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    Plenarprotokoll 12/60 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 60. Sitzung Bonn, Mittwoch, den 27. November 1991 Inhalt: Erweiterung der Tagesordnung 4973 A Tagesordnungspunkt II: Fortsetzung der zweiten Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über die Feststellung des Bundeshaushaltsplans für das Haushaltsjahr 1992 (Haushaltsgesetz 1992) (Drucksachen 12/1000, 12/1329) Einzelplan 04 Geschäftsbereich des Bundeskanzlers und des Bundeskanzleramtes (Drucksachen 12/1404, 12/1600) Hans-Ulrich Klose SPD 4973 B Dr. Wolfgang Schäuble CDU/CSU . . . 4983 B Dr. Hermann Otto Solms FDP 4991D Werner Schulz (Berlin) Bündnis 90/GRÜNE 4998 B Dr. Gregor Gysi PDS/Linke Liste 5002 C Dr. Uwe-Jens Heuer PDS/Linke Liste . 5007B Dr. Helmut Kohl, Bundeskanzler 5007 C Wolfgang Thierse SPD 5017 C Dr. Otto Graf Lambsdorff FDP 5021 A Ernst Waltemathe SPD 5021 B Michael Glos CDU/CSU 5021 D Gerlinde Hämmerle SPD 5026 B Dietrich Austermann CDU/CSU 5028 B Harald B. Schäfer (Offenburg) SPD . . 5031A Ortwin Lowack fraktionslos . . . 5033D, 5034 B Wolfgang Kubicki FDP 5034 B Namentliche Abstimmung 5035 D Ergebnis 5043 D Einzelplan 05 Geschäftsbereich des Auswärtigen Amtes (Drucksachen 12/1405, 12/1600) Ernst Waltemathe SPD 5036 A Dr. Klaus Rose CDU/CSU 5038 A Dr. Sigrid Hoth FDP 5039 D Dr. Hans Modrow PDS/Linke Liste . . . 5041D Gerd Poppe Bündnis 90/GRÜNE 5045 D Friedrich Vogel (Ennepetal) CDU/CSU . 5048 D Dr. Eberhard Brecht SPD 5050 A Dr. Volkmar Köhler (Wolfsburg) CDU/CSU 5051 D Norbert Gansel SPD 5053 A Hans-Dietrich Genscher, Bundesminister AA 5056 B Einzelplan 14 Geschäftsbereich des Bundesministers der Verteidigung (Drucksachen 12/1414, 12/1600) in Verbindung mit Einzelplan 35 Verteidigungslasten im Zusammenhang mit dem Aufenthalt ausländischer Streitkräfte (Drucksachen 12/1428, 12/1600) Horst Jungmann (Wittmoldt) SPD 5059A, 5069 D Dr. Nils Diederich (Berlin) SPD . . . . 5061 C Hans-Gerd Strube CDU/CSU 5062 C Andrea Lederer PDS/Linke Liste 5064 C II Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 60. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 27. November 1991 Carl-Ludwig Thiele FDP . . . . 5066B, 5072D Horst Jungmann (Wittmoldt) SPD 5066D, 5076D Erwin Horn SPD 5067 B Walter Kolbow SPD 5069 D Günther Friedrich Nolting FDP . . . 5070 C Dr. Fritz Wittmann CDU/CSU 5071 D Stefan Schwarz CDU/CSU 5072 A Hans-Werner Müller (Wadern) CDU/CSU 5073A Dr. Gerhard Stoltenberg, Bundesminister BMVg 5075 D Carl-Ludwig Thiele FDP 5078 A Erwin Horn SPD 5080 A Ergebnis der namentlichen Abstimmung zu Drucksache 12/1649 5102A Ergebnis der namentlichen Abstimmung zu Drucksache 12/1650 5108A Abstimmung über Einzelplan 14 5108A Tagesordnungspunkt IV: Beratung der Beschlußempfehlung des Petitionsausschusses Sammelübersicht 15 zu Petitionen (Wehrforschung — Jäger 90 —) (Drucksache 12/451) Siegrun Klemmer SPD 5080 C Walter Kolbow SPD 5082 C Georg Janovsky CDU/CSU 5083 B Günther Friedrich Nolting FDP 5084 A Katrin Fuchs (Verl) SPD 5084 B Konrad Weiß (Berlin) Bündnis 90/GRÜNE 5085 C Zusatztagesordnungspunkt: Beratung der Beschlußempfehlung des Ausschusses nach Artikel 77 des Grundgesetzes (Vermittlungsausschuß) zu dem Zweiten Gesetz zur Änderung des Fünften Buches Sozialgesetzbuch (Drucksachen 12/1154, 12/1363, 12/1387, 12/1392, 12/1526, 12/1660) Wolfgang Vogt (Düren) CDU/CSU . . . . 5086 B Dr. Peter Struck SPD 5087 A Dr. Bruno Menzel FDP 5087 D Dr. Ursula Fischer PDS/Linke Liste . . 5088 B Einzelplan 23 Geschäftsbereich des Bundesministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit (Drucksachen 12/1421, 12/1600) Helmut Esters SPD 5088 D Dr. Peter Struck SPD 5090 C Dr. Christian Neuling CDU/CSU 5091 B Werner Zywietz FDP 5094 A Ulla Jelpke PDS/Linke Liste 5095 C Konrad Weiß (Berlin) Bündnis 90/GRÜNE 5096 C Carl-Dieter Spranger, Bundesminister BMZ 5097D Dr. Ingomar Hauchler SPD 5098 C Ergebnis der namentlichen Abstimmung zu Drucksache 12/1647 5100A Abstimmung über Einzelplan 23 5110B Einzelplan 31 Geschäftsbereich des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft (Drucksa chen 12/1425, 12/1600) 5104 B Einzelplan 30 Geschäftsbereich des Bundesministers für Forschung und Technologie (Drucksachen 12/1424, 12/1600) Dr. Emil Schnell SPD 5104 B Dietrich Austermann CDU/CSU 5110 C Dr. Gerhard Riege PDS/Linke Liste . . 5113D Werner Zywietz FDP 5115C Dr. Emil Schnell SPD 5117C, 5121A Dr. Heinz Riesenhuber, Bundesminister BMFT 5118A Josef Vosen SPD 5119B, C Nächste Sitzung 5122 D Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten . . 5123* A Anlage 2 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Frau Dr. Gisela Babel, Gerhart Rudolf Baum, Dr. Burkhard Hirsch, Wolfgang Lüder (alle FDP) zur Abstimmung über den Änderungsantrag der Fraktion der SPD zu Einzelplan 14 — Drucksache 12/1649 — 5123* C Anlage 3 Zu Protokoll gegebene Reden zu Einzelplan 31 — Geschäftsbereich des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft Dr. Klaus-Dieter Uelhoff CDU/CSU . . . 5123* D Hinrich Kuessner SPD 5125* B Dr. Margret Funke-Schmitt-Rink FDP . . 5127* C Dr. Rainer Ortleb, Bundesminister BMBW 5128* C Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 60. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 27. November 1991 4973 60. Sitzung Bonn, den 27. November 1991 Beginn: 9.00 Uhr
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    Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten Abgeordnete(r) entschuldigt bis einschließlich Bargfrede, Heinz-Günter CDU/CSU 27. 11. 91 Blunck, Lieselott SPD 27. 11. 91 * * Böhm (Melsungen), CDU/CSU 27. 11. 91 * * Wilfried Catenhusen, SPD 27. 11.91 Wolf-Michael Clemens, Joachim CDU/CSU 27. 11. 91 Dr. Däubler-Gmelin, SPD 27. 11. 91 Herta Doppmeier, Hubert CDU/CSU 27. 11. 91 Dr. Fell, Karl H. CDU/CSU 27. 11. 91 Dr. Funke-Schmitt-Rink, FDP 27. 11. 91 Margret Huonker, Gunter SPD 27. 11. 91 Koschnick, Hans SPD 27. 11. 91 Dr. Krause (Börgerende), CDU/CSU 27. 11. 91 Günther Lenzer, Christian CDU/CSU 27. 11. 91 * * Lüder, Wolfgang FDP 27. 11. 91 Marten, Günter CDU/CSU 27. 11. 91 * * Meißner, Herbert SPD 27. 11. 91 Mischnick, Wolfgang FDP 27. 11. 91 Dr. Müller, Günther CDU/CSU 27. 11. 91 * * Nolte, Claudia CDU/CSU 27. 11. 91 Dr. Paziorek, Peter Paul CDU/CSU 27. 11. 91 Dr. Pfaff, Martin SPD 27. 11. 91 Reddemann, Gerhard CDU/CSU 27. 11. 91 * Rempe, Walter SPD 27. 11. 91 Dr. Scheer, Hermann SPD 27. 11. 91 Schulte (Hameln), SPD 27. 11. 91 Brigitte Schuster, Hans Paul FDP 27. 11. 91 Hermann Seidenthal, Bodo SPD 27. 11. 91 Dr. Soell, Hartmut SPD 27. 11. 91 * * Steiner, Heinz-Alfred SPD 27. 11. 91 * * Dr. Töpfer, Klaus CDU/CSU 27. 11. 91 Voigt (Frankfurt), SPD 27. 11. 91 Karsten D. Wollenberger, Vera Bündnis 27. 11. 91 90/GRÜNE Zierer, Benno CDU/CSU 27. 11. 91 * * * für die Teilnahme an Sitzungen der Parlamentarischen Versammlung des Europarates * * für die Teilnahme an Sitzungen der Westeuropäischen Union Anlagen zum Stenographischen Bericht Anlage 2 Erklärung nach § 31 GO der Abgeordneten Frau Dr. Gisela Babel, Gerhart Rudolf Baum, Dr. Burkhard Hirsch, Wolfgang Lüder (alle FDP) zur Abstimmung über den Änderungsantrag der Fraktion der SPD zu Einzelplan 14 - Drucksache 12/1649 Wir können unsere Zustimmung dazu nicht geben, die Entwicklung des Jägers 90 fortzusetzen. Wir halten es nicht für vertretbar, den Jäger 90 weiter zu entwickeln, da er nicht in Produktion gehen darf. Der Jäger 90 ist kostspielig, aber nicht kostbar. Er ist nicht notwendig, wie jedermann aus der internationalen Lage erkennen kann. Insbesondere ist die ehemalige Bedrohung durch die ehemalige Sowjetunion weggefallen. Der bloße Hinweis auf bestehende Verträge über die Entwicklung des Jägers 90 ist solange ohne Bedeutung, wie nicht einmal versucht wird, über ihre Aufhebung oder Änderung zu verhandeln. Wir haben kein Zutrauen in die reale Entscheidungsfreiheit des Deutschen Bundestages, wenn die Entwicklung einmal abgeschlossen sein wird. Wir befürchten, daß der sogenannte Sachzwang, der Druck aus den verschiedensten Interessen heraus, so groß sein wird, daß mit der Produktion begonnen werden wird. Die selbstbewußten Äußerungen der Industrie, wonach der Entwicklung quasi selbstverständlich die Produktion folgen müsse, weil anderes nicht vernünftig sei, bestätigen diese unsere Einschätzung. Wir halten es für erforderlich, daß mit dem Haushalt 1992 ein Zeichen gesetzt wird, daß der Deutsche Bundestag sowohl Konsequenzen aus der militärischen Entspannung in der Welt als auch aus den Bedürfnissen der Armut in Osteuropa und in der Dritten Welt zieht. Armutsbekämpfung muß Vorrang vor Militäroptionen haben. Wir stimmen deswegen dem SPD-Antrag auf Drucksache 12/1649 zu. Anlage 3 Zu Protokoll gegebene Reden zu Einzelplan 31 - Geschäftsbereich des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft Dr. Klaus-Dieter Uelhoff (CDU/CSU): Der Etat des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft beläuft sich im Haushaltsjahr 1992 auf fast 6,5 Milliarden DM. Das entspricht im Vergleich zum Vorjahr einer Steigerung von 4,5 %. Eine wesentliche Ursache für diese Steigerung ist die Aufstockung der Mittel für die berufliche Bildung und Berufsbildungsförderung. Hier wurde der Ansatz um 43 % erhöht. Der Bereich Hochschule und Wissenschaft weist zwar einen wesentlich geringeren Anstieg auf, aber der Vergleich der absoluten Zahlen der beiden genannten Kapitel (berufli- 5124* Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 60. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 27. November 1991 che Bildung ca. 455 Millionen, Hochschule und Wissenschaft fast 3 Milliarden) zeigt die Dominanz dieses Sektors. In beiden Bereichen sind große Herausforderungen zu bewältigen, um unseren wichtigsten Trumpf in der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, die hervorragende Ausbildung unserer Jugend, auch in Zukunft gewährleisten zu können. Im Bereich der beruflichen Bildung ist die Lage zur Zeit gespalten: Im westlichen Teil Deutschlands bleiben im lauf enden Ausbildungsjahr 130 000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Ein gefährliches Signal für das breite und sichere Fundament unserer Wirtschaft: Hier wird der praktisch und technisch qualifizierte Facharbeiter, der gut ausgebildete und selbständig zupackende Handwerker gebraucht. Deshalb müssen sich die für die Schulausbildung im wesentlichen zuständigen Bundesländer nachdrücklich fragen lassen, ob die Haupt- und Realschulen schwerpunktmäßig auf diese praktische Ausbildung ausgerichtet sind. Mit Recht wird immer mehr beklagt, daß die Schulen auf ein schlimmes Mittelmaß gebracht werden: für die Hochbegabten werden sie langweiliger; immer schwerer und unerträglicher für jene, die eine Abneigung gegen alles Theoretische haben. Der geplante Wegfall der Schulnoten in den Grundschulen Hessens und die bereits verfügte Abschaffung der Schulempfehlung für die weiterführenden Schulen in Rheinland-Pfalz erzeugen einen einseitigen Druck auf das Gymnasium, der seinem Ziel, der Hochschulreife, ebensosehr schadet, wiewenig er einer gediegenen Vorbereitung für die berufliche Bildung nützt. Daß jeder zehnte junge Mensch ohne Berufsabschluß bleibt und damit von Arbeitslosigkeit besonders bedroht ist, ist eine Frage, auf die vor allem die Schulpolitiker der Länder eine Antwort geben müssen, aber eben auch ein Problem, das uns alle angeht. Im Osten herrscht allen Unkenrufen zum Trotz keine dramatische Lehrstellensituation. Dennoch gibt es hier strukturelle Defizite. Zwar findet jeder Ausbildungswillige eine Lehrstelle, aber immer noch bilden zuwenig Betriebe aus. So sind die überbetrieblichen Ausbildungsstätten ausgelastet, während in den Betrieben zuwenig junge Menschen eine Möglichkeit finden, das Gelernte hinterher auch in anderen Unternehmen anzuwenden. Zur Förderung der betrieblichen Ausbildung in den fünf neuen Bundesländern sind 1992 175 Millionen DM vorgesehen; das entspricht einer Steigerung von 133 % . Die Ankündigung dieses 5000-Mark-Programms der Bundesregierung in diesem Jahr hatte Signalwirkung für den Lehrstellenmarkt Ost. Mit der Aufstockung verstärken wir dieses Signal und bieten zugleich mehr kleinen und mittelständigen Unternehmen die Möglichkeit, Ausbildungsplätze zu schaffen. Zu begrüßen ist aber auch die gestiegene Verantwortung vor allem im Handwerk für den eigenen Berufsnachwuchs, denn wer zu spät ausbildet, den bestraft der Markt! Der nachhaltigen Strukturverbesserung in den beigetretenen Ländern dienen auch die Förderungsmaßnahmen zur Qualifizierung von Personal der beruflichen Bildung. Da die Ausbilder bisher überwiegend in Form eines Staatsmonopols ausgebildet wurden, müssen diese Multiplikatoren, denen die jungen Auszubildenden anvertraut sind, an marktwirtschaftliche Prinzipien herangeführt werden. Mit einer Steigerung von 5 Millionen DM unterstreichen wir noch einmal die Bedeutung dieser Projekte und bieten zugleich die Möglichkeit, die Weiterbildung der Ausbilder zu intensivieren, so daß das Fundament für eine dauerhafte Veränderung verbreitert wird. Von besonderer Bedeutung scheint mir auch die Motivation zur Weiterbildung in den Betrieben zu sein. Hier tut dringend ein Bewußtseinswandel der Beschäftigten not, wenn die Leiterin des Arbeitsamtes Sondershausen, wie am 9. September 1991 in der FAZ zu lesen war, „das Interesse an der Weiterbildung ,erschütternd gering' (nennt, und) vor allem in den Großbetrieben (...) viele Leute ,erst einen Topf richtig ausschöpfen' (wollten), also bis zum Jahresende die Kurzarbeiterregelung genießen, dann ,eine Abfindung kassieren' und sich erst danach qualifizieren". An dieser Stelle drängt sich der Schluß auf, daß man mit Geld zwar einiges, aber eben doch nicht alles, z. B. keinen raschen Bewußtseinswandel, bewegen kann. Oder sollte es beim Kurzarbeitergeld lieber etwas weniger, dafür bei der Weiterbildung etwas mehr sein? Ich meine schon! Aus diesem Grund begrüße ich die Einrichtung eines neuen Titels zur Entwicklung von regionalen beruflichen Weiterbildungshilfen mit 5,5 Millionen DM. Mit Hilfe dieses Ansatzes soll der aktuelle regionale Weiterbildungsbedarf in Unternehmen ermittelt werden. Aus diesen Informationen können dann Empfehlungen für die Unternehmen, besonders aber für die betroffenen Arbeitnehmer abgeleitet werden. Auf diese Weise lassen sich komparative regionale Vorteile herauskristallisieren und die vielgestellten Fragen: In welcher Richtung soll ich mich denn weiterbilden? Wo liegen meine größten Chancen? besser beantworten. Am 1. Oktober 1991 nahmen 21 junge Facharbeiter, davon 13 Frauen am Einführungsseminar der Begabtenförderung berufliche Bildung in Schwerin teil, die ersten von 3 200 in diesem Jahr. Gefördert werden können anspruchsvolle berufsspezifische fachliche Qualifikationen, aber auch soziale Fähigkeiten, die sowohl den Bedürfnissen der jungen Berufstätigen als auch den Erwartungen der späteren Arbeitgeber gerecht werden. Für dieses Programm sind im Haushalt 1992 18 Millionen DM vorgesehen, das entspricht einer Steigerungsrate von 80 % . Mittelfristiges Ziel wird es sein, dieses Programm finanziell ähnlich auszustatten wie die Begabtenförderung an den Hochschulen. Insgesamt müssen wir die strukturellen Ungleichgewichte zwischen beruflicher Bildung einerseits und der akademischen Laufbahn andererseits beseitigen, um die Attraktivität des in der Welt vielbewunderten Systems der dualen Ausbildung auch für die Zukunft zu sichern. Das Kapitel Hochschule und Wissenschaft enthält die beiden Hochschulsonderprogramme I und II, die wie mit den Ländern vereinbart weitergeführt werden, um die Situation an unseren Hochschulen weiter zu verbessern. Nicht mehr im Einzelplan 31 veranschlagt sind die 1,32 Milliarden DM, die der Bund 1992 im Rahmen des Erneuerungsprogramms für Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 60. