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ID1116808700

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Metadaten
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    Vokabeln: 6
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    4. Frau: 1
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    6. Nickels.: 1
  • tocInhaltsverzeichnis
    Plenarprotokoll 11/168 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 168. Sitzung Bonn, Freitag, den 20. Oktober 1989 Inhalt: Zusatztagesordnungspunkt 6: Erste Beratung des von den Fraktionen der CDU/CSU, SPD und FDP eingebrachten Entwurfs eines Elften Gesetzes zur Änderung des Abgeordnetengesetzes, eines Zehnten Gesetzes zur Änderung des Europaabgeordnetengesetzes und eines Gesetzes zur Änderung des Einkommensteuergesetzes (Drucksache 11/5408) 12707 A Zusatztagesordnungspunkt 7: Wahlvorschlag der Fraktionen der CDU/ CSU, SPD, FDP und der Fraktion DIE GRÜNEN für die Wahl der vom Deutschen Bundestag gemäß § 32 Abs. 1 des Poststrukturgesetzes vorzuschlagenden Mitglieder des Infrastrukturrats beim Bundesminister für Post und Telekommunikation (Drucksache 11/5409) 12707 A Tagesordnungspunkt 16: a) Zweite und dritte Beratung des von der Fraktion der SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zum Verbot von Selbstbedienung beim Verkauf von Arzneimitteln (Drucksachen 11/1127, 11/3048) b) Erste Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Vierten Gesetzes zur Änderung des Arzneimittelgesetzes (Drucksache 11/5373) Frau Dr. Lehr, Bundesminister BMJFFG 12707 D Jaunich SPD 12708 C Frau Würfel FDP 12710 B Frau Wilms-Kegel GRÜNE 12711 A Dr. Voigt (Northeim) CDU/CSU 12711 D Tagesordnungspunkt 17: Beratung des Antrags des Abgeordneten Reddemann und weiterer Abgeordneter: Unterrichtung des Deutschen Bundestages über den Stand der Unterzeichnung und Ratifizierung europäischer Abkommen und Konventionen durch die Bundesrepublik Deutschland (Drucksache 11/5180) Dr. Soell SPD 12713 B Böhm (Melsungen) CDU/CSU 12714 C Frau Beer GRÜNE 12715 C Irmer FDP 12716 B Frau Dr. Adam-Schwaetzer, Staatsminister AA 12717 A Zusatztagesordnungspunkt 8: Erste Beratung des von den Fraktionen der CDU/CSU und FDP eingebrachten Entwurfs eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Dritten Verstromungsgesetzes (Drucksache 11/5392) Gerstein CDU/CSU 12718 A Jung (Düsseldorf) SPD 12719 D Dr.-Ing. Laermann FDP 12721 B Stratmann GRÜNE 12722 B Dr. Haussmann, Bundesminister BMWi . 12724 B Menzel SPD 12726 B Hinsken CDU/CSU 12727 D Zusatztagesordnungspunkt 9: Aktuelle Stunde betr. Beteiligung und Verantwortung der Bundesregierung an II Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 168. Sitzung. Bonn, Freitag, den 20. Oktober 1989 der Entsendung der plutoniumbestückten Jupitersonde Galileo in den Weltraum durch die NASA Frau Wollny GRÜNE 12729 B Dr. Rüttgers CDU/CSU 12730 A, 12738 A Fischer (Homburg) SPD 12730 D Dr.-Ing. Laermann FDP 12731 D Dr. Riesenhuber, Bundesminister BMFT 12732 D Vosen SPD 12734 C Seesing CDU/CSU 12735 B Dr. Daniels (Regensburg) GRÜNE 12735 D Timm FDP 12736 B Frau Ganseforth SPD 12737 B Seidenthal SPD 12739 A Jäger CDU/CSU 12740 A Tagesordnungspunkt 18: Beratung des Antrags der Fraktion der SPD: Reform des Jugendgerichtsverfahrens (Drucksache 11/4892) Frau Dr. Däubler-Gmelin SPD 12740 D Seesing CDU/CSU 12744 A Frau Nickels GRÜNE 12745 B Irmer FDP 12746 D Dr. Jahn, Parl. Staatssekretär BMJ 12748 B Tagesordnungspunkt 19: Beratung des Antrags des Abgeordneten Müntefering, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Soziale Fortentwicklung des Wohngeldes (Drucksache 11/5267) Menzel SPD 12749 D Frau Rönsch (Wiesbaden) CDU/CSU 12751 C Frau Oesterle-Schwerin GRÜNE 12753 D Dr. Hitschler FDP 12754 C Echternach, Parl. Staatssekretär BMBau 12755 C Nächste Sitzung 12756 D Berichtigung 12756 D Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten 12757* A Anlage 2 Amtliche Mitteilungen 12757* D Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 168. Sitzung. Bonn, Freitag, den 20. Oktober 1989 12707 168. Sitzung Bonn, den 20. Oktober 1989 Beginn: 9.00 Uhr
