 70 Schiffe/Boote und 50 Kampfhubschrauber, 100 000 Radfahrzeuge aller Art, 1 200 000 Handwaffen mit dem dazugehörigen Peripheriegerät und 300 000 Tonnen Munition zu übernehmen." Im weiteren findet man keine einzige Angabe mehr darüber, wohin denn nun die Bundesregierung diese Waffen und diese Ausrüstung verbracht hat. Was die Bundesregierung in ihrer Öffentlichkeitsarbeit vom Oktober verschwiegen hat, darauf sind Öffentlichkeit und Parlament inzwischen per Zufall gestoßen: Einmal durch Fragen, die ich am 10. Oktober an dieser Stelle gestellt habe und auf die ich zunächst nur höchst unvollständige Antworten erhielt. Dann aber auch durch die Beschlagnahmung des für Israel bestimmten Wehrmaterials am 26. Oktober und die nachfolgenden Recherchen und Anhörungen im Verteidigungsausschuß. Bisheriges Ergebnis: Derzeit wird eine große, moderne Armee auf deutschem Boden verscherbelt, verteilt, verschenkt oder vernichtet, und das alles ohne irgendeine öffentliche oder parlamentarische Kontrolle und auch ohne, daß die Bundesregierung selbst eine verläßliche Übersicht über diesen Prozeß hat. Vielmehr verläuft dieser in Form eines administrativen Willkürakts auf mittlerer Beamtenebene. Das öffentliche Interesse hat sich bisher sehr stark auf die BND-Lieferung an Israel konzentriert, weil bei ihr wahrscheinlich gegen geltendes Gesetz verstoßen Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 67. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 12. Dezember 1991 5837* wurde. Wir sollten dem falschen Eindruck entgegentreten, daß dieser Vorgang zur Zeit deshalb so gründlich parlamentarisch untersucht wird, weil Israel der Empfänger ist. In Wirklichkeit verdient dieser Fall deswegen unser Interesse, weil sich inzwischen dahinter ein sehr breiter Prozeß mit vielen Handelnden auftut, der sich vollständig im vorparlamentarischen Raum abspielt. Kernpunkt ist, daß die Verteilung der umfangreichen NVA-Hinterlassenschaft an mindestens 70 Interessenten schon begonnen hat. Und einige der inzwischen bekannt werdenden „Einzelheiten" lassen einem tatsächlich die Haare zu Berge stehen. So legte uns Minister Stoltenberg am 10. Dezember einen vorläufigen Bericht über die bisherige Vergabe des NVA-Materials vor, aus dem hervorgeht, daß allein an die Türkei Lieferungen verbindlich zugesagt oder erfolgt sind, mit der man eine ganze Bürgerkriegsarmee ausrüsten könnte. In den Listen tauchen unter anderem Panzerfäuste und Kalaschnikows in sechsstelliger Größenordnung, mehrere Tausend Maschinengewehre und Munition in der unvorstellbaren Stückzahl von mehr als 400 Millionen Stück auf. Diese „Materialhilfe" (das ist das Stichwort, unter dem das läuft) ist unterwegs, ohne daß sich das Parlament oder irgendeiner seiner Ausschüsse bisher damit befaßt hat. Welcher politische Schaden der Bundesrepublik hier droht, kann man daran absehen, daß es bereits Klagen von Vertretern Armeniens gibt, im armenischaserbeidschanischen Konflikt seien auf aserbeidschanischer Seite NVA-Waffen aus bundesrepublikanischen Beständen aufgetaucht. In diesem ganzen Komplex sind noch sehr viele Fragen offen, auf die die Bundesregierung uns noch wird antworten müssen. Ich habe den Eindruck, daß ein tiefes Unbehagen über diese ganzen Vorgänge in allen Bundestagsfraktionen wächst. Auf der Basis dieses Unbehagens und echter politischer Sorgen haben wir Sozialdemokraten den vorliegenden Antrag „Parlamentarische Kontrolle der Auflösung der NVA" in den Bundestag eingebracht. Er fordert, daß die jetzt für Mitte Januar in Aussicht gestellte Antwort auf unsere Kleine Anfrage zur Verwendung und Weitergabe des NVA-Erbes unverzüglich auf die Tagesordnung der zuständigen Ausschüsse gesetzt wird, daß ferner künftig alle weiteren Maßnahmen bei der Auflösung dieser Armee der Beratung und Beschlußfassung im Verteidigungsausschuß, im Auswärtigen Ausschuß und im Haushaltsausschuß unterliegen und daß die Bundesregierung am Ende jedes Quartals dem Deutschen Bundestag unverzüglich einen detaillierten Bericht über den Fortgang der Auflösung und die Verwendung der NVA-Hinterlassenschaft vorzulegen hat. Wir hoffen darauf, daß wir uns mit allen anderen Fraktionen über die Kernpunkte dieses Antrages verständigen können. Es ist schlimm, daß diese Vorgänge einen Teil der deutschen Vereinigung ein knappes Jahr nach ihrem Vollzug ins Gerede bringen. Wir müssen das Vertrauen wiederherstellen. Das geht nur durch die Einrichtung einer strikten parlamentarischen Kontrolle bei allen Vorgängen, die die Auflösung der Armee der ehemaligen DDR betreffen. Jürgen Koppelin (FDP): Mit dem Antrag der PDS/ Linke Liste wird gefordert, den Koordinierungsausschuß „Wehrmaterial fremder Staaten" umgehend aufzulösen und dem Deutschen Bundestag verschiedene Berichte vorzulegen. Die Berichte liegen vor. Wenn die PDS an der Ausschußarbeit teilnehmen würde, wäre das auch der PDS bekannt. Mitglieder der Fraktionen von CDU/CSU, SPD und FDP haben zusätzlich auf Grund der Vorgänge um Waffenlieferungen nach Israel über 200 Fragen gestellt, die sehr ausführlich beantwortet worden sind. Daß sich aus der Beantwortung der gestellten Fragen natürlich erneut verschiedene Fragen ergeben, liegt wohl in der Natur der Sache, und wir sind dabei — und haben das gestern in der Sitzung des Verteidigungsausschusses getan — die Beantwortung zu bewerten. Jede Fraktion mag die Beantwortung unterschiedlich bewerten, aber eines bleibt festzuhalten: Die Bundesregierung ist keiner Beantwortung einer Frage ausgewichen. Die FDP hat kein Verständnis für die Forderung der SPD, daß der Deutsche Bundestag die Art und Weise, in der die Bundesregierung Fragen von Abgeordneten beantwortet hat, mißbilligen soll. Und ich erlaube mir auch darauf hinzuweisen, daß Sie sich in Ihrem Antrag ja selbst widersprechen, wenn Sie unter Punkt 2 einmal kritisieren, daß Sie auf Antworten längere Zeit haben warten müssen, und auf der anderen Seite gleichzeitig im selben Absatz die Bundesregierung auffordern, größere Sorgfalt bei der Beantwortung von mündlichen und schriftlichen Fragen von Abgeordneten walten zu lassen. Die PDS fordert in ihrem Antrag, den Koordinierungsausschuß „Wehrmaterial fremder Staaten" umgehend aufzulösen. Wir meinen: Selbstverständlich muß es eine Koordinierungsstelle geben, die darüber berät, was mit diesem Material, das ein erhebliches Vermögen darstellt, geschehen soll, Material, das wir in unvorstellbaren Mengen übernommen haben. Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir den Hinweis, daß der Staat DDR und die SED, deren Nachfolgeorganisation die PDS ist, das Volk um einen großen Teil der Früchte seiner Arbeit gebracht haben, weil dieser Staat und diese Partei den Lohn der arbeitenden Menschen in Waffenlager gesteckt haben, nicht nur bei der Nationalen Volksarmee, sondern auch bei den Betriebskampfgruppen und beim Staatssicherheitsdienst. Dafür trägt auch die PDS Mitverantwortung. Die Auflösung des Koordinierungsausschusses „Wehrmaterial fremder Staaten" wird nur dazu führen, daß Wünsche auf Überlassung von Material der NVA bei verschiedenen Stellen geäußert werden und damit eine Kontrolle immer schwieriger wird. Nicht die Auflösung des Koordinierungsausschusses ist daher das Gebot der Stunde, sondern die Frage, wie wir diese Arbeit kontrollieren. Daher werden wir die Forderung der PDS nach Auflösung des Koordinierungsausschusss ablehnen. Bei dieser Gelegenheit: Für die FDP kann ich sagen, daß wir die Entscheidung des Bundeskabinetts vom 31. Oktober begrüßen, in der Grundsätze für die künf- 5838* Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 67. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 12. Dezember 1991 tige Zusammenarbeit mit Israel auf dem Gebiet der Wehrtechnik festgelegt worden sind. Ich möchte zwei Anmerkungen machen. Erstens. Wir werden uns darüber unterhalten müssen, wieweit es wirklich Aufgabe des Bundesnachrichtendienstes ist, den Transport und die Lieferung von Wehrmaterial durchzuführen. Zweitens. Wir werden uns als Parlament zukünftig stärker darum kümmern müssen, in welcher Form und Weise die VEBEG ihre Aufgaben wahrnimmt. Was ich meine, lassen Sie mich an einem Zitat aus dem Bericht vom 2. Dezember verdeutlichen. Dort heißt es: Die VEBEG hat keine Kontrolle darüber, was mit dem von ihr ordnungsgemäß veräußerten und gegebenenfalls nach der Veräußerung weiterverkauften Material geschieht. Ich wiederhole daher noch einmal unsere Forderung: Die FDP hält eine verstärkte Kontrolle der VEBEG für dringend erforderlich, und wir erwarten umgehend, wie bereits mehrfach im Ausschuß gefordert, einen sehr umfassenden Bericht über die Arbeit der VEBEG. Die SPD fordert mit ihrem Antrag, daß der Gesamtprozeß der Auflösung der ehemaligen NVA und der Verwendung und Weitergabe von Waffen, Geräten, Ausrüstung, Munition ab sofort einer wirksamen parlamentarischen Kontrolle unterzogen wird. Auch die FDP will die parlamentarische Kontrolle der Auflösung der NVA. Wir haben es daher begrüßt, daß der Verteidigungsausschuß am 20. März 1991 eine Arbeitsgruppe „Streitkräftefragen in den neuen Bundesländern" eingesetzt hat; im Aufgabenkatalog heißt es u. a.: Entlastung der Truppenteile von Waffensystemen, Munition und Ausrüstung der ehemaligen NVA, Maßnahmen zur weiteren Verwendung, Lagerung oder Vernichtung von Bewaffnung und Ausrüstung. Wir haben hier durchaus die Möglichkeit der parlamentarischen Kontrolle der Auflösung der NVA. Nach den jüngsten Erfahrungen mag das nicht ausreichend sein, und so werden wir uns im Verteidigungsausschuß darüber unterhalten müssen, wie die zukünftige parlamentarische Kontrolle über die Verwertung des Materials der NVA geschehen soll. Einer Überweisung des Antrages der SPD stimmen wir zu. Den Antrag der PDS lehnen wir ab. Dr. Dagmar Enkelmann (PDS/Linke Liste): Über Jahre hinweg hat der „Koordinierungsausschuß Wehrmaterial fremder Staaten" des BND und der Bundeswehr an allen parlamentarischen Gremien vorbei einen florierenden Waffenhandel betrieben. Daß die PKK nicht von der Einrichtung dieser geheimen Institution unterrichtet war, zeigt, mit welchem Verständnis die Regierungen der Bundesrepublik mit der parlamentarischen Kontrolle umgehen. Wenn wir heute hören müssen, daß offenbar alle Waffenhändler, die kriminellen, die halbkriminellen und die staatlichen, die Waffenhändler von demokratisch verfaßten Ländern und von Diktaturen, sofort nach dem Anschluß der DDR bei den entsprechenden Stellen auf der Matte standen, um Waffen aus den NVA-Beständen zu erwerben, dann sagt dies schon fast alles über das Milieu aus, in dem dieser krakenhafte geheimdienstliche Koordinierungsausschuß sein Unwesen treibt. Aus über 70 Ländern sollen treffsicher Kaufangebote für Waffenlieferungen aus NVA-Beständen an die dafür zuständigen Stellen weitergereicht worden sein. Die Dunkelziffer soll sogar noch höher liegen. Durch die jahrzehntelange Tätigkeit, sowohl zu sozial-liberalen Zeiten als auch zu Zeiten der jetzigen Regierung, muß der Koordinierungsausschuß zu einer berühmt-berüchtigten Adresse geworden sein. Geheimdienstlich abgesichert, wurden hier die entsprechenden Gesetze und Vorschriften für den Rüstungsexport in großem Stil außer Kraft gesetzt. Aus den kümmerlichen Fakten, die in der Presse standen, und aus den kümmerlichen und zum Teil falschen Auskünften der Bundesregierung kann man eigentlich nur zwei Schlußfolgerungen ziehen: 1. Der Koordinierungsausschuß Wehrmaterial fremder Staaten muß sofort aufgelöst werden. 2. Die Bundesregierung muß dem Bundestag und damit der Öffentlichkeit umfassend und lückenlos Auskunft über die gesamte Tätigkeit dieser Wehrmachts-Koko erteilen. Bisher hat die Bundesregierung alles Erdenkliche unternommen, um das wahre Ausmaß zu verschleiern. Es ist dann nur konsequent, wenn die Bundesregierung offenbar bewußt Abgeordnete bei der Beantwortung von Kleinen Anfragen anflunkert. Aber was soll man von Menschen, die Waffen als „landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge " deklarieren, auch anderes erwarten? Dabei ist es schon interessant, die sich hier entwikkelnde Posse zu verfolgen. Die Presse deckte auf, daß T-72-Panzer aus dem Irak an die Bundeswehr geliefert worden sein sollen, daß allein in der Zeit vom 16. April 1986 bis zum 9. Mai 1986 vier Unterstützungsleistungen von der Wehrmachts-Koko durchgeführt worden sein sollen, u. a. an die Türkei und Pakistan. Die SPD fordert eine umfassende Aufklärung der Auslieferung von Beständen aus der NVA. Die Bundesregierung macht dies auch, aber nur in bezug auf Israel. Ein Untersuchungsausschuß soll lieber im Rahmen des Verteidigungsausschusses arbeiten, damit er etwas aus der Öffentlichkeit genommen werden kann. All dies soll dazu dienen, das Ausmaß zu verschleiern. Wir wollen natürlich wissen, wer hier ab wann in welche Länder welche Waffen verschoben hat, und die Verantwortlichen müssen dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Willy Wimmer, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung: Die Gruppe der PDS/Linke Liste fordert in einem Antrag zur Auflösung des „Koordinierungsausschusses Wehrmaterial fremder Staaten" , zu Entstehung und Aktivitäten dieses Gremiums einen vollständigen Bericht vorzulegen. Meine Damen und Herren der PDS, es wäre Ihnen ein leichtes gewesen, diese Informationen zu erhalten, wenn Sie bei der Behandlung dieses Themas nicht so häufig durch Abwesenheit in den Sitzungen des Verteidigungsausschusses geglänzt hätten. Dort ist in den ver- Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 67. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 12. Dezember 1991 5839* gangenen Wochen umfassend und in aller Ausführlichkeit mündlich und schriftlich zu diesem Thema vorgetragen worden. Dabei ist auch kein Zweifel daran aufgekommen, daß die Zusammenarbeit mit anderen Ländern zur technischen Auswertung fremden Wehrmaterials in keiner Weise einem „Waffenhandel" entspricht, wie in Ihrem Antrag unterstellt wird. Eine solche Diffamierung weise ich zurück. Die Bundesrepublik Deutschland arbeitet seit vielen Jahren mit verbündeten und befreundeten Staaten auf dem Gebiet der technischen Auswertung fremden Wehrmaterials zusammen. Diese Zusammenarbeit ist politisch gewollt, sie liegt in unserem besonderen sicherheits- und verteidigungspolitischen Interesse. Aus dieser Zusammenarbeit haben wir in der Vergangenheit — oftmals einseitig zu unserem Nutzen — großen Gewinn gezogen. Die Kenntnis fremden Wehrmaterials ist für die Bundeswehr von hoher Bedeutung. Sie gibt uns wertvolle Hinweise auf notwendige Folgerungen für die eigenen Planungen und die Entwicklung von eigenem Wehrmaterial. Erkenntnisse über die technischen und taktischen Leistungsparameter fremden Wehrmaterials ermöglichen uns nicht zuletzt, wirksame Gegenmaßnahmen für die eigene Truppen entwickeln und damit Vorsorge für den Schutz unserer Soldaten treffen zu können. Zur Organisation und Abstimmung von Maßnahmen der technischen Auswertung fremden Wehrmaterials besteht im Bundesministerium der Verteidigung seit 1988 der Koordinierungsausschuß „Wehrmaterial fremder Staaten". In diesem Ausschuß sind die für diesen Bereich zuständigen Fachreferate des Hauses sowie der Bundesnachrichtendienst vertreten. Aufgabe des Ausschusses ist es, auf der Grundlage des Bedarfs der Streitkräfte und ihrer speziellen Interessenlage den notwendigen Erkenntnisbedarf abzustimmen und die hierzu notwendigen Anforderungen und Maßnahmen zu koordinieren. Im Zusammenhang mit der Beschlagnahme von Wehrmaterial der ehemaligen NVA zur technischen Auswertung in Israel durch die Staatsanwaltschaft Hamburg Ende Oktober sind eine Reihe kritischer Fragen nach Umfang, Verfahren und Notwendigkeit dieser Zusammenarbeit mit anderen Staaten gestellt worden. Die zuständigen Ausschüsse des Parlaments haben sich in den vergangenen vier Wochen intensiv mit diesem Thema befaßt. Die Bundesregierung hat am 2. Dezember hierzu einen umfassenden Bericht vorgelegt. In diesem Bericht hat die Bundesregierung auch Aufgaben und Rolle des Koordinierungsausschusses dargestellt. Sie hat im Bericht wie in der parlamentarischen Diskussion hierzu deutlich gemacht, daß zu den in Rede stehenden Vorgängen eine politische Grundsatzentscheidung hätte eingeholt werden müssen. Da dies unterblieben ist, wurden Fehler in der Durchführung gemacht. Die Bundesregierung hat unmittelbar nach der Beschlagnahme in Hamburg die notwendigen Konsequenzen gezogen. Alle Einzelheiten hierzu wurden ausführlich im Verteidigungsausschuß erläutert. Der Antrag der PDS/Linke Liste ist somit gegenstandslos geworden. Aus den bis jetzt erkannten Fehlern und ersten Erfahrungen aus den eingehenden Untersuchungen sind zunächst Folgerungen gezogen worden, wie sie der Bericht darstellt. Über weitere Konsequenzen wird nach Abschluß der parlamentarischen Beratungen zu diesem Thema zu entscheiden sein. Die Fraktion der SPD hat einen Antrag zur parlamentarischen Kontrolle der Abgabe von Material der ehemaligen NVA gestellt, dessen Sinn ich so recht nicht zu begreifen vermag. Die materielle Hinterlassenschaft der ehemaligen NVA ist mit dem 3. Oktober 1991 in die Zuständigkeit und Verantwortung des Bundesministers der Verteidigung übergegangen. Sie ist seitdem Bundeswehrmaterial und unterliegt damit der ständigen parlamentarischen Kontrolle der Bundeswehr insgesamt durch den Verteidigungsausschuß. Soweit im Rahmen der aktuellen Diskussion nach der Abgabe von Wehrmaterial der ehemaligen NVA an andere Staaten im Rahmen wehrtechnischer Zusammenarbeit oder humanitärer Hilfeleistung gefragt worden ist, ist hierzu durch das Bundesministerium der Verteidigung in der Sitzung des Verteidigungsaussschusses am 11. Dezember 1991 vorgetragen worden. In Verbindung mit der Beantwortung der Kleinen Anfrage der Fraktion der SPD „Verwendung und Weitergabe von Waffen, Geräten, Ausrüstungen, Munition und anderen militärischen Gegenständen der ehemaligen NVA" vom 26. November 1991 wird der Bundesminister der Verteidigung im Januar 1992 weitergehend berichten. Die Bundesregierung wird die bewährte Zusammenarbeit in der technischen Auswertung fremden Wehrmaterials mit verbündeten und befreundeten Staaten im Sinne deutscher Sicherheitsinteressen auch künftig fortsetzen. Anlage 3 Amtliche Mitteilungen Die Vorsitzenden folgender Ausschüsse haben mitgeteilt, daß der Ausschuß gemäß § 80 Abs. 3 Satz 2 der Geschäftsordnung von einer Berichterstattung zu den nachstehenden Vorlagen absieht: Ausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Drucksache 11/6894 Drucksache 11/7168 EG-Ausschuß Drucksache 11/8265 Drucksache 11/8491 Drucksache 12/75 Drucksache 12/550 Drucksache 12/598 Drucksache 12/947 Die Vorsitzenden folgender Ausschüsse haben mitgeteilt, daß der Ausschuß die nachstehenden EG-Vorlagen zur Kenntnis genommen, bzw. von einer Beratung abgesehen hat: Haushaltsausschuß Drucksache 12/1174 Nr. 2.1 Drucksache 12/1072 Nr. 2 Ausschuß für Wirtschaft Drucksache 12/1229 Nrn. 3.1-3.7 Ausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Drucksache 12/764 Nr. 2.10
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    Rede von Dr. Hans Modrow