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 27. November 1991 5125* Hochschule und Forschung in den neuen Bundesländern bereitstellt. Sie werden jetzt im Einzelplan 60 etatisiert. Herausgreifen möchte ich die Studentenwohnraumförderung. Hier hat der Bund im Westen wie im Osten eine große Verantwortung, die weit über den Bildungsetat hinausreicht. Für ca. 1,6 Millionen Studenten stehen in den alten Bundesländern nur 140 000 mit öffentlichen Mitteln geförderte und vergleichsweise preiswerte Wohnungen zur Verfügung. Studenten werden vorübergehend in Turnhallen, Containern, ja sogar in Bauwagen untergebracht. Angesichts dieser Zustände halte ich es für dringend geboten, sowohl das Deutsche Studentenwerk als auch private Investoren verstärkt für den Bau von Studentenwohnungen in frei werdenden Kasernengebäuden zu gewinnen. Der Bund ist hier besonders in der Verantwortung, die kritische Situation zu entschärfen, und sollte sich nicht nur am besten Angebot für die Immobilien orientieren, sondern die optimale Lösung im Interesse unserer Studenten und damit letztendlich auch im wohlverstandenen Interesse unserer Volkswirtschaft suchen. Zum Schluß möchte ich es nicht versäumen, ein Problem besonderer Güte im Hochschulbereich anzusprechen. Warum leisten wir uns in unserer Hauptstadt Berlin mehrere Universitäten, von denen die eine, die Humboldt-Universität, mehr mit internen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, als sich auf ihre originären Aufgaben zu konzentrieren? Ja, die Zustände dort gipfeln darin, daß für die Verbesserung der Ausbildung dringend benötigte Gastdozenten davor zurückschrecken, sich hier zu engagieren. Zerschlagen wir den gordischen Knoten der alten Seilschaften und bilden aus der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität eine Freie Humboldt-Universität Berlin! Forschung und Lehre rückten wieder in den Vordergrund, der Verwaltungsapparat könnte verkleinert und die frei werdenden Mittel für Investitionen in die Zukunft aufgewandt werden. Hinrich Kuessner (SPD): Die Zeit nach Abschluß der deutschen Einheit rast dahin — so empfindet man es, wenn man in den neuen Ländern für politische Entscheidungen mitverantwortlich ist. Die Menschen erwarten schnelle und wirksame Entscheidungen für die Umgestaltung der Gesellschaft, Entscheidungen, die sie positiv spüren und die für das Neue stehen. In dieser Woche verabschieden wir den zweiten gesamtdeutschen Haushalt. Bei der Verwirklichung der Einheit spielen Bildung und Wissenschaft eine zentrale Rolle. Das gilt gleichermaßen für den Osten wie für den Westen Deutschlands. Investitionen in diesem Bereich sind Investitionen in unsere Zukunft. Denn eine gute Ausbildung ist das beste Fundament für eine erfolgreiche Berufstätigkeit und damit für die Entwicklung unserer Wirtschaft. Die Erhöhung des Haushaltsvolumens für den Bereich Bildung und Wissenschaft auf rund 6,5 Milliarden DM im Jahr 1992 — und wenn man die im Einzelplan 60 „versteckten" Bildungsausgaben im Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost sowie für das Hochschulerneuerungsprogramm hinzurechnet, werden es sogar rund 7 Milliarden DM — geht in die richtige Richtung. Die Frage ist: Reagiert die Politik im Bereich Bildung und Wissenschaft damit in ausreichender und geeigneter Weise auf die Herausforderungen des Einigungsprozesses? Stolz verkünden Regierung und Koalition: Die Zahl der offenen Ausbildungsplätze betrug in den neuen Ländern am 30. September 1991 6 608 und in den alten sogar 128 534. Im Osten waren zu diesem Zeitpunkt nur noch ca. 2 000 Jugendliche auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Dabei wurde aber übersehen, daß über den Verbleib von rund 45 000 Bewerberinnen und Bewerbern aus den neuen Ländern noch nichts bekannt ist. Sind sie doch in größerer Zahl als vermutet in die alten Länder abgewandert? Haben sie resigniert und auf eine Ausbildung verzichtet, oder haben sie weiterführende allgemeinbildende Angebote wahrgenommen? Dies sind unbeantwortete Fragen. Zweifel sind auch noch auszuräumen, was die Qualität der Ausbildung angeht, womit jedoch der Dank an alle, die sich für die Bereitstellung von Ausbildungsplätzen in den neuen Ländern eingesetzt haben, nicht geschmälert werden soll. Die weitere Entwicklung von Angebot und Nachfrage nach Ausbildungsplätzen im nächsten Jahr wird nicht nur von uns kritisch beobachtet. Die Kollegin von der FDP Frau Funke-Schmitt-Rink sagte am 14. November hier im Bundestag: Womöglich kommt es 1992 im Osten zu einer Berufsbildungskatastrophe und einer Welle von Ausbildungsflüchtlingen in den Westen. Leider muß die Warnung der Kollegin ernst genommen werden. In Gesprächen mit jungen Leuten in meinem Wahlkreis in Vorpommern wird mir immer wieder vorgehalten: Wo ist der Arbeitsplatz, für den wir ausgebildet werden? In der Region fehlen sichtbare Zeichen für das Entstehen von neuen Arbeitsplätzen. Man hört vor allem von Entlassungen und Ersatzmaßnahmen wie ABM und Kurzarbeit Null. Es fehlt eine gezielte Strukturpolitik, wie man sie z. B. bei der Stahlkrise im Westen praktiziert hat. Auf die tiefgreifenden strukturellen Veränderungen im Ruhrgebiet und im Saarland antwortete man zu Recht mit einem Sonderprogramm für diese Montanregionen. Ich will nicht leugnen, daß man Zeichen des Neubeginns auch in Vorpommern sieht. Besonders gilt dies für die Baubranche. Aber bisher bringt alles nicht viele Arbeitsplätze. Der Bürger sieht noch nicht, wohin die Fahrt geht, und kann sich darum nicht darauf einstellen. Die hohe Zahl der außerbetrieblichen Ausbildungsplätze — ca. 38 000 = 35 % aller Lehrlinge im Osten — ist ein Zeichen dafür, daß es noch nicht in die richtige Richtung geht. Noch können die Handwerksbetriebe in den neuen Ländern ihre Ausbildungsfunktion nicht wahrnehmen. Dies ist kein Vorwurf, sondern eine Aufforderung, gemeinsam darüber nachzudenken, was in der Übergangssituation getan werden kann, um das Recht auf eine qualifizierte Ausbildung für alle Jugendlichen zu verwirklichen. Anträge der SPD lagen mehrfach auf dem Tisch, um das Programm der 5126* Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 60. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 27. November 1991 Förderung der betrieblichen Ausbildung im Osten auszuweiten und effizient zu gestalten. Die Koalition hat sie niedergestimmt, und sie unterstützt damit eine falsche Entwicklung. Es muß alles getan werden, daß wir schnell von der außerbetrieblichen Ausbildung vor allem in Helferberufen wegkommen. Es besteht sonst die Gefahr, daß in die Arbeitslosigkeit hinein ausgebildet wird. Von der außerbetrieblichen Ausbildung sind in einem hohen Maße Mädchen betroffen. Dies ist ein gravierendes Problem und kann nicht verharmlost werden. Nicht selten beklagen sich Frauen und Mädchen in den neuen Ländern über spürbare Benachteiligungen, Gleichheit vor dem Gesetz reicht nicht aus. Benötigt wird eine gezielte Förderung in der Beruf sausbildung, auch in sogenannten Männerberufen. Diese Förderung muß beim Übergang in den Beruf fortgesetzt werden. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein gesamtdeutsches Thema, das noch nicht abgehakt werden kann. Dies ist auch nicht nur ein Frauenthema. Im Osten muß die Qualität der beruflichen Ausbildung insgesamt schneller angehoben werden. Auch wenn die SPD viel weitergehende Vorschläge gemacht hat, ist zu begrüßen, daß im Haushalt '92 der Ansatz für die Qualifizierung von Personal der beruflichen Bildung um 5 Millionen DM angehoben wurde und ein Titel für die Entwicklung von regionalen beruflichen Weiterbildungshilfen mit einem Ansatz von 5,5 Millionen DM geschaffen wurde. Das Umsetzen all dieser Mittel muß schnell und gezielt erfolgen. Auf diesem Gebiet geht mir vieles zu langsam. Wer sich dafür lobt, daß er die Einheit schnell vollzogen hat, darf nun nicht ins Schneckentempo verfallen. Gerade die jungen Menschen müssen jetzt eine solide Ausbildung erhalten. Nur so kann die Angleichung der Lebensverhältnisse in Deutschland noch in diesem Jahrhundert erreicht werden. Gerade die Jugend brauchen wir dazu. Das Einsetzen der Milliarden im Osten hat nur Sinn, wenn dadurch Aktivitäten ausgelöst werden. Bei der beruflichen Bildung wird das noch nicht genügend sichtbar. In den Berufsschulen ist dringender Handlungsbedarf, auch von seiten des Bundes über das Programm Aufschwung Ost hinaus. Personell und sächlich muß die Ausstattung verbessert werden. Das Geldausgeben auf diesem Gebiet geht mir zu langsam, und ich bezweifle, daß das Geld immer zukunftsträchtig genug eingesetzt wird. Immer wieder werde ich auf Unzulänglichkeiten in der Lehrmittelausstattung angesprochen. Dem Greifswalder Seminar des Landesinstitutes für Schule und Ausbildung stehen für den Aufbau einer Bibliothek kaum Mittel zur Verfügung. Die Qualität der Referendarausbildung ist somit gefährdet. Sicher das ist zuallererst Ländersache. Auch für die Beschaffung der Schulbücher ist der Bund nicht zutändig. Eine Bonner Lehrerin sammelt für Greifswalder Schulen Schulbücher. Und das wird immer noch gerne angenommen. Es zeigt nur, daß auf dem Sektor der Bildung noch viel Sand im Getriebe steckt. In Mecklenburg-Vorpommern kann es natürlich auch daran liegen, daß dieser Bereich nicht gerade von kompetenten Leuten vertreten wird. Die negativen Entwicklungen im Rechtsextremismus zeigen, daß wir hier keine Zeit haben. Soziale Probleme verstärken Spannungen und erzeugen Gewalt. Bildung ist eine wichtige Waffe dagegen. Trotz der vielen offenen Ausbildungsplätze im Westen gibt es auch dort ungelöste Ausbildungsprobleme. Eine EMNID-Umfrage hat ergeben, daß 14 % der jungen Menschen eines Jahrgangs keinen Ausbildungsabschluß haben. Die Zahl der jugendlichen Langzeitarbeitslosen ist beträchtlich. Die etwa 1,7 Millionen Jugendliche, die seit 1970 ohne eine qualifizierte Ausbildung geblieben sind, sind hier besonders gefährdet. Auch hier zeigt sich, daß in den alten Bundesländern mehr Anstrengungen unternommen werden müssen, damit die Zahl der Jugendlichen ohne Qualifizierung geringer wird. Arbeitgeber und Berufsschulen sind aufgerufen, die Anstrengungen zu verstärken, damit die Abbrecherquote gesenkt und sozialpädagogische Förderung Lernschwacher intensiviert wird. Kein richtiger Weg ist nach Meinung der SPD die Verkürzung der Berufsausbildung für sogenannte praktisch Begabte. Der Bund hat eine besondere Verantwortung für diese benachteiligten Gruppen. Staatliche Bildungspolitik muß allen gleiche Bildungschancen eröffnen. Ich erkenne im Haushalt '92 nicht die Programme, die auf die Lernbedürfnisse aller Jugendlichen genügend reagieren. Den Jugendlichen in Deutschland wird bescheinigt, daß die Bereitschaft zum Lernen bei vielen vorhanden ist, ja, sie war noch nie so groß wie heute. Darum muß unser Bildungssystem jetzt ausgebaut und umgebaut werden, um den Anforderungen der Jugendlichen, aber auch der Erwachsenen sowie den Anforderungen von Gesellschaft und Wirtschaft gewachsen zu sein. Die Wiedereinführung von Zulassungsbeschränkungen an den Hochschulen ist nach Meinung der SPD ein falscher Weg. Daß viele junge Menschen gute Ausbildungen an Hochschulen anstreben, sollten wir nicht verhindern. Um den Einsatz öffentlicher Mittel an den Hochschulen wirkungsvoller zu machen, sind andere Überlegungen notwendig. Arbeitsmarktforscher sagen auch einen höheren Bedarf für die nächste Zukunft voraus. Die Programme im Haushalt '92 sind dafür nicht ausreichend. Neben der Reform der inneren Struktur der Hochschulen müssen die Sonderprogramme neu überdacht werden. Dazu ist der Nachholbedarf der Universitäten in den neuen Ländern zu berücksichtigen. Gemeinsam setzen sich alle Fraktionen im Ausschuß für Bildung und Wissenschaft für eine Anhebung der Mittel für den Hochschulbau ein. In den Bund-Länder-Gremien müssen die Überlegungen zu einem Hochschulentwicklungsplan — als Teil eines neuen Bildungsplanes — rasch beginnen. Ich will nur auf einen Punkt hinweisen: Für die Studentenwohnraumförderung wurde der Ansatz '92 um 50 Millionen DM auf 200 Millionen DM erhöht. Dieses Geld steht nur den Hochschulen im Westen zur Verfügung. Die Hochschulen in den neuen Ländern kön- Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 60. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 27. November 1991 5127* nen theoretisch der Vereinbarung zwischen dem Bund und den Ländern beitreten. Aber es fehlen die finanziellen Voraussetzungen, da die Länder 30 und die Träger 40 % der Kosten zu tragen haben. Dies läßt sich nicht realisieren. Für 1991/92 sind darum Mittel im Programm Aufschwung Ost vorgesehen. Dieses Programm muß in den neuen Ländern aber weitergehen. Die Wohnheimplätze in den neuen Ländern sind oft in einem unzumutbaren Zustand. Auch das führt zu Abwanderungen. Hier muß schnell über weitergehende Maßnahmen nachgedacht werden. Der Versorgungsgrad mit Wohnheimplätzen der Studenten in den neuen Ländern liegt mit 75 % weit über dem der alten Länder. Dort betrug er 1990 9,3 %. Aber man darf nicht übersehen, daß die Wohnraumsituation in den neuen Ländern insgesamt mit riesigen Problemen behaftet ist. Außerdem wird die Studentenzahl an den Hochschulen in den neuen Ländern steigen. Die Universität Greifswald hat z. B. nicht einmal 3 900 Studenten. Der Bedarf an Studienplätzen für Studenten aus den neuen Ländern wird in den nächsten Jahren erheblich zunehmen. In der DDR war die Möglichkeit zum Studium nur wenigen gegeben. Eine Reduzierung von Studentenwohnheimplätzen ist keine Lösung. Auch darf das Programm der Studentenwohnraumförderung im Osten nicht zu Lasten des Programms im Westen gefahren werden. Es ist dort ebenso notwendig. Uns allen in diesem Haus ist sicher bewußt, daß eine friedliche und demokratische Entwicklung im geeinten Deutschland nur zusammen mit unseren Nachbarn in Ost und West und Nord und Süd möglich ist. Für die Förderung der Zusammenarbeit mit anderen Staaten und mit internationalen Organisationen auf dem Gebiet von Bildung und Wissenschaft sind im Haushalt bescheidene Mittel eingesetzt. Die Zuschüsse für Investitionen in Mittel- und Osteuropa sind von 3 Millionen DM 1991 auf 4 Millionen DM 1992 erhöht worden. Das ist bei der Größe der Aufgabe ein kleiner Betrag. Noch bedenklicher ist, daß der Betrag 1991 wohl nicht ausgeschöpft wird. Sicher gibt es große Schwierigkeiten, wenn man in Mittel- und Osteuropa etwas machen will. Das kann doch aber nur bedeuten, daß Einsatzbereitschaft und Einfallsreichtum verstärkt werden. Auf neue Herausforderungen muß man mit neuen Ideen antworten. Oder sollen hier schöne politische Titel geschrieben werden, mit denen man sich in der Öffentlichkeit schmückt, aber die in Wirklichkeit nicht realisiert werden sollen? Meine Skepsis ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Schon im Haushalt '91 stand eine globale Minderausgabe von 50 Millionen DM; 1992 beträgt sie 42,5 Millionen DM. Was politische Prosa ist und was Wirklichkeit werden soll, kann also nicht erkannt werden. Die globale Minderausgabe ist ein untaugliches haushaltspolitisches Mittel. Beim ersten gesamtdeutschen Bundeshaushalt hatte ich dafür noch gewisses Verständnis. Es gibt bisher keine Erklärung seitens der Bundesregierung, daß auf dieses Mittel künftig verzichtet wird. Theoretisch ist es z. B. möglich, daß die Ansätze für Qualifizierung von Personal der beruflichen Bildung, für Entwicklung von regionalen beruflichen Weiterbildungshilfen und für Modernisierung und Ausstattung beruflicher Bildungsstätten in den neuen Ländern der globalen Minderausgabe zum Opfer fallen. Wer die globale Minderausgabe zu einem festen Haushaltstitel macht, ist — um es vorsichtig zu formulieren — an der aktiven Haushaltspolitik des Parlamentes nicht interessiert. Das kann und darf nicht unser Interesse sein. Der Einzelhaushalt für Bildung und Wissenschaft wird den Anforderungen und Herausforderungen unserer Zeit nicht gerecht. Die SPD lehnt ihn darum ab. Dr. Margret Funke-Schmitt-Rink (FDP): Der Etat des Bundesbildungsministers weist in diesem Jahr wieder eine überdurchschnittliche Steigerung aus. Es ist ein Anstieg um 4,5 % auf rund 6,5 Milliarden DM. Die Regierung hat also erhebliche finanzielle Anstrengungen unternommen, auch wenn nicht alle gewünschten Maßnahmen abgedeckt werden können. Wichtige wegweisende Schlüsselentscheidungen sind jedoch in dem Haushaltsplan enthalten. 1. Der Aus- und Neubau von Hochschulen wird um 300 Millionen auf 1,6 Milliarden DM aufgestockt. 2. Für das Ausbildungsplatzförderungsprogramm in den neuen Ländern sind 1992 175 Millionen DM eingestellt. 3. Mit der Verdoppelung der Mittel auf 20 Millionen DM soll die in diesem Jahr begonnene Begabtenförderung in der beruflichen Bildung 1992 ausgebaut werden. Damit ist für den Bereich der beruflichen Bildung eine Ausgabensteigerung um mehr als 43 % vorgesehen. 