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    Berichtigung 167. Sitzung, Seite 12600 B, Zeile 13: Statt „2020" ist „2000" zu lesen. Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten Anlagen zum Stenographischen Bericht Abgeordnete(r) Fraktion entschuldigt bis einschließlich Dr. Ahrens SPD 20. 10. 89 Amling SPD 20. 10. 89 Andres SPD 20. 10. 89 Austermann CDU/CSU 20. 10. 89 Bachmaier SPD 20. 10. 89 Frau Beck-Oberdorf GRÜNE 20. 10. 89 Büchner (Speyer) SPD 20. 10. 89 * Bühler (Bruchsal) CDU/CSU 20. 10. 89 * Carstensen (Nordstrand) CDU/CSU 20. 10. 89 Clemens CDU/CSU 20. 10. 89 Frau Dempwolf CDU/CSU 20. 10. 89 Duve SPD 20. 10. 89 Eich GRÜNE 20. 10. 89 * Frau Eid GRÜNE 20. 10. 89 Dr. Faltlhauser CDU/CSU 20. 10. 89 Dr. Feldmann FDP 20. 10. 89 Francke (Hamburg) CDU/CSU 20. 10. 89 Fuchtel CDU/CSU 20. 10. 89 Gattermann FDP 20. 10. 89 Dr. Geißler CDU/CSU 20. 10. 89 Frau Dr. Götte SPD 20. 10. 89 Dr. Götz CDU/CSU 20. 10. 89 Grünbeck FDP 20. 10. 89 Frau Dr. Hamm-Brücher FDP 20. 10. 89 Hauser (Esslingen) CDU/CSU 20. 10. 89 Dr. Häfele CDU/CSU 20. 10. 89 Häfner GRÜNE 20. 10. 89 Freiherr Heereman von CDU/CSU 20. 10. 89 Zuydtwyck Heimann SPD 20.10. 89 Heinrich FDP 20. 10. 89 Höffkes CDU/CSU 20. 10. 89 Huonker SPD 20. 10. 89 Irmer FDP 20. 10. 89 ** Kastning SPD 20. 10. 89 Kittelmann CDU/CSU 20. 10. 89 ** Klein (Dieburg) SPD 20. 10. 89 Kolb CDU/CSU 20. 10. 89 Kolbow SPD 20. 10. 89 Koltzsch SPD 20. 10. 89 Dr. Köhler (Wolfsburg) CDU/CSU 20. 10. 89 Kroll-Schlüter CDU/CSU 20. 10. 89 Leidinger SPD 20. 10. 89 Louven CDU/CSU 20. 10. 89 Frau Luuk SPD 20. 10. 89 Maaß CDU/CSU 20. 10. 89 Dr. Mechtersheimer GRÜNE 20. 10. 89 Dr. Mertens (Bottrop) SPD 20. 10. 89 Michels CDU/CSU 20. 10. 89 Mischnick FDP 20. 10. 89 Möllemann FDP 20. 10. 89 Oostergetelo SPD 20. 10. 89 Paterna SPD 20. 10. 89 Rappe (Hildesheim) SPD 20. 10. 89 Reuschenbach SPD 20. 10. 89 Abgeordnete(r) Fraktion entschuldigt bis einschließlich Rind FDP 20. 10. 89 Rixe SPD 20. 10.89 Sauer (Stuttgart) CDU/CSU 20. 10. 89 Schanz SPD 20. 10. 89 Schäfer (Mainz) FDP 20. 10. 89 Dr. Scheer SPD 20. 10. 89 ** Frau Schmidt (Nürnberg) SPD 20. 10. 89 Dr. Schmude SPD 20. 10. 89 Schreiner SPD 20. 10.89 Schröer (Mülheim) SPD 20. 10. 89 Schulze (Berlin) CDU/CSU 20. 10. 89 Schütz SPD 20. 10. 89 Frau Dr. Segall FDP 20. 10. 89 Stobbe SPD 20. 10. 89 Dr. Struck SPD 20. 10. 89 Stücklen CDU/CSU 20. 10. 89 Frau Trenz GRÜNE 20. 10. 89 Verheugen SPD 20. 10. 89 Voigt (Frankfurt) SPD 20. 10. 89 Dr. Waigel CDU/CSU 20. 10. 89 Dr. Warnke CDU/CSU 20. 10. 89 Dr. von Wartenberg CDU/CSU 20. 10. 89 Weiß (Kaiserslautern) CDU/CSU 20. 10. 89 Westphal SPD 20. 10. 89 Dr. Wieczorek SPD 20. 10. 89 Wimmer (Neuötting) SPD 20. 10. 89 Wissmann CDU/CSU 20. 10. 89 Zander SPD 20. 10. 89 Zierer CDU/CSU 20. 10. 89 * Dr. Zimmermann CDU/CSU 20. 10. 89 * für die Teilnahme an Sitzungen der Parlamentarischen Versammlung des Europarates ** für die Teilnahme an Sitzungen der Westeuropäischen Union Anlage 2 Amtliche Mitteilungen Der Vorsitzende des Ausschusses für Verkehr hat mitgeteilt, daß der Ausschuß gemäß § 80 Abs. 3 Satz 2 der Geschäftsordnung von einer Berichterstattung zu den nachstehenden Vorlagen absieht: Drucksache 11/3755 Drucksache 11/3756 Drucksache 11/4022 Die Vorsitzenden folgender Ausschüsse haben mitgeteilt, daß der Ausschuß die nachstehenden EG-Vorlagen zur Kenntnis genommen bzw. von einer Beratung abgesehen hat: Ausschuß für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit Drucksache 11/5051 Nr. 40 Ausschuß für Verkehr Drucksache 11/3882 Nr. 3.41 Ausschuß für Forschung und Technologie Drucksache 11/883 Nr. 119 Drucksache 11/4161 Nr. 2.26 Drucksache 11/4534 Nr. 2.21
  • insert_commentVorherige Rede als Kontext
    Rede von Heinrich Seesing