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (PDS/LL)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (PDS/LL)

    Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Ergebnisse von Maastricht verdienen tiefgründige, weitgehende Analyse. Ohne Zweifel haben sie Bedeutung für den weiteren Gang der Dinge in Europa.
    Eine erste Prüfung der uns zur Verfügung stehenden Texte wie auch das, was der Bundeskanzler heute dazu erläuternd gesagt hat, bringen jedoch nur wenig von dem zum Vorschein, was der Kontinent heute wirklich braucht.
    Europa steht angesichts der fortgesetzten Rüstungspolitik und Streitkräftemodernisierung, der Existenzunsicherheit in einem Teil europäischer Staaten, angesichts der dringend notwendigen hilfreichen Zusammenarbeit mit den ost- und südosteuropäischen Staaten sowie den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und nicht zuletzt auf Grund des gespannten Verhältnisses zur Dritten Welt vor großen Herausforderungen. Darüber ist in den Dokumenten von Maastricht wenig zu lesen, höchstens ist davon in den Tischreden zu hören.
    Wer wie die Bundesregierung im Vorfeld von Maastricht, wie heute mehrmals gesagt, die Meßlatte in Worten sehr hoch gelegt hat, muß sich jetzt nicht wundern, wenn seine Leistungen daran gemessen werden. Vielleicht war der Anlauf etwas zu lang und der Atem dann etwas zu kurz.
    Unbestritten ist jedoch, daß weitere Schritte auf dem Weg einer europäischen Wirtschafts- und Währungsunion getan wurden. Es muß aber zu denken geben, daß eine künftige Politische Union nach Belieben verlassen werden kann, wenn es das Verhandlungskalkül oder innenpolitische Erfolgszwänge für geboten erscheinen lassen.
    Wie kann man das als unumkehrbar beurteilen? — Nicht nur die PDS/Linke Liste stellt diese Frage. Auch Kreise der deutschen Industrie und der Hochfinanz, die in dieser Sicht als unverdächtige Zeugen zitiert werden dürfen, beurteilen das Ergebnis von Maastricht mit deutlicher Skepsis. So sieht der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Dr. Helmut Geiger, die größte Gefahr darin — ich zitiere —, „daß Politik und Geld nicht parallel laufen".
    Deutschland müsse schleunigst wieder zur Stabilität zurückfinden, wird gefordert. Klartext spricht auch der BDI: „Maastricht bringt keine guten Bedingungen für den Erfolg der Währungsunion. "
    Maastricht ist also nicht der große Durchbruch, noch weniger der historische Einschnitt für die größere Rolle Deutschlands geworden; aus unserer Sicht durchaus mehr Vorzug als Nachteil.
    Historische Einschnitte lassen sich ohnehin nicht vorher ansagen. Jede wirklich große Aufgabe — die Bewältigung des Spannungsverhältnisses zwischen westeuropäischer Integration und osteuropäischer Desintegration wäre eine solche — kann nur Schritt für Schritt verwirklicht werden. Die Ergebnisse von Maastricht haben so keine angemessene Antwort auf die gewaltigen Herausforderungen für unseren Kontinent gegeben.
    Dahinter verbirgt sich ein Problem grundsätzlicher Natur: Die Bundesregierung ist im ganzen Gerangel um die Änderung der Römer Verträge zunehmend der Blick für die gesamteuropäische Perspektive verlorengegangen. Deshalb wird mit der Vertiefung der westeuropäischen Integration, die mit den Beschlüssen von Maastricht ohne Zweifel eintreten dürfte, zugleich der Weg in ein neues Europa gemeinsam mit den Staaten Mittel- und Osteuropas einschließlich der Nachfolgestaaten der Sowjetunion nur noch schwieriger werden.
    Das kann gar nicht anders sein. Denn beherrschend war in Maastricht offensichtlich der Grundsatz, die Festung Westeuropas sturmfest zu machen und dabei in der eigenen Burg möglichst den Frieden zu wahren.
    Er dürfte auch die Erklärung dafür sein, daß trotz der großen Unterschiede, ja tiefgreifenden Gegensätze in den Positionen der Hauptbeteiligten in Maastricht die Ergebnisse sowohl in Bonn als auch in London wie in Paris als historischer Erfolg, ja als großer Sieg geradezu euphorisch gefeiert werden. Dabei zollen wir dem zweitägigen Verhandlungsmarathon, dem sich der Bundeskanzler und der Außenminister aussetzten, durchaus Respekt. Aber wer hat nun den Pyrrhussieg davongetragen? — Von dem deutschen Junktim zwischen Währungs- und Politischer Union, das auf einen größeren politischen Handlungsspielraum zielte, ist in Maastricht nicht viel übriggeblieben.
    Wie nicht anders zu erwarten, standen die Vereinbarungen zu einer gemeinsamen Sicherheits- und Militärpolitik im Mittelpunkt der Anstrengungen der Bundesregierung. Das, was Maastricht dazu gebracht hat, ist von großer Tragweite, auch wenn es erst in der Perspektive wirksam werden sollte. Ich meine vor allem das Streben nach einer gemeinsamen Militärpolitik, nach Ausbau der WEU zu einer militärischen Organisation der EG, durch den in der Perspektive ein neuer militärischer Westblock entstehen dürfte. Es ist doch einfach anachronistisch, wenn nach der Auflösung des Warschauer Vertrages und nach dem Zerfall der Sowjetunion Sicherheit in Europa wieder nahezu ausschließlich militärisch definiert wird.