4. Rund 250 Millionen DM sind für das Erneuerungsprogramm für Hochschule und Forschung in den neuen Bundesländern vorgesehen. Der Bundesbildungsminister hat zu Recht die Erhöhung der BAföG-Leistung um 6 % gefordert. Es geht um die Anpassung der BAföG-Grundbeträge an die kräftig gestiegenen Lebenshaltungskosten im Osten. Ein Hinauszögern der Gleichstellung der ostdeutschen Studenten würde den Abwanderungstrend Richtung West dramatisch verstärken. Doch über berstende Hörsäle können die Hochschulen in Westdeutschland schon zur Genüge klagen. Die Aufbauprobleme im Osten dürfen uns nicht den Blick auf die offenkundigen Probleme im Westen versperren. Deswegen möchte ich an dieser Stelle auf zwei Bereiche dieses Haushalts eingehen, die noch mehr als bisher Schwerpunkte der zukünftigen Bildungspolitik sein müssen. Das ist zum einen die Weiterbildung des dualen Systems in Richtung auf die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung und zum zweiten die Hochschulausbildung. Die Bildungsreform der 70er Jahre hatte vor allem das Postulat der Chancengleichheit und die soziale Öffnung des Bildungswesens zum Ziel. Die Bildungspolitik der 90er Jahre muß die soziale Integration der Jugendlichen über eine bildungsadäquate Beschäftigung im Beruf gewährleisten. Und deshalb begrüßen wir Liberale ausdrücklich die Zielsetzung der Regierung, die berufliche Bildung als gleichwertigen Teil des Bildungswesens auszubauen. Ein Schritt in diese Richtung ist das Programm der beruflichen Begabten- 5128* Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 60. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 27. November 1991 förderung. Diese muß in den nächsten Jahren auf eine Größenordnung wie im Hochschulbereich kommen. Die Öffnung der Hochschulen für qualifizierte Berufstätige ohne Abitur ist vor allem dann zu erwägen, wenn man das Ziel nicht aus dem Auge verliert, Berufsausbildung attraktiver zu machen. Denn über eines sind wir uns alle klar: Die Wachstumsbremse unserer Volkswirtschaft in den nächsten Jahren wird der Facharbeitermangel sein, und die Bildungspolitik der 90er Jahre muß diesen Mangel beheben, indem sie der beruflichen Bildung den Makel der Minderwertigkeit nimmt. Im vereinten Deutschland haben wir 1991 mehr Studierende als Lehrlinge (1,7 Millionen zu 1,5 Millionen). Jugendliche zwischen 18 und 21 Jahren haben zu 31 To inzwischen die Hochschulreife, und die meisten möchten auch studieren. Aber was heißt das heute? Überlange Studienzeiten, Zunahme von unzumutbaren Lehr- und Lernsituationen, Fachwechsel, Studienabbrüche und ungewisse Zukunftsaussichten. Ein Numerus clausus in zahlreichen weiteren Fächern, wie ihn die Hochschulrektorenkonferenz verlangt, ist zu verstehen, aber von Bildungspolitikern/ innen nicht zu vertreten. Die erhebliche Steigerung der Hochschulförderungsmittel im Haushalt 1991 und die konsequente Weiterführung des Ansatzes in 1992 sind zukunftsweisend. Aber die FDP wird auch in Zukunft gemeinsam mit dem Bundesbildungsminister dafür kämpfen, weitere Erhöhungen der Mittel zur Modernisierung und den Ausbau der Hochschulen einsetzen zu können. Trotz der auf 1,6 Milliarden DM erhöhten Bundesmittel für den Hochschulneubau und der zur Lösung der anstehenden Probleme in den Hochschulsonderprogrammen zur Verfügung stehenden Beträge werden wir es nicht zulassen, daß die Länder in ihrem Verantwortungsbereich — und das heißt personelle und materielle Ausstattung der Universitäten und Fachhochschulen — untätig die Hände verschränken und die gestiegenen Studentenzahlen hilflos ignorieren. Wir müssen ohne ideologische Scheuklappen über neue Wege nachdenken. Einige Stichworte: — fachspezifische Hochschuleingangsprüfungen, — rigorose Prüfungen nach der ersten Studienetappe, — Kurzstudiengänge mit attraktiven Abschlüssen. Wir müssen da allerdings auch die Wirtschaft und die Studierenden davon überzeugen, daß diese Abschlüsse etwas wert sind. In diesem Zusammenhang sind vor allem die Fachhochschulen mit ihrem kürzeren Studium auszubauen. Die Fachhochschulen attraktiver zu gestalten ist aber auch verbunden mit einigen Fragen, die in nächster Zeit zu klären sind und sicherlich Proteste provozieren werden. Ich meine die beamtenrechtliche Laufbahn. Muß es auf ewig festgezimmert sein, daß Fachhochschulabsolventen im öffentlichen Dienst mit A 9/ A 10 anfangen, während Absolventen der Hochschulen bei A 13 einsteigen? Ein zweiter Punkt: Professoren für die Fachhochschulen zu gewinnen ist schwierig. Sie müssen nämlich im Wettbewerb mit der Wirtschaft gewonnen werden. Zwischen Wirtschaft und Fachhochschule ergeben sich mittlerweile derart hohe Einkommensunterschiede, daß es immer schwieriger sein wird, die Professuren mit qualifizierten Persönlichkeiten zu besetzen. Leider konnten der Haushaltsausschuß und das Hohe Haus nicht der Empfehlung des Wissenschaftsrates für eine deutliche Erhöhung der C-3-Stellen folgen. Immerhin war die Verbesserung des Schlüssels auf 60 (C 3) zu 40 (C 2) ein Schritt in die richtige Richtung. Fazit: Wir müssen mehrere Instrumente zur gleichen Zeit anwenden. Bund und Länder müssen zusammen tragfähige Konzepte erarbeiten, und zwar unter dem Leitsatz, daß die Investitionen in Bildung und Wissenschaft die wichtigsten Investitionen in die Zukunft unserer Gesellschaft sind. Und vielleicht muß der Bund mehr Kompetenzen bekommen, wenn die Länder versagen. Dr. Rainer Ortleb Bundesminister für Bildung und Wissenschaft: Der von der Bundesregierung vorgelegte Entwurf für den Haushalt 1992 des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft sieht Ausgaben in Höhe von insgesamt 6,451 Milliarden DM vor. Gegenüber dem diesjährigen Haushalt bedeutet dies einen überdurchschnittlichen Anstieg um 4,5 % . Die Bundesregierung dokumentiert damit den hohen Stellenwert, den sie Bildung und Wissenschaft beimißt. Der Entwurf des Einzelplans 31 bietet eine solide finanzielle Basis zur Lösung der im Jahre 1992 zu bewältigenden Aufgaben. Im Mittelpunkt der Anstrengungen stehen auch im kommenden Jahr der weitere Ausbau sowie inhaltliche und strukturelle Verbesserungen von Bildung und Wissenschaft in den neuen Ländern. Daneben gilt es, die notwendigen Reformen in den alten Bundesländern fortzuführen. Die Ansätze des Haushaltsentwurfs tragen dieser Aufgabe und damit einer weiteren erfolgreichen Entwicklung von Bildung und Wissenschaft im geeinten Deutschland Rechnung. Folgende Punkte des Haushaltsentwurfs 1992 möchte ich besonders herausstellen: Erstens. Der beruflichen Bildung gelten besondere Anstrengungen. Die hierfür vorgesehenen Ausgaben sollen um mehr als 40 % steigen. Hauptaufgabe wird erneut sein, allen Jugendlichen in den neuen Ländern einen Ausbildungsplatz anzubieten. Die nahezu ausgeglichene Lehrstellenbilanz dieses Herbstes ist eine hervorragende Ausgangsposition. Allerdings muß im nächsten Jahr der Anteil der betrieblichen Ausbildungsplätze noch erheblich gesteigert werden. Für das Ausbildungsförderungsprogramm stehen — nach 75 Millionen DM im laufenden Jahr — im Jahre 1992 weitere 175 Millionen DM zur Verfügung. Daraus können für Betriebe mit bis zu 20 Beschäftigten Zuschüsse in Höhe von 5 000 DM pro eingestelltem Auszubildenden finanziert werden. Die Bundesregierung sieht in dieser Maßnahme gleichzeitig einen wirksamen Beitrag zum Auf- und Ausbau einer gesunden mittelständischen Wirtschaftsstruktur und damit des dualen Systems, in dem gerade kleinere Betriebe eine wichtige Rolle spielen. Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 60. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 27. November 1991 5129* Für die Förderung überbetrieblicher Berufsbildungsstätten sind die Mittel um 17 Millionen DM auf insgesamt 130 Millionen DM aufgestockt worden. Die überbetrieblichen Berufsbildungsstätten sind zu einem unverzichtbaren Strukturelement der dualen Berufsausbildung geworden. Sie tragen wesentlich zur Verbesserung der Qualität der beruflichen Ausbildung bei. Das Netz der überbetrieblichen Berufsbildungsstätten wird nunmehr auch auf die neuen Länder ausgedehnt. Die Planung sieht dort die Errichtung von 7 000 Werkstattplätzen vor. Zur Verbesserung der Qualität der beruflichen Bildung in den neuen Ländern gehört auch die Qualifizierung des Personals. Gegenüber dem laufenden Jahr werden die Mittel um ein Viertel auf 25 Millionen DM erhöht. Daneben sind für die Modernisierung der Ausstattung beruflicher Ausbildungsstätten in den neuen Ländern nach 8 Millionen DM in diesem Jahr weitere 8 Millionen DM im Jahre 1992 veranschlagt. Erstmals sind 5,5 Millionen DM zur Entwicklung regionaler beruflicher Weiterbildungshilfen in den neuen Ländern vorgesehen. Hinweisen möchte ich auf die schwierige Situation an den Berufsschulen in den neuen Ländern. Hier besteht dringender Handlungsbedarf der dafür zuständigen Länder und Kommunen, denn eine leistungsfähige Berufsschule ist notwendig für eine hohe Qualität des dualen Systems der Berufsausbildung. In diesem Jahr ist die vom Bundesminister für Bildung und Wissenschaft ins Leben gerufene Begabtenförderung in der beruflichen Bildung angelaufen. Wie dringlich es war, diese Lücke zu schließen, zeigt die große Zahl vorliegender Anträge. Ich darf an dieser Stelle noch einmal betonen, daß es hierbei um die Förderung der berufsbegleitenden Weiterbildung begabter junger Berufstätiger geht, die im Beruf bleiben wollen. Der Haushaltsentwurf für 1992 sieht fast eine Verdoppelung der Mittel gegenüber 1991 auf 18 Millionen DM vor. Mittelfristiges Ziel ist es, für diese Förderung eine ähnliche Größenordnung wie bei der Begabtenförderung im Hochschulbereich zu erreichen. Zweitens. Die Sicherung und Stärkung der Leistungsfähigkeit von Lehre und Forschung an den Hochschulen in den alten und den neuen Ländern hat angesichts weiter steigender Studentenzahlen für die Bundesregierung höchste Priorität. Die Ausgaben für den Aus- und Neubau von Hochschulen im vorliegenden Haushaltsentwurf liegen mit 1,6 Milliarden DM auf dem hohen Niveau des Jahres 1991. Die Bundesregierung schafft damit bei anhaltend hoher Nachfrage nach Studienplätzen und den dringend notwendigen Sanierungs- und Ausbaumaßnahmen in den neuen Ländern die finanzielle Grundlage für die erforderlichen Baumaßnahmen und die zunehmend wichtiger werdende Ausstattung mit modernen Großgeräten für Forschung und Lehre. Zusammen mit dem von den Ländern aufzubringenden Anteil stehen damit 3,2 Milliarden DM für den Hochschulbau zur Verfügung. Circa 600 Millionen DM entfallen davon auf die neuen Länder. Der Bedarf dieser Länder wird in den nächsten Jahren deutlich steigen, wenn die Planung der dringenden Sanierungs- und Ausbaumaßnahmen weiter fortgeschritten ist. Der Wissenschaftsrat schätzt ab 1993 den Finanzbedarf für die alten und neuen Länder auf insgesamt 2 Milliarden DM jährlich an Bundesmitteln. Ich kann die hinter dieser Aussage stehende Sicht der Entwicklungstendenzen des Bedarfs und der Ausbaunotwendigkeiten durchaus nachvollziehen. Konkret werden wir darüber beim Haushalt 1993 sprechen müssen. Eines aber halte ich heute schon in aller Deutlichkeit fest: Eine Politik flächendeckender Zugangsbeschränkungen werde ich nicht akzeptieren. Wichtiges Element der Offenhaltungspolitik und der Steigerung der Leistungsfähigkeit von Forschung und Lehre bleiben die laufenden Hochschulsonderprogramme. Sie werden gemeinsam mit den Ländern weitergeführt. Für das Hochschulsonderprogramm I stehen 1992 150 Millionen DM zur Verfügung. Für das in diesem Jahr angelaufene Hochschulsonderprogramm II, das insbesondere der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, der Förderung von Frauen in der Wissenschaft, der Stärkung der Fachhochschulen und der Intensivierung der europäischen Zusammenarbeit im Hochschulwesen dient, sind im Etatentwurf 165,9 Millionen DM veranschlagt. Ich bin erfreut darüber, daß es gelungen ist, in diesem Programm deutliche Schwerpunkte bei der Frauenförderung, z. B. durch die Einführung neuer Wiedereinstiegsstipendien und von Kinderbetreuungszuschlägen zu Stipendien, zu setzen. Als Beitrag des Bundes für die Förderung der Forschung soll die Deutsche Forschungsgemeinschaft insgesamt rund 860 Millionen DM an Bundesmitteln erhalten. Dabei werden die für die Allgemeine Forschungsförderung und die Sonderforschungsbereiche vorgesehenen Mittel der DFG für die alten Länder um die vom Bundeskanzler und den Regierungschefs der Länder vorgesehene Rate von 5 % steigen. Für die neuen Länder ist im Hinblick auf den Nachholbedarf ein höherer Aufwuchs gegenüber dem Vorjahr vorgesehen, so daß die DFG-Mittel für die Allgemeine Forschungsförderung und die Sonderforschungsbereiche um insgesamt rund 7 % steigen werden. Erstmals sieht der Entwurf des Einzelplans 31 einen Ansatz zur Förderung von angewandter Forschung und Entwicklung an Fachhochschulen vor. Dadurch soll die Basis für ein stärkeres Engagement der Fachhochschulen in Vorhaben der angewandten Forschung und Entwicklung, die für die Qualität und den Praxisbezug der Lehre von erheblicher Bedeutung sind, in allen dort vertretenen Fachbereichen geschaffen werden. Die Förderung soll im Rahmen eines gemeinsamen Bund-Länder-Programms auf der Grundlage einer Vereinbarung nach Art. 91 b des Grundgesetzes erfolgen. Ich gehe davon aus, daß die Länder die Möglichkeit ergreifen werden, sich an diesem Programm zu beteiligen. Für das „Erneuerungsprogramm für Hochschule und Forschung in den neuen Ländern", das Bund und Länder im Juli dieses Jahres unterzeichnet haben, sind für 1992 rund eine halbe Milliarde DM vorgesehen (nur für 1992 im Einzelplan 60). Mit diesem Programm, an dessen Umsetzung die Verwaltungen der neuen Länder mit Nachdruck arbeiten, wird die Grundlage für den Neuaufbau von Hochschule und Wissenschaft in den neuen Ländern und Berlin mit dem Ziel der Verbesserung von Qualität in Forschung 5130* Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode — 60. Sitzung. Bonn, Mittwoch, den 27. November 1991 und Lehre geschaffen. Dabei geht es neben verschiedenen Maßnahmen zur personellen Erneuerung und zur Verbesserung der Ausstattung der Hochschulen und ihrer Infrastruktur auch um die Eingliederung von Forschern und Forschergruppen der Akademien der ehemaligen DDR in die Hochschulen und um die Förderung neuer Einrichtungen des außeruniversitären Forschungsbereichs. Für Maßnahmen beim Studentenwohnraumbau im Rahmen des Förderungsprogramms von 1990 bis 1994 sind nach 150 Millionen DM für 1991 im Jahre 1992 200 Millionen DM vorgesehen. In dem genannten Zeitraum werden unter Berücksichtigung auch der von den Ländern und Trägern von Maßnahmen aufzubringenden Mittel Investitionen in Höhe von mehr als 2 Milliarden DM mobilisiert, um der Wohnungsnot der Studenten zu begegnen. Drittens. Die veranschlagten Mittel für Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz liegen mit 2,7 Milliarden DM knapp über dem Ansatz von 1991. Sie werden ausreichen, um alle Berechtigten zu fördern. Dabei ist berücksichtigt, daß durch ein 15. BAföG-Änderungsgesetz u. a. Bedarfssätze und Freibeträge zum Herbst 1992 angepaßt werden sollen. Viertens. Die Mittel für Maßnahmen auf dem Gebiet der allgemeinen und beruflichen Weiterbildung und für Zuschüsse an Weiterbildungseinrichtungen sollen von 48,6 Millionen DM im laufenden Jahr auf knapp 61 Millionen DM steigen. Dieser Mittelansatz trägt dazu bei, die Weiterbildung zu einem gleichwertigen Teil des Bildungswesens weiter auszubauen und in den neuen Ländern eine plurale, bedarfsgerechte Weiterbildungsstruktur zu schaffen. Fünftens. Die Bundesregierung beabsichtigt, auch im Jahre 1992 die Förderung von Auslandsaufenthalten deutscher Hochschulabsolventen und Studenten sowie des Austausches von Wissenschaftlern mit dem Ausland — auch im Hinblick auf die Entwicklung in den mittel- und osteuropäischen Staaten — weiter auszubauen. Dafür sollen 60 Millionen DM zur Verfügung stehen. Sechstens. Die Zuschüsse an die Begabtenförderungswerke, die Stipendien an Studenten und junge Nachwuchswissenschaftler vergeben, werden auf insgesamt 113,6 Millionen DM, einschließlich 27 Millionen DM für die Promotionsförderung, aufgestockt. Dazu kommen weitere 16,3 Millionen DM für die Förderung von Postdoktoranden, die von der DFG als Stipendien vergeben werden. Der Entwurf des Einzelplans 31 des Bundeshaushalts für 1992 bietet insgesamt eine solide finanzielle Grundlage, die vor uns liegenden Aufgaben in Bildung und Wissenschaft im vereinten Deutschland zu bewältigen. Ich danke den Berichterstattern und dem Haushaltsausschuß für ihre Unterstützung und bitte um Ihre Zustimmung zum Etatentwurf.
  • insert_commentVorherige Rede als Kontext
    Rede von Dr. Rita Süssmuth