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (CDU/CSU)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (CDU)

    Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wie gesagt, der Bundesrat behandelt heute den Entwurf eines Ersten Gesetzes zur Änderung des Jugendgerichtsgesetzes. Ich hoffe, daß wir noch im November hier im Bundestag die erste Lesung durchführen und die Ausschußberatungen beginnen können.
    Da ich nicht weiß, wie sich der Bundesrat zu den einzelnen Vorschriften geäußert hat oder noch äußern wird, möchte ich zunächst einmal etwas mehr auf die grundsätzlichen Fragen der Jugendkriminalität und des Fehlverhaltens von Jugendlichen eingehen. Dies kommt ja nun, Frau Däubler-Gmelin, unter der Ziffer II in Ihrem Antrag ebenfalls vor. Das bedeutet eben auch, daß ich nicht zu allen anderen Forderungen des Antrages der SPD hier Stellung nehmen kann und will. Das wird aber bei den Beratungen des Rechtsausschusses sehr ausführlich geschehen.
    Immer, wenn wir uns mit dem Schicksal von Menschen auseinandersetzen und uns hiermit befassen müssen, stellt sich mir die Frage, ob ich bei der Beurteilung dieses Menschen oder dieser Menschen gerecht bin. Besonders problematisch wird es ja gerade dann, wenn es um junge Menschen geht. Ich möchte nun auf statistische Bewertungen verzichten, die da z. B. besagen, daß die Hälfte der männlichen Jugendlichen zu irgendeinem Zeitpunkt registriert straffällig geworden sei. Ich meine, daß sich die Strafverfolgung von jugendlichen Tätern auf die wirklich eklatanten Fälle zu beschränken hat.
    Damit dieser Kreis möglichst klein gehalten werden kann, hat die Gesellschaft dafür Sorge zu tragen, daß das Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen stimmt. Die Förderung der Familie ist also ein gesamtgesellschaftliches Gebot, das wenig mit Bevölkerungspolitik, aber mit viel Menschenrechten und Menschenwürde zu tun hat.