    (Stefan Schwarz [CDU/CSU]: Wo denn?)

    5814 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991
    Dr. Hans Modrow
    Die neuen Risiken und Konflikte in Europa sind aber in erster Linie ökonomisch, sozial, ethnisch oder religiös begründet. Der Kern europäischer Sicherheitspolitik müßte also ein ganz anderer sein: wirtschaftliche Entwicklung und Verflechtung sowie weitreichende und immer dichter werdende gegenseitige Abhängigkeit — und das gegenüber dem Osten wie gegenüber dem Süden.
    Europäische Sicherheitspolitik bedeutet vor allem aktive Konfliktvorbeugung und vermittelnde Teilnahme an ihrer friedlichen, nichtmilitärischen Lösung.

    (Stefan Schwarz [CDU/CSU]: Wie damals bei der Stasi!)

    Nicht über die Einsatzmöglichkeiten deutscher Truppen, ob als Kampftruppen oder als Blauhelme, sollte man sich den Kopf zerbrechen. Sie hätten ohnehin nur größere negative politisch-moralische sowie materielle Folgen für unser Land und für Europa.
    Diese Bundesregierung, die die Zustimmung der europäischen Völker und Staaten zur friedlichen deutschen Wiedervereinigung erhalten hat, hätte ihre eigentliche Aufgabe in Maastricht darin sehen müssen, die EG für eine gesamteuropäische Perspektive stärker zu öffnen, sowohl in ökonomischer Hinsicht als auch im Hinblick auf ein nichtmilitärisches System der Sicherheit und Entmilitarisierung in Europa. Nichts ist in dieser Richtung geschehen.

    (Zuruf von der CDU/CSU: Sie haben gar keine Ahnung!)

    — Sie werden sich, was diese Ahnung betrifft, in den nächsten Jahren sicher zur Prüfung stellen.
    So gesehen widerspiegelt das Agieren der deutschen Verhandlungsdelegation in Maastricht noch nicht jenes neue Denken, das sich nun als erforderlich erweist.
    Wir fordern eine offenere Zusammenarbeitsstrategie. Das wäre Solidarität, das wäre Vorsorge auch für die westeuropäische Zukunft. Das hieße, die EG wirklich zum Kern und Motor gesamteuropäischer Zusammenarbeit zu machen. Nach all dem, was auch heute zu hören war, werden die Ergebnisse von Maastricht dafür nicht ausreichen und nichts Wesentliches bewirken.
    Ein besonders kritisches Kapitel bleibt das Demokratiedefizit in der Gemeinschaft.

    (Zuruf von der CDU/CSU: Unerträglich! — Dr. Kurt Faltlhauser [CDU/CSU]: Von Ihnen die Sehnsucht nach Demokratie zu hören ist schon erstaunlich! — Dr. Otto Graf Lambsdorff [FDP]: Herr Modrow ist das Demokratiedefizit!)

    Maastricht hätte eine gute Gelegenheit geboten, gerade diese Konstruktionsfehler der EG zu beheben, und nach den dazu vom Bundeskanzler immer wieder abgegeben Beteuerungen wäre das weitgehendst zu erwarten gewesen.