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (CDU)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)

    Es spricht jetzt der Abgeordnete Dr. Wolfgang Schäuble.
    Dr. Wolfgang Schäuble (CDU/CSU) (von der CDU/ CSU sowie von Abgeordneten der FDP mit Beifall begrüßt): Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Der Gegenstand dieser Debatte ist nicht die Tatsache, daß die beiden großen Fraktionen des Hauses jeweils einen neuen Vorsitzenden haben, sondern der Gegenstand der Debatte ist die Beratung des Bundeshaushalts 1992.
    Gleichwohl, Herr Kollege Klose, bedanke ich mich für das, was Sie zu Alfred Dregger und zu Hans-Jochen Vogel gesagt haben. Auch wir, die CDU/CSU-Fraktion, sind stolz auf das und dankbar für das, was Alfred Dregger nicht nur für uns, sondern auch für dieses Parlament geleistet hat, und auch wir anerkennen voller Respekt, was Hans-Jochen Vogel nicht nur für Sie, sondern auch für dieses Parlament und für unsere Demokratie bedeutet hat. Wahrscheinlich haben Sie recht: Viel weniger als uns hat er gelegentlich auch Sie nicht geärgert.

    (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP, der SPD und dem Bündnis 90/GRÜNE)

    Zu dem, was Sie zu unserem persönlichen Miteinander oder Gegeneinander — beides wird es sein — gesagt haben, denke ich, wir sollten — ich will mir Mühe geben; ich hoffe, es gelingt mir — die Sache von der Person trennen. Ich fürchte, in der Sache muß ich Ihnen schon nach dem, was Sie heute gesagt haben, ein ganzes Stück weit widersprechen. Ich hätte mir gewünscht, daß es heute nicht sein muß, aber Ihre
    Rede war nicht von der Art, daß man darauf verzichten kann.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Im übrigen denke ich, daß wenige Parlamentarier in diesem Hause, meine Damen und Herren, es besser als Alfred Dregger verstanden haben, hart in der Sache zu fechten und zugleich stets die persönliche Integrität auch des politisch Andersdenkenden zu wahren.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Meine sehr geehrten Damen und Herren und verehrter Herr Kollege Klose, es gehört natürlich zu einer Haushaltsdebatte, daß man den Standort bestimmt. Ich denke, daß dieser Haushalt 1992 wie die der kommenden Jahre im wesentlichen bestimmt wird durch die deutsche Einheit, durch die Vollendung dessen, was Großartiges in den letzten Jahren erreicht worden ist, und durch die dramatischen Veränderungen insbesondere in Osteuropa. Dazu brauchen wir eine vorurteilsfreie Bestandsaufnahme. Aber zu einer Standortbestimmung gehört eben auch eine Vergewisserung, welchen Weg wir zurückgelegt haben.
    Da haben Sie in den wenigen Tagen, in denen Sie Vorsitzender Ihrer Fraktion sind, gemessen an dem, was Sie früher gesagt haben, einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt. Zu Anfang dieses Jahres hatten Sie noch davor gewarnt, immer nur Weltuntergangsszenarien zu zeichnen, immer nur zu Worst-case-Szenarien zu kommen, und gesagt, daß man einen realistischen Weg zwischen einer Beschreibung von Krisen und Risiken und dem, was realistische Zuversicht ist, aufzeigen sollte. Zum letzten Teil habe ich heute von Ihnen wenig gehört. Von dem, was in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahren stattgefunden hat, habe ich auch wenig gehört.
    Wenn Sie vom Umsteuern in ökologischen Fragen sprechen, hätten Sie ein Wort dazu sagen müssen, daß diese Bundesregierung Mitte der 80er Jahre schadstoffarme Autos gegen erhebliche Widerstände eingeführt hat, während in Ihrer Regierungszeit in der Umweltpolitik eben nichts geschehen ist.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Man kann nicht losgelöst von den Realitäten und den konkreten Erfahrungen Visionen aufzeigen, ohne auch dafür Verantwortung zu tragen, wie man sich ein Stück weit diesen Visionen nähern kann.

    (Beifall des Abg. Dr. Wolfgang Weng [Gerlingen] [FDP])

    Sie haben davon gesprochen, daß die rentenrechtlichen Regelungen für Frauen verbessert werden müßten.

    (Beifall bei Abgeordneten der SPD) — Klatschen Sie mal!

    Sie hätten, Herr Kollege Klose, die Anrechnung von Erziehungszeiten in der Rentenversicherung für Frauen wenigstens erwähnen müssen

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    und auch erklären müssen, warum in den Jahren, in
    denen Sozialdemokraten Verantwortung für dieses
    Land getragen haben, nichts geschehen ist, in der



    Dr. Wolfgang Schäuble
    Umweltpolitik nicht und in der Familienpolitik nicht.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Widerspruch bei der SPD)

    Ich sage ja nicht, daß wir schon alles perfekt gemacht hätten oder jeweils perfekt machten, aber ich sage: Aus dem Vergleich der Zeit, in der Sie Verantwortung getragen haben, mit der Zeit, in der wir Verantwortung tragen, wird vielleicht ein Stück sichtbarer, was tatsächlich erreicht worden ist,

    (Widerspruch bei der SPD)

    vielleicht auch ein Stück mehr Verständnis für das, was tatsächlich möglich ist. Denn diejenigen, die immer nur unerfüllbare Erwartungen schüren, machen den Menschen nicht Hoffnung, sondern führen sie in Resignation und Orientierungslosigkeit. Das wollen wir nicht tun.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Ich sage noch einmal: Zu einer realistischen Standortbestimmung gehört auch die Vergewisserung, welchen Weg wir gegangen sind. Ich denke, wir haben nicht nur die Chance zur Einheit im vergangenen Jahr konsequent genutzt — ich will auf den Streit nicht mehr eingehen, ob wir sie denn überhaupt verwirklicht hätten, wenn wir nach dem gegangen wären, wofür Sie, Herr Klose, nicht, aber die SPD gestanden hat — , sondern wir sind auch — und das klang mir in Ihrer Rede ganz falsch — auf dem Weg, diese Einheit zu vollenden, einheitliche Lebensverhältnisse in ganz Deutschland herzustellen, gut vorangekommen.
    Weiß Gott, die Probleme sind nicht alle gelöst, aber wir sind in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht und auch beim Beginn, den Umweltskandal zurückzuführen, den der real existierende Sozialismus in der DDR hinterlassen hat, gut vorangekommen, und die Menschen in den östlichen Bundesländern schöpfen neue Zuversicht und neue Hoffnung.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Wir haben uns im übrigen in den 80er Jahren auf die Chance der Einheit gut vorbereitet. Hätten wir den NATO-Doppelbeschluß 1982/83 nicht durchgesetzt — —

    (Lachen bei der SPD)

    — Ja, Sie sind — —

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Wissen Sie, mit dieser Häme haben Sie reagiert, als der Bundeskanzler Helmut Kohl 1982 und 1983 gesagt hat: Wir wollen Frieden schaffen mit weniger Waffen. Und genauso ist es gekommen. Und das eine hängt mit dem anderen zusammen.

    (Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Wir haben in unserer Deutschlandpolitik, in der wir die Menschen im Reise- und Besucherverkehr und durch vieles andere zusammengeführt haben, zugleich immer am Ziel der Einheit der Deutschen festgehalten.

    (Zurufe von der SPD)

    Das war ja der Unterschied zu den Sozialdemokraten.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Sie haben an die Einheit nicht mehr geglaubt. Wenn man Ihnen heute vorliest, was Sie noch im Herbst 1989 gesagt haben, dann sind Sie empört und betrachten das als eine Beleidigung. Sie werden durch das Zitieren Ihrer eigenen Äußerungen aus den letzten Jahren beleidigt. Ich will es Ihnen deswegen heute ersparen, es sei denn, Sie zwingen mich auch noch dazu.

    (Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Wenn wir nicht in den 80er Jahren — der Finanzminister Theo Waigel hat es gestern ja eindrucksvoll dargelegt — durch unsere Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik das Land so in Ordnung gebracht hätten, dann wären wir heute weniger gut in der Lage, diese großen Herausforderungen zu meistern.

    (Dr. Alfred Dregger [CDU/CSU]: So ist es!)

    Deswegen haben wir uns gut vorbereitet auf die deutsche Einheit und auf die großartigen Veränderungen, die sich in Europa vollziehen.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Lachen bei der SPD)

    Wir wollen uns jetzt darauf konzentrieren — das müssen wir wohl tun — , die deutsche Einheit zu vollenden und einheitliche Lebensverhältnisse zu schaffen, die Menschen in den östlichen Bundesländern in diesem schnellen Wechsel und in diesem Wechselbad von rasch steigenden Hoffnungen und Erwartungen und der Erfahrung, daß es bei aller Geschwindigkeit und bei allen dramatischen Veränderungen doch nicht ganz so schnell gehen kann, einheitliche Verhältnisse zu erreichen — —

    (Zurufe von der SPD)

    — Aber entschuldigen Sie! Mit dem Versprechen war es ganz einfach. Wir haben immer gesagt: Es wird ein paar Jahre harter Anstrengungen

    (Lachen bei der SPD und dem Bündnis 90/ GRÜNE)

    und schwerwiegender Veränderungen geben. Und ich finde, wir im Westen müssen auch immer wieder sagen: Die Veränderungen, die unsere Mitbürger in den östlichen Bundesländern treffen, haben ein Ausmaß, wie wir es im Westen gar nicht mehr gewohnt sind zu ertragen. Deswegen brauchen wir auch ein Stück mehr Verständnis für die Befindlichkeit der Menschen in den östlichen Bundesländern.

    (Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Wenn ich sehe, wie schwer wir uns bei der Frage getan haben, den Einzelhandelsgeschäften zu erlauben, an einem Tag in der Woche zwei Stunden länger geöffnet zu halten — auch da haben Sie Ihre Widerstände gehabt — , oder wie schwer wir uns in der Region Bonn mit der Entscheidung des Deutschen Bundestags vom 20. Juni tun oder wie schwer wir uns in der Region Frankfurt/Wiesbaden Rhein/Main jetzt mit der Überlegung tun, ob nicht ein paar Bundesbehörden nach Bonn zum Ausgleich verlagert werden kön-



    Dr. Wolfgang Schäuble
    nen, dann muß ich sagen: Wir alle haben Grund, mehr Verständnis für die Betroffenheit der Menschen in den östlichen Bundesländern zu haben, als es gelegentlich hier sichtbar wird.

    (Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Wenn wir uns auf die Vollendung der deutschen Einheit und auf unsere Verantwortung insbesondere in dem nicht mehr durch den Ost-West-Konflikt geteilten Europa konzentrieren wollen, dann heißt das natürlich, daß wir eine Wirtschafts- und Finanzpolitik fortsetzen müssen, die das Konsolidierungsziel beachtet, aber auch den notwendigen Spielraum für die erforderlichen Wachstumsimpulse läßt.
    Diese schwierige Gratwanderung, die die Finanzpolitik des Finanzministers Theo Waigel und der Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl besser bewältigt hat, als ihre Kritiker meistens überhaupt nur verstanden haben, gilt es auch in Zukunft fortzusetzen. Wir müssen beides zugleich erreichen: eine Fortsetzung der Konsolidierung durch eine Begrenzung der Ausgabenzuwächse nicht nur im Haushalt 1992, sondern auch in den Folgejahren, aber zugleich den nötigen Spielraum, damit unsere Wirtschaft in der Lage bleibt, den gewaltigen Anforderungen und Anstrengungen beim Aufbau und der Entwicklung der neuen Länder gewachsen zu sein.
    Dies heißt auch, daß wir in einer Zeit, in der die wirtschaftlichen Risiken eher zu- als abnehmen, ein Stück weit Vorsorge, auch Risikovorsorge, treffen müssen. Was sich in Osteuropa in den nächsten Monaten alles an Risiken vollziehen kann, weiß jeder; das braucht man nicht jeden Tag auszusprechen, auch nicht, welche schwierige Situation wir in manchen der westlichen Industrieländer haben und wie ungewiß die konjunkturellen Aussichten in den kommenden Jahren sind. Die Schwierigkeiten mancher Branchen unserer Wirtschaft — nicht nur im Maschinenbau — auf den Exportmärkten wachsen.
    All dies heißt doch wohl, daß wir uns stärker, als ich es bei Ihnen gehört habe, darauf konzentrieren müssen, die Aufschwungkräfte in unserer Wirtschaft zu stärken. Deswegen kommen Sie Sozialdemokraten in der Frage der Unternehmenssteuerreform nicht so davon, wie Sie sich bisher eingelassen haben.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zurufe von der SPD)

    Wir werden, wenn wir die Arbeitsplätze in ganz Deutschland auch in Zukunft sichern wollen, nicht darauf verzichten können, mehr Anstrengungen zu unternehmen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Investitionsstandorts Bundesrepublik Deutschland für die Zukunft zu sichern.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Es hilft gar nichts: Wir müssen auch darüber sprechen, daß bei der Entwicklung in den Lohn- und Lohnnebenkosten unsere Spielräume für weitere Erhöhungen der Lohnnebenkosten außergewöhnlich begrenzt sind.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zurufe von der SPD)

    Nur, Herr Kollege Klose: Wenn diese Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl in den 80er Jahren nicht so viele von Ihnen in den 70er Jahren liegengelassene Reformen hätte nachholen müssen,

    (Lachen und Zurufe von der SPD)

    dann würden wir uns ein Stück weit leichter tun. Das fängt bei der Gesundheitsreform an.

    (Zurufe von der SPD)

    Da hätten Sie in den 70er Jahren längst handeln müssen.

    (Beifall bei der CDU/CSU)

    Wir haben die Gesundheitsreform gegen erbitterte Widerstände durchgesetzt.

    (Zurufe von der SPD und der PDS/Linke Liste)

    Wir wissen, daß weitere Schritte notwendig werden, weil uns der Kostenanstieg bei den gesetzlichen Krankenkassen besorgt macht und Handlung erfordert.
    Wir wissen auch, daß es schon lange Zeit ist, endlich das Risiko der Pflegebedürftigkeit hinreichend durch Vorsorge abzusichern.

    (Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf von der SPD)

    Wir wissen, daß das in einer Zeit, in der der Spielraum für einen weiteren Anstieg der Lohnnebenkosten ungewöhnlich begrenzt ist, außerordentlich schwierig ist. Deswegen wäre es besser gewesen, Sie hätten schon zu Ihren Regierungszeiten ein Stück weit in der Frage der Pflegeversicherung gehandelt. Sie haben aber nichts getan.

    (Beifall bei der CDU/CSU — Anhaltende Zurufe von der SPD und Lachen bei der PDS/ Linke Liste)

    Nun müssen wir, muß die Koalition von CDU/CSU und FDP in einer Zeit ungewöhnlich großer Anforderungen an die Leistungskraft der deutschen Wirtschaft diese Pflegeversicherung einführen. Wir sind entschlossen, es zu tun.

    (Zurufe von der SPD)

    Wir haben unterschiedliche Vorstellungen zwischen den Partnern dieser Koalition. Das ist auch gar nicht überraschend. Es ist doch etwas, worüber man ganz unbefangen und offen reden kann. Aber wir haben die feste Absicht, uns zu einigen. Notfalls gehen wir schrittweise voran. Nur, von Ihnen, die Sie keinen einzigen Schritt in diese Richtung gegangen sind, lassen wir uns dabei nicht kritisieren.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Wir werden mit den Problemen nur fertig und den Menschen die notwendige und von uns geschuldete Orientierung nur geben können, wenn wir die Risiken realistisch beschreiben, wenn wir die Erwartungshorizonte nicht allzusehr nach oben verschieben. Auf der anderen Seite ist es natürlich ganz erfreulich, wenn jemand eine so problemorientierte, visionäre Rede hält, wie Herr Klose es hier getan hat. Nur, Herr Klose, das eine paßt nicht zum anderen: im Bundesrat seitens der SPD-regierten Länder für die Jahre bis 1994 Mehrforderungen in der Größenordnung von mehr als



    Dr. Wolfgang Schäuble
    40 Milliarden DM zu stellen und hier vom Umsteuern zu reden. Da haben Sie zusammen mit Björn Engholm noch ein bißchen Führungsarbeit vor sich.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Wir werden im übrigen darüber zu sprechen haben, daß auch angesichts der Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zum Familienlastenausgleich wie zur Steuerfreiheit des Existenzminimums unsere Handlungsspielräume bei der gegebenen wirtschaftlichen und finanziellen Lage für die kommenden Jahre außergewöhnlich eng sind. Ich finde, es gehört zur Ehrlichkeit, daß wir das in dieser Haushaltsdebatte sagen.
    Ich füge hinzu: Bei den großen Transferleistungen, die wir aus den westlichen in die östlichen Länder zu Recht und notwendigerweise erbringen, muß es gelingen, daß der Anteil der investiven Ausgaben an diesen Transferleistungen in den kommenden Jahren höher ist, als er es bis heute notwendigerweise sein konnte.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Ich hätte mir übrigens schon gewünscht, daß Sie bei der Horrorbeschreibung, die Sie von der Lage in den östlichen Ländern gegeben haben,

    (Widerspruch bei der SPD)

    einen Satz dazu gesagt hätten, in welch hohem Maße wir in allen sozialen Sicherungssystemen — in der Versicherung gegen das Risiko der Arbeitslosigkeit, in der Rentenversicherung, in der Krankenversicherung — Transferleistungen aus dem Westen in den Osten in dieser Zeit erbringen, mit welch hohen Leistungen wir gerade im Bereich der Bundesanstalt für Arbeit verhindert haben, daß die Arbeitslosigkeit in den östlichen Ländern die befürchtete Höhe erreicht. Sie ist weiß Gott hoch genug, zu hoch. Aber sie ist, Herr Klose, lange nicht so hoch geworden, wie die allermeisten bei Ihnen und auch viele bei uns befürchtet haben. Auch das gehört zu einer realistischen Beschreibung, damit die Menschen nicht in Hoffnungslosigkeit geführt werden.