    (Beifall der Abg. Frau Nickels [GRÜNE])

    Das möglichst intakte Umfeld junger Menschen ist die Voraussetzung dafür, sich auf einen Lebensweg vorzubereiten, der der Familie, dem Umfeld, der Gesellschaft und schließlich auch dem Staat dient.
    Wie sich nun der junge Mensch zum richtigen Zeitpunkt aus seiner Familie lösen kann, ist auch ein Ergebnis der Erziehung, die jeder Mensch erfahren muß. Dieser Lösungsprozeß ist es ja, der einen jungen Menschen oft auch zum Widerstand gegen alles führt, was ihm Vorschriften oder Vorgaben machen will, eigentlich machen muß. Er scheint sich auch häufig gegen Vorbilder zu wehren. Aber dennoch greift er gerne danach. Vorbilder sind das, wonach sich sehr viele Menschen, gerade junge Menschen zu richten pflegen. Ich will ganz offen meine Meinung bekennen, daß es sehr stark von den Vorbildern abhängt, in welcher Richtung sich ein junger Mensch entwickeln wird.
    Ich folge dem SPD-Antrag, wenn dort gesagt wird, daß das Strafrecht viel zu spät eingreift, wenn man es denn überhaupt als Hilfe verstehen will.

    (Beifall der Abg. Frau Nickels [GRÜNE])

    Wichtiger ist das, was zunächst die Familie zu geben vermag. Das hat nicht nur etwas mit der finanziellen Ausstattung der Familien zu tun, aber ganz sicher auch damit. Deswegen ist es richtig, wenn die Politik hier eine besondere Aufgabe sieht.
    Wenn ich aber jetzt an die geistig-seelische Entwicklung der jungen Menschen denke, dann muß es eine ebenso wichtige Aufgabe sein, die Entwicklungsfähigkeit und Erziehungsleistung der Familie zu stärken.
    Natürlich darf auch die Rolle der Schule für die Entwicklung der jungen Menschen nicht unterbewertet werden. Es wird mir von vielen Jungen und Mädchen berichtet, die in den Schulen z. B. ihre erste Begegnung mit Drogenverteilern und Drogenhändlern hatten, die hier zum erstenmal auf organisierte Banden trafen. Ich weiß von manchem Betroffenen, daß er, von Abenteuerlust gepackt, glaubte, hier mitmachen zu müssen, und sich nur äußerst schwer aus diesen Kreisen befreien konnte.
    Ich plädiere auch auf Grund meiner eigenen schulpraktischen Erfahrung von allerdings nur 27 Jahren dafür, sich mehr Gedanken über überschaubare Bildungseinheiten zu machen. Zumindest die Grundschule sollte so nahe wie möglich beim Elternhaus liegen. Überschaubare Schulgrößen sind Mammutinstituten immer vorzuziehen.
    Ich weiß, daß wir die gegenwärtigen Einheiten nicht einfach auflösen können. Ich könnte mir aber denken, daß Lehrer, Schultheoretiker, Facharchitekten, die noch nicht verblendet sind, und Regierungsbeamte, die sich von staatlich verordneter Ideologie lösen können, dazu fähig sind, innerhalb großer Schuleinheiten zu neuen Gliederungen zu kommen. Damit müßte der Wille verbunden sein, den Kindern und Jugendlichen in den Schulen so etwas wie ein zusätzliches Zuhause zu bieten.