    (Stefan Schwarz [CDU/CSU]: Das Europäische Parlament hat mehr zu sagen als damals Ihre Volkskammer! — Dr. Otto Graf Lambsdorff [FDP]: Sie sind doch das personifizierte Demokratiedefizit!)

    Aber Wesentliches ist dazu nicht geschehen.
    Entgegen allen Versprechungen, sich in Maastricht nur mit einer wesentlichen Stärkung des Europäischen Parlamentes zufrieden zu geben, hat man völlig unzureichenden Entscheidungen zugestimmt. Die vorgesehene Mitwirkung des Europäischen Parlaments auf einigen wichtigen Politikfeldern ist eher ein durchlöchertes Feigenblatt für den weiterhin völlig undemokratischen Aufbau der geplanten Union. Alle wesentlichen politischen Entscheidungen werden auch künftig von den Exekutivorganen gefällt.

    (Dr. Rudolf Karl Krause [Bonese] [CDU/ CSU]: Von demokratisch gewählten Exekutivorganen!)

    Dem Europäischen Parlament werden keine Initiativrechte und keine Budgetrechte, also keine positive Mitentscheidung, eingeräumt.

    (Dr. Wolfgang Bötsch [CDU/CSU]: Wir sind doch froh, daß das bei der Stasi so viel demokratischer war!)

    Die Parlamentarier werden dadurch eher in die Ecke ständiger Neinsager gedrängt.

    (Rudolf Kraus [CDU/CSU]: Woher wissen Sie das? — Zuruf von der CDU/CSU: Reden Sie mit Herrn Honecker!)

    — Herrn Honecker hätte man 1987 etwas mehr sagen und nicht darauf warten sollen, daß man mir den Vorwurf macht, was man zu irgendwelchen Zeitpunkten vergessen hat.

    (Stefan Schwarz [CDU/CSU]: Das haben wir! Lesen Sie die Rede des Bundeskanzlers nach!)

    Völlig unverständlich ist, daß sich der Bundeskanzler dazu bereit erklärt hat, die von den Außenministern bereits abgestimmten Vereinbarungen, den bisherigen Beobachtern aus den neuen Bundesländern volle Rechte im Europäischen Parlament einzuräumen, noch einmal zu diskutieren. Hier, Herr Schäuble, möchte ich darauf verweisen: Es ist im Auswärtigen Ausschuß mit aller Eindeutigkeit gesagt worden, dieser Erfolg sei erzielt worden, und zwar vor der Beratung in Maastricht.

    (Dr. Wolfgang Bötsch [CDU/CSU]: Na und?)

    Es kann nichts anderes als eine Mitachtung der Bürger in den neuen Bundesländern sein, wenn gerade in dieser Frage nachgegeben wurde, während man sich in anderen, z. B. in militärpolitischen Fragen oder bei der Schaffung gemeinsamer Verbände und gemeinsamer Rüstung, viel entschiedener durchboxte.
    Besonders schlecht ist das Ergebnis hinsichtlich der sozialen Dimension. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn gerade das, wie z. B. bei den Gewerkschaften, auf heftige Kritik stößt. Dabei hätte man sich gerade auf diesem Gebiet gewünscht, daß die Bundesregierung zu ihren zuvor verkündeten Positionen stehen würde. Sie hat sich aber ohne einleuchtenden Grund hier zu Kompromissen, ja zum Aufgeben be-
    Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991 5815
    Dr. Hans Modrow
    kannt. Es ist doch geradezu grotesk, wenn elf Staaten, allen voran die Bundesrepublik, den zwölften einfach aus den Bemühungen um mehr sozialen Schutz entlassen und sich selber mit allgemeinen Absichtserklärungen aus der Pflicht nehmen wollen.
    Ob an solchen Forderungen der Gipfel wirklich gescheitert wäre — wie jetzt argumentiert wird — , darf zu Recht bezweifelt werden. Auf jeden Fall hätte eine klare Haltung der Bundesregierung den Interessen der künftigen Eurobürger mehr entsprochen, auch wäre sie ehrlicher gewesen.
    Nach dem Vorliegenden zu urteilen, wird jedes Weiterkommen in den Fragen einer Sozialunion und insbesondere bei den Mitbestimmungsrechten der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen blockiert. Es bleibt deshalb unsere Grundforderung, die Sozialunion grundsätzlich mit dem gleichen Tempo und der gleichen Intensität zu gestalten und auszubauen wie die Wirtschafts- und die Politische Union; denn es wird niemals ein einiges Europa geben, wenn es nicht bewußt sozial gestaltet wird.
    Ich komme zum Schluß:

    (Dr. Wolfgang Bötsch [CDU/CSU]: Bravo!)

    Es kann und darf nicht darum gehen, um jeden Preis nur eine kleine Gruppe besonders entwickelter Staaten organisatorisch, wirtschaftlich und politisch zusammenzuführen. Es geht um das ganze Europa, um alle seine Bürger. Es geht um die Verantwortung gegenüber den Ländern der Dritten Welt. Es geht immer um Schicksale von Menschen, gleiche Lebenschancen, eine gerechte Sozialstruktur, um die Verantwortung für Benachteiligte und Schwache. Es geht um echte Partnerschaft. Gerade davon aber sind die Ergebnisse von Maastricht leider noch sehr entfernt geblieben.

    (Beifall bei der PDS/Linke Liste)



Rede von Helmuth Becker
  • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (SPD)
  • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (SPD)
Meine Damen und Herren, ich erteile jetzt dem Kollegen Gerd Poppe das Wort.

  • insert_commentNächste Rede als Kontext
    Rede von Gerd Poppe


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

    Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der Bundeskanzler hat vor zwei Tagen die Beschlüsse von Maastricht als riesigen Erfolg gefeiert. Heute war er nicht ganz so euphorisch; da war von einem „tragfähigen Ergebnis " die Rede. Mit „Erfolg" ist wohl auch sein persönlicher Erfolg gemeint.
    Vor etwas mehr als einem Jahr hat er die deutsche Einheit zustande gebracht, und inzwischen geht es, wie jeder weiß, keinem Menschen in Ostdeutschland schlechter als früher in der DDR.