    (Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zuruf von der PDS/Linke Liste)

    — Wollen Sie sich, die Sie für diese 40 Jahre totalitärer sozialistischer Vergangenheit in der DDR stehen, hier wirklich mit solchen Zwischenrufen an dieser Debatte beteiligen?

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Bei dem, was Sie den Menschen angetan und was Sie zu verantworten haben, wagen Sie das? Ich würde schweigen.

    (Dr. Dagmar Enkelmann [PDS/Linke Liste]: Wir werden nicht schweigen!)

    Ich würde wirklich herzlich bitten: Schweigen Sie!

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Wenn wir darüber sprechen, daß wir bei begrenzten Handlungsspielräumen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik die Priorität auf die östlichen Bundesländer setzen müssen, dann sollten wir — wenn wir das Gutachten des Sachverständigenrats, Herr Kollege Klose, schon ansprechen — auch ein Wort dazu sagen,
    daß der Sachverständigenrat in einer harschen Weise kritisiert hat, daß der Beitrag der westlichen Bundesländer, für die Sie — leider — in der Mehrheit die Verantwortung tragen, zur Vollendung der deutschen Einheit bisher höchst ungenügend ist.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Die Vollendung der deutschen Einheit ist eine Aufgabe für Bund und Länder. Wenn der Bund, wie Berechnungen ergeben haben, im Jahre 1991 60 Milliarden DM und die elf westlichen Länder 3,2 Milliarden DM für die östlichen Länder leisten, dann ist das im Rahmen der gesamtstaatlichen Verantwortung so nicht in Ordnung. Und dann wird noch ein Stück Führungskraft in der SPD gefordert sein, damit wir in den kommenden Jahren zu einem ausgewogeneren Verhältnis kommen. Denn so allein werden wir es sonst nicht schaffen.

    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Es wird Ihr Problem und Ihre Herausforderung sein, daß Sie uns — als Minderheit im Bundestag, aber in einer Position der Mehrheit im Bundesrat — ein Stück Glaubwürdigkeit der SPD vorführen müssen. Denn mit einer gespaltenen Strategie à la Oskar Lafontaine bei der Wirtschafts- und Währungsunion — im Bundestag ablehnen, im Bundesrat zustimmen — werden Sie natürlich nicht sehr weit kommen. Das wird keinen Sinn machen.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Es geht auch nicht an, daß die Bundesländer immer dann, wenn es unangenehm wird, die Verantwortung dem Bund zuschieben. Wir haben uns bezüglich der Frage, wie wir Asylverfahren beschleunigen können, unter dem Vorsitz des Bundeskanzlers in einer Reihe von Punkten verständigt. Allerdings haben wir uns darüber, daß wir das Problem ohne eine Grundgesetzänderung nicht hinreichend lösen können, bisher noch keine abschließende Verständigung erzielt. Aber, Herr Kollege Klose, es geht, wenn man Gemeinsamkeit in der Umsetzung der Zielvorstellungen fordert, nicht an, daß sich jetzt die von der SPD regierten Bundesländer nicht mehr an die Zielvorstellungen halten wollen, die wir am 10. Oktober verabredet haben.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Widerspruch bei der SPD)

    Wir haben — ich habe das gleich einmal mitgebracht, weil ich dachte, es werde eine Rolle spielen — wirklich folgendes vereinbart:
    Die Länder schaffen die Voraussetzungen unter Festlegung eines Schlüssels, aus dem sich die von jedem Land vorzuhaltende Kapazität ergibt, für zentrale Gemeinschaftsunterkünfte, die über ausreichende Kapazitäten verfügen,.. .
    Und dann heißt es: Mithilfe des Bundes durch Zurverfügungstellung freier oder freiwerdender Liegenschaften.
    Jetzt sagen die von Ihnen regierten Länder: Wir schaffen Sammelunterkünfte, soweit der Bund dazu Liegenschaften zur Verfügung stellt. — So haben wir



    Dr. Wolfgang Schäuble
    nicht gewettet. Das ist nicht in Ordnung, das paßt so nicht zusammen.

    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)

    Sie können sich nicht einfach aus der Verantwortung der gemeinsamen Absprache davonstehlen.

    (Peter Conradi [SPD]: Haben Sie denn Ihre Stellen besetzt? Sie haben sie ja gesperrt!)

    — Die haben wir ja gerade im Haushalt. Den beraten wir doch! Der Einzelplan 06 des Bundeshaushaltes 1992 wird morgen in zweiter Lesung behandelt. Da hoffe ich, wenn es um die Erhöhung der entsprechenden Stellen beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge geht, auf Ihre Zustimmung. Wir mußten diese Stellenerhöhung ja vorsehen. Gestern hat Ihr Kollege Wieczorek kritisiert, daß im Rahmen der Haushaltsberatung noch so viele Nachforderungen kamen. So haben wir z. B. über 2 000 Stellen für das Bundesamt nachträglich in den Haushaltsplan eingebracht. Ich bedanke mich beim Haushaltsausschuß, daß das einvernehmlich geschehen konnte.

    (Hans-Ulrich Klose [SPD]: Die müssen Sie aber besetzen!)

    — Erst müssen sie genehmigt werden, Herr Klose!

    (Hans-Ulrich Klose [SPD]: Da waren 600, die nie besetzt worden sind!)

    — Entschuldigen Sie, erst müssen sie genehmigt sein, bevor sie besetzt werden können.

    (Weiterer Zuruf des Abg. Hans-Ulrich Klose [SPD])

    — Nun lenken Sie doch nicht vom Thema ab!

    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP — Lachen bei der SPD)

    Ich bitte Sie um eine klare Zusage, daß es dabei bleibt, daß die Länder die notwendigen Sammelunterkünfte in eigener Verantwortung schaffen und unterhalten und daß der Bund dabei hilft, daß aber nicht die gesamte Verantwortung dem Bund zugeschoben wird; letzteres haben wir nämlich nicht so vereinbart.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Wenn man Gemeinsamkeit will, muß man sich darauf festlegen lassen. Im übrigen sind die Vorwürfe, wir hätten verzögert, nun wirklich unbegründet. Fragen Sie doch einmal Ihre Innen- und Ihre Justizminister in den SPD-regierten Bundesländern! Die werden es Ihnen sagen. Fragen Sie Herrn Schnoor! Es wird von den zuständigen Bundesressorts unter Beteiligung der Länderressorts unter Hochdruck gearbeitet. Ich habe ihnen auch geschrieben:
    Ich hoffe, daß der Gesetzentwurf bis Ende dieser Woche den Fraktionen übersandt werden kann.
    Das habe ich ihnen noch als Innenminister geschrieben. Das hätten Sie hier auch sagen können. — Dann wäre Ihr Verhalten auch ein Stück wahrhaftiger gewesen.
    Ich finde, daß die Vorwürfe, wir verzögerten, angesichts des Hochdruckes, mit dem sowohl bezüglich der Schaffung zusätzlicher Stellen für Mitarbeiter im
    Bundesamt als auch bei der Umsetzung dessen, was wir am 10. Oktober beschlossen haben, gearbeitet wird, überhaupt nichts mit der Wahrheit zu tun haben. Sie sollten sie lassen. Die Appelle zur Gemeinsamkeit würden ehrlicher, wenn Sie sich in Zukunft anders verhielten.
    Nur, ich habe immer gesagt — und dabei muß ich bleiben — : Wir werden bei aller Anstrengung, diese Zielvorstellungen umzusetzen, das Ziel nicht erreichen, wenn wir nicht zugleich auch durch eine Änderung unseres Grundgesetzes ermöglichen, daß wir zu einer europäischen Zusammenarbeit in der Lage sind.

    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)

    Ich will das heute nicht im einzelnen ausführen. Ich habe dazu vor wenigen Wochen von dieser Stelle aus das Notwendige gesagt. Ich sage lediglich das folgende: Wir sind uns in der Koalition von CDU/CSU und FDP einig — das, Herr Kollege Solms, steht schon in unserer Koalitionsvereinbarung vom Beginn dieses Jahres — , daß wir in der Asylpolitik eine europäische Lösung wollen und daß wir im Rahmen dieser europäischen Lösung miteinander ohne vorherige Festlegung auch über die Frage der Notwendigkeit einer Grundgesetzänderung sprechen.
    Wir sind uns in der vergangenen Woche einig geworden — auch da gibt es überhaupt nichts zu verheimlichen — , daß wir, weil die europäische Lösung in Form der Gemeinschaftskompetenz in Maastricht leider nicht zu erreichen sein wird, Herr Kollege Klose, Asylpolitik in Europa auf der Basis intergouvernementaler Zusammenarbeit jetzt harmonisieren wollen. Wir wollen deswegen im Rahmen der Ratifizierung des Zusatzabkommens zu Schengen wie auch des Dubliner Abkommens eine Lösung dahin gehend erreichen, daß wir an diesem Abkommen ohne Vorbehalte teilnehmen. Wir haben uns auch darüber verständigt, diese europäische Lösung in diesem Sinne jetzt anzustreben; denn wenn es keine Gemeinschaftskompetenz gibt, müssen wir bei Öffnung der Grenzen in Europa zu einer Harmonisierung in Form der Regierungszusammenarbeit fähig werden.
    In der Frage, ob wir dazu eine Grundgesetzänderung brauchen oder nicht, haben wir unterschiedliche Meinungen. Aber darüber werden wir sprechen. Herr Kollege Klose, ich lade Sie einfach ein: Lassen Sie es uns gemeinsam tun. Das hat alles überhaupt nichts damit zu tun, daß diejenigen, die wirklich politisch verfolgt sind, in Deutschland und in Europa auch weiterhin Zuflucht finden.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Aber gerade wenn, wie Sie sagen, ein Recht in großem Maße mißbraucht wird — das ist zwischen uns nicht streitig — , dann muß man unvoreingenommen prüfen, wie die rechtlichen Regelungen so gestaltet werden können, daß das Recht erhalten bleibt und der Mißbrauch ein Stück weit besser bekämpft werden kann, als es heute der Fall ist.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Um nichts anderes geht es. Lassen Sie uns darüber miteinander und ohne Voreingenommenheit reden.



    Dr. Wolfgang Schäuble
    Bei der Diskussion um die Frage, wie man Ausländerfreundlichkeit in diesem Land sicherstellt, denke ich oft daran, daß Heiner Geißler in diesem Hause in anderem Zusammenhang den Unterschied zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik erläutert hat. Die Frage der Ausländerfreundlichkeit der Bundesrepublik Deutschland ist für mich eine Frage der Verantwortungsethik. Da reichen Appelle allein nicht aus. Vielmehr muß man so handeln und entscheiden, daß sich die Menschen, daß sich unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger in ihren Sorgen ernstgenommen fühlen

    (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU — Zustimmung bei der SPD)

    und daß sie das Gefühl haben, daß die politische Klasse sie noch versteht.
    Wenn man jeden Tag einen Appell hört, man solle nicht ausländerfeindlich sein, dann kommen mehr und mehr Menschen dazu zu sagen: Was soll das denn? Wir sind gar nicht ausländerfeindlich.

    (Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl: Ja!)

    Warum wird jeden Tag an uns appelliert? Die Deutschen sind in ihrer übergroßen Mehrzahl nicht ausländerfeindlich.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Das Problem ist vielmehr, daß die Politiker offenbar nicht in der Lage sind, ein Problem zu lösen, von dem wir meinen, daß es dringend gelöst werden muß.

    (Manfred Opel [SPD]: Wer sind denn die Politiker?)

    — Wir alle miteinander; aber auch Sie.

    (Zurufe von der SPD: Wir sind keine Minister!)

    — Ich auch nicht mehr. Aber kommen Sie, das Thema ist zu ernst.
    Deswegen, Herr Klose, bitte ich Sie herzlich: Lassen Sie uns darüber miteinander sprechen. Die Koalition ist sich einig: Wir wollen über die europäische Lösung jetzt miteinander reden und auch über das, was in Umsetzung der Zielvorstellungen geschehen muß, wenn die SPD bei ihrer Position bleibt. Lassen Sie uns in den nächsten Tagen und Wochen vernünftig miteinander reden. Ich glaube, es dient diesem Land, es dient den Deutschen und den Ausländern, wenn wir den Streit beenden. Aber das geht nur, wenn wir die Probleme auch lösen.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Dann habe ich gleich noch eine herzliche Bitte: Vermischen wir damit nicht die Aussiedlerproblematik.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Wir sind mit unserer Politik ungewöhnlich erfolgreich gewesen, nämlich den Deutschen in den Siedlungsgebieten zu sagen: Wir helfen euch, daß ihr für euch und eure Kinder auch für die Zukunft eine Perspektive der Hoffnung in der Heimat eurer Väter habt. Wir wollen ja gar nicht, daß so viele Deutsche oder Menschen überhaupt ihre Heimat verlassen, sondern wir wollen, daß sie in ihrer Heimat eine Zukunftsperspektive finden.
    Wir haben ein Aussiedleraufnahmegesetz verabschiedet, das übrigens für Aussiedler das vorsieht, was wir für Asylbewerber nicht tun können. Es schreibt nämlich vor, daß sie das Aufnahmeverfahren von ihrem Heimatland aus betreiben müssen. Aber dazu gehört auch, daß wir den Deutschen in der angestammten Heimat sagen: Wenn ihr denn in Jahren kommen wollt, bleibt auch in Zukunft das Tor offen. Wer daran rüttelt, löst Torschlußpanik aus. Deswegen meine herzliche Bitte: Vermischen Sie nicht das, was nicht vermischt werden darf.

    (Hans-Ulrich Klose [SPD]: Das habe ich nicht getan!)

    — Nein, Sie nicht, aber viele Ihrer Kollegen — Herr Lafontaine läßt grüßen — tun es leider immer noch. Tun Sie es nicht. Es ist besser. Wir haben die Lösung des Problems wirklich gut auf den Weg gebracht.
    Das andere bleibt ebenfalls: Auch mit allen Veränderungen und Verbesserungen im Asylverfahren und beim Grundgesetz bleibt das Thema der weltweiten Wanderungsbewegungen eines der großen dramatischen Risiken für Frieden und Stabilität dieser einen Erde. Das ist durch die Asyldiskussion so oder so nicht zu lösen, auch nicht durch Einwanderungsquoten — das füge ich gleich hinzu — , sondern das ist nur dadurch zu lösen, daß wir unsere Anstrengungen verstärken, die Ursachen dieser Wanderungsbewegungen in Osteuropa wie in der Dritten Welt zu bekämpfen.

    (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP, der SPD und dem Bündnis 90/GRÜNE)

    Das werden wir besser schaffen, wenn wir uns nicht mehr sosehr mit 200 000 Asylbewerbern in zehn Monaten in unserem Lande politisch und finanziell herumschlagen müssen. Gerade dafür brauchen wir eine Bündelung der europäischen Kräfte. Deswegen brauchen wir eine europäische Gemeinsamkeit und europäische Lösungen in der Asylpolitik, damit wir die Ursachen besser bekämpfen können.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Peter Conradi [SPD]: Was tut ihr denn?)

    Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auch folgendes sagen. Ich glaube, auch diejenigen, die nicht in allen Punkten die Politik von Helmut Kohl loben,

    (Zuruf von der SPD: Die soll es geben!)

    bestreiten ja nicht, daß es zu dem historischen Verdienst dieses Bundeskanzlers gehört, daß wir die deutsche Einheit und die europäische Einigung eng und untrennbar miteinander verbunden gehalten haben. Das ist das historische Verdienst dieses Bundeskanzlers.

    (Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Dr. Otto Graf Lambsdorff [FDP])

    Deswegen ist die deutsche Einheit auch gut gelungen. Deswegen müssen wir auch jetzt bei der Vollendung der deutschen Einheit, bei der Schaffung einheitlicher Lebensverhältnisse unsere Verantwortung für Europa als Ganzes zugleich sehen. Deshalb müssen wir — so schwer das fällt — Alleingänge vermeiden, auch was den Krieg in Jugoslawien anbetrifft.



    Dr. Wolfgang Schäuble
    Ich bin auch der Meinung, daß Europa bei den Bemühungen, einen Krieg mitten in Europa zu verhindern, keinen besonders guten Eindruck hinterlassen hat. Ich finde, so kurz nach dem Ende des Ost-WestKonfliktes sollte es eigentlich nicht wieder möglich werden, daß mitten in Europa Krieg geführt wird.

    (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP, der SPD und dem Bündnis 90/GRÜNE)

    Aber die Kritik an der Bundesregierung, am Bundesaußenminister, man hätte früher im Wege des Alleinganges handeln müssen, greift nach meiner Überzeugung zu kurz. Sie trifft nicht.
    Wir dürfen bei der Wut, die wir alle miteinander über das, was in Jugoslawien stattfindet, empfinden, nicht zu Alleingängen kommen, weil wir all das wieder aufs Spiel setzen würden, was wir in mehr als 40 Jahren seit Ende des Zweiten Weltkriegs erreicht haben, nämlich daß dieses freie demokratische Deutschland fest eingebunden bleibt in die Gemeinschaft der Demokratien Westeuropas und im übrigen auch in das transatlantische Bündnis. Beides zusammen brauchen wir, und beides dürfen wir auch nicht aus begreiflicher Wut und Enttäuschung über das, was in Jugoslawien stattfindet, aufs Spiel setzen.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Deswegen muß der mühsame und oft auch enttäuschende Weg, ein gemeinsames europäisches Handeln zustande zu bringen, fortgesetzt werden. Deswegen muß Maastricht ein Erfolg werden. Deswegen sind wir der Bundesregierung und dem Bundeskanzler dankbar, daß alle Bemühungen — auch gegen viele Widerstände — unternommen werden, um Maastricht zum Erfolg zu bringen.