    (Beifall bei der CDU/CSU und den GRÜNEN)

    Wenn wir das wollen, müssen wir uns allerdings fragen lassen, ob wir immer die richtige Einstellung zu den Lehrerinnen und Lehrern haben. Wenn sie diese äußerst schwere Phase im Leben der Menschen positiv beeinflussen und gestalten sollen, dann brauchen sie Rückhalt und Anerkennung. Dann ist es mit



    Seesing
    20-Stunden-Verträgen und abgesenkter Eingangsbesoldung eben nicht getan.

    (Scharrenbroich [CDU/CSU]: Die brauchen unsere Ermutigung!)

    In gleicher Weise müßte ich auch auf die Fragen der Jugendhilfe, der Freizeitgestaltung, der Berufsfindung und Berufsausbildung junger Menschen eingehen. Jede Deutsche Mark, die für diese Bereiche ausgegeben wird, verhütet ein finanziell vielfach höheres und dennoch notwendiges Engagement in Strafverfolgung, Strafvollzug, Bewährungshilfe, um nur einiges zu nennen.

    (Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)

    Frau Däubler, es ist nun nicht so, als ob die Länder unter dieser Finanzpolitik nur litten. Das Land Nordrhein-Westfalen hat bekanntgegeben, daß es 12 mehr Einkommensteuereinnahmen in diesem Jahr hat, als bisher angenommen.

    (Hört! Hört! bei der CDU/CSU — Frau Dr. Däubler-Gmelin [SPD]: Und viel mehr Belastungen von seiten des Bundes!)

    Vielleicht ist es ganz gut, diese Dinge in diesem Zusammenhang auch einmal vorzutragen.

    (Scharrenbroich [CDU/CSU]: Über diese Umverteilung wollen wir auch mal reden!)

    Trotz vieler Bemühungen gibt es dennoch junge Menschen — damit möchte ich auf das Thema zurückkommen — , die in schwerster Form mit den Gesetzen in Konflikt geraten. Für sie müssen wir nach Wegen suchen, wie sich Sühne und Vorbereitung auf ein neues Leben miteinander verbinden lassen. Ich bin der Auffassung, daß der Jugendrichter eine Fülle von Maßnahmen ergreifen können muß. Da sich mit ganz wenigen Ausnahmen jeder Mensch vom anderen unterscheidet, wird auch jeder straffällig gewordene junge Mensch unterschiedlich auf Maßnahmen der Rechtspflege reagieren. Insofern kommt eine ganz hohe Verantwortung auf Richter und Vollzugsbedienstete zu. Deswegen möchte ich nicht von vornherein sagen, daß bestimmte Maßnahmen ausgeschlossen werden sollten. Auch ich persönlich bin grundsätzlich dagegen, 14- oder 15jährigen Jungen oder auch Mädchen, die straf- oder auffällig geworden sind, in Untersuchungshaft zu halten. Dennoch habe ich die Erfahrung gemacht, daß in Einzelfällen die begrenzte Untersuchungshaft schon ein Stück der Therapie sein kann. Ich sage das hier ganz deutlich.

    (Frau Nickels [GRÜNE]: Das ist aber ganz falsch, Herr Seesing!)

    — Es gibt wirklich noch vieles zu bedenken. Ich meine, daß wir uns dafür im Rechtsausschuß Zeit nehmen sollten. Ich glaube, es lohnt sich auch für die betroffenen jungen Menschen.

    (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)



Rede von Dr. Annemarie Renger
  • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (SPD)
  • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (SPD)
Das Wort hat Frau Abgeordnete Nickels.

  • insert_commentNächste Rede als Kontext
    Rede von Christa Nickels


    • Parteizugehörigkeit zum Zeitpunkt der Rede: (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
    • Letzte offizielle eingetragene Parteizugehörigkeit: (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

    Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Anwesende! Ich finde die Debatte interessant, vor allen Dingen weil in Ihrem Beitrag, Frau Däubler-Gmelin, und in dem von Herrn Seesing zwei
    ganz wichtige Bereiche beleuchtet worden sind, bei Ihnen mehr mit dem rechtlichen und bei ihm mit dem sozialen Schwerpunkt. Ich finde es sehr wichtig, daß das heute noch einmal so beleuchtet worden ist.
    Im Grunde genommen besteht bei denen, die sich damit befassen, Einigkeit in der Analyse. Ich habe mir noch einmal die Unterlagen angeguckt. Herr Minister Engelhard hat schon am 31. März letzten Jahres gesagt — ich zitiere — :
    Jugendkriminalität führt nicht notwendig zur Kriminalität im Erwachsenenalter. Sie ist vielmehr überwiegend Ausdruck jugendlichen Probierverhaltens in einer für Jugendliche schwierigen Umwelt. Gelassenheit, Hilfe und Vermittlung von Chancen sind deshalb die bessere Antwort auf jugendliches Fehlverhalten als Vergeltung, Sühne und Abschreckung.