    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU — Zuruf von der CDU/CSU: Richtig!)

    — Das war nicht so ernst gemeint. — Solche Erscheinungen wie die Massenarbeitslosigkeit, die Entindustrialisierung und das Erleben von Perspektivlosigkeit bei vielen Jugendlichen, wovon hier gestern ausführlich die Rede war, können also nur Phantome sein oder dem Pessimismus der ewigen Schwarzmaler entspringen — wozu alle gezählt werden, die immer wieder auch die problematischen Seiten des Einigungsprozesses beschrieben haben.
    Wird nun also bereits ein weiteres Ruhmesblatt für den deutschen Bundeskanzler ins Geschichtsbuch geheftet? Ich denke, daß er und wir davon noch weit entfernt sind. Trotz des verordneten Optimismus betrachten einige Kolleginnen und Kollegen aus der Regierungskoalition, die der Kanzler sicher nicht als notorische Nörgler ansieht, die Ergebnisse des EG-Gipfels merklich differenzierter als er selbst.
    Daß die Ergebnisse von Maastricht magerer ausfallen würden, als manche hofften oder vorgaben zu hoffen, war absehbar. Trotzdem sind Weichen gestellt worden; soviel ist richtig an der Einschätzung der Bundesregierung. Daß dabei aber ein derartiges Ungleichgewicht zwischen stabilitätsorientierter Währungsunion einerseits, Demokratisierung und Sozialverträglichkeit andererseits entstanden ist, läßt nun allerdings erwarten, daß der Zug in die falsche Richtung fahren wird.
    Die — hinter halb vorgehaltener Hand — gepriesene Taktik, mit Zugeständnissen an die währungspolitische Strategie eine Stärkung der Rechte des Europäischen Parlaments zu erzwingen, ist nicht aufgegangen. Ich will nicht behaupten, daß sie gar nicht ernst gemeint war, obwohl angesichts der Schieflage zugunsten der Geldwertstabilität dieser Gedanke aufkommen kann. Es bleibt auch in Zukunft so, daß die Europäische Gemeinschaft etwa auf dem Stand des Norddeutschen Bundes verharrt, was den Grad an demokratischer Kultur angeht: eine Vereinigung der Oberen, nicht der Bürger und der Parlamente.
    Der Rat bleibt die einzige effiziente Kontrollinstanz für die Kommission. Das Parlament erhält keine gestaltende Aufgabe. Es begleitet Prozesse, die auf Regierungsebene ablaufen und innerhalb der Ministerialbürokratien ausgehandelt werden.
    Die alten Pläne einer europaweiten Volksabstimmung über die Europäische Union tauchen nicht mehr auf. Der viel zitierte Regionalausschuß hat lediglich beratende Funktion. Bei einer Fortsetzung des bisherigen Kurses und der Verlagerung der Kompetenzen von den Ländern auf den Bund und von beiden gemeinsam nach Brüssel können wir bald auch unsere Vorstellung vom Förderalismus vergessen.
    Die guten alten Zeiten der D-Mark allerdings wird man nach ihrem Verschwinden wohl lange in Erinnerung behalten. Nach wie vor habe ich den Eindruck, daß der ökonomische Kraftakt, der mit der Einführung der gemeinsamen Währung verbunden ist, sträflich heruntergespielt wird. Wenn ich sehe, wie schwer es ist, im innerdeutschen Verhältnis die notwendige Solidarität zu mobilisieren, dann frage ich mich, wie dies in westeuropäischem Maßstab geschehen soll. Es kennzeichnet die Entscheidungsmethode des Europäischen Rates, die Schaffung einer Währungsunion zu beschließen, die Errichtung eines Kohäsionsfonds zur Flankierung dieses Vorhabens aber lediglich anzukündigen, ohne den Mittelbedarf dafür zu nennen, womöglich ohne sich überhaupt Klarheit darüber zu verschaffen.
    Dies ist sträflicher Leichtsinn. Es ist auf westeuropäischer Ebene ungefähr das gleiche, was die Bun-
    5816 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991
    Gerd Poppe
    desregierung — auf die deutsche Vereinigung bezogen — bereits vorexerziert hat.
    Es ist keineswegs sicher, daß die EG die ihr zugeschriebene Rolle als Stabilitätsanker für ganz Europa wirklich erfüllen kann und ob nicht die Währungsunion selbst zum Faktor der Instabilität wird. Sie wird in Westeuropa Kräfte und Mittel binden, die für die Unterstützung Osteuropas — ganz zu schweigen von den armen Ländern des Südens — viel dringender benötigt würden.

    (Dr. Rudolf Karl Krause [Bonese] [CDU/ CSU]: Sie wird Kräfte freisetzen!)

    Dies hat um so mehr Bedeutung, als sich die EG seit eh und je mit ihrer sozialen Dimension schwertut. Westeuropäische Sozialpolitik wurde immer schon als möglichst zu vernachlässigendes Anhängsel des wirtschaftlichen Zusammenschlusses behandelt.

    (Dr. Otto Graf Lambsdorff [FDP]: Unfug!)

    Die Entstehungsgeschichte der Sozialcharta hat die Schwierigkeiten in diesem Bereich zur Genüge offenbart.
    Letztlich ist dieses nicht einmal einstimmig verabschiedete Dokument weit hinter den Zielsetzungen des Europäischen Parlaments zurückgeblieben. Dieses wollte darin einen umfassenden Katalog sozialer Grundrechte verankert sehen. Wohl hat man den Katalog der mit qualifizierter Mehrheit zu behandelnden Fragen etwas ausgeweitet, dafür aber gleichzeitig die Rolle des Parlaments in sozialen Fragen beschnitten. Die Wirtschafts- und Währungsunion wird ohne wirksame sozialpolitische Flankierung die ärmeren Regionen Europas noch stärker ins Abseits drängen.

    (Peter Kittelmann [CDU/CSU]: Das ist erst einmal nur eine Behauptung!)