    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)

    Ich denke übrigens, daß wir, was unsere Verantwortung für Osteuropa anbetrifft, unseren osteuropäischen Nachbarn und Partnern auch sagen sollten, daß sich der Föderalismus als das Zukunftsmodell anbietet, um Minderheitenprobleme, Volksgruppenkonflikte zu lösen und um Grenzprobleme und Grenzauseinandersetzungen zu vermeiden.
    Mancher begreift heute vielleicht besser als noch vor einem Jahr, wie unvermeidbar notwendig und richtig es war, daß wir zusammen mit der deutschen Einheit auch erklärt haben: Die Grenze Deutschlands zu Polen wird nicht mehr zur Diskussion gestellt. Sie bleibt unverändert; sie wird für alle Zukunft nicht mehr verändert. Sie wird lediglich so verändert, daß sie nicht mehr trennen soll. So wie die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich seit langem nicht mehr trennt, soll auch die Grenze zwischen Polen und Deutschland nicht mehr trennen.

    (Beifall bei der CDU/CSU)

    Wenn wir in Europa wieder um Grenzen streiten und den Grenzverlauf ändern wollen, dann werden wir ernten, wovon wir in Europa in diesem Jahrhundert zuviel hatten, nämlich Krieg und Tod. Deswegen darf nicht mehr um Grenzen gestritten werden. Grenzen müssen vielmehr abgebaut werden. Das kann sich nur im System eines modernen aufgeklärten Föderalismus vollziehen. Dafür sollten wir werben.
    Wir brauchen im übrigen angesichts neuer Risiken, neuer Auseinandersetzungen, neuer Instabilitäten so rasch wie möglich europäische Friedensstrukturen. Solche Friedensstrukturen kann Westeuropa, die Europäische Gemeinschaft nur gemeinsam mit unseren osteuropäischen Partnern schaffen. Wenn es uns nicht gelingt, dies rasch zu schaffen, dann, fürchte ich, könnten wir verspielen, was wir an großartigen Erfolgen in bezug auf die Überwindung des Ost-West-Konflikts und den Zusammenbruch des Kommunismus in den letzten Jahren erreicht haben.
    Ich füge hinzu: Wir brauchen dazu auch die Bindung zu unseren amerikanischen Verbündeten. Amerika darf sich nicht aus Europa zurückziehen. Wir können die Chancen, die sich uns bieten, nur nutzen, wenn wir an der europäischen Integration und der transatlantischen Verankerung festhalten und wenn wir daraus Strukturen für Europa schaffen, die den Frieden auch unter veränderten Bedingungen in der Zukunft sichern.
    Dazu ist — dazu haben Sie wenig gesagt, Herr Kollege Klose — die volle außenpolitische Handlungsfähigkeit der souverän gewordenen Bundesrepublik Deutschland unverzichtbar notwendig. Ich habe noch vor wenigen Monaten gelesen, daß Sie eine ganz andere Meinung hatten. Jetzt haben Sie sich auf Ihren Parteitagsbeschluß zurückgezogen. Das ehrt Sie als Parteisoldat, aber in der Sache selber werden wir damit nicht handlungsfähig.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Außenpolitische Handlungsfähigkeit, volle Souveränität der Bundesrepublik Deutschland nach Ende des Ost-West-Konflikts und nach Überwindung der deutschen Teilung heißt auch, gleichberechtigte Teilnahme der Bundesrepublik Deutschland, notfalls auch der Bundeswehr im Rahmen der Vereinten Nationen sowie im Rahmen eines europäischen Streitkräfteverbundes.

    (Zustimmung bei der CDU/CSU)

    Anders werden wir unserer Verantwortung, den Frieden auch angesichts von Veränderungen zu sichern, nicht gerecht werden.
    Das alles heißt ja nicht, daß im Einzelfall ein Automatismus entsteht, sondern das alles heißt lediglich, daß im Einzelfall natürlich die notwendigen Entscheidungen zu treffen sind. Aber es heißt eben, daß wir dieser Verantwortung nicht ausweichen können. Wenn wir die Aufgaben, die Prioritäten und die Verantwortung des vereinten Deutschlands am Ende des Jahres 1991 beschreiben, gebietet es die Ehrlichkeit zu sagen: Die Sicherung des Friedens kann nicht mehr allein anderen überlassen bleiben. Wir werden unseren gleichberechtigten Anteil daran zu tragen haben, wenn wir besser als in der Vergangenheit den Frieden sichern wollen.
    Im übrigen werden wir in der Debatte über die notwendigen Änderungen unseres Grundgesetzes miteinander zu sprechen haben. Sie werden aus Ihrer Verantwortung als Opposition im Bundestag wie als SPD-regierte Länder im Bundesrat in dieser Frage nicht entlassen werden können. Das ist die eigentliche Anforderung in der Grundgesetzdebatte: daß wir überprüfen, wo es in unserem Grundgesetz, nachdem



    Dr. Wolfgang Schäuble
    wir die Teilung überwunden, die Einheit erreicht und die volle Souveränität erlangt haben, einen Anpassungsbedarf an die veränderte Situation gibt. Das ist in der Debatte, welcher Reformbedarf bei unserem Grundgesetz besteht, für mich das eigentliche Thema, was nicht heißt, daß wir nicht auch über andere Fragen miteinander reden können.
    Dann, Herr Kollege Klose, haben Sie von unserer globalen Verantwortung insbesondere in bezug auch auf die Umwelt gesprochen. Sie haben zu Recht die Reise des Bundeskanzlers nach und sein Eintreten für die Erhaltung der tropischen Regenwälder in Brasilien als ein rühmenswertes Beispiel genannt. Sie hätten vielleicht hinzufügen sollen, daß diese Bundesregierung und dieser Bundeskanzler bereits seit Mitte der 80er Jahre auf Weltwirtschaftsgipfeln wie bei anderen Anlässen dafür wirbt, arbeitet und kämpft, daß alle auf dieser Erde begreifen, daß es eine unteilbare Erde ist und eine unteilbare Verantwortung für diese Erde geworden ist. Wir werden in Frieden nur überleben können, wenn wir unsere Verantwortung für diese eine und immer enger zusammengerückte Erde stärker wahrnehmen, als es bisher der Fall gewesen ist.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Peter Conradi [SPD]: Was heißt das konkret?)

    — Das heißt z. B. konkret, daß es mit der Forderung nach Umsteuerung in den Industriegesellschaften so einfach sein Bewenden nicht haben kann. Vielmehr muß man konkret fragen: Was kann man tun?

    (Zuruf von der SPD: Tempolimit!)

    — Hören Sie zu. Ich glaube, das Thema ist zu ernst.
    Ich bin ganz überzeugt, daß keine freiheitliche Gesellschaft und keine Wohlstandsgesellschaft so einfach freiwillig auf ihren Wohlstand verzichtet und daß man die Möglichkeiten, mit moderner Technik und mit der Kraft menschlichen Forschergeistes Probleme zu lösen, stärker nutzen muß, als es in Ihren resignierenden Utopien gelegentlich zum Ausdruck kommt.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Machen Sie einen praktischen Vergleich, Herr Kollege Schäfer, zwischen solchen westlichen Bundesländern, in denen die CDU oder CSU regiert, und solchen, in denen die SPD regiert, wie etwa in der Frage der Reinhaltung unserer Oberflächengewässer die Leistungsbilanz auf Ihrer und unserer Seite aussieht.

    (Harald B. Schäfer [Offenburg] [SPD]: Gehen Sie einmal nach NRW! Da werden Sie sich wundern! Gehen Sie einmal nach SchleswigHolstein!)

    — Gehen Sie doch einmal nach Baden-Württemberg, da kommen Sie her, in keinem Land ist mehr geleistet worden.

    (Beifall bei der CDU/CSU)

    Dann vergleichen Sie noch einmal unsere Politik, schadstoffarme Autos einzuführen. Sie haben nichts gemacht.

    (Harald B. Schäfer [Offenburg] [SPD]: Darauf kommen wir nachher zurück!)

    — Ich dachte, dieses Thema sei Ihnen so wichtig.

    (Harald B. Schäfer [Offenburg] [SPD]: Ja, eben! Man muß die Worte genau wählen!)

    — Hören Sie doch zu.
    Seit 1972 haben die deutschen Automobilfirmen Katalysatorautos in andere Länder exportiert. Aber in Deutschland ist nichts geschehen, bis Helmut Kohl Bundeskanzler war und wir den Ärger auf uns genommen haben.

    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)

    Nein, wir müssen die Möglichkeiten von technischem Fortschritt und Erfindergeist und auch der Gestaltung politischer Rahmenbedingungen dazu nutzen, daß Umweltprobleme Schritt für Schritt gelöst werden und nicht dazu führen, die Menschen nur in Resignation und Weltuntergangsstimmung zu versetzen. Wir müssen ihnen ein Stück weit Wege zeigen, wie wir bei der Lösung der Probleme auch vorankommen können.
    Ich habe den Eindruck, daß sich das Tempo der weltweiten Veränderungen in Deutschland und in Europa zu beschleunigen scheint. Ich glaube, daß viele Menschen heute stärker als früher empfinden, was an Risiken vor ihnen liegt. Vieles war in den vergangenen Jahren vielleicht auch durch den Ost-West-Konflikt ein Stück zugedeckt. Wir empfinden jetzt deutlicher als bisher die Veränderungen und auch neue Risiken, die wir nicht gewohnt sind und die, weil sie für die Menschen in den östlichen wie in den westlichen Ländern jetzt neu sichtbar werden, auch ein Stück weit zu einer neuen Unsicherheit führen.
    Diese Unsicherheit angesichts dramatisch schneller Veränderungen und immer neuer Risiken wird dann verstärkt, wenn man ihnen Ausweglosigkeit bei den Problemen vorspiegelt. Denn das führt dann zu Weltuntergangsstimmung. Daraus wächst Resignation. Vielleicht wächst aus dieser Verunsicherung und Resignation und aus dem Nichtwissen oder Nichtsehenkönnen, wie es denn weitergehen kann, etwas von dem, was uns alle gemeinsam erschreckt, nämlich Gewalttätigkeit eines kleinen Teils der jungen Generation. Vielleicht sind diese Verunsicherung und Ausweglosigkeit ein Stück weit die Basis.
    Nur, liebe Kolleginnen und Kollegen von der SPD, wenn Sie darüber nachdenken, dann sollten Sie sich noch einmal daran erinnern, wie die Lage Anfang der 80er Jahre am Ende der Regierungszeit von Helmut Schmidt war. Da hatten wir eine ähnliche Grundstimmung von Resignation und wachsender Zukunftsangst.
    In den Jahren, seit Helmut Kohl Bundeskanzler ist
    — das war eben nicht nur die günstige Konjunktur, Herr Kollege Klose; so einfach ist das nicht gewesen —

    (Peter Büchner [Speyer] [SPD]: Glück hat er auch gehabt!)

    und in denen CDU/CSU und FDP miteinander die Regierungsverantwortung tragen, haben wir angefangen, Probleme nicht nur zu beschreiben, sondern Probleme zu lösen, und zwar gegen viele Widerstände und Schwierigkeiten. Damit haben wir den Menschen



    Dr. Wolfgang Schäuble
    ein Stück weit den Weg gezeigt, daß die Probleme groß sind, daß sie aber auch zu lösen sind; nicht alle von heute auf morgen, aber Schritt um Schritt. Daraus wächst auch ein Stück Zuversicht.

    (Hans-Ulrich Klose [SPD]: Die Stimmung ist heute schlechter, als sie je war!)

    — Nein, das ist nicht wahr. Sie wissen: Das, was sich mit der deutschen Einheit vollzieht, das Ausmaß an Veränderungen, das für die Menschen im einzelnen schwer vorhersehbar ist — auch Oskar Lafontaine hat es nicht so ganz genau vorhergesehen; das ist eine Legende —, die Situation, die auch für die Menschen in den westlichen Bundesländern ein Stück weit weniger sicher ist — ich bin derjenige gewesen, der davon gesprochen hat, daß man Teilung nur durch Bereitschaft zum Teilen überwinden kann und daß die Bereitschaft zum Teilen auch einschließt, daß wir auch die Veränderungen im vereinten Deutschland miteinander tragen müssen und daß wir auch da ein Stück weit teilen müssen — , schaffen eine neue Unsicherheit. Das gilt auch für das, was sich — auch hinsichtlich neuer Herausforderungen — an Ungewissem in Europa und weltweit vollzieht.
    Deswegen sage ich: Wir dürfen die Menschen mit diesen neuen Verunsicherungen nicht alleine lassen, sondern wir müssen ihnen Wege der Hoffnung zeigen. Wir müssen handeln. Wir dürfen Probleme nicht nur beschreiben und dann sagen: Wenn wir das Modell der Industriegesellschaften auf die Dritte Welt übertrügen, bräche alles zusammen. Nein, wir müssen Schritt um Schritt handeln, um die Probleme zu meistern.
    Im übrigen sage ich: Auf Grund der Erfahrungen der 80er Jahre gibt es, meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, keinen Grund, die Probleme für unlösbar zu erklären. Die Geschichte der Menschheit läßt sich auch als eine Geschichte der Vorhersage des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs beschreiben. Wir wissen nicht, wann es dazu kommt. Das ist aber kein Grund zur Verantwortungslosigkeit. Wir müssen uns jeden Tag jede nur erdenkliche Mühe geben, um das Bestmögliche zu tun, wissend, daß wir irren können und daß wir, wenn wir handeln, immer auch Fehler machen.
    Aber wir haben kein Recht, den Menschen den nahenden Weltuntergang vorherzusagen,

    (Harald B. Schäfer [Offenburg] [SPD]: Wer tut das denn?)

    sondern wir haben die Pflicht, durch eine konkrete Politik Schritt um Schritt, so gut wir können, Probleme zu lösen.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

    Wir haben auch die Pflicht, den Menschen ein Stück Hoffnung zu machen. Wir haben ferner die Pflicht, keine falschen Erwartungen zu erwecken, auch in den Ansprüchen dessen, was der Staat in kurzer Zeit leisten kann.
    Ich habe in der Debatte um die Aufarbeitung der politischen Vergangenheit der früheren DDR immer
    davor gewarnt, zu große Erwartungen zu schüren, weil nur Enttäuschung die Folge sein kann.

    (Peter Conradi [SPD]: Sehr wahr!)

    Ich werbe auch dafür, daß wir dabei bleiben, den Menschen in ganz Deutschland zu sagen: Es wird uns noch einige Jahre lang große Anstrengungen kosten, um die Einheit zu vollenden.
    Das, was wir an Großartigem an Veränderungen in Europa haben, wird unsere ganze Kraft erfordern. Es ist nicht eine Zeit, wo man in der Art mancher Diskussionen nur noch Freizeit als einen zentralen Wert deutscher Politik ansehen kann. Nein, es besteht auch gar kein Grund dazu. Größere Chancen als seit 1989 sind uns in der Geschichte selten geboten worden.

    (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)

    Deswegen finde ich, daß wir miteinander beides zugleich tun sollten: realistisch davon reden, welche Risiken vor uns liegen und welche prioritären Aufgaben sich uns stellen, aber auch davon reden, daß kein Grund besteht, angesichts der Größe der Aufgaben zu verzweifeln, sondern daß Grund zu Hoffnung und zu Zuversicht besteht. Vor allen Dingen besteht für uns, die wir politische Verantwortung tragen, aller Anlaß, nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln.

    (Harald B. Schäfer [Offenburg] [SPD]: Das wäre gut! — Ingrid Matthäus-Maier [SPD]: Sie können handeln!)

    Der Haushalt 1992 spiegelt in dem, was ein Haushalt überhaupt leisten kann, Herr Bundesfinanzminister, beides wider: die Notwendigkeit, Risikovorsorge auch angesichts ganz unwägbarer und unvorhersehbarer Entwicklungen zu treffen, aber zugleich die Entschiedenheit dieser Bundesregierung, das Notwendige und Mögliche jetzt zu tun. Auf diesem Weg, Herr Bundeskanzler, werden Sie auch in Zukunft die Unterstützung der CDU/CSU-Fraktion haben.

    (Langanhaltender lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Rede von Dr. Rita Süssmuth
  • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (CDU)
  • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)
Ich erteile jetzt das Wort dem Abgeordneten Dr. Hermann Otto Solms.

  • insert_commentNächste Rede als Kontext
    Rede von Dr. Hermann Otto Solms


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (FDP)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (FDP)

    Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die Welt ist im Umbruch. Europa ändert sein Gesicht. Deutschland ist größer geworden. Das Blockdenken löst sich auf. Das souveräne Gesamtdeutschland definiert seine Aufgaben neu und wird seiner gewachsenen Verantwortung gerecht.
    Niemals waren die Aufgaben für die deutsche Politik nach dem Wiederaufbau der Bundesrepublik in der ersten Legislaturperiode weitreichender und zukunftsorientierter als heute. Es ist deshalb ein bemerkenswerter Vorgang, daß die Fraktionen des Deutschen Bundestages nahezu gleichzeitig ihre Führungen austauschen.
    Die bisherigen Fraktionsvorsitzenden Mischnick, Vogel und Dregger haben entscheidenden Anteil an der parlamentarischen Vollendung der deutschen Einheit. Sie und ihre Weggefährten haben über viele



    Dr. Hermann Otto Solms
    Jahrzehnte an vorderster Front auf die deutsche Einheit hingearbeitet.
    Ich möchte die Gelegenheit nutzen, namens der FDP-Fraktion Ihnen, Herr Dr. Dregger, für die vertrauensvolle, immer faire und menschlich anständige Art der Zusammenarbeit zu danken.