    (Frau Schoppe [GRÜNE]: Das hat er schön gesagt!)

    Frau Däubler-Gmelin hat das ja mit empirischen Forschungen belegt. Also kann man sagen: Problem erkannt. Frage: Problem gebannt?
    Es ist wahr, wir haben jetzt einige Vorlagen. Die von der Regierung eingebrachte Novelle zum Jugendgerichtsgesetz liegt vor. Wir haben sie alle auch schon analysiert. Von den GRÜNEN gibt es aus dem letzten Jahr einen Gesetzentwurf zur U-Haft, in dem dazu auch etwas gesagt ist. Und jetzt kommt Ihr Antrag. Ich finde gut, daß so viele Vorlagen da sind, weil das Problem breit diskutiert und von allen Seiten beleuchtet werden muß.
    Ich möchte noch gern auf die Statistik eingehen. Herr Seesing, Sie haben zwar gesagt, das könne man lassen; ich finde es aber wichtig, es zu tun. Ich meine, daß diese Analyse im SPD-Antrag sehr gut geleistet worden ist.
    Ich will ein paar Punkte herausgreifen: Auf Seite 3 unten und auf Seite 4 oben sind die wichtigsten Feststellungen getroffen worden. Die SPD hat hier erstens noch einmal ganz klar offengelegt, daß nur 5 % der jungen Menschen, gegen die ein Verfahren eingeleitet wird, und die verurteilt werden, wegen Gewaltkriminalität auffällig geworden sind. Das ist ein wichtiger Punkt. Die allermeisten Fälle sind Bagatelldelikte, die der Herr Minister ja als Ausdruck jugendlichen Probierverhaltens qualifiziert hat.
    Der zweite Punkt, den die SPD in ihrem Antrag dankenswerterweise auch noch einmal zum Ausdruck bringt, ist, daß Dunkelfeldforschungen erwiesen haben, daß die allermeisten jungen Menschen in dieser Weise auffällig werden, aber daß diese Auffälligkeiten nicht verfolgt werden und auch ohne Intervention des Gesetzgebers verschwinden. Diese jungen Menschen werden also überhaupt nicht kriminell. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.
    Der dritte bedeutende Punkt ist, daß die Rückfallquote bei den jungen Leuten, die „behandelt" worden sind — ich sage das wirklich ironisch — , die Jugendarrest oder Jugendstrafe bekommen haben, extrem hoch ist. Bei 15- bis 20jährigen beträgt sie 92,6 %. Die empirischen Erfahrungen haben umgekehrt gezeigt, daß bei den jungen Menschen, bei denen überhaupt



    Frau Nickels
    nichts gemacht wird bzw. wo bei schwereren Delikten ambulante Maßnahmen durchgeführt wurden, die Rückfallquote erheblich geringer war. Die Erfolgsquote war viel höher.
    Der vierte Punkt, den Sie auch in Ihrem Antrag ansprechen, ist das Problem der Untersuchungshaft für junge Leute. Ich finde, Frau Dr. Gmelin, Sie haben recht: Es ist unerträglich, daß junge Menschen von 14 bis 17 Jahren, noch halbe Kinder, in U-Haft genommen werden können. Es ist furchtbar, wenn man in ein Gefängnis kommt und diese Milchgesichter sieht. U-Haft für junge Leute muß abgeschafft werden.