    — Ja, und Sie haben bisher nichts anders als eine Gegenbehauptung aufgestellt.
    Von der Idee eines sozialen Europa sind wir trotz der Sozialcharta weit entfernt. Soziale Grundrechte umfassen im übrigen auch mehr als die dort formulierten Arbeitnehmerrechte. Notwendig wäre auch die Festlegung von sozialen Mindeststandards, und zwar nicht nur für den Bereich der Arbeitswelt, sondern auch für die Existenzsicherung.
    Ein soziales Europa nach unserer Vorstellung würde natürlich die Bereitschaft zum Teilen voraussetzen. Dazu aber fehlt offensichtlich der politische Wille.
    Vorhanden ist ein solcher Wille aber ganz offenbar dazu, die deutsche Asylrechtsregelung auf dem Umweg über die sogenannte Harmonisierung innerhalb der Union auszuhebeln. Unsere Ablehnung einer solchen Politik haben wir schon oft kundgetan. Wir fordern die Bundesregierung erneut auf, sich für eine europäische Asylrechtsregelung einzusetzen, deren Maßstab das gültige Asylrecht der Bundesrepublik gemäß Art. 16 Abs. 2 des Grundgesetzes ist. Dessen versuchte Aushöhlung im Zusammenhang mit der unzureichenden sozialen Absicherung und der nach Osten und Süden blinden Währungspolitik der EG läßt in der Tat nicht viel Gutes von der Europäischen Union erhoffen.
    Was geschieht, wenn die Währungsunion in weltwirtschaftliche oder auch nur gesamteuropäische Turbulenzen geraten sollte? Diese Turbulenzen sind bereits jetzt absehbar. Aber im Hinblick auf Osteuropa haben die Verhandlungspartner in Maastricht die Augen fest geschlossen, wenn man von der angekündigten Nahrungsmittelhilfe für die zerbrochene Sowjetunion absieht.
    Schon bezogen auf den Beitritt Österreichs und Schwedens tut sich der Europäische Rat schwer, wenn ich sein Ersuchen an die Kommission richtig interpretiere, dessen Auswirkungen auf die künftige Entwicklung der Union zu prüfen.
    Was aber ist von folgendem Satz zu halten, den ich wörtlich zitieren möchte: „Der Europäische Rat hat die Minister für auswärtige Angelegenheiten ersucht, die Entwicklungen in Osteuropa und in der Sowjetunion im Hinblick auf die Ausarbeitung eines Konzepts für die Beziehungen zu neuen Staaten zu prüfen." Was, meine Damen und Herren, würden Sie von einem Außenminister halten, der dies nicht auch ohne eine derartige Aufforderung täte?
    Das eigentlich Schlimme ist aber, daß die EG ein solches Konzept immer noch nicht hat. Sie hat es nicht einmal, bezogen auf Polen, Ungarn und die CSFR. Der Hinweis auf die Assoziierungsverträge mit diesen Ländern kann darüber nicht hinwegtäuschen.
    Nicht der EG-Gipfel in Maastricht ist das gegenwärtig wichtigste weltpolitische Ereignis, sondern das endgültige Verschwinden der Sowjetunion von der politischen Landkarte. Die Ereignisse dort konfrontieren uns mit einem Ausmaß von Problemen und möglichen Gefahren, wie wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen haben. Nur eine kleine Auswahl: ökologische Schäden, die zur Verwüstung riesiger Landstriche geführt haben, eine gigantische Wirtschaftskrise und soziales Elend für Millionen. Davon sind allein im europäischen Teil der ehemaligen Sowjetunion so viele Menschen betroffen, wie Deutschland, Frankreich und die Beneluxländer zusammen Einwohner haben.
    Wir erleben gleichzeitig, wie die Menschen hier auf diese Entwicklung einerseits mit Mitleid und Hilfsbereitschaft, anderersetis aber auch mit zunehmender Angst reagieren. Die Verunsicherung wächst. Erst kostet die deutsche Einheit Milliarden, dann bricht die Sowjetunion zusammen — wieviel mag das erst kosten —, und schließlich nimmt uns der Kanzler noch die D-Mark weg.

    (Lachen bei der CDU/CSU)

    — Ich spreche von den Ängsten und Befürchtungen vieler Menschen in der heutigen Bundesrepublik, die dies immer wieder zum Ausdruck bringen. Sie haben ihnen bis jetzt nicht mit hinreichender Klarheit gesagt, wie es eines Tages wirklich aussehen wird.
    In dieser Situation setzt der Gipfel von Maastricht das falsche Zeichen. Er gaukelt den Menschen vor, wir könnten die Probleme Westeuropas lösen, ohne auf den Osten Rücksicht zu nehmen. Dieser wird mit vagen Versprechungen abgespeist. Ein ernsthaftes Angebot zu politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit gibt es nicht. Das richtige Signal wäre gewesen, sich zu einer gemeinsamen Verantwortung für
    Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Freitag, den 13. Dezember 1991 5817
    Gerd Poppe
    das Schicksal ganz Europas zu bekennen, rein westeuropäische Probleme zurückzustellen und über die Reformstaaten Polen, CSFR und Ungarn hinaus den baltischen, den südosteuropäischen und den neu entstehenden Staaten eine dem jeweiligen Stand der demokratischen Entwicklung entsprechend abgestufte Perspektive im Rahmen eines europäischen Gesamtkonzepts zu eröffnen.
    Der Weg, der in Maastricht eingeschlagen wurde, wird auf der einen Seite die Menschen weiter verunsichern und auf der anderen Seite ein hilfloses Krisenmanagement bewirken, dessen Unzulänglichkeit sich schon in Jugoslawien und während des Putsches in der Sowjetunion zeigte. Schlimmstenfalls wird dieser Weg zur Aufrüstung und zur militärischen Verteidigung Westeuropas gegen das aus dem Osten und dem Süden heranstürmende Elend führen.
    Wenn wir, meine Damen und Herren, einem solchen Unglücksszenario in unseren Prognosen keinen Platz einräumen wollen, so bedarf es einer konstruktiven Erneuerung europäischer Politik. Diesem hohen Anspruch ist Maastricht nicht gerecht geworden.

    (Beifall beim Bündnis 90/GRÜNE und bei der PDS/Linke Liste)