    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

    Diese anständige Art der Zusammenarbeit haben Sie auch in Fragen sachlich unterschiedlicher Einstellungen immer durchgehalten.
    Ihnen, Herr Kollege Vogel, danke ich dafür, daß Sie bei allen politischen Differenzen dem Gegner immer den notwendigen Respekt gezollt haben. Ihre beispielhafte Pflichterfüllung war Vorbild für uns alle im Hause.
    Vor allem aber freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen, Herr Kollege Schäuble. Ich gratuliere Ihnen nochmals zu Ihrer Wahl. Ausdrücklich begrüße ich, daß Sie die Autorität Ihrer Fraktion gegenüber der Regierung stärken wollen.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Dies, Herr Kollege Schäuble, entspricht dem demokratischen Prinzip der Trennung zwischen Regierung und Legislative, und das ist für die Bürger wichtig, um auseinanderzuhalten, wer welche Funktion hat. Ich bin zuversichtlich, daß es uns gelingen wird, die Leistungsfähigkeit und Gestaltungskraft der Koalition in den Vordergrund zu stellen.
    Meine Damen und Herren, Sie alle erinnern sich an die Fraktionsvorsitzendenpaare Barzel/Schmidt in der Großen Koalition und Wehner/Mischnick in der sozialliberalen Koalition. Sie haben gezeigt, wie wichtig Zusammenarbeit in der Koalition für Stabilität und Handlungsfähigkeit von Koalitionsregierungen sein kann. Natürlich kann man das nicht nachahmen, aber es soll eine Orientierungshilfe sein.
    Ihnen, Herr Kollege Klose, wünschen wir eine glückliche Hand. Es ist keine leichte Aufgabe, die große Fraktion der SPD zu führen. Dazu kommt die Aufgabe, als Oppositionsführer vor der Öffentlichkeit deutlich zu machen, was die Handlungsalternativen der Opposition sind.

    (Zuruf von der SPD: Das ist auch gelungen!)

    Sie haben sich vorgenommen, die Fraktionsarbeit zu straffen und schlagkräftiger zu gestalten. Ich wünsche Ihnen dabei besten Erfolg; denn eine starke Regierung braucht eine starke, auch handlungsfähige Opposition. Nur eine selbstbewußte Regierung wünscht sich das auch. Wir tun das, Herr Kollege Klose, weil wir wissen, eine starke Opposition macht uns nur stärker und gibt uns noch mehr Handlungsfähigkeit vor der Öffentlichkeit.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Meine Damen und Herren, unsere freiheitliche demokratische Ordnung genießt in der Welt, gerade in den Ländern, die sich nun demokratischen Systemen zuwenden, höchstes Ansehen. Um das in unserem
    Land praktizierte System der sozialen und ökologischen Marktwirtschaft werden wir in der ganzen Welt beneidet. Eine Politik, die dies geschaffen hat und fortlaufend weiterentwickelt, kann so schlecht nicht sein.

    (Dr. Jürgen Rüttgers [CDU/CSU]: So ist es!)

    Trotz dieser augenscheinlichen Attraktivität unserer Politik setzt sich der Ansehensverlust der Politiker beim Wähler anscheinend unaufhaltsam fort. Woran liegt das? Sollen wir diesen Trend als Normalität betrachten? Ich meine, es ist angezeigt, dazu ein paar kritische, auch selbstkritische Betrachtungen und Überlegungen anzustellen.
    Ist es nicht eher so, daß im politischen Alltag Verhaltensweisen entstanden sind, die ursächlich für das schlechte Erscheinungsbild der Parteien und der Politiker in der Öffentlichkeit sind? Es wäre zu einfach, die Schuld bei Dritten zu suchen, etwa bei den Medien oder gar beim Bürger selbst; das hilft auch nicht weiter. Zunächst müssen wir uns überlegen, was wir selber tun können, um diesen Eindruck zu ändern.
    Wir alle, jeder einzelne muß sein Verhalten kritisch überprüfen und rasch Konsequenzen daraus ziehen. Dies gilt für alle Seiten des Hauses. Ich möchte vier Beispiele nennen:
    Erstens. Durch permanente Übersteigerungen und verbale Rundumschläge bei reinen Sachdebatten, auch bei weniger wichtigen, nutzt sich die Sprache der Politiker ab; keiner hört mehr genau zu. Wenn es dann um wirklich kontroverse Fragen, um schwerwiegende Konflikte geht, fehlt es an zulässigen und wahrnehmbaren Steigerungs- oder Differenzierungsmöglichkeiten. Ich nenne dies verbalen Radikalismus. Wie leicht gehen manchen Abgeordneten die Worte „Lüge", „Täuschung" , „Hinterhältigkeit", „Heuchelei" und vieles andere mehr über die Lippen!

    (Hans-Ulrich Klose [SPD]: Sehr richtig!) Ich meine, wir sollten dies unterlassen.

    Zweitens. Der verbale Radikalismus wird verschärft durch das permanente Reden übereinander, wodurch das Reden miteinander immer schwieriger möglich wird; und es geschieht dann auch seltener. Wenn wir uns in der Öffentlichkeit gegenseitig immer wieder die übelsten Absichten und schlimmsten Verfehlungen unterstellen und auch zutrauen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn Medien und Bürger dies dann auch für bare Münze nehmen.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU — Dr. Alfred Dregger [CDU/ CSU]: Sehr richtig!)

    Drittens. Wer meint, sich zu Lasten des politischen Gegners persönlich profilieren zu müssen, ohne dabei die gebotene Form zu wahren, muß sich fragen lassen, wem er damit überhaupt nutzt. Ich meine, wir täten gut daran, wieder zu lernen, uns hinter die Sache zurückzunehmen; denn wir vertreten nicht vorrangig uns selbst, wir vertreten unsere Bürger und haben einen Wählerauftrag zu erfüllen.

    (Dr. Alfred Dregger [CDU/CSU]: Sehr richtig!)




    Dr. Hermann Otto Solms
    Viertens. Wir müssen uns zudem wieder an die selbstgesetzten Spielregeln unserer parlamentarischen Demokratie halten.

    (Zuruf von der CDU/CSU: Sehr richtig!)

    Die Opposition muß die Rolle der Opposition spielen, die Regierung die der Regierung.

    (Zustimmung des Abg. Michael Glos [CDU/ CSU])

    Wenn die Opposition ihre Rolle nicht richtig spielt und wenn in der Regierung versucht wird, auch noch eine Oppositionsrolle einzunehmen, dann verwischen sich natürlich die Eindrücke beim Betrachter.
    Der Versuch, in der Koalition Opposition zu spielen oder sich gegenseitig gar in die Oppositionsrolle zu drängen, verwischt die Konturen und schadet der Koalition.

    (Zuruf von der CDU/CSU: Sehr richtig!)

    Der Wähler kann sich nicht mehr orientieren. Es muß deutlich werden, worauf sich die Koalition verständigt hat, was wir gemeinsam wollen, was wir gegebenenfalls nicht wollen oder worauf wir uns noch zu verständigen beabsichtigen.

    (Gerhard O. Pfeffermann [CDU/CSU]: Ihr Wort in Gottes Ohr!)

    Es darf nicht der Eindruck entstehen, als wolle man täglich neue Konflikte schüren oder erfinden.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Ich nenne hier nur zwei der jüngsten Themen, die gerade in der Koalition konfliktreich sind. Das eine ist die Debatte um die Einführung einer Pflegeversicherung. Der Kollege Blüm führt seit einem halben Jahr eine Kampagne

    (Volker Rühe [CDU/CSU]: Vorsicht mit den Worten! Er wirbt!)

    für ein bestimmtes Modell der Pflegeversicherung und unterstellt dabei, daß diejenigen, die für dieses Modell sind, die Guten seien, denen es wirklich um die Pflegebedürftigen ginge, und daß diejenigen, die ein anderes Modell vorschlagen, die Bösen, die Kaltherzigen seien,

    (Zuruf von der SPD: Da hat er ja auch recht!)

    die die Alten ihrem Schicksal überlassen wollten.

    (Gerd Andres [SPD]: Stimmt auch!)

    Meine Damen und Herren, das ist nicht richtig

    (Zuruf von der SPD: Natürlich!)

    und ist für die Koalition schädlich, weil wir innerhalb der Koalition die Gespräche dazu überhaupt noch nicht begonnen haben.

    (Zuruf von der SPD: Schlimm genug!)

    Richtig wäre es, die Gespräche in der Koalition zu führen und sich dann auseinanderzusetzen.
    Worum geht es denn in Wirklichkeit? In Wirklichkeit wollen die Vertreter aller Seiten dieses Hauses das Problem der zunehmenden Pflegebedürftigkeit in der Bevölkerung möglichst optimal lösen. Wir streiten
    darüber, was der effizientere, der günstigere und der weniger schädliche Weg ist,

    (Dr. Heiner Geißler [CDU/CSU]: Für die Betroffenen! Darauf kommt es an!)

    — der für die Volkswirtschaft, für die Betroffenen und für die Gesamtgesellschaft bessere Weg!

    (Dr. Heiner Geißler [CDU/CSU]: Nein, wir machen das für die Menschen!)

    Das von der FDP vorgeschlagene Modell einer privaten Pflichtversicherung für jeden einzelnen vermeidet — das ist jedenfalls unsere Meinung — zentrale Schwächen des Blumschen Kostenmaximierungsmodells.

    (Beifall bei der FDP)

    Die Kosten werden nicht auf die folgende Generation überwälzt. Jeder Bürger betreibt Vorsorge für sein eigenes Pflegerisiko. Eine Belastung der deutschen Arbeitsplätze mit weiteren Personalzusatzkosten wird vermieden. Das begrenzt die Flucht in die Schattenwirtschaft bzw. die Abwanderung von Arbeitsplätzen ins Ausland. Das vom Prinzip der Eigenvorsorge getragene private Haftpflichtmodell verhindert Mitnahmeeffekte. Es verhindert damit die im Umlageverfahren systemimmanente Kosten- und Beitragsexplosion. Die Ansprüche, die der Versicherte auf Grund seiner Beitragszahlungen erwirbt, sind vor staatlichen Eingriffen besser geschützt.
    Für die pflegenahen Jahrgänge sieht auch unser Modell eine Übergangsfinanzierung, eine Fondsfinanzierung — man kann es auch als eine Art Umlagefinanzierung bezeichnen — vor.
    Das heißt also: Über die Fragen der höheren Effizienz der beiden Systeme müssen wir uns unterhalten. Den guten Willen zur Lösung des Problems sollte man niemandem absprechen.
    Das zweite Reizthema — das hat der Kollege Schäuble hier schon angesprochen — ist das Thema Asyl. Ich meine, auch hier geht es nicht, daß man in einer mit großem Aufsehen in der Öffentlichkeit versehenen Gesprächsrunde zwischen Koalitionsparteien und SPD zu einem Ergebnis kommt, von dem sich dann einerseits die Länder, insbesondere was die Kosten anbetrifft, wieder abzuseilen versuchen, zu dem andererseits beispielsweise der Kollege Stoiber in Bayern schon am nächsten Tag erklärt, das Ganze würde sowieso nichts bringen. Das kann beim Bürger nicht den Eindruck erwecken, uns ginge es wirklich um die Lösung in der Sache,

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)

    sondern sie müssen den Eindruck haben, hier würden parteitaktische Spielchen getrieben.

    (Detlev von Larcher [SPD]: So ist es ja auch!)

    Meine Damen und Herren, es geht jetzt darum, das zu realisieren, was dort beschlossen worden ist, und es geht im weiteren darum, daß die Regierung, nachdem das Mandat für die Kommission in Maastricht wohl nicht zu erhalten ist, in Verhandlungen in Europa eintritt, um eine europäische Lösung des Asylrechts zu



    Dr. Hermann Otto Solms
    erzielen. Daran wirken wir mit. Wir hoffen, daß es möglichst bald zu konkreten Ergebnissen kommt.
    Meine Damen und Herren, diese Reizthemen haben in den vergangenen Monaten wiederholt die Frage nach der Zukunft der Bonner Koalition aufkommen lassen. Aufkeimende Hoffnung auf ein nahendes Ende der Koalition muß ich enttäuschen. Auch die beiden genannten Reizthemen werden jetzt entschlossen einer Lösung zugeführt.
    Im übrigen zeigt sich: Für die Koalition gibt es angesichts der nationalen und internationalen Aufgaben gegenwärtig gar keine Alternative.

    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

    Vielleicht kann man sagen: Während die SPD heute noch überlegt, ob sie die deutsche Einheit überhaupt gewollt hat oder gewollt haben soll,

    (Widerspruch bei der SPD — Dr. Nils Diederich [Berlin] [SPD]: Ach, Herr Solms, hören Sie doch damit auf! — Weiterer Zuruf von der SPD: So ein Schmarrn!)

    hat die Koalition die neuen gesamtdeutschen Auf gaben und die europäischen Aufgaben längst angepackt.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Die Koalition bekennt sich in allen Punkten zu der gewachsenen Verantwortung eines souveränen Deutschlands.
    Ich sehe drei zentrale Aufgabenfelder für die deutsche Politik der neunziger Jahre: erstens die innere Einheit Deutschlands gestalten, zweitens den wirtschaftlichen Aufschwung sichern und drittens die gewachsene internationale Verantwortung akzeptieren.

    (Hans-Ulrich Klose [SPD]: Und die Umwelt?)

    Zum ersten Punkt, zur Gestaltung der Einheit: Die Herstellung der inneren Einheit Deutschlands hat rechtliche, soziale und psychologische Aspekte. Nicht allein die DDR existiert nicht mehr; auch die alte Bundesrepublik ist untergegangen. Dieser Prozeß bedeutet für uns eine neue Standortbestimmung nach innen, die Auseinandersetzung mit einer sich wandelnden Identität.
    Das Regime der DDR hat hier ein schweres Erbe hinterlassen. Der Bundestag hat das Stasi-Überprüfungsgesetz verabschiedet. Bei der Behandlung dieser überaus sensiblen Frage gab es einen parteiübergreifenden Konsens. Dies stimmt mich hoffnungsvoll, daß auch die anderen Themen der Vergangenheitsbewältigung mit dem notwendigen Gespür für die vielfach tragischen Verstrickungen und Schicksale der Betroffenen behandelt werden. Pauschalurteile dürfen wir nicht zulassen; die FDP wendet sich entschieden dagegen. Jedes Einzelschicksal hat Anrecht auf eine individuelle Beurteilung.

    (Beifall bei der FDP)

    Meine Damen und Herren, zu diesem Erbe gehören auch die ungeklärten Eigentumsfragen. Dabei geht es der FDP nicht nur um die wirtschaftliche Wiedergutmachung; es geht um die Idee des Eigentums schlechthin. Der liberale Rechtsstaat gebietet vor allem sich selbst, bestimmte Sachen und bestimmte Rechte als einem bestimmten Individuum gehörig unverbrüchlich zu achten. Dabei möchte auch ich, Herr Kollege Klose, die Freiburger Thesen von 1971 zitieren, die in diesem Punkt auch heute völlig aktuell sind:

    (Harald B. Schäfer [Offenburg] [SPD]: Das wäre schön!)

    Diese demokratische Errungenschaft des Eigentumschutzes gegenüber aller staatlichen Übermacht und behördlichen Willkür ist Ausdruck der Demokratisierung des Staates, d. h. der verfassungsmäßigen Einschränkung der schrankenlosen Herrschaft des Staates über seine Untertanen bis hin zum willkürlichen Entzug ihres Eigentums.
    Das Wichtige ist — das haben Sie, Herr Klose, bei Ihrem Zitat wohl etwas verdreht — : Der Art. 14 des Grundgesetzes bestimmt ja zunächst einmal die Garantie des Eigentums, und erst im Abs. 2 wird die Eigentumsgarantie durch die Sozialpflichtigkeit begrenzt. Es ist nicht umgekehrt! Es ist nicht so, daß die Sozialpflichtigkeit des Eigentums im Vordergrund steht und daß nur das, was dann übrigbleibt, der Verfügung des Eigentümers unterliegt. Das ist, glaube ich, die grundsätzlich unterschiedliche Einstellung zwischen Ihnen und uns zum Eigentum.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Wir treten dafür ein, daß auch die vor 1949 Enteigneten eine Chance erhalten, ihr früheres Eigentum zurückzuerlangen. Es geht darum, wie wir das regeln.

    (Beifall bei Abgeordneten der FDP und der CDU/CSU)

    Dabei sind natürlich die Gesichtspunkte zu beachten, die uns das Bundesverfassungsgericht aufgegeben hat. Natürlich darf dieser Prozeß nicht dazu führen, daß der Privatisierungs- und Investitionsprozeß behindert oder verzögert wird.

    (Zuruf von der SPD: Sehr richtig!)

    Andererseits darf nicht der Eindruck entstehen, der Staat wolle sich am früheren Besitz Enteigneter bereichern. In diesem Spannungsfeld haben wir die Entscheidung zu finden.

    (Beifall bei Abgeordneten der FDP und der CDU/CSU)

    Als Rechtsstaatspartei, die den Grundrechten, also auch der Eigentumsgarantie, verpflichtet ist, können wir hierzu keine andere Haltung einnehmen.
    Zur Angleichung der Lebensverhältnisse in Deutschland gehört vordringlich die Verbesserung der Wohnungssituation, die Verwirklichung gleicher Bildungschancen und die Verbesserung der Umweltsituation in den neuen Bundesländern.

    (Harald B. Schäfer [Offenburg] [SPD]: Und bei uns!)




    Dr. Hermann Otto Solms
    Auch die unterschiedliche rechtliche Bewertung des Schwangerschaftsabbruchs in West und Ost muß nun überwunden werden.

    (Beifall bei der FDP)

    Der Vorschlag, den die FDP vorgelegt hat, liegt auf dem Tisch. Die Anhörung im Sonderausschuß kürzlich hat ergeben, daß diesem Vorschlag von den Experten große Zustimmung entgegengebracht wird.
    Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich muß Sie auffordern: Verhelfen Sie der Vernunft mit Ihrer persönlichen Entscheidung zum Durchbruch. Tragen Sie dazu bei, daß auf der Basis dieses Entwurfs eine Mehrheitsentscheidung zustande kommt.

    (Beifall bei der FDP)

    An eines möchte ich erinnern, auch weil auf dem CSU-Parteitag wohl ein anderer Eindruck erweckt worden ist: Einen Koalitions- oder Fraktionszwang darf es bei dieser Gewissensfrage nicht geben. Darüber waren wir uns auf allen Seiten dieses Hauses einig.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU — Dr. Wolfgang Bötsch [CDU/ CSU]: Da sind wir uns einig, Herr Solms!)