    (Beifall bei den GRÜNEN, der SPD sowie des Abg. Irmer [FDP])

    Sie haben zu Recht problematisiert, daß ein großer Teil der jungen Leute, die in U-Haft kommen, hinterher überhaupt nicht zu Haftstrafen verurteilt werden. Allein das spricht dieser Praxis Hohn. Hinzu kommt: Diese junge Menschen werden extrem belastet. Sie sind verzweifelt. Die Selbstmordrate ist überproportional hoch im Vergleich zum übrigen Strafvollzug. Das darf sich eine humanitäre Gesellschaft nicht leisten.
    Diese vier wichtigen Bereiche hat die SPD in ihrem Antrag sehr gut analysiert.
    Ich bin aber der Meinung, Frau Däubler-Gmelin, daß Sie, obwohl Sie etliche gute Lösungsvorschläge gemacht haben, in einigen Punkten an den Problemen ein Stück weit vorbeigehen, daß die Vorschläge im Kern teilweise halbherzig sind. Ich will das an den vier Punkten festmachen, die ich gerade vorgetragen habe.
    Wenn es wirklich so ist, daß die allerwenigsten Taten der Gewaltkriminalität zuzuordnen sind, dann dürften für diese leichten Probierverhaltensdelikte — ich nehme den Ausdruck des Ministers auf — auch keine ambulanten Maßnahmen vorgesehen werden.
    Die Verfahren müßten eingestellt werden. Die Bagatelldelikte müssen entkriminalisiert werden. Es ist die Frage, ob man sie nicht in das Ordnungswidrigkeitenrecht übernehmen sollte. Das ist ganz wichtig.

    (Beifall bei Abgeordneten der GRÜNEN)

    Das heißt, die Verfahren müßten eingestellt werden, oder es müßte eine Verwarnung ausgesprochen werden.
    Der zweite Punkt — das haben Sie schon genannt — : Die Jugendstrafe muß zurückgedrängt werden. Ich stimme mit Ihnen völlig überein: Es darf keine Jugendstrafe unter dem Aspekt der „schädlichen Neigungen" geben. Das ist richtig. Das haben Sie dankenswerterweise klargestellt. Wir sind auch der Meinung, daß die Jugendstrafe für 14- bis 16jährige abgeschafft werden sollte. Bei schweren Delikten sollten die ambulanten Maßnahmen greifen.
    Wo die öffentliche Sicherheit wirklich bedroht ist, wo es gar nicht anders geht, sollten nach unserer Meinung diese jungen Leute nach §§ 71 und 72 des Jugendgerichtsgesetzes in Erziehungsheimen untergebracht werden.
    Der vierte Punkt betrifft die U-Haft. Wir sind der Meinung, für 14- bis 17jährige darf überhaupt keine U-Haft ausgesprochen werden. Wir sind auch der Meinung, daß die Voraussetzungen für U-Haft generell eingeschränkt werden müssen. Es gibt einen Entwurf betreffend U-Haft von der SPD, und es gibt auch einen Entwurf von uns. Im SPD-Entwurf sind die Voraussetzungen für U-Haft im Erwachsenenbereich teilweise ausgedehnt worden. Das ist ein bißchen widersprüchlich. Ich möchte es in diesem Zusammenhang anmerken.
    Der fünfte Punkt, der uns wichtig ist: Die Höchststrafen für die jungen Menschen sind zu senken. Ich beziehe mich auf das, was auf dem Jugendgerichtstag in Göttingen gesagt wurde und auf dem wir beide waren, Frau Däubler-Gmelin. Dort wurde gesagt:
    Es geht darum, die Grundsätze von Subsidarität, Verhältnismäßigkeit und Zweckmäßigkeit durchzusetzen.
    Das beinhaltet aber, daß auf jeden Fall die ambulanten Maßnahmen nicht zur Ausweitung des Sanktionenkatalogs führen dürfen, sondern eine Sperre gegen eine Ausweitung eingebaut werden muß. Diese Sperre fehlt sowohl im Entwurf der Regierung als auch in Ihrem Antrag. Die SPD müßte darauf achten, daß eine echte Sperre in das JGG eingebaut wird, damit nicht das, was gut gemeint ist, hinterher dazu dient, den Sanktionenkatalog auszudehnen.
    Ich denke, daß wir darüber sehr eingehend beraten und im Interesse der jungen Leute ein ordentliches und gutes Konzept erarbeiten sollten.
    Danke schön.

    (Beifall bei den GRÜNEN)