    — Das beruhigt mich, Herr Kollege Bötsch.
    Die Einheit Deutschlands ist zwar politisch vollzogen, ökonomisch aber noch lange nicht erreicht. Es sind Fortschritte erkennbar, aber vieles bleibt zu tun. Jetzt kommt es darauf an, nicht falsche Entscheidungen zu treffen. Aufgabe des Staates ist es, in den neuen Bundesländern die marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen für private zukunftsträchtige Arbeitsplätze zu gestalten. Dazu zählt, die Investitionsbedingungen generell zu verbessern, damit sich ein dynamischer Wachstums- und Innovationsprozeß auf breiter Front durchsetzen kann. Dann entstehen auch in den neuen Bundesländern Einkommen aus eigener Kraft, aus eigener Produktion, aus eigener Leistung. Das ist ja das, was die Bürger einbringen wollen: Sie wollen ihre eigene Leistungskraft einbringen.
    Zur richtigen Weichenstellung gehört die soziale Flankierung. Nur durch die gleichzeitige soziale Absicherung ist der drastische Strukturwandel den Menschen überhaupt zuzumuten. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Kurzarbeit null oder Beschäftigungsgesellschaften können allerdings nur beim Übergang einen Beitrag zur sozialen Absicherung leisten. Sie müssen es im Übergang tun, aber sie müssen zeitlich begrenzt sein. Sie dürfen keine Dauereinrichtung werden.

    (Beifall bei der FDP)

    Staatliche Verantwortung in der Sozialen Marktwirtschaft kann nicht heißen, daß der Staat für alles zuständig ist. Er ist weder für die Einkommen noch für die Strukturgestaltung, die Regionalstruktur, die Beschäftigung oder die Preisgestaltung zuständig. Er kann und er soll all das in einer Marktwirtschaft nicht leisten. Der Aufbau einer modernen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstruktur kann nur das Ergebnis der unzähligen Aktionen einer Höchstzahl unabhängiger Wirtschaftssubjekte sein.
    Es ist daher unverzichtbar, die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft im Westen ebenfalls zu erhalten und zu sichern. Eine leistungsfähige Wirtschaft ist das Kapital, mit dem wir die mit der Einheit verbundenen Lasten bewältigen können. Dieses Kapital dürfen wir keinesfalls verspielen.
    Stärkung der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft im Westen kann nicht heißen: Der Staat muß oder kann immer mehr Schulden machen. Der Konsolidierungskurs muß eingehalten werden. Das Budgetdefizit muß zurückgeführt werden. Der Haushaltsplan 1992 bedeutet in unseren Augen einen wichtigen Schritt in dieser Richtung.
    Stärkung der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft kann auch nicht heißen, daß wir die Wirtschaft mit immer neuen Steuern und Abgaben belasten. Es gibt zu viele Leute, die ihre Phantasie anstrengen, um neue Abgaben zu erfinden, und zu wenige, die den Mut haben, auf Entlastungsmaßnahmen und -entscheidungen zu drängen.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Die Belastungsfähigkeit unserer Wirtschaft darf nicht erneut getestet werden. Das ist Anfang der 70er Jahre schon einmal versucht worden. Damals hat Karl Schiller gesagt — vielen wird es noch im Ohr klingen — : Genossen, laßt die Tassen im Schrank. Das gilt auch heute.

    (Klaus Lennartz [SPD]: Zu wem sprechen Sie denn jetzt?)

    Statt zusätzliche Abgaben verlangt die wirtschaftliche Bewältigung der deutschen Einheit strikte Ausgabendisziplin. Es müssen neue Prioritäten gesetzt werden. Alte Besitzstände müssen abgebaut werden; ein weiterer Subventionsabbau ist unverzichtbar.

    (Zuruf von der SPD: Welche Subventionen denn?)

    Auch wenn manche das Ergebnis immer wieder miesmachen wollen, ich bleibe dabei: Jürgen Möllemann

    (Zuruf von der SPD: Wer?)

    hat durch seine Hartnäckigkeit beim Subventionsabbau einen wichtigen Durchbruch erzielt.

    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU — Lachen bei der SPD)

    Ohne seinen Mut und seinen Einsatz wäre dieses Ergebnis nicht möglich gewesen.
    Das Ergebnis des Subventionsabbaus dieser Koalition kann sich sehen lassen:

    (Zuruf von der SPD: Ach?)

    14 Milliarden DM im Rahmen der Steuerreform 1990, 10 Milliarden DM beim Abbau der Zonenrandförderung und der Berlin-Förderung — weitere 10 Milliarden DM bis 1994, auf Initiative von Herrn Möllemann —, 6 Milliarden DM im Rahmen der Unternehmenssteuerreform, zusammengenommen ab dem Haushaltsjahr 1994 40 Milliarden DM pro Jahr; das ist ein beeindruckendes Ergebnis.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)




    Dr. Hermann Otto Solms
    Die FDP fordert eine Umkehr in der Lohnpolitik. Sie will sich jedoch nicht in die Tarifautonomie einmischen. Es wäre aber verantwortungslos gegenüber den Beschäftigten und insbesondere gegenüber den Arbeitslosen, nicht auf die Gefahren der Fortsetzung des gegenwärtigen lohnpolitischen Kurses hinzuweisen, und zwar im Osten wie im Westen. Wer angesichts der wirtschaftlichen Herausforderungen in Ostdeutschland wie im gemeinsamen Binnenmarkt Lohnerhöhungen von 10 % und mehr fordert, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ich glaube, er handelt verantwortungslos gerade gegenüber denen, die arbeitslos sind oder in der Gefahr stehen, arbeitslos zu werden.

    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

    Die Folgen einer solchen Politik müßten sein: mehr Inflation, weniger Investitionen, steigende Arbeitslosigkeit. In der Lohnpolitik muß deshalb für den Westen wie für den Osten gelten: Maßstab ist der Produktivitätsfortschritt.
    Für den Osten Deutschlands kommt hinzu, daß auf die Situation der Einzelbetriebe Rücksicht genommen werden muß. Es wäre gut, wenn man Öffnungsklauseln in den Tarifverträgen vereinbaren würde, damit Betriebsvereinbarungen möglich werden.
    Die dritte große Herausforderung für die Wirtschaftspolitik liegt in Europa. In wenigen Tagen sollen beim Europäischen Rat in Maastricht wichtige Weichen für die Weiterentwicklung des Binnenmarkts zur Wirtschafts- und Währungsunion und zur Politischen Union gestellt werden. Der EG-Binnenmarkt hat den Wettbewerb innerhalb der Europäischen Gemeinschaft bereits jetzt beträchtlich erhöht und die Arbeitsteilung vertieft. Wer in diesem Markt der offenen Grenzen künftig bestehen will, muß wettbewerbsfähig sein.
    Um im Binnenmarkt erfolgreich zu bestehen, müssen wir die Unternehmenssteuerreform endlich auf den Weg bringen. Sie ist nicht, wie von der SPD immer wieder gesagt, eine Umverteilung von unten nach oben; sie ist ein Beschäftigungsprogramm erster Güte.
    Deshalb bin ich auch gegen jede Abkoppelung der Unternehmenssteuerreform vom Steueränderungsgesetz 1992.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Im Vermittlungsverfahren zum Steueränderungsgesetz 1992 kann die Mehrheit der SPD-Ministerpräsidenten zeigen, wie ernst es ihr um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und damit die Sicherheit deutscher Arbeitsplätze ist.
    Die Vorteile des gemeinsamen Binnenmarkts kommen erst in der Währungsunion voll zum Tragen. Voraussetzungen sind vor allem: strenge überprüfbare Kriterien bei der wirtschaftlichen Konvergenz, eine stabilitätsorientierte Haushalts- und Wirtschaftspolitik, die strikte Wahrung der Geldwertstabilität und die absolute Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank. Zu neuen Formen des Euro-Dirigismus und -Protektionismus darf es ebensowenig kommen wie zu industriepolitischen Experimenten.
    Die Politik der marktwirtschaftlichen Erneuerung der 80er Jahre ist ein Erfolgsrezept, meine Damen und Herren. Sie hat 2,5 Millionen neue Arbeitsplätze allein in der alten Bundesrepublik geschaffen. Deshalb ist sie kein Auslaufmodell; sie ist auch für Gesamtdeutschland das Modell der Zukunft.

    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

    Ich komme nun zur gewachsenen Verantwortung in der Welt. Zur gewachsenen internationalen Verantwortung Gesamtdeutschlands. Neben der Wirtschafts- und Währungsunion brauchen wir die Einbindung Deutschlands in die Politische Union der europäischen Staaten. Das ist die beste Gewähr dafür, daß verbleibende Vorbehalte gegen ein größer gewordenes Deutschland abgebaut werden. Brzezinski, der ehemalige Sicherheitsberater des Präsidenten Carter, sagt: Ein integriertes Deutschland kann eine Lokomotive wirtschaftlichen Wachstums in Europa sein. Er fügt allerdings hinzu, daß ein hegemoniales Deutschland in einem politisch uneinigen Europa weltweit unliebsame Erinnerungen wecken würde. Wir brauchen daher das Bekenntnis zu unserer gewachsenen internationalen Verantwortung!
    Das Angebot Präsident Bushs zur Führungspartnerschaft bedeutet in erster Linie Einbindung in gemeinsame Verantwortung. Nicht so sehr deutsche Macht fürchten die Partner, sondern deutsche Sonderwege. Darauf müssen wir achten. Jeder Anschein des Ohnemich kann uns in den Augen der Welt nur schaden, wenn es darum geht, Völkerrecht, Selbstbestimmung, Menschenrechte im Rahmen kollektiver Sicherheitssysteme wie der UNO zu verteidigen.
    Wir können uns nicht länger dem Vorwurf aussetzen, daß wir andere die Kastanien aus dem Feuer holen lassen und erst dann dazukommen, wenn die Luft rein ist — eventuell zum Geschäftemachen.

    (Beifall bei Abgeordneten der FDP und der CDU/CSU)

    Aus historischen Gründen haben deutsche Soldaten auf dem Balkan nichts zu suchen.

    (Beifall bei der FDP, sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des Bündnisses 90/GRÜNE)

    Dennoch dürfen wir bei einer Friedensstreitmacht unter UNO-Mandat zur Bekämpfung eines brutalen Rechtsbrechers das nächste Mal nicht abseits stehen.

    (Volker Rühe [CDU/CSU]: Richtig!)

    Es ist das Ziel der FDP — und wohl auch der Koalition — , die Möglichkeit einer Teilnahme deutscher Streitkräfte an allen Aktionen zu beschließen,

    (Detlev von Larcher [SPD]: Also doch auf dem Balkan?)

    die den Pflichten eines Mitglieds der Vereinten Nationen entsprechen.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Einen Automatismus darf es dabei nicht geben. Der
    Deutsche Bundestag muß selbstverständlich das letzte



    Dr. Hermann Otto Solms
    Wort haben, ob und wie deutsche Truppen an Einsätzen zur Wahrung des Völkerrechts beteiligt werden.
    „Es gilt den Weg freizumachen, damit Deutschland durch die überfällige Grundgesetzänderung international berechenbar, partnerfähig und vor allem handlungsfähig wird." — So hat es ein kluger Politiker Anfang des Jahres formuliert. Derselbe Politiker — Herr Klose, das sind Sie — stellte damals fest, daß „die Deutschen und die deutschen Sozialdemokraten eine unglaubliche Chance vertan haben, ein normaler Staat in der Völkergemeinschaft zu werden. " Deutschland müsse, so Klose, in Zukunft Rechtsgrundlagen schaffen, um bei UNO-Aktionen auch wirklich Partner sein zu können und, wenn es nicht anders geht, militärisch zu helfen.
    Klose hat, so heißt es, für diese Äußerungen in seiner Partei damals Prügel bezogen.

    (Volker Rühe [CDU/CSU]: Hat man heute noch gemerkt!)

    Trotzdem ist er zum Vorsitzenden der SPD-Fraktion gewählt worden.

    (Zuruf von der SPD: So sind wir!)

    Ist das ein Signal, daß zumindest die SPD-Bundestagsfraktion ihre Meinung geändert hat und nun seiner Meinung folgt, oder wird Herr Klose seine Meinung der Meinung der Bundestagsfraktion unterordnen?

    (Volker Rühe [CDU/CSU]: Hat er doch schon gemacht! — Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/ CSU]: Hat er heute getan!)

    — Das war heute der erste Auftritt. Das kann sich alles noch entwickeln.

    (Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Na, wollen wir hoffen!)

    Bei den anstehenden Grundgesetzänderungen kann die SPD diese Ankündigung ihres neuen Fraktionsvorsitzenden einlösen. Wir sind gespannt.

    (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Wir brauchen schließlich weiterhin das eindeutige Bekenntnis zum Atlantischen Bündnis. Jede Ambivalenz gegenüber dem Bündnis, dem Garanten von Freiheit und Demokratie über 40 Jahre hinweg, verringert unsere Sicherheit.

    (Dr. Alfred Dregger [CDU/CSU]: Sehr richtig!)

    Von Anfang an bedeutete die Bündniszugehörigkeit für uns Einbettung in die westliche Wertegemeinschaft. In Zukunft bedeutet die Bündniszugehörigkeit für uns Mitwirkung an einer dauerhaften europäischen Friedensordnung.
    Das Bekenntnis zum Atlantischen Bündnis bedeutet auch die Absicht, den Abrüstungsprozeß fortzusetzen, die Weiterverbreitung der Nuklearwaffen zu verhindern und die sowjetischen Waffen zentraler Kontrolle zu unterstellen.
    Meine Damen und Herren, gewachsene deutsche Verantwortung bedeutet auch nicht weniger, sondern mehr Engagement für globale Themen. Ich meine den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen, weltweite
    Abrüstung, eine Strategie gegen den hohen Geburtenüberschuß und die Überwindung der Armut in der Dritten Welt.
    Die gewachsene deutsche Verantwortung spiegelt sich auch in unserer Rolle im europäischen Einigungsprozeß. Gemeinsam mit unseren europäischen Nachbarn wollen wir Europa gestalten. Die Bundesregierung ist dabei die Triebkraft. Deswegen sind die Vorwürfe, Herr Klose, die Sie an die Bundesregierung heute gerichtet haben, unangebracht.

    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)

    Die Bundesregierung ist die treibende Kraft in Europa!
    Unabdingbare Voraussetzung für die Europäische Politische Union sind klare Bekenntnisse zum föderalen Aufbau Europas, zum demokratischen Mehrheitsprinzip, zur Stärkung der Rechte des Europäischen Parlaments, zur gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik ebenso wie zur gemeinsamen Innen-, Rechts- und Asylpolitik.
    Meine Damen und Herren, wenn es noch eines Beweises für die Notwendigkeit einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik einschließlich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik bedurft hätte, die bestürzenden Ereignisse dieses Jahres im Nahen Osten und in Jugoslawien haben ihn geliefert. Die Ereignisse haben gezeigt: Europa ist außenpolitisch noch nicht handlungsfähig. Für ein gemeinsames Vorgehen fehlen die Instrumente. Damit in Zukunft schneller und wirkungsvoller reagiert werden kann, müssen jetzt die Voraussetzungen geschaffen werden. Schon der Gipfel in Maastricht ist hierfür gefordert.
    Unverzichtbarer Bestandteil der Politischen Union ist eine gemeinsame Verteidigungspolitik. Die Westeuropäische Union ist integraler Bestandteil des Einigungsprozesses. Sie wird schrittweise zur europäischen Verteidigungskomponente der Gemeinschaft ausgebaut. Diese Entwicklung wird den europäischen Pfeiler der Allianz und damit das Bündnis insgesamt stärken.

    (Dr. Alfred Dregger [CDU/CSU]: Jawohl!)

    Die KSZE wird als kollektives Sicherheitssystem in und für Europa das Dach der künftigen gesamteuropäischen Architektur darstellen.

    (Dr. Alfred Dregger [CDU/CSU]: Ja!)

    Die Weiterentwicklung der Europäischen Gemeinschaft verlangt die Vertiefung der Integration und gleichzeitig die Erweiterung der Gemeinschaft. Das europäische Zusammenwachsen muß Osteuropa einbeziehen. Der Zugang zu den westeuropäischen Märkten für die Staaten Mittel- und Osteuropas stellt eine bessere Hilfe dar als jeder Kredit.

    (Beifall bei der FDP und bei Abgeordneten der CDU/CSU)

    Die konkrete Perspektive des Beitritts zur EG gibt den Menschen die Hoffnung, daß Europa zu ihnen kommt, statt, wenn auch unfreiwillig, ins Wohlstandsparadies zu locken.
    Für die Sowjetunion und ihre Republiken müssen wir nach dem gescheiterten Putschversuch zunächst



    Dr. Hermann Otto Solms
    einmal spontan und unbürokratisch Hilfe leisten, um die leidgeprüfte Bevölkerung über den nächsten Winter zu bringen. Ich freue mich, daß wir dem russischen Präsidenten Jelzin hier Zusagen machen konnten. Niemand in Europa kann ein Interesse an einem völligen Zerfall der Union haben. Die Wiederernennung Eduard Schewardnadses als Außenminister gibt Hoffnung, daß die Kräfte des Zusammenhalts unter Präsident Gorbatschow noch stark genug sind oder wieder stärker werden.
    Herstellung der inneren Einheit Deutschlands, Sicherung des wirtschaftlichen Aufschwungs, Übernahme der gewachsenen Verantwortung in Europa und der Welt, das sind die zentralen Aufgaben unserer Politik.

    (Michael Glos [CDU/CSU]: Sehr richtig!)

    Die Koalition hat die Aufgaben erkannt. Sie hat sich an die Arbeit gemacht. Wir werden unseren Kurs dabei unbeirrt fortsetzen.

    (Beifall bei Abgeordneten der FDP und der CDU/CSU)

    Bei der Opposition hat inzwischen Nachdenklichkeit eingesetzt. Das ist gut. Es ist auch höchste Zeit dafür. Wenn der neue Oppositionsführer Klose nach seiner Wahl Überlegungen, vielleicht wohl versehentlich, angestellt hat — jedenfalls kam das über eine Ticker-Meldung — , wer aus seiner Partei Oppositionsführer nach 1994 werden solle oder könne,

    (Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Das ist dringend!)

    dann zeigt das, daß er seinem Vorvorgänger Herbert Wehner nachträglich recht gibt. Der hatte eine lange Zeit vorausgesagt — ich erinnere mich an 15 Jahre, und das bedeutet frühestens 1997/98 —,

    (Detlev von Larcher [SPD]: Warten Sie's ab!)

    bis die SPD wieder den Status der Regierungsfähigkeit erlangen werde. Ich wünsche ihr ehrlich eine gute Entwicklung.

    (Heiterkeit bei der FDP und der CDU/CSU) Vielen Dank.


    (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)